Hongloumeng/de/Chapter 96

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Kapitel 96

瞒消息凤姐设奇谋 / 泄机关颦儿迷本性

und ohne lange darauf zu schauen, ließ er ihn auf den Boden fallen. „Na, versuch’ mich für dumm zu verkaufen!“, sagte er und lächelte kalt. Hsi-fëng hob ihn sofort auf. „Das ist merkwürdig“, sagte sie. „Wie kannst du das sagen, ohne einen Blick darauf zu werfen?“ Bau-yü lächelte nur wieder. Die Dame Wang war mittlerweile gekommen und beobachtete, was passierte. „Das ist nur natürlich“, kommentierte sie. „Der seltsame Jadestein kam mit ihm auf die Welt, es ist sein eigener. Er wüßte in jedem Fall, ob dies der echte ist oder nicht. Jemand muß den Belohnungsaushang gelesen haben und ihn gefälscht haben. Die Wahrheit dämmerte ihnen allen. Djia Liän, der alles vom äußeren Zimmer hörte, sagte sofort: „Wenn er falsch ist. Dann gib ihn mir! Ich werde ihn zusammen mit dem Betrüger hinauswerfen! Wie kann er es wagen, uns in einer so ernsten Angelegenheit einen Streich zu spielen!“ – „Nicht, Liän!“, rief die Herzoginmutter, „gib ihn ihm zurück und sag’ ihm, er soll gehen. Ohne Zweifel war er hoffnungslos verarmt, und als er den Aushang las, hat er einen Weg gesehen, etwas Geld zu machen. Das ist verständlich. Nun ist er aufgeflogen, und was immer es ihn gekostet hat, das Ding zu machen, wurde auch verschwendet. Sei nicht zu hart zu ihm. Gib ihm den Jadestein zurück und sag’ einfach, es wäre nicht der unsere, und daß es ein Mißverständnis gab. Gib ihm ein paar Taels aus Silber. Wenn die Leute hören, daß er gut behandelt wurde, wird es jemanden mit einer echten Information ermutigen, sich zu melden. Wenn wir ihn so hart behandeln, wird ihn keiner zurückbringen, auch wenn er ihn gefunden hat.“ Djia Liän tat, worum er gebeten worden war. Der Betrüger hatte im Studierzimmer gewartet, und als die Zeit verging und keiner zurückkehrte, hatte er bereits begonnen, seine Nerven zu verlieren. Nun sah er die zornige Gesicht von Djia Liän, wie er sich dem Zimmer näherte. Den Ausgang für das folgende Gespräch lese man bitte im nächsten Kapitel.

Aus: Jinyuyuan 1889a. 96. Hsi-fëng ersinnt einen ausgeklügelten Täuschungsversuch Die Aufdeckung eines Geheimnisses führt zu geistiger Verwirrung.

Djia Liän trug den falschen Jadestein in der Hand, und ging zurück ins Studierzimmer. Als der Betrüger den finsteren Blick Djia Liäns sah, fühlte er sich schwach, stand gleich auf und lief ihm entgegen. Er erhob sich nervös, um ihm entgegenzukommen, aber bevor er ein Wort sagen konnte, warf ihm Djia Liän ein kaltes Lachen zu und stellte ihn mit den Worten ruhig: „Du unverschämter Narr! Was glaubst du, wo du bist? Wie kannst du es wagen, derartige Spielchen mit uns zu spielen?“ Er drehte sich um und verlangte nach seinen Dienstboten. Die Auf­for­de­rung erschallte draußen wie ein Donnerschlag, und etliche Dienstboten ant­wor­teten gleichzeitig und zeigten ihre Präsenz. „Holt ein Seil und bindet diesen Burschen fest!“ befahl Djia Liän. „Wenn der Herr wiederkehrt, muß ich ihn über den Grund aufklären und ihn nach Yamen schicken.“ – „Jawohl, Herr!“, riefen die Dienstboten im Chor. Aber keiner von ihnen bewegte auch nur einen Muskel. Der Betrüger wurde zunächst durch den Schrecken bewegungsunfähig. Djia Liäns Einschüchterung und die Aussicht, vor Gericht gestellt zu werden, bewegten ihn schließlich zum Handeln. Er kniete nieder und verbeugte sich verzweifelt vor Djia Liän und begann, darauf loszureden: „Mein Herr! Seien Sie mir nicht böse! Die nackte Armut trieb mich dazu! Ich weiß, daß es eine beschämende Sache war. Ich mußte mir für die Durchführung Geld borgen, aber behalten Sie den Stein bitte und geben Sie ihn mit meinen untertänigsten Grüßen dem jungen Herrn zum Spielen!“ Wiederholtes Kopfnicken folgte. Djia Liän fauchte verächtlich und spuckte aus. „Du weißt ja nicht mal, ob du leben oder sterben sollst. Wir wollen deinen Krempel nicht!“ In diesem Moment betrat Lai Da künstlich lachend den Raum. „Ärger’ dich nicht unnötig wegen dieser Kreatur, mein Herr.“ in­ter­ve­nier­te er mit einem beschwichtigenden Lächeln, „erspar ihm das Ganze und schmeiß ihn raus.“ – „Warum sollte ich? Dieser Wurm.“ Während Djia Liän und Lai Da die Diskussion über das Schicksal des armen Mannes fortführten, standen die Diener am Türeingang und boten ihm ihren Ratschlag an: „Mach’ schon, du großer Dummkopf! Verbeug dich vor Herrn Liän und Herrn Lai, und lauf weg! Worauf wartest du noch! Auf einen Tritt in deinen Magen?