Hongloumeng/de/Chapter 66
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Kapitel 66
情小妹恥情歸地府 / 冷二郎一冷入空門
Die gefuehlvolle kleine Schwester geht vor Scham ueber die Liebe in die Unterwelt; Der kalte zweite junge Herr tritt nach einem Frostschauer ins Kloster ein
bestellen, ich hätte die Sachen bekommen, die Leute könnten jetzt gehen!“ „Was sind das für Sachen, daß sie so verpackt und verschnürt sind?“ wollten Tante Hsüä und Bau-tschai nun wissen. Also ließ Hsüä Pan zwei von den Sklavenjungen hereinkommen, und als sie die Stricke aufgeschnürt, die Verschalungen entfernt und das Schloß aufgesperrt hatten, sah man, daß in der ersten Kiste Atlas, Brokat und andere Seidenstoffe, überseeische Waren und weitere Dinge lagen, wie man sie ständig im Haushalt braucht. Dann sagte Hsüä Pan lächelnd: „Die zweite Truhe ist für dich, Schwester.“ Und er öffnete diese Truhe selbst. Hier erblickten Mutter und Tochter Schreibpinsel, Tusche, Papier, Tuschereibsteine, verschiedenartiges Zierpapier, Riechbeutelchen, Perlenschnüre aus Duftholz, Fächer, Fächeranhänger, Blütenpuder, Rouge und so weiter, außerdem Trinkspiele und automatische Puppen, die Hsüä Pan vom Tigerhügel0 mitgebracht hatte, kobolzschießende Knabenfigürchen, die eine Quecksilberfüllung hatten, ‚Sandlampen‘, die außen mit Figuren verziert waren, deren papierne Köpfe und Gliedmaßen zu zucken begannen, wenn man die ‚Lampe‘ bewegte und dadurch den Sand, der darin war, in Bewegung brachte, mit blauer Seide bezogene Schachteln voller Tonfigürchen, die ganze Theatertruppen bildeten, und schließlich eine Tonstatuette, die Hsüä Pan am Tigerhügel von sich hatte anfertigen lassen und die ihm auch aufs Haar glich. Dieser Statuette galt Bau-tschais ganze Aufmerksamkeit, kaum daß sie sie erblickt hatte, während alles andere sie gleichgültig ließ. Sie nahm sie in die Hand und betrachtete sie aufmerksam, danach betrachtete sie ihren Bruder und konnte sich schließlich das Lachen nicht verbeißen. Dann erteilte sie Ying-örl den Auftrag, zusammen mit einigen alten Sklavenfrauen alles hinüber in den Garten zu bringen, einschließlich der Truhe. Sie selbst kehrte erst dorthin zurück, nachdem sie noch ein Weilchen mit Mutter und Bruder geplaudert hatte. Inzwischen nahm Tante Hsüä Stück für Stück aus der Truhe, die sie bekommen hatte, teilte alles sorgfältig ein Portionen ein und ließ diese von Tung-hsi zur Herzoginmutter, zu Dame Wang und zu den anderen tragen. Doch davon braucht hier nicht erzählt zu werden. Als Bau-tschai wieder in ihren Räumen war, ließ sie all die Mitbringsel Revue passieren. Alles, was sie nicht selber gebrauchen wollte, stellte sie portionsweise zusammen: für die eine Schreibpinsel, Tusche, Papier und Tuschereibstein, für eine andere Riechbeutelchen, Fächer und Duftholzanhänger, für eine weitere Rouge, Puder und Haaröl und für manche auch nur etwas von den Spielsachen. Einzig Dai-yü wurde anders bedacht als die übrigen und bekam auch eine doppelte Portion. Nachdem Bau-tschai mit der Einteilung fertig war, ließ sie alles durch Ying-örl und eine alte Sklavin, die ihr folgen mußte, nach den einzelnen Wohnstätten tragen. Jedes der Mädchen nahm seine Geschenke entgegen, belohnte die Botinnen mit einem Trinkgeld und kündigte an, sich beim nächsten Wiedersehen persönlich zu bedanken. Nur Dai-yü wurde durch den Anblick der Mitbringsel aus ihrer Heimat schmerzlich berührt. Sie mußte daran denken, daß ihre Eltern beide tot waren, daß sie keine Geschwister hatte und daß sie nur als Gast bei Verwandten lebte. „Für mich wird nie jemand etwas mitbringen, das aus meiner Heimat stammt!“ sagte sie sich, und unversehens wurde sie wieder einmal vom Kummer überwältigt. Dsï-djüan kannte sich zutiefst in allen Gefühlsregungen von Dai-yü aus, wagte es aber nicht, ihr das zu verraten, und redete ihr nur zu: „Ihr leidet an vielerlei Krankheiten, Fräulein, und müßt früh und spät Medikamente einnehmen, auch wenn es in den letzten Tagen so aussah, als ob es Euch schon ein bißchen besser ginge. Selbst wenn Euer Lebensmut ein wenig gewachsen ist, seid Ihr doch noch nicht wieder ganz gesund. Jetzt hat Euch Fräulein Bau-tschai diese Geschenke bringen lassen, ein Beweis dafür, wie hoch sie Euch schätzt. Eigentlich müßtet Ihr Euch beim Anblick dieser Sachen freuen, statt dessen seid Ihr betrübt. Habt Ihr Euch etwa geärgert, weil Fräulein Bau-tschai Euch beschenkt hat? Es wäre ihr sicher peinlich, wenn sie das erführe. Zum andern sind die alte gnädige Frau und die gnädige Frau mit allen Mitteln bemüht, gute Ärzte zu finden, die Euch untersuchen und behandeln, damit Ihr wieder gesund werdet. Aber fügt Ihr Eurem Körper nicht selber Schaden zu, wenn Ihr jetzt weint und heult, kaum daß es Euch ein bißchen besser geht? Würde es nicht der alten gnädigen Frau neuen Kummer bereiten, wenn sie Euch so sähe? Zumal Eure Krankheit daher rührt, daß Ihr Euch immer traurige Gedanken macht und Eure Lebenskraft dadurch geschädigt habt. Ihr dürft Euren kostbaren Körper nicht selber geringschätzen, Fräulein!“ Während sie so auf Dai-yü einredete, hörte sie, wie eines der kleineren Sklavenmädchen vom Hof her meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“ „Tretet ein, junger Herr!