Hongloumeng/de/Chapter 98

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Kapitel 98

苦绛珠魂归离恨天 / 病神瑛泪洒相思地

ng-örl nahm dann Hsüä-yän mit zu den Brautgemächern und berichtete dort selbst, bevor sie ihre eigenen Angelegenheiten erledigte. Als Hsüä-yän die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange sah, dachte sie an Dai-yü, wie sie auf der Schwelle des Todes lag, und fühlte eine stechende Traurigkeit. Aber sie traute sich nicht, ihre Gefühle in Gegenwart der Herzoginmutter und Hsi-fëng zu zeigen. „Wofür können sie mich brauchen?“ wunderte sie sich. Ich muß wissen, was vor sich geht. Ich weiß, daß Bau-yü bis über beide Ohren in Fräulein Dai-yü verliebt war. Und doch scheint er sie nun verlassen zu haben. Ich fange an, mich zu wundern, ob seine Krankheit echt oder nur vorgetäuscht ist. Er mag die ganze Sache erfunden haben, um zu verhindern, Fräulein Dai-yü aufzuregen, indem er vorgibt, seinen Jade verloren zu haben, und so tut, als wäre er ein Idiot. Vielleicht denkt er da, er könne sie so abschrecken und Fräulein Bau-tschai mit gutem Gewissen heiraten? Ich muß ihn gut beobachten und sehen, ob er sich wie ein Dummer benimmt, wenn er mich sieht. Sicher wird er das Schauspiel nicht an seinem Hochzeitstag aufrechterhalten?“ Sie huschte hinein und spionierte am inneren Flur. Nun, obwohl Bau-yüs Gedanken immer noch vom Verlust des Jade benebelt waren hatte seine Freude durch die Aussicht, Dai-yü zu heiraten – in seinen Augen die gesegnetste, wunderschönste Sache, die im Himmel oder auf der Erde passiert war seit Anbeginn der Zeit – ,eine vorläufige Wiederbelebung seines körperlichen Wohlbefindens hervorgerufen, wenn nicht eine volle Instandsetzung seiner geistigen Fähigkeiten. Hsi-fëngs raffinierter Plan hatte genau den beabsichtigten Effekt gehabt, und er zählte nun die Minuten, bis er Dai-yü sehen würde. Heute war der Tag, an dem all seine Träume in Erfüllung gehen würden, und er war in Ekstase. Manchmal gab er noch immer eine dumme Bemerkung von sich, aber in anderer Hinsicht machte er den Anschein, wieder vollständig erholt zu sein. All das beobachtete Hsüä-yän, sie war ihm gegenüber haßerfüllt und trauerte um ihre Herrin. Sie wußte nichts vom wahren Grund seiner Freude. Während Hsüä-yän unbemerkt wegschlüpfte, befahl Bau-yü Hsi-jën sich zu beeilen und ihn in das Gewand des Bräutigams zu kleiden. Er saß im Gemach der Dame Wang und schaute zu, wie Hsi-fëng und You-schï mit ihren Vorbereitungen herumeilten; er selbst platzte vor Ungeduld vor dem großen Moment. „Wenn Kusine Dai-yü vom Garten kommt“, fragte er Hsi-jën, „warum dann all der Aufwand? Warum ist sie noch nicht hier?“ Ein Lächeln unterdrückend, antwortete Hsi-jën: „Sie muß auf den günstigen Moment warten.“ Hsi-fëng wendete sich an die Dame Wang und sagte: „Weil wir noch trauern, dürfen wir auf der Straße keine Musik haben. Aber die traditionelle Zeremonie würde ohne jede Musik so eintönig scheinen, also habe ich einigen der Dienerinnen mit etwas musikalischem Hintergrund, denen, die auf die Schauspielerinnen aufpaßten, gesagt, sie sollten kommen und ein wenig spielen, um etwas Festlichkeit zu schaffen.“ Die Dame Wang nickte und sagte, sie denke, daß dies eine gute Idee sei. Gegenwärtig wurde die Sänfte der Braut durch das Haupttor getragen. Das kleine Ensemble der Dienerinnen spielte, als es durch eine Allee von zwölf Paaren von Palast-Laternen, die einen recht eleganten Eindruck machten, herunterkam. Der Zeremonienmeister forderte die Braut auf, aus ihrer Sänfte zu steigen und Bau-yü sah, wie die Ehrendame, ganz in rot, seine Braut herausführte, ihr Gesicht unter dem Brautschleier versteckt. Es gab eine Brautjungfer, und Bau-yü sah zu seiner Überraschung, daß es Hsüä-yän war. Dies verblüffte ihn für einen Moment. ‚Warum Hsüä-yän, und nicht Dsï-djüan?‘, fragte er sich selbst. Dann: ‚Natürlich. Hsüä-yän ist Dai-yüs ursprüngliche Magd vom Süden, wobei Dsï-djüan eine von unseren Mädchen war, was niemals ginge.‘ Und, als er Hsüä-yän sah, war es ihm daher, als hätte er Dai-yüs Gesicht selbst unter dem Schleier gesehen. Der Zeremonienmeister sang eine Liturgie, und die Braut und der Bräutigam knieten vor dem Himmel und der Erde. Die Herzoginmutter wurde vorgerufen, um ihre vierfache Huldigung zu empfangen, danach Herr Dschëng und die Dame Wang, die zum Altar gebeten wurden. Diese begleiteten das Paar in die Halle und dann in das Brautgemach. Hier sollten sie auf dem Brautbett sitzen, und wurden mit Trockenobst beworfen, und waren anderen weiteren Bräuchen unterworfen, die bei den alten Nanking-Familien wie den Djias üblich sind, welche wir hier nicht detailliert beschreiben müssen.

