Hongloumeng/de/Chapter 87

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Kapitel 87

感秋声抚琴悲往事 / 坐禅寂走火入邪魔

gesagt, worum es ging. Bau-tschai schluchzte und zitterte immer noch von dem Schrecken. „Doch wer? Wer war es?“, fragte sie aufgewühlt. „Herrin“, sagte einer der Diener, „solche Details werden an der Situation im Moment nichts ändern. Das Gesetz sagt: ‚Ein Leben muß mit einem Leben vergolten werden‘. Deshalb müssen wir überlegen, was zu tun ist.“ – „Überlegen!“, schrie Frau Hsüä hysterisch, „was bringt denn schon Überlegen in so einem verdammten Moment wie jetzt?“ – „Das Beste, wie wir finden“, fuhr der Diener fort, „ist dies. Zuerst schicken wir den jungen Herr Ke mit etwas Geld, um Herrn Pan im Gefängnis zu besuchen. Was morgen zuerst zu tun ist: Herr Ke muß sich einen guten Berufsschreiber besorgen, jemand, der mit der gerichtlichen Terminologie vertraut ist. Er muß ihm ein gutes Honorar anbieten, um sicherzugehen, daß sein Todesurteil verworfen wird. Wenn das erledigt ist, müssen wir einen der Edelmänner der Familie Djia hier fragen, ob sie ein paar Fäden ziehen. Doch zu allererst müssen wir den Yamen-Boten ein kleines Trinkgeld geben. Dann können wir den Rest angehen.“ Frau Hsüä war nicht überzeugt. „Findet einfach die Familie des Mannes“, sagte sie, „gebt ihnen, was immer sie wollen für Beerdigungskosten und Ausgleich. Wenn der Kläger nicht darauf drängt, wird er leicht wieder frei kommen.“ Bau-tschais Stimme war durch den Türvorhang zu vernehmen: „Nein, Mama, das wird nicht gehen. Je mehr Geld wir ausgeben, desto größer wird der Ärger auf lange Sicht. Wir sollten tun, was der Junge sagt.“ – „Wozu soll ich überhaupt noch leben?“ seufzte Frau Hsüä. „Laß mich gehen und ihn noch einmal sehen! Dann kann ich mit ihm zusammen sterben!“ Bau-tschai flehte sie an, sich ein Herz zu fassen, und rief zur selben Zeit nach dem Jungen, um sofort mit Hsüä Kë aufzubrechen. Die Mägde halfen Frau Hsüä wieder herein. Hsüä Kë stieß auf seinem Weg nach draußen dazu. „Schicke jemanden mit einem Brief nach Hause, sobald es etwas Neues gibt“, unterwies ihn Bau-tschai. „Du mußt da bleiben. Wir zählen auf dich.“ Hsüä Kë versprach, sein Bestes zu geben und brach auf. Während Bau-tschai sich wieder einmal die Aufgabe auferlegte, ihre verzweifelte Mutter zu trösten, nahm Hsia Djin-guee die Gelegenheit wahr, einen ungestörten Angriff auf Hsiang-ling zu verüben: „Ihr habt sonst die Familie immer nur gelobt“, schrie sie. „So ein Mord bedeutet nichts in dieser Familie, oder? Ihr alle kamt danach direkt in die Stadt, als ob nichts passiert wäre, nicht wahr? Wo sind jetzt all dein Geld und deine feinen Freunde und vornehmen Verwandten? Ihr seid alle so entsetzt, daß ihr nicht wißt, ob ihr kommen oder gehen sollt. Und in ein paar Tagen, wenn sie Pan beseitigt haben, wirst du dich aus dem Staub machen und mich mit all dem hier allein lassen!“ Sie brach wieder in dramatisches Jammern aus. Frau Hsüä hörte jedes Wort und war so aufgebracht, daß sie in Ohnmacht fiel. Bau‑tschai war am Ende ihrer geistigen Kräfte. Inmitten dieses Tumults erschien eine der Ammen der Dame Wang, um sich nach etwas Neuem zu erkundigen. Dies bescherte Bau‑tschai ein weiteres Problem. Sie war sich seit dem offiziellen Verlobungsbesuch vor einigen Tagen ihrer ausgewählten Position durchaus bewußt, und wußte, daß sie streng genommen jeden Kontakt mit ihrer zukünftigen Bräutigamsfamilie vermeiden sollte, einschließlich der Dienstmädchen. Trotz der Tatsache, daß die Verlobung noch nicht ganz besiegelt war, schien die Dringlichkeit des momentanen Ernstfalls eine vorübergehende Aufgabe der Regeln zu rechtfertigen. „Wir kennen noch nicht die ganze Geschichte“, sagte sie der Magd, „was wir gehört haben ist, daß mein Bruder jemanden umgebracht haben soll und vom örtlichen Magistrat in Haft genommen worden sei. Wir wissen nicht, welcher Art Mord er für schuldig befunden wurde, doch Herr Ke wird es herausfinden. Wir sollten in ein oder zwei Tagen über genauere Neuigkeiten verfügen und werden es die Herzoginmutter umgehend wissen lassen. Bitte danke ihr für ihre freundliche Nachfrage und sage ihr, daß wir zu fortgeschrittener Zeit sicher alle Hilfe benötigen werden, die Herren Schë und Dschëng uns bieten können.“ Die Magd kehrte mit dieser Nachricht zurück. Die nächsten zwei Tage harrten Frau Hsüä und Bau-tschai in unerträglicher Ungewißheit aus. Wenigstens kam zwei Tage später der Bote Hsiau-schë mit einem Brief von Hsüä Kë zurück, welchen er einer Magd gab, um ihn den Damen zu überreichen. Bau-tschai öffnete ihn und las folgendes: „Pans Fall wurde ‚tödliche Körperverletzung durch Unfall‘ und nicht ‚vorsätzlicher Mord‘ genannt. Ich hinterlegte heute morgen zuerst einen Verteidigungsappell auf meinen Namen und warte immer noch auf das Urteil des Magistrats. Pan erneuerte seine ursprüngliche Aussage und wir müssen, wenn der Appell geprüft worden ist, den Einspruch bei der Anhörung vorbringen. Wir sollten in der Lage sein, ihn frei zu bekommen.“ – „Ich brauche dringend fünfhundert Liang Silber. Besorge sie unverzüglich beim Pfandhaus. Sag’ Tante, sie soll sich nicht sorgen. Für den Rest frage Hsiau-schë.“ Als Bau-tschai fertig war, den Brief laut vorzulesen, trocknete Frau Hsüä ihre Augen und sagte: „Sein Leben steht auf der Kippe, nicht wahr?“ „Bevor du wieder in Kummer versinkst, Mama“, sagte Bau-tschai, „laß uns nach dem Jungen schicken und ihn fragen, was er weiß.“ Eine Magd wurde geschickt, den Jungen zu holen. Als er eintrat, trug Frau Hsüä ihm auf, ihnen einen vollständigen Bericht von allem zu geben, was er wußte. „An dem Abend, als wir ankamen“, begann er, „als ich hörte, was Herr Pan Herr Ke erzählt hatte, starb ich beinahe vor Angst...“ Doch den Rest des Berichtes lese man im nächsten Kapitel. 86. Bestechung bringt einen alten Mandarin in Konflikt mit dem Lauf des Gesetzes Zeitvertreib mit einer jungen Dame, die die Philosophie des Zither-Spiels erklärt.

