Hongloumeng/de/Chapter 40

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Kapitel 40

史太君两宴大观园

金鸳鸯三宣牙牌令

Als Bau-yü diese Meldung hörte, ging er sofort hinein und fand dort Hu-po, die vor dem Türschirm stand und zu ihm sagte: „Komm schnell herüber, man wartet auf dich, um etwas mit dir zu besprechen!“ Als Bau-yü in den Hauptraum trat, beriet die Herzoginmutter eben mit Dame Wang und den Mädchen des Hauses über die Gegeneinladung an Hsiang-yün, und Bau-yü sagte: „Ich habe da eine Idee! Wenn keine fremden Gäste dabei sind, sollten wir nicht eine bestimmte Anzahl von Gängen festlegen. Wir suchen nur ein paar Gerichte aus, wie sie jeder von uns gern ißt, die lassen wir zubereiten. Wir wollen uns auch nicht zusammen an große Tische setzen, sondern jeder bekommt ein hohes Tischchen für sich, mit ein oder zwei seiner Lieblingsgerichte darauf, dazu so eine Speiseschachtel mit vielen kleinen Fächern voll Näschereien und außerdem ein Weinkännchen. Wäre das nicht einmal etwas anderes?“ Kaum hatte die Herzoginmutter das gehört, sagte sie: „Du hast ganz recht!“ Und gleich befahl sie, der Küche folgenden Bescheid zu geben: „Morgen werden von unseren üblichen Lieblingsgerichten so viele gemacht, wie wir Personen sind, und in Speiseschachteln getan. Auch die Morgenmahlzeit wird im Garten serviert!“ Über der Beratung war es Zeit geworden, die Lampen anzuzünden. Von der Nacht ist nichts zu berichten. Als es am nächsten Morgen Zeit war aufzustehen, herrschte zum Glück klares Wetter. Schon im Morgengrauen war Li Wan auf den Beinen und beaufsichtigte die Sklavenfrauen und -mädchen, die das abgefallene Laub wegfegten, Tische und Stühle abwischten und Tee- wie Weingeschirr zurechtstellten. Da sah sie auf einmal, wie unter Fëng-örls Führung Oma Liu und Ban-örl in den Garten kamen. „So fleißig, junge gnädige Frau?“ sagte Oma Liu. „Ich dachte, weil du gestern nicht mehr wegkonntest, würdest du es heute eilig haben zu gehen“, gab Li Wan lächelnd zurück. Ebenfalls lächelnd, erwiderte Oma Liu: „Die alte gnädige Frau hat mich dabehalten, damit ich den heutigen Trubel miterleben kann.“ Jetzt holte Fëng-örl ein paar größere und kleinere Schlüssel hervor und sagte: „Unsere junge gnädige Frau meint, die hohen Tischchen, die im Garten vorhanden sind, würden wohl nicht ausreichen, darum sei es das beste, hier ins Obergeschoß zu gehen und die Tischchen herunterzuholen, die dort abgestellt sind, um sie heute einmal zu benutzen. Sie sagte noch, eigentlich müßte sie es selber machen, aber weil sie mit der gnädigen Frau zu sprechen habe, bitte sie Euch, die Türen zu öffnen und Leute mitzunehmen, die die Tischchen tragen.“ Li Wan befahl Su-yün, die Schlüssel an sich zu nehmen, und schickte eine Sklavenfrau ans Innentor, um von dort ein paar Sklavenjungen herzubeordern. Dann stellte sie sich vor dem Turm des Großen Anblicks auf und schaute zu, wie die Leute in den Brokatbestückten Turm hinaufstiegen und ein Tischchen nach dem anderen herunterholten. Sklavenjungen, -frauen und -mädchen, alle faßten mit zu, und im Nu waren zwanzig Tischchen heruntergebracht. „Nur nicht so hastig, als ob euch Teufel auf den Fersen wären!“ mahnte Li Wan. „Paßt auf, daß ihr nirgends mit den geschnitzten Kanten anstoßt!“ Dann wandte sie sich zu Oma Liu und forderte sie auf: „Geh hinauf und schau dich um!“ Darauf schien Oma Liu nur gewartet zu haben. Ohne ein Wort der Erwiderung zog sie Ban-örl hinter sich her und stieg die Treppen hinauf. Als sie dort in den Raum trat, sah sie, daß er mit Wandschirmen, Tischen, Stühlen und bemalten Laternen in allen Größen vollgestellt war. Oma Liu kannte sich mit solchen Dingen kaum aus. Sie sah nur bunten Glanz und wunderliche Formen, und nachdem sie ein paarmal den Namen Buddhas angerufen hatte, ging sie wieder hinunter. Als alle Leute unten und die Türen wieder verschlossen waren, sagte Li Wan: „Vielleicht steht der alten gnädigen Frau der Sinn danach und wir tun gut daran, herunterzuholen, was man zum Bootfahren braucht – kleine Beiboote, Stangen zum Staken, Ruder und Sonnensegel!“

Die Leute vom Gesinde sagten jawohl, schlossen die Türen noch einmal auf und brachten alles herunter. Dann beauftragte Li Wan einen Sklavenjungen, den Ruderfrauen zu bestellen, sie sollten ins Bootshaus gehen und zwei von den Booten herausstaken.

Während Li Wan eben noch aufgeregt die verschiedensten Anstalten traf, sah sie, wie die Herzoginmutter, von einem Menschenschwarm begleitet, bereits den Garten betrat. Rasch ging Li Wan ihr entgegen und sagte lächelnd: „Seid Ihr so begeistert, alte gnädige Frau, daß Ihr jetzt schon hier seid? Ich nahm an, Ihr wärt noch nicht frisiert, und habe eben erst Chrysanthemen gebrochen, um sie Euch bringen zu lassen.“ Während sie das sagte, brachte Bi-yüä schon eine große Schale aus grünem Hartjade in Lotosblattform, die mit Chrysanthemenblüten in den verschiedensten Farben gefüllt war. Die Herzoginmutter wählte eine dunkelrote Blüte aus und steckte sie sich ins Schläfenhaar. Als sie sich dann umwandte und dabei Oma Liu erblickte, sagte sie rasch mit einem Lächeln: „Komm her und steck dir auch eine Blume ins Haar!“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als Hsi-fëng Oma Liu schon bei der Hand faßte und herüberführte, wobei sie erklärte: „Ich werde dich schmücken!“ Mit diesen Worten steckte sie Oma Liu alle Blüten, die in der Schale lagen, kreuz und quer in die Haare, und die Herzoginmutter wie auch alle anderen kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. „Ich weiß gar nicht, durch welche tugendhaften Taten sich mein Kopf das Glück verdient hat, heute in solchem Glanz erstrahlen zu dürfen“, sagte Oma Liu. Die anderen aber rieten ihr: „Herunterreißen solltest du die Blumen und sie ihr ins Gesicht werfen! Wie einen alten Dämon hat sie dich ausstaffiert.“ „Jetzt bin ich alt, aber als ich jung war, bin ich auch eitel gewesen und habe Blumen und Puder geliebt“, bekannte Oma Liu, „darum geschieht es mir gerade recht, wenn ich heute als Putzteufel herumlaufen muß!