Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 13"

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Kapitel 13
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<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">[1-10]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_12|<span style="color: #FFD700;">12</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''13'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_14|<span style="color: #FFD700;">14</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_15|<span style="color: #FFD700;">15</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_16|<span style="color: #FFD700;">16</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_17|<span style="color: #FFD700;">17</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_18|<span style="color: #FFD700;">18</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_19|<span style="color: #FFD700;">19</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_20|<span style="color: #FFD700;">20</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
 
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In dem Anmutig Minne im Tode den Ehrentitel eines Drachengardeoffiziers erhält
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_13|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_13|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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und Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.</ref> die Verwaltung des Hauses Ning übernimmt
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= Kapitel 13 =
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Wie erzählt wird, hatte Phönixglanz, nachdem Kette Kaufmann<ref>Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.</ref> abgereist war, um Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.</ref> nach Yangzhou zu begleiten, in der Tat wenig Zerstreuung. Jeden Abend plauderte und scherzte sie nur ein wenig mit Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.</ref>, und dann legte sie sich, so gut es eben ging, schlafen.
== 秦可卿死封龙禁尉 ==
 
=== 王熙凤协理宁国府 ===
 
  
Nachdem also Djia Liän abgereist war, um Dai-yü nach Yang-dschou zu begleiten, wurde es wirklich langweilig für Hsi-fëng. Jedesmal, wenn der Abend kam, plauderte und scherzte sie nur ein Weilchen mit Ping-örl und schlief dann, so gut es eben ging.
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An einem Abend saß sie mit Friedchen beim Lampenschein am Holzkohlebecken und stickte, müde geworden. Schon früh hatte sie befohlen, die gestickten Bettdecken kräftig mit Räucherwerk zu durchduften. Die beiden legten sich nieder. Phönixglanz rechnete an den Fingern ab, wo die Reisenden auf ihrem Weg wohl schon angelangt sein mochten, und ehe sie sich versah, war die dritte Nachtwache angebrochen. Friedchen schlief bereits fest. Phönixglanz erst bemerkte, wie sich ihre Sternenaugen ein wenig trübten, als sie verschwommen sah, wie die Minne<ref>Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Gemahlin von Hibiskus Kaufmann.</ref> von draußen hereinkam und lächelnd zu ihr sprach:
Eines Abends saß sie zusammen mit Ping-örl im Lampenschein am Holzkohlebecken. Müde vom Sticken, befahl sie schon früh, die gestickten Bettdecken kräftig zu räuchern, und sie gingen beide schlafen. Hsi-fëng lag da und bog die Finger ein, um daran die Stationen abzuzählen, die die Reisenden schon zurückgelegt hatten, und ehe sie es sich versah, brach die dritte Nachtwache an.  
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Ping-örl schlief bereits fest, Hsi-fëng aber merkte nur, daß sich ihre Sternenaugen etwas trübten, dann sah sie verschwommen, wie Frau Tjin hereinkam und lächelnd zu ihr sagte: „Seid Ihr aber verschlafen, Tante! Ich gehe heute heim, und Ihr wollt mich nicht einmal ein Stück begleiten! Aber weil wir uns immer gut verstanden haben, kann ich mich nicht so ohne weiteres von Euch trennen und komme mich wenigstens verabschieden. Außerdem habe ich noch einen Wunsch auf dem Herzen, den ich Euch anvertrauen möchte, weil andere ihn nicht unbedingt zu würdigen wissen.
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„Liebe Tante, was schlaft Ihr tief! Ich kehre heute heim, und Ihr wollt mich nicht einmal ein Stück des Weges begleiten! Weil wir uns als Frauen stets so gut verstanden haben, konnte ich mich nicht von Euch trennen und bin noch einmal gekommen, um mich zu verabschieden. Außerdem liegt mir noch ein Herzensanliegen auf der Seele, das ich Euch anvertrauen muss, denn andere würden dem schwerlich gerecht werden."
„Was ist das für ein Wunsch?“ fragte Hsi-fëng benommen. „Sag es mir nur!
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„Für eine Frau seid Ihr ein richtiger Held, Tante!“ sagte Frau Tjin. „Und selbst Männer mit Beamtengürtel und -kappe können Euch nicht das Wasser reichen. Wie kommt es dann aber, daß Ihr nicht einmal ein paar Sprichwörter kennt? Der volle Mond nimmt wieder ab, ein volles Gefäß läuft über, sagt man. Außerdem heißt es, wer hoch steigt, wird hart fallen. Unsere Familie lebt jetzt schon fast hundert Jahre in Glanz und in Pracht, wie aber, wenn eines Tages auf dem Gipfel der Freude Leid erwächst oder sich das Sprichwort bewahrheitet: „Fällt der Baum, laufen die Affen auseinander“? Haben wir dann nicht umsonst eine Zeitlang den Ruf einer angesehenen Familie von Literaten und Beamten genossen?
