Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de4/Chapter 1"
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| − | In dem Echt | + | In dem Wahrheitsverberger Echt [甄士隐]<ref>Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn, wörtl. „der wahrhaft die Dinge Verbergende". Der Familienname 甄 Zhēn ist homophon zu 真 zhēn „wahr/echt"; 士隐 Shìyǐn klingt wie 事隐 „die wahren Tatsachen werden verborgen".</ref> im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit versteht |
| − | und Kaufmann | + | und Regendorf Kaufmann [贾雨村]<ref>Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn, wörtl. „Kaufmann Regendorf". Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv"; 雨村 Yǔcūn klingt wie 语存 „die erdichteten Worte bleiben erhalten".</ref> sich im Staub der Welt in eine Schönheit verliebt |
| − | Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei | + | Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei genauerer Betrachtung tiefen Reiz. Lasst mich, den Erzähler, seine Herkunft darlegen, damit die Leser alles klar verstehen und keinen Zweifel hegen. |
| − | + | Einst schmolz die Göttin Nüwa Steine, um den Himmel zu flicken. Am Berg der Großen Öde<ref>Chin. 大荒山 Dàhuāngshān „Berg der Großen Wildnis", an der 无稽崖 Wújī yá „Klippe des Grundlosen/Unfundierten" am 青埂峰 Qīnggěng fēng „Gipfel der grünen Wurzeln". Alle drei Ortsnamen sind Anspielungen: 荒 huāng „absurd, haltlos", 无稽 wújī „grundlos", 青埂 qīnggěng homophon zu 情根 qínggēn „Wurzel der Leidenschaft" — der Roman ist also schon im Gründungsmythos als „Geschichte der Leidenschaft" markiert.</ref>, an der Klippe des Grundlosen, schmiedete sie insgesamt 36.501 mächtige Steine, zwölf Zhang hoch und vierundzwanzig Zhang breit. Die Göttin verwendete davon nur 36.500 Stück und ließ einen einzigen übrig, den sie am Fuße des Grünen Gipfels dieses Berges liegen ließ. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er die Läuterung durch das Feuer durchlaufen hatte, bereits geistiges Wesen erlangt hatte! Als er sah, dass alle anderen Steine zum Flicken des Himmels auserwählt worden waren und er allein als untauglich zurückgeblieben war, beklagte und bemitleidete er sich Tag und Nacht voller Kummer und Scham. | |
| − | Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen taoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt zu plaudern. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die | + | Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen taoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt zu plaudern. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die Welt des roten Staubs der Sterblichen mitnehmen könntet, um dort einige Jahre lang Reichtum und Zärtlichkeit zu genießen, so wäre ich Euch auf ewig dankbar und würde es in zehntausend Ewigkeiten nicht vergessen." Die beiden unsterblichen Meister lachten gutmütig und sprachen: „Gut, gut! In jener roten Staubwelt gibt es zwar manches Vergnügen, doch nichts davon währt ewig. Zudem sind da die acht Zeichen: ‚Im Schönen liegt stets ein Makel, und guten Dingen stellen sich viele Hindernisse in den Weg', die stets beieinander stehen. Im Nu schlägt höchste Freude in tiefes Leid um, die Menschen vergehen und die Dinge wandeln sich. Letzten Endes ist alles nur ein Traum, und alle Welten kehren in die Leere zurück. Es wäre besser, nicht zu gehen." Doch das irdische Verlangen des Steins loderte bereits mächtig, wie hätte er da noch auf diese Worte hören können. So flehte er abermals und abermals. Die beiden Unsterblichen, die wussten, dass man ihn nicht zwingen konnte, seufzten und sprachen: „Dies ist wohl die Bestimmung – aus äußerster Stille entsteht Bewegung, aus dem Nichts wird Sein. Da es so ist, nehmen wir dich mit, damit du den Genuss erfahren kannst. Nur wenn es dann einmal nicht nach deinem Wunsch gehen sollte, so bereue es nicht!" Der Stein antwortete: „Gewiss, gewiss!" Da sprach der Mönch: „Was deine Natur betrifft, so bist du zwar nicht ohne Geist, doch von so plumper Gestalt und ohne besondere Kostbarkeit – so kannst du dich allenfalls auf die Zehenspitzen stellen, ohne je hinüberzublicken. Nun gut, ich will jetzt große Buddhakunst wirken und dir helfen. Wenn der Tag der Vergeltung gekommen ist, wirst du in deine ursprüngliche Gestalt zurückkehren und diesen Fall beschließen. Was sagst du dazu?" Der Stein war unendlich dankbar. Daraufhin sprach der Mönch Beschwörungen, zeichnete Talismane und entfaltete seine Zauberkünste. Den großen Stein verwandelte er augenblicklich in ein Stück strahlend schönen, leuchtend klaren Jade, verkleinerte ihn auf die Größe eines Fächeranhängers, den man am Körper tragen konnte. Der Mönch hielt ihn auf seiner Handfläche und lachte: „Was die Form angeht, bist du nun wohl ein Juwel, doch fehlte dir noch ein wirklicher Vorzug. Man müsste einige Zeichen eingravieren, damit die Menschen auf den ersten Blick erkennen, dass du etwas Besonderes bist. Dann kann ich dich in jenes Land des Wohlstands und Glanzes bringen, in jene Familie von Dichtung und Adel, an jenen Ort blühender Pracht und zärtlichen Reichtums, damit du dort in Frieden und Freude leben kannst." Als der Stein das hörte, konnte er seine Freude kaum fassen und fragte: „Was für wunderbare Gaben wollt Ihr mir verleihen? Und an welchen Ort wollt Ihr mich bringen? Bitte verratet es mir, damit Euer Schüler nicht im Unklaren bleibt." Der Mönch lachte: „Frage nicht, die Zeit wird es zeigen." Mit diesen Worten steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging zusammen mit dem Priester davon, und niemand wusste, wohin sie zogen. |
| − | Später, | + | Später, nach wer-weiß-wieviel Zeitaltern und Weltperioden, durchwanderte ein taoistischer Priester namens Leere-des-Leeren Berge und Täler auf der Suche nach dem Weg und der Unsterblichkeit, als er zufällig am Fuße des Grünen Gipfels am Berg der Großen Öde vorbeikam. Dort erblickte er einen großen Stein, auf dem deutlich Schriftzeichen zu lesen waren, die eine wohlgeordnete Geschichte erzählten. Der Priester Leere-des-Leeren las sie von Anfang an durch und erkannte, dass es die Geschichte jenes untauglichen Steines war, der nicht zum Flicken des Himmels getaugt hatte, in irdische Gestalt verwandelt und vom Erhabenen Mönch der Weiten Leere und dem Wahren Unsterblichen der Nebelhaften Ferne in die Welt des roten Staubs der Sterblichen getragen worden war, wo er alle Wechselfälle von Trennung und Wiedersehen, Freude und Leid, Hitze und Kälte durchlebte. Am Ende stand ein Vers: |
Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, | Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, | ||
Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! | Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! | ||
| − | Dies | + | Dies ist die Geschichte vor und nach dem Gang durch die Welt – |
Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung? | Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung? | ||
| − | Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche | + | Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche Kleinigkeiten aus den Frauengemächern beschrieben, auch Gedichte und Verse fanden sich vollständig; doch Dynastie und Jahreszahl, Geographie und Staatswesen waren verloren gegangen und nicht mehr feststellbar. |
| − | Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen." | + | Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji<ref>班昭 Bān Zhāo (ca. 45–116 n. Chr.) — Schwester des Hanshu-Autors Ban Gu, vollendete dessen unfertiges Hanshu und verfasste die einflussreiche Frauenfibel 女诫 Nüjie. 蔡文姬 Cài Wénjī (Cai Yan, ca. 178–249 n. Chr.) — Dichterin der späten Han, berühmt für die „Achtzehn Stanzen zur Hirtenflöte" (胡笳十八拍 Hújiā shíbā pāi), entstanden nach ihrer zwölfjährigen Geiselzeit unter den Xiongnu. Beide gelten als Inbegriff gelehrter Frauen — ein Maßstab, den Stein-Erzähler hier ironisch unterläuft.</ref>. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen." |
| − | Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht den Gestalten früherer Bücher | + | Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch, wenn nicht hochtrabend literarisch, dann moralisierend. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht als den Gestalten früherer Bücher überlegen zu bezeichnen, doch die wahre Begebenheit kann gewiss der Langeweile abhelfen, und es finden sich auch einige holprige Verse und alltägliche Sprüche, über die man beim Essen lachen und die man beim Wein genießen kann. Was Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich genau den Spuren der Wirklichkeit, ohne auch nur das Geringste hinzuzuerfinden. Die Menschen von heute – die Armen werden täglich von Nahrung und Kleidung bedrückt, die Reichen sind nie zufrieden, und selbst wenn sie einmal einen Augenblick Muße haben, verfallen sie der Wollust und Habgier. Wo sollten sie die Zeit finden, Bücher über Staatskunst zu lesen? Darum möchte ich mit meiner Geschichte weder Bewunderung erregen noch unbedingt die Gunst der Leser gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass sie in Stunden der Trunkenheit oder Müdigkeit, oder wenn sie der Welt entfliehen und ihren Kummer vergessen wollen, dieses Werk zur Hand nehmen – wäre das nicht besser als manch andere Zeitverschwendung? Und es würde die Leser auch davon abhalten, eitlen Trugbildern nachzujagen. Was meint Ihr, mein Meister?" |
| − | Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins" noch einmal durch. Er fand darin zwar auch | + | Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins" noch einmal durch. Er fand darin zwar auch Passagen, die die Zeitläufte beklagten und die Welt tadelten, doch war dies keineswegs als Schmähung der Welt gemeint. Wo es um die Pflichten zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn ging, lobte und pries das Werk stets voller Hingabe – wahrlich nicht mit anderen Büchern zu vergleichen. Obwohl sein Hauptthema die Liebe war, handelte es sich doch nur um eine wahrheitsgetreue Aufzeichnung, nicht um erfundene Liebesgelübde und heimliche Schwüre. Da das Werk keinerlei Bezug zu politischen Angelegenheiten nahm, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt als wundersame Überlieferung. Weil er durch die Farbe die Leere erkannte, aus der Leere die Empfindung schöpfte, die Empfindung in die Farbe einführte und aus der Farbe wieder zur Leere gelangte, nannte er sich fortan den „Mönch der Leidenschaft" und benannte den „Bericht des Steins" um in „Aufzeichnungen des Mönches der Leidenschaft". Wu Yufeng<ref>吴玉峰 Wú Yùfēng, 孔梅溪 Kǒng Méixī (aus 东鲁 Dōnglǔ, dem alten Lu, heute Shandong, der Heimat des Konfuzius), 曹雪芹 Cáo Xuěqín (1715?–1763, eigentl. Cao Zhan, der Autor des Romans) und sein 悼红轩 Dàohóngxuān „Pavillon des Trauerns um die Roten" — eine Kette fiktiver wie historischer Vor-Bearbeiter, mit der das Buch seine eigene Überlieferungslegende erzählt. Die Namen Wu Yufeng und Kong Meixi sind wahrscheinlich Pseudonyme bzw. Erfindungen Cao Xueqins.</ref> gab ihm den Titel „Der Traum der Roten Kammer". Kong Meixi aus dem östlichen Lu nannte es „Der Spiegel von Wind und Mond". Schließlich durchsah Cao Xueqin es im Pavillon des Bedauerns über die Roten während zehn Jahren, strich und ergänzte fünfmal, stellte ein Inhaltsverzeichnis zusammen und teilte es in Kapitel ein, unter dem Titel „Die Zwölf Schönen von Jinling". Er verfasste dazu ein Gedicht: |
| − | + | Seiten über Seiten wilder Wahn, | |
| − | + | geschrieben unter bitteren Tränen! | |
| − | Alle | + | Alle schelten den Autor einen Narren – |
| − | + | doch wer ergründet den verborgenen Sinn? | |
| − | Als Zhiyanzhai es im Jiaxu-Jahr abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht: | + | Als Zhiyanzhai<ref>脂砚斋 Zhīyànzhāi „Studio des Rouge-Tuschsteins" — Pseudonym des wichtigsten frühen Kommentators, vermutlich aus Cao Xueqins engstem Kreis (Verwandter? Geliebte? Identität bis heute umstritten). Das 甲戌 Jiǎxū-Jahr (1754) bezeichnet die früheste erhaltene Handschrift 甲戌本 Jiǎxū-běn mit sechzehn Kapiteln und Kommentaren — eine zentrale Quelle der modernen Hongloumeng-Forschung.</ref> es im Jiaxu-Jahr abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht: |