Im letzten Kapitel wurde erzählt, wie Bau-tschai Hsüä Kës Brief ihrer Mutter laut vorlas. Frau Hsüä rief Hsiau-schë herbei und bat ihn zu wiederholen, was Hsüä Pan über sein Mißgeschick gesagt hatte. „Ich konnte nicht jedes Wort verstehen, gnädige Frau“, begann er, „doch ich hörte, daß Herr Pan Herrn Hsüä Kë erzählte, daß...“ Er blickte sich schnell im Zimmer um und fuhr fort, als er sich vergewissert hatte, daß sonst niemand im Zimmer war: „...daß er die schrecklichen Szenen zu Hause nicht mehr ertragen könne und sich entschlossen habe, auf eine Geschäftsreise in den Süden zu gehen. Er kenne dort jemanden, etwa hundertzehn Kilometer südlich der Hauptstadt und denke daran, mit ihm zu reisen. Auf dem Weg zum Haus des Mannes, traf er seinen Freund Djiang Yü-han, der mit einigen jungen Schauspielern auf dem Weg in die Hauptstadt war. Die beiden gingen in eine Bar, um etwas Wein zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen, und da begann, alles schief zu laufen. Der Kellner starrte Herrn Djiang an, was Herrn Pan verärgerte. Nun, Djiang brach noch am selben Tag auf. Doch am nächsten Tag nahm Herr Pan diesen anderen Mann – der, mit dem er vorhatte zu reisen – in dieselbe Bar mit, um etwas zu trinken. Nach einigen Runden erinnerte er sich an das üble Benehmen des Kellners am Tag zuvor und beschwerte sich über den Wein. Der Kellner brauchte viel Zeit, um eine neue Kanne zu bringen; Herr Pan fing sofort an zu schimpfen. Der Kellner fand das nicht in Ordnung. Und dann schlug Herr Pan mit seinem Becher sofort auf den Kellner ein. Niemand hat das vermutet, daß der Kellner nicht von der friedliebendsten Sorte war. Er streckte den Kopf bewußt vor und ließ den Herrn darauf einschlagen. Herr Pan schlug eine Porzellanschale auf seinen Kopf, und es floß Blut. Er lag auf dem Boden, schimpfte erst noch vor sich hin, und danach brachte er keine Worte mehr heraus.“ „Doch warum hat denn keiner versucht, ihn aufzuhalten?“, fragte Frau Hsüä. „Ich hörte Herrn Pan nichts davon sagen, gnädige Frau. Dies ist alles, was ich weiß.“ – „Nun gut. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen.“ – „Vielen Dank, gnädige Frau.“ – So gingen dann beide hinaus. Frau Hsüä ging zuerst zu ihrer Schwester, die Dame Wang, und bat sie, Djia Dschëngs Unterstützung anzufordern. Als die Dame Wang die Angelegenheit vorbrachte und Djia Dschëng einen ausführlichen Bericht von dem gab, was sich ereignet hatte, stotterte er zunächst unwillig herum und sagte, daß er nichts tun könne, bis Hsüä Kës Berufung die üblichen Dienstwege durchlaufen habe und der Richter sein Urteil ausgestellt hätte. Frau Hsüä ließ im Pfandleihhaus Silber auswiegen und schickte es Hsüä Kë durch Hsiau-schë. Drei Tage später kam der Brief, auf den sie warteten, an. Er wurde Frau Hsüä gegeben, die eine junge Magd schickte, um sofort Bau-tschai zu holen. Sie eilte herüber und las folgendes: „Liebe Tante. Ich habe das Silber erhalten und unter den Gerichtsangehörigen verteilt. Pan wird im Gefängnis ordentlich behandelt. Mach’ dir deswegen keine Sorgen. Unser Problem ist, daß die Leute hier sehr schwierig sind. Weder die Familie des Toten noch die Augenzeugen lassen mit sich handeln. Sogar Pans sogenannter Freund – derjenige, den er zu der Reise einlud – ist auf ihrer Seite. Besonders hart ist es für Li Hsiang und mich selber als Fremde, doch glücklicherweise gelang es uns, einen guten Berufsschreiber zu finden, der versprach uns zu helfen – für ein kleines Entgelt. Sein Rat war, daß wir zuerst auf Wu Liang einwirken sollten (das ist der ,Freund‘). Zunächst, da er als erster Zeuge unter Bewachung gehalten wird, sollten wir jemanden finden, der für ihn bürgt; dann ihm Geld anbieten, um unsere Verteidigung des ‚Todes durch Unfall‘ zu untermauern. Falls Wu sich weigert, mit uns zu verhandeln, werden wir versuchen, ihn selbst als den Mörder anzuzeigen und einen Außenseiter als Sündenbock zu benutzen. Er sollte dann zu viel Angst haben, um nicht mitzuspielen. So weit, so gut. Wir haben Wu durch Bürgschaft draußen, die Familie und unsere Zeugen bestochen und unseren Einspruch vorgestern erhoben. Das Urteil wurde heute ausgestellt. Es spricht für sich.“ Bau-tschai fuhr fort und las die Kopie der Berufung vor „Seinem jüngeren Vetter und Mandanten für den Angeklagten, Hsüä Pan, fälschlicherweise des vorsätzlichen Mordes durch Schläge an Dschang San beschuldigt.