Aus: Jinyuyuan 1889a. Wie zu erinnern ist, hatte Djia Dschëng dem Plan nur widerwillig zugestimmt, aus Rücksicht auf die Wünsche der Herzoginmutter, glaubte aber nicht an das Gerede des „Wendens von Bau-yüs Glück“. Aber heute, als er Bau-yü sah, wie er selbst wie ein normaler guter Mensch wirkte, konnte er nicht anders als sich freuen. Die Braut saß nun alleine auf dem Brautbett, und der Moment kam für den Bräutigam, den Schleier zu lüften. Hsi-fëng hatte ihre Vorbereitungen für diese Gelegenheit getroffen, und bat nun die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen anwesenden Damen in das Brautgemach vorzu­kom­men, um ihr zu helfen. Das Gefühl des Höhepunktes schien in Bau-yü die Rückkehr seiner dummen Art auszulösen, denn als er sich seiner Braut näherte, sagte er: „Geht es dir nun besser, Kusine? Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Warum verbirgst du dich unter diesem blöden Ding?“ Er war gerade dabei, den Schleier anzuheben. Die Herzoginmutter brach in kalten Schweiß aus. Aber er zögerte und dachte bei sich: „Ich weiß, wie empfindlich Kusine Dai-yü ist. Ich muß sehr vorsichtig sein, sie nicht zu verletzen.“ Er wartete etwas länger. Aber bald wurde die Spannung unerträglich, und er ging auf sie zu und lüftete den Schleier. Die Ehrendame nahm ihm ihn ab, während Hsüä-yän in den Hintergrund zurücktrat und Ying-örl und die anderen Dienstmädchen den Dienst übernahmen. Er starrte seine Braut an. Das sah ja gar nicht nach Dai-yü aus, sondern nach Bau-tschai? Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, griff mit einer Hand eine Laterne, rieb mit der anderen seine Augen und schaute sie wieder an. Es war Bau-tschai! Wie hübsch sie aussah, in ihrem bunten Hochzeitskleid! Er starrte ihre sanfte Haut an, die vollen Kurven ihrer Schultern, und ihre Haare, wie sie in Locken von ihren Schläfen hingen! Ihre Augen waren feucht, ihre Lippen bebten leicht. Ihre ganze Erscheinung hatte die einfache Eleganz einer weißen Lilie, feucht von hängendem Tau; das mädchenhafte Rot auf ihren Wangen erinnerte an gewundene Aprikosenblüten im Dunst. Für einen Moment starrte er sie mit großem Erstaunen an. Dann bemerkte er, daß Ying-örl an ihrer Seite stand, während Hsüä-yän verschwunden war. Ein Gefühl der hilflosen Fassungslosigkeit ergriff ihn, und er dachte, er müsse träumen, er stand in einer bewegungslosen Betäubung da. Die Mägde nahmen seine Lampe und halfen ihm in einen Stuhl, wo er saß und sie noch immer anstarrte, ohne ein Wort. Die Herzoginmutter hatte Angst, daß dies wieder ein Signal für den Ausbruch seiner Krankheit sei, und kam selbst herüber, um ihm beizustehen, während Hsi-fëng und You-schï Bau-tschai auf einen Stuhl im inneren Teil des Raumes begleiteten. Bau-tschai hielt ihren Kopf geneigt und sagte nichts. Nach einer Weile hatte sich Bau-yü genug gefaßt, um nachzudenken. Er sah die Herzoginmutter und die Dame Wang ihm gegenübersitzen, und fragte Hsi-jën flüsternd: „Wo bin ich? Das muß alles ein Traum sein.“ – „Ein Traum? Nun, das ist der glücklichste Tag in deinem Leben!“, sagte Hsi-jën. „Wie kannst du so dumm sein und von einem Traum sprechen? Dein Vater Herr Dschëng sitzt draußen.“ Er zeigte auf Bau-tschai, fragte flüsternd weiter: „Wer ist die schöne Dame, die dort drüben sitzt?“ Hsi-jën fand dies so komisch, daß sie für eine Weile nichts sagen konnte, sondern ihre Hand vor ihr Gesicht hielt, um nicht zu lachen. Endlich antwortete sie: „Das ist deine Braut, die neue Frau Bau-yü.“ Die anderen Mägde drehten sich weg, unfähig, ihr Lachen zurückzuhalten. Bau-yü: „Wie dumm! Was meinst du mit ‚Frau Bau-yü‘? Wer ist denn Frau Bau-yü?“ Hsi-jën wieder: „Fräulein Bau-tschai.“ Bau-yü: „Aber was ist mit Fräulein Dai-yü?“ Hsi-jën entgegnete: „Der Herr entschied, daß du Fräulein Bau-tschai heiraten solltest. Was hat Fräulein Dai-yü damit zu tun?“ Bau-yü: „Aber ich sah sie gerade eben und Hsüä-yän auch. Sie können nicht einfach verschwinden! Was für eine Art Spiel ist das, was ihr alle hier mit mir spielt?“ Hsi-fëng kam zu ihm und flüsterte in sein Ohr: „Da drüben sitzt Fräulein Bau-tschai, also hör’ bitte auf, so zu reden. Wenn du sie verletzt, wird deine Großmutter böse auf dich sein.“ Bau-yü war nun hoffnungsloser verwirrt als je zuvor. Die merkwürdigen Vorgänge in jener Nacht kamen zu dem ohnehin schon bedenklichen geistigen Zustand, hatten ihn zu so einer hohen Stufe von Verzweiflung überreizt, daß alles, was er tun konnte, nur noch weinen war – „ich muß Kusine Dai-yü finden!