| − | In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu, darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen, | + | In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu<ref>姑苏 Gūsū — alter Name von 苏州 Sūzhōu in der heutigen Provinz Jiangsu, seit der Tang-Zeit Inbegriff südlicher Kultur, Reichtum und Eleganz. Das Tor 阊门 Chāngmén ist das traditionelle Westtor der Altstadt; die umliegenden Gassen waren Heimat von Dichtern, Kaufleuten und Handwerkern und galten in der Ming-Qing-Zeit als eines der wohlhabendsten Stadtviertel Chinas.</ref>, darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen, einem Ort allerersten Ranges an Reichtum und Eleganz in der Welt des roten Staubs. Vor dem Changmen-Tor lag die Zehn-Li-Straße<ref>十里街 Shílǐjiē klingt wie 势利街 Shìlì jiē „Straße der Vornehmtuerei". 仁清巷 Rénqīng xiàng „Gasse der Menschenfreundlichkeit" klingt wie 人情巷 Rénqíng xiàng „Gasse der menschlichen Beziehungen/Gefälligkeiten". 葫芦庙 Húlu miào „Kürbis-Tempel" klingt wie 糊涂庙 Hútu miào „Tempel der Verworrenheit". Drei aufeinander folgende Wortspiele markieren den Ort als Mikrokosmos der spätfeudalen Gesellschaft mit ihrem Schein und ihrer moralischen Konfusion.</ref>, in der Straße die Gasse der Menschenfreundlichkeit, und in der Gasse stand ein alter Tempel, den man wegen der Enge des Platzes allgemein den Kürbistempel nannte. Neben dem Tempel wohnte ein ehemaliger Beamter namens Zhen Fei, mit dem Rufnamen Wahrheitsverberger. Seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Feng<ref>Chin. 封 Fēng „Siegel/versiegeln" — die Familie „versiegelt" bzw. verbirgt Geheimnisse.</ref>, war von tugendhaftem und freundlichem Wesen und verstand sich auf Sitte und Anstand. Obwohl die Familie nicht besonders reich war, galt sie in der Gegend als angesehenes Geschlecht. Dieser Wahrheitsverberger Echt war von gelassenem Temperament, er strebte nicht nach Ruhm und Karriere, sondern vergnügte sich täglich mit Blumen und Bambus, Wein und Gedichten – ein wahrer Charakter wie aus dem Reich der Unsterblichen. Nur eines fehlte ihm: Er war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter mit dem Milchnamen Heldenlotus<ref>Chin. 英莲 Yīnglián. 英 yīng „heldenhaft/strahlend"; 莲 lián „Lotus". Der Name klingt wie 应怜 yīnglián „verdient Mitleid" — ein Vorverweis auf ihr tragisches Schicksal.</ref>, die gerade drei Jahre alt war. |
| − | Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß | + | Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß Wahrheitsverberger müßig in seinem Arbeitszimmer. Als seine Hände müde wurden, legte er das Buch beiseite, lehnte sich über den Tisch und ruhte ein wenig. Unmerklich schlummerte er ein und träumte sich an einen Ort, den er nicht zu bestimmen wusste. Da sah er plötzlich einen Mönch und einen Priester herankommen, die im Gehen miteinander sprachen. |
| − | Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade | + | Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade eine hübsche romantische Schicksalsverstrickung, die aufgelöst werden muss. All diese romantisch Verstrickten sind noch nicht zur Wiedergeburt in der Menschenwelt eingegangen. Bei dieser Gelegenheit nehme ich dieses plumpe Ding mit, damit es die Welt erleben kann." Der Priester fragte: „Also wird eine neue Schar leidenschaftlicher Schuldner in die Welt hinabsteigen? Wo werden sie wiedergeboren?" |
| − | Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses im westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten, wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras. Ein Diener namens Göttlicher Jade aus dem Palast des Roten | + | Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses im westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten<ref>三生石 Sānshēng shí „Stein der drei Leben" — buddhistische Vorstellung, dass Liebende über Vor-, gegenwärtiges und kommendes Leben hinweg verbunden sind. 灵河 Línghé „Geistiger Fluss" und 西方灵河岸 „westliches Ufer des Geistigen Flusses" verlegen den Mythos in eine jenseitige, paradiesische Sphäre. Hier wird die zentrale Schicksalsbindung des Romans gestiftet: die Pflicht der Kajaljade, der Schatzjade ein Leben lang die Tränen zurückzugeben.</ref>, wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras. Ein Diener namens Göttlicher Jade aus dem Palast des Roten Wolkenschimmers pflegte sie täglich mit süßem Tau zu begießen, so dass die Purpurperlen-Pflanze ihre Lebenszeit verlängern konnte. Nachdem sie die Essenz von Himmel und Erde aufgenommen und die Nahrung von Regen und Tau empfangen hatte, streifte sie ihre pflanzliche Gestalt ab und nahm menschliche Form an – allerdings nur die eines weiblichen Körpers. Fortan wanderte sie jenseits des Himmels des Trennungsschmerzes, stillte ihren Hu [胡州]<ref>Chin. 胡州 Húzhōu, fiktiver Heimatort Jia Yucuns. Homophon zu 胡诌 húzhōu „Unsinn erzählen, Erfundenes vorschwatzen" — passend zur Figur des Erdichters.</ref>nger mit der Frucht der verborgenen Leidenschaft und löschte ihren Durst mit dem Wasser des genährten Kummers, wenn sie durstig war. Weil sie die Güte der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, trug sie in ihrem Inneren eine endlose Sehnsucht. Als sich nun im Diener Göttlicher Jade eines Tages ein irdisches Verlangen regte, beschloss er, in diese strahlende und friedvolle Welt hinabzusteigen, um sein illusorisches Schicksal zu erleben, und hatte sich bereits bei der Feenkönigin Jinghua angemeldet. Die Feenkönigin hatte auch nach der noch unbeglichenen Schuld der Bewässerung gefragt, und dies bot eine Gelegenheit, sie zu begleichen. Die Purpurperlen-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des süßen Taus erwiesen, doch ich habe kein solches Wasser, um es ihm zurückzugeben. Da er in die Menschenwelt hinabsteigt, will auch ich als Mensch geboren werden und ihm alle Tränen meines ganzen Lebens zurückgeben – damit sollte die Schuld beglichen sein.' Durch diese eine Begebenheit kamen viele leidenschaftliche Schuldner zusammen, um den Fall gemeinsam abzuschließen." |
Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen." | Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen." | ||
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Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir." | Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir." | ||
| − | Echt | + | Wahrheitsverberger Echt hatte alles deutlich gehört, verstand aber nicht, was für ein „plumpes Ding" gemeint war. Er konnte nicht umhin, vorzutreten und sie höflich zu grüßen, und fragte lächelnd: „Seid gegrüßt, ihr beiden unsterblichen Meister!" Mönch und Priester erwiderten eilig den Gruß. Wahrheitsverberger sprach: „Soeben hörte ich Euch über Ursache und Wirkung sprechen, Dinge, die man in der Menschenwelt selten erfährt. Doch Euer unwürdiger Schüler ist von beschränktem Verstand und kann nicht alles klar begreifen. Wenn Ihr die Güte hättet, mir alles ausführlich zu erklären, so würde ich aufmerksam zuhören. Könnte mir das auch nur ein wenig zur Erleuchtung verhelfen, so wäre ich den Leiden des Unterliegenden entgangen." Die beiden Unsterblichen lachten: „Dies ist ein himmlisches Geheimnis und darf nicht vorab verraten werden. Wenn die Zeit gekommen ist, vergesst uns beide nicht, dann könnt Ihr dem Feuer entkommen." Wahrheitsverberger wagte nicht weiter zu fragen und sprach lachend: „Das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden, doch Ihr spracht soeben von einem ‚plumpen Ding' – dürfte ich es vielleicht einmal sehen?" Der Mönch erwiderte: „Was dieses Ding betrifft, so besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen euch." Mit diesen Worten nahm er es heraus und reichte es Wahrheitsverberger. Als Wahrheitsverberger es betrachtete, sah er, dass es ein Stück strahlend schönen Jade war, auf dem deutlich die vier Zeichen „Durchdringender Geist-Jade" eingraviert waren, und auf der Rückseite fanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Gerade als er sie genauer betrachten wollte, sagte der Mönch, sie seien am Rand der Illusion angelangt, entriss ihm das Stück Jade und verschwand zusammen mit dem Priester durch ein großes steinernes Tor, auf dem in vier großen Zeichen geschrieben stand: „Land der Großen Leere". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar: |
Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; | Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; | ||
Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts. | Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts. | ||
| − | + | Wahrheitsverberger wollte ihnen folgen, doch kaum hatte er den Fuß gehoben, als ein Donnerschlag ertönte, als brächen Berge zusammen und die Erde stürze ein. Wahrheitsverberger schrie laut auf, riss die Augen auf und sah nur die glühende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter – die Hälfte des Traumes war bereits vergessen. | |
| − | Da sah er seine Amme mit der kleinen | + | Da sah er seine Amme mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm herankommen. Als er seine Tochter erblickte, die immer hübscher und lieblicher wurde wie ein Geschöpf aus Jade und Puder, streckte er die Arme aus, nahm sie in den Arm und spielte ein Weilchen mit ihr. Dann trug er sie auf die Straße, um die festliche Prozession zu betrachten. Gerade als er sich zum Gehen wandte, sah er von dort einen Mönch und einen Priester kommen – der Mönch kahlköpfig und barfuß, der Priester hinkend und zerzaust –, beide halb verrückt, lachend und gestikulierend. Als sie vor seiner Tür anlangten und Wahrheitsverberger mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und rief: „Guter Mann, warum trägst du dieses Kind ohne Glück auf dem Arm, das seinen Eltern nur Kummer bringt?" Wahrheitsverberger erkannte, dass es verrücktes Gerede war, und beachtete ihn nicht. Der Mönch rief immer wieder: „Gib es mir! Gib es mir!" Wahrheitsverberger verlor die Geduld und wollte sich mit der Tochter zurückziehen, doch der Mönch zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte laut, wobei er vier Verse sprach: |
Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! | Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! | ||
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Denn dann wird alles zu Rauch und Asche! | Denn dann wird alles zu Rauch und Asche! | ||
| − | + | Wahrheitsverberger hörte deutlich und zögerte, er wollte nach ihrer Herkunft fragen. Doch da sagte der Priester: „Wir brauchen nicht zusammen zu gehen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht seinen Geschäften nach. In drei Weltperioden erwarte ich dich am Berg Beimang, wenn wir uns treffen, gehen wir gemeinsam zum Land der Großen Leere, um unsere Namen zu streichen." Der Mönch rief: „Wunderbar, wunderbar!" Mit diesen Worten gingen die beiden davon und waren spurlos verschwunden. Wahrheitsverberger dachte bei sich: Diese beiden müssen eine besondere Herkunft haben, ich hätte sie befragen sollen. Doch nun bereue ich es zu spät. | |
| − | Während | + | Während Wahrheitsverberger noch in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten aus dem benachbarten Kürbistempel herauskommen. Er hieß Jia, mit dem Vornamen Hua, dem Rufnamen Shifei und dem Beinamen Regendorf. Dieser Regendorf Kaufmann stammte ursprünglich aus Huzhou und entstammte ebenfalls einer Familie von Dichtern und Beamten. Doch da er in einer Zeit des Niedergangs geboren worden war, waren das Vermögen seiner Vorfahren aufgezehrt und die Familie dezimiert, so dass nur er allein übriggeblieben war. Da es für ihn in der Heimat nichts mehr gab, war er nach der Hauptstadt gereist, um dort durch die Prüfungen zu Ruhm zu gelangen und das Familienvermögen wiederherzustellen. Doch seit seiner Ankunft im Vorjahr war er in Schwierigkeiten geraten und fristete nun vorübergehend im Tempel sein Dasein, wo er sich mit Schreiben und Verfassen von Texten über Wasser hielt. Daher pflegte Wahrheitsverberger häufigen Umgang mit ihm. Als Regendorf Wahrheitsverberger erblickte, verbeugte er sich eilig und sprach lächelnd: „Steht Ihr am Tor und schaut hinaus, mein Herr? Gibt es auf dem Markt etwas Neues?" Wahrheitsverberger lachte: „Nein, nein. Meine kleine Tochter weinte, und ich trug sie heraus, um sie abzulenken. Ich langweilte mich gerade sehr. Wie gut, dass Ihr kommt! Bitte tretet in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein, damit wir plaudern können und uns beiden die Zeit schneller vergeht." Daraufhin ließ er jemanden die Tochter hineintragen und ging mit Regendorf Hand in Hand ins Arbeitszimmer. Ein Diener brachte Tee. Sie hatten kaum drei, fünf Sätze gewechselt, als ein Hausbediensteter eilig meldete: „Der alte Herr Yan [严老爷]<ref>Chin. 严老爷 Yán-lǎoye „Herr Streng". Der Familienname Yán ist homophon zu 炎 yán „Feuer/Flamme". Der Zhi-Yan-Zhai-Kommentar bemerkt: „炎也,炎既来,火将至矣" — „Yan ist Feuer; wenn Yan kommt, wird das Feuer folgen." Eine verschlüsselte Vorausdeutung auf den Brand, der das Haus des Wahrheitsverbergers wenig später zerstört.</ref> ist zu Besuch gekommen." Wahrheitsverberger stand hastig auf und entschuldigte sich: „Verzeiht, dass ich Euch zur Eile veranlasst habe. Bitte bleibt noch einen Moment, ich komme sogleich zurück." Regendorf stand ebenfalls auf und sagte höflich: „Gebt Euch keine Mühe, mein Herr. Ich bin ein häufiger Gast, ein kleines Warten macht nichts." Daraufhin ging Wahrheitsverberger in den vorderen Empfangssaal. |