“ Der Mann ging wie ein Blitz nach unten, verbeugte sich vor Djia Liän und Lai Da, legte seine Hände auf seinen Hinterkopf und flüchtete wie eine Ratte. Dieser Vorfall wurde in der Umgebung als ‚die Angelegenheit von Herrn Djia Bau-yü und die Fälschung (djia) der kostbaren Jade (bau yü)‘ bekannt. Als Djia Dschëng am selben Tag von einem Besuch nach Hause zurückkam, erzählte ihm niemand, was in seiner Abwesenheit geschehen war. Sie dachten, daß es beim Aufkommen des Laternenfestes falsch wäre, ihn mit etwas zu verärgern, das schon vorbei und geklärt war. Wegen Yüän-tschuns Tod und ihrer Sorge wegen Bau-yüs Krankheit war die Familie äußerst bedrückt und gedanklich alles andere als bei der Feier des Neuen Jahres, welches nicht mehr als ein oberflächlicher Brauch mit Bankett war und der ohne nennenswerte Ereignisse verstrich. Am siebzehnten des ersten Monats, als die Dame Wang die Ankunft ihres Bruders in der Hauptstadt erwartete, bekam sie unangekündigten Besuch von Hsi-fëng: „Tian ist kürzlich mit schlechten Neuigkeiten heimgekehrt, Tante. Es geht um Onkel Zi-teng. Er reiste sehr eilig in die Hauptstadt und war nur siebzig Meilen von hier entfernt, als er plötzlich starb. Hast du das gehört?“ „Nein!“, rief die Dame Wang tief bestürzt aus, „Herr Dschëng erwähnte gestern abend nichts dergleichen. Wo hörte Liän das?“ – „Im Haus von Exzellenz Dschang aus dem Kabinett.“ Die Dame Wang erstarrte in Schweigen. Aus ihren Augen kamen die ersten Tränen. Sie wischte die Tränen weg und sagte schließlich: „Schick’ Liän, er soll sich diese Neuigkeit bestätigen lassen und mich danach umgehend aufsuchen.“ Hsi-fëng entfernte sich, wie ihr geboten. Alleingelassen, ließ die Dame Wang ihren Tränen freien Lauf. Ein Bruder und eine Tochter tot, ein Sohn geistig verwirrt. – Die Belastung dieser Trauer und Angst konnte sie nicht mehr länger ertragen. Sie begann, einen Schmerz in ihrer Brust zu spüren. Und dann kam Djia Liän zurück, um das Gerücht zu bestärken: „Onkel war durch die Anstrengung der Reise sehr ermüdet und fing sich zufällig eine Erkältung ein. Als das geschah, waren sie am Zehnmeilendorf. Ein Arzt wurde gerufen, aber der einzige zur Verfügung stehende, in solch einem abgeschiedenen Flecken, entpuppte sich als nicht sachverständig. Er verschrieb die falschen Medikamente, und bereits die erste Dosis war verhängnisvoll. Seine eigene Familie machte sich schon auf den Weg zu diesem Ort, aber ich weiß nicht, ob sie ihn schon erreicht haben.“ Diese Details trafen die Dame Wang bis ins Mark, und der Schmerz in ihrer Brust wurde so heftig, daß sie nicht mehr aufrecht sitzen konnte. Sie wies Tsai-yün an, ihr auf das Ofenbett zu helfen, und schickte mit letzter Kraft Djia Liän zu Djia Dschëng, um ihn alles zu berichten. „Pack’ deine Sachen, so schnell du kannst, und geh’ direkt dahin, um der Familie beizustehen, und hilf ihnen bei den Vorbereitungen für die Beerdigung. Komm so schnell wie möglich zurück und berichte uns über den Stand der Dinge. Ich weiß, Hsi-fëng wird sich nicht beruhigen, bis du zurück bist.“ Djia Liän erkannte, daß es unangebracht war, Einwände vorzubringen. Er verabschiedete sich von Djia Dschëng und machte sich auf den Weg zum Zehnmeilendorf. Djia Dschëng hat selbst schon unabhängig von Dame Wang von Dsï-tengs Tod gehört. Er war auch traurig über die geistige Umnachtung, in die sein Sohn seit dem Verlust des Jade gefallen war, ein Zustand, den kein Arzt heilen zu können schien. Als er auch noch von den Herzschmerzen der Dame Wang erfuhr, konnte er dies nicht mehr ertragen. Es war auch das Jahr, in dem die alle drei Jahre durchgeführte Inspektion der Beamten, die in der Hauptstadt tätig waren, stattfand. Djia Dschëngs Bauministerium gab ihm eine hohe Auszeichnung, und im zweiten Monat präsentierte ihn das Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten bei einer Audienz des Kaisers. Seine Majestät, die Djia Dschëng aus seinem Bericht als einen „fleißigen, einfachen, gewissenhaften und klugen Diener des Thrones“ kannte, berief ihn sofort auf den Posten des Kornaufsehers für die Provinz Djiang-hsi. Am selben Tag dankte Djia Dschëng für diese Ehre und schlug einen Tag für seine Abreise vor. Freunde und Verwandte waren alle eifrig dabei zu gratulieren, aber ihm war nicht zum Feiern zumute. Er war abgeneigt, die Hauptstadt zu einer Zeit zu verlassen, wenn die Dinge zu Hause nicht geklärt waren, obwohl er genau wußte, daß er seine Abreise nicht hin­ausschieben konnte. Er grübelte über dieses Dilemma, als eine Nachricht kam, die ihn aufforderte, der Herzoginmutter beizustehen. Er machte sich sofort auf den Weg zu ihren Gemächern, wo er auch die Dame Wang vorfand, trotz ihrer Krankheit. Er erwies der Herzoginmutter seinen Respekt. Sie sagte ihm, er solle sich setzen, und sie begann: „In ein paar Tagen wirst du uns verlassen, um deinen Posten anzutreten. Da gibt es etwas, daß ich gerne mit dir bereden möchte, ich weiß nicht, ob du es hören willst.“ Die Augen der Herzoginmutter, waren naß von Tränen. Djia Dschëng erhob sich eilig und sagte: „Was immer du zu sagen hast, Mutter, bitte sprich: Dein Wort ist mir Befehl.