Hongloumeng/Chapter 20

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第二十回

王熙凤正言弹妒意

林黛玉俏语谑娇音

Mit gerechten Worten tadelt Hsi-fëng einen neidischen Sinn, durch Nachahmung verspottet Dai-yü liebliche Töne.

中文原文 (庚辰本) Deutsche Übersetzung (Schwarz)

話說寶玉在林黛玉房中說「耗子精」,寶釵撞來,諷刺寶玉元宵不知「綠蠟」之典,三人正在房中互相譏刺取笑。那寶玉正恐黛玉飯後貪眠,一時存了食,或夜間走了困,皆非保養身體之法;幸而寶釵走來,大家談笑,那林黛玉方不欲睡,自己才放了心。忽聽他房中嚷起來,大家側耳聽了一聽,林黛玉先笑道:「這是你媽媽和襲人叫嚷呢。那襲人也罷了,你媽媽再要認真排場他,可見老背晦了。」   寶玉忙要趕過來,寶釵忙一把拉住道:「你別和你媽媽吵才是,他老糊塗了,倒要讓他一步為是。」寶玉道:「我知道了。」說畢走來,只見李嬤嬤拄著拐棍,在當地罵襲人:「忘了本的小娼婦!我抬舉起你來,這會子我來了,你大模大樣的躺在炕上,見我來也不理一理。一心只想妝狐媚子哄寶玉,哄的寶玉不理我,聽你們的話。你不過是幾兩臭銀子買來的毛丫頭,這屋裡你就作耗,如何使得!好不好拉出去配一個小子,看你還妖精似的哄寶玉不哄!」襲人先只道李嬤嬤不過為他躺著生氣,少不得分辨說「病了,才出汗,蒙著頭,原沒看見你老人家」等語。後來只管聽他說「哄寶玉」、「妝狐媚」,又說「配小子」等,由不得又愧又委屈,禁不住哭起來。   寶玉雖聽了這些話,也不好怎樣,少不得替襲人分辨病了吃藥等話,又說:「你不信,只問別的丫頭們。」李嬤嬤聽了這話,益發氣起來了,說道:「你只護著那起狐狸,那裡認得我了,叫我問誰去?誰不幫著你呢,誰不是襲人拿下馬來的!我都知道那些事。我只和你在老太太,太太跟前去講了。把你奶了這麼大,到如今吃不著奶了,把我丟在一旁,逞著丫頭們要我的強。」一面說,一面也哭起來。彼時黛玉寶釵等也走過來勸說:「媽媽你老人家擔待他們一點子就完了。」李嬤嬤見他二人來了,便拉住訴委屈,將當日吃茶,茜雪出去,與昨日酥酪等事,嘮嘮叨叨說個不清。   可巧鳳姐正在上房算完輸贏賬,聽得後面一片聲嚷,便知是李嬤嬤老病發了,排揎寶玉的人。--正值他今兒輸了錢,遷怒於人。便連忙趕過來,拉了李嬤嬤,笑道:「好媽媽,別生氣。大節下老太太才喜歡了一日,你是個老人家,別人高聲,你還要管他們呢,難道你反不知道規矩,在這裡嚷起來,叫老太太生氣不成?你只說誰不好,我替你打他。我家裡燒的滾熱的野雞,快來跟我吃酒去。」一面說,一面拉著走,又叫:「豐兒,替你李奶奶拿著拐棍子,擦眼淚的手帕子。」那李嬤嬤腳不沾地跟了鳳姐走了,一面還說:「我也不要這老命了,越性今兒沒了規矩,鬧一場子,討個沒臉,強如受那娼婦蹄子的氣!」後面寶釵黛玉隨著,見鳳姐兒這般,都拍手笑道:「虧這一陣風來,把個老婆子撮了去了。」   寶玉點頭嘆道:「這又不知是那裡的帳,只揀軟的排揎。昨兒又不知是那個姑娘得罪了,上在他帳上。」一句未了,晴雯在旁笑道:「誰又不瘋了,得罪他作什麼。便得罪了他,就有本事承任,不犯帶累別人!」襲人一面哭,一面拉著寶玉道:「為我得罪了一個老奶奶,你這會子又為我得罪這些人,這還不夠我受的,還只是拉別人。」寶玉見他這般病勢,又添了這些煩惱,連忙忍氣吞聲,安慰他仍舊睡下出汗。又見他湯燒火熱,自己守著他,歪在旁邊,勸他只養著病,別想著些沒要緊的事生氣。襲人冷笑道:「要為這些事生氣,這屋裡一刻還站不得了。但只是天長日久,只管這樣,可叫人怎麼樣才好呢?時常我勸你,別為我們得罪人,你只顧一時為我們那樣,他們都記在心裡,遇著坎兒,說的好說不好聽,大家什麼意思。」一面說,一面禁不住流淚,又怕寶玉煩惱,只得又勉強忍著。   一時雜使的老婆子煎了二和藥來。寶玉見他才有汗意,不肯叫他起來,自己便端著就枕與他吃了,即命小丫頭子們鋪炕。襲人道:「你吃飯不吃飯,到底老太太,太太跟前坐一會子,和姑娘們頑一會子再回來。我就靜靜的躺一躺也好。」寶玉聽說,只得替他去了簪環,看他躺下,自往上房來。同賈母吃畢飯,賈母猶欲同那幾個老管家嬤嬤鬥牌解悶,寶玉記著襲人,便回至房中,見襲人朦朦睡去。自己要睡,天氣尚早。彼時晴雯、綺霰、秋紋、碧痕都尋熱鬧,找鴛鴦琥珀等耍戲去了,獨見麝月一個人在外間房裡燈下抹骨牌。寶玉笑問道:「你怎不同他們頑去?」麝月道:「沒有錢。」寶玉道:「床底下堆著那麼些,還不夠你輸的?」麝月道:「都頑去了,這屋裡交給誰呢?那一個又病了。滿屋裡上頭是燈,地下是火。那些老媽媽子們,老天拔地,伏侍一天,也該叫他們歇歇,小丫頭子們也是伏侍了一天,這會子還不叫他們頑頑去。所以讓他們都去罷,我在這裡看著。」   寶玉聽了這話,公然又是一個襲人。因笑道:「我在這裡坐著,你放心去罷。」麝月道:「你既在這裡,越發不用去了,咱們兩個說話頑笑豈不好?」寶玉笑道:「咱兩個作什麼呢?怪沒意思的,也罷了,早上你說頭癢,這會子沒什麼事,我替你篦頭罷。」麝月聽了便道:「就是這樣。」說著,將文具鏡匣搬來,卸去釵釧,打開頭髮,寶玉拿了篦子替他一一的梳篦。只篦了三五下,只見晴雯忙忙走進來取錢。一見了他兩個,便冷笑道:「哦,交杯盞還沒吃,倒上頭了!」寶玉笑道:「你來,我也替你篦一篦。」晴雯道:「我沒那麼大福。」說著,拿了錢,便摔帘子出去了。   寶玉在麝月身後,麝月對鏡,二人在鏡內相視。寶玉便向鏡內笑道:「滿屋裡就只是他磨牙。」麝月聽說,忙向鏡中擺手,寶玉會意。忽聽唿一聲帘子響,晴雯又跑進來問道:「我怎麼磨牙了?咱們倒得說說。」麝月笑道:「你去你的罷,又來問人了。」晴雯笑道:「你又護著。你們那瞞神弄鬼的,我都知道。等我撈回本兒來再說話。」說著,一徑出去了。這裡寶玉通了頭,命麝月悄悄的伏侍他睡下,不肯驚動襲人。一宿無話。   至次日清晨起來,襲人已是夜間發了汗,覺得輕省了些,只吃些米湯靜養。寶玉放了心,因飯後走到薛姨媽這邊來閑逛。彼時正月內,學房中放年學,閨閣中忌針,卻都是閑時。賈環也過來頑,正遇見寶釵、香菱、鶯兒三個趕圍棋作耍,賈環見了也要頑。寶釵素習看他亦如寶玉,並沒他意,今兒聽他要頑,讓他上來坐了一處。一磊十個錢,頭一回自己贏了,心中十分歡喜。後來接連輸了幾盤,便有些著急。趕著這盤正該自己擲骰子,若擲個七點便贏,若擲個六點,下該鶯兒擲三點就贏了。因拿起骰子來,狠命一擲,一個作定了五,那一個亂轉。鶯兒拍著手只叫「幺」,賈環便瞪著眼,「六——七——八」混叫。那骰子偏生轉出幺來。賈環急了,伸手便抓起骰子來,然後就拿錢,說是個六點。鶯兒便說:「分明是個幺!」寶釵見賈環急了,便瞅鶯兒說道:「越大越沒規矩,難道爺們還賴你?還不放下錢來呢!」鶯兒滿心委屈,見寶釵說,不敢則聲,只得放下錢來,口內嘟囔說:「一個作爺的,還賴我們這幾個錢,連我也不放在眼裡。前兒我和寶二爺頑,他輸了那些,也沒著急。下剩的錢,還是幾個小丫頭子們一搶,他一笑就罷了。」寶釵不等說完,連忙斷喝。賈環道:「我拿什麼比寶玉呢。你們怕他,都和他好,都欺負我不是太太養的。」說著,便哭了。寶釵忙勸他:「好兄弟,快別說這話,人家笑話你。」又罵鶯兒。   正值寶玉走來,見了這般形況,問是怎麼了。賈環不敢則聲。寶釵素知他家規矩,凡作兄弟的,都怕哥哥,卻不知那寶玉是不要人怕他的。他想著:「兄弟們一併都有父母教訓,何必我多事,反生疏了。況且我是正出,他是庶出,饒這樣還有人背後談論,還禁得轄治他了。」更有個呆意思存在心裡。—— 你道是何呆意?因他自幼姊妹叢中長大,親姊妹有元春、探春,伯叔的有迎春、惜春,親戚中又有史湘雲、林黛玉、薛寶釵等諸人。他便料定,原來天生人為萬物之靈,凡山川日月之精秀,只鐘於女兒,鬚眉男子不過是些渣滓濁沫而已。因有這個呆念在心,把一切男子都看成混沌濁物,可有可無。只是父親叔伯兄弟中。因孔子是亘古第一人說下的,不可忤慢,只得要聽他這句話。所以,弟兄之間不過盡其大概的情理就罷了,並不想自己是丈夫,須要為子弟之表率。是以賈環等都不怕他,卻怕賈母,才讓他三分。如今寶釵恐怕寶玉教訓他,倒沒意思,便連忙替賈環掩飾。寶玉道:「大正月里哭什麼?這裡不好,你別處頑去。你天天念書,倒念糊塗了。比如這件東西不好,橫豎那一件好,就棄了這件取那個。難道你守著這個東西哭一會子就好了不成?你原是來取樂頑的,既不能取樂,就往別處去尋樂頑去。哭一會子,難道算取樂頑了不成?倒招自己煩惱,不如快去為是。」賈環聽了,只得回來。   趙姨娘見他這般,因問:「又是那裡墊了踹窩來了?」一問不答,再問時,賈環便說:「同寶姐姐頑的,鶯兒欺負我,賴我的錢,寶玉哥哥攆我來了。」趙姨娘啐道:「誰叫你上高臺盤去了?下流沒臉的東西!那裡頑不得?誰叫你跑了去討沒意思!」   正說著,可巧鳳姐在窗外過,都聽在耳內,便隔窗說道:「大正月又怎麼了?環兄弟小孩子家,一半點兒錯了,你只教導他,說這些淡話作什麼!憑他怎麼去,還有太太老爺管他呢,就大口啐他!他現是主子,不好了,橫豎有教導他的人,與你什麼相干!環兄弟,出來,跟我頑去。」賈環素日怕鳳姐比怕王夫人更甚,聽見叫他,忙唯唯的出來。趙姨娘也不敢則聲。鳳姐向賈環道:「你也是個沒氣性的!時常說給你:要吃,要喝,要頑,要笑,只愛同那一個姐姐妹妹哥哥嫂子頑,就同那個頑。你不聽我的話,反叫這些人教的歪心邪意,狐媚子霸道的。自己不尊重,要往下流走,安著壞心,還只管怨人家偏心。輸了幾個錢?就這麼個樣兒!」賈環見問,只得諾諾的回說:「輸了一二百。」