Hongloumeng/de/Chapter 21

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Kapitel 21

贤袭人娇嗔箴宝玉

俏平儿软语救贾琏

Hsiang-yün lief also hinaus und hatte Angst, Dai-yü würde ihr hinterherlaufen und sie einholen. Aber rasch sagte Bau-yü: „Paß nur auf, daß du nicht fällst, sie holt dich nicht ein!“ Und als Dai-yü an der Tür war, versperrte er ihr mit ausgebreiteten Armen den Weg und redete ihr lächelnd zu: „Verzeih ihr dies eine Mal!“ Dai-yü versuchte, seine Arme herunterzuziehen, und sagte: „Eher will ich sterben als ihr verzeihen!“ Als Hsiang-yün aber sah, daß Bau-yü die Tür versperrte, so daß Dai-yü nicht herauskonnte, blieb sie stehen und bat lächelnd: „Verzeih mir doch dies eine Mal, Kusinchen!“ Im selben Augenblick kam auch Bau-tschai dazu, blieb hinter Hsiang-yün stehen und sagte: „Hört doch Bau-yü zuliebe auf, euch zu zanken!“ „Nein!“ sagte Dai-yü. „Habt ihr euch denn alle verschworen, mich zu verspotten?“ „Niemand wagt es, dich zu verspotten“, versicherte ihr Bau-yü. „Hättest du dich nicht über sie lustig gemacht, hätte sie das nie gesagt.“ Noch ehe sie sich einigen konnten, wurden sie zum Essen gebeten und gingen in die vorderen Räume hinüber. Inzwischen war es längst Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Auch Dame Wang, Li Wan, Hsi-fëng, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun waren bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen plauderten alle noch ein Weilchen, dann ging jeder in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen. Hsiang-yün schlief mit in Dai-yüs Zimmer, und als Bau-yü die beiden dorthin begleitete, hatte die zweite Nachtwache bereits begonnen. Ehe er jedoch in sein eigenes Zimmer ging, mußte Hsi-jën ihn mehrmals dazu ermahnen. Als es am nächsten Morgen hell wurde und Bau-yü halb angezogen in Dai-yüs Zimmer hinüberging, waren dort weder Dsï-djüan noch Tsuee-lü zu sehen, seine beiden Kusinen aber lagen noch im Bett. Dai-yü lag, fest in eine aprikosenfarbene Seidendecke gehüllt, mit geschlossenen Augen ruhig da und schlief. Bei Hsiang-yün jedoch hing das Haar über den Kissenrand, die Bettdecke reichte ihr nur bis zur Brust, und unter der Decke ragte gekrümmt ein schneeweißer Arm hervor, an dem sie noch zwei goldene Reifen trug. „Selbst im Schlaf ist sie liederlich“, sagte Bau-yü mit einem Seufzer. „Wenn sie dann Zug bekommt, wird sie klagen, daß ihr die Schulter weh tut.“ Und damit deckte er sie sachte zu. Inzwischen war Dai-yü wach geworden und hatte den Eindruck, es sei jemand im Zimmer. „Das ist bestimmt Bau-yü!“ dachte sie, und als sie sich herumdrehte, sah sie, daß sie recht gehabt hatte. „Was willst du denn so früh hier?“ fragte sie. „Das nennst du früh?“ fragte er seinerseits. „Steh auf und sieh nach, wie spät es ist!“ „Dann geh hinaus, damit wir aufstehen können!“ verlangte Dai-yü. Also machte Bau-yü kehrt und ging in den Vorraum hinaus. Dai-yü aber stand auf und weckte Hsiang-yün. Dann zogen sich beide an. Jetzt trat Bau-yü wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch, und Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen, um beim Kämmen und Waschen aufzuwarten. Als sich Hsiang-yün das Gesicht gewaschen hatte und Tsuee-lü schon losgehen wollte, um das Waschwasser wegzuschütten, sagte Bau-yü: „Warte! Ich will mich der Einfachheit halber auch hier waschen, dann brauche ich deswegen nicht noch einmal hinüberzugehen!“ Damit trat er zu ihr heran, beugte sich über die Schüssel und begann sich mit zwei raschen Griffen zu waschen. Dsï-djüan wollte ihm parfümierte Seife reichen, aber Bau-yü sagte: „Es ist genug Seife im Wasser, mehr brauche ich nicht!“ Damit langte er noch zweimal in die Schüssel und forderte dann ein Handtuch. „Verfällst du wieder in deine alten Fehler?“ fragte Tsuee-lü. „Wann wirst du dich endlich ändern?