Feststellung der Fakten: Der Angeklagte, mit registriertem Wohnsitz Nanking, zur Zeit wohnhaft in der Landeshauptstadt, verließ die Heimat am Soundsovielten des soundsovielten Monats, um in den südlichen Provinzen Geschäften nachzugehen. Wenige Tage später kehrte sein Diener nach Hause zurück mit der Nachricht, der Angeklagte sei in einen Zwischenfall ver­wickelt worden, bei welchem eine der Parteien ihr Leben verlor. Der Berufungsführer kam in aller Eile hierher, um festzustellen, daß der oben erwähnte Herr Dschang in der Tat sein Leben durch die Hand des Angeklagten verlor, doch daß es sich dabei um tödliche Körperverletzung durch Unfall und nicht um vorsätzlichen Mord durch Schläge handelte, wie zuvor behauptet. Widerklage: Bei der Ankunft am Bezirksgefängnis wurde der Berufungsführer Zeuge der aufrichtigsten Unschuldsbekundungen seitens des Angeklagten. Er verneinte absolut jede Feindseligkeit gegenüber Herrn Dschang, mit welchem er in der Tat vor dem fraglichen Zwischenfall nicht im geringsten bekannt war, der lediglich das Resultat einer Unstimmigkeit über einen Krug Wein war. Der Angeklagte entleerte nach einer Beschwerde den Inhalt seines Kruges auf den Boden. Genau in demselben Moment neigte sich der Verschiedene, um ein Objekt von einem angrenzenden Platz zu besorgen, rutschte dabei aus mit der unglücklichen, doch absolut unfallartigen Konsequenz, daß es eine tödliche Kollision zwischen dem Krug des Angeklagten und dem Kopf des Verschiedenen gab. Wenn Euer Ehren einsichtig wären und ihn einer gerichtlichen Befragung unterzögen, seine Qualen auf der Folterbank waren so schlimm, daß er den Vorwurf des Vorsätzlichen Mordes durch Schläge schnell gestand, was ihm das Urteil der Erdrosselung einbrachte, mit Möglichkeit der Umwandlung in Verbannung. Euer Ehren, eure große Weißheit und Gnade, sich keines Zweifels über eine versteckte Ungerechtigkeit bewußt, hat die Urteilsverkündung für die nächste Zeit verschoben. Der unter Bewachung stehende Angeklagte ist gesetzlich von einer Anrufung des Gerichts abgehalten. Der Berufungsführer wurde weiterhin von Überlegungen der Familienehre ermutigt, zu handeln, Euer Gnaden demütigst und aufrichtigst ersuchend, den Fall wieder aufzurollen und alle Parteien zu einer zweiten Anhörung einzuladen. Dies wäre eine großmütige Handlung und eine, welche die niemals endende Dankbarkeit und die lebenslange Untergebenheit des Berufungsführers und der gesamten Familie bedeuten würde. Bau‑tschai kam nun zum Urteil des Richters, worin folgendes stand:

Stellungnahme zum Berufungsantrag Es wurde eine Untersuchung des Verbrechens eingeleitet und die vernommene Aussage war überzeugend. Der Angeklagte war keiner Folter ausgesetzt, die zum Geständnis der Anklage geführt hätte: Mord durch Schläge. Sein Schuldgeständnis wurde nun offiziell in die Akten eingetragen. Sie, der Berufungsführer, ein Außenstehender ohne Wissen aus erster Hand über den Fall, der sich erdreistet, diese unfundierte Widerrufung einzuleiten, sind der Mißachtung des Gerichtes schuldig. In Anbetracht mildernder Umstände in Bezug auf die Familienehre, wird man nur ihren Berufungsantrag ablehnen. Berufung abgewiesen.

„Es gibt keine Hoffnung mehr!“, jammerte Frau Hsüä, „wir können ihn nicht mehr retten.“ – „Wir haben es noch nicht fertig gelesen“, sagte Bau‑tschai, „es gibt ein P. S.“ Sie las weiter: „Für geheime Anweisungen, fragen sie den Jungen – dringend.“ Frau Hsüä wandte sich umgehend an den Jungen, der folgende Information preisgab: „Die Leute im Yamen wissen, daß unsere Familie reich ist, gnädige Frau, und Herr Hsüä Kë sagt, wir müssen familiäre Beziehungen in der Bezirkshauptstadt nutzen und eine weitere große Bestechung schicken, wenn wir eine Wiederanhörung und ein milderes Urteil erreichen wollen. Er sagt, ihr müßt schnell handeln, gnädige Frau, jeder Aufschub bedeutet weitere Beschwernis für Herrn Pan.“ Frau Hsüä entließ den Jungen und ging sofort wieder zu ihrer Schwester. Die Dame Wang flehte Djia Dschëng hilfesuchend an. Das Weitestgehende, das Djia Dschëng vorbereitet hatte, war, jemanden zu schicken, der sich mit dem Richter ,unterhält‘. Er wies es ab, über ,finanzielle Überlegungen‘ nachzudenken. Frau Hsüä, die fürchete, daß diese Geste ohne Erfolg bleiben würde, bat Hsi-fëng, mit Djia Liän zu sprechen. Der Preis des Richters war hoch – er steigerte sich zu mehreren tausend Taels; doch am Ende erreichte man eine Übereinkunft und für Hsüä Kë war der Weg bereit, mit seinem Plan fortzuschreiten.

Der Fall wurde offiziell wieder eröffnet, und alle betroffenen Parteien waren wieder im Gericht versammelt, der Gemeindediener, Augenzeugen, Verwandte des Verschiedenen etc. Hsüä Pan wurde aus der Zelle herausgeführt. Der Leiter des Gerichtes verlas die Namen und der Richter bestellte den Hauptgemeindediener, um die originalen Beweise zu bestätigen. Dann wurden Frau Dschang (geborene Wang) und Dschang Er, Mutter und Onkel des Verschiedenen gerufen um auszusagen.