“ Unter diesem Gespräch waren sie am Duftgetränkten Pavillon angelangt. Die Sklavenmädchen brachten ein großes brokatbezogenes Polster und legten es auf das hölzerne Ruhebett am Geländer. Sich an einer Säule stützend, setzte die Herzoginmutter sich nieder und befahl Oma Liu, sie solle neben ihr Platz nehmen. Dann fragte sie: „Gefällt dir der Garten?“ Oma Liu rief den Namen Buddhas an, dann erzählte sie: „Wir vom Lande kommen stets vor dem Neujahrsfest in die Stadt und kaufen Bilder, die wir uns an die Wand kleben. Und immer, wenn wir dann Muße haben, sagen wir: ‚Wie können wir es bloß anstellen, einmal in das Bild hineinzukommen, um dort spazierenzugehen?‘ Wir denken, das sei nur ausgedacht, was auf den Bildern zu sehen ist, so etwas könne es in Wirklichkeit nicht geben. Wer konnte ahnen, daß ich heute in einen Garten kommen würde, wo es schon auf den ersten Blick zehnmal schöner ist als auf den Bildern! Schade, daß nicht jemand da ist, der mir den Garten aufmalen kann! Dann könnte ich das Bild mit nach Hause nehmen und den andern zeigen. Ich gäbe mein Leben darum!“ Als die Herzoginmutter das hörte, wies sie auf Hsi-tschun und sagte: „Schau, das ist unsere jüngste Enkelin. Sie kann malen. Soll ich ihr sagen, daß sie ein Bild für dich malt?“ Kaum hatte Oma Liu dies vernommen, lief sie freudestrahlend zu Hsi-tschun hinüber, faßte sie bei der Hand und sagte: „Mein Mädelchen! So jung und so hübsch seid Ihr, und dann habt Ihr noch solche Fähigkeiten! Ihr seid doch nicht etwa eine Göttin in Menschengestalt?“ Nachdem die Herzoginmutter sich ein Weilchen ausgeruht hatte, übernahm sie persönlich die Führung, um Oma Liu alles zu zeigen. Zuerst gingen sie zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie durchs Tor traten, sahen sie, daß beiderseits des Weges grüner Bambus stand, auf dem Boden aber wuchs überall dunkles Moos. Der mit Steinen gepflasterte Pfad schlängelte sich dazwischen hindurch. Oma Liu überließ den Weg der Herzoginmutter mit ihrem Gefolge und ging selbst auf dem ungepflasterten Boden. „Komm zurück!“ sagte Hu-po und griff nach Oma Lius Hand. „Paß auf, daß du auf dem Moos nicht ausgleitest!“ „Keine Bange!“ erwiderte Oma Liu. „Wir sind so etwas gewöhnt. Geht Ihr nur auf dem Weg, es wäre schade, wenn Ihr Euch die gestickten Schuhe schmutzig machtet!“ Völlig in das Gespräch vertieft, achtete sie indes nicht auf den Weg, rutschte wirklich aus und lag im nächsten Augenblick, plumps! auf der Erde. Alles klatschte in die Hände und lachte schallend heraus, die Herzoginmutter aber schalt lächelnd: „Ihr kleinen Spitzbeine! Wollt ihr ihr nicht endlich aufhelfen, anstatt nur dazustehen und zu gackern?“ Während sie das sagte, hatte Oma Liu sich schon aufgerappelt, lachte mit und sagte: „Geschieht mir recht! Wenn man den Mund zu weit aufreißt, bekommt man eins drauf.“ „Hast du dir auch nichts getan?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. „Ich werde den Mägden befehlen, sie sollen dir die Hüfte klopfen!“ „Haltet Ihr mich für so zart?“ fragte Oma Liu. „Es vergeht doch kein Tag, ohne daß ich ein paarmal falle. Wo käme ich hin, wenn ich mich da jedesmal durchklopfen lassen wollte!“ Inzwischen hielt Dsï-djüan schon den Türvorhang aus Bambus hoch, und die Herzoginmutter trat mit den anderen ins Haus, wo sie Platz nahm. Dai-yü selbst brachte auf einem Tablett ein Deckelschälchen voll Tee und reichte es der Herzoginmutter. „Wir anderen wollen keinen Tee!“ sagte Dame Wang. „Die Mägde brauchen nichts einzugießen!“ Da ließ Dai-yü von einem Sklavenmädchen den Stuhl vor dem Fenster, auf dem sie selbst häufig zu sitzen pflegte, auf den zweiten Platz neben den der Herzoginmutter stellen und lud Dame Wang ein, sich darauf zu setzen. Als Oma Liu auf dem Tisch vor dem Fenster Schreibpinsel und Tuschereibsteine entdeckte und die Bücher sah, die sich auf dem Büchergestell häuften, sagte sie: „Dies ist bestimmt die Studierstube des jungen Herrn!“ Die Herzoginmutter aber wies lächelnd auf Dai-yü und sagte: „Ihre Räume sind das, sie ist mein Tochterkind.“ Nun musterte Oma Liu aufmerksam Dai-yü, ehe sie bemerkte: „Das sieht aber gar nicht aus wie ein Zimmer, in dem ein Fräulein stickt, sondern mehr wie die schönste Studierstube.“ „Warum ist Bau-yü nicht zu sehen?“ verlangte inzwischen die Herzoginmutter zu wissen. „Er ist im Boot auf dem Teich“, gaben die Sklavenmädchen ihr Auskunft. „Wer ist denn auf den Einfall gekommen, daß wir auch noch Boot fahren wollen?“ fragte die Herzoginmutter. Sofort berichtete Li Wan: „Als ich vorhin die Tischchen aus dem Turm geholt habe, dachte ich, es würde Euch vielleicht Spaß machen, Boot zu fahren, alte gnädige Frau. Darum habe ich alles dafür vorbereiten lassen.“ Eben wollte die Herzoginmutter etwas darauf erwidern, als gemeldet wurde: „Die gnädige Frau Tante kommt.“ Kaum hatte sich die Herzoginmutter mit den anderen zusammen erhoben, als Tante Hsüä schon hereintrat. Sie forderte alle auf, wieder Platz zu nehmen, dann sagte sie: „Habt Ihr so viel Vergnügen daran, daß Ihr schon so früh hier seid, alte gnädige Frau?“ Lächelnd erwiderte die Herzoginmutter: „Vorhin sagte ich noch, wer zu spät kommt, wird bestraft. Wie konnte ich ahnen, daß es Euch treffen würde!“ Nachdem sie ein Weilchen geplaudert hatten, entdeckte die Herzoginmutter, daß die Fenstergaze ausgeblichen war, und sagte zu Dame Wang: „Frisch aufgeklebt sieht diese Gaze wohl gut aus, aber nach eniger Zeit ist sie dann nicht mehr grün. Außerdem wächst hier im Hof auch kein Pfirsich- und kein Aprikosenbaum, nur grüner Bambus, dazu paßt grüne Fenstergaze ohnehin nicht. Ich kann mich erinnern, daß wir Fenstergaze in vier oder fünf Farben hatten. Wir sollten die Fenster hier morgen frisch bekleben lassen!“ Rasch schaltete Hsi-fëng sich ein und sagte: „Gestern war ich im Speicher und habe gesehen, daß in der großen Truhe noch einige Stücken rosafarbener ‚Zikadenflügelgaze‘ mit unterschiedlichen Mustern lagen – Blütenzweige, Hakenkreuze und Glückszeichen zwischen treibenden Wolken, Schmetterlinge inmitten von Blumen, alles war da. Die Farbe war frisch, der Stoff dünn und weich, so etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich habe zwei Stücken davon genommen, um Steppdecken für zwei Betten damit zu beziehen. Das wäre gut geeignet, glaube ich.