Hongloumeng/de/Chapter 37

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Kapitel 37

秋爽斋偶结海棠社

蘅芜院夜拟菊花题

Es traf sich, daß Djia Dschëng in diesem Jahr zum Bildungskommissar einer Provinz bestimmt wurde, und der zwanzigste Tag des achten Monats wurde für seine Abreise ausgewählt. An diesem Tag machte Djia Dschëng im Ahnentempel und vor der Herzoginmutter seine Stirnaufschläge, dann brach er auf. Bau-yü und die anderen Söhne der Familie gaben ihm das Geleit bis zum Pavillon der Tränen. Von Djia Dschëngs Erlebnissen in der Fremde können wir hier nicht berichten, wir wollen vielmehr davon erzählen, wie Bau-yü Tag für Tag nach Lust und Laune im Garten zubrachte, wobei er die Stunden müßig verstreichen ließ und die Tage sich nutzlos aneinander reihten. Eines Tages, als er eben nichts mit sich anzufangen wußte, kam Tsuee-mo herein und trug einen verzierten Briefbogen in der Hand, den sie ihm übergab. „Ach“, sagte Bau-yü, „das hatte ich ganz vergessen. Eben noch sagte ich, ich wolle Schwester Tan-tschun besuchen, um zu sehen, wie es ihr geht, und da kommst du gerade.“ „Das Fräulein ist wieder gesund“, berichtete Tsuee-mo. „Heute brauchte sie schon keine Medizin mehr zu nehmen. Es war nur eine leichte Erkältung.“ Nun faltete Bau-yü den Briefbogen auseinander und las: „Schwester Tan-tschun trägt ihrem zweiten Bruder ergebenst vor: Als vorgestern abend der Regen vorüber war, sah der Mond aus wie frisch gewaschen. Wie hätte ich es bei diesem köstlichen Anblick über mich bringen können, zu Bett zu gehen! So habe ich bis in die dritte Nachtwache hinein am Geländer bei den Wu-tung-Bäumen ausgeharrt, und weil ich mich dabei unvorsichtig dem Wind und dem Tau aussetzte, wurde ich krank. Gestern hast du dir die Mühe gemacht, mich zu besuchen, und hast mehrmals deine Mägde geschickt, um nach meinem Befinden zu fragen und mir frische Litchipflaumen und eine Kalligraphie von Yän Dschën-tjing zu schicken. Was für eine tiefe Fürsorge und Liebe! Als ich heute still am Tisch saß, mußte ich daran denken, daß zu verschiedenen Zeiten die Alten, obwohl sie an Stätten lebten, wo man nach Ruhm und Vorteil strebte, sich einen kleinen Hügel anlegten oder ein Fleckchen Wasser schufen, wohin sie Freunde von nah und fern einluden und nicht wieder ziehen ließen, so daß sie zwei, drei Gleichgesinnte um sich hatten, mit denen sie dann einen Dichterbund bildeten. Wenn dies auch Schöpfungen des Augenblicks waren, lebt doch ihr Andenken durch die Jahrtausende fort. Ich besitze zwar kein Talent, darf aber mit zwischen Bergen und Wasser leben und die Gaben von Kusine Hsüä und Kusine Lin bewundern. Bedauerlicherweise haben sich in unseren luftdurchzogenen Höfen und mondbeschienenen Hallen noch keine Dichter zusammengefunden. Dabei könnte man unter den Aprikosenbäumen bei der Weinschenke und den Pfirsichbäumen am Bach zechen und dichten. Wer sagt, das Talent der Lotosgesellschaft sei nur Männern erlaubt und eine edle Versammlung wie die vom Dung-schan sei uns Mädchen verwehrt? Wenn du dich entschließen könntest zu kommen, würde ich die Blüten beiseite fegen und dich erwarten. Dies trage ich ergeben vor.“ Nachdem Bau-yü den Brief gelesen hatte, klatschte er unwillkürlich vor Freude in die Hände und sagte lächelnd: „Wie edelherzig und hochsinnig ist doch Schwester Tan-tschun! Ich will sofort zu ihr gehen, um das Vorhaben zu besprechen!“ Und schon machte er sich auf den Weg. Tsuee-mo folgte ihm. Als Bau-yü eben am Duftgetränkten Pavillon war, kam ihm eine alte Sklavin entgegen, die am Hintertor des Gartens ihren Dienst versah und die jetzt einen Brief in der Hand trug. Sie trat an Bau-yü heran und sagte: „Der junge Herr Yün läßt Euch seinen Gruß entbieten. Er ist am Hintertor und hat mir befohlen, Euch dies zu geben.“ Bau-yü entfaltete den Brief und las: „Der mißratene Sohn Yün wünscht seinem erhabenen Vater zehntausendfaches Glück und goldene Ruhe. Seitdem mir die himmlische Gnade zuteil wurde, von Euch als Sohn angenommen zu werden, war ich Tag und Nacht darauf bedacht, Euch meine

Djia Tan-tschun. Aus: Gai Qi 1879. kindliche Ergebenheit unter Beweis zu stellen, fand aber nie eine Gelegenheit dazu. Nun genieße ich, seitdem ich neulich die Blumen kaufen durfte, dank Eurer das Glück, mit vielen Gärtnern bekannt zu sein, und habe auch viele berühmte Gärten gesehen. Dabei ist mir unerwartet eine Sorte weißer Begonien zu Gesicht gekommen, die sehr selten ist, und unter Aufbietung aller Mittel habe ich zwei Töpfe davon erwerben können. Wenn Ihr gewillt seid, mich als Sohn anzusehen, dann behaltet sie, um Euch daran zu erfreuen. Da es wegen des heißen Wetters den Fräulein im Garten unangenehm sein müßte, wage ich nicht, Euch persönlich meine Aufwartung zu machen, und richte statt dessen diesen Brief an Euch und wünsche Euch ergebenst Gesundheit. Von Eurem Sohn Yün kniend geschrieben.“ Nachdem Bau-yü den Brief gelesen hatte, fragte er: „Ist er allein, oder ist noch jemand dabei?“ „Nur zwei Blumentöpfe“, antwortete die Alte darauf. „Geh hinaus zu ihm und sag ihm, ich hätte es gelesen und sei ihm dankbar, daß er daran gedacht hat“, befahl Bau-yü. „Dann bringst du die Blumen in meine Räume!“ Mit diesen Worten ging er mit Tsuee-mo weiter zur Studierstube Herbstfrische, wo er feststellen mußte, daß Bau-tschai, Dai-yü, Ying-tschun und Hsi-tschun bereits da waren. Als sie ihn hereinkommen sahen, riefen sie lachend: „Da ist noch jemand!“ Und Tan-tschun erklärte lächelnd: „Ich hielt es für keine profane Idee und habe deshalb, als es mir plötzlich einfiel, ein paar Briefe geschrieben, um zu sehen, was daraus wird. Wer hätte gedacht, daß schon auf den ersten Ruf hin alle kommen würden!“ „Schade, daß dir der Gedanke so spät gekommen ist“, sagte Bau-yü. „Wir hätten schon längst einen Bund gründen sollen.“ „Gründet nur euren Bund!“ warf Dai-yü ein. „Aber auf mich dürft ihr nicht rechnen, ich wage nicht mitzumachen.“ „Wer sollte es wagen, wenn nicht du?“ entgegenete Ying-tschun lächelnd. „Das ist eine ernsthafte Angelegenheit“, sagte Bau-yü, „und alle sollten einander anspornen, anstatt daß einer dem andern den Vortritt läßt. Jeder, der einen Gedanken hat, bringt ihn vor, und dann werden wir gemeinsam darüber befinden. Kusine Bau-tschai soll etwas vorschlagen, und Kusine Dai-yü soll sich ebenfalls äußern.“

