Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 117"

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Kapitel 117
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Zwei vortreffliche Frauen schützen den Jadestein und hindern den Weg zur Überwelt,
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_117|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_117|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Üble Söhne schließen sich fröhlich zusammen und übernehmen allein das Haus
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= Kapitel 117 =
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Frau König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.</ref> hatte jemanden geschickt, um Schatzspange zu sich zu rufen und die Angelegenheit zu besprechen. Als Schatzjade hörte, daß draußen ein Mönch stehe, eilte er allein nach vorne und rief laut durcheinander: „Wo ist mein Meister?" Er rief eine ganze Weile, doch nirgends war ein Mönch zu sehen. So ging er hinaus vor das Tor und sah, daß Li Gui den Mönch aufhielt und nicht hereinließ. Schatzjade sprach: „Die gnädige Frau hat mich gebeten, den Meister hereinzubitten." Als Li Gui das hörte, ließ er los, und der Mönch kam wackelnd und schwankend herein.
== 阻超凡佳人双护玉 / 欣聚党恶子独承家 ==
 
  
ng versagte wieder, und Hsi-jën brach ungeachtet von der Anwesenheit der Dame Wang in Schluchzen aus und rief: „Ich will mit Fräulein Hsi-tschun gehen!“
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Schatzjade sah, daß die Gestalt des Mönchs genau der glich, die er während seines Todeszustandes erblickt hatte, und in seinem Herzen war ihm bereits vieles klar. Er trat vor, verneigte sich und rief: „Meister! Euer Schüler hat Euch zu spät empfangen." Der Mönch sagte: „Ich brauche euren Empfang nicht, gebt mir nur das Silber, dann gehe ich." Schatzjade hörte das und fand, dies klinge nicht nach den Worten eines erleuchteten Mannes. Er betrachtete seinen Kopf voller Grindgeschwüre und seinen schmutzigen, zerlumpten Körper und dachte bei sich: „Seit alters heißt es: ‚Der wahre Meister zeigt nicht sein wahres Gesicht, und wer sein Gesicht zeigt, ist kein wahrer Meister.' Man darf diese Gelegenheit nicht versäumen. Ich will ihm das Danksilber zusagen und dabei seine Absichten ergründen." So sprach er: „Meister, bitte habt keine Eile. Meine Mutter kümmert sich bereits darum. Bitte setzt Euch und wartet einen Augenblick. Euer Schüler möchte fragen: Kommt Ihr etwa aus dem Illusorischen Land der Großen Leere <ref>太虚幻境, die Traumwelt, die Schatzjade im 5. Kapitel besucht hat</ref>?" Der Mönch erwiderte: „Was für ein illusorisches Land! Es ist nichts weiter als: Man kommt, woher man kommt, und geht, wohin man geht. Ich bin gekommen, um Euch Euren Jadestein zurückzubringen. Aber laßt mich Euch fragen: Woher stammt dieser Stein?" Schatzjade konnte einen Augenblick nicht antworten. Der Mönch lachte: „Ihr kennt nicht einmal Euren eigenen Ursprung und wollt mich befragen!" Schatzjade war von Natur aus klug und scharfsinnig, und nach der Erleuchtung hatte er die Staubwelt <ref>die irdische Welt, 红尘</ref> bereits durchschaut — nur sein eigener tiefster Grund war ihm noch unbekannt. Als er den Mönch nun nach dem Jadestein fragen hörte, war es, als träfe ihn ein Schlag auf den Kopf <ref>buddhistischer Ausdruck 当头棒喝, wörtl. „ein Stockhieb auf den Kopf", um jemanden zur plötzlichen Erleuchtung zu bringen</ref>. Er sagte: „Ihr braucht kein Silber, ich gebe Euch den Jadestein zurück." Der Mönch lachte: „Es ist auch an der Zeit, ihn mir zurückzugeben."
Bau-yü lächelte: „Du strebst auch nach etwas Gutem. Aber ein Leben in Abgeschiedenheit hat das Schicksal für dich nicht bestimmt.“
 
„Dann möchte ich lieber sterben!“, schluchzte Hsi-jën.
 
Entgegen seiner neu gefundenen Distanziertheit, war Bau-yü von ihren Worten sehr bewegt. Doch er sagte nichts.
 
Es war bereits vier Uhr morgens, und er schlug seiner Mutter vor, sich zur Nachtruhe zu begeben. Li Wan und die anderen gingen zurück in ihre Gemächer und Tsai-ping geleitete Hsi-tschun in ihr Zimmer, wo sie darauf wartete, daß bald Ehemänner für Hsi-tschuns Mägde gefunden würden und Dsï-djüan verbrachte den Rest des Tages damit, ihr demütig zu dienen. Doch das wollen wir nicht weiter ausführen.
 
Djia Dschëng hatte den Sarg der Herzoginmutter immer weiter gen Süden übergeführt. Weil ihnen Marineschiffe nach der siegreichen Beendigung eines Feldzuges begegneten, war der Kanal hoffnungslos überfüllt mit militärischen Transportschiffen, und die Verzögerung stimmte Djia Dschëng sehr verdrießlich. Sein einziger Trost war das Treffen mit einem Beamten des Yamens der Küstenverteidigung, der ihm berichtete, daß der Kommandant, Tan-tschuns Schwiegervater, nach Peking zurückberufen wurde. Tan-tschun konnte nun nach Hause zurückkehren, obwohl es unklar war, wann sie reisen konnten.
 
Eine weitere Folge der Verzögerung war, daß Djia Dschëng kaum mehr Geld hatte. Er mußte einen Brief schreiben und ihn zum Yamen des Sohns von Verwalter Lai Da, Lai Shang-jung, schicken, der in dieser Gegend zufällig Magistratsbeamter war. Er bat ihn, ihm fünfhundert Silbertael zu leihen. Der Diener, der mit dieser Mission beauftragt wurde, sollte das Geld bringen und Djia Dschëng weiter über den Kanal führen.
 
Nachdem einige Tage vergangen waren, erschien der Diener wieder und kam mit Lai Shang-jungs Antwort an Bord. Der Brief war voller Kummergeschichten verschiedenster Art und schloß mit fünfzig Silbertael. Djia Dschëng war rasend und, ohne zu zögern, befahl er dem Diener, sofort zurückzukehren: „Gib ihm sein Geld zurück, und seinen Brief kann er auch wieder haben! Er soll sich schämen!“
 
Der arme Diener tat, was ihm befohlen wurde und kehrte zu Lais Yamen zurück. Lai, verstört darüber, seinen Brief und das Geld wiederzubekommen, und wissend, daß er sich gemein verhalten hatte, bereitete ein weiteres Paket vor, füllte es mit weiteren hundert Tael und bat den Diener, es zurück zu Djia Dschëng zu bringen. Doch gegen Lais Bitten und Flehen blieb der Mann hart und kehrte mit leeren Händen zum Boot zurück.
 
Lai Shang-jung war sich nur zu gut  der Folgen seines Handelns bewußt und schrieb sofort seinem Vater im Jung-guo-Anwesen. Er riet ihm, sich zu verabschieden und wenn möglich, ihn aus der Situation freizukaufen. Als Verwalter Lai den Brief seines Sohnes erhielt, fragte er Djia Tchiang, Djia Yün und die anderen, bei der Dame Wang um seine Entlassung zu bitten. Djia Tchiang wußte zu gut, daß allein der Versuch sinnlos war. Er ließ einen Tag vergehen und gab dann den falschen Bericht, die Dame Wang habe ihm seine Bitte verwehrt. Also nahm sich Lai Da ein paar Tage frei und schickte einen Botschafter zum Yamen seines Sohnes, um ihn anzuweisen, sich krank zu melden und seine Stellung zu verlassen. Die Dame Wang wußte überhaupt nicht, was alles vor sich ging.
 
Djia Yün war äußerst enttäuscht zu hören, daß Djia Tchiang Lais Bitte abgewiesen hatte. Diese Tatsache, oder besser die Provision, die dies gebracht haben könnte, erschien ihm als letzte Chance, die enormen Spielschulden, die er in den letzten Tagen zu verzeichnen hatte, auszugleichen. Seine einzige andere Hoffnung war, Djia Huan um ein Darlehen zu bitten. Doch Djia Huan war nicht in der Lage, als Geldgeber zu dienen, da er selbst keine Münze besaß und bereits alles Ersparte seiner Mutter verpraßt hatte. Auch wenn Yün kein Darlehen bekam, gelang es ihm trotzdem, Djia Huan in seinen Rachegefühlen zu bestärken. Erinnerungen an Hsi-fëngs Grausamkeit schwirrten Djia Huan immer noch im Kopf. Und da Djia Liän fort war, war er mehr als bereit, seine Laune an Tchiau-djie auszulassen. Djia Yün, der ein Darlehen brauchte, schien der geeignete Komplize.
 
„Du bist nicht länger ein Junge, Yün!“, grummelte er herausfordernd. „Warum einen Armen wie mich um Geld bitten, wenn es die Möglichkeit gibt, einen kleinen Vorteil zu erzielen?“ –
 
„Erzähl’ etwas anderes!“, antwortete Yün. „Wir haben doch immer nur unseren Spaß gehabt. Ich habe für uns niemals die Möglichkeit gesehen, irgendwo Profit rauszuschlagen.“ –
 
„Was war denn letztens mit diesem Mongolischen Prinzen, der nach einer Konkubine sucht? Warum besprechen wir das nicht mit Onkel Hsing und bieten dem Prinzen Tchiau-djie an?“ –
 
„Das könnte dich vielleicht verärgern, wenn ich das sage, Onkel Huan“, antwortete Djia Yün. „Doch ich würde es so sagen: Angenommen, der Prinz kauft eine Konkubine aus unserer Familie, möchte er mit uns danach wahrscheinlich nichts mehr zu tun haben.“
 
Als Antwort darauf flüsterte Djia Huan etwas in Djia Yüns Ohr und Yün nickte nebenbei, beurteilte den Vorschlag als eine Laune von Huan, der keiner ernsthaften Überlegung wert sei. Genau in diesem Moment kam Wang Jën vorbei.
 
„Was plant ihr beiden denn?“, fragte er. „Wollt ihr mich wieder zum Narren halten?“
 
Djia Yün erzählte ihm leise den Inhalt von Djia Huans Vorschlag, und Wang Jën klatschte enthusiastisch in die Hände.
 
„Bravo! So ein einträglicher Einfall! Doch könnt ihr das wirklich durchziehen? Wenn du den Mut dazu hast, dann versichere dich. Vergiß nicht, daß ich ihr Onkel bin. Es ist immer noch meine Entscheidung. Du übermittelst den Plan nur der Dame Hsing und Djia Huan, dem alten Burschen, während ich mit Onkel Hsing spreche. Wenn die Tanten unnötige Fragen stellen, müssen wir sicher sein, daß alle dieselbe Geschichte erzählen.“
 
Als diese Besprechung vorüber war, suchte Wang Jën nach Onkel Hsing, während Djia Yün den Damen Hsing und Wang die gute Nachricht übermittelte, dabei fügte er noch ein paar Ausschmückungen hinzu. Die Dame Wang nahm den Vorschlag zur Kenntnis, blieb jedoch skeptisch. Als die Dame Hsing davon hörte, schien sie im Gegensatz dazu, äußerst begeistert von der Idee zu sein und schickte nach ihrem Bruder, um weitere Einzelheiten zu erfahren. Onkel Hsing wurde bereits von Wang Jën über alles in Kenntnis gesetzt und über seinen möglichen Gewinn informiert, was eigentlich nicht erwähnt werden muß, und wußte daher, als er in die Gemächer seiner Schwester gerufen wurde, was er zu sagen hatte: „Der Prinz ist ein sehr angesehener Mann. Natürlich bitte ich dich nicht um die Zustimmung dazu, daß sie seine richtige Frau wird. Doch sobald sie zu ihm geht, kann ich dafür garantieren, daß mein Schwiegerbruder seine Stelle zurückbekommt und die Familie ihre alte Bedrängnis los wird.“
 
Die Dame Hsing hatte keine wirkliche eigene Meinung. Sie war auf die Geschichte von ihrem Bruder hereingefallen und lud Wang Jën ein, um das Thema mit ihm zu besprechen. Wang Jëns begeisterte Unterstützung für dieses Projekt gab zuletzt den Ausschlag. Sie gab Djia Yün ihre Zustimmung, während Wang Jën umgehend losging und eine Nachricht an den Palast des Prinzen schickte.
 
Der Prinz war sich dieser ganzen Hintergründe gar nicht bewußt. Er plante lediglich, einige seiner Damen zu schicken, um die körperlichen Eigeschaften und die Tauglichkeit des Mädchens für den Harem zu untersuchen. Djia Yün gelang es, mit den Damen privat ein paar Worte zu wechseln: „Keiner aus der Familie des Mädchens kennt die ganze Wahrheit. Soweit sie betroffen sind, möchte der Prinz das Mädchen als eine seiner Frauen nehmen. Wenn sie erst angenommen ist, wird alles gut, habt keine Angst. Ihre Großmutter hat ihre Zustimmung gegeben, und ihr Onkel Wang Jën fungiert als Vermittler.“
 
Die Damen bestätigten ihre Zusammenarbeit. Djia Yün übermittelte der Dame Hsing die Neuigkeiten und berichtete der Dame Wang von der ‚Heirat‘. Li Wan und Bau-tschai kannten aber die Wahrheit nicht im geringsten und hörten die Neuigkeiten über die ‚Hochzeit‘ des Prinzen voller Freude.
 
Am vereinbarten Tag kamen mehrere prächtig gekleidete Damen an, wurden empfangen und eine Weile von der Dame Hsing unterhalten. Ihnen wurde bald bewußt, daß die Dame, mit der sie sprachen, einen beachtlichen Rang innehatte, und waren ihr gegenüber sehr respektvoll. Als den Bedingungen des Geschäftes noch nicht zugestimmt worden war, hatte die Dame Hsing Tchiau-djie noch nichts gesagt, sondern ihr nur erzählt, daß einige Verwandte zu Besuch seien und sie nach ihnen sehen solle. Tchiau-djie, die kaum mehr als ein Kind war und zu jung, um irgend einen Verdacht zu schöpfen, ging mit ihrer Amme und Ping-örl dorthin. Letztere traute dem Ganzen nicht recht und bestand darauf, sie zu begleiten. In dem Moment, als Tchiau-djie den Raum betrat, begutachteten sie das Mädchen genauestens und starrten ihre ganze Person von oben bis unten an. Sie erhoben sich dann, nahmen sie an die Hand und betrachteten sie noch einmal, worauf sie sich wieder für ein paar Minuten setzten und dann gingen. Tchiau-djie wunderte sich über ihr Anstarren, und als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, durchdachte sie das Ganze noch einmal für sich. Sie konnte sich nicht daran erinnern, diese ‚Verwandten‘ zuvor gesehen zu haben, und sagte das Ping-örl, die für ihren Teil, sobald sie gesehen hatte, wie die Damen sich benahmen, die Wahrheit bereits vermutete.
 
‚Offensichtlich haben sie sie im Hinblick auf eine Hochzeit untersucht‘, dachte sie bei sich. ‚Doch da Herr Liän nicht zu Hause ist, liegt die Verantwortung bei der Dame Hsing, und ich habe keine Ahnung, welche Familie damit verbunden ist. Eine Familie von unserem Rang würde niemals derart starren. Trotzdem sahen diese Frauen nicht so aus, als entstammten sie einem der königlichen Gemächer. Sie hatten etwas Ausländisches an sich. Ich sage Tchiau-djie zunächst besser nichts davon, sondern warte, bis ich selbst mehr weiß.‘
 
Ping-örl machte sich daran, die Wahrheit herauszufinden, und, da die betroffenen Mägde und Dienstmädchen alle einmal für sie gearbeitet hatten, fühlten sie sich noch verpflichtet und gaben ihr sofort alle Informationen, die sie verlangte. Sie war entsetzt und suchte nach einem Einfall, wie man diese Katastrophe abwenden konnte. Sie hielt es immer noch für weiser, Tchiau-djie nichts zu sagen; daher eilte sie hinüber, um Li Wan und Bau-tschai zu informieren, und bat sie, der Dame Wang das Problem darzulegen.
 
Die Dame Wang hatte selbst gespürt, daß etwas nicht stimmte, und hatte dies der Dame Hsing gesagt. Doch die Dame Hsing war auf ihren Bruder und Wang Jën hereingefallen und anstatt die Dame Wang vernünftig anzuhören, vermutete sie ein anderweitiges Motiv, daß ihrem Entschluß entgegen stehen könnte.
 
„Das Mädchen hat sein Alter erreicht“, antwortete sie. „Da Liän von zuhause fort ist, liegt die Entscheidung bei mir. Und außerdem haben mein Bruder und der eigene Onkel des Mädchens die Angelegenheit gründlich durchdacht. Sie werden schon wissen, was daran ist. Ich bin von dieser Idee äußerst angetan. Und du, mach’ dir keine Sorgen, wenn irgend etwas schiefläuft, werden Liän und ich dich bestimmt nicht dafür beschuldigen.“
 
Die Dame Wang antwortete oberflächlich, aber insgeheim war sie wütend auf die Dame Hsing. Sie verabschiedete sich und ging zurück, um Bau-tschai zu berichten, was entschieden worden war. Während sie sprach, weinte sie, und Bau-yü versuchte, sie zu trösten.
 
