Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 113"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 113)
 
(DE4 Korrektur-Update Kap. 113)
 
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Kapitel 113
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Frühere Schuld bereuen — Phönixglanz vertraut einer Bäuerin ihr Kind an
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_112|<span style="color: #FFD700;">112</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">113</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_114|<span style="color: #FFD700;">114</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_115|<span style="color: #FFD700;">115</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_116|<span style="color: #FFD700;">116</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_117|<span style="color: #FFD700;">117</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_118|<span style="color: #FFD700;">118</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_119|<span style="color: #FFD700;">119</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_120|<span style="color: #FFD700;">120</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Alten Groll lösen — die treue Dienerin wird vom törichten Liebhaber gerührt
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.</ref> im Tempel von einer plötzlichen Krankheit befallen worden war. Als die Umstehenden weniger wurden, redete sie nur noch wilder wirres Zeug daher, was alle Anwesenden vor Schrecken erstarren ließ. Zwei Frauen stützten Nebenfrau Zhao, die auf beiden Knien auf dem Boden kniete, bald redete, bald weinte. Manchmal warf sie sich auf den Boden und schrie um Gnade: „Schlagt mich nicht tot! Herr mit dem roten Bart, ich wage es nie wieder!" Dann wieder faltete sie die Hände und schrie vor Schmerzen; die Augen traten ihr aus dem Kopf, frisches Blut floss aus ihrem Mund, die Haare hingen ihr aufgelöst herab. Alle hatten Angst und wagten sich nicht in ihre Nähe. Inzwischen war es Abend geworden, und Nebenfrau Zhaos Stimme wurde immer heiserer, bis sie wie das Heulen eines Gespenstes klang. Niemand wagte es, bei ihr zu bleiben; man musste einige beherzte Männer hereinrufen, die sich zu ihr setzten. Nebenfrau Zhao starb zwischendurch, kam aber nach einer Weile wieder zu sich und trieb so die ganze Nacht ihr Unwesen.
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_113|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_113|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 113 =
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Am nächsten Tag sprach sie kein Wort mehr, schnitt nur noch Fratzen und riss sich mit den Händen die Kleider auf, entblößte die Brust, als ob jemand sie bei lebendigem Leibe häuten würde. Die arme Nebenfrau Zhao konnte zwar nicht mehr sprechen, doch ihr Leiden war wahrhaft unerträglich anzusehen. Gerade in diesem kritischen Augenblick kam der Arzt, wagte aber nicht einmal, den Puls zu fühlen, und sagte nur: „Bereitet die Bestattung vor!" Damit erhob er sich und wollte gehen. Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Bitte, Herr Doktor, fühlen Sie doch den Puls, damit ich meiner Herrschaft Bericht erstatten kann!" Der Arzt legte die Hand auf — es war kein Puls mehr zu fühlen. Als Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.</ref> dies hörte, brach er erst in lautes Weinen aus. Alle kümmerten sich nur um Unheil Kaufmann; wer kümmerte sich schon um Nebenfrau Zhao, die mit wirren Haaren und nackten Füßen auf dem Kang gestorben war? Nur Nebenfrau Zhou dachte bei sich: „Das Schicksal einer Nebenfrau endet eben so! Dabei hat sie immerhin noch einen Sohn. Wenn ich einmal sterbe, wer weiß, wie es mir ergehen wird!" Und so empfand sie im Gegenteil tiefes Mitleid.
== 忏宿冤凤姐托村妪 / 释旧憾情婢感痴郎 ==
 
  
du noch wach?“
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Man berichtete Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> von der Sache. Aufrecht Kaufmann schickte sofort jemanden, um alles Nötige wie üblich zu erledigen: Er solle Unheil Kaufmann drei Tage lang Gesellschaft leisten und dann gemeinsam mit ihm zurückkehren. Der Bote ging.
Dsï-djüan war verblüfft und saß erstaunt für ein paar Moment da, bevor sie fragte: „Wer ist da?“
 
„Ich!“, antwortete Bau-yü.
 
Dsï-djüan dachte, sie erkenne Bau-yüs Stimme.
 
„Sind sie es, Herr Bau?“
 
„Ja!“ flüsterte Bau-yü. Dsï-djüan antwortete: „Was machen Sie hier?“
 
„Ich will mit dir über etwas Privates reden. Laß mich rein, und wir können uns unterhalten.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Hier verbreitete sich die Nachricht von einem zum anderen, von zehn zu hundert, und alle wussten, dass Nebenfrau Zhao einst mit giftigem Herzen Menschen geschadet hatte und nun von den Richtern der Unterwelt zu Tode gepeitscht worden war. Manche sagten auch: „Die Frau des Zweiten Herrn Kette wird wohl auch nicht mehr gesund werden — so hat also sie es wohl bei den Unterweltrichtern angezeigt?"
Nach einer Pause antwortete Dsï-djüan: „Worüber wollen Sie mit mir reden? Es wird spät. Bitte gehen Sie jetzt zurück in Ihr Zimmer. Sie können mir morgen davon erzählen.“
 
Bau-yü war entmutigt. Wenn sie seinen Anstrengungen so widerstand, fürchtete er, daß sie die Tür vor ihm verriegeln würde. Auf der anderen Seite, wenn er zurückging, wie könnten die Gefühle, die in ihm kochten, einen Ausgang finden, Gefühle, die durch den kurzen Austausch mit Dsï-djüan nur noch schlimmer wurden? Er machte einen letzten Versuch, sie zu überreden: „Ich habe nicht viel zu sagen. Nur eine Frage zu stellen.“
 
„Nun, wenn es nur eine Frage ist, fragen Sie.“
 
Bau-yü jedoch, fand sich plötzlich seiner Sprache beraubt, und es enstand eine lange Pause. Dsï-djüan nun machte sich ob der Stille auf seiner Seite des Fensters Sorgen. Sie wußte, daß er dazu tendierte, seine Anfälle zu haben, und fürchtete, daß ihre brüske Art ihn vielleicht zu einem Anfall gebracht hatte. Sie stand auf, und nachdem sie einen Moment vorsichtig horchte, fragte Sie:
 
„Sind Sie noch da, stehen Sie da noch und gaffen? Warum sagen Sie nicht, was Sie wollen, statt Ihre Zeit damit zu vergeuden, die Leute abzulenken? Sie haben bereits eine Person in den Tod getrieben. Wollen sie noch eine töten? Das ist alles so sinnlos!“
 
Sie sah zurück auf Bau-yü durch das Guckloch. Da war er, hörte ihr mit einem trance-artigem Ausdruck auf seinem Gesicht zu. Sie dachte, es wäre ratsam, nichts mehr zu sagen, und ging zurück und begann ihre Lampe zu dimmen. Plötzlich hörte sie Bau-yü seufzen: „Oh Schwester Dsï-djüan! Du warst noch nie so kalt wie jetzt! Warum hattest du nicht ein einziges gutes Wort für mich in dieser Zeit? Ich weiß, daß ich ein bemitleidenswertes Exemplar der Menscheit bin, zu unkeusch, um einen echten Respekt zu verdienen. Aber ich wünsche trotzdem, daß du mir sagst, was ich falsch gemacht habe. Dann könnte ich es aushalten, daß du mich für den Rest meines Lebens meidest. Wenigstens könnte ich dann sterben und meine Fehler kennen.“
 
Dsï-djüan schnaufte verächtlich: „Ist das alles, was du zu sagen hast? Gibt es da nichts Neues? Ich kenne all das auswendig. Ich hörte genug davon, als Fräulein Dai-yü lebte. Aber wenn ich etwas falsch gemacht habe, sollten sie Ihre Beschwerden der Dame vortragen. Sie ist diejenige, die mir sagte, ich solle auf sie aufpassen. Wir sind sowieso nur Mägde, was zählen wir?“
 
Sie fing an zu schluchzen und zu schniefen. Bau-yü wußte, daß auch sie litt und stampfte frustriert auf den Boden. „Wir kannst du nur so reden? Nachdem ich hier all die Monate war, mußt du doch sicher wissen, was mir im Kopf herumschwirrt? Und wenn keine der anderen für mich sprechen will, willst du nicht, daß ich es dir selbst erkläre? Willst du, daß ich es für immer in mir einschließe und daran zu Tode ersticke?“
 
Auch er begann, aus Leibeskräften zu schluchzen, als er hinter sich eine Stimme hörte, die sagte: „Wer, sagen Sie, sollte für Sie sprechen? Warum ziehen Sie andere da herein? Sie haben sie verletzt, also machen Sie es auch wieder gut. Es ist Ihre Entscheidung, ob sie Ihnen vergeben wird. Warum geben sie Nichtswürdigen wie uns die Schuld?“
 
Beide, Bau-yü auf der Fensterseite und Dsï-djüan drinnen, waren sehr überrascht von diesem Eingreifer, der sich als Schë-yüä herausstellte. Bau-yü war peinlich berührt, als Schë-yüä fort fuhr: „Was geht hier vor?  Einer kriecht um Vergebung, und die andere weigert sich, es zur Kenntnis zu nehmen. Kommen Sie schon, beeilen Sie sich und bitten Sie um Entschuldigung. Und du, Dsï-djüan, du bist einfach zu gemein! Es ist schrecklich kalt hier draußen, und er bittet dich schon seit geraumer Zeit und hatte nicht einmal den Ansatz einer Antwort!“
 
Sie wendete sich an Bau-yü: „Es ist spät, und Frau Bau-tschai fragt sich, wo sie sind. Zu denken, daß sie die ganze Zeit bereits hier waren, draußen alleine unter der Dachrinne stehend! Was wollen sie hier?“ –
 
„Ehrlich“, protestierte Dsï-djüan von drinnen, „was soll das alles! Ich habe ihn nur gebeten wegzugehen. Ich sagte ihm, daß, was immer er mir sagen muß, auch bis zum Morgen warten könne. Er braucht hier überhaupt nicht zu stehen.“
 
Bau-yü wollte immer noch mit Dsï-djüan sprechen, aber nun, da sie nicht mehr alleine waren, war er zu peinlich berührt, um weiterzumachen. Er gab selbst auf und kehrte mit Schë-yüä zurück; als er ging, sagte er: „Dann lassen wir es! Ich werde in dieser Lebenszeit nie fähig sein, meine wahren Gefühle zu beweisen! Der Himmel alleine wird die Wahrheit kennen!“
 
Plötzlich kullerten Tränen in Strömen an seinen Wangen hinunter.
 
„Herr Bau-yü!“, sagte Schë-yüä, „nehmen Sie meinen Rat an und schla­gen Sie sich die ganze Sache aus dem Kopf. Sie verschwenden ihre Tränen.“
 
Bau-yü folgte ihr ruhig in seinen Raum. Bau-tschai schlief, oder eher, wie er annahm, gab sie vor zu schlafen, aber Hsi-jën begrüßte ihn tadelnd: „Hätte es nicht bis morgen warten können? Müssen Sie unbedingt hinausstürmen und sich selbst in einen neuen…“ Was immer sie sagen wollte, sie besann sich eines Besseren, und nach einer kurzen Pause fragte sie: „Sind sie sicher, daß Sie sich nicht schlecht fühlen?
 
Bau-yü sagte nichts, aber schüttelte den Kopf. Hsi-jën brachte ihn ins Bett, und es muß nicht gesagt werden, daß er eine schlaflose Nacht verbrachte.
 
Dsï-djüan war sehr unglücklich nach Bau-yüs Besuch, und auch sie lag die ganze Nacht wach, weinend und tief in sich gekehrt: ‚Es schien deutlich, daß die Familie sich verschworen und ihn mit dieser Hochzeit betrogen hatte, zu einer Zeit, in der er zu krank war, um zu verstehen. Als er danach erkannte, was er getan hatte, erlitt er einen seiner Anfälle und konnte deswegen seitdem nicht aufhören, zu weinen und Trübsal zu blasen. Er ist offensichtlich nicht die herzlose, gemeine Person, für die ich ihn hielt. Nun, heute war seine Unterwürfigkeit so berührend, ich hatte wirklich Mitleid mit ihm. Was für eine schlimme Schande es ist, daß Fräulein Dai-yü nie das Glück hatte, seine Frau zu sein! Solche Verbindungen sind deutlich vom Schicksal vorgegeben. Bis das Schicksal sich selbst zeigt, machen Männer weiter, sich in blinde Leidenschaft und wilden Gedanken zu ergehen. Dann, wenn die Würfel gefallen sind und die Wahrheit bekannt ist, mögen die Dummen unbewegt bleiben, aber diejenigen, die sich wirklich kümmern, die Männer der wahren Gefühle, können nur bitter weinen, ob ihrer unnützen romantischen Gefühle, der Tragödie ihre weltlichen Leids. Sie ist tot und weiß von nichts. Er aber lebt noch, und es gibt für sein Leiden und sein Elend kein Ende. Besser ist das Schicksal von der Pflanze und dem Stein, des Wissens und Bewußtseins beraubt zu sein, aber wenigstens gesegnet mit reinen und friedlichen Gedanken!“
 
Diese philosophischen Gedanken kühlten das fiebrige Durcheinander in Dsï-djüans Kopf, und sie räumte auf und ging zu Bett, als sie einen großen Lärm aus Richtung von Hsi-fëngs Gemächern im Osten ausbrechen hörte.
 
Aber um herauszufinden, was diesen auslöste, muß man das nächste Kapitel lesen.
 
114. Wang Hsi-fëng beendet ihre Lebensillusion und wird nach Nanking übergeführt
 
Dschën Ying-djia erhält eine Ehrung des Kaisers und wird zum Palast berufen.
 
  
Bau-yü und Bau-tschai wurden geweckt und ihnen mitgeteilt, daß Hsi-fëng sterben würde. Sie erhoben sich sofort vom Bett, eine Magd entzündete eine Kerze, und sie waren auf ihrem Weg hinaus auf den Hof, als ein anderer Bote von der Dame Wang kam: „Fräulein Liäns Zustand ist kritisch, aber sie lebt noch, und Herr und Frau Bau-yü sollten eine Weile warten. Da gibt es etwas Merkwürdiges an Fräulein Lians Zustand. Von Mitternacht bis zwei Uhr morgens hörte sie nicht auf, zu reden, und wir konnten keinen Sinn in dem finden, was sie sagte. Einmal wollte sie ein Boot, dann eine Sänfte. Dann war sie in Jinling, um in das Register aufgenommen zu werden. Niemand konnte ein Wort verstehen, und sie weinte und jammerte weiter. Herrn Liän blieb nichts anderes übrig, als ein Papierboot zu bestellen und eine Sänfte für sie machen zu lassen. Er kam noch nicht wieder, und Frau Liän wartet auf ihn, nach Atem ringend. Die Dame will, daß Sie beide warten und wiederkommen nachdem Frau Liän endlich verstorben ist.“
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Diese Gerüchte drangen auch Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> zu Ohren, und sie war sehr beunruhigt. Wenn sie Phönixglanz' Zustand betrachtete, war wirklich keine Hoffnung auf Genesung mehr. Zudem war Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> in letzter Zeit bei Weitem nicht mehr so liebevoll wie früher; da er ohnehin viel zu tun hatte, benahm er sich, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Friedchen konnte vor Phönixglanz nur tröstende Worte sprechen. Dazu kam noch, dass Frau Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.</ref> und Frau König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> zwar seit einigen Tagen zu Hause waren, aber nur Boten schickten, um nach ihr zu fragen, ohne persönlich vorbeizukommen — was Phönixglanz' Herz noch bitterer stimmte. Auch wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, hatte er kein einziges herzliches Wort für sie.
„Wie außergewöhnlich!“, rief Bau-yü. „Was will sie in Jinling?“ –
 
„Hast du nicht einmal in deinem Traum ein paar Register gesehen?“ flüsterte Hsi-jën. „Vielleicht will Frau Liän dorthin gehen.“
 
Bau-yü nickte: „Ja! Wenn ich nur nicht vergessen hätte, was darin geschrieben stand. Unsere Leben sind wirklich ein vorgegebenes Schicksal. Ich frage mich, wohin das Schicksal Kusine Dai-yü gebracht hat? Was du gerade sagtest, Hsi-jën, über die Register, hat mich zum Nachdenken gebracht. Wenn ich jemals wieder so einen Traum habe, muß ich mehr beobachten. Ich mag Dinge sehen und vielleicht die Zukunft vorhersagen können.“
 
