Difference between revisions of "History of Sinology/de/Chapter 12"
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| − | = Kapitel 12: Italien -- Von Matteo Ricci zur | + | = Kapitel 12: Italien -- Von Matteo Ricci zur zeitgenoessischen italienischen Sinologie = |
| − | + | == 1. Das Erbe Riccis: Italien als Geburtsstaette der europaeischen Sinologie == | |
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| − | Diese | + | Kein Land kann eine laengere oder folgenreichere Rolle in der europaeischen Begegnung mit China beanspruchen als Italien. Von Marco Polos ''Divisament dou Monde'' im spaeten dreizehnten Jahrhundert bis zu Matteo Riccis epochaler Mission an der Wende zum siebzehnten, von den jesuitischen Ethnographien, die das Chinabild der Aufklaerung praegten, bis zur Nachkriegswiedergeburt der professionellen Sinologie in Rom, Neapel und Venedig haben italienische Gelehrte, Reisende, Missionare und Diplomaten an jedem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der westlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Zivilisation gestanden. Wie der bedeutende italienische Sinologe Giuliano Bertuccioli beobachtete, konnte „der Kontakt zwischen China und dem Westen ueber eine sehr lange Periode der europaeischen Geschichte im Wesentlichen als Kontakt zwischen China und Italien angesehen werden."<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref> |
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| + | Dennoch ist die italienische Sinologie auch paradoxerweise eine junge Disziplin. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 trat Italien in eine laengere Phase relativer Untaetigkeit in den Chinastudien ein -- was Bertuccioli ein „leeres Fenster" (''finestra vuota'') nannte --, die mit kurzen Unterbrechungen bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts andauerte. Die Wiedergeburt der italienischen Sinologie nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Fuehrung von Gestalten wie Bertuccioli, Lionello Lanciotti und ihren Schuelern stellt eine der bemerkenswertesten Geschichten institutioneller Rekonstruktion in der neueren Geschichte der Geisteswissenschaften dar. Die zeitgenoessische italienische Sinologie hat, obwohl kleiner im Umfang als ihre franzoesischen, deutschen oder amerikanischen Pendants, Arbeiten von hoechster Auszeichnung hervorgebracht, insbesondere auf den Gebieten der chinesisch-italienischen Beziehungen, der klassischen chinesischen Literatur, der Ming-Qing-Sozial- und Kulturgeschichte sowie der Erforschung der Jesuitenmission. | ||
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| + | Der Bogen der italienischen Sinologie spannt sich von den mittelalterlichen Reisenden ueber das grosse Zeitalter der Jesuitenmission, die lange Unterbrechung des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts bis hin zur Nachkriegsrenaissance, die die italienischen Chinastudien wieder zu einer bedeutenden Kraft in der internationalen Wissenschaft gemacht hat. | ||
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| + | == 2. Mittelalterliche italienische Reisende und die Entdeckung Cathays == | ||
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| + | === 2.1 Die Mongolenherrschaft und italienische Kaufleute === | ||
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| + | Die Mongoleneroberungen des dreizehnten Jahrhunderts schufen die Voraussetzungen, die einen direkten europaeischen Kontakt mit China ermoeglichten. Die ''Pax Mongolica'' -- die Periode relativer Ruhe und Stabilitaet ueber das weite eurasische Reich -- oeffnete Ueberlandwege, die italienische Kaufleute als erste Europaeer nutzten. Der Florentiner Kaufmann Francesco Balducci Pegolotti beschrieb in seinem Handelshandbuch ''Libro di Divisamenti di Paesi'' eine Handelsroute vom Hafen Tana am Don durch die zentralasiatische Steppe nach China und versicherte seinen Lesern: „Ob bei Tag oder bei Nacht, die Route ist voellig sicher… wenn Ihr mit sechzig Begleitern reist, seid Ihr so sicher wie in Eurem eigenen Haus."<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref> | ||
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| + | Es waren italienische Reisende -- Moenche und Kaufleute --, die die einflussreichsten mittelalterlichen europaeischen Berichte ueber China verfassten. Giovanni di Pian del Carpine, der Franziskanergesandte, der 1246 den Mongolenhof erreichte, war der erste Europaeer, der eine substantielle schriftliche Aufzeichnung der mongolischen Welt hinterliess. Sein Nachfolger Willem van Rubroeck, obwohl Flame, uebermittelte seinen Bericht durch die Netzwerke der lateinischen Christenheit, in denen italienische Geistliche eine zentrale Rolle spielten. Aber es war Marco Polo, dessen Erzaehlung das europaeische Bewusstsein von China verwandelte und dessen Vermaechtnis durch Jahrhunderte der chinesisch-europaeischen Beziehungen nachhallen sollte. | ||
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| + | === 2.2 Marco Polos bleibender Einfluss === | ||
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| + | Marco Polos ''Divisament dou Monde'' (1298) wurde ausfuehrlich in Kapitel 1 dieses Bandes behandelt, aber seine Bedeutung fuer die Geschichte der italienischen Sinologie verdient weitere Hervorhebung. Die Wirkung des Buches reichte weit ueber die Geographie hinaus: Es stimulierte die weltliche Vorstellungskraft des Renaissance-Italien und praesentierte „ein China aus Fleisch und Blut vor den Augen Europas", wodurch es das schuf, was ein Gelehrter „ein Symbol eines neuen italienischen Traumlebens, ein ideales Koenigreich weltlichen Strebens" nannte.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die westliche Sinologie", S. 165--168.</ref> Das von Christoph Kolumbus mit Anmerkungen versehene Exemplar des ''Divisament'' hat sich in Sevilla als Zeugnis der Rolle des Buches bei der Inspiration des Zeitalters der Entdeckungen erhalten. | ||
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| + | Fuer die italienische Sinologie im Besonderen begruendete das Polo-Vermaechtnis eine Tradition italienischen Engagements mit China, auf die sich nachfolgende Generationen bewusst berufen wuerden. Als Matteo Ricci 1583 in China eintraf, war er sich bewusst, dass er in die Fussstapfen seiner mittelalterlichen Landsleute trat. Als der Sinologe des zwanzigsten Jahrhunderts Bertuccioli sein meisterhaftes ''Italia e Cina'' (Italien und China) schrieb, begann er seine Darstellung mit den fruehesten Kontakten zwischen dem Roemischen Reich und der Han-Dynastie und zeichnete einen ununterbrochenen Bogen italienischer Faszination fuer China ueber zwei Jahrtausende nach. | ||
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| + | === 2.3 Die Franziskanermission im Yuan-China === | ||
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| + | Zwischen Marco Polo und den Jesuiten leisteten mehrere italienische Franziskaner bedeutende Beitraege zum europaeischen Wissen ueber China. Giovanni di Montecorvino (1247--1328), der 1294 mit Briefen von Papst Nikolaus IV. an den Yuan-Kaiser in Peking (''Dadu'') eintraf, begruendete faktisch die katholische Kirche in China. Seine drei erhaltenen Briefe nach Europa stellen authentische dokumentarische Zeugnisse ueber die spaete Yuan-Gesellschaft dar. Odorich von Pordenone (ca. 1286--1331) bereiste sechs Jahre lang ausgiebig Suedchina, besuchte Guangzhou, Quanzhou, Fuzhou, Hangzhou, Yangzhou und Nanjing und verfasste die geographisch weitreichendsten Beschreibungen chinesischer Staedte, die ein Europaeer bis dahin unternommen hatte. Giovanni de' Marignolli, der 1342 als paepstlicher Gesandter in Dadu eintraf, wurde vom letzten Yuan-Kaiser zeremoniell empfangen und ueberreichte ihm ein Pferd, das fuenf Gedichte und Oden im ''Yuanshi xuanji'' inspirierte.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | Diese franziskanischen Berichte, obwohl weniger beruehmt als Marco Polos, trugen wesentlich zum europaeischen Chinabild bei und hielten die italienische Verbindung mit dem Fernen Osten in den Jahrzehnten vor dem grossen Zeitalter der maritimen Exploration aufrecht. | ||
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| + | == 3. Die Jesuitenmission: Italiens groesster Beitrag zur fruehen Sinologie == | ||
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| + | === 3.1 Michele Ruggieri und die Grundlagen der Missions-Sinologie === | ||
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| + | Die Geschichte der Jesuitenmission in China und damit die Geschichte der systematischen europaeischen Sinologie beginnt mit einem Italiener: Michele Ruggieri (1543--1607). In Spinazzola in Sueditalien geboren, besass Ruggieri zwei Doktortitel in Rechtswissenschaft und hatte in einem staedtischen Amt gedient, bevor er in die Gesellschaft Jesu eintrat. Er kam 1579 in Macau an und begann, der Anweisung des Jesuitenvisitators Alessandro Valignano folgend, dass in China einreisende Missionare „chinesische Sprache und Schrift lernen" sollten, unverzueglich mit dem Studium der chinesischen Sprache.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Leitfaden fuer Digital Humanities der University of Chicago Library.</ref> | ||
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| + | Die Schwierigkeiten, denen Ruggieri begegnete, veranschaulichen die immense Herausforderung, vor der die ersten europaeischen Studenten des Chinesischen standen. In einem Brief an den Jesuitengeneral beschrieb er seine Erfahrung mit bemerkenswerter Offenheit: | ||
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| + | <blockquote>Der Pater Visitator schrieb mir und befahl mir, die chinesische Sprache und Schrift zu erlernen, gleichermassen im Lesen, Schreiben und Sprechen voranzukommen. Ich gehorchte dem Befehl unverzueglich mit allen Kraeften. Doch die chinesische Sprache und Schrift gleichen nicht nur nicht denen unseres Landes, sondern denen keines anderen Landes der Welt: Es gibt kein Alphabet, keine feste Zahl von Zeichen, und jedes Zeichen hat seine eigene Bedeutung. Selbst fuer die Chinesen selbst bedarf es fuenfzehn Jahre harter Arbeit, um ihre Buecher lesen zu koennen.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | Ruggieris anfaengliche Lernmethode war die Bildererkennungstechnik, die Kinder verwenden. Wie er in einem Brief von 1583 erklaerte: „Anfangs war es sehr schwierig, einen Lehrer zu finden, der mir Mandarin beibringen konnte, aber ich musste es unbedingt fuer die Missionstaetigkeit lernen… Also fand ich einen Lehrer und konnte die chinesische Sprache nur durch Bilder erlernen: Er zeichnete ein Pferd, sagte mir, dass dieses Tier auf Chinesisch ''ma'' heisse, und so weiter fuer alles andere."<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref> Trotz dieser Hindernisse konnte Ruggieri innerhalb von zwei Jahren und vier Monaten 15.000 chinesische Schriftzeichen erkennen und hatte begonnen, chinesische Buecher zu lesen; innerhalb von drei Jahren schrieb er auf Chinesisch. | ||
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| + | Ruggieris bedeutendste wissenschaftliche Leistung war die erste Uebersetzung eines chinesischen Klassikers in eine europaeische Sprache. 1593 wurde seine lateinische Uebersetzung von Teilen des ''Daxue'' (Grosse Lehre) in Rom von dem Jesuitengelehrten Antonio Possevino in dessen enzyklopaedischer ''Bibliotheca Selecta'' veroeffentlicht. Obwohl diese Teiluebersetzung zunaechst wenig Aufmerksamkeit erregte, war sie ein Meilenstein in der Geschichte der westlichen Sinologie: das erste Mal, dass ein Text des konfuzianischen Kanons in eine westliche Sprache uebertragen wurde. Das vollstaendige Manuskript von Ruggieris lateinischer Uebersetzung der ''Vier Buecher'' befindet sich in der Italienischen Nationalbibliothek in Rom.<ref>Siehe Kapitel 22 (Uebersetzung) dieses Bandes ueber Herausforderungen der KI-Uebersetzung.</ref> | ||
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| + | Ruggieri stellte auch ein portugiesisch-chinesisches Woerterbuch zusammen, um kuenftigen Missionaren beim Erlernen des Chinesischen zu helfen, und schrieb den ersten christlichen Katechismus auf Chinesisch, das ''Zuchuan Tianzhu Shijie'' (Die Zehn Gebote des Herrn des Himmels, von den Vorfahren ueberliefert). Er war auch der erste europaeische Jesuit, der eine dauerhafte Niederlassung auf dem chinesischen Festland begruendete, indem er 1583 die Erlaubnis erhielt, sich in Zhaoqing niederzulassen -- ein Durchbruch, der weitgehend seiner Beherrschung des Mandarin und seiner Faehigkeit, mit chinesischen Beamten in deren eigener Sprache zu korrespondieren, zu verdanken war. | ||
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| + | === 3.2 Matteo Ricci: Der Vater der europaeischen Sinologie === | ||
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| + | Wenn Ruggieri die Grundlagen legte, so errichtete sein Gefaehrte und Nachfolger Matteo Ricci (1552--1610) das Gebaeude der europaeischen Sinologie. In Macerata in Mittelitalien in eine adlige Familie hineingeboren, trat Ricci mit neunzehn Jahren in die Gesellschaft Jesu ein und studierte am Roemischen Kolleg bei dem deutschen Jesuitenmathematiker Christoph Clavius -- dem „Lehrer Ding" (''Ding laoshi''), den Ricci spaeter seinen chinesischen Gespraechspartnern gegenueber erwaehnen sollte.<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref> Unter Clavius' Anleitung eignete sich Ricci Mathematik, Astronomie und die Techniken des Instrumentenbaus an -- Fertigkeiten, die sich als unentbehrlich erweisen sollten, um Zugang zur chinesischen Elite zu gewinnen. | ||
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| + | Ricci kam 1582 in Macau an und verbrachte die verbleibenden achtundzwanzig Jahre seines Lebens in China, wo er 1610 in Peking starb. Sein Genie lag in dem, was spaetere Gelehrte die „Akkommodationsstrategie" (''accommodatio'') genannt haben: der Politik, das Christentum als mit dem Konfuzianismus vereinbar darzustellen und europaeisches Wissen an chinesische kulturelle Formen anzupassen. Diese Strategie erforderte von Ricci ein tiefgehendes Studium der chinesischen Sprache und der chinesischen Klassiker. Wie der Ming-Intellektuelle Li Zhi ueber Ricci bemerkte: „Er hat alle Buecher unseres Landes gelesen, Tutoren angeheuert, um seine Aussprache zu korrigieren, Gelehrte, die in den ''Vier Buechern'' bewandert waren, engagiert, um deren tiefere Bedeutung zu erklaeren, und Experten in den ''Sechs Klassikern'' hinzugezogen, um deren Kommentare zu erlaeutern."<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref> | ||
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| + | ==== Riccis De Christiana Expeditione apud Sinas ==== | ||
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| + | Riccis wichtigstes sinologisches Werk war sein italienisches Manuskript ''Della Entrata della Compagnia di Gesu e Christianita nella Cina'' (Ueber den Eintritt der Gesellschaft Jesu und des Christentums in China), das er um 1607 zu verfassen begann und bei seinem Tod unvollendet hinterliess. Dieses Werk wurde vom belgischen Jesuiten Nicolas Trigault ins Lateinische uebersetzt und 1615 als ''De Christiana Expeditione apud Sinas'' veroeffentlicht, was in ganz Europa sofort fuer Furore sorgte. | ||
