Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 96"

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Sechsundneunzigstes Kapitel
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Die Nachricht verheimlichend, schmiedet Phönixglanz einen listigen Plan; das Geheimnis aufgedeckt, verliert das Stirnrunzelmädchen den Verstand
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_92|<span style="color: #FFD700;">92</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_93|<span style="color: #FFD700;">93</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_94|<span style="color: #FFD700;">94</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_95|<span style="color: #FFD700;">95</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">96</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_97|<span style="color: #FFD700;">97</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_98|<span style="color: #FFD700;">98</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_99|<span style="color: #FFD700;">99</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_100|<span style="color: #FFD700;">100</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> die falsche Jade nahm und wutentbrannt nach draußen ging, bis er das Arbeitszimmer erreichte. Der Betrüger sah Kette Kaufmanns finstere Miene und erschrak zuinnerst. Eilig stand er auf, um ihm entgegenzugehen. Er wollte gerade etwas sagen, da lachte Kette Kaufmann schon kalt und herrschte ihn an: „So eine Dreistigkeit! Du elender Taugenichts! Weißt du überhaupt, was dies für ein Ort ist? Wie kannst du es wagen, hier solche Spielchen zu treiben!" Er drehte sich um und rief: „Wo sind die Diener?" Draußen antworteten, donnernd wie ein Gewitter, mehrere Diener im Chor. Kette Kaufmann befahl: „Holt Stricke und fesselt ihn! Wenn der Herr zurückkehrt, werde ich ihm Bericht erstatten und diesen Burschen zum Yamen schicken lassen." Die Diener antworteten wieder im Chor: „Alles schon bereit!" Sie sagten es zwar, rührten sich aber nicht von der Stelle.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_96|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_96|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 96 =
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Der Betrüger war vor Schreck bereits wie gelähmt. Als er diese Zurschaustellung von Macht sah und wusste, dass er der Strafe nicht entgehen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als vor Kette Kaufmann niederzuknien und den Kopf auf den Boden zu stoßen. Unablässig flehte er: „Gnädiger Herr, erzürnt Euch nicht! Ich war in meiner Armut so verzweifelt, dass mir kein anderer Ausweg einfiel als dieses schändliche Gewerbe. Die Jade habe ich auf Pump anfertigen lassen, ich wage nicht mehr, Geld dafür zu verlangen. Betrachtet sie als bescheidenes Geschenk für den jungen Herrn zum Spielen!" Damit sprach er und stieß wieder und wieder den Kopf auf den Boden. Kette Kaufmann spuckte verächtlich aus: „Du weißt ja nicht einmal, ob du leben oder sterben sollst! Als ob dieses Haus auf deinen wertlosen Plunder angewiesen wäre!"
== 瞒消息凤姐设奇谋 / 泄机关颦儿迷本性 ==
 
  
und ohne lange darauf zu schauen, ließ er ihn auf den Boden fallen.
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Gerade als der Tumult andauerte, trat Lai Da ein und wandte sich mit aufgesetztem Lächeln an Kette Kaufmann: „Zweiter Herr, ärgert Euch doch nicht. Was ist so einer schon wert? Lasst ihn laufen, sagt ihm, er soll sich scheren!" Kette Kaufmann sagte: „Er ist wirklich unerträglich!" Lai Da und Kette Kaufmann wechselten zwischen Drohung und Beschwichtigung, während die Leute draußen allesamt riefen: „Du dämlicher Dummkopf! Willst du dem Herrn und dem Herrn Lai nicht endlich den Kotau machen? Los, mach dich davon, oder willst du einen Tritt in die Magengrube!" Der Betrüger stieß hastig noch zwei Mal den Kopf auf den Boden, legte die Hände auf seinen Hinterkopf und flüchtete wie eine verschreckte Ratte. Von da an machte die Geschichte auf der Straße die Runde: „Schatzjade Kaufmann hat eine ‚falsche Schatzjade' hervorgebracht!"
„Na, versuch’ mich für dumm zu verkaufen!“, sagte er und lächelte kalt. Hsi-fëng hob ihn sofort auf.
 
„Das ist merkwürdig“, sagte sie. „Wie kannst du das sagen, ohne einen Blick darauf zu werfen?“
 
Bau-yü lächelte nur wieder. Die Dame Wang war mittlerweile gekommen und beobachtete, was passierte.
 
„Das ist nur natürlich“, kommentierte sie. „Der seltsame Jadestein kam mit ihm auf die Welt, es ist sein eigener. Er wüßte in jedem Fall, ob dies der echte ist oder nicht. Jemand muß den Belohnungsaushang gelesen haben und ihn gefälscht haben.
 
Die Wahrheit dämmerte ihnen allen. Djia Liän, der alles vom äußeren Zimmer hörte, sagte sofort:
 
„Wenn er falsch ist. Dann gib ihn mir! Ich werde ihn zusammen mit dem Betrüger hinauswerfen! Wie kann er es wagen, uns in einer so ernsten Angelegenheit einen Streich zu spielen!“ –
 
„Nicht, Liän!“, rief die Herzoginmutter, „gib ihn ihm zurück und sag’ ihm, er soll gehen. Ohne Zweifel war er hoffnungslos verarmt, und als er den Aushang las, hat er einen Weg gesehen, etwas Geld zu machen. Das ist verständlich. Nun ist er aufgeflogen, und was immer es ihn gekostet hat, das Ding zu machen, wurde auch verschwendet. Sei nicht zu hart zu ihm. Gib ihm den Jadestein zurück und sag’ einfach, es wäre nicht der unsere, und daß es ein Mißverständnis gab. Gib ihm ein paar Taels aus Silber. Wenn die Leute hören, daß er gut behandelt wurde, wird es jemanden mit einer echten Information ermutigen, sich zu melden. Wenn wir ihn so hart behandeln, wird ihn keiner zurückbringen, auch wenn er ihn gefunden hat.“
 
Djia Liän tat, worum er gebeten worden war. Der Betrüger hatte im Studierzimmer gewartet, und als die Zeit verging und keiner zurückkehrte, hatte er bereits begonnen, seine Nerven zu verlieren. Nun sah er die zornige Gesicht von Djia Liän, wie er sich dem Zimmer näherte.
 
Den Ausgang für das folgende Gespräch lese man bitte im nächsten Kapitel.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Nun wird berichtet, dass Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> an jenem Tag von einem Besuch zurückkehrte. Die Hausleute dachten, da gerade Laternenfest war und die Angelegenheit ohnehin vorüber, sei es besser, Aufrecht Kaufmann nicht zu verärgern, und so berichtete ihm niemand davon. Wegen der Angelegenheiten um die Edle Gemahlin <ref>Chinesisch: 元妃</ref> hatte man sich lange abgemüht, und da Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> obendrein krank war, hatte trotz des üblichen Neujahrsbankett niemand Lust zum Feiern. Es gab nichts Nennenswertes zu berichten.
96. Hsi-fëng ersinnt einen ausgeklügelten Täuschungsversuch
 
Die Aufdeckung eines Geheimnisses führt zu geistiger Verwirrung.
 
  
Djia Liän trug den falschen Jadestein in der Hand, und ging zurück ins Studierzimmer. Als der Betrüger den finsteren Blick Djia Liäns sah, fühlte er sich schwach, stand gleich auf und lief ihm entgegen. Er erhob sich nervös, um ihm entgegenzukommen, aber bevor er ein Wort sagen konnte, warf ihm Djia Liän ein kaltes Lachen zu und stellte ihn mit den Worten ruhig:
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Am siebzehnten Tag des ersten Monats, als Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref> gerade die Ankunft ihres Bruders König Ziteng in der Hauptstadt erwartete, kam Phönixglanz <ref>Chinesisch: 王熙凤</ref> herein und berichtete: „Heute hat der Zweite Herr draußen ein Gerücht gehört: Unser Onkel sei eilig auf dem Weg in die Hauptstadt gewesen, nur noch zweihundert Meilen von der Stadt entfernt, da sei er unterwegs gestorben. Hat die Gnädige Frau das schon gehört?" Frau König erschrak und sagte: „Nein, das habe ich nicht gehört. Der Herr hat gestern Abend auch nichts dergleichen erwähnt. Wo genau hat er das gehört?" Phönixglanz antwortete: „Angeblich im Haus des Staatsrats Zhang." Frau König erstarrte für eine halbe Ewigkeit, und die Tränen flossen ihr bereits über die Wangen. Sie wischte sich die Tränen ab und sagte: „Wenn Kette Kaufmann zurückkommt, sag ihm, er soll die Sache gründlich in Erfahrung bringen und mir dann berichten." Phönixglanz stimmte zu und ging.
„Du unverschämter Narr! Was glaubst du, wo du bist? Wie kannst du es wagen, derartige Spielchen mit uns zu spielen?“
 
Er drehte sich um und verlangte nach seinen Dienstboten. Die Auf­for­de­rung erschallte draußen wie ein Donnerschlag, und etliche Dienstboten ant­wor­teten gleichzeitig und zeigten ihre Präsenz.
 
„Holt ein Seil und bindet diesen Burschen fest!“ befahl Djia Liän. „Wenn der Herr wiederkehrt, muß ich ihn über den Grund aufklären und ihn nach Yamen schicken.“ –
 
„Jawohl, Herr!“, riefen die Dienstboten im Chor. Aber keiner von ihnen bewegte auch nur einen Muskel.
 
Der Betrüger wurde zunächst durch den Schrecken bewegungsunfähig. Djia Liäns Einschüchterung und die Aussicht, vor Gericht gestellt zu werden, bewegten ihn schließlich zum Handeln. Er kniete nieder und verbeugte sich verzweifelt vor Djia Liän und begann, darauf loszureden:
 
„Mein Herr! Seien Sie mir nicht böse! Die nackte Armut trieb mich dazu! Ich weiß, daß es eine beschämende Sache war. Ich mußte mir für die Durchführung Geld borgen, aber behalten Sie den Stein bitte und geben Sie ihn mit meinen untertänigsten Grüßen dem jungen Herrn zum Spielen!“
 
Wiederholtes Kopfnicken folgte. Djia Liän fauchte verächtlich und spuckte aus.
 
„Du weißt ja nicht mal, ob du leben oder sterben sollst. Wir wollen deinen Krempel nicht!“ In diesem Moment betrat Lai Da künstlich lachend den Raum.
 
„Ärger’ dich nicht unnötig wegen dieser Kreatur, mein Herr.“ in­ter­ve­nier­te er mit einem beschwichtigenden Lächeln, „erspar ihm das Ganze und schmeiß ihn raus.“ –
 
„Warum sollte ich? Dieser Wurm.“
 
Während Djia Liän und Lai Da die Diskussion über das Schicksal des armen Mannes fortführten, standen die Diener am Türeingang und boten ihm ihren Ratschlag an:
 
„Mach’ schon, du großer Dummkopf! Verbeug dich vor Herrn Liän und Herrn Lai, und lauf weg! Worauf wartest du noch! Auf einen Tritt in deinen Magen?“
 
Der Mann ging wie ein Blitz nach unten, verbeugte sich vor Djia Liän und Lai Da, legte seine Hände auf seinen Hinterkopf und flüchtete wie eine Ratte.
 
Dieser Vorfall wurde in der Umgebung als ‚die Angelegenheit von Herrn Djia Bau-yü und die Fälschung (djia) der kostbaren Jade (bau yü)‘ bekannt.
 
Als Djia Dschëng am selben Tag von einem Besuch nach Hause zurückkam, erzählte ihm niemand, was in seiner Abwesenheit geschehen war. Sie dachten, daß es beim Aufkommen des Laternenfestes falsch wäre, ihn mit etwas zu verärgern, das schon vorbei und geklärt war. Wegen Yüän-tschuns Tod und ihrer Sorge wegen Bau-yüs Krankheit war die Familie äußerst bedrückt und gedanklich alles andere als bei der Feier des Neuen Jahres, welches nicht mehr als ein oberflächlicher Brauch mit Bankett war und der ohne nennenswerte Ereignisse verstrich.
 
Am siebzehnten des ersten Monats, als die Dame Wang die Ankunft ihres Bruders in der Hauptstadt erwartete, bekam sie unangekündigten Besuch von Hsi-fëng:
 
„Tian ist kürzlich mit schlechten Neuigkeiten heimgekehrt, Tante. Es geht um Onkel Zi-teng. Er reiste sehr eilig in die Hauptstadt und war nur siebzig Meilen von hier entfernt, als er plötzlich starb. Hast du das gehört?“
 
„Nein!“, rief die Dame Wang tief bestürzt aus, „Herr Dschëng erwähnte gestern abend nichts dergleichen. Wo hörte Liän das?“ –
 
„Im Haus von Exzellenz Dschang aus dem Kabinett.“
 
Die Dame Wang erstarrte in Schweigen. Aus ihren Augen kamen die ersten Tränen. Sie wischte die Tränen weg und sagte schließlich: „Schick’ Liän, er soll sich diese Neuigkeit bestätigen lassen und mich danach umgehend aufsuchen.“
 
Hsi-fëng entfernte sich, wie ihr geboten. Alleingelassen, ließ die Dame Wang ihren Tränen freien Lauf. Ein Bruder und eine Tochter tot, ein Sohn geistig verwirrt. – Die Belastung dieser Trauer und Angst konnte sie nicht mehr länger ertragen. Sie begann, einen Schmerz in ihrer Brust zu spüren. Und dann kam Djia Liän zurück, um das Gerücht zu bestärken:
 
„Onkel war durch die Anstrengung der Reise sehr ermüdet und fing sich zufällig eine Erkältung ein. Als das geschah, waren sie am Zehnmeilendorf. Ein Arzt wurde gerufen, aber der einzige zur Verfügung stehende, in solch einem abgeschiedenen Flecken, entpuppte sich als nicht sachverständig. Er verschrieb die falschen Medikamente, und bereits die erste Dosis war verhängnisvoll. Seine eigene Familie machte sich schon auf den Weg zu diesem Ort, aber ich weiß nicht, ob sie ihn schon erreicht haben.“
 
Diese Details trafen die Dame Wang bis ins Mark, und der Schmerz in ihrer Brust wurde so heftig, daß sie nicht mehr aufrecht sitzen konnte. Sie wies Tsai-yün an, ihr auf das Ofenbett zu helfen, und schickte mit letzter Kraft Djia Liän zu Djia Dschëng, um ihn alles zu berichten.
 
„Pack’ deine Sachen, so schnell du kannst, und geh’ direkt dahin, um der Familie beizustehen, und hilf ihnen bei den Vorbereitungen für die Beerdigung. Komm so schnell wie möglich zurück und berichte uns über den Stand der Dinge. Ich weiß, Hsi-fëng wird sich nicht beruhigen, bis du zurück bist.“
 
Djia Liän erkannte, daß es unangebracht war, Einwände vorzubringen. Er verabschiedete sich von Djia Dschëng und machte sich auf den Weg zum Zehnmeilendorf.
 
Djia Dschëng hat selbst schon unabhängig von Dame Wang von Dsï-tengs Tod gehört.  Er war auch traurig über die geistige Umnachtung, in die sein Sohn seit dem Verlust des Jade gefallen war, ein Zustand, den kein Arzt heilen zu können schien. Als er auch noch von den Herzschmerzen der Dame Wang erfuhr, konnte er dies nicht mehr ertragen.  
 
Es war auch das Jahr, in dem die alle drei Jahre durchgeführte Inspektion der Beamten, die in der Hauptstadt tätig waren, stattfand. Djia Dschëngs Bauministerium gab ihm eine hohe Auszeichnung, und im zweiten Monat präsentierte ihn das Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten bei einer Audienz des Kaisers. Seine Majestät, die Djia Dschëng aus seinem Bericht als einen „fleißigen, einfachen, gewissenhaften und klugen Diener des Thrones“ kannte, berief ihn sofort auf den Posten des Kornaufsehers für die Provinz Djiang-hsi. Am selben Tag dankte Djia Dschëng für diese Ehre und schlug einen Tag für seine Abreise vor. Freunde und Verwandte waren alle eifrig dabei zu gratulieren, aber ihm war nicht zum Feiern zumute. Er war abgeneigt, die Hauptstadt zu einer Zeit zu verlassen, wenn die Dinge zu Hause nicht geklärt waren, obwohl er genau wußte, daß er seine Abreise nicht hin­ausschieben konnte.
 
