Hongloumeng/de/Chapter 8

From China Studies Wiki
Jump to navigation Jump to search

Kapitel: 1 · 2 · 3 · 4 · 5 · 6 · 7 · 8 · 9 · 10 · [11-20] · [21-30] · [31-40] · [41-50] · [51-60] · [61-70] · [71-80] · [81-90] · [91-100] · [101-110] · [111-120] · ← Inhalt

Version: ZH · DE · ZH-DE

Kapitel 8

贾宝玉奇缘识金锁

薛宝钗巧合认通灵

Nachdem Hsi-fëng und Bau-yü wieder zu Hause waren und überall ihren Gruß entboten hatten, berichtete Bau-yü der Herzoginmutter von Tjin Dschungs Wunsch, die Familienschule zu besuchen. So würde er, Bau-yü, einen Lerngefährten haben, und das würde seinen Eifer beflügeln, sagte er. Dann lobte er wahrheitsgemäß, Tjin Dschungs Aussehen und Betragen seien bestens geeignet, Sympathie für ihn zu erwecken. Hsi-fëng unterstützte ihn, indem sie sagte: „Er wird dieser Tage noch kommen, um Euch seinen Respekt zu bezeugen, alte Ahne.“ Die Herzoginmutter freute sich, und Hsi-fëng nahm die Gelegenheit wahr, um sie einzuladen, am übernächsten Tag die Theatervorstellung im Ning-guo-Anwesen zu besuchen. Die Herzoginmutter konnte sich trotz ihres hohen Alters durchaus noch für derlei Dinge begeistern, und als zwei Tage später auch Frau You kam, um sie einzuladen, ging sie mit Dame Wang, Dai-yü, Bau-yü und den anderen zusammen hinüber. Zu Mittag ging die Herzoginmutter wieder nach Hause, um zu ruhen, und Dame Wang, die eher die Stille liebte, ging daraufhin ebenfalls. Jetzt nahm Hsi-fëng den Ehrenplatz ein und vergnügte sich ungeniert bis zum Abend. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Bau-yü hatte die Herzoginmutter zurückbegleitet, und als sie ihren Mittagsschlaf hielt, wollte er eigentlich wieder hinübergehen, um sich weiter am Theaterspiel zu ergötzen. Aber dann erschien es ihm peinlich, Frau Tjin und den anderen durch seine Gegenwart lästig zu werden. Da fiel ihm ein, daß Bau-tschai schon seit Tagen krank zu Hause saß und er noch nicht selbst nach ihr gesehen hatte. Also beschloß er, sie zu besuchen. Aber wenn er durch das Seitentor hinter dem Hauptgebäude ginge, würde ihm bestimmt etwas begegnen, was ihn abhielt, oder wenn er dort gar auf seinen Vater stieße, würde das noch unangenehmer sein. Besser war es, er machte einen großen Umweg! Die Ammen und Sklavenmädchen wollten ihm beim Umziehen helfen, aber er blieb so, wie er war. Und als er zum Innentor hinausging, mußten sie ihm notgedrungen folgen. Sie glaubten nicht anders, als daß er wieder ins Ning-guo-Anwesen hinübergehen würde, um sich weiter das Theaterspiel anzusehen. Aber dann bog er nach Osten in die Durchgangshalle ein, wandte sich nach Norden und machte einen Bogen um die Haupthalle herum. Ausgerechnet hier aber lief er Dschan Guang und Schan Pin-jën, zwei Schützlingen seines Vaters, in die Arme. Kaum daß sie ihn erblickt hatten, kamen sie freudestrahlend auf ihn zu, der eine faßte ihn um die Taille, der andere griff nach seiner Hand. „Wir träumen wohl, kleiner Bodhisattwa, daß wir Euch endlich einmal treffen!“ sagten sie, beugten ein Knie zum Gruß und fragten nach Bau-yüs Gesundheit. Nachdem sie eine Weile geschwatzt hatten und dann endlich weitergingen, rief eine der alten Ammen sie noch einmal an und fragte: „Kommen die beiden Herren eben von unserm gnädigen Herrn?“ Da nickten die beiden und sagten: „Der gnädige Herr hält seinen Mittagsschlaf in der kleinen Bibliothek der Studierstube Berghang der Träume. Kein Grund zur Sorge!“ Und damit setzten sie sich wieder in Bewegung. Bau-yü, der über ihre Worte lachen mußte, wandte sich jetzt nach Norden und ging in Richtung Birnendufthof. Aber da trat eben der Hauptschatzmeister Wu Hsin-dëng mit dem Speicheraufseher Dai Liang und fünf weiteren Aufsehern aus dem Kassenhaus, und sobald sie Bau-yü erblickten, kamen sie auf ihn zu und blieben ehrerbietig mit herabhängenden Armen stehen. Nur der Einkäufer Tjiän Hua, der Bau-yü lange Zeit nicht gesehen hatte, kniete mit einem Bein halb vor ihm nieder und wünschte ihm Wohlbefinden. Lächelnd half Bau-yü ihm rasch auf, und die Männer sagten: „Neulich haben wir quadratische Inschriftenzettel gesehen, die Ihr geschrieben habt, junger Herr. Eure Handschrift ist ja noch besser geworden! Wann endlich werdet ihr uns ein paar schenken, damit wir sie uns ankleben können?“ „Wo habt ihr sie denn gesehen?“ erkundigte sich Bau-yü lächelnd. „An etlichen Stellen“, erwiderten die Männer, „und jeder lobt sie als unübertrefflich. Man hat uns sogar gebeten, noch welche zu beschaffen.“ „Aber sie sind doch nichts wert“, sagte Bau-yü lächelnd. „Ihr braucht nur meine Diener danach zu fragen, dann geht das in Ordnung.“ Und indem er das sagte, ging er weiter. Die Männer warteten, bis er an ihnen vorüber war, erst dann ging jeder seines Weges. Aber wir wollen nicht viel überflüssige Worte machen! Als Bau-yü in den Birnendufthof kam, ging er zuerst in die Räume von Tante Hsüä, die er dabei traf, wie sie ihren Sklavenmädchen Nadelarbeiten zuteilte. Bau-yü begrüßte die Tante, und sie zog ihn sofort an ihre Brust und sagte lächelnd: „Daß du dir an so einem kalten Tag die Mühe machst, uns zu besuchen, mein