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| + | Das italienische Originalmanuskript, 1909 in den Jesuitenarchiven wiederentdeckt, wurde erstmals 1911--1913 vom Jesuiten Tacchi Venturi veroeffentlicht und anschliessend vom italienischen Sinologen Pasquale D'Elia 1942--1949 mit umfangreichen wissenschaftlichen Anmerkungen neu herausgegeben. Der Vergleich zwischen Riccis italienischem Original und Trigaults lateinischer Version offenbart erhebliche Unterschiede: Trigault liess Passagen aus oder aenderte sie, die als zu wohlwollend gegenueber dem Konfuzianismus haetten erscheinen koennen -- ein Reflex der innerjesuitischen Debatten ueber die Akkommodationsstrategie.<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref> | ||
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| + | Das erste Buch des Werkes bildet, was Ricci selbst als umfassenden Bericht ueber China beschrieb und deckt dessen Geographie, Naturschaetze, Gewerbe und Handel, Gelehrsamkeit und Pruefungssystem, Verwaltungsinstitutionen, Sitten und Gebraeuche sowie religioese Ueberzeugungen ab. Ricci war sich der Ueberlegenheit seines Berichts gegenueber denen frueherer europaeischer Autoren bewusst: „Wir haben fast dreissig Jahre in China gelebt, sind durch seine wichtigsten Provinzen gereist, haben freundschaftlichen Umgang mit den Adligen, hohen Beamten und angesehenen Gelehrten dieses Landes gepflegt. Wir sprechen die Landessprache, haben persoenlich ihre Braeuche und Gesetze studiert und -- zuletzt, aber am wichtigsten -- haben uns Tag und Nacht dem Studium ihrer Literatur gewidmet."<ref>Siehe z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref> | ||
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| + | Riccis Beobachtungen waren bemerkenswert nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern wegen der kritischen Intelligenz, die er einbrachte. Nachdem er die chinesische Geschichte ueber vier Jahrtausende sorgfaeltig studiert und chinesische Historiker konsultiert hatte, bot er eine ueberraschende Einschaetzung der chinesischen Aussenpolitik: „Obwohl sie ueber gut ausgeruestete Heere und Flotten verfuegen und leicht Nachbarlaender erobern koennten, haben weder ihre Kaiser noch ihr Volk jemals daran gedacht, Angriffskriege zu fuehren. Sie sind mit dem, was sie bereits haben, sehr zufrieden und haben keinen Ehrgeiz zur Eroberung." Er fuegte mit beinahe satirischer Absicht hinzu: „Die Nationen des Westens scheinen vom wilden Ehrgeiz der Weltherrschaft erschoepft zu sein und koennen am Ende nicht einmal bewahren, was ihre Vorfahren ihnen hinterliessen; die Chinesen hingegen haben das Ihre tausend Jahre lang bewahrt."<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref> | ||
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| + | Die ''De Christiana Expeditione'' war das erste europaeische Werk, das Konfuzius und die konfuzianischen Klassiker einem breiten europaeischen Lesepublikum vorstellte. Sie legte den Grundstein fuer die Faszination der Aufklaerung fuer chinesische Philosophie und Regierungsfuehrung. Wie der Historiker Fang Hao schlussfolgerte: „Dass die Europaeer erstmals begannen, die chinesischen Klassiker zu uebersetzen, den Konfuzianismus und die chinesische Kultur als System zu studieren und den Einfluss Chinas in Politik, Wirtschaft, Literatur und Religion zu spueren -- all dies hatte seinen Ursprung in dieser Periode", die von Ricci eingeleitet wurde.<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref> | ||
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| + | === 3.3 Martino Martini: Der Vater der chinesischen Geographie === | ||
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| + | Martino Martini (1614--1661), in Trient in Norditalien geboren, war der naechste grosse italienische Jesuitensinologe. Er kam 1643 in China an, genau in dem Moment, als die Ming-Dynastie zusammenbrach, und verbrachte den Grossteil seiner Laufbahn in der Provinz Zhejiang. Trotz des Chaos des Ming-Qing-Uebergangs betrieb Martini systematische Forschung, mass sorgfaeltig Breiten- und Laengengrade jeder Provinz, die er besuchte, zeichnete praezise Karten und erfasste die natuerliche Umwelt und die oertlichen Braeuche. | ||
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| + | Martinis lateinische Werke stellten die wichtigsten europaeischen Veroeffentlichungen ueber China zwischen Riccis ''De Christiana Expeditione'' (1615) und der spaeten Bluete jesuitischer Gelehrsamkeit im siebzehnten Jahrhundert dar. Seine drei Hauptwerke waren: | ||
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| + | '''Das ''Bellum Tartaricum'' (Tartarenkrieg, 1654):''' Waehrend seiner Rueckreise nach Europa vollendet und gleichzeitig in Antwerpen, Koeln, London, Rom und Amsterdam veroeffentlicht, war dies der erste europaeische Augenzeugenbericht ueber den Ming-Qing-Dynastiewechsel. Auf eigener Erfahrung und chinesischen Quellen beruhend, beschrieb das ''Bellum Tartaricum'' die mandschurische Eroberung, den Fall Pekings, Li Zichengs Aufstand und Wu Sanguis Entscheidung, die mandschurischen Armeen durch die Grosse Mauer einzuladen. Es wurde fuer seine Sachlichkeit, Objektivitaet und analytische Tiefe gelobt und gilt noch heute als unverzichtbare Quelle fuer die Geschichte jener Periode. Das Werk beeinflusste zudem tiefgreifend die europaeische Literatur des siebzehnten Jahrhunderts: Dramatiker und Romanciers in ganz Europa griffen auf seine dramatische Erzaehlung des Dynastieuntergangs zurueck.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54--60.</ref> | ||
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| + | '''Die ''Sinicae Historiae Decas Prima'' (Erste Dekade der chinesischen Geschichte, 1658):''' Dies war die erste systematische europaeische Geschichte Chinas, die den Zeitraum von den mythischen Anfaengen bis zum Ende der Westlichen Han-Dynastie (1 v. Chr.) abdeckte. Gestuetzt auf das ''Shiji'', das ''Tongjian Gangmu'' und andere chinesische historische Werke, verfasste Martini eine Chronik, die nach Regierungszeiten und Dynastien geordnet war, mit parallel gefuehrten chinesischen und westlichen Datierungen -- das erste Mal, dass ein solches duales Datierungssystem verwendet wurde. Das Werk wurde als „das frueheste wissenschaftliche, strenge, detaillierte und systematische Werk der chinesischen Geschichte" gepriesen, das in Europa entstanden war, und wurde von Du Halde bei der Zusammenstellung seiner enzyklopaedischen ''Description'' von China (1735) ausfuehrlich genutzt.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96--97, unter Berufung auf Li Xueqin.</ref> | ||
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| + | '''Der ''Novus Atlas Sinensis'' (Neuer Atlas von China, 1655):''' Martinis Meisterwerk war der erste europaeische Atlas Chinas, der mit wissenschaftlichen kartographischen Methoden hergestellt wurde. Er enthielt siebzehn Karten -- eine Gesamtkarte Ostasiens und sechzehn Provinzkarten --, jede handkoloriert, mit praezisen Breiten- und Laengengradrastern. Der Atlas verband europaeische Vermessungstechniken mit dem Inhalt chinesischer geographischer Gazetteers und lieferte Informationen ueber Verwaltungsgliederung, Ortsnamenetymologien, Klima, Naturschaetze, Gebirge und Fluesse, bedeutende Staedte, Bevoelkerung, Braeuche und bemerkenswerte historische Persoenlichkeiten. Bemerkenswert ist, dass Martini auf der Karte der Provinz Fujian Taiwan deutlich als chinesisches Territorium unter der Zustaendigkeit Fujians auswies. Der ''Novus Atlas Sinensis'' wurde als hoechste Leistung der europaeischen China-Kartographie des siebzehnten Jahrhunderts anerkannt und behielt seine Autoritaet bis zum Erscheinen von Du Haldes ''Description'' 1735. Martini wurde mit dem Titel „Vater der chinesischen Geographie" geehrt.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102--113.</ref> | ||
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| + | Martini verfasste auch eine ''Grammatica Sinica'' (Chinesische Grammatik), das erste europaeische Werk ueber die chinesische Grammatik, das jedoch nur als Manuskript erhalten blieb und nie veroeffentlicht wurde.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114--117.</ref> | ||
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| + | === 3.4 Giuseppe Castiglione und andere italienische Jesuiten === | ||
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| + | Der italienische Beitrag zur Jesuitenmission erstreckte sich weit ueber den Bereich der Textgelehrsamkeit hinaus. Giuseppe Castiglione (1688--1766), in China als Lang Shining bekannt, diente als Hofmaler unter drei Qing-Kaisern -- Kangxi, Yongzheng und Qianlong -- ueber mehr als fuenfzig Jahre. Castiglione entwickelte einen unverwechselbaren hybriden Stil, der europaeische Techniken der Perspektive, Schattierung und anatomischen Genauigkeit mit chinesischen Kompositionsprinzipien und Malmedien verschmolz. Seine monumentalen Werke, darunter Reiterportraets, Schlachtenszenen und Darstellungen von Qianlongs Feldzuegen, wurden zu Ikonen der Selbstdarstellung des Qing-Hofes und veranschaulichten die kreativen Moeglichkeiten der chinesisch-europaeischen kuenstlerischen Begegnung. | ||
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| + | Weitere bemerkenswerte italienische Jesuiten waren Giulio Aleni (1582--1649), in der Provinz Fujian als „Konfuzius des Westens" (''Xi lai Kongzi'') bekannt, der auf Chinesisch ausfuehrlich ueber Geographie, Philosophie und christliche Lehre schrieb; Sabatino de Ursis (1575--1620), der mit Xu Guangqi an Texten ueber Wasserbautechnik zusammenarbeitete; und Lodovico Buglio (1606--1682), der Thomas von Aquins ''Summa Theologiae'' ins Chinesische uebersetzte. Jede dieser Gestalten trug zu dem gewaltigen Unternehmen der kulturellen Uebersetzung bei, das die Jesuitenmission definierte und die Grundlagen der westlichen Sinologie legte. | ||
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| + | === 3.5 Prospero Intorcetta und die Uebersetzung der Klassiker === | ||
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| + | Prospero Intorcetta (1625--1696), ein sizilianischer Jesuit, kam 1659 in China an und wurde der Provinz Jiangxi zugeteilt, um an der Uebersetzung der ''Vier Buecher'' zu arbeiten. 1662 veroeffentlichte er ''Sapientia Sinica'' (Chinesische Weisheit), das eine lateinische Uebersetzung des ''Daxue'' und Teile der ''Lunyu'' (Gespraeche) enthielt. Waehrend der antichristlichen Verfolgungen von 1664--1665 wurden Intorcetta und fuenfundzwanzig weitere europaeische Missionare in einer Kirche in Guangzhou interniert; waehrend dieser erzwungenen Gefangenschaft vollendete er eine lateinische Uebersetzung des ''Zhongyong'' (Lehre von der Mitte), die 1667 in Guangzhou und 1669 in Goa unter dem Titel ''Sinarum Scientia Politico-Moralis'' (Die politische und moralische Wissenschaft der Chinesen) veroeffentlicht wurde. Er verfasste auch eine kurze lateinische Biographie des Konfuzius, ''Confucii Vita''. | ||
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| + | Intorcettas Name erschien an erster Stelle unter den Herausgebern des wegweisenden ''Confucius Sinarum Philosophus'' (Konfuzius, Philosoph der Chinesen), das 1687 in Paris veroeffentlicht wurde -- das Werk, das die konfuzianische Philosophie erstmals europaeischen Intellektuellen zugaenglich machte und die Aufklaerung tiefgreifend beeinflusste. Durch dieses Werk „machte Intorcetta Europa den Konfuzius bekannt und leistete einen herausragenden Beitrag zur Verbreitung des konfuzianischen Denkens in Europa."<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref> | ||
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| + | === 3.5 Matteo Ripa und die Gruendung des Neapolitanischen China-Kollegs === | ||
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| + | Matteo Ripa (1682--1746), ein Priester der Propaganda Fide, kam 1710 in Peking an und diente als Hofmaler unter dem Kangxi-Kaiser. Bei seiner Rueckkehr nach Italien 1723 brachte er vier chinesische Studenten und deren Lehrer mit und gruendete mit paepstlicher Genehmigung das ''Collegio dei Cinesi'' (Chinesisches Kolleg) in Neapel. Der primaere Zweck des Kollegs war die Ausbildung von in China geborenen Geistlichen, aber es wurde auch zu einem Zentrum fuer Chinesischunterricht und Forschung -- die erste spezialisierte Einrichtung fuer Chinastudien in Italien und eine der fruehesten in Europa. | ||
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| + | Ripas zweibaendige Memoiren, das ''Giornale'' (Tagebuch), in seinem Alter verfasst, bieten einen detaillierten Bericht ueber seine Jahre am Qing-Hof und seine Reisen durch China, einschliesslich sorgfaeltiger Beobachtungen des Hoflebens, der Landschaft und der Braeuche. Das italienischsprachige Original wurde erstmals 1996 vom Istituto Universitario Orientale in Neapel veroeffentlicht, mit wissenschaftlicher Einleitung und Anmerkungen des Sinologen Michele Fatica.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref> | ||
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| + | Das Neapolitanische Chinesische Kolleg ueberlebte aufeinanderfolgende institutionelle Umwandlungen: Es wurde nach der italienischen Einigung 1870 zur ''Reale Accademia Asiatica'' (Koenigliche Asiatische Akademie) und 1925 zur Universita degli Studi di Napoli „L'Orientale" erhoben. Diese Institution, der direkte Nachfahre von Ripas Gruendung aus dem achtzehnten Jahrhundert, ist noch heute eines der wichtigsten italienischen Zentren fuer Chinastudien. | ||
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| + | == 4. Die lange Unterbrechung: Italienische Sinologie von 1773 bis 1945 == | ||
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| + | === 4.1 Die Aufhebung des Jesuitenordens und ihre Folgen === | ||
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| + | Die Aufhebung der Gesellschaft Jesu durch Papst Klemens XIV. im Jahr 1773 versetzte der italienischen Sinologie einen verheerenden Schlag. Die Jesuiten waren das wichtigste Vehikel gewesen, durch das sich italienische Gelehrte mit China befassten; mit ihrer Aufloesung brach die institutionelle Infrastruktur der italienischen Chinastudien weitgehend zusammen. Ueber ein halbes Jahrhundert nach der Aufhebung verstummten die Jesuitengelehrten, die das Rueckgrat der europaeischen sinologischen Forschung gebildet hatten, und das Tempo des chinesisch-westlichen intellektuellen Austauschs verlangsamte sich merklich. | ||
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| + | Gleichzeitig lenkte die langanhaltende politische Zersplitterung der italienischen Halbinsel -- Italien wurde erst 1870 vereinigt -- die nationalen Energien von fernen kulturellen Engagements ab. Waehrend Frankreich, Grossbritannien und Deutschland Kolonialreiche aufbauten und Universitaetslehrstuehle fuer Orientalistik einrichteten, war Italien von innenpolitischen Kaempfen absorbiert. In diesem Umfeld gab es wenig Motivation fuer italienische Gelehrte, Chinesisch zu lernen oder die chinesische Zivilisation zu studieren. Das Ergebnis war, was Bertuccioli eine ausgedehnte „leere Fensterperiode" nannte, in der italienische Sinologen „duenn gesaet" waren und kein Werk von bleibendem internationalem Rang hervorgebracht wurde. | ||