Das Berufungsverfahren. Aus: Jinyuyuan 1889b. Frau Dschang begann, ihre Aussage von Schluchzen unterbrochen, „Mein Mann ist Dschang Da. Wir leben im Dorf südlich. Vater Dschang ist seit achtzehn Jahren tot. Wir hatten drei Jungen, doch der älteste und der zweite sind auch schon verstorben. Allein übrig war unser drittes Kind, aber das ist jetzt auch weg!“ (Sie schluchzte weiter.) „Dreiundzwanzig wäre er dieses Jahr geworden, und er war immer noch Junggeselle. Er hat den Beruf in dieser Bar der Familie Li angenommen, um mir etwas auszuhelfen, weil unser Einkommen zu klein ist. Es muß Mittag gewesen sein, als Familie Li jemanden zu mir schickte. Der Mann sagte: ‚Dein Junge wurde erschlagen!‘ Mein armes Herz! Ich wäre fast gestorben! Ich rannte zur Familie Li, und da lag mein Junge auf dem Boden, Blut floß aus seinem Kopf, und er atmete schwer! Ich habe versucht, ihn zu fragen, was passiert war, doch er konnte nichts sagen, hat kaum geatmet und dann..., ja, dann war er weg! Wenn ich ihn nur in die Finger bekomme, diesen gottverdammten, elenden Mörder...“ Ein Brummen der Mißbilligung ging durch die Reihen der Gerichtsun­ter­ge­ordneten. Frau Dschang begab sich schnell zur Bank: „Alles, was ich will, ist Gerechtigkeit! Ich hatte nur noch diesen einen Sohn!“ – „Nächster Zeuge – Besitzer Li Örl!“, rief der Richter entschieden. „War dieser Dschang in ihrem Betrieb angestellt?“, fragte der Richter. „Nicht angestellt, sondern eine gelegentlicher Aushilfe“, antwortete Li Örl. „Ich sehe hier, daß sie in ihrer ursprünglichen Aussage, die bei der Untersuchung aufgenommen wurde, feststellen, daß Hsüä Pan Dschang San einen tödlichen Schlag auf den Kopf versetzte. Sagen sie mir, haben sie diesen Schlag mit eigenen Augen mitangesehen?“ – „Nein, Euer Ehren. Zu dieser Zeit war ich hinter dem Tresen, im Schankraum. Ich hörte, daß einer der Gäste im Séparée Wein bestellte. Ein wenig später hörte ich, wie jemand rief: ‚Hilfe, jemand ist verletzt‘, ich rannte dorthin und sah Dschang San auf dem Boden liegen. Er konnte nicht sprechen. Ich informierte den Gemeindediener und schickte jemanden, der es Frau Dschang mitteilte. Ich habe keine Ahnung, wie der Streit angefangen hat. Da saß ein junger Mann bei Herrn Hsüä am Tisch, Euer Ehren. Vielleicht verfügt er über die notwendigen Informationen...“ „Was?“, donnerte der Richter eindrucksvoll. „In ihrer ursprünglichen Aussage steht sehr deutlich, daß sie den Zwischenfall mit eigenen Augen gesehen haben. Und jetzt wollen sie mir erzählen, sie hätten nichts gesehen?“ – „Als ich meine erste Aussage machte, Euer Ehren, war ich so verwirrt, daß ich mit den Tatsachen durcheinander gekommen sein muß...“ Ein weiteres Brummen ging durch die Reihen. „Nächster Zeuge Wu Liang!“, befahl der Richter. „Sagen sie mir“, fragte der Richter, „haben sie zur Zeit des Verbrechens zusammen mit dem Angeklagten gegessen und getrunken? Wie genau vollzog sich der tödliche Schlag ? Sagen Sie die Wahrheit.“ – „An dem fraglichen Tag, Euer Ehren“, antwortete Wu, „kam Herr Hsüä zu meinem Haus und lud mich freundlicherweise auf etwas zu trinken ein. Da er mit der Qualität des Weines unzufrieden war, bestellte er einen neuen Krug. Doch der Wirt, Dschang San, wollte darauf nicht hören. Dies mißfiel Herrn Hsüä und aus Protest schüttete er dem Kellner den Inhalt seines Kruges ins Gesicht. Es ging alles sehr schnell, und irgendwie muß der Krug aus Hsüäs Hand gerutscht und mit Dschangs Kopf zusammengeprallt sein. Das ist der wahre Bericht des Vorfalls, den ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ – „Unsinn!“, rief der Richter, „warum hat dann der Angeklagte selbst bei der Untersuchung zugegeben, Dschang angegriffen und ihm selbst den tödlichen Schlag versetzt zu haben? Sie haben die Aussage selbst bestätigt. Das ist Meineid! Ohrfeigt ihn!“ Ein bestätigender Schrei kam von der entsprechenden Abteilung des Gerichts und die Strafe sollte gerade vollzogen werden, als Wu protestierte: „Herr Hsüä hat den Streit niemals angefangen, Herr! Der Krug rutschte ihm aus der Hand und prallte mit Dschangs Kopf zusammen! Es war alles ein Unfall! Befragen sie den Angeklagten selbst! Habt Gnade!“ Der Richter rief Hsüä Pan herbei. „Jetzt, Hsüä, zum letzten Mal, sag’ mir: was war dein Groll gegen Dschang San? Und wie ist er nun gestorben? Ich will die ganze Wahrheit!“ – „Euer Ehren, ich flehe Sie an, seien Sie gnädig!“, bat ihn Hsüä Pan. „Ich erhob niemals die Hand, um diesen Mann zu schlagen. Alles was ich tat, war meinen Krug auf dem Boden zu entleeren, weil er mir nicht, wie bestellt, den Wein brachte. Bevor ich es bemerkte, war mir der Krug aus der Hand gerutscht und gegen seinen Kopf geschlagen. Ich tat alles, um die Blutung zu stillen, doch es war hoffnungslos. Der Blutverlust war so hoch, daß er innerhalb kürzester Zeit verstarb. Während der Untersuchung war ich so voller Angst vor der Folter, daß ich falsche Angaben machte. Ich bitte Euer Gnaden dementsprechend Gnade walten zu lassen!“ – „Widerlicher Schuft!“, brüllte der Richter, „du hast dich bereits zu einem vorsätzlichen Anschlag schuldig bekannt. Und jetzt sagst du, du hast dich geärgert, weil er den Wein nicht wechseln wollte, und es war nichts weiter als ein unfallhafter Zusammenprall?