“ – „Ich werde dieses Jahr einundachtzig“, sagte die Herzoginmutter schluchzend, „du wirst zu einem Posten in den Provinzen weggehen, und mit deinem älteren Bruder, der noch immer zu Hause ist, wirst du nicht fähig sein, dich für eine frühe Rente zu bewerben und wirst nicht kommen können, um nach mir zu sehen. Wenn du weg bist, habe ich dann nur noch Bau-yü für mich übrig von denen, die meinem Herzen am nächsten stehen. Und er, das arme Ding, ist in so einem schlechten Zustand, daß ich nicht weiß, was wir für ihn tun können! Neulich schickte ich Lai Shengs Frau aus, um das Schicksal des Jungen vorhersehen zu lassen. Dieser Wahrsager kann ja wirklich gut vorhersehen. Was er sagte, war: ,Diese Person muß eine Dame mit einem Schicksal aus Gold heiraten, um ihm zu helfen. Sie muß ein bißchen Glück mit einbringen, nur so geht es. Sonst befürchte ich, daß man für nichts garantieren kann.‘ Nun weiß ich, daß du an solche Sachen nicht glaubst, deshalb habe ich nach dir geschickt, um dies mit dir zu besprechen. Deine Frau ist ja auch hier, ihr müßt dies untereinander besprechen. Sollen wir ihn retten, oder sollen wir nichts tun und zusehen, wie er dahinsiecht?“ Djia Dschëng lächelte verlegen. „Könnte ich, der als Kind so eine zarte Liebe und Geborgenheit von dir erhielt, Mutter, nicht selbst väterliche Gefühle haben? Ich bin nur manchmal verärgert, weil er in seinen Studien nicht vorwärtskam. Das ist nur, weil man ein Stück Eisen haßt, weil es kein Stahl geworden ist. Du hast recht damit, wenn du ihn verheiratet sehen willst. Wie könnte ich dir da widersprechen? Ich sorge mich um den Jungen, und diese derzeitige Krankheit hat mich in große Angst versetzt. Aber da du ihn von mir ferngehalten hast, habe ich es nicht gewagt, etwas zu sagen. Ich würde ihn jetzt selbst gerne sehen, und mir einen eigenen Eindruck von seinem Zustand machen.“ Die Dame Wang sah, daß seine Augen feucht waren, und wußte, daß er ernstlich besorgt war. Sie befahl Hsi-jën, Bau-yü zu holen und half ihm ins Zimmer. Er ging hinein, und als Hsi-jën ihm sagte, daß er seinem Vater Respekt erweisen solle, tat er genau, wie ihm gesagt wurde. Djia Dschëng sah, wie abgemagert Bau-yüs Gesicht geworden war, wie leblos seine Augen waren. Sein Sohn sah aus wie ein erbärmlicher Verrückter. Er befahl den Dienern, ihn zurück in sein Zimmer zu bringen. ,Ich werde selbst bald sechzig,‘ überlegte er. ,Bei diesem Posten in der Provinz ist es schwierig zu sagen, wie viele Jahre es dauern wird, bis ich zurückkehre. Wenn irgendetwas mit Bau-yü passiert, hätte ich keinen Erben in meinem hohen Alter. Ich habe einen Enkel, aber das ist nicht dasselbe. Und dann ist Bau-yü der Liebling der gnädigen Frau. Wenn sich irgendetwas Bedauerliches ereignen sollte, dann würde meine Schuld umso größer.‘ Er blickte zur Dame Wang. Ihr Gesicht war naß von Tränen. Er dachte an die Trauer, die es auch ihr bringen würde, und stand wieder auf, um zu sprechen: „Wenn du mit deiner reichen Lebenserfahrung auf einen Weg gekommen bist, deinem Enkelkind zu helfen, Mutter, wie könnte dein Sohn da widersprechen? Wir sollten tun, was immer du für das Beste hältst. Aber wurde Frau Hsüä genau unterrichtet?“

„Meine Schwester hat bereits ihre Zustimmung gegeben“, antwortete die Dame Wang, „wir haben nur abgewartet, weil Pans Anklage noch immer nicht geregelt ist.“ 

„Ja, daß ist sicherlich die erste Hürde“, kommentierte Djia Dschëng. „Wie kann ein Mädchen in eine Hochzeit gegeben werden, wenn ihr älterer Bruder im Gefängnis ist? Und außerdem ist da der Tod der kaiserlichen Nebenfrau. Obwohl dies nicht unbedingt ein Verbot nach sich zieht, sollte Bau-yü wenigstens die gesetzte Zeit der Trauer für eine verschiedene ältere Schwester beachten, was eine Zeitspanne von neun Monaten bedeuten würde, während der eine Hochzeit höchst ungewöhnlich wäre. Und dann wurde bereits mein eigenes Datum der Abreise dem Thron bekannt gemacht, und ich kann es nun nicht mehr verschieben. Das gibt uns nur ein paar Tage. Das ist nicht genug Zeit.“ Die Herzoginmutter erwog die Worte ihres Sohnes. ‚Was er sagt, ist wahr‘, dachte sie bei sich. ,Wenn wir darauf warten, bis all diese Bedingungen und Umstände erfüllt sind, wird sein Vater weg sein, und wer weiß, in welchem Zustand sich die Gesundheit des Jungen bis dahin verschlechtern wird. Und dann könnte es zu spät sein. Wir müssen noch einmal die Regeln vernachlässigen. Da gibt es keinen anderen Weg.‘ Als sie zu dieser Lösung gekommen war, sprach sie wieder zu Djia Dschëng: „Wenn du für ihn damit einverstanden bist, werde ich mich um alle Probleme kümmern, die es geben könnte. Da ist nichts, das nicht ausgebügelt werden könnte, davon bin ich überzeugt. Seine Mutter und ich werden hinübergehen und die Angelegenheit Frau Hsüä persönlich überlassen. Und wegen Pan, werde ich den jungen Yang-ke bitten, zu ihm zu gehen und zu erklären, daß wir dies tun, um Bau-yüs Leben zu retten. Wenn er den Grund kennt, bin ich sicher, daß er einverstanden sein wird. Und wegen des Heiratens während einer Zeit der Trauer – strenggenommen sollte man das nicht, ich weiß. Und außerdem ist es nicht richtig für ihn, zu heiraten, wenn er so krank ist. Aber es ist unsere Pflicht, sein Glück zu wenden. Beide Familien sind sich einig, und da die Kinder den Bund von Gold und Jade haben, um ihre Vereinigung