Hongloumeng/de/Chapter 5

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Kapitel 5

贾宝玉神游太虚境

警幻仙曲演红楼梦

Im vierten Kapitel ist geschildert worden, wie Tante Hsüä mit ihren Kindern für einige Zeit ins Jung-guo-Anwesen zog. Davon kann in diesem Kapitel einstweilen nicht die Rede sein, vielmehr soll wieder von Lin Dai-yü erzählt werden. Seitdem Dai-yü ins Jung-guo-Anwesen gekommen war, hatte ihr die Herzoginmutter in jeder Weise ihre Liebe zuteil werden lassen. Ihre Unterbringung, Verpflegung und Behandlung war die gleiche wie für Bau-yü; die drei Enkelinnen Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun aber mußten dahinter zurückstehen. Die Vertrautheit und Herzlichkeit zwischen Bau-yü und Dai-yü war anders als bei den übrigen. Am Tage waren sie zusammen, wo sie gingen und saßen, bei Nacht ruhten und schliefen sie nebeneinander. Sie harmonierten in Worten und in Gedanken, und es gab zwischen ihnen nicht den mindesten Zwist. Jetzt aber war plötzlich Hsüä Bau-tschai hier aufgetaucht, die zwar nicht viel älter war, aber geradlinig in ihrer Art und blühend in ihrem Aussehen, so daß die meisten sagten, Dai-yü reiche an sie nicht heran. Überdies war Bau-tschai verständig in ihren Handlungen und wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen. Sie war nicht so erhaben und so stolz wie Dai-yü, die über den Staub der Welt einfach hinwegsah, darum fand sie viel größere Sympathie beim Gesinde, und auch die kleinen Sklavenmädchen waren am liebsten mit ihr zusammen. Darüber war Dai-yü etwas bekümmert und unzufrieden, aber davon merkte Bau-tschai nicht das geringste. Bau-yü war noch ganz ein Kind, dazu von Natur aus töricht und verschroben. Er sah alle Schwestern, Kusinen, Brüder und Vettern mit denselben Augen an und machte keinen Unterschied zwischen nahen und fernen Verwandten. Mit Dai-yü war er bei der Herzoginmutter Tag und Nacht zusammen, darum war er ihr etwas näher als den anderen Kusinen. Durch die Nähe war er vertrauter mit ihr, und durch die Vertrautheit mußte es unvermeidlich manchmal zu Vorwürfen kommen, die aber gut gemeint waren, und zu Zerwürfnissen, die man nicht voraussehen konnte. Als es eines Tages aus irgendeinem Grund in einem Gespräch zwischen ihnen zu einem Mißklang gekommen war, saß Dai-yü wieder einmal ärgerlich allein in ihrem Zimmer und weinte, während Bau-yü bereute, mit seinen Worten so unüberlegt gewesen zu sein. Erst als er zu ihr ging und sein Unrecht eingestand, wurde sie ihm allmählich wieder gut. Da im Garten des Ning-guo-Anwesens im Osten die Aprikosenbäume in voller Blüte standen, richtete Djia Dschëns Gattin, Frau You, eine Weintafel her und lud die Herzoginmutter, Dame Hsing, Dame Wang und die anderen zur Blütenschau ein. Zusammen mit Djia Jungs Frau kam sie herüber, um die Einladung persönlich auszusprechen. Also ging die Herzoginmutter nach dem Frühstück mit den anderen zusammen hinüber und spazierte durch den Garten der Gesammelten Düfte. Zuerst tranken sie Tee, dann Wein, aber es war nur eine kleine Feier der weiblichen Familienangehörigen aus dem Ning-guo- und dem Jung-guo-Anwesen, und es gibt nichts Neuartiges oder Interessantes darüber zu berichten. Bau-yü fühlte sich bald müde und wollte seinen Mittagsschlaf halten, und so befahl die Herzoginmutter, man solle ihn schön in den Schlaf lullen, und wenn er ein Weilchen geruht habe, solle er wiederkommen. Da meldete Djia Jungs Gattin, Frau Tjin, rasch mit einem Lächeln: „Wir haben hier ein Zimmer für Onkel Bau-yü vorbereitet. Ihr könnt ihn mir getrost überlassen, alte Ahne!“ Dann wandte sie sich an Bau-yüs Ammen und Sklavenmädchen und sagte: „Bittet meinen Onkel Bau-yü, er solle mir folgen!“ Die Herzoginmutter war seit jeher der Meinung, daß Frau Tjin ein trefflicher Mensch sei. Sie war schlank und zierlich von Gestalt, und ihr Betragen war sanft und friedfertig. Unter den Frauen der Enkelsöhne war sie ihr die liebste. Deshalb war sie auch ganz ruhig, als sie sah, daß Frau Tjin jetzt Bau-yü schlafen legen wollte. Frau Tjin führte den ganzen Troß in den Innenraum eines Hauptgebäudes. Als Bau-yü dort den Kopf hob, erblickte er als erstes ein Bild an der Wand. Die Figuren darauf waren gut gemalt, das Thema war „Liu Hsiang studiert beim Licht eines brennenden Gänsefußsteckens“. Ohne darauf zu sehen, wer das Bild gemalt hatte, fühlte Bau-yü sich unfroh. Außer dem Bild hing noch ein Parallelsatzpaar an der Wand, das lautete: „Die Welt zu durchschauen heißt Wissen; das Leben zu kennen ist Bildung.“ Als Bau-yü die beiden Sätze gelesen hatte, wollte er auf keinen Fall hier bleiben, wie schön das Zimmer und wie prächtig die Ausstattung auch sein mochte. „Schnell fort, schnell fort!“ sagte er. „Wohin können wir gehen, wenn es dir nicht einmal hier gefällt?“ sagte Frau Tjin lächelnd. „Wenn nicht anders, müssen wir in mein Zimmer gehen.“ Bau-yü nickte lächelnd, aber eine der Ammen bemerkte: „Wie kann ein Onkel im Zimmer seiner Nichte schlafen?!“ „Ach, du meine Güte!“ erwiderte Frau Tjin lächelnd. „Auch wenn er sich darüber ärgert, aber wie groß ist er denn schon, daß so etwas tabu sein sollte? Habt ihr nicht im vergangenen Monat meinen Bruder gesehen, als er hier war? Er ist genausoalt wie Bau-yü, aber wenn sie nebeneinander stehen, ist er bestimmt ein Stück größer.“ „Warum habe ich ihn nicht getroffen?“ fragte Bau-yü. „Bring ihn her, damit ich ihn sehen kann!“ Alle lachten darüber und sagten: „Er ist zwanzig, dreißig Li von hier entfernt, wie sollen wir ihn da holen? Du wirst ihn schon noch zu sehen bekommen.“ Bei diesen Worten waren sie an Frau Tjins Zimmer angelangt, und schon an der Tür umfing sie ein lieblicher Duft. Bau-yü merkte, wie ihm die Augen zufallen wollten und die Glieder schlaff wurden. „Wie gut es hier riecht!“ sagte er ein paarmal hintereinander. Als sie eintraten, erblickte er an der Wand ein Bild „Frühlingsschlaf unter Zierapfelblüten“ von Tang Bo-hu . Links und rechts davon hing ein Parallelsatzpaar von der Hand des Sung-Gelehrten Tjin Tai-hsü : „Die Frische stört ihren Schlummer, der Frühling ist kühl. Ein Hauch umfängt sie, das Aroma von Wein.“ Auf einem Tisch stand ein kostbarer Spiegel aus dem Spiegelkabinett der Wu Dsë-tiän , daneben lag auf einem goldenen Teller, auf dem einst Fee-

