Hongloumeng/de/Chapter 49

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Kapitel 49

琉璃世界白雪红梅

脂粉香娃割腥啖膻

Als Hsiang-ling die plaudernden Mädchen erblickte, ging sie auf sie zu und sagte lächelnd: „Schaut Euch an, was ich geschrieben habe. Wenn es so geht, lerne ich weiter, wenn nicht, hat es mit meiner Dichtkunst ein Ende.“ Damit reichte sie ihre Verse Dai-yü, und alle lasen: „Alles durchdringt mit gleißendem Schein herbstlicher Vollmond in eiskalter Pracht. Weit schallt ein Waschstein durchs taghelle Land, bis früh am Morgen der Hahnenschrei tönt. Leise vom Fluß eine Flöte erklingt, einsam ein Mädchen am Gitterwerk lehnt. Vor Sehnsucht wohl selbst die Mondgöttin fragt: ,Warum kann nicht immer nur Vollmond sein?‘ “ Nachdem sie es gelesen hatten, erklärten sie lächelnd: „Das ist nicht nur gut, das ist originell und sinnreich. Da sieht man, warum das Sprichwort sagt ‚Nichts ist schwierig auf der Welt, wenn sich beherzte Menschen finden.‘ Auf jeden Fall wirst du in unseren Bund aufgenommen.“ Hsiang-ling konnte es gar nicht glauben und meinte, die anderen wollten sich über sie lustig machen, darum erkundigte sie sich wieder und wieder bei Dai-yü und Bau-tschai. Mitten in diesem Gespräch erblickten sie mehrere kleine Sklavenmädchen und alte Sklavenfrauen, die eilig näher kamen und dann meldeten: „Es sind eine Menge Fräulein und junge Frauen aus der Verwandtschaft zu Besuch gekommen, die wir nicht kennen. Ihr müßt sie schnell begrüßen gehen!“ „Was soll das heißen?“ fragte Li Wan lächelnd. „Ihr müßt schon erklären, wessen Verwandte das sind.“ Lächelnd erwiderten die Sklavinnen: „Es sind zwei Kusinen von Euch, junge Herrin, und ein Fräulein, das eine Kusine von Fräulein Hsüä sein soll, außerdem ein junger Herr, von dem es hieß, er sei ihr Vetter. Wir wollen eben die gnädige Frau Tante holen. Geht Ihr mit den jungen Fräulein schon immer hinüber!“ Damit gingen sie ihres Weges, Bau-tschai aber fragte sich lächelnd: „Ist das etwa unser Hsüä Kë mit seiner Schwester?“ Und Li Wan sagte: „Da ist wohl unsere Tante wieder in die Hauptstadt gekommen? Aber warum kommen sie zusammen? Das ist seltsam!“ Verwundert begaben sich alle zu Dame Wang hinüber und fanden dort den Hauptraum gedrängt voll. Es hatte sich so ergeben, daß der ältere Bruder von Dame Hsing mit seiner Frau und einer Tochter namens Hsiu-yän in die Hauptstadt reiste, wo er bei Dame Hsing zu wohnen gedachte. Da zufällig auch Hsi-fëngs älterer Bruder Wang Jën eben in die Hauptstadt wollte, machten sie die Reise gemeinsam. Und als ihre Boote auf halbem Wege einmal ankerten, trafen sie mit Li Wans verwitweter Tante zusammen, die mit ihren beiden Töchtern Li Wën und Li Tji ebenfalls in die Hauptstadt unterwegs war. Sie kamen miteinander ins Gespräch, und als sie feststellten, daß sie miteinander verschwägert waren, reisten sie zusammen weiter. Außerdem mußte auch Hsüä Pans Vetter Hsüä Kë den Weg in die Hauptstadt antreten, um dort seine Schwester Hsüä Bau-tjin zu verheiraten, die von ihrem Vater während seines dortigen Aufenthalts mit dem Sohn eines Mitglieds der Kaiserlichen Akademie namens Mee verlobt worden war. Als Hsüä Kë erfahren hatte, Wang Jën sei in die Hauptstadt unterwegs, war er ihm rasch mit der Schwester zusammen nachgeeilt und hatte die Reisegesellschaft noch unterwegs eingeholt. So waren sie heute alle zusammen bei ihren Verwandten eingetroffen. Eben begrüßten alle einander und hielten einen ersten Schwatz, die Herzoginmutter und Dame Wang waren in strahlender Laune. „Kein Wunder, daß gestern abend der Lampendocht immerzu geknistert und Schnuppen gebildet hat“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Das war ein Vorzeichen für die heutige Überraschung.“ Während jetzt Familienneuigkeiten ausgetauscht, die mitgebrachten Geschenke in Augenschein genommen und die Gäste zu Essen und Wein eingeladen wurden, hatte Hsi-fëng, wie sich versteht, alle Hände voll zu tun. Li Wan und Bau-tschai unterhielten sich natürlich mit ihren Verwandten über alles, was sie seit der letzten Begegnung erlebt hatten. Dai-yü, die sich anfangs noch mit den anderen zusammen gefreut hatte, mußte dann wieder daran denken, daß jedermann Verwandte besaß, während sie ganz allein dastand, und brach darüber in Tränen aus. Bau-yü, der ihr das von ganzem Herzen nachfühlen konnte, tröstete sie, so gut er es vermochte, bis sie darüber hinwegkam. Anschließend lief Bau-yü rasch in den Hof der Freude am Roten hinüber, wo er Hsi-jën, Schë-yüä und Tjing-wën