Hsüä Bau-tschai. Aus: Gai Qi 1879. Junge! Komm, setz dich schnell aufs Ofenbett!“ Dann befahl sie, ihm heißen Tee einzuschenken. „Ist Vetter Pan nicht zu Hause?“ fragte Bau-yü. „Er ist ein Pferd ohne Zaumzeug“, seufzte Tante Hsüä. „Tag für Tag ist er unaufhörlich unterwegs. Nie bleibt er einmal zu Hause.“ „Und geht es der Kusine besser?“ erkundigte sich Bau-yü weiter. „Aber ja!“ sagte Tante Hsüä. „Letztens hast du sogar daran gedacht, jemand herzuschicken, um dich nach ihr zu erkundigen! Sie ist drinnen. Willst du nicht nach ihr sehen? Drinnen ist es auch wärmer als hier. Setz dich dort hin, und wenn ich hier aufgeräumt habe, komme ich auch und unterhalte mich mit dir!“ Kaum hatte sie das gesagt, stieg Bau-yü hurtig vom Ofenbett und ging in den Innenraum. In der Tür hing ein abgenutzter Vorhang aus roter Seide. Als Bau-yü ihn zurückschlug und ins Zimmer trat, erblickte er als erstes Bau-tschai, die auf dem Ofenbett saß und mit einer Nadelarbeit beschäftigt war. Ihr glänzendes lackschwarzes Haar war zu einem Knoten geschlungen. Gekleidet war sie in eine honigfarbene Steppjacke, ein rosenrotes ärmelloses Übergewand, das mit Feuermarder und Hermelin gefüttert war, sowie einen lauchgrünen wattierten Seidenrock. Alle diese Kleider waren nicht neu und machten nicht den Eindruck von verschwenderischem Luxus. Bau-tschais Lippen waren rot ohne Schminke, ihre Brauen schwarz ohne Tusche. Ihr Gesicht glich einer Silberschale, ihre Augen feuchten Aprikosen. Sie war wortkarg und schweigsam, was die Leute Zurückhaltung nannten. Sie wußte sich in ihr Los zu fügen und den Umständen zu folgen und bezeichnete es selbst als Zurückgezogenheit. Kaum daß Bau-yü sie erblickte, fragte er schon: „Geht es dir besser, Kusine?“ Bau-tschai schaute auf, und als sie Bau-yü hereinkommen sah, erhob sie sich rasch und erwiderte lächelnd: „Viel besser! Hab Dank für deine Sorge!“ Sie bat ihn, auf dem Rand des Ofenbetts Platz zu nehmen, und befahl Ying-örl, Tee für ihn einzugießen. Dann fragte sie nach dem Befinden der alten gnädigen Frau, der Tante und der Kusinen. Als sie Bau-yü betrachtete, sah sie, daß er einen mit Juwelen besetzten Kopfschmuck aus Goldfiligran trug und eine Binde um die Stirn, die mit zwei Drachen verziert war, welche mit einer Perle spielten. Gekleidet war er in eine braungelbe Robe mit hufförmigen Manschetten, die mit vierklauigen Drachen bestickt und mit Fuchsklaue gefüttert war. Um den Leib hatte er einen Seidengürtel gebunden, der mit bunten Schmetterlingen bestickt und an beiden Enden mit Fransen verziert war. Um den Hals trug er zwei Amulette und außerdem den Jadestein, den er im Mund gehabt hatte, als er geboren wurde. Lächelnd sagte Bau-tschai: „Tagelang ist nur von deinem Jadestein die Rede, und ich habe ihn noch nie richtig bewundern können. Heute möchte ich ihn sehen!“ Indem sie das sagte, rückte sie näher an ihn heran. Auch Bau-yü rückte ein Stück näher, nahm sich den Stein vom Hals und reichte ihn Bau-tschai. Bau-tschai legte ihn auf ihre Handfläche und sah ihn sich an. Er war so groß wie ein Spatzenei, schimmerte wie das Morgenrot, glänzte wie Butter und war mit einem bunten Geäder überzogen. Dies war die Truggestalt des Steinblocks von der Felswand Grüne Erhebung im Großen Wüsten Gebirge. Später hat jemand ein Spottgedicht darüber verfaßt: Phantastisch, daß Nü-wa einst Steine schmolz, doch die Steinphantasie geht noch weiter. Als aus der Feenwelt der Stein erst entfernt, schlüpft er in eines Menschenleibs Hülle. Doch im Unglück verliert Gold seinen Glanz, und auch Jade büßt ein seinen Schimmer. Namenlos liegen Gerippe zuhauf, edle Herrn, schöne Mädchen es waren. Die Truggestalt und die Schriftzeichen, die der grindköpfige Mönch darin eingeschnitten hatte, waren auf dem Steinblock mit aufgezeichnet, und danach geben wir sie hier wieder. In Wirklichkeit waren sie natürlich sehr klein, anders hätte ein Kind im Mutterleib den Stein nicht im Mund tragen können. Aber wenn wir sie hier in richtiger Größe abbilden würden, wären die Schriftzeichen zu winzig, und unsere Leser würden sich die Augen daran verderben. Das wäre auch nicht schön. Darum halten wir uns nur an die Form und vergrößern notgedrungen die Maße so weit, daß der Leser sie auch bei Lampenlicht und betrunken noch bequem lesen kann. Dies vermerken wir hier, damit uns niemand den Vorwurf macht: ‚Wie groß ist denn der Mund eines Kindes im Mutterleib, daß es so ein klobiges Ding darin haben kann?‘