“ sagte Dsï-djüan sofort. Schon trat Bau-yü ins Zimmer, und als Dai-yü ihn aufforderte, Platz zu nehmen, sah er, daß ihr ganzes Gesicht mit Tränenspuren bedeckt war. Darum fragte er: „Wer hat dich wieder einmal geärgert, Kusinchen?“ „Wer ärgert sich denn?“ erwiderte Dai-yü und zwang sich zu einem Lächeln. Dsï-djüan, die neben ihr stand, wies mit dem Kinn nach dem Tisch hinter dem Bett. Bau-yü verstand, wie das gemeint war, warf einen Blick hinüber, und als er der vielen Dinge gewahr wurde, die dort aufgehäuft lagen, war ihm klar, daß es sich um die Geschenke von Bau-tschai handeln mußte. „Willst du einen Gemischtwarenladen aufmachen mit all diesen Sachen?“ scherzte er. Aber Dai-yü antwortete ihm nicht. Statt dessen sagte Dsï-djüan mit lächelnder Miene: „Weil Ihr eben diese Sachen erwähnt – kaum daß Fräulein Bau-tschai sie bringen ließ, hat sich unser Fräulein betrübt. Ich war gerade dabei, ihr gut zuzureden, und Ihr kommt eben recht, um mir dabei zu helfen.“ Bau-yü wußte genau, warum Dai-yü sich grämte, aber er wagte nicht, davon anzufangen, und so sagte er lächelnd: „Wahrscheinlich hat euer Fräulein keinen anderen Grund, sich zu ärgern und zu betrüben, als den, daß Fräulein Bau-tschai ihr zuwenig geschickt hat. – Mach dir keine Sorgen, Kusinchen! Nächstes Jahr werde ich jemand in den Süden schicken und dir zwei reichliche Schiffsladungen mitbringen lassen, damit du nicht zu weinen brauchst.“ Als Dai-yü das hörte, war sie sich darüber im klaren, daß Bau-yü sie aufheitern wollte, und da sie ihm keine Abfuhr erteilen wollte, aber auch sein Gerede nicht ertragen konnte, sagte sie: „Ich mag mich nicht auskennen in der Welt, aber so wenig denn doch nicht, daß es mich ärgern und betrüben würde, wenn ich nicht genug geschenkt bekomme. Außerdem bin ich kein Kleinkind, und du hältst mich wohl für gar zu engherzig. Ich habe meine Gründe, aber was weißt denn du davon!“ Und schon begannen ihr wieder die Tränen zu fließen. Rasch trat Bau-yü nun an das Bett, setzte sich neben Dai-yü und nahm die Sachen Stück für Stück in die Hand, um sie hin und her zu wenden und genau zu betrachten. Dabei fragte er absichtlich: „Was ist das hier?... Wie nennt man das?... Woraus ist das gemacht, daß es so niedlich aussieht?... Und was ist das? Wozu dient das?“ Dann wieder schlug er vor: „Das könntest du dir so hinstellen, daß du es immer vor Augen hast. Und das hier könntest du schön als Antiquität auf das schmale Tischchen stellen.“ So redete er in einem fort Belanglosigkeiten, bis es Dai-yü nicht mehr aushielt und sagte: „Spar dir dein Geschwätz! Gehen wir zu Kusine Bau-tschai hinüber!“ Nichts hatte Bau-yü sehnlicher gewünscht, als daß Dai-yü das Haus verlassen, ihre Laune abreagieren und ihren Kummer zerstreuen würde, darum sagte er: „Ja, wir müssen uns für die Geschenke bedanken gehen, die Kusine Bau-tschai uns geschickt hat!“ „Das ist unter den Kusinen eines Hauses nicht nötig“, widersprach Dai-yü. „Aber bestimmt hat Vetter Pan ihr viel von den alten Sehenswürdigkeiten im Süden erzählt, das will ich mir anhören, und es wird sein, als ob ich selbst eine Reise nach Hause machte.“ Bei diesen Worten röteten sich ihre Augenränder schon wieder, also stand Bau-yü wirklich auf, und nun blieb Dai-yü nichts weiter übrig, sie mußte mit ihm hinausgehen und Bau-tschai einen Besuch abstatten. Indessen hatte Hsüä Pan, wie seine Mutter es verlangt hatte, rasch Einladungen geschrieben und befohlen, eine Weintafel herzurichten. Als am nächsten Tag die vier Gehilfen, die er eingeladen hatte, alle beisammen waren, drehte sich das Gespräch, wie nicht anders zu erwarten, zunächst um Kauf und Verkauf, Rechnungsführung und Warenversand. Bald aber bat Hsüä Pan seine Gäste, sie sollten an der Tafel Platz nehmen, und goß ihnen der Rangfolge nach Wein ein. Auch Tante Hsüä schickte jemanden hinaus, um ihre Dankesworte zu übermitteln. Als alle tranken und plauderten, bemerkte einer der Gehilfen: „Hier fehlen zwei gute Freunde.“ Alle fragten wie aus einem Munde, wen er meinte, und darauf erwiderte er: „Wen anders als den jungen Herrn Djia Liän aus dem Anwesen der Djias und den Schwurbruder unseres gnädigen Herrn, den jungen Herrn Liu!“ Nun erinnerten auch sie sich und fragten Hsüä Pan: „Warum habt Ihr die beiden jungen Herren nicht ebenfalls eingeladen?“ Hsüä Pan zog die Brauen zusammen und antwortete seufzend: „Der junge Herr Djia ist noch einmal nach Ping-an unterwegs und erst vor zwei Tagen aufgebrochen. An den jungen Herrn Liu aber darf ich gar nicht denken. Denn mit ihm ist es wirklich die merkwürdigste Sache von der Welt. Er ist überhaupt kein junger Herr mehr, vielmehr lebt er jetzt irgendwo als ein Jünger des Dau.“ „Wie das?