Hongloumeng/de/Chapter 92
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Kapitel 92
评女传巧姐慕贤良 / 玩母珠贾政参聚散
h konnte nicht mehr hierher kommen, um Sie zu begrüßen.“ Die Dame Wang wiederholte der Herzoginmutter Djia Dschëngs Vorschlag. Die Herzoginmutter schien sehr glücklich damit zu sein. Während sie redeten, kam Bau-yü ins Zimmer. „Hattest du schon ein Mittagessen?“, fragte seine Großmutter. „Ich war zum Essen zu Hause“, antwortete er, „und nun bin ich auf dem Weg zurück zur Schule. Ich kam vorbei, um Sie zu sehen, Großmutter, und habe auch gehört, daß Frau Hsüä hier ist und wollte sie begrüßen.“ Zu Frau Hsüä fuhr er fort: „Geht es Kusine Bau-tschai nun besser?“ Frau Hsüä lächelte, „ja, es geht ihr besser.“ Bau-yü erkannte, daß es durch seine Ankunft eine plötzliche Flaute in der Unterhaltung gab. Nachdem er ein paar Minuten bei ihnen verbracht hatte, beobachtete er auch, daß sich Frau Hsüä nicht so herzlich ihm gegenüber benahm wie sonst und dachte bei sich: „Auch wenn sie keine gute Laune hat, sehe ich darin noch keinen Grund, weshalb alle aufhören mit mir zu reden . .“ Er ging zur Schule, sehr von dem verwirrt, was passiert war. Am Abend seiner Rückkehr machte er seine üblichen Abendbesuche und machte sich auf den Weg zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Er hob den Türvorhang, ging hinein und wurde von Dsï-djüan empfangen. Als er sah, daß niemand im inneren Zimmer war, fragte er Dsï-djüan wo Dai-yü hingegangen war und ihm wurde gesagt, daß sie zur Herzoginmutter gegangen war. „Fräulein Dai-yü hörte, daß Frau Hsüä dort war“, sagte Dsï-djüan, „und wollte sie begrüßen. Sind Sie heute abend nicht dort gewesen, Herr?“ „Ja, ich komme gerade von dort, aber ich habe Fräulein Dai-yü nicht gesehen.“ „War sie nicht dort?“ „Nein. Wo könnte sie hingegangen sein?“ – „Ich bin nicht sicher.“ – Bau-yü war gerade wieder dabei aufzustehen als er die graziöse Figur von Dai-yü erblickte, die langsam mit Hsüä-yän zur Tür hereinkam. „Du bist zurück Kusine!“, rief er, indem er zur Seite ging, um sie vorzulassen und ihr dann hineinfolgte. Sie ging in das innere Zimmer. „Komm herein und setz’ dich“, sagte sie zu Bau-yü. Dsï-djüan nahm eine andere Jacke und half ihr hinein. Sie setzte sich und fragte ihn: „Hast du Frau Hsüä bei der Herzoginmutter gesehen?“ „Ja, habe ich“, antwortete Bau-yü. „Hat sie mich überhaupt erwähnt?“ „Nein, sie hat nicht nur dich nicht erwähnt, sie schien mir gegenüber auch nicht so freundlich wie sonst zu sein. Als ich nach Kusine Bau-tschai fragte, sagte sie nur wenig und lächelte. Ich hoffe, ich habe ihr nicht weh getan, als ich Bau-tschai nicht besuchen ging in den letzten Tagen.“ Dai-yü lachte kurz. „Hast du sie gesehen?“ – „Ich wußte erst nicht, daß sie krank war“, protestierte Bau-yü, „ich habe es erst vor zwei Tagen gehört und war noch immer nicht dort.“ – „Nun, das ist sicherlich der Grund...“, sagte Dai-yü.
„Die Wahrheit ist, daß weder Großmutter, Mutter noch Vater mich gehen lassen wollten, und wie hätte ich ohne ihre Erlaubnis gehen sollen? Ich durfte früher einfach so bei ihr vorbeikommen, zehnmal am Tag, wenn ich mich danach fühlte; aber nun haben sie das Seitentor geschlossen und ich muß immer durch den Vordereingang gehen, was so mühsam ist.“
Dai-yü entgegnete: „Aber woher soll sie all das wissen?“ Bau-yü sagte: „Weißt du, Bau-tschai hat sehr großes Verständnis für mich.“ – „Du solltest das nicht für selbstverständlich halten,“ entgegnete Dai-yü. „Vielleicht sieht sie dir das nicht nach. Es ist ja nicht so, als wäre ihre Mutter krank gewesen: sie war es selbst. Denk’ an all die Gedicht-Wettkämpfe, all die Freuden, die du mit ihr in der Vergangenheit geteilt hast – die Blumen, den Wein, die Partys. Jetzt ist sie von uns getrennt, und du kennst die Ärgernisse, die ihre Familie hat, doch wenn sie ernsthaft krank wird, benimmst du dich gleichgültig. Sie sollte gekränkt sein.“ Bau-yü: „Du meinst doch nicht, daß sie mich nicht mehr mag?“ Dai-yü: „Ich habe keine Ahnung. Ich kann ihre Gefühle nur mutmaßen, so wie man es vernünftigerweise erwarten würde.“ – Bau-yü starrte still vor sich hin. Dai-yü ignorierte ihn und sagte den Dienstmädchen, etwas mehr Duftstäbchen nachzulegen, nahm ein Buch heraus und begann zu lesen. Nach ein oder zwei Minuten runzelte Bau-yü die Stirn und stampfte verärgert mit dem Fuß auf den Boden. „Was ist der Grund für mich, am Leben zu sein? Die Welt wäre sauberer, wenn es mich nicht gäbe.“ – „Verstehst du nicht?“, sagte Dai-yü. „Ursprünglich gibt es das ‚Ich‘, seitdem gibt es die ‚Menschen‘. Wenn es Menschen gibt, gibt es automatisch Frustrationen, Ängste, Konfusion, dumme Träume und vielen andere Hindernisse und Mißverständnisse. Ich habe es vorhin nicht so ernst gemeint. Frau Hsüä war nur schlecht gelaunt, als du sie gesehen hast. Kein Grund für dich, an Kusine Bau-tschai zu zweifeln. Frau Hsüä kam wegen Vetter Pans Gerichtsfall. Sie war besorgt, und es ist nicht sehr verwunderlich, daß ihr nicht der Sinn danach stand, sich zu unterhalten. Du hast nur deiner Phantasie erlaubt, mit dir durchzugehen und dich in die Irre zu führen.