Wertvoller beseelter Jade Nicht verlieren, nicht vergessen, und ewiges Leben beständig blüht. 1. Löst bösen Zauber. 2. Heilt tückische Krankheit. 3. Kündet Glück und Unglück.

Aus: Jinyuyuan Tongwen 1889

Als Bau-tschai sich den Stein zu Ende angesehen hatte, drehte sie ihn wieder um, sah sich noch einmal die Vorderseite an und las dabei laut die Inschrift: „Nicht verlieren, nicht vergessen, und ewiges Leben beständig blüht.“ Als sie sie zweimal hintereinander gelesen hatte, wandte sie sich zu Ying-örl um und fragte lächelnd: „Warum stehst du hier wie versteinert, anstatt den Tee zu holen?“ Kichernd erwiderte Ying-örl: „Die beiden Zeilen bilden ein Pendant zu denen auf dem Amulett an Eurem Halsring, Fräulein!“ Als Bau-yü das hörte, sagte er sofort lächelnd: „Also hast du ebenfalls eine Inschrift aus acht Schriftzeichen an deinem Halsring! Die möchte ich mir auch ansehen!“ „Hör nicht auf sie!“ sagte Bau-tschai. „Da ist keine Inschrift.“ „Liebstes Kusinchen!“ bat Bau-yü. „Du hast doch auch meinen Stein angesehen!“ Damit hatte er Bau-tschai in die Enge getrieben, und sie sagte: „Es ist eine glückverheißende Inschrift darauf, die mir jemand gestiftet hat, damit sie eingraviert wird und ich sie ständig um den Hals trage, sonst ist an dem schweren Ding nichts Interessantes zu finden.“ Damit knöpfte sie ihre Steppjacke auf und holte einen Halsreifen aus funkelndem Gold hervor, an dem Perlen und Edelsteine blitzten und den sie auf der dunkelroten Unterjacke getragen hatte. Rasch legte ihn Bau-yü mit dem Amulett, das daran befestigt war, auf seine Hand. Tatsächlich standen vier Schriftzeichen auf jeder Seite und bildeten zusammen einen Segensspruch. Auch sie sollen hier in ihrer ursprünglichen Form abgebildet werden:


Nicht verlassen, nicht verwerfen, und blühendes Dasein ewiglich währt.