„Hör’ dich an!“, sagte Hsi-jën scharf. „Es ist unmöglich, eine mehrbödige Unterhaltung mit dir zu führen. Du bestehst darauf, eine einfache Bemerkung von mir tödlich ernst zu nehmen. Selbst wenn wir annehmen würden, daß du in die Zukunft sehen könntest, wozu wäre das gut?“
 
„Es würde wahrscheinlich nie etwas nützen“, antwortete Bau-yü, „aber wenn ich jemals die Zukunft kennen könnte, dann würde es wenigstens ein Ende für die Sorgen bedeuten, die mich deinetwegen plagen.“
 
Bau-tschai kam zu ihnen: „Worüber redet ihr zwei?“
 
Bau-yü befürchtete, das Subjekt einer ihrer Inquisitionen zu werden, und antwortete bloß: „Wir diskutieren über Schwester Hsi-fëng.“
 
„Sie wird bald sterben“, rief Bau-tschai, „und ihr diskutiert über sie! Du hast mich letztes Jahr beschuldigt, übertrieben unglücklich zu sein und ihr Pech zu bringen. Aber war nicht meine Deutung des Orakels am Ende richtig?“
 
Bau-yü dachte einen Moment nach und klatschte dann in die Hände: „Natürlich! Natürlich, du hattest recht! Du bist offensichtlich der Prophet in der Familie! Nun, laß mich dich selbst um Rat fragen. Was ist für mich drin?“ –
 
„Du driftest wieder weg, zu einer deiner Freizeitbeschäftigungen!“, tadelte ihn Bau-tschai mit einem Lächeln. „Ich habe einfach eine Erklärung aus dem Stegreif für die wörtliche Bedeutung des Orakels. Es gibt keinen Grund, dies ernstzunehmen. Du bist so schlimm wie Hsiu-yän. Als du deinen Jadestein verloren hattest, bat sie Miau-yü eine Seherin zu konsultieren, und die Antwort war allen ganz unverständlich. Aber das hinderte Hsiu-yän nicht daran, privat mit mir über die erstaunliche Gabe der Vorhersage Miau-yüs zu sprechen. Hsiu-yän sagte mir, wie aufgeklärt und fortgeschritten sie in ihrem Dsën-Glauben bereits war. Und doch, sieh dir das Unglück an, welches über Miau-yü gekommen ist, nun, warum konnte sie das nicht vorhersehen? Welche Art der Vorhersehung soll das sein? Nur, weil ich einmal etwas über Hsi-fëng sagte, heißt das nicht, daß ich jemals behauptete, ich könne in ihre Zukunft sehen, oder in meine eigene, wenn wir schon dabei sind. Ansprüche wie diese sind fantastisch und verdienen es nicht, ernst genommen zu werden.“
 
„Na gut“, sagte Bau-yü, „laß uns das Thema wechseln. Erzähl’ stattdessen etwas über Hsiu-yän. Wir waren so beschäftigt, daß ihre Hochzeit ganz an uns vorbeigegangen zu sein scheint. Das war ein wichtiges Erlebnis für deine Familie, und doch wurde es mit so einer kleinen Zeremonie gefeiert. Habt ihr nicht einmal Freunde oder Verwandte eingeladen?“
 
„Du hast wieder nichts begriffen“, antwortete Bau-tschai. „Meine eigenen engsten Verwandten sind die Djias und die Wangs. Nun gibt es keinen Respektablen mehr in der Wang-Familie, und die Djias wurden nicht eingeladen, weil meine Mutter wußte, daß wir mit der Beerdigung der Großmutter zu beschäftigt waren. Liän half ein wenig, und ein oder zwei andere Verwandte kamen, aber du wußtest das nicht, weil du nicht da warst. Wenn du darüber nachdenkst, waren die Dinge fast dieselben für Hsiu-yän wie für mich. Sie war formal mit Vetter Ke verlobt, und Mama wollte eine modische Hochzeit. Aber zuerst kam, daß Pan noch im Gefängnis war, also wollte Vetter Ke es schlicht halten. Dann war da Großmutters Beerdigung, und Hsiu-yän hatte so eine harte Zeit bei Tante Hsing, besonders nach der Beschlagnahme, als Tante Hsing geiziger denn je wurde. Arme Hsiu-yän, sie konnte es kaum ertragen. Ich redete mit Mama, und am Ende entschied sie sich für die einfache Zeremonie. Hsiu-yän scheint nun viel glücklicher zu sein, und sie ist so gut zu Mama, zehnmal besser, als ihre eigene Schwiegertochter jemals war. Sie ist eine wunderbare Ehefrau für Ke und geht gut mit Hsiang-ling um. Wenn Ke aus gewissen Gründen weg muß, kommen die zwei noch fröhlich miteinander aus. Sie haben etwas wenig Geld, aber Mama ist viel entspannter, als sie früher war. Sie wird immer noch wütend wegen Pan, und er schreibt ihr immer aus dem Gefängnis und bittet sie um mehr Geld. Aber glücklicherweise war Vetter Ke fähig, ein paar Schulden einzutreiben, und hat Pan das Geld geschickt. Manche unserer eigenen Stadtgrundstücke wurden auch verpfändet. Wir haben noch ein Haus übrig, und dahin plant Mama nun umzuziehen.
 
„Wieso?“ protestierte Bau-yü. „Es ist so viel angenehmer für dich, sie nahe bei dir wohnen zu haben. Wenn sie so weit weg ziehen, wird es ein Tagesausflug werden, um sie zu besuchen.“
 
„Selbst wenn Familien so eng verwandt sind wie unsere“, sagte Bau-tschai, „ist es wirklich viel besser, in Zukunft unabhängig zu sein. Mama kann nicht für immer in Wohltätigkeit leben.“
 
Bau-yü war dabei, weitere Gründe zu suchen, weshalb sie nicht umziehen sollten, als eine letzte Nachricht von der Dame Wang kam, um zu sagen, daß Hsi-fëng nun gestorben war und die ganze Familie in ihren Gemächern angekommen war. Ob Bau-yü und Bau-tschai bitte dort zu ihnen stoßen würden? Bau-yü stampfte mit dem Fuß auf und kämpfte mit den Tränen. Bau-tschai war auch sehr bewegt, aber kontrollierte sich, aus Angst, sie könnte Bau-yü noch mehr aufregen. „Wir sollten uns unsere Tränen für später aufheben,“ riet sie.
 
Sie gingen beide direkt zu Hsi-fëngs Gemach, wo sie einen weinenden Pulk versammelt fanden. Bau-tschai ging vor an die Bettseite, wo Hsi-fëngs Körper bereits ausgelegt war, und stieß einen lauten Schrei vor Trauer aus. Bau-yü hielt Djia Liäns Hand und schluchzte laut, was Djia Liän wieder zum Weinen brachte. Ping-örl, die sah, daß niemand anderes fähig war, Trost zu spenden, ging vor, versuchte, ihre eigene Trauer zu verstecken, und erzwang Mäßigung. Der Klang untröstlichen Weinens füllten trotzdem weiter den Raum.
 
Djia Liän schwankte hilflos her und her. Er schickte nach Lai Da, und sagte ihm, was er für die Vorbereitungen der Beerdigung tun solle. Er selbst berichtete Hsi-fëngs Tod Djia Dschëng und sah dann, welche anderen Anstalten er machen konnte. Aber es gab einfach kein Geld. Es war ein unmöglicher Auftrag. Liebe Erinnerungen an Hsi-fëng brachten ständig Tränen in seine Augen. Seine Trauer wurde noch schlimmer beim elenden Anblick von Tchiau-djies, die sich um ihre Mutter die Seele aus dem Leib weinte. Das Weinen war die ganze Nacht zu hören. Am Morgen schickte Djia Liän einen Boten zu Hsi-fëngs älterem Bruder, Wang Jën.
 
Der Tod seines älteren Onkels Wang Dsï-teng hatte Wang Jën so frei hinterlassen, daß er machen konnte, was er wollte. Dsï-scheng, der überlebende jüngere Onkel, war ein zu unberechenbarer Charakter, um ihn zu kontrollieren; Wang Jëns Benehmen hatte schon zu ordentlichen Unstimmigkeiten in der Familie geführt. Nun, als er vom Tod seiner jüngeren Schwester erfuhr, eilte er mit leichtem Unbehagen hinüber, um seine Pflicht als Bruder zu erfüllen und um sie zu trauern. Bei seiner Ankunft entdeckte er sofort, wie behelfsmäßig die Beerdigungsanstrengungen waren, er war sehr ärgerlich und sagte: „Jahrelang hat meine Schwester für euch geschuftet, und sie hat das auch gut gemacht. Das Wenigste, was Sie ihr schulden, ist eine anständige Beerdigung. Wieso ist das alles nicht gut vorbereitet?“
 
Djia Liän war niemals gut auf seinen Schwager zu sprechen gewesen, und hatte, als er ihn so poltern hörte, nur ein taubes Ohr für ihn übrig. Wang Jën rief als nächstes seine Nichte Tchiau-djie an seine Seite.
 
Er sagte zu ihr: „Während deine Mutter noch lebte, hatte sie eine Schwäche: Sie war zu beschäftigt damit, der Herzoginmutter zu gefallen und als Ergebnis hat sie ihre eigene Familie vernachlässigt. Nichte, du bist nun schon groß genug, um deine eigenen Entscheidungen zu treffen! Sieh mich an, habe ich jemals versucht, von euch zu profitieren? Nun, da deine Mutter tot ist, mußt du zu mir aufsehen und tun, was ich dir sage. Dein Onkel und ich sind die Familie deiner Mutter. Ich habe schon immer deinen Vater gekannt. Er würde eher seinen Weg verlassen, um sich anderen gegenüber unterwürfig zu verhalten, als uns auch nur zu bemerken. Als Frau You-schï starb, war ich nicht in der Stadt, aber ich hörte, daß viel Geld für sie ausgegeben wurde. Und nun geizt er bei der Beerdigung deiner eigenen Mutter. Denkst du nicht, du solltest darüber mit ihm reden und ihn zur Vernunft bringen?“
 
„Vater hätte nichts lieber als eine schöne Beerdigung“, sagte Tchiau-djie, „aber die Dinge haben sich geändert. Wir haben nicht genug Geld, also müssen wir natürlich etwas sparsam sein.“
 
„Was ist mit deinen eigenen Dingen?“, fragte Wang Jën unerbittlich weiter. „Sicher hast du selbst etwas übrig?“
 
„Es ging alles bei der Razzia letztes Jahr verloren, und ich bekomme es nicht mehr wieder“, sagte Tchiau-djie.
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Phönixglanz wünschte sich zu dieser Zeit nur noch einen schnellen Tod. Sobald sie in Gedanken versank, kamen alle Dämonen herbei. Da sah sie, wie die Zweitschwester Sonders<ref>Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.</ref> von hinter dem Haus herbeikam, langsam auf ihr Bett zuging und sagte: „Schwester, wir haben uns so lange nicht gesehen! Ich, die jüngere Schwester, habe mich sehr nach Euch gesehnt; ich wollte Euch besuchen, aber konnte nicht. Nun habe ich endlich die Gelegenheit, hereinzukommen und Euch zu sehen. Schwester, Ihr habt all Eure Klugheit aufgebraucht, doch unser Zweiter Herr ist so töricht, er erkennt Eure guten Absichten gar nicht an! Im Gegenteil, er beklagt sich, Ihr hättet alles zu hart und zu grausam gemacht und ihm seine Karriere geraubt, sodass er sich jetzt vor den Menschen nicht mehr sehen lassen kann. Ich empfinde Empörung für Euch!"
„Lügst du mich auch an?“, fragte sie Wang Jën. „Ich weiß, daß die Dame Djia alle möglichen Dinge an Familiengehörige weggegeben hat. Du solltest deinen Teil nun hervorholen.“
 
Tchiau-djie konnte sich nicht dazu durchringen, zuzugeben, daß ihr Vater bereits ihre Sachen genommen und verkauft hatte, und so tat sie so, als würde sie nicht verstehen, worauf er anspielte.
 
„Ich weiß!“, rief Wang Jën, „du behältst es für deine Aussteuer!“
 
Tchiau-djie verweigerte jedes weitere Wort. Wang Jën hatte sie bereits mit seinen Bemerkungen beleidigt, und sie begann zu weinen, bis sie fast an ihren Gefühlen erstickte.
 
„Wenn Sie noch etwas zu sagen haben, Herr“, protestierte Ping-örl erhitzt, „warten Sie bitte, bis Herr Liän zurück kommt. Fräulein Tchiau-djie ist viel zu jung, um zu verstehen.“ –
 
„Und ihr, ihr habt nur darauf gewartet, daß mein Schwester stirbt, oder nicht!“ höhnte Wang Jën. „Ihr Pack! Damit du in ihre Spuren treten kannst. Ich bitte nicht um viel, nur um eine anständige Beerdigung. Sicher wollt ihr eure eigene Familie nicht schänden?“
 
Er setzte sich auf eine selbstsichere Art hin.
 
Tchiau-djie fühlte sich sehr schlecht. ,Ich weiß, daß Vater sich darum sorgt‘, dachte sie bei sich, ‚und außerdem, als Mutter lebte, schlich sich Onkel Jen selbst mit allen möglichen Dingen von ihr davon, also hat er nicht das Recht, sich zu beschweren.‘
 
In ihren Augen war Wang Jën eine eher verabscheuungswürdige Person. Er für seinen Teil rechnete heimlich damit, daß Hsi-fëng ihren eigenen privaten Anteil gehabt haben mußte und daß trotz der Razzia da etwas Silber irgendwo in ihren Gemächern sein mußte – und sogar ein großer Teil.
 
„Sie denken bestimmt, daß ich zum Schnorren gekommen bin, und das Mädchen versucht, sie zu schützen. Sie wird mir nicht nützen, die kleine Göre!“
 
Er begann, eine starke Abneigung gegenüber seiner Nichte zu spüren.
 
Djia Liän war zu beschäftigt, um Geld für die Beerdigung zu organisieren oder um all diese Verwicklungen mitzubekommen. Er hatte die ‚äußeren‘ Formalitäten an Lai Da deligiert, aber brauchte noch immer viel Geld für die ‚innere‘ Feier und sah keinen Weg, wie er dies organisieren sollte. Ping-örl war sich seiner mißlichen Lage bewußt.
 
„Sie dürfen die Dinge nicht zu ernst nehmen, Herr,“ drängte sie ihn. „Sie machen sich nur krank.“
 
„Krank!“, rief Djia Liän, etwas hysterisch. „Das ist das letzte meiner Probleme! Wir können nicht einmal Geld auftreiben, um Tag für Tag auszukommen, und dann erst für eine Beerdigung. Und um alles noch schlimmer zu machen, habe ich diesen Idioten am Hals!“
 
„Es gibt wirklich keinen Grund, sich in so einen Zustand zu bringen, Herr“, sagte Ping-örl. „Wenn Sie kein Geld haben, habe ich ein paar Sachen, die nicht in der Razzia mitgenommen wurden. Benutzen Sie die, wenn Sie das wünschen.“
 
‚Das ist doch sehr gut!‘, dachte Djia Liän bei sich. Er lächelte Ping-örl an: „Das würde mich davor bewahren, herumzurennen und Geld aufzutreiben. Ich werde es dir sobald wie möglich zurückzahlen.“
 
„Was immer ich habe, wurde mir zuerst von Frau Liän gegeben“, sagte Ping-örl, „also gibt es da wirklich keinen Grund, es mir zurückzuzahlen. Ich will nur, daß die Beerdigung vernünftig wird, das ist alles.“
 
Djia Liän akzepierte Ping-örls Angebot mit ehrlicher Dankbarkeit und verpfändete ihren Besitz für die Beerdigungskosten. Von da an fand er es wichtig, über alles mit ihr zu diskutieren. Tchiu-tung war sehr aufgebracht und nahm jede Gelegenheit wahr, um sich zu beschweren: „Nun, da Frau Liän weg ist, denkt Ping-örl, sie könne alles übernehmen. Der Herr gab mich zu Herrn Liän. Wie kann Ping-örl denken, eine höhere Position als meine zu erlangen?“
 
Ping-örl bemerkte Tchiu-tungs verärgerte Art, aber schenkte ihr keine Beachtung. Djia Liän, für seinen Teil, fand Tchiu-tungs Ablehnung, welche er sehr bald bemerkte, sehr unangenehm, und wann immer etwas geschah, das ihn verärgerte, ließ er seine schlechte Laune an ihr aus. Die Dame Hsing kritisierte ihn dafür, und sie fühlte sich wiederum berufen, ihn dafür zu tadeln. Aber nun nichts mehr davon.
 