| − | + | Regendorf blätterte in einigen Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte er von draußen vor dem Fenster ein Mädchen räuspern. Er stand auf und blickte hinaus – es war eine Zofe, die dort Blumen pflückte. Obwohl sie keine umwerfende Schönheit war, hatte sie doch etwas Anmutiges. Regendorf konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Zofe der Familie Echt pflückte ihre Blumen und wollte gerade gehen, als sie aufblickte und am Fenster einen Mann erblickte – in abgetragener Kleidung zwar, doch stattlich gebaut, mit breiten Schultern und kräftigem Rücken, markantem Gesicht, Schwertbrauen und Sternenaugen. Die Zofe wandte sich schnell ab und dachte bei sich: „Dieser Mann sieht so stattlich aus und ist doch so zerlumpt. Das muss wohl der Regendorf Kaufmann sein, von dem mein Herr immer spricht. Er wollte ihm schon oft helfen, hatte nur noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Wir haben keine so armen Verwandten, es muss wohl dieser Mann sein. Kein Wunder, dass der Herr auch sagt, er werde gewiss nicht lange in Armut verharren." Mit diesen Gedanken konnte sie nicht umhin, sich noch zweimal umzudrehen. Als Regendorf sah, dass sie den Kopf gewendet hatte, war er überzeugt, das Mädchen habe ein Auge auf ihn geworfen, und freute sich maßlos, denn er hielt sie für eine Frau von scharfem Blick und eine Seelenverwandte im Staub der Welt. Bald darauf kam ein Dienerbursche herein, und Regendorf erfuhr, dass man vorne zum Essen gebeten hatte. Da er nicht länger warten durfte, verließ er durch einen Seitengang das Haus. Wahrheitsverberger verabschiedete seine Gäste und ging, da Regendorf bereits gegangen war, nicht mehr hin, um ihn erneut einzuladen. | |
| − | Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest. | + | Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest. Wahrheitsverberger hatte das Familienessen beendet und ein weiteres Mahl im Arbeitszimmer vorbereitet. Er ging selbst im Mondschein zum Tempel, um Regendorf einzuladen. Regendorf hatte seit jenem Tag, als er die Zofe der Familie Echt sich zweimal umblicken sah, sie für eine Seelenverwandte gehalten und ständig an sie gedacht. Nun, am Mittherbstfest, konnte er angesichts des Mondes nicht umhin, seine Sehnsucht auszudrücken, und dichtete ein Gedicht in fünfsilbigen regulären Versen: |
Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, | Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, | ||
| Line 175: | Line 175: | ||
Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen. | Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen. | ||
| − | Nachdem | + | Nachdem Regendorf sein Gedicht aufgesagt hatte, dachte er an seine unerfüllten Lebensträume und seufzte zum Himmel empor. Dann rezitierte er laut ein Spruchpaar: |
Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises, | Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises, | ||
Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt. | Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt. | ||
| − | Gerade in diesem Moment kam | + | Gerade in diesem Moment kam Wahrheitsverberger und hörte es. Lachend sprach er: „Bruder Regendorf, Ihr habt wahrlich große Ambitionen!" Regendorf erwiderte hastig lachend: „Ich zitierte nur Verse der Alten, wie käme ich zu solcher Anmaßung?" Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, mein Herr?" Wahrheitsverberger lachte: „Heute Nacht ist Mittherbst, das sogenannte ‚Fest der Wiedervereinigung'. Ich dachte mir, Ihr müsstet Euch einsam fühlen in Eurer Mönchszelle, und habe ein bescheidenes Mahl bereitet, um Euch einzuladen. Dürfte ich hoffen, dass Ihr meiner geringen Aufmerksamkeit Beachtung schenkt?" Regendorf, ohne lange Umstände zu machen, lachte: „Da Ihr so freundlich seid, wie könnte ich Eure großzügige Einladung ausschlagen?" Daraufhin gingen sie zusammen hinüber ins Arbeitszimmer. |
| − | Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. | + | Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. Regendorf, bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, konnte seine überschäumende Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Dem Mond gewandt, dichtete er ein Gedicht: |
Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, | Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, | ||
| Line 189: | Line 189: | ||
Blicken zehntausend Menschen empor. | Blicken zehntausend Menschen empor. | ||
| − | + | Wahrheitsverberger rief begeistert: „Wunderbar! Ich habe immer gesagt, Ihr seid kein Mann, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Ihr soeben gedichtet habt, zeigen bereits die Vorzeichen des Aufstiegs. Bald werdet Ihr über den Wolken wandeln. Das ist zu beglückwünschen!" Er schenkte ihm eigenhändig einen großen Becher ein. Regendorf leerte ihn in einem Zug und seufzte: „Dies sind keine trunkenen Worte: Was die zeitgemäße Gelehrsamkeit betrifft, könnte ich mich wohl durchaus versuchen. Nur fehlen mir Reisegeld und Reisekosten gänzlich, und die Hauptstadt ist weit – allein durch Schreiben und Textverfassen komme ich nicht dorthin." Wahrheitsverberger unterbrach ihn, bevor er ausgeredet hatte: „Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Ich hegte schon lange diesen Wunsch, doch da Ihr bei unseren Treffen nie davon spracht, wagte ich nicht, Euch zu nahe zu treten. Da Ihr es nun anspricht – obwohl ich kein besonderes Talent habe, verstehe ich doch etwas von den Begriffen ‚Gerechtigkeit' und ‚Nutzen'. Zudem ist nächstes Jahr das große Prüfungsjahr<ref>大比 Dàbǐ — die alle drei Jahre stattfindende Provinzialprüfung (乡试 xiāngshì) der Beamtenlaufbahn; Bestehen brachte den Grad eines 举人 jǔrén. Die im folgenden Satz genannten 春闱 Chūnwéi „Frühjahrsprüfungen" bezeichnen die anschließende Hauptstadt-Prüfung (会试 huìshì), die im 2. oder 3. Mondmonat in der Hauptstadt abgehalten wurde und über die Aufnahme in die kaiserliche Beamtenelite entschied.</ref>, und Ihr solltet Euch schleunigst in die Hauptstadt begeben, um bei den Frühjahrs-prüfungen Euer Bestes zu geben. Die Reisekosten sind Nebensache, ich werde mich darum kümmern und Eure freundschaftliche Zuneigung nicht enttäuscht haben!" Er befahl sogleich einem Diener, fünfzig Liang Silber und zwei Garnituren Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein günstiger Tag. Kauft Euch ein Boot und reist nach Westen. Wenn Ihr im Frühjahr Karriere macht, können wir uns nächsten Winter wiedersehen – wäre das nicht wunderbar!" Regendorf nahm Silber und Kleidung entgegen, bedankte sich flüchtig und machte kein großes Aufheben, sondern trank und plauderte weiter. Es war bereits die dritte Nachtwache, als die beiden sich trennten. | |
| − | Nachdem | + | Nachdem Wahrheitsverberger Regendorf verabschiedet hatte, kehrte er ins Schlafgemach zurück und schlief bis zum späten Morgen. Da fiel ihm ein, noch zwei Empfehlungsschreiben für Regendorf zu verfassen, damit er in der Hauptstadt bei einer Beamtenfamilie Unterkunft finden könnte. Als er jedoch jemanden hinüberschickte, kam der Diener zurück und berichtete: „Der Mönch sagt, Herr Jia sei heute bei der fünften Trommel bereits nach der Hauptstadt aufgebrochen. Er hinterließ dem Mönch eine Nachricht für den Herrn: ‚Für einen Gelehrten zählen keine günstigen und ungünstigen Tage, sondern nur die Sache selbst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.'" Wahrheitsverberger konnte nichts weiter tun als es hinzunehmen. |
| − | Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest gekommen. | + | Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest [元宵节]<ref>Chin. 元宵节 Yuánxiāojié, das „Erste-Vollmond-Fest" am 15. Tag des ersten Mondmonats — Höhepunkt der Frühlingsfest-Periode. Die Stadt entzündet bunte Laternen (花灯), führt Volkstheater und Akrobatik auf (社火), Familien essen süße Reisbällchen (元宵 / 汤圆). Im Roman ist das Laternenfest ein wiederkehrender Schauplatz schicksalhafter Wendungen: hier verschwindet Heldenlotus, später wird es zum Schauplatz wichtiger familiärer Höhepunkte und Krisen.</ref> gekommen. Wahrheitsverberger beauftragte seinen Diener Huo Qi<ref>Chin. 霍启 Huò Qǐ. Der Name klingt wie 祸起 huòqǐ „das Unheil beginnt" — ein Vorverweis auf das kommende Unglück.</ref>, die kleine Heldenlotus hinauszutragen, um die Festlichkeiten und Laternen zu betrachten. Um Mitternacht musste Huo Qi sich erleichtern und setzte die kleine Heldenlotus auf die Schwelle eines Hauses. Als er fertig war und sie wieder auf den Arm nehmen wollte, war von Heldenlotus keine Spur mehr zu sehen. In seiner Verzweiflung suchte er die halbe Nacht, doch bis zum Morgengrauen fand er sie nicht. Da wagte er nicht, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in die Ferne. Als die Eheleute Wahrheitsverberger merkten, dass ihre Tochter nicht zurückkam, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten weitere Leute aus, die alle ohne die geringste Spur zurückkehrten. Die beiden Eheleute, die in ihrem halben Leben nur dieses eine Kind hatten, waren untröstlich. Tag und Nacht weinten sie und wären beinahe gestorben. Schon nach einem Monat wurde Wahrheitsverberger krank, und auch die geborene Siegel erkrankte vor Kummer. Täglich wurden Ärzte gerufen. |
| − | Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim | + | Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim Frittieren der Opfergaben im Kürbistempel die Mönche nicht aufpassten, so dass das heiße Öl aus der Pfanne schoss und die Fensterbespannung in Brand setzte? Da die Häuser in dieser Gegend meist aus Bambusgeflechten und Holzwänden bestanden und das Schicksal es wohl so bestimmte, griff das Feuer eines nach dem anderen über, und bald brannte eine ganze Straße wie ein Flammenberg. Obwohl Soldaten und Bürger zur Hilfe eilten, war das Feuer bereits zu gewaltig. Es brannte die ganze Nacht, bis es allmählich erlosch, und man wusste nicht, wie viele Häuser vernichtet worden waren. Das Haus der Familie Echt nebenan war zu einem Trümmerfeld verbrannt. Nur das Ehepaar und einige Bedienstete waren mit dem Leben davongekommen. In seiner Verzweiflung konnte Wahrheitsverberger nur die Füße stampfen und seufzen. Er musste mit seiner Frau beraten und beschloss, auf ihren Landsitz zu ziehen. Doch in den letzten Jahren hatten Dürre und Überschwemmungen die Ernte zerstört, Räuberbanden trieben ihr Unwesen, und es war unmöglich, in Frieden zu leben. So blieb Wahrheitsverberger nichts anderes übrig, als sein gesamtes Landgut zu verkaufen und mit seiner Frau und zwei Zofen zu seinem Schwiegervater zu ziehen. |