鳳姐道:「虧你還是爺,輸了一二百錢就這樣!」回頭叫豐兒:「去取一弔錢來,姑娘們都在後頭頑呢,把他送了頑去。你明兒再這麼下流狐媚子,我先打了你,打發人告訴學里,皮不揭了你的!為你這個不尊重,恨的你哥哥牙根癢癢,不是我攔著,窩心腳把你的腸子窩出來了。」喝命:「去罷!」賈環諾諾的跟了豐兒,得了錢,自己和迎春等頑去。不在話下。   且說寶玉正和寶釵頑笑,忽見人說:「史大姑娘來了。」寶玉聽了,抬身就走。寶釵笑道:「等著,咱們兩個一齊走,瞧瞧他去。」說著,下了炕,同寶玉一齊來至賈母這邊。只見史湘雲大笑大說的,見他兩個來,忙問好廝見。正值林黛玉在旁,因問寶玉:「在那裡的?」寶玉便說:「在寶姐姐家的。」 黛玉冷笑道:「我說呢,虧在那裡絆住,不然早就飛了來了。」寶玉笑道:「只許同你頑,替你解悶兒。不過偶然去他那裡一趟,就說這話。」林黛玉道:「好沒意思的話!去不去管我什麼事,我又沒叫你替我解悶兒。可許你從此不理我呢!」說著,便賭氣回房去了。   寶玉忙跟了來,問道:「好好的又生氣了?就是我說錯了,你到底也還坐在那裡,和別人說笑一會子。又來自己納悶。」林黛玉道:「你管我呢!」寶玉笑道: 「我自然不敢管你,只沒有個看著你自己作踐了身子呢。」林黛玉道:「我作踐壞了身子,我死,與你何干!」寶玉道:「何苦來,大正月里,死了活了的。」林黛玉道:「偏說死!我這會子就死!你怕死,你長命百歲的,如何?」寶玉笑道:「要象只管這樣鬧,我還怕死呢?倒不如死了乾凈。」黛玉忙道:「正是了,要是這樣鬧,不如死了乾凈。」寶玉道:「我說我自己死了乾凈,別聽錯了話賴人。」正說著,寶釵走來道:「史大妹妹等你呢。」說著,便推寶玉走了。這裡黛玉越發氣悶,只向窗前流淚。沒兩盞茶的工夫,寶玉仍來了。林黛玉見了,越發抽抽噎噎的哭個不住。寶玉見了這樣,知難輓回,打疊起千百樣的款語溫言來勸慰。不料自己未張口,只見黛玉先說道:「你又來作什麼?橫豎如今有人和你頑,比我又會念,又會作,又會寫,又會說笑,又怕你生氣拉了你去,你又作什麼來?死活憑我去罷了!」寶玉聽了忙上來悄悄的說道:「你這麼個明白人,難道連『親不間疏,先不僭後』也不知道?我雖糊塗,卻明白這兩句話。頭一件,咱們是姑舅姊妹,寶姐姐是兩姨姊妹,論親戚,他比你疏。第二件,你先來,咱們兩個一桌吃,一床睡,長的這麼大了,他是才來的,豈有個為他疏你的?」林黛玉啐道:「我難道為叫你疏他?我成了個什麼人了呢!我為的是我的心。」寶玉道:「我也為的是我的心。難道你就知你的心,不知我的心不成?」林黛玉聽了,低頭一語不發,半日說道:「你只怨人行動嗔怪了你,你再不知道你自己慪人難受。就拿今日天氣比,分明今兒冷的這樣,你怎麼倒反把個青肷披風脫了呢?」寶玉笑道:「何嘗不穿著,見你一惱,我一燥就脫了。」 黛玉嘆道:「回來傷了風,又該餓著吵吃的了。」   二人正說著,只見湘雲走來,笑道:「二哥哥,林姐姐,你們天天一處頑,我好容易來了,也不理我一理兒。」黛玉笑道:「偏是咬舌子愛說話,連個『二』哥哥也叫不出來,只是『愛』哥哥『愛』哥哥的。回來趕圍棋兒,又該你鬧『幺愛三四五』了。」寶玉笑道:「你學慣了他,明兒連你還咬起來呢。」史湘雲道:「他再不放人一點兒,專挑人的不好。你自己便比世人好,也不犯著見一個打趣一個。指出一個人來,你敢挑他,我就伏你。」黛玉忙問是誰。湘雲道:「你敢挑寶姐姐的短處,就算你是好的。我算不如你,他怎麼不及你呢。」黛玉聽了,冷笑道:「我當是誰,原來是他!我那裡敢挑他呢。」 寶玉不等說完,忙用話岔開。湘雲笑道:「這一輩子我自然比不上你。我只保佑著明兒得一個咬舌的林姐夫,時時刻刻你可聽『愛』『厄』去。阿彌陀佛,那才現在我眼裡!」說的眾人一笑,湘雲忙回身跑了。要知端詳,下回分解。

注释

sie hinaus. Hier aber kämmte Bau-yü Schë-yüäs Haar zu Ende und befahl dann, sie solle ihm leise beim Zubettgehen behilflich sein, weil er Hsi-jën nicht stören wollte. Über die Nacht ist weiter nichts zu sagen. Am nächsten Morgen fühlte sich Hsi-jën etwas leichter, nachdem sie in der Nacht geschwitzt hatte, und aß ein wenig nüchterne Reissuppe. Dann wollte sie weiter ruhen. So ging Bau-yü nach dem Essen unbesorgt zu Tante Hsüä hinüber. Nach dem Neujahrsfest waren in der Schule jetzt Ferien, und für die Mädchen ruhte die Nadelarbeit. So hatte jedermann frei, und auch Djia Huan war gekommen, um am Vergnügen teilzuhaben. Er hatte Bau-tschai, Hsiang-ling und Ying-örl zu dritt beim Würfelspiel gefunden und verlangte, mitspielen zu dürfen. Bau-tschai sah Djia Huan seit jeher mit denselben Augen an wie Bau-yü und hatte keinerlei Nebengedanken. Als sie hörte, er wolle mitspielen, bat sie ihn, Platz zu nehmen. Sie spielten um einen Einsatz von zehn Bronzemünzen, und als Djia Huan die erste Runde gewann, frohlockte er innerlich. Dann aber verlor er mehrere Male hintereinander und wurde unruhig. Jetzt war er mit Würfeln an der Reihe und brauchte sieben Augen, um zu gewinnen. Würde er nur sechs werfen, dann konnte ihn Ying-örl, die als nächste kam, mit drei Augen besiegen. Also nahm er die Würfel und schleuderte sie mit aller Kraft auf den Tisch. Der eine blieb liegen und zeigte eine Fünf, der andere aber drehte sich immer weiter. Ying-örl klatschte in die Hände und rief: „Eine Eins, eine Eins!“, Djia Huan jedoch starrte auf den Würfel und rief ohne Sinn und Verstand: „Sechs, sieben, acht...“ Doch als der Würfel liegenblieb, zeigte er ausgerechnet eine Eins. Da streckte Djia Huan rasch die Hand aus und nahm den Würfel fort. Dann sammelte er das Geld ein und sagte: „Es war eine Sechs!“ Ying-örl aber widersprach: „Es war ganz klar eine Eins!“ Bau-tschai hatte gesehen, wie Djia Huan sich erregte, darum warf sie Ying-örl einen Blick zu und sagte: „Je älter du wirst, desto mehr verlierst du den Anstand. Wird ein junger Herr dich betrügen? Sofort legst du das Geld wieder hin!“ Ying-örl war zwar zutiefst gekränkt, wagte Bau-tschai jedoch nicht zu widersprechen. Also legte sie das Geld wieder hin, murmelte aber dabei: „Das ist mir schon ein Herr, der uns um ein paar Münzen betrügt! Neulich habe ich mit dem jungen Herrn Bau-yü gespielt, und es hat ihn überhaupt nicht gekümmert, daß er verloren hat. Sogar als sich die kleineren Mädchen einfach die restlichen Münzen nahmen, hat er nur darüber gelacht und...