Er grübelte über dieses Dilemma, als eine Nachricht kam, die ihn aufforderte, der Herzoginmutter beizustehen. Er machte sich sofort auf den Weg zu ihren Gemächern, wo er auch die Dame Wang vorfand, trotz ihrer Krankheit. Er erwies der Herzoginmutter seinen Respekt. Sie sagte ihm, er solle sich setzen, und sie begann:
 
„In ein paar Tagen wirst du uns verlassen, um deinen Posten anzutreten. Da gibt es etwas, daß ich gerne mit dir bereden möchte, ich weiß nicht, ob du es hören willst.“
 
Die Augen der Herzoginmutter, waren naß von Tränen. Djia Dschëng erhob sich eilig und sagte:
 
„Was immer du zu sagen hast, Mutter, bitte sprich: Dein Wort ist mir Befehl.“ –
 
„Ich werde dieses Jahr einundachtzig“, sagte die Herzoginmutter schluchzend, „du wirst zu einem Posten in den Provinzen weggehen, und mit deinem älteren Bruder, der noch immer zu Hause ist, wirst du nicht fähig sein, dich für eine frühe Rente zu bewerben und wirst nicht kommen können, um nach mir zu sehen. Wenn du weg bist, habe ich dann nur noch Bau-yü für mich übrig von denen, die meinem Herzen am nächsten stehen. Und er, das arme Ding, ist in so einem schlechten Zustand, daß ich nicht weiß, was wir für ihn tun können! Neulich schickte ich Lai Shengs Frau aus, um das Schicksal des Jungen vorhersehen zu lassen. Dieser Wahrsager kann ja wirklich gut vorhersehen. Was er sagte, war: ,Diese Person muß eine Dame mit einem Schicksal aus Gold heiraten, um ihm zu helfen. Sie muß ein bißchen Glück mit einbringen, nur so geht es. Sonst befürchte ich, daß man für nichts garantieren kann.‘ Nun weiß ich, daß du an solche Sachen nicht glaubst, deshalb habe ich nach dir geschickt, um dies mit dir zu besprechen. Deine Frau ist ja auch hier, ihr müßt dies untereinander besprechen. Sollen wir ihn retten, oder sollen wir nichts tun und zusehen, wie er dahinsiecht?“
 
Djia Dschëng lächelte verlegen. „Könnte ich, der als Kind so eine zarte Liebe und Geborgenheit von dir erhielt, Mutter, nicht selbst väterliche Gefühle haben? Ich bin nur manchmal verärgert, weil er in seinen Studien nicht vorwärtskam. Das ist nur, weil man ein Stück Eisen haßt, weil es kein Stahl geworden ist. Du hast recht damit, wenn du ihn verheiratet sehen willst. Wie könnte ich dir da widersprechen? Ich sorge mich um den Jungen, und diese derzeitige Krankheit hat mich in große Angst versetzt. Aber da du ihn von mir ferngehalten hast, habe ich es nicht gewagt, etwas zu sagen. Ich würde ihn jetzt selbst gerne sehen, und mir einen eigenen Eindruck von seinem Zustand machen.“
 
Die Dame Wang sah, daß seine Augen feucht waren, und wußte, daß er ernstlich besorgt war. Sie befahl Hsi-jën, Bau-yü zu holen und half ihm ins Zimmer. Er ging hinein, und als Hsi-jën ihm sagte, daß er seinem Vater Respekt erweisen solle, tat er genau, wie ihm gesagt wurde. Djia Dschëng sah, wie abgemagert Bau-yüs Gesicht geworden war, wie leblos seine Augen waren. Sein Sohn sah aus wie ein erbärmlicher Verrückter. Er befahl den Dienern, ihn zurück in sein Zimmer zu bringen.
 
,Ich werde selbst bald sechzig,‘ überlegte er. ,Bei diesem Posten in der Provinz ist es schwierig zu sagen, wie viele Jahre es dauern wird, bis ich zurückkehre. Wenn irgendetwas mit Bau-yü passiert, hätte ich keinen Erben in meinem hohen Alter. Ich habe einen Enkel, aber das ist nicht dasselbe. Und dann ist Bau-yü der Liebling der gnädigen Frau. Wenn sich irgendetwas Bedauerliches ereignen sollte, dann würde meine Schuld umso größer.‘
 
Er blickte zur Dame Wang. Ihr Gesicht war naß von Tränen. Er dachte an die Trauer, die es auch ihr bringen würde, und stand wieder auf, um zu sprechen:
 
„Wenn du mit deiner reichen Lebenserfahrung auf einen Weg gekommen bist, deinem Enkelkind zu helfen, Mutter, wie könnte dein Sohn da widersprechen? Wir sollten tun, was immer du für das Beste hältst. Aber wurde Frau Hsüä genau unterrichtet?
 
„Meine Schwester hat bereits ihre Zustimmung gegeben“, antwortete die Dame Wang, „wir haben nur abgewartet, weil Pans Anklage noch immer nicht geregelt ist.“
 
„Ja, daß ist sicherlich die erste Hürde“, kommentierte Djia Dschëng. „Wie kann ein Mädchen in eine Hochzeit gegeben werden, wenn ihr älterer Bruder im Gefängnis ist? Und außerdem ist da der Tod der kaiserlichen Nebenfrau. Obwohl dies nicht unbedingt ein Verbot nach sich zieht, sollte Bau-yü wenigstens die gesetzte Zeit der Trauer für eine verschiedene ältere Schwester beachten, was eine Zeitspanne von neun Monaten bedeuten würde, während der eine Hochzeit höchst ungewöhnlich wäre. Und dann wurde bereits mein eigenes Datum der Abreise dem Thron bekannt gemacht, und ich kann es nun nicht mehr verschieben. Das gibt uns nur ein paar Tage. Das ist nicht genug Zeit.“
 
Die Herzoginmutter erwog die Worte ihres Sohnes. ‚Was er sagt, ist wahr‘, dachte sie bei sich. ,Wenn wir darauf warten, bis all diese Bedingungen  und Umstände erfüllt sind, wird sein Vater weg sein, und wer weiß, in welchem Zustand sich die Gesundheit des Jungen bis dahin verschlechtern wird. Und dann könnte es zu spät sein. Wir müssen noch einmal die Regeln vernachlässigen. Da gibt es keinen anderen Weg.‘
 
Als sie zu dieser Lösung gekommen war, sprach sie wieder zu Djia Dschëng:
 
„Wenn du für ihn damit einverstanden bist, werde ich mich um alle Probleme kümmern, die es geben könnte. Da ist nichts, das nicht ausgebügelt werden könnte, davon bin ich überzeugt. Seine Mutter und ich werden hinübergehen und die Angelegenheit Frau Hsüä persönlich überlassen. Und wegen Pan, werde ich den jungen Yang-ke bitten, zu ihm zu gehen und zu erklären, daß wir dies tun, um Bau-yüs Leben zu retten. Wenn er den Grund kennt, bin ich sicher, daß er einverstanden sein wird. Und wegen des Heiratens während einer Zeit der Trauer – strenggenommen sollte man das nicht, ich weiß. Und außerdem ist es nicht richtig für ihn, zu heiraten, wenn er so krank ist. Aber es ist unsere Pflicht, sein Glück zu wenden. Beide Familien sind sich einig, und da die Kinder den Bund von Gold und Jade haben, um ihre Vereinigung zu bekräftigen, können wir es entbehren, die üblichen Horoskope zu lesen. Wir brauchen nur einen vielversprechenden Tag zu wählen, um die Geschenke im angemessenen Stil auszutauschen, und dann einen Tag für die Hochzeit selbst festzusetzen, wenn möglich danach. Keine Musik während der Hochzeit selbst, aber andererseits können wir den Palastregeln folgen: zwölf Paar Laternen mit langen Henkeln und eine acht-Mann Sänfte für die Braut. Wir werden die Zeremonie nach den Regeln des Südens abhalten, und nach unseren alten Gebräuchen, wie dem Werfen von getrocknetem Obst auf das Brautbett und so weiter. Das wird genug für eine vernünftige Hochzeit sein. Bau-tschai ist ein verständiges Mädchen. Wir müssen uns nicht um sie sorgen. Und Hsi-jën ist eine sehr vertrauenswürdige Person. Wir können darauf zählen, daß sie einen beruhigenden Einfluß auf Bau-yü hat. Sie kommt auch gut mit Bau-tschai aus.
 
Noch eine Sache: Frau Hsüä erzählte uns einmal, daß ein Mönch zu Bau-tschai gesagt habe, sie solle nur jemanden heiraten mit einem Jadestein, die zu ihrem goldenen Medaillon paßt. Vielleicht wird ihr Medaillon den Jadestein zurückbringen, wenn sie als Bau-yüs Frau hierher kommen wird. Wenn sie erst einmal verheiratet sind, werden die Dinge besser aussehen, und die ganze Familie wird davon Vorteile haben. Wir müssen sofort die Zimmer aufräumen und alles vorbereiten und ausschmücken. Kümmer’ dich bitte darum. Wir werden keine Freunde oder Verwandten zu der Hochzeit einladen und kein Bankett veranstalten. Wir können später Gäste einladen und feiern, wenn es Bau-yü besser geht und die Trauerzeit vorbei ist. Auf diese Art kann alles rechtzeitig getan werden, und du kannst die beiden jungen Leute verheiratet sehen und sorgenfrei ziehen.“
 
Djia Dschëng hatte schwere Zweifel wegen der Verlobung. Aber da es die Idee der Herzoginmutter war, wußte er, daß er nicht dagegen ankam. Er lächelte gehorsam und eilte sich zu antworten:
 
„Du hast das alles sehr gut durchdacht, Mutter, und hast alles in deine Berechnungen mit einbezogen. Wir müssen den Dienern sagen, daß sie nicht mit jedem, den sie treffen, darüber sprechen sollen. Es würde kaum zu unserem Vorteil beitragen, wenn die Leute es wüßten. Und ich persönlich bezweifle, daß Frau Hsüä dieser Idee zustimmen wird. Aber wenn sie dies tut, dann schlage ich vor, daß wir das tun, was du sagst.“ –
 
„Du brauchst dich nicht um Frau Hsüä zu kümmern“, sagte die alte Dame, „ich kann ihr die Sache erklären. Geh nur!“
 
Djia Dschëng verabschiedete sich. Er fühlte sich sehr unwohl wegen der ganzen Idee. Offizielle Aufträge nahmen ihn jedoch bald in Beschlag – die Abnahme seiner neuen Berufungspapiere, Empfehlungen des Personals von Freunden und Verwandten, eine endlose Runde von sozialen Zusammenkünften von der einen oder anderen Art, – und er gab alle Verantwortung für die Hochzeitspläne an die Herzoginmutter weiter, die wiederum die Vorbereitungen an die Dame Wang und Hsi-fëng weitergab. Djia Dschëng steuerte Bau-yü als Hochzeitsgeschenk nur eine Flucht von zwanzig Zimmern mit Dienstpersonal im inneren Bereich bei den privaten Gemächern der Dame Wang bei. Die Gedanken der Herzoginmutter waren nun sehr bestimmt, und wenn sie jemanden schickte, um etwas mit Djia Dschëng zu berichten, antwortete er nur: „Sehr gut.“ Aber davon später mehr.
 
Bau-yü, nach seinem kurzen Interview mit seinem Vater, wurde von Hsi-jën zu seinem Ofenbett im inneren Zimmer zurückgebracht. Verschüchtert von der Anwesenheit des Herrn im nächsten Zimmer, traute sich keines der Mädchen mit ihm zu sprechen, und er fiel bald in einen tiefen Schlaf. Deshalb konnte er kein Wort von der Unterhaltung zwischen seinem Vater und der Herzoginmutter hören. Hsi-jën und die anderen standen ganz still da und hörten sich alles an. Hsi-jën hatte Gerüchte von diesen Hochzeitsplänen gehört, Gerüchte, deren Wahrscheinlichkeit, dies ist wahr, von der mehrmaligen Abwesenheit Bau-tschais von Familienzusammenkünften gestärkt wurden. Nun, da es Tatsache war, wurde ihr alles kristallklar. Sie freute sich.
 
,Sie haben endlich etwas Verstand gezeigt!‘, dachte sie bei sich. ,Diese beiden werden bei Weitem das bessere Paar sein. Und ich werde auch besser dran sein. Wenn Fräulein Bau-tschai hier ist, wird sie viele meiner Pflichten von mir nehmen. Der einzige Ärger ist, daß Herr Bau-yü immer noch an keine andere denkt als an Fräulein Dai-yü. Es ist eine gute Sache, daß er das gerade nicht gehört hat. Wenn er wüßte, was sie planen, denke ich nur ungerne an den Ärger, den wir dann hätten.‘
 
Dies legte einen Schatten über ihren vorhergehenden Optimismus. ,Was soll getan werden?‘ fuhr sie fort, für sich zu brüten. ,Ihre Herzoginmutter und die Dame wissen offensichtlich nichts über die geheimen Gefühle, die Herr Bau-yü und Fräulein Dai-yü füreinander empfinden, und in ihrem Enthusiasmus könnten sie ihm ihren Plan erzählen und versuchen ihn zu heilen. Aber wenn er dann immer noch das fühlt, was er nun fühlt... Als er zum Beispiel das erste Mal Fräulein Dai-yü sah, seinen Jadestein zu Boden schleuderte und es in Stücke schmeißen wollte; oder als er letzten Sommer im Garten mich mit ihr verwechselte und mir sein Herz ausschüttete; oder als Dsï-djüan ihn ärgerte, indem sie sagte, daß Fräulein Dai-yü weggehen würde und ihm solche Tränenströme brachte... Und wenn sie nun hingehen und es ihm sagen, daß er an Fräulein Bau-tschai versprochen ist und Fräulein Dai-yü für immer aufgeben muß, wird dies sein Glück wenden und sie werden ihn wahrscheinlich töten! Wenn er weiter so taubstumm bleibt, bekommt er das natürlich nicht einmal mit. Wenn er aber etwas zu Verstand kommt, würde er sich ja nicht einmal darüber freuen, sondern sich das Leben nehmen. Ich sage ihnen besser, was ich weiß, sonst verletze ich drei Leute!‘
 
Hsi-jëns Gedanken waren entschieden. Sobald Djia Dschëng die Damen verlassen hatte, verließ sie Tjiu-wën, um nach Bau-yü zu sehen, und ging in das äußere Zimmer. Sie ging hinüber zur Dame Wang und flüsterte, daß sie gerne privat mit ihr sprechen würde, im Zimmer am Ende der Gemächer der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter dachte, es wäre irgendeine Nachricht von Bau-yü und beachtete dies nicht weiter, sondern fuhr fort, sich mit den Vorbereitungen der Hochzeit zu beschäftigen, welche Geschenke gemacht werden sollten und wie die Zeremonie durchgeführt werden sollte. Die Dame Wang erhob sich zu gehen, und Hsi-jën folgte ihr in das hinterste Zimmer, wo sie sofort auf ihre Knie fiel und zu weinen anfing. Die Dame Wang hatte keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, und sagte, als sie sie an die Hand nahm:
 
„Komm schon! Was soll all das? Hat dir jemand etwas getan? Wenn es so ist, dann steh auf und sag’ es mir.“ –
 
„Es ist etwas, daß ich eigentlich nicht sagen sollte, aber unter diesen Umständen denke ich, daß ich es muß.“ –
 
„Nun, sag’ es mir dann. Und laß dir Zeit.“ –
 
„Sie und die Herzoginmutter haben eine gute Entscheidung getroffen, wenn Sie Fräulein Bau-tschai als Bau-yüs zukünftige Braut wählen.“ begann Hsi-jën, „aber ich wundere mich, Herrin, falls ihr es bemerkt habt, an welchen von beiden jungen Frauen Bau-yü mehr hängt, Bau-tschai, oder Fräulein Dai-yü?“ –
 
„Da sie zusammengelebt haben seit sie Kinder waren“, antwortete die Dame Wang, „glaube ich, daß er Fräulein Dai-yü ein wenig näher steht.“ –
 
„Mehr als ein wenig!“ protestierte Hsi-jën, und fuhr fort, indem sie der Dame Wang eine detaillierte Geschichte davon erzählte, wie die Dinge immer zwischen Bau-yü und Dai-yü standen, und von den verschiedenen Vorfällen, die zwischen ihnen auftraten.
 