„Mutter, sei nicht bekümmert. Aus dieser Intrige wird nichts. Was immer geschieht, Tchiau-djies Schicksal steht bereits fest, also versuch’ bitte nicht einzugreifen.“
 
„Sei nicht so töricht!“, rief die Dame Wang, „wenn sie erst dieser Heirat zugestimmt haben, können sie jeden Tag hier sein, um sie mitzunehmen! Ping-örl hat recht, euer Vetter Liän wird mir die Schuld dafür geben, wenn er zurückkommt! Ich will doch nur das Beste für jedes Mitglied der Familie und besonders für Tchiau-djie, um ihrer Eltern willen. Denkt an die anderen Mädchen! Wir haben Hsiu-yäns Hochzeit mit eurem Vetter Ke veranlaßt und schaut, wie glücklich sie zusammen sind! Und die Familie Mei, in welche Bau-tjin geheiratet hat, ist äußerst angenehm, daher muß man sich um sie keine Sorgen machen. Ich weiß, Hsiang-yün hatte nicht so viel Glück. Diese Hochzeit war zuerst die Idee ihres Onkels, und es wäre gut ausgegangen, wenn ihr Mann nicht an der Schwindsucht gestorben wäre. Jetzt wird das arme Mädchen den Rest ihres Lebens als Witwe verbringen. Wenn Tchiau-djie in schlechte Hände gerät, werde ich mir das niemals vergeben!“
 
Während sie sprach, trat Ping-örl ein, um sich mit Bau-tschai zu beraten und auch um zu erfahren, was das Gespräch der Dame Wang mit der Dame Hsing ergeben hatte. Die Dame Wang erzählte ihr, was die Dame Hsing gesagt hatte. Nach einem Moment nachdenklicher Stille fiel Ping-örl auf die Knie.
 
„Tchiau-djies ganze Zukunft hängt von euch ab, Herrin!“, flehte sie. „Wenn wir sie den Händen dieser Leute überlassen, bedeutet das für sie lebenslanges Leid. Und was glauben sie, wird Liän sagen, wenn er nach Hause kommt?
 
„Du bist ein kluges Mädchen“, sagte die Dame Wang, „steh auf und hör’ zu, was ich sage! Letzten Endes ist Tchiau-djie die Enkelin meiner Schwiegerschwester, nicht meine. Wenn die Dame Hsing diese Entscheidung treffen möchte, wie kann ich ihr dann im Wege stehen?“
 
„Es gibt wirklich keinen Grund zur Betroffenheit“, beharrte Bau-yü, „es ist wichtig, eine klare Wahrnehmung seines Schicksals zu haben.“
 
Ping-örl fürchtete, daß Bau-yü wieder abzuheben beginnen oder eine Unüberlegtheit begehen würde und blieb ruhig. Alles, was sie sagen wollte, hatte sie der Dame Wang gesagt, so kehrte sie jetzt in ihre Gemächer zurück.
 
Der Kummer der Dame Wang ließ sie wieder Schmerzen in der Brust verspüren. Sie rief eine Magd, um sie zu stützen, quälte sich, auf ihren Arm gelehnt, zurück in ihr Zimmer und legte sich hin. Sie bat Bau-yü und Bau-tschai nicht, sie zu begleiten, sondern sagte nur, es würde ihr nach etwas Schlaf besser gehen. Doch es war ihr unmöglich, den Kummer abzulegen und als sie später hörte, daß die alte Frau Li sich gemeldet hatte, konnte sie sich nicht aus ihrem Bett erheben und sie unterhalten. Dann trat Djia Lan ein, um ihr eine Botschaft zu übermitteln: „Es ist ein Brief von Großvater angekommen. Die Jungen am Tor haben ihn hergebracht. Mutter wollte ihn dir geben, doch da meine Großmutter gerade gekommen ist, bat sie mich stattdessen, ihn dir zu geben. Mutter wird bald herüberkommen, um mit dir zu reden und um meine Großmutter Li vorbeizubringen.“
 
Er übergab der Dame Wang den Brief. Die Dame Wang fragte ihn, als sie den Brief nahm: „Warum ist deine Großmutter hier?“
 
„Ich weiß es selbst nicht“, antwortete Lan, „ich habe nur gehört, daß ein Brief von der Schwiegerfamilie Vetter Qis, den Dschëns, gekommen ist.“
 
Frau Wang wußte, daß Li-Qi Dschën-Bau-yü versprochen war und daß die Verlobung bereits mit dem üblichen goldenen Tee beschlossen worden war. Es konnte sein, daß die Dschëns mit der Hochzeit fortschreiten wollten und die alte Frau Li gekommen war, um die letzten Angelegenheiten zu besprechen. Sie nickte und öffnete den Brief von Djia Dschëng: „Der Kanal ist mit Booten überfüllt, die die Armee von ihrem erfolgreichen Feldzug an der Küste zurückbringen, und mein Fortkommen hat sich deutlich verzögert. Ich habe gehört, daß Tan-tschuns Ehemann mit seinem Vater in die Hauptstadt reist, und ich frage mich, ob du etwas von ihnen gehört hast? Vor ein paar Tagen habe ich einen Brief von Liän erhalten, der mir von Bruder Schës Krankheit berichtete. Gibt es dazu noch etwas Neues?
 
Die Zeit rückt näher, daß Bau-yü und Lan ihre Prüfungen zu bestehen haben. Sie müssen fleißig lernen und dürfen auf keinen Fall ihre Zeit vertrödeln. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich Nanking mit Mutters Sarg erreiche. Ich bin bei guter Gesundheit, sorge dich nicht um mich.
 
Bitte übergib Bau-yü und Lan meine Anweisungen.
 
Dschëng.
 
Datiert am Tage X des Monats Y
 
P.S.: Jung wird sich getrenntermaßen melden.“
 
Nachdem sie den Brief gelesen hatte, gab die Dame Wang ihn Djia Lan zurück und sagte: „Gib ihn Bau-yü und sage ihm, er solle ihn lesen! Und dann gib ihn deiner Mutter zurück!“
 
Während sie sprach, traten Li Wan und die alte Frau Li ein und begrüßten sie. Sie setzten sich und die alte Frau Li sprach über die Dschëns und LiQis Hochzeit. Sie sprachen eine Weile darüber, und dann fragte Li Wan die Dame Wang: „Hast du Vaters Brief gelesen?“
 
„Das habe ich.“
 
Djia Lan reichte den Brief seiner Mutter, die ihn selbst las, und sagte: „Tan-tschun war über ein Jahr fort und ist nicht einmal nach Hause gekommen. Es wird so eine Erleichterung für euch sein, daß sie nun in die Hauptstadt ziehen.“
 
„Ja“, antwortete die Dame Wang. „Bis vorhin war ich noch bekümmert, doch nach diesen Neuigkeiten fühle ich mich wesentlich besser. Doch wir wissen immer noch nicht, wann sie ankommen werden.“
 
Die alte Frau Li fragte, wie Djia Dschëngs Reise gewesen war, während Li Wan sich an Djia Lan wandte und sagte: „Ich hoffe, du hast bemerkt, was dein Großvater in diesem Brief sagt? Die Prüfungen rücken näher, und er ist sehr besorgt um euch beide. Du beeilst dich besser und gibst den Brief Bau-yü zu lesen.“ –
 
„Bitte sagt mir,“ erkundigte sich die alte Frau Li, „wie es möglich ist, daß sie beide an der zweiten Prüfung teilnehmen können, ohne einen Grad zu besitzen?“
 
Frau Wang führte aus: „Bevor er seinen Posten als Agrarintendant erhielt, hat mein Mann den Lizenziatengrad für beide erworben.“
 
Die alte Frau Li nickte, und Djia Lan ging mit dem Brief zu Bau-yü.
 
Da er die Gemächer von Frau Wang früher verlassen hatte, war Bau-yü in seine Gemächer zurückgekehrt, wo er seine Kopie der ‚Herbstfluten‘ aus dem Kapitel des Buches Dschuang-Dsï nahm und begann, es fasziniert zu lesen. Als Bau-tschai aus dem inneren Raum kam und ihn so versunken in seine Lektüre sah, trat sie herbei und warf einen Blick auf den Titel des Buches. Es enttäuschte sie sehr, daß es sich um einen dauistischen Klassiker handelte.
 
‚Das einzige, was er noch ernst nimmt, ist dieser Unfug über „mit der Welt abschließen und sich über die Sterblichkeit erheben“ ‘, dachte sie bei sich. ‚Ein absolut hoffnungsloser Fall.’
 
Es schien unsinnig, mit ihm darüber zu diskutieren, deshalb setzte sie sich neben ihn und starrte ihn vorwurfsvoll an. Wie er ihren Ausdruck wahrnahm, fragte Bau-yü: „Was ist denn los?“
 
„Da wir nun Mann und Frau sind“, antwortete sie, „sollte ich dich ein Leben lang um Unterstützung bitten können. Unser gemeinsames Leben sollte auf mehr gegründet sein als auf einen Moment der Leidenschaft. Ruhm und Wohlstand sind substanzlos wie eine Wolke, – das kann ich verstehen. Doch selbst vor langer Zeit priesen die Weisen die charakterlichen Eigenschaften und Tugenden.“
 
Bevor er ihr ganz zugehört hatte, legte Bau-yü sein Buch nieder, lächelte und sagte: „Du sprichst von Tugend und den Weisen vergangener Zeiten. Doch weißt du, daß die Weisen auch als ein ideales ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ hochgehalten werden‘? Welche Tugenden hat ein neugeborenes Kind? Keine, nur die völlige Abwesenheit von Wissen, von Bewußtsein, von Gier und von Neid. In all unseren Leben versinken wir tiefer und tiefer im Sumpf der Gier, des Hasses, der Dummheit und der Begierde. Die große Frage lautet, wie man sich über all dies erheben kann, wie man diesem Netz des sterblichen Lebens entrinnen kann? ‚Dieses fließende Leben, mit seinen Begegnungen und Abschieden‘, – jetzt kann ich verstehen, weshalb die Bedeutung dieses Ausdrucks, seitdem er das erste Mal ausgesprochen wurde, in keinem Zeitalter völlig erfaßt wurde. Und was deine ‚Tugend‘ angeht, wer hat jemals einen reinen Zustand der Tugend erreicht?“ –
 
„Was die Alten mit ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ meinten“, erwiderte Bau-tschai, „war ein Herz voller Treue und brüderlicher Ergebenheit, nicht diese mystische, wirklichkeitsferne Deutung von dir. Die Kaiser Yau, Shun, Yü, Tang, der Fürst von Dschou, Konfuzius – sie alle verbrachten ihr Leben damit, die Menschheit zu verbessern. Ihr ‚Herz eines neugeborenen Kindes‘ war einfach der Geist des Mitleides und der Betroffenheit für andere. Wohingegen deines dich einfach so unbetroffen läßt, daß du deine eigene Familie im Stich lassen würdest. Für mich ergibt das keinen Sinn.“
 
Bau-yü nickte und lächelte: „Yau und Shun waren nicht in der Lage, Tschou-fu oder Xü-you davor zu bewahren, ihren Rückzugsort in den Bergen zu verlassen. Weder konnte König Wu noch der Fürst von Dschou Bo Yi seinen Bruder Shu Tchi dazu bringen, sich in der Welt einzubringen.“ – „Du wirst immer unsinniger!“, unterbrach ihn Bau-tschai, „wären alle Männer, die du erwähnst, Einsiedler gewesen, hätte es niemals Weise wie Yau, Shun, den Fürsten von Dschou und Konfuzius gegeben. Und außerdem ist es lächerlich, dich mit Bo Yi und Shu Tchi zu vergleichen. Sie lebten während der auslaufenden Shang-Dynastie, und ihre Leben waren von Schwierigkeiten verschiedenster Art erfüllt. Also hatten sie einen guten Vorwand, sich ihren Verpflichtungen zu entziehen. Doch in deinem Fall ist das völlig anders. Wir leben in einem Goldenen Zeitalter, und wir erhalten unsagbare Gunst vom Thron, während unsere Vorfahren dem Luxus frönten. Und du wurdest dein ganzes Leben lang behütet, von unserer verstorbenen Großmutter und von deinen Eltern. Jetzt überleg’ doch mal, was du gesagt hast! Glaubst du nicht, daß ich recht habe?“
 
Bau-yü hörte still zu. Seine einzige Antwort darauf waren ein Blick in den Himmel und ein Lächeln. „Da du keine Antwort zu finden weißt“, fuhr Bau-tschai fort, „solltest du meinen Rat hören. Reiß dich von jetzt an zusammen und arbeite so hart, wie du kannst! Schließ deine Prüfung erfolgreich ab und, selbst wenn du nichts in deinem ganzen Leben erreichst, wäre das zumindest eine Erwiderung der Himmlischen Gunst und der ‚Tugend‘ deiner Vorfahren.“
 
Bau-yü nickte und seufzte tief: „Die Prüfung gut zu bestehen ist nicht schwierig.  Und was du über  ‚niemals irgend etwas erreichen‘,  ,eine Erwide-
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
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Schatzjade antwortete nicht weiter, sondern rannte hinein. Er lief in seinen eigenen Hof und sah, daß Schatzspange, Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.</ref> und die anderen alle zu Frau König gegangen waren. Eilig griff er den Jadestein von seinem Bett und lief hinaus. Geradewegs stieß er auf Dufthauch und prallte frontal mit ihr zusammen, was sie zu Tode erschreckte. Sie sagte: „Die gnädige Frau hat gesagt, du sollst bei dem Mönch sitzen bleiben und ihm Gesellschaft leisten. Die gnädige Frau bereitet gerade etwas Silber vor. Was kommst du denn zurück?" Schatzjade sagte: „Geh schnell und richte der gnädigen Frau aus, sie braucht kein Silber zu beschaffen. Ich gebe ihm einfach den Jadestein zurück, dann ist alles erledigt." Als Dufthauch das hörte, packte sie Schatzjade eilig und hielt ihn fest: „Das geht auf keinen Fall! Der Jadestein ist dein Leben! Wenn er ihn mitnimmt, wirst du wieder krank!" Schatzjade sagte: „Von nun an werde ich nie mehr krank. Ich habe jetzt ein Herz — wozu brauche ich den Jadestein?" Er riß sich von Dufthauch los und wollte gehen. Dufthauch rannte ihm nach und schrie: „Komm zurück! Ich muß dir etwas sagen!" Schatzjade drehte sich um: „Es gibt nichts mehr zu sagen." Dufthauch kümmerte sich um nichts mehr, rannte ihm nach und schrie: „Beim letzten Mal, als der Jadestein verlorenging, hat es mich beinahe das Leben gekostet! Kaum ist er wieder da, und er soll ihn mitnehmen — du kannst nicht leben, und ich kann auch nicht leben! Wenn du ihn zurückgeben willst, nur über meine Leiche!" Dabei holte sie ihn ein und packte ihn fest. Schatzjade wurde wütend: „Ob du stirbst oder nicht, ich gebe ihn zurück!" Mit aller Kraft stieß er Dufthauch weg und wollte davoneilen. Doch Dufthauch hatte beide Hände um Schatzjades Gürtel geschlungen und ließ nicht los, weinte und schrie und setzte sich auf den Boden.
Erwiderung der Himmlischen Gunst‘ und der ‚Tugend meiner Vorfah­ren‘ sagst, ist nicht genau der Punkt.“
 
Bevor Bau-tschai antworten konnte, mischte sich Hsi-jën ein: „Ich habe nicht wirklich verstanden,  was Frau Bau-tschai  über die alten Weisen gesagt hat. Ich weiß nur, daß wir von Kindheit an durch dick und dünn mit dir gegangen sind, dich mit mehr Hingabe behandelt haben, als ich in Worte fassen kann. Natürlich weiß ich, daß es so sein sollte, doch solltest du im Gegenzug nicht auch etwas an uns denken? Und sieh, welche Hingabe Frau Bau-tschai an deiner Statt dem Herrn Djia Dschëng und der Dame Wang erwiesen hat! Auch wenn du keinen großen Wert auf deine Ehe legst, sicher schuldest du ihr zumindest ein wenig Dankbarkeit für das, was sie für dich getan hat? Und all das mit der Unsterblichkeit, ist doch alles heiße Luft! Wer hat schon jemals gesehen, wie ein Unsterblicher einen Fuß auf die Erde setzte? Manche Mönche tauchen von Gott weiß wo auf, erzählen viel Unsinn und du nimmst sie auch noch ernst! Du bist ein gebildeter Mann, bestimmt gibst du ihren Worten nicht mehr Gewicht als denen deiner Eltern?“
 
Bau-yü senkte still seinen Kopf.
 
Hsi-jën hatte noch mehr Munition bereit, doch dann hörten sie von draußen Schritte, und eine Stimme drang durch das Fenster:
 
„Ist Onkel Bau-yü zu Hause?“
 
Bau-yü erkannte Djia Lans Stimme, stand auf und sagte erheitert: „Komm herein!“
 
Djia Lan trat ein, sein Gesicht strahlte vor Lachen. Er bezeugte Bau-yü und Bau-tschai seinen Respekt und begrüßte Hsi-jën, bevor er Bau-yü Djia Dschëngs Brief zeigte, welchen Bau-yü an sich nahm und las. „Also kommt meine Schwester jetzt zurück nach Hause, oder?“
 
„Nach dem Inhalt des Briefes zu urteilen, ja,“ war Djia Lans Antwort.
 
Bau-yü senkte seinen Kopf in bedächtiger Stille, und Djia Lan fuhr fort: „Am Ende des Briefes, Onkel Bau-yü, siehst du, daß er dazu drängt, daß du bald einer ernsthaften Tätigkeit nachgehst. Ich glaube nicht, daß du in letzter Zeit viele Aufsätze verfaßt hast, oder etwa doch?“
 
Bau-yü lachte: „Meinetwegen werde ich welche schreiben, nur um in Übung zu bleiben. Warum nicht? Ich könnte sie genau so gut hinters Licht führen!“
 
„In diesem Fall“, schlug Djia Lan vor, „warum schlägst du nicht ein paar Themen vor, und wir schreiben sie zusammen. Das wird helfen, uns auf das Examen vorzubereiten. Ich möchte bestimmt kein leeres Blatt abgeben und uns damit lächerlich machen.“ –
 
„Ich weiß, daß du nichts dergleichen tun wirst“, sagte Bau-yü.
 
Bau-tschai bat Djia Lan, sich zu setzen. Bau-yü setzte sich auch wieder in seinen eigenen Stuhl, während sich Djia Lan höflich daneben setzte, und wie sie gemeinsam über Aufsätze sprachen, wurde ihre Unterhaltung immer belebter. Als Bau-tschai sah, wie sehr sich ihr Gespräch belebte, zog sie sich zurück und dachte bei sich: ‚Es scheint beinahe so, als hätte Bau-yü das Licht erblickt. Doch ich frage mich, warum er meine Worte ‚niemals irgend etwas erreichen‘ aufgriff und sie so betont wiederholte?’
 