“ Durch ihre Worte hellte sich Bau-yüs Stimmung wieder auf. „Natürlich!“, rief er lachend. „Das ist es! Du siehst so viel mehr, als ich es tue! Kein Wunder, als ich vorletztes Jahr so wütend war, da hast du mit mir ein paar Dsën-buddhistische Wörter gesprochen. Ich werde ja niemals an dich heranreichen. Wie Buddha, der aus einer Lotusblume entsprang, brauche ich deine Zauberwurzelkraft, um ein heiliges Leben zu führen.“ „In diesem Fall“, sagte Dai-yü, die ihre Gelegenheit kommen sah, „bereite dich auf eine weitere Logik-Befragung vor.“ Bau-yü kreuzte die Beine, brachte seine Handflächen zusammen, schloß seine Augen, schürzte die Lippen und sagte: „Beginne nun.“ Dai-yü: „Wähle aus folgenden sechs Möglichkeiten: 1. Kusine Bau-tschai mag dich. 2. Sie mag dich nicht. 3. Sie mochte dich vor ein paar Tagen, aber jetzt nicht mehr. 4. Sie mag dich heute, aber wird dich morgen nicht mehr mögen. 5. Du magst sie, aber sie dich nicht. 6. und letztens: Sie mag dich, aber du magst sie nicht. Denke gut über alle sechs Möglichkeiten nach.“ Für einige Minuten war Bau-yü ganz still. Dann brach er plötzlich in Lachen aus und schrie: „Wenn all die Meere des Paradieses mein wären, wäre ich mit einer einfachen Schale zufrieden.“ Dai-yü: „Was, wenn deine Schale mit der Strömung wegfließt?“ Bau-yü: „Niemals! Wo immer die Strömung fließt, wird die Schale ihren Kurs halten.“ Dai-yü: „Was, wenn die Strömung endet und deine Perle sinkt?“ Bau-yü: „Wie das Weidenkätzchen in einer Pfütze festgehalten wird, so ist der Wille Buddhas: Wie ein Vogelpärchen, das im Frühlingswind tanzt.“ Dai-yü: „Die erste Regel des Dsën heißt, du sollst nicht übertreiben.“ Bau-yü: „Aber es ist die Wahrheit, so wahr mir Buddha hilft, das Dharma und die heilige Bruderschaft.“ Dai-yü senkte still ihren Kopf. Sie hörte ein „Kräh – kräh“ draußen am Fenster und eine Krähe flog in den Himmel, Richtung Südosten. Bau-yü: „Was für ein Zeichen ist das?“ Dai-yü: „Unser Schicksal kann nicht in Vogelschreien gelesen werden.“ Bevor Bau-yü eine Antwort parat hatte, kam Tjiu-wën in das Zimmer und sagte: „Herr Bau-yü, bitte beeilt Euch! Der Herr hat jemanden in den Garten geschickt, um zu fragen, ob Ihr schon zurück von der Schule seid. Hsi-jën sagte, Ihr wäret es, also seid besser schnell!“ Bau-yü sprang auf die Füße und eilte alarmiert hinaus. Dai-yü versuchte nicht, ihn zurückzuhalten. Für den Ausgang, lese man bitte das nächste Kapitel. 92. In der Diskussion über die Geschichte starker Frauen bewundert Tchiau-djie weibliche Tugendhaftigkeit Bei einem Treffen bei Djia Dschëng spielt man mit der Mutter der Perlen.
„Warum braucht Vater mich?“, fragte Bau-yü alarmiert, als sie die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß verließen. Tjiu-wën lächelte. „Er braucht dich nicht. Hsi-jën bat mich, dich zu holen, und ich hatte Angst, du würdest nicht kommen, also habe ich mir das ausgedacht. Bau-yü war sehr erleichtert. „Ich wäre doch auch so gekommen. Es gibt wirklich keinen Grund, mich so zu erschrecken.“ Zurück im Roten Hof der Freude, wurde er von Hsi-jën ausgefragt: „Wo warst du die ganze Zeit?“ „Bei Fräulein Dai-yü. Wir haben über Frau Hsüä und Kusine Bau-tschais Krankheit geredet.“ „Worüber habt ihr gesprochen?“, fragte Hsi-jën neugierig. Bau-yü gab seinen Dsën-Dialog mit Dai-yü wieder. „Ihr zwei seid so dumm“, kommentierte Hsi-jën. „Warum könnt Ihr keine normale Unterhaltung über gewöhnliche Dinge führen oder über etwas Nettes wie Gedichte diskutieren? Warum müßt ihr über Dsën sprechen? Du bist doch kein Mönch!“ – „Das verstehst du nicht“, antwortete Bau-yü, „wir haben unsere Dsën-Geheimnisse. Kein anderer könnte an unseren Unterhaltungen teilhaben.“ – „Aber sicher doch“, gab Hsi-jën mit einem höhnischen Naserümpfen zurück. „Ihr diskutiert über Dsën bis ihr euch darüber zerstreitet und wir stehen immer noch im Dunkeln.“ – „Als ich jünger war“, sagte Bau-yü, ihre Sticheleien ignorierend, „und Dai-yü noch eher kindisch in ihrer Art war, habe ich es immer irgendwie geschafft, sie aufzuregen, weil ich das Falsche gesagt habe. Heute denke ich mehr über das nach, was ich sage und sie ist nicht mehr so schnell beleidigt. Aber trotzdem habe ich gemerkt, daß es scheint, daß wir, wenn wir uns treffen, was nicht sehr oft ist, weil sie mich selten besucht und ich viel Zeit zum Lernen brauche, uns fast irgendwie entfremdet haben.“ – „Das will ich auch hoffen“, sagte Hsi-jën, „nun, da ihr beide älter seid, müßt ihr natürlich lernen, nicht mehr kindisch zu sein.“ Bau-yü nickte nervös. „Ich weiß – laß uns jetzt nicht mehr darüber reden. Was ich wissen will ist, ob Herzoginmutter jemanden mit einer Nachricht geschickt hat?“ – „Nein.“ – „Dann hat sie das wohl vergessen!“, sagte Bau-yü. „Morgen ist der erste des elften Mondmonats, richtig? Jedes Jahr macht Großmutter eine Party und lädt die ganze Familie ein, um den Anfang der weniger kalten Jahreszeit zu feiern, wenn die Tage nach der Wintersonnenwende wieder länger werden. Ich habe sogar schon um einen freien Tag in der Schule gebeten. Was mache ich nun? Sollte ich zur Schule gehen oder nicht? Wenn ich gehe, wird mein freier Tag verschwendet. Wenn ich es nicht tue und Vater es herausfindet, wird er mich wegen Schulschwänzerei ausschimpfen.