“ fragten alle verwundert, und Hsüä Pan erzählte ihnen von Anfang bis Ende, was sich mit Liu Hsiang-liän zugetragen hatte. Nun waren sie erst recht entsetzt und verwundert, und einer von ihnen sagte: „Da ist es kein Wunder, daß auch wir neulich im Geschäft mit halbem Ohr gehört haben, wie die Leute aufgeregt erzählten, ein Dauistenpriester habe mit ganz knappen Worten jemand auf den Pfad der Erkenntnis gebracht. Außerdem hieß es, ein Windstoß habe die beiden fortgetragen. Unklar blieb nur, wer es gewesen ist. Wir waren ja damit beschäftigt, die Waren zu verschicken, und hatten natürlich keine Zeit, uns näher zu erkundigen. Bis heute waren wir noch halbwegs im Zweifel, ob die Geschichte wahr sei. Wer hätte gedacht, daß es sich um den jungen Herrn Liu handelte! Hätten wir das gleich gewußt, dann hätten wir ihm alle gut zureden müssen, um ihn, koste es was es wolle, von diesem Schritt abzuhalten...“ „Vielleicht steckt aber auch ganz etwas anderes dahinter“, warf einer der Gehilfen ein. Und als die anderen fragten, was er damit meinte, erklärte er: „Wendig, wie er ist, muß sich der junge Herr Liu dem Dauistenpriester ja nicht wirklich angeschlossen haben. Er verstand sich doch ein wenig auf die Kunst, mit den Waffen umzugehen, und besaß auch Kraft. Wer weiß, ob er nicht die Hexereien dieses Dauisten durchschaute und nur zum Schein mitgegangen ist, um in Wirklichkeit mit ihm abzurechnen!“ „Wenn dem wirklich so wäre, könnte man die Sache auf sich beruhen lassen“, sagte Hsüä Pan. „Warum sollte sich nicht jemand finden, der einmal mit diesen Kerlen abrechnet, die mit ihren teuflischen Lehren die Leute verdummen?“ „Habt Ihr eigentlich nicht nach ihm suchen lassen, als Ihr von der Sache erfahren habt?“ wollten die Gehilfen nun wissen. „Überall habe ich gesucht, innerhalb und außerhalb der Stadt“, beteuerte Hsüä Pan. „Auch wenn ihr vielleicht darüber lachen werdet, aber als ich ihn nicht finden konnte, habe ich sogar geweint.“ Nach diesen Worten seufzte und ächzte er und war überhaupt apathisch und unlustig, ganz anders als in früheren Tagen. Bei diesem Anblick konnten seine Handlungsgehilfen nicht gut lange bei ihm verweilen. So tranken sie nur noch ohne viel Umstände ein paar Becher Wein, aßen von den Speisen, und dann gingen sie wieder fort. Als Bau-yü mit Dai-yü zu Bau-tschai kam, sagte er nach der Begrüßung: „Mit großer Anstrengung hat dir dein Bruder diese Sachen mitgebracht, und anstatt sie zu behalten, schenkst du sie uns.“ Lächelnd entgegnete Bau-tschai: „Es war ja nichts Besonderes, nur Lokalprodukte aus der Ferne. Wenn ihr ein wenig Spaß daran habt, ist alles in Ordnung.“ „In der Kindheit hat man solche Sachen gar nicht beachtet“, sagte Dai-yü. „Aber wenn man sie jetzt sieht, erscheinen sie einem wirklich als etwas Besonderes.“ „Weißt du“, erwiderte Bau-tschai lächelnd, „das ist nichts anderes als das Sprichwort besagt ‚Die Entfernung vom Heimatort macht die Dinge wertvoll.‘ Aber was stellen sie schon großartig dar!“ Als Bau-yü diese Worte hörte, die Dai-yü an ihren Kummer von eben erinnern mußten, lenkte er rasch ab: „Wenn dein Bruder vielleicht nächstes Jahr wieder nach dem Süden reist, muß er uns noch mehr davon mitbringen.“ Dai-yü schoß einen Blick zu ihm hinüber, dann sagte sie: „Wenn du etwas haben willst, dann sag es nur, aber zieh nicht andere mit hinein! – Hör dir das an, Kusine, er kommt sich nicht bei dir bedanken, er will eine Bestellung für nächstes Jahr aufgeben!“ Bau-tschai und Bau-yü lachten darüber, dann plauderten sie zu dritt weiter und kamen dabei auf Dai-yüs Krankheit zu sprechen. Nachdem Bau-tschai schon ein Weilchen auf Dai-yü eingeredet hatte, sagte sie schließlich: „Wenn du dich lustlos fühlst, mußt du dich mit Gewalt zusammenreißen und draußen spazierengehen, um die miese Stimmung zu vertreiben. Das ist auf jeden Fall besser, als traurig im Zimmer zu hocken. Habe ich mich vor ein paar Tagen nicht selbst auch träge und fiebrig gefühlt, und hatte ich nicht nur noch den Wunsch, mich hinzulegen? Aber weil ich bei diesem trügerischen Wetter fürchtete, krank zu werden, suchte ich mir Beschäftigung, um darüber hinwegzukommen. Erst in den letzten Tagen fühle ich mich wieder besser.“ „Du hast natürlich recht“, pflichtete Dai-yü ihr bei. „Ich denke genauso.“ Ehe sie sich trennten, saßen sie noch ein Weilchen beisammen, und dann begleitete Bau-yü erst Dai-yü bis ans Tor der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, bevor er wieder seine eigenen Räume aufsuchte. Als Nebenfrau Dschau sah, daß auch Djia Huan einige Geschenke von Bau-tschai erhielt, war sie hocherfreut und dachte sich: „Man kann wahrhaftig niemand einen Vorwurf machen, wenn er von dieser Bau-tschai sagt, sie wisse sich zu benehmen und sei großzügig. Wie es jetzt aussieht, ist das wirklich wahr. Wieviel kann denn ihr Bruder von diesen Sachen mitgebracht haben, und trotzdem schickt sie jemand damit von Tür zu Tür, übergeht niemand dabei und zeigt auch nicht, wer ihr mehr wert ist und wer weniger. Sogar an uns Unglücksmenschen hat sie noch gedacht. Dai-yü dagegen hätte an ihrer Stelle nicht einmal einen Blick für uns übrig gehabt, von Geschenken ganz zu schweigen.