Djia Yün. Aus: Gai Qi 1879. „Warum so eilig?“ fragte Bau-tschai. „Es sind noch nicht alle hier.“ Sie hatte kaum ausgesprochen, da kam auch Li Wan. Schon als sie zur Tür hereintrat, sagte sie lächelnd: „Welch erhabener Gedanke! Wenn wir einen Dichterbund gründen, schlage ich mich als Leiterin vor. Ich hatte schon im Frühling denselben Gedanken gehabt, überlegte mir dann aber, daß ich ja nicht dichten kann. Warum sollte ich mich also blindlings ereifern? Und dann vergaß ich es wieder und habe es nie erwähnt. Wenn Schwägerin Tan-tschun mag, helfe ich mit, die Sache zustande zu bringen.“ „Wenn wir einen Dichterbund gründen, sind wir doch alle Dichterkollegen und sollten als erstes solche Alltagsbezeichnungen wie Kusine, Schwester und Schwägerin abschaffen“, schlug Dai-yü vor. „Das ist vollkommen richtig“, bestätigte Li Wan. „Vornehm wäre es, wenn wir jeder ein Pseudonym wählten, um uns damit anzusprechen, wenn wir unter uns sind. Ich bin die Alte Reisduftbäuerin, diesen Namen lasse ich mir von niemand wegnehmen!“ „Dann bin ich der Einsiedler von der Herbstfrische“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Einsiedler und Hausherr sind nicht das Richtige“, wandte Bau-yü ein. „Das klingt so geschwollen. Angesichts der vielen Wu-tung-Bäume und Bananenstauden, die es hier gibt, wäre es besser, davon einen Namen abzuleiten!“ „Ich habe einen!“ sagte Tan-tschun lächelnd. „Mir sind die Bananenstauden am liebsten, darum werde ich mich einen Gast unter Bananen nennen.“ „Das ist einmal etwas Geschmackvolles!“ lobten alle, Dai-yü aber sagte lächelnd: „Bringt sie schnell hinaus und schmort ihr Fleisch, und dann trinken wir Wein dazu!“ Keiner verstand, was sie meinte, darum erklärte sie lächelnd: „Bei den Alten heißt es: ‚Unter Bananenblättern verbirgt sich der Hirsch, ...‘ Sie nennt sich Gast unter Bananen, ist sie da nicht ein Hirsch? Also wollen wir sie schmoren!“ Alles lachte, Tan-tschun aber sagte lächelnd: „Mußt du einen im allgemeinen Durcheinander mit spitzfindigen Reden beschimpfen? Ich habe auch einen schönen Namen für dich, der bestens zu dir paßt!“ Und an alle gewandt, fuhr sie fort: „Als damals die Tränen der Ë-huang und der Nü-ying auf den Bambus tropften, wurde er fleckig, darum nennt man den gefleckten Bambus heute auch den Bambus der Kaiserfrauen vom Hsiang-Fluß. Sie wohnt in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß und weint gern. Sicher wird dort, wo sie einmal an ihren Mann denkt, der Bambus ebenfalls fleckig. Darum wollen wir sie in Zukunft die Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß nennen, und damit basta!“ Alle klatschten in die Hände und riefen: „Fein!“ Dai-yü aber ließ stumm den Kopf sinken. „Für Schwägerin Hsüä habe ich auch schon einen guten Namen“, sagte Li Wan. „Er besteht auch nur aus drei Schriftzeichen.“ „Was ist es?“ fragten Hsi-tschun und Ying-tschun. „Ich belehne sie als Edle von Haselwurz“, sagte Li Wan. „Was meint ihr dazu?“ „Dieser Titel ist ausgezeichnet“, lobte Tan-tschun lächelnd. „Und ich?“ fragte Bau-yü. „Für mich müßt ihr auch etwas ausdenken!“ „Dein Name steht doch längst fest“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Was könnte treffender sein als Emsiger Nichtstuer?“ „Es wäre doch schön, wenn du deinen alten Namen Blumenkönig der Roten Grotte nehmen würdest“, schlug Li Wan vor. „Mußt du die alten Geschichten aus der Kinderzeit wieder auskramen?“ fragte Bau-yü. „Du hast schon so viele Namen, daß du keinen mehr brauchst“, sagte Tan-tschun. „Wir nennen dich, wie es uns gerade in den Sinn kommt. Die Hauptsache ist, du hörst darauf!“ „Da muß ich dir wohl einen Namen geben“, nahm Bau-tschai wieder das Wort. „Ich habe einen, der höchst profan, für dich aber sehr passend ist. Schwer zu erlangen sind auf der Welt Reichtum und Vornehmheit, ebensoschwer erlangt man Muße. Beides zusammen kann man nicht haben. Bei dir aber findet sich beides zugleich, darum sollst du der Reiche und Vornehme Müßiggänger heißen!“ „Dessen bin ich nicht würdig“, lehnte Bau-yü lächelnd ab, „aber nennt mich nur, wie ihr wollt!“ „Und welche Namen bekommen Ying-tschun und Hsi-tschun?“ fragte Li Wan. „Wozu brauchen wir Namen, wenn wir doch nicht richtig dichten können!“ sträubte sich Ying-tschun. „Namen müßt ihr trotzdem bekommen“, verlangte Tan-tschun. „Wohnt sie nicht auf der Insel der Violetten Wassernüsse?“ fragte Bau-tschai. „Also soll sie nach der Wassernußinsel heißen. Hsi-tschun wohnt im Kiosk des Lotoswurzelduftes, also nennen wir sie nach dem Lotoswurzelkiosk, und damit Schluß!“ „Das wäre also erledigt“, sagte Li Wan. „Dem Alter nach bin ich unter uns die Erste, darum müßt ihr tun, was ich sage. Ich verspreche auch, daß ihr alle damit zufrieden sein werdet. Wir bilden zu siebent unseren Bund, aber da ich genausowenig dichten kann wie Ying-tschun und Hsi-tschun, müßt ihr uns herauslassen, und jede von uns übernimmt statt dessen eine andere Aufgabe.“ Lächelnd sagte Tan-tschun: „Nun haben wir alle Pseudonyme, aber du redest so, als ob wir sie nicht hätten. Für die Zukunft müssen für den Fall, daß es wieder passiert, Strafen festgelegt werden.“ „Erst einmal werden Festlegungen für unseren Bund getroffen, und dann werden auch Strafen festgelegt“, versprach Li Wan. „Bei mir ist am meisten Platz, also wird sich der Bund bei mir versammeln. Ich kann zwar nicht dichten, aber wenn ich den Dichtern nicht zu profan bin, werde ich die Gastgeberin spielen. Dadurch könnte auch ich mich verfeinern. Wenn ich zur Leiterin unseres Bundes gemacht werde, ist das aber noch nicht genug. Wir brauchen noch zwei stellvertretende Leiter, das sollten die beiden Gelehrten von der Wassernußinsel und vom Lotoswurzelkiosk übernehmen. Einer schlägt die Themen vor und legt die Reime fest, der andere schreibt die Texte ab und führt die Aufsicht. Wir wollen aber auch nicht festlegen, daß wir drei uns am Dichten gar nicht beteiligen. Wenn ein leichteres Thema und ein einfacher Reim vorkommen, schreiben auch wir Gedichte. Ihr vier aber seid dazu verpflichtet. Wenn ihr mit alledem einverstanden seid, kann der Bund gebildet werden. Wenn nicht, wage ich mich nicht zu beteiligen.“ Ying-tschun und Hsi-tschun hatten eigentlich keine Lust zu dichten, zumal wenn Bau-tschai und Dai-yü dabei waren. Darum entsprachen Li Wans Vorschläge genau ihren Wünschen, und so sagten sie beide: „Das ist vollkommen richtig.“ Tan-tschun und die anderen verstanden, was in den beiden vorging, und da sie sahen, daß sie gewillt waren, sich zu fügen, wollten sie ihnen keinen Zwang antun und erklärten sich notgedrungen einverstanden. Tan-tschun aber sagte lächelnd: „Mag es nur so sein! Aber eins erscheint mir doch komisch: Ich war es, die den Gedanken gehabt hat, und jetzt werde ich von euch dreien beaufsichtigt.“ „Das wäre erledigt, gehen wir also zum Reisduftdorf!“ verlangte Bau-yü. „Schon wieder bist du ungeduldig!“ warf Li Wan ihm vor. „Heute haben wir nur beraten. Wartet, bis ich euch einlade!“

Aus: Jinyuyuan 1889a.