Aus: Jinyuyuan Tongwen 1889

Als Bau-yü das Amulett angesehen hatte, las er zweimal laut den Spruch darauf, dann las er zweimal den auf seinem Jadestein und sagte schließlich lächelnd: „Deine acht Schriftzeichen sind wirklich ein Pendant zu meinen!“ „Ein verrückter grindköpfiger Mönch hat ihr den Spruch gegeben“, verriet Ying-örl. „Er hat gesagt, die Schriftzeichen müßten in Gold eingraviert werden, und...“ Ehe sie zu Ende sprechen konnte, schalt Bau-tschai sie erneut, weil sie den Tee nicht holte, und fragte dann Bau-yü, woher er gekommen sei. Bau-yü saß jetzt so dicht neben Bau-tschai, daß er einen frischen, süßen Geruch wahrnahm, der von ihr ausging und den er nicht kannte. Darum fragte er: „Womit hast du geräuchert? Diesen Duft habe ich noch nie gerochen.“ „Nichts mag ich weniger als Räucherwerk“, erwiderte Bau-tschai. „Die schönen Kleider riechen versengt und brenzlig davon.“ „Aber was für ein Duft ist das dann?“ fragte Bau-yü. Bau-tschai dachte kurz nach und sagte lächelnd: „Richtig! Es ist der Duft von der Arznei, die ich heute morgen genommen habe.“ „Was ist das für eine Arznei, die so gut riecht?“ fragte Bau-yü. „Laß mich davon kosten, Kusinchen!“ „Unsinn!“ sagte Bau-tschai. „Man kann doch nicht aufs Geratewohl Medizin einnehmen.“ Eben hatte sie ausgesprochen, da hörten sie, wie draußen jemand sagte „Fräulein Lin ist gekommen!“ Bei diesen Worten trat Dai-yü schwankenden Schrittes zur Tür herein. Kaum daß sie Bau-yü erblickte, sagte sie lächelnd: „Ach, du meine Güte! Ich komme ungelegen!“ Rasch stand Bau-yü auf und bat sie lächelnd, Platz zu nehmen. Bau-tschai aber fragte, ebenfalls lächelnd: „Wie meinst du das?“ „Hätte ich eher gewußt, daß er hier ist, wäre ich nicht gekommen“, antwortete Dai-yü. „Das verstehe ich erst recht nicht“, sagte Bau-tschai. „Wenn Besuch kommt, kommt er in Scharen, und sonst kommt keine Menschenseele“, erklärte Dai-yü lächelnd. „Wenn aber heute er kommt, morgen komme ich, und so immer abwechselnd, dann hast du jeden Tag Besuch, und es ist weder zu einsam noch zu unruhig für dich. Was ist daran nicht zu verstehen?“ „Schneit es draußen?“ erkundigte sich Bau-yü, weil Dai-yü eine in der Mitte geknöpfte lange Jacke aus dunkelrotem Wollstoff trug. „Es grieselt schon eine ganze Zeit“, meldeten die Sklavinnen. „Habt ihr meinen wollenen Umhang geholt?“ fragte Bau-yü. Da sagte Dai-yü: „Habe ich nicht recht gehabt? Wenn ich komme, muß er gehen!“ „Wann habe ich denn gesagt, daß ich gehe?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Sie sollen mir den Umhang nur holen, damit er bereitliegt.“ „Draußen schneit es, und es wird auch schon spät“, sagte jetzt Bau-yüs alte Amme Li. „Aber bleib nur noch hier bei den Kusinen, die Frau Tante läßt Tee und Naschwerk auftragen. Ich schicke eine der Mägde nach deinem Umhang und sage deinen Dienern, daß sie nicht länger warten sollen.“ Bau-yü stimmte zu, und Amme Li ging hinaus und sagte den Sklavenjungen, sie könnten gehen. Inzwischen stand der Tee bereit, und Tante Hsüä bat zu Tisch. Bau-yü lobte die schönen Gänsefüße und Entenzungen, die vor zwei Tagen im Ning-guo-Anwesen die Frau von Vetter Dschën hatte zubereiten lassen, und rasch holte auch Tante Hsüä welche, die sie selbst eingelegt hatte, und gab sie ihm zu kosten. „Wirklich gut schmecken sie erst, wenn man Wein dazu trinkt“, sagte Bau-yü lächelnd, und Tante Hsüä schickte jemanden, um vom besten Wein abzufüllen und herzubringen. Da trat Amme Li vor und sagte: „Lassen Sie den Wein, gnädige Frau!“ „Aber ich trinke nur einen Becher!“ bettelte Bau-yü. „Kommt nicht in Frage!“ sagte Amme Li. „Wenn die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dabei sind, kannst du meinethalben einen ganzen Kübel trinken. Aber ich weiß noch, wie es neulich war, als ich einmal einen Moment nicht aufgepaßt habe. Irgend so ein unerzogener Flegel, der sich bei dir einschmeicheln wollte, egal ob andere deswegen zu leiden haben oder nicht, gab dir einen Schluck Wein zu trinken, und ich hatte es auszubaden und musste mich zwei Tage lang ausschimpfen lassen. Ihr wißt ja nicht, gnädige Frau, daß er so schon einen abscheulichen Charakter hat, und wenn er Wein trinkt, spielt er erst recht verrückt. Wenn die alte gnädige Frau in Stimmung ist, läßt sie ihn trinken, soviel er will, aber sonst nicht. Warum müßt Ihr mich für nichts und wieder nichts mit hineinziehen?