“ „Ich denke, du solltest gehen“, anwortete Hsi-jën, „du hast gerade angefangen, Fortschritte in deinen Studien zu machen und jetzt ist nicht die Zeit, daran zu denken, es schleifen zu lassen. Du solltest so hart arbeiten, wie du kannst. Erst gestern hörte ich, wie die Herzoginmutter sagte, wie gut der junge Lan mit seinen Studien vorankommt. Wenn er von der Schule kommt, setzt er sich sofort von alleine an seine Texte und Kompositionen und geht nie früher ins Bett als in den frühen Morgenstunden. Du bist sein Onkel und einige Jahre älter als er. Wenn du ihn dich überholen läßt, wird die Herzo-ginmutter sehr unerfreut sein. Also würde ich sagen, geh morgen sehr früh zur Schule.“ Schë-yüä war dennoch nicht einverstanden. „Bei diesem kaltem Wetter?“ warf sie ein. „Du hast dich ja bereits bei der Schule abgemeldet, und dann gehst du dennoch hin? Geh nur, sie werden sich wundern, weshalb du überhaupt um den freien Tag gebeten hast. Es wird aussehen, als würdest du eine Ausrede erfinden, um schulfrei zu kriegen. Ich finde, du solltest das Beste daraus machen und einen Tag ausruhen. Wenn die Herzoginmutter diese Jahr keine Wintersonnenwende feiert, können wir stattdessen immer noch eine Feier hier machen.“ – „Du fängst jetzt auch noch damit an, dann wird der Herr gar nicht mehr zur Schule gehen“, klagte Hsi-jën. „Ich glaube daran, jeden Tag so zu nehmen, wie er kommt, und Spaß zu haben, wann immer du kannst“, sagte Schë-yüä trotzig. „Ich glaube nicht daran, sich bei Menschen einzuschleimen und sich zu Tode zu schuften für einen geringen Lohn jeden Monat, wie du es tust, Hsi-jën ...“ Hsi-jën fauchte sie an: „Du kleines Luder! Eine ernsthafte Unterhaltung auf so dumme Art und Weise zu unterbrechen ...“ „Im Gegenteil, ich habe das in deinem Sinne gesagt...“, sagte Schë-yüä. „In meinem Sinne?“, fragte Hsi-jën. „Ja. Sobald der Herr, Bau-yü, zur Schule geht, wirst du wieder jammernd und klagend herumsitzen, dich danach sehnend, daß er nach Hause kommt. Wenn er da ist, lachst und sprichst du wieder. Das habe ich alles schon gesehen.“ Hsi-jën war an einem Punkt angelangt, an dem sie Schë-yüä den Kopf gewaschen hätte, als eine der Dienstmädchen der Herzoginmutter ankam und sagte: „Die Herzoginmutter sagt, Herr Bau-yü brauche morgen nicht zur Schule. Fräulein Hsüä wurde eingeladen, den Tag hier zu verbringen, und alle jungen Herinnen werden wahrscheinlich auch kommen. Fräulein Schï, Fräulein Hsing und Fräulein Li wurden alle eingeladen. Es geht darum, die ‚Wintersonnenwende‘ oder so zu feiern.“ – „Habe ich dir doch gesagt!“, rief Bau-yü freudig, bevor sie enden konnte. „Es war schon immer eine von Großmutters Lieblingsfeiern. Daß ich morgen nicht zur Schule gehe, wird jetzt endlich amtlich.“ Hsi-jën sagte nichts und das Dienstmädchen der Herzoginmutter kehrte zurück. Bau-yü hatte in den letzten Tagen so hart studiert, daß er einen Tag Pause gut gebrauchen konnte. So war er erfreut zu hören, daß Frau Hsüä kommen würde, weil Bau-tschai sicher auch mitkommen würde. „Laß uns früh zu Bett gehen“, sagte er. „Ich will morgen als erster wach sein.“ Die Nacht verging ohne besondere Begebenheiten und früh am nächsten Tag, seinem Versprechen getreu, ging Bau-yü zur Herzoginmutter, um ihr seine Aufwartung zu machen, und dann zu seinem Vater und seiner Mutter, denen er berichtete, daß „Großmutter ihm einen schulfreien Tag erlaube“. Djia Dschëng hatte keine Einwände und Bau-yü entfernte sich in seinem Beisein im Schneckentempo, als er ein paar Meter vom Studierzimmer entfernt war, rannte er los zu den Gemächern der Herzoginmutter. Die anderen Gäste waren bis jetzt noch nicht angekommen, aber er sah, daß ein paar jüngere Dienstmädchen von Hsi-fëng mit Tchiau-djie kamen, die zu ihrer Urgroßmutter ging, ihre Aufwartung machte und sagte: „Mama sagte mir, ich solle kommen und einen guten Morgen wünschen und zuerst bei dir sitzen, Urgroßmama. Sie sagt, sie würde bald hier sein.“ Die alte Frau lachte. „Gutes Kind! Hier sitze ich nun seit dem ersten Hahnenschrei, und nicht einer meiner Gäste ist aufgetaucht, außer deinem Onkel Bau-yü.“ Tchiau-djies Amme soufflierte diskret: „Sag’ guten Morgen zu deinem Onkel, Fräulein.“ Tchiau-djie tat dies, und Bau-yü erwiderte den Gruß. „Meine Mama will dich sehen, Onkel Bau-yü“, sagte Tchiau-djie. „Sie sagte das gestern.“ „Weswegen?“, fragte Bau-yü. „Sie sagte, sie möchte wissen, ob ich meine Zeichen richtig kann, die ich einige Jahre mit Amme Li gelernt habe. Ich habe ihr versichert, daß ich sie kann und wollte sie ihr vorlesen. Aber sie dachte, ich würde raten und hat mir nicht geglaubt. Sie sagte, ich hätte sie nicht lernen können, weil ich den ganzen Tag nur spiele. Aber ich glaube nicht, daß Buchstaben lernen schwer ist. Ich kann sogar den Klassiker:‚Das richtige Verhalten eines Mädchens‘ lesen, – so einfach ist das. Mama denkt, ich würde mir das ausdenken, also will sie, daß du mal darüber schaust, wenn du Zeit hast.