„Wir müßten auch festlegen, alle wieviel Tage wir uns treffen wollen“, schlug Bau-tschai vor.

„Zu oft hätte keinen Sinn“, sagte Tan-tschun, „zwei oder drei Mal im Monat sind genug.“ „Zweimal im Monat ist ausreichend“, sagte Bau-tschai und nickte. „Aber wenn der Tag einmal bestimmt ist, dürfen uns auch Wind und Regen nicht abhalten. Wenn jedoch jemand außerhalb dieser beiden Tage in der Stimmung ist, ein zusätzliches Treffen bei sich oder anderswo abzuhalten, darf er das auch. Wäre es so nicht interessant und abwechslungsreich?“ Alle bestätigten, auf diese Weise sei es noch besser, Tan-tschun aber beklagte sich: „Ursprünglich war es meine Idee, darum müßte ich auch der erste Gastgeber sein, damit ich mich nicht umsonst gefreut habe.“ „Wie wär‘s, wenn du morgen ein Treffen abhieltest?“ bot Li Wan ihr an. „Heute ist besser als morgen“, entgegnete Tan-tschun. „Gerade jetzt ist ein günstiger Augenblick, also stell du uns ein Thema, Wassernußinsel legt den Reim fest, und Lotoswurzelkiosk führt die Aufsicht!“ „Ich finde, Thema und Reim müssen nicht von jemand vorgeschlagen werden“, wandte Ying-tschun ein, „darüber kann das Los entscheiden.“ „Eben erst, als ich hierher unterwegs war, sah ich, wie zwei Töpfe mit weißen Begonien gebracht wurden“, sagte Li Wan. „Das sind doch schöne Blumen. Wollt ihr die nicht besingen?“ „Sollen wir die Gedichte schreiben, ohne die Blumen gesehen zu haben?“ fragte Ying-tschun. „Aber es sind doch bloß weiße Begonien“, erwiderte Bau-tschai. „Warum sollten wir sie erst sehen müssen, ehe wir Gedichte darüber schreiben können? Auch die Gedichte der Alten sind schließlich nur Ausdruck ihrer Gedanken und Gefühle. Hätten sie nur beschrieben, was sie gesehen haben, gäbe es nicht bis heute diese Gedichte.“ „Also gut, dann lege ich jetzt den Reim fest“, sagte Ying-tschun. Sie trat an das Büchergestell, zog einen Band Gedichte heraus und schlug willkürlich eine Seite darin auf. Darauf stand ein siebensilbiges Regelgedicht. Ying-tschun zeigte es herum, so daß es alle sehen konnten und wußten, daß sie siebensilbige Verse zu schreiben hatten. Dann klappte sie das Buch wieder zu und befahl einem kleinen Sklavenmädchen: „Sag mir irgendein Wort!“ Das Mädchen lehnte eben am Tor und sagte deshalb: „ Mën (‚Tor‘).“ „Das Zeichen mën gehört in die dreizehnte Reimgruppe, das ist yüan“, sagte Ying-tschun lächelnd. „Die erste Zeile muß auf mën enden.“ Dann ließ sie sich den Kasten mit den Reimkarten herüberreichen, zog das dreizehnte Fach mit der Gruppe yüan heraus und befahl dem Sklavenmädchen, vier beliebige Karten herauszunehmen. Das Mädchen zog die Karten pën (‚Topf‘), hun (‚Geist‘), hën (‚Spur‘) und hun (‚Nacht‘). „Tor und Topf sind nicht so leicht unterzubringen“, bemerkte Bau-yü. Dai-schu legte vier Mal Papier und Schreibpinsel zurecht, dann wurde es still, und jeder begann nachzudenken. Nur Dai-yü strich mal mit der Hand über den Wu-tung-Baum, warf dann einen Blick auf die herbstliche Landschaft und scherzte anschließend mit den Sklavenmädchen. Inzwischen befahl Ying-tschun einem der Sklavenmädchen, sie solle ein Stäbchen ‚Traumsüße‘-Weihrauch entzünden. Dieser Weihrauch war nur drei Tsun lang und nicht dicker als ein Binsenstengel, wie er als Lampendocht dient. Er verbrannte innerhalb kürzester Frist, und damit war die Zeitgrenze bestimmt. Wer sein Gedicht nicht fertig hatte, wenn der Weihrauch verbrannt war, sollte bestraft werden. Es dauerte gar nicht lange, da war Tan-tschun als erste soweit. Sie griff zum Pinsel, schrieb ihr Gedicht nieder, änderte etwas daran und reichte es dann Ying-tschun. Anschließend wandte sie sich an Bau-tschai und fragte: „Hast du‘s, Edle von Haselwurz?“ „Ja“, antwortete ihr Bau-tschai, „aber gut ist es nicht.“ Bau-yü hatte die Hände auf den Rücken gelegt und spazierte im Wandelgang auf und ab. „Hörst du, sie haben es schon“, sagte er zu Dai-yü. „Mach dir um mich keine Sorgen!“ erwiderte Dai-yü darauf. Dann sah Bau-yü, wie Bau-tschai ihr Gedicht bereits abschrieb, und sagte: „Na so was! Von dem Weihrauch ist nur noch ein Tsun übrig, und ich habe erst ganze vier Zeilen.“ Wieder an Dai-yü gewandt, fragte er: „Der Weihrauch ist gleich alle, und du hockst nur auf der feuchten Erde. Was soll das?“ Aber Dai-yü schenkte ihm keine Beachtung, und so sagte er: „Jetzt kann ich mich um dich nicht mehr kümmern, ich muß zusehen, daß ich fertig werde.“ Damit trat er an den Tisch und schrieb. „Wir wollen uns die Gedichte ansehen!“ verkündete Li Wan. „Wer sein Blatt nicht abgegeben hat, bis wir mit den anderen durch sind, wird bestraft!“ „Dichten kannst du zwar nicht so gut, Alte Reisduftbäuerin, aber Gedichte beurteilen kannst du, und gerecht bist du auch“, sagte Bau-yü..“ Bau-yü hatte die Hände auf den Rücken gelegt und spazierte im Wandelgang auf und ab. „Hörst du, sie haben es schon“, sagte er zu Dai-yü. „Mach dir um mich keine Sorgen!“ erwiderte Dai-yü darauf. Dann sah Bau-yü, wie Bau-tschai ihr Gedicht bereits abschrieb, und sagte: „Na so was! Von dem Weihrauch ist nur noch ein Tsun übrig, und ich habe erst ganze vier Zeilen.“ Wieder an Dai-yü gewandt, fragte er: „Der Weihrauch ist gleich alle, und du hockst nur auf der feuchten Erde. Was soll das?“ Aber Dai-yü schenkte ihm keine Beachtung, und so sagte er: „Jetzt kann ich mich um dich nicht mehr kümmern, ich muß zusehen, daß ich fertig werde.“ Damit trat er an den Tisch und schrieb. „Wir wollen uns die Gedichte ansehen!“ verkündete Li Wan. „Wer sein Blatt nicht abgegeben hat, bis wir mit den anderen durch sind, wird bestraft!“ „Dichten kannst du zwar nicht so gut, Alte Reisduftbäuerin, aber Gedichte beurteilen kannst du, und gerecht bist du auch“, sagte Bau-yü. „Also sieh dir nur die Verse auf ihre Stärken und Schwächen hin an, und wir werden uns deinem Urteil fügen!“ „Das versteht sich!“ sagten alle und lasen als erstes Tan-tschuns Gedicht, welches lautete: „Schräg fällt das Licht auf das Gras an den Toren, grün glänzt das nasse Moos in den Töpfen. Blüten, wie weißer Jade so rein, wie aus Schnee geformt, betören den Geist.