Frau Tjin Kë-tjing. Aus: Gai Qi 1879. yän getanzt hatte, die Quitte, mit der An Lu-schan seinerzeit Tai-dschën an der Brust verletzt hatte, als er nach ihr warf. Auf dem Bett hatte im Han-dschang-Palast die Prinzessin Schou-tschang geschlafen. Die Perlenschnüre, die daran hingen, hatte die Prinzessin Tung-tschang gefertigt. „Hier ist es schön!“ sagte Bau-yü immer wieder und lächelte dazu. „Mein Zimmer wäre wohl für einen Gott nicht zu schlecht“, sagte Frau Tjin lächelnd. Mit eigener Hand schlug sie die seidene Decke zurück, die einst Hsi-dsï gewaschen hatte, und rückte das mit Mandarinenten bestickte Kissen zurecht, das einst Hung-niang im Arm gehalten hatte. Die Ammen halfen Bau-yü sich hinlegen, dann gingen sie gemächlich hinaus. Nur die vier Sklavenmädchen Hsi-jën, Mee-jën, Tjing-wën und Schë-yüä blieben zur Gesellschaft zurück. Den anderen kleinen Sklavenmädchen befahl Frau Tjin, schön draußen unter dem Dachvorsprung zu bleiben und zuzusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten. Bau-yü schlief ein, kaum daß er die Augen geschlossen hatte. Ihm war, als ob Frau Tjin vor ihm ginge, und er folgte ihr leichtfüßig bis in eine Gegend, wo er rote Geländer und weißen Stein, grüne Bäume und klare Bäche erblickte. Hier war kaum die Spur eines Menschen zu finden, und kein Staub drang hierher. Erfreut dachte Bau-yü im Traum: „Welch reizender Ort! Hier würde ich gern mein Leben lang bleiben, auch wenn ich mich deswegen von der Familie trennen müßte. Das wäre doch besser, als Tag für Tag von den Eltern und Lehrern Schläge zu bekommen!“ Während er so seinen törichten Gedanken nachhing, hörte er plötzlich, wie hinter einem Berg jemand sang: „Frühlingsträume mit den Wolken vergehen, fallende Blüten trägt der Strom mit sich fort. Sagt es den Jungen, den Mädchen nur allen: Wozu sich unnütz mit Sorgen beladen?!“ Bau-yü hörte, daß es eine Mädchenstimme war, und noch ehe das Lied zu Ende war, sah er die Sängerin hervorkommen. Ihr tänzelnder Gang und ihr graziler Wuchs unterschieden sie von den Menschen. Hier ist eine Ode als Beleg dafür: Gerade tritt sie aus dem Weidenhain, eben verläßt sie das Blumenhaus. Wohin sie kommt, verstecken die Vögel sich auf den Bäumen. Wo sie sich naht, streift ihr Schatten über den Bogengang. Flattert ihr Ärmel, riecht es nach Moschus und Orchideen. Bauscht sich ihr Gewand klimpern die Gürtelgehänge aus Jade. Die Wangen wie Pfirsichblüten gefärbt, die Haare wie Wolken getürmt, die Lippen wie geplatzte Kirschen, die Zähne wie Granatapfelkerne. Zart ist ihre schlanke Taille –

wirbelnder Wind, tanzender Schnee.

Perlen und Jade blitzen

	 auf der Stirn, gelb wie Entenküken geschminkt.

Sie schlüpft durch die Blumen, wie zürnend, wie lachend. Sie gleitet über den Teich, wie fliegend, wie flatternd. Sie lacht mit gerunzelten Brauen, scheint sprechen zu wollen und schweigt. Sie schreitet mit Lotosschritten, scheint stocken zu wollen und geht. Lieblich ist ihr Wesen, wie Eis so klar, wie Jade so rein. Herrlich ist ihr Kleid, es leuchten darauf die Muster. Niedlich ist ihr Gesicht, wie aus Duftholz geschnitzt, aus Jade geschliffen. Zierlich ist ihre Haltung, wie ein tanzender Phönix, ein fliegender Drache. Wem gleicht ihre Weiße? Einer Aprikosenblüte, im Frühlingsschnee erblüht. Wem gleicht ihre Reinheit? Einer Chrysantheme, in Herbstreif gehüllt. Wem gleicht ihre Erhabenheit? Einer Kiefer, einsam im Talgrund gewachsen. Wem gleicht ihre Schönheit? Einer Abendwolke, im stillen Teich gespiegelt. Wem gleicht ihre Erscheinung? Einem Drachen, der prächtig im Wasser schwimmt. Wem gleicht ihre Seele? Dem Mond, der den frostigen Fluß bescheint. Sie müßte die Hsi-dsï beschämen, die Wang Tjiang neidisch machen. Ein Wunder fürwahr!

	 Wo ist sie geboren? Wo kommt sie her?