Sie war immer noch sehr verwirrt. Hsi-jën war jedoch begeistert, ihn über Aufsätze und Examina reden zu hören.
 
„Amitabha!“ sprach sie leise zu sich. „Doch was für eine Predigt war nötig, um ihn zur Vernunft zu bringen!“
 
Die Jungen setzten ihr Gespräch fort, und Ying-örl bereitete ihnen etwas Tee. Djia Lan erhob sich, um seine Tasse entgegenzunehmen und sprach noch etwas länger über die Regeln, die das Examen bestimmten und fügte dabei hinzu, daß er gern Dschën Bau-yü für einen Tag einladen würde. Bau-yü schien willig, dem zuzustimmen.
 
Nach einer Weile kehrte Djia Lan in seine Gemächer zurück, ließ Djia Dschëngs Brief allerdings bei Bau-yü. Dieser las ihn noch einmal durch und mit einem Lächeln auf den Lippen ging er zu Schë-yüä und übergab ihn ihr, um ihn wegzulegen. Dann kam er zurück und räumte sein Buch Dschuang-Dsï vom Tisch, dabei nahm er weitere esoterische Bücher mit sich, eine Sammlung mit Die Hermetische Clavicula (Tsantungtchi), Das Geheimnis der ursprünglichen Blume (Yüänmingbau) und Das Kompendium der Fünf Lampen (Wudeng huiyüän). Er gab Schë-yüä Anweisungen, Tjiu-wën und Ying-örl fernzuhalten. Bau-tschai war erstaunt zu sehen, daß er dies tat und wünschte, seine wahren Absichten zu erfahren.
 
„Ich finde es sehr lobenswert, daß du solche Bücher liest“, sagte sie mit einem spöttischen Lächeln. Doch warum mußt du sie alle außer Sicht legen?“ –
 
„Weil ich jetzt verstehe“, antwortete Bau-yü. „daß diese Bücher nichts wert sind. Es wäre das Beste, sie zu verbrennen und für immer los zu sein!“
 
Bau-tschai war erleichtert, daß er dies sagte. Doch im nächsten Moment hörte sie ihn wie zu sich selbst zitieren:  
 
„Wahrer innerer Buddha-Geist
 
wird nicht in Sutren gefunden;
 
Jenseits der Feuerprobe,
 
Führt ein Weg zu einer höheren Ebene.“
 
Bau-tschai verstand nicht jedes Wort, doch „innerer Buddha-Geist“ und „höhere Ebene“ reichten aus, um sie mit düsteren Vorahnungen zu erfüllen. Sie betrachtete ihn ängstlich. Er trug den Mägden auf, einen geweihten Raum für ihn vorzubereiten, suchte all seine Kopien der Bücher Dschu Hsis Neu-Konfuzianisches Elementarbuch sowie Sammlungen von Examensessays und ‑versen und brachte sie in sein neues Zimmer. Dann setzte er sich ernsthaft hin und begann in Ruhe zu arbeiten. Bau-tschai glaubte, sie könne nun beruhigt sein.
 
Hsi-jën konnte ihren Augen und Ohren kaum trauen. Sie lächelte verschwörerisch zu Bau-tschai: „Ihr wißt genau, wie man mit ihm reden muß, Herrin! Nur dieser eine Vortrag von euch, und er ist ein neuer Mann! Ich hoffe nur, er bleibt so strebsam. Das Examen steht kurz vor der Tür.“
 
Bau-tschai nickte und lächelte: „Das liegt alles in der Hand des Schicksals. Sein Erfolg hängt nicht davon ab, wie früh oder spät er anfängt zu lernen. Ich hoffe nur, daß er von jetzt an erwachsener wird und seine alten Possen aufgibt.“
 
Erst schaute sie, ob sie mit Hsi-jën allein im Zimmer war, dann fügte sie mit einem Unterton hinzu: „Sicherlich gefällt mir dieser Gesinnungswandel. Doch eines bedrückt mich noch. Seine alte Schwäche für das schwache Geschlecht. Wir sollten ihn von Frauen isolieren.“ –
 
„Da habt ihr recht, Herrin“, sagte Hsi-jën. „So lange er unter dem Einfluß des Mönches stand, interessierte er sich wenig für die Mädchen um ihn herum. Doch jetzt hat er seinen Kurs wieder geändert, für müssen umso mehr auf die Wiederkehr seiner alten Allüren achten. Ich denke nicht, daß er uns gegenüber viel Interesse zeigen wird, Herrin. Da Dsï-djüan gegangen ist, bleiben nur noch vier weitere Mägde. Wu-örl ist sozusagen die Füchsin unter ihnen, doch ich habe gehört, daß ihre Mutter um die Erlaubnis gebeten hat, sie aus dem Dienst nehmen zu dürfen, daß sie verheiratet werden kann, deshalb wird sie in ein paar Tagen fort sein. Schë-yüä und Tjiu-wën haben Herrn Bau-yü nie besonders nahegestanden, doch wir sollten nicht vergessen, daß er mit ihnen als Kind noch herumgeschäkert hat. Dann bleibt noch Ying-örl. Er scheint sich gar nicht für sie zu interessieren, und sie ist ein sehr zuverlässiges Mädchen. Ich schlage vor, daß die täglichen Pflichten wie Tee zubereiten und Wasser bringen, Ying-örl übernehmen sollte, einige jüngere Mägde helfen ihr dann dabei. Was meint ihr, Herrin?“ –
 
„Ich habe selbst lange darüber nachgedacht“, antwortete Bau-tschai, „dein Vorschlag erscheint mir sehr überlegt.“
 
So wurde von nun an Ying-örl eingesetzt. Bau-yü verließ sein Zimmer gar nicht mehr. Jeden Tag schickte er jemand anderen, um für ihn bei seiner Mutter die Aufwartung zu machen. Frau Wangs Begeisterung über diesen Wandel muß an dieser Stelle nicht näher beschrieben werden.
 
Als der Dritte des Achten Mondmonats vorüber war, der Geburtstag der Herzoginmutter, verbeugte sich Bau-yü früh am Morgen vor ihrem Schrein und kehrte dann in seinen „geweihten Raum“ zurück. Nach dem Frühstück hatten sich Bau-tschai, Hsi-jën und einige der Mägde in den vorderen Raum ge­setzt, unterhielten sich mit den Damen Hsing und Wang, und er saß allein in seinem Zimmer, in tiefer Konzentration, als Ying-örl mit einem Tablett Obst eintrat.
 
„Ihre Herrin bat mich, Ihnen dies zu bringen“, sagte sie, „das war noch vom Opfer für die Herzoginmutter übrig.“ Bau-yü erhob sich, um sich zu be­dan­ken, und setzte sich dann wieder. „Stell’ es dort hin“, sagte er.
 
Als sie das Tablett auf die Seite gestellt hatte, sagte Ying-örl mit einem Un­terton zu ihm: „Ihre Herrin hat soeben sehr anerkennend von Ihnen ge­spro­chen.“
 
Bau-yü lächelte. Ying-örl fuhr fort: „Sie sagte, da Sie nun sehr hart ar­bei­ten, würdet Sie mit Sicherheit das Examen bestehen, und dann, wenn Sie Pa­last-Magister und Beamter seien, seien die Hoffnungen Ihrer Eltern in Sie nicht umsonst gewesen.“
 
Ying-örl erinnerte sich plötzlich daran, was Bau-yü einmal zu ihr ge­sagt hatte, – sie hatte an diesem Tag Troddeln für ihn geknüpft.
 
„Ich hoffe, ihr werdet bestehen!“, fuhr sie aufgeregt fort. Das wäre ein sol­cher Segen für unsere Herrin. Bedenken Sie, was Sie einst im Garten ge­sagt hatten, als Sie mich gebeten hatte, Pflaumenblüten-Troddeln zu knüpfen? Sie überlegten, in was für einen glücklichen Haushalt meine Herrin mich nach ihrer Hochzeit nehmen würde. Nun, trotz allem sind Sie der Glück­li­che!“
 
In dem, was Sie sagte, lag etwas Besonderes, und die Art, wie sie es sag­te, ließ in Bau-yü eine alte und allzu menschliche Gefühlswallung auf­kom­men. Doch die Nostalgie verging schnell. Er nahm sich schnell wieder zu­sammen und sagte mit einem höflichen Lächeln: „Nun, nach dir zu urteilen bin ich glücklich und auch deine Herrin. Doch wie fühlst du dich dabei?“
 
Ying-örl errötete auf der Stelle und zwang sich zu einem Lächeln: „Wir sind nur Mägde. Glücklich sein oder nicht zählt für uns nicht.“
 
Bau-yü lächelte wieder: „Es ist eine Tatsache, daß du wahrscheinlich glück­licher als jeder von uns bist, obwohl du dein gesamtes Leben als Magd ver­bracht hast.“
 
Das klang für Ying-örl nach mehr als nur Unsinn. Sie fürchete, seine Krank­heit wieder aufbrechen zu lassen, und gab vor, dringend gehen zu müs­sen, doch bevor sie das tun konnte, lachte Bau-yü: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen!“
 
Wer wissen möchte, was es war, muß das nächste Kapitel lesen.
 
119. Bau-yü besteht die Staatsprüfung auf Provinzebene und entsagt dann der Welt
 
Das Haus der Familie Djia steht wieder in kaiserlicher Gunst und setzt den Ruhm seiner Ahnen fort.
 
  
Wie wir im letzten Kapitel berichtet haben, war Ying-örl, verwirrt von Bau-yüs Worten, beinahe dabei zu gehen, als sie ihn wieder sprechen hörte: „Dummes Mädchen! Laß mich dir etwas sagen. Wenn deine Herrin glücklich ist, dann bist du es auch, weil du ihre Magd bist. Auf Hsi-jën kann man sich nicht verlassen. In Zukunft - merke dir meine Worte - mußt du dich um deine Herrin mit Sorge und Hingabe kümmern, und am Ende wirst du eine angemessene Belohnung für deine Dienstjahre erhalten.“
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Die Dienerinnen drinnen hörten den Lärm und kamen eilig herbeigelaufen. Sie sahen, daß es den beiden gar nicht gut ging. Sie hörten Dufthauch weinen: „Schnell, sagt der gnädigen Frau Bescheid! Der Zweite Herr will den Jadestein dem Mönch zurückgeben!" Eine Dienerin rannte sofort los, um Frau König zu benachrichtigen. Schatzjade wurde noch wütender und versuchte, Dufthauchs Hände aufzubrechen. Zum Glück hielt Dufthauch trotz der Schmerzen fest. Purpurkuckuck<ref>Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.</ref> hörte in ihrem Zimmer, daß Schatzjade den Jadestein weggeben wollte, und war noch aufgeregter als alle anderen. Sie vergaß ihren Vorsatz, Schatzjade in letzter Zeit kühl zu begegnen, vollkommen, rannte heraus und half, Schatzjade festzuhalten. Obwohl Schatzjade ein Mann war und sich mit aller Kraft wehrte, hielten die beiden ihn mit verzweifelter Kraft fest, und er konnte sich nicht befreien. Er seufzte: „Wegen eines einzigen Steins haltet ihr mich so verzweifelt fest. Wenn ich eines Tages allein fortginge — was würdet ihr dann tun?" Als Dufthauch und Purpurkuckuck diese Worte hörten, brachen sie in lautes Schluchzen aus.
Bau-yüs Worte ergaben für Ying-örl keinen Sinn, auch wenn sie schein­bar sinnvoll begannen.
 
„Gut“, sagte sie, „dann gehe ich besser. Die Herrin wartet auf mich. Wenn Sie mehr Obst möchten, Herr Bau-yü, senden Sie nur eine der jüngeren Dienstmägde nach mir.“
 
Bau-yü nickte, und Ying-örl ging. Kurz darauf kehrten Bau-tschai und Hsi-jën aus den eigenen Räumen zurück.
 
Die Prüfung rückte näher. Die ganze Familie war voller Erwartung und hoffte, daß die beiden Jungen achtbare Aufsätze schreiben und der Familie Ehre machen würden. Alle außer Bau-tschai. Obwohl Bau-yü sich wirklich gut vorbereitet hatte, hatte sie gelegentlich auch eine seltsame Abge­stumpft­heit in seinem Verhalten bemerkt. Ihre erste Sorge war, daß die beiden Jun­gen, für die es beide eine Premiere war, im Gewühl von Menschen und Fahr­zeu­gen vor den Prüfungshallen verletzt würden oder einen Unfall hätten. Sie sorg­te sich besonders um Bau-yü, der das Anwesen seit seinem Zu­sam­men­tref­fen mit dem Mönch nicht mehr verlassen hatte. Seine Freude am Studium schien ihr das Ergebnis eines zu hastigen und insgesamt nicht überzeugenden Ge­sinnungswandels, und sie hatte eine Vorahnung, daß etwas Ungehöriges pas­sieren würde. An dem Tag vor dem großen Ereignis trug sie Hsi-jën und ei­nigen der jüngeren Dienerinnen auf, mit Su-yün und ihren Helfern zu gehen und sicherzustellen, daß beide Kandidaten gut vorbereitet waren. Sie selbst über­prüfte ihre Sachen, legte sie bereit und ging dann mit Li Wan hinüber in die Gemächer der Dame Wang, wo sie einige treue Gefolgsmänner der Fa­mi­lie auswählte, um sie am nächsten Tag zu begleiten, aus Angst, sie könnte in der Menge gestoßen oder gar niedergetrampelt werden.
 
Der große Tag brach letztendlich an, und Bau-yü und Djia Lan wechselten in elegante, aber schlichte Gewänder. Sie kamen frohen Mutes herüber, um sich von der Dame Wang zu verabschieden, die ihnen zum Abschied noch ein paar ratsame Worte mitgab: „Dies ist das erste Examen für euch beide und obwohl ihr jetzt schon große Jungen seid, ist es immer noch das erste Mal für euch, einen ganzen Tag von Zuhause fort zu sein. Ihr mögt in der Vergangenheit zwar fort gewesen sein, doch Ihr wart immer in Begleitung eurer Dienerinnen. Ihr habt niemals eine Nacht außer Haus auf diese Art verbracht. Heute, wenn ihr beide euch dem Examen unterzieht, werdet ihr euch sehr einsam fühlen, so ganz ohne Familie. Ihr müßt besonders vorsichtig sein. Beendet eure Aufsätze und kommt so früh wie möglich heraus und sucht einen der Familiendiener, dann kommt so schnell wie möglich nach Hause. Dann werden wir uns um euch keine Sorgen mehr machen.“
 
Während sie sprach, war die Dame Wang von dieser Angelegenheit sehr bewegt. Djia Lan gab alle passenden Antworten, doch Bau-yü blieb still, bis seine Mutter zu Ende gesprochen hatte. Dann begab er sich zu ihr, kniete vor ihren Füßen, mit Tränen auf den Wangen verbeugte er sich dreimal vor ihr und sagte: „Ich werde dich niemals für das entschädigen können, was du in meinem Leben für mich getan hast, Mutter. Doch wenn ich dies Eine erfolgreich meistere, wenn ich mein Bestes gebe und die Prüfung bestehe, dann kann ich dir vielleicht eine kleine Freude machen. Dann ist meine weltliche Pflicht erfüllt, und ich werde zumindest etwas von dem zurückgeben, was ich dir an Ärger verursacht habe.“
 
Die Dame Wang war jetzt noch tiefer bewegt: „Es ist eine sehr feine Sache, die du da vorhast. Es ist eine Schande, daß deine Großmutter das nicht mehr erleben kann.“
 
Während sie sprach, weinte sie und legte ihre Arme um ihn, um ihn an sich zu drücken. Bau-yü blieb auf dem Boden knieen und wollte sich nicht erheben.
 
„Auch wenn Großmutter nicht hier ist“, sagte er, „bin ich sicher, sie weiß davon und ist glücklich. Es ist beinahe so, als sei sie wirklich da. Uns trennt nur etwas. Zusammen sind wir in einem Geist.“
 
Li Wan fürchtete, diese Szene könnte Bau-yü einen seiner Anfälle auslösen. Sie spürte etwas Unheilvolles. Sie fuhr eilig fort: „Mutter, heute sollten wir mit Freude erfüllt sein. Du darfst nicht so traurig sein. Denke daran, wie einfühlsam und pflichterfüllt Bau-yü zuletzt war! Alles, was er nun tun muß, ist mit Lan im Examen zu sitzen, seine Zettel vollzuschreiben und früh nach Hause zu kommen. Dann kann er einigen Schülern und uns Abschriften von dem zeigen, was er geschrieben hat, und wir warten einfach auf gute Neuigkeiten.“
 
Sie trug einer der Mägde auf, Bau-yü wieder auf die Beine zu helfen. Bau-yü drehte sich um und sagte: „Schwiegerschwester, mach’ dir keine Sorgen. Lan und ich werden sicher bestehen. Weiterhin hat Lan eine ausgezeichnete Zukunft vor sich, während du selbst eines Tages eine Dame hohen Ranges sein und nur noch edle Kleider tragen wirst.“
 
Li Wan lächelte: „Wenn all dies wirklich wahr wird, wäre das zumindest ein Ausgleich.“
 
Sie hielt inne, da sie der Dame Wang keinen weiteren Kummer bereiten wollte. Bau-yü fühlte keine Hemmung dieser Art: „Wenn Lan sich gut schlägt und die Familientradition aufrecht erhält, kann mein älterer Bruder, sein Vater, es zwar nicht mehr bezeugen, doch sein größter Wunsch ist zumindest erfüllt.“
 
Es wurde allmählich spät, und da Li Wan diese Runde nicht weiter in die Länge ziehen wollte, nickte sie nur kurz zum Abschluß. Bau-tschai war die Seltsamkeit dieser Reden nicht entgangen. Nicht nur Bau-yüs Bemerkungen an sich waren rätselhaft, auch jedes Wort der Dame Wang und Li Wan schien eine unheilvolle Bedeutung zu haben. Sie wagte nicht, ihre Vorahnungen offen zu formulieren, deshalb hielt Bau-tschai ihre Tränen zurück und blieb still. Bau-yü kam zu ihr und verbeugte sich tief. Es erschien ihnen allen als ein sehr exzentrisches Verhalten, und es konnte sich weder jemand vorstellen, was das zu bedeuten hatte, noch wagte jemand zu lachen. Das allgemeine Staunen wurde größer, als Bau-tschai in eine Flut von Tränen ausbrach und Bau-yü sich von ihr verabschiedete: „Kusinchen! Ich gehe jetzt. Bleib hier bei meiner Mutter und warte auf gute Neuigkeiten!“ –
 
„Es ist Zeit für dich zu gehen“, antwortete Bau-tschai, „es gibt keinen Grund, wieder eine dieser langen Reden zu halten.“ –
 
„Du mußt mich nicht drängen zu gehen“, sagte Bau-yü, „ich weiß, daß es Zeit ist.“
 
Er blickte um sich und sah, daß Hsi-tschun und Dsï-djüan nicht da waren.
 