“ Aber anstatt darauf einzugehen, ließ Bau-yü sich rasch Salz geben, putzte sich damit die Zähne und spülte sich dann den Mund. Als er fertig war, blickte er zu Hsiang-yün hinüber, und da er sah, daß sie ihre Frisur schon beendet hatte, trat er zu ihr heran und bat sie lächelnd: „Frisier mich auch, Kusinchen!“ „Das kann ich nicht“, erwiderte Hsiang-yün. „Aber du hast es doch früher gekonnt“, beharrte Bau-yü. „Jetzt habe ich es vergessen“, wehrte Hsiang-yün ab. „Ich will ja nicht ausgehen und brauche weder Kopfschmuck noch Stirnbinde“, sagte Bau-yü. „Nur ein paar Zöpfe, das ist alles!“ Und mit Kusinchen hin, Kusinchen her bettelte er so lange, bis Hsiang-yün endlich seinen Kopf festhielt und das Haar mit einem Staubkamm Strähne für Strähne durchkämmte. Da er zu Hause seinen Kopfschmuck nicht trug, faßte sie nicht alles Haar zu einem Büschel zusammen, sondern flocht das kürzere Haar auf allen Seiten zu kleinen Zöpfen, die sie auf dem Scheitel zusammenführte und mit dem langen Scheitelhaar zu einem großen Zopf verflocht, der mit einem roten Band zusammengehalten wurde. Vom Scheitel bis zum Ende wurde er mit vier Perlen verziert, und das Ende schmückte ein goldener Anhänger. Während Hsiang-yün den Zopf flocht, sagte sie: „Von den Perlen sind ja nur noch drei Stück da, und die vierte gehört nicht dazu. Ich kann mich erinnern, daß alle vier gleich waren. Wieso fehlt denn jetzt eine?“ „Die habe ich verloren“, gab Bau-yü Auskunft. „Bestimmt hast du sie draußen verloren, und es hat sie jemand gefunden und eingesteckt“, sagte Hsiang-yün. „Der wird sich nicht schlecht darüber gefreut haben!“ „Wer weiß, ob er sie wirklich verloren hat“, sagte Dai-yü, die daneben stand und sich die Hände wusch, mit kühlem Lächeln. „Vielleicht hat er sie auch jemand geschenkt, der sich ein Schmuckstück daraus hat machen lassen!“ Bau-yü antwortete nicht darauf. Da auf dem Frisiertisch zu beiden Seiten Toilettenkästchen standen und Schönheitsmittel herumlagen, nahm er Verschiedenes davon zur Hand, um es anzusehen. Unversehens griff er dabei mit den Fingerspitzen ein wenig Schminke und wollte sie sich in den Mund stecken, aber er fürchtete, Hsiang-yün könnte etwas dazu sagen. Und wirklich hatte sie es schon bemerkt, während er noch zögerte. Jetzt hielt sie mit der einen Hand seinen Zopf fest, und mit der anderen schlug sie ihm patsch! die Schminke aus den Fingern. „Du bist wirklich unverbesserlich!“ sagte sie. „Wann willst du dich endlich ändern?“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, kam Hsi-jën herein, aber als sie sah, daß Bau-yü schon gewaschen und frisiert war, ging sie wieder hinüber, um dort selbst Toilette zu machen. Da kam plötzlich Bau-tschai herein und fragte: „Wo ist denn Vetter Bau-yü?“ „Wann ist er schon noch in seinem Zimmer!“ sagte Hsi-jën lächelnd, und Bau-tschai verstand, was sie damit meinte. „Bei allem guten Einvernehmen mit den Kusinen muß doch ein gewisses Maß an Etikette gewahrt bleiben, nicht daß er Tag und Nacht mit ihnen herumtollt“, fuhr Hsi-jën seufzend fort. „Aber was man ihm auch sagt, für ihn ist es nur Wind, der ihm um die Ohren säuselt.“ „Dieses Mädchen darf man nicht unterschätzen!“ sagte sich Bau-tschai. „Was sie da eben gesagt hat, zeugt von Verstand.“ Also setzte sie sich aufs Ofenbett und begann gemächlich mit Hsi-jën zu plaudern, wobei sie angelegentlich auch nach ihrem Alter und ihrem Zuhause fragte. Sie achtete genau darauf, was Hsi-jën antwortete, und fand Sprache und Gesinnung gleichermaßen bewunderungswürdig. Erst als Bau-yü wiederkam, ging Bau-tschai fort. „Warum ist denn meine Kusine weggelaufen, als sie mich kommen sah, obwohl ihr euch so lebhaft unterhalten habt?“ fragte er. Aber Hsi-jën antwortete nicht. Erst nachdem er die Frage wiederholt hatte, sagte sie: „Warum fragst du mich? Woher soll ich wissen, was ihr miteinander habt?