strahlend aufforderte: „Macht nur schnell, daß ihr hinüberkommt und euch die Neuankömmlinge anseht! Es ist zu merkwürdig, daß Bau-tschais Vetter in Aussehen und Benehmen so ganz anders ist als ihr Bruder, gerade so als ob er ihr leiblicher Bruder wäre. Noch merkwürdiger ist es, daß ihr immer sagt, Bau-tschai sei eine einmalige Schönheit, aber seht euch jetzt ihre Kusine an und erst einmal die beiden Kusinen von Schwägerin Li, die ich gar nicht mit Worten beschreiben kann! Himmel, über wieviel Feinheit und Eleganz mußt du verfügen, um Menschen hervorzubringen, die so hoch über allen andern stehen! Wie der Frosch im Brunnen hatte ich stets geglaubt, unsere Mädchen seien einzigartig und unübertrefflich, dabei brauche ich gar nicht in weiter Ferne zu suchen, um Mädchen zu erblicken, von denen eines immer schöner ist als das andere. Wieder einmal habe ich etwas dazugelernt. Gibt es außer diesen vielleicht noch mehr?“ Diese Worte hatte er mit Lachen und Seufzen begleitet, so daß Hsi-jën fürchtete, er sei wieder einmal einem Wahn verfallen, und ihn deshalb nicht allein lassen wollte. Tjing-wën und die anderen aber waren sofort gegangen. Als sie lächelnd wiederkamen, forderten sie Hsi-jën auf: „Geh schnell und sieh sie dir an! Die Nichte der älteren gnädigen Frau, die Kusine von Fräulein Bau-tschai und die beiden Kusinen der älteren jungen gnädigen Frau sehen aus wie vier Stengel Simsen von einem Wuchs.“ Sie hatten noch nicht ausgesprochen, da kam Tan-tschun herein, die zu Bau-yü wollte, und sagte lächelnd: „Jetzt wird unser Dichterbund aufleben!“ „Aber ja!“ erwiderte Bau-yü, ebenfalls lächelnd, „nur weil du mit so viel Begeisterung den Bund begründet hast, sind jetzt wie auf Befehl von Göttern und Geistern diese Mädchen zu uns ins Haus gekommen. Aber ob sie wohl dichten gelernt haben?“ „Ich habe sie eben schon alle gefragt“, gab Tan-tschun Auskunft. „Sie sind zwar zu bescheiden, um es zuzugeben, aber wie es aussieht, können sie es alle. Und wenn es jemand wirklich nicht kann, ist es auch kein Problem. Das siehst du an Hsiang-ling.“ „Sie sagen, die Kusine von Fräulein Bau-tschai sei besonders hübsch“, wandte sich Hsi-jën lächelnd an Tan-tschun. „Was meint Ihr dazu?“ „Das stimmt tatsächlich“, bestätigte Tan-tschun, „ich finde, weder Bau-tschai noch eine von den andern reicht an sie heran.“ Mit verwundertem Lächeln erklärte Hsi-jën: „Das ist seltsam! Wie kann es eine Schönere geben als sie? Ich will sie mir doch ansehen!“ „Die alte gnädige Frau war auf den ersten Blick begeistert von ihr und hat die gnädige Frau gedrängt, sie als Ehrentochter zu adoptieren“, berichtete Tan-tschun. „Die alte gnädige Frau will für ihren Unterhalt aufkommen. Das ist eben schon festgelegt worden.“ „Ist das wahr?“ fragte Bau-yü fröhlich. „Wann hätte ich je gelogen!“ erwiderte Tan-tschun. Dann setzte sie lächelnd hinzu: „Über so einer guten Enkeltochter wird sie den Enkelsohn wohl vergessen.“ „Das macht nichts“, sagte Bau-yü lächelnd. „Mädchen muß man schon ein bißchen lieber haben, das ist nur gerecht. Aber morgen ist der sechzehnte, unser Bund muß zusammentreten.“ „Aber Dai-yü kann gerade erst wieder aufstehen, und nun ist Ying-tschun krank“, wandte Tan-tschun ein, „wir wären nicht vollzählig.“ „Das sollte uns nicht stören“, sagte Bau-yü. „Ying-tschun ist sowieso nicht sehr eifrig beim Dichten. Ihr Fehlen ist kein Hinderungsgrund.“ „Warten wir lieber ein paar Tage, bis die Neuen sich eingelebt haben, und laden sie dann mit ein!“ schlug Tan-tschun vor. „Schwägerin Li und Kusine Bau-tschai wird jetzt der Sinn bestimmt nicht nach Dichten stehen, außerdem ist Hsiang-yün nicht hier und Dai-yü eben erst wieder genesen. Es käme also niemandem recht gelegen. Darum ist es besser, wir warten ein bißchen. Dann ist Hsiang-yün hier, die Neuen haben sich eingewöhnt, Dai-yü ist wieder ganz gesund, Schwägerin Li und Kusine Bau-tschai haben wieder Muße, und Hsiang-ling hat weitere Fortschritte gemacht. Dann kann unser Bund eine ganz große Zusammenkunft halten. Wäre das nicht besser? Und wir beide sollten uns jetzt bei der alten gnädigen Frau erkundigen gehen, wo die Neuen wohnen werden. Bau-tschais Kusine wird ja ganz bestimmt bei uns bleiben, aber wenn die drei andern nicht hier wohnen sollen, wollen wir die alte gnädige Frau bitten, sie mit im Garten unterzubringen. Dann sind wir ein paar mehr, und es wird lustiger hier!“ Als Bau-yü das hörte, strahlte er über das ganze Gesicht und sagte eilig: „Du bist wirklich verständig, ich aber bin und bleibe ein dummer Tropf. Vor lauter Freude habe ich daran gar nicht gedacht.