| − | Sein Schwiegervater hieß Siegel | + | Sein Schwiegervater hieß Schlicht Siegel<ref>Chin. 封肃 Fēng Sù. 封 fēng „Siegel/versiegeln"; 肃 sù „ernst/streng". Der Name klingt wie 风俗 fēngsú „Sitten und Bräuche".</ref> und stammte aus der Gegend von Daru<ref>Chin. 大如州 Dàrú zhōu — fiktiver Bezirksname, klingt wie 大愚州 Dàyú zhōu „Bezirk der großen Torheit". Eine kommentierende Anspielung auf Schlicht Siegels Unbarmherzigkeit gegenüber seinem in Not geratenen Schwiegersohn.</ref>. Obwohl er ein Bauer war, war sein Haushalt durchaus wohlhabend. Als er jedoch seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand ankommen sah, war er nicht sonderlich erfreut. Glücklicherweise hatte Wahrheitsverberger noch etwas Silber vom Verkauf seines Landbesitzes übrig und bat seinen Schwiegervater, davon etwas Land und ein Haus zu kaufen, um für die Zukunft vorzusorgen. Doch Schlicht Siegel überredete und übervorteilte ihn und gab ihm nur ein wenig schlechtes Land und ein verfallenes Haus. Wahrheitsverberger, ein Gelehrter, verstand sich nicht auf Landwirtschaft und Geschäfte. Nach ein, zwei Jahren wurde seine Lage immer schlechter. Schlicht Siegel warf ihm bei jedem Treffen Sprüche an den Kopf und beschwerte sich hinter seinem Rücken, dass sie nicht wirtschaften könnten und nur faul und verfressen seien. Wahrheitsverberger erkannte, dass er sich an den falschen gewandt hatte, und konnte Reue nicht vermeiden. Dazu kam der Schrecken des Vorjahres, Zorn, Kummer und Schmerz, die ihn innerlich verwundet hatten. Als alter Mann, von Armut und Krankheit bedrängt, näherte er sich mehr und mehr seinem Ende. |
| − | An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden | + | An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden taoistischen Wanderer herankommen, halb verrückt und verwahrlost, in Strohsandalen und zerlumpter Kleidung, der einige Verse vor sich hin murmelte: |
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, | Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, | ||
| − | Nur | + | Nur Amt und Würden können sie nicht lassen; |
Wo sind die Feldherren und Minister von einst? | Wo sind die Feldherren und Minister von einst? | ||
| − | Nur ein Grabhügel | + | Nur ein verwilderter Grabhügel, vom Gras verschlungen! |
Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, | Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, | ||
Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; | Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; | ||
| − | + | Das ganze Leben klagen sie, nie genug angehäuft zu haben, | |
Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen. | Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen. | ||
| Line 221: | Line 221: | ||
Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen! | Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen! | ||
| − | + | Wahrheitsverberger trat vor und sprach: „Was murmelst du da in einem fort? Ich höre nur ‚gut' und ‚vorbei', ‚gut' und ‚vorbei'." Der Priester lachte: „Wenn du tatsächlich die Worte ‚gut' und ‚vorbei' gehört hast, so bist du ein verständiger Mensch. Wisse, dass in der Welt alles, was gut ist, auch vorbei ist, und alles, was vorbei ist, auch gut. Wenn es nicht vorbei ist, kann es nicht gut sein; wenn es gut sein soll, muss es vorbei sein. Mein Lied heißt das ‚Lied von Gut und Vorbei<ref>好了歌 Hǎoliǎo gē — eines der berühmtesten Gedichte des Romans. Das Wortspiel beruht darauf, dass im Chinesischen 好 hǎo „gut" und 了 liǎo „zu Ende" als gleichbedeutendes Paar gelesen werden: Etwas wird erst „gut", wenn es „beendet" ist — also nur durch Loslassen aller irdischen Bindungen. Das Lied formuliert in vier Strophen die buddhistisch-daoistische Kernlehre des Romans: dass Amt, Reichtum, Liebe und Nachkommenschaft am Ende ins Leere führen.</ref>'." Wahrheitsverberger war ein Mann, der von Natur aus Weisheit besaß. Kaum hatte er diese Worte gehört, war in seinem Herzen die Erleuchtung aufgegangen. Lachend sprach er: „Halt! Lass mich dein ‚Lied von Gut und Vorbei' kommentieren, was sagst du?" Der Priester lachte: „Tu es, tu es!" Wahrheitsverberger sprach also: | |
| − | + | Schäbige Kammern, leere Hallen – einst füllten Amtstafeln das Bett; | |
Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. | Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. | ||
Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, | Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, | ||
| − | Grüne Gaze | + | Grüne Gaze klebt nun am Fenster der Strohhütte. |
Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, | Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, | ||
Wenn beide Schläfen längst ergraut? | Wenn beide Schläfen längst ergraut? | ||
| Line 236: | Line 236: | ||
Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! | Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! | ||
Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; | Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; | ||
| − | Wer eine reiche Braut erwählt, | + | Wer eine reiche Braut erwählt – wer hätte gedacht, dass sie im Freudenviertel endet! |
Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, | Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, | ||
| − | Trägt er nun | + | Trägt er nun Kette und Halsjoch des Sträflings. |
Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, | Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, | ||
Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. | Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. | ||
| Line 246: | Line 246: | ||
Nur das Hochzeitskleid für andere! | Nur das Hochzeitskleid für andere! | ||
| − | Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" | + | Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" Wahrheitsverberger lachte einmal auf, rief: „Gehen wir!" und riss dem Taoisten den Quersack von der Schulter und trug ihn selbst auf dem Rücken. Ohne nach Hause zurückzukehren, ging er mit dem verrückten Priester davon. |
| − | Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als Frau | + | Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als seine Frau, die geborene Siegel, davon erfuhr, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute in alle Richtungen ausschicken, um Wahrheitsverberger zu suchen – doch woher sollte eine Nachricht kommen? Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen. Glücklicherweise hatte sie noch zwei alte Zofen, die ihr dienten. Herrin und Dienerinnen verdienten Tag und Nacht mit Näharbeiten ihr Brot und halfen dem Vater bei den Ausgaben. Obwohl Schlicht Siegel sich täglich beklagte, blieb ihm nichts anderes übrig. |
| − | Eines Tages war die ältere Zofe der Familie | + | Eines Tages war die ältere Zofe der Familie Echt gerade vor der Tür und kaufte Garn, als sie auf der Straße Rufe hörte und alle sagten, der neue Magistrat sei ins Amt eingeführt worden. Die Zofe lugte durch die Türspalte und sah Wachen und Läufer paarweise vorüberziehen, dann kam eine große Sänfte mit einem Beamten in schwarzer Mütze und scharlachrotem Gewand. Die Zofe war verblüfft und dachte bei sich: Dieser Beamte sieht mir bekannt aus, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Dann ging sie ins Haus zurück und dachte nicht weiter darüber nach. Am Abend, als sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich lautes Pochen an der Tür und den Lärm vieler Menschen, die riefen: „Der Magistrat schickt nach Euch!" Schlicht Siegel erschrak bis ins Mark und wusste nicht, was für ein Unheil dies bedeuten mochte. |
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Latest revision as of 16:15, 4 May 2026
第一回 / Kapitel 1
甄士隐梦幻识通灵
贾雨村风尘怀闺秀
| 中文原文 | Deutsche Übersetzung (DE4, Woesler) |
|---|---|
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甄士隐梦幻识通灵 贾雨村风尘怀闺秀 此开卷第一回也。作者自云:曾历过一番梦幻之后,故将真事隐去,而借“通灵”之说,撰此《石头记》一书也,故曰“甄士隐”云云。但书中所记何事何人?自己又云:“今风尘碌碌,一事无成。忽念及当日所有之女子,一一细考较去,觉其行止见识,皆出我之上;我堂堂须眉,诚不若彼裙钗:我实愧则有馀,悔又无益,大无可如何之日也。当此日,欲将已往所赖天恩祖德,锦衣纨袴之时,饫甘餍肥之日,背父兄教育之恩,负师友规训之德,以致今日一技无成、半生潦倒之罪,编述一集,以告天下:知我之负罪固多,然闺阁中历历有人,万不可因我之不肖,自护己短,一并使其泯灭也。所以蓬牖茅椽,绳床瓦灶,并不足妨我襟怀;况那晨风夕月,阶柳庭花,更觉得润人笔墨。我虽不学无文,又何妨用假语村言敷演出来,亦可使闺阁昭传,复可破一时之闷,醒同人之目,不亦宜乎?”故曰“贾雨村”云云。更于篇中间用“梦”、“幻”等字,却是此书本旨,兼寓提醒阅者之意。 看官:你道此书从何而起?说来虽近荒唐,细玩颇有趣味。 却说那女娲氏炼石补天之时,于大荒山无稽崖,炼成高十二丈、见方二十四丈大的顽石三万六千五百零一块,那娲皇只用了三万六千五百块,单单剩下一块未用,弃在青埂峰下。谁知此石自经锻炼之后,灵性已通,自去自来,可大可小。因见众石俱得补天,独自己无才,不得入选,遂自怨自愧,日夜悲哀。 一日,正当嗟悼之际,俄见一僧一道远远而来,生得骨格不凡,丰神迥异,来到这青埂峰下,席地坐谈。见着这块鲜莹明洁的石头,且又缩成扇坠一般,甚属可爱。那僧托于掌上,笑道:“形体倒也是个灵物了,只是没有实在的好处。须得再镌上几个字,使人人见了,便知你是件奇物。然后携你到那昌明隆盛之邦、诗礼簪缨之族、花柳繁华地、温柔富贵乡那里去走一遭。”石头听了大喜,因问:“不知可镌何字?携到何方?望乞明示。”那僧笑道:“你且莫问,日后自然明白。”说毕,便袖了,同那道人飘然而去,竟不知投向何方。 又不知过了几世几劫,因有个空空道人访道求仙,从这大荒山无稽崖青埂峰下经过,忽见一块大石,上面字迹分明,编述历历。空空道人乃从头一看,原来是无才补天,幻形入世,被那茫茫大士、渺渺真人携入红尘、引登彼岸的一块顽石:上面叙着堕落之乡、投胎之处,以及家庭琐事、闺阁闲情、诗词谜语,倒还全备。只是朝代年纪,失落无考。后面又有一偈云: 无才可去补苍天,枉入红尘若许年。 此系身前身后事,倩谁记去作奇传? 空空道人看了一回,晓得这石头有些来历,遂向石头说道:“石兄,你这一段故事,据你自己说来,有些趣味,故镌写在此,意欲闻世传奇。据我看来:第一件,无朝代年纪可考;第二件,并无大贤大忠理朝廷、治风俗的善政,其中只不过几个异样女子,或情或痴,或小才微善。我纵然抄去,也算不得一种奇书。”石头果然答道:“我师何必太痴?我想历来野史的朝代,无非假借汉、唐的名色;莫如我这石头所记,不借此套,只按自己的事体情理,反倒新鲜别致。况且那野史中,或讪谤君相,或贬人妻女,奸淫凶恶,不可胜数;更有一种风月笔墨,其淫秽污臭,最易坏人子弟。至于才子佳人等书,则又开口文君,满篇子建,千部一腔,千人一面,且终不能不涉淫滥。在作者不过要写出自己的两首情诗艳赋来,故假捏出男女二人名姓;又必旁添一小人拨乱其间,如戏中小丑一般。更可厌者,之乎者也,非理即文,大不近情,自相矛盾。竟不如我这半世亲见亲闻的几个女子,虽不敢说强似前代书中所有之人,但观其事迹原委,亦可消愁破闷;至于几首歪诗,也可以喷饭供酒。其间离合悲欢,兴衰际遇,俱是按迹循踪,不敢稍加穿凿,至失其真。只愿世人当那醉馀睡醒之时,或避事消愁之际,把此一玩,不但是洗旧翻新,却也省了些寿命筋力,不更去谋虚逐妄了。我师意为如何?” 空空道人听如此说,思忖半晌,将这《石头记》再检阅一遍。因见上面大旨不过谈情,亦只是实录其事,绝无伤时诲淫之病,方从头至尾抄写回来,闻世传奇。从此空空道人因空见色,由色生情,传情入色,自色悟空,遂改名情僧,改《石头记》为《情僧录》。东鲁孔梅溪题曰《风月宝鉴》。后因曹雪芹于悼红轩中披阅十载,增删五次,纂成目录,分出章回,又题曰《金陵十二钗》,并题一绝。即此便是《石头记》的缘起。诗云: 满纸荒唐言,一把辛酸泪。 都云作者痴,谁解其中味? 《石头记》缘起既明,正不知那石头上面记着何人何事?看官请听。 按那石上书云:当日地陷东南,这东南有个姑苏城,城中阊门最是红尘中一二等富贵风流之地。这阊门外有个十里街,街内有个仁清巷,巷内有个古庙,因地方狭窄,人皆呼作“葫芦庙”。庙旁住着一家乡宦,姓甄名费,字士隐;嫡妻封氏,性情贤淑,深明礼义。家中虽不甚富贵,然本地也推他为望族了。因这甄士隐禀性恬淡,不以功名为念,每日只以观花种竹、酌酒吟诗为乐,倒是神仙一流人物。只是一件不足:年过半百,膝下无儿;只有一女,乳名英莲,年方三岁。 一日炎夏永昼,士隐于书房闲坐,手倦抛书,伏几盹睡,不觉矇眬中走至一处,不辨是何地方。忽见那厢来了一僧一道,且行且谈。只听道人问道:“你携了此物,意欲何往?”那僧笑道:“你放心。如今现有一段风流公案,正该了结,这一干风流冤家,尚未投胎人世。趁此机会,就将此物夹带于中,使他去经历经历。”那道人道:“原来近日风流冤家又将造劫历世,但不知起于何处,落于何方?”那僧道:“此事说来好笑。只因当年这个石头,娲皇未用,自己却也落得逍遥自在,各处去游玩。一日来到警幻仙子处,那仙子知他有些来历,因留他在赤霞宫中,名他为赤霞宫神瑛侍者。他却常在西方灵河岸上行走,看见那灵河岸上三生石畔有棵绛珠仙草,十分娇娜可爱,遂日以甘露灌溉,这绛珠草始得久延岁月。后来既受天地精华,复得甘露滋养,遂脱了草木之胎,幻化人形,仅仅修成女体,终日游于离恨天外,饥餐秘情果,渴饮灌愁水。只因尚未酬报灌溉之德,故甚至五内郁结着一段缠绵不尽之意。常说:‘自己受了他雨露之惠,我并无此水可还。他若下世为人,我也同去走一遭,但把我一生所有的眼泪还他,也还得过了。’因此一事,就勾出多少风流冤家都要下凡,造历幻缘,那绛珠仙草也在其中。今日这石正该下世,我来特地将他仍带到警幻仙子案前,给他挂了号,同这些情鬼下凡,一了此案。”那道人道:“果是好笑,从来不闻有‘还泪’之说。趁此,你我何不也下世度脱几个,岂不是一场功德?”那僧道:“正合吾意。你且同我到警幻仙子宫中,将这蠢物交割清楚,待这一干风流孽鬼下世,你我再去。如今有一半落尘,然犹未全集。”道人道:“既如此,便随你去来。” 却说甄士隐俱听得明白,遂不禁上前施礼,笑问道:“二位仙师请了。”那僧、道也忙答礼相问。士隐因说道:“适闻仙师所谈因果,实人世罕闻者。但弟子愚拙,不能洞悉明白。若蒙大开痴顽,备细一闻,弟子洗耳谛听,稍能警省,亦可免沉沦之苦了。”二仙笑道:“此乃玄机,不可预泄。到那时只不要忘了我二人,便可跳出火坑矣。”士隐听了,不便再问,因笑道:“玄机固不可泄露,但适云‘蠢物’,不知为何?或可得见否?”那僧说:“若问此物,倒有一面之缘。”说着取出,递与士隐。士隐接了看时,原来是块鲜明美玉,上面字迹分明,镌着“通灵宝玉”四字,后面还有几行小字。正欲细看时,那僧便说已到幻境,就强从手中夺了去。和那道人竟过了一座大石牌坊,上面大书四字,乃是“太虚幻境”。两边又有一副对联道: 假作真时真亦假,无为有处有还无。 士隐意欲也跟着过去,方举步时,忽听一声霹雳,若山崩地陷。士隐大叫一声,定睛看时,只见烈日炎炎,芭蕉冉冉,梦中之事便忘了一半。又见奶母抱了英莲走来。士隐见女儿越发生得粉装玉琢,乖觉可喜,便伸手接来,抱在怀中,斗他玩耍一会。又带至街前,看那过会的热闹。 方欲进来时,只见从那边来了一僧一道:那僧癞头跣足,那道跛足蓬头,疯疯癫癫,挥霍谈笑而至。及到了他门前,看见士隐抱着英莲,那僧便大哭起来,又向士隐道:“施主,你把这有命无运、累及爹娘之物抱在怀内作甚?”士隐听了,知是疯话,也不睬他。那僧还说:“舍我罢,舍我罢。”士隐不耐烦,便抱着女儿转身。才要进去,那僧乃指着他大笑,口内念了四句言词,道是: 惯养娇生笑你痴,菱花空对雪澌澌。 好防佳节元宵后,便是烟消火灭时。 士隐听得明白,心下犹豫,意欲问他来历,只听道人说道:“你我不必同行,就此分手,各干营生去罢。三劫后,我在北邙山等你,会齐了,同往太虚幻境销号。”那僧道:“最妙,最妙。”说毕,二人一去,再不见个踪影了。士隐心中此时自忖:“这两个人必有来历,很该问他一问,如今后悔却已晚了。” 这士隐正在痴想,忽见隔壁葫芦庙内寄居的一个穷儒,姓贾名化、表字时飞、别号雨村的走来。这贾雨村原系湖州人氏,也是诗书仕宦之族。因他生于末世,父母祖宗根基已尽,人口衰丧,只剩得他一身一口。在家乡无益,因进京求取功名,再整基业。自前岁来此,又淹蹇住了,暂寄庙中安身,每日卖文作字为生,故士隐常与他交接。 当下雨村见了士隐,忙施礼陪笑道:“老先生倚门伫望,敢街市上有甚新闻么?”士隐笑道:“非也。适因小女啼哭,引他出来作耍。正是无聊的很,贾兄来得正好,请入小斋,彼此俱可消此永昼。”说着,便令人送女儿进去。自携了雨村来至书房中,小童献茶。方谈得三五句话,忽家人飞报:“严老爷来拜。”士隐慌忙起身谢道:“恕诓驾之罪。且请略坐,弟即来奉陪。”雨村起身也让道:“老先生请便。晚生乃常造之客,稍候何妨!”说着,士隐已出前厅去了。 这里雨村且翻弄诗籍解闷,忽听得窗外有女子嗽声。雨村遂起身往外一看,原来是一个丫鬟在那里掐花儿:生的仪容不俗,眉目清秀,虽无十分姿色,却也有动人之处。雨村不觉看得呆了。那甄家丫鬟掐了花儿,方欲走时,猛抬头见窗内有人:敝巾旧服,虽是贫窘,然生得腰圆背厚,面阔口方,更兼剑眉星眼,直鼻方腮。这丫鬟忙转身回避,心下自想:“这人生的这样雄壮,却又这样褴褛。我家并无这样贫窘亲友,想他定是主人常说的什么贾雨村了。怪道又说他必非久困之人,每每有意帮助周济他,只是没什么机会。”如此一想,不免又回头一两次。雨村见他回头,便以为这女子心中有意于他,遂狂喜不禁,自谓此女子必是个巨眼英豪,风尘中之知己。 一时小童进来,雨村打听得前面留饭,不可久待,遂从夹道中,自便门出去了。士隐待客既散,知雨村已去,便也不去再邀。 一日,到了中秋佳节。士隐家宴已毕,又另具一席于书房,自己步至庙中来邀雨村。 原来雨村自那日见了甄家丫鬟曾回顾他两次,自谓是个知己,便时刻放在心上。今又正值中秋,不免对月有怀,因而口占五言一律云: 未卜三生愿,频添一段愁。 闷来时敛额,行去几回头。 自顾风前影,谁堪月下俦? 蟾光如有意,先上玉人楼。 雨村吟罢,因又思及平生抱负,苦未逢时,乃又搔首对天长叹,复高吟一联云: 玉在椟中求善价,钗于奁内待时飞。 恰值士隐走来听见,笑道:“雨村兄真抱负不凡也!”雨村忙笑道:“不敢。不过偶吟前人之句,何期过誉如此!”因问:“老先生何兴至此?”士隐笑道:“今夜中秋,俗谓团圆之节。想尊兄旅寄僧房,不无寂寥之感。故特具小酌,邀兄到敝斋一饮。不知可纳芹意否?”雨村听了,并不推辞,便笑道:“既蒙谬爱,何敢拂此盛情!”说着,便同士隐复过这边书院中来了。 须臾茶毕,早已设下杯盘,那美酒佳肴,自不必说。二人归坐,先是款酌慢饮;渐次谈至兴浓,不觉飞觥献斝起来。当时街坊上家家箫管,户户笙歌;当头一轮明月,飞彩凝辉。二人愈添豪兴,酒到杯干。雨村此时已有七八分酒意,狂兴不禁,乃对月寓怀,口占一绝云: 时逢三五便团圆,满把清光护玉栏。 天上一轮才捧出,人间万姓仰头看。 士隐听了,大叫:“妙极!弟每谓兄必非久居人下者,今所吟之句,飞腾之兆已现,不日可接履于云霄之上了。可贺,可贺!”乃亲斟一斗为贺。 雨村饮干,忽叹道:“非晚生酒后狂言,若论时尚之学,晚生也或可去充数挂名。只是如今行李路费,一概无措,神京路远,非赖卖字撰文,即能到得。”士隐不待说完,便道:“兄何不早言?弟已久有此意,但每遇兄时,并未谈及,故未敢唐突。今既如此,弟虽不才,‘义利’二字,却还识得。且喜明岁正当大比,兄宜作速入都,春闱一捷,方不负兄之所学。其盘费馀事,弟自代为处置,亦不枉兄之谬识矣。”当下即命小童进去,速封五十两白银并两套冬衣。又云:“十九日乃黄道之期,兄可即买舟西上。待雄飞高举,明冬再晤,岂非大快之事!”雨村收了银、衣,不过略谢一语,并不介意,仍是吃酒谈笑。那天已交三鼓,二人方散。 士隐送雨村去后,回房一觉,直至红日三竿方醒。因思昨夜之事,意欲写荐书两封与雨村,带至都中去,使雨村投谒个仕宦之家,为寄身之地。因使人过去请时,那家人回来说:“和尚说:贾爷今日五鼓已进京去了,也曾留下话与和尚转达老爷,说:‘读书人不在黄道黑道,总以事理为要,不及面辞了。’”