“ Als Bau-yü diese Worte vernahm und sah, daß Hsi-jën ein anderes Gesicht machte als sonst, erkundigte er sich lächelnd: „Warum bist du so ärgerlich?“ „Dürfte ich mir erlauben, ärgerlich zu sein?“ fragte Hsi-jën spitz. „Aber du komm in Zukunft nicht mehr hierher! Du hast ja jemanden, der dir aufwartet, also verschone gefälligst mich mit deinen Aufträgen! Ich gehe zur alten gnädigen Frau zurück.“ Damit legte sie sich aufs Ofenbett und machte die Augen zu. Verstört trat Bau-yü näher und redete begütigend auf sie ein, aber sie hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Bau-yü wußte sich nicht zu helfen, doch da kam Schë-yüä herein, und er fragte sie: „Was hat sie nur?“ „Was weiß denn ich?“ erwiderte Schë-yüä. „Das solltest du besser dich selber fragen!“ Als Bau-yü das hörte, brütete er eine Weile stumm vor sich hin, dann richtete er sich auf und seufzte: „Dann kümmerst du dich eben nicht mehr um mich! Ich lege mich auch hin!“ Damit stand er auf und legte sich auf sein eigenes Bett. Als Hsi-jën merkte, daß außer einem leisen Schnarchen lange Zeit nichts von ihm zu hören war, glaubte sie nicht anders, als daß er eingeschlafen sei, darum stand sie auf und holte einen Umhang für ihn. Kaum daß sie ihn damit zugedeckt hatte, fiel der Umhang raschelnd zu Boden, Bau-yü aber, der sich auf die andere Seite gedreht hatte, hielt die Augen weiter geschlossen und stellte sich schlafend. Hsi-jën hatte ihn jedoch durchschaut und sagte kopfnickend mit einem kühlen Lächeln auf den Lippen: „Du brauchst dich gar nicht aufzuregen! In Zukunft spiele ich die Stumme und sage keinen Ton mehr zu dir. Wie würde dir das gefallen?“ Jetzt war es mit Bau-yüs Selbstbeherrschung zu Ende. Er setzte sich auf und fragte: „Was habe ich denn getan, daß du mir wieder Vorhaltungen machen mußt? Ja, wenn du mir wenigstens welche gemacht hättest! Gesagt hast du vorhin kein Wort. Schon als ich hereinkam, hast du mich einfach nicht beachtet und hast dich wütend schlafen gelegt, ohne daß ich weiß, was eigentlich los ist. Jetzt sagst du, ich rege mich auf, dabei habe ich wirklich nicht gehört, daß du mir etwas gesagt hättest!“ „In Wirklichkeit weißt du sehr gut, was ich meine“, warf Hsi-jën ihm vor. „Wozu muß ich es dir noch sagen?“ Der Streit wurde durch eine Botin der Herzoginmutter unterbrochen, die Bau-yü zum Essen rief. Also ging er in die vorderen Räume hinüber, wo er rasch eine halbe Schale Reis aß, dann kehrte er in seine eigenen Zimmer zurück. Hier fand er Hsi-jën schlafend auf dem Ofenbett im Vorzimmer, und Schë-yüä saß an ihrer Seite und spielte mit Dominosteinen. Da er wußte, wie gut sich Hsi-jën mit Schë-yüä verstand, ließ er jetzt auch sie unbeachtet, hob den weichen Türvorhang auf und ging in den Innenraum. Wohl oder übel mußte Schë-yüä ihm folgen, aber Bau-yü schob sie zurück und sagte: „Wie könnte ich es wagen, euch zu belästigen!“ Lächelnd ging Schë-yüä hinaus, befahl aber zwei kleineren Sklavenmädchen, zu Bau-yü hineinzugehen. Bau-yü nahm sich ein Buch und legte sich hin. Nachdem er eine Zeitlang gelesen hatte, verlangte es ihn nach Tee, und als er nun aufblickte, sah er die beiden Sklavenmädchen im Zimmer stehen. Die Ältere von ihnen sah sehr frisch und lieblich aus, und so sprach er sie an: „Wie heißt du?“ „Ich heiße Huee-hsiang“, antwortete das Mädchen. „Und wer hat dir diesen Namen gegeben?“ fragte Bau-yü weiter. „Eigentlich heiße ich Yün-hsiang“, sagte sie, „aber Schwester Hua hat es in Huee-hsiang geändert.“ „Huee-tji – ‚Unheil‘ – solltest du von Rechts wegen heißen, nicht Huee-hsiang – ‚Orchideenduft‘“, sagte Bau-yü. „Wieviel Schwestern wart ihr zu Hause?“ „Vier“, antwortete Huee-hsiang. „Und die wievielte bist du?“ fragte Bau-yü. „Ich bin die vierte“, antwortete sie.