zu bekräftigen, können wir es entbehren, die üblichen Horoskope zu lesen. Wir brauchen nur einen vielversprechenden Tag zu wählen, um die Geschenke im angemessenen Stil auszutauschen, und dann einen Tag für die Hochzeit selbst festzusetzen, wenn möglich danach. Keine Musik während der Hochzeit selbst, aber andererseits können wir den Palastregeln folgen: zwölf Paar Laternen mit langen Henkeln und eine acht-Mann Sänfte für die Braut. Wir werden die Zeremonie nach den Regeln des Südens abhalten, und nach unseren alten Gebräuchen, wie dem Werfen von getrocknetem Obst auf das Brautbett und so weiter. Das wird genug für eine vernünftige Hochzeit sein. Bau-tschai ist ein verständiges Mädchen. Wir müssen uns nicht um sie sorgen. Und Hsi-jën ist eine sehr vertrauenswürdige Person. Wir können darauf zählen, daß sie einen beruhigenden Einfluß auf Bau-yü hat. Sie kommt auch gut mit Bau-tschai aus. Noch eine Sache: Frau Hsüä erzählte uns einmal, daß ein Mönch zu Bau-tschai gesagt habe, sie solle nur jemanden heiraten mit einem Jadestein, die zu ihrem goldenen Medaillon paßt. Vielleicht wird ihr Medaillon den Jadestein zurückbringen, wenn sie als Bau-yüs Frau hierher kommen wird. Wenn sie erst einmal verheiratet sind, werden die Dinge besser aussehen, und die ganze Familie wird davon Vorteile haben. Wir müssen sofort die Zimmer aufräumen und alles vorbereiten und ausschmücken. Kümmer’ dich bitte darum. Wir werden keine Freunde oder Verwandten zu der Hochzeit einladen und kein Bankett veranstalten. Wir können später Gäste einladen und feiern, wenn es Bau-yü besser geht und die Trauerzeit vorbei ist. Auf diese Art kann alles rechtzeitig getan werden, und du kannst die beiden jungen Leute verheiratet sehen und sorgenfrei ziehen.“ Djia Dschëng hatte schwere Zweifel wegen der Verlobung. Aber da es die Idee der Herzoginmutter war, wußte er, daß er nicht dagegen ankam. Er lächelte gehorsam und eilte sich zu antworten: „Du hast das alles sehr gut durchdacht, Mutter, und hast alles in deine Berechnungen mit einbezogen. Wir müssen den Dienern sagen, daß sie nicht mit jedem, den sie treffen, darüber sprechen sollen. Es würde kaum zu unserem Vorteil beitragen, wenn die Leute es wüßten. Und ich persönlich bezweifle, daß Frau Hsüä dieser Idee zustimmen wird. Aber wenn sie dies tut, dann schlage ich vor, daß wir das tun, was du sagst.“ – „Du brauchst dich nicht um Frau Hsüä zu kümmern“, sagte die alte Dame, „ich kann ihr die Sache erklären. Geh nur!“ Djia Dschëng verabschiedete sich. Er fühlte sich sehr unwohl wegen der ganzen Idee. Offizielle Aufträge nahmen ihn jedoch bald in Beschlag – die Abnahme seiner neuen Berufungspapiere, Empfehlungen des Personals von Freunden und Verwandten, eine endlose Runde von sozialen Zusammenkünften von der einen oder anderen Art, – und er gab alle Verantwortung für die Hochzeitspläne an die Herzoginmutter weiter, die wiederum die Vorbereitungen an die Dame Wang und Hsi-fëng weitergab. Djia Dschëng steuerte Bau-yü als Hochzeitsgeschenk nur eine Flucht von zwanzig Zimmern mit Dienstpersonal im inneren Bereich bei den privaten Gemächern der Dame Wang bei. Die Gedanken der Herzoginmutter waren nun sehr bestimmt, und wenn sie jemanden schickte, um etwas mit Djia Dschëng zu berichten, antwortete er nur: „Sehr gut.“ Aber davon später mehr. Bau-yü, nach seinem kurzen Interview mit seinem Vater, wurde von Hsi-jën zu seinem Ofenbett im inneren Zimmer zurückgebracht. Verschüchtert von der Anwesenheit des Herrn im nächsten Zimmer, traute sich keines der Mädchen mit ihm zu sprechen, und er fiel bald in einen tiefen Schlaf. Deshalb konnte er kein Wort von der Unterhaltung zwischen seinem Vater und der Herzoginmutter hören. Hsi-jën und die anderen standen ganz still da und hörten sich alles an. Hsi-jën hatte Gerüchte von diesen Hochzeitsplänen gehört, Gerüchte, deren Wahrscheinlichkeit, dies ist wahr, von der mehrmaligen Abwesenheit Bau-tschais von Familienzusammenkünften gestärkt wurden. Nun, da es Tatsache war, wurde ihr alles kristallklar. Sie freute sich. ,Sie haben endlich etwas Verstand gezeigt!‘, dachte sie bei sich. ,Diese beiden werden bei Weitem das bessere Paar sein. Und ich werde auch besser dran sein. Wenn Fräulein Bau-tschai hier ist, wird sie viele meiner Pflichten von mir nehmen. Der einzige Ärger ist, daß Herr Bau-yü immer noch an keine andere denkt als an Fräulein Dai-yü. Es ist eine gute Sache, daß er das gerade nicht gehört hat. Wenn er wüßte, was sie planen, denke ich nur ungerne an den Ärger, den wir dann hätten.‘ Dies legte einen Schatten über ihren vorhergehenden Optimismus. ,Was soll getan werden?