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Als Phönixglanz dies hörte, fragte sie wie im Traum: „Was für ein Anliegen ist es? Vertrau es mir nur an!"
Als Hsi-fëng das hörte, war ihr Verstand hell wach, und ehrfürchtig sagte sie rasch: „Deine Überlegungen sind ganz richtig. Aber was können wir tun, um auf ewig in Sicherheit und ohne Sorge zu leben?
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„Wie töricht Ihr doch seid, Tante!“ sagte Frau Tjin mit spöttischem Lächeln. „Glück und Unglück entstehen und vergehen, Ruhm und Schande lösen einander von alters her ab. Wie könnte man etwas mit menschlicher Kraft auf ewig bewahren?
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Anmutig Minne sprach: „Tante, Ihr seid wahrlich eine Heldin unter den Frauen [Anm.: 脂粉隊里的英雄, wörtlich ‚Heldin unter den Geschminkten'], und selbst Männer mit Amtsgürtel und Beamtenkappe können Euch nicht übertreffen. Wie kommt es da, dass Ihr nicht einmal ein paar geläufige Sprichwörter kennt? Man sagt doch: ‚Ist der Mond voll, nimmt er wieder ab; ist das Gefäß voll, läuft es über.' Und weiter heißt es: ‚Wer hoch steigt, fällt tief.' Unsere Familie lebt nun schon fast hundert Jahre in Glanz und Pracht. Sollte eines Tages auf dem Gipfel der Freude das Leid hervorbrechen und sich das Sprichwort bewahrheiten: ‚Fällt der Baum, laufen die Affen davon' — hätten wir dann nicht vergeblich eine ganze Generation lang den Ruf einer angesehenen Literaten- und Beamtenfamilie genossen?"
Das einzige, was man tun kann, ist, heute in der Zeit der Blüte Vorsorge für die Zeit des künftigen Verfalls zu treffen. Das könnte man auch eine ewige Sicherheit nennen. Bis auf zwei Dinge steht heute alles zum besten. Wenn man auch die noch in Ordnung bringen würde, wäre die Zukunft für immer gesichert.
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„Und was ist das?“ fragte Hsi-fëng.
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Als Phönixglanz dies vernahm, weitete sich ihr Herz, und voller Ehrfurcht fragte sie rasch: „Diese Überlegung ist äußerst treffend! Aber gibt es denn ein Mittel, die Familie auf ewig in Sicherheit zu bewahren?"
„An den Ahnengräbern werden zu allen vier Jahreszeiten Opfer gebracht, aber es gibt kein festes Einkommen, das dafür dient“, sagte Frau Tjin. „Und zweitens gibt es zwar eine Familienschule, aber keinen festen Unterhalt für dieselbe. Ich meine, jetzt in der Zeit der Fülle mangelt es wahrlich nicht an den Mitteln für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb, aber wovon sollen sie später einmal in der Zeit der Not bestritten werden?
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Das beste wäre es, so zu verfahren, wie ich es mir überlegt habe: Der heutige Reichtum sollte genutzt werden, um auf dem Lande in der Nähe der Ahnengräber recht viele Häuser und Äcker zu kaufen, damit sämtliche Kosten für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein hieraus bestritten werden können. Dort sollte auch die Familienschule eingerichtet werden. Die ganze Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam Regeln aufstellen, nach denen dann jeder Haushalt jeweils ein Jahr lang für die Äcker und die Einkünfte, die Ahnenopfer und den Schulbetrieb verantwortlich ist. Wenn die Verantwortung so reihum geht, kann es weder Vormachtstreben geben noch solchen Mißbrauch wie Verpfändung oder Verkauf. Und wenn sich die Sippe einmal etwas zuschulden kommen läßt, kann alles beschlagnahmt werden, nicht aber der Besitz, aus dem die Ahnenopfer bestritten werden. So könnten selbst im Falle der Not die Söhne und Enkel zu Hause studieren und die Äcker bestellen und hätten so eine Zuflucht.auf dem Lande in der Nähe der Ahnengräber recht viele Häuser und Äcker zu kaufen, damit sämtliche Kosten für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein hieraus bestritten werden können. Dort sollte auch die Familienschule eingerichtet werden. Die ganze Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam Regeln aufstellen, nach denen dann jeder Haushalt jeweils ein Jahr lang für die Äcker und die Einkünfte, die Ahnenopfer und den Schulbetrieb verantwortlich ist. Wenn die Verantwortung so reihum geht, kann es weder Vormachtstreben geben noch solchen Mißbrauch wie Verpfändung oder Verkauf. Und wenn sich die Sippe einmal etwas zuschulden kommen läßt, kann alles beschlagnahmt werden, nicht aber der Besitz, aus dem die Ahnenopfer bestritten werden. So könnten selbst im Falle der Not die Söhne und Enkel zu Hause studieren und die Äcker bestellen und hätten so eine Zuflucht. Die Ahnenopfer aber wären auf ewig gesichert.