“ Die Herzoginmuttter lachte. „Liebes Kind! Deine Mutter kann kein Wort lesen, deswegen konnte sie dir nicht sagen, ob du betrogen hast oder nicht. Morgen wird Onkel Bau-yü mit dir darüber lesen, und sie kann zuhören. Dann muß sie dir glauben.“ „Wieviele Zeichen kennst du denn jetzt?“, fragte Bau-yü. „Über dreitausend“, antwortete Tchiau-djie. Ich habe ja das Buch Das richtige Verhalten eines Mädchens, seit zwei Wochen lese ich Liu Hsiangs Geschichte der starken Frauen.“ – „Verstehst du das überhaupt?“, fragte Bau-yü. „Wenn da irgendetwas ist, daß du nicht verstehst, mußt du mir das sagen, und ich werde versuchen, dir das zu erklären.“ „Was für eine gute Idee“, meinte die Herzoginmuttter. „Als ihr Onkel solltest du ihr bei ihren Studien helfen.“ Bau-yü räusperte sich. „Laß uns das überspringen“, begann er, „solches Haushaltswesen mit Bezeichnungen wie ‚die ehrbare Königin‘ und die ‚Gemahlin eines guten Königs Wën‘, und gehen gleich zu zwei anderen Modellen mit königlichen Themen: Der König Dschou Hsüän vernachlässigte seine Regierungsgeschäfte. Seine Frau Jiang-hou nahm all ihren Schmuck ab und machte gemeinsame Sache mit den weiblichen Gefangenen, um ihren Gemahl zu rügen. König Dschou Hsüän war so beeindruckt davon, daß er seine Regierungsführung verbesserte. Die Dame Wu-yän zeichnete sich nicht durch Schönheit aus, aber sicherte durch ihre ernsthaften Anstrengungen die Grenzen des Königreichs Tchi.“ – „Ja“, sagte Tchiau-djie, und Bau-yü fuhr fort: „Weitere talentierte Frauen waren Tsau Da-gu, die Damen-Historikerin Ban Dschau, die belesene Konkubine des Herrschers Tscheng-di von Han Ban Djie-yü und die zwei Dichterinnen Tsai Wën-dji und Hsie Dau-yün. Für Tugend stehen die Frauen Meng Guang, die Ehefrau, die eine hölzerne Haar-spange und Wollröcke trug; wir haben Bau Hsüäns Ehefrau, die ihr eigenes Wasser im festlichen Gewand vom Brunnen holte; Tau Kans Mutter, die ihr Haare abschnitt und verkaufte, um Gäste zu bewirten. Ihre Tugend lag darin, Armut zu akzeptieren. Dann haben wir die berühmten Fälle der durchgehal-tenen Mühsal: Prinzessin Le-tschang, die nach einer schlimmen Trennung wieder mit ihrem Ehemann vereinigt wurde, durch die Strategie des zerbro-chenen Spiegels; und Su Hui, die ein langes gerolltes Seidenbild für ihren Ehemann stickte, und es ihm in die Öde des Tartarenlandes in die Verbannung schickte. Dann kommt der Respekt gegenüber den Eltern: Mu Lan zog anstelle ihres Vaters in den Krieg, Tsau Ë warf sich selbst in den Fluß nach einer ergebnislosen Suche nach der Leiche ihres Vaters – und es gibt viele andere daneben, aber die möchte ich hier nicht erzählen. In der Wei-Dynastie schnitt die Dame Tsau Schï nach dem Tod ihres Ehemannes ihre Nase ab, um weitere Verehrer zu verschrecken. Es gibt noch andere Geschichten über tugendhafte Witwen. Dann haben wir natürlich noch berühmte Schönheiten, romantische Damen, wie Wang Dschau-djün, Hsi-zi, Kirschlippe, Wespen-taille, Blutrote Fee, Dschuo Wën-djün, roter Staubwedel – all diese waren ...“ „Genug!“, unterbrach die Herzoginmutter, „nichts mehr! Du hast den Kopf des armen Kindes überfüllt. Wie könnte sie sich nur all diese Namen merken?“ „Einige der Namen, die Onkel Bau-yü erwähnte, habe ich wiedererkannt“, sagte Tchiau-djie, „und seine Erklärung hat mir geholfen, die noch besser zu verstehen, die ich kenne.“ „Diese Schriftzeichen kennst du natürlich schon und brauchst du nicht noch einmal lernen. Morgen muß ich auch noch in die Schule.“ „Mama sagte, daß unsere Hsiau-hung eine von deinen Dienstmädchen war“, sagte Tchiau-djie auf einmal. „Und sie sagt, sie hätte immer noch keine gefunden, die sie ersetzen könnte. Sie denkt darüber nach, dir Frau Lius fünfte Tochter als Ersatz zu geben, falls du damit glücklich bist ...“ Bau-yü war erfreut, das zu hören und sagte mit einem Lächeln: „Deine Mutter muß mich nicht wegen dieser Dinge fragen. Sie trifft alle Entscheidungen.“ Er wendete sich mit einem Lächeln an seine Großmutter: „Meine kleine Kusine sieht zwar noch sehr jung aus, aber sie ist ein besonders intelligentes Kind. Sie wird später noch besser werden als Schwester Hsi-fëng, sie kann ja auch lesen“ „Ich habe keine Einwände dagegen, daß Mädchen lesen lernen,“ kom-mentierte die Herzoginmutter. „Aber Näharbeit muß immer zuerst kommen.“ „Die Amme Liu bringt mir das Sticken bei“, sagte Tchiau-djie, „Ich kann Blumen und Reihenmuster. Ich bin noch nicht gut, aber ich lerne.“ – „In einer Familie wie unserer“, sagte ihre Urgroßmutter, „brauchen wir nie selbst nähen, ich weiß. Aber es ist gut zu wissen, wie es geht. Dann bist du nicht von anderen abhängig.