“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, wurde sie von Bau-tschai scharf unterbrochen. Djia Huan aber sagte: „Worin könnte ich mich schon mit Bau-yü messen! Ihr stellt euch alle nur gut mit ihm, weil ihr Angst vor ihm habt. Mich aber beleidigt ihr, weil nicht die gnädige Frau mich geboren hat.“ Und schon begann er zu weinen. „Liebster Vetter“, redete Bau-tschai ihm zu, „hör auf damit, sonst wird man dich noch auslachen!“ Dann begann sie mit Ying-örl zu schimpfen. In diesem Augenblick kam Bau-yü ins Zimmer und erkundigte sich, was vorgefallen sei. Djia Huan wagte kein Wort zu sagen, Bau-tschai aber wußte, daß es in anderen Familien die Regel war, daß die jüngeren Brüder vor den älteren Angst hatten. Was sie jedoch nicht wußte, war, daß Bau-yü nicht wollte, daß jemand Angst vor ihm hatte. Er sagte sich: „Wir haben doch alle unsere Eltern, die uns erziehen, warum also soll ich mir die Mühe machen, mich jemandem zu entfremden? Noch dazu, wo ich der Sohn der Hauptfrau bin, er aber ist der Sohn einer Nebenfrau, und es gibt ohnehin schon Leute, die heimlich darüber reden. Was würden sie erst sagen, wenn ich versuchte, ihm Vorschriften zu machen!“ Er hatte sogar noch eine andere törichte Vorstellung, und wißt ihr auch, welche? Von klein auf inmitten von Schwestern und Kusinen aufgewachsen (da waren seine Schwestern Yüan-tschun und Tan-tschun, dann die nahen Kusinen Ying-tschun und Hsi-tschun sowie die entfernteren Schï Hsiang-yün, Lin Dai-yü und Hsüä Bau-tschai), meinte er, der Himmel habe den Menschen als Seele aller Dinge hervorgebracht, aber die Quintessenz von Bergen und Strömen, Sonne und Mond sei nur den Mädchen eingegeben, während die bärtigen Männer nichts weiter seien als Abschaum und Bodensatz. Mit dieser törichten Vorstellung im Herzen sah er alle Männer als dumme, schmutzige Wesen an, deren Existenz ihm gleichgültig war. Und nur weil Kung-dsï der größte Mensch aller Zeiten war, dessen Lehren man nicht zuwiderhandeln konnte, hörte er notgedrungen auf das, was Vater, Onkel und ältere Vettern ihm sagten. Den Jüngeren gegenüber ließ er es jedoch einfach bei dem bewenden, was die Vernunft gebot, und dachte gar nicht daran, daß er ihnen ein Vorbild sein müßte. Deshalb fürchteten ihn weder Djia Huan noch die anderen und gaben ihm nur deswegen ein wenig nach, weil sie Angst vor der Herzoginmutter hatten. Bau-tschai aber glaubte, Bau-yü werde Djia Huan Belehrungen erteilen, und das werde die Sache nicht besser machen, deshalb nahm sie ihn rasch mit einer Ausrede in Schutz. „Wie kann man denn im Neujahrsmonat heulen!“ sagte Bau-yü. „Wenn es dir hier nicht gefällt, dann geh woandershin spielen! Tag für Tag studierst du die Schriften, da hast du dich wohl dummstudiert? Wenn dir etwas nicht gefällt, etwas anderes aber gefällt dir, dann laß doch jenes und nimm dieses. Oder meinst du, wenn du es festhältst und heulst eine Weile, wird es besser? Du bist doch hergekommen, um dich zu vergnügen, und wenn du dich hier nicht vergnügen kannst, dann geh doch weg und such dir ein anderes Vergnügen. Oder hältst du es für ein Vergnügen, hier herumzuheulen? Du bereitest dir nur selber Ärger. Das beste ist wirklich, du verschwindest recht schnell von hier!“ Nach diesen Worten blieb Djia Huan keine andere Wahl, als in seine Wohnräume zurückzukehren. Als seine Mutter, Nebenfrau Dschau, sah, was er für ein Gesicht machte, fragte sie: „Wer hat denn nun wieder seine Wut an dir ausgelassen?“ Da sie keine Antwort bekam, wiederholte sie die Frage, und erst jetzt sagte Djia Huan: „Ich habe mit Kusine Bau-tschai gespielt, und ihre Ying-örl hat mich beleidigt und um mein Geld betrogen. Dann hat Bau-yü mich weggejagt.“ Nebenfrau Dschau spuckte aus und hielt ihm dann vor: „Mußtest du dich dort aufdrängen, du gemeiner, schamloser Bengel? Das ist kein Platz für dich zum Spielen. Wer hat dich geheißen, ausgerechnet dorthin zu laufen und dir Scherereien einzuhandeln?“