Jedem einzelnen Blättchen, duftig und zart, zeichnet das Mondlicht die Schattenspur. Meine weiße Göttin, entfliehe nicht, besinge mit mir das Dunkel der Nacht!“ Dann lasen sie Bau-tschais Gedicht, und das ging so: „Den Blumen zuliebe schließ ich mein Tor und wäßre selbst die moosigen Töpfe. Von den Stufen gewaschen der rosige Schein, Tau auf den Steinen weckt der Kälte Geist. Ist alles verblaßt, sind die Blumen erst schön; wo ließe das Leid nicht zurück seine Spur? Willst du mit Reinheit dem Herbstgotte danken, in stolzem Schweigen harrend der Nacht?“ „Das ist so recht die Edle von Haselwurz“, sagte Li Wan lächelnd. Im Anschluß lasen sie Bau-yüs Gedicht, das hieß: „Herbstlich leuchten die Blumen am Tor, wie mit Schnee gefüllt sind die Töpfe. Makellos rein wie die Guee-fee ihr Bild, jadeklar wie von Hsi-schï ihr Geist. Kein Windhauch vertreibt ihren Kummer, Regen gesellt sich zur Tränenspur. Verlassen stehn sie am bunten Gebälk bei traurigem Flötenklang in der Nacht.“ Nachdem alle gelesen hatten, sagte Bau-yü, Tan-tschuns Verse seien die besten, Li Wan aber entschied, daß sich Bau-tschais Gedicht vor allen anderen auszeichnete, und mahnte Dai-yü. „Seid ihr schon mit allen durch?“ fragte Dai-yü. Dann lasen Li Wan und die anderen, was sie geschrieben hatte: „Am halb geschlossenen Gartentor füllt Eis und nicht Erde die Töpfe.“ Nach diesem Satz brach Bau-yü schon in lautes Lob aus und sagte: „Wie sie die Sache nur anpackt!“ Und sie lasen weiter:

Djia Ying-tschun. Aus: Gai Qi 1879. „Blüten, so rein wie der Birnbaum sie trägt, leihn sich von Aprikosenblüten den Geist.“ „Das ist gut!“ riefen alle unwillkürlich aus. „Darin liegt ein ganz anderes Gefühl!“ Weiter lasen sie: „Umhüllt von der Mondfee weißem Gewand, wischt sich ein Mädchen die Tränenspur. An wen ist die stumme Klage gerichtet, einsam im Westwind spät in der Nacht?“ Als sie zu Ende gelesen hatten, sagten alle, dies Gedicht sei das beste, Li Wan aber entschied: „Nach Eleganz und Eigenart ist es das wohl, aber an Gehalt steht es hinter dem Manuskript der Edlen von Haselwurz zurück.“ „Das ist gerecht geurteilt“, stimmte Tan-tschun zu. „Der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß gebührt der zweite Platz.“ „Und der Fürstensohn, der sich am Roten freut, ist letzter geworden“, ergänzte Li Wan. „Einverstanden?“ „Mein Gedicht war nicht gut“, gab Bau-yü zu. „Das ist gerecht.“ Dann setzte er lächelnd hinzu: „Aber die Gedichte der Edlen von Haselwurz und der Kaiserfrau vom Hsiau-hsiang-Fluß müßte man noch einmal gegeneinander abwägen.“ „Mein Urteil gilt, und ihr habt euch nicht einzumischen“, wies Li Wan ihn zurecht. „Wer noch etwas sagt, wird bestraft!“ Als Bau-yü das hörte, mußte er die Sache auf sich beruhen lassen. „Für die Zukunft lege ich fest, daß wir uns am zweiten und sechzehnten jedes Monats treffen, wegen des Themas und des Reims habt ihr dann mir zu folgen“, nahm Li Wan noch einmal das Wort. „Wenn es euch Spaß macht, könnt ihr euch zwischendurch auch an anderen Tagen treffen, meinetwegen an jedem Tag des Monats, aber am zweiten und sechzehnten müßt ihr zu mir kommen.“ „Wir sollten dem Bund auch noch einen Namen geben!“ schlug Bau-yü vor. „Ja, aber er darf weder zu gewöhnlich noch zu neuartig oder ausgefallen sein“, sagte Tan-tschun. „Und da wir gerade mit Begoniengedichten den Anfang gemacht haben, könnte er Begonienbund heißen. Das klingt zwar ein bißchen alltäglich, aber da wir einen triftigen Grund dafür haben, spielt das keine Rolle.“ Sie berieten dann noch ein Weilchen, tranken ein wenig Wein und aßen ein paar Früchte dazu, dann gingen sie auseinander, die einen in ihre Räume, die anderen zur Herzoginmutter und zu Dame Wang. Mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein. Hsi-jën hatte nur gesehen, wie Bau-yü den Brief las und dann Hals über Kopf mit Tsuee-mo wegging, ohne daß sie erfahren hätte, worum es ging. Dann erschienen zwei Sklavenfrauen vom Hintertor mit zwei Begonientöpfen. Hsi-jën erkundigte sich, was es damit auf sich hatte, und die Sklavinnen erklärten es ihr. Daraufhin befahl ihnen Hsi-jën, die Töpfe abzustellen, und bat sie in die Gesindestube, wo sie sich hinsetzen mußten. Inzwischen ging Hsi-jën in ihr Zimmer und wog dort sechs Tjiän Silber ab, das sie einwickelte. Außerdem nahm sie noch dreihundert Bronzemünzen mit. Wieder bei den beiden Sklavinnen, sagte sie: „Das Silber ist für die Knaben, die die Töpfe gebracht haben, für die Münzen aber könnt ihr euch Wein kaufen.“ Die beiden Sklavenfrauen standen auf und bedankten sich ein Mal ums andere, das Geschenk aber wollten sie nicht annehmen. Erst als Hsi-jën energisch darauf bestand, es nicht zurückzunehmen, nahmen sie es entgegen. „Tun draußen am Hintertor auch Knaben Dienst?“ wollte Hsi-jën jetzt wissen. Und sofort gaben ihr die Sklavinnen Auskunft: „Jeden Tag sind vier Knaben da für den Fall, daß von drinnen Aufträge kommen. Wenn Ihr etwas zu befehlen habt, werden wir es übermitteln.“ „Was könnte ich zu befehlen haben?“ sagte Hsi-jën. „Der junge Herr will heute jemand zum Hause des jungen Fürsten schicken, um Fräulein Schï Geschenke zu überbringen. Da ihr schon einmal hier seid, könntet ihr die Knaben am Hintertor bitten, einen Wagen zu mieten. Dann kommt ihr wieder und holt das Geld dafür. So brauchen die Knaben nicht erst vorne herumzulaufen.“ Die Sklavinnen sagten jawohl und gingen fort, Hsi-jën aber trat wieder ins Haus, um den Teller zu suchen, auf den sie die Geschenke für Hsiang-yün tun wollte. Als sie dabei feststellen mußte, daß die Öffnung in der Zierwand, in die der Teller gehörte, leer war, wandte sie sich um, und ihr Blick fiel auf Tjing-wën, Tjiu-wën und Schë-yüä, die gemeinsam mit Nadelarbeiten beschäftigt waren. „Wo ist der weiße Achatteller mit der feinen Maserung hingekommen?“ fragte Hsi-jën. Die Mädchen sahen einander ratlos an, und keiner wollte es einfallen. Dann aber sagte Tjing-wën lächelnd: „Darauf habe ich dem dritten Fräulein Litchipflaumen gebracht, und er ist noch nicht wieder zurück.