“ „Puh!“ machte die Herzoginmutter und lächelte dabei, „alle sagen, es gebe nichts, womit du nicht vertraut wärst, nichts, was du nicht gesehen hättest, und da kanntest du nicht einmal diesen Stoff? Ich bin gespannt, ob du wohl in Zukunft den Mund weiter so voll nehmen wirst!“ Tante Hsüä lachte mit den anderen zusammen darüber, dann sagte sie: „Egal, was sie alles kennt und was sie alles gesehen hat, mit Euch kann sie sich trotzdem nicht messen, alte gnädige Frau! Wollt Ihr sie nicht belehren? Wir andern würden es auch gern hören!“ Hsi-fëng bat ebenfalls lächelnd: „Belehrt mich doch, liebe alte Ahne!“ „Diese Seidengaze ist älter als ihr“, sagte die Herzoginmutter und lächelte Tante Hsüä und den anderen zu. „Es ist auch kein Wunder, daß Hsi-fëng sie für Zikadenflügelgaze hält, denn sie ähnelt ihr tatsächlich, und jeder, der sie nicht kennt, hält sie dafür. Ihr richtiger Name lautet jedoch ‚Weihrauchgaze‘.“ „Das hört sich ebenfalls gut an“, unterbrach sie Hsi-fëng, „aber diesen Namen habe ich nie gehört, obwohl ich doch alt genug bin und schon Hunderte von Gazearten gesehen habe!“ „Wie alt kannst du schon sein, und was für Krempel kannst du schon gesehen haben, daß du dich derart aufspielst“, spottete die Herzoginmutter wieder. „Diese Weihrauchgaze gibt es nur in vier Farbtönen – ‚Klarer Himmel nach dem Regen‘, ‚Herbstduft‘, ‚Kieferngrün‘ und ‚Silberrot‘. Wenn man Vorhänge daraus macht oder die Fensterrahmen damit bespannt, sieht der Stoff von weitem wie Rauch oder Nebel aus, darum heißt er auch Weihrauchgaze. Die rosafarbene Sorte wird auch ‚Abendrotschattengaze‘ genannt. Selbst die Seidengaze, die man heutzutage am Kaiserhof verwendet, ist nicht so weich, stark, dicht und leicht wie diese.“ „Nicht nur, daß Hsi-fëng so etwas noch nicht gesehen hatte, selbst ich habe nie davon gehört“, sagte Tante Hsüä jetzt lächelnd. Inzwischen hatte Hsi-fëng, ohne das Gespräch zu unterbrechen, längst ein Stück Gaze holen lassen. „Die ist es!“ sagte die Herzoginmutter. „Anfangs war sie nur benutzt worden, um die Fensterrahmen damit zu bespannen, später aber probierten wir sie auch für Bettdecken und Vorhänge, und das ging sehr gut. Morgen suchst du ein paar Stücken heraus und läßt hier die Fenster rosa bekleben.“ Hsi-fëng versprach es, und nun sahen sich alle das Gazestück an, und ihr Lob nahm kein Ende. Auch Oma Liu konnte ihren Blick nicht davon wenden. Sie rief den Namen Buddhas an und sagte: „Unsereins kann nicht einmal davon träumen, sich aus so etwas Kleider machen zu lassen. Ist das nicht zu schade, um die Fenster damit zu bekleben?“ „Kleider daraus würden gar nicht gut aussehen“, erklärte ihr die Herzoginmutter, Hsi-fëng aber ließ rasch den Rand einer dunkelroten seidenen Unterjacke sehen, die sie trug, und sagte, an die Herzoginmutter und Tante Hsüä gewandt: „Seht Euch mal meine Jacke hier an!“ „Auch das ist beste Gaze“, sagten die beiden. „Die wird heute in den Palastwerkstätten für den Gebrauch bei Hofe gewebt, doch mit jener ist sie nicht zu vergleichen.“ „Das dünne Zeug, sagt Ihr, wird in den Palastwerkstätten für den Gebrauch bei Hofe gewebt?“ wunderte sich Hsi-fëng. „Das kann ja nicht einmal mit der Sorte mithalten, die für den Bedarf der Beamten bestimmt ist!“ „Such einmal nach!“ sagte die Herzoginmutter. „Ich glaube, davon muß auch noch dunkelblauer da sein. Wenn du ihn findest, soll Oma Liu ihn für einen Bettvorhang haben. Was übrigbleibt, wird mit passendem Futterstoff komplettiert, und die Mägde bekommen gefütterte Westen daraus. Was soll der Stoff unnütz herumliegen und stockfleckig werden!“ Hsi-fëng versprach es sogleich und ließ das Stoffmuster wieder wegtragen. Jetzt erhob sich die Herzoginmutter und schlug vor: „Wir wollen woandershin gehen, hier ist es zu eng!“ Ein weiteres Mal rief Oma Liu den Namen Buddhas an, ehe sie sagte: „Es heißt, große Leute wohnen in großen Räumen, und gestern habe ich gesehen, mit welch großen Truhen, Schränken, Tischen und Betten die Haupträume der alten gnädigen Frau ausgestattet sind. Das ist wirklich überwältigend. So ein Schrank ist ja größer und breiter als bei uns ein Zimmer. Kein Wunder, daß im Hof eine Leiter stand. Erst habe ich überlegt: ‚Was soll die Leiter? Hier steigt doch niemand aufs Dach, um etwas darauf zu trocknen!‘ Aber dann bin darauf gekommen, daß sie bestimmt gebraucht wird, wenn man etwas in die Schrankaufsätze tun will. Denn ohne Leiter kommt man dort nicht heran. Jetzt sehe ich, daß es in diesem Zimmerchen hier noch besser aussieht als dort in den großen Räumen. Über all die Dinge, die es hier gibt, kann ich nur staunen und weiß nicht einmal, wie man dazu sagt. Je länger ich mich hier umsehe, desto weniger möchte ich von hier fortgehen.“ „Es gibt aber noch Besseres als das hier“, versprach ihr Hsi-fëng. „Ich werde dir alles zeigen!“ Bei diesen Worten hatten sie die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß bereits verlassen, und weit in der Ferne sahen sie auf dem Teich einen Trupp Frauen die Boote staken. „Wenn nun einmal alles vorbereitet ist, wollen wir auch Boot fahren!“ entschied die Herzoginmutter und setzte sich in Richtung auf die Insel der Violetten Wassernüsse und den Knöterichstrand in Bewegung. Doch bevor sie an den Teich gelangt waren, näherte sich ihnen eine Gruppe von Sklavenfrauen, von denen jede eine große buntlackierte und mit Gold eingelegte Speiseschachtel trug. „Wo soll die Morgenmahlzeit aufgetragen werden?“ erkundigte sich Hsi-fëng sogleich bei Dame Wang. „Das wollen wir die alte gnädige Frau entscheiden lassen!“ lautete die Antwort. Die Herzoginmutter, die ihre Worte gehört hatte, wandte den Kopf und sagte: „Bei Tan-tschun wäre es schön, geh also mit den Leuten vor und laß das Essen richten! Wir aber fahren von hier mit den Booten hinüber.“

	Hsi-fëng machte kehrt und ging mit Tan-tschun, Li Wan, Yüan-yang, Hu-po und den Essenträgerinnen auf kürzestem Wege zur Studierstube Herbstfrische, wo sie in der Halle des Grüns am Morgen Tische und Stühle zurechtstellen ließ. Bei dieser Gelegenheit bemerkte Yüan-yang lächelnd: „Wir reden immer davon, daß die Herren, wenn sie auswärts essen und trinken, jemand haben, der den Spaßmacher für sie abgibt. Heute haben wir eine Spaßmacherin!“