“ – sagte er wieder und wieder. Die Herzoginmutter und die anderen Damen versuchten ihn zu trösten, aber er wollte das alles nicht verstehen. Da Bau-tschai auch dabei war, mußten sie vorsichtig mit dem sein, was sie sagten. Sie wußten, daß Bau-yü eindeutig an einem schweren Rückfall litt, wollten es aber nicht sagen, weil seine Frau da saß. Sie befahlen, daß im ganzen Zimmer einige Beruhigungs-Räucherstäbchen angezündet werden sollten. Dann half man ihm ins Bett. Alle waren ruhig und saßen eine Weile da, bis Bau-yü in einen Tiefschlaf gefallen war, sehr zur Erleichterung der Herzoginmutter und der Damen, die dort saßen, um auf das Morgengrauen zu warten. Die Herzoginmutter befahl Hsi-fëng, Bau-tschai zu bitten, sich hinzulegen und auszuruhen, was sie tat, ganz angezogen, wie sie war. Bau-tschai benahm sich, als hätte sie nichts gehört. Djia Dschëng war während all dem in einem der äußeren Zimmer geblieben, daher hatte er nichts gesehen, was seinen beschwichtigenden Eindruck, den er früher erhalten hatte, desillusionieren könnte. Der folgende Tag, war der gewählte Tag, gemäß dem Kalender, für seine Abreise zu seinem neuen Posten. Er ruhte sich ein wenig aus und kehrte in seine Gemächer zurück. Die Herzoginmutter verließ ebenfalls Bau-yü, der tief schlief, und kehrte zu ihren Gemächern für eine kurze Pause zurück. Am nächsten Morgen, verabschiedete sich Djia Dschëng von den Vorfahren im Familienschrein und kam, um seiner Mutter lebe wohl zu sagen. Er verbeugte sich vor ihr und sagte: „Ich, dein unwürdiger Sohn, bin dabei, in die Ferne zu verreisen. Mein einziger Wunsch ist, daß du dich warm im kalten Wetter hältst und gut auf dich aufpassen wirst. Sobald ich an meinem Posten ankomme, werde ich dir schreiben und fragen, wie es dir geht. Du sollst dir wegen mir keine Sorgen machen. Bau-yüs Hochzeit wurde nun gemäß deinen Wünschen zelebriert, und es bleibt mir nur, dich zu bitten, ihn zu belehren und ihm die Weisheit deiner Jahre zu vermitteln.“ Die Herzoginmutter fürchtete, daß Djia Dschëng sich auf seiner Reise Sorgen machen würde, erwähnte Bau-yüs Zusammenbruch nicht, sondern sagte bloß: „Da gibt es eine Sache, die ich dir sagen sollte. Obwohl die Riten letzte Nacht ausgeführt wurden, hat Bau-yü gestern keine Hochzeitsnacht mit seiner Braut verbracht. Heute ist dein Abreisetag. Er sollte ja kommen, um dich heute zu verabschieden. Aber unter all den Umständen - seine frühere Krankheit, das gewendete Glück, sein noch immer zerbrechlicher Zustand der Genesung und die gestrige Anspannung - befürchte ich, daß, wenn er herauskäme, er sich eine Erkältung zuzöge. Also überlasse ich es dir: Wenn du willst, daß er seinen Sohnespflichten nachkommt, indem er dich verabschiedet, dann schicke ich sofort nach ihm; aber wenn du ihn liebst, dann werde ich ihn kurz hierher holen lassen, er macht seinen Kotau, und das war’s.“ „Warum sollte ich wollen, daß er sich von mir verabschiedet?“, antwortete Djia Dschëng. „Alles, was ich will, ist, daß er von nun an ernsthaft studiert. Das würde mir bei weitem größere Freude bringen.“ Die Herzoginmutter war sehr erleichtert, dies zu hören. Sie sagte Djia Dschëng, er solle sich setzen, und schickte nach Yüan-yang, nachdem sie ihr verschiedene geheime Anweisungen übermittelt hatte, um Bau-yü zu holen und Hsi-jën mit ihm zu bringen. Yüan-yang war nicht lange weggewesen, als Bau-yü hereinkam und mit dem üblichen Soufflieren, seine Pflicht für seinen Vater erfüllte. Glücklicherweise brachte der Anblick seines Vaters ihm für ein paar Momente genügend Klarheit, um ohne große Fehltritte durch die Formalitäten zu kommen. Djia Dschëng lieferte selbst ein paar ermahnende Worte, zu denen sein Sohn nickte. Dann bat Djia Dschëng Hsi-jën, ihn zurück in sein Zimmer zu begleiten, während er selbst in die Gemächer der Dame Wang ging. Dort legte er der Dame Wang nachdrücklich auf, sich des moralischen Wohlverhaltens Bau-yüs während seiner Abwesenheit anzunehmen. „Es soll nicht mehr wie früher weiter verwöhnt werden,“ fügte er hinzu, „er muß sich nun darauf vorbeiten, in die Abschlußprüfung der Provinz für das nächste Jahr zu kommen. Er darf das nicht verpassen.“ Die Dame Wang versicherte ihm, daß sie ihr Äußerstes tun würde und ohne etwas anderes zu erwähnen, schickte sie sofort eine Magd, um Bau-tschai herzuholen. Bau-tschai führte genau den richtigen Ritus auf, den eine neuverheiratete Braut vorführt, wenn sie ihren Schwiegervater verabschiedet und blieb dann im Zimmer, als Djia Dschëng ging. Die anderen Frauen begleiteten ihn so weit wie bis zum zweiten Tor, bevor sie zurückkehrten. Vetter Dschën und die anderen jungen männlichen Djias erhielten ein paar Worte der Ermahnung, tranken einen Abschiedstrunk, und begleiteten ihn, zusammen mit einer Menge anderer Freunde und Verwandte, soweit bis zur Zehnmeilen-Herberge, etwa fünf Kilometer hinter den Stadtmauern, wo sie sich endlich verabschiedeten. Aber nichts mehr über Djia Dschëngs Abreise. Laßt uns zu Bau-yü zurückkehren, der wieder einen Rückfall erlitt als sein Vater ihn verließ. Seine Gedanken wurden immer umnebelter, und er konnte weder essen noch trinken. Ob er diese Krise überlebte oder nicht, wird im nächsten Kapitel enthüllt. 98. Ein leidender Geist kehrt zurück zum Ort der Trennung Und ein genesender Stein weint am Ort vergangener Liebe.