“ „Für solche alltäglichen Zwecke ist genug Geschirr da, du aber mußtest ausgerechnet diesen Teller nahmen!“ warf Hsi-jën ihr vor. „Als ob ich das nicht auch gesagt hätte!“ erwiderte Tjing-wën. „Aber der junge Herr sagte, mit den frischen Litchipflaumen darauf sehe der Teller erst richtig schön aus, und als ich ihn hingebracht hatte, sagte das dritte Fräulein dasselbe und bat mich, ihr den Teller dazulassen. Nur darum habe ich ihn nicht zurückgebracht. Die beiden Doppelvasen ganz oben aus der Wand haben wir auch noch nicht wiederbekommen.“ „Bei den Vasen muß ich an etwas denken“, sagte Tjiu-wën lächelnd. „Wenn es dem jungen Herrn einmal einfällt, seine kindliche Ehrerbietung unter Beweis zu stellen, dann tut er es gleich im Übermaß. Als er neulich sah, daß im Garten die Duftblüten aufgegangen sind, brach er einige Zweige davon ab, um sie sich in die Vase zu stellen. Dann aber hatte er plötzlich einen Einfall und sagte: ‚Eben erst sind sie in unserm Garten frisch aufgeblüht, da wage ich nicht, mich als erster daran zu erfreuen!‘ Darum ließ er die Vasen herunterholen, füllte sie selbst mit Wasser, steckte die Zweige hinein und ließ sich dann die Vasen hinterhertragen, um eine der alten gnädigen Frau und eine der gnädigen Frau zu bringen. Aber diese Anwandlung von Sohnesliebe hat auch seinem Gefolge Glück gebracht. Zufällig war ich es, die ihm die Vasen tragen mußte, und als die alte gnädige Frau die Blüten bekam, war sie vor Freude ganz außer sich. Jedem, den sie sah, sagte sie: ‚Bau-yü ist mir doch wirklich kindlich ergeben, sogar Blütenzweige bringt er mir! Da soll mir noch einer Vorwürfe deswegen machen, weil ich ihn gern habe!‘ Ihr wißt ja, daß die alte gnädige Frau kaum mit mir spricht, weil ich ihr nicht recht gefalle. Aber an dem Tag ließ sie extra ein paar hundert Bronzemünzen für mich holen und hat gesagt, ich sei zart und bemitleidenswert. So ein Glück hätte ich mir nicht träumen lassen! Dabei war das Geld noch das geringste, es war eine seltene Ehre. Als wir dann zur gnädigen Frau kamen, war sie eben dabei, mit der jungen gnädigen Frau, der Nebenfrau Dschau, der Nebenfrau Dschou und etlichen anderen zusammen ihre Truhen durchzumustern und die bunten Kleider, die sie in ihrer Jugend getragen hat, für irgend jemand herauszusuchen. Als sie Bau-yü kommen sah, ließ sie die Kleider Kleider sein und hatte nur noch Augen für die Blütenzweige. Die junge gnädige Frau, die neben ihr stand, hat sich einen Spaß daraus gemacht, Bau-yü dafür zu loben, was für ein braver Sohn er sei, wie gut er wisse, was sich gehört, und wer weiß was sonst noch alles. Gar kein Ende konnte sie damit finden. Das mußte natürlich in den Augen der Anwesenden den Ruhm der gnädigen Frau noch erhöhen, und den Schwätzern war der Mund gestopft. Vor lauter Freude hat mir die gnädige Frau zwei von den Kleidern geschenkt. Nun sind ja Kleider an sich nichts Besonderes, schließlich bekommen wir jedes Jahr welche, aber doch nicht auf diese glückliche Art!“ „Ach, du dummes Ding!“ sagte Tjing-wën lächelnd, „die guten Sachen bekommen andere, und für dich sucht sie ein paar Reste heraus. Du aber bildest dir ein, sie habe dich liebgewonnen.“ „Egal, wovon das die Reste sind, es bleibt doch ein Gnadenbeweis der gnädigen Frau“, beharrte Tjiu-wën. „Also, ich würde das nicht haben wollen“, fuhr Tjing-wën wieder fort. „Es geht ja nicht darum, daß es Reste sind, aber ist denn von uns, die wir zusammen in denselben Räumen dienen, vielleicht eine vornehmer als die anderen, so daß sie die guten Sachen bekommt, und ich bekomme nur die Reste? Da würde ich lieber gar nichts haben wollen! Auch wenn ich dadurch die gnädige Frau beleidigen würde, ließe ich mir das nicht gefallen!“ „Wer aus unseren Räumen hat denn die Sachen bekommen?“ erkundigte sich Tjiu-wën sofort. „Ich war neulich ein paar Tage krank und bin deshalb bei meiner Familie gewesen, darum weiß ich nicht, wem die gnädige Frau sie gegeben hat. Sag es mir, liebe Schwester, ich möchte es wissen!“ „Gibst du der gnädigen Frau die Sachen zurück, wenn ich dir das verrate?“ fragte Tjing-wën. „Unsinn!“ sagte Tjiu-wën, „ich möchte es nur einfach so wissen. Selbst wenn es die Reste von dem wären, was ein Hund in unseren Räumen bekommen hat, würde ich ein Geschenk der gnädigen Frau annehmen und mich um nichts weiter kümmern.“ Lachend erklärten ihr daraufhin die anderen: „Du hast es getroffen! Natürlich hat dieses gefleckte europäische Schoßhündchen die Sachen bekommen.“ „Ihr verfaulten Mäuler ihr!“ sagte Hsi-jën lächelnd, „kaum daß ihr nichts zu tun habt, wetzt ihr die Zungen und macht euch über mich lustig. Ihr werdet eine wie die andere kein gutes Ende haben!“ „Du also hast die Sachen bekommen, Schwester!“ sagte Tjiu-wën lächelnd. „Das habe ich wirklich nicht gewußt. Entschuldige bitte!“ „Schluß jetzt mit der Alberei!“ forderte Hsi-jën lächelnd. Eine von euch sollte besser den Teller holen gehen!“ „Auch die Vasen müßten bei der Gelegenheit zurückgeholt werden“, ergänzte Schë-yüä. „Wegen der, die bei der alten gnädigen Frau steht, ist nichts zu befürchten, aber bei der gnädigen Frau geht alles mögliche Volk ein und aus. Gegen die andern will ich nichts sagen, aber wenn Leute vom Schlage der Nebenfrau Dschau entdecken, daß etwas aus unseren Räumen dort steht, machen sie es bestimmt aus purer Bosheit kaputt. Die gnädige Frau aber kümmert sich nicht groß um solche Dinge. Darum ist es das beste, die Vase wird schnell zurückgeholt.“ „Du hast recht“, sagte Tjing-wën und warf ihre Nadelarbeit hin. „Ich gehe die Vase holen!“ „Besser, ich gehe sie holen“, erwiderte Tjiu-wën. „Geh du deinen Teller holen!“ „Ich will auch einmal gehen!“ beharrte Tjing-wën lächelnd. „Ihr habt jede eure Chance gehabt, darf ich vielleicht keine haben?“ „Nur weil Tjiu-wën einmal das Glück gehabt hat, Kleider geschenkt zu bekommen, meinst du, du triffst die gnädige Frau auch dabei, wie sie Kleider aussortiert?“ fragte Schë-yüä lächelnd. „Wer weiß!“ sagte Tjing-wën und lächelte spöttisch. „Vielleicht nicht beim Kleidersortieren, aber es könnte doch sein, daß mir die gnädige Frau, weil ich so fleißig bin, ebenfalls zwei Liang Silber im Monat von ihrem Geld zahlt. Macht mir doch nichts vor, ich weiß alles!