Nach gegebener Zeit, nachdem Hsi-fëngs Körper im Sarg für über zehn Tage ausgestellt worden war, wurde er zum Tempel gebracht. Djia Dschëng war noch am Trauern für die Herzoginmutter und blieb in seinem Studierzimmer während Hsi-fëngs Beerdigung. Sein Gefolge der literarischen Herren hatten ihn nach und nach verlassen. Nur Tscheng Ji-hsing besuchte ihn regelmäßig: Bei einer Gelegenheit sprach Djia Dschëng zu ihm über das allgemeine Thema des Untergangs seiner Familie: „Sieh, wie einer nach dem anderen stirbt! Mein älterer Bruder und der junge Dschën sind beide in der Verbannung. Unsere Finanzen verschlechtern sich täglich. Und wer weiß, was aus unserem Landbesitz in den östlichen Provinzen wird. Alles zusammen ist es ein katastrophaler Zustand!“
 
„Ich war viele Jahre hier, Herr“, sagte Tscheng, „und ich habe selbst gesehen, wie beschäftigt Ihr Personal damit ist, sich selbst auf Eure Kosten zu bereichern. Jedes Jahr zeigt, wie das Geld aus Euren Taschen in deren Taschen regnet. Das ruiniert Sie. Dann brauchen Sie das Geld für die Familien von Herrn Schë und Herrn Dschën, und außerdem haben Sie sich beachtliche Schulden zugezogen. Und dann der Verlust, der durch den letzten Überfall entstand, wovon ich nicht glaube, daß das Diebesgut wiedergefunden wird. Wenn sie wünschen, daß Ihr Haus wieder in Ordnung gebracht wird, Herr, wäre die einzige Abhilfe, die ich mir vorstellen kann, das gesamte Personal zu versammeln, und Ihren vertrauenswürdigsten Verwalter mit einer umfangreichen Untersuchung Ihrer Konten zu beauftragen. Auf diese Art können sie beurteilen, in welchem Bereich Einsparungen möglich sind. Defizite sollten vom verantwortlichen Verwalter übernommen werden. Auf diese Art wissen Sie wenigstens, wo Sie stehen. Dann ist da der Garten. Er ist zu groß, um von jemandem gekauft zu werden. Aber es ist eine Schande, daß ein Ort mit soviel Potential für Gewinn so vernachlässigt wird. Während der Jahre, die Sie weg waren, Herr, hat das Personal dort alle Sorten von erschreckenden Geschichten fabriziert, welche den Effekt hatten, jeden davon abzuhalten, den Ort zu betreten. All ihr Ärger kommt, zusammengefaßt, von den Taten Ihrer Angestellten. Sie sollten eine gute Untersuchung führen und unzufriedenstellende Elemente unter ihnen entlassen. Es wäre eine Abhilfe, die Sinn ergäbe.“
 
„Mein lieber Tscheng“, antwortete Djia Dschëng, mit dem Kopf schwer nickend, „du scheinst nicht mitzubekommen: Ich kann nicht mal meinem eigenen Neffen trauen, ganz zu schweigen von den Angestellten! Und wenn ich selbst so eine Untersuchung, wie du sie vorschlägst, machen würde, würde ich es nicht zu hoffen wagen, die Wurzel der Probleme zu finden. Nicht daß ich mich nicht in so eine Sache einarbeiten könnte, während ich noch trauere. Selbst wenn ich dies täte, habe ich in der Vergangenheit den Haushaltsdetails nie viel Aufmerksamkeit geschenkt, daher habe ich wirklich keine Ahnung, was wir haben sollten und was nicht. Ich weiß nicht einmal, wo ich nachsehen soll.“
 
„Sie sind ein großzügiger und rechtschaffener Mann“, erwiderte Tscheng. „In jeder anderen Familie von vergleichbarer Position könnten die Herren, selbst wenn die Dinge diesen kritischen Zustand erreicht haben, darauf zählen, die Katastrophe für fünf oder zehn Jahre aufzuschieben, indem sie ihre Verwalter um Geld bitten. Ich weiß, daß einer ihrer Männer sogar zu einem Magistrat des Bezirks berufen wurde.“
 
„Nein!“, unterbrach ihn Djia Dschëng streng, „wenn ein Mann sich erniedrigt und Geld von seinen eigenen Angestellten borgt, ist das der Anfang vom Ende. Wir müssen einfach unsere Gürtel enger schnallen. Wenn wir noch den Grund besitzen, der in unseren Büchern steht, gut und schön. Aber ich persönlich neige dazu zu glauben, daß wenig Realität in diesen Einträgen steckt.“
 
„Genau, Herr“, antwortete Tscheng, „das war genau mein Grund, eine Untersuchung der Konten vorzuschlagen.“
 
„Warum, hast du was gehört?“, fragte Djia Dschëng.
 
„Ich habe von manchen Freveln, die von ihren Angestellten begangen wurden, gehört“, antwortete Tscheng, „aber ich hätte sie kaum in Ihrer Anwesenheit melden können, Herr.“
 
Djia Dschëng erriet aus dem Ton in Tschengs Stimme, daß er die Wahrheit sagte.
 
„Ach!“ seufzte er, „seit den Tagen meines Großvaters, haben wir dasHerkommen in meiner Familie, daß wir unserem Personal gegenüber freundlich und großzügig sind. Wir haben sie nie schlecht behandelt oder ihnen einen Grund zur Beschwerde gegeben. Was ist aus der jetztigen Generation geworden! Es wird täglich schlimmer. Und wenn ich jetzt plötzlich wie ein strenger Herr handle, glaube ich nicht, daß ich ernst genommen würde.“
 
Als sie sprachen, kam einer der Hausmeister herein und kündigte seine Exzellenz Dschën von der Familie aus Djiangnan an, der zu Besuch gekommen war. „Was treibt ihn in die Hauptstadt?“, fragte Djia Dschëng.
 
„Wie ich verstehe, Herr“, antwortete der Diener, „wurde er durch die Gunst des Kaisers befördert.“ –
 
„Bring ihn sofort herein“, sagte Djia Dschëng.
 
Der Diener ging hinaus, um den Besucher hereinzuführen. Seine Exzellenz Dschën war der Vater von Dschën Bau-yü. Sein voller Name war Dschën Ying-djia, sein Hofname You-dschung, was ‚Freund der Loyalen‘ bedeutete. Die Dschëns waren, wie erinnert werden soll, wie die Djias, eine angesehene Familie von Nanking, und die beiden Familien hatten eine lange Familienbeziehung und sich oft besucht. Dschën Ying-djia hatte seinen Posten vor ein oder zwei Jahren verloren aufgrund eines Vergehens, und der Familienbesitz wurde daraufhin beschlagnahmt. Nun hatte sein Majestät der Kaiser an ihm einen besonderen Gefallen als Nachfahre eines treuen und verdienten Menschen, hatte ihn wieder in seine ererbte Position eingesetzt und ihn in die Hauptstadt zu einer Audienz berufen. Er wußte, daß die Herzoginmutter kürzlich verstorben war, also hatte Dschën eine Gabe vorbereitet und einen günstigen Tag aus dem Kalender gewählt, an welchem man die Gabe im Tempel, wo ihre sterblichen Überreste lagen, überreichen solle. Bevor er das tun wollte, besuchte er das Jung-guo-Anwesen, um seinen Respekt zu zeigen.
 
Die Traueretikette hinderte Djia Dschëng daran, hinauszugehen und seinen Gast zu begrüßen, aber er hieß ihn von der Schwelle seines äußeren Studierzimmers willkommen. Als Dschën Ying-djia ihn sah, mischten sich Trauer und Freude in seiner Brust. Beide Herren unterließen jede umständliche Form der Zeremonie, gaben sich stattdessen einfach die Hand und tauschten Grüße aus. Sie setzten sich an einen Tisch, Djia Dschëng bot seinem Gast etwas Tee, und sie redeten eine Weile.
 
„Wann wurdest du von seiner Majestät empfangen?“, fragte Djia Dschëng. „Vorgestern“, antwortete Dschën Ying-jia.
 
„Seine Majestät muß dich in seiner großen Freundlichkeit sicherlich mit ein paar Einweisungen befördert haben.“
 
„Ja, in der Tat. Seine Majestät, dessen Freundlichkeit den Himmel überschreitet, haben mich mit einem Erlaß befördert.“ –
 
„Darf ich nach seinem Inhalt fragen?“ –
 
„Mit Blick auf die letzten Ausbrüche der Piraterie an der Südküste und die beunruhigenden Zustände, denen die Leute dort ausgesetzt sind, haben seine Majestät den Fürst von An-guo auf eine Friedensmission gegen die Rebellen geschickt. Weil ich mit der Gegend so vertraut bin, hat er mich beauftragt, an der Aktion teilzunehmen, ich muß fast sofort abreisen. Als ich gestern hörte, daß die Herzoginmutter verstorben ist, habe ich eine bescheidene Gabe von Blüten-Räucherstäbchen vorbereitet, um es vor ihrem Sarg verbrennen zu lassen, als kleiner Ausdruck meiner Andacht.“
 
Djia Dschëng verneigte sich dankend und antwortete: „Ich bin sicher, dieses Unternehmen wird eine Gelegenheit für dich sein, die Gedanken seiner Majestät zu beruhigen und der Nation Frieden zu bringen. Ich zweifle auch nicht daran, daß es dir großen persönlichen Ruhm einbringen wird! Ich bedaure nur, daß ich nicht fähig bin, dies mit meinen eigenen Augen zu sehen, sondern mich damit zufrieden geben muß, die Neuigkeiten deiner Siege von weit weg zu hören. Der gegenwärtige Kommandant der Dschënhai-Küstenregion ist ein Verwandter von mir, und ich hoffe, daß du ihn freundlich empfangen wirst, wenn du ihn triffst.“ –
 
„Wie bist du mit dem Kommandanten verwandt?“, fragte Dschën Ying-djia.
 
„Während meiner Zeit im Amt als Getreide-Intendant in Djianghsi“, antwortete Djia Dschëng, „habe ich meine Tochter mit seinem Sohn verlobt, und sie sind nun seit drei Jahren verheiratet. Eine ausgedehnte Störung an der Küste und die weitere Konzentration auf die Piraten in der Region haben für eine Weile verhindert, daß uns Neuigkeiten von da erreichten. Ich bin sehr um das Wohlergehen meiner Tochter besorgt und flehe dich ernsthaft an, sie zu besuchen, wenn deine Pflichten erfüllt sind und sich eine gute Gelegenheit bietet. In der Zwischenzeit werde ich ihr einen kurzen Brief schreiben, und, wenn du so nett wärst, es für mich von einem deiner Männer dorthin bringen zu lassen, wäre ich dir ewig dankbar.“
 
„Kinder sind die Wurzel der Sorge für alle von uns“, antwortete Dschën. „Ich selbst war dabei, dich um einen ähnlichen Gefallen zu bitten. Als ich meine Anweisungen von seiner Majestät erhielt, zur Hauptstadt zu kommen, entschied ich mich, meine Familie mit mir zu nehmen. Mein Sohn ist in einem zarten Alter, und wir haben nur wenig Personal zu Hause. Ich mußte vorauseilen, während meine Familie mir auf einem bequemeren Weg folgt und jeden Tag hier ankommen sollte. Mir wurden bereits meine Marschpläne gegeben, und ich darf mich nicht noch mehr verspäten. Wenn meine Familie ankommt, können sie sich sicher bei dir melden, und ich habe meinem Sohn Anweisung gegeben, dir seinen Respekt zu erweisen, in der Hoffnung, daß er von deinem Rat profitieren kann. Sollte ein passendes Angebot für eine Hochzeit für dich zu erkennen sein, wäre ich sehr dankbar, wenn du uns dieses präsentieren würdest.“
 
„Das mache ich,“ versicherte ihm Djia Dschëng. Nach ein wenig mehr Geplauder erhob sich Dschën Ying-djia, um zu gehen, und sagte: „Ich hoffe dich morgen außerhalb der Stadt zu sehen.
 
Djia Dschëng wußte, daß Dschën viele andere Verabredungen haben mußte und wollte ihn nicht bedrängen zu bleiben. Er brachte ihn zur Tür des Studierzimmers, wo Djia Liän und Bau-yü darauf warteten, ihn hinauszubegleiten. Weil Djia Dschëng sie nicht hereingebeten hatte, hatten sie draußen gewartet. Die beiden jüngeren Männer gingen vor, um Herrn Dschën Ying-djia ihn zu begrüßen. Dieser schien sehr erstaunt über den Anblick von Bau-yü.
 
‚Denk’ die weiße Trauerkleidung weg‘, dachte er bei sich. ‚und dieser junge Mann ist das genaue Abbild unseres eigenen Bau-yü!‘ –
 
„Es ist so lange her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben“, sagte er höflich, „daß ich fast eure Namen vergessen habe.“
 
Djia Dschëng zeigt auf Djia Liän: „Der Sohn meines älteren Bruders Schë.“
 
Dann zeigte er auf Bau-yü: „Mein eigener zweiter Sohn, Bau-yü.“
 
Dschën klatschte in die Hände: „Wie außergewöhnlich! Ich hörte die Geschichte zu Hause, daß du einen sehr geliebten Sohn hast, der mit einem Jadestein  geboren wurde, und daß sein Name Bau-yü sei. Ich war erst sehr überrascht, daß unsere Söhne denselben Namen teilen, aber später dachte ich, daß solche Zufälle sehr häufig sind. Nun habe ich ihn in Fleisch und Blut gesehen und bin wieder völlig erstaunt! Er ist das lebende Abbild meines eigenen Sohnes! Nicht nur seine Züge, die ganze Art und die Bewegungen sind diesselben!“
 
Als ihm Bau-yüs Alter genannt wurde, kommentierte er: „Mein Sohn ist ein Jahr jünger.“
 
Djia Dschëng fuhr fort, daß er bereits einige Informationen über Dschën Bau-yü von Bau Yung gesammelt hatte, den Dschën Ying-djia selbst empfohlen hatte. Als er Bau-yung erwähnt hatte, wiederholte Dschën Ying-djia, daß die beiden Söhne denselben Namen hatten. Weil er Bau-yü sehr liebte, mochte er auch nicht nach dem Betragen von Bau Yung forschen, sondern rief weiter: „Sehr außergewöhnlich! Sehr außergewöhnlich!“
 
Er nahm Bau-yü an der Hand und war ihm gegenüber sehr freundlich. Ihre Unterhaltung hätte länger gedauert, wenn der Fürst von An-guo es mit dem Aufbruch nicht eilig gehabt hätte. Dschën wollte nicht, daß sich sein Vorgesetzter verspätete und mußte selbst noch eilige Vorbereitungen für die bevorstehende lange Reise treffen. Er zwang sich daher, auf Wiedersehen zu sagen, und verabschiedete sich würdig, begleitet von Djia Liän und Bau-yü. Auf dem ganzen Weg bedrängte er Bau-yü förmlich mit Fragen. Endlich stieg er in seine Kutsche und fuhr fort; Djia Liän und Bau-yü kehrten zurück, um sich bei Djia Dschëng zu melden. Sie erzählten ihm noch einmal, was Dschëng Ying-djia gesagt hatte. Als sie entlassen wurden, ging Djia Liän noch einmal, um sich zu bemühen, seine Konten für Hsi-fëngs Beerdigung zu regeln.
 
Bau-yü kehrte zu seinen eigenen Gemächern zurück und erzählte Bau-tschai von seinem Treffen mit Dschën Ying-djia.
 
„Ich hätte nie gedacht, daß ich eine Chance hätte, diesen Dschën Bau-yü zu sehen, von dem wir ständig hören, aber nun habe ich seinen Vater gesehen, und anscheinend wird er in den nächsten Tagen herkommen, um meinen Vater zu besuchen. Alle sagen immer, er sei mein ‚lebendes Abbild‘, was ich schwer glauben kann. Wenn dieser andere Bau-yü kommt, müßt ihr alle einen Blick auf ihn werfen, und entscheiden, ob es da wirklich eine Ähnlichkeit gibt.“
 
„Schande über dich!“, rief Bau-tschai aus, „ehrlich, du redest täglich mehr und mehr sonderliches Zeug! Erst erzählst du uns irgendeine Geschichte über einen jungen Mann, der wie du aussehen soll, dann willst du, daß wir einen ‚Blick‘ auf ihn werfen!“
 
Bau-yü erkannte, daß er da etwas Falsches gesagt hatte, und errötete. Er versuchte einen Weg zu finden, seinen Fauxpas zu beheben.
 