‘ fuhr sie fort, für sich zu brüten. ,Ihre Herzoginmutter und die Dame wissen offensichtlich nichts über die geheimen Gefühle, die Herr Bau-yü und Fräulein Dai-yü füreinander empfinden, und in ihrem Enthusiasmus könnten sie ihm ihren Plan erzählen und versuchen ihn zu heilen. Aber wenn er dann immer noch das fühlt, was er nun fühlt... Als er zum Beispiel das erste Mal Fräulein Dai-yü sah, seinen Jadestein zu Boden schleuderte und es in Stücke schmeißen wollte; oder als er letzten Sommer im Garten mich mit ihr verwechselte und mir sein Herz ausschüttete; oder als Dsï-djüan ihn ärgerte, indem sie sagte, daß Fräulein Dai-yü weggehen würde und ihm solche Tränenströme brachte... Und wenn sie nun hingehen und es ihm sagen, daß er an Fräulein Bau-tschai versprochen ist und Fräulein Dai-yü für immer aufgeben muß, wird dies sein Glück wenden und sie werden ihn wahrscheinlich töten! Wenn er weiter so taubstumm bleibt, bekommt er das natürlich nicht einmal mit. Wenn er aber etwas zu Verstand kommt, würde er sich ja nicht einmal darüber freuen, sondern sich das Leben nehmen. Ich sage ihnen besser, was ich weiß, sonst verletze ich drei Leute!‘ Hsi-jëns Gedanken waren entschieden. Sobald Djia Dschëng die Damen verlassen hatte, verließ sie Tjiu-wën, um nach Bau-yü zu sehen, und ging in das äußere Zimmer. Sie ging hinüber zur Dame Wang und flüsterte, daß sie gerne privat mit ihr sprechen würde, im Zimmer am Ende der Gemächer der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter dachte, es wäre irgendeine Nachricht von Bau-yü und beachtete dies nicht weiter, sondern fuhr fort, sich mit den Vorbereitungen der Hochzeit zu beschäftigen, welche Geschenke gemacht werden sollten und wie die Zeremonie durchgeführt werden sollte. Die Dame Wang erhob sich zu gehen, und Hsi-jën folgte ihr in das hinterste Zimmer, wo sie sofort auf ihre Knie fiel und zu weinen anfing. Die Dame Wang hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, und sagte, als sie sie an die Hand nahm: „Komm schon! Was soll all das? Hat dir jemand etwas getan? Wenn es so ist, dann steh auf und sag’ es mir.“ – „Es ist etwas, daß ich eigentlich nicht sagen sollte, aber unter diesen Umständen denke ich, daß ich es muß.“ – „Nun, sag’ es mir dann. Und laß dir Zeit.“ – „Sie und die Herzoginmutter haben eine gute Entscheidung getroffen, wenn Sie Fräulein Bau-tschai als Bau-yüs zukünftige Braut wählen.“ begann Hsi-jën, „aber ich wundere mich, Herrin, falls ihr es bemerkt habt, an welchen von beiden jungen Frauen Bau-yü mehr hängt, Bau-tschai, oder Fräulein Dai-yü?“ – „Da sie zusammengelebt haben seit sie Kinder waren“, antwortete die Dame Wang, „glaube ich, daß er Fräulein Dai-yü ein wenig näher steht.“ – „Mehr als ein wenig!“ protestierte Hsi-jën, und fuhr fort, indem sie der Dame Wang eine detaillierte Geschichte davon erzählte, wie die Dinge immer zwischen Bau-yü und Dai-yü standen, und von den verschiedenen Vorfällen, die zwischen ihnen auftraten. „Diese Dinge haben sie alle selbst gesehen, Herrin“, fügte sie hinzu, „mit der Ausnahme des Ausbruches während des letzten Sommers, welchen ich bis jetzt keiner Seele erzählt habe.“ Die Dame Wang zog Hsi-jën an sich. „Ja, das meiste von dem, was du gesagt hast, konnte ich selbst verfolgen. Was du gesagt hast, bekräftigt meine Beobachtungen. Aber alle müssen die Worte des Herrn gehört haben. Sag’ mir, wie hat Bau-yü reagiert?“ – „Wie die Dinge im Moment liegen, Herrin, lächelt Bau-yü jeden an, der mit ihm redet, aber sonst schläft er nur. Er hörte nichts.“ – „In diesem Fall, was sollen wir tun?“ – „Es ist nicht an mir, etwas zu sagen“, antwortete Hsi-jën. „Die Dame sollte die Herzoginmutter über das informieren, was ich sagte, und an einen guten Weg denken, das Problem zu lösen.“ – „Dann gehst du besser“, sagte die Dame Wang, „und überlaß das mir. Jetzt wäre kein guter Moment, dies zu erwähnen; da zu viele Leute im Raum sind. Ich werde auf eine Gelegenheit warten, es der Herzoginmutter zu erzählen, und wir werden darüber reden, was wir tun können.“ Die Dame Wang kehrte zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die alte Dame redete gerade mit Hsi-fëng, und fragte, als sie sah, daß die Dame Wang hereinkam: „Was wollte Hsi-jën? Worüber ging das mysteriöse Geflüster?“ Die Dame Wang antwortete ihr direkt, und erzählte ihr die ganze Geschichte von Bau-yüs Liebe zu Dai-yü, wie es Hsi-jën ihr erzählte hatte. Als sie gesprochen hatte, war die Herzoginmutter für eine Weile still. Weder die Dame Wang noch Hsi-fëng trauten sich, ein Wort zu sagen. Zuletzt seufzte die Herzoginmutter und sagte: „Alles andere scheint irgendwie lösbar. Es ist nicht wegen Dai-yü. Aber wenn Bau-yü wirklich auf diese Art Gefühle für sie hat, scheint es, daß wir in ein unlösbares Problem geraten sind.“ Hsi-fëng sah eine Weile sehr nachdenklich aus und sagte dann: „Nicht unlösbar. Ich denke, ich kann eine Lösung sehen. Aber ich bin nicht sicher, ob ihr damit einverstanden seid oder nicht, Tante.“ „Was immer deine Idee ist“, sagte die Dame Wang, „sprich es aus und laß es Mutter wissen. Dann können wir es zusammen diskutieren.“ – „Da gibt es nur eine Lösung, die ich mir denken kann“, sagte Hsi-fëng. „Es beinhaltet zwei Dinge: eine Notlüge und ein Stück von diskretem Ersatz.“ „Ersatz? Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter.