“ Er machte auf diese Weise weiter mit vielem dazu passenden und lautstarken Lärmen, bedrohte Pan in der einen Minute mit der Rute und in der nächsten mit der Folterbank, wenn er nicht gestünde. Doch dieses mal verweigerte Pan ein Geständnis. Der Gerichtsmediziner wurde nun herbeigerufen, um öffentlich die Ergebnisse seiner Obduktion bekannt zu geben. „Wenn es Euer Ehren gefällt, ich habe die Leiche von Dschang San genaustens untersucht und finde keine Verletzungsspuren außer einer einzigen an der Kopfhaut, die durch ein Porzellanstück verursacht wurde. Die Wunde ist annäherungsweise vier Fingerbreit lang, dringt zu einer Tiefe von etwa einem halben Fingerbreit ein. Das Scheitelbein hat eine Fraktur von annäherungsweise von etwas über einem halben Fingerbreit in der Länge erlitten. Die Art der Verletzung weist zweifelsfrei auf einen unfallartigen Zusammenprall hin.“ Der Richter überprüfte das Zertifikat des Gerichtsmediziners, welches (wie er sehr gut wußte) von seinem Schreiber geändert worden war und forderte alle Betroffenen ohne Umschweife auf, ihre Aussagen zu unterzeichnen. „Aber!“, jammerte Frau Dschang. „Was ist denn mit all den anderen Wunden? Da waren doch so viele! Der Mediziner sagte es beim letzten Mal selber, ich erinnere mich! Wo sind sie alle auf einmal?“ – „Närrische Frau!“, rief der Richter. „Hier ist das Zertifikat, ordnungsgemäß unterzeichnet – sehen sie selbst.“ Er rief den Onkel des Toten herbei (ein etwas kooperativerer Zeuge): „Dschang Örl, werden sie dem Gericht erzählen, wie viele Wunden auf der Leiche ihres Neffen waren?“ – „Nur die auf seinem Schädel, Herr“, antwortete Dschang. Der Richter wandte sich an Frau Dschang: „Was für einen Beweis brauchen Sie noch?“ Er forderte den Gerichtsdiener auf, Frau Dschang das Zertifikat zu zeigen und wies den obersten Gemeindediener und Dschang Er an, es ihr zu erklären. Die anderen Dokumente in diesem Fall wurden nun geordnet – der Verlauf der Befragung, ordentlich beglaubigt durch die Unterzeichnungen der Anwesenden und die Aussagen der Zeugen, welche nun darin einstimmten, daß es keinen Streit gegeben habe, also keinen Angriff, also war Hsüä Pan nur schuld daran, eine tödliche Körperverletzung bei einem Unfall verursacht zu haben, ein niederer Grad des Totschlages, tilgbar durch die Zahlung eines Bußgeldes. Von den Parteien wurde gefordert, ihre Unterschrift beizuheften, oder die Urkunde damit zu versehen, Hsüä Pan war bis zur Urteilsverkündung in Haft, und Wu Liang und sein Bürge wurden freigelassen. Das Gericht vertagte sich. Als der Richter ging, brach Frau Dschang in einen weiteren Anfall des Weinens und Schluchzens aus, und er trug dem Gerichtsdiener auf, sie rauszuscheuchen. Onkel Dschang versuchte auch, sie wieder zu beruhigen: „Es war wirklich ein Unfall“, sagte er, „warum sollte man denn einen Unschuldigen verurteilen? Seine Ehren hat das Urteil jetzt verkündet, um Himmels willen, beruhige dich.“ Hsüä Kë hatte draußen gewartet und war sichtlich erleichtert zu hören, daß sein Plan gut aufgegangen war. Er schickte einen Brief nach Hause, worin stand, daß er noch bleibe, bis die Urteilsbestätigung öffentlich war und Hsüä Pans Bußgeld bezahlt war. Als er später am Tag durch die Stadt ging, wurde er des Klanges einer angeregten Unterhaltung auf der Straße gewahr: „Habt ihr gehört? Eine der kaiserlichen Konkubinen ist verstorben, und alle Geschäfte am Hof werden für drei Tage eingestellt. Da das kaiserliche Mausoleum nicht weit von der Stadt entfernt war, dachte Hsüä Kë bei sich, würde der Richter nun sehr beschäftigt sein, das Begräbnis vorzubereiten und die Straße mit gelber Erde für die Prozession vorzubereiten. Er würde kaum Zeit haben, über legale Mittel nachzudenken, und er selber würde durch Her­um­hängen allein nichts erreichen. So ging er ins Gefängnis und erzählte Pan, daß er für ein paar Tage nach Hause gehe. Pan war um seiner Mutter Willen sehr froh und schickte eine kurze Bemerkung, um sie rückzuversichern. „Es geht mir gut“, schrieb er, „ein paar Taels mehr in der richtigen Tasche, und ich bin zu Hause! Doch sorge bitte dafür, daß das Geld fließt!“ Hsüä Kë ließ den Jungen Li Hsiang dort und begab sich auf direktem Weg nach Hause. Bei seiner Ankunft gab er seiner Tante Hsüä einen ausführlichen Bericht davon, wie dem Richter die Umdeutung von ,An­griff‘ zu ,Un­fall‘ gelungen war. „Alles, was noch nötig ist“, beendete er seinen Bericht, „ist, den Dschangs etwas mehr Geld zu geben. Dann, wenn die Umdeutung be­schlos­sen ist, wird alles vorbei sein.“ Frau Hsüä seufzte vor Erleichterung. „Ich hatte gehofft, du könntest nach Hause kommen“, sagte sie, „ich wollte gerne hinübergehen und den Djias für alles danken, was sie getan haben, und ich dachte, es wäre nett, wenn du einen Blick auf Tante Wangs Angelegenheiten werfen und etwas Zeit mit den Mädchen verbringen könntest. Durch den Tod der Konkubine Dschou ist die Familie alle Tage außer Haus, und sie müssen zu Hause sehr einsam sein. Ich konnte noch nicht gehen, weil keiner hier war, der solange die Oberaufsicht übernimmt.