士隐听了,也只得罢了。 真是闲处光阴易过,倏忽又是元宵佳节。士隐令家人霍启抱了英莲,去看社火花灯。半夜中霍启因要小解,便将英莲放在一家门槛上坐着。待他小解完了来抱时,那有英莲的踪影。急的霍启直寻了半夜,至天明不见。那霍启也不敢回来见主人,便逃往他乡去了。 那士隐夫妇见女儿一夜不归,便知有些不好。再使几人去找寻,回来皆云影响全无。夫妻二人半世只生此女,一旦失去,何等烦恼,因此昼夜啼哭,几乎不顾性命。 看看一月,士隐已先得病,夫人封氏也因思女搆疾,日日请医问卦。不想这日三月十五,葫芦庙中炸供,那和尚不小心,油锅火逸,便烧着窗纸。此方人家俱用竹篱木壁,也是劫数应当如此,于是接二连三,牵五挂四,将一条街烧得如火焰山一般。彼时虽有军民来救,那火已成了势了,如何救得下,直烧了一夜方熄,也不知烧了多少人家。只可怜甄家在隔壁,早成了一堆瓦砾场了,只有他夫妇并几个家人的性命不曾伤了,急的士隐惟跌足长叹而已。与妻子商议,且到田庄上去住。偏值近年水旱不收,贼盗蜂起,官兵剿捕,田庄上又难以安身。只得将田地都折变了,携了妻子与两个丫鬟,投他岳丈家去。 他岳丈名唤封肃,本贯大如州人氏,虽是务农,家中却还殷实。今见女婿这等狼狈而来,心中便有些不乐。幸而士隐还有折变田产的银子在身边,拿出来托他随便置买些房地,以为后日衣食之计。那封肃便半用半赚的,略与他些薄田破屋。士隐乃读书之人,不惯生理稼穑等事,勉强支持了一二年,越发穷了。封肃见面时,便说些现成话儿;且人前人后,又怨他不会过,只一味好吃懒做。士隐知道了,心中未免悔恨;再兼上年惊唬,急忿怨痛:暮年之人,那禁得贫病交攻,竟渐渐的露出那下世的光景来。 可巧这日拄了拐,扎挣到街前散散心时,忽见那边来了一个跛足道人,疯狂落拓,麻鞋鹑衣,口内念着几句言词道: 世人都晓神仙好,惟有功名忘不了。 古今将相在何方?荒冢一堆草没了。 世人都晓神仙好,只有金银忘不了。 终朝只恨聚无多,及到多时眼闭了。 世人都晓神仙好,只有姣妻忘不了。 君生日日说恩情,君死又随人去了。 世人都晓神仙好,只有儿孙忘不了。 痴心父母古来多,孝顺子孙谁见了? 士隐听了,便迎上来道:“你满口说些什么?只听见些‘好’、‘了’,‘好’、‘了’。”那道人笑道:“你若果听见‘好’、‘了’二字,还算你明白。可知世上万般,好便是了,了便是好:若不了,便不好;若要好,须是了。我这歌儿便叫《好了歌》。” 士隐本是有夙慧的,一闻此言,心中早已悟彻,因笑道:“且住,待我将你这《好了歌》注解出来何如?”道人笑道:“你就请解。”士隐乃说道: 陋室空堂,当年笏满床。衰草枯杨,曾为歌舞场。蛛丝儿结满雕梁,绿纱今又在蓬窗上。说甚么脂正浓,粉正香,如何两鬓又成霜?昨日黄土陇头埋白骨,今宵红绡帐底卧鸳鸯。金满箱,银满箱,转眼乞丐人皆谤。正叹他人命不长,那知自己归来丧。训有方,保不定日后作强梁;择膏粱,谁承望流落在烟花巷。因嫌纱帽小,致使锁枷扛;昨怜破袄寒,今嫌紫蟒长。乱烘烘,你方唱罢我登场,反认他乡是故乡。甚荒唐,到头来,都是为他人作嫁衣裳。 那疯跛道人听了,拍掌大笑道:“解得切,解得切!”士隐便说一声:“走罢。”将道人肩上的搭裢抢过来背上,竟不回家,同着疯道人飘飘而去。 当下哄动街坊,众人当作一件新闻传说。封氏闻知此信,哭个死去活来。只得与父亲商议,遣人各处访寻,那讨音信。无奈何,只得依靠着他父母度日。幸而身边还有两个旧日的丫鬟伏侍,主仆三人,日夜作些针线,帮着父亲用度。那封肃虽然每日抱怨,也无可奈何了。 这日那甄家的大丫鬟在门前买线,忽听得街上喝道之声。众人都说:“新太爷到任了。”丫鬟隐在门内看时,只见军牢、快手一对一对过去,俄而大轿内抬着一个乌帽猩袍的官府来了。那丫鬟倒发了个怔,自思:“这官儿好面善,倒像在那里见过的。”于是进入房中,也就丢过,不在心上。 至晚间正待歇息之时,忽听一片声打的门响,许多人乱嚷,说:“本县太爷的差人来传人问话!”封肃听了,唬得目瞪口呆。 不知有何祸事,且听下回分解。 通灵──“通灵宝玉”的简称。亦即下文所说女娲炼石补天所剩的那块“顽石”,因其历经锻炼而“灵性已通”,并能幻化为贾宝玉,故称。 《石头记》──此书的本名。因本书即记述女娲炼石补天所剩的那块“顽石”幻化为贾宝玉在人间经历的故事,故称。 饫(yù玉)甘餍(yàn厌)肥──意谓饱食美味佳肴。 饫、餍:均为饱食之意。 甘、肥:均指精美食品。 蓬牖(yǒu友)茅椽(chuán船)──即茅草房屋。形容住屋简陋,生活清贫。 蓬、茅:都是野草。 牖:窗户。 椽:纵向固定于檩条之上以支撑屋顶的木杠。 绳床瓦灶──形容用具简陋,生活清贫。 绳床:是一种用绳子将木板穿连而成并可折叠的简单坐具,故又称“交床”、“交椅”。以其学自胡人(古代中原人对北方游牧民族的称谓),故亦称“胡床”。这里只是形容床铺简陋,并非实指绳床。 瓦灶:烧饭用的粗陶器和土灶台。 女娲(wā蛙)氏炼石补天——上古神话传说,事见《列子·汤问》、《淮南子·览冥训》、《太平御览·卷七八·女娲氏》,略谓:相传女娲是伏羲之妹,兄妹结为夫妻,产生人类;女娲又以黄土造人,使人类大量增加。不料天崩地裂,大火熊熊,洪水泛滥,野兽横行,生民面临灭顶之灾。于是女娲挺身而出,炼五色石以补苍天,折四条鳌足以为天柱,才避免了这场浩劫。 大荒山──或本《山海经·大荒西经》:“大荒之中,有山名曰大荒之山,日月所出入……是谓大荒之野。” 无稽崖──曹雪芹杜撰的地名。 “大荒山无稽崖”寓荒诞无稽之谈。 青埂峰──曹雪芹杜撰的地名。其谐音为“情根”,寓贾宝玉的多情源于此。 诗礼簪缨之族──意谓书香门第和官宦人家。 诗礼:读诗书,讲礼义。 簪缨:古代显贵的冠饰,代指官宦。 簪:是一种条状饰物,用以固定头发或连接冠与发髻,兼有装饰作用。 缨:帽带。 花柳繁华地──意谓繁华游乐之地。 花柳:游乐之地。 温柔富贵乡──典出汉·伶玄《赵飞燕外传》:“(皇)后德(樊)嬺计,是夜进合德。帝(汉成帝)大悦,以辅属体,无所不靡,谓为温柔乡。谓曰:‘吾老是乡矣,不能效武皇帝求白云乡也。’”(合德:赵飞燕之妹。)形容美女成群而又荣华富贵的环境。贾宝玉生长的贾府正是这样的环境。 几世几劫——佛教用语。形容年代久远。 世:佛家将过去、现在、未来均称为“世”,故“几世”表示很长的时间。 劫:佛家认为世界是一个不断毁灭与更生的过程,这样一个周期需要若干万年,谓之一“劫”,故“几劫”也表示很长的时间。 偈(jì记)──佛教用语。本义为佛经中的颂词。引申为佛家诗。一般为四句,多富哲理或预言性。 “无才”一诗──倩(qiàn欠):请,请求,恳求。 此诗实为曹雪芹自况,即无意于为朝庭效力。 野史──与“官史”、“正史”相对。原指私人记载轶闻琐事的文字。引申以指小说之类的作品。 文君──指卓文君。汉代临邛富翁卓王孙之女,容貌美丽,才学优长,而夫死寡居。司马相如饮于卓氏,以琴曲挑之,卓文君即与之私奔,遂为夫妻,以卖酒为生。事见《史记·司马相如列传》。 子建──指曹植,字子建。三国魏武帝曹操第四子,著名才子。《南史·谢灵运传》:“谢灵运曰:‘天下才共一石:曹子建独得八斗,我得一斗,自古及今共用一斗。’”遂有“八斗之才”的美誉。又《魏志》(见《太平御览》卷六○○引):“文帝(曹丕)尝欲害植,以其无罪,令植七步为诗,若不成,加军法。植即应声曰:‘煮豆燃豆萁,豆在釜中泣。本是同根生,相煎何太急!’文帝善之。”(事又见南朝宋·刘义庆《世说新语·文学》,文字略异)遂又有“七步之才”的美誉。 “从此”四句──是借空空道人的彻悟,以说明世界上的一切都是虚幻的。 空、色、情:都是佛教用语。佛家认为,“空”是世界的本质,所谓万物不过是因缘遇合,倏生倏灭,并非真实存在;“色”是人所看到的表相,并非真实的存在;“情”是人对世界产生的感受,更属主观意识,而非真实的物质。这就是佛家所谓“四大皆空”的“色空”观念,也即佛家主张禁欲主义的原因。 《情僧录》──《红楼梦》的别名之一。因空空道人抄录此书而使之传世,并因看了此书而悟彻了空、色、情,故称。作者欲借此书名,说明“情”的虚幻。 《风月宝鉴》──《红楼梦》的别名之一。风月宝鉴是太虚幻境警幻仙姑所造的一面宝镜,从正面看到的是美人,从反面看到的是骷髅,隐寓美人即骷髅。 |
In dem Wahrheitsverberger Echt [甄士隐][1] im Traum die Wahrheit der Vergänglichkeit versteht und Regendorf Kaufmann [贾雨村][2] sich im Staub der Welt in eine Schönheit verliebt Verehrte Leser, wisst Ihr, woher dieses Buch stammt? Obwohl sein Ursprung dem Absurden nahekommt, birgt es bei genauerer Betrachtung tiefen Reiz. Lasst mich, den Erzähler, seine Herkunft darlegen, damit die Leser alles klar verstehen und keinen Zweifel hegen. Einst schmolz die Göttin Nüwa Steine, um den Himmel zu flicken. Am Berg der Großen Öde[3], an der Klippe des Grundlosen, schmiedete sie insgesamt 36.501 mächtige Steine, zwölf Zhang hoch und vierundzwanzig Zhang breit. Die Göttin verwendete davon nur 36.500 Stück und ließ einen einzigen übrig, den sie am Fuße des Grünen Gipfels dieses Berges liegen ließ. Doch wer hätte gedacht, dass dieser Stein, nachdem er die Läuterung durch das Feuer durchlaufen hatte, bereits geistiges Wesen erlangt hatte! Als er sah, dass alle anderen Steine zum Flicken des Himmels auserwählt worden waren und er allein als untauglich zurückgeblieben war, beklagte und bemitleidete er sich Tag und Nacht voller Kummer und Scham. Eines Tages, als er gerade in tiefem Kummer versunken war, erblickte er plötzlich von ferne einen buddhistischen Mönch und einen taoistischen Priester herankommen, beide von außergewöhnlicher Erscheinung und unvergleichlichem Auftreten. Lachend und plaudernd kamen sie zum Fuße des Gipfels und setzten sich neben den Stein, um angeregt zu plaudern. Zuerst sprachen sie von fernen Wolkenbergen und nebelverhangenen Meeren, von Unsterblichen und wundersamen Dingen, dann aber kamen sie auf Ruhm und Reichtum in der Welt der Sterblichen zu sprechen. Als der Stein dies hörte, ward unwillkürlich sein irdisches Verlangen geweckt, und auch er wollte in die Menschenwelt hinab, um jenen Glanz und Reichtum zu genießen. Da er jedoch seine eigene Ungeschlachtheit bedauerte, blieb ihm nichts anderes übrig, als mit menschlicher Stimme zu den beiden zu sprechen: „Ehrwürdige Meister! Euer demütiger Schüler ist nur ein plumpes Ding und vermag Euch nicht gebührend zu grüßen. Soeben hörte ich Euch von den Freuden und dem Ruhm der Menschenwelt sprechen und sehne mich zutiefst danach. Obwohl mein Wesen grob und unbeholfen ist, besitze ich doch ein wenig Verstand. Und da ich sehe, dass Ihr beide unsterbliche Gestalt und den Leib von Weisen habt, seid Ihr gewiss keine gewöhnlichen Wesen, sondern müsst das Vermögen besitzen, den Himmel zu flicken und die Welt zu retten. Wenn Ihr ein wenig Barmherzigkeit zeigen und Euren Schüler in die Welt des roten Staubs der Sterblichen mitnehmen könntet, um dort einige Jahre lang Reichtum und Zärtlichkeit zu genießen, so wäre ich Euch auf ewig dankbar und würde es in zehntausend Ewigkeiten nicht vergessen." Die beiden unsterblichen Meister lachten gutmütig und sprachen: „Gut, gut! In jener roten Staubwelt gibt es zwar manches Vergnügen, doch nichts davon währt ewig. Zudem sind da die acht Zeichen: ‚Im Schönen liegt stets ein Makel, und guten Dingen stellen sich viele Hindernisse in den Weg', die stets beieinander stehen. Im Nu schlägt höchste Freude in tiefes Leid um, die Menschen vergehen und die Dinge wandeln sich. Letzten Endes ist alles nur ein Traum, und alle Welten kehren in die Leere zurück. Es wäre besser, nicht zu gehen." Doch das irdische Verlangen des Steins loderte bereits mächtig, wie hätte er da noch auf diese Worte hören können. So flehte er abermals und abermals. Die beiden Unsterblichen, die wussten, dass man ihn nicht zwingen konnte, seufzten und sprachen: „Dies ist wohl die Bestimmung – aus äußerster Stille entsteht Bewegung, aus dem Nichts wird Sein. Da es so ist, nehmen wir dich mit, damit du den Genuss erfahren kannst. Nur wenn es dann einmal nicht nach deinem Wunsch gehen sollte, so bereue es nicht!" Der Stein antwortete: „Gewiss, gewiss!" Da sprach der Mönch: „Was deine Natur betrifft, so bist du zwar nicht ohne Geist, doch von so plumper Gestalt und ohne besondere Kostbarkeit – so kannst du dich allenfalls auf die Zehenspitzen stellen, ohne je hinüberzublicken. Nun gut, ich will jetzt große Buddhakunst wirken und dir helfen. Wenn der Tag der Vergeltung gekommen ist, wirst du in deine ursprüngliche Gestalt zurückkehren und diesen Fall beschließen. Was sagst du dazu?" Der Stein war unendlich dankbar. Daraufhin sprach der Mönch Beschwörungen, zeichnete Talismane und entfaltete seine Zauberkünste. Den großen Stein verwandelte er augenblicklich in ein Stück strahlend schönen, leuchtend klaren Jade, verkleinerte ihn auf die Größe eines Fächeranhängers, den man am Körper tragen konnte. Der Mönch hielt ihn auf seiner Handfläche und lachte: „Was die Form angeht, bist du nun wohl ein Juwel, doch fehlte dir noch ein wirklicher Vorzug. Man müsste einige Zeichen eingravieren, damit die Menschen auf den ersten Blick erkennen, dass du etwas Besonderes bist. Dann kann ich dich in jenes Land des Wohlstands und Glanzes bringen, in jene Familie von Dichtung und Adel, an jenen Ort blühender Pracht und zärtlichen Reichtums, damit du dort in Frieden und Freude leben kannst." Als der Stein das hörte, konnte er seine Freude kaum fassen und fragte: „Was für wunderbare Gaben wollt Ihr mir verleihen? Und an welchen Ort wollt Ihr mich bringen? Bitte verratet es mir, damit Euer Schüler nicht im Unklaren bleibt." Der Mönch lachte: „Frage nicht, die Zeit wird es zeigen." Mit diesen Worten steckte er den Stein in seinen Ärmel und ging zusammen mit dem Priester davon, und niemand wusste, wohin sie zogen. Später, nach wer-weiß-wieviel Zeitaltern und Weltperioden, durchwanderte ein taoistischer Priester namens Leere-des-Leeren Berge und Täler auf der Suche nach dem Weg und der Unsterblichkeit, als er zufällig am Fuße des Grünen Gipfels am Berg der Großen Öde vorbeikam. Dort erblickte er einen großen Stein, auf dem deutlich Schriftzeichen zu lesen waren, die eine wohlgeordnete Geschichte erzählten. Der Priester Leere-des-Leeren las sie von Anfang an durch und erkannte, dass es die Geschichte jenes untauglichen Steines war, der nicht zum Flicken des Himmels getaugt hatte, in irdische Gestalt verwandelt und vom Erhabenen Mönch der Weiten Leere und dem Wahren Unsterblichen der Nebelhaften Ferne in die Welt des roten Staubs der Sterblichen getragen worden war, wo er alle Wechselfälle von Trennung und Wiedersehen, Freude und Leid, Hitze und Kälte durchlebte. Am Ende stand ein Vers: Zum Flicken des Himmels taugte ich nicht, Umsonst weilte ich all die Jahre im roten Staub! Dies ist die Geschichte vor und nach dem Gang durch die Welt – Wer wird sie niederschreiben als wundersame Überlieferung? Nach dem Gedicht folgte die Geschichte des Steins von seinem Fall in diese Welt, dem Ort seiner Wiedergeburt, und was er dort selbst erlebte. Darin waren häusliche Kleinigkeiten aus den Frauengemächern beschrieben, auch Gedichte und Verse fanden sich vollständig; doch Dynastie und Jahreszahl, Geographie und Staatswesen waren verloren gegangen und nicht mehr feststellbar. Der Priester Leere-des-Leeren sprach daher zum Stein: „Bruder Stein, diese Geschichte enthält nach deinen eigenen Worten einigen Reiz, weshalb du sie hier aufgeschrieben hast in der Absicht, sie der Welt als wundersame Überlieferung vorzulegen. Doch meines Erachtens fehlt erstens jede Angabe über Dynastie und Jahreszahl, und zweitens handelt es sich keineswegs um die guten Taten großer Weiser und treuer Minister, die am Hof die Sitten ordneten. Es kommen darin nur einige ungewöhnliche Frauen vor, die einen leidenschaftlich, die anderen töricht, manche von kleinem Talent und bescheidener Tugend, aber keine unter ihnen besitzt die Fähigkeiten einer Ban Zhao oder Cai Wenji[4]. Selbst wenn ich die Geschichte abschriebe, fürchte ich, die Menschen würden sie nicht gern lesen." Der Stein erwiderte lachend: „Wie töricht seid Ihr doch, mein Meister! Wenn Ihr meint, es fehle an Dynastien, so könnte ich leicht Han, Tang oder andere Jahreszahlen hinzufügen – was wäre daran schwer? Doch ich denke mir, alle bisherigen inoffiziellen Geschichten folgen einem und demselben Schema. Gerade weil ich mich dieser Konventionen nicht bediene, ist mein Werk neuartig und ungewöhnlich. Es geht nur um die Wahrheit der Gefühle und Begebenheiten – wozu sich an Dynastien und Jahreszahlen klammern! Zudem lesen die gewöhnlichen Menschen auf dem Markt sehr selten Bücher über Staatskunst; sie bevorzugen unterhaltsame Lektüre. Die bisherigen inoffiziellen Geschichten verleumden entweder Herrscher und Minister oder erniedrigen die Frauen anderer Männer, voll von Ausschweifung und Gewalt. Noch schlimmer sind jene erotischen Schriften, die mit ihrem Schmutz die Seelen der jungen Leute vergiften. Was die Geschichten von schönen Damen und begabten Jünglingen betrifft, so folgen tausend Bücher