„Dann sollst du in Zukunft Sï-örl – ‚Vierchen‘ – heißen“, entschied Bau-yü. „Was soll hier Orchideenduft! Wer kann sich schon mit dieser Blume messen? Wozu einen schönen Namen besudeln?“ Anschließend befahl er, sie solle ihm Tee eingießen. Hsi-jën und Schë-yüä, die draußen alles mit angehört hatten, mußten sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen. Den Rest des Tages verbrachte Bau-yü größtenteils in seinem Zimmer, ohne mit den Kusinen oder den Sklavenmädchen herumzutollen. Er blieb still und in sich gekehrt und vertrieb sich die Zeit nur mit seinen Büchern und mit Schreibpinsel und Tusche. Seine Aufträge erteilte er niemand anders als Sï-örl, die sich als außerordentlich flink und anstellig erwies und sich nach Kräf-

Hsi-Fëng tadelt mit gerechten Worten einen neidischen Sinn. Aus: Jin­yu­yuan 1889b. ten bei Bau-yü einzuschmeicheln suchte, als sie merkte, wie er sie bevorzugte. Nachdem er zum Abendessen zwei Becher Wein getrunken hatte, kam Bau-yü mit umflortem Blick und heißen Ohren in sein Zimmer zurück. Normalerweise hätte er jetzt mit Hsi-jën und den anderen zusammen gesessen, und es wäre lustig und vergnügt zugegangen. Heute jedoch war alles still und stumm. Bau-yü saß einsam im Lampenschein und langweilte sich. Schon wollte er zu ihnen hinübergehen, aber dann sagte er sich, wenn sie jetzt ihren Willen bekämen, würden sie ihm in Zukunft nur um so mehr Vorhaltungen machen. Sich aber als Herr aufzuspielen und sie damit unter Druck zu setzen und einzuschüchtern erschien ihm unnötig hart. Am besten war es, er bildete sich ein, sie seien alle tot und er müsse sich wohl oder übel damit abfinden! Einfach nicht mehr an sie denken wollte er und stillvergnügt mit sich allein sein! Also befahl er Sï-örl, den Lampendocht zu stutzen und Tee zu brühen. Dann las er einsam im Buch vom Südlichen Blütenland . Dabei stieß er im Abschnitt „Kästen aufbrechen“ in den „Äußeren Kapiteln“ auf die Worte „Deshalb macht Schluß mit den Heiligen und verwerft die Weisen, dann werden die großen Räuber einhalten. Werft die Jadesachen fort und zerstört die Perlen, dann werden sich die kleinen Diebe nicht erheben. Verbrennt die Amtszeichen und zerbrecht die Siegel, dann wird das Volk schlicht und bieder sein. Macht die Maße unbrauchbar und zerschlagt die Waagen, dann wird das Volk nicht mehr streiten. Rottet auf der Welt die Vorschriften der Heiligen aus, dann erst wird man mit dem Volk reden können. Verwirrt die Tonleiter, werft die Mundorgeln und Harfen ins Feuer und verstopft den blinden Kuangs die Ohren, dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Gehör verlassen. Vernichtet die Ornamente, zerstreut die Farben und verklebt den Li Dschus die Augen, dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Sehvermögen verlassen. Zerstört Kurvenlineale und Richtschnüre, werft Zirkel und Winkellehren fort und brecht den Meistern Tschuee die Finger, dann werden die Menschen der Welt ihre eigene Geschicklichkeit besitzen.“ Diese Worte waren so recht nach Bau-yüs Sinn, und in seiner Weinseligkeit konnte er sich nicht enthalten, zum Schreibpinsel zu greifen und in derselben Manier fortzufahren. „Verbrennt die Blumen und zerstreut den Moschus, dann erst wird einem in den inneren Gemächern niemand mehr Vorschriften machen“, schrieb er. „Zerstört die Schönheit von Bau-tschai, vernichtet die Klugheit von Dai-yü und schafft die Zuneigung ab, dann werden Schöne und Häßliche in den inneren Gemächern einander gleich sein. Macht einem niemand Vorschriften, ist keine Gefahr, daß man sich nicht verträgt. Ist die Schönheit zerstört, gibt es keinen Gedanken an Liebe mehr, ist die Klugheit vernichtet, gibt es kein Gefühl für Talent mehr. Bau-tschai, Dai-yü, Hsi-jën und Schë-yüä legen überall ihre Netze aus und graben überall ihre Gruben, um alle in der Welt zu fesseln und zu verblenden.“ Als er zu Ende geschrieben hatte, warf er den Pinsel hin und legte sich schlafen. Er schlief ein, kaum daß sein Kopf das Kissen berührt hatte, und wußte nicht mehr, wo er sich befand. Erst als es schon hell war, wurde er wieder wach, und als er sich herumdrehte, erblickte er Hsi-jën, die angezogen auf seiner Bettdecke lag und schlief. Was sich am Vortag ereignet hatte, war für Bau-yü längst vergessen, darum stieß er Hsi-jën an und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, damit du dich nicht verkühlst!