Li Wan war zu harmlos, um das zu begreifen, Hsi-fëng aber verstand, daß Oma Liu gemeint war. Lachend sagte sie: „Ja, wir wollen sie tüchtig zum besten haben!“ Und schon berieten die beiden: „So und so...“ Lächelnd mahnte Li Wan: „Nichts als Unfug habt ihr im Sinn! Ihr seid doch keine kleinen Kinder mehr, daß ihr so ungezogen sein müßt. Paßt nur auf, daß die alte gnädige Frau euch nicht schilt!“ „Euch betrifft es ja nicht, laßt mich nur machen!“ erwiderte Yüan-yang lächelnd. Als sie das eben sagte, kam auch die Herzoginmutter mit ihrer Begleitung herein, und alle nahmen zwanglos Platz. Zuerst mußten die Sklavenmädchen zwei Tabletts mit Tee auftragen, und als alle getrunken hatten, brachte Hsi-fëng in einem europäischen Leinentuch einen Packen Eßstäbchen, die aus Ebenholz gefertigt und mit Silber beschlagen waren, und legte in der Reihenfolge der Rangordnung jedem sein Paar auf den Tisch. „Stellt das Tischchen aus Nan-mu-Holz hier herüber, damit Oma Liu in meiner Nähe sitzen kann!“ befahl die Herzoginmutter. Und kaum hatte das Gesinde ihre Worte gehört, wurde der Tisch gebracht. Hsi-fëng gab jetzt Yüan-yang rasch ein Zeichen mit den Augen, daraufhin nahm Yüan-yang Oma Liu bei der Hand und führte sie hinaus, wo sie ihr mit leiser Stimme ein paar Anweisungen erteilte. Dann fügte sie hinzu: „So ist es bei uns hier die Regel. Wenn du etwas falsch machst, wirst du ausgelacht.“ Anschließend ließ sie Oma Liu wieder hineingehen. Die Herzoginmutter hatte Bau-yü, Hsiang-yün, Dai-yü und Bau-tschai mit an ihrem Tisch, bei Dame Wang am Tisch saßen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun. Oma Lius Tischchen stand dicht bei der Herzoginmutter. Für gewöhnlich standen, wenn die Herzoginmutter aß, kleinere Sklavenmädchen an ihrer Seite und hielten Mundspülschale, Fliegenwedel und Mundtücher bereit, Yüan-yang aber versah dergleichen Dienste nicht mehr. Heute jedoch griff sie nach dem Fliegenwedel und begann ihn zu schwenken. Die anderen Sklavenmädchen, die wußten, daß es darum ging, Oma Liu zum Narren zu halten, räumten ihr willig das Feld. Yüan-yang stand auf ihrem Posten, zugleich erinnerte sie Oma Liu mit gesenkter Stimme: „Vergiß es nicht!“ „Seid unbesorgt, Fräulein!“ erwiderte Oma Liu. Als sie dann Platz genommen hatte und nach ihren Eßstäbchen griff, fand sie diese so schwer, daß sie ihren Fingern nicht gehorchten. Hsi-fëng hatte nämlich mit Yüan-yang verabredet, extra für Oma Liu ein Paar klobige alte Elfenbeinstäbchen mit Goldauflage auf den Tisch zu bringen. „Oh, diese Klötze sind ja noch schwerer als die eisernen Schaufeln, mit denen wir zu Hause den Boden umgraben. Wie soll ich denn damit fertig werden?“ wunderte sich Oma Liu. Alles lachte über diese Worte, und im selben Augenblick trat eine Sklavin mit einer Speiseschachtel ein und blieb an der Tür damit stehen. Eines der Sklavenmädchen trat auf sie zu und nahm den Deckel von der Schachtel. Li Wan nahm eine der beiden Schüsseln, die in der Schachtel standen, heraus und setzte sie auf den Tisch der Herzoginmutter, Hsi-fëng aber setzte absichtlich eine Schüssel mit Taubeneiern vor Oma Liu auf den Tisch. Jetzt sagte die Herzoginmutter: „Ich bitte!“ Da stand Oma Liu auf und verkündete mit lauter Stimme: „Ich bin die alte Mutter Liu und freß so viel wie eine Kuh. Ein ganzes fettes Mutterschwein schling ich mit einem Mal hinein.“ Anschließend klopfte sie sich auf die Wange und war wieder still. Zuerst waren alle wie versteinert, doch nachdem sie die Worte gehört hatten, brach hoch und niedrig in schallendes Gelächter aus. Hsiang-yün konnte nicht an sich halten und prustete den ganzen Mund voll Reis heraus. Dai-yü verschluckte sich, lag auf dem Tisch und japste. Bau-yü preßte seinen Kopf an die Brust der Herzoginmutter, diese aber legte den Arm um ihn und rief: „Mein Herz, meine Leber!“ Dame Wang richtete ihren Finger gegen Hsi-fëng, bekam aber vor Lachen kein Wort heraus. Auch Tante Hsüä konnte sich nicht beherrschen und prustete ihren Tee über Tan-tschuns Rock, die ihrerseits ihr Eßschälchen in Ying-tschuns Schoß entleerte. Hsi-tschun lief hinaus, zog ihre Amme mit sich und verlangte, sie solle ihr den Bauch massieren. Auch unter den Sklavinnen war keine, die sich nicht vor Lachen gebogen hätte. Während die einen hinausstürzten und sich dort auf die Erde hockten, um sich auszulachen, versuchten andere, sich zusammenzunehmen, und halfen den Mädchen des Hauses, die Kleider zu wechseln. Einzig Hsi-fëng und Yüan-yang verbissen sich das Lachen und bedienten Oma Liu unbeirrt weiter. Oma Liu hob ihre Eßstäbchen, merkte wieder, daß sie nicht damit zu Rande kam, und sagte: „Das müssen ja niedliche Hühner sein, die solche zierlichen Eier legen. Davon muß ich mir eins einficken!“ Eben erst waren alle wieder zur Ruhe gekommen, jetzt platzten sie über diese Worte wieder laut heraus. Die Herzoginmutter lachte Tränen, und Hu-po mußte ihr den Rücken klopfen. Dann sagte die Herzoginmutter: „Bestimmt steckt Hsi-fëng, dieses verschlagene kleine Biest, dahinter. Du darfst ihr nichts mehr glauben!“ Hsi-fëng aber ging darauf ein, daß Oma Liu die Eier so niedlich fand und sich eins davon ‚einficken‘ wollte, und erklärte ihr lächelnd: „Die kosten ein Liang Silber das Stück. Probier nur schnell eins! Wenn sie kalt sind, schmecken sie nicht mehr.“ Also hob Oma Liu wieder die Stäbchen, um ein Ei damit zu fassen, aber wie sollte das wohl gelingen! Die ganze Schüssel wühlte sie durch, ehe sie endlich eins erwischt hatte. Schon streckte sie den Hals, um sich das Ei in den Mund zu schieben, aber da entglitt es ihren Eßstäbchen und rollte über den Boden. Rasch legte Oma Liu die Eßstäbchen nieder und wollte sich selbst danach bücken, doch schon hatte es eins der Sklavenmädchen gegriffen und trug es hinaus. „Ein Liang Silber ist futsch, ohne daß es auch nur piep! gemacht hätte“, seufzte Oma Liu.

	Keiner der Anwesenden hatte mehr Lust zu essen. Jeder schaute nur nach Oma Liu und lachte.