“ Bei diesen Überlegungen drehte und wendete sie die Geschenke, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, und plötzlich fiel ihr ein, daß ja Bau-tschai eine Blutsverwandte von Dame Wang war. Warum sollte sie also die Gelegenheit nicht nutzen, um sich bei Dame Wang einzuschmeicheln! Mit den Geschenken in der Hand ging sie verstohlen zu Dame Wang hinüber, nahm dort an der Seite Aufstellung, setzte ein Lächeln auf und sagte: „Das hier hat Huan eben von Fräulein Bau-tschai bekommen. Ist es nicht bewundernswert, daß ein junges Mädchen so aufmerksam ist? Das ist wirklich die rechte Art für ein Fräulein aus großem Hause – aufgeschlossen und großzügig. Wie sollte man sie da nicht verehren?! Kein Wunder, daß die alte gnädige Frau und auch Ihr, gnädige Frau, sie nur immer mit Lob und Liebe bedenkt! Darum wage ich es auch nicht, die Geschenke ganz für uns allein zu behalten, und komme extra damit her, um sie Euch zu zeigen, damit auch Ihr Eure Freude daran habt, gnädige Frau.“ Dame Wang begriff natürlich sofort, warum Nebenfrau Dschau gekommen war, und hörte, daß es Unsinn war, was sie vorbrachte. Andererseits war es ihr nicht gut möglich, sie einfach unbeachtet zu lassen, darum sagte sie: „Nimm nur und laß Huan damit spielen!“ Nebenfrau Dschau war in Hochstimmung gekommen, nun aber hatte sie sich wider Erwarten eine Abfuhr geholt. Innerlich erfüllt von Wut, was sie nicht zu zeigen wagte, zog sie betreten wieder ab. Als sie in ihre Räume kam, warf sie die Sachen beiseite und murmelte: „Was ist das schon groß!“ Dann setzte sie sich nieder und brütete eine Weile ärgerlich vor sich hin. Als Ying-örl und die alte Sklavenfrau alle Geschenke ausgetragen hatten und zurückkamen, machten sie Bau-tschai davon Meldung und berichteten ihr, was jeder zum Dank gesagt hatte und wieviel Trinkgeld sie bekommen hatten. Dann ging die alte Sklavenfrau hinaus, Ying-örl aber trat einen Schritt näher und sagte leise zu Bau-tschai: „Als ich eben bei der zweiten jungen gnädigen Frau war, hat sie ein ganz böses Gesicht gemacht. Nachdem ich ihr die Geschenke übergeben hatte und wieder draußen war, befragte ich heimlich Hsiau-hung, und sie hat mir erzählt, die zweite junge gnädige Frau sei eben aus den Räumen der alten gnädigen Frau zurückgekommen, aber gar nicht so fröhlich und ausgelassen wie sonst, habe Ping-örl zu sich gerufen und geheimnisvoll mit ihr geflüstert. Das sieht doch so aus, als ob etwas Schwerwiegendes vorgefallen wäre. Habt Ihr nicht gehört, ob es drüben bei der alten gnädigen Frau etwas gegeben hat?“ Auch Bau-tschai war verwundert und konnte sich nicht vorstellen, worüber Hsi-fëng böse sein sollte. Darum sagte sie: „Ein jeder hat seine eigenen Sorgen. Wie könnten wir uns um alles kümmern?! Geh mir jetzt Tee holen!“ Also ging Ying-örl hinaus und goß Tee ein, aber davon soll hier nicht erzählt werden. Als Bau-yü dann Dai-yü nach Hause begleitet hatte, dachte er über ihre Einsamkeit und Bitternis nach, und unwillkürlich überkam auch ihn der Schmerz. Er hätte gern mit Hsi-jën darüber gesprochen, aber als er in seine Räume trat, waren nur Schë-yüä und Tjiu-wën da. Also erkundigte er sich: „Wo ist eure Schwester Hsi-jën?“ „Wo könnte sie anders sein als in einem der Gehöfte hier?“ gab Schë-yüä zurück. „Sie geht dir schon nicht verloren. Kaum daß sie einmal nicht da ist, mußt du gleich nach ihr suchen.“ „Ich habe nicht Angst, daß sie mir verloren gehen könnte, sondern ich war eben bei Fräulein Lin und habe gesehen, daß sie wieder einmal sehr traurig ist“, sagte Bau-yü lächelnd. „Als ich nach dem Grund fragte, stellte sich heraus, daß der Anblick der Geschenke von Fräulein Hsüä, weil sie aus ihrer Heimatgegend kommen, alte Wunden bei ihr aufgerissen hat. Das wollte ich Hsi-jën sagen, damit sie zu Fräulein Lin hinübergeht, wenn sie etwas Muße hat, und sie tröstet.“ Bei diesen Worten kam Tjing-wën herein und sagte: „Da bist du ja! Wen willst du wieder einmal trösten lassen?“ Da erzählte Bau-yü auch ihr, was er eben gesagt hatte, und Tjing-wën berichtete: „Schwester Hsi-jën ist gerade erst fortgegangen. Ich habe gehört, wie sie gesagt hat, sie wolle zur zweiten jungen gnädigen Frau hinüber. Wer weiß, vielleicht schaut sie auch bei Fräulein Lin mit hinein.“ Nun sagte Bau-yü nichts mehr, und Tjiu-wën goß ihm Tee ein. Nachdem er sich den Mund damit gespült hatte, reichte er die Schale einem der kleineren Sklavenmädchen und streckte sich betrübt, wie er war, auf seinem Bett aus. Hsi-jën hatte sich, als Bau-yü ausgegangen war, zunächst eine Zeitlang mit einer Handarbeit beschäftigt. Dann war ihr plötzlich eingefallen, daß ja Hsi-fëng sich nicht wohl fühlte, daß sie schon tagelang nicht bei ihr gewesen war und daß sie doch gehört hatte, Djia Liän sei nicht zu Hause. Eine günstige Gelegenheit für einen großen Plausch! Also sagte sie zu Tjing-wën: „Bleibt schön im Haus und lauft nicht alle weg, damit Bau-yü nicht etwa niemand vorfindet, wenn er zurückkommt!“ „O weh, du bist wirklich die einzige, die sich hier Gedanken um ihn macht, während alle andern nur Müßiggänger und unnütze Fresser sind“, gab Tjing-wën zurück. Hsi-jën lachte nur darüber und ging hinaus, ohne etwas erwidert zu haben. Als sie an die Duftgetränkte Brücke kam, standen dort – denn es war die Zeit zwischen Sommerende und Herbstanfang – die Lotosblumen eben an der Schwelle zwischen Unversehrtheit und Verfall, und ihr Rot und Grün war schon in Auflösung begriffen. Im Weitergehen erfreute sich Hsi-jën an dem Anblick, der sich ihr am Deich entlang bot, doch als sie unversehens den Kopf hob, erblickte sie unter dem Weinspalier am anderen Ufer eine Gestalt, die einen Flederwisch in der Hand hielt und damit herumfuchtelte. Als sie näher kam, erkannte sie Mutter Dschu. Kaum war die Alte auf Hsi-jën aufmerksam geworden, kam sie ihr mit lächelnder Miene entgegen und fragte: „Wie kommt es denn, daß Ihr heute Zeit habt, spazierenzugehen, Fräulein?“ „Woher denn!“ sagte Hsi-jën abwehrend, „ich bin auf dem Wege zur zweiten jungen gnädigen Frau, um nach ihr zu sehen. Aber was treibst du hier?“