Es gibt wirklich nicht ihresgleichen, nicht am Jadeteich, nicht im Purpurpalast. Wer mag sie sein, so schön, wie sie ist? Als Bau-yü erkannte, daß es eine Fee war, trat er erfreut vor sie hin, verbeugte sich rasch mit zusammengelegten Händen und sagte: „Schwester Fee, ich weiß nicht, woher du kommst, wohin du gehst und wo wir hier sind, ich bitte nur, daß du mich mitnimmst.“ Lächelnd erwiderte die Fee: „Ich wohne am Himmel des Trennungsschmerzes, inmitten des Kummernährenden Meeres, in den Wahngefilden der Großen Leere, in der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges. Ich bin die Fee Warnendes Trugbild und wache über die Herzensangelegenheiten und die Liebesschulden der Menschen, über Mädchenkummer und Männertorheit in der Welt des Staubes. Weil sich unlängst Liebesnarren hier versammelt haben, bin ich hergekommen, um die Gelegenheit zu erkunden und Sehnsucht auszustreuen. Auch dir bin ich nicht zufällig begegnet. Mein Reich ist nicht fern von hier. Aber ich habe nichts anderes für dich als eine Schale Feentee, den ich selber gepflückt habe, einen Kübel schönen Wein, den ich selber bereitet ha­-

Fee Warnendes Trugbild. Aus: Gai Qi 1879. be, ein paar Sängerinnen, die in magischen Tänzen geübt sind, und zwölf neue Feenlieder vom Traum im prachtvollen Frauengemach. Willst du versuchen, mit mir zu gehen?“ Als Bau-yü das hörte, vergaß er, wo Frau Tjin geblieben war, und folgte der Fee. Sie kamen an ein steinernes Schmucktor, das den Weg überspannte und auf dem oben in großen Schriftzeichen geschrieben stand ‚Wahngefilde der Großen Leere‘. Ein Parallelsatzpaar auf beiden Seiten lautete: „Wenn Falsches wahr ist, wird auch Wahres falsch, wo Nichtsein Sein ist, wird auch Sein zum Nichts.“ Als sie durch das Schmucktor gebogen waren, kamen sie an ein Palasttor, über dem quer die Schriftzeichen standen „Meer der Sünde, Himmel der Liebe“. Auch hier gab es eine Parallelinschrift. Sie hieß: „Stark ist die Erde, der Himmel ist hoch – ein Elend nur, daß die ewige Liebe kein Ende nimmt. Törichte Männer, kummervolle Mädchen – ein Jammer nur, daß sich Liebesschuld nicht zurückzahlen läßt.“ „So ist das also“, dachte Bau-yü, als er die Inschriften gelesen hatte. „Ich weiß nur nicht, was ›ewige Liebe‹ und ›Liebesschuld‹ ist. Ich will doch zusehen, daß ich es in Zukunft verstehe!“ Dabei merkte er nicht, wie ihm mit diesem Gedanken ein böser Zauber tief ins Mark drang. Nun folgte er der Fee durch ein Innentor, hinter dem auf beiden Seiten Nebengebäude standen, jedes mit einer Namenstafel und einem Parallelsatzpaar, wovon er in der Eile nicht viel lesen konnte. Einige Namen aber erkannte er: „Amt der törichten Liebe“, „Amt des blindwütigen Hasses“, „Amt der morgendlichen Tränen“, „Amt des nächtlichen Kummers“, „Amt der Frühlingsgefühle“ und „Amt des Herbstleids“. „Darf ich dich bitten, mich durch diese Ämter zu führen?“ fragte Bau-yü. „In diesen Ämtern werden die Schicksalsbücher über Vergangenheit und Zukunft der Mädchen der ganzen Welt aufbewahrt“, sagte die Fee. „Du mit deinen profanen Augen und deinem irdischen Leib solltest diese Dinge besser nicht im voraus erfahren.“ Wie hätte Bau-yü wohl nachgeben mögen, nachdem er das gehört hatte! Er bettelte immer wieder, bis der Fee kein anderer Ausweg blieb, als zu sagen: „Schon gut, dann sieh dich in diesem Amt ein wenig um!“ Bau-yü war außer sich vor Freude und hob den Kopf, um nach der Namenstafel zu sehen. „Amt des widrigen Geschicks“ las er. Und das Parallelsatzpaar auf beiden Seiten besagte:

„Frühlingskummer und Herbstleid, alles ist eigene Schuld. Blumengesicht und Mondesantlitz, für wen seid ihr so schön?“ Bau-yü seufzte bewegt, als er es gelesen hatte. Dann trat er durch die Tür und erblickte mehr als zehn große Schränke, die alle mit Papierstreifen versiegelt waren. Auf diesen Papierstreifen standen die Ortsnamen der einzelnen Provinzen. Gespannt suchte er nach seinem Heimatort, andere Provinzen interessierten ihn nicht. Da erblickte er auf einem Schrank den Vermerk „Hauptregister der zwölf Mädchen von Djin-ling“ und fragte, was das bedeutete. „Es ist das Register der zwölf ersten Mädchen deiner Heimat, darum heißt es Hauptregister“, sagte die Fee. „Ich habe oft davon erzählen gehört, wie groß Djin-ling ist“, wunderte sich Bau-yü. „Warum sind es nur zwölf Mädchen? Allein in unserer Familie gibt es alles in allem ein paar hundert.“ „Freilich gibt es dort viele Mädchen“, sagte die Fee und lächelte kühl. „Hier sind nur die wichtigsten verzeichnet. In den nächsten beiden Schränken sind die weniger wichtigen. Für den profanen Rest gibt es keine Register.“ Bau-yü sah sich die nächsten beiden Schränke an, und tatsächlich stand dort ‚Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘ und ‚Zweites Nebenregister der zwölf Mädchen von Djin-ling‘. Also streckte er die Hand aus, öffnete zuerst den Schrank mit dem zweiten Nebenregister und nahm ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er auf dem ersten Blatt ein Bild, aber es zeigte weder einen Menschen noch eine Landschaft, über das ganze Blatt waren nur mit schwarzer Tusche dunkle Wolken und trüber Nebel gemalt. Daneben standen die Zeilen: „Selten erblickt man den klaren Mond, bunte Wolken zerflattern so schnell. Das Herz erhabener als der Himmel,

	 der Leib aber niedrig und gering.
Anmut und Witz erwecken die Mißgunst der Leute,

Verleumdung führt zum frühen Tod. Sinnlos trauert der gefühlvolle junge Herr.“ Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü ein Bund frischer Blumen und eine zerrissene Matte. Daneben stand: „Vergeblich alle Nachgiebigkeit und Gefügigkeit,

Aus: Chengjiaben 1791. umsonst der Vergleich mit Duftblüte und Orchidee.