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Anmutig Minne lächelte kühl und sprach: „Wie töricht Ihr doch seid, Tante! Auf äußerstes Unglück folgt Glück, Ruhm und Schmach lösen einander seit alters her in einem ewigen Kreislauf ab — wie könnte menschliche Kraft dies für immer aufhalten? Doch wenn man jetzt, in der Zeit der Blüte, Vorsorge für die Zeit des künftigen Verfalls trifft, so könnte man dies durchaus ein ‚Ewiges Bewahren' nennen. Derzeit steht alles zum Besten, nur zwei Dinge sind noch nicht geordnet. Wenn man diese beiden Angelegenheiten so und so in Ordnung brächte, wäre die Zukunft für immer gesichert."
Nur die heutige Pracht zu sehen und zu glauben, sie sei unerschöpflich, und deshalb brauche man nicht an später zu denken, ist kein Mittel, die Zukunft zu sichern. Wie es aussieht, steht in naher Zukunft ein außerordentlich glückliches Ereignis ins Haus, und es wird dabei so üppig zugehen, daß man mit Fug und Recht sagen kann: ‚Das Fett wird auf loderndem Feuer gekocht, frische Blumen werden auf den Brokat gestreut.‘ Aber Ihr müßt wissen, das ist nur ein flüchtiger Glanz und eine kurze Lust. Auf keinen Fall dürft Ihr das Sprichwort vergessen: ‚Auch das prächtigste Fest geht zu Ende.‘ Wer sich nicht rechtzeitig Gedanken um die Zukunft macht, dessen Reue ist umsonst, wenn es erst soweit ist.“
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„Und was für ein glückliches Ereignis wird das sein?“ fragte Hsi-fëng rasch.
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Phönixglanz fragte sogleich, was es denn sei.
„Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht durchsickern“, beschied sie Frau Tjin. „Aber weil wir uns immer gut miteinander verstanden haben, will ich Euch zum Abschied noch zwei Verszeilen verehren, die Ihr Euch merken müßt.“ Und sie rezitierte:
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„Alle Blumen verwelken nach dreifachem Lenz,
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Anmutig Minne sprach: „Erstens werden an den Ahnengräbern zwar zu allen vier Jahreszeiten Opfer dargebracht, doch gibt es kein festes Einkommen, das hierfür bestimmt ist. Zweitens gibt es zwar eine Familienschule, aber keinen gesicherten Unterhalt für sie. Nach meiner Überlegung mangelt es in der gegenwärtigen Zeit des Wohlstands gewiss nicht an Mitteln für Ahnenopfer und Schulbetrieb — doch wenn dereinst der Verfall eintritt, woher sollen diese beiden Posten dann bestritten werden?
suche nur ein jeder für sich selbst einen Weg!“
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Als Hsi-fëng eben noch etwas fragen wollte, wurde sie durch vier aufeinanderfolgende Schläge auf die wolkenförmige Bronzeklangplatte am Innentor aufgeschreckt, und es wurde gemeldet: „Die Gattin von Herrn Jung im Ostanwesen ist entschlafen.“
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Am besten wäre es, meinem Vorschlag zu folgen: Man sollte den heutigen Reichtum nutzen und in der Nähe der Ahnengräber reichlich Felder, Güter und Häuser erwerben, damit sämtliche Aufwendungen für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein aus diesen Einkünften bestritten werden können. Auch die Familienschule sollte dort eingerichtet werden. Die gesamte Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam verbindliche Regeln aufstellen, wonach jeder Haushalt der Reihe nach für jeweils ein Jahr die Verwaltung der Felder und Einkünfte, der Ahnenopfer und des Schulbetriebs übernimmt. Wenn die Verantwortung so im Turnus wechselt, kann es weder Vormachtstreben noch solche Missstände wie Verpfändung oder Veräußerung geben. Und sollte sich die Familie je etwas zuschulden kommen lassen, so kann zwar aller sonstige Besitz beschlagnahmt werden nicht jedoch das Vermögen, das den Ahnenopfern dient, denn selbst die Behörden dürfen es nicht einziehen. So hätten die Söhne und Enkel, auch wenn es mit der Familie bergab ginge, auf dem Lande eine Zuflucht, wo sie studieren und die Felder bestellen könnten, und die Ahnenopfer wären auf ewig gesichert.