Aus: Jinyuyuan 1889a. „Ich scheuche die Wespen fort“, entgegnete die Alte. „In diesem Jahr hat es während der Hundstage wenig Regen gegeben, und so sind die Obstbäume voller Ungeziefer. So zerfressen ist das Obst, daß vieles schon abgefallen ist. Und am allerschlimmsten sind die Wespen. Ihr habt das wahrscheinlich noch nicht gewußt, Fräulein, aber wenn sie von einer Traube auch nur zwei, drei Beeren anfressen und der Saft tropft daraus auf die guten Beeren, dann verfault die ganze Traube. Da, seht nur, während wir miteinander sprachen, hielt ich den Wedel still, und schon sitzen jede Menge Wespen auf den Beeren.“ „Wie viele kannst du schon wegscheuchen, selbst wenn du ununterbrochen wedelst“, wandte Hsi-jën ein. „Du mußt den Einkäufern sagen, sie sollen viele, viele Beutel aus Baumwollgaze machen lassen, von denen dann einer über jede Traube gezogen wird. So bekommen sie Luft und sind trotzdem geschützt.“ „Ihr habt recht, Fräulein“, sagte die Alte lächelnd. „Ich mache das hier in diesem Jahr zum erstenmal, darum habe ich diesen Kniff noch nicht gekannt.“ Dann fuhr sie fort: „Es ist zwar viel Obst verdorben in diesem Jahr, aber wohlschmeckend ist es. Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, werde ich Euch etwas pflücken, damit Ihr kosten könnt.“ „Wie ginge das an?!“ hielt Hsi-jën ihr mit ernsthafter Miene vor. „Ganz abgesehen davon, daß es noch nicht reif und deshalb nicht zu genießen ist, selbst wenn es reif wäre, könnten wir doch nicht davon essen, noch ehe den Oberen davon dargebracht ist. Du bist doch hier im Dienst alt geworden, hast du da etwa nicht einmal diese Regel begriffen?“ „Ihr seid ganz im Recht, Fräulein“, sagte die Alte rasch und lächelte dazu. „Nur weil ich mich so freute, Euch zu sehen, wagte ich, Euch von dem Obst anzubieten, und habe dadurch die Regel verletzt. Ich werde wirklich schon dumm vor Alter.“ „Schon gut“, beschwichtigte Hsi-jën sie nun. „Wenn nur ihr alten Ammen den Jüngeren kein schlechtes Beispiel gebt, ist schon alles in Ordnung.“ Nach diesen Worten ging Hsi-jën geradewegs zum Gartentor hinaus und begab sich zu den Wohnräumen von Hsi-fëng. Kaum war sie hier in den Hof getreten, hörte sie Hsi-fëngs Stimme: „Hat man da noch Worte?! Während ich hier krank im Bett schmore, wird er mehr und mehr zum Banditen!“ Hsi-jën begriff, daß etwas vorgefallen sein mußte und daß sie deshalb weder gut vor noch zurück konnte, darum trat sie etwas lauter auf und fragte durchs Fenster: „Bist du zu Hause, Schwester Ping-örl?“ Rasch antwortete Ping-örl von drinnen jawohl und ging Hsi-jën entgegen. „Ist die zweite junge gnädige Frau auch zu Hause? Geht es ihr wieder besser?“ erkundigte sich Hsi-jën, und schon stand sie im Zimmer. Hier gab sich Hsi-fëng den Anschein, als habe sie auf dem Bett geruht, und als Hsi-jën eintrat, erhob sie sich lächelnd und sagte: „Etwas besser geht es mir schon. Entschuldige, daß ich dir Sorgen bereitet habe! Aber warum bist du in all den Tagen nie herübergekommen, um ein Weilchen mit uns zusammenzusitzen?“ „Ihr befindet Euch unwohl, junge gnädige Frau, und so müßten wir eigentlich tagtäglich kommen, um Euch Wohlergehen zu wünschen“, erklärte Hsi-jën. „Aber ich hatte mir gedacht, da Ihr nicht auf dem Posten seid, wolltet Ihr Euch bestimmt ungestört der Ruhe hingeben, und wenn wir kämen, würde unser Geschwätz Euch lästig werden.“ „Von lästig kann nicht die Rede sein“, gab Hsi-fëng lächelnd zurück, „aber von all den Mädchen in Bau-yüs Räumen bist du die einzige, auf die Verlaß ist, und so kannst du wirklich nicht fort. Doch Ping-örl hat mir oft berichtet, wie du dich insgeheim um mich gesorgt und dich oft nach mir erkundigt hast. Damit hast du getan, was du konntest.“ Dann befahl sie Ping-örl, einen Hocker zu bringen und an ihr Bett zu stellen, damit Hsi-jën sich setzen konnte. Als Fëng-örl dann den Tee hereinbrachte, verneigte sich Hsi-jën im Sitzen und forderte sie auf: „Nimm doch Platz, Schwester!“ Während sie dann miteinander plauderten, hörte Hsi-jën, wie im Vorraum ein kleineres Sklavenmädchen leise zu Ping-örl sagte: „Lai Wang ist da, er wartet am Innentor.“ Und Ping-örl erwiderte genauso leise: „Gut, ich weiß Bescheid. Schick ihn noch einmal weg, und wenn er dann wieder da ist, soll er hereinkommen, ohne am Tor stehenzubleiben.“ Daraus schloß Hsi-jën, daß sie hier im Wege war, und nach einigen weiteren Sätzen stand sie auf, um zu gehen. „Wenn du wieder einmal Zeit hast, komm her, setz dich zu uns und plaudere mit uns, das macht mir Freude“, forderte Hsi-fëng sie auf. Dann befahl sie Ping-örl: „Begleite deine Schwester hinaus!“ Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und trat mit Hsi-jën hinaus. Dort standen zwei, drei kleinere Sklavenmädchen in korrekter Haltung wartend bereit und wagten kaum zu atmen. Hsi-jën konnte sich keinen Reim darauf machen und ging ihres Weges. Kaum hatte sie Hsi-jën draußen verabschiedet, ging Ping-örl wieder hinein und meldete Hsi-fëng: „Eben ist Lai Wang gekommen, aber weil Hsi-jën hier war, habe ich ihm sagen lassen, er solle draußen warten. Soll ich ihn jetzt gleich holen lassen, oder wollt Ihr warten, bis er wiederkommt? Ich bitte um Eure Weisung, junge Herrin.“ „Laß ihn holen!“ sagte Hsi-fëng, und sofort befahl Ping-örl den kleinen Sklavenmädchen, hinauszugehen und Lai Wang zu bestellen, er solle jetzt kommen. Dann erkundigte sich Hsi-fëng bei Ping-örl: „Wie hast du es erfahren?“ „Eine kleine Magd hat es mir erzählt, dieselbe wie voriges Mal“, gab Ping-örl Auskunft. „Sie sagte, daß sie am Innentor gehört hätte, wie zwei von den Jungens hinter dem Tor miteinander sprachen und der eine sagte: ‚Die neue Frau des zweiten jungen Herrn ist schöner als die alte, und ein besseres Gemüt hat sie auch.‘ Dann habe Lai Wang oder wer die beiden angeschrien und gesagt: ‚Was heißt neue Frau, alte Frau?! Wollt ihr wohl endlich still sein! Wenn die drinnen davon erfahren, wird man euch die Zunge abschneiden!‘“ Während Ping-örl das erzählte, kam eines der kleineren Sklavenmädchen herein, um zu melden: „Lai Wang wartet draußen.“ Mit kühlem Lächeln befahl Hsi-fëng: „Er soll hereinkommen!“ Das Sklavenmädchen ging hinaus und sagte dort: „Die junge gnädige Frau läßt rufen.“ Sofort sagte Lai Wang jawohl und trat ins Haus. Nachdem er seinen Gruß entboten hatte, nahm er mit dienstfertig herabhängenden Armen an der Tür des Vorraums Aufstellung. „Komm her, ich will dich etwas fragen!“ sagte Hsi-fëng, und jetzt erst trat Lai Wang in den Innenraum und blieb wieder an der Tür stehen. „Weißt du etwas davon, daß sich der junge Herr draußen jemand angeschafft hat?“ fragte Hsi-fëng. Noch einmal beugte Lai Wang das Knie und sagte: „Ich Sklave stehe tagtäglich in Erwartung von Aufträgen am Innentor, wie könnte ich davon wissen, was der junge Herr außerhalb tut?“ „Natürlich weißt du von nichts“, sagte Hsi-fëng mit höhnischem Lächeln, „wenn du etwas wüßtest, wie könntest du dann versuchen, ihn zu decken?!“ Aus diesen Worten schloß Lai Wang, daß er sich schon verraten hatte, und da er fürchtete, nichts mehr vertuschen zu können, kniete er nieder und berichtete: „Ich Sklave weiß wahrhaftig nichts. Neulich habe ich Hsing-örl und Hsi-örl nur die Meinung gesagt, als sie diesen Unsinn schwatzten, aber die näheren Umstände kenne ich nicht, und ich möchte Euch keinen falschen Bericht geben, junge gnädige Frau. Fragt bitte Hsing-örl, er ist lange Zeit mit dem jungen Herrn zusammen draußen gewesen.“ Als Hsi-fëng das gehört hatte, spuckte sie aus, so stark sie konnte, und schimpfte: „Ihr verkommenes, gewissenloses Pack! Ihr steckt doch alle unter einer Decke und glaubt, ich merke nichts. Hol mir Hsing-örl, diesen Hurensohn! Aber geh nicht fort! Wenn ich mit ihm fertig bin, rede ich mit dir weiter. Ha! Ein sauberes Gesindel habe ich da in meinen Diensten herangezogen!“ Lai Wang hatte keine andere Wahl, als immer wieder jawohl zu sagen. Dann schlug er mit der Stirn auf den Boden, rappelte sich auf und ging hinaus, um Hsing-örl zu holen. Hsing-örl saß gerade mit anderen Sklavenjungen zusammen in der Buchhaltung beim Spiel, als er hörte, die zweite junge Herrin lasse ihn rufen. Im ersten Augenblick fuhr er vor Schreck zusammen, aber da er nicht ahnen konnte, was bereits im Gange war, folgte er Lai Wang rasch nach drinnen. Als Lai Wang zuerst allein hineinging und meldete, Hsing-örl sei da, brüllte Hsi-fëng mit furchtbarer Stimme: „Hol ihn herein!“ Kaum daß Hsing-örl diese Stimme vernahm, wußte er weder aus noch ein, aber wohl oder übel mußte er seinen Mut zusammennehmen und eintreten. Als Hsi-fëng ihn erblickte, sagte sie sofort: „Ein feiner Schlingel bist du! Und feine Dinge treibst du mit deinem Herrn! Los, raus mit der Sprache!“ Bei diesen Worten und beim Anblick von Hsi-fëngs Miene und den Sklavenmädchen, die zu beiden Seiten bereitstanden, begannen Hsing-örl die Glieder zu schlottern, und schon kniete er nieder und schlug in einem fort mit der Stirn auf den Boden. „Wie ich hörte, hast du ja mit der Sache nichts zu tun“, fuhr Hsi-fëng jetzt fort, „aber dein Fehler war es, daß du mir nicht schon längst davon berichtet hast. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, will ich dir noch verzeihen, aber wenn du auch nur ein einziges Wort lügen willst, dann überzeug dich besser als erstes, wie viele Köpfe du auf den Schultern hast!“ Zitternd schlug Hsing-örl noch einmal mit der Stirn vor ihr auf den Boden, ehe er fragte: „Was für Dinge meint Ihr, junge gnädige Frau, die ich Sklave mit dem jungen Herrn zusammen verbrochen haben soll?“ Jetzt begann es in Hsi-fëng zu kochen, und sie schrie: „Aufs Maul schlagen!“ Schon trat Lai Wang näher und wollte zuschlagen, da schimpfte Hsi-fëng: „Du dummer Hurensohn! Er selbst soll sich schlagen, was braucht es dich! Für deine Ohrfeigen ist nachher noch Zeit, wenn ihr alle ihn schlagt.