“ – „Ja, Urgroßmama,“ antwortet Tchiau-djie lächelnd. Sie hätte gerne einige tugendhafte Frauen mehr kennengelernt, aber sie dachte, daß Bau-yü ein bißchen beschäftigt aussah und riskierte nicht zu fragen. Was beschäftigte Bau-yü? Die Antwort liegt darin, daß Tchiau-djie erwähnt hatte, daß die fünfte Tochter der Familie Liu, Wu Er, in den Roten Hof der Freude kommen würde. Das attraktive Mädchen hätte eigentlich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß kommen sollen, aber ein Hindernis nach dem anderen hatte sie soweit abgehalten, dort ihre Dienste anzubieten. Erst war es Krankheit; beim zweiten Mal hatte die Dame Wang Tjing-wën aufgrund ihrer Schönheit verstoßen. Wegen der Schönheit wagte sie nicht, noch ein gut au-sehendes Mädchen für Bau-yü auszusuchen. Eine Gelegenheit sie zu sehen, hatte sich ergeben, als sie und ihre Mutter mit Geschenken herkamen, während seines geheimen Besuches bei Tjing-wën im Haus ihres Großonkels Wu Guee – und der frühere gute Eindruck bei ihm wurde bestätigt. Sie war wirklich überaus hübsch. Was für ein großes Glück, daß Hsi-fëng sich gerade jetzt an sie erinnerte und für sie arrangierte, Hsiau-hungs Platz einzunehmen! Während Bau-yü tagträumte, wurde die Herzoginmutter immer ungeduldiger wegen der Verspätung ihrer Gäste und schickte Dienstmädchen hin, um sie zu holen. Ein paar Minuten später traf die erste Gruppe ein: Li Wan und ihre zwei Vettern Wën und Qi, Tan-tschun, Hsi-tschun, Schï Hsiang-yün und Lin Dai-yü. Sie alle machten der Herzoginmutter ihre Aufwartung und begrüßten sich auch gegenseitig. Die Dame Hsüä kam noch immer nicht, und die Herzoginmutter schickte nach ihr. Endlich kam sie an, von Bau-tjin begleitet. Bau-yü grüßte sie und wunderte sich, warum weder Bau-tschai noch Hsing Hsiu-yän gekommen waren. Als Dai-yü geradeheraus fragte: „Warum konnte Kusine Bau-tschai heute nicht kommen?“, tat Frau Hsüä, als fühle sie sich nicht wohl. Hsiu-yän war weggeblieben, weil sie wußte, daß Frau Hsüä (ihr zukünftige Schwiegermutter) da sein würde. Bau-tschais Abwesenheit führte zu einer kurzen Enttäuschung bei Bau-yü, was jedoch schnell durch die Anwesenheit von Dai-yü verging. Die Damen Hsing und Wang trafen kurze Zeit später ein. Hsi-fëng hörte, daß die anderen vor ihr dort waren. Peinlich berührt von dem Gedanken, zu spät zu sein, schickte sie Ping voraus, um sich für sie zu entschuldigen. „Fräulein Liän wollte kommen, aber sie hat ein wenig Fieber und wird erst später kommen“, sagte Ping. „Wenn sie sich nicht gut fühlt, braucht sie überhaupt nicht zu kommen“, sagte die Herzoginmutter, „wir sollten unser Mittagessen nun beginnen.“ Die Dienstmädchen stellten den Duftofen in das hintere Zimmer und zwei Tische vor das Sofa der Herzoginmutter, worauf die Gesellschaft selbst sich auf das Mittagessen einstellte. Nach dem Essen saßen sie wieder um den Ofen, redeten freundlich miteinander, und da müssen wir sie zunächst verlas-sen.
Was hinderte Hsi-fëng wirklich? Es war erst nicht mehr als Scham darüber, später als die anderen Damen Hsing und Wang zu sein. Aber das hatte sich weiter verkompliziert, als Wang Örls Ehefrau kam, die sie darüber informierte, daß eine von Ying-tschuns Dienstmädchen ihr ihre Aufwartung machen wollte. Die Frauen kamen direkt zu Hsi-fëngs Gemächern und benachrichtigten nicht das Haupthaus von ihrer Anwesenheit. Hsi-fëng war verblüfft und rief sie in das Zimmer.
„Geht es deiner Herrin gut?“, fragte sie. „Alles andere als gut“, antwortete die Frau, „aber deswegen bin ich nicht hier, Herrin. Es war eigentlich Sï-tjis Mutter, die mich anbettelte, hierher zu kommen und Sie um einen Gefallen zu bitten.“ „Aber Sï-tji wurde entlassen“, sagte Hsi-fëng. „Was haben ihre Angelegenheiten jetzt mit mir zu tun?“ „Das ist eine lange Geschichte, Herrin. Von dem Tag an, als sie entlassen wurde, hat Sï-tji nichts anderes getan, als sich ihre Augen auszuweinen. Dann ist eines Tages ihr Vetter, ihr Freund Pan You-an, wieder aufgetaucht. Ihre Mutter war schrecklich gemein zu ihm, als sie ihn sah und beschimpfte ihn damit, er wäre der Ruin seiner Tochter gewesen. Sie packte ihn und versuchte ihn zu schlagen, während er ganz zahm und mild dastand und kein Wort sagte. Sï-tji hörte, was vor sich ging, kam herausgelaufen und rief aufsässig: ‚Seinetwegen wurde ich entlassen – mußt mich daran erinnern! Ich weiß, daß er falsch gehandelt hat! Aber nun, da er zurückgekommen ist, warum sollte ich ihn schlagen? Da könntest du genausogut mich stattdessen würgen ...‘ – ‚Du ruchlose Dirne!‘ schrie die Mutter, ‚was willst du denn dann?’ – ‚Ein Mädchen kann nur einmal heiraten,‘ antwortete Sï-tji trotzig. ‚Es war mein Fehler, als ich ihm erlaubt habe, mich zu nehmen und richtig oder falsch, ich gehöre jetzt zu ihm, und kein anderer soll mich haben. Wenn er doch damals nur etwas mehr Mut gezeigt hätte und mir beigestanden hätte, anstatt wegzulaufen! Aber jetzt würde ich auf ihn warten, auch wenn ich warten würde, bis ich tot bin. Ich wäre lieber tot, als zuzulassen, daß du mich mit jemandem anderen verheiratest. Nun, da er hier ist, Frag’ ihn, ob er mich zur Frau nimmt. Wenn er mich immer noch will, werde ich mich von dir verabschieden und du kannst vergessen, daß ich jemals existierte. Ich folge ihm bis an das Ende der Welt. Ich werde auf der Straße betteln, wenn ich müßte!‘ Das versetzte ihre Mutter in schreckliche Wut. Weinend und fluchend schrie sie: ‚Du bist meine Tochter und wenn ich sage, daß du ihn nicht heiraten sollst, dann tust du das auch nicht. Soviel dazu!