„Diese Dinge haben sie alle selbst gesehen, Herrin“, fügte sie hinzu, „mit der Ausnahme des Ausbruches während des letzten Sommers, welchen ich bis jetzt keiner Seele erzählt habe.“
 
Die Dame Wang zog Hsi-jën an sich.
 
„Ja, das meiste von dem, was du gesagt hast, konnte ich selbst verfolgen. Was du gesagt hast, bekräftigt meine Beobachtungen. Aber alle müssen die Worte des Herrn gehört haben. Sag’ mir, wie hat Bau-yü reagiert?“ –
 
„Wie die Dinge im Moment liegen, Herrin, lächelt Bau-yü jeden an, der mit ihm redet, aber sonst schläft er nur. Er hörte nichts.“ –
 
„In diesem Fall, was sollen wir tun?“ –
 
„Es ist nicht an mir, etwas zu sagen“, antwortete Hsi-jën. „Die Dame sollte die Herzoginmutter über das informieren, was ich sagte, und an einen guten Weg denken, das Problem zu lösen.“ –
 
„Dann gehst du besser“, sagte die Dame Wang, „und überlaß das mir. Jetzt wäre kein guter Moment, dies zu erwähnen; da zu viele Leute im Raum sind. Ich werde auf eine Gelegenheit warten, es der Herzoginmutter zu erzählen, und wir werden darüber reden, was wir tun können.“
 
Die Dame Wang kehrte zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die alte Dame redete gerade mit Hsi-fëng, und fragte, als sie sah, daß die Dame Wang hereinkam: „Was wollte Hsi-jën? Worüber ging das mysteriöse Geflüster?“
 
Die Dame Wang antwortete ihr direkt, und erzählte ihr die ganze Geschichte von Bau-yüs Liebe zu Dai-yü, wie es Hsi-jën ihr erzählte hatte. Als sie gesprochen hatte, war die Herzoginmutter für eine Weile still. Weder die Dame Wang noch Hsi-fëng trauten sich, ein Wort zu sagen. Zuletzt seufzte die Herzoginmutter und sagte: „Alles andere scheint irgendwie lösbar. Es ist nicht wegen Dai-yü. Aber wenn Bau-yü wirklich auf diese Art Gefühle für sie hat, scheint es, daß wir in ein unlösbares Problem geraten sind.“
 
Hsi-fëng sah eine Weile sehr nachdenklich aus und sagte dann: „Nicht unlösbar. Ich denke, ich kann eine Lösung sehen. Aber ich bin nicht sicher, ob ihr damit einverstanden seid oder nicht, Tante.“
 
„Was immer deine Idee ist“, sagte die Dame Wang, „sprich es aus und laß es Mutter wissen. Dann können wir es zusammen diskutieren.“ –
 
„Da gibt es nur eine Lösung, die ich mir denken kann“, sagte Hsi-fëng. „Es beinhaltet zwei Dinge: eine Notlüge und ein Stück von diskretem Ersatz.“
 
„Ersatz? Was meinst du?“, fragte die Herzoginmutter.  
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Frau König konnte nicht umhin, im Stillen zu weinen: Sie trauerte um ihre Tochter und beweinte ihren Bruder und sorgte sich zudem um Schatzjade. So kam eines zum anderen, alles lief gegen sie, und schließlich begann sie, Schmerzen in der Herzgrube zu spüren. Dann kam Kette Kaufmann zurück, nachdem er alles in Erfahrung gebracht hatte, und berichtete: „Der Onkel war von der Anstrengung der Reise erschöpft und hatte sich zufällig erkältet. Als sie den Ort Zehn-Meilen-Dorf erreichten, wurde ein Arzt gerufen, doch leider gab es an diesem abgelegenen Ort keinen guten Arzt. Es wurde das falsche Mittel verschrieben, und schon nach einer einzigen Dosis war er tot. Ich weiß allerdings nicht, ob seine Familie schon dort angekommen ist." Frau König überkam bittere Trauer, und die Schmerzen in der Herzgrube wurden so heftig, dass sie nicht mehr sitzen konnte. Sie ließ Farbwölkchen und die anderen sie auf das Ofenbett helfen und erteilte mit letzter Kraft Kette Kaufmann den Auftrag, es Aufrecht Kaufmann zu berichten: „Pack sofort deine Sachen, reise dorthin und hilf der Familie bei den Vorbereitungen. Komm sofort zurück und berichte uns, damit deine Frau sich beruhigen kann." Kette Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und verabschiedete sich von Aufrecht Kaufmann, um aufzubrechen.
„Erstens“, antwortete Hsi-fëng, „ob Bau-yü bereits etwas weiß oder nicht, lassen wir ihn wissen,  daß  Herr Dschëng  ihn mit Fräulein Dai-yü verloben will. Wir müssen auf seine Reaktion achten. Wenn er nicht sehr berührt davon ist, müssen wir meinen Plan nicht beachten. Aber wenn es scheint, daß er überhaupt von dieser Nachricht begeistert ist, macht es die Dinge eher noch verwickelter.“
 
„Angenommen, er ist begeistert?“, fragte die Dame Wang. „Was dann?“
 
Hsi-fëng ging hinüber und flüsterte der Dame Wang eine Weile etwas ins Ohr. Die Dame Wang nickte, lächelte und sagte: „Gut, gut... Eine erfinderische Idee, muß ich sagen!“
 
„Kommt, ihr zwei!“, rief die Herzoginmutter, „laßt mich an dem Geheimnis teilhaben: worüber flüstert ihr?“
 
Hsi-fëng hatte Angst, daß die Herzoginmutter ihre Idee nicht sofort verstand und irrtümlich das Spiel verderben könnte. Sie lehnte sich herüber und flüsterte der Herzoginmutter ins Ohr. Die Herzoginmutter schien erst etwas verblüfft zu sein. Hsi-fëng lächelte und fügte ein paar Worte der Erklärung hinzu. Die Herzoginmutter sagte endlich mit einem Lächeln:
 
„Warum nicht? Aber ist es nicht eher hart für Bau-tschai? Und was ist mit Fräulein Dai-yü? Was wenn sie davon hört?“ –
 
„Wir werden es nur Bau-yü sagen“, antwortete Hsi-fëng. „Keinem anderen wird es erlaubt sein, es zu erwähnen. So wird es keiner wissen können.“
 
Ein Mädchen kam herein und informierte sie, daß Herr Liän zurückgekehrt sei. Die Dame Wang war besorgt, daß die Herzoginmutter nach den leidigen Neuigkeiten fragen würde, die seine Reise begründet hatten, und warf einen bedeutungsvollen Blick in Hsi-fëngs Richtung. Hsi-fëng ging hinaus, um ihn abzufangen, und gab ihm mit einer Bewegung ihrer Lippen zu verstehen, daß er sie in die Gemächer der Dame Wang begleiten und dort warten solle. Es dauerte nicht lange, bis die Dame Wang hereinkam, um Hsi-fëng rotäugig vom Weinen vorzufinden. Djia Liän machte der Dame Wang seine Aufwartung und erzählte ihr von den Beerdigungsvorbereitungen für Wang Dsï-teng im Zehnmeilendorf.
 
„Ihm wurde posthum das Amt eines Großen Sekretärs auf kaiserlichen Beschluß verliehen“, fuhr Djia Liän fort, „und der Titel Fürst Wën-tjin. Der Hof hat seiner Familie die Anweisung gegeben, sie soll den Sarg in einer Prozession nach Nanking begleiten, und alle örtichen Beamte wurden angewiesen auf der Fahrt unterwegs nach ihnen zu sehen. Die ganze Familie zog gestern nach Süden. Die Witwe meines Onkels bat mich, ihren Respekt auszurichten. Sie sagte, daß da soviel wäre, über das sie mit dir reden wolle, aber daß sie im Moment nicht in die Hauptstadt kommen könne. Mein Schwager Wang Jën kommt hierher, so hörte ich, und falls ich ihn auf dem Weg treffe, werde ich ihm sagen, daß er kommen und das Neueste erzählen soll.“
 
Die Dame Wang nahm dies alles so niedergeschlagen auf, wie der Leser sich das sicher vorstellen kann.
 
„Warum legst du dich nicht für eine Weile hin, Tante?“, sagte Hsi-fëng, „am Abend können wir über Bau-yüs Angelegenheit weiter sprechen.“
 
Als sie diese tröstlichen Worte gesprochen hatte, kehrte Hsi-fëng mit Djia Liän zu ihren eigenen Gemächern zurück, wo sie ihn über alles, was entschieden worden war, informierte und ihm sagte, er solle Anweisungen für die Reinigung und Renovierung der Zimmerflucht, der das neue Zuhause des Paares werden sollte, geben. Aber nun nichts mehr davon.
 
Ein oder zwei Tage nach diesen Ereignissen, hatte Dai-yü gerade ihr Frühstück zu sich genommen, als sie sich entschloß, Dsï-djüan auf einen Besuch bei der Herzoginmutter mitzunehmen. Sie wollte ihr die Aufwartung machen, und dachte auch, daß dieser Besuch ihr eine Art der Ablenkung für sich selbst bereiten würde. Sie hatte gerade die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß verlassen, als sie sich erinnerte, das sie ihr Taschentuch zu Hause vergessen hatte; sie schickte Dsï-djüan zurück, um es zu holen. Sie sagte, daß sie langsam vorausgehen und auf sie warten werde, damit sie sie einholen könnten. Sie hatte gerade die Ecke hinter den Steinen an der Verregneten Blumenbrücke – genau an dem Ort, wo sie einst Blumen mit Bau-yü vergraben hatte – erreicht, als sie plötzlich ein Schluchzen hörte. Sie hielt sofort inne und lauschte. Sie konnte weder sagen, wessen Stimme es war, noch konnte sie unterscheiden, was es war, worüber sich die Stimme beklagte, so tränenreich und so andauernd. Es war wirklich sehr verwirrend. Sie bewegte sich wieder vorsichtig vorwärts, und, als sie um die Ecke ging, sah sie vor sich die Quelle des Heulens, ein Mädchen mit großen Augen und dicken Augenbrauen.
 
Bevor sie ihren Blick auf das Mädchen richtete, hatte Dai-yü schon geraten, daß eines der vielen Mädchen im Haushalt Djia eine unglückliche Herzensangelegenheit haben mußte, und hierher gekommen war, um sich heimlich ihr Herz auszuweinen. Aber nun lachte sie über ihre Idee. ‚Wie könnte eine so plumpe Kreatur, wie diese, die Bedeutung der Liebe kennen?‘, dachte sie bei sich selbst. ‚Das muß eine dieser Gelegenheitsarbeiterinnen sein, die wahrscheinlich von einem der älteren Mädchen gerügt worden war.‘ Sie sah näher hin, aber konnte das Mädchen immer noch nicht einordnen. Als sie Dai-yü sah, beendete das Mädchen ihr Weinen, wischte ihre Wangen und erhob sich.
 
„Komm schon, weshalb bist du so traurig?“, fragte Dai-yü.
 
„Oh Fräulein Dai-yü!“, antwortete das Mädchen, inmitten neuer Tränen, „sagen sie mir, ob sie es anständig finden. Die haben darüber geredet, und wie sollte ich es besser wissen? Nur weil ich etwas Falsches gesagt habe, ist das ein Grund für die Schwester damit anzufangen mich zu schlagen?“
 
Dai-yü wußte nicht, wovon sie sprach. Sie lächelte, und fragte wieder:
 
„Wer ist deine Schwester?“
 
„Dschën-dschu“, antwortete das Mädchen.
 
Daraus schloß Dai-yü, daß sie in den Gemächern der Herzoginmutter arbeiten mußte.
 
„Und wie heißt du?“
 
„Scha, das Dummerchen.“
 
Dai-yü lachte. Dann: „Warum schlug sie dich? Was hast du gesagt, daß so falsch war?“ –
 
„Das ist es, was ich gerne wissen möchte! Es hatte nur etwas mit der Hochzeit von Herrn Bau-yü und Fräulein Bau-tschai zu tun.“
 
Die Worte trafen Dai-yüs Ohren wie ein Donnerschlag. Ihr Herz fing an, heftig zu schlagen. Sie versuchte sich selbst für einen Moment zu beruhigen und sagte dem Mädchen, sie solle mit ihr kommen. Das Mädchen folgte ihr zur abgelegenen Ecke des Gartens, wo der Blumen-Beerdigungshügel lag. Hier fragte Dai-yü sie: „Warum sollte man dich schlagen, weil du die Hochzeit von Herrn Bau-yü mit Fräulein Bau-tschai erwähnt hast?“
 
„Die Herzoginmutter, die Dame Wang“, antwortete Scha, „haben sich, da der Herr bald weggeht, entschlossen, zusammen mit Frau Hsüä alles zu arrangieren, und Herrn Bau-yü und Fräulein Bau-tschai so schnell wie möglich zu verheiraten. Sie wollen, daß die Hochzeit sein Glück wendet, und dann…“
 
Ihre Stimme brach ab. Sie starrte Dai-yü an, lachte und fuhr fort: „Dann, sobald die beiden verheiratet sind, werden sie einen Ehemann für Sie finden, Fräulein Dai-yü.“
 
Dai-yü war sprachlos vor Schreck. Das Mädchen fuhr unbekümmert fort: „Aber wie sollte ich wissen, daß sie entschieden haben, es zu verheimlichen, aus Angst, sie könnten Fräulein Bau-tschai beschämen? Alles, was ich tat, war zu Hsi-jën, die in Herrn Herr Bau-yüs Zimmer dient, zu sagen: ,Wird es nicht schön sein hier zu arbeiten, wenn Fräulein Bau-tschai herüber kommt oder Frau Bau-tschai, wie werden wir sie dann nennen müssen?‘ Das ist alles, was ich sagte. Was war es, weswegen Schwester Dschën-dschu mir weh tun mußte? Können Sie es mir sagen, Fräulein Dai-yü? Sie kam herüber und schlug mich genau ins Gesicht und sagte, ich würde Blödsinn erzählen und würde Befehle nicht befolgen und würde aus meinem Dienst entlassen! Wie sollte ich wissen, daß die Damen nicht wollen, daß wir es erwähnen? Niemand hat es mir gesagt, und sie schlug mich einfach!“
 
Sie fing wieder an zu weinen. Dai-yüs Herz fühlte sich an, als wären Öl, Sojasoße, Zucker und Essig auf einmal hinein geschüttet worden. Sie konnte nicht sagen, welcher Geschmack dominierte, das Süße, das Saure, das Bittere oder das Salzige. Nach ein paar Momenten der Stille, sagte sie mit einer zitternden Stimme: „Rede nicht so einen Blödsinn. Noch mehr davon, und du wirst wieder geschlagen. Geh nun!“
 
Sie selbst drehte sich wieder in die Richtung der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Ihr Körper fühlte sich an, als würde er hundert Tonnen wiegen, ihre Füße waren so wacklig, als würde sie auf Watte gehen. Sie konnte gerade mal einen Schritt nach dem anderen gehen. Nach einer Ewigkeit, hatte sie immer noch nicht den Fuß der Verregneten Blumenbrücke erreicht. Sie ging so langsam, ihre Füße waren fast dabei, unter ihr nachzugeben, und in ihrem Schwindel und der Verwirrtheit war sie vom Kurs abgekommen und hatte sich zwei Bogenschußweiten entfernt, statt näher zu kommen. Sie erreichte die Verregnete Blumenbrücke, nur um dann wieder abzuweichen am Flußufer entlang in die Richtung, aus der sie gerade kam, ohne zu wissen, was sie tat.
 
Dsï-djüan war nun mit dem Taschentuch zurückgekehrt, aber konnte Dai-yü nirgends finden. Sie sah sie endlich, ihr Gesicht blaß wie Schnee, herumwankend, ihre Augen starrten vor sich hin, sie lief ziellos umher. Dsï-djüan erblickte auch ein Mädchen, welches in der Ferne hinter Dai-yü verschwand, aber konnte nicht erkennen, wer es war. Sie war sehr verwirrt und beschleunigte ihren Schritt.
 