“ Als Hsi-jën erleben mußte, wie Bau-yü Tag und Nacht mit den Kusinen herumtollte, hatte sie sich gesagt, auf ihr bloßes Zureden hin werde er sich nicht ändern, und hatte ihm deshalb auf zartfühlende Weise eine Warnung geben wollen. Dann, so hatte sie gehofft, würde er sich binnen kurzem eines Besseren besinnen. Wider Erwarten waren aber der ganze Tag und die ganze Nacht vergangen, ohne daß Bau-yü eingelenkt hätte, und Hsi-jën wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. So hatte sie die ganze Nacht keinen rechten Schlaf finden können. Als sie jetzt sein verändertes Benehmen sah, schien ihr, er sei doch zum Einlenken bereit, und deshalb behandelte sie ihn weiterhin kühl. Als Bau-yü keine Antwort von ihr bekam, streckte er seine Hand nach ihr aus, um sie auszukleiden. Aber kaum hatte er den ersten Knopf geöffnet, schob Hsi-jën seine Hand weg und machte den Knopf wieder zu. Nun wußte Bau-yü sich nicht mehr zu helfen. Er faßte ihre Hand und fragte lächelnd: „Was ist denn los mit dir?“ Aber erst als er die Frage mehrmals wiederholt hatte, schlug Hsi-jën die Augen auf und sagte: „Nichts ist mit mir los! Wenn du ausgeschlafen hast, geh nur hinüber, um dich zu waschen und dich kämmen zu lassen. Wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu spät!“ „Wohin soll ich gehen?“ fragte Bau-yü. „Das fragst du mich?“ gab Hsi-jën kühl lächelnd zurück. „Was weiß denn ich! Geh, wohin du willst! Wir sind von jetzt an geschiedene Leute, damit Schluß ist mit dem ewigen Zank und Streit, der uns zum Gespött macht für jedermann. Und wenn es dir drüben zuwider ist, kommst du hierher zurück und läßt dir von irgendwelchen Vierchen und Fünfchen aufwarten. Wir andern sind ja nur dumme Dinger, die ihre schönen Namen besudeln.“ „Denkst du immer noch daran?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Noch in hundert Jahren werde ich daran denken!“ versicherte Hsi-jën. „Für dich ist freilich alles, was man dir sagt, nur Wind, der dir um die Ohren säuselt, und was am Abend gesagt wird, ist am Morgen vergessen.“ Als Bau-yü ihr zornig-schönes Gesicht sah, das kein Gefühl mehr zu verbergen vermochte, ergriff er einen Haarpfeil aus Jade, der neben dem Kissen lag und schleuderte ihn auf den Boden, so daß er in zwei Hälften zerbrach. „So soll es auch mir ergehen, wenn ich in Zukunft nicht auf dich hören werde!“ rief er. Rasch hob Hsi-jën die Bruchstücke auf und sagte: „Was soll das am frühen Morgen! Was macht es schon, ob du auf mich hörst oder nicht? Deshalb mußt du dich nicht so erregen!“ „Du weißt ja nicht, wie mich das bedrückt“, sagte Bau-yü. „Wenn du selbst dich so bedrückt fühlen kannst, weißt du ja wohl, wie mir zumute ist“, erwiderte Hsi-jën und lächelte wieder. „Aber jetzt steh auf und wasch dich!“ Damit erhoben sie sich endlich, um sich zu kämmen und zu waschen. Nachdem Bau-yü in die Haupträume hinübergegangen war, kam unerwartet Dai-yü herein. Als sie sah, daß Bau-yü nicht im Zimmer war, blätterte sie in den Büchern auf seinem Tisch und stieß dabei auf die Stelle im Buch „Dschuang-dsï“, zu der Bau-yü am Abend zuvor seine Fortsetzung geschrieben hatte. Empört und belustigt zugleich, konnte sie sich nicht versagen, ebenfalls zum Schreibpinsel zu greifen und die Zeilen darunterzusetzen: „Wer hat hier nur sinnlos herumgepfuscht, den Kommentar zum Dschuang-dsï verdorben? Statt sich der eignen Dummheit zu schämen, hat er sich bös über andre mokiert.“ Als sie das geschrieben hatte, ging sie in die Haupträume hinüber, wo sie der Herzoginmutter ihren Gruß entbot, und anschließend suchte sie Dame Wang auf. Hier aber herrschte große Aufregung, denn Hsi-fëngs Tochter Da-djiä war krank. Man hatte einen Arzt kommen lassen, der nach der Untersuchung erklärte: „Das Fieber kommt von nichts anderem als den Pocken.“ „Ist sie zu heilen?“ Auf diese Frage von Dame Wang und Hsi-fëng hatte der Arzt gesagt: „Die Krankheit ist zwar gefährlich, aber sie nimmt ihren normalen Verlauf, und somit besteht noch kein Grund zur Aufregung. Das Wichtigste ist, Maulbeerbocklarven und Schweineschwänze bereitzuhalten.