Als er von seinem Vater zurückkehrte, fiel Bau-yü, wie wir gesehen haben, in den schlimmsten Zustand von geistiger Umnachtung überhaupt zurück. Ihm fehlte auch die Energie, sich zu bewegen und wollte nicht einmal essen, sondern ging ins Bett und fiel sofort in einen tiefen Schlaf. Wieder einmal wurde der Arzt gerufen und wieder einmal nahm er Bau-yüs Puls und verschrieb ein Rezept für Medizin, die keine Wirkung zeigte. Er konnte nicht einmal mehr die Menschen um ihn herum erkennen. Und doch, wenn ihm in eine sitzende Position verholfen wurde, konnte er immer noch als jemand durchgehen, der gesund war. Dieser Zustand dauerte ein paar Tage an, bis zum neunten Tag nach der Hochzeit, wann das neuverheiratete Paar traditionsgemäß die Familie der Braut besuchen soll. Würden sie nicht hingehen, wäre Frau Hsüä sehr verletzt. Aber wenn sie mit Bau-yü in seinem derzeitigen Zustand, hingehen würden, was sollten sie da sagen? Sie wußten, daß der Grund der Krankheit in seiner Abhängigkeit von Dai-yü lag. Die Herzoginmutter hätte gerne reinen Tisch gemacht und es Frau Hsüä erzählt. Aber sie fürchtete, daß auch dies Verletzung und Mißstimmung bringen würde. Es war auch schwierig für sie, irgendein Trost für Bau-tschai zu sein, die in einer schwierigen Lage war, als neues Mitglied der Familie Djia. So ein Trost konnte nur von einem Besuch bei der Mutter des Mädchens gespendet werden, was schwierig wäre, wenn sie sie bereits verletzt hätten, indem sie den neunten Tag nicht feierten. Es mußte durchgezogen werden. Die Herzoginmutter teilte ihre Gedanken darüber der Dame Wang und Hsi-fëng mit: „Es ist nur Bau-yüs Kopf, der gegenwärtig angegriffen ist. Ich glaube nicht, daß ihm ein kleiner Ausflug schaden könnte. Wir müssen zwei kleine Sänften vorbereiten und eine Magd schicken, um sie zu unterstützen. Sie können durch den Garten gehen. Wenn der neunte Tag einmal richtig gefeiert wurde, können wir Frau Hsüä bitten, herüberzukommen und Bau-tschai zu trösten, während wir unser Bestes geben, um Bau-yüs Gesundheit wiederherzustellen. Beide werden davon profitieren.“ Die Dame Wang stimmte zu und begann sofort, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Buddha sei Dank war Bau-tschai eine unerfahrene Braut und Bau-yü in einem geistesschwachen Zustand, so daß beide einfach zu manipulieren waren. Bau-tschai kannte nun die volle Wahrheit, und gab in ihren Gedanken ihrer Mutter die Schuld für diese dumme Entscheidung. Aber nun, da die Dinge soweit waren, sagte sie nicht viel dazu. Als Frau Hsüä selbst Bau-yüs erbärmlichen Zustand sah, begann sie zu bedauern, jemals ihr Einverständnis gegeben zu haben, und wollte nur alles schnell erledigt haben, um nach außen die Normalität zu wahren. Als sie nach Hause zurückkehrten, schien Bau-yüs Zustand schlimmer zu werden. Am nächsten Tag konnte er nicht einmal aufrecht im Bett sitzen. Dieser Verfall verschlimmerte sich täglich, bis er sogar keine Flüssigkeit mehr zu sich nehmen konnte. Frau Hsüä war da und sie und die anderen Damen durchkämmten in ihrer rasenden Verzweiflung die Stadt nach bedeutenden Ärzten, ohne einen zu finden, der die Krankheit diagnostizieren konnte. Endlich entdeckten sie einen heruntergekommenen Arzt namens Bi Dschï-an, der außerhalb der Stadt in einem maroden Tempel logierte. Er diagnostizierte die Krankheit als einen schweren Fall eines emotionalen Schocks von Freude und Trauer, erschwert durch die Verfehlung, sich nicht in Einklang mit den Jahreszeiten gekleidet und unregelmäßig gegessen zu haben, mit konsequenter Anstauung von Zorn und der Blockierung der gesunden Lebensenergie und der Gemütsverfassungen. Kurz, innere Verletzung, die sich in äußeren Symptomen äußert. Er verschrieb ein Rezept, welches mit seiner Diagnose übereinstimmte. Es wurde an diesem Abend verabreicht. Nach elf Uhr abends zeigte es Wirkung. Bau-yü begann Zeichen des Bewußtseins zu zeigen und bat um ein Glas Wasser. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und all die anderen Damen versammelten sich um das Krankenbett und fühlten, daß sie endlich eine kurze Atempause von ihrer Nachtwache nehmen konnten, und Frau Hsüä wurde eingeladen, Bau-tschai zu den Gemächern der Herzoginmutter mitzubringen, um dort eine Weile auszuruhen. Sein kurzer Anfall von Klarheit erlaubte es Bau-yü, die Schwere seiner Krankheit zu erkennen. Als die anderen gegangen waren und er mit Hsi-jën alleine war, rief er sie an seine Seite, nahm sie an die Hand und sagte voller Tränen: „Bitte sage mir, wieso Kusine Bau-tschai hier ist? Ich erinnere mich, daß mein Vater mich mit Kusine Dai-yü verheiraten wollte. Warum mußte sie kommen? Warum hat Kusine Bau-tschai ihren Platz eingenommen? Sie hat kein Recht hier zu sein! Ich würde ihr das gerne sagen, aber ich will sie nicht verletzen. Wie hat es Kusine Dai-yü aufgenommen? Ist sie sehr wütend?“ Hsi-jën traute sich nicht, ihm die Wahrheit zu sagen, und sagte bloß: „Fräulein Dai-yü ist krank.