„Warum kehren sie zurück, Fräulein?“, fragte sie sanft. „Wohin wollen sie?“
 
Dai-yü hörte die Frage nur verschwommen. Sie antwortete: „Ich will Bau-yü etwas fragen.“
 
Dsï-djüan konnte nicht ergründen, um was es ging, und konnte nur versuchen, sie auf ihrem Weg zu den Gemächern der Herzoginmutter zu begleiten. Als sie zum Eingang kamen, schien Dai-yü wieder klarer zu sein. Sie drehte sich um, sah, wie Dsï-djüan sie stützte, hielt einen Moment lang an und fragte: „Was machst du hier?“
 
„Ich ging, um Ihr Taschentuch zu holen“, antwortete Dsï-djüan, ängslich lächelnd, „ich sah Sie drüben bei der Brücke und eilte hinüber. Ich fragte, wo Sie hingehen wollten, aber Sie bemerkten mich nicht.“ –
 
„Oh!“, sagte Dai-yü mit einem Lächeln. „Ich wollte eigentlich Bau-yü besuchen. Weshalb sollten wir sonst hierher kommen?“
 
Dsï-djüan konnte sehen, daß sie völlig verwirrt war. Sie erriet, daß es etwas sein mußte, was das Mädchen ihm Garten zu ihr gesagt hatte, und nickte nur mit einem leichten Lächeln als Antwort auf Dai-yüs Frage. Aber für sich selbst versuchte sie sich vorzustellen, welche Art der Begegnung dies werden würde, zwischen dem jungen Herren, der bereits seinen Geist verloren hatte, und ihrer jungen Herrin, die nun selbst etwas verwirrt war. Trotz ihrer Besorgnis, traute sie sich nicht, das Treffen zu verhindern, und half Dai-yü in das Zimmer. Interessanterweise schien Dai-yü nun ihre Kräfte wiedererlangt zu haben. Sie wartete nicht auf Dsï-djüan, sondern hob den Vorhang selbst, und ging in das Zimmer. Drinnen war es sehr still. Die Herzoginmutter hatte sich für ihren Mittagsschlaf zurückgezogen. Manche der Mädchen schlichen sich davon, um zu spielen, andere machten selbst ein Nickerchen und wieder andere warteten auf die Herzoginmutter in ihrem Schlafzimmer. Es war Hsi-jën, die herauskam, um zu sehen, wer dort sei, als sie das Rauschen des Vorhangs hörte. Sie sah, daß es Dai-yü war, und grüßte sie höflich: „Bitte kommt herein und setzt euch, Fräulein.“ –
 
„Ist Herr Bau-yü zu Hause?“, fragte Dai-yü mit einem Lächeln. Hsi-jën wußte nicht, daß etwas nicht in Ordnung war, und wollte gerade antworten, als sie sah, daß Dsï-djüan hinter Dai-yü mit ihren Lippen auf ihre Herrin zeigte und eine warnenden Geste mit der Hand machte. Hsi-jën hatte keine Ahnung, was sie meinte und traute sich nicht zu fragen. Dai-yü kümmerte sich nicht darum und ging selbst in Bau-yüs Zimmer. Er saß aufrecht im Bett, und als sie hereinkam, machte er keine Bewegung aufzustehen oder sie zu begrüßen, sondern er blieb, wo er war, starrte sie an und lachte dumm. Dai-yü setzte sich unaufgefordert hin, sie fing auch an zu lächeln und starrte Bau-yü zurück an. Es wurden keine Grüße ausgetauscht, keine Höflichkeiten, in der Tat überhaupt kein Wort. Sie saßen nur da und starrten sich in die Gesichter und lächelten wie ein paar Idioten. Hsi-jën stand da und schaute und wußte nicht, was los war.
 
Plötzlich sagte Dai-yü: „Bau-yü, warum bist du krank?“
 
Bau-yü lachte. „Ich bin wegen Fräulein Dai-yü krank.“
 
Hsi-jën und Dsï-djüan wurden blaß vor Angst. Sie versuchten, das Thema zu wechseln, aber die beiden antworteten nicht, sondern lächelten sich nach wie vor dumm an. Nun wurde es Hsi-jën bewußt, daß Dai-yüs Kopf genauso verstört war wie der Bau-yüs.
 
„Fräulein Dai-yü war gerade von ihrer Krankheit geheilt“, flüsterte sie zu Dsï-djüan, „ich werde Tjiu-wën bitten, dir zu helfen, sie zurückzubringen. Sie sollte nach Hause gehen und sich hinlegen.“ Sie wendete sich an Tjiu-wën und sagte: „Geh mit Dsï-djüan und begleite Fräulein Dai-yü heim! Und kein unsinniges Gerede auf dem Weg, bitte.“
 
Tjiu-wën lächelte, und ohne ein Wort kam sie herüber, um Dsï-djüan zu helfen. Die beiden begannen, Dai-yü auf die Füße zu helfen. Dai-yü stand sofort ohne Hilfe auf, immer noch ihren Blick auf Bau-yü fixiert, lächelte und nickte mit dem Kopf.
 
„Kommen sie, Fräulein!“ drängte Dsï-djüan, „es ist Zeit, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen.“
 
„Natürlich!“, rief Dai-yü, „es ist Zeit!“
 
Sie wandte sich um, um zu gehen. Immer noch lächelnd, verweigerte sie jede Hilfe von den Mädchen, schritt doppelt so schnell wie sonst hinaus. Tjiu-wën und Dsï-djüan eilten hinter ihr her. Nachdem sie die Gemächer der Herzoginmutter verließ, ging Dai-yü weiter, in die völlig falsche Richtung. Dsï-djüan eilte zu ihr und nahm sie an der Hand: „Hier entlang, Fräulein.“
 
Noch immer lächelnd, erlaubte es Dai-yü, geführt zu werden, und folgte Dsï-djüan zu der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß. Als sie fast dort waren, rief Dsï-djüan: „Buddha sei gepriesen! Endlich zu Hause!“
 
Sie hatte die Worte nicht ganz ausgesprochen, als sie sah, daß Dai-yü stolperte und nach vorne auf den Boden viel, und laut schrie. Blut strömte aus ihrem Mund.
 
Um zu erfahren, ob sie diese Krise überlebte, lese man bitte das nächste Kapitel.
 
97. Lin Dai-yü verbrennt ihre Gedichte, um das Ende der Torheit ihres Her­zens zu signalisieren
 
Hsüä Bau-tschai verläßt ihr Heim, um an einem feierlichen Ritual teilzunehmen.
 
  
Wir haben gesehen, wie Dai-yü, als sie den Eingang der Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß erreichte und als sie Dsï-djüans Schrei der Erleichterung hörte, vorwärts stolperte, Blut erbrach und fast in Ohnmacht fiel. Glücklicherweise waren Dsï-djüan und Tjiu-wën beide zur Stelle und halfen ihr ins Haus. Als Tjiu-wën ging, standen Dsï-djüan und Hsüä-yän an Dai-yüs Bettseite und sahen ihr zu, wie sie langsam wieder zu sich kam.
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Aufrecht Kaufmann hatte bereits selbst davon erfahren und war zutiefst betrübt. Er wusste auch, dass Schatzjades Geist seit dem Verlust der Jade umnachtet war und keine Medizin half, und nun kamen auch noch Frau Königs Herzschmerzen hinzu. In jenem Jahr stand gerade die Inspektion der Hauptstadtbeamten an. Das Bauministerium stufte Aufrecht Kaufmann in die erste Klasse ein, und im zweiten Monat führte ihn das Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten einer Audienz beim Kaiser vor. Da Seine Majestät Aufrecht Kaufmann als fleißigen, bescheidenen und gewissenhaften Beamten kannte, ernannte er ihn sofort zum Kornaufseher der Provinz Jiangxi. Noch am selben Tag dankte Aufrecht Kaufmann für die Gnade und meldete dem Thron seinen Abreisetag. Obwohl Freunde und Verwandte eifrig gratulierten, war ihm nicht nach Geselligkeit zumute. Er dachte nur an die Unruhe in seiner Familie und wagte doch nicht, seinen Aufbruch hinauszuzögern.
„Warum steht ihr beide hier um mich herum und weint?“, fragte Dai-yü. Dsï-djüan war erleichtert, daß sie wieder etwas Sinnvolles sagte, und antwortete:
 
„Auf Ihrem Weg zurück von der Herzoginmutter, Fräulein, hatten Sie einen sehr schlimmen Unfall. Wir hatten Angst und wußten nicht, was wir tun sollten. Deswegen haben wir geweint.“
 
„Ich werde jetzt noch nicht sterben!“, sagte Dai-yü mit einem Lächeln. Aber noch bevor sie den Satz beenden konnte, krümmte sie sich und rang noch einmal nach Luft.
 
Sie war schockiert, als sie vorher am Tage erfahren hatte, daß Bau-yü und Bau-tschai verheiratet würden. Das hatte sie lange befürchtet, und es war nun daran, wahr zu werden. Dieser Schock hatte sie so in Aufruhr versetzt, daß sie zuerst beinahe den Verstand verloren hätte. Nun, da sie das Blut ausgebrochen hatte, wurden ihre Gedanken langsam klarer. Obwohl sie sich zuerst an nichts erinnern konnte, als sie Dsï-djüan weinen sah, kamen ihr Shas Worte langsam wieder in Erinnerung. Diesmal unterlag sie nicht ihren Gefühlen, sondern hoffte auf einen schnellen Tod und machte ihre Schuld-Abrechnung mit dem Schicksal.
 
Dsï-djüan und Hsüä-yän konnten nur hilflos dabeistehen. Sie wären gerne gegangen und hätten die Damen informiert, aber hatten zuviel Angst vor einer Wiederholung des letzten Males, als Hsi-fëng sie getadelt hatte, weil sie falschen Alarm geschlagen hätten.
 