Hsi-fëng erschrak so sehr, daß ihr am ganzen Körper der kalte Schweiß ausbrach. Eine Zeitlang saß sie völlig benommen da, aber dann zog sie rasch die Kleider über und ging zu Dame Wang.
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Inzwischen hatte die ganze Familie die Nachricht erfahren, die bei jedermann Verwunderung und einige Zweifel hervorrief. Die Älteren dachten daran, wie kindlich gehorsam Frau Tjin immer gewesen war, die Gleichaltrigen, wie nett und herzlich sie gewesen war, die Jüngeren, wie mild und gütig sie gewesen war. Und vom Gesinde dachte jung und alt daran, wie mitfühlend und barmherzig sie immer zu den Armen und Geringen gewesen war, wie freundlich und wohltätig gegenüber Greisen und Kindern. Da war niemand, der nicht traurig geklagt und schmerzlich geweint hätte. Aber wir wollen keine unnötigen Worte darum machen.
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Wer nur die gegenwärtige Pracht vor Augen hat und meint, sie werde nie enden, und deshalb nicht an die Zukunft denkt — für den gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Wie es aussieht, steht in naher Zukunft ein außerordentlich glückliches Ereignis bevor; es wird wahrlich zugehen wie ‚Fett, das auf loderndem Feuer gekocht wird, und frische Blumen, die auf Brokat gestreut werden' [Anm.: 烈火烹油、鮮花著錦 — Bild für überschwängliche, aber vergängliche Pracht]. Doch Ihr müsst wissen: All dies ist nur ein flüchtiger Glanz und eine kurze Lust. Auf keinen Fall dürft Ihr das Sprichwort vergessen: ‚Auch das prächtigste Fest geht einmal zu Ende!' [Anm.: 盛筵必散] Wer sich jetzt nicht rechtzeitig Gedanken um die Zukunft macht, dessen Reue wird vergeblich sein, wenn es erst so weit ist."
Als Dai-yü die Reise angetreten hatte, war Bau-yü einsam und verstört zurückgeblieben und hatte seitdem mit niemandem mehr gescherzt und gelacht. Wenn es Abend wurde, schlief er immer unter Tränen ein. Als er jetzt durch die Nachricht aus dem Traum geschreckt wurde, Frau Tjin sei gestorben, sich hastig herumdrehte und aufsetzte, hatte er das Gefühl, sein Herz werde mit einem Messer durchbohrt, und mit einem gurgelndem Laut spie er einen Mundvoll Blut aus. Hals über Kopf stürzte Hsi-jën mit den anderen zu ihm, legte den Arm um ihn, fragte, was ihm sei, und wollte sogleich der Herzoginmutter davon berichten, damit ein Arzt geholt wurde.
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Aber Bau-yü sagte lächelnd: „Nicht nötig! Das hat nichts zu besagen. Das Feuer der Aufregung ist mir aufs Herz geschlagen, da ist das Blut nicht in seine Bahn zurückgekehrt.Damit stand er auf und verlangte seine Kleider, um sich anzuziehen und bei der Herzoginmutter um die Erlaubnis zu bitten, sich ins Ning-guo-Anwesen begeben zu dürfen. Hsi-jën war durch seine Worte zwar nicht beruhigt, aber sie wagte nicht, ihn aufzuhalten, und ließ ihn gewähren.
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Phönixglanz fragte rasch: „Was für ein glückliches Ereignis wird das sein?"
Als dann die Herzoginmutter seine Bitte vernahm, sagte sie: „Der Ort, an dem eben ein Mensch seinen letzten Atem ausgehaucht hat, ist unrein. Außerdem ist jetzt in der Nacht der Wind zu stark. Wenn du morgen früh gehst, ist das auch nicht zu spät.Doch wie hätte Bau-yü ihr nachgeben können! Also befahl die Herzoginmutter, einen Wagen anzuspannen, und gab Bau-yü ein reichliches Gefolge mit, das auf ihn achtgeben sollte.