„Wer hat denn diese Eßstäbchen hervorgekramt?“ fragte jetzt die Herzoginmutter. „Ist denn das noch ein Gastmahl oder ein Festessen? Das hat doch alles nur Hsi-fëng ausgeheckt. Wollt ihr nicht endlich andere Eßstäbchen bringen?“ Nun waren es ja nicht die Sklavenmädchen gewesen, die diese Eßstäbchen aufgelegt hatten, sondern Hsi-fëng und Yüan-yang, dennoch trugen sie die elfenbeinernen Ungetüme nach dieser Mahnung der Herzoginmutter rasch hinaus und brachten statt dessen ein anderes Paar aus Ebenholz mit Silberbeschlägen, wie es auch alle anderen bekommen hatten. „Die mit Gold bin ich los, dafür bekomme ich welche mit Silber“, sagte Oma Liu. „Aber die sind auch nicht so bequem wie die, die wir bei uns im Dorf nehmen.“ „Dafür sieht man es dem Silber sofort an, wenn Gift im Essen ist“, erläuterte Hsi-fëng. „Wenn dieses Essen hier giftig sein soll, ist das, was wir bei uns zu Hause essen, das reine Arsenik“, sagte Oma Liu. „Wenn ich mich auch daran vergifte, werde ich doch alles aufessen!“ Als die Herzoginmutter sah, wie sich Oma Liu über alles freute und wie gut es ihr schmeckte, ließ sie ihr ihre eigenen Speisen hinüberreichen und gab extra einer alten Sklavin den Auftrag, auch Ban-örl von allen Gerichten etwas aufzutun. Bald darauf war das Essen beendet, und die Herzoginmutter ging mit den anderen in Tan-tschuns Wohngemächer hinüber, um dort zu plaudern. Hier aber wurden die Tische abgeräumt, und anschließend wurde einer davon frisch eingedeckt. Als Oma Liu sah, daß Li Wan und Hsi-fëng sich an diesem Tisch einander gegenübersetzten, um zu essen, sagte sie mit einem Seufzer: „Von allem anderen einmal abgesehen, gefällt es mir, wie es hier zugeht.de ich doch alles aufessen!“ Als die Herzoginmutter sah, wie sich Oma Liu über alles freute und wie gut es ihr schmeckte, ließ sie ihr ihre eigenen Speisen hinüberreichen und gab extra einer alten Sklavin den Auftrag, auch Ban-örl von allen Gerichten etwas aufzutun. Bald darauf war das Essen beendet, und die Herzoginmutter ging mit den anderen in Tan-tschuns Wohngemächer hinüber, um dort zu plaudern. Hier aber wurden die Tische abgeräumt, und anschließend wurde einer davon frisch eingedeckt. Als Oma Liu sah, daß Li Wan und Hsi-fëng sich an diesem Tisch einander gegenübersetzten, um zu essen, sagte sie mit einem Seufzer: „Von allem anderen einmal abgesehen, gefällt es mir, wie es hier zugeht. Nicht umsonst sagt man ‚Die Riten nehmen ihren Ausgang in den großen Familien.‘“ Lächelnd bat Hsi-fëng: „Du mußt dir nichts dabei denken, daß alle so gelacht haben!“ Sie hatte noch nicht ausgesprochen, als auch Yüan-yang wieder hereinkam und lächelnd sagte: „Sei mir nicht böse, Oma! Ich bitte um Vergebung!“

Aus: Jinyuyuan 1889b. „Was sagt Ihr da, Fräulein!“ protestierte Oma Liu. „Wir haben doch nur die alte gnädige Frau ein bißchen zum Lachen gebracht, warum sollte ich da böse sein! Es war mir gleich klar, als Ihr mir Eure Anweisungen gegeben habt, daß es Euch nur darum zu tun war, daß alle etwas zum Lachen haben. Wenn ich das übelgenommen hätte, hätte ich den Mund gehalten.“ „Warum gießt ihr der Oma keinen Tee ein?“ schalt Yüan-yang die Sklavenfrauen. „Eben hatte mir die junge Herrin schon Tee eingegossen, und ich habe getrunken“, bedankte sich Oma Liu. „Aber Ihr müßt auch etwas essen, Fräulein!“ Da griff Hsi-fëng nach Yüan-yangs Hand und forderte sie auf: „Setz dich zu uns und iß mit! Dann sparst du zu Hause die Umstände.“ Also nahm Yüan-yang Platz, und die Sklavenfrauen brachten ein drittes Gedeck. Als die drei aufgegessen hatten, bemerkte Oma Liu mit lächelnder Miene: „Ihr eßt ja hier alle nur ein paar Häppchen, und schon ist Schluß. Daß Ihr dabei nicht hungrig seid! Kein Wunder, wenn Euch jeder Wind umpustet!“ „Was ist mit dem vielen Essen geworden, das heute übriggeblieben ist?“ erkundigte sich unterdessen Yüan-yang. „Es ist noch alles da“, erwiderten die Sklavenfrauen. „Die andern warten, daß es verteilt wird.“ „Sie schaffen es nicht, das alles aufzuessen!“ meinte Yüan-yang und befahl: „Sucht zwei Schüsseln davon aus und bringt sie für Ping-örl in die Räume der Frau des zweiten jungen Herrn!“ „Ping-örl hat schon lange gegessen und braucht nichts davon“, wandte Hsi-fëng ein. „Wenn sie es nicht ißt, füttert sie eben Eure Katzen damit!“ entschied Yüan-yang. Als die Sklavenfrauen das hörten, wählten sie rasch zwei Gerichte aus und trugen sie in einer Speiseschachtel fort. „Wo ist Su-yün?“ erkundigte sich nun Yüan-yang. „Was willst du von ihr?“ fragte Li Wan. „Sie essen alle gemeinsam hier.“ „Na, dann nicht“, sagte Yüan-yang. „Aber Hsi-jën ist nicht mit hier“, erinnerte Hsi-fëng. „Ihr solltest du zwei Gerichte bringen lassen!“ Also befahl Yüan-yang, auch ihr zwei Schüsseln hinzutragen. Dann fragte sie die Sklavenfrauen noch: „Die Schachteln mit dem Naschwerk zum Wein sind doch gefüllt?“ „Das dauert wohl noch ein bißchen“, sagten die Sklavenfrauen. „Dann bringt sie etwas auf Trab!“ befahl Yüan-yang, und die Sklavenfrauen versprachen es. Jetzt ging auch Hsi-fëng mit ihrem Gefolge in Tan-tschuns Wohnräume hinüber, wo jung und alt eben miteinander scherzte. Tan-tschun, die Wert auf Geräumigkeit legte, hatte ihre drei Zimmer nicht durch Trennwände voneinander abteilen lassen. In der Mitte stand ein großer Tisch aus Palisander und Marmor, auf dem sich Alben mit Steinabreibungen von Kalligraphien berühmter Meister häuften. Dutzende wertvoller Tuschereibsteine lagen dort, aus den verschiedenartigsten Pinselbechern ragte ein Wald von Schreibpinseln auf, und an der Seite stand ein scheffelgroßer Blumenbehälter aus Ju-dschou-Keramik, der voller ‚Kristallkugel‘-Chrysanthemen steckte. An der Westwand hing ein Bild ‚Nebel und Regen‘ von Mi Fu , links und rechts davon ein Parallelsatzpaar von der Hand des Yän Dschën-tjing , das lautete: „Müßige Knochen in Nebel und Dunst, freies Leben an Felsen und Quellen.“ Auf einem zweiten Tisch stand hier ein großer bronzener Dreifußkessel, links davon lagen auf einem großen Teller aus Da-guan-Porzellan, der einen Untersetzer aus Padoukholz hatte, Dutzende lieblich zartgelber Buddhahand-Zitronen , und rechts davon hingen an einem lackierten Gestell ein Klangstein aus weißem Jade in Gestalt eines Doppelfisches sowie ein Schlegel dafür. Ban-örl, der sich inzwischen schon heimischer fühlte, griff nach dem Schlegel, um den Klangstein damit anzuschlagen. Als die Sklavenmädchen gerade noch rechtzeitig dazwischentraten, verlangte er, er wolle eine Buddhahand-Zitrone essen. Tan-tschun wählte eine der Früchte für ihn aus und gab sie ihm mit den Worten: „Hier, nimm! Aber nur damit spielen, das ist nichts zum Essen!