Aus: Jinyuyuan 1889b. „Erstens“, antwortete Hsi-fëng, „ob Bau-yü bereits etwas weiß oder nicht, lassen wir ihn wissen, daß Herr Dschëng ihn mit Fräulein Dai-yü verloben will. Wir müssen auf seine Reaktion achten. Wenn er nicht sehr berührt davon ist, müssen wir meinen Plan nicht beachten. Aber wenn es scheint, daß er überhaupt von dieser Nachricht begeistert ist, macht es die Dinge eher noch verwickelter.“ „Angenommen, er ist begeistert?“, fragte die Dame Wang. „Was dann?“ Hsi-fëng ging hinüber und flüsterte der Dame Wang eine Weile etwas ins Ohr. Die Dame Wang nickte, lächelte und sagte: „Gut, gut... Eine erfinderische Idee, muß ich sagen!“ „Kommt, ihr zwei!“, rief die Herzoginmutter, „laßt mich an dem Geheimnis teilhaben: worüber flüstert ihr?“ Hsi-fëng hatte Angst, daß die Herzoginmutter ihre Idee nicht sofort verstand und irrtümlich das Spiel verderben könnte. Sie lehnte sich herüber und flüsterte der Herzoginmutter ins Ohr. Die Herzoginmutter schien erst etwas verblüfft zu sein. Hsi-fëng lächelte und fügte ein paar Worte der Erklärung hinzu. Die Herzoginmutter sagte endlich mit einem Lächeln: „Warum nicht? Aber ist es nicht eher hart für Bau-tschai? Und was ist mit Fräulein Dai-yü? Was wenn sie davon hört?“ – „Wir werden es nur Bau-yü sagen“, antwortete Hsi-fëng. „Keinem anderen wird es erlaubt sein, es zu erwähnen. So wird es keiner wissen können.“ Ein Mädchen kam herein und informierte sie, daß Herr Liän zurückgekehrt sei. Die Dame Wang war besorgt, daß die Herzoginmutter nach den leidigen Neuigkeiten fragen würde, die seine Reise begründet hatten, und warf einen bedeutungsvollen Blick in Hsi-fëngs Richtung. Hsi-fëng ging hinaus, um ihn abzufangen, und gab ihm mit einer Bewegung ihrer Lippen zu verstehen, daß er sie in die Gemächer der Dame Wang begleiten und dort warten solle. Es dauerte nicht lange, bis die Dame Wang hereinkam, um Hsi-fëng rotäugig vom Weinen vorzufinden. Djia Liän machte der Dame Wang seine Aufwartung und erzählte ihr von den Beerdigungsvorbereitungen für Wang Dsï-teng im Zehnmeilendorf. „Ihm wurde posthum das Amt eines Großen Sekretärs auf kaiserlichen Beschluß verliehen“, fuhr Djia Liän fort, „und der Titel Fürst Wën-tjin. Der Hof hat seiner Familie die Anweisung gegeben, sie soll den Sarg in einer Prozession nach Nanking begleiten, und alle örtichen Beamte wurden angewiesen auf der Fahrt unterwegs nach ihnen zu sehen. Die ganze Familie zog gestern nach Süden. Die Witwe meines Onkels bat mich, ihren Respekt auszurichten. Sie sagte, daß da soviel wäre, über das sie mit dir reden wolle, aber daß sie im Moment nicht in die Hauptstadt kommen könne. Mein Schwager Wang Jën kommt hierher, so hörte ich, und falls ich ihn auf dem Weg treffe, werde ich ihm sagen, daß er kommen und das Neueste erzählen soll.“ Die Dame Wang nahm dies alles so niedergeschlagen auf, wie der Leser sich das sicher vorstellen kann. „Warum legst du dich nicht für eine Weile hin, Tante?“, sagte Hsi-fëng, „am Abend können wir über Bau-yüs Angelegenheit weiter sprechen.“ Als sie diese tröstlichen Worte gesprochen hatte, kehrte Hsi-fëng mit Djia Liän zu ihren eigenen Gemächern zurück, wo sie ihn über alles, was entschieden worden war, informierte und ihm sagte, er solle Anweisungen für die Reinigung und Renovierung der Zimmerflucht, der das neue Zuhause des Paares werden sollte, geben. Aber nun nichts mehr davon. Ein oder zwei Tage nach diesen Ereignissen, hatte Dai-yü gerade ihr Frühstück zu sich genommen, als sie sich entschloß, Dsï-djüan auf einen Besuch bei der Herzoginmutter mitzunehmen. Sie wollte ihr die Aufwartung machen, und dachte auch, daß dieser Besuch ihr eine Art der Ablenkung für sich selbst bereiten würde. Sie hatte gerade die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß verlassen, als sie sich erinnerte, das sie ihr Taschentuch zu Hause vergessen hatte; sie schickte Dsï-djüan zurück, um es zu holen. Sie sagte, daß sie langsam vorausgehen und auf sie warten werde, damit sie sie einholen könnten. Sie hatte gerade die Ecke hinter den Steinen an der Verregneten Blumenbrücke – genau an dem Ort, wo sie einst Blumen mit Bau-yü vergraben hatte – erreicht, als sie plötzlich ein Schluchzen hörte. Sie hielt sofort inne und lauschte. Sie konnte weder sagen, wessen Stimme es war, noch konnte sie unterscheiden, was es war, worüber sich die Stimme beklagte, so tränenreich und so andauernd. Es war wirklich sehr verwirrend. Sie bewegte sich wieder vorsichtig vorwärts, und, als sie um die Ecke ging, sah sie vor sich die Quelle des Heulens, ein Mädchen mit großen Augen und dicken Augenbrauen. Bevor sie ihren Blick auf das Mädchen richtete, hatte Dai-yü schon geraten, daß eines der vielen Mädchen im Haushalt Djia eine unglückliche Herzensangelegenheit haben mußte, und hierher gekommen war, um sich heimlich ihr Herz auszuweinen. Aber nun lachte sie über ihre Idee. ‚Wie könnte eine so plumpe Kreatur, wie diese, die Bedeutung der Liebe kennen?‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Das muß eine dieser Gelegenheitsarbeiterinnen sein, die wahrscheinlich von einem der älteren Mädchen gerügt worden war.‘ Sie sah näher hin, aber konnte das Mädchen immer noch nicht einordnen. Als sie Dai-yü sah, beendete das Mädchen ihr Weinen, wischte ihre Wangen und erhob sich. „Komm schon, weshalb bist du so traurig?“, fragte Dai-yü. „Oh Fräulein Dai-yü!