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Als sie zum Ning-guo-Anwesen kamen, standen die Tore offen und waren von beiden Seiten mit Laternen taghell erleuchtet. Aufgeregt liefen Menschen hin und her, und das Heulen, das aus dem Hause drang, hätte Berge erschüttern können. Bau-yü stieg aus dem Wagen und lief rasch in das Zimmer, wo die Tote aufgebahrt lag. Nachdem er hier eine Zeitlang bitterlich geweint hatte, ging er zu Frau You, die eben unter Magenschmerzen, ihrer üblichen Krankheit, litt und deshalb das Bett hütete. Dann ging er zu Djia Dschën.
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Anmutig Minne sprach: „Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht preisgegeben werden [Anm.: 天機不可泄漏]. Nur weil wir einander stets zugetan waren, will ich Euch zum Abschied noch zwei Zeilen mit auf den Weg geben, die Ihr Euch gut merken müsst." Und sie rezitierte:
Hier waren inzwischen auch Djia Dai-ju, Djia Dai-hsiu, Djia Tschï, Djia Hsiau, Djia Dun, Djia Schë, Djia Dschëng, Djia Dsung, Djia Biän, Djia Hëng, Djia Guang, Djia Tschën, Djia Tjiung, Djia Lin, Djia Tjiang, Djia Tschang, Djia Ling, Djia Yün, Djia Tjin, Djia Dsën, Djia Ping, Djia Dsau, Djia Hung, Djia Fën, Djia Fang, Djia Lan, Djia Djün und Djia Dschï eingetroffen. Tränenüberströmt sagte Djia Dschën gerade: „Die ganze Familie, groß und klein, nahe und ferne Verwandte, Freunde und Bekannte, jeder wußte, daß meine Schwiegertochter zehnmal besser war als mein Sohn. Jetzt ist sie von uns gegangen, und damit ist die ältere Linie unserer Familie zum Aussterben verurteilt.“ Und wieder brach er in Tränen aus.
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„Nachdem sie einmal aus der Welt geschieden ist, haben Tränen auch keinen Sinn“, redete man ihm zu. „Wichtiger ist es, darüber zu beraten, wie sie beigesetzt werden soll.“ „Wie sie auch beigesetzt wird, mehr als meinen Besitz kann es nicht kosten!“ sagte Djia Dschën und schlug klagend die Hände zusammen.
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  Wenn der dreifache Frühling vorüber, sind alle Blüten dahin —
In diesem Moment trafen auch Tjin Yä und Tjin Dschung sowie mehrere Verwandte von Frau You ein, unter ihnen Frau Yous Schwestern. Djia Dschën befahl Djia Tjiung, Djia Tschën, Djia Lin und Djia Tjiang, sie sollten sich den Gästen widmen, außerdem ordnete er an, es solle zum Sterndeuterbüro des Kaiserlichen Astronomieamts geschickt werden, um einen glückverheißenden Tag auswählen zu lassen.
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  dann suche nur jeder für sich allein seinen Weg.
Der Tag wurde ausgewählt, die Tote sollte sieben mal sieben Tage zu Hause aufgebahrt bleiben, und die Trauerzeit sollte am dritten Tag beginnen. Gleichzeitig sollte die Trauernachricht verbreitet werden. In den neunundvierzig Tagen sollten einhundertundacht Mönche der Tschan-Sekte in der Empfangshalle das Sutra der Großen Barmherzigkeit verlesen, um die Seele der Toten zusammen mit den Seelen der vor und nach ihr Verstorbenen zur Erlösung zu geleiten. Außerdem sollte im Turm des Himmelsduftes ein Altar errichtet werden, wo neunundneunzig Dauisten der Wahren Richtung in den neunundvierzig Tagen für die Befreiung der Toten von ihren Sünden beten sollten. Aufgebahrt werden sollte die Tote im Garten der Gesammelten Düfte, wo noch einmal je fünfzig hohe buddhistische und dauistische Priester alle sieben Tage an einem Altar vor dem Sarg heilige Texte lesen sollten.
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Als Djia Djing erfuhr, die Frau seines ältesten Enkels sei gestorben, war er nicht bereit, nach Hause zurückzukehren und sich wieder mit dem ‚roten Staub‘ der Alltagswelt zu beschmutzen, denn er wußte, daß er selbst bald zu den Unsterblichen aufsteigen würde, und wollte nicht alle Verdienste, die er sich bereits erworben hatte, wieder zunichte machen. Darum bekümmerte er sich nicht im geringsten um die Bestattung und verließ sich ganz auf Djia Dschën.
