Hongloumeng/de4/Chapter 1
第一回 / Kapitel 1
甄士隐梦幻识通灵
贾雨村风尘怀闺秀
In dem Wahrheitsverberger Echt [甄士隐][1] im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit versteht und Regendorf Kaufmann [贾雨村][2] sich im Staub der Welt in eine Schönheit verliebt
Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei genauerer Betrachtung tiefen Reiz. Lasst mich, den Erzähler, seine Herkunft darlegen, damit die Leser alles klar verstehen und keinen Zweifel hegen.
Einst schmolz die Göttin Nüwa Steine, um den Himmel zu flicken. Am Berg der Großen Öde[3], an der Klippe des Grundlosen, schmiedete sie insgesamt 36.501 mächtige Steine, zwölf Zhang hoch und vierundzwanzig Zhang breit. Die Göttin verwendete davon nur 36.500 Stück und ließ einen einzigen übrig, den sie am Fuße des Grünen Gipfels dieses Berges liegen ließ. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er die Läuterung durch das Feuer durchlaufen hatte, bereits geistiges Wesen erlangt hatte! Als er sah, dass alle anderen Steine zum Flicken des Himmels auserwählt worden waren und er allein als untauglich zurückgeblieben war, beklagte und bemitleidete er sich Tag und Nacht voller Kummer und Scham.
Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen taoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt zu plaudern. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die Welt des roten Staubs der Sterblichen mitnehmen könntet, um dort einige Jahre lang Reichtum und Zärtlichkeit zu genießen, so wäre ich Euch auf ewig dankbar und würde es in zehntausend Ewigkeiten nicht vergessen." Die beiden unsterblichen Meister lachten gutmütig und sprachen: „Gut, gut! In jener roten Staubwelt gibt es zwar manches Vergnügen, doch nichts davon währt ewig. Zudem sind da die acht Zeichen: ‚Im Schönen liegt stets ein Makel, und guten Dingen stellen sich viele Hindernisse in den Weg', die stets beieinander stehen. Im Nu schlägt höchste Freude in tiefes Leid um, die Menschen vergehen und die Dinge wandeln sich. Letzten Endes ist alles nur ein Traum, und alle Welten kehren in die Leere zurück. Es wäre besser, nicht zu gehen." Doch das irdische Verlangen des Steins loderte bereits mächtig, wie hätte er da noch auf diese Worte hören können. So flehte er abermals und abermals. Die beiden Unsterblichen, die wussten, dass man ihn nicht zwingen konnte, seufzten und sprachen: „Dies ist wohl die Bestimmung – aus äußerster Stille entsteht Bewegung, aus dem Nichts wird Sein. Da es so ist, nehmen wir dich mit, damit du den Genuss erfahren kannst. Nur wenn es dann einmal nicht nach deinem Wunsch gehen sollte, so bereue es nicht!" Der Stein antwortete: „Gewiss, gewiss!" Da sprach der Mönch: „Was deine Natur betrifft, so bist du zwar nicht ohne Geist, doch von so plumper Gestalt und ohne besondere Kostbarkeit – so kannst du dich allenfalls auf die Zehenspitzen stellen, ohne je hinüberzublicken. Nun gut, ich will jetzt große Buddhakunst wirken und dir helfen. Wenn der Tag der Vergeltung gekommen ist, wirst du in deine ursprüngliche Gestalt zurückkehren und diesen Fall beschließen. Was sagst du dazu?" Der Stein war unendlich dankbar. Daraufhin sprach der Mönch Beschwörungen, zeichnete Talismane und entfaltete seine Zauberkünste. Den großen Stein verwandelte er augenblicklich in ein Stück strahlend schönen, leuchtend klaren Jade, verkleinerte ihn auf die Größe eines Fächeranhängers, den man am Körper tragen konnte. Der Mönch hielt ihn auf seiner Handfläche und lachte: „Was die Form angeht, bist du nun wohl ein Juwel, doch fehlte dir noch ein wirklicher Vorzug. Man müsste einige Zeichen eingravieren, damit die Menschen auf den ersten Blick erkennen, dass du etwas Besonderes bist. Dann kann ich dich in jenes Land des Wohlstands und Glanzes bringen, in jene Familie von Dichtung und Adel, an jenen Ort blühender Pracht und zärtlichen Reichtums, damit du dort in Frieden und Freude leben kannst." Als der Stein das hörte, konnte er seine Freude kaum fassen und fragte: „Was für wunderbare Gaben wollt Ihr mir verleihen? Und an welchen Ort wollt Ihr mich bringen? Bitte verratet es mir, damit Euer Schüler nicht im Unklaren bleibt." Der Mönch lachte: „Frage nicht, die Zeit wird es zeigen." Mit diesen Worten steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging zusammen mit dem Priester davon, und niemand wusste, wohin sie zogen.
Später, nach wer-weiß-wieviel Zeitaltern und Weltperioden, durchwanderte ein taoistischer Priester namens Leere-des-Leeren Berge und Täler auf der Suche nach dem Weg und der Unsterblichkeit, als er zufällig am Fuße des Grünen Gipfels am Berg der Großen Öde vorbeikam. Dort erblickte er einen großen Stein, auf dem deutlich Schriftzeichen zu lesen waren, die eine wohlgeordnete Geschichte erzählten. Der Priester Leere-des-Leeren las sie von Anfang an durch und erkannte, dass es die Geschichte jenes untauglichen Steines war, der nicht zum Flicken des Himmels getaugt hatte, in irdische Gestalt verwandelt und vom Erhabenen Mönch der Weiten Leere und dem Wahren Unsterblichen der Nebelhaften Ferne in die Welt des roten Staubs der Sterblichen getragen worden war, wo er alle Wechselfälle von Trennung und Wiedersehen, Freude und Leid, Hitze und Kälte durchlebte. Am Ende stand ein Vers:
Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! Dies ist die Geschichte vor und nach dem Gang durch die Welt – Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung?
Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche Kleinigkeiten aus den Frauengemächern beschrieben, auch Gedichte und Verse fanden sich vollständig; doch Dynastie und Jahreszahl, Geographie und Staatswesen waren verloren gegangen und nicht mehr feststellbar.
Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji[4]. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen."
Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch, wenn nicht hochtrabend literarisch, dann moralisierend. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht als den Gestalten früherer Bücher überlegen zu bezeichnen, doch die wahre Begebenheit kann gewiss der Langeweile abhelfen, und es finden sich auch einige holprige Verse und alltägliche Sprüche, über die man beim Essen lachen und die man beim Wein genießen kann. Was Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich genau den Spuren der Wirklichkeit, ohne auch nur das Geringste hinzuzuerfinden. Die Menschen von heute – die Armen werden täglich von Nahrung und Kleidung bedrückt, die Reichen sind nie zufrieden, und selbst wenn sie einmal einen Augenblick Muße haben, verfallen sie der Wollust und Habgier. Wo sollten sie die Zeit finden, Bücher über Staatskunst zu lesen? Darum möchte ich mit meiner Geschichte weder Bewunderung erregen noch unbedingt die Gunst der Leser gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass sie in Stunden der Trunkenheit oder Müdigkeit, oder wenn sie der Welt entfliehen und ihren Kummer vergessen wollen, dieses Werk zur Hand nehmen – wäre das nicht besser als manch andere Zeitverschwendung? Und es würde die Leser auch davon abhalten, eitlen Trugbildern nachzujagen. Was meint Ihr, mein Meister?"
Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins" noch einmal durch. Er fand darin zwar auch Passagen, die die Zeitläufte beklagten und die Welt tadelten, doch war dies keineswegs als Schmähung der Welt gemeint. Wo es um die Pflichten zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn ging, lobte und pries das Werk stets voller Hingabe – wahrlich nicht mit anderen Büchern zu vergleichen. Obwohl sein Hauptthema die Liebe war, handelte es sich doch nur um eine wahrheitsgetreue Aufzeichnung, nicht um erfundene Liebesgelübde und heimliche Schwüre. Da das Werk keinerlei Bezug zu politischen Angelegenheiten nahm, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt als wundersame Überlieferung. Weil er durch die Farbe die Leere erkannte, aus der Leere die Empfindung schöpfte, die Empfindung in die Farbe einführte und aus der Farbe wieder zur Leere gelangte, nannte er sich fortan den „Mönch der Leidenschaft" und benannte den „Bericht des Steins" um in „Aufzeichnungen des Mönches der Leidenschaft". Wu Yufeng[5] gab ihm den Titel „Der Traum der Roten Kammer". Kong Meixi aus dem östlichen Lu nannte es „Der Spiegel von Wind und Mond". Schließlich durchsah Cao Xueqin es im Pavillon des Bedauerns über die Roten während zehn Jahren, strich und ergänzte fünfmal, stellte ein Inhaltsverzeichnis zusammen und teilte es in Kapitel ein, unter dem Titel „Die Zwölf Schönen von Jinling". Er verfasste dazu ein Gedicht:
Seiten über Seiten wilder Wahn, geschrieben unter bitteren Tränen! Alle schelten den Autor einen Narren – doch wer ergründet den verborgenen Sinn?
Als Zhiyanzhai[6] es im Jiaxu-Jahr abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht:
In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu[7], darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen, einem Ort allerersten Ranges an Reichtum und Eleganz in der Welt des roten Staubs. Vor dem Changmen-Tor lag die Zehn-Li-Straße[8], in der Straße die Gasse der Menschenfreundlichkeit, und in der Gasse stand ein alter Tempel, den man wegen der Enge des Platzes allgemein den Kürbistempel nannte. Neben dem Tempel wohnte ein ehemaliger Beamter namens Zhen Fei, mit dem Rufnamen Wahrheitsverberger. Seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Feng[9], war von tugendhaftem und freundlichem Wesen und verstand sich auf Sitte und Anstand. Obwohl die Familie nicht besonders reich war, galt sie in der Gegend als angesehenes Geschlecht. Dieser Wahrheitsverberger Echt war von gelassenem Temperament, er strebte nicht nach Ruhm und Karriere, sondern vergnügte sich täglich mit Blumen und Bambus, Wein und Gedichten – ein wahrer Charakter wie aus dem Reich der Unsterblichen. Nur eines fehlte ihm: Er war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter mit dem Milchnamen Heldenlotus[10], die gerade drei Jahre alt war.
Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß Wahrheitsverberger müßig in seinem Arbeitszimmer. Als seine Hände müde wurden, legte er das Buch beiseite, lehnte sich über den Tisch und ruhte ein wenig. Unmerklich schlummerte er ein und träumte sich an einen Ort, den er nicht zu bestimmen wusste. Da sah er plötzlich einen Mönch und einen Priester herankommen, die im Gehen miteinander sprachen.
Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade eine hübsche romantische Schicksalsverstrickung, die aufgelöst werden muss. All diese romantisch Verstrickten sind noch nicht zur Wiedergeburt in der Menschenwelt eingegangen. Bei dieser Gelegenheit nehme ich dieses plumpe Ding mit, damit es die Welt erleben kann." Der Priester fragte: „Also wird eine neue Schar leidenschaftlicher Schuldner in die Welt hinabsteigen? Wo werden sie wiedergeboren?"
Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses im westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten[11], wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras. Ein Diener namens Göttlicher Jade aus dem Palast des Roten Wolkenschimmers pflegte sie täglich mit süßem Tau zu begießen, so dass die Purpurperlen-Pflanze ihre Lebenszeit verlängern konnte. Nachdem sie die Essenz von Himmel und Erde aufgenommen und die Nahrung von Regen und Tau empfangen hatte, streifte sie ihre pflanzliche Gestalt ab und nahm menschliche Form an – allerdings nur die eines weiblichen Körpers. Fortan wanderte sie jenseits des Himmels des Trennungsschmerzes, stillte ihren Hu [胡州][12]nger mit der Frucht der verborgenen Leidenschaft und löschte ihren Durst mit dem Wasser des genährten Kummers, wenn sie durstig war. Weil sie die Güte der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, trug sie in ihrem Inneren eine endlose Sehnsucht. Als sich nun im Diener Göttlicher Jade eines Tages ein irdisches Verlangen regte, beschloss er, in diese strahlende und friedvolle Welt hinabzusteigen, um sein illusorisches Schicksal zu erleben, und hatte sich bereits bei der Feenkönigin Jinghua angemeldet. Die Feenkönigin hatte auch nach der noch unbeglichenen Schuld der Bewässerung gefragt, und dies bot eine Gelegenheit, sie zu begleichen. Die Purpurperlen-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des süßen Taus erwiesen, doch ich habe kein solches Wasser, um es ihm zurückzugeben. Da er in die Menschenwelt hinabsteigt, will auch ich als Mensch geboren werden und ihm alle Tränen meines ganzen Lebens zurückgeben – damit sollte die Schuld beglichen sein.' Durch diese eine Begebenheit kamen viele leidenschaftliche Schuldner zusammen, um den Fall gemeinsam abzuschließen."
Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen."
Der Priester sprach: „Warum nutzen wir nicht die Gelegenheit und steigen ebenfalls in die Welt hinab, um einige Seelen zu erretten? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?" Der Mönch antwortete: „Genau mein Gedanke! Komm mit mir zum Palast der Feenkönigin Jinghua, damit wir das plumpe Ding ordnungsgemäß übergeben. Wenn all diese leidenschaftlichen Schuldner in die Welt hinabgestiegen sind, können wir ihnen folgen. Zwar ist bereits die Hälfte von ihnen in den Staub der Welt gefallen, doch sind noch nicht alle versammelt."
Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir."
Wahrheitsverberger Echt hatte alles deutlich gehört, verstand aber nicht, was für ein „plumpes Ding" gemeint war. Er konnte nicht umhin, vorzutreten und sie höflich zu grüßen, und fragte lächelnd: „Seid gegrüßt, ihr beiden unsterblichen Meister!" Mönch und Priester erwiderten eilig den Gruß. Wahrheitsverberger sprach: „Soeben hörte ich Euch über Ursache und Wirkung sprechen, Dinge, die man in der Menschenwelt selten erfährt. Doch Euer unwürdiger Schüler ist von beschränktem Verstand und kann nicht alles klar begreifen. Wenn Ihr die Güte hättet, mir alles ausführlich zu erklären, so würde ich aufmerksam zuhören. Könnte mir das auch nur ein wenig zur Erleuchtung verhelfen, so wäre ich den Leiden des Unterliegenden entgangen." Die beiden Unsterblichen lachten: „Dies ist ein himmlisches Geheimnis und darf nicht vorab verraten werden. Wenn die Zeit gekommen ist, vergesst uns beide nicht, dann könnt Ihr dem Feuer entkommen." Wahrheitsverberger wagte nicht weiter zu fragen und sprach lachend: „Das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden, doch Ihr spracht soeben von einem ‚plumpen Ding' – dürfte ich es vielleicht einmal sehen?" Der Mönch erwiderte: „Was dieses Ding betrifft, so besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen euch." Mit diesen Worten nahm er es heraus und reichte es Wahrheitsverberger. Als Wahrheitsverberger es betrachtete, sah er, dass es ein Stück strahlend schönen Jade war, auf dem deutlich die vier Zeichen „Durchdringender Geist-Jade" eingraviert waren, und auf der Rückseite fanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Gerade als er sie genauer betrachten wollte, sagte der Mönch, sie seien am Rand der Illusion angelangt, entriss ihm das Stück Jade und verschwand zusammen mit dem Priester durch ein großes steinernes Tor, auf dem in vier großen Zeichen geschrieben stand: „Land der Großen Leere". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar:
Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts.
Wahrheitsverberger wollte ihnen folgen, doch kaum hatte er den Fuß gehoben, als ein Donnerschlag ertönte, als brächen Berge zusammen und die Erde stürze ein. Wahrheitsverberger schrie laut auf, riss die Augen auf und sah nur die glühende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter – die Hälfte des Traumes war bereits vergessen.