Aber um mehr zu erfahren, muß man zum nächsten Kapitel gehen.
 
115. Eine Besessenheit bestätigt Hsi-tschun in einem alten Schwur, den Staub der Welt hinter sich zu lassen
 
Eine physische Ähnlichkeit beraubt Bau-yü eines erdichteten Freundes
 
  
Als Bau-yü seine Worte gegenüber Bau-tschai korrigieren wollte, kam Tjiu-wën herein und sagte: „Der Herr wünscht Bau-yü zu sehen.“ Bau-yü kam dies gerade gelegen, und er ging sofort los.
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Phönixglanz sprach wie im Traum: „Ich bereue es jetzt auch, dass mein Herz zu eng war. Schwester, dass Ihr mir das Alte nicht nachtragt und mich trotzdem besuchen kommt ..." Friedchen, die daneben stand, hörte es und sagte: „Herrin, was sagt Ihr da?" Phönixglanz kam einen Augenblick zu sich und erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders bereits tot war — sie musste gekommen sein, um ihr das Leben zu nehmen. Als Friedchen sie wachrief, bekam sie Angst; doch sie wollte es nicht aussprechen und sagte nur mit Mühe: „Ich bin geistig verwirrt und habe wohl im Traum geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken."
„Ich will mit dir reden“, sagte Djia Dschëng, als er ankam, „was deine Studien angeht. Du bist noch in Trauer, und es wäre daher unüblich für dich, zur Schule zu gehen. Aber du kannst und mußt deine Aufsätze wiederholen. Über die nächsten paar Tage werde ich etwas Freizeit haben, und ich will, daß du mir zuhause ein paar Aufsätze schreibst. Ich werde dann fähig sein, selbst zu beurteilen, ob du in all der Zeit einen erkennbaren Fortschritt gemacht hast.“ –
 
„Ja, Vater“, sagte Bau-yü eher erbärmlich.
 
„Ich habe deinen Bruder Huan und deinen Neffen Lan beauftragt, dasselbe zu tun. Ich hoffe ernstlich, daß deine Arbeit besser als ihre ist.“ –
 
„Ja, Vater.“ Bau-yü traute sich nicht mehr zu sagen, sondern stand wie angewurzelt auf der Stelle.
 
„Nun, dann geh!“
 
Als er aus dem Studierzimmer ging, ging Bau-yü an Lai Da und den anderen Verwaltern vorüber, die mit ihrem Registern kamen.
 
Er war bald wie ein Blitz zurück in seinem Raum, und erzählte das Wichtigste der Unterhaltung Bau-tschai, die eher erfreut schien, dies zu hören. Bau-yü selbst stöhnte innerlich, aber wußte, daß es nicht ratsam wäre, faul zu erscheinen, und bereitete sich vor, sich zu setzen und zu konzentrieren, als zwei Nonnen vom Kloster Di-dsang eintrafen, um Bau-tschai zu begrüßen. Bau-tschai war ihnen gegenüber etwas kalt und befahl ihrer Magd, ihnen Tee zu bringen, während Bau-yü, der gerne mit den Nonnen geredet hätte, wußte, daß Bau-tschai ihre Gesellschaft nicht mochte, und sich daher zurückhielt.
 
Die Nonnen für ihren Teil wußten nur zu gut, daß Bau-tschai ihnen gegenüber keine Sympathie empfand; deshalb entschuldigten sie sich, nachdem sie eine kurze Weile dort gesessen hatten.
 
„Wollen sie nicht etwas länger bleiben?“, fragte Bau-tschai etwas heuchlerisch.
 
„Wir müssen noch so viele Besuche bei den Damen machen“, antwortete eine von ihnen, „mit den Feierlichkeiten, die wir im Kloster Eiserne Schwelle halten mußten, waren wir sehr beschäftigt und haben die Damen und die jungen Damen seit langem nicht mehr besucht. Außer Ihnen haben wir bereits die Damen gesehen, aber wir wollen noch zu Fräulein Hsi-tschun.“
 
Bau-tschai nickte, und die Nonnen gingen weiter zu Hsi-tschuns Gemächern. Sie fragten Tsai-ping, die sie empfing, wo ihre Herrin zu finden sei.
 
„Fragen Sie mich nicht, meine Herrin hat seit Tagen nichts gegessen“, rief Tsai-ping, „und nun will sie nicht einmal von ihrem Bett aufstehen.“
 
„Warum? Was geht hier vor?“ –
 
„Oh, das ist eine lange Geschichte. Ich bin sicher, daß sie Euch alles erzählen wird, wenn Ihr sie seht.“
 
Hsi-tschun hatte sie reden hören, als sie hereinkamen, und setzte sich sofort auf. „Wie geht es Ihnen beiden?“, fragte sie. „Ich dachte, sie würden aufhören, uns zu besuchen, weil unser Haushaltsangelegenheiten sich so schlimm entwickelt haben...“ –
 
„Amitabha!“ kam der fromme Ausruf. „Wohltäter sind Wohltäter, ob sie arm oder reich sind. Unser Kloster wurde von ihrer Familie gegründet, und wir waren immer sehr gut von der Herzoginmutter ausgestattet worden. Wir sahen die Damen und die jungen Damen bei der Beerdigung der Herzoginmutter, aber wir haben Sie dort nicht gesehen, Fräulein, und wir waren um Sie besorgt. Deswegen sind wir hierhergekommen, besonders um Sie heute zu besuchen.“
 
Hsi-tschun fragte nach den Nonnen im Wassermond-Tempel.
 
„Seit dem Skandal“, war die Antwort, „lassen die Pförtner sie keinen Fuß mehr in das Jung-guo-Anwesen setzen.“
 
„Da wir von Skandal reden“, fuhr dieselbe Nonne fort, „ist es wahr, was wir den anderen Tag hörten, daß Schwester Miau-yü vom Kloster Gefangenes Grün mit einem Mann durchgebrannt ist?“ –
 
„Was für ein Unsinn!“, antwortete Hsi-tschun. „Die Leute, die solche Geschichten erzählen, sollten aufpassen, daß ihre Zungen nicht in der Hölle herausgeschnitten werden! Das arme Mädchen wurde von einer Bande von Dieben entführt! Wie kann jemand das Herz haben, solche schlimmen Gerüchte in die Welt zu setzen!“ –
 
„Schwester Miau-yü war trotzdem eine merkwürdige Person“, sagte die Nonne. „Wir dachten immer, sie hätte es ein wenig übertrieben. Natürlich möchten wir sie nicht vor Ihnen kritisieren, Fräulein. Wer sind wir, wenn wir uns mit ihr nach allem vergleichen? Nur gewöhnliche, grobe Leute. Wir singen unsere Liturgien, sprechen unsere Gebete, machen die Fürbitten für die Sünden anderer und hoffen uns einen kleinen Verdienst für uns zu verdienen, ein kleines gutes Karma.“ –
 
„Was bedeutet ein wirklich gutes Karma?“, fragte Hsi-tschun ernst.
 
„Nun, Fräulein, die wirklich tugendhaften Familien wie deine ausgenommen, die nichts zu befürchten haben. Natürlich können adelige Mädchen und junge Damen niemals ganz sicher sein, wie lang ihr Wohlstand andauern wird. Wenn das Schicksal zuschlägt, kann sie nichts retten. Nichts, mit Ausnahme unsere Göttin Guan-yin: wenn unsere Göttin einen Sterblichen leiden sieht, wird ihr unsagbares Mitleid sie dazu bewegen, den Sterblichen zu retten.
 