“ Und schon lief sie hinaus. Tjiu-wën ging ebenfalls und holte bei Tan-tschun den Teller. Hsi-jën machte dann alles zurecht, anschließend rief sie Mutter Sung, die mit zum Gehöft gehörte, und befahl ihr: „Kämm und wasch dich schön und zieh deine Ausgehkleider an! Du mußt etwas zu Fräulein Schï bringen.“ „Gebt mir die Sachen nur her und sagt mir, was ich bestellen soll!“, forderte Mutter Sung sie auf. „Dann kann ich gleich losgehen, wenn ich fertig bin.“ Hsi-jën zeigte ihr zwei kleine Behälter aus Bambusgeflecht und machte sie nacheinander auf. Der eine war mit frischen Wassernüssen und Wasserlilienkernen gefüllt, in dem anderen stand ein Tellerchen mit Konfekt aus Duftblütenzucker und Maronenmus. Dazu sagte sie ihr: „Das alles sind Früchte hier aus unserem Garten, und der junge Herr schickt sie dem Fräulein zum Kosten. Außerdem hat das Fräulein neulich gesagt, der Achatteller gefalle ihr, darum soll sie ihn behalten. Hier in dem seidenen Päckchen ist die Handarbeit, um die mich das Fräulein letztens gebeten hatte. Sie soll nicht böse sein, daß sie so grob ausgefallen ist, zu verwenden ist sie jedenfalls. Außerdem bestellst du Grüße von uns und dem jungen Herrn, das ist alles.“ „Hat der junge Herr vielleicht sonst noch etwas zu bestel­len?“, vergewisserte sich Mutter Sung. „Geht besser noch einmal fragen, damit es nicht heißt, Ihr hättet etwas vergessen, wenn ich wiederkomme!“ Also erkundigte sich Hsi-jën bei Tjiu-wën, ob sie Bau-yü eben beim dritten Fräulein gesehen habe. „Sie haben dort alle darüber beraten, einen Dichterbund zu gründen, und haben Gedichte gemacht“, gab Tjiu-wën Auskunft. „Ich denke, es war nichts weiter. Also geh nur!“ Mutter Sung nahm die Geschenke und ging sich umziehen. Hsi-jën aber befahl ihr noch, sie solle zum Hintertor gehen, wo die Knaben mit dem Wagen warteten. Mehr soll einstweilen von Mutter Sung nicht die Rede sein. Als Bau-yü zurückkam, sah er sich zuerst rasch die Begonien an, dann trat er ins Haus und erzählte Hsi-jën von der Gründung des Dichterbundes. Hsi-jën ihrerseits berichtete ihm, sie habe Mutter Sung zu Hsiang-yün geschickt, um ihr die Geschenke bringen zu lassen. Kaum hatte Bau-yü das gehört, klatschte er in die Hände und sagte: „Habe ich doch Hsiang-yün vergessen! Dabei war mir so, als ob noch etwas wäre, aber es fiel mir nicht ein. Gut, daß du mich an sie erinnerst. Ich muß sie einladen! Welchen Sinn hat der Dichterbund, wenn sie nicht dabei ist!“ Hsi-jën aber redete auf ihn ein: „Was ist daran so wichtig? Es ist doch nur Spiel. Sie hat nicht die Freiheit wie ihr und ist zu Hause nicht ihr eigener Herr. Wenn du ihr Bescheid sagst und sie möchte kommen und darf es nicht, dann macht sie sich wieder alle möglichen Gedanken. Darum ist es besser, du lädst sie erst gar nicht ein und ersparst ihr den Kummer.“ „Du hast zweifellos recht“, sagte Bau-yü, „ich will es der alten gnädigen Frau melden, damit sie jemand schickt, der sie holt.“ Kaum hatte er das gesagt, kam Mutter Sung schon zurück und überbrachte Gruß und Dank von Hsiang-yün. Außerdem berichtete sie: „Das Fräulein hat sich erkundigt, was der junge Herr macht, und da habe ich gesagt, er habe mit den Fräulein zusammen einen Dichterbund gegründet und schreibe Gedichte. Fräulein Schï aber hat gesagt: ‚Da gründen sie einen Dichterbund, ohne mir etwas davon zu sagen!‘ Sie war ganz aufgeregt.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, stand er auf, ging zur Herzoginmutter und drängte sie, Hsiang-yün auf der Stelle holen zu lassen. Die Herzoginmut­ter aber sagte: „Heute ist es schon spät, ich schicke gleich morgen früh jemand.“ Damit mußte Bau-yü sich zufriedengeben, und lustlos kehrte er in seine Räume zurück. Am nächsten Morgen ging er in aller Frühe wieder zur Herzoginmutter hinüber und mahnte sie. Aber erst am Nachmittag traf Hsiang-yün endlich ein, und Bau-yü war beruhigt. Als sie einander begrüßten, erzählte er, wie es zur Gründung des Dichterbundes gekommen war, und wollte ihr die Gedichte zeigen. Da aber mischte Li Wan sich ein und sagte: „Zeig ihr die Gedichte nicht, sag ihr nur den Reim! Sie kommt zu spät, darum muß sie zur Strafe erst ein Gedicht machen. Wenn es gut ist, bitten wir sie, unserm Bund beizutreten. Ist es aber nicht gut, verurteile ich sie dazu, uns zu bewirten, ehe wir weitersehen!“ „Ihr habt vergessen, mich einzuladen, darum werde ich über euch eine Strafe verhängen“, protestierte Hsiang-yün. „Aber gebt mir nur den Reim, ich kann zwar nichts, aber sei‘s drum, dann muß ich mich eben blamieren. Wenn ihr mich in den Bund aufnehmt, bin ich bereit, den Boden zu kehren und den Weihrauch abzubrennen.“ Als die anderen sahen, wie sehr die Sache Hsiang-yün gepackt hatte, freuten sie sich erst recht und machten sich Vorwürfe, weil sie am Tag zuvor nicht an sie gedacht hatten. Schnell sagten sie ihr den Reim, und Hsiang-yün war so begeistert, daß sie sich nicht die Zeit nahm, ihre Verse auszufeilen oder zu verändern. Während sie noch unbekümmert mit den anderen plauderte, hatte sie in Gedanken schon alles fix und fertig und schrieb es auf das erstbeste Papier nieder, das sich fand. „Hier sind zwei Gedichte auf euren Reim“, sagte sie lächelnd. „Ob sie etwas taugen, weiß ich nicht, ich wollte lediglich eurem Befehl Folge leisten.“ Und damit reichte sie ihnen das Blatt hin. „Mit unseren vier Gedichten haben wir bereits alle Möglichkeiten ausgeschöpft, so daß kein weiteres mehr zu schreiben war“, sagten die anderen, „du aber hast gleich zwei Stück verfaßt. Bestimmt hast du unsere Zeilen wiederholt.“ Während sie das sagten, sahen sie sich Hsiang-yüns Gedichte an und lasen:

„Ein Heil‘ger stieg nächtens herab an das Tor und füllte mit Jade die Töpfe. Die Reifgöttin war es, die Kälte liebt, und nicht der Tjiän-nü irrender Geist. Warum nur bringt ein Herbsttag schon Schnee, auf den nun der Regen tropft seine Spur? Schön ist‘s, wenn Dichter dir endlos singen und du bist nicht einsam bei Tag und bei Nacht.