“ – „Das Seltsame ist, daß ich auf meinem Weg hierhin hörte, daß es eine Djia-Konkubine war, die verstorben sei“, sagte Hsüä Kë. „Deswegen kam ich in solcher Eile zurück – obwohl ich sagen muß, daß es mir schwer fiel, es zu glauben, weil es unserer Yüän-tschun doch gut geht.“ „Sie war eine Weile krank“, antwortete Frau Hsüä, „doch sie erholte sich, und ich habe seitdem nichts mehr von ihrer Krankheit gehört. Dennoch ist es merkwürdig: Die Herzoginmutter fühlte sich einige Tage zuvor nicht wohl, und immer, wenn sie ihre Augen schloß, hatte sie eine Vision von der kaiserlichen Nebenfrau. Zuerst war jeder sehr betroffen, und sie schickten sogar jemanden zum Hof, um sich zu erkundigen, doch ihnen wurde gesagt, daß die kaiserliche Nebenfrau bei guter Gesundheit sei: Dann, vor drei Tagen am Abend, sagte die Herzoginmutter plötzlich laut: ‚Warum ist die kaiserliche Nebenfrau diesen ganzen Weg allein gegangen, um mich zu sehen?‘ Diesmal schrieben sie es ihrer Krankheit zu und nahmen es nicht ernst. ‚Wenn du mir nicht glaubst,‘ sagte die Herzoginmutter, ‚laß mich dir sagen, was die kaiserliche Nebenfrau sagte: Wohlstand kann sehr schnell aufgebraucht sein; halte es zurück, halte es zurück, bevor es zu spät ist.‘ Sie dachten, sie würde bloß phantasieren – es war eben etwas, womit eine Dame ihres Alters sich schließlich noch beschäftigt – und schenkten dem keine Aufmerksamkeit. Du kannst dir die Panik am nächsten Morgen nicht vorstellen, als sie jemanden vom Hof sagen hörten, daß eine der Konkubinen ernsthaft krank sei und alle betitelten Familienmitglieder sich im Palast versammeln sollten! Sie waren in einem schlimmen Zustand, als sie aufbrachen! Doch bevor sie noch den Palast verlassen hatten, hörten wir, daß es die Konkubine Dschou war. Es ist merkwürdig, findest du nicht auch, daß das Gerede, das du hörtest, der Vorahnung der Herzoginmutter gleicht?“ – „Die Öffentlichkeit vermischt die Tatsachen oftmals“, kommentierte Bau‑tschai, „und unsere Familienmitglieder sind wegen der ganzen Angelegenheit so überempfindlich, daß sie nur die Worte ‚kaiserliche Nebenfrau‘ hören müssen, um zu den schlimmsten Schlußfolgerungen zu gelangen. Doch meistens stellt es sich als falscher Alarm heraus. Während der letzten Aufregung unterhielt ich mich gerade mit zweien der Mägde und älteren Dienstmädchen der kaiserlichen Nebenfrau, und sie verrieten mir, daß sie die ganze Zeit gewußt hätten, daß es die kaiserliche Nebenfrau gar nicht gewesen sein kann. Ich fragte eine von ihnen, wie sie sich da sicher sein könnten, und sie erzählten mir von etwas, das vor einigen Jahren geschehen war. „Es war der erste Monat des Jahres und da war ein Wahrsager aus einer der Provinzen nahe der Provinzhauptstadt hier, welcher der Familie auf Grund seiner Genauigkeit empfohlen wurde. Die Herzoginmutter gab Anweisungen, daß einige der Mägde die Acht Stämme und Zweige der kaiserlichen Nebenfrau in Erfahrung bringen sollten, damit sie den Mann nach ihrer Zukunft fragen könnten. Er wählte ihre sofort aus. ‚Hier muß ein Fehler vorliegen‘, sagte er. ‚Ich sehe, daß die junge Dame am ersten Tag des ersten Monats geboren wurde. Wenn Stamm und Zweig ihrer Geburtsstunde richtig wären, sollte sie eine Person von hohem Rang sein und keine Angehörige dieses normalen Haushaltes.‘ Herr Dschëng und die anderen drängten ihn, ungeachtet der Richtigkeit der Geburtsstunde ein Horoskop zu werfen, also fuhr er fort: „Das zyklische Jahr Jia Shen (Holz + Metall), der Erste Monat Bing Yin (Feuer + Holz). In diesen vier Zeichen sind Verlust von Reichtum und Niedergang im Beamtentum beide präsent. Obwohl das Jahr den Zweig Shen Rang und Wohlstand zeigt, ist es nicht ihr Schicksal, innerhalb des Haushaltes erhoben zu werden, die Aussicht in diesem Zweig ist nicht unbedingt günstig. Der Tag Yi Mau (Holz + Holz), Frühlingsanfang, da steht Holz im Zenit. Hier gibt es einen Konflikt, eine Konfiguration von Ebenbürtigem. Dadurch wird die Person erhöht, so wie feines Holz nur als Instrument wahrer Größe verarbeitet wird, wenn es die Axt berührt. Die Stunde Stamm Xin (Metall) zeigt Adel an, während die Stunde Zweig Sï (Feuer) auf Rang und Glück verweist, dieses Mal ist der Zenit bekannt als Ein glückliches Pferd reitet in den Himmel. Die Tagesverbindung zeigt höchsten Rang und daß die Kräfte des Himmels und des Mondes Vorsitz über ihr Schicksal haben. Sie wird mit einer Residenz im Kaiserlichen Schlafgemach beglückt. In dieser Stunde sind Stamm und Zweig korrekt, bei dieser Person muß es sich um eine kaiserliche Konkubine handeln.“ – „Wie die Magd sagte“, fuhr Bau-tschai fort, „paßte das Horoskop perfekt zur kaiserlichen Nebenfrau. Sie erinnerten sich auch an den Schlußteil: ‚Ach!‘ sagte er, ‚solche günstigen Winde sind leider nicht von Dauer. Wenn der Hase dem Tiger begegnet und Holz auf Holz trifft, in einem Mau Monat eines Yin Jahres, werden ihre Ebenbürtigen sie überstrahlen, der Niedergang wird seinen Tiefpunkt erreichen und das feine Holz, das zu lange geschnitzt wird, wird sein Wesen und seine Stabilität verlieren.“ Obwohl die Familie in ihrer Panik alles über die letzte Vorhersage vergaß, erinnerte sich die Magd daran, sie sagte zu Vetter Wan, „dies ist kein Yin-Jahr, und es ist nicht der Monat Mau, also kann es nicht die kaiserliche Nebenfrau sein!