“ „Sei du nur unbesorgt und geh selbst einen Schluck trinken, Alte!“ sagte Tante Hsüä lächelnd. „Ich erlaube ihm ja nicht, zuviel zu trinken. Und wenn die alte gnädige Frau wirklich etwas sagt, bin ich ja auch noch da.“ Dann rief sie eines der Sklavenmädchen und befahl: „Laß Amme Li und die anderen auch einen Becher Wein zum Aufwärmen trinken!“ Als Amme Li das hörte, blieb ihr keine andere Wahl, als mit dem übrigen Gesinde hinüberzugehen und etwas Wein zu trinken. Bau-yü aber sagte: „Der Wein braucht nicht gewärmt zu werden, ich mag ihn nur kalt.“ „Das geht aber nicht!“ sagte Tante Hsüä rasch. „Wenn du kalten Wein trinkst, werden dir beim Schreiben die Finger zittern.“ Und Bau-tschai sagte lächelnd: „Du liest doch jeden Tag alle möglichen Bücher, weißt du etwa nicht, daß Reiswein seiner Natur nach heiß ist? Wenn man ihn warm trinkt, verteilt er sich schnell, trinkt man ihn aber kalt, dann ballt er sich im Leibesinnern zusammen und entzieht den fünf Eingeweiden die Wärme. Wie sollte man dadurch keinen Schaden nehmen?! Also trink ihn in Zukunft nicht mehr kalt!“ Bau-yü schien vernünftig, was sie sagte, darum stellte er den kalten Wein wieder hin und befahl jemandem, ihn zu wärmen, ehe er ihn trank. Dai-yü, die Melonenkerne knackte, lächelte nur verstohlen. Da kam gerade ihr Sklavenmädchen Hsüä-yän und brachte ihr ein Handöfchen. Lächelnd fragte Dai-yü: „Wer hat dir gesagt, dass du es mir bringen sollst? Besten Dank für die Sorge! Ich erfriere wohl hier?“ „Schwester Dsï-djüan hatte Angst, Euch könnte kalt sein, deshalb hat sie mich damit hergeschickt“, sagte Hsüä-yän. Dai-yü nahm ihr das Handöfchen ab, schob es in den Ausschnitt ihres Gewandes und sagte lächelnd: „Auf sie hörst du also! Alles, was ich dir sage, ist nur Wind, der dir um die Ohren säuselt, aber wenn sie etwas sagt, befolgst du es schneller als einen kaiserlichen Befehl.“ Als Bau-yü diese Worte hörte, wußte er, daß in Wirklichkeit er es war, über den sich Dai-yü durch die Blume mokierte, aber er antwortete nicht darauf und lachte nur ein paarmal. Bau-tschai wußte, daß Dai-yüs übliche Art so war, und achtete deshalb nicht weiter darauf, Tante Hsüä aber sagte: „Du bist doch zart und verträgst keine Kälte. Ist es nicht gut, wenn sie sich um dich sorgen?“ „Ihr versteht mich nicht, Tante!“ sagte Dai-yü lächelnd. „Nur gut, daß es bei Euch passiert ist. Ein anderer hätte sich bestimmt darüber geärgert. Es sieht ja gerade so aus, als ob man glaubt, die Leute hätten nicht einmal einen Handofen, wenn man sich extra einen von zu Hause bringen läßt. Man würde nicht sagen, die Mägde seien übermäßig besorgt, sondern annehmen, ich sei immer so überspannt.“ „Du machst dir zu viele Gedanken, darum erscheint dir das so“, sagte Tante Hsüä. „Ich hatte an so etwas nicht gedacht.“ Inzwischen hatte Bau-yü bereits den dritten Becher geleert, und Amme Li trat vor, um ihn zu hindern, noch mehr zu trinken. Bau-yü aber war so wohl ums Herz und so zufrieden zumute, weil er mit den beiden Kusinen plaudern und lachen konnte, daß er nicht aufhören wollte. Darum bat er versöhnlich: „Nur noch zwei Becher, dann ist Schluß!“ Amme Li aber warnte: „Nimm dich in acht, falls der gnädige Herr heute zu Hause ist! Paß auf, wenn er dich nach deinen Büchern fragt!“ Das brachte Bau-yü so aus der Fassung, daß er den Becher langsam hinstellte und den Kopf sinken ließ. „Verdirb uns nicht allen die Stimmung!“ sagte Dai-yü rasch. „Wenn dein Vater dich rufen läßt, kann man ja sagen, die Tante habe dich bei sich behalten. Deine Amme hat getrunken und will jetzt bloß ihre Laune an uns auslassen.“ Dann stieß sie Bau-yü heimlich an, um ihn aufzustacheln, und