Da sah er seine Amme mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm herankommen. Als er seine Tochter erblickte, die immer hübscher und lieblicher wurde wie ein Geschöpf aus Jade und Puder, streckte er die Arme aus, nahm sie in den Arm und spielte ein Weilchen mit ihr. Dann trug er sie auf die Straße, um die festliche Prozession zu betrachten. Gerade als er sich zum Gehen wandte, sah er von dort einen Mönch und einen Priester kommen – der Mönch kahlköpfig und barfuß, der Priester hinkend und zerzaust –, beide halb verrückt, lachend und gestikulierend. Als sie vor seiner Tür anlangten und Wahrheitsverberger mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und rief: „Guter Mann, warum trägst du dieses Kind ohne Glück auf dem Arm, das seinen Eltern nur Kummer bringt?" Wahrheitsverberger erkannte, dass es verrücktes Gerede war, und beachtete ihn nicht. Der Mönch rief immer wieder: „Gib es mir! Gib es mir!" Wahrheitsverberger verlor die Geduld und wollte sich mit der Tochter zurückziehen, doch der Mönch zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte laut, wobei er vier Verse sprach:
Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! Die Wasserkastanenblüte blickt nur auf Schneegestöber. Hüte dich vor dem Fest der Laternen, Denn dann wird alles zu Rauch und Asche!
Wahrheitsverberger hörte deutlich und zögerte, er wollte nach ihrer Herkunft fragen. Doch da sagte der Priester: „Wir brauchen nicht zusammen zu gehen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht seinen Geschäften nach. In drei Weltperioden erwarte ich dich am Berg Beimang, wenn wir uns treffen, gehen wir gemeinsam zum Land der Großen Leere, um unsere Namen zu streichen." Der Mönch rief: „Wunderbar, wunderbar!" Mit diesen Worten gingen die beiden davon und waren spurlos verschwunden. Wahrheitsverberger dachte bei sich: Diese beiden müssen eine besondere Herkunft haben, ich hätte sie befragen sollen. Doch nun bereue ich es zu spät.
Während Wahrheitsverberger noch in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten aus dem benachbarten Kürbistempel herauskommen. Er hieß Jia, mit dem Vornamen Hua, dem Rufnamen Shifei und dem Beinamen Regendorf. Dieser Regendorf Kaufmann stammte ursprünglich aus Huzhou und entstammte ebenfalls einer Familie von Dichtern und Beamten. Doch da er in einer Zeit des Niedergangs geboren worden war, waren das Vermögen seiner Vorfahren aufgezehrt und die Familie dezimiert, so dass nur er allein übriggeblieben war. Da es für ihn in der Heimat nichts mehr gab, war er nach der Hauptstadt gereist, um dort durch die Prüfungen zu Ruhm zu gelangen und das Familienvermögen wiederherzustellen. Doch seit seiner Ankunft im Vorjahr war er in Schwierigkeiten geraten und fristete nun vorübergehend im Tempel sein Dasein, wo er sich mit Schreiben und Verfassen von Texten über Wasser hielt. Daher pflegte Wahrheitsverberger häufigen Umgang mit ihm. Als Regendorf Wahrheitsverberger erblickte, verbeugte er sich eilig und sprach lächelnd: „Steht Ihr am Tor und schaut hinaus, mein Herr? Gibt es auf dem Markt etwas Neues?" Wahrheitsverberger lachte: „Nein, nein. Meine kleine Tochter weinte, und ich trug sie heraus, um sie abzulenken. Ich langweilte mich gerade sehr. Wie gut, dass Ihr kommt! Bitte tretet in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein, damit wir plaudern können und uns beiden die Zeit schneller vergeht." Daraufhin ließ er jemanden die Tochter hineintragen und ging mit Regendorf Hand in Hand ins Arbeitszimmer. Ein Diener brachte Tee. Sie hatten kaum drei, fünf Sätze gewechselt, als ein Hausbediensteter eilig meldete: „Der alte Herr Yan [严老爷][13] ist zu Besuch gekommen." Wahrheitsverberger stand hastig auf und entschuldigte sich: „Verzeiht, dass ich Euch zur Eile veranlasst habe. Bitte bleibt noch einen Moment, ich komme sogleich zurück." Regendorf stand ebenfalls auf und sagte höflich: „Gebt Euch keine Mühe, mein Herr. Ich bin ein häufiger Gast, ein kleines Warten macht nichts." Daraufhin ging Wahrheitsverberger in den vorderen Empfangssaal.
Regendorf blätterte in einigen Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte er von draußen vor dem Fenster ein Mädchen räuspern. Er stand auf und blickte hinaus – es war eine Zofe, die dort Blumen pflückte. Obwohl sie keine umwerfende Schönheit war, hatte sie doch etwas Anmutiges. Regendorf konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Zofe der Familie Echt pflückte ihre Blumen und wollte gerade gehen, als sie aufblickte und am Fenster einen Mann erblickte – in abgetragener Kleidung zwar, doch stattlich gebaut, mit breiten Schultern und kräftigem Rücken, markantem Gesicht, Schwertbrauen und Sternenaugen. Die Zofe wandte sich schnell ab und dachte bei sich: „Dieser Mann sieht so stattlich aus und ist doch so zerlumpt. Das muss wohl der Regendorf Kaufmann sein, von dem mein Herr immer spricht. Er wollte ihm schon oft helfen, hatte nur noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Wir haben keine so armen Verwandten, es muss wohl dieser Mann sein. Kein Wunder, dass der Herr auch sagt, er werde gewiss nicht lange in Armut verharren." Mit diesen Gedanken konnte sie nicht umhin, sich noch zweimal umzudrehen. Als Regendorf sah, dass sie den Kopf gewendet hatte, war er überzeugt, das Mädchen habe ein Auge auf ihn geworfen, und freute sich maßlos, denn er hielt sie für eine Frau von scharfem Blick und eine Seelenverwandte im Staub der Welt. Bald darauf kam ein Dienerbursche herein, und Regendorf erfuhr, dass man vorne zum Essen gebeten hatte. Da er nicht länger warten durfte, verließ er durch einen Seitengang das Haus. Wahrheitsverberger verabschiedete seine Gäste und ging, da Regendorf bereits gegangen war, nicht mehr hin, um ihn erneut einzuladen.
Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest. Wahrheitsverberger hatte das Familienessen beendet und ein weiteres Mahl im Arbeitszimmer vorbereitet. Er ging selbst im Mondschein zum Tempel, um Regendorf einzuladen. Regendorf hatte seit jenem Tag, als er die Zofe der Familie Echt sich zweimal umblicken sah, sie für eine Seelenverwandte gehalten und ständig an sie gedacht. Nun, am Mittherbstfest, konnte er angesichts des Mondes nicht umhin, seine Sehnsucht auszudrücken, und dichtete ein Gedicht in fünfsilbigen regulären Versen:
Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, Mehrt sich nur der Kummer. In Schwermut senkt sich die Stirn, Beim Gehen der Blick zurück. Im Wind betrachte ich meinen Schatten, Wer vermag mein Gefährte im Mondschein zu sein? Wenn der Mond ein Herz hat, Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen.
Nachdem Regendorf sein Gedicht aufgesagt hatte, dachte er an seine unerfüllten Lebensträume und seufzte zum Himmel empor. Dann rezitierte er laut ein Spruchpaar:
Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises, Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt.
Gerade in diesem Moment kam Wahrheitsverberger und hörte es. Lachend sprach er: „Bruder Regendorf, Ihr habt wahrlich große Ambitionen!" Regendorf erwiderte hastig lachend: „Ich zitierte nur Verse der Alten, wie käme ich zu solcher Anmaßung?" Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, mein Herr?" Wahrheitsverberger lachte: „Heute Nacht ist Mittherbst, das sogenannte ‚Fest der Wiedervereinigung'. Ich dachte mir, Ihr müsstet Euch einsam fühlen in Eurer Mönchszelle, und habe ein bescheidenes Mahl bereitet, um Euch einzuladen. Dürfte ich hoffen, dass Ihr meiner geringen Aufmerksamkeit Beachtung schenkt?" Regendorf, ohne lange Umstände zu machen, lachte: „Da Ihr so freundlich seid, wie könnte ich Eure großzügige Einladung ausschlagen?" Daraufhin gingen sie zusammen hinüber ins Arbeitszimmer.
Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. Regendorf, bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, konnte seine überschäumende Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Dem Mond gewandt, dichtete er ein Gedicht:
Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, Sein klares Licht umhüllt die Jade-Balustrade. Kaum hat der Himmel den vollen Mond hervorgebracht, Blicken zehntausend Menschen empor.
Wahrheitsverberger rief begeistert: „Wunderbar! Ich habe immer gesagt, Ihr seid kein Mann, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Ihr soeben gedichtet habt, zeigen bereits die Vorzeichen des Aufstiegs. Bald werdet Ihr über den Wolken wandeln. Das ist zu beglückwünschen!" Er schenkte ihm eigenhändig einen großen Becher ein. Regendorf leerte ihn in einem Zug und seufzte: „Dies sind keine trunkenen Worte: Was die zeitgemäße Gelehrsamkeit betrifft, könnte ich mich wohl durchaus versuchen. Nur fehlen mir Reisegeld und Reisekosten gänzlich, und die Hauptstadt ist weit – allein durch Schreiben und Textverfassen komme ich nicht dorthin." Wahrheitsverberger unterbrach ihn, bevor er ausgeredet hatte: „Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Ich hegte schon lange diesen Wunsch, doch da Ihr bei unseren Treffen nie davon spracht, wagte ich nicht, Euch zu nahe zu treten. Da Ihr es nun anspricht – obwohl ich kein besonderes Talent habe, verstehe ich doch etwas von den Begriffen ‚Gerechtigkeit' und ‚Nutzen'. Zudem ist nächstes Jahr das große Prüfungsjahr[14], und Ihr solltet Euch schleunigst in die Hauptstadt begeben, um bei den Frühjahrs-prüfungen Euer Bestes zu geben. Die Reisekosten sind Nebensache, ich werde mich darum kümmern und Eure freundschaftliche Zuneigung nicht enttäuscht haben!" Er befahl sogleich einem Diener, fünfzig Liang Silber und zwei Garnituren Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein günstiger Tag. Kauft Euch ein Boot und reist nach Westen. Wenn Ihr im Frühjahr Karriere macht, können wir uns nächsten Winter wiedersehen – wäre das nicht wunderbar!" Regendorf nahm Silber und Kleidung entgegen, bedankte sich flüchtig und machte kein großes Aufheben, sondern trank und plauderte weiter. Es war bereits die dritte Nachtwache, als die beiden sich trennten.
Nachdem Wahrheitsverberger Regendorf verabschiedet hatte, kehrte er ins Schlafgemach zurück und schlief bis zum späten Morgen. Da fiel ihm ein, noch zwei Empfehlungsschreiben für Regendorf zu verfassen, damit er in der Hauptstadt bei einer Beamtenfamilie Unterkunft finden könnte. Als er jedoch jemanden hinüberschickte, kam der Diener zurück und berichtete: „Der Mönch sagt, Herr Jia sei heute bei der fünften Trommel bereits nach der Hauptstadt aufgebrochen. Er hinterließ dem Mönch eine Nachricht für den Herrn: ‚Für einen Gelehrten zählen keine günstigen und ungünstigen Tage, sondern nur die Sache selbst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.'" Wahrheitsverberger konnte nichts weiter tun als es hinzunehmen.
Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest [元宵节][15] gekommen. Wahrheitsverberger beauftragte seinen Diener Huo Qi[16], die kleine Heldenlotus hinauszutragen, um die Festlichkeiten und Laternen zu betrachten. Um Mitternacht musste Huo Qi sich erleichtern und setzte die kleine Heldenlotus auf die Schwelle eines Hauses. Als er fertig war und sie wieder auf den Arm nehmen wollte, war von Heldenlotus keine Spur mehr zu sehen. In seiner Verzweiflung suchte er die halbe Nacht, doch bis zum Morgengrauen fand er sie nicht. Da wagte er nicht, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in die Ferne. Als die Eheleute Wahrheitsverberger merkten, dass ihre Tochter nicht zurückkam, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten weitere Leute aus, die alle ohne die geringste Spur zurückkehrten. Die beiden Eheleute, die in ihrem halben Leben nur dieses eine Kind hatten, waren untröstlich. Tag und Nacht weinten sie und wären beinahe gestorben. Schon nach einem Monat wurde Wahrheitsverberger krank, und auch die geborene Siegel erkrankte vor Kummer. Täglich wurden Ärzte gerufen.
Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim Frittieren der Opfergaben im Kürbistempel die Mönche nicht aufpassten, so dass das heiße Öl aus der Pfanne schoss und die Fensterbespannung in Brand setzte? Da die Häuser in dieser Gegend meist aus Bambusgeflechten und Holzwänden bestanden und das Schicksal es wohl so bestimmte, griff das Feuer eines nach dem anderen über, und bald brannte eine ganze Straße wie ein Flammenberg. Obwohl Soldaten und Bürger zur Hilfe eilten, war das Feuer bereits zu gewaltig. Es brannte die ganze Nacht, bis es allmählich erlosch, und man wusste nicht, wie viele Häuser vernichtet worden waren. Das Haus der Familie Echt nebenan war zu einem Trümmerfeld verbrannt. Nur das Ehepaar und einige Bedienstete waren mit dem Leben davongekommen. In seiner Verzweiflung konnte Wahrheitsverberger nur die Füße stampfen und seufzen. Er musste mit seiner Frau beraten und beschloss, auf ihren Landsitz zu ziehen. Doch in den letzten Jahren hatten Dürre und Überschwemmungen die Ernte zerstört, Räuberbanden trieben ihr Unwesen, und es war unmöglich, in Frieden zu leben. So blieb Wahrheitsverberger nichts anderes übrig, als sein gesamtes Landgut zu verkaufen und mit seiner Frau und zwei Zofen zu seinem Schwiegervater zu ziehen.
Sein Schwiegervater hieß Schlicht Siegel[17] und stammte aus der Gegend von Daru[18]. Obwohl er ein Bauer war, war sein Haushalt durchaus wohlhabend. Als er jedoch seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand ankommen sah, war er nicht sonderlich erfreut. Glücklicherweise hatte Wahrheitsverberger noch etwas Silber vom Verkauf seines Landbesitzes übrig und bat seinen Schwiegervater, davon etwas Land und ein Haus zu kaufen, um für die Zukunft vorzusorgen. Doch Schlicht Siegel überredete und übervorteilte ihn und gab ihm nur ein wenig schlechtes Land und ein verfallenes Haus. Wahrheitsverberger, ein Gelehrter, verstand sich nicht auf Landwirtschaft und Geschäfte. Nach ein, zwei Jahren wurde seine Lage immer schlechter. Schlicht Siegel warf ihm bei jedem Treffen Sprüche an den Kopf und beschwerte sich hinter seinem Rücken, dass sie nicht wirtschaften könnten und nur faul und verfressen seien. Wahrheitsverberger erkannte, dass er sich an den falschen gewandt hatte, und konnte Reue nicht vermeiden. Dazu kam der Schrecken des Vorjahres, Zorn, Kummer und Schmerz, die ihn innerlich verwundet hatten. Als alter Mann, von Armut und Krankheit bedrängt, näherte er sich mehr und mehr seinem Ende.
An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden taoistischen Wanderer herankommen, halb verrückt und verwahrlost, in Strohsandalen und zerlumpter Kleidung, der einige Verse vor sich hin murmelte:
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Amt und Würden können sie nicht lassen; Wo sind die Feldherren und Minister von einst? Nur ein verwilderter Grabhügel, vom Gras verschlungen!
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; Das ganze Leben klagen sie, nie genug angehäuft zu haben, Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen.
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die geliebte Gattin können sie nicht vergessen; Täglich reden Mann und Frau von ihrer Liebe, Doch stirbt er, folgt sie einem anderen.
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die Kinder können sie nicht vergessen; Törichter Eltern gab es von jeher viele, Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen!