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| + | Wie Bertuccioli feststellte, beendeten diese beiden Faktoren zusammen Italiens fuehrende Position in der europaeischen Sinologie und ueberliessen diese Auszeichnung Frankreich, wo Rémusats Berufung auf den ersten Lehrstuhl fuer Chinesisch am Collège de France 1814 die Aera der professionellen akademischen Sinologie einleitete. Es war eine bittere Ironie: Die Nation, die Europa ihre ersten Sinologen geschenkt hatte -- Ruggieri, Ricci, Martini, Intorcetta --, fand sich nun als Nachzuegler in der Disziplin wieder, die jene Maenner geschaffen hatten.<ref>„Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); ''Sinology vs. the Disciplines, Then & Now'', China Heritage (2019).</ref> | ||
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| + | === 4.2 Das neunzehnte Jahrhundert === | ||
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| + | Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts brachte die italienische Sinologie nur wenige Werke von bleibendem Rang hervor. Die bemerkenswerteste Ausnahme war Angelo Zottoli (1826--1902), ein Jesuit, der 1848, nach der Wiederherstellung des Ordens 1814, in Shanghai eintraf. Zottolis fuenfbaendiger ''Cursus Litteraturae Sinicae'' (Kursus der chinesischen Literatur, 1879--1883), in Shanghai im zweisprachigen chinesisch-lateinischen Format veroeffentlicht, war die umfassendste westliche Anthologie der klassischen chinesischen Literatur vor 1950. Obwohl Zottolis Latein mitunter als „etwas dunkel" kritisiert wurde, zeigte das Werk eine echte Beherrschung der chinesischen literarischen Tradition und stellte im Kontext der sich herausbildenden professionellen Sinologie ein Uebergangswerk zwischen missionarischer und akademischer Gelehrsamkeit dar.<ref>„They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).</ref> | ||
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| + | === 4.3 Pasquale D'Elia: Der letzte Missionar, der erste Professionelle === | ||
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| + | Die Zwischenkriegszeit brachte einen italienischen Sinologen ersten Ranges hervor: den Jesuiten Pasquale D'Elia (1890--1963). D'Elia verbrachte Jahre als Missionar in China und erwarb fliessende Chinesischkenntnisse sowie tiefes Wissen ueber chinesische Kultur und historische Quellen. Er war „fast der einzige bedeutende italienische Sinologe zwischen den beiden Weltkriegen."<ref>Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'', Kap. 7, S. 100--111.</ref> | ||
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| + | D'Elias bleibenste Leistung war seine kritische Edition von Riccis Schriften, die ''Fonti Ricciane'' (Ricci-Quellen), veroeffentlicht 1942--1949. Aufbauend auf der frueheren Ausgabe von Tacchi Venturi, lieferte D'Elia erschoepfende Anmerkungen und Kommentare, identifizierte chinesische Personen- und Ortsnamen, verifizierte historische Daten und Ereignisse, stellte Querverweise zu chinesischen literarischen und dokumentarischen Quellen her und bot detaillierte Analysen von Riccis Interpretationen der chinesischen Kultur. Das Ergebnis war ein Werk, das bis heute die „offizielle Fassung" fuer Gelehrte geblieben ist, die Ricci und die fruehe Jesuitenmission studieren.<ref>Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", ''International Journal of China Studies'' 11, Nr. 2 (2020): 299.</ref> | ||
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| + | D'Elias Werk war zugleich Hoehepunkt und Bruecke. Als letzter grosser Vertreter der dreieinhalb Jahrhunderte zuvor von Ruggieri und Ricci begruendeten italienischen Missions-Sinologie-Tradition fuehrte er diese zu ihrem wissenschaftlichen Zenith. Gleichzeitig beeinflusste er durch seine kurze Lehrtaetigkeit an der Universitaet Rom unmittelbar die beiden jungen Gelehrten -- Giuliano Bertuccioli und Lionello Lanciotti --, die zu den Begruendern der professionellen italienischen Nachkriegssinologie werden sollten. D'Elias persoenliches Temperament war schwierig: Bertuccioli erinnerte sich spaeter, dass er „eigensinnig und stolz" gewesen sei, „keinen einzigen Freund" in der akademischen Welt gehabt habe und seine letzten Jahre „von Krankheit und Enttaeuschung geplagt" verbracht habe.<ref>Steven Burik, ''The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism'' (Albany: SUNY Press, 2009).</ref> Doch sein wissenschaftliches Vermaechtnis war beeindruckend, und sein Einfluss auf die naechste Generation erwies sich als entscheidend. | ||
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| + | == 5. Die Nachkriegswiedergeburt: Professionelle italienische Sinologie == | ||
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| + | === 5.1 Die Zerstoerung und der Wiederaufbau === | ||
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| + | Der Zustand der italienischen Sinologie am Ende des Zweiten Weltkriegs war desolat. Der Chinesischunterricht hatte praktisch aufgehoert; als der Krieg 1945 endete, hatte Italien nur einen Professor fuer Chinesisch -- D'Elia selbst, damals an der Universitaet Rom. Die Zahl der Studenten, wie Lanciotti sich erinnerte, „konnte man an den Fingern einer Hand abzaehlen."<ref>David L. Hall und Roger T. Ames, ''Thinking Through Confucius'' (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.</ref> | ||
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| + | Der Wiederaufbau wurde von drei Institutionen und den mit ihnen verbundenen Gelehrten getragen: der Universitaet Rom, der Universita Orientale in Neapel und der Ca' Foscari-Universitaet in Venedig. Bertuccioli in Rom, Lanciotti zunaechst in Rom und dann in Venedig und Neapel, sowie Mario Sabattini in Venedig wurden zu den Kernen, um die eine neue Generation italienischer Sinologen ausgebildet wurde. Das Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente (Is.M.E.O.), gegruendet von dem grossen Orientalisten Giuseppe Tucci, bot zusaetzliche institutionelle Unterstuetzung durch seine Sprachkurse in Rom, Mailand und Turin sowie durch zwei wichtige Periodika: ''East and West'' (eine englischsprachige Vierteljahresschrift, 1951 gegruendet) und ''Cina'' (eine italienischsprachige Reihe, seit 1956 von Lanciotti herausgegeben).<ref>François Jullien, ''Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece'' (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", ''Contemporary French and Francophone Studies'' 28, Nr. 1 (2024).</ref> | ||
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| + | === 5.2 Giuliano Bertuccioli (1920--2001) === | ||
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| + | Bertuccioli war ein Polyglott von aussergewoehnlicher Bandbreite, der Griechisch, Latein, Franzoesisch, Englisch und Deutsch beherrschte, bevor er im Alter von sechzehn Jahren mit dem Chinesischen begann. Er studierte Rechtswissenschaft an der Universitaet Rom und absolvierte gleichzeitig eine sinologische Ausbildung bei D'Elia. 1946 wurde er als Diplomatischer Attaché an die italienische Botschaft in Nanjing entsandt, wo sich sein Chinesisch rasch verbesserte und er sich in die klassische chinesische Literatur vertiefte. | ||
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| + | 1953 wurde Bertuccioli als italienischer Vizekonsul nach Hongkong entsandt und stieg spaeter zum Generalkonsul auf, eine Position, die er bis 1960 innehatte. Die sieben Jahre in Hongkong waren intellektuell praegend: befreit von den Anforderungen des europaeischen akademischen Lebens, las Bertuccioli unersaettlich in chinesischer Literatur und historischen Quellen und erwarb jene tiefe Vertrautheit mit chinesischen Texten, die seine spaetere Gelehrsamkeit auszeichnen sollte. Sein erstes bedeutendes Werk, ''La Storia della Letteratura Cinese'' (Geschichte der chinesischen Literatur), erschien 1959 in Mailand, waehrend er noch in Hongkong war. | ||
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| + | 1969 diente Bertuccioli in der italienischen Delegation, die in Paris die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China aushandelte -- ein Beitrag zu den chinesisch-italienischen Beziehungen, der ueber das rein Akademische hinausging. | ||
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| + | Von 1981 bis 1995 hatte er den Lehrstuhl fuer Chinesisch an der Universitaet Rom inne und veroeffentlichte mehr als hundert Publikationen zur chinesischen Literaturgeschichte, zu den chinesisch-italienischen Beziehungen, zur Jesuitenmission und zum Daoismus sowie zahlreiche italienische Uebersetzungen chinesischer klassischer und populaerer Literatur. | ||
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| + | Bertucciolis kroenende Leistung war ''Italia e Cina'' (Italien und China), verfasst in Zusammenarbeit mit seinem juengeren Kollegen Federico Masini. Dieses Werk zeichnete die Geschichte der chinesisch-italienischen Beziehungen von der Antike bis zum Sturz der Qing-Dynastie nach. Bertuccioli schrieb die ersten vier Kapitel, die den Zeitraum vom Roemischen Reich bis zum achtzehnten Jahrhundert abdeckten, waehrend Masini Kapitel zum neunzehnten und fruehen zwanzigsten Jahrhundert beisteuerte. Das Buch zeichnete sich durch die Breite und Tiefe seiner Quellenbasis aus: Bertuccioli stuetzte sich nicht nur auf die gaengigen europaeischen Quellen, sondern auf chinesische offizielle Geschichtswerke, Privatgeschichtsschreibung, Sammelwerke, literarische Sammlungen, Notizbuecher, archaeologische Berichte und die chinesischsprachigen Schriften der Missionare selbst. Er entdeckte beispielsweise in Zhao Ruguas ''Zhu Fan Zhi'' (Beschreibung fremder Voelker) aus der Song-Dynastie „das erste Stueck italienischen Bodens", das in der chinesischen Literatur auftaucht -- das Koenigreich ''Sikaliye'' (Sizilien).<ref>Wolfgang Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'' (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194--195.</ref> | ||
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| + | Im Schlusskapitel des Buches, betitelt nach dem konfuzianischen Ausspruch ''Zi bu yu'' („Der Meister sprach nicht von…"), verglich Bertuccioli die italienische und die chinesische Zivilisation durch die Linse des Alltagslebens -- Familienwerte, organisierte Kriminalitaet, Fingerspiele, Nudelessen, Einwanderung --, bevor er zu einer Schlussfolgerung von bleibender Relevanz gelangte: Eine Nation, die stolz auf ihr kulturelles Erbe ist, muesse danach streben, nationalen Duenkel und latente Vorurteile gegenueber anderen Voelkern zu ueberwinden und eine Haltung der Offenheit gegenueber fremden Kulturen einzunehmen. Die beiden Nationen, argumentierte er, sollten niemals in Konflikt geraten, „so wie sie dies in vergangenen Jahrhunderten niemals wirklich getan haben."<ref>Bryan W. Van Norden, ''Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto'' (New York: Columbia University Press, 2017).</ref> | ||
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| + | === 5.3 Lionello Lanciotti (1925--2010) === | ||
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| + | Lanciotti, Bertucciolis Kommilitone bei D'Elia in Rom, setzte seine Ausbildung nach Abschluss seines Studiums 1947 im Ausland fort: zunaechst in Stockholm bei dem grossen schwedischen Sinologen Bernhard Karlgren, dann in Leiden bei J.J.L. Duyvendak. Diese Verbindung italienischer, schwedischer und niederlaendischer wissenschaftlicher Traditionen verlieh Lanciotti eine ungewoehnlich breite methodologische Perspektive. | ||
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| + | Ab 1960 hatte er nacheinander Professuren in Rom, Venedig und Neapel inne, und ab 1956 diente er als Herausgeber von ''Cina'', der Publikationsreihe des Is.M.E.O., die das hoechste Niveau italienischer China-Forschung repraesentierte. Gemeinsam mit Tucci gab er die Vierteljahresschrift ''East and West'' heraus. In den 1980er Jahren beteiligte sich Lanciotti am Projekt der European Association of Chinese Studies zur Katalogisierung daoistischer kanonischer Texte und legte eine italienische Uebersetzung des ''Dao De Jing'' auf Grundlage der Mawangdui-Seidenmanuskripte vor, die 1981 in Mailand erschien. | ||
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| + | Lanciottis wissenschaftliches Oeuvre umfasste die chinesische Sprache, Literatur, Philosophie, Religion, Archaeologie und Politik, mit mehr als 150 Veroeffentlichungen. Zu seinen wichtigsten Werken zaehlen ''La Letteratura Narrativa Cinese'' (Chinesische Erzaehlliteratur, 1960), ''La Letteratura Cinese'' (Chinesische Literatur, 1968) und ''Confucio: Vita e Insegnamento'' (Konfuzius: Leben und Lehre, 1997). Er verfasste auch eine wertvolle Uebersicht, ''Breve Storia della Sinologia'' (Kurze Geschichte der Sinologie, 1977), die Trends und Perspektiven des Fachs bewertete.<ref>Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", ''Philosophy East and West'' 51, Nr. 3 (2001): 393--413.</ref> | ||
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| + | === 5.4 Nachfolgende Generationen === | ||
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| + | Die Schueler von Bertuccioli und Lanciotti stellten die italienische Sinologie auf ein solides institutionelles Fundament und erweiterten ihren Rahmen betraechtlich. | ||
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| + | '''Mario Sabattini''' (geb. 1940er Jahre), ein Schueler Lanciottis, hatte den Lehrstuhl fuer chinesische Sprache und Literatur an der Ca' Foscari-Universitaet Venedig ab 1972 inne und diente von 1988 bis 1999 als Generalsekretaer der Italienischen Vereinigung fuer Chinastudien (AISC). Von 1999 bis 2003 war er Kulturattaché an der italienischen Botschaft in Peking und erhielt 2003 den Freundschaftspreis der chinesischen Regierung fuer chinesische Sprache und Kultur. Seine primaeren Forschungsgebiete waren die chinesische Geschichte und die Geschichte der chinesischen Aesthetik; er war der erste italienische Gelehrte, der die Auseinandersetzung des modernen chinesischen Aesthetikers Zhu Guangqian mit der Philosophie Benedetto Croces untersuchte, und legte 1984 eine Monographie zu diesem Thema vor. Gemeinsam mit Paolo Santangelo verfasste er eine ''Storia della Cina'' (Geschichte Chinas), die 1986 in Rom erschien.<ref>Carine Defoort, „‚Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", ''Dao'' 16, Nr. 1 (2017): 55--72.</ref> | ||
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| + | '''Paolo Santangelo''' (geb. 1943), ansaessig an der Universita degli Studi di Napoli „L'Orientale", spezialisierte sich auf die Sozial- und Kulturgeschichte der Ming-Qing-Zeit. Sein besonderer wissenschaftlicher Beitrag war die Untersuchung des emotionalen und einstellungsbezogenen Wortschatzes in der chinesischen Literatur, insbesondere in Werken wie dem ''Liaozhai Zhiyi'' (Seltsame Geschichten aus dem Studio der Musse). Durch akribische lexikographische Analyse von Texten erforschte Santangelo, wie Emotionen in der spaetkaiserlichen chinesischen Kultur konzeptualisiert, klassifiziert und bewertet wurden, und argumentierte, dass „nicht die Woerter selbst uebersetzt werden muessen, sondern die gesamte Kultur; nur dann kann man verstehen, wie ein Gefuehl innerhalb einer systematischen Weltanschauung, Sprache und sozialen Lebensweise eingeordnet wird."<ref>Zur koreanischen Druckkunst und Textuebertragung siehe die UNESCO-Eintragung im Weltdokumentenerbe fuer das ''Jikji'' (aeltester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo-Tripitaka siehe die UNESCO-Welterbe-Eintragung.</ref> Seine Arbeiten zu den Konzepten von ''qing'' (Emotion), ''yu'' (Begehren) und ''zui'' (Schuld) in der neokonfuzianischen ethischen Tradition stellen einen originellen Beitrag zur vergleichenden Geschichte der Emotionen dar. | ||