Tante Hsüä. Aus: Gai Qi 1879. flüsterte ihm zu: „Kümmer dich nicht um die Alte! Wir lassen uns unseren Spaß nicht nehmen!“ „Ihr solltet ihn nicht auch noch unterstützen, Fräulein Lin!“ sagte Amme Li, die nicht wußte, was Dai-yü im Sinn hatte. „Redet ihm lieber gut zu, auf Euch hört er vielleicht noch!“ „Wer unterstützt ihn denn?“ fragte Dai-yü mit kühlem Lächeln. „Und ihm zuzureden lohnt auch nicht. Du bist wirklich zu ängstlich! Die alte gnädige Frau erlaubt ihm ja auch immer, Wein zu trinken, da macht es doch nichts, wenn er hier bei der Tante einen Schluck zuviel trinkt! In deinen Augen ist wohl die Tante eine Fremde, bei der er das nicht darf?“ Als Amme Li das hörte, wurde sie ärgerlich, zugleich aber mußte sie darüber lachen und sagte: „Jeder Satz, den Ihr sprecht, ist spitz wie ein Dolch. Was soll denn das heißen, Fräulein Lin?“ Auch Bau-tschai konnte sich das Lachen nicht verbeißen. Sie kniff Dai-yü in die Wange und sagte: „Man weiß wirklich nicht, ob man sich ärgern oder freuen soll, wenn die mit den gerunzelten Brauen den Mund aufmacht!“ Tante Hsüä aber sagte: „Hab keine Angst, mein Junge! Trink nur, wenn du bei mir bist, auch wenn es nichts Besonderes ist! Nimm dir doch so eine Kleinigkeit nicht so zu Herzen, du machst mich ganz krank damit! Trink ruhig, ich werde dafür geradestehen! Wir essen noch zu Abend, und wenn du wirklich einen Schwips bekommst, schläfst du bei uns!“ Nun befahl sie: „Macht uns noch Wein warm!“ Dann fuhr sie, wieder an Bau-yü gewandt, fort: „Jetzt trinken wir zusammen zwei Becher, und dann wird gegessen!“ Ihre Worte brachten Bau-yü wieder in Stimmung. Amme Li befahl den Sklavenmädchen: „Paßt hier schön auf ihn auf! Ich gehe nach Hause und ziehe mich nur um, dann komme ich wieder. Und sagt der gnädigen Frau Tante noch einmal leise, sie solle ihm nicht zu sehr seinen Willen lassen, damit er nicht zuviel trinkt!“ Damit ging sie hinaus. Jetzt waren nur noch zwei, drei ältere Frauen da, die sich aber um Bau-yü keine großen Gedanken machten, sondern mehr auf ihr eigenes Wohl bedacht waren und deshalb heimlich verschwanden, kaum daß Amme Li gegangen war. Die beiden kleinen Sklavenmädchen aber waren froh, sich bei Bau-yü einschmeicheln zu können. Glücklicherweise verstand es Tante Hsüä, mit immer neuen Kunstgriffen dafür zu sorgen, daß Bau-yü nur noch ein paar Becher trank, dann ließ sie den Wein abräumen und eine Suppe aus sauren Bambussprossen und Hühnerhaut zubereiten, von der Bau-yü gierig zwei Schalen aß, dazu eine halbe Schale Reis und dann noch etwas nüchterne Suppe aus grünem Reis. Bald hatten auch Bau-tschai und Dai-yü aufgegessen, und nun wurde starker Tee gebrüht, von dem alle tranken. Dann erst war Tante Hsüä beruhigt. Auch Hsüä-yän und zwei, drei andere Sklavenmädchen hatten inzwischen gegessen und kamen wieder herein, um aufzuwarten. „Gehst du auch?“ erkundigte sich Dai-yü bei Bau-yü. Bau-yü blinzelte sie aus müden Augen an und sagte: „Wenn du gehst, gehe ich mit.“ Daraufhin erhob sich Dai-yü und sagte: „Wir sind schon den ganzen Tag hier und müssen jetzt gehen. Wer weiß, wie sie uns drüben vermissen!“ Sie verabschiedeten sich, und rasch brachte eines der kleinen Sklavenmädchen Bau-yüs dunkelrote Filzkapuze. Bau-yü hielt den Kopf etwas tiefer und befahl ihr, sie ihm aufzusetzen. Mit einem einzigen Griff wollte sie ihm die Kapuze überstülpen, als Bau-yü sagte: „Halt, halt, du dummes Ding! Ein bißchen sanfter mußt du das machen! Hast du nie gesehen, wie eine Kapuze aufgesetzt wird? Ich werde sie mir selber aufsetzen!“ Aber schon stellte sich Dai-yü auf den Rand des Ofenbetts und sagte: „Reg dich nicht auf! Komm her und laß mich einmal sehen!“ Rasch trat Bau-yü nahe an sie heran, und nachdem sie alles in Ordnung gebracht hatte, hielt sie vorsichtig die eine Hand über seinen Kopfschmuck und zog mit der anderen den Rand der Kapuze bis über seine Stirnbinde. Dann rückte sie den walnußgroßen roten Plüschpompon so zurecht, daß er wippend aus der Kapuze herausragte. Als sie fertig war, sah sie Bau-yü prüfend an, dann sagte sie: „In Ordnung! Du kannst deinen Umhang überziehen.“ Bau-yü ließ sich den Umhang geben und legte ihn um die Schultern. Besorgt sagte Tante Hsüä: „Die Ammen sind noch nicht wieder hier. Wartet noch ein bißchen, bevor ihr geht!“ „Was sollen wir auf sie warten?“ entgegenete Bau-yü. „Es reicht, wenn die Mägde uns begleiten!“ Aber Tante Hsüä gab sich damit nicht zufrieden und befahl zwei Frauen, ihnen zu folgen. Bau-yü und Dai-yü entschuldigten sich für die Umstände, die sie Tante Hsüä bereitet hatten, und kehrten in die Räume der Herzoginmutter zurück. Die Herzoginmutter, die noch nicht zu Abend gegessen hatte, freute sich, als sie hörte, sie seien bei Tante Hsüä gewesen. Da sie bemerkte, daß Bau-yü Wein getrunken hatte, ordnete sie an, er solle in sein Zimmer gehen und sich schlafen legen, ohne noch einmal herauszukommen. Dann befahl sie seinem Gesinde, schön auf ihn aufzupassen. Plötzlich fiel ihr ein, wer alles zu seiner Begleitung gehörte, und sie fragte: „Warum ist Amme Li nicht hier?“ Die anderen wagten es nicht, geradeheraus zu sagen, daß sie nach Hause gegangen war, darum sagten sie einfach: „Sie ist eben mit uns hereingekommen, wahrscheinlich hat sie etwas zu erledigen.