Wahrheitsverberger trat vor und sprach: „Was murmelst du da in einem fort? Ich höre nur ‚gut' und ‚vorbei', ‚gut' und ‚vorbei'." Der Priester lachte: „Wenn du tatsächlich die Worte ‚gut' und ‚vorbei' gehört hast, so bist du ein verständiger Mensch. Wisse, dass in der Welt alles, was gut ist, auch vorbei ist, und alles, was vorbei ist, auch gut. Wenn es nicht vorbei ist, kann es nicht gut sein; wenn es gut sein soll, muss es vorbei sein. Mein Lied heißt das ‚Lied von Gut und Vorbei[19]'." Wahrheitsverberger war ein Mann, der von Natur aus Weisheit besaß. Kaum hatte er diese Worte gehört, war in seinem Herzen die Erleuchtung aufgegangen. Lachend sprach er: „Halt! Lass mich dein ‚Lied von Gut und Vorbei' kommentieren, was sagst du?" Der Priester lachte: „Tu es, tu es!" Wahrheitsverberger sprach also:
Schäbige Kammern, leere Hallen – einst füllten Amtstafeln das Bett; Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, Grüne Gaze klebt nun am Fenster der Strohhütte. Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, Wenn beide Schläfen längst ergraut? Gestern noch Gebeine auf dem gelben Hügel, Heute Nacht das Liebespaar im roten Lampenschein. Goldkisten und Silberkisten – Im Handumdrehen bettelarm und von allen geschmäht. Man bedauert anderer kurzes Leben, Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; Wer eine reiche Braut erwählt – wer hätte gedacht, dass sie im Freudenviertel endet! Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, Trägt er nun Kette und Halsjoch des Sträflings. Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. Ein wilder Tumult – der eine singt, der andere tritt auf, Und alle halten die Fremde für die Heimat. Wie absurd! Letzten Endes näht ein jeder Nur das Hochzeitskleid für andere!
Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" Wahrheitsverberger lachte einmal auf, rief: „Gehen wir!" und riss dem Taoisten den Quersack von der Schulter und trug ihn selbst auf dem Rücken. Ohne nach Hause zurückzukehren, ging er mit dem verrückten Priester davon.
Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als seine Frau, die geborene Siegel, davon erfuhr, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute in alle Richtungen ausschicken, um Wahrheitsverberger zu suchen – doch woher sollte eine Nachricht kommen? Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen. Glücklicherweise hatte sie noch zwei alte Zofen, die ihr dienten. Herrin und Dienerinnen verdienten Tag und Nacht mit Näharbeiten ihr Brot und halfen dem Vater bei den Ausgaben. Obwohl Schlicht Siegel sich täglich beklagte, blieb ihm nichts anderes übrig.
Eines Tages war die ältere Zofe der Familie Echt gerade vor der Tür und kaufte Garn, als sie auf der Straße Rufe hörte und alle sagten, der neue Magistrat sei ins Amt eingeführt worden. Die Zofe lugte durch die Türspalte und sah Wachen und Läufer paarweise vorüberziehen, dann kam eine große Sänfte mit einem Beamten in schwarzer Mütze und scharlachrotem Gewand. Die Zofe war verblüfft und dachte bei sich: Dieser Beamte sieht mir bekannt aus, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Dann ging sie ins Haus zurück und dachte nicht weiter darüber nach. Am Abend, als sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich lautes Pochen an der Tür und den Lärm vieler Menschen, die riefen: „Der Magistrat schickt nach Euch!" Schlicht Siegel erschrak bis ins Mark und wusste nicht, was für ein Unheil dies bedeuten mochte.
Anmerkungen
- ↑ Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn, wörtl. „der wahrhaft die Dinge Verbergende". Der Familienname 甄 Zhēn ist homophon zu 真 zhēn „wahr/echt"; 士隐 Shìyǐn klingt wie 事隐 „die wahren Tatsachen werden verborgen".
- ↑ Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn, wörtl. „Kaufmann Regendorf". Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv"; 雨村 Yǔcūn klingt wie 语存 „die erdichteten Worte bleiben erhalten".
- ↑ Chin. 大荒山 Dàhuāngshān „Berg der Großen Wildnis", an der 无稽崖 Wújī yá „Klippe des Grundlosen/Unfundierten" am 青埂峰 Qīnggěng fēng „Gipfel der grünen Wurzeln". Alle drei Ortsnamen sind Anspielungen: 荒 huāng „absurd, haltlos", 无稽 wújī „grundlos", 青埂 qīnggěng homophon zu 情根 qínggēn „Wurzel der Leidenschaft" — der Roman ist also schon im Gründungsmythos als „Geschichte der Leidenschaft" markiert.
- ↑ 班昭 Bān Zhāo (ca. 45–116 n. Chr.) — Schwester des Hanshu-Autors Ban Gu, vollendete dessen unfertiges Hanshu und verfasste die einflussreiche Frauenfibel 女诫 Nüjie. 蔡文姬 Cài Wénjī (Cai Yan, ca. 178–249 n. Chr.) — Dichterin der späten Han, berühmt für die „Achtzehn Stanzen zur Hirtenflöte" (胡笳十八拍 Hújiā shíbā pāi), entstanden nach ihrer zwölfjährigen Geiselzeit unter den Xiongnu. Beide gelten als Inbegriff gelehrter Frauen — ein Maßstab, den Stein-Erzähler hier ironisch unterläuft.
- ↑ 吴玉峰 Wú Yùfēng, 孔梅溪 Kǒng Méixī (aus 东鲁 Dōnglǔ, dem alten Lu, heute Shandong, der Heimat des Konfuzius), 曹雪芹 Cáo Xuěqín (1715?–1763, eigentl. Cao Zhan, der Autor des Romans) und sein 悼红轩 Dàohóngxuān „Pavillon des Trauerns um die Roten" — eine Kette fiktiver wie historischer Vor-Bearbeiter, mit der das Buch seine eigene Überlieferungslegende erzählt. Die Namen Wu Yufeng und Kong Meixi sind wahrscheinlich Pseudonyme bzw. Erfindungen Cao Xueqins.
- ↑ 脂砚斋 Zhīyànzhāi „Studio des Rouge-Tuschsteins" — Pseudonym des wichtigsten frühen Kommentators, vermutlich aus Cao Xueqins engstem Kreis (Verwandter? Geliebte? Identität bis heute umstritten). Das 甲戌 Jiǎxū-Jahr (1754) bezeichnet die früheste erhaltene Handschrift 甲戌本 Jiǎxū-běn mit sechzehn Kapiteln und Kommentaren — eine zentrale Quelle der modernen Hongloumeng-Forschung.