   1. Schë-yüä. Aus: Gai Qi 1879.

Gerade als sie das sagte, kam draußen Hsi-fëng am Fenster vorbei und hörte Wort für Wort. Und so sagte sie durchs Fenster: „Was soll denn das im Neujahrsmonat? Schwager Huan ist doch noch ein Kind, und wenn er eine Kleinigkeit falsch macht, muß er belehrt werden und nicht solche Sachen gesagt bekommen. Was er macht, darum kümmern sich die gnädige Frau und der gnädige Herr. Einfach vor ihm auszuspucken! Er gehört doch mit zu den Herrschaften, und wenn er einen Fehler macht, sind schließlich Leute da, um ihn zu belehren. Was geht dich das an! – Komm heraus, Schwager, und geh mit mir spielen!“ Djia Huan hatte seit jeher vor Hsi-fëng mehr Respekt als vor Dame Wang. Darum ging er jetzt folgsam zu ihr hinaus, und auch Nebenfrau Dschau wagte keinen Ton mehr zu sagen. „Hast du denn gar keinen Charakter?“ Mit diesen Worten wurde Djia Huan von Hsi-fëng empfangen. „Habe ich dir nicht oft genug gesagt, du sollst essen und trinken, sollst spielen und lachen, und du kannst mit allen Vettern und Kusinen zusammen spielen, wenn du nur willst? Aber anstatt auf mich zu hören, läßt du dir von andern beibringen, schlecht und boshaft zu sein, den einen zu schmeicheln und die andern zu bedrängen. Wer sich selbst nicht achtet, sinkt immer tiefer. Und wer Böses im Herzen trägt, sollte nicht andern vorwerfen, sie seien ungerecht. Wieviel hast du denn im Spiel verloren, daß du dich so aufführen mußt?“ „Ein- bis zweihundert Münzen habe ich verloren“, gab Djia Huan bereitwillig Auskunft. „Du willst ein Herr sein und machst so ein Gewese um ein paar hundert Münzen?“ fragte Hsi-fëng. Sie wandte sich um und befahl Fëng-örl: „Hol eine Schnur Münzen! Und dann bring ihn nach hinten, wo die jungen Fräulein spielen, damit er dort mitspielen kann!“ Anschließend fuhr sie, wieder zu Djia Huan gewandt, fort: „Wenn du weiter so gemein und würdelos bist, werde ich dich zuerst selber schlagen und dann jemand in der Schule Bescheid sagen lassen, damit man dir dort die Haut vom Leibe schindet! Dein Vetter Liän knirscht über deinen Mangel an Selbstachtung schon vor Wut mit den Zähnen, und wenn ich ihn nicht daran hindern würde, hätte er dir schon längst einen Tritt versetzt, daß dir die Därme aus dem Bauch quellen. – Verschwinde!“ schrie sie ihn schließlich an, und Djia Huan ging gehorsam hinter Fëng-örl her, nahm das Geld in Empfang und ließ sich dann zu Ying-tschun bringen, um zu spielen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Während Bau-yü mit Bau-tschai spielte und scherzte, wurde plötzlich gemeldet: „Fräulein Schï ist da!“ Sofort stand Bau-yü auf, um zu gehen, Bau-tschai aber sagte lächelnd: „Warte doch, wir gehen gemeinsam! Ich möchte sie auch sehen.“ Damit stieg sie vom Ofenbett und ging mit Bau-yü zusammen zur Herzoginmutter hinüber, wo Schï Hsiang-yün eben mit lauter Stimme lachte und sprach. Als sie die beiden erblickte, fragte sie rasch nach ihrem Befinden, und sie begrüßten einander. Dai-yü, die ebenfalls dort war, fragte Bau-yü, wo er gewesen sei. „Ich war bei Kusine Bau-tschai“, erwiderte er. „Da kann ich nur sagen, welch ein Glück, daß ihre Gesellschaft dich so gefesselt hat“, sagte Dai-yü spöttisch. „Sonst hättest du ja schon längst hier sein können!“ „Darf ich denn nur mit dir spielen und nur dir die Zeit vertreiben?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Kaum daß ich einmal zufällig bei ihr war, mußt du so etwas sagen!“ „Was für einen Unsinn du redest!“ gab Dai-yü zurück. „Was kümmert das mich, ob du sie besuchst oder nicht? Ich habe dich ja schließlich nicht gebeten, mir die Zeit zu vertreiben. In Zukunft brauchst du dich um mich überhaupt nicht mehr zu kümmern!“ Und wütend ging sie in ihre Räume. Rasch ging Bau-yü ihr nach und sagte: „Nun regst du dich wieder auf! Auch wenn ich etwas Falsches gesagt habe, kannst du doch drüben sitzen bleiben und noch ein Weilchen mit den andern plaudern und scherzen, anstatt dich hier einsam zu grämen.“ „Du brauchst mir keine Vorschriften zu machen!“ sagte Dai-yü. „Das würde ich niemals wagen“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Ich kann doch aber nicht einfach zusehen, wie du dich zugrunde richtest.“ „Hat das etwas mit dir zu tun, wenn ich mich zugrunde richte und sterbe?“ fragte Dai-yü. „Warum quälst du dich nur und mußt im Neujahrsmonat vom Sterben sprechen?“ sagte Bau-yü ihr darauf. „Ich will aber gerade vom Sterben sprechen!“ beharrte Dai-yü. „Ich sterbe jetzt, und du kannst hundert Jahre alt werden, wenn du Angst hast zu sterben. Wie wäre das?“ „Meinst du, ich hätte noch Angst davor, wenn du immer nur mit mir zankst?“ fragte Bau-yü. „Da ist es besser zu sterben, und damit Schluß!“ „Eben!“ sagte Dai-yü. „Anstatt sich zanken zu müssen, ist es besser, ich sterbe, und damit Schluß!“ „Ich habe gesagt, ich sterbe, und damit Schluß“, protestierte Bau-yü. „Dreh mir doch nicht die Worte im Munde herum!“ In diesem Moment kam Bau-tschai herein und sagte: „Kusine Hsiang-yün wartet auf dich.“ Und sie stieß Bau-yü an, um ihn zum Mitkommen aufzufordern. Dai-yü aber drehte sich verzweifelt zum Fenster und ließ ihren Tränen freien Lauf. Es verging nicht einmal so viel Zeit, wie man sie braucht, um zwei Tassen Tee zu trinken, da war Bau-yü wieder da, Dai-yü aber schluchzte nur um so heftiger. Bau-yü wußte, daß es schwer sein würde, sie auf andere Gedanken zu bringen, und legte sich hundert zärtliche Worte zurecht, mit denen er sie trösten wollte. Aber unversehens begann Dai-yü selbst zu sprechen, noch ehe er den Mund aufgetan hatte. „Was willst du denn schon wieder hier?“ fragte sie. „Du hast doch eine gefunden, mit der du spielen kannst und die besser liest, besser dichtet, besser schreibt und besser plaudert und lacht als ich. Sie hat dich ja sogar weggeholt, weil sie Angst hatte, du würdest dich aufregen. Was willst du also hier? Geh mir nur weg!“ Bau-yü aber trat näher an sie heran und redete leise auf sie ein: „Du bist doch klug genug, um einen Satz wie diesen zu verstehen: ‚Nahe Verwandte werden nicht durch entfernte getrennt, neue Freunde nehmen nicht die Plätze der alten ein.‘ Ich bin zwar dumm, aber ich verstehe ihn. Zum ersten bist du die Tochter der Schwester meines Vaters, Bau-tschai aber ist die Tochter der Schwester meiner Mutter, folglich bin ich mit ihr entfernter verwandt als mit dir. Zum zweiten warst du früher hier, und wir haben an einem Tisch gegessen und auf einem Bett geschlafen, als wir aufgewachsen sind, sie aber ist erst vor kurzem gekommen. Wie könnte ich dich also ihretwegen hintansetzen?“ Dai-yü spuckte aus und sagte dann: „Geht es mir etwa darum, daß du sie hintansetzen sollst? Für wen hältst du mich denn? Worum es mir geht, ist, wie es im Herzen aussieht!“ „Darum geht es mir ja auch!“ sagte Bau-yü. „Kennst du etwa nur dein eigenes Herz und meines nicht?