„Sagt bitte Hsi-tschun und Dsï-djüan auf Wiedersehen von mir“, sagte er, „ich werde sie bestimmt wiedersehen.“
 
Alle wunderten sich sehr über das Gemisch von Sinn und Unsinn in Bau-yüs Worten. Sie glaubten, er sei im Moment verwirrt, zum Teil wegen der derzeitigen Situation, zum Teil auch wegen der Anweisungen der Dame Wang. Es erschien allen als die beste Lösung, daß er sich endlich auf den Weg machte.
 
„Sie warten draußen auf dich. Kein Geplauder mehr, sonst bist du zu spät.“
 
Bau-yü erhob seinen Kopf und lachte.
 
„Ich gehe! Genug mit der Narretei! Es ist vorüber!“ –
 
„Nun – dann gehen Sie!“, riefen alle nervös lachend. Nur die Dame Wang und Bau-tschai schluchzten unentwegt, als ob sie ihn niemals wiedersähen. Endlich ging Bau-yü durch die Tür und kicherte auf seinem Weg wie ein Schwachsinniger.
 
„Das Register weltlichen Ruhmes betretend,
 
Durchbricht er die erste Schranke seines weltlichen Käfigs.“
 
Wir müssen nun Bau-yü und Djia Lan auf ihrem Weg zum Examen verlassen und zu Djia Huan zurückkehren. Die Aufregung über die Abreise der ‚Kandidaten‘ hatte in ihm ein noch ärgerlicheres Gefühl als zuvor hinterlassen, und mit ihrer Abwesenheit hatte er nun die Freiheit, seinen Plan auszuführen: „Rache an meiner eigenen Mutter! Jetzt ist niemand mehr im Haus und die Dame Hsing wird tun, was ich sage. Ich muß niemanden fürchten.“
 
Mit entschlossenem Schritt eilte er zur Dame Hsing, um seinen Respekt zu erweisen, und unterhielt sich mit ihr in einem äußerst unterwürfigen Ton. Sie fühlte sich natürlich geschmeichelt und sagte zu ihm: „Jetzt sprichst du wie ein intelligentes Kind! Natürlich bin ich der Mensch, der die Entscheidung bei einer Gelegenheit wie der von Tchiau-djie zu treffen hat.
 