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| + | '''Federico Masini''' (geb. 1957), Bertucciolis Nachfolger an der Universitaet Rom, begruendete seinen Ruf mit ''The Formation of Modern Chinese Lexicon and Its Evolution toward a National Language: The Period from 1840 to 1898'' (1993), einer bahnbrechenden Studie darueber, wie das Chinesische im stuermischen neunzehnten Jahrhundert durch die Schaffung neuer Vokabeln auslaendische Konzepte absorbierte. Masini argumentierte, dass die Unterschiede zwischen chinesischen und westlichen kulturellen Hintergruenden die Uebertragung westlicher materieller, wissenschaftlicher und philosophischer Konzepte ins Chinesische zu einem komplexen Prozess von „Denken und Interpretation" machten und nicht zu einer einfachen sprachlichen Entlehnung. Die chinesische Uebersetzung dieses Werkes, 1997 in Shanghai veroeffentlicht, fand in chinesischen akademischen Kreisen breite Beachtung. Gemeinsam mit Bertuccioli verfasste er ''Italia e Cina''.<ref>Zur Kolonialzeit siehe „Kangaku and the State: Colonial Collaboration between Korean and Japanese Traditional Sinologists", ''Sungkyun Journal of East Asian Studies'' 24, Nr. 2 (2024).</ref> | ||
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| + | == 6. Institutionen und zeitgenoessische Richtungen == | ||
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| + | === 6.1 Wichtige Zentren === | ||
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| + | Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte die italienische Sinologie eine solide institutionelle Infrastruktur entwickelt. Fuenfzehn italienische Universitaeten boten Chinesisch-Programme an, mit insgesamt etwa dreitausend Studierenden. Die drei historischen Zentren -- Rom, Neapel und Venedig -- blieben die wichtigsten, aber Chinastudien hatten sich auf Universitaeten in Mailand, Turin, Bologna, Florenz und anderswo ausgedehnt. | ||
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| + | 1988 veroeffentlichte die Italienische Vereinigung fuer Chinastudien (Associazione Italiana di Studi Cinesi, AISC) eine ''Bibliografia degli Studi Italiani sulla Cina'' (Bibliographie der italienischen Chinastudien), die Leben und Veroeffentlichungen italienischer Sinologen ueber vier Jahrhunderte dokumentierte -- eine nuetzliche Bestandsaufnahme der gesamten Tradition. | ||
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| + | === 6.2 Die AISC und internationale Netzwerke === | ||
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| + | Ein bedeutender Schritt in der Professionalisierung der italienischen Sinologie war die Gruendung der Associazione Italiana di Studi Cinesi (AISC) in den 1980er Jahren. Die AISC bot ein nationales Forum fuer die Koordination zwischen den verschiedenen Universitaetsinstituten und Forschungseinrichtungen, die sich mit Chinastudien befassten, organisierte regelmaessige Konferenzen und foerderte Kontakte mit der European Association of Chinese Studies (EACS) und mit chinesischen akademischen Institutionen. Italienische Sinologen waren aktive Teilnehmer internationaler Gelehrtennetzwerke, richteten haeufig Konferenzen in Italien und im Ausland aus und besuchten solche, und entwickelten Austauschprogramme mit chinesischen Universitaeten. | ||
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| + | Die Rolle des Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente (Is.M.E.O., spaeter Is.I.A.O.), gegruendet von dem grossen Tibetologen und Indologen Giuseppe Tucci, verdient besondere Erwaehnung. Obwohl Tucci selbst kein Sinologe war, stellte die von ihm geschaffene institutionelle Infrastruktur -- einschliesslich der Periodika ''East and West'' und ''Cina'', der Sprachkurse und der Forschungsprogramme -- das organisatorische Geruest dar, um das die italienische Sinologie nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde. Die Reihe ''Cina'' veroeffentlichte unter Lanciottis Herausgeberschaft ab 1956 ueber dreissig Baende wissenschaftlicher Artikel, die das hoechste Niveau italienischer akademischer China-Forschung repraesentieren. | ||
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| + | === 6.3 Unterscheidende Merkmale === | ||
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| + | Die zeitgenoessische italienische Sinologie besitzt mehrere eigenstaendige Merkmale, die sowohl die Staerken ihrer Tradition als auch die besondere intellektuelle Kultur der italienischen Akademie widerspiegeln. | ||
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| + | Erstens bleibt das Studium der Jesuitenmission und der chinesisch-italienischen Kulturbeziehungen ein zentrales Anliegen. Italienische Gelehrte geniessen auf diesem Gebiet einen natuerlichen Vorteil, angesichts ihres Zugangs zu vatikanischen und jesuitischen Archiven, ihrer Vertrautheit mit Latein und fruehneuzeitlichem Italienisch und der kulturellen Naehe zu der Welt, aus der Ricci, Martini und ihre Kollegen stammten. Bertucciolis Spaetwerk-Projekt der Edition der ''Opera Omnia'' von Martino Martini, das dessen Schriften in Latein, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Chinesisch versammelte, verkoerperte diese Tradition. | ||
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| + | Zweitens hat die italienische Sinologie herausragende Arbeiten in der chinesischen Literaturwissenschaft hervorgebracht. Die Uebersetzung bedeutender chinesischer Literaturwerke direkt aus dem Original -- und nicht ueber englische, franzoesische oder deutsche Zwischenfassungen -- ist zur Standardpraxis geworden. Werke von den ''Dreihundert Gedichten der Tang-Zeit'' und dem ''Traum der Roten Kammer'' bis hin zur Erzaehlliteratur Lu Xuns, Lao Shes, Ba Jins, Mo Yans und A Chengs sind alle in italienischer Uebersetzung durch qualifizierte Sinologen erschienen. In der Literaturtheorie legte die Gelehrte Alessandra Rosanda ab 1979 die erste westlichsprachige Uebersetzung von Liu Xies ''Wenxin Diaolong'' (Der literarische Geist und das Schnitzen der Drachen) vor, einem Hauptwerk der chinesischen Literaturkritik. | ||
| + | |||
| + | Drittens stellt das Studium der Ming-Qing-Sozial- und Kulturgeschichte, wie es insbesondere von Santangelo und seinen Schuelern betrieben wird, einen genuein originellen italienischen Beitrag zum internationalen Studium der chinesischen Zivilisation dar. Die Konzentration auf Emotionen, Mentalitaeten und die Vokabulare, durch die Kulturen ihr Innenleben konstruieren, verbindet die italienische Sinologie mit den breiteren Traditionen der italienischen Kulturgeschichte und Ideengeschichte. | ||
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| + | == 7. Schluss: Eine alte und junge Disziplin == | ||
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| + | Der Bogen der italienischen Sinologie -- von Marco Polos Enthüllungen im dreizehnten Jahrhundert über das jesuitische Goldene Zeitalter, die lange Finsternis des neunzehnten Jahrhunderts und die Nachkriegsrenaissance -- stellt einen der dramatischsten Verlaeufe in der Geschichte jeder nationalen sinologischen Tradition dar. Wie Lanciotti beobachtete, entwickelte sich die italienische professionelle Sinologie „aus dem Wunsch, den Eurozentrismus zu ueberwinden"; italienische Sinologen haben mit wachsendem Selbstbewusstsein versucht, sich von den „eurozentrischen" Vorurteilen zu befreien, die fruehere Generationen unbewusst absorbiert hatten. Das Studium der chinesischen Sprache und Kultur, argumentierte er, „wird nicht von Neugier oder einem Geschmack fuer exotischen Luxus motiviert, sondern von genuiner kultureller Notwendigkeit."<ref>Zur „kolonialen Zusammenarbeit" siehe ebd.</ref> | ||
| + | |||
| + | Das Paradoxon der italienischen Sinologie -- gleichzeitig die aelteste und eine der juengsten nationalen Traditionen der Chinastudien in Europa -- verleiht ihr eine einzigartige Perspektive. Sie ist die einzige europaeische sinologische Tradition, die eine direkte Kontinuitaet mit den Anfaengen der systematischen westlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Zivilisation beanspruchen kann. Riccis Akkommodationsstrategie, seine Beherrschung des klassischen Chinesisch, sein Respekt vor dem konfuzianischen Denken und seine Vision eines intellektuellen Austauschs zwischen Zivilisationen gleicher Wuerde begruendeten Prinzipien, die fuer die Praxis der Sinologie noch heute relevant sind. Gleichzeitig hat der relativ juenge Wiederaufbau der italienischen Sinologie als professionelle akademische Disziplin es ihr ermoeglicht, sich ohne das Gewicht eingefahrener institutioneller Strukturen zu entwickeln und sich flexibel an neue methodologische Ansaetze und neue Forschungsfelder anzupassen. | ||
| + | |||
| + | Wie Bertuccioli in ''Italia e Cina'' schloss, bietet die lange Geschichte des italienischen Engagements mit China ein Modell fuer interkulturelle Beziehungen, das nicht auf Gewalt, sondern auf Kultur gebaut ist, nicht auf Eroberung, sondern auf Gespraech. In diesem Sinne ist die Geschichte der italienischen Sinologie nicht bloss eine Episode in der Geschichte der Wissenschaft; sie ist ein Kapitel in der umfassenderen Geschichte der Faehigkeit der menschlichen Zivilisation zum gegenseitigen Verstaendnis. | ||
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| + | == Anmerkungen == | ||
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| + | == Bibliographie == | ||
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| + | Bertuccioli, Giuliano. „Italian Sinology: 1600--1950." Übers. von Li Jiangtao. In ''Haiwai Zhongguoxue Pinglun'' 海外中国学评论, Bd. 3. Shanghai: Shanghai Cishu Chubanshe, 2008. | ||
| + | |||
| + | Bertuccioli, Giuliano, und Federico Masini. ''Italia e Cina''. Rom: Laterza, 1996. Chinesische Übers. von Xiao Xiaoling und Bai Ling. Peking: Shangwu Yinshuguan, 2002. | ||
| + | |||
| + | D'Elia, Pasquale M., Hrsg. ''Fonti Ricciane''. 3 Bde. Rom: La Libreria dello Stato, 1942--1949. | ||
| + | |||
| + | Fang Hao 方豪. ''Zhongxi Jiaotong Shi'' 中西交通史. Shanghai: Shanghai Renmin Chubanshe, 2008. | ||
| + | |||
| + | Honey, David B. ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology''. New Haven: American Oriental Society, 2001. | ||
| + | |||
| + | Lanciotti, Lionello. „Italian Sinology: From 1945 to the Present." In Zhang Xiping, Hrsg., ''Ou-Mei Hanxue Yanjiu de Lishi yu Xianzhuang''. Zhengzhou: Daxiang, 2006. | ||
| + | |||
| + | —. ''Breve storia della sinologia: Tendenze e realizzazioni''. Rom, 1977. | ||
| + | |||
| + | Lin Jinshui 林金水. ''Limadou yu Zhongguo'' 利玛窦与中国. Peking: Zhongguo Shehui Kexue Chubanshe, 1996. | ||
| + | |||
| + | Ma Yong 马雍. „Jindai Ouzhou Hanxuejia de Xianqu Maerdini" 近代欧洲汉学家的先驱马尔蒂尼. ''Lishi Yanjiu'' 历史研究 1980, Nr. 6. | ||
| + | |||
| + | Masini, Federico. ''The Formation of Modern Chinese Lexicon and Its Evolution toward a National Language: The Period from 1840 to 1898''. Berkeley: University of California, 1993. | ||
| + | |||
| + | Ricci, Matteo. ''Della Entrata della Compagnia di Gesu e Christianita nella Cina''. Hrsg. von Piero Corradini. Macerata: Quodlibet, 2001. | ||
| + | |||
| + | —. ''Lettere''. Macerata: Quodlibet, 2001. | ||
| + | |||
| + | Ripa, Matteo. ''Giornale''. Hrsg. von Michele Fatica. Neapel: Istituto Universitario Orientale, 1996. | ||
| + | |||
| + | Sabattini, Mario, und Paolo Santangelo. ''Storia della Cina dalle origini alla fondazione della Repubblica''. Rom: Laterza, 1986. | ||
| + | |||
| + | Shen Dingping 沈定平. „Lun Wei Kuangguo zai Zhongxi Wenhua Jiaoliu Shi shang de Diwei yu Zuoyong" 论卫匡国在中西文化交流史上的地位与作用. ''Zhongguo Shehui Kexue'' 中国社会科学 1995, Nr. 3. | ||
| + | |||
| + | Tacchi Venturi, Pietro, Hrsg. ''Opere Storiche del P. Matteo Ricci S.I.'' Macerata, 1911--1913. | ||
| + | |||
| + | Wang Zuwang 王祖望 u. a., Hrsg. ''Ouzhou Zhongguoxue'' 欧洲中国学. Peking: Shehui Kexue Wenxian Chubanshe, 2005. | ||
| + | |||
| + | Wu Mengxue 吴孟雪 und Zeng Liya 曾丽雅. ''Mingdai Ouzhou Hanxue Shi'' 明代欧洲汉学史. Peking: Dongfang Chubanshe, 2000. | ||
| + | |||
| + | Zhang Guogang 张国刚 u. a. ''Mingqing Chuanjiaoshi yu Ouzhou Hanxue'' 明清传教士与欧洲汉学. Peking: Zhongguo Shehui Kexue Chubanshe, 2001. | ||
| + | |||
| + | Zhang Xiping 张西平. ''Ou-Mei Hanxue de Lishi yu Xianzhuang'' 欧美汉学的历史与现状. Zhengzhou: Daxiang Chubanshe, 2005. Vorlesung 5: „Entwicklung der italienischen Sinologie." | ||
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| + | == Einzelnachweise == | ||
| + | <references /> | ||
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Latest revision as of 04:04, 26 March 2026
Kapitel 12: Italien -- Von Matteo Ricci zur zeitgenoessischen italienischen Sinologie
1. Das Erbe Riccis: Italien als Geburtsstaette der europaeischen Sinologie
Kein Land kann eine laengere oder folgenreichere Rolle in der europaeischen Begegnung mit China beanspruchen als Italien. Von Marco Polos Divisament dou Monde im spaeten dreizehnten Jahrhundert bis zu Matteo Riccis epochaler Mission an der Wende zum siebzehnten, von den jesuitischen Ethnographien, die das Chinabild der Aufklaerung praegten, bis zur Nachkriegswiedergeburt der professionellen Sinologie in Rom, Neapel und Venedig haben italienische Gelehrte, Reisende, Missionare und Diplomaten an jedem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der westlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Zivilisation gestanden. Wie der bedeutende italienische Sinologe Giuliano Bertuccioli beobachtete, konnte „der Kontakt zwischen China und dem Westen ueber eine sehr lange Periode der europaeischen Geschichte im Wesentlichen als Kontakt zwischen China und Italien angesehen werden."[1]
Dennoch ist die italienische Sinologie auch paradoxerweise eine junge Disziplin. Nach der Aufhebung des Jesuitenordens 1773 trat Italien in eine laengere Phase relativer Untaetigkeit in den Chinastudien ein -- was Bertuccioli ein „leeres Fenster" (finestra vuota) nannte --, die mit kurzen Unterbrechungen bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts andauerte. Die Wiedergeburt der italienischen Sinologie nach dem Zweiten Weltkrieg unter der Fuehrung von Gestalten wie Bertuccioli, Lionello Lanciotti und ihren Schuelern stellt eine der bemerkenswertesten Geschichten institutioneller Rekonstruktion in der neueren Geschichte der Geisteswissenschaften dar. Die zeitgenoessische italienische Sinologie hat, obwohl kleiner im Umfang als ihre franzoesischen, deutschen oder amerikanischen Pendants, Arbeiten von hoechster Auszeichnung hervorgebracht, insbesondere auf den Gebieten der chinesisch-italienischen Beziehungen, der klassischen chinesischen Literatur, der Ming-Qing-Sozial- und Kulturgeschichte sowie der Erforschung der Jesuitenmission.