“ Tatsächlich holte Hsing-örl links und rechts aus und gab sich mehr als zehn Ohrfeigen. „Genug!“ rief Hsi-fëng und fragte: „Daß der junge Herr woanders eine neue Frau genommen hat, weißt du also nicht, nein?“ Als Hsing-örl hörte, worum es ging, verlor er vollends den Kopf. Hastig riß er seine Mütze herunter, schlug mit der Stirn auf den Backsteinboden, daß es dröhnte, und versprach: „Wenn Ihr mir nur das Leben schenkt, junge gnädige Frau, werde ich Sklave mich nicht erdreisten, auch nur ein einziges Wort zu lügen.“ „Also sprich, aber schnell!“ forderte Hsi-fëng ihn auf. Hsing-örl richtete sich in kniender Haltung kerzengerade auf, und dann berichtete er: „Ich Sklave hatte zuvor keine Ahnung von der Sache. Eines Tages aber, als der Leichnam des alten gnädigen Herrn aus dem anderen Anwesen schon in den Familientempel übergeführt worden war, kam Yü Lu dorthin, um sich vom gnädigen Herrn Dschën Silber geben zu lassen. Da ist unser junger Herr mit Herrn Jung zusammen in das andere Anwesen geritten, und unterwegs haben sie von den beiden Schwestern der Frau des gnädigen Herrn Dschën gesprochen. Als unser junger Herr die beiden gelobt hat, hat Herr Jung ihm zum Scherz angeboten, er wolle ihm die gnädige Frau Tante zur Frau geben...“ Als Hsi-fëng bis hierher zugehört hatte, spuckte sie wütend aus und schnauzte ihn an: „Du schamloser Hurenbock! Was für eine gnädige Frau Tante ist sie für dich?!“ Rasch schlug Hsing-örl erneut mit der Stirn auf den Boden und versicherte: „Ich Sklave habe den Tod verdient.“ Dann blickte er wieder auf, wagte aber nicht fortzufahren. „War das schon alles? Warum sprichst du nicht weiter?“ fragte Hsi-fëng. Jetzt erst machte Hsing-örl wieder den Mund auf und sagte: „Nur wenn Ihr mir Sklaven verzeiht, werde ich wagen weiterzusprechen, junge gnädige Frau.“ „Einen Dreck werde ich tun!“ schimpfte Hsi-fëng, nachdem sie ein weiteres Mal ausgespuckt hatte. „Was heißt hier verzeihen? Erzähl nur hübsch weiter, es fehlt noch eine ganze Menge!“ Also fuhr Hsing-örl fort: „Als der junge Herr das hörte, hat er sich gefreut. Später ist dann, ich weiß nicht wie, Ernst aus der Sache geworden.“ „Natürlich, wie könntest du das auch wissen!“ höhnte Hsi-fëng mit einem leichten ironischen Lächeln. „Alles, was du weißt, bringt dir nur Ärger ein. Also los, erzähl mir, was dann daraus geworden ist!“ „Dann hat Herr Jung für den jungen Herrn ein Haus gesucht“, fuhr Hsing-örl fort. „Wo ist dieses Haus?“ wollte Hsi-fëng sofort wissen. „Hinter unserm Anwesen“, verriet Hsing-örl. „Ach!“ sagte Hsi-fëng. Dann wandte sie sich um, blickte Ping-örl an und sagte: „Was waren wir dumm! Hör dir das an!“ Ping-örl wagte kein Wort darauf zu erwidern, und Hsing-örl fuhr in seinem Bericht fort: „Die Familie Dschang hat vom gnädigen Herrn Dschën Silber bekommen, wieviel weiß ich nicht, und hat nichts dazu gesagt.“ „Wieso kommt nun wieder eine Familie Dschang ins Spiel?“ erkundigte sich Hsi-fëng. „Ihr müßt wissen, junge gnädige Frau, daß die gnädige junge Frau Tante...“ Hier unterbrach sich Hsing-örl und gab sich eine Ohrfeige. Als Hsi-fëng deswegen auflachte, verzogen auch die Sklavenmädchen, die auf beiden Seiten standen, den Mund zu einem Lächeln. Hsing-örl aber dachte nach und korrigierte sich dann: „Also die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën...“ „Was war?“ fragte Hsi-fëng. „So rede doch endlich!“ „Die Schwester der Frau des gnädigen Herrn Dschën war eigentlich von klein auf mit einem gewissen Dschang verlobt“, erzählte Hsing-örl weiter. „Dschang Hua heißt er wohl. Aber der ist jetzt so arm, daß er auf Almosen angewiesen ist und sein Essen zusammenbetteln muß. Der gnädige Herr Dschën hat ihm Silber gegeben, und da hat er auf seine Verlobte verzichtet.“ Hier nickte Hsi-fëng, wandte sich zu ihren Sklavenmädchen und fragte: „Habt ihr das alles gehört? Aber zuerst hat dieser kleine Hurenbengel behauptet, er wisse von nichts.“ Und wieder fuhr Hsing-örl fort: „Dann erst hat der junge Herr befohlen, das Haus neu zu tapezieren, und hat seine Frau dorthin geholt.“ „Woher hat er sie geholt?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Aus dem Haus ihrer Mutter“, antwortete Hsing-örl. „Schön“, sagte Hsi-fëng, um dann weiter zu fragen: „Hat niemand der Braut das Geleit gegeben?“ „Einzig Herr Jung“, sagte Hsing-örl, „sonst nur ein paar Mägde und alte Weiber, weiter niemand.“ „Die junge gnädige Frau von drüben war nicht dabei?“ vergewisserte sich Hsi-fëng. „Nein“, sagte Hsing-örl, „sie ist erst ein paar Tage später gekommen und hat Geschenke gebracht.“ Hsi-fëng lächelte flüchtig, dann sah sie sich nach Ping-örl um und sagte: „Ist es ein Wunder, daß unser junger Herr die junge gnädige Frau von drüben in der letzten Zeit nur in einem fort gepriesen hat?“ Dann wandte sie sich wieder Hsing-örl zu, um ihn weiter auszufragen: „Wer bedient dort? Natürlich du!“ Rasch schlug Hsing-örl mit der Stirn auf den Boden, sagte aber kein Wort. Also fragte Hsi-fëng: „Demnach war d a s seine Beschäftigung, wenn er in der letzten Zeit immer gesagt hat, er habe drüben im anderen Anwesen zu tun?“ „Teils hatte er wirklich drüben zu tun, teils war er in seinem neuen Haus“, gestand Hsing-örl. „Und wer wohnt mit ihm zusammen?