  
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Gerade als die Lage unentwirrbar war, kamen Frau König und Schatzspange in aller Eile herbei. Als sie die Szene sahen, rief Frau König unter Tränen: „Schatzjade, bist du wieder wahnsinnig geworden?" Schatzjade wußte, daß er sich nun, da Frau König gekommen war, nicht mehr losreißen konnte. Er mußte wohl oder übel lächeln und sagte: „Was soll denn das! Warum macht sich die gnädige Frau schon wieder Sorgen! Die sind immer so aufgeregt über nichts. Ich sage Euch: Dieser Mönch hat kein Einsehen, er verlangt unbedingt zehntausend Silbertael, keinen weniger. Ich war wütend und bin hereingekommen, um den Jadestein zu holen und ihm zurückzugeben — ich wollte sagen, es sei ein falscher Stein, wozu bräuchte man ihn? Wenn er sieht, daß wir keinen Wert auf den Stein legen, dann geben wir ihm einfach ein bißchen Geld, und die Sache ist erledigt." Frau König sagte: „Ich dachte schon, du wolltest ihn wirklich zurückgeben — na gut, das mag angehen. Aber warum hast du es ihnen nicht erklärt? Sie weinen und schreien — wie sieht denn das aus?" Schatzspange sagte: „Wenn es so gemeint ist, mag es hingehen. Aber wenn er den Jadestein wirklich dem Mönch geben wollte — dieser Mönch ist recht seltsam, und wenn man ihm den Stein gibt und es dann im Haus wieder keine Ruhe gibt, wäre das nicht ein Desaster? Was das Geld betrifft — selbst wenn ich meinen Kopfschmuck versetze, reicht es immer noch." Frau König hörte das und sagte: „Nun gut, dann machen wir es eben so."
[[Category:Hongloumeng]]
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Schatzjade antwortete nicht. Da trat Schatzspange vor, nahm ihm den Jadestein aus der Hand und sagte: „Du brauchst nicht hinauszugehen, ich gebe ihm zusammen mit der gnädigen Frau Geld." Schatzjade sagte: „Es ist auch recht, den Jadestein nicht zurückzugeben, aber ich muß ihn noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen." Dufthauch und die anderen wollten ihn immer noch nicht loslassen. Schließlich entschied Schatzspange mit klarem Kopf: „Laßt ihn los, er soll gehen." Dufthauch mußte ihn loslassen. Schatzjade lachte: „Ihr Leute schätzt den Jadestein höher als den Menschen! Jetzt, da ihr mich losgelassen habt — wenn ich ihm einfach folge und davongehe, dann seht doch zu, wie ihr mit dem Stein allein zurechtkommt!" Dufthauch wurde wieder ängstlich und wollte ihn abermals festhalten, doch in Gegenwart von Frau König und Schatzspange wagte sie nicht, sich zu auffällig zu benehmen. Da riß sich Schatzjade auch schon los und ging. Dufthauch rief schnell einer kleinen Dienerin zu, sie solle am Dritten Tor Beiming und die anderen Burschen benachrichtigen: „Sagt den Leuten draußen, sie sollen auf den Zweiten Herrn aufpassen, er ist etwas verrückt geworden." Die kleine Dienerin antwortete und ging hinaus.
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Frau König, Schatzspange und die anderen kamen herein und setzten sich. Sie fragten Dufthauch nach den Einzelheiten, und Dufthauch erzählte Schatzjades Worte ausführlich. Frau König und Schatzspange waren sehr beunruhigt und schickten noch jemanden hinaus, um die Diener anzuweisen, aufzupassen und zu hören, was der Mönch sagte. Bald darauf brachte eine kleine Dienerin eine Nachricht herein und berichtete Frau König: „Der Zweite Herr ist wirklich etwas verrückt. Die Burschen draußen sagen: Drinnen hat man ihm den Jadestein nicht gegeben, also konnte er nichts machen. Jetzt aber, da er selbst draußen ist, bittet er den Mönch, ihn mitzunehmen." Als Frau König das hörte, rief sie: „Das darf nicht sein! Was sagt denn der Mönch?" Die kleine Dienerin erwiderte: „Der Mönch sagt, er will den Jadestein, nicht den Menschen." Schatzspange fragte: „Will er also kein Silber mehr?" Die kleine Dienerin sagte: „Davon habe ich nichts gehört. Danach redeten der Mönch und der Zweite Herr zusammen und lachten und sprachen viele Worte, die die Burschen draußen nicht richtig verstanden." Frau König sagte: „Dummköpfe! Wenn sie es nicht verstehen, können sie es doch wenigstens nachsprechen!" Und sie wies die kleine Dienerin an: „Ruf mir den Burschen herein."
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Die kleine Dienerin rannte hinaus und rief den Burschen herein, der im Korridor stand und durch das Fenster hindurch seinen Gruß entbot. Frau König fragte: „Ihr versteht die Worte des Mönchs und des Zweiten Herrn nicht — aber könnt ihr sie nicht wenigstens wiedergeben?" Der Bursche antwortete: „Wir haben nur gehört, daß sie etwas von einem ‚Großen Ödberg' sagten, etwas von einem ‚Grünkamm-Gipfel', und dann etwas von einem ‚Land der Großen Leere' und davon, ‚alle irdischen Bande abzuschneiden'." Frau König verstand auch nichts davon. Schatzspange aber erschrak, als sie das hörte, dermaßen, daß sie die Augen aufriß und kein einziges Wort herausbrachte.
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Man wollte gerade jemanden hinausschicken, um Schatzjade hereinzuholen, da kam er schon lächelnd herein und sagte: „Gut, gut, alles ist gut!" Schatzspange stand immer noch wie erstarrt. Frau König sagte: „Was redest du Verrücktes daher?" Schatzjade sagte: „Ich sage lauter vernünftige Dinge, und Ihr nennt mich verrückt! Diesen Mönch kenne ich von früher. Er wollte mich nur einmal sehen; er hat nie wirklich Silber verlangt. Es ging ihm nur darum, eine gute Verbindung zu stiften. So habe ich es ihm erklärt, und er ist von selbst davongeschwebt. Ist das nicht wunderbar?"
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Frau König glaubte ihm nicht und fragte noch einmal durch das Fenster den Burschen. Der Bursche rannte hinaus, erkundigte sich bei den Männern am Tor und kam zurück: „Der Mönch ist tatsächlich gegangen. Er sagte: ‚Bittet die gnädigen Frauen, sich keine Sorgen zu machen, ich wollte nie Silber. Der Zweite Herr soll nur von Zeit zu Zeit einmal zu mir kommen, das genügt. In allen Dingen folge man dem Schicksal, es gibt für alles eine bestimmte Ordnung.'"
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Frau König sagte: „Also war es doch ein guter Mönch. Habt ihr ihn gefragt, wo er wohnt?" Der Bursche sagte: „Die am Tor sagen, er habe es erwähnt — unser Zweiter Herr wisse Bescheid." Frau König fragte daraufhin Schatzjade: „Wo wohnt er denn nun?" Schatzjade lachte: „Dieser Ort — sagt man ‚fern', so ist er fern; sagt man ‚nah', so ist er nah." Schatzspange ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Wach doch auf! Hör auf, dich in solchen Dingen zu verlieren! Der Herr Vater hat eigens angeordnet, daß du dich um die Beamtenlaufbahn und deinen Aufstieg bemühst!" Schatzjade sagte: „Spreche ich etwa nicht von der Beamtenlaufbahn? Ihr kennt doch das Sprichwort: ‚Tritt ein Sohn in die Hauslosigkeit ein, steigen sieben Ahnen in den Himmel auf' <ref>一子出家,七祖升天, volkstümliche Redensart, die den Verdienst des klösterlichen Lebens für die ganze Sippe betont</ref>?"
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Als Frau König das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie sagte: „Was für ein Schicksal hat unser Haus! Das Vierte Mädchen redet die ganze Zeit davon, ins Kloster einzutreten, und jetzt kommt auch noch einer dazu! Wozu soll ich solche Tage noch durchleben?" Dabei brach sie in lautes Weinen aus. Schatzspange sah Frau Königs Kummer und trat vor, um sie inständig zu trösten. Schatzjade lachte: „Ich habe doch nur einen Scherz gemacht, und die gnädige Frau nimmt es gleich ernst!" Frau König hielt inne mit Weinen und sagte: „Sind denn solche Worte etwa zum Scherzen?"
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Während sie noch so stritten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Der Zweite Herr Kette<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.</ref> ist zurückgekommen. Er sieht ganz verändert aus und bittet die gnädige Frau, hinüberzukommen, um mit ihm zu sprechen." Frau König erschrak abermals und sagte: „Dann laßt ihn eben hereinkommen. Die junge Schwägerin ist doch eine alte Vertraute, er braucht sich nicht fernzuhalten." Kette Kaufmann kam herein, begrüßte Frau König und verneigte sich vor ihr. Schatzspange trat ihm entgegen und erkundigte sich ebenfalls nach seinem Befinden. Kette Kaufmann sagte: „Eben habe ich einen Brief meines Vaters erhalten. Er schreibt, er sei sehr schwer erkrankt und ich solle sofort kommen — wenn ich zu spät komme, könnte es sein, daß wir uns nicht mehr sehen." Bei diesen Worten rollten ihm die Tränen herunter. Frau König fragte: „Was steht in dem Brief über seine Krankheit?" Kette Kaufmann sagte: „Er schreibt, es habe als Erkältung begonnen und sich nun zu einer Schwindsucht ausgewachsen. Sein Zustand ist jetzt kritisch. Er hat eigens einen Boten Tag und Nacht hergeschickt, und wenn ich mich noch ein oder zwei Tage verzögere, könne ich ihn nicht mehr lebend antreffen. Darum bin ich gekommen, um der gnädigen Frau zu berichten: Euer Neffe muß sofort aufbrechen. Nur ist zu Hause niemand, der sich um alles kümmert. Qiang-er und Yun-er sind zwar etwas unbesonnen, aber immerhin Männer — wenn draußen etwas anfällt, können sie zumindest Bescheid geben. Bei mir zu Hause gibt es nicht viel zu tun. Herbstzither<ref>Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.</ref> hat jeden Tag geweint und geschrien und wollte nicht hier bleiben, darum habe ich ihre Leute kommen lassen und sie mitgenommen — das erspart Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.</ref> eine Menge Ärger. Was Qiao-jie<ref>Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.</ref> betrifft, so hat sie zwar niemanden, der auf sie achtet, aber zum Glück ist Friedchens Herz nicht schlecht. Die Kleine ist auch verständig, nur ist sie von Charakter her noch eigensinniger als ihre Mutter. Ich bitte die gnädige Frau, hin und wieder nach ihr zu sehen." Bei diesen Worten wurden seine Augenränder rot, und er zog hastig das kleine Seidentuch herunter, an dem sein Betelnußbeutel am Gürtel hing, und wischte sich die Augen.
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Frau König sagte: „Ihre eigene Großmutter ist doch da — warum mich darum bitten?" Kette Kaufmann sagte leise: „Wenn die gnädige Frau so spricht, dann hätte Euer Neffe längst totgeschlagen werden müssen. Es gibt nichts zu sagen — ich bitte die gnädige Frau nur, weiterhin Güte für Euren Neffen zu zeigen." Dabei kniete er schon nieder. Auch Frau Königs Augenränder röteten sich. Sie sagte: „Steh schnell auf! Wir sind doch wie Mutter und Kind, was soll das! Nur eines: Das Kind ist schon groß. Sollte deinem Vater etwas zustoßen und du dort festgehalten werden — wenn jemand kommt, der eine standesgemäße Partie für sie anbietet, sollen wir dann auf dich warten, oder soll deine Schwiegermutter <ref>Dame Hsing als Stiefmutter</ref> entscheiden?" Kette Kaufmann sagte: „Solange die gnädigen Frauen zu Hause sind, sollen natürlich die gnädigen Frauen entscheiden. Auf mich braucht Ihr nicht zu warten." Frau König sagte: „Wenn du aufbrichst, dann schreib eine Mitteilung und schick dem Zweiten Herrn Aufrecht<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.</ref> eine Nachricht. Sag ihm, daß zu Hause niemand mehr ist, daß der Zustand deines Vaters ungewiß ist, und bitte ihn, die Angelegenheiten der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.</ref> rasch abzuschließen und schnell zurückzukehren."
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Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und wollte schon gehen, kehrte aber nochmals um und sagte: „Was unsere Dienerschaft betrifft, so sind genügend Leute im Haus. Nur im Garten <ref>der Garten der Großen Aussicht, 大观园</ref> ist niemand mehr, es ist viel zu leer. Bao Yong<ref>Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Echt empfohlener Wächter.</ref> ist mit seinem Herrn fortgegangen. Was das Haus der Tante Schnee betrifft, so ist der Zweite Herr Schnee bereits in sein eigenes Haus umgezogen. Im Garten stehen alle Häuser leer, es gibt überhaupt keine Aufsicht. Die gnädige Frau sollte jemanden beauftragen, regelmäßig nachzusehen. Was das Grünjadekloster betrifft — das steht ja auf unserem eigenen Grundstück, und jetzt weiß niemand, wohin Wunderjade<ref>Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.</ref> gegangen ist. Die Nonnen, die zu ihr gehören, wagen nicht, selbst zu entscheiden, und bitten darum, daß jemand aus unserer Familie sich darum kümmert." Frau König sagte: „Wir können nicht einmal unsere eigenen Angelegenheiten ordnen, wie sollen wir uns da noch um äußere Dinge kümmern? Und dieses Wort darf Bedauerfrühling<ref>Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.</ref> auf keinen Fall zu Ohren kommen! Wenn sie das erfährt, wird sie wieder auf den Gedanken kommen, ins Kloster zu gehen. Bedenke doch, was für eine Familie wir sind! Daß ein Fräulein aus gutem Hause ins Kloster geht — das wäre ja unerhört!"
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Kette Kaufmann sagte: „Wenn die gnädige Frau es schon anspricht, so wage ich es kaum zu sagen. Die Vierte Schwester gehört eigentlich zum Ostanwesen <ref>Ning-guo-fu 宁国府, das Anwesen der östlichen Kaufmann-Familie</ref>. Sie hat keine Eltern mehr, ihr leiblicher Bruder ist in der Ferne, und ihre Schwägerin hat bei ihr nicht viel zu sagen. Euer Neffe hat gehört, daß sie schon mehrfach versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn ihr Herz nun einmal so entschlossen ist und man sie mit Gewalt daran hindert, könnte sie es am Ende wirklich tun — und das wäre schlimmer als der Eintritt in ein Kloster." Frau König hörte das und nickte: „Diese Sache ist wirklich zu schwer für mich. Ich kann auch nicht allein entscheiden. Laßt es ihre Schwägerin regeln."
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Kette Kaufmann sprach noch einige Worte und ging dann hinaus. Er rief die Diener zusammen und erteilte seine Anweisungen; er schrieb einen Brief und packte sein Reisegepäck. Friedchen und die anderen ermahnten ihn eindringlich. Nur Qiao-jie war untröstlich traurig. Kette Kaufmann wollte noch König Ren<ref>Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.</ref> bitten, ein Auge auf die Dinge zu haben, doch Qiao-jie wollte das nicht. Als sie hörte, daß draußen Yun und Qiang mit der Aufsicht betraut worden waren, wurde ihr noch unbehaglicher zumute, doch sie konnte nichts sagen. Sie verabschiedete ihren Vater und lebte von da an vorsichtig und bescheiden unter Friedchens Fürsorge. Feng-er und Xiaohong hatten nach Phönixglanz' Tod die eine Urlaub genommen, die andere sich krank gemeldet. Friedchen überlegte, ein Mädchen aus der Verwandtschaft herzuholen — zum einen als Gesellschaft für Qiao-jie, zum anderen als Hilfe, um auf sie achtzugeben. Sie ging alle Möglichkeiten durch, doch niemand war geeignet. Nur Xi Luan und Si-jie-er waren Mädchen gewesen, die die Herzoginmutter einst besonders ins Herz geschlossen hatte. Doch Si-jie-er war erst kürzlich verheiratet worden, und Xi Luan war ebenfalls schon verlobt und stand kurz vor der Hochzeit. So mußte Friedchen es sein lassen.
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Nun wollen wir von Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann berichten. Nachdem sie Kette Kaufmann verabschiedet hatten, gingen sie hinein und sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor. Die beiden wechselten sich ab und übernachteten im äußeren Studienzimmer. Tagsüber trieben sie sich mit den Dienern herum, mal luden sie ein paar Freunde zu einem „Wagenrad-Essen" <ref>车箍辘会, ein Rundessen, bei dem reihum jeder als Gastgeber fungiert</ref> ein, und es kam sogar so weit, daß sie zusammen um Geld spielten. Im Inneren des Hauses wußte niemand davon. Eines Tages kamen der Schwager Xing und König Ren vorbei, sahen, daß Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann hier wohnten und es lustig zuging, und kamen unter dem Vorwand, nach dem Rechten zu sehen, regelmäßig ins äußere Studienzimmer, um dort Trinkgelage zu veranstalten und um Geld zu spielen. Was die ordentlichen Diener betraf: Aufrecht Kaufmann hatte einige mitgenommen, Kette Kaufmann ebenfalls, und es waren nur noch die Söhne und Neffen der Familien Lai und Lin übrig. Diese jungen Burschen verließen sich auf den Verdienst ihrer Eltern, waren es gewohnt zu essen und zu trinken, und verstanden nichts von der Führung eines Haushalts. Da zudem ihre Älteren alle nicht zu Hause waren, waren sie wie Pferde ohne Zaum. Zwei Herren aus den Nebenlinien feuerten sie noch an — da machten alle nur zu bereitwillig mit. So wurde das Prunkwille-Anwesen <ref>荣国府, das Anwesen der westlichen Kaufmann-Familie</ref> derart auf den Kopf gestellt, daß es weder oben noch unten gab, weder innen noch außen.
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Qiang Kaufmann dachte noch daran, Schatzjade in das Treiben hineinzuziehen, doch Efeu Kaufmann hielt ihn zurück: „Der Zweite Herr Schatzjade ist ein Mensch ohne Glück, laß ihn in Ruhe. Damals habe ich für ihn eine absolut wunderbare Partie vorgeschlagen: Der Vater war auswärts als Steuereintreiber, die Familie betrieb mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen war schöner als eine Himmelsfee. Ich schrieb ihm einen sorgfältig abgefaßten Brief — aber er hatte kein Glück." An dieser Stelle schaute er sich um, ob auch niemand zuhörte, und fuhr fort: „Sein Herz hing schon lange an unserer Zweiten Tante <ref>gemeint ist König Phönixglanz, Phönixglanz 王熙凤</ref>. Hast du nicht gehört, daß da auch noch ein Fräulein Lin <ref>Kajaljade 林黛玉</ref> war, die sich vor lauter Liebeskummer zu Tode grämte? Wer wüßte das nicht? Nun gut, jeder hat sein eigenes Schicksal. Aber wegen dieser Sache war er mir böse und hat mich seither kaum beachtet. Er glaubt wohl, daß jedermann nach seiner Pfeife tanzen müßte!" Qiang Kaufmann hörte das, nickte und ließ den Plan fallen.
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Die beiden wußten noch nicht, daß Schatzjade, seit er jenem Mönch begegnet war, alle irdischen Bande abzuschneiden wünschte. Obwohl er es in Frau Königs Gegenwart nicht wagte, seinem Willen freien Lauf zu lassen, hatte er sich von Schatzspange, Dufthauch und den anderen bereits innerlich entfernt. Die Dienerinnen wußten das nicht und versuchten, mit ihm zu scherzen, doch Schatzjade beachtete sie gar nicht. Er kümmerte sich auch nicht um die Haushaltsangelegenheiten. Wenn Frau König und Schatzspange ihn zum Lernen anhielten, tat er nur so, als studiere er. In Wahrheit dachte er nur an das Geheimnis jener Traumwelt, zu der ihn der Mönch führen wollte, und alles vor seinen Augen erschien ihm als vulgär und weltlich. Zu Hause war es ihm unerträglich, und in seiner freien Zeit unterhielt er sich nur mit Bedauerfrühling. Wenn die beiden erst ins Gespräch kamen, verstärkte sich jener Sinn in ihnen nur noch mehr, und sie kümmerten sich um Unheil Kaufmann<ref>Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.</ref> und Lan Kaufmann<ref>Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.</ref> nicht im geringsten.
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Unheil Kaufmann seinerseits hatte, da sein Vater nicht zu Hause war und Nebenfrau Zhao<ref>Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.</ref> gestorben war und Frau König sich kaum um ihn kümmerte, sich dem Treiben von Qiang Kaufmann angeschlossen. Farbwölkchen ermahnte ihn zwar häufig, wurde dafür aber von Unheil Kaufmann beschimpft. Yuchuan-er sah, daß Schatzjades Verrücktheit noch schlimmer geworden war, und hatte schon mit ihrer Mutter gesprochen, um zu bitten, den Dienst verlassen zu dürfen.
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So hatten Schatzjade und Unheil Kaufmann, die beiden Brüder, jeder sein eigenes Temperament, und ihr Betragen war so, daß sich niemand mehr um sie kümmerte. Allein Lan Kaufmann folgte seiner Mutter und vertiefte sich mit aller Kraft in seine Studien. Er verfaßte Aufsätze und schickte sie in die Schule, um Herrn Dai Ru zu konsultieren. Da Dai Ru in letzter Zeit alt und krank im Bett lag, mußte Lan Kaufmann allein durchbeißen. Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Herrlichkeit Kaufmann (Herrlichkeit Kaufmann), Vorsteherin des Gartens.</ref> war von Natur aus still und zurückgezogen; außer daß sie Frau König ihre Aufwartung machte und sich mit Schatzspange traf, tat sie keinen Schritt aus dem Haus und achtete nur darauf, daß Lan Kaufmann fleißig lernte. Obwohl im Prunkwille-Anwesen nicht wenige Menschen wohnten, lebte jeder für sich, und niemand wollte für den anderen die Verantwortung übernehmen. Unheil Kaufmann, Qiang Kaufmann und die anderen trieben es immer ärger — sie stahlen, versetzten und verkauften Sachen, und das war noch nicht alles. Unheil Kaufmann ging sogar zu Prostituierten und spielte maßlos um Geld — es gab nichts, was er nicht tat.
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Eines Tages tranken der Schwager Xing und König Ren im äußeren Studienzimmer der Kaufmann-Familie und waren in bester Laune. Sie riefen ein paar Gesellschafterinnen herbei, und so wurde gesungen, getrunken und einander zugetrunken. Qiang Kaufmann sagte: „Was ihr da treibt, ist zu gewöhnlich. Ich möchte ein Trinkspiel vorschlagen." Die anderen sagten: „Einverstanden." Qiang Kaufmann sagte: „Spielen wir ‚Mondzeichen-Becherreigen' <ref>月字流觞, ein Trinkspiel, bei dem jeder in seinem Trinkspruch das Zeichen ‚Mond' 月 verwenden muß</ref>. Ich beginne mit dem Zeichen ‚Mond'. Auf wen es der Reihe nach trifft, der muß trinken und dazu einen ‚Trinkspruch' und einen ‚Trinkschluß' liefern, die dem Spielleiter gehorchen. Wer nicht folgt, wird mit drei großen Bechern bestraft." Alle waren einverstanden.
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Qiang Kaufmann trank einen Becher als Spielleiterbecher und sprach: „‚Laßt die Federschale kreisen und berauscht euch am Mond!' <ref>Zitat aus Li Bais 飞羽觞而醉月</ref>." Er zählte der Reihe nach durch, und es traf Unheil Kaufmann. Qiang Kaufmann sagte: „Der Trinkspruch muß das Zeichen ‚Osmanthus' enthalten." Unheil Kaufmann sprach: „‚Kalter Tau befeuchtet lautlos die Osmanthusblüten' <ref>Vers von Wang Jian 王建: 冷露无声湿桂花</ref>. Und der Trinkschluß?" Qiang Kaufmann sagte: „Sag etwas mit dem Zeichen ‚Duft'." Unheil Kaufmann sagte: „‚Himmelsduft weht von jenseits der Wolken herab' <ref>Vers von Song Zhiwen 宋之问: 天香云外飘</ref>."
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Der Schwager Xing rief: „Langweilig, langweilig! Was verstehst du schon von Schriftzeichen! Du tust nur gebildet. Das ist kein Vergnügen, das ist eine Qual! Hören wir auf damit und spielen Fingerspiel — der Verlierer trinkt, der Verlierer singt, das nennt man ‚Bitterkeit über Bitterkeit'. Wer nicht singen kann, darf auch einen Witz erzählen, Hauptsache, es ist lustig." Alle riefen: „Einverstanden!"
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So begannen sie wild mit dem Fingerspiel. König Ren verlor, trank einen Becher und sang ein Lied. Alle riefen: „Gut!" Dann spielten sie wieder, und eine der Gesellschafterinnen verlor und sang etwas von „Fräulein, Fräulein, wie bezaubernd" <ref>小姐小姐多丰采, Arie aus der „Südlichen" Version des „Westlichen Flügels" 西厢记, mit erotischen Anspielungen</ref>. Dann verlor der Schwager Xing, und die anderen verlangten, er solle singen. Er sagte: „Ich kann nicht singen, ich erzähle lieber einen Witz." Qiang Kaufmann sagte: „Wenn er nicht zum Lachen bringt, gibt es trotzdem eine Strafe."
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Der Schwager Xing trank einen Becher und begann: „Hört alle zu: In einem Dorf gab es einen Tempel des Kaisers Yuan <ref>元帝庙, Tempel des Nordgottes Zhenwu/Xuanwu, unter der Qing-Dynastie „Yuan" genannt, um den Namen des Kangxi-Kaisers zu vermeiden</ref>, und daneben stand ein Schrein des Erdgottes. Der Kaiser Yuan ließ den Erdgott häufig zu sich kommen, um zu plaudern. Eines Tages wurde im Tempel des Kaisers Yuan eingebrochen, und er befahl dem Erdgott, Nachforschungen anzustellen. Der Erdgott meldete: ‚In dieser Gegend gibt es keine Diebe. Es müssen die göttlichen Wächter unachtsam gewesen sein, und ein fremder Dieb hat das Diebesgut gestohlen.' Der Kaiser Yuan rief: ‚Unsinn! Du bist der Erdgott — wenn es einen Einbruch gibt, wen soll ich da fragen, wenn nicht dich? Anstatt den Dieb zu fangen, behauptest du, meine göttlichen Wächter seien nachlässig!' Der Erdgott meldete: ‚Obwohl sie nachlässig waren, liegt es doch vor allem am schlechten Fengshui des Tempels.' Der Kaiser Yuan fragte: ‚Du verstehst wohl auch etwas von Fengshui?' Der Erdgott sagte: ‚Laßt Euer niederes göttliches Wesen einmal schauen.' Der Erdgott blickte sich überall um und meldete dann: ‚Hinter dem Thron Eurer Erhabenheit sind zwei rote Flügeltüren — das ist nicht sicher genug. Hinter meinem niedrigen Sitz ist eine gemauerte Wand, da geht natürlich nichts verloren. Wenn man auch hinter Eurem Thron eine Mauer errichtet, wird es gut sein.' Der Kaiser Yuan fand das einleuchtend und befahl seinen göttlichen Wächtern, eine Mauer zu bauen. Die Wächter seufzten: ‚Heutzutage gibt es nicht einen einzigen Räucherstab als Opfergabe — woher sollen wir Ziegel, Kalk und Arbeiter nehmen, um eine Mauer zu bauen?' Der Kaiser Yuan wußte keinen Rat und ließ die Wächter einen Plan ersinnen, doch keiner hatte eine Idee. Da richtete sich der Schildkrötengeneral zu Füßen des Kaisers Yuan auf und sprach: ‚Ihr seid alle nutzlos. Ich habe eine Idee: Reißt die roten Türen ab, und bei Nacht stellt mich mit meinem Bauch in die Türöffnung — bin ich nicht so gut wie eine Mauer?' Alle Wächter sagten: ‚Vortrefflich! Das kostet nichts und ist bequem und stabil.' So übernahm der Schildkrötengeneral diese Aufgabe, und es war tatsächlich ruhig. Doch nach ein paar Tagen waren im Tempel wieder Sachen verschwunden. Die Wächter ließen den Erdgott kommen und sagten: ‚Du hast gesagt, wenn man eine Mauer baut, geht nichts verloren. Wieso fehlt jetzt trotz der Mauer wieder etwas?' Der Erdgott sagte: ‚Die Mauer ist nicht stabil gebaut.' Die Wächter sagten: ‚Sieh selbst nach.' Der Erdgott schaute hin — tatsächlich sah es aus wie eine tadellose Mauer. Wieso fehlte trotzdem etwas? Er tastete mit der Hand darüber und rief: ‚Ich dachte, es sei eine echte Mauer. Wer hätte gedacht, daß es eine falsche Mauer ist!'" <ref>Das Wortspiel beruht darauf, daß 假墙 „falsche Mauer" klingt wie 贾墙 — „Kaufmann-Mauer", also eine satirische Anspielung auf die Kaufmann-Familie (贾家), die nur nach außen hin stabil erscheint.</ref>
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Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Qiang Kaufmann konnte sich auch kaum halten vor Lachen und sagte: „Dummer Onkel, du bist mir einer! Ich habe dich nicht beschimpft — warum beschimpfst du mich? Her mit dem Becher, ein großer Strafbecher!" Der Schwager Xing trank aus und war schon angetrunken. Alle tranken noch einige Becher und wurden betrunken. Der Schwager Xing schimpfte auf seine Schwester, König Ren schimpfte auf seine Schwester, und beide redeten äußerst giftig. Unheil Kaufmann hörte zu und sagte in seiner Trunkenheit ebenfalls, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.</ref> sei schlecht gewesen — wie sie ihn stets schikaniert und mit Füßen getreten habe. Die anderen sagten: „Ein Mensch sollte schon anständig sein. Seht nur die Phönix-Tante — sie hat sich auf die Herzoginmutter gestützt und war so unerbittlich, und jetzt hat sich das Blatt gewendet. Sie hat nur noch eine einzige Tochter hinterlassen, und die wird wohl die Vergeltung in diesem Leben zu spüren bekommen!" Efeu Kaufmann dachte daran, wie schlecht Phönixglanz ihn behandelt hatte, und erinnerte sich auch, daß Qiao-jie jedesmal weinte, wenn sie ihn sah, und redete ebenfalls drauflos, was ihm gerade in den Sinn kam. Nur Qiang Kaufmann sagte: „Laßt uns trinken — was reden wir über andere Leute?"
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Die beiden Gesellschafterinnen fragten: „Wie alt ist denn dieses Fräulein? Wie sieht sie aus?" Qiang Kaufmann sagte: „Hübsch ist sie, sehr sogar, und sie ist schon dreizehn oder vierzehn." Die Gesellschafterinnen sagten: „Schade um ein solches Kind, daß es in einem solch vornehmen Hause geboren wurde. Wäre sie in einer kleinen Familie geboren, hätten Vater, Mutter und Brüder alle Beamte werden und ein Vermögen machen können!" Die anderen fragten: „Wieso das?" Die Gesellschafterinnen sagten: „Derzeit gibt es einen Fürsten aus den Außengebieten <ref>外藩, nicht-chinesischer Vasallenfürst, vermutlich ein mandschurischer oder mongolischer Prinz</ref>, der äußerst großzügig ist und sich eine Nebenfrau auswählen möchte. Wenn sie ihm gefällt, dürfen Vater, Mutter und Brüder alle mitgehen — wäre das nicht eine feine Sache?" Die meisten beachteten das nicht weiter, nur König Ren horchte innerlich ein wenig auf, und dann tranken sie weiter.
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Da kamen von draußen die jungen Burschen der Familien Lai und Lin herein und sagten: „Ihr Herren amüsiert euch ja prächtig!" Alle standen auf: „Ihr beiden, warum kommt ihr erst jetzt? Wir haben gewartet!" Die beiden sagten: „Heute morgen haben wir ein Gerücht gehört: Es heißt, unsere Familie habe wieder Ärger bekommen. Wir waren beunruhigt und sind sofort nach drinnen gelaufen, um nachzuforschen — aber es geht gar nicht um unsere Familie." Die anderen fragten: „Wenn es nicht unsere ist, warum seid ihr dann nicht gleich hergekommen?" Die beiden sagten: „Auch wenn es nicht unsere Familie ist, hat es doch mit uns zu tun. Wißt ihr, wen es betrifft? Den Herrn Regendorf Kaufmann<ref>Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".</ref>. Als wir heute hineingingen, sahen wir ihn in Ketten — er soll zum Dreier-Gerichtshof <ref>三法司, die drei obersten Justizbehörden der Qing-Dynastie</ref> gebracht und verhört werden! Da wir wissen, daß er häufig bei unserer Familie ein- und ausging, haben wir befürchtet, daß es Verwicklungen geben könnte, und sind ihm nachgegangen, um uns zu erkundigen." Efeu Kaufmann sagte: „Der Älteste hat recht, so etwas muß man nachprüfen. Setzt euch erst mal und trinkt einen Becher, dann erzählt weiter."
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Die beiden ließen sich nach einigem Sträuben nieder, tranken und erzählten: „Dieser Herr Regendorf ist fähig und geschickt im Aufsteigen, sein Amt war nicht gering — nur ist er habgierig gewesen und wurde wegen mehrfacher Erpressung seiner Untergebenen <ref>婪索属员</ref> angeklagt. Unser jetziger Kaiser ist ein äußerst weiser und gnädiger Herrscher. Einzig beim Wort ‚Gier' — wenn jemand das Volk mißhandelt oder sich auf seine Macht gestützt hat, um Anständige zu unterdrücken — , da wird er äußerst zornig, und darum hat er befohlen, ihn festzunehmen und zu verhören. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, wird es ihm schlecht ergehen; wenn sie unbegründet sind, wird es auch dem Ankläger nicht gut gehen. In unserer Zeit hat man es wirklich gut — wenn man Glück hat und ein Amt bekommt, ist es wunderbar." Die anderen sagten: „Euer Bruder hat doch Glück — er ist Kreisvorsteher geworden, ist das nicht schön?" Der Lai-Sproß sagte: „Mein Bruder ist zwar Kreisvorsteher, aber sein Betragen — wer weiß, ob er sich halten kann!" Die anderen fragten: „Greift er auch zu?" Der Lai-Sproß nickte nur und hob seinen Becher zum Trinken.
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Die anderen fragten weiter: „Habt ihr drinnen noch andere Neuigkeiten gehört?" Die beiden sagten: „Sonst nichts, nur daß an der Küste viele Seeräuber gefaßt worden sind und ebenfalls zum Gerichtshof zur Verhandlung gebracht werden. Es sind noch viele weitere Räuber aufgespürt worden — einige hatten sich in der Stadt versteckt, um Nachrichten auszukundschaften, und griffen bei Gelegenheit Häuser an. Jetzt weiß man, daß die Herren am Hofe alle gleichermaßen befähigt in Literatur und Krieg sind. Sie haben sich mit Hingabe eingesetzt, und wo immer sie hinkamen, haben sie die Räuber bereits vernichtet."
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Die anderen fragten: „Ihr habt gehört, daß sich Räuber in der Stadt versteckt hatten — ist denn der Fall des Einbruchs bei uns aufgeklärt worden?" Die beiden sagten: „Davon haben wir nichts gehört. Aber es hieß verschwommen, daß jemand aus dem Landesinneren in der Stadt ein Verbrechen begangen, eine Frau geraubt und aufs Meer verschleppt habe. Die Frau habe sich geweigert und sei von dem Räuber getötet worden. Gerade als der Räuber über die Grenze fliehen wollte, sei er von den kaiserlichen Truppen gefaßt und an Ort und Stelle hingerichtet worden." Die anderen sagten: „Die Wunderjade aus unserem Grünjadekloster — wurde sie nicht entführt? Das könnte doch sie gewesen sein!" Unheil Kaufmann sagte: „Das muß sie gewesen sein!" Die anderen fragten: „Woher weißt du das?" Unheil Kaufmann sagte: „Diese Wunderjade war das widerlichste Geschöpf überhaupt. Die ganze Zeit tat sie übertrieben vornehm, aber sobald sie Schatzjade erblickte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Wenn ich ihr aber begegnete, würdigte sie mich keines einzigen Blickes. Wenn sie es wirklich war — dann geschieht es ihr recht!" Die anderen sagten: „Es sind doch viele Leute entführt worden — wie willst du wissen, daß sie es war?" Efeu Kaufmann sagte: „Es gibt aber ein gewisses Indiz: Neulich erzählte jemand, daß die alte Tempeldienerin aus ihrem Kloster geträumt habe, sie habe Wunderjade sehen können, wie sie von jemandem getötet wurde." Die anderen lachten: „Traumworte zählen nicht."
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Der Schwager Xing sagte: „Ob Traum oder nicht — laßt uns schnell essen! Heute nacht spielen wir um hohe Einsätze." Alle waren einverstanden. Sie aßen und begannen dann, um viel Geld zu spielen.
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Sie spielten bis tief in die dritte Nachtwache <ref>zwischen 23 Uhr und 1 Uhr</ref>, als von drinnen lautes Geschrei zu hören war: „Das Vierte Fräulein hat sich mit der Frau des Erstgeborenen Zhen<ref>Chin. 尤氏 Yóu Shì. Ehefrau von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> gestritten und sich die Haare abgeschnitten! Sie ist zu den Damen Hsing und Wang gelaufen, hat den Kopf auf den Boden geschlagen und fleht, man möge ihr erlauben, Nonne zu werden, und ihr einen Platz zuweisen. Wenn man es ihr nicht erlaubt, wird sie sich hier und jetzt das Leben nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang wissen keinen Rat und bitten den Herrn Qiang und den Herrn Yun herein." Als Efeu Kaufmann das hörte, wußte er, daß sie diesen Entschluß bereits seit jenem Mal gefaßt hatte, als er das Haus hüten mußte. Er dachte, daß man sie wohl nicht umstimmen könne, und beriet sich mit Qiang Kaufmann: „Die gnädigen Frauen rufen uns herein, aber wir können doch nicht darüber entscheiden, und wir sollten es auch nicht. Wir können nur versuchen, sie zu überreden. Wenn das nichts nutzt, müssen wir sie eben gewähren lassen. Schreiben wir einen Brief an den Zweiten Onkel Kette — damit ist unsere Verantwortung abgegeben."
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Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, gingen sie hinein, sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor und versuchten zum Schein, Bedauerfrühling zu überreden. Doch Bedauerfrühling bestand fest darauf, ins Kloster einzutreten. Wenn man sie nicht hinauslasse, bitte sie nur um ein oder zwei ruhige Zimmer, um darin Sutren zu rezitieren und Buddha anzubeten. Dame Sonders sah, daß die beiden die Verantwortung nicht übernehmen wollten, und da sie fürchtete, Bedauerfrühling könne sich das Leben nehmen, traf sie selbst entschlossen eine Entscheidung und sagte: „Dann nehme ich das lieber auf mich. Man soll sagen, ich als Schwägerin habe die Schwägerin nicht geduldet und sie ins Kloster getrieben — damit ist es dann abgetan. Nach draußen gehen lassen — das kommt auf keinen Fall in Frage. Wenn sie aber hier im Hause bleibt, und da die gnädigen Frauen alle hier sind — rechnet es mir an. Laßt den Herrn Qiang einen Brief an Euren Herrn Bruder Zhen<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.</ref> und den Zweiten Onkel Kette schreiben, das genügt." Qiang Kaufmann und die anderen antworteten zustimmend.
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Ob die Damen Hsing und Wang dem zustimmten oder nicht, wird im nächsten Kapitel berichtet.
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<small>Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.</small>
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Latest revision as of 19:36, 28 April 2026