‘ Aber Sï-tji war eine starrköpfige Kreatur. Sobald ihre Mutter das gesagt hatte, lief sie gegen die Wand und knallte ihren Kopf dagegen. Sie spaltete ihren Schädel, das Blut kam herausgeflossen und im nächsten Moment war sie tot! Ihre Mutter begann zu heulen, aber es war zu spät. Dann fing sie an, den jungen Mann anzuschreien, daß er dafür mit seinem Leben bezahlen müsse. Er antwortete – und das ist der verrückteste Teil der Geschichte – ‚Keine Sorge. Ich bin nun ein reicher Mann. Ich habe deine Tochter nie vergessen und kam heute zurück, um sie zu finden. Ich war immer ehrlich zu ihr. Um zu zeigen, daß ich nicht lüge ...‘ Als er das sagte, holte er eine Schatulle aus seiner Kleidung, voller Gold und Edelsteine. Ein Blick auf diese, und Sï-tjis Mutter änderte ihren Ton. ‚Warum, warum hast du das nicht früher gesagt?‘ fragte sie. ‚Ich kenne die Art der Frauen,‘ antwortete er, ‚wie leicht sie von Reichtum beeinflußt werden. Nun weiß ich wenigstens sicher, daß sie ein besonderes Mädchen war. Diese gehören dir,‘ fügte er hinzu, und gab ihr die Schatulle. ‚Ich werde nun den Sarg kaufen und zusehen, daß sie würdig beerdigt wird.‘ Die Mutter nahm die Schatulle und ließ ihren Neffen das Begräbins arrangieren. Sie schien Sï-tji vergessen zu haben. Als sie zurückkam, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß die Bestatter, die er einbestellt hatte, zwei Särge trugen. Sie fragte ihn, wozu er zwei Särge bräuchte, und er antwortete mit einem merkwürdigen Lachen, daß einer nicht genug wäre. Er zeigte kein Anzeichen von Trauer, und die Mutter dachte, daß er durch den Schock des Kummers einen seelischen Schaden davon getragen habe. Für eine Weile war die Mutter beschäftigt, Sï-tjis Leichnam vorzubereiten, mit trockenen Augen und still, als er plötzlich, bevor alle verstanden, was vor sich ging, ein Messer herausholte und seinen Hals aufschlitzte, und das war sein Ende. Die Mutter merkte zu spät, was für eine schreckliche Tat sie begangen hatte und brach in Tränen aus. Die ganze Nachbarschaft erfuhr davon, und sie wollte den Fall
Sï-tji. Aus: Gai Qi 1879. dem Magistrat berichten. In ihrem Elend bettelte sie bei mir darum, Euch zu bitten, Euren Einfluß zu nutzen und ihr zu helfen, Herrin.“ „Was für ein dummes Mädchen!“, rief Hsi-fëng. „Das Schicksal hat hier zwei Ausgeburten an Dummheit zusammengeführt! Jetzt verstehe ich auch den ruhigen Blick der Gleichgültigkeit auf ihrem Gesicht, als sie dabei erwischt wurde, wie sie den Garten durchsuchte. Welch eine entschlossene, junge Frau sie in ihrem Herzen gewesen sein muß! Ich habe wirklich nicht die Zeit, mich um solche Sachen zu kümmern, aber Eure Geschichte hat mein Herz berührt! Sag’ ihrer Mutter, daß ich mit Eurem Herrn sprechen werde und schicke mir Wang Örl her, um die Sache für sie zu erledigen.“ Hsi-fëng schickte die Frau los und sie selbst ging zur großen Zusammenkunft bei der Herzoginmutter. Eines Tages, Djia Dschëng war in eine Partie Go mit Dschan Guang vertieft. Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel und der Ausgang hing an einem Knoten, welcher sich in einer Ecke des Brettes befand. Während sie spielten, kam ein Page vom Tor herein, der berichtete, daß Herr Fëng Dsï-ying angekommen sei und draußen auf Fürst Dschëng warte. „Bring ihn herein,“ befahl Djia Dschëng. Der Page tat, wie ihm befohlen und Herr Feng kam herein, nahm im Studierzimmer Platz und sah, daß Go gespielt wurde. „Bitte macht weiter mit eurem Spiel“, sagte er. „ Ich würde sehr gerne zuschauen.“ „Mein schlechtes Spiel ist wohl kaum das Zuschauen wert, für einen solch angesehenen Beobachter“, protestierte Dschan Guang lächelnd. „Du bist zu bescheiden“, sagte Feng. „Macht bitte weiter.“ – „Was bringt dich heute hierher?“, fragte Djia Dschëng. - „Oh, nichts Wichtiges“, antwortete Feng. „Macht weiter. Ich werde davon profitieren, euch beim Spielen zuzuschauen.“ - Djia Dschëng wandte sich wieder seinem Spielpartner zu. „Da Feng ein alter Freund ist und nicht wegen eines wichtigen Geschäfts hier ist, können wir genausogut diese Runde zu Ende spielen, wir können ja danach reden.“ Herr Feng beobachtete das Spiel von der Seite und fragte: „Spielt ihr um Einsätze?“ „Ja, tun wir“, antwortete Dschan Guang. „Wenn es um Geld geht, darf man dabei nicht viel reden!“ „Mein Freund Zhan hat ja schon so viel Silber verloren, er hat ja kaum noch Geld und kann schon nicht mehr bezahlen, wir können ihn nur noch damit bestrafen, daß er eine Runde ausgibt.“ – „Eine großartige Idee“, sagte Dschan mit einem Lachen. „Sind du und dein Freund Dschan gleichgestellt, Herr?“, fragte Feng. Djia Dschëng lachte. „Früher ja, aber er verlor immer, also begann ich heute mit zwei Steinen weniger. Er verliert trotzdem. Wieviel Mal soll ich ihm diesen Vorteil noch lassen? Wenn ich ihm diesen Vorteil nicht lasse, wird er verärgert.“ Dschan lachte. „Ihr scherzt, Herr Dschëng...“ „Gut, wir werden sehen ...“ In diesem Ton der Neckereien, spielten sie weiter. Als das Spiel beendet war, zählten sie die Steine, Dschan hatte mit sieben verloren. „Es hängt alles vom letzten Knoten ab“, kommentierte Feng, „der Herr Dschan hat verloren, weil er weniger Knoten hatte.“ Djia Dschëng wendete sich an Feng. „Ja, ja, ich bin schuld. Laß uns doch uns unterhalten.