“ Mit diesen Worten gingen Bruder und Schwester gemeinsam zur Herzoginmutter hinüber, wo Bau-tjin wirklich von Dame Wang als Ehrentochter angenommen worden war. Die Herzoginmutter war von dem Mädchen so begeistert, daß sie es nicht im Garten, sondern in ihren eigenen Räumen schlafen ließ. Hsüä Kë bezog natürlich das Bibliothekszimmer von Hsüä Pan. Und zu Dame Hsing sagte die Herzoginmutter: „Deine Nichte soll noch nicht zu ihrer Familie ziehen, sondern erst einmal ein paar Tage hier bei uns im Garten wohnen und vergnügt sein!“ Der Bruder von Dame Hsing lebte mit seiner Familie in kümmerlichen Verhältnissen und hatte damit gerechnet, daß Dame Hsing ihnen in der Hauptstadt eine Bleibe verschaffen und zu ihrem Unterhalt beitragen werde. Darum nahm er den Vorschlag nur zu gern an, und Dame Hsing übergab Hsiu-yän an Hsi-fëng. Hsi-fëng sagte sich, jede der zahlreichen Kusinen, die im Garten wohnten, habe ihren eigenen Charakter, andererseits wäre es unbequem, noch ein weiteres Gartenhaus bewohnen zu lassen, weshalb es das beste sein würde, Hsiu-yän mit bei Ying-tschun unterzubringen. Auf diese Weise würde es mit ihr, Hsi-fëng, nichts zu tun haben, wenn Hsiu-yän etwa später unzufrieden wäre und Dame Hsing davon erführe. Und abgesehen von den Zeiten, da Hsiu-yän bei ihrer Familie wohnte, zahlte ihr Hsi-fëng jedesmal, wenn sie einen Monat oder länger im Garten des Großen Anblicks wohnte, das gleiche Monatsgeld aus, wie Ying-tschun es bekam. Hsi-fëng erkannte auch mit nüchternem Blick, daß Hsiu-yän nach Charakter und Betragen nicht so war wie Dame Hsing oder ihre Eltern, sondern sanftmütig und liebenswert, deshalb zog sie sie aus Mitgefühl für ihre Armut und ihr Unglück den anderen Mädchen vor. Dame Hsing aber kümmerte sich nicht groß darum. Die Herzoginmutter und Dame Wang hatten Li Wan ihrer Tüchtigkeit und Güte wegen stets gern gemocht und hatten sie bewundert, weil sie trotz ihrer Jugend der Witwenschaft treu blieb. Als jetzt ihre verwitwete Tante gekommen war, ließen sie es nicht zu, daß sie sich auswärts eine Unterkunft suchte, und wenn sich Tante Li auch dagegen sträubte, bestand doch die Herzoginmutter darauf, daß sie mit Li Wën und Li Tji in das Reisduftdorf zog. Kaum waren alle untergebracht, da wurde Schï Nai, Fürst Bau-ling, auf einen hohen Posten in die Provinz versetzt und mußte binnen kurzem mit seiner Familie abreisen, um das neue Amt anzutreten. Hsiang-yün, auf die die Herzoginmutter nicht verzichten wollte, blieb da und zog zu den Djias. Eigentlich wollte ihr Hsi-fëng eine eigene Wohnstätte zuweisen, aber Hsiang-yün bestand darauf, mit Bau-tschai zusammen zu wohnen, also beließ man es dabei. Im Garten des Großen Anblicks war es lebendig geworden. Mit Li Wan an der Spitze, gefolgt von Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun, Bau-tschai, Dai-yü, Hsiang-yün, Li Wën, Li Tji, Bau-tjin und Hsiu-yän, war man jetzt mit Hsi-fëng und Bau-yü zu dreizehnt. Vom Alter her war bis auf Li Wan niemand älter als fünfzehn, sechzehn oder siebzehn, wobei einige im selben Jahr, andere am selben Tag oder zur selben Stunde geboren waren, in den meisten Fällen bestand die Differenz nur im Monat oder in der Stunde. So konnten sie die Altersreihenfolge selbst kaum auseinanderhalten und redeten einander wahllos als älterer oder jüngerer Bruder, ältere oder jüngere Schwester an. Hsiang-ling war mit Haut und Haaren dem Dichten verfallen, aber sie konnte nicht gut ständig Bau-tschai deswegen belästigen. So war es ein Glück für sie, daß jetzt auch die redselige Hsiang-yün da war, die sich natürlich nicht weigern konnte, als Hsiang-ling darum bat, sie in der Dichtkunst zu unterweisen. So sehr ereiferte sie sich damit, daß sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit des langen und breiten darüber auslassen konnte. Schließlich sagte Bau-tschai lächelnd zu ihr: „Also, ich halte diesen Lärm nicht aus. Und wenn gebildete Leute hören würden, wie ein Mädchen sich allen Ernstes über Gedichte ausbreitet, würden sie nur lachen und sagen, sie habe vergessen, wohin sie gehört. Nicht genug mit einer Hsiang-ling, mußtest jetzt auch noch du Plaudertasche dazukommen. Und wovon redest du in einem fort? Von der Schwermut eines Du Fu, der Schlichtheit eines Wee Su-dschou , der Eleganz eines Wën Ting-yün und der Rätselhaftigkeit eines Li I-schan . Aber warum sprichst du nur von den Toten und schweigst von zwei heutigen Dichtern?