“ An der Ostwand des Raumes stand ein großes Himmelbett mit hohen Beinen und einem hölzernen Tritt. Die Bettvorhänge aus gelbgrüner Seide waren von beiden Seiten mit Blumen- und Insektenmustern bestickt. Im Nu stand Ban-örl davor und staunte die Vorhänge an. „Hier ist ein Heimchen“, rief er, „und hier ist ein Heuhüpfer!“ Rasch gab ihm Oma Liu eine Ohrfeige und schimpfte: „Mißratener Bengel, du! Schmutzig, wie du bist, tobst du hier herum! Du durftest mit herein, um dir alles anzugucken, jetzt aber wirst du frech!“ Sofort fing Ban-örl an zu weinen und beruhigte sich erst, als alle begütigend auf ihn einsprachen. Die Herzoginmutter schaute ein Weilchen durchs Gazefenster in den Innenhof, dann sagte sie: „Schön sind die Wu-tung-Bäume unter dem Dachvorsprung, nur ein wenig zu spärlich!“ Während sie das eben sagte, war mit einem plötzlichen Windstoß verschwommener Trommelklang zu hören, und so fragte sie: „In wessen Familie ist da eine Hochzeit? Wir müssen ja hier dicht an der Straße sein!“ „Wie könnte man wohl bis hierher die Geräusche von der Straße hören!“ erklärte Dame Wang lächelnd. „Das sind unsere kleinen Schauspielerinnen, die ihre Proben mit Musik begleiten.“ „Warum wollen wir sie nicht hierher rufen, um zu proben, wenn sie einmal beim Proben sind?“ regte die Herzoginmutter an. „Sie könnten einen Spaziergang machen, und wir hätten ein Vergnügen!“ Sofort erteilte Hsi-fëng jemandem den Befehl, loszugehen und die Schauspielerinnen zu rufen. Zugleich ordnete sie an, schmale Tische zusammenzustellen und roten Filz darüber zu breiten. „Laß besser in dem Wasserpavillon vom Kiosk des Lotoswurzelduftes alles dafür herrichten!“ schlug die Herzoginmutter weiter vor. „Mit dem Geräusch von Wasser im Hintergrund hört es sich noch besser an. Und wir trinken unseren Wein unten im Brokatbestückten Turm. Dort ist Platz genug, und gut hören können wir auch!“ „Ja“, sagten alle, „dort ist es schön!“ „Gehen wir also!“ wandte sich die Herzoginmutter an Tante Hsüä. „Die Mädchen haben es sowieso nicht gern, wenn sie Besuch bekommen, weil sie fürchten, dass man ihnen die Zimmer schmutzig macht. Also wollen wir uns nicht so stellen, als ob wir nichts davon wüßten! Wir fahren jetzt ein Stück mit dem Boot, und dann trinken wir Wein!“ Alle erhoben sich und gingen hinaus, Tan-tschun aber bemerkte lächelnd: „Wie könnt Ihr so etwas sagen, alte gnädige Frau! Ihr wart es, die nicht konntet, wenn ich Euch und die Tante einmal gebeten habe, mich zu besuchen.“ „Meine Tan-tschun ist schon ein gutes Mädchen“, erklärte die Herzoginmutter lächelnd, „nur unsere beiden ‚Jadesteine‘ sind gräßlich. Wenn wir nachher betrunken sind, gehen wir zu ihnen und randalieren!“ Alle lachten darüber, während sie gemeinsam hinausgingen. Nach kurzem Fußweg waren sie am Inselchen der Seekannenblätter, wo schon die Ruderfrauen, die man einst aus Gu-su geholt hatte, mit zwei Booten aus Birnenholz warteten. Alle waren der Herzoginmutter beim Einsteigen behilflich. Dame Wang, Tante Hsüä, Oma Liu, Yüan-yang und Yü-tschuan stiegen mit in dasselbe Boot. Zum Schluß stieg auch noch Li Wan dazu. Hsi-fëng folgte ihr, stellte sich vorn ins Boot und wollte staken. „Das ist kein Kinderspiel!“ warnte die Herzoginmutter aus der Kabine, „zwar sind wir hier nicht auf dem Fluß, aber doch ist es recht tief. Also komm schnell herein!“ Lächelnd erwiderte Hsi-fëng: „Nur keine Bange! Seid ganz unbesorgt, alte Ahne!“ Damit stakte sie unbeirrt auf die Mitte des Teiches zu. Aber das Boot war klein und überladen, und Hsi-fëng merkte, wie es zu schwanken begann. Darum gab sie die Stange rasch einer Ruderfrau und hockte sich nieder. Tan-tschun war mit den übrigen Mädchen und mit Bau-yü in das zweite Boot gestiegen, das dem ersten folgte. Die Sklavenfrauen und -mädchen gingen am Ufer nebenher. „Die zerfetzten Lotosblätter sehen aber häßlich aus“, sagte Bau-yü. „Warum hat man sie noch nicht ausreißen lassen?“ „Es war doch jetzt niemals Ruhe im Garten“, erwiderte Bau-tschai. „Tag für Tag sind wie hier spazierengegangen. Wann also hätte man Leute zum Saubermachen herschicken sollen?“ Dai-yü aber sagte: „Ich mag eigentlich Li Schang-yins Gedichte überhaupt nicht, eine Zeile jedoch gefällt mir – ‚Ich laß den zerschlissenen Lotos stehn und lausche dem Trommeln des Regens.‘ Ihr dagegen wollt die Blätter ausreißen.“ „Die Zeile ist wirklich schön“, gab Bau-yü zu. „Wir werden die Blätter nicht ausreißen lassen!“ Als er das eben sagte, hatten sie schon die Hexenzwirnbucht am Blumengestade erreicht. Hier war es eisig kühl. Die vertrockneten Grasbüschel auf beiden Seiten und die verwelkten Wassernußpflanzen unterstrichen das herbstliche Bild. Beim Anblick der sauberen, geräumigen Bauten am Ufer fragte die Herzoginmutter: „Hier wohnt wohl Bau-tschai?“ „Ja“, lautete einstimmig die Antwort. Daraufhin befahl die Herzoginmutter anzulegen, und alle stiegen über die steilen steinernen Stufen hinauf. Als sie den Haselwurzpark betraten, stieg ihnen ein fremdartiger Geruch in die Nase. Durch die zunehmende Kälte prangten die seltenen Stauden und die bizarren Schlingpflanzen in noch tieferem Grün, überall hingen liebliche Früchte daran, die aussahen wie Korallenkügelchen. Dann traten sie ins Haus und fühlten sich in eine Schneehöhle versetzt, so kahl war der Raum, der nicht den geringsten Schmuck aufwies. Nur auf dem Tisch stand eine Vase aus grobem Ding-dschou-Porzellan mit ein paar Chrysanthemen darin, außerdem standen dort ein Teekästchen und Teetassen, daneben lagen zwei Bücher, sonst nichts. Am Bett hing nur ein Vorhang aus dunkelblauer Seidengaze, Decken und Polster waren genauso schlicht. „Das Mädel ist zu bescheiden“, sagte die Herzoginmutter seufzend. Dann fragte sie: „Warum hast du dir nicht von deiner Tante etwas geben lassen, um dir das Zimmer einzurichten, wenn ihr selbst nichts habt? Ich hatte mir keine Gedanken darüber gemacht und nicht bedacht, daß ihr natürlich alles zu Hause gelassen und nichts mitgebracht habt.“ Und schon befahl sie Yüan-yang, ein paar Antiquitäten holen zu gehen. Anschließend schalt sie Hsi-fëng: „Warum bist du so kleinlich und hast deiner Kusine nicht ein paar Sachen zur Ausstattung gegeben?“ Aber lächelnd erklärten ihr Dame Wang und Hsi-fëng: „Sie selbst hat uns alles zurückbringen lassen, was wir ihr schickten.“ Und Tante Hsüä ergänzte ebenfalls lächelnd: „Sie hat sich schon zu Hause nicht viel aus solchen Dingen gemacht.