- ↑ 姑苏 Gūsū — alter Name von 苏州 Sūzhōu in der heutigen Provinz Jiangsu, seit der Tang-Zeit Inbegriff südlicher Kultur, Reichtum und Eleganz. Das Tor 阊门 Chāngmén ist das traditionelle Westtor der Altstadt; die umliegenden Gassen waren Heimat von Dichtern, Kaufleuten und Handwerkern und galten in der Ming-Qing-Zeit als eines der wohlhabendsten Stadtviertel Chinas.
- ↑ 十里街 Shílǐjiē klingt wie 势利街 Shìlì jiē „Straße der Vornehmtuerei". 仁清巷 Rénqīng xiàng „Gasse der Menschenfreundlichkeit" klingt wie 人情巷 Rénqíng xiàng „Gasse der menschlichen Beziehungen/Gefälligkeiten". 葫芦庙 Húlu miào „Kürbis-Tempel" klingt wie 糊涂庙 Hútu miào „Tempel der Verworrenheit". Drei aufeinander folgende Wortspiele markieren den Ort als Mikrokosmos der spätfeudalen Gesellschaft mit ihrem Schein und ihrer moralischen Konfusion.
- ↑ Chin. 封 Fēng „Siegel/versiegeln" — die Familie „versiegelt" bzw. verbirgt Geheimnisse.
- ↑ Chin. 英莲 Yīnglián. 英 yīng „heldenhaft/strahlend"; 莲 lián „Lotus". Der Name klingt wie 应怜 yīnglián „verdient Mitleid" — ein Vorverweis auf ihr tragisches Schicksal.
- ↑ 三生石 Sānshēng shí „Stein der drei Leben" — buddhistische Vorstellung, dass Liebende über Vor-, gegenwärtiges und kommendes Leben hinweg verbunden sind. 灵河 Línghé „Geistiger Fluss" und 西方灵河岸 „westliches Ufer des Geistigen Flusses" verlegen den Mythos in eine jenseitige, paradiesische Sphäre. Hier wird die zentrale Schicksalsbindung des Romans gestiftet: die Pflicht der Kajaljade, der Schatzjade ein Leben lang die Tränen zurückzugeben.
- ↑ Chin. 胡州 Húzhōu, fiktiver Heimatort Jia Yucuns. Homophon zu 胡诌 húzhōu „Unsinn erzählen, Erfundenes vorschwatzen" — passend zur Figur des Erdichters.
- ↑ Chin. 严老爷 Yán-lǎoye „Herr Streng". Der Familienname Yán ist homophon zu 炎 yán „Feuer/Flamme". Der Zhi-Yan-Zhai-Kommentar bemerkt: „炎也,炎既来,火将至矣" — „Yan ist Feuer; wenn Yan kommt, wird das Feuer folgen." Eine verschlüsselte Vorausdeutung auf den Brand, der das Haus des Wahrheitsverbergers wenig später zerstört.
- ↑ 大比 Dàbǐ — die alle drei Jahre stattfindende Provinzialprüfung (乡试 xiāngshì) der Beamtenlaufbahn; Bestehen brachte den Grad eines 举人 jǔrén. Die im folgenden Satz genannten 春闱 Chūnwéi „Frühjahrsprüfungen" bezeichnen die anschließende Hauptstadt-Prüfung (会试 huìshì), die im 2. oder 3. Mondmonat in der Hauptstadt abgehalten wurde und über die Aufnahme in die kaiserliche Beamtenelite entschied.
- ↑ Chin. 元宵节 Yuánxiāojié, das „Erste-Vollmond-Fest" am 15. Tag des ersten Mondmonats — Höhepunkt der Frühlingsfest-Periode. Die Stadt entzündet bunte Laternen (花灯), führt Volkstheater und Akrobatik auf (社火), Familien essen süße Reisbällchen (元宵 / 汤圆). Im Roman ist das Laternenfest ein wiederkehrender Schauplatz schicksalhafter Wendungen: hier verschwindet Heldenlotus, später wird es zum Schauplatz wichtiger familiärer Höhepunkte und Krisen.
- ↑ Chin. 霍启 Huò Qǐ. Der Name klingt wie 祸起 huòqǐ „das Unheil beginnt" — ein Vorverweis auf das kommende Unglück.
- ↑ Chin. 封肃 Fēng Sù. 封 fēng „Siegel/versiegeln"; 肃 sù „ernst/streng". Der Name klingt wie 风俗 fēngsú „Sitten und Bräuche".
- ↑ Chin. 大如州 Dàrú zhōu — fiktiver Bezirksname, klingt wie 大愚州 Dàyú zhōu „Bezirk der großen Torheit". Eine kommentierende Anspielung auf Schlicht Siegels Unbarmherzigkeit gegenüber seinem in Not geratenen Schwiegersohn.
- ↑ 好了歌 Hǎoliǎo gē — eines der berühmtesten Gedichte des Romans. Das Wortspiel beruht darauf, dass im Chinesischen 好 hǎo „gut" und 了 liǎo „zu Ende" als gleichbedeutendes Paar gelesen werden: Etwas wird erst „gut", wenn es „beendet" ist — also nur durch Loslassen aller irdischen Bindungen. Das Lied formuliert in vier Strophen die buddhistisch-daoistische Kernlehre des Romans: dass Amt, Reichtum, Liebe und Nachkommenschaft am Ende ins Leere führen.