Ein Schauspieler trägt den Preis davon,

leer geht aus der junge Herr.“ Bau-yü verstand nicht, was das heißen sollte. Darum warf er das Heft hin, öffnete den Schrank mit dem Nebenregister und nahm dort ein Heft heraus. Als er es aufschlug, erblickte er ein Bild mit einem Duftblütenstrauch und einem ausgetrockneten Teich davor, in dem eine verdorrte Lotosblume stand. Daneben war zu lesen: „Der Lotosblume Gefährtin und duftig wie sie, ist ihr Schicksal nur Jammer und Not. Taucht noch endlich der Duftblütenstrauch auf, geht sie zur ewigen Ruhe ein.“ Wieder verstand Bau-yü nicht, was er da sah, darauf warf er auch dieses Heft hin und griff nach dem Hauptregister. Auf dem ersten Blatt sah er zwei abgestorbene Bäume, um die ein Jadegürtel geschlungen war. In einer Schneewehe darunter lag ein goldener Haarpfeil. Daneben stand der Vierzeiler: „Beklagenswert ihre sittliche Tugend, bedauernswert ihr schönes Talent.

	 Der Jadegürtel hängt in den Bäumen,
	 den Haarpfeil der Schnee bedeckt.“

Auch das konnte Bau-yü nicht verstehen. Schon wollte er fragen, aber er sagte sich, daß die Fee ihm bestimmt nichts verraten würde. Er war schon im Begriff, auch dieses Heft wegzulegen, aber dann brachte er es nicht über sich und blätterte weiter. Jetzt erblickte er einen Bogen, an dem eine Zitrone hing. Daneben stand das Gedicht: „Zwanzig Jahre wußte sie Recht und Unrecht zu scheiden, die Granatapfelblüte ziert das Palastgemach. Drei Frühlinge kommen dem ersten nicht gleich; der Traum ist aus, als Tiger und Nashorn sich treffen.“ Auf dem nächsten Bild waren zwei Menschen zu sehen, die einen Drachen steigen ließen. Auf dem weiten Meer schwamm ein großes Schiff, darauf stand ein Mädchen, das sich die Hände vors Gesicht hielt und weinte. Vier Sätze besagten: „Blühend war ihr Talent, hoch ging ihr Streben, doch zu spät geboren, ist Unglück ihr Los. Zum Tjing-ming-Fest ein Abschied mit Tränen, tausend Li weit der Ostwind weht, fern geht ihr Traum.“ Das folgende Bild zeigte fliegende Wolken und strömendes Wasser. Dazu hieß es: „Was nutzen Reichtum und hohe Geburt, wird man schon in den Windeln zur Waise? Ein einziger Augenblick, und die Sonne versinkt, das Wasser des Hsiang strömt dahin, die Wolken von Tschu entfliegen.“ Dann war da ein Bild, auf dem ein schöner Jadestein im Schmutz lag. Der Urteilsspruch dazu lautete: „Du strebtest nach Reinheit, hast du Reinheit erreicht? Du sprachst von der Scheinwelt, doch war sie nur Schein? Welch Jammer – ein Wesen wie aus Gold und Jade, und muß doch schließlich im Schmutz versinken.“ Auf dem nächsten Blatt erblickte Bau-yü plötzlich einen reißenden Wolf, der sich auf ein schönes Mädchen stürzte, um es zu verschlingen. Daneben stand: „Ehemann Sun erweist sich als herzloser Wolf, sobald er das Ziel seiner Wünsche erreicht. Eine zarte Blume aus reichem Hause, erfüllt sich in nur einem Jahr ihr Geschick.“ Auf dem folgenden Bild saß in einem alten Tempel einsam ein schönes Mädchen und las ein Buch. Der Spruch dazu hieß: „Nicht lange währt dreifaches Frühlingsglück, dann ersetzt ihr das Nonnengewand den Putz. Ein vornehmes Kind aus Prunkgemächern schläft einsam neben dem Buddhabild.“ Nun kam das Bild eines Gletschers mit einem Phönixweibchen darauf, dazu die Worte: „Ein Phönix erscheint in der Zeit des Verfalls, und jedermann liebt ihr seltnes Talent. Sie folgt, sie befiehlt, dann wird sie verstoßen, kehrt weinend nach Djin-ling zurück.“ Auf dem nächsten Bild saß ein schönes Mädchen in der ärmlichen Hütte eines kleinen Dorfes und spann Garn. Der zugehörige Spruch besagte: „Was heißt denn ›vornehm‹ ohne Macht? Was gelten noch ruinierte Verwandte? Nur weil die alte Liu einmal Hilfe bekam, findet ein Retter sich in der Not.“ Ein weiteres Bild zeigte üppig blühende Orchideen in einer Blumenschale, daneben stand eine schöne Frau mit Phönixkrone und Zeremonialgewand. Auch hierzu gab es wieder einen Spruch: „Der Frühling endet mit den Früchten. Wer kommt allein der Orchidee gleich? Die Reinheit von Wasser, die Klarheit von Eis wird zu Unrecht beschwatzt und beneidet.“ Jetzt kam ein Bild mit hohen Häusern und großen Hallen. An einem Dachbalken hatte sich eine Schöne erhängt. Daneben stand: ‚Himmel und Meer der Liebe und ein Trugbild, aus Liebe geworden; wo Lieb auf Liebe trifft, herrscht die Lust. Zwar schiebt man die Schuld auf das Jung-guo-Anwesen, doch im Ning-guo-Anwesen fing alles an.‘ Bau-yü wollte das Heft noch weiter ansehen, aber die Fee wußte um seine hohe Begabung und seine scharfsichtige Art und befürchtete daher, es könnten doch Feengeheimnisse durchsickern, darum hielt sie das Heft mit beiden Händen zu und sagte lächelnd: „Geh lieber mit mir die Wunderansichten besehen, als hier über unverständlichen Rätseln zu brüten!“ Gedankenverloren legte Bau-yü das Heft weg und ging mit der Fee weiter. Er erblickte Perlenvorhänge und gestickte Portieren, bemalte Balken und geschnitzte Dachvorsprünge. Unmöglich, all die rotglänzenden Türen und die goldbelegten Böden zu beschreiben, die schneeblitzenden Fenster und die jadegefügten Paläste. Dann sah er duftende Wunderblumen und wohlriechende Zauberpflanzen. Es war wirklich ein schöner Ort. Nun hörte er, wie die Fee Warnendes Trugbild lachend rief: „Kommt schnell heraus und begrüßt den teuren Gast!“ Ihre Worte waren noch nicht verklungen, da sah er mehrere Feen aus dem Haus treten. Ihre Lotosärmel wallten, und ihre Federkleider flatterten. Sie waren anmutig wie Frühlingsblumen und schön wie der Herbstmond. Kaum daß sie Bau-yü erblickt hatten, warfen sie der Fee Warnendes Trugbild böse vor: „Wir wußten nicht, wer der Gast ist, für den wir so schnell herauskommen mußten. Du hattest gesagt, die Seele von Schwester Purpurperle werde heute um diese Stunde kommen, darum haben wir lange gewartet. Warum bringst du statt dessen dieses schmutzige Ding mit, das die Stätten reiner Mädchen besudelt?“ Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er am liebsten weggelaufen wäre, wenn er gekonnt hätte, und kam sich wirklich unerträglich schmutzig vor. Da faßte Warnendes Trugbild seine Hand und sagte zu den anderen: „Ihr wißt ja nicht, worum es hier geht. Als ich heute zum Jung-guo-Anwesen wollte, um Purpurperle abzuholen, kam ich am Ning-guo-Anwesen vorüber und bin zufällig den Seelen der beiden Herzöge Ning-guo und Jung-guo begegnet, die mir folgendes aufgetragen haben: „Seit Gründung der Dynastie haben sich in unserer Familie Ruhm und Wohlstand von Generation auf Generation vererbt, aber nach hundert Jahren ist es jetzt mit unserem Glück unwiderruflich vorbei. Deshalb kann von unseren nachgebliebenen Söhnen und Enkeln keiner das Werk fortsetzen, obwohl sie zahlreich sind. Der Enkel Bau-yü, Sohn einer Hauptfrau, ist der einzige, aus dem trotz seiner verschrobenen Art und seines eigenartigen Charakters vielleicht noch etwas werden kann. Aber wenn er auch klug und scharfsinnig ist, ist nun einmal unser Schicksal besiegelt, und es gibt wohl niemanden, der ihn auf den rechten Weg führen kann. Jetzt kommst zufällig du hier vorbei, schöne Fee, und da hoffen wir, daß du ihm in seiner Torheit mit Hilfe der Begierde nach Schönheit und Musik eine Warnung erteilst, damit er vielleicht den Schlingen der Verwirrung entgeht und später einmal den rechten Weg findet. Das würde auch für uns Brüder das Glück bedeuten.“ Aufgrund dieses Auftrages habe ich Milde walten lassen und den Knaben hergeführt. Zuerst ließ ich ihn die Schicksalsbücher der erst-, zweit- und drittrangigen Mädchen seiner Familie ansehen, aber das hat ihn noch nicht zu erwecken vermocht. So brachte ich ihn hierher, um ihn den Wahn von Essen, Trinken, Musik und Frauenschönheit kosten zu lassen. Wer weiß, ob man nicht hoffen kann, daß er doch noch zur Erkenntnis gelangt!“ Nachdem sie zu Ende gesprochen hatte, führte sie Bau-yü ins Haus, wo er einen feinen Weihrauchgeruch verspürte,aber nicht festzustellen vermochte, was da verbrannt wurde. Er konnte sich nicht enthalten zu fragen, und Warnendes Trugbild sagte mit kühlem Lächeln: „Diesen Weihrauch gibt es nicht in der Welt des Staubes. Woher solltest du ihn kennen? Es ist die Essenz seltener junger Gräser von berühmten Bergen und bekannten Stätten, gemischt mit dem Harz edler Bäume, und heißt ‚Mark der gesammelten Düfte‘.“ Bau-yü war ganz Entzücken. Als sich alle gesetzt hatten, brachten Mägde den Tee, und Bau-yü bemerkte, daß er ein frisches Aroma und einen ungewöhnlichen Geschmack hatte und von außerordentlicher Reinheit war. Darum fragte er wieder, was das sei. „Dieser Tee kommt aus der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges und ist mit dem Nachttau von Feenblumen und Geisterblättern gebrüht“, erläuterte Warnendes Trugbild. „Er heißt ‚Tausendfaches Rot in einer Höhlung‘.“ Bau-yü nickte bewundernd und sah sich um. Da sah er kostbare Bronzegefäße und jadegeschmückte Zithern, alte Bilder und neue Gedichte – alles, was man sich denken konnte.her solltest du ihn kennen? Es ist die Essenz seltener junger Gräser von berühmten Bergen und bekannten Stätten, gemischt mit dem Harz edler Bäume, und heißt ‚Mark der gesammelten Düfte‘.“ Bau-yü war ganz Entzücken. Als sich alle gesetzt hatten, brachten Mägde den Tee, und Bau-yü bemerkte, daß er ein frisches Aroma und einen ungewöhnlichen Geschmack hatte und von außerordentlicher Reinheit war. Darum fragte er wieder, was das sei. „Dieser Tee kommt aus der Duftverströmenden Höhle des Frühlingspendenden Berges und ist mit dem Nachttau von Feenblumen und Geisterblättern gebrüht“, erläuterte Warnendes Trugbild. „Er heißt ‚Tausendfaches Rot in einer Höhlung‘.“ Bau-yü nickte bewundernd und sah sich um. Da sah er kostbare Bronzegefäße und jadegeschmückte Zithern, alte Bilder und neue Gedichte – alles, was man sich denken konnte. Noch mehr aber freute es ihn, daß auch hier die abgebissenen Enden von Stickfäden unter dem Fenster lagen und daß Puderreste zwischen den Schminkkästchen verstreut waren. Dann erblickte er an der Wand ein Parallelsatzpaar: „Verborgener Ort, von geisterhafter Schönheit erfüllt; Himmelswelt, in der man sich nicht zu lassen weiß.“ Nachdem Bau-yü alles angesehen hatte, war er voll Bewunderung und fragte nach den Namen der Feenmädchen. Eine hieß Fee der Törichten Träume, eine andere Heilige der Innigen Liebe, eine dritte Kummerbringendes Goldmädchen und eine vierte Leiddurchmessende Erleuchtete. So nannte jede ihren Namen. Wenig später stellten kleine Sklavenmädchen Tische und Stühle zurecht und trugen Wein und Speisen auf. Hier konnte man wirklich sagen: Flüssiger Edelstein füllt die gläsernen Becher, starker Jadesaft blinkt in den Bernsteinschalen. Von der Üppigkeit der Speisen muß nicht erst die Rede sein. Als Bau-yü das reine, edle Aroma wahrnahm, das dieses Getränk von gewöhnlichem Wein unterschied, konnte er sich wieder nicht enthalten, sich danach zu erkundigen. „Dieser Wein ist aus hunderterlei Blütenknospen und tausenderlei Baumsäften mit einem Zusatz aus Einhornmark und Phönixmilchhefe bereitet“, gab Warnendes Trugbild Auskunft. „Darum heißt er ‚Zehntausend Köstlichkeiten in einem Pokal‘.“ Bau-yü wurde nicht müde, sein Entzücken zu äußern. Während sie tranken, kamen zwölf Tänzerinnen herein und fragten, was sie aufführen sollten. „Tragt uns die zwölf neuen Lieder des Traums im prachtvollen Frauengemach vor!“ sagte Warnendes Trugbild. Die Tänzerinnen bestätigten ihren Auftrag, ließen leise die Holzklappern ertönen und schlugen langsam die silbernen Zithern. Dazu sangen sie: „Im Chaos der Schöpfung...“ Nach dieser Zeile wurden sie von Warnendes Trugbild unterbrochen, die sagte: „Diese Gesänge sind etwas anderes als die Arien der Dramen in der Welt des Staubes, wo es unbedingt Männer- und Frauen-, Haupt- und Nebenrollen geben muß und stets die neun Tonarten des nördlichen und des südlichen Stils zu unterscheiden sind. Hier wird nur ein Mensch besungen oder eines Ereignisses gedacht. Wird zufällig eine Arie daraus, kann man sie mit Instrumenten begleiten. Wer kein Eingeweihter ist, kann den Reiz nicht verstehen, der darin liegt. Wahrscheinlich sind dir auch die Melodien nicht sehr verständlich. Wenn du also nicht zuerst die Texte liest und dann die Gesänge anhörst, wird es so geschmacklos für dich werden, als ob du Wachs kaust.“ Dann wandte sie den Kopf, befahl einem kleinen Sklavenmädchen, das Manuskript des ‚Traums im prachtvollen Frauengemach‘ zu bringen, und gab es Bau-yü. Dieser schlug es auf und las mit den Augen den Text, während seine Ohren dem Gesang folgten, der lautete:

„Prolog

Im Chaos der Schöpfung wo war‘n die Gefühle? Es gab nur das Sehnen von Wind und von Mond. Unter ratlosem Himmel, an schmerzvollem Tage, in einsamer Stunde versuch ich, mein Herz zu erleichtern, und sing diese Klage um Jade und Gold.


Ein Fehler fürs ganze Leben

Alle nenn‘s den glücklichen Bund von Jade und Gold, ich aber gedenke des Schwurs nur von Holz und Stein. Sinnlos steh ich vor der Edlen, dem gleißenden Schnee , niemals vergeß ich die Schöne, den einsamen Wald. Seufzend erkenn ich, das Gute bleibt unvollkommen. Für immer nur bleibt es bei höflicher Form, und nie wird befriedigt mein sehnendes Herz.


Umsonst die Brauen gerunzelt Eins eine Wunderblume im Feenpalast, das andre ein Jadestein ohne Makel. Wenn es nicht ihre Bestimmung war, warum mußten als Mensch sie sich treffen? Doch wenn es für sie so bestimmt war, warum ward die Hoffnung zuschanden? Das eine in einsamer Klag sich ergeht, das andre in stummem Gedenken. Das eine ist nur im Wasser der Mond, das andre die Blume im Spiegel. Wie viele Tränen hält das Auge bereit, daß sie fließen vom Herbst durch den Winter und weiter vom Lenz bis zum Sommer?“

Bau-yü kamen diese Texte verworren und nebelhaft vor, er konnte nichts Gutes daran finden. Nur die melodischen Töne dazu konnten einem die Sinne berauschen. Darum unterließ er es, nach Zusammenhängen zu forschen und den Ursprung zu erfragen, und sah es als einen Zeitvertreib an. Weiter las er:

„Jammer um die Unbeständigkeit des Seins Mitten ins prächtigste Blühen trägt der Bote des Todes das Leid. Mit weit geöffneten Augen läßt alles sie fahren dahin. Schwankend und wankend entrinnet die duftige Seele ihr. Weit entfernt liegt die Heimat, darum sagt sie‘s den Eltern im Traum: ›Ich ging zu den Gelben Quellen, denkt an den Rückzug auch ihr!‹


Trennung von Fleisch und Bein Durch dreitausend Li Wind und Regen getrennt liegt das Elternhaus. Daß euch nicht Tränen das Alter vergällen, denkt an die Tochter nicht mehr! Ist unser Schicksal feste Bestimmung, muß auch die Trennung es sein. Soll‘n an zwei Orten wir leben, sei uns Friede dabei gegönnt, drum denkt an die Tochter nicht mehr!


Kummer in der Freude Schon in den Windeln zur Waise geworden, erwuchs sie in Reichtum, doch ungeliebt. Weil sie klug schon zur Welt gekommen, ward ihr Herz nicht von Liebe betört. Selbst so klar wie Mondschein auf Jadehallen, wird ihr ein edler Jüngling zuteil. Nun glaubt sie, ihr Glück sei gewonnen, das Leid ihrer Kindheit gesühnt. Doch die Wolken von Gau-tang vergehen, und das Wasser des Hsiang verströmt. In der Welt heißt‘s, dem Schicksal sich fügen, wozu der unnütze Gram?