Kapitel 117

Zwei vortreffliche Frauen schützen den Jadestein und hindern den Weg zur Überwelt, Üble Söhne schließen sich fröhlich zusammen und übernehmen allein das Haus

Frau König[1] hatte jemanden geschickt, um Schatzspange zu sich zu rufen und die Angelegenheit zu besprechen. Als Schatzjade hörte, daß draußen ein Mönch stehe, eilte er allein nach vorne und rief laut durcheinander: „Wo ist mein Meister?" Er rief eine ganze Weile, doch nirgends war ein Mönch zu sehen. So ging er hinaus vor das Tor und sah, daß Li Gui den Mönch aufhielt und nicht hereinließ. Schatzjade sprach: „Die gnädige Frau hat mich gebeten, den Meister hereinzubitten." Als Li Gui das hörte, ließ er los, und der Mönch kam wackelnd und schwankend herein.

Schatzjade sah, daß die Gestalt des Mönchs genau der glich, die er während seines Todeszustandes erblickt hatte, und in seinem Herzen war ihm bereits vieles klar. Er trat vor, verneigte sich und rief: „Meister! Euer Schüler hat Euch zu spät empfangen." Der Mönch sagte: „Ich brauche euren Empfang nicht, gebt mir nur das Silber, dann gehe ich." Schatzjade hörte das und fand, dies klinge nicht nach den Worten eines erleuchteten Mannes. Er betrachtete seinen Kopf voller Grindgeschwüre und seinen schmutzigen, zerlumpten Körper und dachte bei sich: „Seit alters heißt es: ‚Der wahre Meister zeigt nicht sein wahres Gesicht, und wer sein Gesicht zeigt, ist kein wahrer Meister.' Man darf diese Gelegenheit nicht versäumen. Ich will ihm das Danksilber zusagen und dabei seine Absichten ergründen." So sprach er: „Meister, bitte habt keine Eile. Meine Mutter kümmert sich bereits darum. Bitte setzt Euch und wartet einen Augenblick. Euer Schüler möchte fragen: Kommt Ihr etwa aus dem Illusorischen Land der Großen Leere [2]?" Der Mönch erwiderte: „Was für ein illusorisches Land! Es ist nichts weiter als: Man kommt, woher man kommt, und geht, wohin man geht. Ich bin gekommen, um Euch Euren Jadestein zurückzubringen. Aber laßt mich Euch fragen: Woher stammt dieser Stein?" Schatzjade konnte einen Augenblick nicht antworten. Der Mönch lachte: „Ihr kennt nicht einmal Euren eigenen Ursprung und wollt mich befragen!" Schatzjade war von Natur aus klug und scharfsinnig, und nach der Erleuchtung hatte er die Staubwelt [3] bereits durchschaut — nur sein eigener tiefster Grund war ihm noch unbekannt. Als er den Mönch nun nach dem Jadestein fragen hörte, war es, als träfe ihn ein Schlag auf den Kopf [4]. Er sagte: „Ihr braucht kein Silber, ich gebe Euch den Jadestein zurück." Der Mönch lachte: „Es ist auch an der Zeit, ihn mir zurückzugeben."

Schatzjade antwortete nicht weiter, sondern rannte hinein. Er lief in seinen eigenen Hof und sah, daß Schatzspange, Dufthauch[5] und die anderen alle zu Frau König gegangen waren. Eilig griff er den Jadestein von seinem Bett und lief hinaus. Geradewegs stieß er auf Dufthauch und prallte frontal mit ihr zusammen, was sie zu Tode erschreckte. Sie sagte: „Die gnädige Frau hat gesagt, du sollst bei dem Mönch sitzen bleiben und ihm Gesellschaft leisten. Die gnädige Frau bereitet gerade etwas Silber vor. Was kommst du denn zurück?" Schatzjade sagte: „Geh schnell und richte der gnädigen Frau aus, sie braucht kein Silber zu beschaffen. Ich gebe ihm einfach den Jadestein zurück, dann ist alles erledigt." Als Dufthauch das hörte, packte sie Schatzjade eilig und hielt ihn fest: „Das geht auf keinen Fall! Der Jadestein ist dein Leben! Wenn er ihn mitnimmt, wirst du wieder krank!" Schatzjade sagte: „Von nun an werde ich nie mehr krank. Ich habe jetzt ein Herz — wozu brauche ich den Jadestein?" Er riß sich von Dufthauch los und wollte gehen. Dufthauch rannte ihm nach und schrie: „Komm zurück! Ich muß dir etwas sagen!" Schatzjade drehte sich um: „Es gibt nichts mehr zu sagen." Dufthauch kümmerte sich um nichts mehr, rannte ihm nach und schrie: „Beim letzten Mal, als der Jadestein verlorenging, hat es mich beinahe das Leben gekostet! Kaum ist er wieder da, und er soll ihn mitnehmen — du kannst nicht leben, und ich kann auch nicht leben! Wenn du ihn zurückgeben willst, nur über meine Leiche!" Dabei holte sie ihn ein und packte ihn fest. Schatzjade wurde wütend: „Ob du stirbst oder nicht, ich gebe ihn zurück!" Mit aller Kraft stieß er Dufthauch weg und wollte davoneilen. Doch Dufthauch hatte beide Hände um Schatzjades Gürtel geschlungen und ließ nicht los, weinte und schrie und setzte sich auf den Boden.

Die Dienerinnen drinnen hörten den Lärm und kamen eilig herbeigelaufen. Sie sahen, daß es den beiden gar nicht gut ging. Sie hörten Dufthauch weinen: „Schnell, sagt der gnädigen Frau Bescheid! Der Zweite Herr will den Jadestein dem Mönch zurückgeben!" Eine Dienerin rannte sofort los, um Frau König zu benachrichtigen. Schatzjade wurde noch wütender und versuchte, Dufthauchs Hände aufzubrechen. Zum Glück hielt Dufthauch trotz der Schmerzen fest. Purpurkuckuck[6] hörte in ihrem Zimmer, daß Schatzjade den Jadestein weggeben wollte, und war noch aufgeregter als alle anderen. Sie vergaß ihren Vorsatz, Schatzjade in letzter Zeit kühl zu begegnen, vollkommen, rannte heraus und half, Schatzjade festzuhalten. Obwohl Schatzjade ein Mann war und sich mit aller Kraft wehrte, hielten die beiden ihn mit verzweifelter Kraft fest, und er konnte sich nicht befreien. Er seufzte: „Wegen eines einzigen Steins haltet ihr mich so verzweifelt fest. Wenn ich eines Tages allein fortginge — was würdet ihr dann tun?" Als Dufthauch und Purpurkuckuck diese Worte hörten, brachen sie in lautes Schluchzen aus.

Gerade als die Lage unentwirrbar war, kamen Frau König und Schatzspange in aller Eile herbei. Als sie die Szene sahen, rief Frau König unter Tränen: „Schatzjade, bist du wieder wahnsinnig geworden?" Schatzjade wußte, daß er sich nun, da Frau König gekommen war, nicht mehr losreißen konnte. Er mußte wohl oder übel lächeln und sagte: „Was soll denn das! Warum macht sich die gnädige Frau schon wieder Sorgen! Die sind immer so aufgeregt über nichts. Ich sage Euch: Dieser Mönch hat kein Einsehen, er verlangt unbedingt zehntausend Silbertael, keinen weniger. Ich war wütend und bin hereingekommen, um den Jadestein zu holen und ihm zurückzugeben — ich wollte sagen, es sei ein falscher Stein, wozu bräuchte man ihn? Wenn er sieht, daß wir keinen Wert auf den Stein legen, dann geben wir ihm einfach ein bißchen Geld, und die Sache ist erledigt." Frau König sagte: „Ich dachte schon, du wolltest ihn wirklich zurückgeben — na gut, das mag angehen. Aber warum hast du es ihnen nicht erklärt? Sie weinen und schreien — wie sieht denn das aus?" Schatzspange sagte: „Wenn es so gemeint ist, mag es hingehen. Aber wenn er den Jadestein wirklich dem Mönch geben wollte — dieser Mönch ist recht seltsam, und wenn man ihm den Stein gibt und es dann im Haus wieder keine Ruhe gibt, wäre das nicht ein Desaster? Was das Geld betrifft — selbst wenn ich meinen Kopfschmuck versetze, reicht es immer noch." Frau König hörte das und sagte: „Nun gut, dann machen wir es eben so."

Schatzjade antwortete nicht. Da trat Schatzspange vor, nahm ihm den Jadestein aus der Hand und sagte: „Du brauchst nicht hinauszugehen, ich gebe ihm zusammen mit der gnädigen Frau Geld." Schatzjade sagte: „Es ist auch recht, den Jadestein nicht zurückzugeben, aber ich muß ihn noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen." Dufthauch und die anderen wollten ihn immer noch nicht loslassen. Schließlich entschied Schatzspange mit klarem Kopf: „Laßt ihn los, er soll gehen." Dufthauch mußte ihn loslassen. Schatzjade lachte: „Ihr Leute schätzt den Jadestein höher als den Menschen! Jetzt, da ihr mich losgelassen habt — wenn ich ihm einfach folge und davongehe, dann seht doch zu, wie ihr mit dem Stein allein zurechtkommt!" Dufthauch wurde wieder ängstlich und wollte ihn abermals festhalten, doch in Gegenwart von Frau König und Schatzspange wagte sie nicht, sich zu auffällig zu benehmen. Da riß sich Schatzjade auch schon los und ging. Dufthauch rief schnell einer kleinen Dienerin zu, sie solle am Dritten Tor Beiming und die anderen Burschen benachrichtigen: „Sagt den Leuten draußen, sie sollen auf den Zweiten Herrn aufpassen, er ist etwas verrückt geworden." Die kleine Dienerin antwortete und ging hinaus.

Frau König, Schatzspange und die anderen kamen herein und setzten sich. Sie fragten Dufthauch nach den Einzelheiten, und Dufthauch erzählte Schatzjades Worte ausführlich. Frau König und Schatzspange waren sehr beunruhigt und schickten noch jemanden hinaus, um die Diener anzuweisen, aufzupassen und zu hören, was der Mönch sagte. Bald darauf brachte eine kleine Dienerin eine Nachricht herein und berichtete Frau König: „Der Zweite Herr ist wirklich etwas verrückt. Die Burschen draußen sagen: Drinnen hat man ihm den Jadestein nicht gegeben, also konnte er nichts machen. Jetzt aber, da er selbst draußen ist, bittet er den Mönch, ihn mitzunehmen." Als Frau König das hörte, rief sie: „Das darf nicht sein! Was sagt denn der Mönch?" Die kleine Dienerin erwiderte: „Der Mönch sagt, er will den Jadestein, nicht den Menschen." Schatzspange fragte: „Will er also kein Silber mehr?" Die kleine Dienerin sagte: „Davon habe ich nichts gehört. Danach redeten der Mönch und der Zweite Herr zusammen und lachten und sprachen viele Worte, die die Burschen draußen nicht richtig verstanden." Frau König sagte: „Dummköpfe! Wenn sie es nicht verstehen, können sie es doch wenigstens nachsprechen!" Und sie wies die kleine Dienerin an: „Ruf mir den Burschen herein."