  
[[Category:Books]]
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Friedchen klopfte ihr den Rücken, als eine kleine Magd hereinkam und sagte, die Alte Liu<ref>Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.</ref> sei da; die Dienerinnen hätten sie hergebracht, um der Herrin ihre Aufwartung zu machen. Friedchen ging eilig hinunter und fragte: „Wo ist sie?" Die kleine Magd sagte: „Sie hat sich nicht getraut, einfach hereinzukommen, und wartet noch auf die Anweisung der Herrin." Friedchen hörte das und nickte nachdenklich. Da Phönixglanz in ihrer Krankheit sicher keinen Besuch empfangen wollte, sagte sie: „Die Herrin ruht sich gerade aus; lasst sie erst einmal warten. Hast du sie gefragt, warum sie kommt?" Die kleine Magd antwortete: „Man hat schon gefragt; es gibt nichts Besonderes. Sie sagt, sie habe vom Ableben der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.</ref> erfahren, und weil sie keine Nachricht bekommen habe, sei sie zu spät gekommen."
[[Category:Hongloumeng]]
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Während die kleine Magd noch sprach, hörte Phönixglanz es und rief: „Friedchen, komm her! Die Leute kommen mit guten Absichten, um nach mir zu sehen — man darf sie nicht kalt behandeln. Geh und bitte die Alte Liu herein; ich möchte ein wenig mit ihr plaudern." Friedchen musste also hinausgehen und die Alte Liu hereinbitten.
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Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau auf den Kang zukommen sah, als wollten sie hinaufsteigen. Phönixglanz rief hastig nach Friedchen: „Woher kommt dieser Mann? Er ist bis hierher gelaufen!" Sie rief zweimal, doch nur Fenger und Kleine Rote kamen herbeigelaufen und fragten: „Was wünscht die Herrin?" Phönixglanz öffnete die Augen und sah niemanden mehr. Sie verstand in ihrem Herzen, was es war, wollte es aber nicht aussprechen, und fragte Fenger nur: „Wo ist denn Friedchen, dieses Ding, hingegangen?" Fenger antwortete: „Hat die Herrin sie nicht selbst losgeschickt, um die Alte Liu zu holen?" Phönixglanz sammelte sich eine Weile und sagte nichts mehr.
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Da kamen Friedchen und die Alte Liu mit einem kleinen Mädchen herein. „Wo ist unsere gnädige Frau?", fragte die Alte Liu. Friedchen führte sie an den Kang. Die Alte Liu sagte: „Ich wünsche der gnädigen Frau gute Gesundheit!" Phönixglanz öffnete die Augen, und unwillkürlich überkam sie tiefe Trauer. Sie sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Warum kommt Ihr erst jetzt? Seht nur, Eure Enkelin ist auch schon so groß geworden."
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Die Alte Liu sah, dass Phönixglanz nur noch Haut und Knochen war und ihr Blick trübe und verwirrt, und auch ihr wurde es traurig ums Herz. Sie sagte: „Meine liebe gnädige Frau! Wie kommt es, dass Ihr in den paar Monaten, die ich Euch nicht gesehen habe, so krank geworden seid? Ich dumme alte Frau, warum bin ich nicht früher gekommen, um der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen?" Dann rief sie: „Qinger, grüß die gnädige Frau!" Qinger lachte nur. Phönixglanz betrachtete sie und empfand große Zuneigung; sie bat Kleine Rote, sich um das Mädchen zu kümmern.
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Die Alte Liu sagte: „Wir Landbewohner werden selten krank. Wenn wir aber einmal krank werden, bitten wir die Götter um Hilfe und geloben Opfergaben; von Medizin verstehen wir nichts. Ich denke, die Krankheit der gnädigen Frau kommt vielleicht daher, dass sie einem bösen Geist begegnet ist?" Friedchen fand diese Worte unpassend und zupfte sie heimlich am Ärmel. Die Alte Liu verstand den Wink und schwieg. Doch diese Worte trafen genau Phönixglanz' eigene Gedanken. Sie stemmte sich hoch und sagte: „Alte Liu, Ihr seid eine betagte Frau, und was Ihr sagt, ist nicht falsch. Habt Ihr schon gehört, dass auch die Nebenfrau Zhao, die Ihr kennt, gestorben ist?" Die Alte Liu war erstaunt: „Amitabha! Kerngesund war die Frau, und nun ist sie tot? Ich erinnere mich, sie hatte auch einen kleinen Sohn — was soll nun aus ihm werden?" Friedchen sagte: „Was soll schon sein? Er hat ja noch den Herrn und die Dame." Die Alte Liu sagte: „Fräulein, das versteht Ihr nicht. Schlimm genug, wenn die leibliche Mutter stirbt — eine Stiefmutter ist nicht zu gebrauchen!" Diese Worte rührten an Phönixglanz' eigenen Kummer, und sie begann bitterlich zu schluchzen. Alle kamen herbei, um sie zu trösten.
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Jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> hörte ihre Mutter weinen und lief zum Kang; sie nahm Phönixglanz bei der Hand und weinte ebenfalls. Phönixglanz sagte unter Tränen: „Hast du die Alte Liu schon begrüßt?" Jie sagte: „Nein." Phönixglanz sagte: „Deinen Namen hat sie dir gegeben — sie ist wie eine Patin für dich. Geh und begrüße sie." Jie trat vor die Alte Liu. Die Alte Liu zog sie hastig an sich und rief: „Amitabha! Erschlagt mich nicht mit so viel Ehre! Liebes Fräulein Jie, ich war über ein Jahr nicht hier — erkennst du mich noch?" Jie antwortete: „Natürlich erkenne ich Euch! Damals im Garten, als wir uns sahen, war ich noch klein. Vorvoriges Jahr, als Ihr kamt, habe ich Euch um Heuschrecken vom letzten Jahr gebeten, aber Ihr habt mir keine gebracht — Ihr habt es bestimmt vergessen!" Die Alte Liu sagte: „Liebes Fräulein, ich bin eine vergessliche alte Frau! Was die Heuschrecken angeht — bei uns auf dem Land gibt es davon massenhaft. Wenn Ihr nur zu uns kämet, könntet Ihr einen ganzen Wagen voll haben, ganz leicht."
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Phönixglanz sagte: „Dann nehmt sie doch gleich mit!" Die Alte Liu lachte: „So ein hochedles Fräulein, in Seide und Brokat aufgewachsen, verwöhnt mit feinstem Essen — wenn sie zu uns käme, womit sollte ich sie unterhalten, was sollte ich ihr zu essen geben? Das wäre doch mein Untergang!" Dabei lachte sie selbst und sagte dann: „Na gut, dann stifte ich dem Fräulein doch eine Heirat! Bei uns auf dem Land gibt es zwar kein Gold und keine Edelsteine wie hier, aber es gibt auch dort große Grundbesitzer mit Tausenden von Morgen Land, Hunderten von Rindern und reichlich Silber und Geld. Die gnädige Frau schaut freilich auf solche Familien herab, aber wir Landbewohner betrachten solche Grundbesitzer geradezu als himmlische Wesen." Phönixglanz sagte: „Wenn Ihr ein gutes Angebot habt, bin ich einverstanden." Die Alte Liu sagte: „Das war wohl nur ein Scherz. Bei einer gnädigen Frau wie Euch — hohe Beamtenfamilien und Fürstenhäuser würden sie vielleicht noch nicht nehmen wollen, wie könnten sie sie da einer Bauernfamilie geben? Selbst wenn die gnädige Frau einverstanden wäre — die Damen oben würden es nicht erlauben."
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Jie fand diese Worte unangenehm und ging zu Qinger hinüber, um mit ihr zu reden. Die beiden Mädchen verstanden sich sofort gut und waren bald vertraut miteinander.
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Friedchen fürchtete, die Alte Liu könne mit ihrem vielen Reden Phönixglanz belästigen, zog sie daher am Ärmel und sagte: „Ihr habt die Damen erwähnt — Ihr wart ja noch gar nicht bei ihnen! Ich lasse Euch jemanden bringen, der Euch hinführt. Die Reise soll sich ja gelohnt haben." Die Alte Liu wollte schon aufbrechen, doch Phönixglanz sagte: „Was eilt so? Setzt Euch doch. Ich wollte Euch fragen: Könnt Ihr in letzter Zeit über die Runden kommen?"
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Die Alte Liu dankte tausendmal und sagte: „Wenn wir nicht die gnädige Frau gehabt hätten — " Sie zeigte auf Qinger. „ — wären ihre Eltern verhungert. Obwohl wir Landbewohner es schwer haben, haben wir doch etliche Morgen Land dazugewonnen und einen Brunnen gegraben; wir pflanzen Gemüse und Obst, und was wir im Jahr dafür einnehmen, ist nicht wenig — es reicht zum Leben. In den letzten Jahren hat die gnädige Frau uns immer wieder Kleider und Stoffe geschickt. In unserem Dorf gelten wir als wohlhabend. Amitabha! Vor einigen Tagen war ihr Vater in der Stadt und hörte, dass bei der gnädigen Frau hier Hab und Gut beschlagnahmt worden sei — da wäre ich fast vor Schreck gestorben! Zum Glück sagte jemand, es sei nicht bei Euch gewesen, da beruhigte ich mich. Dann hörte ich, der Herr sei befördert worden, und ich freute mich und wollte kommen, um zu gratulieren, aber die Ernte auf dem Feld ließ es nicht zu. Gestern dann hörte ich, die Herzoginmutter sei nicht mehr. Ich war gerade auf dem Feld beim Bohnendreschen; als ich die Nachricht hörte, erschrak ich so, dass ich die Bohnen gar nicht mehr halten konnte, und weinte bitterlich mitten auf dem Feld. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Ob es wahr ist oder nicht — ich muss in die Stadt und nachsehen!' Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind auch keine herzlosen Menschen; als sie es hörten, weinten auch sie eine Weile. Heute, noch vor Tagesanbruch, trieben sie mich zur Eile an, in die Stadt zu fahren. Ich kenne ja keinen Menschen und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. So ging ich geradewegs zum Hintertor. Als ich sah, dass die Türgötter mit weißem Papier überklebt waren, erschrak ich aufs Neue. Drinnen suchte ich nach Schwester Zhou, konnte sie aber nicht finden. Ich stieß auf ein kleines Mädchen, das mir sagte, Schwester Zhou sei in Ungnade gefallen und fortgejagt worden. Dann wartete ich noch lange, bis ich auf eine Bekannte traf, und erst dann wurde ich hereingelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch die gnädige Frau so krank ist." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herunter.
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Friedchen war in Eile und ließ sie gar nicht ausreden, sondern zog sie mit sich und sagte: „Ihr redet nun schon so lange, Euer Mund muss ganz trocken sein — lasst uns Tee trinken gehen!" Sie zog die Alte Liu in die Gesindekammer. Qinger blieb bei Jie. Die Alte Liu sagte: „Tee brauche ich nicht. Liebes Fräulein, lasst jemanden mich zu den Damen bringen, damit ich ihnen meine Aufwartung mache und um die Herzoginmutter weine." Friedchen sagte: „Keine Eile. Heute schafft Ihr es ohnehin nicht mehr aus der Stadt hinaus. Vorhin hatte ich nur Angst, Ihr könntet unvorsichtig reden und unsere Herrin zum Weinen bringen, deshalb habe ich Euch herausgeholt. Nehmt es mir nicht übel." Die Alte Liu sagte: „Amitabha! Fräulein, da seid Ihr zu besorgt. Ich weiß das auch. Aber wie soll die Herrin nur gesund werden?" Friedchen fragte: „Was meint Ihr — ist es bedenklich oder nicht?" Die Alte Liu sagte: „Es ist eine Sünde, es auszusprechen, aber meiner Meinung nach sieht es nicht gut aus."
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Gerade als sie so sprachen, rief Phönixglanz wieder. Friedchen eilte ans Bett, doch Phönixglanz sagte nichts mehr. Friedchen wollte Fenger gerade fragen, als Kette Kaufmann hereinkam, zum Kang hinüberblickte, kein Wort sagte und ins Innenzimmer ging, wo er sich wütend schnaubend hinsetzte. Nur Herbstglöckchen<ref>Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.</ref> folgte ihm hinein, schenkte ihm Tee ein und umsorgte ihn eifrig, wobei sie leise miteinander tuschelten — man wusste nicht, worüber. Dann kam Kette Kaufmann heraus und rief Friedchen zu sich: „Nimmt die Herrin keine Medizin ein?" Friedchen antwortete: „Wie soll es ohne Medizin gehen?" Kette Kaufmann sagte: „Woher soll ich das wissen? Gib mir die Schlüssel zum Schrank." Friedchen sah, dass Kette Kaufmann erzürnt war, und wagte nicht zu fragen. Sie ging hinaus und flüsterte Phönixglanz nur ein Wort ins Ohr. Phönixglanz schwieg. Friedchen stellte daraufhin ein Kästchen bei Kette Kaufmann ab und ging. Kette Kaufmann schrie: „Hat dich ein Geist gerufen? Du stellst es hin — soll es sich selbst öffnen?" Friedchen schluckte ihren Ärger hinunter, öffnete das Kästchen, nahm die Schlüssel heraus, öffnete den Schrank und fragte: „Was soll ich herausnehmen?" Kette Kaufmann sagte: „Haben wir denn überhaupt noch etwas?" Friedchen weinte vor Wut und sagte: „Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es offen heraus! Und wenn ich dabei sterben sollte, ist es mir auch recht!" Kette Kaufmann sagte: „Muss man das erst noch sagen? Das Durcheinander vorher habt ihr angerichtet! Jetzt fehlen für die Trauerfeier der Herzoginmutter noch vier- bis fünftausend Tael Silber. Der Herr hat mich beauftragt, die Grundstücksregister des gemeinsamen Besitzes durchzugehen und Silber aufzutreiben. Hast du eine Ahnung, ob da noch etwas ist? Die Außenschulden — kann man die etwa unbezahlt lassen? Wer hat mich nur dazu gebracht, diesen Namen zu tragen! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sachen zu versetzen, die mir die Herzoginmutter gegeben hat. Bist du etwa dagegen?"
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Friedchen hörte das und sagte kein Wort, sondern räumte die Dinge aus dem Schrank. Da kam Kleine Rote herübergelaufen und rief: „Schwester Friedchen, komm schnell! Der Herrin geht es schlecht!" Friedchen kümmerte sich nicht mehr um Kette Kaufmann und eilte hinüber. Sie sah, dass Phönixglanz mit den Händen ins Leere griff. Friedchen ergriff ihre Hand und rief weinend ihren Namen. Kette Kaufmann kam ebenfalls herüber, warf einen Blick auf sie und stampfte mit dem Fuß auf: „Wenn es so weit ist, dann bringt ihr mich auch noch um!" Auch ihm liefen die Tränen herunter. Fenger kam herein und sagte: „Draußen wird nach dem Zweiten Herrn gefragt." Kette Kaufmann musste also hinausgehen.
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Phönixglanz' Zustand verschlechterte sich immer mehr. Fenger und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Jie hörte es und eilte herbei. Auch die Alte Liu lief schnell zum Kang, murmelte Gebete und vollzog einige Beschwörungen — und tatsächlich ging es Phönixglanz etwas besser. Bald darauf kam auch Frau König, die durch eine Magd Nachricht erhalten hatte. Als sie sah, dass Phönixglanz ruhiger geworden war, beruhigte sie sich etwas. Sie bemerkte die Alte Liu und sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Wann seid Ihr angekommen?" Die Alte Liu begrüßte Frau König und sprach dann nur von Phönixglanz' Krankheit; sie berieten eine ganze Weile. Farbwölkchen kam herein und sagte: „Der Herr bittet die Dame zu sich." Frau König gab Friedchen noch einige Anweisungen und ging hinüber.
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Phönixglanz hatte eine Weile lang gewütet, doch nun wurde sie wieder etwas klarer im Kopf. Als sie die Alte Liu noch hier sah und an deren Gebete und Beschwörungen glaubte, schickte sie Fenger und die anderen hinaus, bat die Alte Liu, sich an ihr Bett zu setzen, und erzählte ihr von ihrer Unruhe und den Geistererscheinungen. Die Alte Liu berichtete, welcher Bodhisattva in ihrem Dorf Wunder wirke und welcher Tempel sich als wirksam erwiesen habe. Phönixglanz sagte: „Ich bitte Euch, für mich zu beten. Wenn Opfergaben und Geld nötig sind — ich habe welches." Sie streifte einen goldenen Armreif von ihrem Handgelenk und reichte ihn der Alten Liu. Die Alte Liu sagte: „Gnädige Frau, das ist nicht nötig! Wir Landbewohner geloben etwas, und wenn es geholfen hat, opfern wir ein paar hundert Kupfermünzen, das ist alles — wozu braucht man so viel? Auch wenn ich für die gnädige Frau beten gehe, ist es ja nur ein Gelübde. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist und etwas opfern will, kann sie es selbst tun." Phönixglanz wusste, dass die Alte Liu es aufrichtig meinte, und wollte sie nicht drängen. So behielt sie den Armreif und sagte: „Alte Liu, mein Leben lege ich in Eure Hände. Und meine Jie, die ist auch ein Kind von tausend Krankheiten und Plagen — auch sie vertraue ich Euch an." Die Alte Liu stimmte bereitwillig zu und sagte dann: „So, wie ich sehe, ist es noch nicht spät, ich kann noch vor Einbruch der Nacht aus der Stadt kommen — ich gehe jetzt los. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist, lade ich sie ein, persönlich das Gelübde einzulösen."
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Phönixglanz wurde von den umherirrenden Geistern der Toten gequält und konnte es kaum erwarten, dass die Alte Liu ging. So sagte sie: „Wenn Ihr mir von Herzen helft und ich eine ruhige Nacht schlafen kann, bin ich Euch unendlich dankbar. Eure Enkelin — lasst sie doch hier ein paar Tage bleiben." Die Alte Liu sagte: „Ein Bauernkind hat keine Manieren und könnte sich hier unmöglich aufführen — ich nehme sie besser mit." Phönixglanz sagte: „Da seid Ihr zu besorgt. Wir sind doch eine Familie — was gibt es da zu fürchten? Auch wenn wir arm geworden sind, für eine Person mehr zu essen wird es schon noch reichen." Die Alte Liu sah Phönixglanz' aufrichtige Bitte und war froh, Qinger ein paar Tage hierbleiben zu lassen, um zu Hause ein Maul weniger füttern zu müssen. Nur fürchtete sie, Qinger wolle nicht. So sprach sie mit Qinger. Da Qinger sich mit Jie angefreundet hatte und Jie nicht wollte, dass sie ging, und Qinger selbst auch bleiben wollte, war die Sache entschieden. Die Alte Liu gab ihr noch ein paar Anweisungen, verabschiedete sich von Friedchen und eilte aus der Stadt. Davon sei nun nicht weiter die Rede.
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Was nun das Smaragdkloster betrifft: Es stand auf dem Grundstück der Kaufmann-Familie. Als man den Garten für den kaiserlichen Besuch errichtet hatte, war das Kloster in den Garten einbezogen worden. Die Kosten für Nahrung und Räucherwerk trug es immer selbst, ohne die Kaufmann-Familie zu belasten. Nachdem Wunderjade<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.</ref> geraubt worden war, erstattete die verbliebene Nonne Anzeige bei den Behörden. Einerseits wartete man auf den Ausgang der behördlichen Räubersuche, andererseits war es Wunderjades Stiftung, die man nicht auflösen konnte, und so lebte die Nonne weiter dort — sie hatte es lediglich der Kaufmann-Familie mitgeteilt.
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Obwohl alle im Haus davon wussten, wagte bei Aufrecht Kaufmanns frischer Trauer und seiner sonstigen Unruhe niemand, ihm solche nebensächlichen Dinge zu melden. Nur Beklagenswert<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.</ref> wusste davon und war Tag und Nacht beunruhigt. Allmählich drang die Nachricht auch zu Schatzjades<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.</ref> Ohren: Wunderjade sei von Räubern entführt worden; andere sagten, Wunderjade habe weltliche Begierden entwickelt und sei mit einem Mann davongelaufen. Als Schatzjade das hörte, war er zutiefst bestürzt: „Sicherlich wurde sie von Banditen geraubt. So eine Person würde es sich niemals gefallen lassen — gewiss ist sie lieber in den Tod gegangen, als sich zu fügen." Doch da es keine Spur von ihr gab, war er in großer Sorge und seufzte Tag für Tag. Er sagte auch: „So ein Mensch, der sich selbst ‚Jenseits der Schwelle' nannte — wie konnte er ein solches Ende nehmen?" Dann dachte er weiter: „Wie lebhaft war es einst im Garten! Seit die Zweite Schwester verheiratet wurde, sind die einen gestorben, die anderen fortgezogen. Ich dachte, sie sei frei von jedem weltlichen Staub und würde bewahrt bleiben, doch unversehens kam ein Sturm über sie — noch seltsamer als der Tod der Schwester Lin<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.</ref>!" So ging ein Gedanke in den nächsten über, und er erinnerte sich an die Worte im Zhuangzi über das Nichtige und Flüchtige: In dieser Welt ist es unvermeidlich, dass Wind die Wolken zerstreut. Unwillkürlich brach er in lautes Weinen aus. Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> und die anderen dachten, seine alte Krankheit breche wieder aus, und versuchten ihn auf jede erdenkliche Weise sanft zu beruhigen.
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Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.</ref> wusste anfangs nicht, was los war, und redete ihm auch mit ermahnenden Worten zu. Doch Schatzjade blieb niedergeschlagen und unempfänglich, und seine Gedanken wurden immer wirrer. Schatzspange konnte sich keinen Reim darauf machen und erkundigte sich mehrfach, bis sie erfuhr, dass Wunderjade geraubt worden war und ihr Verbleib unbekannt, worüber auch sie Trauer empfand. Doch weil Schatzjades Schwermut sie bekümmerte, sprach sie ernst zu ihm: „Lan<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.</ref> ist seit der Rückkehr vom Begräbniszug zwar nicht mehr in die Schule gegangen, aber ich höre, er lernt Tag und Nacht unermüdlich. Er ist der Urenkel der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter hat sich immer gewünscht, dass du ein tüchtiger Mensch wirst. Der Herr Vater macht sich Tag und Nacht Sorgen um dich. Wenn du dich wegen müßiger Gefühle und törichter Gedanken zugrunde richtest — was soll dann aus uns werden, die wir an deiner Seite leben?" Diese Worte ließen Schatzjade verstummen. Nach einer Weile sagte er erst: „Ich kümmere mich doch gar nicht um die Angelegenheiten anderer Leute! Ich beklage nur, dass das Glück unserer Familie im Niedergang begriffen ist." Schatzspange sagte: „Schon wieder! Der Herr und die Dame wollen doch nur, dass du ein tüchtiger Mensch wirst und das Erbe der Vorfahren fortführst. Du aber bleibst verbohrt und uneinsichtig — was soll man da machen?" Schatzjade fand ihre Worte nicht nach seinem Geschmack, lehnte sich auf den Tisch und schlief ein. Schatzspange kümmerte sich nicht weiter um ihn, rief Moschusmond und die anderen, um auf ihn aufzupassen, und ging selbst schlafen.
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Als Schatzjade sah, dass kaum jemand mehr im Zimmer war, dachte er: „Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> ist hierher gekommen, und ich habe nie ein aufrichtiges Wort mit ihr gewechselt. Eiskalt lässt man sie hier sitzen — das bedrückt mich sehr. Sie ist ja nicht wie Mondschein oder Herbstmuster<ref>Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.</ref>, die ich einfach so belassen kann. Ich erinnere mich, wie sie damals, als ich krank war, tagelang bei mir wachte; sogar ihr kleiner Spiegel ist noch bei mir — ihr Herz war wirklich nicht kalt. Warum nur begegnet sie mir jetzt so kühl? Wenn es wegen meiner Frau wäre — aber sie war doch Schwester Lins beste Vertraute, und ich sehe, dass meine Frau sie auch gut behandelt. Wenn ich nicht zu Hause bin, plaudert und lacht Purpurkuckuck durchaus mit ihr; doch sobald ich komme, geht Purpurkuckuck weg. Das muss wohl daran liegen, dass Schwester Lin gestorben ist und ich geheiratet habe. Ach, Purpurkuckuck, Purpurkuckuck! Du bist ein so kluges Mädchen — siehst du denn nicht, wie ich leide?" Dann überlegte er weiter: „Heute Abend sind alle entweder eingeschlafen oder mit Handarbeiten beschäftigt. Ich nutze die Gelegenheit und suche sie auf, um zu sehen, was sie zu sagen hat. Wenn ich sie in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte, dann bitte ich eben um Verzeihung." Mit diesem Entschluss schlich er leise aus der Tür und machte sich auf die Suche nach Purpurkuckuck.
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Purpurkuckucks Kammer lag gleich im Inneren des westlichen Seitengebäudes. Schatzjade schlich sich leise zum Fenster. Drinnen brannte noch Licht. Er leckte mit der Zunge ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein: Purpurkuckuck saß allein bei der Lampe, tat nichts, saß nur reglos da. Schatzjade rief leise: „Schwester Purpurkuckuck, bist du noch wach?" Purpurkuckuck erschrak heftig, starrte lange vor sich hin und sagte dann: „Wer ist da?" Schatzjade antwortete: „Ich bin es." Purpurkuckuck erkannte Schatzjades Stimme und fragte: „Ist das der Zweite Herr Schatzjade?" Schatzjade antwortete leise mit einem „Ja". Purpurkuckuck fragte: „Was wollt Ihr hier?" Schatzjade sagte: „Ich habe etwas auf dem Herzen und möchte mit dir darüber sprechen. Mach die Tür auf, ich setze mich einen Augenblick zu dir." Purpurkuckuck schwieg eine Weile und sagte dann: „Zweiter Herr, was auch immer Ihr zu sagen habt — es ist spät, bitte geht zurück. Wir können morgen darüber reden."
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Schatzjade war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte noch hineingehen, fürchtete aber, Purpurkuckuck werde ihm nicht öffnen. Wollte er aber umkehren, so hatte Purpurkuckucks Abweisung all die verborgenen Gefühle in seinem Innern nur noch stärker hervorgerufen. So sagte er hilflos: „Ich habe auch gar nicht viel zu sagen — nur eine einzige Frage." Purpurkuckuck antwortete: „Wenn es nur eine Frage ist, dann stellt sie." Schatzjade schwieg lange.
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Purpurkuckuck hörte von drinnen, dass Schatzjade nichts mehr sagte. Sie wusste um seine alte Krankheit und fürchtete, ihre schroffe Abweisung könne seinen Anfall auslösen — das wäre auch nicht gut. So stand sie auf, lauschte aufmerksam und fragte: „Seid Ihr gegangen, oder steht Ihr noch wie ein Narr da? Ihr habt etwas zu sagen und sagt es nicht, steht nur hier herum und quält die Leute. Einen Menschen habt Ihr schon zu Tode gequält — wollt Ihr noch einen umbringen? Wozu das alles?" Dabei spähte auch sie durch das Loch, das Schatzjade geleckt hatte, und sah ihn draußen wie betäubt stehen. Sie wagte nicht weiterzusprechen, ging zurück und putzte den Lampendocht. Da hörte sie Schatzjade seufzen und sagen: „Schwester Purpurkuckuck, du warst doch nie so hartherzig wie Stein und Eisen! Warum hast du in letzter Zeit nicht ein einziges freundliches Wort für mich übrig? Ich bin freilich ein trüber, unwürdiger Mensch, und es steht Euch frei, mich nicht zu beachten. Doch wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sag es mir bitte — dann mag Schwester mich meinetwegen ein Leben lang ignorieren, aber wenigstens stürbe ich als ein Geist, der seine Fehler kennt!"
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Purpurkuckuck hörte das und lachte kalt: „Das ist also alles, was der Zweite Herr zu sagen hat? Gibt es sonst noch etwas? Wenn es nur das ist — als unsere Herrin noch lebte, habe ich das auch oft genug gehört. Und wenn wir uns irgendwie verfehlt haben sollten — ich bin von der Dame hierher geschickt worden, da wendet Euch bitte an die Dame. Wir Dienstmädchen zählen ohnehin für gar nichts." Bei diesen Worten wurde ihre Stimme brüchig, und sie begann zu schluchzen und sich die Nase zu schnäuzen. Schatzjade draußen wusste, dass sie vor Kummer weinte, und stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Was soll das heißen! Meine Angelegenheiten — du bist nun schon einige Monate hier und weißt doch alles! Wenn schon niemand bereit ist, mir bei dir ein gutes Wort einzulegen, willst du mich etwa nicht einmal selbst sprechen lassen? Soll ich denn an dem Ungesagten ersticken?" Auch er begann zu schluchzen.
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Während Schatzjade hier seinen Kummer ergoss, sprach plötzlich hinter ihm jemand: „Wen wollt Ihr denn für Euch sprechen lassen? Wer ist wessen was? Wenn man sich an jemandem vergangen hat, muss man sich schon selbst entschuldigen! Ob das Gegenüber einem die Ehre erweist oder nicht, liegt in seinem Ermessen. Warum müsst Ihr Unbeteiligte wie uns als Prellbock benutzen?" Dieser Satz erschreckte die beiden drinnen wie draußen gleichermaßen. Wer war es? Es war Moschusmond. Schatzjade war peinlich berührt. Mondschein fuhr fort: „Wie soll es denn nun sein? Der eine bittet um Verzeihung, die andere beachtet ihn nicht. Nun beeil dich und bitte ordentlich um Entschuldigung! Ach, unsere Schwester Purpurkuckuck ist auch zu hartherzig! Bei dieser Kälte draußen hat er sie schon so lange angefleht, und nicht einmal ein Lebenszeichen hat sie von sich gegeben!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die Zweite Herrin hat vorhin gefragt, wo Ihr steckt — es ist schon so spät, und sie wundert sich, wo Ihr seid. Was steht Ihr allein unter der Dachtraufe?" Purpurkuckuck rief von drinnen: „Was soll das alles? Ich habe den Zweiten Herrn längst gebeten, hineinzugehen; was er mir zu sagen hat, kann bis morgen warten. Wozu muss er hier stehen bleiben?"
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Schatzjade wollte noch etwas sagen, doch da Mondschein hier war, brachte er es nicht über sich. Er ging mit Mondschein zurück und sagte im Gehen: „Es ist vorbei! Es ist vorbei! In diesem Leben werde ich mein Herz niemals offenlegen können. Nur der Himmel allein weiß die Wahrheit!" Bei diesen Worten strömten ihm die Tränen in Bächen herunter — man wusste nicht, woher sie kamen. Mondschein sagte: „Zweiter Herr, folgt meinem Rat und gebt es auf. Es ist schade um die vergeblichen Tränen." Schatzjade antwortete nicht und betrat das Zimmer. Schatzspange schlief bereits — oder tat zumindest so, wie Schatzjade wohl wusste. Dufthauch aber sagte: „Was es auch zu besprechen gibt, kann man es nicht morgen sagen? Unbedingt muss er dorthin rennen und einen Aufstand machen, bis ..." Hier hielt sie inne, wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Fühlt Ihr Euch nicht unwohl?" Schatzjade sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dufthauch bereitete sein Bett, und er legte sich hin. Dass er die ganze Nacht kein Auge zutat, versteht sich von selbst.
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Purpurkuckuck ihrerseits war durch Schatzjades Besuch noch elender zumute geworden. Sie weinte die ganze Nacht durch und dachte hin und her: „Die Sache mit Schatzjades Hochzeit — ich weiß genau, dass er in seiner Krankheit nichts davon verstand; deshalb haben alle mit Täuschung und Trug die Heirat zustande gebracht. Später, als Schatzjade wieder bei Verstand war, erlitt er einen Rückfall seiner alten Krankheit; immer wieder weint er und sehnt sich zurück — er ist wahrlich kein herzloser, pflichtvergessener Mensch. Sein zartes Empfinden heute Abend war erst recht herzzerreißend. Nur unsere arme Herrin Lin — sie hatte wirklich nicht das Glück, sein Herz zu genießen. So betrachtet, sind die menschlichen Schicksalsbande alle vorherbestimmt: Solange das Ende noch nicht gekommen ist, gibt sich jeder seinen blinden Hoffnungen und eitlen Träumen hin. Wenn es dann aber unabwendbar ist, kümmert sich der Stumpfsinnige gar nicht mehr darum, während der Tieffühlende nur noch im Mondschein und im Abendwind seine Tränen vergießen kann. Die Tote weiß womöglich gar nichts davon; aber der Lebende — der leidet wirklich endlos und grenzenlos. So betrachtet, ist man am Ende schlechter dran als Gras und Stein: ohne Wissen und ohne Empfinden, aber wenigstens mit einem reinen Herzen." Bei diesem Gedanken erstarrte ihr heißes, schmerzliches Herz mit einem Mal zu Eis. Gerade wollte sie aufräumen und sich schlafen legen, als sie aus dem östlichen Hof lauten Lärm und Geschrei hörte.
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Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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<references />