Verschmäht von der Welt Ein orchideenhaft schönes Wesen, an Talenten Unsterblichen gleich, jedoch überspannt zum Erstaunen. Fleisch nennst du stinkendes Aas, Seide hältst du für gewöhnlich. Doch die Menschen mögen nicht große Würde, und zuviel Reinheit widert sie an. Nun welkst du im Dämmerlicht eines Tempels, hast dem Puder, dem Luxus entsagt. Doch wenn du auch stolz dich behauptest, bist du gleichwohl nur Jade im Schmutz. Wie sollte der junge Herr nicht klagen!


Der Mann – ein Feind Der Wolf von Dschung-schan ist ein herzloses Tier. Vergangene Güte gilt ihm nichts mehr, er kennt nur Verschwendung und wilden Genuß. Das edle Herzogskind schätzt er gering, mißhandelt die Tochter aus fürstlichem Haus. Ein Jahr nur, und die duftige Seele schwindet dahin.


Erkenntnis des nichtigen Blühens Drei Frühlinge hab ich durchschaut – was wird aus Pfirsichrot und Weidengrün? So entsage ich aller Blütenpracht und strebe nach himmlischer Harmonie. Was heißt hier, üppig der Pfirsich erblüht, herrlich die Aprikose? Welche Blüte überdauert den Herbst? Ich hör nur der Toten Klagelied, das Jammergeschrei armer Seelen; himmelhoch steht auf den Gräbern das Gras. Im Wechsel des Glücks reibt der Mensch sich auf, Blühn und Vergehn ist der Blumen Geschick. Wer könnte der Fügung von Geburt und Sterben entgehen? Im Westen wächst, sagt man, der Posuo-Baum , er trägt die Früchte des ewigen Lebens.


Zuviel Schlauheit Alles wußte sie klug zu berechnen, bis sie daran zugrunde ging. Noch im Leben das Herz zerrissen, hat mit dem Tod ein Ende ihr Witz. Die Familie reich, friedlich die Menschen, doch dann bricht alles zusammen.

Umsonst in ständiger Sorge gelebt –

wie ein nächtlicher Traum, der formlos zerflattert,

wie ein Haus, das krachend zusammenfällt,

wie eine Lampe, die knisternd verlöschen will,

wandelt Freude sich plötzlich in Leid.

Ach, auf nichts ist Verlaß im Leben!


Vergoltene Güte Durch der Mutter Verdienst, durch der Mutter Verdienst schickt der Zufall ihr einen Retter. Ein Glück nur, ein Glück nur, daß die Mutter verborgen einst Gutes getan. Laß ein jeder sich raten, die Bedrängten zu retten, den Armen zu helfen, ungleich den schurkischen Onkeln und Vettern, die aus Habgier verraten ihr Fleisch und ihr Blut. Denn wahrlich, der Himmel schickt Strafe und Lohn.


Späte Pracht Gefühle nur mehr im Spiegel? Was sollen mir Ruhm und Ehre im Traum? Wie schnell ist die Jugend verflogen, kein Gedanke mehr an das eh‘liche Bett. Eine glänzende Perlenkrone, ein phönixbesticktes Gewand, sie halten das Ende nicht auf. Frei sei ein jeder von Armut im Alter! Doch wo sind die Taten, für die deine Kinder einst ernten den Lohn? Stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck,

stolz trägt auf dem Kopf er den vornehmen Schmuck,
an seiner Brust glänzt ein goldenes Siegel.
Ihm wurde ein hohes Amt zuteil,
ihm wurde ein hohes Amt zuteil,
aber nah ist der Weg ins Düster der Gelben Quellen. Wo sind die Generäle und Kanzler von einst?
Leere Namen sind‘s, die die Nachfahren ehren.


Das Gute hat ein Ende Ein junges Leben endet –
vom bunten Balken fällt duftender Staub.

In Liebessehnen und schönem Gesicht liegt die Wurzel für der Familie Verderb. Mit Herzog Djia Djing fing alles an, im Ning-guo-Anwesen die Hauptschuld liegt, das ererbte Übel jedoch ist die Liebe.


Epilog: Die Vögel zerstreun sich im Walde

Eine Beamtenfamilie zerfällt, ein reiches Haus geht zugrunde. Wohltäter kommen mit dem Leben davon, die Herzlosen trifft sichere Rache. Wer Tod verschuldet, den trifft der Tod, wer Tränen geschuldet, hat ausgeweint. Erbfeindschaft entsteht nicht von ungefähr, Begegnung und Trennung das Schicksal bestimmt. Für ein kurzes Leben such im vorigen Leben den Grund, Reichtum und Ehre im Alter nur der Zufall bringt. Wer die Welt durchschaut, flieht vor der Welt, die Verblendeten opfern achtlos ihr Leben. Ist das Futter alle, zerstreun sich die Vögel im Wald, zurück bleibt ein kahler Fleck Erde.“