Die kleine Dienerin rannte hinaus und rief den Burschen herein, der im Korridor stand und durch das Fenster hindurch seinen Gruß entbot. Frau König fragte: „Ihr versteht die Worte des Mönchs und des Zweiten Herrn nicht — aber könnt ihr sie nicht wenigstens wiedergeben?" Der Bursche antwortete: „Wir haben nur gehört, daß sie etwas von einem ‚Großen Ödberg' sagten, etwas von einem ‚Grünkamm-Gipfel', und dann etwas von einem ‚Land der Großen Leere' und davon, ‚alle irdischen Bande abzuschneiden'." Frau König verstand auch nichts davon. Schatzspange aber erschrak, als sie das hörte, dermaßen, daß sie die Augen aufriß und kein einziges Wort herausbrachte.

Man wollte gerade jemanden hinausschicken, um Schatzjade hereinzuholen, da kam er schon lächelnd herein und sagte: „Gut, gut, alles ist gut!" Schatzspange stand immer noch wie erstarrt. Frau König sagte: „Was redest du Verrücktes daher?" Schatzjade sagte: „Ich sage lauter vernünftige Dinge, und Ihr nennt mich verrückt! Diesen Mönch kenne ich von früher. Er wollte mich nur einmal sehen; er hat nie wirklich Silber verlangt. Es ging ihm nur darum, eine gute Verbindung zu stiften. So habe ich es ihm erklärt, und er ist von selbst davongeschwebt. Ist das nicht wunderbar?"

Frau König glaubte ihm nicht und fragte noch einmal durch das Fenster den Burschen. Der Bursche rannte hinaus, erkundigte sich bei den Männern am Tor und kam zurück: „Der Mönch ist tatsächlich gegangen. Er sagte: ‚Bittet die gnädigen Frauen, sich keine Sorgen zu machen, ich wollte nie Silber. Der Zweite Herr soll nur von Zeit zu Zeit einmal zu mir kommen, das genügt. In allen Dingen folge man dem Schicksal, es gibt für alles eine bestimmte Ordnung.'"

Frau König sagte: „Also war es doch ein guter Mönch. Habt ihr ihn gefragt, wo er wohnt?" Der Bursche sagte: „Die am Tor sagen, er habe es erwähnt — unser Zweiter Herr wisse Bescheid." Frau König fragte daraufhin Schatzjade: „Wo wohnt er denn nun?" Schatzjade lachte: „Dieser Ort — sagt man ‚fern', so ist er fern; sagt man ‚nah', so ist er nah." Schatzspange ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Wach doch auf! Hör auf, dich in solchen Dingen zu verlieren! Der Herr Vater hat eigens angeordnet, daß du dich um die Beamtenlaufbahn und deinen Aufstieg bemühst!" Schatzjade sagte: „Spreche ich etwa nicht von der Beamtenlaufbahn? Ihr kennt doch das Sprichwort: ‚Tritt ein Sohn in die Hauslosigkeit ein, steigen sieben Ahnen in den Himmel auf' [7]?"

Als Frau König das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie sagte: „Was für ein Schicksal hat unser Haus! Das Vierte Mädchen redet die ganze Zeit davon, ins Kloster einzutreten, und jetzt kommt auch noch einer dazu! Wozu soll ich solche Tage noch durchleben?" Dabei brach sie in lautes Weinen aus. Schatzspange sah Frau Königs Kummer und trat vor, um sie inständig zu trösten. Schatzjade lachte: „Ich habe doch nur einen Scherz gemacht, und die gnädige Frau nimmt es gleich ernst!" Frau König hielt inne mit Weinen und sagte: „Sind denn solche Worte etwa zum Scherzen?"

Während sie noch so stritten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Der Zweite Herr Kette[8] ist zurückgekommen. Er sieht ganz verändert aus und bittet die gnädige Frau, hinüberzukommen, um mit ihm zu sprechen." Frau König erschrak abermals und sagte: „Dann laßt ihn eben hereinkommen. Die junge Schwägerin ist doch eine alte Vertraute, er braucht sich nicht fernzuhalten." Kette Kaufmann kam herein, begrüßte Frau König und verneigte sich vor ihr. Schatzspange trat ihm entgegen und erkundigte sich ebenfalls nach seinem Befinden. Kette Kaufmann sagte: „Eben habe ich einen Brief meines Vaters erhalten. Er schreibt, er sei sehr schwer erkrankt und ich solle sofort kommen — wenn ich zu spät komme, könnte es sein, daß wir uns nicht mehr sehen." Bei diesen Worten rollten ihm die Tränen herunter. Frau König fragte: „Was steht in dem Brief über seine Krankheit?" Kette Kaufmann sagte: „Er schreibt, es habe als Erkältung begonnen und sich nun zu einer Schwindsucht ausgewachsen. Sein Zustand ist jetzt kritisch. Er hat eigens einen Boten Tag und Nacht hergeschickt, und wenn ich mich noch ein oder zwei Tage verzögere, könne ich ihn nicht mehr lebend antreffen. Darum bin ich gekommen, um der gnädigen Frau zu berichten: Euer Neffe muß sofort aufbrechen. Nur ist zu Hause niemand, der sich um alles kümmert. Qiang-er und Yun-er sind zwar etwas unbesonnen, aber immerhin Männer — wenn draußen etwas anfällt, können sie zumindest Bescheid geben. Bei mir zu Hause gibt es nicht viel zu tun. Herbstzither[9] hat jeden Tag geweint und geschrien und wollte nicht hier bleiben, darum habe ich ihre Leute kommen lassen und sie mitgenommen — das erspart Friedchen[10] eine Menge Ärger. Was Qiao-jie[11] betrifft, so hat sie zwar niemanden, der auf sie achtet, aber zum Glück ist Friedchens Herz nicht schlecht. Die Kleine ist auch verständig, nur ist sie von Charakter her noch eigensinniger als ihre Mutter. Ich bitte die gnädige Frau, hin und wieder nach ihr zu sehen." Bei diesen Worten wurden seine Augenränder rot, und er zog hastig das kleine Seidentuch herunter, an dem sein Betelnußbeutel am Gürtel hing, und wischte sich die Augen.

Frau König sagte: „Ihre eigene Großmutter ist doch da — warum mich darum bitten?" Kette Kaufmann sagte leise: „Wenn die gnädige Frau so spricht, dann hätte Euer Neffe längst totgeschlagen werden müssen. Es gibt nichts zu sagen — ich bitte die gnädige Frau nur, weiterhin Güte für Euren Neffen zu zeigen." Dabei kniete er schon nieder. Auch Frau Königs Augenränder röteten sich. Sie sagte: „Steh schnell auf! Wir sind doch wie Mutter und Kind, was soll das! Nur eines: Das Kind ist schon groß. Sollte deinem Vater etwas zustoßen und du dort festgehalten werden — wenn jemand kommt, der eine standesgemäße Partie für sie anbietet, sollen wir dann auf dich warten, oder soll deine Schwiegermutter [12] entscheiden?" Kette Kaufmann sagte: „Solange die gnädigen Frauen zu Hause sind, sollen natürlich die gnädigen Frauen entscheiden. Auf mich braucht Ihr nicht zu warten." Frau König sagte: „Wenn du aufbrichst, dann schreib eine Mitteilung und schick dem Zweiten Herrn Aufrecht[13] eine Nachricht. Sag ihm, daß zu Hause niemand mehr ist, daß der Zustand deines Vaters ungewiß ist, und bitte ihn, die Angelegenheiten der Herzoginmutter[14] rasch abzuschließen und schnell zurückzukehren."

Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und wollte schon gehen, kehrte aber nochmals um und sagte: „Was unsere Dienerschaft betrifft, so sind genügend Leute im Haus. Nur im Garten [15] ist niemand mehr, es ist viel zu leer. Bao Yong[16] ist mit seinem Herrn fortgegangen. Was das Haus der Tante Schnee betrifft, so ist der Zweite Herr Schnee bereits in sein eigenes Haus umgezogen. Im Garten stehen alle Häuser leer, es gibt überhaupt keine Aufsicht. Die gnädige Frau sollte jemanden beauftragen, regelmäßig nachzusehen. Was das Grünjadekloster betrifft — das steht ja auf unserem eigenen Grundstück, und jetzt weiß niemand, wohin Wunderjade[17] gegangen ist. Die Nonnen, die zu ihr gehören, wagen nicht, selbst zu entscheiden, und bitten darum, daß jemand aus unserer Familie sich darum kümmert." Frau König sagte: „Wir können nicht einmal unsere eigenen Angelegenheiten ordnen, wie sollen wir uns da noch um äußere Dinge kümmern? Und dieses Wort darf Bedauerfrühling[18] auf keinen Fall zu Ohren kommen! Wenn sie das erfährt, wird sie wieder auf den Gedanken kommen, ins Kloster zu gehen. Bedenke doch, was für eine Familie wir sind! Daß ein Fräulein aus gutem Hause ins Kloster geht — das wäre ja unerhört!"

Kette Kaufmann sagte: „Wenn die gnädige Frau es schon anspricht, so wage ich es kaum zu sagen. Die Vierte Schwester gehört eigentlich zum Ostanwesen [19]. Sie hat keine Eltern mehr, ihr leiblicher Bruder ist in der Ferne, und ihre Schwägerin hat bei ihr nicht viel zu sagen. Euer Neffe hat gehört, daß sie schon mehrfach versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn ihr Herz nun einmal so entschlossen ist und man sie mit Gewalt daran hindert, könnte sie es am Ende wirklich tun — und das wäre schlimmer als der Eintritt in ein Kloster." Frau König hörte das und nickte: „Diese Sache ist wirklich zu schwer für mich. Ich kann auch nicht allein entscheiden. Laßt es ihre Schwägerin regeln."

Kette Kaufmann sprach noch einige Worte und ging dann hinaus. Er rief die Diener zusammen und erteilte seine Anweisungen; er schrieb einen Brief und packte sein Reisegepäck. Friedchen und die anderen ermahnten ihn eindringlich. Nur Qiao-jie war untröstlich traurig. Kette Kaufmann wollte noch König Ren[20] bitten, ein Auge auf die Dinge zu haben, doch Qiao-jie wollte das nicht. Als sie hörte, daß draußen Yun und Qiang mit der Aufsicht betraut worden waren, wurde ihr noch unbehaglicher zumute, doch sie konnte nichts sagen. Sie verabschiedete ihren Vater und lebte von da an vorsichtig und bescheiden unter Friedchens Fürsorge. Feng-er und Xiaohong hatten nach Phönixglanz' Tod die eine Urlaub genommen, die andere sich krank gemeldet. Friedchen überlegte, ein Mädchen aus der Verwandtschaft herzuholen — zum einen als Gesellschaft für Qiao-jie, zum anderen als Hilfe, um auf sie achtzugeben. Sie ging alle Möglichkeiten durch, doch niemand war geeignet. Nur Xi Luan und Si-jie-er waren Mädchen gewesen, die die Herzoginmutter einst besonders ins Herz geschlossen hatte. Doch Si-jie-er war erst kürzlich verheiratet worden, und Xi Luan war ebenfalls schon verlobt und stand kurz vor der Hochzeit. So mußte Friedchen es sein lassen.

Nun wollen wir von Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann berichten. Nachdem sie Kette Kaufmann verabschiedet hatten, gingen sie hinein und sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor. Die beiden wechselten sich ab und übernachteten im äußeren Studienzimmer. Tagsüber trieben sie sich mit den Dienern herum, mal luden sie ein paar Freunde zu einem „Wagenrad-Essen" [21] ein, und es kam sogar so weit, daß sie zusammen um Geld spielten. Im Inneren des Hauses wußte niemand davon. Eines Tages kamen der Schwager Xing und König Ren vorbei, sahen, daß Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann hier wohnten und es lustig zuging, und kamen unter dem Vorwand, nach dem Rechten zu sehen, regelmäßig ins äußere Studienzimmer, um dort Trinkgelage zu veranstalten und um Geld zu spielen. Was die ordentlichen Diener betraf: Aufrecht Kaufmann hatte einige mitgenommen, Kette Kaufmann ebenfalls, und es waren nur noch die Söhne und Neffen der Familien Lai und Lin übrig. Diese jungen Burschen verließen sich auf den Verdienst ihrer Eltern, waren es gewohnt zu essen und zu trinken, und verstanden nichts von der Führung eines Haushalts. Da zudem ihre Älteren alle nicht zu Hause waren, waren sie wie Pferde ohne Zaum. Zwei Herren aus den Nebenlinien feuerten sie noch an — da machten alle nur zu bereitwillig mit. So wurde das Prunkwille-Anwesen [22] derart auf den Kopf gestellt, daß es weder oben noch unten gab, weder innen noch außen.

Qiang Kaufmann dachte noch daran, Schatzjade in das Treiben hineinzuziehen, doch Efeu Kaufmann hielt ihn zurück: „Der Zweite Herr Schatzjade ist ein Mensch ohne Glück, laß ihn in Ruhe. Damals habe ich für ihn eine absolut wunderbare Partie vorgeschlagen: Der Vater war auswärts als Steuereintreiber, die Familie betrieb mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen war schöner als eine Himmelsfee. Ich schrieb ihm einen sorgfältig abgefaßten Brief — aber er hatte kein Glück." An dieser Stelle schaute er sich um, ob auch niemand zuhörte, und fuhr fort: „Sein Herz hing schon lange an unserer Zweiten Tante [23]. Hast du nicht gehört, daß da auch noch ein Fräulein Lin [24] war, die sich vor lauter Liebeskummer zu Tode grämte? Wer wüßte das nicht? Nun gut, jeder hat sein eigenes Schicksal. Aber wegen dieser Sache war er mir böse und hat mich seither kaum beachtet. Er glaubt wohl, daß jedermann nach seiner Pfeife tanzen müßte!" Qiang Kaufmann hörte das, nickte und ließ den Plan fallen.

Die beiden wußten noch nicht, daß Schatzjade, seit er jenem Mönch begegnet war, alle irdischen Bande abzuschneiden wünschte. Obwohl er es in Frau Königs Gegenwart nicht wagte, seinem Willen freien Lauf zu lassen, hatte er sich von Schatzspange, Dufthauch und den anderen bereits innerlich entfernt. Die Dienerinnen wußten das nicht und versuchten, mit ihm zu scherzen, doch Schatzjade beachtete sie gar nicht. Er kümmerte sich auch nicht um die Haushaltsangelegenheiten. Wenn Frau König und Schatzspange ihn zum Lernen anhielten, tat er nur so, als studiere er. In Wahrheit dachte er nur an das Geheimnis jener Traumwelt, zu der ihn der Mönch führen wollte, und alles vor seinen Augen erschien ihm als vulgär und weltlich. Zu Hause war es ihm unerträglich, und in seiner freien Zeit unterhielt er sich nur mit Bedauerfrühling. Wenn die beiden erst ins Gespräch kamen, verstärkte sich jener Sinn in ihnen nur noch mehr, und sie kümmerten sich um Unheil Kaufmann[25] und Lan Kaufmann[26] nicht im geringsten.

Unheil Kaufmann seinerseits hatte, da sein Vater nicht zu Hause war und Nebenfrau Zhao[27] gestorben war und Frau König sich kaum um ihn kümmerte, sich dem Treiben von Qiang Kaufmann angeschlossen. Farbwölkchen ermahnte ihn zwar häufig, wurde dafür aber von Unheil Kaufmann beschimpft. Yuchuan-er sah, daß Schatzjades Verrücktheit noch schlimmer geworden war, und hatte schon mit ihrer Mutter gesprochen, um zu bitten, den Dienst verlassen zu dürfen.

So hatten Schatzjade und Unheil Kaufmann, die beiden Brüder, jeder sein eigenes Temperament, und ihr Betragen war so, daß sich niemand mehr um sie kümmerte. Allein Lan Kaufmann folgte seiner Mutter und vertiefte sich mit aller Kraft in seine Studien. Er verfaßte Aufsätze und schickte sie in die Schule, um Herrn Dai Ru zu konsultieren. Da Dai Ru in letzter Zeit alt und krank im Bett lag, mußte Lan Kaufmann allein durchbeißen. Seidenweiß Pflaume[28] war von Natur aus still und zurückgezogen; außer daß sie Frau König ihre Aufwartung machte und sich mit Schatzspange traf, tat sie keinen Schritt aus dem Haus und achtete nur darauf, daß Lan Kaufmann fleißig lernte. Obwohl im Prunkwille-Anwesen nicht wenige Menschen wohnten, lebte jeder für sich, und niemand wollte für den anderen die Verantwortung übernehmen. Unheil Kaufmann, Qiang Kaufmann und die anderen trieben es immer ärger — sie stahlen, versetzten und verkauften Sachen, und das war noch nicht alles. Unheil Kaufmann ging sogar zu Prostituierten und spielte maßlos um Geld — es gab nichts, was er nicht tat.

Eines Tages tranken der Schwager Xing und König Ren im äußeren Studienzimmer der Kaufmann-Familie und waren in bester Laune. Sie riefen ein paar Gesellschafterinnen herbei, und so wurde gesungen, getrunken und einander zugetrunken. Qiang Kaufmann sagte: „Was ihr da treibt, ist zu gewöhnlich. Ich möchte ein Trinkspiel vorschlagen." Die anderen sagten: „Einverstanden." Qiang Kaufmann sagte: „Spielen wir ‚Mondzeichen-Becherreigen' [29]. Ich beginne mit dem Zeichen ‚Mond'. Auf wen es der Reihe nach trifft, der muß trinken und dazu einen ‚Trinkspruch' und einen ‚Trinkschluß' liefern, die dem Spielleiter gehorchen. Wer nicht folgt, wird mit drei großen Bechern bestraft." Alle waren einverstanden.