“ „Ich muß gehen und sie sehen“, sagte Bau-yü. Er wollte aufstehen, aber die Tage ohne Essen und Trinken hatten seine Kräfte so geschwächt, daß er sich nicht länger bewegen konnte, sondern nur bitter weinen und sagte: „Ich weiß, daß ich sterben werde! Da geht mir etwas durch den Kopf, etwas sehr Wichtiges, von dem ich will, daß du es Großmutter für mich erzählst. Kusine Dai-yü und ich sind beide krank. Wir sind beide am Sterben. Wenn zwei Kranke an verschiedenen Orten sterben, ist es doch schwer zu organisieren, wenn beide sterben. Es wird zu spät sein, uns zu helfen, wenn wir tot sind; aber wenn sie jetzt ein Zimmer für uns vorbereiten und wenn sie uns dorthin bringen, bevor es zu spät ist, so können wir wenigstens zusammen vom Arzt behandelt werden, dort zusammen auf den Tod warten. Tu das für mich, um unserer Freundschaft willen!“ Hsi-jën fand diese Bitte zugleich verstörend, komisch und bewegend. Bau-tschai, die zufällig mit Ying-örl vorbei ging, hörte jedes Wort und tadelte ihn sofort: „Anstatt dich auszuruhen und zu versuchen, wieder gesund zu werden, machst du dich noch kränker mit diesem düsteren Gerede! Großmutter hat kaum einen Moment aufgehört, sich um dich zu sorgen, und du hinterläßt hier noch mehr Ärger für sie. Sie ist nun über achtzig und lebt inzwischen nicht mehr dafür, daß du eine Beamtenkarriere machst, aber wenigstens kannst du ihr, indem du ein erwachsener Mensch wirst, alles zurückzahlen, was sie deinetwillen erlitten hat. Und ich möchte nicht einmal die Qualen erwähnen, die deine Mutter aushielt, als sie dich erziehen mußte. Du bist der einzige Sohn, den sie noch hat. Wenn du sterben solltest, denke daran, wie sie leiden würde! Und ich, ich habe zwar ein bescheideneres Schicksal, aber so habe ich es auch nicht verdient; du mußt ja keine Witwe aus mir machen. Aus diesen drei guten Gründen wird dich, selbst wenn du sterben willst, der Himmel nicht sterben lassen. Nach vier oder acht Tagen angemessener Ruhe und Behandlung, wird deine Krankheit vergehen, und deine Lebensgeister werden wiederhergestellt sein, und deine Krankheit wird verschwunden sein.“ Für eine Weile konnte Bau-yü keine gute Antwort ersinnen. Endlich lachte er dumm und sagte: „Nachdem du so lange nicht mit mir gesprochen hast, stehst du hier und hältst mir einen Vortrag. Du kannst dir deine Worte sparen.“ Bei dieser Antwort war Bau-tschai ermutigt, noch einen Schritt weiterzugehen, und sie sagte: „Laß mich dir dann die volle Wahrheit sagen. Vor wenigen Tagen, während du bewußtlos warst, starb Kusine Dai-yü.“ Mit einer plötzlichen Bewegung setzte sich Bau-yü auf und schrie entsetzt: „Ist sie wirklich tot?“ „Ist sie. Würde ich über so etwas lügen? Großmutter und Mutter wußten, wie wichtig ihr beide euch ward und wollten es dir nicht sagen, weil sie Angst hatten, daß du auch sterben würdest, wenn sie es täten.“ Bau-yü begann hemmungslos zu heulen und warf sich zurück in sein Bett. Plötzlich war vor seinen Augen alles schwarz. Er konnte nicht sagen, wo er war, und begann, sich sehr verloren zu fühlen, als er dachte, er würde einen Mann auf sich zu gehen sehen und ihn in verwirrtem Ton fragen: „Wären Sie so freundlich mir zu sagen, wo ich bin?“ – „Dies“, antwortete der Fremde, „ist der Weg zu den Quellen der Unterwelt, „deine Zeit ist noch nicht gekommen. Was führt dich her?“ – „Ich habe gerade vom Tod meiner Freundin erfahren und war gekommen, um sie zu finden. Aber ich scheine mich verlaufen zu haben.“ – „Wer ist deine Freundin?“ – „Lin Dai-yü aus Sudschou.“ Der Mann schenkte ihm ein kaltes Lächeln: „Im Leben war Lin Dai-yü keine normale Sterbliche, und im Tod wurde sie kein normaler Schatten. Eine normale Sterbliche hat zwei Seelen, welche sich bei der Geburt für den physischen Rahmen verbinden und beim Tod auflösen, um sich wieder ihrer kosmischen Strömung anzuschließen. Wenn du die Unmöglichkeit betrachtest, normale Menschen in der Unterwelt zu suchen, wirst du erkennen, was für eine aussichtslose Aufgabe es ist, Lin Dai-yü zu suchen. Du kehrst besser sofort zurück.“ Nachdem er für einen Moment gedankenverloren da stand, fragte Bau-yü wieder: „Aber wenn Sie sagen, daß der Tod eine Auflösung ist, wie kann es dann einen Platz wie die Unterwelt geben?“ – „Den gibt es, wenn du sagst, daß es ihn gibt“, antwortete der Mann mit einem überlegenen Lächeln, „sagst du, es gäbe ihn nicht, so gibt es ihn nicht. Es ist eine Belehrung, ersonnen, um die Menschheit vor ihrer blinden Bindung an die Idee von Leben und Tod zu warnen. Der oberste Zorn erhebt sich durch die menschliche Dummheit in allen Formen – ob es das exzessive Bestreben ist, frühreife Begierde nach Selbstmord oder aussichtslose Selbstzerstörung durch Prasserei und ein Leben der maßlosen Gewalt. Die Hölle ist ein Ort, wo die Seelen, sowie diese gefangen sind, gezwungen werden, zahllose Qualen zu erleiden, um Buße für ihre Sünden tun. Diese Suche von dir nach Lin Dai-yü ist eine Falle, in die du nicht tappen darfst. Dai-yü kehrte zurück zum Land der Illusion und, wenn du sie wirklich finden willst, mußt du deine Gedanken beherrschen und deine spirituelle Natur stärken. Dann wirst du sie eines Tages wiedersehen. Aber wenn du nicht in dein normales Leben zurückkehrst, sondern des frühen Selbstmordes schuldig wirst, wirst du in die Hölle gesperrt. Und dann, obwohl es dir erlaubt sein wird, deine Eltern zu sehen, wirst du sicherlich nicht Dai-yü wiedersehen.