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Kapitel 113 Frühere Schuld bereuen — Phönixglanz vertraut einer Bäuerin ihr Kind an Alten Groll lösen — die treue Dienerin wird vom törichten Liebhaber gerührt

Es wird erzählt, dass Nebenfrau Zhao[1] im Tempel von einer plötzlichen Krankheit befallen worden war. Als die Umstehenden weniger wurden, redete sie nur noch wilder wirres Zeug daher, was alle Anwesenden vor Schrecken erstarren ließ. Zwei Frauen stützten Nebenfrau Zhao, die auf beiden Knien auf dem Boden kniete, bald redete, bald weinte. Manchmal warf sie sich auf den Boden und schrie um Gnade: „Schlagt mich nicht tot! Herr mit dem roten Bart, ich wage es nie wieder!" Dann wieder faltete sie die Hände und schrie vor Schmerzen; die Augen traten ihr aus dem Kopf, frisches Blut floss aus ihrem Mund, die Haare hingen ihr aufgelöst herab. Alle hatten Angst und wagten sich nicht in ihre Nähe. Inzwischen war es Abend geworden, und Nebenfrau Zhaos Stimme wurde immer heiserer, bis sie wie das Heulen eines Gespenstes klang. Niemand wagte es, bei ihr zu bleiben; man musste einige beherzte Männer hereinrufen, die sich zu ihr setzten. Nebenfrau Zhao starb zwischendurch, kam aber nach einer Weile wieder zu sich und trieb so die ganze Nacht ihr Unwesen.

Am nächsten Tag sprach sie kein Wort mehr, schnitt nur noch Fratzen und riss sich mit den Händen die Kleider auf, entblößte die Brust, als ob jemand sie bei lebendigem Leibe häuten würde. Die arme Nebenfrau Zhao konnte zwar nicht mehr sprechen, doch ihr Leiden war wahrhaft unerträglich anzusehen. Gerade in diesem kritischen Augenblick kam der Arzt, wagte aber nicht einmal, den Puls zu fühlen, und sagte nur: „Bereitet die Bestattung vor!" Damit erhob er sich und wollte gehen. Der Diener, der den Arzt begleitete, bat inständig: „Bitte, Herr Doktor, fühlen Sie doch den Puls, damit ich meiner Herrschaft Bericht erstatten kann!" Der Arzt legte die Hand auf — es war kein Puls mehr zu fühlen. Als Unheil Kaufmann[2] dies hörte, brach er erst in lautes Weinen aus. Alle kümmerten sich nur um Unheil Kaufmann; wer kümmerte sich schon um Nebenfrau Zhao, die mit wirren Haaren und nackten Füßen auf dem Kang gestorben war? Nur Nebenfrau Zhou dachte bei sich: „Das Schicksal einer Nebenfrau endet eben so! Dabei hat sie immerhin noch einen Sohn. Wenn ich einmal sterbe, wer weiß, wie es mir ergehen wird!" Und so empfand sie im Gegenteil tiefes Mitleid.

Man berichtete Aufrecht Kaufmann[3] von der Sache. Aufrecht Kaufmann schickte sofort jemanden, um alles Nötige wie üblich zu erledigen: Er solle Unheil Kaufmann drei Tage lang Gesellschaft leisten und dann gemeinsam mit ihm zurückkehren. Der Bote ging.

Hier verbreitete sich die Nachricht von einem zum anderen, von zehn zu hundert, und alle wussten, dass Nebenfrau Zhao einst mit giftigem Herzen Menschen geschadet hatte und nun von den Richtern der Unterwelt zu Tode gepeitscht worden war. Manche sagten auch: „Die Frau des Zweiten Herrn Kette wird wohl auch nicht mehr gesund werden — so hat also sie es wohl bei den Unterweltrichtern angezeigt?"

Diese Gerüchte drangen auch Friedchen[4] zu Ohren, und sie war sehr beunruhigt. Wenn sie Phönixglanz' Zustand betrachtete, war wirklich keine Hoffnung auf Genesung mehr. Zudem war Kette Kaufmann[5] in letzter Zeit bei Weitem nicht mehr so liebevoll wie früher; da er ohnehin viel zu tun hatte, benahm er sich, als ginge ihn die Sache gar nichts an. Friedchen konnte vor Phönixglanz nur tröstende Worte sprechen. Dazu kam noch, dass Frau Strafe[6] und Frau König[7] zwar seit einigen Tagen zu Hause waren, aber nur Boten schickten, um nach ihr zu fragen, ohne persönlich vorbeizukommen — was Phönixglanz' Herz noch bitterer stimmte. Auch wenn Kette Kaufmann nach Hause kam, hatte er kein einziges herzliches Wort für sie.

Phönixglanz wünschte sich zu dieser Zeit nur noch einen schnellen Tod. Sobald sie in Gedanken versank, kamen alle Dämonen herbei. Da sah sie, wie die Zweitschwester Sonders[8] von hinter dem Haus herbeikam, langsam auf ihr Bett zuging und sagte: „Schwester, wir haben uns so lange nicht gesehen! Ich, die jüngere Schwester, habe mich sehr nach Euch gesehnt; ich wollte Euch besuchen, aber konnte nicht. Nun habe ich endlich die Gelegenheit, hereinzukommen und Euch zu sehen. Schwester, Ihr habt all Eure Klugheit aufgebraucht, doch unser Zweiter Herr ist so töricht, er erkennt Eure guten Absichten gar nicht an! Im Gegenteil, er beklagt sich, Ihr hättet alles zu hart und zu grausam gemacht und ihm seine Karriere geraubt, sodass er sich jetzt vor den Menschen nicht mehr sehen lassen kann. Ich empfinde Empörung für Euch!"

Phönixglanz sprach wie im Traum: „Ich bereue es jetzt auch, dass mein Herz zu eng war. Schwester, dass Ihr mir das Alte nicht nachtragt und mich trotzdem besuchen kommt ..." Friedchen, die daneben stand, hörte es und sagte: „Herrin, was sagt Ihr da?" Phönixglanz kam einen Augenblick zu sich und erinnerte sich, dass die Zweitschwester Sonders bereits tot war — sie musste gekommen sein, um ihr das Leben zu nehmen. Als Friedchen sie wachrief, bekam sie Angst; doch sie wollte es nicht aussprechen und sagte nur mit Mühe: „Ich bin geistig verwirrt und habe wohl im Traum geredet. Klopf mir ein wenig den Rücken."

Friedchen klopfte ihr den Rücken, als eine kleine Magd hereinkam und sagte, die Alte Liu[9] sei da; die Dienerinnen hätten sie hergebracht, um der Herrin ihre Aufwartung zu machen. Friedchen ging eilig hinunter und fragte: „Wo ist sie?" Die kleine Magd sagte: „Sie hat sich nicht getraut, einfach hereinzukommen, und wartet noch auf die Anweisung der Herrin." Friedchen hörte das und nickte nachdenklich. Da Phönixglanz in ihrer Krankheit sicher keinen Besuch empfangen wollte, sagte sie: „Die Herrin ruht sich gerade aus; lasst sie erst einmal warten. Hast du sie gefragt, warum sie kommt?" Die kleine Magd antwortete: „Man hat schon gefragt; es gibt nichts Besonderes. Sie sagt, sie habe vom Ableben der Herzoginmutter[10] erfahren, und weil sie keine Nachricht bekommen habe, sei sie zu spät gekommen."

Während die kleine Magd noch sprach, hörte Phönixglanz es und rief: „Friedchen, komm her! Die Leute kommen mit guten Absichten, um nach mir zu sehen — man darf sie nicht kalt behandeln. Geh und bitte die Alte Liu herein; ich möchte ein wenig mit ihr plaudern." Friedchen musste also hinausgehen und die Alte Liu hereinbitten.

Phönixglanz wollte gerade die Augen schließen, als sie einen Mann und eine Frau auf den Kang zukommen sah, als wollten sie hinaufsteigen. Phönixglanz rief hastig nach Friedchen: „Woher kommt dieser Mann? Er ist bis hierher gelaufen!" Sie rief zweimal, doch nur Fenger und Kleine Rote kamen herbeigelaufen und fragten: „Was wünscht die Herrin?" Phönixglanz öffnete die Augen und sah niemanden mehr. Sie verstand in ihrem Herzen, was es war, wollte es aber nicht aussprechen, und fragte Fenger nur: „Wo ist denn Friedchen, dieses Ding, hingegangen?" Fenger antwortete: „Hat die Herrin sie nicht selbst losgeschickt, um die Alte Liu zu holen?" Phönixglanz sammelte sich eine Weile und sagte nichts mehr.