Haselwurz auf den Stufen, Glyzine am Tor, dazu paßt auch Begonie in Töpfen. Von den Blumen kommt keine an Reinheit ihr gleich, vor Herbstweh gibt auf der Mensch seinen Geist. Im Winde geronnen die Kerzentränen, hinterm Vorhang sichtbar die Schattenspur. Willst dein Gefühl der Mondgöttin klagen, doch der Mond verschwindet im Dunkel der Nacht.“ Bei jeder Zeile, die sie lasen, erstaunten sie aufs Neue, und nachdem sie zu Ende gelesen hatten, sagten sie: „Es war nicht verkehrt, Begoniengedichte zu schreiben, und unser Begonienbund ist gerade das Richtige.“ „Morgen will ich euch einladen, um meine Strafe zu büßen, also laßt mich ein Treffen abhalten. Das geht doch, ja?“ bat Hsiang-yün. „Das ist sogar ausgezeichnet!“ sagten die anderen. Dann gaben sie ihr die Gedichte vom Vortag zur Begutachtung. Als bald darauf der Abend anbrach, wurde Hsiang-yün von Bau-tschai eingeladen, wieder bei ihr im Haselwurzpark zu übernachten. Im Lampenschein überlegte Hsiang-yün, wie sie die anderen bewirten könnte und welches Thema sie stellen sollte. Bau-tschai hörte ihr lange zu, und da nichts Passendes dabei herauskam, sagte sie schließlich: „Wenn der Bund tagt, muß einer den Gastgeber spielen. Auch wenn es nur Spaß ist, will doch alles gut bedacht sein. Man muß es selber bequem haben, ohne die andern vor den Kopf zu stoßen. Nur so macht es allen Vergnügen. Du aber bist zu Hause nicht dein eigener Herr, die paar Münzschnüre, die du bekommst, reichen nicht einmal für deine eigenen Ausgaben. Und doch hast du dir jetzt diese unnötige Bürde aufgeladen. Wenn deine Tante davon erfährt, wird sie dir erst recht böse sein. Aber selbst wenn du dein ganzes Geld opferst, reicht es nicht für die Bewirtung. Willst du etwa zu Hause mehr Geld fordern? Oder willst du hier welches verlangen?“ Durch diese Worte ernüchtert, wurde Hsiang-yün unschlüssig. Bau-tschai aber sagte: „Ich habe da eine Idee. Einer der Angestellten in unserer Pfandleihe fängt zu Hause auf den Feldern schöne fette Krabben. Neulich hat er uns ein paar Djin davon geschickt. Nun essen hier alle gern Krabben, von der alten gnädigen Frau bis zu uns im Garten, und neulich hat auch die Tante gesagt, sie wolle die alte gnädige Frau einladen, im Garten die Duftblüten zu bewundern und dabei Krabben zu essen. Sie hat es nur deshalb noch nicht getan, weil ihr etwas dazwischengekommen war. Wenn du in deiner Einladung den Dichterbund nicht erwähnst und wir warten, bis die anderen weg sind, können wir so viel Gedichte schreiben, wie wir wollen. Ich werde meinem Bruder sagen, wir brauchen ein paar Körbe große, fette Krabben und außerdem ein paar Behälter guten Wein aus dem Laden. Du bereitest dann vier, fünf Tische mit Obst vor, so ersparst du dir eine Menge Umstände, und doch können wir heiter und vergnügt sein.“ Als Hsiang-yün das hörte, war sie Bau-tschai von Herzen dankbar und lobte sie, weil sie alles so gründlich bedacht hatte. „Ich denke dabei nur an dich“, fuhr Bau-tschai lächelnd fort, „du darfst mir also nicht mißtrauen. Falls du etwa annimmst, ich schätzte dich gering, war unsere Freundschaft umsonst. Wenn du also keine Bedenken hast, werde ich befehlen, man solle sich um alles kümmern.“ Sofort antwortete Hsiang-yün mit einem Lächeln: „Du bist es, die hier mißtrauisch ist, wenn du so etwas sagst, liebe Kusine. Was wäre ich für ein Mensch, wenn ich Gut und Böse nicht unterscheiden könnte, egal wie dumm ich auch sonst immer sein mag! Wenn ich dich nicht als Schwester ansehen würde, hätte ich dir doch letztens nicht meine Alltagssorgen so offen erzählt.“ Nun rief Bau-tschai eine der Sklavenfrauen und befahl: „Geh hinüber und sag dem Herrn, wir brauchten ein paar Körbe von den großen Krabben, wie wir sie neulich hatten, denn ich hätte für morgen nach dem Essen die alte gnädige Frau und die Tante zur Duftblütenschau gebeten. Sag ihm, er soll es nur ja nicht vergessen, ich hätte die Einladungen heute schon ausgespro­chen!“ Die Alte verschwand, um es zu bestellen, und kam dann wieder. Doch davon muß hier nicht die Rede sein. Bau-tschai aber sagte weiter zu Hsiang-yün: „Das Thema für die Gedichte darf nicht zu neuartig und ungewöhnlich sein. Gibt es vielleicht in den Gedichten der Alten wunderliche Themen und abseitige Reime? Wenn das Thema zu seltsam und der Reim zu merkwürdig ist, kommen keine guten Gedichte zustande, das wäre nach der Art der kleinen Leute. Man scheut sich natürlich, in den Gedichten nur allbekannte Wörter zu gebrauchen, aber übermäßig originell dürfen sie auch wieder nicht sein. Wenn nur das Wichtigste, nämlich der Sinn, neuartig und klar ist, wirkt auch die Wortwahl nicht mehr profan. Und überhaupt gilt ja das Ganze nicht viel. Spinnen und Nähen ist das Grundlegende für mich und für dich. Wenn wir einmal Muße haben, ist es das beste, ein paar Abschnitte in einem Buch zu lesen, das von Nutzen für uns ist.“ Hsiang-yün stimmte ihr in allem zu, dann sagte sie lächelnd: „Ich habe mir gedacht, nachdem gestern Begoniengedichte geschrieben wurden, sollte ich jetzt Chrysanthemengedichte schreiben lassen. Was meinst du dazu?“ „Chrysanthemen passen zur Jahreszeit“, bestätigte Bau-tschai. „Aber es gibt zu viele Vorgänger zu diesem Thema.