  
[[Category:Books]]
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Gerade als er keinen Rat mehr wusste, hörte er, dass die Herzoginmutter <ref>Chinesisch: 贾母</ref> nach ihm schicken ließ: „Bittet den Herrn zu mir." Aufrecht Kaufmann eilte sogleich zu ihr und sah, dass auch Frau König trotz ihrer Krankheit dort war. Er erwies der Herzoginmutter seinen Respekt. Sie hieß ihn sich setzen und begann: „In wenigen Tagen wirst du deinen Posten antreten. Ich habe dir so vieles zu sagen, und ich weiß nicht, ob du es anhören wirst." Dabei flossen ihr die Tränen herab. Aufrecht Kaufmann stand eilig auf und sagte: „Mutter, sprich nur, was immer du zu sagen hast! Wie könnte dein Sohn es wagen, deinem Wort nicht zu gehorchen?" Die Herzoginmutter sagte schluchzend: „Ich bin dieses Jahr einundachtzig Jahre alt, und du gehst auf einen Posten in der Ferne. Ausgerechnet dein älterer Bruder ist hier, sodass du keinen Rücktritt wegen alter Eltern beantragen kannst. Wenn du fort bist, bleibt mir nur noch Schatzjade, an dem mein Herz hängt — und ausgerechnet er ist derart krank, dass man nicht weiß, was aus ihm wird! Gestern schickte ich die Frau von Lai Sheng hinaus, um jemanden Schatzjades Schicksal berechnen zu lassen. Der Wahrsager war erstaunlich treffsicher und sagte: Man müsse für ihn eine Person mit dem Schicksal des Goldmetalls heiraten, die ihm hilft; durch eine Freudenhochzeit könne man das Glück wenden, sonst sei kaum Hoffnung. Ich weiß, dass du an solche Dinge nicht glaubst, deshalb habe ich dich herbitten lassen, um es zu bereden. Deine Frau ist auch hier — beratet euch: Wollen wir, dass Schatzjade gesund wird, oder lassen wir ihn dahinsiechen?"
[[Category:Hongloumeng]]
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Aufrecht Kaufmann lächelte verlegen und sagte: „Mutter, du hast deinen Sohn einst so innig geliebt — wie könnte der Sohn seinen eigenen Sohn nicht lieben? Nur weil Schatzjade keine Fortschritte machte, war ich stets streng mit ihm, doch das war nur, weil man ein Stück Eisen hasst, das kein Stahl werden will. Wenn Mutter ihn verheiraten will, so ist das ganz in der Ordnung. Wie könnte ich Mutter widersprechen und ihn nicht lieben? Auch ich mache mir große Sorgen um Schatzjades Krankheit. Nur weil Mutter ihn von mir ferngehalten hat, wagte ich nichts zu sagen. Lasst mich ihn einmal sehen — was für eine Krankheit hat er eigentlich?"
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Frau König sah, dass auch Aufrecht Kaufmanns Augenränder sich röteten, und wusste, dass sein Herz vor Sorge brannte. Sie befahl Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref>, Schatzjade herbeizuführen. Als Schatzjade seinen Vater erblickte, wies ihn Dufthauch an, seinen Respekt zu erweisen, und er gehorchte. Aufrecht Kaufmann sah, wie abgemagert sein Gesicht war, wie leblos seine Augen blickten, und dass er ganz wie ein Geistesgestörter wirkte. Er ließ ihn wieder hinausführen und dachte bei sich: „Ich bin selbst bald sechzig und übernehme nun einen Posten in der Ferne, ohne zu wissen, wie viele Jahre es dauern wird, bis ich zurückkehre. Wenn es mit diesem Jungen wirklich schlimm ausgeht — erstens stünde ich im Alter ohne Erben da, und obwohl ich einen Enkel habe, ist das doch nicht dasselbe; zweitens ist Schatzjade der Liebling der Herzoginmutter, und sollte ihm etwas zustoßen, würde meine Schuld nur noch schwerer wiegen." Er blickte auf Frau König, deren Gesicht tränennass war, und dachte auch an ihren Kummer. Er stand wieder auf und sagte: „Wenn Mutter in ihrem hohen Alter Mittel und Wege findet, ihrem Enkelsohn zu helfen, wie könnte der Sohn da widersprechen? Mutter soll entscheiden, und was sie beschließt, das geschehe. Nur — weiß Tante Schnee schon Bescheid?"
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Frau König antwortete: „Meine Schwester hat schon längst zugestimmt. Nur weil Becken Schnees Prozess noch nicht abgeschlossen ist, hat man in letzter Zeit nicht davon gesprochen." Aufrecht Kaufmann sagte darauf: „Das ist die erste Schwierigkeit: Wenn der Bruder im Gefängnis sitzt, wie kann die Schwester da heiraten? Außerdem verbietet der Tod der Edlen Nebenfrau zwar nicht ausdrücklich eine Heirat, doch Schatzjade müsste für eine bereits verheiratete ältere Schwester neun Monate Trauerkleidung tragen, und in dieser Zeit ist eine Hochzeit kaum angemessen. Überdies habe ich meinen Abreisetag dem Thron bereits gemeldet und darf nicht zögern — wie soll das in diesen wenigen Tagen gehen?"
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Die Herzoginmutter überlegte eine Weile: „Was er sagt, ist in der Tat richtig. Aber wenn wir warten, bis all diese Dinge vorüber sind, wird sein Vater bereits fort sein, und was, wenn die Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wird? Wir müssen einige Regeln übertreten und die Sache rasch erledigen." Als sie sich entschieden hatte, sprach sie: „Wenn du die Hochzeit ausrichten willst, so habe ich einen Plan, mit dem nichts im Wege steht. Was Frau Xue betrifft: Deine Frau und ich werden persönlich zu ihr gehen und sie bitten. Was Becken Schnee angeht: Ich werde den jungen Xue Ke zu ihm schicken, um ihm zu erklären, dass es darum geht, Schatzjades Leben zu retten, und alles möglichst einfach zu halten — er wird sicher einwilligen. Was das Heiraten während der Trauerzeit betrifft: Das geht freilich streng genommen nicht, und außerdem ist Schatzjade krank und kann eigentlich keine richtige Hochzeit feiern. Es geht nur darum, das Glück zu wenden. Beide Familien sind einverstanden, und da die Kinder den Bund von ‚Gold und Jade' haben, brauchen wir keine Horoskope zu vergleichen. Wir wählen einfach einen guten Tag und tauschen die Geschenke nach unserem Familienbrauch aus. Dann bestimmen wir einen Hochzeitstag, verzichten ganz auf Musikkapellen und folgen stattdessen dem Palastbrauch: zwölf Paar Laternen mit langen Stangen und eine Acht-Mann-Sänfte. Nach südlichem Brauch wird die Zeremonie abgehalten — Verbeugung, Sitzen auf dem Brautbett, Werfen von Trockenfrüchten — und damit ist die Hochzeit vollzogen. Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> ist ein verständiges Mädchen, um sie braucht man sich keine Sorgen zu machen. Und dann ist da noch Dufthauch, auch sie ist zuverlässig und besonnen. Noch eine verständige Person, die auf ihn einredet — umso besser. Außerdem kommt sie gut mit Schatzspange aus. Und noch etwas: Frau Xue hat einmal erzählt, auch ein Mönch habe zu Schatzspanges goldenem Schloss gesagt, sie solle nur jemanden mit einer Jade heiraten, dann sei die Ehe bestimmt. Wer weiß — vielleicht bringt Schatzspanges goldenes Schloss seine verschollene Jade zurück, das kann man nicht ausschließen. Von da an wird es von Tag zu Tag besser, und wäre das nicht ein Segen für die ganze Familie! Jetzt müssen nur sofort die Zimmer hergerichtet und alles vorbereitet werden. Um die Zimmerzuweisung musst du dich kümmern. Verwandte und Freunde werden nicht eingeladen, und ein Bankett gibt es auch nicht. Wenn Schatzjade wieder gesund ist und die Trauerzeit vorüber, dann erst laden wir Gäste und feiern. So schaffen wir alles rechtzeitig, du kannst die beiden jungen Leute verheiratet sehen und sorgenfrei in dein Amt ziehen."
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Aufrecht Kaufmann war innerlich alles andere als einverstanden, doch da die Herzoginmutter die Entscheidung traf, wagte er nicht zu widersprechen. Er lächelte gezwungen und sagte: „Mutter hat das alles sehr umsichtig durchdacht. Wir müssen nur dem Hauspersonal einschärfen, dass niemand davon nach außen plaudert — das könnte uns in Schwierigkeiten bringen. Ob Frau Xue einverstanden sein wird, weiß ich nicht. Aber wenn sie tatsächlich zustimmt, dann handeln wir nach Mutters Anweisung." Die Herzoginmutter sagte: „Um Frau Xue kümmere ich mich. Geh nur!"
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Aufrecht Kaufmann verabschiedete sich und ging, zutiefst unbehaglich. Da ihn die Vorbereitungen für den Amtsantritt in Beschlag nahmen — Abholung der Ernennungsurkunde, Empfehlungen von Freunden und Verwandten, unaufhörliche gesellschaftliche Verpflichtungen —, überließ er die Sache ganz der Herzoginmutter, die sie an Frau König und Phönixglanz weitergab. Er wies lediglich eine Zimmerflucht von über zwanzig Räumen hinter der Ronghalle neben den Privatgemächern der Frau König für Schatzjade an und kümmerte sich um nichts weiter. Die Herzoginmutter ließ ihm ihren Beschluss mitteilen, und Aufrecht Kaufmann antwortete nur: „Sehr gut." Doch davon später.
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Nun wird erzählt, dass Schatzjade, nachdem er seinen Vater gesehen hatte, von Dufthauch auf das Ofenbett im inneren Zimmer zurückgebracht wurde. Da Aufrecht Kaufmann im Nebenzimmer war, wagte niemand mit Schatzjade zu sprechen, und dieser döste bald in dumpfem Schlaf dahin. Von dem gesamten Gespräch zwischen seinem Vater und der Herzoginmutter hatte Schatzjade kein einziges Wort gehört. Dufthauch und die anderen hingegen hatten alles in der Stille deutlich mitgehört. Vorher hatten sie zwar schon Gerüchte vernommen, aber es war alles noch vage gewesen; einzig dass Schatzspange nie mehr vorbeikam, hatte ihren Verdacht bestärkt. Nun, da sie alles mit eigenen Ohren gehört hatten, fiel ihnen ein Stein vom Herzen, und Dufthauch freute sich.
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Sie dachte bei sich: „Die Herrschaften haben doch ein gutes Auge! Diese Verbindung passt wirklich. Und auch für mich ist es ein Glück — wenn sie erst da ist, wird mir vieles abgenommen. Nur hat dieser Herr in seinem Herzen einzig und allein das Fräulein Lin. Zum Glück hat er nichts gehört. Wenn er davon wüsste, will ich mir gar nicht ausmalen, was für Schwierigkeiten es gäbe." Bei diesem Gedanken schlug ihre Freude in Sorge um. Sie dachte: „Wie soll das nur gehen? Die Herzoginmutter und die Gnädige Frau wissen nichts von den Gefühlen, die zwischen ihm und dem Fräulein Lin bestehen! Wenn sie ihm nun in einem Moment der Begeisterung davon erzählen und meinen, es werde ihn heilen — doch wenn sein Herz noch dasselbe ist wie damals, als er beim ersten Anblick des Fräulein Lin seine Jade zu Boden schleudern und zertrümmern wollte! Und dann jenen Sommer im Garten, als er mich für das Fräulein Lin hielt und mir sein Herz ausschüttete! Und als Purpurkuckuck damals einen Scherz machte, da weinte er sich fast zu Tode! Wenn man ihm nun sagt, er solle das Fräulein Schnee heiraten und das Fräulein Lin vergessen — dann ist das nicht nur kein Glückswechsel, sondern sein Todesurteil! Wenn er allerdings völlig bei Sinnen wäre, ginge es auch nicht. Wenn ich jetzt nicht alles offenlege, bringe ich drei Menschen ins Unglück!"
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Dufthauch hatte ihren Entschluss gefasst. Sobald Aufrecht Kaufmann die Damen verlassen hatte, wies sie Herbstmuster <ref>Chinesisch: 秋纹</ref> an, auf Schatzjade aufzupassen, und ging hinaus in das äußere Zimmer. Sie trat neben Frau König und bat sie leise um ein privates Gespräch in dem Hinterzimmer hinter den Gemächern der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter dachte, es ginge um etwas wegen Schatzjades, und schenkte dem keine Beachtung. Sie war noch mitten in ihren Überlegungen, wie man die Geschenke überreichen und die Hochzeit ausrichten solle.
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Dufthauch folgte Frau König in das hintere Zimmer, fiel auf die Knie und weinte. Frau König wusste nicht, was los war. Sie nahm ihre Hand und sagte: „Was soll das denn? Hat dir jemand etwas angetan? Steh auf und sag es mir." Dufthauch sagte: „Eigentlich sollte ich das nicht sagen, aber ich sehe keinen anderen Weg mehr." Frau König: „Dann sprich. Lass dir Zeit." Dufthauch sagte: „Schatzjades Heirat — die Herzoginmutter und die Gnädige Frau haben das Fräulein Schnee gewählt, und das ist natürlich eine ausgezeichnete Wahl. Nur frage ich mich, Herrin: Wie seht Ihr das — steht Schatzjade dem Fräulein Schnee näher oder dem Fräulein Lin?" Frau König antwortete: „Da sie von klein auf zusammengelebt haben, ist Schatzjade wohl dem Fräulein Lin etwas näher." Dufthauch erwiderte: „Nicht nur etwas." Und sie erzählte Frau König ausführlich alles, was sich zwischen Schatzjade und Kajaljade zugetragen hatte, und fügte hinzu: „All diese Dinge hat die Gnädige Frau mit eigenen Augen gesehen. Nur das Vorkommnis im Sommer habe ich bisher keiner Menschenseele erzählt."
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Frau König zog Dufthauch an sich und sagte: „Ich hatte von außen schon einiges bemerkt, und was du jetzt erzählst, bestätigt meine Beobachtungen. Aber gerade eben hat der Herr alles besprochen — du hast es gehört. Wie hat Schatzjade reagiert?" Dufthauch antwortete: „So wie die Dinge jetzt liegen, lächelt er jeden an, der mit ihm spricht, und schläft, wenn niemand da ist. Von dem Gespräch eben hat er nichts mitbekommen." Frau König fragte: „Aber was sollen wir dann nur tun?" Dufthauch sagte: „Ich habe mein Wort gesagt. Die Gnädige Frau sollte es der Herzoginmutter mitteilen und gemeinsam einen sicheren Plan ausarbeiten." Frau König sagte: „Gut, dann geh du nur. Jetzt gerade sind zu viele Leute im Raum, es ist nicht der richtige Moment. Ich werde eine Gelegenheit abwarten, es der Herzoginmutter zu erzählen, und dann beraten wir, was zu tun ist."
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Darauf kehrte Frau König zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Herzoginmutter war gerade im Gespräch mit Phönixglanz. Als sie Frau König hereinkommen sah, fragte sie: „Was wollte das Mädchen Dufthauch? Was sollte das heimliche Getuschel?" Frau König nutzte die Gelegenheit und berichtete der Herzoginmutter ausführlich von Schatzjades Liebe zu Kajaljade, so wie Dufthauch es ihr erzählt hatte. Nachdem sie geendet hatte, schwieg die Herzoginmutter lange. Weder Frau König noch Phönixglanz wagten ein Wort zu sagen. Schließlich seufzte die Herzoginmutter und sagte: „Alles andere ließe sich irgendwie regeln. Es liegt nicht am Fräulein Lin. Aber wenn Schatzjade wirklich so empfindet, dann stehen wir vor einem kaum lösbaren Problem."
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Phönixglanz überlegte eine Weile und sagte dann: „Unlösbar ist es nicht. Ich habe nur eine Idee, und ich weiß nicht, ob die Gnädige Frau einverstanden wäre." Frau König sagte: „Was auch immer deine Idee ist, sag es der Herzoginmutter, und wir beraten uns gemeinsam." Phönixglanz sagte: „So wie ich es sehe, gibt es nur eine Lösung: einen Tausch." Die Herzoginmutter fragte: „Was für einen Tausch?" Phönixglanz antwortete: „Ob Schatzjade bei Verstand ist oder nicht — wir lassen unter den Leuten das Gerücht verbreiten, der Herr habe ihn mit dem Fräulein Lin verlobt, und beobachten seine Reaktion. Wenn er völlig gleichgültig bleibt, brauchen wir den Tausch gar nicht. Aber wenn er sich darüber freut, dann wird die Sache wirklich schwierig." Frau König fragte: „Angenommen, er freut sich — wie willst du dann vorgehen?" Phönixglanz ging zu Frau König hinüber und flüsterte ihr eine Weile etwas ins Ohr. Frau König nickte mehrmals, lächelte und sagte: „Das könnte gehen."
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Die Herzoginmutter rief: „Ihr zwei Verschwörerinnen! Verratet mir endlich, was ihr ausheckt!" Phönixglanz fürchtete, die Herzoginmutter würde ihren Plan nicht sofort begreifen und ihn versehentlich verraten, und flüsterte auch ihr alles ins Ohr. Die Herzoginmutter verstand es zunächst tatsächlich nicht. Phönixglanz lächelte und fügte einige erklärende Worte hinzu. Schließlich sagte die Herzoginmutter lachend: „Das klingt nicht schlecht. Aber tut es dem armen Fräulein Schnee nicht zu viel Leid an? Und was, wenn das Fräulein Lin davon erfährt?" Phönixglanz erwiderte: „Das wird nur Schatzjade gesagt. Niemand sonst darf es erwähnen. Wer soll es also erfahren?"
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Gerade in diesem Moment meldete ein Dienstmädchen: „Der Zweite Herr Kette Kaufmann ist zurück." Frau König befürchtete, die Herzoginmutter könnte nach den traurigen Neuigkeiten fragen, die den Anlass seiner Reise gebildet hatten, und warf Phönixglanz einen bedeutungsvollen Blick zu. Phönixglanz ging hinaus, Kette Kaufmann entgegen, und gab ihm mit einer Lippenbewegung zu verstehen, er solle mit ihr zu Frau Königs Gemächern gehen und dort warten.
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Nach einer Weile kam Frau König herein und fand Phönixglanz bereits mit rotgeweinten Augen vor. Kette Kaufmann machte Frau König seine Aufwartung und berichtete ausführlich über die Bestattungsvorbereitungen für König Ziteng am Zehn-Meilen-Dorf. Dann fuhr er fort: „Auf kaiserlichen Beschluss wurde posthum der Rang eines Großsekretärs verliehen und der Titel ‚Fürst Wenqin'. Der Hof hat befohlen, dass die Familie den Sarg in die Heimat begleite, und die örtlichen Beamten entlang der Strecke sind angewiesen, für sie zu sorgen. Gestern sind sie aufgebrochen und ziehen nach Süden zurück. Die Tante bat mich, Grüße auszurichten. Sie sagte, sie habe so vieles zu erzählen, könne aber jetzt nicht nach Peking kommen. Sie hat gehört, dass mein Schwager nach Peking kommt; wenn ich ihm unterwegs begegne, solle ich ihm sagen, er möge hierherkommen und alles berichten." Frau König nahm all dies mit einem Kummer auf, der keiner Worte bedarf. Phönixglanz tröstete sie eine Weile und sagte: „Möge die Gnädige Frau sich ein wenig ausruhen. Am Abend kommen wir wieder und besprechen Schatzjades Angelegenheit." Damit nahm sie Kette Kaufmann mit in ihre eigenen Gemächer, berichtete ihm alles, was beschlossen worden war, und wies ihn an, die neuen Wohnräume herrichten zu lassen. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein.
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Eines Tages, nach dem Frühstück, nahm Kajaljade <ref>Chinesisch: 林黛玉</ref> Purpurkuckuck <ref>Chinesisch: 紫鹃</ref> mit, um die Herzoginmutter zu besuchen — zum einen, um ihr die Aufwartung zu machen, zum anderen, um sich selbst ein wenig Zerstreuung zu verschaffen. Kaum hatte sie den Xiaoxiang-Pavillon verlassen und einige Schritte getan, fiel ihr ein, dass sie ihr Taschentuch vergessen hatte. Sie schickte Purpurkuckuck zurück, es zu holen, und ging selbst langsam weiter, um auf sie zu warten. Gerade hatte sie die Stelle hinter den Felsen an der Qinfang-Brücke erreicht — eben jenen Ort, an dem sie einst mit Schatzjade Blüten begraben hatte —, als sie plötzlich jemanden bitterlich schluchzen hörte. Kajaljade blieb stehen und lauschte, konnte aber weder die Stimme erkennen noch verstehen, was die Person durch ihr Schluchzen hindurch sagte. Im Herzen sehr verwundert, ging sie vorsichtig näher. Als sie an der Stelle ankam, sah sie ein Mädchen mit großen Augen und dicken Augenbrauen, das dort saß und weinte. Bevor sie das Mädchen erblickt hatte, hatte Kajaljade vermutet, eines der großen Dienstmädchen des Hauses habe irgendein unaussprechliches Herzensleid und komme hierher, um sich auszuweinen. Als sie nun aber dieses Mädchen sah, musste sie fast lachen: „So ein plumpes Geschöpf — was wüsste die schon von Gefühlen! Das muss eine der Mägde sein, die schwere Arbeit verrichten, und sie wird wohl von einem der älteren Mädchen gescholten worden sein." Sie sah genauer hin, konnte das Mädchen aber nicht einordnen.
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Als das Mädchen Kajaljade kommen sah, hörte es auf zu weinen, stand auf und wischte sich die Tränen ab. Kajaljade fragte: „Was machst du denn hier, dass du so traurig bist?" Das Mädchen hörte diese Worte und brach erneut in Tränen aus: „Fräulein Lin, urteilt selbst, ob das gerecht ist! Die haben da etwas besprochen, und ich habe davon nichts gewusst, und nur weil ich ein falsches Wort gesagt habe — muss meine Schwester mich deshalb gleich schlagen?" Kajaljade verstand nicht, wovon sie sprach, lächelte und fragte: „Wer ist deine Schwester?" Das Mädchen antwortete: „Die Schwester Zhenzhù." Kajaljade wusste nun, dass sie zu den Gemächern der Herzoginmutter gehörte, und fragte weiter: „Und wie heißt du?" Das Mädchen sagte: „Ich heiße Sha Dajie, das Dummerchen." Kajaljade lachte. Dann fragte sie: „Warum hat sie dich geschlagen? Was hast du Falsches gesagt?" Das Mädchen antwortete: „Es ging um die Hochzeit unseres Zweiten Herrn Schatzjade mit dem Fräulein Schnee."
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Als Kajaljade diese Worte hörte, traf es sie wie ein Donnerschlag, und ihr Herz schlug wild. Nachdem sie sich einen Moment gesammelt hatte, sagte sie dem Mädchen, es solle ihr folgen. Das Mädchen folgte Kajaljade zu jener abgelegenen Ecke, wo einst die Pfirsichblüten begraben worden waren — ein stiller Ort. Kajaljade fragte: „Dass der Zweite Herr Schatzjade das Fräulein Schnee heiratet — warum hat sie dich deswegen geschlagen?" Das Dummerchen antwortete: „Unsere Herzoginmutter und die Gnädige Frau und die Zweite Herrin haben beraten: Weil unser Herr bald abreist, wollen sie schnell zu Tante Schnee gehen und das Fräulein Schnee herholen lassen. Erstens soll es dem Zweiten Herrn Glück bringen, und zweitens ..." Sie hielt inne, sah Kajaljade kichernd an und fuhr dann fort: „... wollen sie rasch alles erledigen, damit man auch für das Fräulein Lin einen Ehemann suchen kann."
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Kajaljade war wie versteinert. Das Mädchen plapperte munter weiter: „Ich weiß ja auch nicht, was die da untereinander besprochen haben. Niemand soll darüber reden, weil man fürchtet, das Fräulein Schnee könnte sich schämen. Da habe ich doch nur ganz beiläufig zu der Schwester Dufthauch im Zimmer des Zweiten Herrn gesagt: ‚Na, bei uns wird es ja nun noch lebhafter — erst das Fräulein Schnee, und dann ist sie auch noch die Zweite Herrin, wie soll man sie dann ansprechen?' Fräulein Lin, sagt selbst: Hat Schwester Zhenzhù einen Grund, mich dafür zu schlagen? Sie kam her und verpasste mir eine Ohrfeige und sagte, ich rede Unsinn und befolge nicht die Anweisungen von oben und würde hinausgeworfen! Woher sollte ich denn wissen, dass die Herrschaften nicht wollen, dass man darüber spricht? Mir hat es ja keiner gesagt, und dann wird man einfach geschlagen!" Und sie fing wieder an zu weinen.
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Kajaljade fühlte sich in diesem Augenblick, als hätte man ihr Öl, Sojasoße, Zucker und Essig zugleich ins Herz geschüttet — süß, bitter, sauer, salzig, alles durcheinander, und sie hätte nicht sagen können, welcher Geschmack überwog. Nach einer Weile sagte sie mit zitternder Stimme: „Hör auf, solchen Unsinn zu reden. Wenn du so weiter schwatzt, wirst du wieder geschlagen. Geh jetzt!" Dann wandte sie sich um, um zum Xiaoxiang-Pavillon zurückzugehen. Doch ihr Körper schien tausend Pfund zu wiegen, und ihre Füße waren weich, als trete sie auf Watte. Sie konnte nur noch ganz langsam, Schritt für Schritt, vorwärts gehen. Nach einer halben Ewigkeit hatte sie die Qinfang-Brücke noch immer nicht erreicht: Ihre Füße waren so weich, dass sie nur kriechend langsam vorankam, und in ihrer Benommenheit und Verwirrung war sie einen Umweg gelaufen, so dass sich ihr Weg um zwei Bogenschussweiten verlängert hatte. Als sie endlich die Qinfang-Brücke erreichte, ging sie plötzlich, ohne es zu bemerken, am Ufer entlang in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war.
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Purpurkuckuck hatte das Taschentuch geholt und Kajaljade nicht vorgefunden. Sie sah sich gerade suchend um, als sie Kajaljade erblickte — schneeweiß im Gesicht, schwankend, mit starrem Blick, wie sie dort hin und her irrte. In der Ferne entfernte sich auch ein Mädchen, aber sie konnte nicht erkennen, wer es war. Verwirrt und besorgt, beschleunigte sie ihren Schritt und fragte leise: „Fräulein, warum geht Ihr zurück? Wohin wollt Ihr?" Kajaljade hörte die Frage nur wie durch einen Nebel und antwortete unwillkürlich: „Ich gehe Schatzjade fragen."
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Purpurkuckuck verstand nicht, was das bedeuten sollte, und konnte sie nur stützend zu den Gemächern der Herzoginmutter bringen.
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Am Eingang zu den Gemächern der Herzoginmutter schien Kajaljades Geist plötzlich etwas klarer zu werden. Sie drehte sich um, sah, dass Purpurkuckuck sie stützte, blieb stehen und fragte: „Was machst du hier?" Purpurkuckuck lächelte verlegen: „Ich bin mit dem Taschentuch zurückgekommen. Vorhin sah ich das Fräulein drüben bei der Brücke, und ich bin hinübergeeilt und habe gefragt, aber das Fräulein hat mich gar nicht beachtet." Kajaljade lächelte: „Ich dachte, du kommst hierher, um den Zweiten Herrn Schatzjade zu besuchen — weshalb solltest du sonst hierher gehen?" Purpurkuckuck sah an der Verwirrung in ihren Augen, dass Kajaljade von dem Mädchen irgendetwas gehört haben musste. Sie konnte nur nicken und leicht lächeln. Doch in ihrem Inneren machte sie sich große Sorgen: Wenn Kajaljade auf Schatzjade träfe — der eine schon ganz von Sinnen, die andere nun so benommen —, würden womöglich Dinge gesagt, die das Anstandsgefühl verletzten, und was dann? So dachte sie bei sich, wagte aber nicht zu widersprechen und führte Kajaljade hinein.
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Kajaljade aber verhielt sich nun seltsam: Sie wirkte nicht mehr so kraftlos wie zuvor, ließ auch Purpurkuckuck nicht den Vorhang heben, sondern hob ihn selbst und trat ein. Drinnen war es totenstill: Die Herzoginmutter schlief gerade ihren Mittagsschlaf, und von den Dienstmädchen waren manche zum Spielen weggelaufen, andere dösten, wieder andere warteten bei der Herzoginmutter im Schlafzimmer. Es war Dufthauch, die das Rascheln des Vorhangs hörte und aus dem Zimmer kam. Als sie Kajaljade sah, begrüßte sie sie höflich: „Fräulein, bitte tretet ein und setzt Euch." Kajaljade lächelte und fragte: „Ist der Zweite Herr zu Hause?" Dufthauch, die nichts ahnte, wollte gerade antworten, als sie sah, wie Purpurkuckuck hinter Kajaljades Rücken mit den Lippen auf ihre Herrin zeigte und warnend mit der Hand winkte. Dufthauch verstand nicht, was das bedeutete, und wagte nichts zu sagen.
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Kajaljade kümmerte sich nicht darum und ging von selbst in das Zimmer. Sie sah Schatzjade auf dem Bett sitzen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen, sondern starrte sie nur dümmlich grinsend an. Kajaljade setzte sich unaufgefordert hin und starrte Schatzjade ebenfalls lächelnd an. Die beiden fragten sich nicht nach dem Befinden, sagten kein Wort, machten keinerlei Höflichkeitsbezeugungen, sondern saßen einander nur gegenüber und grinsten sich wie zwei Narren an. Dufthauch stand daneben, sah dieses Schauspiel und war völlig ratlos. Plötzlich sagte Kajaljade: „Schatzjade, warum bist du krank geworden?" Schatzjade lachte: „Ich bin wegen des Fräulein Lin krank geworden." Dufthauch und Purpurkuckuck erbleichten vor Schreck und versuchten hastig, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Die beiden aber antworteten nicht und grinsten sich wie zuvor dumm an.
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Als Dufthauch sah, dass Kajaljade ebenso verwirrt war wie Schatzjade, flüsterte sie Purpurkuckuck zu: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Ich rufe die Schwester Herbstmuster, die soll dir helfen, das Fräulein zurückzubringen. Sie sollte sich ausruhen." Dann wandte sie sich an Herbstmuster: „Geh mit der Schwester Purpurkuckuck und begleite das Fräulein Lin zurück. Und unterlasst jedes unnötige Gerede!" Herbstmuster lächelte wortlos und trat hinzu, um Purpurkuckuck zu helfen. Sie fassten Kajaljade unter den Armen. Kajaljade stand sofort auf, starrte Schatzjade unverwandt an, lächelte und nickte. Purpurkuckuck drängte: „Fräulein, gehen wir nach Hause, Ihr müsst Euch ausruhen!" Kajaljade sagte: „Ja, gewiss, es ist Zeit für mich zu gehen." Damit wandte sie sich lächelnd um und ging hinaus, ließ sich von den Mädchen nicht stützen und lief doppelt so schnell wie sonst. Purpurkuckuck und Herbstmuster eilten ihr nach.
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Kajaljade verließ das Tor der Gemächer der Herzoginmutter und ging geradewegs in die falsche Richtung. Purpurkuckuck fasste sie hastig am Arm und rief: „Fräulein, hier entlang!" Kajaljade lächelte noch immer und folgte Purpurkuckuck zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie nicht mehr weit vom Eingang entfernt waren, rief Purpurkuckuck: „Dem Himmel sei Dank! Endlich zu Hause!" Doch kaum hatte sie den Satz beendet, da kippte Kajaljade nach vorn, schrie laut auf, und ein Schwall Blut schoss ihr aus dem Mund.
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Ob sie dies überlebte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.
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Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Sechsundneunzigstes Kapitel Die Nachricht verheimlichend, schmiedet Phönixglanz einen listigen Plan; das Geheimnis aufgedeckt, verliert das Stirnrunzelmädchen den Verstand