“ Als der Mann zu Ende gesprochen hatte, holte er einen Stein aus dem Inneren seines Ärmels und warf ihn auf Bau-yüs Brust. Die Worte, die er gesprochen hatte und der Aufprall des Steins, als er auf seiner Brust landete, versetzten Bau-yü zusammen so einen Schrecken, daß er sofort nach Hause zurückgegangen wäre, wenn er nur gewußt hätte, welchen Weg er nehmen mußte. In dieser Verwirrung hörte er plötzlich eine Stimme und, als er sich umdrehte, sah er die Figuren der Herzoginmutter, der Dame Wang, Bau-tschai, Hsi-jën und von seinen anderen Mägden, in einem Kreis um ihn stehend, weinend und seinen Namen rufend. Er lag nun in seinem eigenen Bett. Die rote Lampe stand auf seinem Beistelltisch. Der Mond schien leuchtend durch das Fenster. Er war wieder zurück in seiner bunten, prächtigen Welt. Ein kurzer Moment des Nachdenkens sagte ihm, daß das, was er gerade erlebt hatte, ein Traum gewesen war. Er war in kaltem Schweiß gebadet. Obwohl sich sein Kopf seltsam klar anfühlte, verschlimmerte das Denken nur sein Gefühl der hilflosen Trostlosigkeit, und er stieß ein paar schwere Seufzer aus. Bau-tschai hatte von Dai-yüs Tod seit mehreren Tagen gewußt. Während die Herzoginmutter den Mägden verboten hatte, es ihm zu erzählen, aus Angst vor einer weiteren Verschlimmerung seiner Krankheit, dachte sie, sie wüßte es besser. Im Bewußtsein, daß es Dai-yü war, die die Wurzel seiner Krankheit war, und daß der Verlust seiner Jade nur ein zweitrangiger Faktor war, ergriff sie die Gelegenheit um die Wahrheit zu erzählen, damit der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte und es nur wieder besser werden, sein Geist zurückfinden und er wieder gesund werden konnte. Die Herzoginmutter, die Dame Wang und die anderen, hatten keine Ahnung von Bau-tschais Absichten und tadelten sie zunächst für ihren Mangel an Vorsicht. Aber als sie sahen, daß Bau-yü sein Bewußtsein wiedererlangte, waren sie erleichtert und gingen sofort zur Bibliothek, um den Arzt Bi hereinzubitten, damit er seinen Patienten wieder untersuchen konnte. Der Doktor nahm vorsichtig seinen Puls. „Wie seltsam!“, rief er. „Sein Puls ist tief und ruhig, sein Geist still, die Beengung zerstreut. Morgen muß er eine regulierende Medizin nehmen, welche ich verschreibe, und dies sollte eine schnelle und vollständige Genesung hervorrufen.“ Der Arzt ging, und die Damen kehrten alle in erleichterter Stimmung zu ihren Gemächern zurück. Obwohl Hsi-jën Bau-tschai die Art sehr übelnahm, wie sie die Nachricht verraten hatte, traute sie sich nicht, es zu sagen. Ying-örl, auf der anderen Seite, rügte ihre Herrin im Vertrauen dafür, daß sie, wie sie sagte, zu ungeduldig war. „Du weißt doch nicht, was gut und was schlecht ist!“, erwiderte Bau-tschai scharf, „überlaß das mir!“ Bau-tschai ignorierte die Meinungen und Kritiken von denen um sie herum, fuhr fort, ein wachsames Auge auf Bau-yüs Fortschritt zu halten und erforschte seine Krankheit wie ein Akupunkturist mit einer Nadel. Eines Tages begann er eine leichte Verbesserung in sich selbst zu fühlen, obwohl seine geistige Ausgeglichenheit noch immer leicht durch den kleinsten Gedanken an Dai-yü gestört werden konnte. Hsi-jën war stets an seiner Seite, mit solchen Worten des Trostes, wie: „Der Herr hat Fräulein Bau-tschai als ihre Braut gewählt, weil sie von vertrauenswürdigerer Natur ist. Er dachte, daß Fräulein Dai-yü zu schwierig und temperamentvoll für ihn wäre, und außerdem war dort immer die Angst, daß sie nicht lange leben würde. Dann, später, hatte die Herzoginmutter die Sorge, daß Sie nicht wüßten, was das Beste für Sie war. Sie hatte auch Angst, daß Sie sich während Ihrer Krankheit noch weitere Sorgen machten. Also bat sie Hsüä-yän herüber zu kommen, um zu versuchen die Dinge für Sie einfacher zu machen.“ Dies trug nicht dazu bei, seine Trauer zu verringern, und er weinte oft untröstlich. Aber jedes Mal, wenn er daran dachte, seinem Leben ein Ende zu setzen, erinnerte er sich an die Worte des Fremden in seinem Traum; und dann dachte er an das Elend, das sein Tod seiner Mutter und seiner Groß-mutter bringen würde, und wußte, daß er sich nicht von ihnen losreißen konnte. Er dachte auch darüber nach, daß Dai-yü tot war und daß Bau-tschai auf ihre Art eine feine Dame war; da mußte nach allem etwas Wahres an dem Bund von Gold und Jade sein. Dieser Gedanke beruhigte seinen Geist ein wenig. Bau-tschai konnte sehen, daß sich die Dinge verbesserten und infolgedessen ging es ihr auch selbst besser. Jeden Tag absolvierte sie peinlich genau ihre Pflichten gegenüber der Herzoginmutter und der Dame Wang, und wenn diese fertig waren, tat sie alles, was sie konnte, um Bau-yüs Trauer zu heilen. Er war noch immer nicht fähig, für lange Zeit aufrecht zu sitzen, aber oft, wenn er sie an seinem Bett sitzen sah, schien seine alte Krankheit wieder auszubrechen. Sie versuchte auf eine ernste Art, ihn zu heilen und sagte: „Das Wichtigste ist, auf deine Gesundheit zu achten. Nun, da wir verheiratet sind, haben wir noch ein ganzes Leben miteinander vor uns.