“ „Welche beiden meinst du?“ fragte Hsiang-yün sofort. „Sag es mir, liebste Kusine!“ „Die törichte Hsiang-ling mit ihrem Eifer und die verrückte Hsiang-yün mit ihrem Geschwätz“, erwiderte Bau-tschai. Hsiang-yün und Hsiang-ling brachen darüber in Gelächter aus, als eben Bau-tjin hereinkam. Sie trug einen gold-grün glänzenden Umhang, von dem nicht zu erkennen war, woraus er gemacht war. Sofort fragte Bau-tschai: „Woher hast du das?“ Lächelnd verriet ihr Bau-tjin: „Das hat die alte gnädige Frau heraussuchen lassen, weil es draußen grieselt. Sie hat es mir geschenkt.“ Hsiang-ling trat an sie heran und betrachtete den Umhang, dann sagte sie: „Kein Wunder, daß es so gut aussieht. Das ist aus Pfauenfedern gewebt.“ „Ach woher!“ widersprach Hsiang-yün. „Das ist aus den Kopffedern von Wildenten gemacht. Da sieht man, wie lieb dich die alte gnädige Frau hat. So gern sie Bau-yü auch mag, ihm hat sie den Umhang nicht gegeben.“ „Nicht umsonst sagt man ‚Jedermanns Schicksal ist vorbestimmt‘“ sagte Bau-tschai. „Sie konnte es nicht ahnen – weder daß sie hierher kommen noch daß die alte gnädige Frau sie hier so liebgewinnen würde.“ „Außer bei der alten gnädigen Frau kannst du noch hier im Garten lachen und scherzen, essen und trinken, wie du magst“, versicherte Hsiang-yün. „In den Räumen der gnädigen Frau kannst du unbesorgt bleiben und plaudern, wenn die gnädige Frau zu Hause ist, aber wenn sie nicht da ist, geh nicht hinein. Die meisten ihrer Leute haben ein böses Herz und wollen uns schaden.“ Bau-tschai, Bau-tjin, Hsiang-ling und Ying-örl lachten darüber, dann sagte Bau-tschai: „Du bist unbedacht und doch wieder bedacht und mit deinen Worten zu geradeheraus. Unsere Bau-tjin ähnelt dir ein wenig. Du hast immer gesagt, ich müßte deine ältere Schwester sein, aber mir scheint es jetzt besser, wenn du Bau-tjin zu deiner jüngeren Schwester machst.“ Hsiang-yün musterte Bau-tjin mit einem langen Blick, dann sagte sie lächelnd: „Dieser Umhang ist wirklich nur für sie das Richtige und für niemand anders.“ Während sie das sagte, war Hu-po hereingekommen und meldete lächelnd: „Die alte gnädige Frau läßt bestellen, Fräulein Bau-tschai solle nicht zu streng gegen Fräulein Bau-tjin sein, denn sie sei noch klein. Sie solle ihren Willen haben und bekommen, was sie möchte.“ Bau-tschai erhob sich rasch und sagte: „Jawohl!“, dann stieß sie Bau-tjin an und sagte lächelnd: „Woher du nur dieses Glück hast! Am besten gehst du hier weg, damit wir dich nicht kränken. Ich verstehe einfach nicht, worin ich schlechter sein soll als du.“ Bei diesen Worten waren Bau-yü und Dai-yü ins Zimmer getreten, und da Bau-tschai weiter spöttelte, sagte Hsiang-yün: „Du scherzt nur, Kusine Bau-tschai, aber es gibt jemand, der wirklich so denkt.“ Lächelnd meinte Hu-po darauf: „Wenn sich wirklich jemand ärgert, dann niemand anders als er.“ Während sie das sagte, wies sie mit der Hand auf Bau-yü. Aber Bau-tschai und Hsiang-yün erklärten beide: „So einer ist er nicht.“ Wieder lächelte Hu-po und mutmaßte: „Wenn er es nicht ist, ist sie es.“ Dabei wies sie auf Dai-yü. Diesmal sagte Hsiang-yün kein Wort, Bau-tschai aber bemerkte sofort lächelnd: „Sie ist es erst recht nicht. Für sie ist meine Kusine wie eine kleine Schwester, sie hat sie noch lieber als ich. Warum sollte sie sich also ärgern?! Du redest einfach etwas daher, dabei gibt es keinerlei Beweise dafür.“ Bau-yü, der genau wußte, wie schnell Dai-yü etwas übelnahm, und der noch keine Ahnung davon hatte, wie sie neuerdings zu Bau-tschai stand, hatte die Befürchtung, Dai-yü könnte sich wirklich darüber ärgern, daß die Herzoginmutter Bau-tjin so gern hatte. Als er dann hörte, was Hsiang-yün sagte und was Bau-tschai darauf erwiderte, und außerdem noch beobachtete, daß Dai-yüs Stimme und Miene anders waren als sonst und wirklich zu bestätigen schienen, was Bau-tschai gesagt hatte, war ihm unfroh und beklommen zumute. „Die beiden haben sich nie gut verstanden, aber jetzt sieht es aus, als ob sie zehnmal herzlicher zueinander sind als zu den übrigen Mädchen“, überlegte er. Kurz danach wurde Bau-tjin von Dai-yü einfach mit „Schwesterchen“ anstatt mit ihrem Namen angeredet, so als ob sie wirklich ihre Schwester wäre. Bau-tjin war jung und begeisterungsfähig, dabei von Natur aus gescheit. Schon als kleines Kind hatte sie lesen und schreiben gelernt. Nachdem sie in den paar Tage, die sie jetzt bei den Djias wohnte, mit allen schon mehr oder weniger bekannt geworden war und gesehen hatte, daß die hiesigen