Es wird erzählt, dass Kette Kaufmann [1] die falsche Jade nahm und wutentbrannt nach draußen ging, bis er das Arbeitszimmer erreichte. Der Betrüger sah Kette Kaufmanns finstere Miene und erschrak zuinnerst. Eilig stand er auf, um ihm entgegenzugehen. Er wollte gerade etwas sagen, da lachte Kette Kaufmann schon kalt und herrschte ihn an: „So eine Dreistigkeit! Du elender Taugenichts! Weißt du überhaupt, was dies für ein Ort ist? Wie kannst du es wagen, hier solche Spielchen zu treiben!" Er drehte sich um und rief: „Wo sind die Diener?" Draußen antworteten, donnernd wie ein Gewitter, mehrere Diener im Chor. Kette Kaufmann befahl: „Holt Stricke und fesselt ihn! Wenn der Herr zurückkehrt, werde ich ihm Bericht erstatten und diesen Burschen zum Yamen schicken lassen." Die Diener antworteten wieder im Chor: „Alles schon bereit!" Sie sagten es zwar, rührten sich aber nicht von der Stelle.

Der Betrüger war vor Schreck bereits wie gelähmt. Als er diese Zurschaustellung von Macht sah und wusste, dass er der Strafe nicht entgehen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als vor Kette Kaufmann niederzuknien und den Kopf auf den Boden zu stoßen. Unablässig flehte er: „Gnädiger Herr, erzürnt Euch nicht! Ich war in meiner Armut so verzweifelt, dass mir kein anderer Ausweg einfiel als dieses schändliche Gewerbe. Die Jade habe ich auf Pump anfertigen lassen, ich wage nicht mehr, Geld dafür zu verlangen. Betrachtet sie als bescheidenes Geschenk für den jungen Herrn zum Spielen!" Damit sprach er und stieß wieder und wieder den Kopf auf den Boden. Kette Kaufmann spuckte verächtlich aus: „Du weißt ja nicht einmal, ob du leben oder sterben sollst! Als ob dieses Haus auf deinen wertlosen Plunder angewiesen wäre!"

Gerade als der Tumult andauerte, trat Lai Da ein und wandte sich mit aufgesetztem Lächeln an Kette Kaufmann: „Zweiter Herr, ärgert Euch doch nicht. Was ist so einer schon wert? Lasst ihn laufen, sagt ihm, er soll sich scheren!" Kette Kaufmann sagte: „Er ist wirklich unerträglich!" Lai Da und Kette Kaufmann wechselten zwischen Drohung und Beschwichtigung, während die Leute draußen allesamt riefen: „Du dämlicher Dummkopf! Willst du dem Herrn und dem Herrn Lai nicht endlich den Kotau machen? Los, mach dich davon, oder willst du einen Tritt in die Magengrube!" Der Betrüger stieß hastig noch zwei Mal den Kopf auf den Boden, legte die Hände auf seinen Hinterkopf und flüchtete wie eine verschreckte Ratte. Von da an machte die Geschichte auf der Straße die Runde: „Schatzjade Kaufmann hat eine ‚falsche Schatzjade' hervorgebracht!"

Nun wird berichtet, dass Aufrecht Kaufmann [2] an jenem Tag von einem Besuch zurückkehrte. Die Hausleute dachten, da gerade Laternenfest war und die Angelegenheit ohnehin vorüber, sei es besser, Aufrecht Kaufmann nicht zu verärgern, und so berichtete ihm niemand davon. Wegen der Angelegenheiten um die Edle Gemahlin [3] hatte man sich lange abgemüht, und da Schatzjade [4] obendrein krank war, hatte trotz des üblichen Neujahrsbankett niemand Lust zum Feiern. Es gab nichts Nennenswertes zu berichten.

Am siebzehnten Tag des ersten Monats, als Frau König [5] gerade die Ankunft ihres Bruders König Ziteng in der Hauptstadt erwartete, kam Phönixglanz [6] herein und berichtete: „Heute hat der Zweite Herr draußen ein Gerücht gehört: Unser Onkel sei eilig auf dem Weg in die Hauptstadt gewesen, nur noch zweihundert Meilen von der Stadt entfernt, da sei er unterwegs gestorben. Hat die Gnädige Frau das schon gehört?" Frau König erschrak und sagte: „Nein, das habe ich nicht gehört. Der Herr hat gestern Abend auch nichts dergleichen erwähnt. Wo genau hat er das gehört?" Phönixglanz antwortete: „Angeblich im Haus des Staatsrats Zhang." Frau König erstarrte für eine halbe Ewigkeit, und die Tränen flossen ihr bereits über die Wangen. Sie wischte sich die Tränen ab und sagte: „Wenn Kette Kaufmann zurückkommt, sag ihm, er soll die Sache gründlich in Erfahrung bringen und mir dann berichten." Phönixglanz stimmte zu und ging.

Frau König konnte nicht umhin, im Stillen zu weinen: Sie trauerte um ihre Tochter und beweinte ihren Bruder und sorgte sich zudem um Schatzjade. So kam eines zum anderen, alles lief gegen sie, und schließlich begann sie, Schmerzen in der Herzgrube zu spüren. Dann kam Kette Kaufmann zurück, nachdem er alles in Erfahrung gebracht hatte, und berichtete: „Der Onkel war von der Anstrengung der Reise erschöpft und hatte sich zufällig erkältet. Als sie den Ort Zehn-Meilen-Dorf erreichten, wurde ein Arzt gerufen, doch leider gab es an diesem abgelegenen Ort keinen guten Arzt. Es wurde das falsche Mittel verschrieben, und schon nach einer einzigen Dosis war er tot. Ich weiß allerdings nicht, ob seine Familie schon dort angekommen ist." Frau König überkam bittere Trauer, und die Schmerzen in der Herzgrube wurden so heftig, dass sie nicht mehr sitzen konnte. Sie ließ Farbwölkchen und die anderen sie auf das Ofenbett helfen und erteilte mit letzter Kraft Kette Kaufmann den Auftrag, es Aufrecht Kaufmann zu berichten: „Pack sofort deine Sachen, reise dorthin und hilf der Familie bei den Vorbereitungen. Komm sofort zurück und berichte uns, damit deine Frau sich beruhigen kann." Kette Kaufmann wagte nicht zu widersprechen und verabschiedete sich von Aufrecht Kaufmann, um aufzubrechen.

Aufrecht Kaufmann hatte bereits selbst davon erfahren und war zutiefst betrübt. Er wusste auch, dass Schatzjades Geist seit dem Verlust der Jade umnachtet war und keine Medizin half, und nun kamen auch noch Frau Königs Herzschmerzen hinzu. In jenem Jahr stand gerade die Inspektion der Hauptstadtbeamten an. Das Bauministerium stufte Aufrecht Kaufmann in die erste Klasse ein, und im zweiten Monat führte ihn das Ministerium für bürgerliche Angelegenheiten einer Audienz beim Kaiser vor. Da Seine Majestät Aufrecht Kaufmann als fleißigen, bescheidenen und gewissenhaften Beamten kannte, ernannte er ihn sofort zum Kornaufseher der Provinz Jiangxi. Noch am selben Tag dankte Aufrecht Kaufmann für die Gnade und meldete dem Thron seinen Abreisetag. Obwohl Freunde und Verwandte eifrig gratulierten, war ihm nicht nach Geselligkeit zumute. Er dachte nur an die Unruhe in seiner Familie und wagte doch nicht, seinen Aufbruch hinauszuzögern.