Qiang Kaufmann trank einen Becher als Spielleiterbecher und sprach: „‚Laßt die Federschale kreisen und berauscht euch am Mond!' [30]." Er zählte der Reihe nach durch, und es traf Unheil Kaufmann. Qiang Kaufmann sagte: „Der Trinkspruch muß das Zeichen ‚Osmanthus' enthalten." Unheil Kaufmann sprach: „‚Kalter Tau befeuchtet lautlos die Osmanthusblüten' [31]. Und der Trinkschluß?" Qiang Kaufmann sagte: „Sag etwas mit dem Zeichen ‚Duft'." Unheil Kaufmann sagte: „‚Himmelsduft weht von jenseits der Wolken herab' [32]."

Der Schwager Xing rief: „Langweilig, langweilig! Was verstehst du schon von Schriftzeichen! Du tust nur gebildet. Das ist kein Vergnügen, das ist eine Qual! Hören wir auf damit und spielen Fingerspiel — der Verlierer trinkt, der Verlierer singt, das nennt man ‚Bitterkeit über Bitterkeit'. Wer nicht singen kann, darf auch einen Witz erzählen, Hauptsache, es ist lustig." Alle riefen: „Einverstanden!"

So begannen sie wild mit dem Fingerspiel. König Ren verlor, trank einen Becher und sang ein Lied. Alle riefen: „Gut!" Dann spielten sie wieder, und eine der Gesellschafterinnen verlor und sang etwas von „Fräulein, Fräulein, wie bezaubernd" [33]. Dann verlor der Schwager Xing, und die anderen verlangten, er solle singen. Er sagte: „Ich kann nicht singen, ich erzähle lieber einen Witz." Qiang Kaufmann sagte: „Wenn er nicht zum Lachen bringt, gibt es trotzdem eine Strafe."

Der Schwager Xing trank einen Becher und begann: „Hört alle zu: In einem Dorf gab es einen Tempel des Kaisers Yuan [34], und daneben stand ein Schrein des Erdgottes. Der Kaiser Yuan ließ den Erdgott häufig zu sich kommen, um zu plaudern. Eines Tages wurde im Tempel des Kaisers Yuan eingebrochen, und er befahl dem Erdgott, Nachforschungen anzustellen. Der Erdgott meldete: ‚In dieser Gegend gibt es keine Diebe. Es müssen die göttlichen Wächter unachtsam gewesen sein, und ein fremder Dieb hat das Diebesgut gestohlen.' Der Kaiser Yuan rief: ‚Unsinn! Du bist der Erdgott — wenn es einen Einbruch gibt, wen soll ich da fragen, wenn nicht dich? Anstatt den Dieb zu fangen, behauptest du, meine göttlichen Wächter seien nachlässig!' Der Erdgott meldete: ‚Obwohl sie nachlässig waren, liegt es doch vor allem am schlechten Fengshui des Tempels.' Der Kaiser Yuan fragte: ‚Du verstehst wohl auch etwas von Fengshui?' Der Erdgott sagte: ‚Laßt Euer niederes göttliches Wesen einmal schauen.' Der Erdgott blickte sich überall um und meldete dann: ‚Hinter dem Thron Eurer Erhabenheit sind zwei rote Flügeltüren — das ist nicht sicher genug. Hinter meinem niedrigen Sitz ist eine gemauerte Wand, da geht natürlich nichts verloren. Wenn man auch hinter Eurem Thron eine Mauer errichtet, wird es gut sein.' Der Kaiser Yuan fand das einleuchtend und befahl seinen göttlichen Wächtern, eine Mauer zu bauen. Die Wächter seufzten: ‚Heutzutage gibt es nicht einen einzigen Räucherstab als Opfergabe — woher sollen wir Ziegel, Kalk und Arbeiter nehmen, um eine Mauer zu bauen?' Der Kaiser Yuan wußte keinen Rat und ließ die Wächter einen Plan ersinnen, doch keiner hatte eine Idee. Da richtete sich der Schildkrötengeneral zu Füßen des Kaisers Yuan auf und sprach: ‚Ihr seid alle nutzlos. Ich habe eine Idee: Reißt die roten Türen ab, und bei Nacht stellt mich mit meinem Bauch in die Türöffnung — bin ich nicht so gut wie eine Mauer?' Alle Wächter sagten: ‚Vortrefflich! Das kostet nichts und ist bequem und stabil.' So übernahm der Schildkrötengeneral diese Aufgabe, und es war tatsächlich ruhig. Doch nach ein paar Tagen waren im Tempel wieder Sachen verschwunden. Die Wächter ließen den Erdgott kommen und sagten: ‚Du hast gesagt, wenn man eine Mauer baut, geht nichts verloren. Wieso fehlt jetzt trotz der Mauer wieder etwas?' Der Erdgott sagte: ‚Die Mauer ist nicht stabil gebaut.' Die Wächter sagten: ‚Sieh selbst nach.' Der Erdgott schaute hin — tatsächlich sah es aus wie eine tadellose Mauer. Wieso fehlte trotzdem etwas? Er tastete mit der Hand darüber und rief: ‚Ich dachte, es sei eine echte Mauer. Wer hätte gedacht, daß es eine falsche Mauer ist!'" [35]

Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Qiang Kaufmann konnte sich auch kaum halten vor Lachen und sagte: „Dummer Onkel, du bist mir einer! Ich habe dich nicht beschimpft — warum beschimpfst du mich? Her mit dem Becher, ein großer Strafbecher!" Der Schwager Xing trank aus und war schon angetrunken. Alle tranken noch einige Becher und wurden betrunken. Der Schwager Xing schimpfte auf seine Schwester, König Ren schimpfte auf seine Schwester, und beide redeten äußerst giftig. Unheil Kaufmann hörte zu und sagte in seiner Trunkenheit ebenfalls, Phönixglanz[36] sei schlecht gewesen — wie sie ihn stets schikaniert und mit Füßen getreten habe. Die anderen sagten: „Ein Mensch sollte schon anständig sein. Seht nur die Phönix-Tante — sie hat sich auf die Herzoginmutter gestützt und war so unerbittlich, und jetzt hat sich das Blatt gewendet. Sie hat nur noch eine einzige Tochter hinterlassen, und die wird wohl die Vergeltung in diesem Leben zu spüren bekommen!" Efeu Kaufmann dachte daran, wie schlecht Phönixglanz ihn behandelt hatte, und erinnerte sich auch, daß Qiao-jie jedesmal weinte, wenn sie ihn sah, und redete ebenfalls drauflos, was ihm gerade in den Sinn kam. Nur Qiang Kaufmann sagte: „Laßt uns trinken — was reden wir über andere Leute?"

Die beiden Gesellschafterinnen fragten: „Wie alt ist denn dieses Fräulein? Wie sieht sie aus?" Qiang Kaufmann sagte: „Hübsch ist sie, sehr sogar, und sie ist schon dreizehn oder vierzehn." Die Gesellschafterinnen sagten: „Schade um ein solches Kind, daß es in einem solch vornehmen Hause geboren wurde. Wäre sie in einer kleinen Familie geboren, hätten Vater, Mutter und Brüder alle Beamte werden und ein Vermögen machen können!" Die anderen fragten: „Wieso das?" Die Gesellschafterinnen sagten: „Derzeit gibt es einen Fürsten aus den Außengebieten [37], der äußerst großzügig ist und sich eine Nebenfrau auswählen möchte. Wenn sie ihm gefällt, dürfen Vater, Mutter und Brüder alle mitgehen — wäre das nicht eine feine Sache?" Die meisten beachteten das nicht weiter, nur König Ren horchte innerlich ein wenig auf, und dann tranken sie weiter.

Da kamen von draußen die jungen Burschen der Familien Lai und Lin herein und sagten: „Ihr Herren amüsiert euch ja prächtig!" Alle standen auf: „Ihr beiden, warum kommt ihr erst jetzt? Wir haben gewartet!" Die beiden sagten: „Heute morgen haben wir ein Gerücht gehört: Es heißt, unsere Familie habe wieder Ärger bekommen. Wir waren beunruhigt und sind sofort nach drinnen gelaufen, um nachzuforschen — aber es geht gar nicht um unsere Familie." Die anderen fragten: „Wenn es nicht unsere ist, warum seid ihr dann nicht gleich hergekommen?" Die beiden sagten: „Auch wenn es nicht unsere Familie ist, hat es doch mit uns zu tun. Wißt ihr, wen es betrifft? Den Herrn Regendorf Kaufmann[38]. Als wir heute hineingingen, sahen wir ihn in Ketten — er soll zum Dreier-Gerichtshof [39] gebracht und verhört werden! Da wir wissen, daß er häufig bei unserer Familie ein- und ausging, haben wir befürchtet, daß es Verwicklungen geben könnte, und sind ihm nachgegangen, um uns zu erkundigen." Efeu Kaufmann sagte: „Der Älteste hat recht, so etwas muß man nachprüfen. Setzt euch erst mal und trinkt einen Becher, dann erzählt weiter."

Die beiden ließen sich nach einigem Sträuben nieder, tranken und erzählten: „Dieser Herr Regendorf ist fähig und geschickt im Aufsteigen, sein Amt war nicht gering — nur ist er habgierig gewesen und wurde wegen mehrfacher Erpressung seiner Untergebenen [40] angeklagt. Unser jetziger Kaiser ist ein äußerst weiser und gnädiger Herrscher. Einzig beim Wort ‚Gier' — wenn jemand das Volk mißhandelt oder sich auf seine Macht gestützt hat, um Anständige zu unterdrücken — , da wird er äußerst zornig, und darum hat er befohlen, ihn festzunehmen und zu verhören. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, wird es ihm schlecht ergehen; wenn sie unbegründet sind, wird es auch dem Ankläger nicht gut gehen. In unserer Zeit hat man es wirklich gut — wenn man Glück hat und ein Amt bekommt, ist es wunderbar." Die anderen sagten: „Euer Bruder hat doch Glück — er ist Kreisvorsteher geworden, ist das nicht schön?" Der Lai-Sproß sagte: „Mein Bruder ist zwar Kreisvorsteher, aber sein Betragen — wer weiß, ob er sich halten kann!" Die anderen fragten: „Greift er auch zu?" Der Lai-Sproß nickte nur und hob seinen Becher zum Trinken.

Die anderen fragten weiter: „Habt ihr drinnen noch andere Neuigkeiten gehört?" Die beiden sagten: „Sonst nichts, nur daß an der Küste viele Seeräuber gefaßt worden sind und ebenfalls zum Gerichtshof zur Verhandlung gebracht werden. Es sind noch viele weitere Räuber aufgespürt worden — einige hatten sich in der Stadt versteckt, um Nachrichten auszukundschaften, und griffen bei Gelegenheit Häuser an. Jetzt weiß man, daß die Herren am Hofe alle gleichermaßen befähigt in Literatur und Krieg sind. Sie haben sich mit Hingabe eingesetzt, und wo immer sie hinkamen, haben sie die Räuber bereits vernichtet."

Die anderen fragten: „Ihr habt gehört, daß sich Räuber in der Stadt versteckt hatten — ist denn der Fall des Einbruchs bei uns aufgeklärt worden?" Die beiden sagten: „Davon haben wir nichts gehört. Aber es hieß verschwommen, daß jemand aus dem Landesinneren in der Stadt ein Verbrechen begangen, eine Frau geraubt und aufs Meer verschleppt habe. Die Frau habe sich geweigert und sei von dem Räuber getötet worden. Gerade als der Räuber über die Grenze fliehen wollte, sei er von den kaiserlichen Truppen gefaßt und an Ort und Stelle hingerichtet worden." Die anderen sagten: „Die Wunderjade aus unserem Grünjadekloster — wurde sie nicht entführt? Das könnte doch sie gewesen sein!" Unheil Kaufmann sagte: „Das muß sie gewesen sein!" Die anderen fragten: „Woher weißt du das?" Unheil Kaufmann sagte: „Diese Wunderjade war das widerlichste Geschöpf überhaupt. Die ganze Zeit tat sie übertrieben vornehm, aber sobald sie Schatzjade erblickte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Wenn ich ihr aber begegnete, würdigte sie mich keines einzigen Blickes. Wenn sie es wirklich war — dann geschieht es ihr recht!" Die anderen sagten: „Es sind doch viele Leute entführt worden — wie willst du wissen, daß sie es war?" Efeu Kaufmann sagte: „Es gibt aber ein gewisses Indiz: Neulich erzählte jemand, daß die alte Tempeldienerin aus ihrem Kloster geträumt habe, sie habe Wunderjade sehen können, wie sie von jemandem getötet wurde." Die anderen lachten: „Traumworte zählen nicht."

Der Schwager Xing sagte: „Ob Traum oder nicht — laßt uns schnell essen! Heute nacht spielen wir um hohe Einsätze." Alle waren einverstanden. Sie aßen und begannen dann, um viel Geld zu spielen.

Sie spielten bis tief in die dritte Nachtwache [41], als von drinnen lautes Geschrei zu hören war: „Das Vierte Fräulein hat sich mit der Frau des Erstgeborenen Zhen[42] gestritten und sich die Haare abgeschnitten! Sie ist zu den Damen Hsing und Wang gelaufen, hat den Kopf auf den Boden geschlagen und fleht, man möge ihr erlauben, Nonne zu werden, und ihr einen Platz zuweisen. Wenn man es ihr nicht erlaubt, wird sie sich hier und jetzt das Leben nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang wissen keinen Rat und bitten den Herrn Qiang und den Herrn Yun herein." Als Efeu Kaufmann das hörte, wußte er, daß sie diesen Entschluß bereits seit jenem Mal gefaßt hatte, als er das Haus hüten mußte. Er dachte, daß man sie wohl nicht umstimmen könne, und beriet sich mit Qiang Kaufmann: „Die gnädigen Frauen rufen uns herein, aber wir können doch nicht darüber entscheiden, und wir sollten es auch nicht. Wir können nur versuchen, sie zu überreden. Wenn das nichts nutzt, müssen wir sie eben gewähren lassen. Schreiben wir einen Brief an den Zweiten Onkel Kette — damit ist unsere Verantwortung abgegeben."

Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, gingen sie hinein, sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor und versuchten zum Schein, Bedauerfrühling zu überreden. Doch Bedauerfrühling bestand fest darauf, ins Kloster einzutreten. Wenn man sie nicht hinauslasse, bitte sie nur um ein oder zwei ruhige Zimmer, um darin Sutren zu rezitieren und Buddha anzubeten. Dame Sonders sah, daß die beiden die Verantwortung nicht übernehmen wollten, und da sie fürchtete, Bedauerfrühling könne sich das Leben nehmen, traf sie selbst entschlossen eine Entscheidung und sagte: „Dann nehme ich das lieber auf mich. Man soll sagen, ich als Schwägerin habe die Schwägerin nicht geduldet und sie ins Kloster getrieben — damit ist es dann abgetan. Nach draußen gehen lassen — das kommt auf keinen Fall in Frage. Wenn sie aber hier im Hause bleibt, und da die gnädigen Frauen alle hier sind — rechnet es mir an. Laßt den Herrn Qiang einen Brief an Euren Herrn Bruder Zhen[43] und den Zweiten Onkel Kette schreiben, das genügt." Qiang Kaufmann und die anderen antworteten zustimmend.

Ob die Damen Hsing und Wang dem zustimmten oder nicht, wird im nächsten Kapitel berichtet.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  2. 太虚幻境, die Traumwelt, die Schatzjade im 5. Kapitel besucht hat
  3. die irdische Welt, 红尘
  4. buddhistischer Ausdruck 当头棒喝, wörtl. „ein Stockhieb auf den Kopf", um jemanden zur plötzlichen Erleuchtung zu bringen
  5. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  7. 一子出家,七祖升天, volkstümliche Redensart, die den Verdienst des klösterlichen Lebens für die ganze Sippe betont
  8. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  9. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  12. Dame Hsing als Stiefmutter
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  14. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  15. der Garten der Großen Aussicht, 大观园
  16. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Echt empfohlener Wächter.
  17. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  18. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  19. Ning-guo-fu 宁国府, das Anwesen der östlichen Kaufmann-Familie
  20. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  21. 车箍辘会, ein Rundessen, bei dem reihum jeder als Gastgeber fungiert
  22. 荣国府, das Anwesen der westlichen Kaufmann-Familie
  23. gemeint ist König Phönixglanz, Phönixglanz 王熙凤
  24. Kajaljade 林黛玉
  25. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  26. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  27. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.
  28. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Herrlichkeit Kaufmann (Herrlichkeit Kaufmann), Vorsteherin des Gartens.
  29. 月字流觞, ein Trinkspiel, bei dem jeder in seinem Trinkspruch das Zeichen ‚Mond' 月 verwenden muß
  30. Zitat aus Li Bais 飞羽觞而醉月
  31. Vers von Wang Jian 王建: 冷露无声湿桂花
  32. Vers von Song Zhiwen 宋之问: 天香云外飘
  33. 小姐小姐多丰采, Arie aus der „Südlichen" Version des „Westlichen Flügels" 西厢记, mit erotischen Anspielungen
  34. 元帝庙, Tempel des Nordgottes Zhenwu/Xuanwu, unter der Qing-Dynastie „Yuan" genannt, um den Namen des Kangxi-Kaisers zu vermeiden
  35. Das Wortspiel beruht darauf, daß 假墙 „falsche Mauer" klingt wie 贾墙 — „Kaufmann-Mauer", also eine satirische Anspielung auf die Kaufmann-Familie (贾家), die nur nach außen hin stabil erscheint.
  36. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  37. 外藩, nicht-chinesischer Vasallenfürst, vermutlich ein mandschurischer oder mongolischer Prinz
  38. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".
  39. 三法司, die drei obersten Justizbehörden der Qing-Dynastie
  40. 婪索属员
  41. zwischen 23 Uhr und 1 Uhr
  42. Chin. 尤氏 Yóu Shì. Ehefrau von Herrlichkeit Kaufmann.
  43. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.