“ – „Es ist lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte Feng. „Mein Besuch heute ist zuerst, um Ihnen meine Aufwartung zu machen, zum zweiten durch den Besuch bei mir in der Hauptstadt eines Bekannten aus Guang-hsi, der hier ist, um eine Audienz bei Ihrer Majestät zu erbitten. Er hat vier ausländische Kleinodien dabei, manche importiert, die er nicht braucht und die exzellente Palastgeschenke abgeben würden. Das erste ist ein Wandschirm aus vierundzwanzig Flächen, aus reinem indischen Sandelholz geschnitten. Obwohl der Stein, der für die gemeißelte Einlage – Landschaften, Figuren, Gebäude, Vögel und Blumen – nicht Jade ist, ist seine Qualität doch so wie Jade. Eine der Flächen zeigt eine Palastszene, mit fünfzig oder sechzig Palastdamen. Sie heißt „Frühlingsmorgen im Han Palast“. Die Züge, Gesten und Kostüme sind klar und detailliert dargestellt. Die Ausführung ist sehr exquisit, Details und Komposition von höchster Ordnung. Es wäre perfekt für die Haupthalle des Gartens des Großen Anblicks, mein Herr. Das zweite Stück ist eine große Wanduhr, über ein Meter hoch. Das ist ein sehr ungewöhnliches Stück. Es hat die kleine Figur eines Jungen auf dem Ziffernblatt, der mit einem Zeiger die Stunde anzeigt, und innen gibt es Figuren, die die Stunden schlagen. Diese zwei schweren Stücke konnte ich nicht mitbringen. Ich habe jedoch die beiden anderen mitgebracht, von denen ich denke, daß Sie sie sehr faszinierend fänden.“ Feng holte eine bestickte Schatulle hervor, die in verschiedene Lagen Damask-Seide eingewickelt war. Er packte sie aus, öffnete den Deckel, nahm den Schutz aus Seidenwolle darunter heraus und zeigte ihren Inhalt. In der oberen Lade der Schatulle lag ein kleiner Glaskasten mit einem aufgesteckten Deckel. In diesem Kasten, auf einem Stück dunkelroter Seide, das den inneren Kasten golden einfaßte, lag eine wunderschöne, glänzende Perle, so groß wir eine Drachenaugenfrucht. „Diese“, erklärte Feng, „ist bekannt als die Mutter der Perlen.“ Er fragte nach einem Tablett; Dschang Guang gab ihm ein Tee-Tablett mit schwarzem Lack und fragte: „Was willst du damit?“ – „Perfekt“, antwortete Feng und nahm aus der inneren Tasche seines Gewands ein weißes Seidenbündel heraus. Auch dieses beinhaltete Perlen, von normaler Größe, die er auf das Tablett schüttete. Er setzte dann die Mutter der Perlen in die Mitte und stellte das Tablett auf den Tisch. Wie viele perfekte Tropfen Wasser rollten die kleineren Perlen über das Tablett zu der großen Perle in der Mitte. Und als Feng die „Mutter“ anhob, steckten all die kleinen an ihr. Nicht eine einzige blieb auf dem Tablett zurück. „Erstaunlich!“, rief Dschan Guang. „Ein interessantes Phänomen,“ beobachtete Djia Dschëng, „und sehr sachangemessen bezeichnet.“ – „Wo ist die andere Schatulle?“, fragte Feng und wendete sich an seinen Pagen, der sofort mit einer Schatulle aus Rosenholz nach vorne kam, die er mit beiden Hände hochhielt. Alle schauten, als sie geöffnet wurde. Auf der Fütterung aus Tiger-Brokat lag etwas Langes aus blauem, mullartigem Gewebe, viele Male gefaltet. „Und was ist das?“, fragte Dschan Guang. „Das“, antwortete Feng, „nennt man Haifischseidenvorhang.“„ Er nahm es aus der Schatulle und legte es auf den Tisch. So wie es gefaltet war, war es nicht länger als anderthalb Handbreit und ungefähr einen Zentimeter breit. Feng begann es zu entfalten. Als etwa die zehnte Lage aufgefaltet hatte, war der Tisch schon nicht mehr groß genug. „Und es gibt noch zwei Lagen“, erklärte er. „Um es zu seiner ganzen Größe zu entfalten, müßten wir zum Tisch in der Haupthalle gehen. Der Stoff ist aus Haifischseide gewebt. In extremer Hitze ist es ein perfektes Fliegen- und Moskitonetz für die Benutzung in einer großen Halle. Wie Sie sehen können, ist es sehr leicht und transparent.“ „Bitte, entfaltet es nicht ganz“, sagte Djia Dschëng, „es wäre vielleicht schwer, es wieder zusammenzufalten.“ Feng und Dschan Guang falteten das Netz vorsichtig wieder zusammen und steckten es in die Schatulle. „Der Preis für diese vier ausländischen Kuriositäten ist wirklich sehr angemessen“, sagte Feng. „Ich denke, er wäre bereit, sich von diesen vier für zwanzigtausend Tael Silber zu trennen. Zehntausend für die Mutter der Per-
Aus: Jinyuyuan 1889b. len, fünftausend für das Haifischseidennetz und zweitausendfünfhundert für den Wandschirm und die Uhr.“ „Wir könnten sie unmöglich kaufen, befürchte ich“, sagte Djia Dschëng. „Aber du hast doch gute Beziehungen zum Palast“, sagte Feng, „Hätte man dort nicht Verwendung dafür?“ „Ich würde sagen, viele dort hätten Verwendung dafür“, antwortete Djia Dschëng. „Nur das Geld dafür gibt es nicht. Ich würde sie später gerne Mutter zeigen.“ – „Sehr gut“, sagte Feng. Djia Dschëng schickte einen Pagen, um Djia Liän diese beiden Dinge zur Herzoginmutter zu bringen. Er ging also einen Diener zu schicken, um die Damen Hsing und Wang sowie Hsi-fëng einzuladen herüberzukommen und diese sich anzusehen. „Da sind noch zwei andere Stücke,“ Djia Liän erklärte den Damen. „Eine faltbare Wand und eine musikalische Uhr. Das Ganze ist zwanzigtausend Taels wert.“ „Was!