Gerade als er keinen Rat mehr wusste, hörte er, dass die Herzoginmutter [7] nach ihm schicken ließ: „Bittet den Herrn zu mir." Aufrecht Kaufmann eilte sogleich zu ihr und sah, dass auch Frau König trotz ihrer Krankheit dort war. Er erwies der Herzoginmutter seinen Respekt. Sie hieß ihn sich setzen und begann: „In wenigen Tagen wirst du deinen Posten antreten. Ich habe dir so vieles zu sagen, und ich weiß nicht, ob du es anhören wirst." Dabei flossen ihr die Tränen herab. Aufrecht Kaufmann stand eilig auf und sagte: „Mutter, sprich nur, was immer du zu sagen hast! Wie könnte dein Sohn es wagen, deinem Wort nicht zu gehorchen?" Die Herzoginmutter sagte schluchzend: „Ich bin dieses Jahr einundachtzig Jahre alt, und du gehst auf einen Posten in der Ferne. Ausgerechnet dein älterer Bruder ist hier, sodass du keinen Rücktritt wegen alter Eltern beantragen kannst. Wenn du fort bist, bleibt mir nur noch Schatzjade, an dem mein Herz hängt — und ausgerechnet er ist derart krank, dass man nicht weiß, was aus ihm wird! Gestern schickte ich die Frau von Lai Sheng hinaus, um jemanden Schatzjades Schicksal berechnen zu lassen. Der Wahrsager war erstaunlich treffsicher und sagte: Man müsse für ihn eine Person mit dem Schicksal des Goldmetalls heiraten, die ihm hilft; durch eine Freudenhochzeit könne man das Glück wenden, sonst sei kaum Hoffnung. Ich weiß, dass du an solche Dinge nicht glaubst, deshalb habe ich dich herbitten lassen, um es zu bereden. Deine Frau ist auch hier — beratet euch: Wollen wir, dass Schatzjade gesund wird, oder lassen wir ihn dahinsiechen?"

Aufrecht Kaufmann lächelte verlegen und sagte: „Mutter, du hast deinen Sohn einst so innig geliebt — wie könnte der Sohn seinen eigenen Sohn nicht lieben? Nur weil Schatzjade keine Fortschritte machte, war ich stets streng mit ihm, doch das war nur, weil man ein Stück Eisen hasst, das kein Stahl werden will. Wenn Mutter ihn verheiraten will, so ist das ganz in der Ordnung. Wie könnte ich Mutter widersprechen und ihn nicht lieben? Auch ich mache mir große Sorgen um Schatzjades Krankheit. Nur weil Mutter ihn von mir ferngehalten hat, wagte ich nichts zu sagen. Lasst mich ihn einmal sehen — was für eine Krankheit hat er eigentlich?"

Frau König sah, dass auch Aufrecht Kaufmanns Augenränder sich röteten, und wusste, dass sein Herz vor Sorge brannte. Sie befahl Dufthauch [8], Schatzjade herbeizuführen. Als Schatzjade seinen Vater erblickte, wies ihn Dufthauch an, seinen Respekt zu erweisen, und er gehorchte. Aufrecht Kaufmann sah, wie abgemagert sein Gesicht war, wie leblos seine Augen blickten, und dass er ganz wie ein Geistesgestörter wirkte. Er ließ ihn wieder hinausführen und dachte bei sich: „Ich bin selbst bald sechzig und übernehme nun einen Posten in der Ferne, ohne zu wissen, wie viele Jahre es dauern wird, bis ich zurückkehre. Wenn es mit diesem Jungen wirklich schlimm ausgeht — erstens stünde ich im Alter ohne Erben da, und obwohl ich einen Enkel habe, ist das doch nicht dasselbe; zweitens ist Schatzjade der Liebling der Herzoginmutter, und sollte ihm etwas zustoßen, würde meine Schuld nur noch schwerer wiegen." Er blickte auf Frau König, deren Gesicht tränennass war, und dachte auch an ihren Kummer. Er stand wieder auf und sagte: „Wenn Mutter in ihrem hohen Alter Mittel und Wege findet, ihrem Enkelsohn zu helfen, wie könnte der Sohn da widersprechen? Mutter soll entscheiden, und was sie beschließt, das geschehe. Nur — weiß Tante Schnee schon Bescheid?"

Frau König antwortete: „Meine Schwester hat schon längst zugestimmt. Nur weil Becken Schnees Prozess noch nicht abgeschlossen ist, hat man in letzter Zeit nicht davon gesprochen." Aufrecht Kaufmann sagte darauf: „Das ist die erste Schwierigkeit: Wenn der Bruder im Gefängnis sitzt, wie kann die Schwester da heiraten? Außerdem verbietet der Tod der Edlen Nebenfrau zwar nicht ausdrücklich eine Heirat, doch Schatzjade müsste für eine bereits verheiratete ältere Schwester neun Monate Trauerkleidung tragen, und in dieser Zeit ist eine Hochzeit kaum angemessen. Überdies habe ich meinen Abreisetag dem Thron bereits gemeldet und darf nicht zögern — wie soll das in diesen wenigen Tagen gehen?"

Die Herzoginmutter überlegte eine Weile: „Was er sagt, ist in der Tat richtig. Aber wenn wir warten, bis all diese Dinge vorüber sind, wird sein Vater bereits fort sein, und was, wenn die Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wird? Wir müssen einige Regeln übertreten und die Sache rasch erledigen." Als sie sich entschieden hatte, sprach sie: „Wenn du die Hochzeit ausrichten willst, so habe ich einen Plan, mit dem nichts im Wege steht. Was Frau Xue betrifft: Deine Frau und ich werden persönlich zu ihr gehen und sie bitten. Was Becken Schnee angeht: Ich werde den jungen Xue Ke zu ihm schicken, um ihm zu erklären, dass es darum geht, Schatzjades Leben zu retten, und alles möglichst einfach zu halten — er wird sicher einwilligen. Was das Heiraten während der Trauerzeit betrifft: Das geht freilich streng genommen nicht, und außerdem ist Schatzjade krank und kann eigentlich keine richtige Hochzeit feiern. Es geht nur darum, das Glück zu wenden. Beide Familien sind einverstanden, und da die Kinder den Bund von ‚Gold und Jade' haben, brauchen wir keine Horoskope zu vergleichen. Wir wählen einfach einen guten Tag und tauschen die Geschenke nach unserem Familienbrauch aus. Dann bestimmen wir einen Hochzeitstag, verzichten ganz auf Musikkapellen und folgen stattdessen dem Palastbrauch: zwölf Paar Laternen mit langen Stangen und eine Acht-Mann-Sänfte. Nach südlichem Brauch wird die Zeremonie abgehalten — Verbeugung, Sitzen auf dem Brautbett, Werfen von Trockenfrüchten — und damit ist die Hochzeit vollzogen. Schatzspange [9] ist ein verständiges Mädchen, um sie braucht man sich keine Sorgen zu machen. Und dann ist da noch Dufthauch, auch sie ist zuverlässig und besonnen. Noch eine verständige Person, die auf ihn einredet — umso besser. Außerdem kommt sie gut mit Schatzspange aus. Und noch etwas: Frau Xue hat einmal erzählt, auch ein Mönch habe zu Schatzspanges goldenem Schloss gesagt, sie solle nur jemanden mit einer Jade heiraten, dann sei die Ehe bestimmt. Wer weiß — vielleicht bringt Schatzspanges goldenes Schloss seine verschollene Jade zurück, das kann man nicht ausschließen. Von da an wird es von Tag zu Tag besser, und wäre das nicht ein Segen für die ganze Familie! Jetzt müssen nur sofort die Zimmer hergerichtet und alles vorbereitet werden. Um die Zimmerzuweisung musst du dich kümmern. Verwandte und Freunde werden nicht eingeladen, und ein Bankett gibt es auch nicht. Wenn Schatzjade wieder gesund ist und die Trauerzeit vorüber, dann erst laden wir Gäste und feiern. So schaffen wir alles rechtzeitig, du kannst die beiden jungen Leute verheiratet sehen und sorgenfrei in dein Amt ziehen."

Aufrecht Kaufmann war innerlich alles andere als einverstanden, doch da die Herzoginmutter die Entscheidung traf, wagte er nicht zu widersprechen. Er lächelte gezwungen und sagte: „Mutter hat das alles sehr umsichtig durchdacht. Wir müssen nur dem Hauspersonal einschärfen, dass niemand davon nach außen plaudert — das könnte uns in Schwierigkeiten bringen. Ob Frau Xue einverstanden sein wird, weiß ich nicht. Aber wenn sie tatsächlich zustimmt, dann handeln wir nach Mutters Anweisung." Die Herzoginmutter sagte: „Um Frau Xue kümmere ich mich. Geh nur!"

Aufrecht Kaufmann verabschiedete sich und ging, zutiefst unbehaglich. Da ihn die Vorbereitungen für den Amtsantritt in Beschlag nahmen — Abholung der Ernennungsurkunde, Empfehlungen von Freunden und Verwandten, unaufhörliche gesellschaftliche Verpflichtungen —, überließ er die Sache ganz der Herzoginmutter, die sie an Frau König und Phönixglanz weitergab. Er wies lediglich eine Zimmerflucht von über zwanzig Räumen hinter der Ronghalle neben den Privatgemächern der Frau König für Schatzjade an und kümmerte sich um nichts weiter. Die Herzoginmutter ließ ihm ihren Beschluss mitteilen, und Aufrecht Kaufmann antwortete nur: „Sehr gut." Doch davon später.

Nun wird erzählt, dass Schatzjade, nachdem er seinen Vater gesehen hatte, von Dufthauch auf das Ofenbett im inneren Zimmer zurückgebracht wurde. Da Aufrecht Kaufmann im Nebenzimmer war, wagte niemand mit Schatzjade zu sprechen, und dieser döste bald in dumpfem Schlaf dahin. Von dem gesamten Gespräch zwischen seinem Vater und der Herzoginmutter hatte Schatzjade kein einziges Wort gehört. Dufthauch und die anderen hingegen hatten alles in der Stille deutlich mitgehört. Vorher hatten sie zwar schon Gerüchte vernommen, aber es war alles noch vage gewesen; einzig dass Schatzspange nie mehr vorbeikam, hatte ihren Verdacht bestärkt. Nun, da sie alles mit eigenen Ohren gehört hatten, fiel ihnen ein Stein vom Herzen, und Dufthauch freute sich.

Sie dachte bei sich: „Die Herrschaften haben doch ein gutes Auge! Diese Verbindung passt wirklich. Und auch für mich ist es ein Glück — wenn sie erst da ist, wird mir vieles abgenommen. Nur hat dieser Herr in seinem Herzen einzig und allein das Fräulein Lin. Zum Glück hat er nichts gehört. Wenn er davon wüsste, will ich mir gar nicht ausmalen, was für Schwierigkeiten es gäbe." Bei diesem Gedanken schlug ihre Freude in Sorge um. Sie dachte: „Wie soll das nur gehen? Die Herzoginmutter und die Gnädige Frau wissen nichts von den Gefühlen, die zwischen ihm und dem Fräulein Lin bestehen! Wenn sie ihm nun in einem Moment der Begeisterung davon erzählen und meinen, es werde ihn heilen — doch wenn sein Herz noch dasselbe ist wie damals, als er beim ersten Anblick des Fräulein Lin seine Jade zu Boden schleudern und zertrümmern wollte! Und dann jenen Sommer im Garten, als er mich für das Fräulein Lin hielt und mir sein Herz ausschüttete! Und als Purpurkuckuck damals einen Scherz machte, da weinte er sich fast zu Tode! Wenn man ihm nun sagt, er solle das Fräulein Schnee heiraten und das Fräulein Lin vergessen — dann ist das nicht nur kein Glückswechsel, sondern sein Todesurteil! Wenn er allerdings völlig bei Sinnen wäre, ginge es auch nicht. Wenn ich jetzt nicht alles offenlege, bringe ich drei Menschen ins Unglück!"

Dufthauch hatte ihren Entschluss gefasst. Sobald Aufrecht Kaufmann die Damen verlassen hatte, wies sie Herbstmuster [10] an, auf Schatzjade aufzupassen, und ging hinaus in das äußere Zimmer. Sie trat neben Frau König und bat sie leise um ein privates Gespräch in dem Hinterzimmer hinter den Gemächern der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter dachte, es ginge um etwas wegen Schatzjades, und schenkte dem keine Beachtung. Sie war noch mitten in ihren Überlegungen, wie man die Geschenke überreichen und die Hochzeit ausrichten solle.

Dufthauch folgte Frau König in das hintere Zimmer, fiel auf die Knie und weinte. Frau König wusste nicht, was los war. Sie nahm ihre Hand und sagte: „Was soll das denn? Hat dir jemand etwas angetan? Steh auf und sag es mir." Dufthauch sagte: „Eigentlich sollte ich das nicht sagen, aber ich sehe keinen anderen Weg mehr." Frau König: „Dann sprich. Lass dir Zeit." Dufthauch sagte: „Schatzjades Heirat — die Herzoginmutter und die Gnädige Frau haben das Fräulein Schnee gewählt, und das ist natürlich eine ausgezeichnete Wahl. Nur frage ich mich, Herrin: Wie seht Ihr das — steht Schatzjade dem Fräulein Schnee näher oder dem Fräulein Lin?" Frau König antwortete: „Da sie von klein auf zusammengelebt haben, ist Schatzjade wohl dem Fräulein Lin etwas näher." Dufthauch erwiderte: „Nicht nur etwas." Und sie erzählte Frau König ausführlich alles, was sich zwischen Schatzjade und Kajaljade zugetragen hatte, und fügte hinzu: „All diese Dinge hat die Gnädige Frau mit eigenen Augen gesehen. Nur das Vorkommnis im Sommer habe ich bisher keiner Menschenseele erzählt."

Frau König zog Dufthauch an sich und sagte: „Ich hatte von außen schon einiges bemerkt, und was du jetzt erzählst, bestätigt meine Beobachtungen. Aber gerade eben hat der Herr alles besprochen — du hast es gehört. Wie hat Schatzjade reagiert?" Dufthauch antwortete: „So wie die Dinge jetzt liegen, lächelt er jeden an, der mit ihm spricht, und schläft, wenn niemand da ist. Von dem Gespräch eben hat er nichts mitbekommen." Frau König fragte: „Aber was sollen wir dann nur tun?" Dufthauch sagte: „Ich habe mein Wort gesagt. Die Gnädige Frau sollte es der Herzoginmutter mitteilen und gemeinsam einen sicheren Plan ausarbeiten." Frau König sagte: „Gut, dann geh du nur. Jetzt gerade sind zu viele Leute im Raum, es ist nicht der richtige Moment. Ich werde eine Gelegenheit abwarten, es der Herzoginmutter zu erzählen, und dann beraten wir, was zu tun ist."

Darauf kehrte Frau König zu den Gemächern der Herzoginmutter zurück. Die Herzoginmutter war gerade im Gespräch mit Phönixglanz. Als sie Frau König hereinkommen sah, fragte sie: „Was wollte das Mädchen Dufthauch? Was sollte das heimliche Getuschel?" Frau König nutzte die Gelegenheit und berichtete der Herzoginmutter ausführlich von Schatzjades Liebe zu Kajaljade, so wie Dufthauch es ihr erzählt hatte. Nachdem sie geendet hatte, schwieg die Herzoginmutter lange. Weder Frau König noch Phönixglanz wagten ein Wort zu sagen. Schließlich seufzte die Herzoginmutter und sagte: „Alles andere ließe sich irgendwie regeln. Es liegt nicht am Fräulein Lin. Aber wenn Schatzjade wirklich so empfindet, dann stehen wir vor einem kaum lösbaren Problem."