ein und demselben Muster, und letztlich können sie Anzüglichkeit nicht vermeiden, mit ihren Pan An und Zi Jian, ihren Xi Shi und Wen Jun – das alles nur, weil die Autoren ihre eigenen Liebesgedichte unterbringen wollten und dafür fiktive Namen erfanden, wobei stets ein Bösewicht als Störenfried auftritt, wie der Hanswurst im Theater. Und die Zofen reden von Anfang an in gestelztem Gelehrten-Chinesisch, wenn nicht hochtrabend literarisch, dann moralisierend. Liest man diese Werke der Reihe nach, so stecken sie voller Widersprüche und sind dem wirklichen Leben ganz fremd. Meine Geschichte hingegen beruht auf dem, was ich ein halbes Leben lang mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört habe. Die wenigen Frauen darin wage ich nicht als den Gestalten früherer Bücher überlegen zu bezeichnen, doch die wahre Begebenheit kann gewiss der Langeweile abhelfen, und es finden sich auch einige holprige Verse und alltägliche Sprüche, über die man beim Essen lachen und die man beim Wein genießen kann. Was Trennung und Wiedersehen, Aufstieg und Niedergang betrifft, so folge ich genau den Spuren der Wirklichkeit, ohne auch nur das Geringste hinzuzuerfinden. Die Menschen von heute – die Armen werden täglich von Nahrung und Kleidung bedrückt, die Reichen sind nie zufrieden, und selbst wenn sie einmal einen Augenblick Muße haben, verfallen sie der Wollust und Habgier. Wo sollten sie die Zeit finden, Bücher über Staatskunst zu lesen? Darum möchte ich mit meiner Geschichte weder Bewunderung erregen noch unbedingt die Gunst der Leser gewinnen. Ich wünsche mir nur, dass sie in Stunden der Trunkenheit oder Müdigkeit, oder wenn sie der Welt entfliehen und ihren Kummer vergessen wollen, dieses Werk zur Hand nehmen – wäre das nicht besser als manch andere Zeitverschwendung? Und es würde die Leser auch davon abhalten, eitlen Trugbildern nachzujagen. Was meint Ihr, mein Meister?" Der Priester Leere-des-Leeren hörte dies, überlegte eine Weile und las den „Bericht des Steins" noch einmal durch. Er fand darin zwar auch Passagen, die die Zeitläufte beklagten und die Welt tadelten, doch war dies keineswegs als Schmähung der Welt gemeint. Wo es um die Pflichten zwischen Herrscher und Untertan, Vater und Sohn ging, lobte und pries das Werk stets voller Hingabe – wahrlich nicht mit anderen Büchern zu vergleichen. Obwohl sein Hauptthema die Liebe war, handelte es sich doch nur um eine wahrheitsgetreue Aufzeichnung, nicht um erfundene Liebesgelübde und heimliche Schwüre. Da das Werk keinerlei Bezug zu politischen Angelegenheiten nahm, schrieb er es von Anfang bis Ende ab und gab es der Welt als wundersame Überlieferung. Weil er durch die Farbe die Leere erkannte, aus der Leere die Empfindung schöpfte, die Empfindung in die Farbe einführte und aus der Farbe wieder zur Leere gelangte, nannte er sich fortan den „Mönch der Leidenschaft" und benannte den „Bericht des Steins" um in „Aufzeichnungen des Mönches der Leidenschaft". Wu Yufeng[5] gab ihm den Titel „Der Traum der Roten Kammer". Kong Meixi aus dem östlichen Lu nannte es „Der Spiegel von Wind und Mond". Schließlich durchsah Cao Xueqin es im Pavillon des Bedauerns über die Roten während zehn Jahren, strich und ergänzte fünfmal, stellte ein Inhaltsverzeichnis zusammen und teilte es in Kapitel ein, unter dem Titel „Die Zwölf Schönen von Jinling". Er verfasste dazu ein Gedicht: Seiten über Seiten wilder Wahn, geschrieben unter bitteren Tränen! Alle schelten den Autor einen Narren – doch wer ergründet den verborgenen Sinn? Als Zhiyanzhai[6] es im Jiaxu-Jahr abschrieb und mit Anmerkungen versah, behielt er den Titel „Bericht des Steins" bei. Nun, da der Ursprung erklärt ist, lasst uns sehen, was auf dem Stein geschrieben steht: In jener Zeit, als der Südosten der Erde einbrach, gab es in dieser südöstlichen Ecke einen Ort namens Gusu[7], darin eine Stadt mit einem Tor namens Changmen, einem Ort allerersten Ranges an Reichtum und Eleganz in der Welt des roten Staubs. Vor dem Changmen-Tor lag die Zehn-Li-Straße[8], in der Straße die Gasse der Menschenfreundlichkeit, und in der Gasse stand ein alter Tempel, den man wegen der Enge des Platzes allgemein den Kürbistempel nannte. Neben dem Tempel wohnte ein ehemaliger Beamter namens Zhen Fei, mit dem Rufnamen Wahrheitsverberger. Seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Feng[9], war von tugendhaftem und freundlichem Wesen und verstand sich auf Sitte und Anstand. Obwohl die Familie nicht besonders reich war, galt sie in der Gegend als angesehenes Geschlecht. Dieser Wahrheitsverberger Echt war von gelassenem Temperament, er strebte nicht nach Ruhm und Karriere, sondern vergnügte sich täglich mit Blumen und Bambus, Wein und Gedichten – ein wahrer Charakter wie aus dem Reich der Unsterblichen. Nur eines fehlte ihm: Er war bereits um die fünfzig Jahre alt und hatte keinen Sohn, nur eine einzige Tochter mit dem Milchnamen Heldenlotus[10], die gerade drei Jahre alt war. Eines Tages, an einem langen Sommertag, saß Wahrheitsverberger müßig in seinem Arbeitszimmer. Als seine Hände müde wurden, legte er das Buch beiseite, lehnte sich über den Tisch und ruhte ein wenig. Unmerklich schlummerte er ein und träumte sich an einen Ort, den er nicht zu bestimmen wusste. Da sah er plötzlich einen Mönch und einen Priester herankommen, die im Gehen miteinander sprachen. Er hörte den Priester fragen: „Was willst du mit diesem plumpen Ding anfangen, und wohin trägst du es?" Der Mönch lachte: „Sei unbesorgt! Es gibt gerade eine hübsche romantische Schicksalsverstrickung, die aufgelöst werden muss. All diese romantisch Verstrickten sind noch nicht zur Wiedergeburt in der Menschenwelt eingegangen. Bei dieser Gelegenheit nehme ich dieses plumpe Ding mit, damit es die Welt erleben kann." Der Priester fragte: „Also wird eine neue Schar leidenschaftlicher Schuldner in die Welt hinabsteigen? Wo werden sie wiedergeboren?" Der Mönch lachte: „Das ist eine höchst seltsame und in tausend Jahren unerhörte Geschichte. Am Ufer des Geistigen Flusses im westlichen Paradies, am Stein der Drei Geburten[11], wuchs eine Pflanze aus Purpurperlen-Gras. Ein Diener namens Göttlicher Jade aus dem Palast des Roten Wolkenschimmers pflegte sie täglich mit süßem Tau zu begießen, so dass die Purpurperlen-Pflanze ihre Lebenszeit verlängern konnte. Nachdem sie die Essenz von Himmel und Erde aufgenommen und die Nahrung von Regen und Tau empfangen hatte, streifte sie ihre pflanzliche Gestalt ab und nahm menschliche Form an – allerdings nur die eines weiblichen Körpers. Fortan wanderte sie jenseits des Himmels des Trennungsschmerzes, stillte ihren Hu [胡州][12]nger mit der Frucht der verborgenen Leidenschaft und löschte ihren Durst mit dem Wasser des genährten Kummers, wenn sie durstig war. Weil sie die Güte der Bewässerung noch nicht vergolten hatte, trug sie in ihrem Inneren eine endlose Sehnsucht. Als sich nun im Diener Göttlicher Jade eines Tages ein irdisches Verlangen regte, beschloss er, in diese strahlende und friedvolle Welt hinabzusteigen, um sein illusorisches Schicksal zu erleben, und hatte sich bereits bei der Feenkönigin Jinghua angemeldet. Die Feenkönigin hatte auch nach der noch unbeglichenen Schuld der Bewässerung gefragt, und dies bot eine Gelegenheit, sie zu begleichen. Die Purpurperlen-Fee sprach: ‚Er hat mir die Gnade des süßen Taus erwiesen, doch ich habe kein solches Wasser, um es ihm zurückzugeben. Da er in die Menschenwelt hinabsteigt, will auch ich als Mensch geboren werden und ihm alle Tränen meines ganzen Lebens zurückgeben – damit sollte die Schuld beglichen sein.' Durch diese eine Begebenheit kamen viele leidenschaftliche Schuldner zusammen, um den Fall gemeinsam abzuschließen." Der Priester sprach: „Das ist wahrlich unerhört! Ich habe noch nie von einer Rückzahlung mit Tränen gehört. Diese Geschichte muss wohl noch feingliedriger und zarter sein als alle bisherigen Liebesgeschichten." Der Mönch sagte: „Die bisherigen romantischen Gestalten wurden nur in groben Umrissen und mit ihren Gedichten überliefert. Das tägliche Essen und Trinken in den Frauengemächern wurde nie beschrieben. Und die meisten Liebesgeschichten handeln nur von gestohlenen Düften und heimlichen Fluchtversuchen, ohne je das wahre Gefühl zwischen Söhnen und Töchtern zum Ausdruck zu bringen. Diese Schar von Menschen, die nun in die Welt eintreten – ob gefühlstrunken oder farbbesessen, weise oder töricht –, sie alle werden ganz anders sein als die Gestalten früherer Überlieferungen." Der Priester sprach: „Warum nutzen wir nicht die Gelegenheit und steigen ebenfalls in die Welt hinab, um einige Seelen zu erretten? Wäre das nicht ein verdienstvolles Werk?" Der Mönch antwortete: „Genau mein Gedanke! Komm mit mir zum Palast der Feenkönigin Jinghua, damit wir das plumpe Ding ordnungsgemäß übergeben. Wenn all diese leidenschaftlichen Schuldner in die Welt hinabgestiegen sind, können wir ihnen folgen. Zwar ist bereits die Hälfte von ihnen in den Staub der Welt gefallen, doch sind noch nicht alle versammelt." Der Priester sprach: „Wenn dem so ist, folge ich dir." Wahrheitsverberger Echt hatte alles deutlich gehört, verstand aber nicht, was für ein „plumpes Ding" gemeint war. Er konnte nicht umhin, vorzutreten und sie höflich zu grüßen, und fragte lächelnd: „Seid gegrüßt, ihr beiden unsterblichen Meister!" Mönch und Priester erwiderten eilig den Gruß. Wahrheitsverberger sprach: „Soeben hörte ich Euch über Ursache und Wirkung sprechen, Dinge, die man in der Menschenwelt selten erfährt. Doch Euer unwürdiger Schüler ist von beschränktem Verstand und kann nicht alles klar begreifen. Wenn Ihr die Güte hättet, mir alles ausführlich zu erklären, so würde ich aufmerksam zuhören. Könnte mir das auch nur ein wenig zur Erleuchtung verhelfen, so wäre ich den Leiden des Unterliegenden entgangen." Die beiden Unsterblichen lachten: „Dies ist ein himmlisches Geheimnis und darf nicht vorab verraten werden. Wenn die Zeit gekommen ist, vergesst uns beide nicht, dann könnt Ihr dem Feuer entkommen." Wahrheitsverberger wagte nicht weiter zu fragen und sprach lachend: „Das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden, doch Ihr spracht soeben von einem ‚plumpen Ding' – dürfte ich es vielleicht einmal sehen?" Der Mönch erwiderte: „Was dieses Ding betrifft, so besteht tatsächlich eine Verbindung zwischen euch." Mit diesen Worten nahm er es heraus und reichte es Wahrheitsverberger. Als Wahrheitsverberger es betrachtete, sah er, dass es ein Stück strahlend schönen Jade war, auf dem deutlich die vier Zeichen „Durchdringender Geist-Jade" eingraviert waren, und auf der Rückseite fanden sich noch einige Zeilen kleiner Schrift. Gerade als er sie genauer betrachten wollte, sagte der Mönch, sie seien am Rand der Illusion angelangt, entriss ihm das Stück Jade und verschwand zusammen mit dem Priester durch ein großes steinernes Tor, auf dem in vier großen Zeichen geschrieben stand: „Land der Großen Leere". Zu beiden Seiten hing ein Spruchpaar: Wenn das Falsche für wahr gehalten wird, wird auch das Wahre falsch; Wo das Nichts zum Sein wird, wird auch das Sein zum Nichts. Wahrheitsverberger wollte ihnen folgen, doch kaum hatte er den Fuß gehoben, als ein Donnerschlag ertönte, als brächen Berge zusammen und die Erde stürze ein. Wahrheitsverberger schrie laut auf, riss die Augen auf und sah nur die glühende Sonne und die sanft wehenden Bananenblätter – die Hälfte des Traumes war bereits vergessen. Da sah er seine Amme mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm herankommen. Als er seine Tochter erblickte, die immer hübscher und lieblicher wurde wie ein Geschöpf aus Jade und Puder, streckte er die Arme aus, nahm sie in den Arm und spielte ein Weilchen mit ihr. Dann trug er sie auf die Straße, um die festliche Prozession zu betrachten. Gerade als er sich zum Gehen wandte, sah er von dort einen Mönch und einen Priester kommen – der Mönch kahlköpfig und barfuß, der Priester hinkend und zerzaust –, beide halb verrückt, lachend und gestikulierend. Als sie vor seiner Tür anlangten und Wahrheitsverberger mit der kleinen Heldenlotus auf dem Arm sahen, begann der Mönch laut zu weinen und rief: „Guter Mann, warum trägst du dieses Kind ohne Glück auf dem Arm, das seinen Eltern nur Kummer