Mädchen keine seichten Puderlarven waren und sich alle gut mit ihrer Kusine verstanden, wollte auch sie nicht unhöflich sein. Und weil sie in Dai-yü etwas ganz Besonderes erkannte, benahm sie sich ihr gegenüber erst recht herzlich und achtungsvoll. Das alles beobachtete Bau-yü mit heimlicher Verwunderung. Als dann kurz darauf Bau-tschai und Bau-tjin zu Tante Hsüä gingen, während sich Hsiang-yün zur Herzoginmutter begab und Dai-yü in ihre Räume ging, um sich auszuruhen, folgte Bau-yü ihr dorthin und sagte lächelnd: „Ich habe zwar das ‚Westzimmer‘ gelesen und auch verstanden, habe ein paarmal zum Spaß daraus zitiert, und du warst noch böse darüber, aber heute ist mir aufgegangen, daß ich einen Satz darin nicht verstehe. Ich will ihn dir sagen, und du erklärst ihn mir!“ Dai-yü erkannte, daß etwas dahinterstecken mußte, und forderte ihn lächelnd auf: „Sag nur, ich höre zu!“ „Es ist ein Satz aus der Szene ‚Aufregung um den Brief‘“ sagte Bau-yü. „Und er ist gut formuliert, nämlich ‚Seit wann sind Mëng Guang und Liang Hung miteinander so vertraut?‘ Der Satz ist einfach herrlich. Daß Mëng Guang und Liang Hung miteinander vertraut sind, ist eine literarische Anspielung, aber dieses ‚seit wann‘ macht die Sache interessant. Also erkläre mir, seit wann!“ Unwillkürlich mußte Dai-yü lachen, dann sagte sie lächelnd: „Die Frage ist gut. Dort ist sie gut gestellt, und auch du hast sie gut gestellt.“ „Früher hattest du immer Zweifel an mir, jetzt aber hast du an ihr nichts mehr auszusetzen, und ich stehe alleine da“, beklagte sich Bau-yü. „Ich wußte ja nicht, daß sie wirklich ein guter Mensch ist, und dachte immer, sie wolle einem nicht helfen“, verteidigte sich Dai-yü. Dann erzählte sie Bau-yü in allen Einzelheiten, wie sie sich beim Trinkspiel verplappert hatte, wie Bau-tschai ihr die Schwalbennester geschickt hatte und was sie miteinander besprochen hatten. Nachdem Bau-yü so den Grund erfahren hatte, sagte er lächelnd: „Da habe ich mich gefragt, seit wann Mëng Guang und Liang Hung so vertraut miteinander sind, und was stellt sich heraus? Sie sind es, seitdem ‚die Kleine den Mund nicht gehalten hat.‘ “ Nun kam Dai-yü auch auf Bau-tjin zu sprechen, aber dadurch wurde sie wieder daran erinnert, daß sie keine leibliche Schwester hatte, und unwillkürlich begann sie zu weinen. Rasch redete Bau-yü auf sie ein: „Wieder einmal schaffst du dir selber Verdruß. Schau dich doch an, du bist noch dünner geworden als voriges Jahr, aber anstatt dich zu schonen, mußt du dir jeden Tag Verdruß schaffen und ein Weilchen heulen, sonst hast du dein Tagewerk nicht vollbracht.“ Dai-yü wischte sich das Gesicht ab und entgegnete: „In der letzten Zeit merke ich, daß mir zwar weh ums Herz ist, daß ich aber weniger weine als früher. Das Herz tut mir weh, aber ich habe nicht mehr so viele Tränen.“ „Das scheint dir nur so, weil du es gewöhnt bist zu weinen“, sagte Bau-yü. „Wie kann man denn weniger Tränen haben!“ Als er das eben sagte, erschien ein kleines Sklavenmädchen aus seinen Räumen und brachte seinen scharlachroten Filzumhang. Dann meldete sie: „Die ältere junge Herrin hat eben bestellen lassen, sie wolle mit Euch über die morgige Einladung zum Dichten sprechen, weil es doch schneit.“ Als im nächsten Augenblick auch ein Sklavenmädchen von Li Wan kam, die Dai-yü zu sich bitten ließ, schlug Bau-yü vor, gemeinsam zum Reisduftdorf hinüberzugehen. Dai-yü zog sich lammfellgefütterte rote Stiefelchen mit goldverzierten Nähten und Wolkenmustern an, hüllte sich in einen weiten roten Camelotumhang, der mit weißem Fuchsfell gefüttert war, und band sich einen grün und golden blitzenden, verzierten Gürtel um. Über den Kopf zog sie eine Kapuze. So stapften sie zu zweit durch den Schnee zum Reisduftdorf, wo sie die Kusinen schon versammelt fanden. Fast alle hatten sie dunkelrote Umhänge aus Filz oder Camelot um, Li Wan aber trug eine lange Jacke aus dunkelblauem Wollstoff, die in der Mitte geknöpft war, und Bau-tschai einen dunkellila Umhang mit Pelzfutter, der mit Blumenmustern bestickt war. Einzig Hsiu-yän trug ihre gewöhnlichen abgetragenen Hauskleider, weil sie keinen Winterumhang besaß. Bald kam auch Hsiang-yün, die ein mit Fehfell gefüttertes Übergewand aus Zobelkopf anhatte, das von der Herzoginmutter stammte. Um die Stirn trug sie eine Binde aus scharlachrotem Filz, die mit blaßgelbem Wolkenmuster verziert und golden abgefüttert war, und die Schultern hatte sie noch in einen großen Umlegekragen aus Zobelpelz gehüllt. „Schaut nur!