“ Nach diesen Auskünften war Hsi-fëng emsig tätig geworden. Sie ließ die Zimmer saubermachen und brachte der Pockengöttin ein Opfer dar. Dem Gesinde wurde verboten, zu braten und zu schmoren. Ping-örl mußte Bettzeug und Kleider für Djia Liän in einen gesonderten Raum schaffen. Die Sklavinnen bekamen leuchtend rote Seide, um sich daraus Kleider zu nähen. Und in den äußeren Gemächern wurde ein leerstehendes Zimmer aufgeräumt, um dort zwei Ärzte unterzubringen, die abwechselnd nach dem Kind sehen und ihm die Pulse fühlen und Medikamente verabreichen sollten, ehe sie nach Ablauf der zwölf Tage wieder nach Hause gehen durften. Djia Liän mußte sich also in das äußere Bibliothekszimmer umquartieren lassen, wo er enthaltsam leben sollte, während Hsi-fëng und Ping-örl Dame Wang bei den täglichen Opfern für die Pockengöttin zur Hand gingen. Aber kaum war Djia Liän von Hsi-fëng getrennt, mußte er etwas anstellen. Nachdem er zwei Nächte allein geschlafen hatte, fühlte er sich äußerst unbehaglich, und so suchte er sich erst einmal die hübschesten Sklavenjungen aus, um seine Lust an ihnen zu stillen. Nun gab es im Jung-guo-Anwesen einen Dummkopf und Taugenichts von Koch mit Namen Duo Guan, der dem Trunk ergeben war und wegen seiner Feigheit und Unfähigkeit von allen nur ‚der Trottel Duo‘ genannt wurde. Schon in seiner Kindheit hatten ihm seine Eltern eine Frau von außerhalb gesucht, die jetzt erst um die zwanzig war und durchaus nicht schlecht aussah, so daß ein jeder sie begehrte, wenn er sie nur zu Gesicht bekam. Von Natur aus flatterhaft, mochte sie nichts lieber, als hier zu naschen dort zu kosten. Der Trottel Duo aber machte ihr deswegen keine Vorhaltungen. Wenn er nur Wein, Fleisch und Geld hatte, sah er über alles andere hinweg, und so hatten alle Männer aus dem Jung-guo- und dem Ning-guo-Anwesen ein leichtes Spiel. Weil die Frau so außergewöhnlich schön und so unvergleichlich leichtfertig war, nannten sie alle ‚Nuttchen Duo‘. Auch Djia Liän, der in seinem einsamen Quartier jetzt bittere Qualen litt, kannte die Frau schon längst von Angesicht und war von ihren Reizen bezaubert, aber aus Furcht vor seiner schönen Gattin und weil er auswärts seine Liebhaber hatte, war noch nichts zwischen ihnen vorgefallen. Nuttchen Duo hatte ebenfalls ein Auge auf Djia Liän geworfen und hatte stets bedauert, daß sich ihr keine Gelegenheit bieten wollte. Als sie jetzt erfuhr, Djia Liän sei in sein äußeres Bibliothekszimmer umgezogen, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als ein paarmal dort vorbeizuspazieren, um sich ihm zur Schau zu stellen. Davon wurde Djia Liän so erregt wie eine hungrige Ratte und beriet sich sogleich mit seinen vetrautesten Sklavenjungen. Und warum hätten die ihm seine Bitte abschlagen sollen, da er sie reich zu belohnen versprach, wenn sie eine heimliche Verabredung für ihn trafen. Außerdem waren sie gut Freund mit der Frau, und so genügte ein Wort, um die Sache perfekt zu machen. In der zweiten Nachtwache, als alles schlafen gegangen war und der Trottel Duo sinnlos betrunken auf dem Ofenbett lag, kam Djia Liän zum Stelldichein geschlichen. Kaum war er zur Tür herein, waren seine Sinne vom Anblick der Frau derart benebelt, daß er sich ohne unnütze Worte und Liebesbeteuerungen seiner Kleider entledigte und zur Tat schritt. Die Frau aber hatte von Natur aus eine merkwürdige Besonderheit. Sobald sie mit einem Mann zusammen war, wurde ihr Körper so kraftlos und weich, daß der Mann glaubte, auf Watte zu liegen. Mit ihren Liebeskünsten und aufreizenden Worten aber übetraf sie jedes Freudenmädchen. Welcher Mann hätte da nicht bei ihr seine Seele aushauchen mögen? Und so wäre auch Djia Liän jetzt am liebsten vor Lust vergangen. Da sagte die Frau unter ihm, um ihn aufzuziehen: „Deine Tochter hat die Pocken, und der Göttin müssen Opfer gebracht werden. Auch du müßtest solange enthaltsam leben und sündigst statt dessen mit mir. Geh besser schnell wieder fort!“ Diese Bemerkung ließ Djia Liäns Brunst nur noch stärker auflodern, und keuchend erwiderte er: „Meine Göttin bist du! Jede andere Göttin ist mir egal!“ Und je länger sie ihn so neckte, desto schamloser wurde er. Als das Geschäft für diesmal beendet war, leisteten sie einander zahllose Liebesschwüre und konnten sich kaum voneinander trennen. Von nun an waren sie ein Herz und eine Seele. Dann aber hatte Da-djiä die Krise überstanden, und die Pusteln bildeten sich zurück. Als die zwölf Krankheitstage vorüber waren, wurde die Pockengöttin verabschiedet, und die ganze Familie brachte dem Himmel und den Ahnen ihre Opfer dar. Als das Gelübde erfüllt und der Weihrauch verbrannt war, die Glückwünsche ausgesprochen und die Dankesgaben verteilt waren, kehrte Djia Liän in sein eheliches Schlafgemach zurück, und beim Wiedersehen mit Hsi-fëng bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach die Freuden von Jungvermählten nichts sind im Vergleich zu denen von Eheleuten, die