“, sagte Hsi-fëng scharf, „ich versichere dir, daß das feine Stücke sind. Aber wir haben definitiv nicht das Geld für so etwas übrig. Außerdem sind wir nicht wie irgendwelche Vizekönige oder Provinzgouverneure, von denen solche Angebote erwartet werden. Nein, schon seit Jahren habe ich überlegt, daß es für Familien wie uns der beste Weg, um die finanzielle Zukunft zu sichern, ist, in Grundbesitz zu investieren. Das ist entweder ist ein Baugrundstück, ein Ernteland, und dann baut man Häuser. Wenn es unsere Nachkommen einmal keine Karriere machen, kann man darauf zurückgreifen, als Versicherung gegen den Ruin. Obwohl ich nicht weiß, was Großmutter, meine Eltern und die Damen darüber denken. Natürlich ist es ganz ihre Entscheidung, wenn Herr Dschëng und die Herzoginmutter diese Dinge kaufen möchten.“ Die Herzoginmutter sagte zu allen: „Da hast du wirklich recht, meine Liebe.“ „Dann geben wir sie zurück“, sagte Djia Liän brummig. „Herr Dschëng hat mich nur geschickt, um sie Großmutter als mögliches Palastgeschenk zu zeigen. Niemand sagte etwas, darüber, sie selbst zu kaufen. Noch bevor die Herzoginmutter etwas gesagt hatte, kamst du mit deinem pessimistischen Einwurf, damit niemand mehr Lust darauf hat!“ Djia Liän kehrte zum Studierzimmer mit den Kuriositäten zurück und berichtete, daß die Herzoginmutter sie nicht zu kaufen wünsche. „Niemand zweifelt an ihrer Qualität“, sagte er zu Fëng Dsï-ying, „aber wir können sie uns einfach nicht leisten. Ich werde meine Augen trotzdem offenhalten und, wenn ich auf einen eventuellen Käufer stoße, werde ich es dich wissen lassen.“ Feng packte sie wieder weg, offensichtlich enttäuscht. Er saß und unterhielt sich noch eine Weile, aber ohne großen Enthusiasmus und machte bald Anzeichen zu gehen. „Bleibst du nicht zum Essen?“, fragte Djia Dschëng. „Ich habe bereits zuviel Ihrer Zeit in Anspruch genommen.“ – „Überhaupt nicht. Wir wären sehr erfreut.“ Als sie sprachen, wurde Djia Schë angekündigt. Er war bereits im Raum und, nachdem er Feng begrüßt hatte, unterhielt er sich noch ein paar Minuten mit ihm. Nun wurde Wein serviert und verschiedene Delikatessen auf dem Tisch plaziert. Nach der vierten oder fünften Runde Wein, kam das Thema wieder auf die Kleinodien zu sprechen. „Eigentlich ist es eher schwer, Sachen wie diese zu verkaufen,“ beichtete Feng. „Der Markt beschränkt sich auf wenige illustre Familien, wie die Eure.“ „Ach, komm schon, ich bin sicher, du wirst jemanden finden,“ tröstete ihn Djia Dschëng. „Außerdem,“ merkte Djia Schë in einem etwas gefühlvolleren Ton an, „sind wir nicht mehr so wie früher. Wir sind jetzt nur noch eine hohle Fassade.“ „Wie geht es übrigens Herrn Dschën drüben am Ning-guo-Anwesen?“, fragte Feng. „Ich sah ihn neulich und im Laufe der Unterhaltung erwähnte er die neue Frau seines Sohnes. Sie sei nicht mit der früheren zu vergleichen. Aus welcher Familie ist sie denn nun? Ich habe noch nie nach ihrem Namen gefragt.“ „Sie ist die Tochter des Vorstehers Hu, dessen Familie seit langem hier ortsansäßig ist. Ihr Vater war Vorsteher einer der fünfzehn hauptstädtischen Bezirke,“ unterrichtete Djia Dschëng ihn. „Oh, ich kenne Vorsteher Hu...“, sagte Feng. „Aber seine Erziehung zuhause ist nicht gut. Trotzdem, die Hauptsache ist, daß das Mädchen sich gut einfindet.“ „Ich hörte von jemandem am Großen Sekretariat, daß Djia Yü-tsun wieder befördert wurde,“ warf Djia Liän ein. „Wirklich? Ich bin froh, das zu hören“, sagte Djia Dschëng. „Ist das schon amtlich?“ „Sehr wahrscheinlich“, sagte Djia Liän: „Ja, ich hörte selbst dasselbe als ich heute im Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten war“, sagte Feng. „Liege ich richtig damit, wenn ich denke, daß er aus Eurer Familie kommt, Herr?“ „So ist es“, antwortete Djia Dschëng. „Ist er ein naher oder weiter Verwandter?“ – „Das ist eine lange Geschichte“, sagte Djia Dschëng. „Er kommt ursprünglich aus Hudschou in Dschedjiang. Er verließ seine Heimat und kam nach Sud-schou, dort kam er nicht recht voran, bis er sich mit Dschën Schï-yin befreundete, der ihn förderte. Yü-tsun bestand die Palastprüfung mit Bravour und wurde Magistrat in einer der Provinzen. Er heiratete ein Dienstmädchen seines Gönners; sie ist nun, glaube ich, seine Hauptfrau. Der alte Dschën verarmte und verschwand am Ende spurlos.“ „Wir haben Yü-tsun erst kennengelernt,“ fuhr Djia Dschëng fort, „als mein Schwager, Lin Ju-hai, der zu der Zeit Salzkommissar in Yangdschou war, als Privatlehrer für seine Tochter, meine Nichte engagiert hat – das war nach seiner Entlassung. Dann erfuhr Yü-tsun von seiner Rehabilitation und dem erneuten Ruf in die Hauptstadt. Meine Nichte – Ju-hais Tochter – war, wie es so passiert, gerade dabei zu kommen und uns hier zu besuchen, also überredete ihr Vater ihren Privatlehrer, als Begleiter mit ihr zu reisen. Er schickte mir auch ein Empfehlungsschreiben, in welchem er mich darum bat, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Ich habe einen guten Eindruck von ihm bekommen, und von da an haben wir uns sehr oft gesehen. Eine Sache, die ich sehr außergewöhnlich an Yü-tsun finde: er weiß über unsere Familiengeschichte Bescheid.