Der Bogen der italienischen Sinologie spannt sich von den mittelalterlichen Reisenden ueber das grosse Zeitalter der Jesuitenmission, die lange Unterbrechung des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts bis hin zur Nachkriegsrenaissance, die die italienischen Chinastudien wieder zu einer bedeutenden Kraft in der internationalen Wissenschaft gemacht hat.
2. Mittelalterliche italienische Reisende und die Entdeckung Cathays
2.1 Die Mongolenherrschaft und italienische Kaufleute
Die Mongoleneroberungen des dreizehnten Jahrhunderts schufen die Voraussetzungen, die einen direkten europaeischen Kontakt mit China ermoeglichten. Die Pax Mongolica -- die Periode relativer Ruhe und Stabilitaet ueber das weite eurasische Reich -- oeffnete Ueberlandwege, die italienische Kaufleute als erste Europaeer nutzten. Der Florentiner Kaufmann Francesco Balducci Pegolotti beschrieb in seinem Handelshandbuch Libro di Divisamenti di Paesi eine Handelsroute vom Hafen Tana am Don durch die zentralasiatische Steppe nach China und versicherte seinen Lesern: „Ob bei Tag oder bei Nacht, die Route ist voellig sicher… wenn Ihr mit sechzig Begleitern reist, seid Ihr so sicher wie in Eurem eigenen Haus."[2]
Es waren italienische Reisende -- Moenche und Kaufleute --, die die einflussreichsten mittelalterlichen europaeischen Berichte ueber China verfassten. Giovanni di Pian del Carpine, der Franziskanergesandte, der 1246 den Mongolenhof erreichte, war der erste Europaeer, der eine substantielle schriftliche Aufzeichnung der mongolischen Welt hinterliess. Sein Nachfolger Willem van Rubroeck, obwohl Flame, uebermittelte seinen Bericht durch die Netzwerke der lateinischen Christenheit, in denen italienische Geistliche eine zentrale Rolle spielten. Aber es war Marco Polo, dessen Erzaehlung das europaeische Bewusstsein von China verwandelte und dessen Vermaechtnis durch Jahrhunderte der chinesisch-europaeischen Beziehungen nachhallen sollte.
2.2 Marco Polos bleibender Einfluss
Marco Polos Divisament dou Monde (1298) wurde ausfuehrlich in Kapitel 1 dieses Bandes behandelt, aber seine Bedeutung fuer die Geschichte der italienischen Sinologie verdient weitere Hervorhebung. Die Wirkung des Buches reichte weit ueber die Geographie hinaus: Es stimulierte die weltliche Vorstellungskraft des Renaissance-Italien und praesentierte „ein China aus Fleisch und Blut vor den Augen Europas", wodurch es das schuf, was ein Gelehrter „ein Symbol eines neuen italienischen Traumlebens, ein ideales Koenigreich weltlichen Strebens" nannte.[3] Das von Christoph Kolumbus mit Anmerkungen versehene Exemplar des Divisament hat sich in Sevilla als Zeugnis der Rolle des Buches bei der Inspiration des Zeitalters der Entdeckungen erhalten.
Fuer die italienische Sinologie im Besonderen begruendete das Polo-Vermaechtnis eine Tradition italienischen Engagements mit China, auf die sich nachfolgende Generationen bewusst berufen wuerden. Als Matteo Ricci 1583 in China eintraf, war er sich bewusst, dass er in die Fussstapfen seiner mittelalterlichen Landsleute trat. Als der Sinologe des zwanzigsten Jahrhunderts Bertuccioli sein meisterhaftes Italia e Cina (Italien und China) schrieb, begann er seine Darstellung mit den fruehesten Kontakten zwischen dem Roemischen Reich und der Han-Dynastie und zeichnete einen ununterbrochenen Bogen italienischer Faszination fuer China ueber zwei Jahrtausende nach.
2.3 Die Franziskanermission im Yuan-China
Zwischen Marco Polo und den Jesuiten leisteten mehrere italienische Franziskaner bedeutende Beitraege zum europaeischen Wissen ueber China. Giovanni di Montecorvino (1247--1328), der 1294 mit Briefen von Papst Nikolaus IV. an den Yuan-Kaiser in Peking (Dadu) eintraf, begruendete faktisch die katholische Kirche in China. Seine drei erhaltenen Briefe nach Europa stellen authentische dokumentarische Zeugnisse ueber die spaete Yuan-Gesellschaft dar. Odorich von Pordenone (ca. 1286--1331) bereiste sechs Jahre lang ausgiebig Suedchina, besuchte Guangzhou, Quanzhou, Fuzhou, Hangzhou, Yangzhou und Nanjing und verfasste die geographisch weitreichendsten Beschreibungen chinesischer Staedte, die ein Europaeer bis dahin unternommen hatte. Giovanni de' Marignolli, der 1342 als paepstlicher Gesandter in Dadu eintraf, wurde vom letzten Yuan-Kaiser zeremoniell empfangen und ueberreichte ihm ein Pferd, das fuenf Gedichte und Oden im Yuanshi xuanji inspirierte.[4]
Diese franziskanischen Berichte, obwohl weniger beruehmt als Marco Polos, trugen wesentlich zum europaeischen Chinabild bei und hielten die italienische Verbindung mit dem Fernen Osten in den Jahrzehnten vor dem grossen Zeitalter der maritimen Exploration aufrecht.
3. Die Jesuitenmission: Italiens groesster Beitrag zur fruehen Sinologie
3.1 Michele Ruggieri und die Grundlagen der Missions-Sinologie
Die Geschichte der Jesuitenmission in China und damit die Geschichte der systematischen europaeischen Sinologie beginnt mit einem Italiener: Michele Ruggieri (1543--1607). In Spinazzola in Sueditalien geboren, besass Ruggieri zwei Doktortitel in Rechtswissenschaft und hatte in einem staedtischen Amt gedient, bevor er in die Gesellschaft Jesu eintrat. Er kam 1579 in Macau an und begann, der Anweisung des Jesuitenvisitators Alessandro Valignano folgend, dass in China einreisende Missionare „chinesische Sprache und Schrift lernen" sollten, unverzueglich mit dem Studium der chinesischen Sprache.[5]
Die Schwierigkeiten, denen Ruggieri begegnete, veranschaulichen die immense Herausforderung, vor der die ersten europaeischen Studenten des Chinesischen standen. In einem Brief an den Jesuitengeneral beschrieb er seine Erfahrung mit bemerkenswerter Offenheit:
Der Pater Visitator schrieb mir und befahl mir, die chinesische Sprache und Schrift zu erlernen, gleichermassen im Lesen, Schreiben und Sprechen voranzukommen. Ich gehorchte dem Befehl unverzueglich mit allen Kraeften. Doch die chinesische Sprache und Schrift gleichen nicht nur nicht denen unseres Landes, sondern denen keines anderen Landes der Welt: Es gibt kein Alphabet, keine feste Zahl von Zeichen, und jedes Zeichen hat seine eigene Bedeutung. Selbst fuer die Chinesen selbst bedarf es fuenfzehn Jahre harter Arbeit, um ihre Buecher lesen zu koennen.[6]
Ruggieris anfaengliche Lernmethode war die Bildererkennungstechnik, die Kinder verwenden. Wie er in einem Brief von 1583 erklaerte: „Anfangs war es sehr schwierig, einen Lehrer zu finden, der mir Mandarin beibringen konnte, aber ich musste es unbedingt fuer die Missionstaetigkeit lernen… Also fand ich einen Lehrer und konnte die chinesische Sprache nur durch Bilder erlernen: Er zeichnete ein Pferd, sagte mir, dass dieses Tier auf Chinesisch ma heisse, und so weiter fuer alles andere."[7] Trotz dieser Hindernisse konnte Ruggieri innerhalb von zwei Jahren und vier Monaten 15.000 chinesische Schriftzeichen erkennen und hatte begonnen, chinesische Buecher zu lesen; innerhalb von drei Jahren schrieb er auf Chinesisch.
Ruggieris bedeutendste wissenschaftliche Leistung war die erste Uebersetzung eines chinesischen Klassikers in eine europaeische Sprache. 1593 wurde seine lateinische Uebersetzung von Teilen des Daxue (Grosse Lehre) in Rom von dem Jesuitengelehrten Antonio Possevino in dessen enzyklopaedischer Bibliotheca Selecta veroeffentlicht. Obwohl diese Teiluebersetzung zunaechst wenig Aufmerksamkeit erregte, war sie ein Meilenstein in der Geschichte der westlichen Sinologie: das erste Mal, dass ein Text des konfuzianischen Kanons in eine westliche Sprache uebertragen wurde. Das vollstaendige Manuskript von Ruggieris lateinischer Uebersetzung der Vier Buecher befindet sich in der Italienischen Nationalbibliothek in Rom.[8]
Ruggieri stellte auch ein portugiesisch-chinesisches Woerterbuch zusammen, um kuenftigen Missionaren beim Erlernen des Chinesischen zu helfen, und schrieb den ersten christlichen Katechismus auf Chinesisch, das Zuchuan Tianzhu Shijie (Die Zehn Gebote des Herrn des Himmels, von den Vorfahren ueberliefert). Er war auch der erste europaeische Jesuit, der eine dauerhafte Niederlassung auf dem chinesischen Festland begruendete, indem er 1583 die Erlaubnis erhielt, sich in Zhaoqing niederzulassen -- ein Durchbruch, der weitgehend seiner Beherrschung des Mandarin und seiner Faehigkeit, mit chinesischen Beamten in deren eigener Sprache zu korrespondieren, zu verdanken war.
3.2 Matteo Ricci: Der Vater der europaeischen Sinologie
Wenn Ruggieri die Grundlagen legte, so errichtete sein Gefaehrte und Nachfolger Matteo Ricci (1552--1610) das Gebaeude der europaeischen Sinologie. In Macerata in Mittelitalien in eine adlige Familie hineingeboren, trat Ricci mit neunzehn Jahren in die Gesellschaft Jesu ein und studierte am Roemischen Kolleg bei dem deutschen Jesuitenmathematiker Christoph Clavius -- dem „Lehrer Ding" (Ding laoshi), den Ricci spaeter seinen chinesischen Gespraechspartnern gegenueber erwaehnen sollte.[9] Unter Clavius' Anleitung eignete sich Ricci Mathematik, Astronomie und die Techniken des Instrumentenbaus an -- Fertigkeiten, die sich als unentbehrlich erweisen sollten, um Zugang zur chinesischen Elite zu gewinnen.