“ „So geht das aber nicht“, sagte die Herzoginmutter kopfschüttelnd, „auch wenn sie es einfacher haben möchte – was macht das auf die Verwandten für einen Eindruck, wenn sie zu Besuch kommen! Zum anderen ist es einfach tabu für junge Mädchen, ihre Zimmer so ohne jeden Luxus einzurichten. Dann müßten ja wir alten Weiber nachgerade in den Pferdestall ziehen! Ihr wißt doch, wie elegant die Räume der jungen Fräulein in den Romanen und Theaterstücken geschildert werden. Auch wenn unsere Mädchen sich mit solchen Fräulein nicht zu messen wagen, dürfen sie doch auch nicht zu sehr aus dem Rahmen fallen. Es liegen schließlich genug solcher Sachen fix und fertig herum, die man nur aufzustellen braucht. Und wenn sie es unbedingt einfach haben möchte, muß sie sich ja nicht so viel davon hinstellen. Ich habe mich seinerzeit bestens darauf verstanden, mir die Zimmer schön einzurichten, aber jetzt bin ich alt und habe nicht mehr den müßigen Sinn dafür. Auch unsere Mädchen müssen es lernen, wie man einen Raum schön herrichtet. Das einzige, was man dabei fürchten muß, ist Gewöhnlichkeit. Durch eine schlechte Anordnung werden schöne Dinge ihrer Schönheit beraubt. Aber wie mir scheint, haben unsere Mädchen keinen vulgären Geschmack. Dein Zimmer werde ich dir schmücken, und ich verbürge mich dafür, daß es zugleich großzügig und schlicht aussehen wird. Ich habe ein paar Sachen aus meinem persönlichen Besitz, die ich bis heute aufbewahrt habe, ohne sie Bau-yü zu zeigen. Wenn er sie zu sehen bekommen hätte, wäre ich sie längst losgeworden.“ Damit rief sie Yüan-yang zu sich und trug ihr auf: „Du holst die Miniaturlandschaft aus Steinen und den kleinen Setzschirm aus Seidengaze, dazu den Dreifußkessel aus schwarzem Speckstein. Wenn diese drei Sachen auf den Tisch kommen, ist es genug. Dann bringst du noch Kalligraphien und einfarbige Tuschmalereien mit und außerdem einen Bettvorhang aus weißer Seide, den du gegen diesen hier austauschst!“ Yüan-yang versprach es zu tun, wandte aber ein: „Die Sachen liegen alle im Obergeschoß des Ostbaus, und wer weiß in welcher Truhe! Ich muß in Ruhe danach suchen. Es reicht doch, wenn ich sie morgen hole!“ „Morgen oder übermorgen reicht es vollkommen“, stimmte die Herzoginmutter zu, „hauptsache, daß du es nicht vergißt!“ Nach diesen Worten blieben sie noch ein Weilchen sitzen, dann gingen sie geradewegs zum Brokatbestückten Turm. Hier traten Wën-guan und die anderen Schauspielerinnen heran, um ihren Gruß zu entbieten. Dann erkundigte sich Wën-guan: „Welches Stück sollen wir zur Probe aufführen?“ „Wählt nur selbst ein paar Szenen aus, die ihr noch proben müßt, und führt uns die vor!“ sagte die Herzoginmutter. Daraufhin traten Wën-guan und die übrigen Schauspielerinnen ab und begaben sich zum Kiosk des Lotoswurzelduftes. Mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein. Inzwischen hatte das Gesinde unter Hsi-fëngs Leitung im Brokatbestückten Turm alles sorgfältig hergerichtet. An den Ehrenplätzen stand links und rechts je ein Polsterbett, darauf lagen seidene Hüllen und wollene Decken. Vor jedem Bett standen zwei lackgeschnitzte Tischchen, eins mit Zierapfelblütenmuster, eins mit Aprikosenblütenmuster, eins mit Lotosblattmuster und eins mit Sonnenblumenmuster, die einen eckig, die anderen rund, so daß jedes eine andere Form hatte. Jeweils auf einem dieser Tischchen standen ein Satz Räuchergeräte und eine Speiseschachtel mit Leckereien, das andere Tischchen aber war leer und sollte die Speisen aufnehmen, die jeder gern essen wollte. Die beiden Polsterbetten mit den Tischchen davor waren für die Herzoginmutter und Tante Hsüä bestimmt. Dame Wang bekam einen Stuhl und zwei Tischchen, die übrigen je einen Stuhl und ein Tischchen. Östlich von den Polsterbetten saß Oma Liu, links von ihr Dame Wang. Westlich von den Polsterbetten saß Hsiang-yün, an zweiter Stelle Bau-tschai, an dritter Stelle Dai-yü, und rechts von ihr saßen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun. Bau-yü aber saß ganz am Rand. Die Tischchen für Li Wan und Hsi-fëng waren zwischen dem Geländer und den Gazevorhängen aufgestellt. Die Speiseschachteln mit dem Naschwerk wiesen dieselben Muster auf wie die Tischchen. Jeder hatte noch ein Weinkännchen aus Schwarzsilber mit fremdländischer Ziselierung und einen Cloisonnébecher. Nachdem alle Platz genommen hatten, sagte die Herzoginmutter lächelnd: „Wir wollen erst einmal etwas trinken! Aber richtigen Spaß macht es nur, wenn wir ein Trinkspiel spielen.“ „Ihr kennt Euch natürlich mit schönen Trinkspielen aus, alte gnädige Frau, aber woher sollten wir uns darauf verstehen!“ protestierte Tante Hsüä. „Wenn Ihr Euch vorgenommen habt, uns betrunken zu machen, trinken wir ein paar Becher mehr, und schon ist erreicht, was Ihr wollt.“ „Seid Ihr auf einmal so schüchtern?“ fragte die Herzoginmutter lächelnd. „Ihr meint wohl, ich sei zu alt für so etwas?“ „Ich bin nicht schüchtern, ich habe einfach Angst, daß ich keine richtige Antwort weiß und ausgelacht werde“, erklärte Tante Hsüä lächelnd. „Wer nicht richtig antworten kann, braucht bloß einen Becher Wein zu trinken“, schaltete Dame Wang sich rasch ein. „Und wer betrunken ist, der geht und legt sich schlafen. Wer wird uns auslachen!“ Nun nickte Tante Hsüä lächelnd und sagte: „Na gut, spielen wir also! Aber dann muß zuerst die alte gnädige Frau einen Becher trinken, wie es dem Spielleiter zukommt!“ „Das versteht sich von selbst“, sagte die Herzoginmutter lächelnd und leerte ihren Becher. Schnell trat jetzt Hsi-fëng in die Mitte und schlug vor: „Wenn wir schon ein Trinkspiel machen, soll Schwester Yüan-yang es leiten! Dann wird es noch besser!“ Weil alle wußten, daß ein Trinkspiel, das von der Herzoginmutter geleitet wurde, bestimmt von Yüan-yang empfohlen war, sagten sie jetzt: „Völlig richtig!“ Also griff Hsi-fëng rasch nach Yüan-yangs Hand und zog das Mädchen nach vorn. „Wenn sie mitspielt, gibt es keinen Grund, warum sie stehen sollte!“ sagte Dame Wang lächelnd. Sie wandte den Kopf und befahl einem der kleineren Sklavenmädchen: „Stell noch einen Stuhl an den Tisch der jungen Herrin!“ Halb sich sträubend, halb sich fügend, nahm Yüan-yang Platz, trank ihren Becher aus und verkündete: „Trinkregeln sind nicht weniger streng als Kriegsregeln. Über hoch und niedrig bin jetzt ich der alleinige Herrscher, und wer gegen meine Worte verstößt, der wird bestraft!“ Dame Wang und alle anderen versprachen lächelnd: „So soll es sein! Fang nur schnell an!