“ Er hörte ihrem Rat nur widerstrebend zu, aber da seine Großmutter, seine Mutter, Frau Hsüä und alle anderen abwechselnd während des Tages auf ihn aufpaßten und da Bau-tschai allein in einem angrenzenden Zimmer schlief und er nachts von ein oder zwei Mägden der Herzoginmutter bewacht wurde, blieb ihm keine andere Wahl, als sich auszuruhen und schnell wieder gesund zu werden. Und als die Zeit verging und Bau-tschai sich als eine sanfte und ergebene Freundin herausstellte, spürte er, daß ein kleiner Teil seiner Liebe zu Dai-yü sich auf sie übertrug. Aber dies gehört zu einem späteren Teil unserer Geschichte. Kehren wir zum Hochzeitstag von Bau-yü zurück. Dai-yü, wie es zu erinnern gilt, hatte ihr Bewußtsein verloren, während es noch hell war, und ihr Leben hing an einem seidenen Faden. Ihr schwaches Atmen und das bedenkliche Herzklopfen ließen Li Wan und Dsï-djüan verzweifelt heulen. Am Abend jedoch schien es ihr besser zu gehen. Sie öffnete kraftlos ihre Augen, und schien nach Wasser oder Medizin zu fragen. Hsüä-yän war bereits gegangen, und nur Li Wan und Dsï-djüan waren an ihrer Bettseite. Dsï-djüan brachte ihr eine kleine Tasse Birnensaft gemischt mit einem Sud von Drachenaugenfrüchten, und fütterte sie mit zwei oder drei kleinen Silberlöffeln davon. Dai-yü schloß ihre Augen und ruhte für eine Weile. Ihr Bewußtsein flackerte manchmal für einen Moment in ihr auf, dann verschwand es wieder. Li Wan erkannte diesen friedlichen Zustand als das letzte schwache Aufbäumen der Sterbenden, aber sie dachte, das Ende würde erst in ein paar Stunden kommen und kehrte deshalb kurz zum Duftreisdorf zurück, um sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern. Dai-yü öffnete wieder ihre Augen. Sie sah niemanden im Zimmer außer Dsï-djüan und ihre alte Amme und ein paar der anderen jüngeren Mädchen, sie packte Dsï-djüans Hand und sagte mit großer Anstrengung: „Ich bin am Ende! Nach den Jahren, die du damit verbracht hast, mir alles zu geben, was ich brauche, hatte ich gehofft, wir beide könnten immer zusammen sein. Aber nun...“ Sie brach ab, nach Atem keuchend, schloß ihre Augen und lag ruhig, erfaßte fest Dsï-djüans Hand. Dsï-djüan traute sich nicht, sich zu bewegen. Sie hatte gedacht, daß Dai-yü so viel besser aussah, hatte sogar gehofft, sie könnte nach allem noch durchkommen; aber diese Worte liefen ihr kalt über den Rücken. Nach einer langen Pause, sprach Dai-yü wieder: „Schwester Dsï-djüan! Ich habe keine eigene Familie hier. Mein Körper ist rein: versprich mir, sie zu bitten, mich zu Hause zu begraben!“ Sie schloß wieder ihre Augen und war still. Ihr Griff festigte sich noch mehr um Dsï-djüans Hand, und sie wurde von einem erneuten Krampf der Atemlosigkeit erfaßt. Als sie wieder atmen konnte, atmete sie länger aus und kürzer und schwächer ein. Die Atemzüge wurden so schnell, daß Dsï-djüan sehr aufgeregt wurde, und sie schickte sofort nach Li Wan. Tan-tschun kam zufällig genau in diesem Moment an. Dsï-djüan flüsterte dringlich zu ihr: „Fräulein! Kommen sie und schauen sie sich Fräulein Dai-yü an!“ Als sie sprach, fielen ihre Tränen herunter wie Regentropfen. Tan-tschun kam herüber und fühlte Dai-yüs Hand. Sie war bereits kalt, und ihre Augen glasig und offenbar leblos. Tan-tschun und Dsï-djüan weinten, als sie die Anweisungen gaben, Wasser zu holen, um Dai-yü zu waschen. Nun kam Li Wan hereingeeilt, sie, Tan-tschun und Dsï-djüan sahen einander an, aber waren zu erschrocken, um ein Wort zu sagen. Sie begannen Dai-yüs Gesicht mit einem Lappen zu waschen, als diese plötzlich mit lauter Stimmer schrie: „Bau-yü! Bau-yü! Wie konntest du ...“ Ihr ganzer Körper brach in kalten Schweiß aus, und sie konnte nichts mehr sagen. Sie versuchten, sie zu beruhigen und zu unterstützen. Sie schwitzte mehr als reichlich, und ihr Körper wurde um Grade kälter. Tan-tschun und Li Wan sagten den Mädchen, sie sollten ihr Haar hochstecken und ihr die Begräbniskleidung anziehen, und sie sollten schnell damit sein. Ihre Augen rollten nach oben. Exitus. Ihre wohlriechende Seele löste sich auf, schwebte auf der Brise, Ihre Sorgen waren nun Fäden, die nach Mitternacht in die Träume flossen. Der Moment, indem Dai-yü ihren letzten Atemzug tat, war genau der Moment, indem Bau-yü Bau-tschai zu seiner Frau nahm. Dsï-djüan und Dai-yüs andere Mägde begannen zu jammern und zu klagen. Li Wan und Tan-tschun erinnerten sich an die vergangene Zuneigung zu ihr – eine Erinnerung noch ergreifender gemacht durch die einsamen Umstände ihres Todes, und auch sie weinten viele bittere und innige Tränen. Die neuen Gemächer von Bau-yü waren weit weg, und die Gäste hörten nichts von ihrem Wehklagen, aber in der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, in einer kurzen Pause der Ruhe zwischen ihrem Klagen, hörten sie eine schwache Melodie in der Ferne. Sie lauschten hinterher, um sie zu hören, aber sie war schon wieder weg. Tan-tschun und Li Wan gingen hinaus in den Garten, um wieder zu lauschen, aber alles, was sie hören konnten, war das Rascheln der Bambusbäume. Das Mondlicht warf einen schwankenden Schatten auf die Wand. Es war eine unheimliche, einsame Nacht. Gerade schickten sie nach Lin Dschï-hsiaus Frau. Sie hatte Dai-yü vernünftig zurechtgemacht. Die Mägde wurden angewiesen, die Leiche die ganze Nacht zu bewachen. Früh am nächsten Morgen berichteten sie Hsi-fëng von ihrem Tod, die nun in ein akutes Dilemma gedrängt wurde: Die Her­zo-