Ricci kam 1582 in Macau an und verbrachte die verbleibenden achtundzwanzig Jahre seines Lebens in China, wo er 1610 in Peking starb. Sein Genie lag in dem, was spaetere Gelehrte die „Akkommodationsstrategie" (accommodatio) genannt haben: der Politik, das Christentum als mit dem Konfuzianismus vereinbar darzustellen und europaeisches Wissen an chinesische kulturelle Formen anzupassen. Diese Strategie erforderte von Ricci ein tiefgehendes Studium der chinesischen Sprache und der chinesischen Klassiker. Wie der Ming-Intellektuelle Li Zhi ueber Ricci bemerkte: „Er hat alle Buecher unseres Landes gelesen, Tutoren angeheuert, um seine Aussprache zu korrigieren, Gelehrte, die in den Vier Buechern bewandert waren, engagiert, um deren tiefere Bedeutung zu erklaeren, und Experten in den Sechs Klassikern hinzugezogen, um deren Kommentare zu erlaeutern."[10]
Riccis De Christiana Expeditione apud Sinas
Riccis wichtigstes sinologisches Werk war sein italienisches Manuskript Della Entrata della Compagnia di Gesu e Christianita nella Cina (Ueber den Eintritt der Gesellschaft Jesu und des Christentums in China), das er um 1607 zu verfassen begann und bei seinem Tod unvollendet hinterliess. Dieses Werk wurde vom belgischen Jesuiten Nicolas Trigault ins Lateinische uebersetzt und 1615 als De Christiana Expeditione apud Sinas veroeffentlicht, was in ganz Europa sofort fuer Furore sorgte.
Das italienische Originalmanuskript, 1909 in den Jesuitenarchiven wiederentdeckt, wurde erstmals 1911--1913 vom Jesuiten Tacchi Venturi veroeffentlicht und anschliessend vom italienischen Sinologen Pasquale D'Elia 1942--1949 mit umfangreichen wissenschaftlichen Anmerkungen neu herausgegeben. Der Vergleich zwischen Riccis italienischem Original und Trigaults lateinischer Version offenbart erhebliche Unterschiede: Trigault liess Passagen aus oder aenderte sie, die als zu wohlwollend gegenueber dem Konfuzianismus haetten erscheinen koennen -- ein Reflex der innerjesuitischen Debatten ueber die Akkommodationsstrategie.[11]
Das erste Buch des Werkes bildet, was Ricci selbst als umfassenden Bericht ueber China beschrieb und deckt dessen Geographie, Naturschaetze, Gewerbe und Handel, Gelehrsamkeit und Pruefungssystem, Verwaltungsinstitutionen, Sitten und Gebraeuche sowie religioese Ueberzeugungen ab. Ricci war sich der Ueberlegenheit seines Berichts gegenueber denen frueherer europaeischer Autoren bewusst: „Wir haben fast dreissig Jahre in China gelebt, sind durch seine wichtigsten Provinzen gereist, haben freundschaftlichen Umgang mit den Adligen, hohen Beamten und angesehenen Gelehrten dieses Landes gepflegt. Wir sprechen die Landessprache, haben persoenlich ihre Braeuche und Gesetze studiert und -- zuletzt, aber am wichtigsten -- haben uns Tag und Nacht dem Studium ihrer Literatur gewidmet."[12]
Riccis Beobachtungen waren bemerkenswert nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern wegen der kritischen Intelligenz, die er einbrachte. Nachdem er die chinesische Geschichte ueber vier Jahrtausende sorgfaeltig studiert und chinesische Historiker konsultiert hatte, bot er eine ueberraschende Einschaetzung der chinesischen Aussenpolitik: „Obwohl sie ueber gut ausgeruestete Heere und Flotten verfuegen und leicht Nachbarlaender erobern koennten, haben weder ihre Kaiser noch ihr Volk jemals daran gedacht, Angriffskriege zu fuehren. Sie sind mit dem, was sie bereits haben, sehr zufrieden und haben keinen Ehrgeiz zur Eroberung." Er fuegte mit beinahe satirischer Absicht hinzu: „Die Nationen des Westens scheinen vom wilden Ehrgeiz der Weltherrschaft erschoepft zu sein und koennen am Ende nicht einmal bewahren, was ihre Vorfahren ihnen hinterliessen; die Chinesen hingegen haben das Ihre tausend Jahre lang bewahrt."[13]
Die De Christiana Expeditione war das erste europaeische Werk, das Konfuzius und die konfuzianischen Klassiker einem breiten europaeischen Lesepublikum vorstellte. Sie legte den Grundstein fuer die Faszination der Aufklaerung fuer chinesische Philosophie und Regierungsfuehrung. Wie der Historiker Fang Hao schlussfolgerte: „Dass die Europaeer erstmals begannen, die chinesischen Klassiker zu uebersetzen, den Konfuzianismus und die chinesische Kultur als System zu studieren und den Einfluss Chinas in Politik, Wirtschaft, Literatur und Religion zu spueren -- all dies hatte seinen Ursprung in dieser Periode", die von Ricci eingeleitet wurde.[14]
3.3 Martino Martini: Der Vater der chinesischen Geographie
Martino Martini (1614--1661), in Trient in Norditalien geboren, war der naechste grosse italienische Jesuitensinologe. Er kam 1643 in China an, genau in dem Moment, als die Ming-Dynastie zusammenbrach, und verbrachte den Grossteil seiner Laufbahn in der Provinz Zhejiang. Trotz des Chaos des Ming-Qing-Uebergangs betrieb Martini systematische Forschung, mass sorgfaeltig Breiten- und Laengengrade jeder Provinz, die er besuchte, zeichnete praezise Karten und erfasste die natuerliche Umwelt und die oertlichen Braeuche.
Martinis lateinische Werke stellten die wichtigsten europaeischen Veroeffentlichungen ueber China zwischen Riccis De Christiana Expeditione (1615) und der spaeten Bluete jesuitischer Gelehrsamkeit im siebzehnten Jahrhundert dar. Seine drei Hauptwerke waren:
Das Bellum Tartaricum (Tartarenkrieg, 1654): Waehrend seiner Rueckreise nach Europa vollendet und gleichzeitig in Antwerpen, Koeln, London, Rom und Amsterdam veroeffentlicht, war dies der erste europaeische Augenzeugenbericht ueber den Ming-Qing-Dynastiewechsel. Auf eigener Erfahrung und chinesischen Quellen beruhend, beschrieb das Bellum Tartaricum die mandschurische Eroberung, den Fall Pekings, Li Zichengs Aufstand und Wu Sanguis Entscheidung, die mandschurischen Armeen durch die Grosse Mauer einzuladen. Es wurde fuer seine Sachlichkeit, Objektivitaet und analytische Tiefe gelobt und gilt noch heute als unverzichtbare Quelle fuer die Geschichte jener Periode. Das Werk beeinflusste zudem tiefgreifend die europaeische Literatur des siebzehnten Jahrhunderts: Dramatiker und Romanciers in ganz Europa griffen auf seine dramatische Erzaehlung des Dynastieuntergangs zurueck.[15]
Die Sinicae Historiae Decas Prima (Erste Dekade der chinesischen Geschichte, 1658): Dies war die erste systematische europaeische Geschichte Chinas, die den Zeitraum von den mythischen Anfaengen bis zum Ende der Westlichen Han-Dynastie (1 v. Chr.) abdeckte. Gestuetzt auf das Shiji, das Tongjian Gangmu und andere chinesische historische Werke, verfasste Martini eine Chronik, die nach Regierungszeiten und Dynastien geordnet war, mit parallel gefuehrten chinesischen und westlichen Datierungen -- das erste Mal, dass ein solches duales Datierungssystem verwendet wurde. Das Werk wurde als „das frueheste wissenschaftliche, strenge, detaillierte und systematische Werk der chinesischen Geschichte" gepriesen, das in Europa entstanden war, und wurde von Du Halde bei der Zusammenstellung seiner enzyklopaedischen Description von China (1735) ausfuehrlich genutzt.[16]
Der Novus Atlas Sinensis (Neuer Atlas von China, 1655): Martinis Meisterwerk war der erste europaeische Atlas Chinas, der mit wissenschaftlichen kartographischen Methoden hergestellt wurde. Er enthielt siebzehn Karten -- eine Gesamtkarte Ostasiens und sechzehn Provinzkarten --, jede handkoloriert, mit praezisen Breiten- und Laengengradrastern. Der Atlas verband europaeische Vermessungstechniken mit dem Inhalt chinesischer geographischer Gazetteers und lieferte Informationen ueber Verwaltungsgliederung, Ortsnamenetymologien, Klima, Naturschaetze, Gebirge und Fluesse, bedeutende Staedte, Bevoelkerung, Braeuche und bemerkenswerte historische Persoenlichkeiten. Bemerkenswert ist, dass Martini auf der Karte der Provinz Fujian Taiwan deutlich als chinesisches Territorium unter der Zustaendigkeit Fujians auswies. Der Novus Atlas Sinensis wurde als hoechste Leistung der europaeischen China-Kartographie des siebzehnten Jahrhunderts anerkannt und behielt seine Autoritaet bis zum Erscheinen von Du Haldes Description 1735. Martini wurde mit dem Titel „Vater der chinesischen Geographie" geehrt.[17]
Martini verfasste auch eine Grammatica Sinica (Chinesische Grammatik), das erste europaeische Werk ueber die chinesische Grammatik, das jedoch nur als Manuskript erhalten blieb und nie veroeffentlicht wurde.[18]
3.4 Giuseppe Castiglione und andere italienische Jesuiten
Der italienische Beitrag zur Jesuitenmission erstreckte sich weit ueber den Bereich der Textgelehrsamkeit hinaus. Giuseppe Castiglione (1688--1766), in China als Lang Shining bekannt, diente als Hofmaler unter drei Qing-Kaisern -- Kangxi, Yongzheng und Qianlong -- ueber mehr als fuenfzig Jahre. Castiglione entwickelte einen unverwechselbaren hybriden Stil, der europaeische Techniken der Perspektive, Schattierung und anatomischen Genauigkeit mit chinesischen Kompositionsprinzipien und Malmedien verschmolz. Seine monumentalen Werke, darunter Reiterportraets, Schlachtenszenen und Darstellungen von Qianlongs Feldzuegen, wurden zu Ikonen der Selbstdarstellung des Qing-Hofes und veranschaulichten die kreativen Moeglichkeiten der chinesisch-europaeischen kuenstlerischen Begegnung.
Weitere bemerkenswerte italienische Jesuiten waren Giulio Aleni (1582--1649), in der Provinz Fujian als „Konfuzius des Westens" (Xi lai Kongzi) bekannt, der auf Chinesisch ausfuehrlich ueber Geographie, Philosophie und christliche Lehre schrieb; Sabatino de Ursis (1575--1620), der mit Xu Guangqi an Texten ueber Wasserbautechnik zusammenarbeitete; und Lodovico Buglio (1606--1682), der Thomas von Aquins Summa Theologiae ins Chinesische uebersetzte. Jede dieser Gestalten trug zu dem gewaltigen Unternehmen der kulturellen Uebersetzung bei, das die Jesuitenmission definierte und die Grundlagen der westlichen Sinologie legte.
3.5 Prospero Intorcetta und die Uebersetzung der Klassiker
Prospero Intorcetta (1625--1696), ein sizilianischer Jesuit, kam 1659 in China an und wurde der Provinz Jiangxi zugeteilt, um an der Uebersetzung der Vier Buecher zu arbeiten. 1662 veroeffentlichte er Sapientia Sinica (Chinesische Weisheit), das eine lateinische Uebersetzung des Daxue und Teile der Lunyu (Gespraeche) enthielt. Waehrend der antichristlichen Verfolgungen von 1664--1665 wurden Intorcetta und fuenfundzwanzig weitere europaeische Missionare in einer Kirche in Guangzhou interniert; waehrend dieser erzwungenen Gefangenschaft vollendete er eine lateinische Uebersetzung des Zhongyong (Lehre von der Mitte), die 1667 in Guangzhou und 1669 in Goa unter dem Titel Sinarum Scientia Politico-Moralis (Die politische und moralische Wissenschaft der Chinesen) veroeffentlicht wurde. Er verfasste auch eine kurze lateinische Biographie des Konfuzius, Confucii Vita.
Intorcettas Name erschien an erster Stelle unter den Herausgebern des wegweisenden Confucius Sinarum Philosophus (Konfuzius, Philosoph der Chinesen), das 1687 in Paris veroeffentlicht wurde -- das Werk, das die konfuzianische Philosophie erstmals europaeischen Intellektuellen zugaenglich machte und die Aufklaerung tiefgreifend beeinflusste. Durch dieses Werk „machte Intorcetta Europa den Konfuzius bekannt und leistete einen herausragenden Beitrag zur Verbreitung des konfuzianischen Denkens in Europa."[19]
3.5 Matteo Ripa und die Gruendung des Neapolitanischen China-Kollegs
Matteo Ripa (1682--1746), ein Priester der Propaganda Fide, kam 1710 in Peking an und diente als Hofmaler unter dem Kangxi-Kaiser. Bei seiner Rueckkehr nach Italien 1723 brachte er vier chinesische Studenten und deren Lehrer mit und gruendete mit paepstlicher Genehmigung das Collegio dei Cinesi (Chinesisches Kolleg) in Neapel. Der primaere Zweck des Kollegs war die Ausbildung von in China geborenen Geistlichen, aber es wurde auch zu einem Zentrum fuer Chinesischunterricht und Forschung -- die erste spezialisierte Einrichtung fuer Chinastudien in Italien und eine der fruehesten in Europa.
Ripas zweibaendige Memoiren, das Giornale (Tagebuch), in seinem Alter verfasst, bieten einen detaillierten Bericht ueber seine Jahre am Qing-Hof und seine Reisen durch China, einschliesslich sorgfaeltiger Beobachtungen des Hoflebens, der Landschaft und der Braeuche. Das italienischsprachige Original wurde erstmals 1996 vom Istituto Universitario Orientale in Neapel veroeffentlicht, mit wissenschaftlicher Einleitung und Anmerkungen des Sinologen Michele Fatica.[20]
Das Neapolitanische Chinesische Kolleg ueberlebte aufeinanderfolgende institutionelle Umwandlungen: Es wurde nach der italienischen Einigung 1870 zur Reale Accademia Asiatica (Koenigliche Asiatische Akademie) und 1925 zur Universita degli Studi di Napoli „L'Orientale" erhoben. Diese Institution, der direkte Nachfahre von Ripas Gruendung aus dem achtzehnten Jahrhundert, ist noch heute eines der wichtigsten italienischen Zentren fuer Chinastudien.