“ Als Dai-yü das hörte, senkte sie schweigend den Kopf. Erst nach einer langen Pause sagte sie: „Du siehst nur, daß andere durch ihr Benehmen dich ärgern, aber daß auch du die andern ärgerst und betrübst, merkst du nicht. Wie konntest du nur heute bei dieser Kälte deinen Umhang aus Blaufuchsklaue ablegen!“ „Ich habe ihn ja umgehabt“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Aber als du dich aufgeregt hast, ist mir so heiß geworden, daß ich ihn ablegen mußte.“ „Und dann wunderst du dich, wenn du dich erkältet hast!“ seufzte Dai-yü. Bei diesen Worten kam Hsiang-yün herein und sagte lächelnd: „Vetter Bau-yü, Kusine Dai-yü, ihr zwei seid Tag für Tag beieinander, und wenn ich es einmal schaffe, herzukommen, kümmert ihr euch nicht um mich.“ „Also wirklich“, sagte Dai-yü lächelnd, „wer mit der Zunge anstößt, spricht besonders gern. Immer sagst du ai – ‚lieben‘ – statt örl – ‚zwei‘. Demnächst wirst du auch beim Würfelspiel zählen: Eins liebt drei, vier, fünf...“ „Mach sie nur tüchtig nach!“ sagte Bau-yü. „Dann wirst du bald genauso sprechen.“ „Sie kann aber auch kein bißchen nachsichtig sein“, beklagte sich Hsiang-yün. „Immer muß sie andern ihre Schwächen vorhalten! – Auch wenn du besser bist als alle andern, mußt du dich doch nicht über jeden, den du siehst, lustig machen. Aber ich will dir eine nennen, und wenn du es wagst, auch ihr etwas vorzuhalten, habe ich wirklich Respekt vor dir!“ „Und wer soll das sein?“ fragte Dai-yü sofort. „Kusine Bau-tschai“, erwiderte Hsiang-yün. „Wenn du es fertigbringst, auch ihr eine Schwäche vorzuhalten, bist du wirklich die beste. Mag auch ich nicht an sie heranreichen, aber worin käme sie dir nicht gleich?“ „Ich dachte, wunder wen du meinst, und da ist sie es“, sagte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Wie könnte ich es wagen, ihr etwas vorzuhalten, ich...“ Ohne Dai-yü ausreden zu lassen, brachte Bau-yü die beiden von ihrem Thema ab. Dann sagte Hsiang-yün lächelnd: „Ich werde natürlich nie an dich nicht heranreichen, solange ich lebe. Ich wünsche mir nur, daß du einen Mann bekommst, der auch mit der Zunge anstößt, damit du immerzu von ‚Liebe‘ hörst. Buddha Amitabha, das möchte ich erleben!“ Alle brachen in Gelächter aus, Hsiang-yün aber machte kehrt und lief hinaus. Wer wissen will, wie es weiterging – im nächsten Kapitel wird alles genau erklärt. 21. Die tugendhafte Hsi-jën weist Bau-yü mit zorniger Miene zurecht, die hübsche Ping-örl kommt Djia Liän mit sanften Worten zu Hilfe.

Hsiang-yün lief also hinaus und hatte Angst, Dai-yü würde ihr hinterherlaufen und sie einholen. Aber rasch sagte Bau-yü: „Paß nur auf, daß du nicht fällst, sie holt dich nicht ein!“ Und als Dai-yü an der Tür war, versperrte er ihr mit ausgebreiteten Armen den Weg und redete ihr lächelnd zu: „Verzeih ihr dies eine Mal!“ Dai-yü versuchte, seine Arme herunterzuziehen, und sagte: „Eher will ich sterben als ihr verzeihen!“ Als Hsiang-yün aber sah, daß Bau-yü die Tür versperrte, so daß Dai-yü nicht herauskonnte, blieb sie stehen und bat lächelnd: „Verzeih mir doch dies eine Mal, Kusinchen!“ Im selben Augenblick kam auch Bau-tschai dazu, blieb hinter Hsiang-yün stehen und sagte: „Hört doch Bau-yü zuliebe auf, euch zu zanken!“ „Nein!“ sagte Dai-yü. „Habt ihr euch denn alle verschworen, mich zu verspotten?“ „Niemand wagt es, dich zu verspotten“, versicherte ihr Bau-yü. „Hättest du dich nicht über sie lustig gemacht, hätte sie das nie gesagt.“ Noch ehe sie sich einigen konnten, wurden sie zum Essen gebeten und gingen in die vorderen Räume hinüber. Inzwischen war es längst Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Auch Dame Wang, Li Wan, Hsi-fëng, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun waren bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen plauderten alle noch ein Weilchen, dann ging jeder in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen. Hsiang-yün schlief mit in Dai-yüs Zimmer, und als Bau-yü die beiden dorthin begleitete, hatte die zweite Nachtwache bereits begonnen. Ehe er jedoch in sein eigenes Zimmer ging, mußte Hsi-jën ihn mehrmals dazu ermahnen. Als es am nächsten Morgen hell wurde und Bau-yü halb angezogen in Dai-yüs Zimmer hinüberging, waren dort weder Dsï-djüan noch Tsuee-lü zu sehen, seine beiden Kusinen aber lagen noch im Bett. Dai-yü lag, fest in eine aprikosenfarbene Seidendecke gehüllt, mit geschlossenen Augen ruhig da und schlief. Bei Hsiang-yün jedoch hing das Haar über den Kissenrand, die Bettdecke reichte ihr nur bis zur Brust, und unter der Decke ragte gekrümmt ein schneeweißer Arm hervor, an dem sie noch zwei goldene Reifen trug. „Selbst im Schlaf ist sie liederlich“, sagte Bau-yü mit einem Seufzer. „Wenn sie dann Zug bekommt, wird sie klagen, daß ihr die Schulter weh tut.“ Und damit deckte er sie sachte zu. Inzwischen war Dai-yü wach geworden und hatte den Eindruck, es sei jemand im Zimmer. „Das ist bestimmt Bau-yü!“ dachte sie, und als sie sich herumdrehte, sah sie, daß sie recht gehabt hatte. „Was willst du denn so früh hier?“ fragte sie. „Das nennst du früh?“ fragte er seinerseits. „Steh auf und sieh nach, wie spät es ist!“ „Dann geh hinaus, damit wir aufstehen können!“ verlangte Dai-yü. Also machte Bau-yü kehrt und ging in den Vorraum hinaus. Dai-yü aber stand auf und weckte Hsiang-yün. Dann zogen sich beide an. Jetzt trat Bau-yü wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch, und Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen, um beim Kämmen und Waschen aufzuwarten. Als sich Hsiang-yün das Gesicht gewaschen hatte und Tsuee-lü schon losgehen wollte, um das Waschwasser wegzuschütten, sagte Bau-yü: „Warte! Ich will mich der Einfachheit halber auch hier waschen, dann brauche ich deswegen nicht noch einmal hinüberzugehen!“ Damit trat er zu ihr heran, beugte sich über die Schüssel und begann sich mit zwei raschen Griffen zu waschen. Dsï-djüan wollte ihm parfümierte Seife reichen, aber Bau-yü sagte: „Es ist genug Seife im Wasser, mehr brauche ich nicht!“ Damit langte er noch zweimal in die Schüssel und forderte dann ein Handtuch. „Verfällst du wieder in deine alten Fehler?“ fragte Tsuee-lü. „Wann wirst du dich endlich ändern?“ Aber anstatt darauf einzugehen, ließ Bau-yü sich rasch Salz geben, putzte sich damit die Zähne und spülte sich dann den Mund. Als er fertig war, blickte er zu Hsiang-yün hinüber, und da er sah, daß sie ihre Frisur schon beendet hatte, trat er zu ihr heran und bat sie lächelnd: „Frisier mich auch, Kusinchen!“ „Das kann ich nicht“, erwiderte Hsiang-yün. „Aber du hast es doch früher gekonnt“, beharrte Bau-yü. „Jetzt habe ich es vergessen“, wehrte Hsiang-yün ab. „Ich will ja nicht ausgehen und brauche weder Kopfschmuck noch Stirnbinde“, sagte Bau-yü. „Nur ein paar Zöpfe, das ist alles!