“ sagte Dai-yü lachend. „Da kommt Sun Wu-kung. Sie hat auch einen Umhang, aber jetzt hat sie sich absichtlich wie ein stinkiger kleiner Kamelführer herausstaffiert.“ „Seht euch an, was ich darunter anhabe!“ rief Hsiang-yün den Mädchen auffordernd zu und legte das Übergewand ab. Da sahen sie, daß sie eine offene halblange Jacke trug, die innen mit Hermelin gefüttert und außen mit Drachenmustern bestickt war, darunter ein mit Fuchsklaue gefüttertes kurzes Untergewand aus rosa Atlas mit großem Kragen. Die Taille hatte sie fest mit einem Palastgürtel aus bunter Seide mit Schmetterlingsknoten und langen Quasten umschlungen, und die Füße steckten in Stiefelchen aus Hirschleder. In dieser Aufmachung wirkte sie erst recht rank und schlank. „Sie zieht sich gern als Junge an“, sagten die anderen lächelnd. „Und sie sieht damit noch schöner aus als in Mädchenkleidern.“ „Laßt uns schnell über das Dichten sprechen!“ schlug Hsiang-yün vor. „Ich möchte wissen, wer diesmal der Gastgeber ist.“ Li Wan nahm das Wort und sagte: „Den gestrigen Termin haben wir ja verpaßt, und bis zum nächsten ist es noch lange hin. Deshalb dachte ich mir, wir sollten uns, da es gerade schneit, jetzt zusammensetzen, die Neuen begrüßen und dabei Gedichte schreiben. Was meint ihr dazu?“ „Der Gedanke ist gut“, sagte als erster Bau-yü. „Nur ist es schon zu spät, und wenn morgen wieder die Sonne scheint, macht es keinen Spaß mehr.“ „Es sieht nicht so aus, als ob es aufklaren würde“, sagten die anderen. „Und selbst dann fällt bis dahin genug Schnee, um sich daran zu erfreuen.“ „Hier bei mir ist es zwar nicht schlecht, aber noch schöner ist es in der Hütte am Verschneiten Schilf“, empfahl Li Wan. „Ich habe schon jemand hingeschickt, um in der Fußbodenheizung Feuer zu machen. Wir setzen uns dann rund um den Ofen und schreiben Gedichte. Die alte gnädige Frau würde sicher keinen Gefallen daran finden, und da es ja nur ein kleines Vergnügen ganz unter uns ist, gebe ich nur Hsi-fëng Bescheid, das ist alles. Jeder von euch gibt ein Liang Silber, das ist genug. Diese fünf sind natürlich ausgenommen“, – sie zeigte auf Hsiang-ling, Bau-tjin, Li Wën, Li Tji und Hsiu-yän – „und von uns sind Ying-tschun krank und Hsi-tschun beurlaubt, aber wenn ihr vier eure Anteile schickt und ich noch fünf, sechs Liang dazugebe, wird es reichen.“ Bau-tschai und die anderen stimmten zu und wollten dann das Thema und den Reim festlegen. Aber Li Wan sagte lächelnd zu ihnen: „Darüber habe ich schon entschieden, morgen werdet ihr es an Ort und Stelle erfahren.“ Anschließend plauderten sie noch ein Weilchen, ehe sie zur Herzoginmutter hinübergingen. Mehr ist über diesen Tag nicht zu berichten. Als sich Bau-yü, der vor lauter Ungeduld die ganze Nacht nicht richtig geschlafen hatte, am nächsten Morgen, kaum daß es hell war, im Bett aufsetzte und den Bettvorhang hochhob, sah er, obwohl Fenster und Türen noch geschlossen waren, daß es draußen gleißend hell sein mußte. Schon wurde er unruhig, befürchtete er doch, der Himmel hätte sich aufgeklärt und die Sonne würde scheinen. Darum stand er rasch auf, schob das Innenfenster hoch und schaute durch die Glasscheibe nach draußen. Da war es kein Sonnenschein, sondern der Schnee, der über Nacht wohl mehr als ein Tschï hoch gefallen war und immer noch wie Baumwollflocken vom Himmel rieselte. Frohgemut weckte Bau-yü die Sklavenmädchen, und nachdem er sich gewaschen hatte, zog er sich eine Robe aus dunkellila Wollstoff an, die mit Fuchsfell gefüttert war, und darüber ein Übergewand aus Seeotterfellen, um das er einen Gürtel band. Um die Schultern legte er seinen Regenumhang, auf den Kopf setzte er den breitkrempigen Wetterhut. Dann zog er noch die Überschuhe aus Birnenholz an und machte sich rasch auf den Weg zur Hütte am Verschneiten Schilf. Als er aus dem Hoftor trat und sich nach allen Seiten umsah, war es ringsum überall weiß, nur in der Ferne standen dunkle Kiefern und grüner Bambus, und so kam er sich vor wie mitten in einer Glasschale. Als er dann an die Berge kam und eben um ihren Fuß gebogen war, stieg ihm ein frischer Duft in die Nase. Er schaute sich um und entdeckte bei Miau-yü im Hof des Klosters Gefangenes Grün mehr als zehn blühende Aprikosenbäume mit Blüten so rot wie Rouge, die inmitten des weißen Schnees besonders zauberhaft wirkten. Er blieb ein Weilchen stehen, um den Anblick so recht zu genießen, dann erst ging er weiter. Von der Wespentaillenbrücke kam ihm eine Gestalt mit einem Schirm entgegen. Es war eine