bringt?" Wahrheitsverberger erkannte, dass es verrücktes Gerede war, und beachtete ihn nicht. Der Mönch rief immer wieder: „Gib es mir! Gib es mir!" Wahrheitsverberger verlor die Geduld und wollte sich mit der Tochter zurückziehen, doch der Mönch zeigte mit dem Finger auf ihn und lachte laut, wobei er vier Verse sprach: Verwöhnt und verzärtelt – wie töricht von dir! Die Wasserkastanenblüte blickt nur auf Schneegestöber. Hüte dich vor dem Fest der Laternen, Denn dann wird alles zu Rauch und Asche! Wahrheitsverberger hörte deutlich und zögerte, er wollte nach ihrer Herkunft fragen. Doch da sagte der Priester: „Wir brauchen nicht zusammen zu gehen. Hier trennen sich unsere Wege, jeder geht seinen Geschäften nach. In drei Weltperioden erwarte ich dich am Berg Beimang, wenn wir uns treffen, gehen wir gemeinsam zum Land der Großen Leere, um unsere Namen zu streichen." Der Mönch rief: „Wunderbar, wunderbar!" Mit diesen Worten gingen die beiden davon und waren spurlos verschwunden. Wahrheitsverberger dachte bei sich: Diese beiden müssen eine besondere Herkunft haben, ich hätte sie befragen sollen. Doch nun bereue ich es zu spät. Während Wahrheitsverberger noch in Gedanken versunken war, sah er plötzlich einen armen Gelehrten aus dem benachbarten Kürbistempel herauskommen. Er hieß Jia, mit dem Vornamen Hua, dem Rufnamen Shifei und dem Beinamen Regendorf. Dieser Regendorf Kaufmann stammte ursprünglich aus Huzhou und entstammte ebenfalls einer Familie von Dichtern und Beamten. Doch da er in einer Zeit des Niedergangs geboren worden war, waren das Vermögen seiner Vorfahren aufgezehrt und die Familie dezimiert, so dass nur er allein übriggeblieben war. Da es für ihn in der Heimat nichts mehr gab, war er nach der Hauptstadt gereist, um dort durch die Prüfungen zu Ruhm zu gelangen und das Familienvermögen wiederherzustellen. Doch seit seiner Ankunft im Vorjahr war er in Schwierigkeiten geraten und fristete nun vorübergehend im Tempel sein Dasein, wo er sich mit Schreiben und Verfassen von Texten über Wasser hielt. Daher pflegte Wahrheitsverberger häufigen Umgang mit ihm. Als Regendorf Wahrheitsverberger erblickte, verbeugte er sich eilig und sprach lächelnd: „Steht Ihr am Tor und schaut hinaus, mein Herr? Gibt es auf dem Markt etwas Neues?" Wahrheitsverberger lachte: „Nein, nein. Meine kleine Tochter weinte, und ich trug sie heraus, um sie abzulenken. Ich langweilte mich gerade sehr. Wie gut, dass Ihr kommt! Bitte tretet in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein, damit wir plaudern können und uns beiden die Zeit schneller vergeht." Daraufhin ließ er jemanden die Tochter hineintragen und ging mit Regendorf Hand in Hand ins Arbeitszimmer. Ein Diener brachte Tee. Sie hatten kaum drei, fünf Sätze gewechselt, als ein Hausbediensteter eilig meldete: „Der alte Herr Yan [严老爷][13] ist zu Besuch gekommen." Wahrheitsverberger stand hastig auf und entschuldigte sich: „Verzeiht, dass ich Euch zur Eile veranlasst habe. Bitte bleibt noch einen Moment, ich komme sogleich zurück." Regendorf stand ebenfalls auf und sagte höflich: „Gebt Euch keine Mühe, mein Herr. Ich bin ein häufiger Gast, ein kleines Warten macht nichts." Daraufhin ging Wahrheitsverberger in den vorderen Empfangssaal. Regendorf blätterte in einigen Büchern, um sich die Zeit zu vertreiben. Plötzlich hörte er von draußen vor dem Fenster ein Mädchen räuspern. Er stand auf und blickte hinaus – es war eine Zofe, die dort Blumen pflückte. Obwohl sie keine umwerfende Schönheit war, hatte sie doch etwas Anmutiges. Regendorf konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die Zofe der Familie Echt pflückte ihre Blumen und wollte gerade gehen, als sie aufblickte und am Fenster einen Mann erblickte – in abgetragener Kleidung zwar, doch stattlich gebaut, mit breiten Schultern und kräftigem Rücken, markantem Gesicht, Schwertbrauen und Sternenaugen. Die Zofe wandte sich schnell ab und dachte bei sich: „Dieser Mann sieht so stattlich aus und ist doch so zerlumpt. Das muss wohl der Regendorf Kaufmann sein, von dem mein Herr immer spricht. Er wollte ihm schon oft helfen, hatte nur noch keine Gelegenheit dazu gefunden. Wir haben keine so armen Verwandten, es muss wohl dieser Mann sein. Kein Wunder, dass der Herr auch sagt, er werde gewiss nicht lange in Armut verharren." Mit diesen Gedanken konnte sie nicht umhin, sich noch zweimal umzudrehen. Als Regendorf sah, dass sie den Kopf gewendet hatte, war er überzeugt, das Mädchen habe ein Auge auf ihn geworfen, und freute sich maßlos, denn er hielt sie für eine Frau von scharfem Blick und eine Seelenverwandte im Staub der Welt. Bald darauf kam ein Dienerbursche herein, und Regendorf erfuhr, dass man vorne zum Essen gebeten hatte. Da er nicht länger warten durfte, verließ er durch einen Seitengang das Haus. Wahrheitsverberger verabschiedete seine Gäste und ging, da Regendorf bereits gegangen war, nicht mehr hin, um ihn erneut einzuladen. Eines Tages kam wieder das Mittherbstfest. Wahrheitsverberger hatte das Familienessen beendet und ein weiteres Mahl im Arbeitszimmer vorbereitet. Er ging selbst im Mondschein zum Tempel, um Regendorf einzuladen. Regendorf hatte seit jenem Tag, als er die Zofe der Familie Echt sich zweimal umblicken sah, sie für eine Seelenverwandte gehalten und ständig an sie gedacht. Nun, am Mittherbstfest, konnte er angesichts des Mondes nicht umhin, seine Sehnsucht auszudrücken, und dichtete ein Gedicht in fünfsilbigen regulären Versen: Noch ungewiss das Gelübde dreier Leben, Mehrt sich nur der Kummer. In Schwermut senkt sich die Stirn, Beim Gehen der Blick zurück. Im Wind betrachte ich meinen Schatten, Wer vermag mein Gefährte im Mondschein zu sein? Wenn der Mond ein Herz hat, Möge er zuerst das Gemach der Schönen bescheinen. Nachdem Regendorf sein Gedicht aufgesagt hatte, dachte er an seine unerfüllten Lebensträume und seufzte zum Himmel empor. Dann rezitierte er laut ein Spruchpaar: Der Jade im Schrein harrt des rechten Preises, Die Haarnadel in der Schatulle wartet auf den rechten Zeitpunkt. Gerade in diesem Moment kam Wahrheitsverberger und hörte es. Lachend sprach er: „Bruder Regendorf, Ihr habt wahrlich große Ambitionen!" Regendorf erwiderte hastig lachend: „Ich zitierte nur Verse der Alten, wie käme ich zu solcher Anmaßung?" Dann fragte er: „Was führt Euch hierher, mein Herr?" Wahrheitsverberger lachte: „Heute Nacht ist Mittherbst, das sogenannte ‚Fest der Wiedervereinigung'. Ich dachte mir, Ihr müsstet Euch einsam fühlen in Eurer Mönchszelle, und habe ein bescheidenes Mahl bereitet, um Euch einzuladen. Dürfte ich hoffen, dass Ihr meiner geringen Aufmerksamkeit Beachtung schenkt?" Regendorf, ohne lange Umstände zu machen, lachte: „Da Ihr so freundlich seid, wie könnte ich Eure großzügige Einladung ausschlagen?" Daraufhin gingen sie zusammen hinüber ins Arbeitszimmer. Bald war der Tee getrunken und Wein und Speisen aufgetragen, über die man nicht eigens reden muss. Sie setzten sich, und zunächst tranken sie bedächtig und gemessen, dann aber kam das Gespräch in Schwung, und ehe sie sich versahen, flogen die Becher. Auf der Straße ertönten Flöten und Pfeifen aus jedem Haus, und über ihnen strahlte der volle Mond in all seinem Glanz. Beider Stimmung stieg, und sie leerten Becher um Becher. Regendorf, bereits zu sieben oder acht Teilen betrunken, konnte seine überschäumende Begeisterung nicht mehr zurückhalten. Dem Mond gewandt, dichtete er ein Gedicht: Wenn der Fünfzehnte kommt, rundet sich der Mond, Sein klares Licht umhüllt die Jade-Balustrade. Kaum hat der Himmel den vollen Mond hervorgebracht, Blicken zehntausend Menschen empor. Wahrheitsverberger rief begeistert: „Wunderbar! Ich habe immer gesagt, Ihr seid kein Mann, der lange unter anderen stehen wird. Die Verse, die Ihr soeben gedichtet habt, zeigen bereits die Vorzeichen des Aufstiegs. Bald werdet Ihr über den Wolken wandeln. Das ist zu beglückwünschen!" Er schenkte ihm eigenhändig einen großen Becher ein. Regendorf leerte ihn in einem Zug und seufzte: „Dies sind keine trunkenen Worte: Was die zeitgemäße Gelehrsamkeit betrifft, könnte ich mich wohl durchaus versuchen. Nur fehlen mir Reisegeld und Reisekosten gänzlich, und die Hauptstadt ist weit – allein durch Schreiben und Textverfassen komme ich nicht dorthin." Wahrheitsverberger unterbrach ihn, bevor er ausgeredet hatte: „Warum habt Ihr das nicht früher gesagt! Ich hegte schon lange diesen Wunsch, doch da Ihr bei unseren Treffen nie davon spracht, wagte ich nicht, Euch zu nahe zu treten. Da Ihr es nun anspricht – obwohl ich kein besonderes Talent habe, verstehe ich doch etwas von den Begriffen ‚Gerechtigkeit' und ‚Nutzen'. Zudem ist nächstes Jahr das große Prüfungsjahr[14], und Ihr solltet Euch schleunigst in die Hauptstadt begeben, um bei den Frühjahrs-prüfungen Euer Bestes zu geben. Die Reisekosten sind Nebensache, ich werde mich darum kümmern und Eure freundschaftliche Zuneigung nicht enttäuscht haben!" Er befahl sogleich einem Diener, fünfzig Liang Silber und zwei Garnituren Winterkleidung einzupacken. Dann sagte er: „Der neunzehnte ist ein günstiger Tag. Kauft Euch ein Boot und reist nach Westen. Wenn Ihr im Frühjahr Karriere macht, können wir uns nächsten Winter wiedersehen – wäre das nicht wunderbar!" Regendorf nahm Silber und Kleidung entgegen, bedankte sich flüchtig und machte kein großes Aufheben, sondern trank und plauderte weiter. Es war bereits die dritte Nachtwache, als die beiden sich trennten. Nachdem Wahrheitsverberger Regendorf verabschiedet hatte, kehrte er ins Schlafgemach zurück und schlief bis zum späten Morgen. Da fiel ihm ein, noch zwei Empfehlungsschreiben für Regendorf zu verfassen, damit er in der Hauptstadt bei einer Beamtenfamilie Unterkunft finden könnte. Als er jedoch jemanden hinüberschickte, kam der Diener zurück und berichtete: „Der Mönch sagt, Herr Jia sei heute bei der fünften Trommel bereits nach der Hauptstadt aufgebrochen. Er hinterließ dem Mönch eine Nachricht für den Herrn: ‚Für einen Gelehrten zählen keine günstigen und ungünstigen Tage, sondern nur die Sache selbst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht persönlich verabschieden konnte.'" Wahrheitsverberger konnte nichts weiter tun als es hinzunehmen. Die Zeit verging rasch in der Muße, und ehe man sich's versah, war wieder das Laternenfest [元宵节][15] gekommen. Wahrheitsverberger beauftragte seinen Diener Huo Qi[16], die kleine Heldenlotus hinauszutragen, um die Festlichkeiten und Laternen zu betrachten. Um Mitternacht musste Huo Qi sich erleichtern und setzte die kleine Heldenlotus auf die Schwelle eines Hauses. Als er fertig war und sie wieder auf den Arm nehmen wollte, war von Heldenlotus keine Spur mehr zu sehen. In seiner Verzweiflung suchte er die halbe Nacht, doch bis zum Morgengrauen fand er sie nicht. Da wagte er nicht, zu seinem Herrn zurückzukehren, und floh in die Ferne. Als die Eheleute Wahrheitsverberger merkten, dass ihre Tochter nicht zurückkam, ahnten sie, dass etwas nicht stimmte. Sie schickten weitere Leute aus, die alle ohne die geringste Spur zurückkehrten. Die beiden Eheleute, die in ihrem halben Leben nur dieses eine Kind hatten, waren untröstlich. Tag und Nacht weinten sie und wären beinahe gestorben. Schon nach einem Monat wurde Wahrheitsverberger krank, und auch die geborene Siegel erkrankte vor Kummer. Täglich wurden Ärzte gerufen. Wer hätte gedacht, dass am fünfzehnten des dritten Monats beim Frittieren der Opfergaben im Kürbistempel die Mönche nicht aufpassten, so dass das heiße Öl aus der Pfanne schoss und die Fensterbespannung in Brand setzte? Da die Häuser in dieser Gegend meist aus Bambusgeflechten und Holzwänden bestanden und das Schicksal es wohl so bestimmte, griff das Feuer eines nach dem anderen über, und bald brannte eine ganze Straße wie ein Flammenberg. Obwohl Soldaten und Bürger zur Hilfe eilten, war das Feuer bereits zu gewaltig. Es brannte die ganze Nacht, bis es allmählich erlosch, und man wusste nicht, wie viele Häuser vernichtet worden waren. Das Haus der Familie Echt nebenan war zu einem Trümmerfeld verbrannt. Nur das Ehepaar und einige Bedienstete waren mit dem Leben davongekommen. In seiner Verzweiflung konnte Wahrheitsverberger nur die Füße stampfen und seufzen. Er musste mit seiner Frau beraten und beschloss, auf