“ Und mit Kusinchen hin, Kusinchen her bettelte er so lange, bis Hsiang-yün endlich seinen Kopf festhielt und das Haar mit einem Staubkamm Strähne für Strähne durchkämmte. Da er zu Hause seinen Kopfschmuck nicht trug, faßte sie nicht alles Haar zu einem Büschel zusammen, sondern flocht das kürzere Haar auf allen Seiten zu kleinen Zöpfen, die sie auf dem Scheitel zusammenführte und mit dem langen Scheitelhaar zu einem großen Zopf verflocht, der mit einem roten Band zusammengehalten wurde. Vom Scheitel bis zum Ende wurde er mit vier Perlen verziert, und das Ende schmückte ein goldener Anhänger. Während Hsiang-yün den Zopf flocht, sagte sie: „Von den Perlen sind ja nur noch drei Stück da, und die vierte gehört nicht dazu. Ich kann mich erinnern, daß alle vier gleich waren. Wieso fehlt denn jetzt eine?“ „Die habe ich verloren“, gab Bau-yü Auskunft. „Bestimmt hast du sie draußen verloren, und es hat sie jemand gefunden und eingesteckt“, sagte Hsiang-yün. „Der wird sich nicht schlecht darüber gefreut haben!“ „Wer weiß, ob er sie wirklich verloren hat“, sagte Dai-yü, die daneben stand und sich die Hände wusch, mit kühlem Lächeln. „Vielleicht hat er sie auch jemand geschenkt, der sich ein Schmuckstück daraus hat machen lassen!“ Bau-yü antwortete nicht darauf. Da auf dem Frisiertisch zu beiden Seiten Toilettenkästchen standen und Schönheitsmittel herumlagen, nahm er Verschiedenes davon zur Hand, um es anzusehen. Unversehens griff er dabei mit den Fingerspitzen ein wenig Schminke und wollte sie sich in den Mund stecken, aber er fürchtete, Hsiang-yün könnte etwas dazu sagen. Und wirklich hatte sie es schon bemerkt, während er noch zögerte. Jetzt hielt sie mit der einen Hand seinen Zopf fest, und mit der anderen schlug sie ihm patsch! die Schminke aus den Fingern. „Du bist wirklich unverbesserlich!“ sagte sie. „Wann willst du dich endlich ändern?“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, kam Hsi-jën herein, aber als sie sah, daß Bau-yü schon gewaschen und frisiert war, ging sie wieder hinüber, um dort selbst Toilette zu machen. Da kam plötzlich Bau-tschai herein und fragte: „Wo ist denn Vetter Bau-yü?“ „Wann ist er schon noch in seinem Zimmer!“ sagte Hsi-jën lächelnd, und Bau-tschai verstand, was sie damit meinte. „Bei allem guten Einvernehmen mit den Kusinen muß doch ein gewisses Maß an Etikette gewahrt bleiben, nicht daß er Tag und Nacht mit ihnen herumtollt“, fuhr Hsi-jën seufzend fort. „Aber was man ihm auch sagt, für ihn ist es nur Wind, der ihm um die Ohren säuselt.“ „Dieses Mädchen darf man nicht unterschätzen!“ sagte sich Bau-tschai. „Was sie da eben gesagt hat, zeugt von Verstand.“ Also setzte sie sich aufs Ofenbett und begann gemächlich mit Hsi-jën zu plaudern, wobei sie angelegentlich auch nach ihrem Alter und ihrem Zuhause fragte. Sie achtete genau darauf, was Hsi-jën antwortete, und fand Sprache und Gesinnung gleichermaßen bewunderungswürdig. Erst als Bau-yü wiederkam, ging Bau-tschai fort. „Warum ist denn meine Kusine weggelaufen, als sie mich kommen sah, obwohl ihr euch so lebhaft unterhalten habt?“ fragte er. Aber Hsi-jën antwortete nicht. Erst nachdem er die Frage wiederholt hatte, sagte sie: „Warum fragst du mich? Woher soll ich wissen, was ihr miteinander habt?“ Als Bau-yü diese Worte vernahm und sah, daß Hsi-jën ein anderes Gesicht machte als sonst, erkundigte er sich lächelnd: „Warum bist du so ärgerlich?“ „Dürfte ich mir erlauben, ärgerlich zu sein?“ fragte Hsi-jën spitz. „Aber du komm in Zukunft nicht mehr hierher! Du hast ja jemanden, der dir aufwartet, also verschone gefälligst mich mit deinen Aufträgen! Ich gehe zur alten gnädigen Frau zurück.“ Damit legte sie sich aufs Ofenbett und machte die Augen zu. Verstört trat Bau-yü näher und redete begütigend auf sie ein, aber sie hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Bau-yü wußte sich nicht zu helfen, doch da kam Schë-yüä herein, und er fragte sie: „Was hat sie nur?“ „Was weiß denn ich?“ erwiderte Schë-yüä. „Das solltest du besser dich selber fragen!“ Als Bau-yü das hörte, brütete er eine Weile stumm vor sich hin, dann richtete er sich auf und seufzte: „Dann kümmerst du dich eben nicht mehr um mich! Ich lege mich auch hin!“ Damit stand er auf und legte sich auf sein eigenes Bett. Als Hsi-jën merkte, daß außer einem leisen Schnarchen lange Zeit nichts von ihm zu hören war, glaubte sie nicht anders, als daß er eingeschlafen sei, darum stand sie auf und holte einen Umhang für ihn. Kaum daß sie ihn damit zugedeckt hatte, fiel der Umhang raschelnd zu Boden, Bau-yü aber, der sich auf die andere Seite gedreht hatte, hielt die Augen weiter geschlossen und stellte sich schlafend. Hsi-jën hatte ihn jedoch durchschaut und sagte kopfnickend mit einem kühlen Lächeln auf den Lippen: „Du brauchst dich gar nicht aufzuregen! In Zukunft spiele ich die Stumme und sage keinen Ton mehr zu dir. Wie würde dir das gefallen?“ Jetzt war es mit Bau-yüs Selbstbeherrschung zu Ende. Er setzte sich auf und fragte: „Was habe ich denn getan, daß du mir wieder Vorhaltungen machen mußt? Ja, wenn du mir wenigstens welche gemacht hättest! Gesagt hast du vorhin kein Wort. Schon als ich hereinkam, hast du mich einfach nicht beachtet und hast dich wütend schlafen gelegt, ohne daß ich weiß, was eigentlich los ist. Jetzt sagst du, ich rege mich auf, dabei habe ich wirklich nicht gehört, daß du mir etwas gesagt hättest!“ „In Wirklichkeit weißt du sehr gut, was ich meine“, warf Hsi-jën ihm vor. „Wozu muß ich es dir noch sagen?“ Der Streit wurde durch eine Botin der Herzoginmutter unterbrochen, die Bau-yü zum Essen rief. Also ging er in die vorderen Räume hinüber, wo er rasch eine halbe Schale Reis aß, dann kehrte er in seine eigenen Zimmer zurück. Hier fand er Hsi-jën schlafend auf dem Ofenbett im Vorzimmer, und Schë-yüä saß an ihrer Seite und spielte mit Dominosteinen. Da er wußte, wie gut sich Hsi-jën mit Schë-yüä verstand, ließ er jetzt auch sie unbeachtet, hob den weichen Türvorhang auf und ging in den Innenraum. Wohl oder übel mußte Schë-yüä ihm folgen, aber Bau-yü schob sie zurück und sagte: „Wie könnte ich es wagen, euch zu belästigen!“ Lächelnd ging Schë-yüä hinaus, befahl aber zwei kleineren Sklavenmädchen, zu Bau-yü hineinzugehen. Bau-yü nahm sich ein Buch und legte sich hin. Nachdem er eine Zeitlang gelesen hatte, verlangte es ihn nach Tee, und als er nun aufblickte, sah er die beiden Sklavenmädchen im Zimmer stehen. Die Ältere von ihnen sah sehr frisch und lieblich aus, und so sprach er sie an: „Wie heißt du?“ „Ich heiße Huee-hsiang“, antwortete das Mädchen. „Und wer hat dir diesen Namen gegeben?“ fragte Bau-yü weiter. „Eigentlich heiße ich Yün-hsiang“, sagte sie, „aber Schwester Hua hat es in Huee-hsiang geändert.“ „Huee-tji – ‚Unheil‘ – solltest du von Rechts wegen heißen, nicht Huee-hsiang – ‚Orchideenduft‘“, sagte Bau-yü. „Wieviel Schwestern wart ihr zu Hause?“ „Vier“, antwortete Huee-hsiang. „Und die wievielte bist du?“ fragte Bau-yü. „Ich bin die vierte“, antwortete sie.