“ Bau-yü aber drehte sich noch einmal schwankend um und sagte: „Der geht es doch besser als Euch! Warum müßt Ihr Euch nach ihr erkundigen? Ohne sie würde ich wahrscheinlich ein paar Tage länger leben!“ Damit ging er in sein Schlafzimmer, wo er Schreibpinsel und Tusche auf dem Tisch bereitliegen sah. Tjing-wën kam ihm entgegen und sagte: „Fein hast du das gemacht! Hast mich zum Spaß die Tusche reiben lassen und morgens ganze drei Zeichen damit geschrieben, als du in Stimmung warst. Dann hast du den Pinsel hingeworfen und bist gegangen, wir aber konnten den ganzen Tag umsonst auf dich warten. Also komm jetzt und brauch die Tusche auf!“ „Wo sind denn die drei Schriftzeichen geblieben, die ich geschrieben habe?“ fragte Bau-yü, dem die Ereignisse dieses Morgens allmählich wieder einfielen. „Der Mensch ist ja betrunken!“ lachte Tjing-wën. „Bevor du ins Ning-guo-Anwesen hinübergegangen bist, hast du selbst mir befohlen, die Schriftzeichen auf das Paneel über der Tür zu kleben, und jetzt fragst du danach! Ich hatte Angst, jemand anders könnte sie beim Ankleben verderben, darum bin ich selbst auf die hohe Leiter gestiegen. Ich habe so kalte Finger dabei bekommen, daß sie jetzt noch ganz klamm sind!“ „Ich hatte es vergessen“, sagte Bau-yü lächelnd. „Wenn du kalte Hände hast, werde ich sie dir wärmen!“ Damit streckte er seine Arme aus und ergriff Tjing-wëns Finger. Dann schauten sie gemeinsam nach der neuen Inschrift über der Tür. Als bald darauf Dai-yü hereinkam, bat Bau-yü sie lächelnd: „Kusinchen! Sag mir, ohne zu schwindeln, welches von den drei Schriftzeichen dir gefällt!“ Dai-yü hob den Kopf und erblickte über der Tür des Innenraums die frisch angeklebte Inschrift ‚Studierstube Purpurwolke‘. Lächelnd sagte sie: „Eins ist so gut wie das andere. Wie hast du das nur so gut hinbekommen? Morgen mußt du für mein Zimmer auch eine Inschrift schreiben!“ „Wieder machst du dich lustig über mich!“ sagte Bau-yü lachend. Dann fragte er: „Wo ist denn Schwester Hsi-jën?“ Tjing-wën wies mit dem Kinn nach dem Ofenbett im Innenraum. Als Bau-yü hinblickte, sah er Hsi-jën angezogen daliegen und schlafen. „Auch gut“, sagte er lächelnd. „Nur ein bißchen früh hat sie sich hingelegt.“ Dann fragte er Tjing-wën: „Als ich heute morgen drüben im Ning-guo-Anwesen gefrühstückt habe, gab es Klößchen mit Bohnenkäsefüllung, und weil ich weiß, daß du sie gern ißt, habe ich der jungen gnädigen Frau gesagt, ich würde mir gern etwas davon zum Abend aufheben, und habe jemand damit herübergeschickt. Hast du sie gegessen?“ „Erinner mich bloß nicht daran!“ sagte Tjing-wën. „Als sie gebracht wurden, wußte ich sofort, daß sie für mich sind. Aber weil ich gerade erst gegessen hatte, ließ ich sie stehen. Als dann Amme Li kam, sah sie sie und sagte: ‚Die wird Bau-yü vielleicht gar nicht essen wollen, ich nehme sie für mein Enkelkind mit!‘ Und dann hat sie sie zu sich nach Hause tragen lassen.“ Tjiän-hsüä brachte Tee, und Bau-yü sagte: „Komm Tee trinken, Kusinchen!“ Alle lachten und sagten ihm: „Kusine Lin ist längst fort, und du bietest ihr noch Tee an!“ Als Bau-yü eine halbe Schale Tee getrunken hatte, fiel ihm der Tee vom Morgen ein, und er fragte Tjiän-hsüä: „Ich hatte doch heute morgen eine Schale Tee mit dem Tau von Ahornblättern aufbrühen lassen und gesagt, er entfalte sein volles Aroma erst beim dritten oder vierten Aufguß. Warum hast du jetzt anderen Tee gebrüht?“ „Ich hatte ihn ja aufgehoben“, rechtfertigte sich Tjiän-hsüä, „aber dann kam Amme Li und wollte ihn gern kosten, dabei hat sie ihn ausgetrunken.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, schleuderte er wütend die Teeschale hin, daß sie klirrend auf dem Boden zersplitterte und der Tee sich über Tjiän-hsüäs Rock ergoß.üä brachte Tee, und Bau-yü sagte: „Komm Tee trinken, Kusinchen!“ Alle lachten und sagten ihm: „Kusine Lin ist längst fort, und du bietest ihr noch Tee an!“ Als Bau-yü eine halbe Schale Tee getrunken hatte, fiel ihm der Tee vom Morgen ein, und er fragte Tjiän-hsüä: „Ich hatte doch heute morgen eine Schale Tee mit dem Tau von Ahornblättern aufbrühen lassen und gesagt, er entfalte sein volles Aroma erst beim dritten oder vierten Aufguß. Warum hast du jetzt anderen Tee gebrüht?“ „Ich hatte ihn ja aufgehoben“, rechtfertigte sich Tjiän-hsüä, „aber dann kam Amme Li und wollte ihn gern kosten, dabei hat sie ihn ausgetrunken.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, schleuderte er wütend die Teeschale hin, daß sie klirrend auf dem Boden zersplitterte und der Tee sich über Tjiän-hsüäs Rock ergoß. Dann sprang er auf und schrie Tjiän-hsüä an: „Von welchem Zweig der Familie ist sie denn die gnädige Frau, daß ihr alle so respektvoll zu ihr seid? Nur weil ich ein paar Tage von ihr die Brust bekommen habe, als ich klein war, gilt sie mehr als die Ahne! Aber heute bekomme ich nicht mehr die Brust, wozu müssen wir da für nichts und wieder nichts so eine Ahne durchfüttern? Wir schmeißen sie raus, damit hier Ruhe wird!