4. Die lange Unterbrechung: Italienische Sinologie von 1773 bis 1945
4.1 Die Aufhebung des Jesuitenordens und ihre Folgen
Die Aufhebung der Gesellschaft Jesu durch Papst Klemens XIV. im Jahr 1773 versetzte der italienischen Sinologie einen verheerenden Schlag. Die Jesuiten waren das wichtigste Vehikel gewesen, durch das sich italienische Gelehrte mit China befassten; mit ihrer Aufloesung brach die institutionelle Infrastruktur der italienischen Chinastudien weitgehend zusammen. Ueber ein halbes Jahrhundert nach der Aufhebung verstummten die Jesuitengelehrten, die das Rueckgrat der europaeischen sinologischen Forschung gebildet hatten, und das Tempo des chinesisch-westlichen intellektuellen Austauschs verlangsamte sich merklich.
Gleichzeitig lenkte die langanhaltende politische Zersplitterung der italienischen Halbinsel -- Italien wurde erst 1870 vereinigt -- die nationalen Energien von fernen kulturellen Engagements ab. Waehrend Frankreich, Grossbritannien und Deutschland Kolonialreiche aufbauten und Universitaetslehrstuehle fuer Orientalistik einrichteten, war Italien von innenpolitischen Kaempfen absorbiert. In diesem Umfeld gab es wenig Motivation fuer italienische Gelehrte, Chinesisch zu lernen oder die chinesische Zivilisation zu studieren. Das Ergebnis war, was Bertuccioli eine ausgedehnte „leere Fensterperiode" nannte, in der italienische Sinologen „duenn gesaet" waren und kein Werk von bleibendem internationalem Rang hervorgebracht wurde.
Wie Bertuccioli feststellte, beendeten diese beiden Faktoren zusammen Italiens fuehrende Position in der europaeischen Sinologie und ueberliessen diese Auszeichnung Frankreich, wo Rémusats Berufung auf den ersten Lehrstuhl fuer Chinesisch am Collège de France 1814 die Aera der professionellen akademischen Sinologie einleitete. Es war eine bittere Ironie: Die Nation, die Europa ihre ersten Sinologen geschenkt hatte -- Ruggieri, Ricci, Martini, Intorcetta --, fand sich nun als Nachzuegler in der Disziplin wieder, die jene Maenner geschaffen hatten.[21]
4.2 Das neunzehnte Jahrhundert
Im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts brachte die italienische Sinologie nur wenige Werke von bleibendem Rang hervor. Die bemerkenswerteste Ausnahme war Angelo Zottoli (1826--1902), ein Jesuit, der 1848, nach der Wiederherstellung des Ordens 1814, in Shanghai eintraf. Zottolis fuenfbaendiger Cursus Litteraturae Sinicae (Kursus der chinesischen Literatur, 1879--1883), in Shanghai im zweisprachigen chinesisch-lateinischen Format veroeffentlicht, war die umfassendste westliche Anthologie der klassischen chinesischen Literatur vor 1950. Obwohl Zottolis Latein mitunter als „etwas dunkel" kritisiert wurde, zeigte das Werk eine echte Beherrschung der chinesischen literarischen Tradition und stellte im Kontext der sich herausbildenden professionellen Sinologie ein Uebergangswerk zwischen missionarischer und akademischer Gelehrsamkeit dar.[22]
4.3 Pasquale D'Elia: Der letzte Missionar, der erste Professionelle
Die Zwischenkriegszeit brachte einen italienischen Sinologen ersten Ranges hervor: den Jesuiten Pasquale D'Elia (1890--1963). D'Elia verbrachte Jahre als Missionar in China und erwarb fliessende Chinesischkenntnisse sowie tiefes Wissen ueber chinesische Kultur und historische Quellen. Er war „fast der einzige bedeutende italienische Sinologe zwischen den beiden Weltkriegen."[23]
D'Elias bleibenste Leistung war seine kritische Edition von Riccis Schriften, die Fonti Ricciane (Ricci-Quellen), veroeffentlicht 1942--1949. Aufbauend auf der frueheren Ausgabe von Tacchi Venturi, lieferte D'Elia erschoepfende Anmerkungen und Kommentare, identifizierte chinesische Personen- und Ortsnamen, verifizierte historische Daten und Ereignisse, stellte Querverweise zu chinesischen literarischen und dokumentarischen Quellen her und bot detaillierte Analysen von Riccis Interpretationen der chinesischen Kultur. Das Ergebnis war ein Werk, das bis heute die „offizielle Fassung" fuer Gelehrte geblieben ist, die Ricci und die fruehe Jesuitenmission studieren.[24]
D'Elias Werk war zugleich Hoehepunkt und Bruecke. Als letzter grosser Vertreter der dreieinhalb Jahrhunderte zuvor von Ruggieri und Ricci begruendeten italienischen Missions-Sinologie-Tradition fuehrte er diese zu ihrem wissenschaftlichen Zenith. Gleichzeitig beeinflusste er durch seine kurze Lehrtaetigkeit an der Universitaet Rom unmittelbar die beiden jungen Gelehrten -- Giuliano Bertuccioli und Lionello Lanciotti --, die zu den Begruendern der professionellen italienischen Nachkriegssinologie werden sollten. D'Elias persoenliches Temperament war schwierig: Bertuccioli erinnerte sich spaeter, dass er „eigensinnig und stolz" gewesen sei, „keinen einzigen Freund" in der akademischen Welt gehabt habe und seine letzten Jahre „von Krankheit und Enttaeuschung geplagt" verbracht habe.[25] Doch sein wissenschaftliches Vermaechtnis war beeindruckend, und sein Einfluss auf die naechste Generation erwies sich als entscheidend.
5. Die Nachkriegswiedergeburt: Professionelle italienische Sinologie
5.1 Die Zerstoerung und der Wiederaufbau
Der Zustand der italienischen Sinologie am Ende des Zweiten Weltkriegs war desolat. Der Chinesischunterricht hatte praktisch aufgehoert; als der Krieg 1945 endete, hatte Italien nur einen Professor fuer Chinesisch -- D'Elia selbst, damals an der Universitaet Rom. Die Zahl der Studenten, wie Lanciotti sich erinnerte, „konnte man an den Fingern einer Hand abzaehlen."[26]
Der Wiederaufbau wurde von drei Institutionen und den mit ihnen verbundenen Gelehrten getragen: der Universitaet Rom, der Universita Orientale in Neapel und der Ca' Foscari-Universitaet in Venedig. Bertuccioli in Rom, Lanciotti zunaechst in Rom und dann in Venedig und Neapel, sowie Mario Sabattini in Venedig wurden zu den Kernen, um die eine neue Generation italienischer Sinologen ausgebildet wurde. Das Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente (Is.M.E.O.), gegruendet von dem grossen Orientalisten Giuseppe Tucci, bot zusaetzliche institutionelle Unterstuetzung durch seine Sprachkurse in Rom, Mailand und Turin sowie durch zwei wichtige Periodika: East and West (eine englischsprachige Vierteljahresschrift, 1951 gegruendet) und Cina (eine italienischsprachige Reihe, seit 1956 von Lanciotti herausgegeben).[27]
5.2 Giuliano Bertuccioli (1920--2001)
Bertuccioli war ein Polyglott von aussergewoehnlicher Bandbreite, der Griechisch, Latein, Franzoesisch, Englisch und Deutsch beherrschte, bevor er im Alter von sechzehn Jahren mit dem Chinesischen begann. Er studierte Rechtswissenschaft an der Universitaet Rom und absolvierte gleichzeitig eine sinologische Ausbildung bei D'Elia. 1946 wurde er als Diplomatischer Attaché an die italienische Botschaft in Nanjing entsandt, wo sich sein Chinesisch rasch verbesserte und er sich in die klassische chinesische Literatur vertiefte.
1953 wurde Bertuccioli als italienischer Vizekonsul nach Hongkong entsandt und stieg spaeter zum Generalkonsul auf, eine Position, die er bis 1960 innehatte. Die sieben Jahre in Hongkong waren intellektuell praegend: befreit von den Anforderungen des europaeischen akademischen Lebens, las Bertuccioli unersaettlich in chinesischer Literatur und historischen Quellen und erwarb jene tiefe Vertrautheit mit chinesischen Texten, die seine spaetere Gelehrsamkeit auszeichnen sollte. Sein erstes bedeutendes Werk, La Storia della Letteratura Cinese (Geschichte der chinesischen Literatur), erschien 1959 in Mailand, waehrend er noch in Hongkong war.
1969 diente Bertuccioli in der italienischen Delegation, die in Paris die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China aushandelte -- ein Beitrag zu den chinesisch-italienischen Beziehungen, der ueber das rein Akademische hinausging.
Von 1981 bis 1995 hatte er den Lehrstuhl fuer Chinesisch an der Universitaet Rom inne und veroeffentlichte mehr als hundert Publikationen zur chinesischen Literaturgeschichte, zu den chinesisch-italienischen Beziehungen, zur Jesuitenmission und zum Daoismus sowie zahlreiche italienische Uebersetzungen chinesischer klassischer und populaerer Literatur.
Bertucciolis kroenende Leistung war Italia e Cina (Italien und China), verfasst in Zusammenarbeit mit seinem juengeren Kollegen Federico Masini. Dieses Werk zeichnete die Geschichte der chinesisch-italienischen Beziehungen von der Antike bis zum Sturz der Qing-Dynastie nach. Bertuccioli schrieb die ersten vier Kapitel, die den Zeitraum vom Roemischen Reich bis zum achtzehnten Jahrhundert abdeckten, waehrend Masini Kapitel zum neunzehnten und fruehen zwanzigsten Jahrhundert beisteuerte. Das Buch zeichnete sich durch die Breite und Tiefe seiner Quellenbasis aus: Bertuccioli stuetzte sich nicht nur auf die gaengigen europaeischen Quellen, sondern auf chinesische offizielle Geschichtswerke, Privatgeschichtsschreibung, Sammelwerke, literarische Sammlungen, Notizbuecher, archaeologische Berichte und die chinesischsprachigen Schriften der Missionare selbst. Er entdeckte beispielsweise in Zhao Ruguas Zhu Fan Zhi (Beschreibung fremder Voelker) aus der Song-Dynastie „das erste Stueck italienischen Bodens", das in der chinesischen Literatur auftaucht -- das Koenigreich Sikaliye (Sizilien).[28]
Im Schlusskapitel des Buches, betitelt nach dem konfuzianischen Ausspruch Zi bu yu („Der Meister sprach nicht von…"), verglich Bertuccioli die italienische und die chinesische Zivilisation durch die Linse des Alltagslebens -- Familienwerte, organisierte Kriminalitaet, Fingerspiele, Nudelessen, Einwanderung --, bevor er zu einer Schlussfolgerung von bleibender Relevanz gelangte: Eine Nation, die stolz auf ihr kulturelles Erbe ist, muesse danach streben, nationalen Duenkel und latente Vorurteile gegenueber anderen Voelkern zu ueberwinden und eine Haltung der Offenheit gegenueber fremden Kulturen einzunehmen. Die beiden Nationen, argumentierte er, sollten niemals in Konflikt geraten, „so wie sie dies in vergangenen Jahrhunderten niemals wirklich getan haben."[29]
5.3 Lionello Lanciotti (1925--2010)
Lanciotti, Bertucciolis Kommilitone bei D'Elia in Rom, setzte seine Ausbildung nach Abschluss seines Studiums 1947 im Ausland fort: zunaechst in Stockholm bei dem grossen schwedischen Sinologen Bernhard Karlgren, dann in Leiden bei J.J.L. Duyvendak. Diese Verbindung italienischer, schwedischer und niederlaendischer wissenschaftlicher Traditionen verlieh Lanciotti eine ungewoehnlich breite methodologische Perspektive.
Ab 1960 hatte er nacheinander Professuren in Rom, Venedig und Neapel inne, und ab 1956 diente er als Herausgeber von Cina, der Publikationsreihe des Is.M.E.O., die das hoechste Niveau italienischer China-Forschung repraesentierte. Gemeinsam mit Tucci gab er die Vierteljahresschrift East and West heraus. In den 1980er Jahren beteiligte sich Lanciotti am Projekt der European Association of Chinese Studies zur Katalogisierung daoistischer kanonischer Texte und legte eine italienische Uebersetzung des Dao De Jing auf Grundlage der Mawangdui-Seidenmanuskripte vor, die 1981 in Mailand erschien.
Lanciottis wissenschaftliches Oeuvre umfasste die chinesische Sprache, Literatur, Philosophie, Religion, Archaeologie und Politik, mit mehr als 150 Veroeffentlichungen. Zu seinen wichtigsten Werken zaehlen La Letteratura Narrativa Cinese (Chinesische Erzaehlliteratur, 1960), La Letteratura Cinese (Chinesische Literatur, 1968) und Confucio: Vita e Insegnamento (Konfuzius: Leben und Lehre, 1997). Er verfasste auch eine wertvolle Uebersicht, Breve Storia della Sinologia (Kurze Geschichte der Sinologie, 1977), die Trends und Perspektiven des Fachs bewertete.[30]
5.4 Nachfolgende Generationen
Die Schueler von Bertuccioli und Lanciotti stellten die italienische Sinologie auf ein solides institutionelles Fundament und erweiterten ihren Rahmen betraechtlich.
Mario Sabattini (geb. 1940er Jahre), ein Schueler Lanciottis, hatte den Lehrstuhl fuer chinesische Sprache und Literatur an der Ca' Foscari-Universitaet Venedig ab 1972 inne und diente von 1988 bis 1999 als Generalsekretaer der Italienischen Vereinigung fuer Chinastudien (AISC). Von 1999 bis 2003 war er Kulturattaché an der italienischen Botschaft in Peking und erhielt 2003 den Freundschaftspreis der chinesischen Regierung fuer chinesische Sprache und Kultur. Seine primaeren Forschungsgebiete waren die chinesische Geschichte und die Geschichte der chinesischen Aesthetik; er war der erste italienische Gelehrte, der die Auseinandersetzung des modernen chinesischen Aesthetikers Zhu Guangqian mit der Philosophie Benedetto Croces untersuchte, und legte 1984 eine Monographie zu diesem Thema vor. Gemeinsam mit Paolo Santangelo verfasste er eine Storia della Cina (Geschichte Chinas), die 1986 in Rom erschien.[31]
Paolo Santangelo (geb. 1943), ansaessig an der Universita degli Studi di Napoli „L'Orientale", spezialisierte sich auf die Sozial- und Kulturgeschichte der Ming-Qing-Zeit. Sein besonderer wissenschaftlicher Beitrag war die Untersuchung des emotionalen und einstellungsbezogenen Wortschatzes in der chinesischen Literatur, insbesondere in Werken wie dem Liaozhai Zhiyi (Seltsame Geschichten aus dem Studio der Musse). Durch akribische lexikographische Analyse von Texten erforschte Santangelo, wie Emotionen in der spaetkaiserlichen chinesischen Kultur konzeptualisiert, klassifiziert und bewertet wurden, und argumentierte, dass „nicht die Woerter selbst uebersetzt werden muessen, sondern die gesamte Kultur; nur dann kann man verstehen, wie ein Gefuehl innerhalb einer systematischen Weltanschauung, Sprache und sozialen Lebensweise eingeordnet wird."[32] Seine Arbeiten zu den Konzepten von qing (Emotion), yu (Begehren) und zui (Schuld) in der neokonfuzianischen ethischen Tradition stellen einen originellen Beitrag zur vergleichenden Geschichte der Emotionen dar.