Da kamen Friedchen und die Alte Liu mit einem kleinen Mädchen herein. „Wo ist unsere gnädige Frau?", fragte die Alte Liu. Friedchen führte sie an den Kang. Die Alte Liu sagte: „Ich wünsche der gnädigen Frau gute Gesundheit!" Phönixglanz öffnete die Augen, und unwillkürlich überkam sie tiefe Trauer. Sie sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Warum kommt Ihr erst jetzt? Seht nur, Eure Enkelin ist auch schon so groß geworden."

Die Alte Liu sah, dass Phönixglanz nur noch Haut und Knochen war und ihr Blick trübe und verwirrt, und auch ihr wurde es traurig ums Herz. Sie sagte: „Meine liebe gnädige Frau! Wie kommt es, dass Ihr in den paar Monaten, die ich Euch nicht gesehen habe, so krank geworden seid? Ich dumme alte Frau, warum bin ich nicht früher gekommen, um der gnädigen Frau meine Aufwartung zu machen?" Dann rief sie: „Qinger, grüß die gnädige Frau!" Qinger lachte nur. Phönixglanz betrachtete sie und empfand große Zuneigung; sie bat Kleine Rote, sich um das Mädchen zu kümmern.

Die Alte Liu sagte: „Wir Landbewohner werden selten krank. Wenn wir aber einmal krank werden, bitten wir die Götter um Hilfe und geloben Opfergaben; von Medizin verstehen wir nichts. Ich denke, die Krankheit der gnädigen Frau kommt vielleicht daher, dass sie einem bösen Geist begegnet ist?" Friedchen fand diese Worte unpassend und zupfte sie heimlich am Ärmel. Die Alte Liu verstand den Wink und schwieg. Doch diese Worte trafen genau Phönixglanz' eigene Gedanken. Sie stemmte sich hoch und sagte: „Alte Liu, Ihr seid eine betagte Frau, und was Ihr sagt, ist nicht falsch. Habt Ihr schon gehört, dass auch die Nebenfrau Zhao, die Ihr kennt, gestorben ist?" Die Alte Liu war erstaunt: „Amitabha! Kerngesund war die Frau, und nun ist sie tot? Ich erinnere mich, sie hatte auch einen kleinen Sohn — was soll nun aus ihm werden?" Friedchen sagte: „Was soll schon sein? Er hat ja noch den Herrn und die Dame." Die Alte Liu sagte: „Fräulein, das versteht Ihr nicht. Schlimm genug, wenn die leibliche Mutter stirbt — eine Stiefmutter ist nicht zu gebrauchen!" Diese Worte rührten an Phönixglanz' eigenen Kummer, und sie begann bitterlich zu schluchzen. Alle kamen herbei, um sie zu trösten.

Jie[11] hörte ihre Mutter weinen und lief zum Kang; sie nahm Phönixglanz bei der Hand und weinte ebenfalls. Phönixglanz sagte unter Tränen: „Hast du die Alte Liu schon begrüßt?" Jie sagte: „Nein." Phönixglanz sagte: „Deinen Namen hat sie dir gegeben — sie ist wie eine Patin für dich. Geh und begrüße sie." Jie trat vor die Alte Liu. Die Alte Liu zog sie hastig an sich und rief: „Amitabha! Erschlagt mich nicht mit so viel Ehre! Liebes Fräulein Jie, ich war über ein Jahr nicht hier — erkennst du mich noch?" Jie antwortete: „Natürlich erkenne ich Euch! Damals im Garten, als wir uns sahen, war ich noch klein. Vorvoriges Jahr, als Ihr kamt, habe ich Euch um Heuschrecken vom letzten Jahr gebeten, aber Ihr habt mir keine gebracht — Ihr habt es bestimmt vergessen!" Die Alte Liu sagte: „Liebes Fräulein, ich bin eine vergessliche alte Frau! Was die Heuschrecken angeht — bei uns auf dem Land gibt es davon massenhaft. Wenn Ihr nur zu uns kämet, könntet Ihr einen ganzen Wagen voll haben, ganz leicht."

Phönixglanz sagte: „Dann nehmt sie doch gleich mit!" Die Alte Liu lachte: „So ein hochedles Fräulein, in Seide und Brokat aufgewachsen, verwöhnt mit feinstem Essen — wenn sie zu uns käme, womit sollte ich sie unterhalten, was sollte ich ihr zu essen geben? Das wäre doch mein Untergang!" Dabei lachte sie selbst und sagte dann: „Na gut, dann stifte ich dem Fräulein doch eine Heirat! Bei uns auf dem Land gibt es zwar kein Gold und keine Edelsteine wie hier, aber es gibt auch dort große Grundbesitzer mit Tausenden von Morgen Land, Hunderten von Rindern und reichlich Silber und Geld. Die gnädige Frau schaut freilich auf solche Familien herab, aber wir Landbewohner betrachten solche Grundbesitzer geradezu als himmlische Wesen." Phönixglanz sagte: „Wenn Ihr ein gutes Angebot habt, bin ich einverstanden." Die Alte Liu sagte: „Das war wohl nur ein Scherz. Bei einer gnädigen Frau wie Euch — hohe Beamtenfamilien und Fürstenhäuser würden sie vielleicht noch nicht nehmen wollen, wie könnten sie sie da einer Bauernfamilie geben? Selbst wenn die gnädige Frau einverstanden wäre — die Damen oben würden es nicht erlauben."

Jie fand diese Worte unangenehm und ging zu Qinger hinüber, um mit ihr zu reden. Die beiden Mädchen verstanden sich sofort gut und waren bald vertraut miteinander.

Friedchen fürchtete, die Alte Liu könne mit ihrem vielen Reden Phönixglanz belästigen, zog sie daher am Ärmel und sagte: „Ihr habt die Damen erwähnt — Ihr wart ja noch gar nicht bei ihnen! Ich lasse Euch jemanden bringen, der Euch hinführt. Die Reise soll sich ja gelohnt haben." Die Alte Liu wollte schon aufbrechen, doch Phönixglanz sagte: „Was eilt so? Setzt Euch doch. Ich wollte Euch fragen: Könnt Ihr in letzter Zeit über die Runden kommen?"

Die Alte Liu dankte tausendmal und sagte: „Wenn wir nicht die gnädige Frau gehabt hätten — " Sie zeigte auf Qinger. „ — wären ihre Eltern verhungert. Obwohl wir Landbewohner es schwer haben, haben wir doch etliche Morgen Land dazugewonnen und einen Brunnen gegraben; wir pflanzen Gemüse und Obst, und was wir im Jahr dafür einnehmen, ist nicht wenig — es reicht zum Leben. In den letzten Jahren hat die gnädige Frau uns immer wieder Kleider und Stoffe geschickt. In unserem Dorf gelten wir als wohlhabend. Amitabha! Vor einigen Tagen war ihr Vater in der Stadt und hörte, dass bei der gnädigen Frau hier Hab und Gut beschlagnahmt worden sei — da wäre ich fast vor Schreck gestorben! Zum Glück sagte jemand, es sei nicht bei Euch gewesen, da beruhigte ich mich. Dann hörte ich, der Herr sei befördert worden, und ich freute mich und wollte kommen, um zu gratulieren, aber die Ernte auf dem Feld ließ es nicht zu. Gestern dann hörte ich, die Herzoginmutter sei nicht mehr. Ich war gerade auf dem Feld beim Bohnendreschen; als ich die Nachricht hörte, erschrak ich so, dass ich die Bohnen gar nicht mehr halten konnte, und weinte bitterlich mitten auf dem Feld. Ich sagte zu meinem Schwiegersohn: ‚Ich kann mich nicht mehr um euch kümmern. Ob es wahr ist oder nicht — ich muss in die Stadt und nachsehen!' Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind auch keine herzlosen Menschen; als sie es hörten, weinten auch sie eine Weile. Heute, noch vor Tagesanbruch, trieben sie mich zur Eile an, in die Stadt zu fahren. Ich kenne ja keinen Menschen und hatte niemanden, den ich hätte fragen können. So ging ich geradewegs zum Hintertor. Als ich sah, dass die Türgötter mit weißem Papier überklebt waren, erschrak ich aufs Neue. Drinnen suchte ich nach Schwester Zhou, konnte sie aber nicht finden. Ich stieß auf ein kleines Mädchen, das mir sagte, Schwester Zhou sei in Ungnade gefallen und fortgejagt worden. Dann wartete ich noch lange, bis ich auf eine Bekannte traf, und erst dann wurde ich hereingelassen. Ich hätte nicht gedacht, dass auch die gnädige Frau so krank ist." Bei diesen Worten liefen ihr die Tränen herunter.

Friedchen war in Eile und ließ sie gar nicht ausreden, sondern zog sie mit sich und sagte: „Ihr redet nun schon so lange, Euer Mund muss ganz trocken sein — lasst uns Tee trinken gehen!" Sie zog die Alte Liu in die Gesindekammer. Qinger blieb bei Jie. Die Alte Liu sagte: „Tee brauche ich nicht. Liebes Fräulein, lasst jemanden mich zu den Damen bringen, damit ich ihnen meine Aufwartung mache und um die Herzoginmutter weine." Friedchen sagte: „Keine Eile. Heute schafft Ihr es ohnehin nicht mehr aus der Stadt hinaus. Vorhin hatte ich nur Angst, Ihr könntet unvorsichtig reden und unsere Herrin zum Weinen bringen, deshalb habe ich Euch herausgeholt. Nehmt es mir nicht übel." Die Alte Liu sagte: „Amitabha! Fräulein, da seid Ihr zu besorgt. Ich weiß das auch. Aber wie soll die Herrin nur gesund werden?" Friedchen fragte: „Was meint Ihr — ist es bedenklich oder nicht?" Die Alte Liu sagte: „Es ist eine Sünde, es auszusprechen, aber meiner Meinung nach sieht es nicht gut aus."

Gerade als sie so sprachen, rief Phönixglanz wieder. Friedchen eilte ans Bett, doch Phönixglanz sagte nichts mehr. Friedchen wollte Fenger gerade fragen, als Kette Kaufmann hereinkam, zum Kang hinüberblickte, kein Wort sagte und ins Innenzimmer ging, wo er sich wütend schnaubend hinsetzte. Nur Herbstglöckchen[12] folgte ihm hinein, schenkte ihm Tee ein und umsorgte ihn eifrig, wobei sie leise miteinander tuschelten — man wusste nicht, worüber. Dann kam Kette Kaufmann heraus und rief Friedchen zu sich: „Nimmt die Herrin keine Medizin ein?" Friedchen antwortete: „Wie soll es ohne Medizin gehen?" Kette Kaufmann sagte: „Woher soll ich das wissen? Gib mir die Schlüssel zum Schrank." Friedchen sah, dass Kette Kaufmann erzürnt war, und wagte nicht zu fragen. Sie ging hinaus und flüsterte Phönixglanz nur ein Wort ins Ohr. Phönixglanz schwieg. Friedchen stellte daraufhin ein Kästchen bei Kette Kaufmann ab und ging. Kette Kaufmann schrie: „Hat dich ein Geist gerufen? Du stellst es hin — soll es sich selbst öffnen?" Friedchen schluckte ihren Ärger hinunter, öffnete das Kästchen, nahm die Schlüssel heraus, öffnete den Schrank und fragte: „Was soll ich herausnehmen?" Kette Kaufmann sagte: „Haben wir denn überhaupt noch etwas?" Friedchen weinte vor Wut und sagte: „Wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es offen heraus! Und wenn ich dabei sterben sollte, ist es mir auch recht!" Kette Kaufmann sagte: „Muss man das erst noch sagen? Das Durcheinander vorher habt ihr angerichtet! Jetzt fehlen für die Trauerfeier der Herzoginmutter noch vier- bis fünftausend Tael Silber. Der Herr hat mich beauftragt, die Grundstücksregister des gemeinsamen Besitzes durchzugehen und Silber aufzutreiben. Hast du eine Ahnung, ob da noch etwas ist? Die Außenschulden — kann man die etwa unbezahlt lassen? Wer hat mich nur dazu gebracht, diesen Namen zu tragen! Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Sachen zu versetzen, die mir die Herzoginmutter gegeben hat. Bist du etwa dagegen?"

Friedchen hörte das und sagte kein Wort, sondern räumte die Dinge aus dem Schrank. Da kam Kleine Rote herübergelaufen und rief: „Schwester Friedchen, komm schnell! Der Herrin geht es schlecht!" Friedchen kümmerte sich nicht mehr um Kette Kaufmann und eilte hinüber. Sie sah, dass Phönixglanz mit den Händen ins Leere griff. Friedchen ergriff ihre Hand und rief weinend ihren Namen. Kette Kaufmann kam ebenfalls herüber, warf einen Blick auf sie und stampfte mit dem Fuß auf: „Wenn es so weit ist, dann bringt ihr mich auch noch um!" Auch ihm liefen die Tränen herunter. Fenger kam herein und sagte: „Draußen wird nach dem Zweiten Herrn gefragt." Kette Kaufmann musste also hinausgehen.

Phönixglanz' Zustand verschlechterte sich immer mehr. Fenger und die anderen brachen in lautes Weinen aus. Jie hörte es und eilte herbei. Auch die Alte Liu lief schnell zum Kang, murmelte Gebete und vollzog einige Beschwörungen — und tatsächlich ging es Phönixglanz etwas besser. Bald darauf kam auch Frau König, die durch eine Magd Nachricht erhalten hatte. Als sie sah, dass Phönixglanz ruhiger geworden war, beruhigte sie sich etwas. Sie bemerkte die Alte Liu und sagte: „Alte Liu, wie geht es Euch? Wann seid Ihr angekommen?" Die Alte Liu begrüßte Frau König und sprach dann nur von Phönixglanz' Krankheit; sie berieten eine ganze Weile. Farbwölkchen kam herein und sagte: „Der Herr bittet die Dame zu sich." Frau König gab Friedchen noch einige Anweisungen und ging hinüber.

Phönixglanz hatte eine Weile lang gewütet, doch nun wurde sie wieder etwas klarer im Kopf. Als sie die Alte Liu noch hier sah und an deren Gebete und Beschwörungen glaubte, schickte sie Fenger und die anderen hinaus, bat die Alte Liu, sich an ihr Bett zu setzen, und erzählte ihr von ihrer Unruhe und den Geistererscheinungen. Die Alte Liu berichtete, welcher Bodhisattva in ihrem Dorf Wunder wirke und welcher Tempel sich als wirksam erwiesen habe. Phönixglanz sagte: „Ich bitte Euch, für mich zu beten. Wenn Opfergaben und Geld nötig sind — ich habe welches." Sie streifte einen goldenen Armreif von ihrem Handgelenk und reichte ihn der Alten Liu. Die Alte Liu sagte: „Gnädige Frau, das ist nicht nötig! Wir Landbewohner geloben etwas, und wenn es geholfen hat, opfern wir ein paar hundert Kupfermünzen, das ist alles — wozu braucht man so viel? Auch wenn ich für die gnädige Frau beten gehe, ist es ja nur ein Gelübde. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist und etwas opfern will, kann sie es selbst tun." Phönixglanz wusste, dass die Alte Liu es aufrichtig meinte, und wollte sie nicht drängen. So behielt sie den Armreif und sagte: „Alte Liu, mein Leben lege ich in Eure Hände. Und meine Jie, die ist auch ein Kind von tausend Krankheiten und Plagen — auch sie vertraue ich Euch an." Die Alte Liu stimmte bereitwillig zu und sagte dann: „So, wie ich sehe, ist es noch nicht spät, ich kann noch vor Einbruch der Nacht aus der Stadt kommen — ich gehe jetzt los. Wenn die gnädige Frau wieder gesund ist, lade ich sie ein, persönlich das Gelübde einzulösen."