sich nach langer Trennung wiedersehen. Ihre grenzenlose Liebe und Hingabe muß hier nicht umständlich beschrieben werden. Nachdem Hsi-fëng sich am nächsten Morgen in die Haupträume hinüberbegeben hatte, ging Ping-örl das Bettzeug und die Kleider holen, die Djia Liän im Bibliothekszimmer benutzt hatte. Dabei schüttelte sie zu ihrer Überraschung eine Strähne Frauenhaar aus der Kissenhülle. Sie begriff, was das zu bedeuten hatte, und ließ die Haare rasch in ihrem Ärmel verschwinden.rabschiedet, und die ganze Familie brachte dem Himmel und den Ahnen ihre Opfer dar. Als das Gelübde erfüllt und der Weihrauch verbrannt war, die Glückwünsche ausgesprochen und die Dankesgaben verteilt waren, kehrte Djia Liän in sein eheliches Schlafgemach zurück, und beim Wiedersehen mit Hsi-fëng bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach die Freuden von Jungvermählten nichts sind im Vergleich zu denen von Eheleuten, die sich nach langer Trennung wiedersehen. Ihre grenzenlose Liebe und Hingabe muß hier nicht umständlich beschrieben werden. Nachdem Hsi-fëng sich am nächsten Morgen in die Haupträume hinüberbegeben hatte, ging Ping-örl das Bettzeug und die Kleider holen, die Djia Liän im Bibliothekszimmer benutzt hatte. Dabei schüttelte sie zu ihrer Überraschung eine Strähne Frauenhaar aus der Kissenhülle. Sie begriff, was das zu bedeuten hatte, und ließ die Haare rasch in ihrem Ärmel verschwinden. Als sie dann wieder bei Djia Liän im Zimmer war, holte sie die Haare hervor und fragte ihn lächelnd: „Was ist denn das?“ Djia Liän, der die Haarsträhne sah, kam er aufgeregt näher und wollte sie Ping-örl entreißen. Ping-örl versuchte noch wegzulaufen, aber im nächsten Augenblick hatte Djia Liän sie gepackt, drückte sie aufs Ofenbett und versuchte, ihr die Haarsträhne zu entwinden. „Kleines Spitzbein!“ schimpfte er dabei lachend, „wenn du sie nicht bald hergibst, breche ich dir den Arm!“ „Du bist gemein!“ sagte Ping-örl, ebenfalls lachend. „Ich habe dich brav hinter ihrem Rücken gefragt, du aber mußt gleich grob werden. Wenn du nicht damit aufhörst, sage ich es ihr, wenn sie zurückkommt. Dann kannst du sehen, wie du damit fertig wirst!“ „Du bist doch meine Gute, also komm, gib sie mir!“ bat jetzt Djia Liän mit aufgesetztem Lächeln. „Ich will auch nicht mehr grob zu dir sein!“ Er hatte kaum ausgesprochen, als von draußen Hsi-fëngs Stimme zu hören war, und sofort ließ er Ping-örl los.

Tjiu-wën und Huee-hsiang. Aus: Gai Qi 1879. Kaum war Ping-örl aufgestanden, da trat auch schon Hsi-fëng ins Zimmer und befahl ihr: „Mach rasch das Kästchen auf und such die Muster für die gnädige Frau heraus!“ „Jawohl!“ sagte Ping-örl und begann sofort zu suchen. Da erblickte Hsi-fëng auch Djia Liän, und es fiel ihr ein, sich bei Ping-örl zu erkundigen: „Hast du alles zurückgeholt, was du für ihn hinausgeschafft hattest?“ „Ja“, erwiderte Ping-örl. „Und fehlte auch nichts?“ fragte Hsi-fëng weiter. „Ich hatte ebenfalls die Befürchtung, daß einiges verloren gegangen sein könnte“, sagte Ping-örl, „darum habe ich alles genau überprüft, und es fehlte wirklich nichts.“ „Wenn nichts fehlt, ist es ja gut“, fuhr Hsi-fëng fort. „Hoffentlich ist auch nichts zuviel!“ „Es ist wahrhaftig ein großes Glück, daß nichts fehlt“, sagte Ping-örl lächelnd. „Wer sollte etwas dazugetan haben?“ „Es wird ja einen halben Monat lang kaum sauber bei ihm zugegangen sein“, mutmaßte Hsi-fëng mit kühlem Lächeln. „Da könnte doch jemand etwas verloren haben, einen Ring, eine Leibbinde oder ein Riechbeutelchen vielleicht. Auch Haare oder ein Fingernagel wären schon etwas.“ Bei diesen Worten wurde Djia Liän aschfahl im Gesicht und machte Ping-örl hinter Hsi-fëngs Rücken hervor verzweifelte Zeichen. Ping-örl aber tat so, als ob sie nichts davon sähe, und sprach lächelnd weiter. „Merkwürdig!“ sagte sie, „ich habe denselben Gedanken gehabt wie Ihr und habe alles sorgfältig nach solchen Dingen abgesucht. Es gab aber nicht das Geringste, das irgendwie faul gewesen wäre. Wenn Ihr mir nicht glaubt, könnt Ihr selber nachsehen. Ich habe die Sachen noch nicht weggeräumt.“ „Du Dummchen!“ sagte Hsi-fëng und lachte. „Wenn er wirklich so etwas hätte, würde er schon dafür sorgen, daß wir es nicht finden.“ Und damit nahm sie die Muster und ging wieder in die Haupträume hinüber. Ping-örl zeigte auf ihre Nase, wiegte den Kopf und fragte lächelnd: „Wie wirst du mir das nun danken?“ Djia Liän wußte sich kaum zu lassen vor Freude. Er lief zu Ping-örl und umarmte sie, nannte sie „Mein Herz! Meine Leber!