“ wollte Hsi-fëng nun wissen. „Ihre Mutter und zuerst auch noch ihre jüngere Schwester, aber die hat sich jetzt die Gurgel durchgeschnitten“, sagte Hsing-örl. „Warum das nun wieder?“ fragte Hsi-fëng, und daraufhin erzählte Hsing-örl ihr die Sache mit Liu Hsiang-liän. „Der Mann ist vom Glück begünstigt, möchte ich sagen, denn es ist ihm erspart geblieben, ein stadtbekannter Hahnrei zu werden“, kommentierte Hsi-fëng, um sich dann zu erkundigen: „Weiter war nichts?“ „Weiter weiß ich Sklave nichts“, beteuerte Hsing-örl. „Und jedes Wort, das ich Sklave eben gesagt habe, ist wahr. Wenn Ihr herausfindet, daß auch nur ein Wort gelogen war, könnt Ihr mich totschlagen, ohne daß ich deswegen grollen werde, junge gnädige Frau.“ Hsi-fëng saß ein Weilchen mit gesenktem Kopf da, dann wies sie mit der Hand auf Hsing-örl und sagte: „Ich sollte dich wirklich totschlagen, du Affenbastard! Hast du geglaubt, du könntest mir etwas verheimlichen? Wolltest es verheimlichen, um dich bei deinem törichten Herrn und deiner neuen jungen Herrin einzuschmeicheln, ja? Wenn ich nicht gesehen hätte, daß du eben vor lauter Angst nicht zu lügen wagtest, würde ich dir die Beine brechen lassen. – Steh auf!“ herrschte sie ihn schließlich an, und Hsing-örl schlug ein weiteres Mal mit der Stirn auf den Boden, bevor er wieder aufstand und sich bis an die Tür des Vorraums zurückzog, wo er abwartend stehenblieb, weil er nicht einfach zu gehen wagte. „Komm her, ich habe dir noch etwas zu sagen!“ befahl ihm Hsi-fëng, und rasch nahm Hsing-örl mit herabhängenden Armen vor ihr Aufstellung, um ergeben zuzuhören. „Warum so eilig?“ fragte Hsi-fëng. „Deine neue junge Herrin wartet wohl mit einer Belohnung auf dich?“ Hsing-örl wagte nicht einmal aufzublicken, und Hsi-fëng fuhr fort: „Ab sofort gehst du mir nicht mehr dorthin! Wann immer ich dich rufen lasse, kommst du zu mir! Und versuch es nur, auch nur einen Augenblick zu zögern. – Raus jetzt!“ Hastig sagte Hsing-örl mehrmals hintereinander jawohl, dann zog er sich vor die Tür zurück. Aber noch einmal rief Hsi-fëng: „Hsing-örl!“ Sofort antwortete er und kam wieder herein. „Jetzt willst du wohl schnell zu deinem Herrn eilen, um ihm alles zu erzählen, ja?“ fragte Hsi-fëng. „Ich Sklave werde es nicht wagen“, versicherte Hsing-örl. „Wenn du draußen auch nur ein Wort davon erwähnst, dann nimm dein Fell in acht!“ warnte ihn Hsi-fëng, und rasch sagte Hsing-örl jawohl dazu, ehe er wieder hinausging. „Lai Wang?“ rief Hsi-fëng nun. Und sofort meldete sich Lai Wang und kam herein. Schweigend ließ Hsi-fëng ihren Blick so lange auf ihm ruhen, wie man braucht, um zwei, drei Sätze zu sprechen, dann erst sagte sie: „Brav, mein guter Lai Wang! Jetzt kannst du gehen, aber wenn irgendjemand draußen auch nur ein Wort über die Sache spricht, wirst du mir dafür geradestehen.“ „Jawohl“, sagte Lai Wang und ging. Inzwischen verlangte Hsi-fëng nach Tee, und die kleineren Sklavenmädchen verstanden, wie das gemeint war, und gingen sämtlich hinaus. Dann erst sagte Hsi-fëng sarkastisch zu Ping-örl: „Hast du das gehört? War das nicht gut?“ Aber Ping-örl wagte nichts zu erwidern und lächelte nur schweigend zu ihr hinüber. Je länger Hsi-fëng über den Fall nachdachte, desto mehr geriet sie in Zorn. An ihre Kissen gelehnt, brütete sie stumm vor sich hin. Auf einmal aber runzelte sie die Brauen – jetzt hatte sie einen Plan bereit. „Ping-örl!“ rief sie, und Ping-örl sagte rasch jawohl und trat näher. „Paß auf, wie wir es machen müssen!“ sagte Hsi-fëng. „Wir dürfen nicht warten, bis der junge Herr wieder zurück ist.“ Wer wissen will, was Hsi-fëng unternahm, muß das nächste Kapitel lesen. 68. Die unglückliche zweite Schwester You wird in den Garten des Großen Anblicks gelockt, die eifersüchtige Hsi-fëng wütet im Ning-guo-Anwesen.
Als Djia Liän auf die Reise ging, war der Kommandant von Ping-an eben zu einer Grenzinspektion unterwegs und wurde erst in ungefähr einem Monat zurückerwartet. Da Djia Liän noch keine eindeutige Antwort von ihm bekommen hatte, blieb ihm nichts weiter übrig, als sich in einem Gasthaus einzumieten und zu warten. Bis der Kommandant endlich zurück war und sie sich gesehen und die Sache geregelt hatten, war Djia Liän bereits annähernd zwei Monate von zu Hause fort. Wer konnte schon ahnen, daß Hsi-fëng alles längst entschieden hatte und nur wartete, bis Djia Liän weit genug fort war! Die verschiedensten Handwerker mußten kommen, und dann ließ sie drei Räume im östlichen Seitenflügel genauso herrichten und ausstatten wie ihre eigenen Zimmer. Am vierzehnten teilte Hsi-fëng der Herzoginmutter und Dame Wang mit, sie wolle am nächsten Morgen in aller Frühe ins Nonnenkloster fahren, um dort Weihrauch zu opfern. Von ihrem Gefolge nahm sie nur Ping-örl, Fëng-örl und die Frauen von Dschou Juee und Lai Wang mit, und erst als sie in die Wagen stiegen, eröffnete sie ihnen den wahren Zweck der Aktion. Das männliche Gesinde mußte noch auf ihren Befehl weiße Trauerkleider und ‑kopfbedeckungen anlegen, und dann ging es los. Hsing-örl führte den Zug schnurstracks zum Hause der zweiten Schwester You und pochte dort ans Tor.