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  [三春去後諸芳盡,各自須尋各自門。]
Als Djia Dschën merkte, daß er von seiten seines Vaters freie Hand hatte, wurde er vollends zum Verschwender. Beim Aussuchen der Bretter waren ihm verschiedene Partien Spießtannenholz nicht gut genug. Aber da kam eben Hsüä Pan auf Trauerbesuch, und als er hörte, Djia Dschën sei auf der Suche nach gutem Holz, sagte er: „In unserer Holzhandlung liegt eine Partie Bretter aus so einem ‚Mastbaumholz‘, das aus den Tiän-wang-schan-Bergen am Huang-Meer stammt. Ein Sarg aus solchem Holz verrottet auch in zehntausend Jahren nicht. Dieses Holz hatte seinerzeit noch mein Vater mitgebracht. Ursprünglich hatte der alte Prinz I-dschung es haben wollen, aber weil ihm dann sein Malheur passierte, konnte er es nicht nehmen. Es liegt bei uns noch immer unter Verschluß, und der Preis dafür ist so hoch, daß niemand es sich leisten kann. Wenn Ihr es haben wollt, lassen wir es herschaffen, und damit hat sich die Sache!“
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Als Djia Dschën das hörte, kannte seine Freude keine Grenze. Er schickte Leute, die das Holz holten, und alle sahen es sich an. Die Seiten- und Bodenbretter waren je acht Tsun stark, in der Maserung glich das Holz dem der Betelnußpalme, sein Geruch erinnerte an Sandelholz oder Moschus, und wenn man dagegenklopfte, tönte es „kling, klang!“ wie Gold oder Jade. Alle staunten darüber und spendeten reichlich Lob.
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Phönixglanz wollte noch weiter fragen, als sie vom zweiten Tor her vier rasch aufeinanderfolgende Schläge auf die bronzene Meldeplatte hörte, die sie aus dem Schlaf rissen. Es wurde gemeldet: „Die junge gnädige Frau Rong im östlichen Anwesen ist verschieden!"
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Phönixglanz erschrak so heftig, dass ihr am ganzen Leib der kalte Schweiß ausbrach. Eine Weile saß sie völlig benommen da, dann aber zog sie sich eilig an und begab sich zu Dame König<ref>Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.</ref>.
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Inzwischen hatte die ganze Familie die Nachricht vernommen, und jedermann war bestürzt und ein wenig ungläubig. Die Älteren gedachten ihrer stets so kindlichen Ehrerbietung; die Gleichaltrigen erinnerten sich an ihr herzliches und freundschaftliches Wesen; die Jüngeren dachten an ihre Güte und Milde. Und das gesamte Gesinde, Alte wie Junge, gedachte ihrer barmherzigen Fürsorge für die Armen und Geringen, ihrer Freundlichkeit zu Greisen und Kindern. Da war niemand, der nicht laut klagend und bitterlich weinend getrauert hätte.
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Doch lassen wir die vielen Nebenumstände beiseite. Wie erzählt wird, war Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.</ref> seit Kajaljades Abreise einsam und betrübt zurückgeblieben. Er spielte und scherzte mit niemandem mehr und legte sich jeden Abend niedergeschlagen schlafen. Als er nun im Traum hörte, die Minne sei gestorben, drehte er sich hastig um und setzte sich auf. Es war ihm, als würde ein Messer in sein Herz gestoßen. Mit einem gurgelnden Laut spie er einen Schwall Blut hervor.
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Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Duftwolke“, Schatzjades erste Zofe.</ref> und die anderen Mägde stürzten bestürzt herbei, stützten ihn und fragten, was geschehen sei. Sie wollten sogleich der Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.</ref> Bericht erstatten und einen Arzt rufen lassen. Doch Schatzjade sagte lächelnd: „Macht euch keine Sorgen, es ist nichts Ernstes. Das Feuer der Aufregung ist mir aufs Herz geschlagen, und das Blut hat seine Bahn verlassen." Damit stand er auf, verlangte frische Kleider und zog sich um, um sich bei der Herzoginmutter zu zeigen und sie um Erlaubnis zu bitten, sogleich ins Stillfriede-Anwesen hinüberzugehen.