Als dieses Lied zu Ende war, wollten die Mädchen noch einen Zusatz singen, aber Warnendes Trugbild hatte bemerkt, daß Bau-yü keinen Geschmack daran fand, darum seufzte sie: „Der törichte Knabe ist noch nicht erweckt.“ Auch Bau-yü sagte rasch, die Sängerinnen brauchten sich nicht weiter zu bemühen. Er fühlte sich so konfus und benommen, daß er bat, seinen Rausch ausschlafen zu dürfen. Also befahl Warnendes Trugbild, die Reste des Festmahls abzutragen, und führte Bau-yü zu einem Gemach, das so üppig ausgestattet war, wie er es noch nie gesehen hatte. Noch verwirrender aber war, daß sich längst ein Mädchen in dem Raum befand. Durch ihre frische, liebliche Art erinnerte sie an Bau-tschai, gleichzeitig ähnelte sie durch ihre elegante Zartheit auch Dai-yü, und Bau-yü wußte wirklich nicht, was er davon halten sollte. Plötzlich sagte Warnendes Trugbild: „In wie vielen reichen und vornehmen Familien in der Welt das Staubes wird die Reinheit der edlen Gemächer durch verdorbene Jünglinge und leichtfertige Mädchen befleckt! Und was noch schlimmer ist, wie viele flatterhafte Nichtstuer haben seit alters her von ‚Sinnesfreude ohne Ausschweifung‘ und von ‚unverdorbenen Gefühlen‘ gesprochen, womit sie nur ihre Untaten bemänteln und ihre Schande verdecken! Sinnesfreude ist Ausschweifung, und erst recht ist es verdorben, Gefühle zu haben. Die ‚Begegnungen mit der Fee vom Berg Wu-schan‘ und die ‚Freuden aus Wolken und Regen‘ werden dadurch bewirkt, daß sich die Sinne an der Schönheit erfreuen und das Herz sich nach Gefühlen sehnt. Dich mag ich, weil du der ausschweifendste Mensch bist, der je auf Erden gelebt hat.“ Als Bau-yü das hörte, erschrak er so, daß er rasch erwiderte: „Du irrst, Schwester Fee! Wohl haben die Eltern mich immer wieder belehrt und gescholten, weil ich träge beim Lernen bin, aber wann hätte ich mir Ausschweifungen zuschulden kommen lassen? Außerdem bin ich noch klein und weiß nicht, was Ausschweifungen sind.“ „Das stimmt nicht“, sagte Warnendes Trugbild. „Dem Prinzip nach ist die Ausschweifung dieselbe, aber dem Sinn nach gibt es Unterschiede. Die üblichen Liebhaber von Ausschweifungen haben nur Freude an schönen Gesichtern, sie lieben Gesang und Tanz, sind unermüdlich im Kosen und geben sich immerzu dem Spiel von Wolken und Regen hin. Sie bedauern es nur, daß sie nicht alle schönen Mädchen des Reiches für einen Augenblick der Lust haben können. Das sind Narren, die vor Geilheit triefen. Dir aber hat der Himmel ein törichtes Gefühl verliehen, das wir geistige Ausschweifung nennen. Diese geistige Ausschweifung kann man nur mit dem Herzen verstehen, aber nicht mit Worten ausdrücken. Du allein erfährst heute diesen Begriff. Bei den Mädchen kannst du damit ein guter Freund werden, in den Augen der Welt jedoch wirst du unvermeidlich als Sonderling gelten. Alle Münder werden dich verspotten, alle Augen werden dich scheel ansehen. Nachdem ich heute deine Ahnen, die Herzöge Ning-guo und Jung-guo, getroffen habe und sie mir ihr Herz ausgeschüttet haben, kann ich es nicht ertragen, daß du nur den Glanz der Mädchengesichter erhöhen sollst und von der Welt verachtet wirst. Deshalb habe ich dich hierher geführt, habe dir Geisterwein und Feentee vorgesetzt und dich mit kunstvollen Liedern gewarnt. Jetzt will ich dich noch mit meiner jüngeren Schwester vermählen. Ihr Kindheitsname ist Djiän-mee, ihr Ehrenname Kë-tjing. Heute nacht ist eine glückliche Stunde, um die Ehe zu vollziehen. Aber du mußt verstehen, was sogar hier im Wahnreich von Feen so ist, gilt um so mehr für die Welt des Staubes. Von nun an mußt du unbedingt über dein bisheriges Leben ins klare kommen und endlich erwachen, du mußt deinen Sinn auf die Lehren von Kung-dsï und Mëng-dsï richten und dich den Prinzipien der Staatsverwaltung widmen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, belehrte sie ihn diskret über die Praxis des Wolken-und-Regen-Spiels, schob ihn ins Zimmer, schloß die Tür und ging davon. Verwirrt befolgte Bau-yü die Anweisungen der Fee, und so tat sich unvermeidlich das, was sich zwischen Jünglingen und Mädchen tut und was man schlecht ausführlich beschreiben kann. Am nächsten Tag war Bau-yü so voll Zärtlichkeit und Anhänglichkeit, fand so viele Schmeichelworte und Liebkosungen, daß er von Kë-tjing nicht zu trennen war. Als sie Hand in Hand zu einem Spaziergang hinausgingen, gerieten sie auf einmal in eine Gegend, wo dichtes Gestrüpp die Erde bedeckte und Wölfe und Tiger in Rudeln umherschweiften. Vor ihnen versperrte ein schwarzer Fluß den Weg, über den keine Brücke führte. Während sie unschlüssig darauf zugingen, sahen sie plötzlich Warnendes Trugbild herbeieilen. „Geht nicht weiter! Kehrt nur rasch um!“ sagte sie. „Wo sind wir hier?“ fragte Bau-yü und blieb stehen. „Das ist die Furt der Verwirrung“, erklärte Warnendes Trugbild. „Sie ist zehntausend Dschang tief und eintausend Li breit, und es gibt hier kein Boot, auf dem man übersetzen könnte, nur ein Floß, das von einem hölzernen Buddha gesteuert und von einem tönernen Standbild gestakt wird. Sie nehmen kein Gold oder Silber als Fährlohn an, sondern setzen nur den über, dem es vorherbestimmt ist. Du bist durch Zufall hierher geraten, und wenn du hineingefallen wärst, wären meine aufrichtigen Warnungen umsonst gewesen.“ Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als das Wasser in der Furt plötzlich mit Donnergetöse aufbrauste. Eine Schar von Teufeln und Wassergeistern wollte Bau-yü in die Tiefe zerren. Vor Schreck brach kalter Schweiß wie Regen aus seinem Körper, und der Schrei entfuhr ihm: „Kë-tjing, rette mich!“ Erschrocken stürzte Hsi-jën mit den anderen Sklavenmädchen rasch zu ihm, nahm ihn in die Arme und rief: „Hab keine Angst, Bau-yü! Wir sind hier.“ Frau Tjin aber, die vor der Tür gerade den kleineren Sklavenmädchen sagte, sie sollten schön zusehen, wie sich die jungen Katzen und Hunde balgten, hörte plötzlich, wie Bau-yü sie im Traum bei ihrem Kindheitsnamen rief, und fragte sich verwundert: ‚Meinen Kindheitsnamen hat hier nie jemand erfahren. Woher weiß er ihn, daß er ihn im Traum rufen kann?‘ Wahrlich: Mit wem führt ein seltsamer Traum uns zusammen?

	Von allen, die jemals liebten, bin ich der einzige Narr.