„Dann sollst du in Zukunft Sï-örl – ‚Vierchen‘ – heißen“, entschied Bau-yü. „Was soll hier Orchideenduft! Wer kann sich schon mit dieser Blume messen? Wozu einen schönen Namen besudeln?“ Anschließend befahl er, sie solle ihm Tee eingießen. Hsi-jën und Schë-yüä, die draußen alles mit angehört hatten, mußten sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen. Den Rest des Tages verbrachte Bau-yü größtenteils in seinem Zimmer, ohne mit den Kusinen oder den Sklavenmädchen herumzutollen. Er blieb still und in sich gekehrt und vertrieb sich die Zeit nur mit seinen Büchern und mit Schreibpinsel und Tusche. Seine Aufträge erteilte er niemand anders als Sï-örl, die sich als außerordentlich flink und anstellig erwies und sich nach Kräf-

Hsi-Fëng tadelt mit gerechten Worten einen neidischen Sinn. Aus: Jin­yu­yuan 1889b. ten bei Bau-yü einzuschmeicheln suchte, als sie merkte, wie er sie bevorzugte. Nachdem er zum Abendessen zwei Becher Wein getrunken hatte, kam Bau-yü mit umflortem Blick und heißen Ohren in sein Zimmer zurück. Normalerweise hätte er jetzt mit Hsi-jën und den anderen zusammen gesessen, und es wäre lustig und vergnügt zugegangen. Heute jedoch war alles still und stumm. Bau-yü saß einsam im Lampenschein und langweilte sich. Schon wollte er zu ihnen hinübergehen, aber dann sagte er sich, wenn sie jetzt ihren Willen bekämen, würden sie ihm in Zukunft nur um so mehr Vorhaltungen machen. Sich aber als Herr aufzuspielen und sie damit unter Druck zu setzen und einzuschüchtern erschien ihm unnötig hart. Am besten war es, er bildete sich ein, sie seien alle tot und er müsse sich wohl oder übel damit abfinden! Einfach nicht mehr an sie denken wollte er und stillvergnügt mit sich allein sein! Also befahl er Sï-örl, den Lampendocht zu stutzen und Tee zu brühen. Dann las er einsam im Buch vom Südlichen Blütenland PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT . Dabei stieß er im Abschnitt „Kästen aufbrechen“ in den „Äußeren Kapiteln“ auf die Worte „Deshalb macht Schluß mit den Heiligen und verwerft die Weisen, dann werden die großen Räuber einhalten. Werft die Jadesachen fort und zerstört die Perlen, dann werden sich die kleinen Diebe nicht erheben. Verbrennt die Amtszeichen und zerbrecht die Siegel, dann wird das Volk schlicht und bieder sein. Macht die Maße unbrauchbar und zerschlagt die Waagen, dann wird das Volk nicht mehr streiten. Rottet auf der Welt die Vorschriften der Heiligen aus, dann erst wird man mit dem Volk reden können. Verwirrt die Tonleiter, werft die Mundorgeln und Harfen ins Feuer und verstopft den blinden Kuangs die Ohren, PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Gehör verlassen. Vernichtet die Ornamente, zerstreut die Farben und verklebt den Li Dschus die Augen, PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Sehvermögen verlassen. Zerstört Kurvenlineale und Richtschnüre, werft Zirkel und Winkellehren fort und brecht den Meistern Tschuee die Finger, PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT dann werden die Menschen der Welt ihre eigene Geschicklichkeit besitzen.“ Diese Worte waren so recht nach Bau-yüs Sinn, und in seiner Weinseligkeit konnte er sich nicht enthalten, zum Schreibpinsel zu greifen und in derselben Manier fortzufahren. „Verbrennt die Blumen und zerstreut den Moschus, dann erst wird einem in den inneren Gemächern niemand mehr Vorschriften machen“, PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT schrieb er. „Zerstört die Schönheit von Bau-tschai, vernichtet die Klugheit von Dai-yü und schafft die Zuneigung ab, dann werden Schöne und Häßliche in den inneren Gemächern einander gleich sein. Macht einem niemand Vorschriften, ist keine Gefahr, daß man sich nicht verträgt. Ist die Schönheit zerstört, gibt es keinen Gedanken an Liebe mehr, ist die Klugheit vernichtet, gibt es kein Gefühl für Talent mehr. Bau-tschai, Dai-yü, Hsi-jën und Schë-yüä legen überall ihre Netze aus und graben überall ihre Gruben, um alle in der Welt zu fesseln und zu verblenden.“ Als er zu Ende geschrieben hatte, warf er den Pinsel hin und legte sich schlafen. Er schlief ein, kaum daß sein Kopf das Kissen berührt hatte, und wußte nicht mehr, wo er sich befand. Erst als es schon hell war, wurde er wieder wach, und als er sich herumdrehte, erblickte er Hsi-jën, die angezogen auf seiner Bettdecke lag und schlief. Was sich am Vortag ereignet hatte, war für Bau-yü längst vergessen, darum stieß er Hsi-jën an und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, damit du dich nicht verkühlst!“ Als Hsi-jën erleben mußte, wie Bau-yü Tag und Nacht mit den Kusinen herumtollte, hatte sie sich gesagt, auf ihr bloßes Zureden hin werde er sich nicht ändern, und hatte ihm deshalb auf zartfühlende Weise eine Warnung geben wollen. Dann, so hatte sie gehofft, würde er sich binnen kurzem eines Besseren besinnen. Wider Erwarten waren aber der ganze Tag und die ganze Nacht vergangen, ohne daß Bau-yü eingelenkt hätte, und Hsi-jën wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. So hatte sie die ganze Nacht keinen rechten Schlaf finden können. Als sie jetzt sein verändertes Benehmen sah, schien ihr, er sei doch zum Einlenken bereit, und deshalb behandelte sie ihn weiterhin kühl. Als Bau-yü keine Antwort von ihr bekam, streckte er seine Hand nach ihr aus, um sie auszukleiden. Aber kaum hatte er den ersten Knopf geöffnet, schob Hsi-jën seine Hand weg und machte den Knopf wieder zu. Nun wußte Bau-yü sich nicht mehr zu helfen. Er faßte ihre Hand und fragte lächelnd: „Was ist denn los mit dir?“ Aber erst als er die Frage mehrmals wiederholt hatte, schlug Hsi-jën die Augen auf und sagte: „Nichts ist mit mir los! Wenn du ausgeschlafen hast, geh nur hinüber, um dich zu waschen und dich kämmen zu lassen. Wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu spät!“ „Wohin soll ich gehen?“ fragte Bau-yü. „Das fragst du mich?“ gab Hsi-jën kühl lächelnd zurück. „Was weiß denn ich! Geh, wohin du willst! Wir sind von jetzt an geschiedene Leute, damit Schluß ist mit dem ewigen Zank und Streit, der uns zum Gespött macht für jedermann. Und wenn es dir drüben zuwider ist, kommst du hierher zurück und läßt dir von irgendwelchen Vierchen und Fünfchen aufwarten. Wir andern sind ja nur dumme Dinger, die ihre schönen Namen besudeln.“ „Denkst du immer noch daran?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Noch in hundert Jahren werde ich daran denken!“ versicherte Hsi-jën. „Für dich ist freilich alles, was man dir sagt, nur Wind, der dir um die Ohren säuselt, und was am Abend gesagt wird, ist am Morgen vergessen.“ Als Bau-yü ihr zornig-schönes Gesicht sah, das kein Gefühl mehr zu verbergen vermochte, ergriff er einen Haarpfeil aus Jade, der neben dem Kissen lag und schleuderte ihn auf den Boden, so daß er in zwei Hälften zerbrach. „So soll es auch mir ergehen, wenn ich in Zukunft nicht auf dich hören werde!“ rief er. Rasch hob Hsi-jën die Bruchstücke auf und sagte: „Was soll das am frühen Morgen! Was macht es schon, ob du auf mich hörst oder nicht? Deshalb mußt du dich nicht so erregen!