Sklavin, die auf Geheiß von Li Wan unterwegs war, um Hsi-fëng zu holen. Als er sich dann der Hütte am Verschneiten Schilf näherte, erblickte er dort Sklavenfrauen und ‑mädchen, die Schnee fegten, um den Weg frei zu machen. Die Hütte am Verschneiten Schilf stand am Flußufer vor einem Berg. Es waren nur wenige strohgedeckte Räume mit Wänden aus Lehm, die mit einem Flechtzaun eingefaßt waren und Fenster aus Bambus hatten. Wenn man die Fenster aufschob, konnte man angeln. Ringsum war alles mit Schilf überwuchert. Ein Pfad, der sich durchs Schilf schlängelte, führte zu der Bambusbrücke am Lotoswurzelkiosk. Als die Sklavinnen Bau-yü in seinem Wetterumhang und mit dem Regenhut ankommen sahen, erklärten sie lächelnd: „Eben hatten wir festgestellt, hier fehle nur noch ein Fischer. Mit Euch ist nun alles komplett. Aber die Fräulein kommen erst nach dem Essen, Ihr seid zu ungeduldig.“ Da blieb Bau-yü nichts weiter übrig, als wieder umzukehren. Als er am Duftgetränkten Pavillon war, sah er Tan-tschun aus ihrer Studierstube Herbstfrische treten. Sie trug einen scharlachroten Filzumhang und eine enganliegende Mütze, mit einer Hand stützte sie sich auf den Arm eines kleinen Sklavenmädchens, und hinter ihr ging eine Sklavenfrau, die einen Schirm aus ölgetränkter schwarzer Seide trug. Da sich Bau-yü denken konnte, daß Tan-tschun zur Herzoginmutter unterwegs war, blieb er neben dem Pavillon stehen und wartete auf sie. Dann gingen sie zu zweit weiter und verließen den Garten. Bei der Herzoginmutter war Bau-tjin noch im Innengemach mit ihrer Toilette beschäftigt. Als bald darauf alle Mädchen beisammen waren, klagte Bau-yü über Hunger und drängte in einem fort zur Eile. Kaum konnte er sich beherrschen, bis das Essen aufgetragen wurde. Aber dann bestand der erste Gang aus ungebornem Lamm, gedämpft in Kuhmilch, und die Herzoginmutter sagte: „Dies ist Medizin für uns alte Leute, ein Tier, das noch nicht das Sonnenlicht erblickt hatte. Das ist nun leider nichts für euch Kinder. Aber es ist auch frisches Hirschfleisch da, das könnt ihr essen, sobald es fertig ist.“ Alle stimmten zu, nur Bau-yü wollte nicht länger warten. Er schüttete eine Schale gekochten Reis in heißen Tee und schlang diesen Brei mit etwas Fasanenfleisch und Gemüse hinunter. „Ich weiß, daß ihr heute etwas vorhabt“, sagte die Herzoginmutter. „Da hast du natürlich keine Zeit zum Essen.“ Und sie befahl: „Hebt ihm von dem

Aus: Jinyuyuan 1889a. Hirschfleisch etwas für heute abend auf!“ Erst als Hsi-fëng versicherte, es sei noch davon da, ließ sie von dem Thema ab. Hsiang-yün wandte sich zu Bau-yü und schlug ihm leise vor: „Wenn frisches Hirschfleisch da ist, sollten wir uns ein Stück davon geben lassen und es im Garten selber zubereiten, das wird Spaß machen!“ Bau-yü war sofort Feuer und Flamme und verlangte wirklich ein Stück Hirschfleisch von Hsi-fëng, das ihnen eine Sklavenfrau in den Garten bringen sollte. Als bald darauf die Tafel aufgehoben war, begaben sich die Mädchen gemeinsam in den Garten zur Hütte am Verschneiten Schilf. Schon wollte Li Wan Thema und Reim für die Gedichte verkünden, da vermißte man Hsiang-yün und Bau-yü. „Die beiden darf man nicht zusammen lassen, sonst passieren die unmöglichsten Sachen“, erklärte Dai-yü. „Diesmal haben sie bestimmt etwas mit dem Hirschfleisch vor!“ Kaum hatte sie das gesagt, kam Tante Li herein, die sich den Trubel ansehen wollte, und fragte: „Was ist denn mit dem Jungen, der den Jadestein um den Hals trägt, und dem Mädchen mit dem goldenen Einhornfigürchen? Sie sind so sauber und adrett und haben bestimmt genug zu essen, und da ergehen sie sich jetzt allen Ernstes darüber, daß sie rohes Fleisch essen wollen. Ich kann es nicht glauben, daß man Fleisch roh essen kann.“ „Das ist nicht zu fassen!“ riefen die Mädchen. „Wir müssen sie schnell holen!“ „Dahinter steckt nur Hsiang-yün“, sagte Dai-yü. „Meine Vorhersage war nicht verkehrt.“ Sofort eilte Li Wan hinaus, suchte die beiden und sagte: „Wenn ihr rohes Fleisch essen wollt, bringe ich euch zur alten gnädigen Frau. Dort könnt ihr meinetwegen einen ganzen Hirsch roh essen und davon krank werden, damit habe ich dann nichts zu tun. Wollt ihr mir bei dem Schnee und der Kälte Ärger machen?“ „Nicht doch“, erwiderte Bau-yü lächelnd, „wir wollen es braten.“ „Dann ist es etwas anderes“, sagte Li Wan, und da sah sie auch schon, wie ein paar alte Sklavenfrauen ein eisernes Öfchen, eiserne Gabeln und einen Rost aus Eisendraht brachten. „Aber daß ihr mir nicht heult, wenn ihr euch in die Finger schneidet!