“ „Das glaube ich auch“, sagte Hsiang-yün. „Und ich fürchte, wir könnten in Schablonen verfallen.“ Bau-tschai überlegte, dann sagte sie: „Ich hab‘s! Die Chrysanthemen sollen nur die Ergänzung sein, der Mensch aber die Hauptsache. Dazu denken wir uns Themen aus zwei Begriffen aus, einem abstrakten und einem konkreten. Das Konkrete ist die Chrysantheme, das Abstrakte kann alles mögliche sein. So wird die Chrysantheme besungen, und gleichzeitig werden Vorgänge geschildert. Das hat noch keiner gemacht, und so können wir nicht in Schablonen verfallen. Einen Zustand zu schildern und zugleich einen Gegenstand zu besingen ist sowohl neuartig als auch elegant.“ „Das ist sicher sehr gut“, sagte Hsiang-yün lächelnd, „ich weiß bloß nicht, was für abstrakte Begriffe du meinst. Nenn mir ein Beispiel!“ Bau-tschai dachte nach, dann sagte sie: „‚Chrysanthementraum‘ wäre gut.“ „Das ist wirklich gut“, pflichtete Hsiang-yün ihr lächelnd bei. „Ich habe auch eins. ‚Chrysanthemenschatten‘ ginge doch, oder nicht?“ „Meinetwegen“, sagte Bau-tschai. „Nur hat es das schon gegeben. Wenn wir genug andere Themen haben, können wir es mit dazunehmen. Ich habe noch eins.“ „Dann sag es nur schnell!“ bat Hsiang-yün. „‚Chrysanthemen befragen‘, wie wäre das?“ schlug Bau-tschai vor. Hsiang-yün schlug vor Begeisterung mit der Hand auf den Tisch und sagte, es sei wunderbar. Dann fuhr sie fort: „Ich habe noch eins. Wie findest du ‚Chrysanthemen suchen‘?“ Bau-tschai lobte, das habe Geschmack, dann sagte sie: „Wir sollten zusehen, daß wir auf zehn Themen kommen, und sie niederschreiben!“ Kaum hatte sie das gesagt, rieben sie beide Tusche an und befeuchteten den Pinsel. Hsiang-yün schrieb auf, was Bau-tschai ihr nannte, und bald hatten sie zehn Themen beisammen. Hsiang-yün las sie durch, dann sagte sie lächelnd: „Zehn sind noch keine vollständige Serie. Wir sollten es auf zwölf bringen, damit sie komplett wird wie ein Album mit Kalligraphien oder Bildern!“ Als Bau-tschai das hörte, dachte sie sich noch zwei weitere Themen aus und machte die zwölf damit voll. Dann sagte sie: „Nun wollen wir sie auch geordnet aneinanderreihen!“ „Ja, so wird es noch schöner“, stimmte Hsiang-yün zu. „Da bekommen wir eine richtige Chrysanthemensammlung.“ „Das erste ist ‚denken an Chrysanthemen‘“, sagte Bau-tschai, „wenn man an sie denkt, hat man sie noch nicht, deshalb sucht man danach. Das zweite ist ‚Chrysanthemen suchen‘. Durch das Suchen findet man sie, dann kann man sie pflanzen. Das dritte ist ‚Chrysanthemen pflanzen‘. Hat man sie gepflanzt, dann blühen sie, und man wendet sich ihnen zu, um sie zu bewundern. Das vierte ist ‚Chrysanthemen zugewandt‘. Wenn man sich ihnen zuwendet und sich daran freut, bricht man sie ab und stellt sie in eine Vase, darum ist das fünfte ‚Chrysanthemen aufstellen‘. Stellt man sie sich hin, ohne sie zu besingen, bleiben sie farblos, darum ist das sechste ‚Lob der Chrysantheme‘. Wenn sie schon in Verse gesetzt sind, will man auch ein Bild davon haben, darum ist das siebente ‚Chrysanthemen malen‘. Nun hat man sich schon so viel mit den Chrysanthemen beschäftigt, aber man weiß noch nicht um ihre Feinheiten, darum möchte man Fragen stellen, und so ist das achte ‚Chrysanthemen befragen‘. Die Chrysanthemen scheinen die Fragen zu verstehen, und darüber kommt man vor Freude ganz außer sich. Das neunte ist ‚Chrysanthemen ins Haar stecken‘. Was der Mensch tun kann, ist damit erschöpft, aber an der Chrysantheme ist noch mehr zu besingen. ‚Chrysanthemenschatten‘ und ‚Chry­san­thementraum‘ sind das zehnte und elfte. Als letztes wird die Fülle der Themen durch ‚Verwelkte Chrysanthemen‘ zum Abschluß gebracht. So sind die Schönheiten und Freuden des Herbstes alle enthalten.“ Hsiang-yün schrieb die Themen noch einmal in der von Bau-tschai genannten Reihenfolge auf, las sie ein weiteres Mal durch und fragte dann: „Was für einen Reim wollen wir festlegen?“ „Zeit meines Lebens habe ich keine vorgeschriebenen Reime gemocht“, sagte Bau-tschai. „Wozu muß ein gutes Gedicht in Reime gefesselt sein? Wir wollen es nicht nach der Art der kleinen Leute machen, darum geben wir nur die Themen aus und legen keinen Reim fest. Wir wollen uns ja nur daran freuen, wenn jemand eine gute Zeile gelingt und uns nicht Qualen damit bereiten.“ „Du hast ganz recht“, erwiderte Hsiang-yün. „So werden die Gedichte bestimmt noch besser. Wir sind aber nur fünf, und es sind zwölf Themen. Soll etwa jeder von uns zwölf Gedichte machen?“ „Das wäre zu schwer“, meinte Bau-tschai. „Wir schreiben die Themen sauber ab und verlangen, daß siebensilbige Regelgedichte darüber geschrie­ben werden. Das Blatt heften wir morgen an die Wand, alle sehen es sich an, und jeder schreibt über das Thema, das ihm gefällt. Wer das Zeug hat, über alle zwölf Themen zu schreiben, kann das tun, und wer kein einziges schreiben kann, läßt es bleiben. Gewinner ist, wer Talent mit Schnelligkeit vereint. Sobald über alle zwölf Themen etwas geschrieben ist, darf keiner mehr etwas nachreichen, sonst wird er bestraft. Das ist alles.“ „Einverstanden!“ sagte Hsiang-yün, und erst als alles beraten war, löschten die beiden das Licht und legten sich schlafen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.