“ „Du weißt ja nicht, wie mich das bedrückt“, sagte Bau-yü. „Wenn du selbst dich so bedrückt fühlen kannst, weißt du ja wohl, wie mir zumute ist“, erwiderte Hsi-jën und lächelte wieder. „Aber jetzt steh auf und wasch dich!“ Damit erhoben sie sich endlich, um sich zu kämmen und zu waschen. Nachdem Bau-yü in die Haupträume hinübergegangen war, kam unerwartet Dai-yü herein. Als sie sah, daß Bau-yü nicht im Zimmer war, blätterte sie in den Büchern auf seinem Tisch und stieß dabei auf die Stelle im Buch „Dschuang-dsï“, zu der Bau-yü am Abend zuvor seine Fortsetzung geschrieben hatte. Empört und belustigt zugleich, konnte sie sich nicht versagen, ebenfalls zum Schreibpinsel zu greifen und die Zeilen darunterzusetzen: „Wer hat hier nur sinnlos herumgepfuscht, den Kommentar zum Dschuang-dsï verdorben? Statt sich der eignen Dummheit zu schämen, hat er sich bös über andre mokiert.“ Als sie das geschrieben hatte, ging sie in die Haupträume hinüber, wo sie der Herzoginmutter ihren Gruß entbot, und anschließend suchte sie Dame Wang auf. Hier aber herrschte große Aufregung, denn Hsi-fëngs Tochter Da-djiä war krank. Man hatte einen Arzt kommen lassen, der nach der Untersuchung erklärte: „Das Fieber kommt von nichts anderem als den Pocken.“ „Ist sie zu heilen?“ Auf diese Frage von Dame Wang und Hsi-fëng hatte der Arzt gesagt: „Die Krankheit ist zwar gefährlich, aber sie nimmt ihren normalen Verlauf, und somit besteht noch kein Grund zur Aufregung. Das Wichtigste ist, Maulbeerbocklarven und Schweineschwänze bereitzuhalten.“ PAGEREF schnurmuenzen \* MERGEFORMAT Nach diesen Auskünften war Hsi-fëng emsig tätig geworden. Sie ließ die Zimmer saubermachen und brachte der Pockengöttin ein Opfer dar. Dem Gesinde wurde verboten, zu braten und zu schmoren. Ping-örl mußte Bettzeug und Kleider für Djia Liän in einen gesonderten Raum schaffen. Die Sklavinnen bekamen leuchtend rote Seide, um sich daraus Kleider zu nähen. Und in den äußeren Gemächern wurde ein leerstehendes Zimmer aufgeräumt, um dort zwei Ärzte unterzubringen, die abwechselnd nach dem Kind sehen und ihm die Pulse fühlen und Medikamente verabreichen sollten, ehe sie nach Ablauf der zwölf Tage wieder nach Hause gehen durften. Djia Liän mußte sich also in das äußere Bibliothekszimmer umquartieren lassen, wo er enthaltsam leben sollte, während Hsi-fëng und Ping-örl Dame Wang bei den täglichen Opfern für die Pockengöttin zur Hand gingen. Aber kaum war Djia Liän von Hsi-fëng getrennt, mußte er etwas anstellen. Nachdem er zwei Nächte allein geschlafen hatte, fühlte er sich äußerst unbehaglich, und so suchte er sich erst einmal die hübschesten Sklavenjungen aus, um seine Lust an ihnen zu stillen. Nun gab es im Jung-guo-Anwesen einen Dummkopf und Taugenichts von Koch mit Namen Duo Guan, der dem Trunk ergeben war und wegen seiner Feigheit und Unfähigkeit von allen nur ‚der Trottel Duo‘ genannt wurde. Schon in seiner Kindheit hatten ihm seine Eltern eine Frau von außerhalb gesucht, die jetzt erst um die zwanzig war und durchaus nicht schlecht aussah, so daß ein jeder sie begehrte, wenn er sie nur zu Gesicht bekam. Von Natur aus flatterhaft, mochte sie nichts lieber, als hier zu naschen dort zu kosten. Der Trottel Duo aber machte ihr deswegen keine Vorhaltungen. Wenn er nur Wein, Fleisch und Geld hatte, sah er über alles andere hinweg, und so hatten alle Männer aus dem Jung-guo- und dem Ning-guo-Anwesen ein leichtes Spiel. Weil die Frau so außergewöhnlich schön und so unvergleichlich leichtfertig war, nannten sie alle ‚Nuttchen Duo‘. Auch Djia Liän, der in seinem einsamen Quartier jetzt bittere Qualen litt, kannte die Frau schon längst von Angesicht und war von ihren Reizen bezaubert, aber aus Furcht vor seiner schönen Gattin und weil er auswärts seine Liebhaber hatte, war noch nichts zwischen ihnen vorgefallen. Nuttchen Duo hatte ebenfalls ein Auge auf Djia Liän geworfen und hatte stets bedauert, daß sich ihr keine Gelegenheit bieten wollte. Als sie jetzt erfuhr, Djia Liän sei in sein äußeres Bibliothekszimmer umgezogen, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als ein paarmal dort vorbeizuspazieren, um sich ihm zur Schau zu stellen. Davon wurde Djia Liän so erregt wie eine hungrige Ratte und beriet sich sogleich mit seinen vetrautesten Sklavenjungen. Und warum hätten die ihm seine Bitte abschlagen sollen, da er sie reich zu belohnen versprach, wenn sie eine heimliche Verabredung für ihn trafen. Außerdem waren sie gut Freund mit der Frau, und so genügte ein Wort, um die Sache perfekt zu machen. In der zweiten Nachtwache, als alles schlafen gegangen war und der Trottel Duo sinnlos betrunken auf dem Ofenbett lag, kam Djia Liän zum Stelldichein geschlichen. Kaum war er zur Tür herein, waren seine Sinne vom Anblick der Frau derart benebelt, daß er sich ohne unnütze Worte und Liebesbeteuerungen seiner Kleider entledigte und zur Tat schritt. Die Frau aber hatte von Natur aus eine merkwürdige Besonderheit. Sobald sie mit einem Mann zusammen war, wurde ihr Körper so kraftlos und weich, daß der Mann glaubte, auf Watte zu liegen. Mit ihren Liebeskünsten und aufreizenden Worten aber übetraf sie jedes Freudenmädchen. Welcher Mann hätte da nicht bei ihr seine Seele aushauchen mögen? Und so wäre auch Djia Liän jetzt am liebsten vor Lust vergangen. Da sagte die Frau unter ihm, um ihn aufzuziehen: „Deine Tochter hat die Pocken, und der Göttin müssen Opfer gebracht werden. Auch du müßtest solange enthaltsam leben und sündigst statt dessen mit mir. Geh besser schnell wieder fort!“ Diese Bemerkung ließ Djia Liäns Brunst nur noch stärker auflodern, und keuchend erwiderte er: „Meine Göttin bist du! Jede andere Göttin ist mir egal!“ Und je länger sie ihn so neckte, desto schamloser wurde er. Als das Geschäft für diesmal beendet war, leisteten sie einander zahllose Liebesschwüre und konnten sich kaum voneinander trennen. Von nun an waren sie ein Herz und eine Seele. Dann aber hatte Da-djiä die Krise überstanden, und die Pusteln bildeten sich zurück. Als die zwölf Krankheitstage vorüber waren, wurde die Pockengöttin verabschiedet, und die ganze Familie brachte dem Himmel und den Ahnen ihre Opfer dar. Als das Gelübde erfüllt und der Weihrauch verbrannt war, die Glückwünsche ausgesprochen und die Dankesgaben verteilt waren, kehrte Djia Liän in sein eheliches Schlafgemach zurück, und beim Wiedersehen mit Hsi-fëng bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach die Freuden von Jungvermählten nichts sind im Vergleich zu denen von Eheleuten, die sich nach langer Trennung wiedersehen. Ihre grenzenlose Liebe und Hingabe muß hier nicht umständlich beschrieben werden. Nachdem Hsi-fëng sich am nächsten Morgen in die Haupträume hinüberbegeben hatte, ging Ping-örl das Bettzeug und die Kleider holen, die Djia Liän im Bibliothekszimmer benutzt hatte. Dabei schüttelte sie zu ihrer Überraschung eine Strähne Frauenhaar aus der Kissenhülle. Sie begriff, was das zu bedeuten hatte, und ließ die Haare rasch in ihrem Ärmel verschwinden.