“ Bau-tschai war kaum am Ende, als Hsüä Kë ausrief: „Vergiß die Djias für einen Moment; wenn es hier einen so guten Wahrsager gibt, warum befragen wir ihn nicht über Pan? Vielleicht kann er uns verraten, welche böse Kraft seinen Weg durchkreuzt hat und ihm dieses Jahr so viel Unglück brachte? Gib mir Pans Stamm und Zweige, und ich werde gehen und herausfinden, ob die Zukunft noch mehr Rückschläge dieser Art für ihn bereit hält.“ – „Der Wahrsager kam aus einer der Provinzen. Wer weiß, wo er jetzt in der Hauptstadt ist?“, erwiderte Bau-tschai. Während der Unterhaltung hatten sie bereits begonnen, Frau Hsüäs Sachen zu packen. Frau Hsüä ging hinüber zur Hauptvilla und sah, daß, wie erwartet, Li Wan, Tan‑tschun und die Mädchen ganz allein dort waren. Sie hießen Frau Hsüä willkommen und fragten, wie es Hsüä Pan ginge. Sie waren sichtlich erleichtert, als sie ihnen erzählte, daß er außer Gefahr sei und nur noch auf die Bestätigung seines Urteils warte, in dem keine Todesstrafe zu erwarten sei. „Mutter meinte gestern abend nur“, sagte Tan‑tschun, „daß du dich früher immer darum gekümmert hast, wenn zuhause etwas danebenging. Doch dieses Mal hast du selbst Probleme. Es ist schwer, darüber zu sprechen. Wir waren selbst sehr besorgt.“ – „Ich war zuhause sehr traurig deshalb“, antwortete Frau Hsüä, „Pan hat solche Probleme erwischt. Euer Vetter Ke war fort, um sich um Pans Angelegenheiten zu kümmern. Bau-tschai ist ja als Frau alleine zuhause, wie soll sie das denn machen. Außerdem kennen wir Frauen, Mutter und Tochter, uns nicht so aus in der großen Welt, konnten einfach nicht die ganze Kraft dem widmen. Der einzige Grund, weshalb Ke nach Hause kommen und mich jetzt ablösen konnte, ist, daß der Richter für einige Tage beauftragt ist, die Vorbereitungen für die Beerdigung der Dschou Konkubine zu treffen und deshalb voreilig die Sache beendet hat.“ – „Wir wären sehr froh, wenn du ein oder zwei Tage bleiben könntest“, sagte Li Wan. Frau Hsüä nickte. „Ich würde sehr gern hierbleiben und euch Mädchen Gesellschaft lei­sten. Das einzige, was mich bekümmert, ist, daß Bau‑tschai sich ohne mich bestimmt einsam fühlt.“ – „Warum fragst du sie nicht, ob sie nicht auch zu uns kommen möchte?“, schlug Hsi‑tschun vor. Frau Hsüä mußte etwas lachen, „ach, das könnte ich nicht machen.“ – „Aber warum denn nicht? Sie hat hier doch mal gewohnt, oder nicht?“ Li Wan antwortete für Frau Hsüä: „Ihr versteht nicht. Das ist nicht mehr dasselbe. Zur Zeit sind sie sehr beschäftigt, deshalb kann sie nicht kommen.“ Hsi‑tschun nahm an, daß dies der wahre Grund für Bau-ts­chais Abwesenheit war und fragte nicht weiter nach. Während sie miteinander sprachen, kehrten die Herzoginmutter und der Rest der Familie von ihrem Beileidsbesuch zurück. Als sie sahen, daß Frau Hsüä da war, wurden alle vorbereitenden Höflichkeiten für dieses Mal unterlassen und jeder wollte das Neueste über Pans Angelegenheiten wissen. Frau Hsüä erzählte ihnen die ganze Geschichte. Bau-yü war dabei und horchte auf, als Djiang Yü‑hans Name erwähnt wurde. Obwohl er dachte, daß es nicht ratsam sei, vor den anderen so viel Interesse zu zeigen, fragte er sich insgeheim, warum sein alter Schauspielfreund nicht bei ihm vorbeigeschaut hatte, wenn er schon zurück in der Hauptstadt war. Als er dann bemerkte, daß Bau-tschai ihre Mutter nicht begleitet hatte, versuchte er sich vorzustellen, was sie nur zu Hause halten könnte. Als er wie erschlagen vor sich hingrübelte, kam Dai-yü unerwartet zur Begrüßung, seine Gedanken über Bau-tschai wurden von ihrem Auftauchen unterbrochen. Bau-yü wurde wieder fröhlicher. Er leistete Dai-yü Gesellschaft und blieb bis zum Abendbrot mit den anderen bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen kehrte jeder in seine entsprechende Wohnung zurück, mit Ausnahme von Frau Hsüä, welche die ganze Nacht über im Gästezimmer der Herzoginmutter blieb. Bau-yü ging zurück zum Roten Hof der Freude und entledigte sich seiner Ausgehkleidung, als er sich plötzlich an das rote Halstuch erinnerte, das Djiang Yü‑han ihm einst geschenkt hatte. „Erinnerst du dich an das dunkelrote Halstuch, das ich dir gegeben habe?“, fragte er Hsi-jën. „Das, welches du nicht tragen wolltest? Hast du es noch?“ – „Ich habe es hier irgendwo hingelegt. Warum fragst du?“ – „Ach, ich überlegte nur.“ – „Hast du nicht gehört, in welchen Ärger auf Leben und Tod Herr Hsüä Pan geraten ist, und das nur, weil er mit solchem Gesindel befreundet ist! Wirst du es nie lernen? Hast du nicht mehr Verstand, daß du so etwas anstellen mußt? Wende deine Kraft lieber auf deine Studien! Schiebe solche unwichtigen Sachen lieber beiseite.“ – „Also wirklich! Ich bin hier nun wirklich nicht in solchen Ärger ver­wickelt! Ich habe nur daran gedacht, das ist alles. Ich konnte doch nicht ahnen, ob du es noch hast oder nicht. Hätte ich gewußt, daß du mir eine Predigt halten würdest...“ Hsi-jën lächelte: „Ich halte dir keine Predigt. Es ist nur, daß jeder, der Verstand hat, versucht, in der Welt voranzukommen. Wenn dein Liebling daher kommt, möchtest du doch sicher einen guten Eindruck machen?“ – „Meine Güte!