Phönixglanz wurde von den umherirrenden Geistern der Toten gequält und konnte es kaum erwarten, dass die Alte Liu ging. So sagte sie: „Wenn Ihr mir von Herzen helft und ich eine ruhige Nacht schlafen kann, bin ich Euch unendlich dankbar. Eure Enkelin — lasst sie doch hier ein paar Tage bleiben." Die Alte Liu sagte: „Ein Bauernkind hat keine Manieren und könnte sich hier unmöglich aufführen — ich nehme sie besser mit." Phönixglanz sagte: „Da seid Ihr zu besorgt. Wir sind doch eine Familie — was gibt es da zu fürchten? Auch wenn wir arm geworden sind, für eine Person mehr zu essen wird es schon noch reichen." Die Alte Liu sah Phönixglanz' aufrichtige Bitte und war froh, Qinger ein paar Tage hierbleiben zu lassen, um zu Hause ein Maul weniger füttern zu müssen. Nur fürchtete sie, Qinger wolle nicht. So sprach sie mit Qinger. Da Qinger sich mit Jie angefreundet hatte und Jie nicht wollte, dass sie ging, und Qinger selbst auch bleiben wollte, war die Sache entschieden. Die Alte Liu gab ihr noch ein paar Anweisungen, verabschiedete sich von Friedchen und eilte aus der Stadt. Davon sei nun nicht weiter die Rede.

Was nun das Smaragdkloster betrifft: Es stand auf dem Grundstück der Kaufmann-Familie. Als man den Garten für den kaiserlichen Besuch errichtet hatte, war das Kloster in den Garten einbezogen worden. Die Kosten für Nahrung und Räucherwerk trug es immer selbst, ohne die Kaufmann-Familie zu belasten. Nachdem Wunderjade[13] geraubt worden war, erstattete die verbliebene Nonne Anzeige bei den Behörden. Einerseits wartete man auf den Ausgang der behördlichen Räubersuche, andererseits war es Wunderjades Stiftung, die man nicht auflösen konnte, und so lebte die Nonne weiter dort — sie hatte es lediglich der Kaufmann-Familie mitgeteilt.

Obwohl alle im Haus davon wussten, wagte bei Aufrecht Kaufmanns frischer Trauer und seiner sonstigen Unruhe niemand, ihm solche nebensächlichen Dinge zu melden. Nur Beklagenswert[14] wusste davon und war Tag und Nacht beunruhigt. Allmählich drang die Nachricht auch zu Schatzjades[15] Ohren: Wunderjade sei von Räubern entführt worden; andere sagten, Wunderjade habe weltliche Begierden entwickelt und sei mit einem Mann davongelaufen. Als Schatzjade das hörte, war er zutiefst bestürzt: „Sicherlich wurde sie von Banditen geraubt. So eine Person würde es sich niemals gefallen lassen — gewiss ist sie lieber in den Tod gegangen, als sich zu fügen." Doch da es keine Spur von ihr gab, war er in großer Sorge und seufzte Tag für Tag. Er sagte auch: „So ein Mensch, der sich selbst ‚Jenseits der Schwelle' nannte — wie konnte er ein solches Ende nehmen?" Dann dachte er weiter: „Wie lebhaft war es einst im Garten! Seit die Zweite Schwester verheiratet wurde, sind die einen gestorben, die anderen fortgezogen. Ich dachte, sie sei frei von jedem weltlichen Staub und würde bewahrt bleiben, doch unversehens kam ein Sturm über sie — noch seltsamer als der Tod der Schwester Lin[16]!" So ging ein Gedanke in den nächsten über, und er erinnerte sich an die Worte im Zhuangzi über das Nichtige und Flüchtige: In dieser Welt ist es unvermeidlich, dass Wind die Wolken zerstreut. Unwillkürlich brach er in lautes Weinen aus. Dufthauch[17] und die anderen dachten, seine alte Krankheit breche wieder aus, und versuchten ihn auf jede erdenkliche Weise sanft zu beruhigen.

Schatzspange[18] wusste anfangs nicht, was los war, und redete ihm auch mit ermahnenden Worten zu. Doch Schatzjade blieb niedergeschlagen und unempfänglich, und seine Gedanken wurden immer wirrer. Schatzspange konnte sich keinen Reim darauf machen und erkundigte sich mehrfach, bis sie erfuhr, dass Wunderjade geraubt worden war und ihr Verbleib unbekannt, worüber auch sie Trauer empfand. Doch weil Schatzjades Schwermut sie bekümmerte, sprach sie ernst zu ihm: „Lan[19] ist seit der Rückkehr vom Begräbniszug zwar nicht mehr in die Schule gegangen, aber ich höre, er lernt Tag und Nacht unermüdlich. Er ist der Urenkel der Herzoginmutter. Die Herzoginmutter hat sich immer gewünscht, dass du ein tüchtiger Mensch wirst. Der Herr Vater macht sich Tag und Nacht Sorgen um dich. Wenn du dich wegen müßiger Gefühle und törichter Gedanken zugrunde richtest — was soll dann aus uns werden, die wir an deiner Seite leben?" Diese Worte ließen Schatzjade verstummen. Nach einer Weile sagte er erst: „Ich kümmere mich doch gar nicht um die Angelegenheiten anderer Leute! Ich beklage nur, dass das Glück unserer Familie im Niedergang begriffen ist." Schatzspange sagte: „Schon wieder! Der Herr und die Dame wollen doch nur, dass du ein tüchtiger Mensch wirst und das Erbe der Vorfahren fortführst. Du aber bleibst verbohrt und uneinsichtig — was soll man da machen?" Schatzjade fand ihre Worte nicht nach seinem Geschmack, lehnte sich auf den Tisch und schlief ein. Schatzspange kümmerte sich nicht weiter um ihn, rief Moschusmond und die anderen, um auf ihn aufzupassen, und ging selbst schlafen.

Als Schatzjade sah, dass kaum jemand mehr im Zimmer war, dachte er: „Purpurkuckuck[20] ist hierher gekommen, und ich habe nie ein aufrichtiges Wort mit ihr gewechselt. Eiskalt lässt man sie hier sitzen — das bedrückt mich sehr. Sie ist ja nicht wie Mondschein oder Herbstmuster[21], die ich einfach so belassen kann. Ich erinnere mich, wie sie damals, als ich krank war, tagelang bei mir wachte; sogar ihr kleiner Spiegel ist noch bei mir — ihr Herz war wirklich nicht kalt. Warum nur begegnet sie mir jetzt so kühl? Wenn es wegen meiner Frau wäre — aber sie war doch Schwester Lins beste Vertraute, und ich sehe, dass meine Frau sie auch gut behandelt. Wenn ich nicht zu Hause bin, plaudert und lacht Purpurkuckuck durchaus mit ihr; doch sobald ich komme, geht Purpurkuckuck weg. Das muss wohl daran liegen, dass Schwester Lin gestorben ist und ich geheiratet habe. Ach, Purpurkuckuck, Purpurkuckuck! Du bist ein so kluges Mädchen — siehst du denn nicht, wie ich leide?" Dann überlegte er weiter: „Heute Abend sind alle entweder eingeschlafen oder mit Handarbeiten beschäftigt. Ich nutze die Gelegenheit und suche sie auf, um zu sehen, was sie zu sagen hat. Wenn ich sie in irgendeiner Weise beleidigt haben sollte, dann bitte ich eben um Verzeihung." Mit diesem Entschluss schlich er leise aus der Tür und machte sich auf die Suche nach Purpurkuckuck.

Purpurkuckucks Kammer lag gleich im Inneren des westlichen Seitengebäudes. Schatzjade schlich sich leise zum Fenster. Drinnen brannte noch Licht. Er leckte mit der Zunge ein Loch in das Fensterpapier und spähte hinein: Purpurkuckuck saß allein bei der Lampe, tat nichts, saß nur reglos da. Schatzjade rief leise: „Schwester Purpurkuckuck, bist du noch wach?" Purpurkuckuck erschrak heftig, starrte lange vor sich hin und sagte dann: „Wer ist da?" Schatzjade antwortete: „Ich bin es." Purpurkuckuck erkannte Schatzjades Stimme und fragte: „Ist das der Zweite Herr Schatzjade?" Schatzjade antwortete leise mit einem „Ja". Purpurkuckuck fragte: „Was wollt Ihr hier?" Schatzjade sagte: „Ich habe etwas auf dem Herzen und möchte mit dir darüber sprechen. Mach die Tür auf, ich setze mich einen Augenblick zu dir." Purpurkuckuck schwieg eine Weile und sagte dann: „Zweiter Herr, was auch immer Ihr zu sagen habt — es ist spät, bitte geht zurück. Wir können morgen darüber reden."

Schatzjade war wie vor den Kopf geschlagen. Er wollte noch hineingehen, fürchtete aber, Purpurkuckuck werde ihm nicht öffnen. Wollte er aber umkehren, so hatte Purpurkuckucks Abweisung all die verborgenen Gefühle in seinem Innern nur noch stärker hervorgerufen. So sagte er hilflos: „Ich habe auch gar nicht viel zu sagen — nur eine einzige Frage." Purpurkuckuck antwortete: „Wenn es nur eine Frage ist, dann stellt sie." Schatzjade schwieg lange.

Purpurkuckuck hörte von drinnen, dass Schatzjade nichts mehr sagte. Sie wusste um seine alte Krankheit und fürchtete, ihre schroffe Abweisung könne seinen Anfall auslösen — das wäre auch nicht gut. So stand sie auf, lauschte aufmerksam und fragte: „Seid Ihr gegangen, oder steht Ihr noch wie ein Narr da? Ihr habt etwas zu sagen und sagt es nicht, steht nur hier herum und quält die Leute. Einen Menschen habt Ihr schon zu Tode gequält — wollt Ihr noch einen umbringen? Wozu das alles?" Dabei spähte auch sie durch das Loch, das Schatzjade geleckt hatte, und sah ihn draußen wie betäubt stehen. Sie wagte nicht weiterzusprechen, ging zurück und putzte den Lampendocht. Da hörte sie Schatzjade seufzen und sagen: „Schwester Purpurkuckuck, du warst doch nie so hartherzig wie Stein und Eisen! Warum hast du in letzter Zeit nicht ein einziges freundliches Wort für mich übrig? Ich bin freilich ein trüber, unwürdiger Mensch, und es steht Euch frei, mich nicht zu beachten. Doch wenn ich etwas falsch gemacht habe, so sag es mir bitte — dann mag Schwester mich meinetwegen ein Leben lang ignorieren, aber wenigstens stürbe ich als ein Geist, der seine Fehler kennt!"

Purpurkuckuck hörte das und lachte kalt: „Das ist also alles, was der Zweite Herr zu sagen hat? Gibt es sonst noch etwas? Wenn es nur das ist — als unsere Herrin noch lebte, habe ich das auch oft genug gehört. Und wenn wir uns irgendwie verfehlt haben sollten — ich bin von der Dame hierher geschickt worden, da wendet Euch bitte an die Dame. Wir Dienstmädchen zählen ohnehin für gar nichts." Bei diesen Worten wurde ihre Stimme brüchig, und sie begann zu schluchzen und sich die Nase zu schnäuzen. Schatzjade draußen wusste, dass sie vor Kummer weinte, und stampfte aufgeregt mit dem Fuß: „Was soll das heißen! Meine Angelegenheiten — du bist nun schon einige Monate hier und weißt doch alles! Wenn schon niemand bereit ist, mir bei dir ein gutes Wort einzulegen, willst du mich etwa nicht einmal selbst sprechen lassen? Soll ich denn an dem Ungesagten ersticken?" Auch er begann zu schluchzen.

Während Schatzjade hier seinen Kummer ergoss, sprach plötzlich hinter ihm jemand: „Wen wollt Ihr denn für Euch sprechen lassen? Wer ist wessen was? Wenn man sich an jemandem vergangen hat, muss man sich schon selbst entschuldigen! Ob das Gegenüber einem die Ehre erweist oder nicht, liegt in seinem Ermessen. Warum müsst Ihr Unbeteiligte wie uns als Prellbock benutzen?" Dieser Satz erschreckte die beiden drinnen wie draußen gleichermaßen. Wer war es? Es war Moschusmond. Schatzjade war peinlich berührt. Mondschein fuhr fort: „Wie soll es denn nun sein? Der eine bittet um Verzeihung, die andere beachtet ihn nicht. Nun beeil dich und bitte ordentlich um Entschuldigung! Ach, unsere Schwester Purpurkuckuck ist auch zu hartherzig! Bei dieser Kälte draußen hat er sie schon so lange angefleht, und nicht einmal ein Lebenszeichen hat sie von sich gegeben!" Dann wandte sie sich an Schatzjade: „Die Zweite Herrin hat vorhin gefragt, wo Ihr steckt — es ist schon so spät, und sie wundert sich, wo Ihr seid. Was steht Ihr allein unter der Dachtraufe?" Purpurkuckuck rief von drinnen: „Was soll das alles? Ich habe den Zweiten Herrn längst gebeten, hineinzugehen; was er mir zu sagen hat, kann bis morgen warten. Wozu muss er hier stehen bleiben?"

Schatzjade wollte noch etwas sagen, doch da Mondschein hier war, brachte er es nicht über sich. Er ging mit Mondschein zurück und sagte im Gehen: „Es ist vorbei! Es ist vorbei! In diesem Leben werde ich mein Herz niemals offenlegen können. Nur der Himmel allein weiß die Wahrheit!" Bei diesen Worten strömten ihm die Tränen in Bächen herunter — man wusste nicht, woher sie kamen. Mondschein sagte: „Zweiter Herr, folgt meinem Rat und gebt es auf. Es ist schade um die vergeblichen Tränen." Schatzjade antwortete nicht und betrat das Zimmer. Schatzspange schlief bereits — oder tat zumindest so, wie Schatzjade wohl wusste. Dufthauch aber sagte: „Was es auch zu besprechen gibt, kann man es nicht morgen sagen? Unbedingt muss er dorthin rennen und einen Aufstand machen, bis ..." Hier hielt sie inne, wartete einen Moment und fuhr dann fort: „Fühlt Ihr Euch nicht unwohl?" Schatzjade sagte nichts, schüttelte nur den Kopf. Dufthauch bereitete sein Bett, und er legte sich hin. Dass er die ganze Nacht kein Auge zutat, versteht sich von selbst.

Purpurkuckuck ihrerseits war durch Schatzjades Besuch noch elender zumute geworden. Sie weinte die ganze Nacht durch und dachte hin und her: „Die Sache mit Schatzjades Hochzeit — ich weiß genau, dass er in seiner Krankheit nichts davon verstand; deshalb haben alle mit Täuschung und Trug die Heirat zustande gebracht. Später, als Schatzjade wieder bei Verstand war, erlitt er einen Rückfall seiner alten Krankheit; immer wieder weint er und sehnt sich zurück — er ist wahrlich kein herzloser, pflichtvergessener Mensch. Sein zartes Empfinden heute Abend war erst recht herzzerreißend. Nur unsere arme Herrin Lin — sie hatte wirklich nicht das Glück, sein Herz zu genießen. So betrachtet, sind die menschlichen Schicksalsbande alle vorherbestimmt: Solange das Ende noch nicht gekommen ist, gibt sich jeder seinen blinden Hoffnungen und eitlen Träumen hin. Wenn es dann aber unabwendbar ist, kümmert sich der Stumpfsinnige gar nicht mehr darum, während der Tieffühlende nur noch im Mondschein und im Abendwind seine Tränen vergießen kann. Die Tote weiß womöglich gar nichts davon; aber der Lebende — der leidet wirklich endlos und grenzenlos. So betrachtet, ist man am Ende schlechter dran als Gras und Stein: ohne Wissen und ohne Empfinden, aber wenigstens mit einem reinen Herzen." Bei diesem Gedanken erstarrte ihr heißes, schmerzliches Herz mit einem Mal zu Eis. Gerade wollte sie aufräumen und sich schlafen legen, als sie aus dem östlichen Hof lauten Lärm und Geschrei hörte.

Was dort geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.
  2. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  3. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  4. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  5. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  6. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén. Ehefrau von Begnadigung Kaufmann.
  7. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  8. Chin. 尤二姐 Yóu Èrjiě. Kette Kaufmanns heimliche Nebenfrau, die durch Phönixglanz' Intrigen starb.
  9. Chin. 刘姥姥 Liú Lǎolao, wörtl. „Oma Liu". Einfache Bäuerin und Wohltäterin.
  10. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  11. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  12. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  13. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  14. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  15. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbare Jade". Der männliche Hauptprotagonist des Romans.
  16. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren des Romans.
  17. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  18. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Kostbare Haarspange". Eine der beiden weiblichen Hauptfiguren.
  19. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  20. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  21. Chin. 秋纹 Qiūwén, wörtl. „Herbstmuster". Eine von Schatzjades Zofen.