“ Und er wollte auf der Stelle zur Herzoginmutter gehen, um ihr alles zu berichten, damit sie seine Amme hinauswarf. Hsi-jën, die in Wirklichkeit gar nicht schlief, sondern sich nur schlafend gestellt hatte, um Bau-yü zu animieren, sie zu necken, hatte keinen Grund gesehen aufzustehen, als von den Schriftzeichen die Rede gewesen war und als Bau-yü dann nach den Klößchen und dem Tee gefragt hatte. Als er jetzt aber die Teeschale zerschmetterte und in Wut geriet, stand sie rasch auf, um ihm gut zuzureden. Schon kam auch eine Botin der Herzoginmutter, um zu fragen, was passiert sei. Rasch sagte Hsi-jën: „Ich hatte gerade Tee eingegossen, da bin ich auf einem Schneeklümpchen ausgerutscht, dabei ist mir die Teeschale aus der Hand gefallen und zerbrochen.“ Danach sprach sie beruhigend auf Bau-yü ein. „Du bist also entschlossen, sie hinauszuwerfen?“ fragte sie. „Bitte schön! Wir können auch alle gehen, warum willst du uns bei der Gelegenheit nicht gleich mit hinauswerfen lassen? Das wäre gut für uns, und du brauchtest auch nicht traurig zu sein und könntest Bessere als uns nehmen, um dich bedienen zu lassen.“ Als Bau-yü das hörte, sagte er nichts mehr und ließ sich von Hsi-jën und den anderen zum Ofenbett bringen, wo sie ihm das Festgewand auszogen und dann in sein Nachtzeug halfen. Er schien noch etwas sagen zu wollen, aber die Zunge gehorchte ihm nicht mehr, und die Augen wurden noch trüber, also legten sie ihn rasch schlafen. Hsi-jën nahm ihm seinen Jadestein ab, wickelte ihn in ihr eigenes Tschentuch und schob ihn unter die Matratze, damit er am nächsten Tag nicht zu kalt war, wenn Bau-yü ihn wieder anlegte. Bau-yü schlief ein, kaum daß sein Kopf das Kissen berührte. Auch Amme Li war inzwischen mit den anderen Frauen gekommen, aber als sie hörte, Bau-yü habe sich betrunken, wagte sie sich nicht herein, um nicht wieder mit ihm aneinanderzugeraten. Sie erkundigte sich nur leise, ob er schliefe, und ging dann beruhigt fort. Als Bau-yü am nächsten Morgen erwachte, wurde ihm gemeldet: „Der junge Herr Jung aus dem Ning-guo-Anwesen und der junge Herr Tjin Dschung sind gekommen, um hier ihre Aufwartung zu machen.“ Rasch ging Bau-yü zu ihnen hinaus und führte sie zur Herzoginmutter. Als die Herzoginmutter sah, daß Tjin Dschung ein schönes Gesicht und sanfte Manieren hatte und der richtige Lerngefährte für Bau-yü sein mußte, war sie zutiefst erfreut und behielt ihn zum Tee und zum Essen bei sich und ließ ihn auch zu Dame Wang führen. Frau Tjin war bei allen beliebt, und als man jetzt sah, was Tjin Dschung für ein Mensch war, gewann auch er allgemeine Sympathie. Beim Abschied machten ihm alle Geschenke, auch die Herzoginmutter verehrte ihm ein besticktes Täschchen und ein goldenes Kuee-hsing-Figürchen , die Harmonie und Erfolg symbolisieren sollten. Außerdem legte sie ihm ans Herz: „Du wohnst weit weg von hier. Wenn es dir wegen des Wetters oder mit dem Essen zu unbequem ist, nach Hause zu gehen, bleib nur hier, solange du willst! Und halte dich in der Schule nur an deinen Onkel Bau-yü, gib dich nicht mit den Faulpelzen dort ab!“ Tjin Dschung versprach es ihr und ging nach Hause, um seinen Vater über alles zu unterrichten. Sein Vater Tjin Yä hatte jetzt den Posten eines Ministerialsekretärs im Bauamt inne und ging auf die siebzig zu. Seine Frau war früh gestorben, und da er keinen Sohn und keine Tochter von ihr gehabt hatte, hatte er sich einen Jungen und ein Mädchen aus dem Waisenhaus geholt. Dann war der Junge wider Erwarten gestorben, übrig blieb nur das Mädchen, das mit Kindheitsnamen Kë-tjing hieß und zu einer zarten Schönheit mit edlem Charakter heranwuchs. Auf Grund einer entfernten Verwandtschaft war das Mädchen Djia Jung zur Frau gegeben worden. Erst als Tjin Yä die fünfzig schon hinter sich gelassen hatte, war ihm Tjin Dschung geboren worden. Nachdem sein Lehrer im Jahr zuvor gestorben war und der Vater noch keine Muße gehabt hatte, einen anderen hervorragenden Gelehrten zu suchen, war Tjin Dschung nichts weiter übrig geblieben, als einstweilen zu Hause den alten Lehrstoff zu wiederholen. Gerade als Tjin Yä mit der Familie seines Schwiegersohns darüber sprechen wollte, Tjin Dschung in die dortige Familienschule zu schicken, damit sein Geist nicht länger brachliegen mußte, hatte der Zufall Tjin Dschung mit Bau-yü zusammengeführt. Tjin Yä wußte auch, daß die Familienschule der Djias zur Zeit von Djia Dai-ju geleitet wurde, den er als erfahrenen Gelehrten kannte. Wenn Tjin Dschung dort Unterricht bekam, würde er mit Sicherheit im Lernen vorankommen und zu der Hoffnung berechtigen, sich einmal einen Namen machen zu können. Darüber war Tjin Yä sehr froh. Nur war er ein armer Beamter ohne Geld in der Tasche, und bei den Djias hatte hoch und niedrig nichts anderes im Kopf als Reichtum und Vornehmheit, so daß ihm im Interesse der Zukunft seines Sohnes gar keine andere Wahl blieb, als mühselig vierundzwanzig Liang Silber als Besuchsgeschenk zusammenzukratzen, um damit ehrerbietig selbst zu Djia Dai-ju zu gehen, zusammen mit Tjin Dschung, damit der Sohn seinen Fußfall vor dem Lehrer machte. Dann warteten sie, weil für Bau-yü erst ein Glückstag für den Schulanfang ausgesucht werden sollte, ehe Tjin Dschung mit ihm zusammen den Unterricht aufnehmen konnte. Wahrlich: Wär‘ nur der Ärger zu ahnen gewesen, hätt‘ er den Sohn nicht zur Schule geschickt.