“ mahnte sie noch, dann ging sie mit Tan-tschun zusammen wieder hinein. Als dann Ping-örl im Auftrag von Hsi-fëng erschien und berichtete, ihre Herrin könne nicht kommen, weil sie mit der Auszahlung der Jahreszuwendungen beschäftigt sei, wollte Hsiang-yün sie nicht wieder fort lassen. Auch Ping-örl, die mit Hsi-fëng viel herumkam, war einem Vergnügen nicht abgeneigt, und da der Anblick viel Spaß verhieß, war sie sogleich mit von der Partie. Sie streifte ihre Armreifen ab, hockte sich mit den beiden anderen vor das Öfchen und machte sich daran, die ersten drei Fleischstücken zu braten. Bau-tschai und Dai-yü, die so etwas gewöhnt waren, wunderten sich nicht im geringsten, Bau-tjin, Tante Li und die anderen Neuen jedoch kamen aus dem Staunen nicht heraus. Nachdem sich Tan-tschun mit Li Wan über Thema und Reim für die Gedichte geeinigt hatte, sagte sie lächelnd: „Riech mal! Das duftet bis hierher. Ich will auch davon essen!“ Und mit diesen Worten ging sie hinaus. Li Wan folgte ihr und sagte vorwurfsvoll: „Alle Gäste sind da. Habt ihr nicht bald genug gegessen?“ Kauend erwiderte Hsiang-yün: „Erst nach dem Fleisch schmeckt mir der Wein, und nur wenn ich Wein trinke, kann ich dichten. Darum würde ich ohne dieses Hirschfleisch heute bestimmt kein Gedicht zustande bringen.“ Bei diesen Worten bemerkte sie Bau-tjin, die in ihren Entenfederumhang gehüllt dastand und lachte. Lächelnd forderte sie sie auf: „Du Dummchen, komm her und koste!“ „Es ist so schmutzig“, wehrte sich Bau-tjin. „Koste nur, es schmeckt gut“, redete ihr Bau-tschai zu. „Kusine Dai-yü ist zu zart und verträgt es nicht, sonst würde sie es auch gern essen.“ Als Bau-tjin das hörte, trat sie näher und kostete ein Stück, und da es wirklich gut schmeckte, begann auch sie mitzuessen. Bald darauf erschien im Auftrage von Hsi-fëng ein kleines Sklavenmädchen, um Ping-örl zu holen, aber Ping-örl erklärte: „Geh nach Hause, Fräulein Schï läßt mich nicht fort.“ Das Mädchen ging, bald darauf erschien Hsi-fëng selbst, einen Winterumhang über den Schultern, und fragte lächelnd: „So gute Sachen eßt ihr, ohne mir etwas davon zu sagen?“ Und damit setzte sie sich zu ihnen und aß ebenfalls mit. Lächelnd sagte Dai-yü: „Wo kommt nur diese Bettlerschar her? Schluß jetzt, Schluß! Die Hütte am Verschneiten Schilf wird von Hsiang-yün entweiht und geschändet. Ich könnte weinen darum!“ „Was verstehst du schon davon?“ gab Hsiang-yün mit spöttischem Lächeln zurück. „Ein wahrer Gelehrter hat seinen eigenen Stil! Eure vorgebliche Reinheit und Erhabenheit ist es, die man in Wirklichkeit verachten muß. Wir stopfen uns hier mit riechendem Fleisch voll, aber unsere Gedichte werden nachher prächtig sein wie Brokat und Stickerei.“ Lächelnd drohte Bau-tschai: „Wenn du nachher kein gutes Gedicht machst, werden wir dir das Fleisch aus dem Bauch holen und statt dessen von dem verschneiten Schilf hineinstopfen!“ Während sie das sagte, hatten alle zu Ende gegessen und wuschen sich. Als dann Ping-örl ihre Armreifen überstreifte, fehlte einer davon, und obwohl sie überall verzweifelt danach suchten, fand sich keine Spur von ihm. Alle waren verwundert, Hsi-fëng aber sagte: „Ich weiß, wo der Reif ist. Macht nur eure Gedichte, wir brauchen nicht länger danach zu suchen! Wir gehen nach Hause, und spätestens in drei Tagen ist er unter Garantie wieder da.“ Dann erkundigte sie sich: „Was für Gedichte schreibt ihr heute? Die alte gnädige Frau hat daran erinnert, daß es bis Neujahr nicht mehr lange hin ist und daß wir für den ersten Monat Laternenrätsel brauchen, um uns zu vergnügen.“ „Richtig!“ sagten alle. „Das hatten wir ganz vergessen. Wir wollen uns beeilen und ein paar schöne Rätsel machen, damit wir im neuen Jahr Unterhaltung daran haben!“ Damit gingen sie alle gemeinsam in das geheizte Zimmer hinüber, wo schon Becher und Schalen, Essen und Naschwerk auf dem Tisch bereitstanden. An der Wand waren das Thema, der Reim und das Muster für die Gedichte angeschlagen. Rasch lasen Bau-yü und Hsiang-yün den Anschlag durch und fanden, daß es ein fortlaufendes Gemeinschaftsgedicht aus fünfsilbigen Zeilen über die sie umgebende Schneelandschaft werden sollte. Die Reimgruppe war hsiau. „Ich kann nicht gerade gut dichten“, sagte Li Wan. „Ich mache die ersten drei Zeilen, und dann macht immer der weiter, der als erster etwas parat hat.“ „Nein“, entgegnete Bau-tschai, „wir wollen doch eine Reihenfolge festlegen!“ Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.