Federico Masini (geb. 1957), Bertucciolis Nachfolger an der Universitaet Rom, begruendete seinen Ruf mit The Formation of Modern Chinese Lexicon and Its Evolution toward a National Language: The Period from 1840 to 1898 (1993), einer bahnbrechenden Studie darueber, wie das Chinesische im stuermischen neunzehnten Jahrhundert durch die Schaffung neuer Vokabeln auslaendische Konzepte absorbierte. Masini argumentierte, dass die Unterschiede zwischen chinesischen und westlichen kulturellen Hintergruenden die Uebertragung westlicher materieller, wissenschaftlicher und philosophischer Konzepte ins Chinesische zu einem komplexen Prozess von „Denken und Interpretation" machten und nicht zu einer einfachen sprachlichen Entlehnung. Die chinesische Uebersetzung dieses Werkes, 1997 in Shanghai veroeffentlicht, fand in chinesischen akademischen Kreisen breite Beachtung. Gemeinsam mit Bertuccioli verfasste er Italia e Cina.[33]
6. Institutionen und zeitgenoessische Richtungen
6.1 Wichtige Zentren
Zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts hatte die italienische Sinologie eine solide institutionelle Infrastruktur entwickelt. Fuenfzehn italienische Universitaeten boten Chinesisch-Programme an, mit insgesamt etwa dreitausend Studierenden. Die drei historischen Zentren -- Rom, Neapel und Venedig -- blieben die wichtigsten, aber Chinastudien hatten sich auf Universitaeten in Mailand, Turin, Bologna, Florenz und anderswo ausgedehnt.
1988 veroeffentlichte die Italienische Vereinigung fuer Chinastudien (Associazione Italiana di Studi Cinesi, AISC) eine Bibliografia degli Studi Italiani sulla Cina (Bibliographie der italienischen Chinastudien), die Leben und Veroeffentlichungen italienischer Sinologen ueber vier Jahrhunderte dokumentierte -- eine nuetzliche Bestandsaufnahme der gesamten Tradition.
6.2 Die AISC und internationale Netzwerke
Ein bedeutender Schritt in der Professionalisierung der italienischen Sinologie war die Gruendung der Associazione Italiana di Studi Cinesi (AISC) in den 1980er Jahren. Die AISC bot ein nationales Forum fuer die Koordination zwischen den verschiedenen Universitaetsinstituten und Forschungseinrichtungen, die sich mit Chinastudien befassten, organisierte regelmaessige Konferenzen und foerderte Kontakte mit der European Association of Chinese Studies (EACS) und mit chinesischen akademischen Institutionen. Italienische Sinologen waren aktive Teilnehmer internationaler Gelehrtennetzwerke, richteten haeufig Konferenzen in Italien und im Ausland aus und besuchten solche, und entwickelten Austauschprogramme mit chinesischen Universitaeten.
Die Rolle des Istituto Italiano per il Medio ed Estremo Oriente (Is.M.E.O., spaeter Is.I.A.O.), gegruendet von dem grossen Tibetologen und Indologen Giuseppe Tucci, verdient besondere Erwaehnung. Obwohl Tucci selbst kein Sinologe war, stellte die von ihm geschaffene institutionelle Infrastruktur -- einschliesslich der Periodika East and West und Cina, der Sprachkurse und der Forschungsprogramme -- das organisatorische Geruest dar, um das die italienische Sinologie nach dem Krieg wiederaufgebaut wurde. Die Reihe Cina veroeffentlichte unter Lanciottis Herausgeberschaft ab 1956 ueber dreissig Baende wissenschaftlicher Artikel, die das hoechste Niveau italienischer akademischer China-Forschung repraesentieren.
6.3 Unterscheidende Merkmale
Die zeitgenoessische italienische Sinologie besitzt mehrere eigenstaendige Merkmale, die sowohl die Staerken ihrer Tradition als auch die besondere intellektuelle Kultur der italienischen Akademie widerspiegeln.
Erstens bleibt das Studium der Jesuitenmission und der chinesisch-italienischen Kulturbeziehungen ein zentrales Anliegen. Italienische Gelehrte geniessen auf diesem Gebiet einen natuerlichen Vorteil, angesichts ihres Zugangs zu vatikanischen und jesuitischen Archiven, ihrer Vertrautheit mit Latein und fruehneuzeitlichem Italienisch und der kulturellen Naehe zu der Welt, aus der Ricci, Martini und ihre Kollegen stammten. Bertucciolis Spaetwerk-Projekt der Edition der Opera Omnia von Martino Martini, das dessen Schriften in Latein, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Chinesisch versammelte, verkoerperte diese Tradition.
Zweitens hat die italienische Sinologie herausragende Arbeiten in der chinesischen Literaturwissenschaft hervorgebracht. Die Uebersetzung bedeutender chinesischer Literaturwerke direkt aus dem Original -- und nicht ueber englische, franzoesische oder deutsche Zwischenfassungen -- ist zur Standardpraxis geworden. Werke von den Dreihundert Gedichten der Tang-Zeit und dem Traum der Roten Kammer bis hin zur Erzaehlliteratur Lu Xuns, Lao Shes, Ba Jins, Mo Yans und A Chengs sind alle in italienischer Uebersetzung durch qualifizierte Sinologen erschienen. In der Literaturtheorie legte die Gelehrte Alessandra Rosanda ab 1979 die erste westlichsprachige Uebersetzung von Liu Xies Wenxin Diaolong (Der literarische Geist und das Schnitzen der Drachen) vor, einem Hauptwerk der chinesischen Literaturkritik.
Drittens stellt das Studium der Ming-Qing-Sozial- und Kulturgeschichte, wie es insbesondere von Santangelo und seinen Schuelern betrieben wird, einen genuein originellen italienischen Beitrag zum internationalen Studium der chinesischen Zivilisation dar. Die Konzentration auf Emotionen, Mentalitaeten und die Vokabulare, durch die Kulturen ihr Innenleben konstruieren, verbindet die italienische Sinologie mit den breiteren Traditionen der italienischen Kulturgeschichte und Ideengeschichte.
7. Schluss: Eine alte und junge Disziplin
Der Bogen der italienischen Sinologie -- von Marco Polos Enthüllungen im dreizehnten Jahrhundert über das jesuitische Goldene Zeitalter, die lange Finsternis des neunzehnten Jahrhunderts und die Nachkriegsrenaissance -- stellt einen der dramatischsten Verlaeufe in der Geschichte jeder nationalen sinologischen Tradition dar. Wie Lanciotti beobachtete, entwickelte sich die italienische professionelle Sinologie „aus dem Wunsch, den Eurozentrismus zu ueberwinden"; italienische Sinologen haben mit wachsendem Selbstbewusstsein versucht, sich von den „eurozentrischen" Vorurteilen zu befreien, die fruehere Generationen unbewusst absorbiert hatten. Das Studium der chinesischen Sprache und Kultur, argumentierte er, „wird nicht von Neugier oder einem Geschmack fuer exotischen Luxus motiviert, sondern von genuiner kultureller Notwendigkeit."[34]
Das Paradoxon der italienischen Sinologie -- gleichzeitig die aelteste und eine der juengsten nationalen Traditionen der Chinastudien in Europa -- verleiht ihr eine einzigartige Perspektive. Sie ist die einzige europaeische sinologische Tradition, die eine direkte Kontinuitaet mit den Anfaengen der systematischen westlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Zivilisation beanspruchen kann. Riccis Akkommodationsstrategie, seine Beherrschung des klassischen Chinesisch, sein Respekt vor dem konfuzianischen Denken und seine Vision eines intellektuellen Austauschs zwischen Zivilisationen gleicher Wuerde begruendeten Prinzipien, die fuer die Praxis der Sinologie noch heute relevant sind. Gleichzeitig hat der relativ juenge Wiederaufbau der italienischen Sinologie als professionelle akademische Disziplin es ihr ermoeglicht, sich ohne das Gewicht eingefahrener institutioneller Strukturen zu entwickeln und sich flexibel an neue methodologische Ansaetze und neue Forschungsfelder anzupassen.
Wie Bertuccioli in Italia e Cina schloss, bietet die lange Geschichte des italienischen Engagements mit China ein Modell fuer interkulturelle Beziehungen, das nicht auf Gewalt, sondern auf Kultur gebaut ist, nicht auf Eroberung, sondern auf Gespraech. In diesem Sinne ist die Geschichte der italienischen Sinologie nicht bloss eine Episode in der Geschichte der Wissenschaft; sie ist ein Kapitel in der umfassenderen Geschichte der Faehigkeit der menschlichen Zivilisation zum gegenseitigen Verstaendnis.
Anmerkungen
Bibliographie
Bertuccioli, Giuliano. „Italian Sinology: 1600--1950." Übers. von Li Jiangtao. In Haiwai Zhongguoxue Pinglun 海外中国学评论, Bd. 3. Shanghai: Shanghai Cishu Chubanshe, 2008.
Bertuccioli, Giuliano, und Federico Masini. Italia e Cina. Rom: Laterza, 1996. Chinesische Übers. von Xiao Xiaoling und Bai Ling. Peking: Shangwu Yinshuguan, 2002.
D'Elia, Pasquale M., Hrsg. Fonti Ricciane. 3 Bde. Rom: La Libreria dello Stato, 1942--1949.
Fang Hao 方豪. Zhongxi Jiaotong Shi 中西交通史. Shanghai: Shanghai Renmin Chubanshe, 2008.
Honey, David B. Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology. New Haven: American Oriental Society, 2001.
Lanciotti, Lionello. „Italian Sinology: From 1945 to the Present." In Zhang Xiping, Hrsg., Ou-Mei Hanxue Yanjiu de Lishi yu Xianzhuang. Zhengzhou: Daxiang, 2006.
—. Breve storia della sinologia: Tendenze e realizzazioni. Rom, 1977.
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Ma Yong 马雍. „Jindai Ouzhou Hanxuejia de Xianqu Maerdini" 近代欧洲汉学家的先驱马尔蒂尼. Lishi Yanjiu 历史研究 1980, Nr. 6.
Masini, Federico. The Formation of Modern Chinese Lexicon and Its Evolution toward a National Language: The Period from 1840 to 1898. Berkeley: University of California, 1993.
Ricci, Matteo. Della Entrata della Compagnia di Gesu e Christianita nella Cina. Hrsg. von Piero Corradini. Macerata: Quodlibet, 2001.
—. Lettere. Macerata: Quodlibet, 2001.
Ripa, Matteo. Giornale. Hrsg. von Michele Fatica. Neapel: Istituto Universitario Orientale, 1996.
Sabattini, Mario, und Paolo Santangelo. Storia della Cina dalle origini alla fondazione della Repubblica. Rom: Laterza, 1986.
Shen Dingping 沈定平. „Lun Wei Kuangguo zai Zhongxi Wenhua Jiaoliu Shi shang de Diwei yu Zuoyong" 论卫匡国在中西文化交流史上的地位与作用. Zhongguo Shehui Kexue 中国社会科学 1995, Nr. 3.
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Wu Mengxue 吴孟雪 und Zeng Liya 曾丽雅. Mingdai Ouzhou Hanxue Shi 明代欧洲汉学史. Peking: Dongfang Chubanshe, 2000.
Zhang Guogang 张国刚 u. a. Mingqing Chuanjiaoshi yu Ouzhou Hanxue 明清传教士与欧洲汉学. Peking: Zhongguo Shehui Kexue Chubanshe, 2001.
Zhang Xiping 张西平. Ou-Mei Hanxue de Lishi yu Xianzhuang 欧美汉学的历史与现状. Zhengzhou: Daxiang Chubanshe, 2005. Vorlesung 5: „Entwicklung der italienischen Sinologie."
Einzelnachweise
- ↑ David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Einführung in die westliche Sinologie", S. 165--168.
- ↑ Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); siehe auch den Leitfaden fuer Digital Humanities der University of Chicago Library.
- ↑ Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
- ↑ Siehe Kapitel 22 (Uebersetzung) dieses Bandes ueber Herausforderungen der KI-Uebersetzung.
- ↑ „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
- ↑ „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
- ↑ „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
- ↑ Siehe z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
- ↑ Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
- ↑ China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54--60.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96--97, unter Berufung auf Li Xueqin.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102--113.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114--117.
- ↑ „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
- ↑ „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
- ↑ „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).
- ↑ Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye, Kap. 7, S. 100--111.
- ↑ Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", International Journal of China Studies 11, Nr. 2 (2020): 299.
- ↑ Steven Burik, The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism (Albany: SUNY Press, 2009).
- ↑ David L. Hall und Roger T. Ames, Thinking Through Confucius (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.
- ↑ François Jullien, Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", Contemporary French and Francophone Studies 28, Nr. 1 (2024).
- ↑ Wolfgang Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194--195.
- ↑ Bryan W. Van Norden, Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto (New York: Columbia University Press, 2017).
- ↑ Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", Philosophy East and West 51, Nr. 3 (2001): 393--413.
- ↑ Carine Defoort, „‚Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", Dao 16, Nr. 1 (2017): 55--72.
- ↑ Zur koreanischen Druckkunst und Textuebertragung siehe die UNESCO-Eintragung im Weltdokumentenerbe fuer das Jikji (aeltester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo-Tripitaka siehe die UNESCO-Welterbe-Eintragung.
- ↑ Zur Kolonialzeit siehe „Kangaku and the State: Colonial Collaboration between Korean and Japanese Traditional Sinologists", Sungkyun Journal of East Asian Studies 24, Nr. 2 (2024).
- ↑ Zur „kolonialen Zusammenarbeit" siehe ebd.