“, antwortete das Mädchen, inmitten neuer Tränen, „sagen sie mir, ob sie es anständig finden. Die haben darüber geredet, und wie sollte ich es besser wissen? Nur weil ich etwas Falsches gesagt habe, ist das ein Grund für die Schwester damit anzufangen mich zu schlagen?“ Dai-yü wußte nicht, wovon sie sprach. Sie lächelte, und fragte wieder: „Wer ist deine Schwester?“ „Dschën-dschu“, antwortete das Mädchen. Daraus schloß Dai-yü, daß sie in den Gemächern der Herzoginmutter arbeiten mußte. „Und wie heißt du?“ „Scha, das Dummerchen.“ Dai-yü lachte. Dann: „Warum schlug sie dich? Was hast du gesagt, daß so falsch war?“ – „Das ist es, was ich gerne wissen möchte! Es hatte nur etwas mit der Hochzeit von Herrn Bau-yü und Fräulein Bau-tschai zu tun.“ Die Worte trafen Dai-yüs Ohren wie ein Donnerschlag. Ihr Herz fing an, heftig zu schlagen. Sie versuchte sich selbst für einen Moment zu beruhigen und sagte dem Mädchen, sie solle mit ihr kommen. Das Mädchen folgte ihr zur abgelegenen Ecke des Gartens, wo der Blumen-Beerdigungshügel lag. Hier fragte Dai-yü sie: „Warum sollte man dich schlagen, weil du die Hochzeit von Herrn Bau-yü mit Fräulein Bau-tschai erwähnt hast?“ „Die Herzoginmutter, die Dame Wang“, antwortete Scha, „haben sich, da der Herr bald weggeht, entschlossen, zusammen mit Frau Hsüä alles zu arrangieren, und Herrn Bau-yü und Fräulein Bau-tschai so schnell wie möglich zu verheiraten. Sie wollen, daß die Hochzeit sein Glück wendet, und dann…“ Ihre Stimme brach ab. Sie starrte Dai-yü an, lachte und fuhr fort: „Dann, sobald die beiden verheiratet sind, werden sie einen Ehemann für Sie finden, Fräulein Dai-yü.“ Dai-yü war sprachlos vor Schreck. Das Mädchen fuhr unbekümmert fort: „Aber wie sollte ich wissen, daß sie entschieden haben, es zu verheimlichen, aus Angst, sie könnten Fräulein Bau-tschai beschämen? Alles, was ich tat, war zu Hsi-jën, die in Herrn Herr Bau-yüs Zimmer dient, zu sagen: ,Wird es nicht schön sein hier zu arbeiten, wenn Fräulein Bau-tschai herüber kommt oder Frau Bau-tschai, wie werden wir sie dann nennen müssen?‘ Das ist alles, was ich sagte. Was war es, weswegen Schwester Dschën-dschu mir weh tun mußte? Können Sie es mir sagen, Fräulein Dai-yü? Sie kam herüber und schlug mich genau ins Gesicht und sagte, ich würde Blödsinn erzählen und würde Befehle nicht befolgen und würde aus meinem Dienst entlassen! Wie sollte ich wissen, daß die Damen nicht wollen, daß wir es erwähnen? Niemand hat es mir gesagt, und sie schlug mich einfach!“ Sie fing wieder an zu weinen. Dai-yüs Herz fühlte sich an, als wären Öl, Sojasoße, Zucker und Essig auf einmal hinein geschüttet worden. Sie konnte nicht sagen, welcher Geschmack dominierte, das Süße, das Saure, das Bittere oder das Salzige. Nach ein paar Momenten der Stille, sagte sie mit einer zitternden Stimme: „Rede nicht so einen Blödsinn. Noch mehr davon, und du wirst wieder geschlagen. Geh nun!“ Sie selbst drehte sich wieder in die Richtung der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er hundert Tonnen wiegen, ihre Füße waren so wacklig, als würde sie auf Watte gehen. Sie konnte gerade mal einen Schritt nach dem anderen gehen. Nach einer Ewigkeit, hatte sie immer noch nicht den Fuß der Verregneten Blumenbrücke erreicht. Sie ging so langsam, ihre Füße waren fast dabei, unter ihr nachzugeben, und in ihrem Schwindel und der Verwirrtheit war sie vom Kurs abgekommen und hatte sich zwei Bogenschußweiten entfernt, statt näher zu kommen. Sie erreichte die Verregnete Blumenbrücke, nur um dann wieder abzuweichen am Flußufer entlang in die Richtung, aus der sie gerade kam, ohne zu wissen, was sie tat. Dsï-djüan war nun mit dem Taschentuch zurückgekehrt, aber konnte Dai-yü nirgends finden. Sie sah sie endlich, ihr Gesicht blaß wie Schnee, herumwankend, ihre Augen starrten vor sich hin, sie lief ziellos umher. Dsï-djüan erblickte auch ein Mädchen, welches in der Ferne hinter Dai-yü verschwand, aber konnte nicht erkennen, wer es war. Sie war sehr verwirrt und beschleunigte ihren Schritt. „Warum kehren sie zurück, Fräulein?“, fragte sie sanft. „Wohin wollen sie?“ Dai-yü hörte die Frage nur verschwommen. Sie antwortete: „Ich will Bau-yü etwas fragen.“ Dsï-djüan konnte nicht ergründen, um was es ging, und konnte nur versuchen, sie auf ihrem Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter zu begleiten. Als sie zum Eingang kamen, schien Dai-yü wieder klarer zu sein. Sie drehte sich um, sah, wie Dsï-djüan sie stützte, hielt einen Moment lang an und fragte: „Was machst du hier?“ „Ich ging, um Ihr Taschentuch zu holen“, antwortete Dsï-djüan, ängslich lächelnd, „ich sah Sie drüben bei der Brücke und eilte hinüber. Ich fragte, wo Sie hingehen wollten, aber Sie bemerkten mich nicht.“ – „Oh!“, sagte Dai-yü mit einem Lächeln. „Ich wollte eigentlich Bau-yü besuchen. Weshalb sollten wir sonst hierher kommen?“ Dsï-djüan konnte sehen, daß sie völlig verwirrt war. Sie erriet, daß es etwas sein mußte, was das Mädchen ihm Garten zu ihr gesagt hatte, und nickte nur mit einem leichten Lächeln als Antwort auf Dai-yüs Frage. Aber für sich selbst versuchte sie sich vorzustellen, welche Art der Begegnung dies werden würde, zwischen dem jungen Herren, der bereits seinen Geist verloren hatte, und ihrer jungen Herrin, die nun selbst etwas verwirrt war. Trotz ihrer Besorgnis, traute sie sich nicht, das Treffen zu verhindern, und half Dai-yü in das Zimmer. Interessanterweise schien Dai-yü nun ihre Kräfte wiedererlangt zu haben. Sie wartete nicht auf Dsï-djüan, sondern hob den Vorhang selbst, und ging in das Zimmer. Drinnen war es sehr still. Die Herzoginmutter hatte sich für ihren Mittagsschlaf zurückgezogen. Manche der Mädchen schlichen sich davon, um zu spielen, andere machten selbst ein Nickerchen und wieder andere warteten auf die Herzoginmutter in ihrem Schlafzimmer. Es war Hsi-jën, die herauskam, um zu sehen, wer dort sei, als sie das Rauschen des Vorhangs hörte. Sie sah, daß es Dai-yü war, und grüßte sie höflich: „Bitte kommt herein und setzt euch, Fräulein.