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Dufthauch war zwar keineswegs beruhigt, wagte es aber nicht, ihn zurückzuhalten, und ließ ihn gewähren. Als die Herzoginmutter seinen Wunsch vernahm, sagte sie: „An dem Ort, wo soeben ein Mensch seinen letzten Atem ausgehaucht hat, ist es nicht rein. Außerdem ist es Nacht, und der Wind bläst stark. Wenn du morgen früh gehst, ist es auch nicht zu spät." Doch wie hätte Schatzjade sich fügen können! Also befahl die Herzoginmutter, einen Wagen anzuspannen, und gab ihm ein reichliches Gefolge mit, das auf ihn achtgeben sollte.
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Sie fuhren geradewegs zum Stillfriede-Anwesen. Schon von weitem standen die Tore sperrangelweit offen, und die Laternen auf beiden Seiten erleuchteten alles taghell. Aufgeregt liefen Menschen hin und her, und das Wehklagen, das aus dem Inneren drang, war so gewaltig, als könnte es Berge erschüttern und die Erde erbeben lassen. Schatzjade stieg aus dem Wagen und eilte zum Aufbahrungszimmer, wo er eine ganze Weile bitterlich weinte.
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Dann ging er zu Dame Sonders<ref>Chin. 尤氏 Yóu Shì, Gemahlin von Herrlichkeit Kaufmann.</ref>, die jedoch gerade unter einem Anfall ihrer alten Magenkrankheit litt und das Bett hütete. Sodann trat er zu Herrlichkeit Kaufmann<ref>Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Hauses Ning.</ref> hinaus.
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Dort waren inzwischen auch Gelehrter Kaufmann [贾代儒], Kaufmann Anweisung [贾敕], Kaufmann Wirkung [贾效], Kaufmann Aufrichtigkeit [贾敦], Begnadigung Kaufmann<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.</ref>, Aufrecht Kaufmann<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng.</ref>, Kaufmann Ehrfürchtig [贾琮], Kaufmann Bian [贾㻞], Heng Kaufmann [贾珩], Kaufmann Guang [贾珖], Chen Kaufmann [贾琛], Qiong Kaufmann [贾瓊], Lin Kaufmann [贾璘], Rosenbeet Kaufmann<ref>Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng.</ref>, Kaufmann Kalmus [贾菖], Lin Kaufmanng [贾菱], Yun Kaufmann [贾芸], Qin Kaufmann [贾芹], Zhen Kaufmann [贾蓁], Ping Kaufmann [贾萍], Kaufmann Algen [贾藻], Heng Kaufmann [贾蘅], Kaufmann Fen [贾芬], Fan Kaufmanng [贾芳], Orchidee Kaufmann [贾兰], Jun Kaufmann [贾菌] und Zhi Kaufmann [贾芝] eingetroffen.
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Herrlichkeit Kaufmann weinte so, als bestünde sein Leib ganz aus Tränen, und sagte gerade zu Gelehrter Kaufmann und den anderen: „In der ganzen Familie, Groß und Klein, unter nahen und fernen Verwandten und Freunden — wer wüsste nicht, dass meine Schwiegertochter zehnmal tüchtiger war als mein Sohn! Nun hat sie die Beine ausgestreckt und ist von uns gegangen — es ist offensichtlich, dass die ältere Linie unserer Familie zum Aussterben verdammt ist, ohne einen Menschen, der etwas taugt!" Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.
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Die Anwesenden redeten ihm zu: „Da sie nun einmal aus der Welt geschieden ist, nützen Tränen nichts mehr. Lasst uns lieber beraten, wie die Bestattung zu handhaben ist!"
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Herrlichkeit Kaufmann schlug klagend die Hände zusammen und rief: „Wie sie zu handhaben ist? Ich werde alles hergeben, was ich besitze, nichts weiter!"
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In diesem Augenblick trafen auch Qin Ye [秦业] und Liebglocke Minne sowie mehrere Verwandte von Dame Sonders ein, darunter deren Schwestern. Herrlichkeit Kaufmann befahl Qiong Kaufmann, Chen Kaufmann, Lin Kaufmann und Rosenbeet Kaufmann, sich um die Gäste zu kümmern, und ordnete zugleich an, man solle zum Sterndeuteramt des Kaiserlichen Astronomieamtes [Anm.: 欽天監陰陽司, das für die Auswahl günstiger Tage zuständige kaiserliche Amt] schicken, um einen Glückstag bestimmen zu lassen. Es wurde festgelegt, dass die Aufbahrung sieben mal sieben, also neunundvierzig Tage dauern solle. Am dritten Tag nach dem Tod sollte die Trauer offiziell eröffnet und die Todesnachricht versandt werden.