Phönixglanz überlegte eine Weile und sagte dann: „Unlösbar ist es nicht. Ich habe nur eine Idee, und ich weiß nicht, ob die Gnädige Frau einverstanden wäre." Frau König sagte: „Was auch immer deine Idee ist, sag es der Herzoginmutter, und wir beraten uns gemeinsam." Phönixglanz sagte: „So wie ich es sehe, gibt es nur eine Lösung: einen Tausch." Die Herzoginmutter fragte: „Was für einen Tausch?" Phönixglanz antwortete: „Ob Schatzjade bei Verstand ist oder nicht — wir lassen unter den Leuten das Gerücht verbreiten, der Herr habe ihn mit dem Fräulein Lin verlobt, und beobachten seine Reaktion. Wenn er völlig gleichgültig bleibt, brauchen wir den Tausch gar nicht. Aber wenn er sich darüber freut, dann wird die Sache wirklich schwierig." Frau König fragte: „Angenommen, er freut sich — wie willst du dann vorgehen?" Phönixglanz ging zu Frau König hinüber und flüsterte ihr eine Weile etwas ins Ohr. Frau König nickte mehrmals, lächelte und sagte: „Das könnte gehen."

Die Herzoginmutter rief: „Ihr zwei Verschwörerinnen! Verratet mir endlich, was ihr ausheckt!" Phönixglanz fürchtete, die Herzoginmutter würde ihren Plan nicht sofort begreifen und ihn versehentlich verraten, und flüsterte auch ihr alles ins Ohr. Die Herzoginmutter verstand es zunächst tatsächlich nicht. Phönixglanz lächelte und fügte einige erklärende Worte hinzu. Schließlich sagte die Herzoginmutter lachend: „Das klingt nicht schlecht. Aber tut es dem armen Fräulein Schnee nicht zu viel Leid an? Und was, wenn das Fräulein Lin davon erfährt?" Phönixglanz erwiderte: „Das wird nur Schatzjade gesagt. Niemand sonst darf es erwähnen. Wer soll es also erfahren?"

Gerade in diesem Moment meldete ein Dienstmädchen: „Der Zweite Herr Kette Kaufmann ist zurück." Frau König befürchtete, die Herzoginmutter könnte nach den traurigen Neuigkeiten fragen, die den Anlass seiner Reise gebildet hatten, und warf Phönixglanz einen bedeutungsvollen Blick zu. Phönixglanz ging hinaus, Kette Kaufmann entgegen, und gab ihm mit einer Lippenbewegung zu verstehen, er solle mit ihr zu Frau Königs Gemächern gehen und dort warten.

Nach einer Weile kam Frau König herein und fand Phönixglanz bereits mit rotgeweinten Augen vor. Kette Kaufmann machte Frau König seine Aufwartung und berichtete ausführlich über die Bestattungsvorbereitungen für König Ziteng am Zehn-Meilen-Dorf. Dann fuhr er fort: „Auf kaiserlichen Beschluss wurde posthum der Rang eines Großsekretärs verliehen und der Titel ‚Fürst Wenqin'. Der Hof hat befohlen, dass die Familie den Sarg in die Heimat begleite, und die örtlichen Beamten entlang der Strecke sind angewiesen, für sie zu sorgen. Gestern sind sie aufgebrochen und ziehen nach Süden zurück. Die Tante bat mich, Grüße auszurichten. Sie sagte, sie habe so vieles zu erzählen, könne aber jetzt nicht nach Peking kommen. Sie hat gehört, dass mein Schwager nach Peking kommt; wenn ich ihm unterwegs begegne, solle ich ihm sagen, er möge hierherkommen und alles berichten." Frau König nahm all dies mit einem Kummer auf, der keiner Worte bedarf. Phönixglanz tröstete sie eine Weile und sagte: „Möge die Gnädige Frau sich ein wenig ausruhen. Am Abend kommen wir wieder und besprechen Schatzjades Angelegenheit." Damit nahm sie Kette Kaufmann mit in ihre eigenen Gemächer, berichtete ihm alles, was beschlossen worden war, und wies ihn an, die neuen Wohnräume herrichten zu lassen. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein.

Eines Tages, nach dem Frühstück, nahm Kajaljade [11] Purpurkuckuck [12] mit, um die Herzoginmutter zu besuchen — zum einen, um ihr die Aufwartung zu machen, zum anderen, um sich selbst ein wenig Zerstreuung zu verschaffen. Kaum hatte sie den Xiaoxiang-Pavillon verlassen und einige Schritte getan, fiel ihr ein, dass sie ihr Taschentuch vergessen hatte. Sie schickte Purpurkuckuck zurück, es zu holen, und ging selbst langsam weiter, um auf sie zu warten. Gerade hatte sie die Stelle hinter den Felsen an der Qinfang-Brücke erreicht — eben jenen Ort, an dem sie einst mit Schatzjade Blüten begraben hatte —, als sie plötzlich jemanden bitterlich schluchzen hörte. Kajaljade blieb stehen und lauschte, konnte aber weder die Stimme erkennen noch verstehen, was die Person durch ihr Schluchzen hindurch sagte. Im Herzen sehr verwundert, ging sie vorsichtig näher. Als sie an der Stelle ankam, sah sie ein Mädchen mit großen Augen und dicken Augenbrauen, das dort saß und weinte. Bevor sie das Mädchen erblickt hatte, hatte Kajaljade vermutet, eines der großen Dienstmädchen des Hauses habe irgendein unaussprechliches Herzensleid und komme hierher, um sich auszuweinen. Als sie nun aber dieses Mädchen sah, musste sie fast lachen: „So ein plumpes Geschöpf — was wüsste die schon von Gefühlen! Das muss eine der Mägde sein, die schwere Arbeit verrichten, und sie wird wohl von einem der älteren Mädchen gescholten worden sein." Sie sah genauer hin, konnte das Mädchen aber nicht einordnen.

Als das Mädchen Kajaljade kommen sah, hörte es auf zu weinen, stand auf und wischte sich die Tränen ab. Kajaljade fragte: „Was machst du denn hier, dass du so traurig bist?" Das Mädchen hörte diese Worte und brach erneut in Tränen aus: „Fräulein Lin, urteilt selbst, ob das gerecht ist! Die haben da etwas besprochen, und ich habe davon nichts gewusst, und nur weil ich ein falsches Wort gesagt habe — muss meine Schwester mich deshalb gleich schlagen?" Kajaljade verstand nicht, wovon sie sprach, lächelte und fragte: „Wer ist deine Schwester?" Das Mädchen antwortete: „Die Schwester Zhenzhù." Kajaljade wusste nun, dass sie zu den Gemächern der Herzoginmutter gehörte, und fragte weiter: „Und wie heißt du?" Das Mädchen sagte: „Ich heiße Sha Dajie, das Dummerchen." Kajaljade lachte. Dann fragte sie: „Warum hat sie dich geschlagen? Was hast du Falsches gesagt?" Das Mädchen antwortete: „Es ging um die Hochzeit unseres Zweiten Herrn Schatzjade mit dem Fräulein Schnee."

Als Kajaljade diese Worte hörte, traf es sie wie ein Donnerschlag, und ihr Herz schlug wild. Nachdem sie sich einen Moment gesammelt hatte, sagte sie dem Mädchen, es solle ihr folgen. Das Mädchen folgte Kajaljade zu jener abgelegenen Ecke, wo einst die Pfirsichblüten begraben worden waren — ein stiller Ort. Kajaljade fragte: „Dass der Zweite Herr Schatzjade das Fräulein Schnee heiratet — warum hat sie dich deswegen geschlagen?" Das Dummerchen antwortete: „Unsere Herzoginmutter und die Gnädige Frau und die Zweite Herrin haben beraten: Weil unser Herr bald abreist, wollen sie schnell zu Tante Schnee gehen und das Fräulein Schnee herholen lassen. Erstens soll es dem Zweiten Herrn Glück bringen, und zweitens ..." Sie hielt inne, sah Kajaljade kichernd an und fuhr dann fort: „... wollen sie rasch alles erledigen, damit man auch für das Fräulein Lin einen Ehemann suchen kann."

Kajaljade war wie versteinert. Das Mädchen plapperte munter weiter: „Ich weiß ja auch nicht, was die da untereinander besprochen haben. Niemand soll darüber reden, weil man fürchtet, das Fräulein Schnee könnte sich schämen. Da habe ich doch nur ganz beiläufig zu der Schwester Dufthauch im Zimmer des Zweiten Herrn gesagt: ‚Na, bei uns wird es ja nun noch lebhafter — erst das Fräulein Schnee, und dann ist sie auch noch die Zweite Herrin, wie soll man sie dann ansprechen?' Fräulein Lin, sagt selbst: Hat Schwester Zhenzhù einen Grund, mich dafür zu schlagen? Sie kam her und verpasste mir eine Ohrfeige und sagte, ich rede Unsinn und befolge nicht die Anweisungen von oben und würde hinausgeworfen! Woher sollte ich denn wissen, dass die Herrschaften nicht wollen, dass man darüber spricht? Mir hat es ja keiner gesagt, und dann wird man einfach geschlagen!" Und sie fing wieder an zu weinen.

Kajaljade fühlte sich in diesem Augenblick, als hätte man ihr Öl, Sojasoße, Zucker und Essig zugleich ins Herz geschüttet — süß, bitter, sauer, salzig, alles durcheinander, und sie hätte nicht sagen können, welcher Geschmack überwog. Nach einer Weile sagte sie mit zitternder Stimme: „Hör auf, solchen Unsinn zu reden. Wenn du so weiter schwatzt, wirst du wieder geschlagen. Geh jetzt!" Dann wandte sie sich um, um zum Xiaoxiang-Pavillon zurückzugehen. Doch ihr Körper schien tausend Pfund zu wiegen, und ihre Füße waren weich, als trete sie auf Watte. Sie konnte nur noch ganz langsam, Schritt für Schritt, vorwärts gehen. Nach einer halben Ewigkeit hatte sie die Qinfang-Brücke noch immer nicht erreicht: Ihre Füße waren so weich, dass sie nur kriechend langsam vorankam, und in ihrer Benommenheit und Verwirrung war sie einen Umweg gelaufen, so dass sich ihr Weg um zwei Bogenschussweiten verlängert hatte. Als sie endlich die Qinfang-Brücke erreichte, ging sie plötzlich, ohne es zu bemerken, am Ufer entlang in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war.

Purpurkuckuck hatte das Taschentuch geholt und Kajaljade nicht vorgefunden. Sie sah sich gerade suchend um, als sie Kajaljade erblickte — schneeweiß im Gesicht, schwankend, mit starrem Blick, wie sie dort hin und her irrte. In der Ferne entfernte sich auch ein Mädchen, aber sie konnte nicht erkennen, wer es war. Verwirrt und besorgt, beschleunigte sie ihren Schritt und fragte leise: „Fräulein, warum geht Ihr zurück? Wohin wollt Ihr?" Kajaljade hörte die Frage nur wie durch einen Nebel und antwortete unwillkürlich: „Ich gehe Schatzjade fragen."

Purpurkuckuck verstand nicht, was das bedeuten sollte, und konnte sie nur stützend zu den Gemächern der Herzoginmutter bringen.

Am Eingang zu den Gemächern der Herzoginmutter schien Kajaljades Geist plötzlich etwas klarer zu werden. Sie drehte sich um, sah, dass Purpurkuckuck sie stützte, blieb stehen und fragte: „Was machst du hier?" Purpurkuckuck lächelte verlegen: „Ich bin mit dem Taschentuch zurückgekommen. Vorhin sah ich das Fräulein drüben bei der Brücke, und ich bin hinübergeeilt und habe gefragt, aber das Fräulein hat mich gar nicht beachtet." Kajaljade lächelte: „Ich dachte, du kommst hierher, um den Zweiten Herrn Schatzjade zu besuchen — weshalb solltest du sonst hierher gehen?" Purpurkuckuck sah an der Verwirrung in ihren Augen, dass Kajaljade von dem Mädchen irgendetwas gehört haben musste. Sie konnte nur nicken und leicht lächeln. Doch in ihrem Inneren machte sie sich große Sorgen: Wenn Kajaljade auf Schatzjade träfe — der eine schon ganz von Sinnen, die andere nun so benommen —, würden womöglich Dinge gesagt, die das Anstandsgefühl verletzten, und was dann? So dachte sie bei sich, wagte aber nicht zu widersprechen und führte Kajaljade hinein.

Kajaljade aber verhielt sich nun seltsam: Sie wirkte nicht mehr so kraftlos wie zuvor, ließ auch Purpurkuckuck nicht den Vorhang heben, sondern hob ihn selbst und trat ein. Drinnen war es totenstill: Die Herzoginmutter schlief gerade ihren Mittagsschlaf, und von den Dienstmädchen waren manche zum Spielen weggelaufen, andere dösten, wieder andere warteten bei der Herzoginmutter im Schlafzimmer. Es war Dufthauch, die das Rascheln des Vorhangs hörte und aus dem Zimmer kam. Als sie Kajaljade sah, begrüßte sie sie höflich: „Fräulein, bitte tretet ein und setzt Euch." Kajaljade lächelte und fragte: „Ist der Zweite Herr zu Hause?" Dufthauch, die nichts ahnte, wollte gerade antworten, als sie sah, wie Purpurkuckuck hinter Kajaljades Rücken mit den Lippen auf ihre Herrin zeigte und warnend mit der Hand winkte. Dufthauch verstand nicht, was das bedeutete, und wagte nichts zu sagen.

Kajaljade kümmerte sich nicht darum und ging von selbst in das Zimmer. Sie sah Schatzjade auf dem Bett sitzen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen, sondern starrte sie nur dümmlich grinsend an. Kajaljade setzte sich unaufgefordert hin und starrte Schatzjade ebenfalls lächelnd an. Die beiden fragten sich nicht nach dem Befinden, sagten kein Wort, machten keinerlei Höflichkeitsbezeugungen, sondern saßen einander nur gegenüber und grinsten sich wie zwei Narren an. Dufthauch stand daneben, sah dieses Schauspiel und war völlig ratlos. Plötzlich sagte Kajaljade: „Schatzjade, warum bist du krank geworden?" Schatzjade lachte: „Ich bin wegen des Fräulein Lin krank geworden." Dufthauch und Purpurkuckuck erbleichten vor Schreck und versuchten hastig, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Die beiden aber antworteten nicht und grinsten sich wie zuvor dumm an.

Als Dufthauch sah, dass Kajaljade ebenso verwirrt war wie Schatzjade, flüsterte sie Purpurkuckuck zu: „Das Fräulein hat sich gerade erst erholt. Ich rufe die Schwester Herbstmuster, die soll dir helfen, das Fräulein zurückzubringen. Sie sollte sich ausruhen." Dann wandte sie sich an Herbstmuster: „Geh mit der Schwester Purpurkuckuck und begleite das Fräulein Lin zurück. Und unterlasst jedes unnötige Gerede!" Herbstmuster lächelte wortlos und trat hinzu, um Purpurkuckuck zu helfen. Sie fassten Kajaljade unter den Armen. Kajaljade stand sofort auf, starrte Schatzjade unverwandt an, lächelte und nickte. Purpurkuckuck drängte: „Fräulein, gehen wir nach Hause, Ihr müsst Euch ausruhen!" Kajaljade sagte: „Ja, gewiss, es ist Zeit für mich zu gehen." Damit wandte sie sich lächelnd um und ging hinaus, ließ sich von den Mädchen nicht stützen und lief doppelt so schnell wie sonst. Purpurkuckuck und Herbstmuster eilten ihr nach.

Kajaljade verließ das Tor der Gemächer der Herzoginmutter und ging geradewegs in die falsche Richtung. Purpurkuckuck fasste sie hastig am Arm und rief: „Fräulein, hier entlang!" Kajaljade lächelte noch immer und folgte Purpurkuckuck zum Xiaoxiang-Pavillon. Als sie nicht mehr weit vom Eingang entfernt waren, rief Purpurkuckuck: „Dem Himmel sei Dank! Endlich zu Hause!" Doch kaum hatte sie den Satz beendet, da kippte Kajaljade nach vorn, schrie laut auf, und ein Schwall Blut schoss ihr aus dem Mund.

Ob sie dies überlebte, erfährt der geneigte Leser im folgenden Kapitel.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).

  1. Chinesisch: 贾琏
  2. Chinesisch: 贾政
  3. Chinesisch: 元妃
  4. Chinesisch: 宝玉
  5. Chinesisch: 王夫人
  6. Chinesisch: 王熙凤
  7. Chinesisch: 贾母
  8. Chinesisch: 袭人
  9. Chinesisch: 宝钗
  10. Chinesisch: 秋纹
  11. Chinesisch: 林黛玉
  12. Chinesisch: 紫鹃