“ und dankte ihr in einem fort. Da holte Ping-örl lachend die Haarsträhne hervor und sagte: „Das bleibt fürs ganze Leben mein Unterpfand. Solange du gut zu mir bist, ist alles in Ordnung, sonst aber kommt die Geschichte ans Tageslicht!“ „Dann steck das nur gut weg, damit sie nichts merkt!“ riet Djia Liän ihr lächelnd und machte sich im nächsten Augenblick ihre Unachtsamkeit zunutze, um ihr die Haarsträhne aus der Hand zu reißen. „Solange du das hast, könnte es mich ins Unglück stürzen“, erklärte er lächelnd. „Besser, ich verbrenne es, und der Fall ist erledigt!“ Und schon stopfte er die Haarsträhne in seine Brieftasche im Stiefelschaft. „Gemeiner Kerl!“ knirschte Ping-örl. „Kaum bist du über den Fluß, reißt du die Brücke ab. Meinst du, ich werde in Zukunft auch nur ein einziges Mal für dich lügen?“ Als Djia Liän sah, wie schön sie in ihrem Zorn war, zog er sie an sich und wollte sie lieben, sie aber riß sich los und lief hinaus. Djia Liän krümmte sich vor Enttäuschung zusammen und schimpfte: „Verfluchte kleine Hure! Erst macht sie einen heiß, und dann läuft sie weg!“ Ping-örl aber lachte draußen vorm Fenster und sagte: „Was ich mache, ist meine Sache, und wenn du heiß wirst, ist das deine Sache! Du denkst nur an dein Vergnügen, aber wenn sie etwas davon erfährt, ist es aus mit der Liebe!“ „Vor ihr brauchst du doch keine Angst zu haben“, behauptete Djia Liän. „Wenn mich die Wut packt, schlage ich diesen Essigkrug kurz und klein. Soll sie mich nur kennenlernen! Sie überwacht mich, als ob sie Angst vor Räubern hätte. Sie darf mit Männern sprechen, aber ich nicht mit Frauen. Wenn ich einer Frau auch nur nahe komme, wird sie schon mißtrauisch, wenn sie aber mit ihren Schwägern und deren Söhnen scherzt und lacht, egal ob sie klein oder groß sind, kümmert es sie nicht, daß ich eifersüchtig werden könnte. In Zukunft werde ich sie auch mit niemandem mehr zusammen lassen!“ „Deinetwegen eifersüchtig zu sein hat sie allen Grund“, sagte Ping-örl. „Aber du hast keinen Grund, ihretwegen eifersüchtig zu sein. Bei ihr ist jeder Schritt korrekt, aber du hast immer etwas Böses im Sinn. Selbst ich würde dir nicht trauen, da wird sie es gewiß erst recht nicht tun!“ „Ihr seid doch eine so schlimm wie die andere“, schimpfte Djia Liän. „Alles, was ihr tut, ist in Ordnung, aber ich soll bei allem, was ich tue, immer nur das Allerschlechteste im Sinn haben. Eines Tages bringe ich euch beide um!“ Noch ehe er ausgesprochen hatte, bog Hsi-fëng wieder in den Hof, und als sie Ping-örl vor dem Fenster erblickte, fragte sie: „Warum könnt ihr euch nicht im Zimmer unterhalten, wenn ihr euch etwas zu sagen habt? Muß extra einer hinausgehen, damit ihr euch durchs Fenster unterhalten könnt? Was soll das?“ „Das mußt du sie fragen!“ ließ sich Djia Liän von drinnen vernehmen. „Sie tut gerade so, als ob ein Tiger im Zimmer wäre, der sie fressen will.“ Ping-örl aber sagte: „Es ist niemand weiter im Zimmer, was soll ich da bei ihm?“ „Ist es nicht gerade schön, wenn niemand dabei ist?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Geht das auf mich?“ wollte Ping-örl wissen. „Ja, auf wen denn sonst?“ sagte Hsi-fëng, immer noch lächelnd. „Dazu sage ich besser nichts!“ stieß Ping-örl hervor, und anstatt den Türvorhang für Hsi-fëng zu öffnen, schleuderte sie ihn beiseite, stürzte ins Haus und verschwand nach der anderen Seite. Also hob Hsi-fëng selber den Vorhang auf und ging hinein. „Ping-örl muß verrückt geworden sein“, sagte sie, „aber wenn sie ernsthaft versuchen will, mich unterzukriegen, soll sie nur ihr Fell in acht nehmen!“ Djia Liän ließ sich aufs Ofenbett plumpsen, klatschte in die Hände und sagte lachend: „Ich habe gar nicht gewußt, daß Ping-örl so temperamentvoll sein kann. In Zukunft werde ich Respekt vor ihr haben.“ „Das kommt alles nur davon, daß du sie verdorben hast“, warf Hsi-fëng ihm vor. „An dich werde ich mich halten!“ „Ihr beide versteht euch nicht, und ich soll dafür geradestehen“, erwiderte Djia Liän. „Da mache ich mich besser aus dem Staube!“ „Dann möchte ich bloß wissen, wohin du dich aus dem Staube machst“, sagte Hsi-fëng. „Ich bin gleich wieder da“, antwortete er. „Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen“, erklärte Hsi-fëng. Wer nicht weiß, was es hier zu besprechen gab, wird es im nächsten Kapitel erfahren.

Wahrlich: Ein sittsames Mädchen findet stets Grund zur Klage, Nie war eine schöne Gattin von Eifersucht frei.