Aus: Jinyuyuan 1889b. gin­mutter und die Dame Wang waren beide sehr beschäftigt und verzweifelt, Djia Dschëng war dabei, abzureisen, Bau-yü war schwachsinniger denn je; wenn sie ihnen jetzt die schlechten Nachrichten erzählen würde, hatte sie Angst um die Gesundheit der Herzoginmutter und der Dame Wang. Sie waren bereits mit so vielen Sorgen beladen und könnten dem Schock vielleicht nicht gewachsen sein. So entschied sie sich, selbst zum Garten zu gehen. Als sie an der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß ankam und hineinging, konnte sie sich nicht helfen und weinte. Sie sprach mit Li Wan und Tan-tschun und erfuhr, daß alle richtigen Vorbereitungen getroffen worden waren, um sie aufzubahren. „Gut“, sagte sie und gewann ihren forschen Ton in der Stimme zurück: „Aber ich wünschte, ihr hättet es mir früher gesagt. Ich war so besorgt.“ – „Wie hätten wir?“, antworteten sie. „Herr Dschëng reiste gerade ab.“ „Vielleicht war es aufmerksam von dir“, sagte Hsi-fëng nachdenklich. „Nun, ich muß zurückgehen und die andere Hälfte dieses liebeskranken Paares besuchen. Ich weiß wirklich nicht, was ich am besten machen soll. Ich sollte es ihnen heute sagen. Aber wenn ich es tue, fürchte ich, daß es zu viel für Großmutter sein könnte.“ – „Tu, was du für richtig hältst“, sagte Li Wan. Hsi-fëng nickte und eilte zurück. Sie kam an, um den Arzt bei Bau-yü vorzufinden. Weil sie hörte, daß er sagte, sein Zustand sei nun sorgenfrei, und sie sah, daß die Herzoginmutter und die Dame Wang deshalb ruhiger waren, entschied sie sich, es ihnen ohne weitere Verzögerung zu sagen. Sie brachte ihnen die Neuigkeit so schonend wie möglich bei, an einem Ort, wo es keine Chance für Bau-yü gab, es zu hören. Die Nachrichten hatten eine erschütternde Wirkung, und die Herzoginmutter brach in Tränen aus. „Ich bin schuld! Ich habe ihr das angetan! Aber warum mußte sie so eigensinnig und dumm sein?“ Sie wollte in den Garten gehen, um zu trauern, war aber zwischen ihrer Trauer und der Sorge um Bau-yü hin- und hergerissen. Die Dame Wang und die anderen versuchten alle, sie davon abzubringen, indem sie ihre eigene Trauer so gut wie möglich zurückhielten und sagten: „Du solltest nicht gehen, Mutter. Du mußt auf dich selbst aufpassen.“ Die Herzoginmutter unterwarf sich ihrem Rat und mußte sich damit abfinden, die Dame Wang an ihrer Stelle zu schicken. „Gib ihrem Geist diese Nachricht von mir. Sag’ ihr: ,Es ist nicht, weil ich hartherzig bin, daß ich mich nicht von dir verabschiedet habe, sondern weil mein Enkelsohn mich hier braucht. Du bist das Kind meiner Tochter, ich weiß. Aber Bau-yü ist ein Djia, und ich kann ihn jetzt nicht verlassen. Wenn ich es tun würde und er sterben würde, wie würde ich seinem Vater jemals wieder ins Gesicht blicken können?‘ “ Die Herzoginmutter weinte wieder. Die Dame Wang versuchte sie zu trösten. „Wir wissen alle, wie sehr du Fräulein Dai-yü geliebt hast, Mutter. Aber das Schicksal hatte für sie einen frühen Tod bestimmt. Sie ist nun tot und es gibt nichts mehr, was wir für sie tun können, außer, daß wir ihr die bestmögliche Beerdigung geben. Das wird wenigstens ein Ausdruck unserer Liebe für sie sein und wird ihr etwas Friede für den verstorbenen Geist sein und den ihrer lieben Mutter.“ Diese Worte lösten bei der Herzoginmutter einen neuen und noch herzzerreißenderen Tränenausbruch aus. Hsi-fëng war besorgt, daß sie ihrer Gesundheit durch dieses Übermaß an Trauer schaden könnte und entschied sich, weil sie wußte, daß Bau-yü vernebelt war, für die Notlüge, daß Bau-yü drüben nach ihr rufen würde. Die Herzoginmutter hörte sofort auf zu weinen und fragte: „Liebe Güte! Warum?“ Hsi-fëng lächelte schmeichelnd: „Es gibt keinen Grund. Er vermißt vielleicht nur seine Großmutter.“ Die Herzoginmutter legte sofort eine Hand auf Dschën-dschus Schulter und ging fort, begleitet von Hsi-fëng. Sie waren auf halbem Wege zu Bau-yüs Gemächern, als sie die Dame Wang trafen, wie sie von der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurückkehrte. Sie gab einen kurzen Bericht ihrer Mission, den die Herzoginmutter sehr bewegend fand. Aber sie war fest entschlossen, Bau-yü zu besuchen, mußte ihren Tränen trocknen und ihre Trauer zurückhalten. „Nachdem du jetzt dort gewesen bist und alles in Ordnung ist, werde ich nicht selbst hingehen, sondern alles dir überlassen. Es würde mich zu traurig machen, sie zu sehen. Ich werde mich auf dich verlassen, daß die Dinge ordentlich geregelt werden.“ Die Dame Wang und Hsi-fëng antworteten, daß sie sehr recht damit habe, dies zu tun, und verließen sie auf ihrem weiteren Weg zu Bau-yü. Als sie ihn sah, fragte sie: „Was wolltest du von mir?“ Er lächelte matt und sagte: „Gestern Abend sah ich Kusine Dai-yü, und sie sagte mir, daß sie zurück in den Süden gehen werde. Ich habe gedacht, daß hier niemand sei, der sie überreden könnte zu bleiben, außer dir, Großmutter. Tust du es, um meinetwillen?“ – „Natürlich, tue ich das“, antwortete die Herzoginmutter, „mach’ dir keine Sorgen!“ Hsi-jën half Bau-yü sich wieder hinzulegen, und die Herzoginmutter ging in Bau-tschais Gemach. Das war, bevor Bau-tschai den neunten Tag feierte, und sie fühlte sich immer noch sehr schüchtern in ihrer neuen Umgebung. Als die Herzoginmutter hereinkam, sah sie, daß das Gesicht der alten Dame naß von Tränen war. Sie gab ihr eine Tasse Tee. Danach bat die Herzoginmutter sie, sich zu setzen, was sie mit großer Zurückhaltung tat, sie setzte sich an ihre Seite und fragte: „Ich hörte, daß Kusine Dai-yü krank gewesen ist. Ich hoffe, es geht ihr jetzt besser.“ Tränen begannen aus den Augen der Herzoginmutter zu strömen. „Mein Kind! Wenn ich es dir sage, mußt du versprechen, es nicht Bau-yü zu sagen. Es ist nur wegen deiner Kusine Dai-yü, daß du so leiden mußt. Aber nun, da du Bau-yüs Braut bist, muß ich dir die Wahrheit sagen. Deine Kusine Dai-yü ist nun schon zwei, drei Tage tot. Sie starb genau zu der Zeit, als ihr geheiratet habt.