“ – „Ist Herr Bau-yü zu Hause?“, fragte Dai-yü mit einem Lächeln. Hsi-jën wußte nicht, daß etwas nicht in Ordnung war, und wollte gerade antworten, als sie sah, daß Dsï-djüan hinter Dai-yü mit ihren Lippen auf ihre Herrin zeigte und eine warnenden Geste mit der Hand machte. Hsi-jën hatte keine Ahnung, was sie meinte und traute sich nicht zu fragen. Dai-yü kümmerte sich nicht darum und ging selbst in Bau-yüs Zimmer. Er saß aufrecht im Bett, und als sie hereinkam, machte er keine Bewegung aufzustehen oder sie zu begrüßen, sondern er blieb, wo er war, starrte sie an und lachte dumm. Dai-yü setzte sich unaufgefordert hin, sie fing auch an zu lächeln und starrte Bau-yü zurück an. Es wurden keine Grüße ausgetauscht, keine Höflichkeiten, in der Tat überhaupt kein Wort. Sie saßen nur da und starrten sich in die Gesichter und lächelten wie ein paar Idioten. Hsi-jën stand da und schaute und wußte nicht, was los war. Plötzlich sagte Dai-yü: „Bau-yü, warum bist du krank?“ Bau-yü lachte. „Ich bin wegen Fräulein Dai-yü krank.“ Hsi-jën und Dsï-djüan wurden blaß vor Angst. Sie versuchten, das Thema zu wechseln, aber die beiden antworteten nicht, sondern lächelten sich nach wie vor dumm an. Nun wurde es Hsi-jën bewußt, daß Dai-yüs Kopf genauso verstört war wie der Bau-yüs. „Fräulein Dai-yü war gerade von ihrer Krankheit geheilt“, flüsterte sie zu Dsï-djüan, „ich werde Tjiu-wën bitten, dir zu helfen, sie zurückzubringen. Sie sollte nach Hause gehen und sich hinlegen.“ Sie wendete sich an Tjiu-wën und sagte: „Geh mit Dsï-djüan und begleite Fräulein Dai-yü heim! Und kein unsinniges Gerede auf dem Weg, bitte.“ Tjiu-wën lächelte, und ohne ein Wort kam sie herüber, um Dsï-djüan zu helfen. Die beiden begannen, Dai-yü auf die Füße zu helfen. Dai-yü stand sofort ohne Hilfe auf, immer noch ihren Blick auf Bau-yü fixiert, lächelte und nickte mit dem Kopf. „Kommen sie, Fräulein!“ drängte Dsï-djüan, „es ist Zeit, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen.“

„Natürlich!“, rief Dai-yü, „es ist Zeit!“

Sie wandte sich um, um zu gehen. Immer noch lächelnd, verweigerte sie jede Hilfe von den Mädchen, schritt doppelt so schnell wie sonst hinaus. Tjiu-wën und Dsï-djüan eilten hinter ihr her. Nachdem sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ, ging Dai-yü weiter, in die völlig falsche Richtung. Dsï-djüan eilte zu ihr und nahm sie an der Hand: „Hier entlang, Fräulein.“ Noch immer lächelnd, erlaubte es Dai-yü, geführt zu werden, und folgte Dsï-djüan zu der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie fast dort waren, rief Dsï-djüan: „Buddha sei gepriesen! Endlich zu Hause!“ Sie hatte die Worte nicht ganz ausgesprochen, als sie sah, daß Dai-yü stolperte und nach vorne auf den Boden viel, und laut schrie. Blut strömte aus ihrem Mund. Um zu erfahren, ob sie diese Krise überlebte, lese man bitte das nächste Kapitel. 97. Lin Dai-yü verbrennt ihre Gedichte, um das Ende der Torheit ihres Her­zens zu signalisieren Hsüä Bau-tschai verläßt ihr Heim, um an einem feierlichen Ritual teilzunehmen.

Wir haben gesehen, wie Dai-yü, als sie den Eingang der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte und als sie Dsï-djüans Schrei der Erleichterung hörte, vorwärts stolperte, Blut erbrach und fast in Ohnmacht fiel. Glücklicherweise waren Dsï-djüan und Tjiu-wën beide zur Stelle und halfen ihr ins Haus. Als Tjiu-wën ging, standen Dsï-djüan und Hsüä-yän an Dai-yüs Bettseite und sahen ihr zu, wie sie langsam wieder zu sich kam. „Warum steht ihr beide hier um mich herum und weint?“, fragte Dai-yü. Dsï-djüan war erleichtert, daß sie wieder etwas Sinnvolles sagte, und antwortete: „Auf Ihrem Weg zurück von der Herzoginmutter, Fräulein, hatten Sie einen sehr schlimmen Unfall. Wir hatten Angst und wußten nicht, was wir tun sollten. Deswegen haben wir geweint.“ „Ich werde jetzt noch nicht sterben!“, sagte Dai-yü mit einem Lächeln. Aber noch bevor sie den Satz beenden konnte, krümmte sie sich und rang noch einmal nach Luft. Sie war schockiert, als sie vorher am Tage erfahren hatte, daß Bau-yü und Bau-tschai verheiratet würden. Das hatte sie lange befürchtet, und es war nun daran, wahr zu werden. Dieser Schock hatte sie so in Aufruhr versetzt, daß sie zuerst beinahe den Verstand verloren hätte. Nun, da sie das Blut ausgebrochen hatte, wurden ihre Gedanken langsam klarer. Obwohl sie sich zuerst an nichts erinnern konnte, als sie Dsï-djüan weinen sah, kamen ihr Shas Worte langsam wieder in Erinnerung. Diesmal unterlag sie nicht ihren Gefühlen, sondern hoffte auf einen schnellen Tod und machte ihre Schuld-Abrechnung mit dem Schicksal. Dsï-djüan und Hsüä-yän konnten nur hilflos dabeistehen. Sie wären gerne gegangen und hätten die Damen informiert, aber hatten zuviel Angst vor einer Wiederholung des letzten Males, als Hsi-fëng sie getadelt hatte, weil sie falschen Alarm geschlagen hätten.