ihren Landsitz zu ziehen. Doch in den letzten Jahren hatten Dürre und Überschwemmungen die Ernte zerstört, Räuberbanden trieben ihr Unwesen, und es war unmöglich, in Frieden zu leben. So blieb Wahrheitsverberger nichts anderes übrig, als sein gesamtes Landgut zu verkaufen und mit seiner Frau und zwei Zofen zu seinem Schwiegervater zu ziehen. Sein Schwiegervater hieß Schlicht Siegel[17] und stammte aus der Gegend von Daru[18]. Obwohl er ein Bauer war, war sein Haushalt durchaus wohlhabend. Als er jedoch seinen Schwiegersohn in so erbärmlichem Zustand ankommen sah, war er nicht sonderlich erfreut. Glücklicherweise hatte Wahrheitsverberger noch etwas Silber vom Verkauf seines Landbesitzes übrig und bat seinen Schwiegervater, davon etwas Land und ein Haus zu kaufen, um für die Zukunft vorzusorgen. Doch Schlicht Siegel überredete und übervorteilte ihn und gab ihm nur ein wenig schlechtes Land und ein verfallenes Haus. Wahrheitsverberger, ein Gelehrter, verstand sich nicht auf Landwirtschaft und Geschäfte. Nach ein, zwei Jahren wurde seine Lage immer schlechter. Schlicht Siegel warf ihm bei jedem Treffen Sprüche an den Kopf und beschwerte sich hinter seinem Rücken, dass sie nicht wirtschaften könnten und nur faul und verfressen seien. Wahrheitsverberger erkannte, dass er sich an den falschen gewandt hatte, und konnte Reue nicht vermeiden. Dazu kam der Schrecken des Vorjahres, Zorn, Kummer und Schmerz, die ihn innerlich verwundet hatten. Als alter Mann, von Armut und Krankheit bedrängt, näherte er sich mehr und mehr seinem Ende. An einem Tage, als er sich zufällig auf seinen Stock gestützt auf die Straße schleppte, um frische Luft zu schöpfen, sah er plötzlich einen hinkenden taoistischen Wanderer herankommen, halb verrückt und verwahrlost, in Strohsandalen und zerlumpter Kleidung, der einige Verse vor sich hin murmelte: Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Amt und Würden können sie nicht lassen; Wo sind die Feldherren und Minister von einst? Nur ein verwilderter Grabhügel, vom Gras verschlungen! Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur Gold und Silber können sie nicht vergessen; Das ganze Leben klagen sie, nie genug angehäuft zu haben, Doch wenn sie genug haben, schließen sich die Augen. Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die geliebte Gattin können sie nicht vergessen; Täglich reden Mann und Frau von ihrer Liebe, Doch stirbt er, folgt sie einem anderen. Alle wissen, dass Unsterbliche glücklich sind, Nur die Kinder können sie nicht vergessen; Törichter Eltern gab es von jeher viele, Doch pflichtbewusste Kinder – wer hat sie je gesehen! Wahrheitsverberger trat vor und sprach: „Was murmelst du da in einem fort? Ich höre nur ‚gut' und ‚vorbei', ‚gut' und ‚vorbei'." Der Priester lachte: „Wenn du tatsächlich die Worte ‚gut' und ‚vorbei' gehört hast, so bist du ein verständiger Mensch. Wisse, dass in der Welt alles, was gut ist, auch vorbei ist, und alles, was vorbei ist, auch gut. Wenn es nicht vorbei ist, kann es nicht gut sein; wenn es gut sein soll, muss es vorbei sein. Mein Lied heißt das ‚Lied von Gut und Vorbei[19]'." Wahrheitsverberger war ein Mann, der von Natur aus Weisheit besaß. Kaum hatte er diese Worte gehört, war in seinem Herzen die Erleuchtung aufgegangen. Lachend sprach er: „Halt! Lass mich dein ‚Lied von Gut und Vorbei' kommentieren, was sagst du?" Der Priester lachte: „Tu es, tu es!" Wahrheitsverberger sprach also: Schäbige Kammern, leere Hallen – einst füllten Amtstafeln das Bett; Vertrocknetes Gras, dürre Weiden – einst Schauplatz von Tanz und Gesang. Spinnweben bedecken die geschnitzten Balken, Grüne Gaze klebt nun am Fenster der Strohhütte. Was nützt das Rot der Schminke und der Duft des Puders, Wenn beide Schläfen längst ergraut? Gestern noch Gebeine auf dem gelben Hügel, Heute Nacht das Liebespaar im roten Lampenschein. Goldkisten und Silberkisten – Im Handumdrehen bettelarm und von allen geschmäht. Man bedauert anderer kurzes Leben, Und weiß nicht, dass man selbst bald stirbt! Wer seinen Sohn gut erzieht, sieht ihn dennoch als Räuber enden; Wer eine reiche Braut erwählt – wer hätte gedacht, dass sie im Freudenviertel endet! Weil ihm die Beamtenmütze zu klein war, Trägt er nun Kette und Halsjoch des Sträflings. Gestern bedauerte er den zerlumpten Mantel, Heute ist ihm der Purpurmantel schon zu lang. Ein wilder Tumult – der eine singt, der andere tritt auf, Und alle halten die Fremde für die Heimat. Wie absurd! Letzten Endes näht ein jeder Nur das Hochzeitskleid für andere! Der verrückte, hinkende Priester hörte zu, klatschte in die Hände und lachte: „Treffend kommentiert, treffend kommentiert!" Wahrheitsverberger lachte einmal auf, rief: „Gehen wir!" und riss dem Taoisten den Quersack von der Schulter und trug ihn selbst auf dem Rücken. Ohne nach Hause zurückzukehren, ging er mit dem verrückten Priester davon. Dies erregte großes Aufsehen in der ganzen Nachbarschaft, und die Leute tratschten darüber als etwas Unerhörtes. Als seine Frau, die geborene Siegel, davon erfuhr, weinte sie sich fast zu Tode. Sie musste mit ihrem Vater beraten und Leute in alle Richtungen ausschicken, um Wahrheitsverberger zu suchen – doch woher sollte eine Nachricht kommen? Was blieb ihr anderes übrig, als sich auf ihre Eltern zu stützen. Glücklicherweise hatte sie noch zwei alte Zofen, die ihr dienten. Herrin und Dienerinnen verdienten Tag und Nacht mit Näharbeiten ihr Brot und halfen dem Vater bei den Ausgaben. Obwohl Schlicht Siegel sich täglich beklagte, blieb ihm nichts anderes übrig. Eines Tages war die ältere Zofe der Familie Echt gerade vor der Tür und kaufte Garn, als sie auf der Straße Rufe hörte und alle sagten, der neue Magistrat sei ins Amt eingeführt worden. Die Zofe lugte durch die Türspalte und sah Wachen und Läufer paarweise vorüberziehen, dann kam eine große Sänfte mit einem Beamten in schwarzer Mütze und scharlachrotem Gewand. Die Zofe war verblüfft und dachte bei sich: Dieser Beamte sieht mir bekannt aus, als hätte ich ihn schon einmal gesehen. Dann ging sie ins Haus zurück und dachte nicht weiter darüber nach. Am Abend, als sie sich gerade zur Ruhe legen wollte, hörte sie plötzlich lautes Pochen an der Tür und den Lärm vieler Menschen, die riefen: „Der Magistrat schickt nach Euch!" Schlicht Siegel erschrak bis ins Mark und wusste nicht, was für ein Unheil dies bedeuten mochte. |
Anmerkungen
- ↑ Chin. 甄士隐 Zhēn Shìyǐn, wörtl. „der wahrhaft die Dinge Verbergende". Der Familienname 甄 Zhēn ist homophon zu 真 zhēn „wahr/echt"; 士隐 Shìyǐn klingt wie 事隐 „die wahren Tatsachen werden verborgen".
- ↑ Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn, wörtl. „Kaufmann Regendorf". Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv"; 雨村 Yǔcūn klingt wie 语存 „die erdichteten Worte bleiben erhalten".
- ↑ Chin. 大荒山 Dàhuāngshān „Berg der Großen Wildnis", an der 无稽崖 Wújī yá „Klippe des Grundlosen/Unfundierten" am 青埂峰 Qīnggěng fēng „Gipfel der grünen Wurzeln". Alle drei Ortsnamen sind Anspielungen: 荒 huāng „absurd, haltlos", 无稽 wújī „grundlos", 青埂 qīnggěng homophon zu 情根 qínggēn „Wurzel der Leidenschaft" — der Roman ist also schon im Gründungsmythos als „Geschichte der Leidenschaft" markiert.
- ↑ 班昭 Bān Zhāo (ca. 45–116 n. Chr.) — Schwester des Hanshu-Autors Ban Gu, vollendete dessen unfertiges Hanshu und verfasste die einflussreiche Frauenfibel 女诫 Nüjie. 蔡文姬 Cài Wénjī (Cai Yan, ca. 178–249 n. Chr.) — Dichterin der späten Han, berühmt für die „Achtzehn Stanzen zur Hirtenflöte" (胡笳十八拍 Hújiā shíbā pāi), entstanden nach ihrer zwölfjährigen Geiselzeit unter den Xiongnu. Beide gelten als Inbegriff gelehrter Frauen — ein Maßstab, den Stein-Erzähler hier ironisch unterläuft.
- ↑ 吴玉峰 Wú Yùfēng, 孔梅溪 Kǒng Méixī (aus 东鲁 Dōnglǔ, dem alten Lu, heute Shandong, der Heimat des Konfuzius), 曹雪芹 Cáo Xuěqín (1715?–1763, eigentl. Cao Zhan, der Autor des Romans) und sein 悼红轩 Dàohóngxuān „Pavillon des Trauerns um die Roten" — eine Kette fiktiver wie historischer Vor-Bearbeiter, mit der das Buch seine eigene Überlieferungslegende erzählt. Die Namen Wu Yufeng und Kong Meixi sind wahrscheinlich Pseudonyme bzw. Erfindungen Cao Xueqins.
- ↑ 脂砚斋 Zhīyànzhāi „Studio des Rouge-Tuschsteins" — Pseudonym des wichtigsten frühen Kommentators, vermutlich aus Cao Xueqins engstem Kreis (Verwandter? Geliebte? Identität bis heute umstritten). Das 甲戌 Jiǎxū-Jahr (1754) bezeichnet die früheste erhaltene Handschrift 甲戌本 Jiǎxū-běn mit sechzehn Kapiteln und Kommentaren — eine zentrale Quelle der modernen Hongloumeng-Forschung.
- ↑ 姑苏 Gūsū — alter Name von 苏州 Sūzhōu in der heutigen Provinz Jiangsu, seit der Tang-Zeit Inbegriff südlicher Kultur, Reichtum und Eleganz. Das Tor 阊门 Chāngmén ist das traditionelle Westtor der Altstadt; die umliegenden Gassen waren Heimat von Dichtern, Kaufleuten und Handwerkern und galten in der Ming-Qing-Zeit als eines der wohlhabendsten Stadtviertel Chinas.
- ↑ 十里街 Shílǐjiē klingt wie 势利街 Shìlì jiē „Straße der Vornehmtuerei". 仁清巷 Rénqīng xiàng „Gasse der Menschenfreundlichkeit" klingt wie 人情巷 Rénqíng xiàng „Gasse der menschlichen Beziehungen/Gefälligkeiten". 葫芦庙 Húlu miào „Kürbis-Tempel" klingt wie 糊涂庙 Hútu miào „Tempel der Verworrenheit". Drei aufeinander folgende Wortspiele markieren den Ort als Mikrokosmos der spätfeudalen Gesellschaft mit ihrem Schein und ihrer moralischen Konfusion.
- ↑ Chin. 封 Fēng „Siegel/versiegeln" — die Familie „versiegelt" bzw. verbirgt Geheimnisse.
- ↑ Chin. 英莲 Yīnglián. 英 yīng „heldenhaft/strahlend"; 莲 lián „Lotus". Der Name klingt wie 应怜 yīnglián „verdient Mitleid" — ein Vorverweis auf ihr tragisches Schicksal.
- ↑ 三生石 Sānshēng shí „Stein der drei Leben" — buddhistische Vorstellung, dass Liebende über Vor-, gegenwärtiges und kommendes Leben hinweg verbunden sind. 灵河 Línghé „Geistiger Fluss" und 西方灵河岸 „westliches Ufer des Geistigen Flusses" verlegen den Mythos in eine jenseitige, paradiesische Sphäre. Hier wird die zentrale Schicksalsbindung des Romans gestiftet: die Pflicht der Kajaljade, der Schatzjade ein Leben lang die Tränen zurückzugeben.
- ↑ Chin. 胡州 Húzhōu, fiktiver Heimatort Jia Yucuns. Homophon zu 胡诌 húzhōu „Unsinn erzählen, Erfundenes vorschwatzen" — passend zur Figur des Erdichters.
- ↑ Chin. 严老爷 Yán-lǎoye „Herr Streng". Der Familienname Yán ist homophon zu 炎 yán „Feuer/Flamme". Der Zhi-Yan-Zhai-Kommentar bemerkt: „炎也,炎既来,火将至矣" — „Yan ist Feuer; wenn Yan kommt, wird das Feuer folgen." Eine verschlüsselte Vorausdeutung auf den Brand, der das Haus des Wahrheitsverbergers wenig später zerstört.
- ↑ 大比 Dàbǐ — die alle drei Jahre stattfindende Provinzialprüfung (乡试 xiāngshì) der Beamtenlaufbahn; Bestehen brachte den Grad eines 举人 jǔrén. Die im folgenden Satz genannten 春闱 Chūnwéi „Frühjahrsprüfungen" bezeichnen die anschließende Hauptstadt-Prüfung (会试 huìshì), die im 2. oder 3. Mondmonat in der Hauptstadt abgehalten wurde und über die Aufnahme in die kaiserliche Beamtenelite entschied.
- ↑ Chin. 元宵节 Yuánxiāojié, das „Erste-Vollmond-Fest" am 15. Tag des ersten Mondmonats — Höhepunkt der Frühlingsfest-Periode. Die Stadt entzündet bunte Laternen (花灯), führt Volkstheater und Akrobatik auf (社火), Familien essen süße Reisbällchen (元宵 / 汤圆). Im Roman ist das Laternenfest ein wiederkehrender Schauplatz schicksalhafter Wendungen: hier verschwindet Heldenlotus, später wird es zum Schauplatz wichtiger familiärer Höhepunkte und Krisen.
- ↑ Chin. 霍启 Huò Qǐ. Der Name klingt wie 祸起 huòqǐ „das Unheil beginnt" — ein Vorverweis auf das kommende Unglück.
- ↑ Chin. 封肃 Fēng Sù. 封 fēng „Siegel/versiegeln"; 肃 sù „ernst/streng". Der Name klingt wie 风俗 fēngsú „Sitten und Bräuche".
- ↑ Chin. 大如州 Dàrú zhōu — fiktiver Bezirksname, klingt wie 大愚州 Dàyú zhōu „Bezirk der großen Torheit". Eine kommentierende Anspielung auf Schlicht Siegels Unbarmherzigkeit gegenüber seinem in Not geratenen Schwiegersohn.
- ↑ 好了歌 Hǎoliǎo gē — eines der berühmtesten Gedichte des Romans. Das Wortspiel beruht darauf, dass im Chinesischen 好 hǎo „gut" und 了 liǎo „zu Ende" als gleichbedeutendes Paar gelesen werden: Etwas wird erst „gut", wenn es „beendet" ist — also nur durch Loslassen aller irdischen Bindungen. Das Lied formuliert in vier Strophen die buddhistisch-daoistische Kernlehre des Romans: dass Amt, Reichtum, Liebe und Nachkommenschaft am Ende ins Leere führen.