“ Doch ehe Yüan-yang wieder den Mund aufmachen konnte, verließ Oma Liu ihren Platz, winkte mit der Hand ab und sagte: „So lasse ich mich nicht zum besten halten, ich gehe nach Hause!“ „Kommt nicht in Frage!“ erklärten alle einhellig, und Yüan-yang erteilte den kleineren Sklavenmädchen den Befehl: „Bringt sie zurück!“ Wirklich zerrten die Mädchen Oma Liu lachend auf ihren Sitz zurück. „Verschont mich doch!“ rief Oma Liu, aber Yüan-yang drohte: „Noch ein Wort, und du trinkst zur Strafe eine ganze Kanne Wein!“ Jetzt erst gab Oma Liu Ruhe, und Yüan-yang konnte erklärren: „Ich nenne die Namen von Dominosteinen, und zwar fange ich bei der alten gnädigen Frau an und gehe dann weiter, bis zum Schluß Oma Liu an der Reihe ist. Von jedem Satz aus drei Steinen nenne ich zuerst die Bezeichnung für jeden einzelnen Stein und dann die für den ganzen Satz, und jedesmal muß eine Zeile aus einem Gedicht oder aus einem Lied, ein geflügeltes Wort oder ein Sprichwort dazu gefunden werden. Wer es falsch macht, muß einen Strafbecher trinken.“ „Das Spiel ist gut“, sagten alle. „Fang an!“ „Hier habe ich einen Satz“, begann Yüan-yang. „Der linke Stein ist ein ‚Himmel‘. „Über uns der Himmel wacht“, sagte die Herzoginmutter. „Gut!“ lobten alle. „Der mittlere Stein ist eine Fünf und eine Sechs“, fuhr Yüan-yang fort. „Die Sechs Brücken, von Aprikosenblüten verhüllt“, sagte die Herzoginmutter. „Der letzte Stein ist eine Sechs und eine Eins“, verkündete Yüan-yang. „Der Sonnenball steigt zwischen dunklen Wolken auf“, sagte die Herzoginmutter. „Zusammen ergibt es einen ‚strubbeligen Teufel‘“, erklärte Yüan-yang. „Dieser Teufel packt Dschung Kuee am Bein“, sagte die Herzoginmutter. „Das war bestens!“ lobten alle lachend, und die Herzoginmutter trank einen Becher Wein. „Hier ist wieder ein Satz“, begann Yüan-yang die nächste Partie. „Der linke Stein ist eine doppelte Fünf.“ „Aprikosenblüten tanzen im Wind“, sagte Tante Hsüä. „Und der rechte Stein ist wieder eine doppelte Fünf“, fuhr Yüan-yang fort. „Im zehnten Monat zieht Aprikosenduft über die Hänge“, sagte Tante Hsüä. „In der Mitte eine Zwei und eine Fünf, das macht zusammen sieben“, ging Yüan-yang weiter. „Am siebenten siebenten trifft Hirte sich mit Weberin“, sagte Tante Hsüä. „Zusammen ergibt es ‚Der Gott Örl-lang besucht die Fünf Berge‘ “, schloß Yüan-yang. „Des Menschen Freude kommt nicht der von Göttern gleich“, sagte Tante Hsüä. Alle spendeten ihr Lob und tranken gemeinsam Wein, dann nahm wieder Yüan-yang das Wort. „Hier habe ich den nächsten Satz“, begann sie. „Der linke Stein ist eine doppelte Eins.“ „Sonne und Mond bescheinen Himmel und Erde“, sagte Hsiang-yün. „Der rechte Stein ist noch eine doppelte Eins“, fuhr Yüan-yang fort. „Stumm fallen die welken Blüten zu Boden“, sagte Hsiang-yün. „Zum Schluß kommen eine Eins und eine Vier“, verkündete Yüan-yang. „Die feurige Sonne schwebt über rosigen Blüten“, sagte Hsiang-yün. „Zusammen ergibt es ‚Neun reife Kirschen‘“, beendete Yüan-yang diese Partie. „Die Vögel stehlen sie aus Kaisers Garten“, sagte Hsiang-yün und trank ihren Wein. „Nun der nächste Satz!“ sprach Yüan-yang weiter. „Der linke Stein ist eine doppelte Drei.“ „Schwalben zwitschern im Dachgebälk“, sagte Bau-tschai. „Der rechte Stein ist wieder eine doppelte Drei“, erklärte Yüan-yang. „Den Seekannengürtel schaukelt die Flut“, sagte Bau-tschai. „Der mittlere Stein ist eine Drei und eine Sechs“, fuhr Yüan-yang fort. „Drei Berge versinken am Himmelsrand“, sagte Bau-tschai. „Zusammen ist es ‚Ein einsames Boot an eisernen Ketten‘ “, brachte Yüan-yang diese Partie zum Abschluß. „Überall Wogen, überall Wind, überall Kummer und Sorgen“, sagte Bau-tschai darauf. Nachdem Bau-tschai getrunken hatte, eröffnete Yüan-yang die nächste Partie mit den Worten: „Links ist ein ‚Himmel‘.“ „Prächtiger Himmel, herrliches Bild, doch ich weiß mich nicht zu lassen“, sagte Dai-yü. Als Bau-tschai das hörte, wandte sie den Kopf und warf Dai-yü einen Blick zu, diese aber ging aus Furcht vor einer Trinkstrafe nicht darauf ein. „In der Mitte ein ‚Schöner Wandschirm‘“, fuhr Yüan-yang fort. „Steht da nicht Hung-niang vorm Gazefenster?“ zitierte Dai-yü. „Als letztes eine Zwei und eine Sechs“ verkündete Yüan-yang, „das sind acht Punkte, wohlsortiert.“ „Zwei Reih‘n Beamte treten vor den Jadethron“, sagte Dai-yü. „Zusammen ergibt es einen ‚Blumenkorb‘“, schloß Yüan-yang die Partie ab. „Päonienblüten trägt die Fee im Korbe“, sagte Dai-yü. Nachdem Dai-yü einen Schluck getrunken hatte, fuhr Yüan-yang mit der Beschreibung fort: „Der linke Stein ist eine Vier mit einer Fünf, neun bunte Punkte.“ „Pfirsichblüten, die im Regen stehn“, sagte Ying-tschun. „Falsch!“ riefen alle. „Sie muß bestraft werden, das paßt nicht!“ Lächelnd trank Ying-tschun ihren Becher leer. Hsi-fëng und Yüan-yang waren gespannt, was Oma Liu Lächerliches zum besten geben würde, darum stifteten sie die übrigen Mitspieler an, falsche Antworten zu geben und sich bestrafen zu lassen. Als das Spiel bei Dame Wang angelangt war, antwortete Yüan-yang an ihrer Statt, und dann war Oma Liu an der Reihe. „Wenn wir bei uns einmal Muße haben, setzen wir uns auch zusammen und spielen dies Spiel“, erklärte Oma Liu. „Bloß hört es sich bei uns nicht so gut an. Aber ich will es trotzdem versuchen!“ „Es ist ganz leicht!“ versicherten alle lächelnd. „Und es macht ja auch nichts, also versuch es nur!“ Ebenfalls lächelnd, verkündete Yüan-yang als erstes: „Der linke Stein ist eine doppelte Vier, ein ‚Mensch‘.“ Oma Liu dachte lange nach, ehe sie endlich sagte: „Es wird ein Bauer sein!“ Alle lachten laut heraus, die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Das hast du gut gesagt. Es ist richtig so.“ „Wir Bauern sind nun mal, wie wir sind“, sagte Oma Liu lächelnd. „Darüber braucht Ihr nicht zu lachen!“ „Der mittlere Stein ist eine Drei und eine Vier“, fuhr Yüan-yang fort. „Grün mit Rot gepaart.“ „Eine dicke grüne Raupe wird im Feuer verbrannt“, sagte Oma Liu. „Das geht!“ bestätigten alle lächelnd. „Du brauchtest dich gar nicht so zu zieren.“ „Der rechte Stein ist eine Eins und eine Vier, ein hübsches Bild“, beschrieb Yüan-yang als nächstes. „Ein Radieschen, eine Knoblauchzwiebel“, sagte Oma Liu, und wieder lachte alles darüber. „Zusammen ergibt es eine ‚Blütenrispe‘“, schloß Yüan-yang. „Fällt die Blüte ab, wächst so ein Kürbis daran“, sagte Oma Liu und deutete mit den Händen die Größe an. Ein weiteres Mal brachen alle in Gelächter aus, als ihnen plötzlich Geschrei in die Ohren drang.