“, rief Bau-yü, „ich erinnere mich! Bei Großmutter war so ein Trubel, da hatte ich nicht die Gelegenheit, mit Kusine Dai-yü zu sprechen, und sie hat mich auch nicht angesprochen. Sie war vor mir gegangen, sie ist vielleicht gerade jetzt zu Hause. Ich bin sofort wieder da.“ Und schon war er fort. „Komm schnell wieder!“, rief Hsi-jën ihm nach. „Jetzt ist es passiert! Ich mußte ja damit anfangen, und dann kommst du plötzlich darauf!“ Bau-yü antwortete nicht, setzte eine störrische Miene auf, senkte den Kopf und begab sich auf direktem Wege zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Bei seiner Ankunft fand er Dai-yü an ihrem Tisch in einem Buch blätternd. „Bist du schon lange zurück, Kusine?“, fragte er, ging dabei hinüber und stellte sich neben sie. „Da du mich nicht beachtet hast“, sagte sie mit zurückkehrendem Lächeln, „gab es für mich keinen Grund, länger zu bleiben...“ Er lachte. „Alle haben sofort angefangen zu reden, und ich kam gar nicht zu Wort.“ Auf die aufgeschlagene Seite vor ihr blickend, fand Bau-yü heraus, daß er nicht ein einziges Zeichen darauf verstand. Manche schienen ihm bekannt, wie die Zeichen für Pfingstrose und unermeßlich; doch bei näherem Hinsehen fiel ihm auf, daß auch diese etwas verändert waren. Da war das Zeichen für Haken, mit einer fünf darin und einer neun und groß darüber; und da war eine fünf neben einer sechs, mit Holz darunter und einer anderen fünf ganz unten. Das war alles sehr verwirrend. „Du mußt schon sehr fortgeschritten sein, wenn du diese abstrusen Hieroglyphen entziffern kannst!“, sagte er. Dai-yü gab ein kleines „Thhh!“ von sich. „Was für ein Gelehrter, du kannst ja nicht einmal Noten lesen, die hier sind für die Wölbbrettzither. „Noten? Die kenne ich natürlich. Doch warum kenne ich keines der Zeichen? Weißt du, was sie bedeuten?“ – „Wenn ich die nicht kennen würde, wieso würde ich sie dann lesen...“ – „Wirklich? Ich glaube das nicht. Ich habe noch nie gehört, daß du spielst. Wußtest du von den Wölbbrettzithern, die an der Wand in der Hauptbibliothek hängen? Da gibt es einige. Ich erinnere mich an das vorletzte Jahr, als Vater mit einem Zitherspieler befreundet war – Antiquar­ Dji wurde er genannt, glaube ich. Vater bat ihn, ein Stück zu spielen, doch wie er die Instrumente ausprobierte, sagte er, man könne mit keinem von ihnen spielen. Weiterhin sagte er, wenn Vater ihn wirklich spielen hören wolle, würde er an einem anderen Tag mit seinem eigenen Instrument wiederkommen. Doch er kam nicht mehr. Er muß sich entschlossen haben, daß Vater auch nichts davon versteht. Wie konntest du dein Licht die ganze Zeit unter den Scheffel stellen und das geheim halten?“ – „Oh nein“, antwortete Dai-yü, „ich bin gar nicht gut. Es war nur so, daß ich vor ein oder zwei Tagen, als ich mich ein wenig besser fühlte, durch mein Bücherregal schaute und auf dieses alte Zither-Handbuch stieß. Es erschien mir sehr interessant und faszinierte mich beim Lesen. Es begann mit einem sehr eingängigen Vorwort über die Theorie der Zither, und dann führte es die praktische Methodik sehr klar und verständlich aus. Ich erkannte, daß das Zither-Spielen eine Form der Meditation ist und uns die spirituelle Energie den Ahnen näherbringt. „Als wir in Yangdschou lebten, habe ich öfter das Zitherspiel gehört und es gelernt. Doch seit ich aus der Übung bin, ist es, wie man sagt, ‚drei Tage nicht gespielt, und es wachsen Stacheln aus der Hand‘. Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Zitherlieder gefunden, nur mit Liedtitel, aber ohne Text und ohne Noten. Doch jetzt habe ich ein Buch voller Noten und Text gefunden, und jetzt macht es erst Sinn. Das ist sehr interessant! Natürlich, ich erkenne, daß ich der Partitur niemals gerecht werden kann. Wenn man bedenkt, was die großen Meistermusiker der Vergangenheit vermochten – wie Meister Kuang, dessen Spiel Wind und Donner herbeirufen konnte, Drachen und Phoenix! Und wenn man bedenkt, daß Konfuzius von Meister Hsiangs Musik sagte, die ersten Noten, die er je gehört habe, sei das musikalische Portrait von König Wën gewesen! Eine Rhapsodie der Berge und Flüsse zu spielen und seine innere Bedeutung mit einem befreundeten Musikliebhaber zu teilen...“ Dai-yü schloß die Augen und senkte langsam den Kopf. Bau-yü war völlig hingerissen: „Ach Kusinchen! Wie wundervoll sich das anhört! Doch ich fürchte, daß ich diese speziellen Buchstaben immer noch nicht verstehe. Bitte zeige mir, wie man ein paar davon liest.“ – „Das brauch ich dir nicht beizubringen. Wenn ich es dir einmal erkläre, verstehst du es.“ – „Doch, doch, ich bin so ein Dummkopf! Bitte hilf mir! Nimm dieses Zeichen hier – alles, was ich daraus lese, ist Haken mit groß oben drauf und fünf in der Mitte.“ Dai-yü lachte. „Das groß und neun oben bedeuten, du hältst die Saite mit dem Daumen deiner linken Hand am neunten Bund fest. Der Haken und fünf bedeuten, du hakst den Mittelfinger deiner rechten Hand vorsichtig ein und ziehst die fünfte Saite in deine Richtung. Wie du siehst, ist es nicht das, was wir ein Zeichen nennen, es ist eher eine Anhäufung von Zeichen, die dir sagen, was die nächste Note ist und wie man sie spielt. Das ist sehr leicht.