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Während dieser neunundvierzig Tage sollten einhundertundacht buddhistische Mönche der Chan-Schule [Anm.: 禪僧, Zen-Buddhisten] in der großen Empfangshalle das Sutra der Großen Barmherzigkeit [大悲懺] verlesen, um die Seelen aller vor und nach ihr Verstorbenen zur Erlösung zu geleiten und die Sünden der Verstorbenen zu tilgen. Ferner sollte auf dem Turm des Himmelsduftes [天香樓] ein weiterer Altar errichtet werden, wo neunundneunzig taoistische Priester der Quanzhen-Schule [Anm.: 全真道士, Priester der Schule der Vollkommenen Wahrheit] in neunundvierzig Tagen ein Entsühnungsritual abhalten sollten. Die Aufbahrung sollte im Garten der Gesammelten Düfte [會芳園] stattfinden, und vor dem Sarg sollten zusätzlich je fünfzig hohe buddhistische und taoistische Priester an Altären abwechselnd alle sieben Tage die heiligen Zeremonien vollziehen.
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Als Ehrfurcht Kaufmann — der sich in ein taoistisches Kloster zurückgezogen hatte — erfuhr, dass die Frau seines ältesten Enkels gestorben war, sah er keinen Grund, deswegen nach Hause zurückzukehren. Er war überzeugt, dass er bald zu den Unsterblichen aufsteigen werde, und wollte nicht durch erneuten Kontakt mit dem „roten Staub" [紅塵] der irdischen Welt alle seine erworbenen Verdienste zunichtemachen. Darum kümmerte er sich nicht im Geringsten darum und überließ alles Herrlichkeit Kaufmann.
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Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass sein Vater sich nicht einmischte, wurde er erst recht maßlos verschwenderisch. Bei der Auswahl des Sargholzes waren ihm mehrere Partien aus Zedernholz nicht gut genug. Da kam zufällig Becken Schnee<ref>Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Vetter von Schatzspange (薛宝钗).</ref> zum Kondolenzbesuch. Als er hörte, dass Herrlichkeit Kaufmann nach gutem Holz suchte, sagte er: „In unserer Holzhandlung gibt es eine Partie Bretter, die aus einem Holz gemacht sind, das man ‚Qiang-Holz' [檣木] nennt. Es stammt vom Eisennetzmassiv am Huang-Meer [潢海鐵網山]. Ein Sarg daraus verrottet auch in zehntausend Jahren nicht. Dieses Holz hat noch mein verstorbener Vater mitgebracht. Ursprünglich war es für den alten Prinzen Yizhong [義忠親王老千歲] bestimmt gewesen, doch weil dieser dann in Ungnade fiel, konnte er es nicht mehr abholen lassen. Es liegt bei uns noch immer unter Verschluss im Lager, und niemand wagt es, den verlangten Preis dafür zu zahlen. Wenn Ihr es haben wollt, lasse ich es einfach herschaffen."
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Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Er schickte sogleich Leute, um das Holz herbeizuschaffen. Als alle es betrachteten, sahen sie, dass die Seiten- und Bodenbretter je acht Cun [Anm.: 寸, etwa 26 cm] dick waren. Die Maserung glich der einer Betelnusspalme, der Duft erinnerte an Sandelholz und Moschus, und wenn man dagegenklopfte, klang es wie Gold und Jade. Alle staunten und spendeten reichlich Lob.
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Herrlichkeit Kaufmann fragte lächelnd: „Was kostet es?"
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Becken Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Selbst für tausend Liang Silber wüsste man nicht, wo man solches Holz kaufen könnte. Wozu also über den Preis reden? Gebt den Arbeitern ein paar Liang Trinkgeld, dann ist es gut!"
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Herrlichkeit Kaufmann dankte überschwänglich und befahl sogleich, das Holz zuzusägen, zu leimen und zu lackieren. Aufrecht Kaufmann gab indes zu bedenken: „Ich fürchte, ein solches Holz ist nichts, was gewöhnliche Menschen verdienen. Wenn man sie in einem Sarg aus bestem Zedernholz bestattet, ist das auch genug." Doch in diesem Augenblick hätte Herrlichkeit Kaufmann am liebsten selbst an die Minnes Stelle den Tod erlitten — wie hätte er auf solche Worte hören können!
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Da wurde auch noch bekannt, dass eine von die Minnes Zofen namens Ruizhu [瑞珠] sich beim Anblick des Todes ihrer Herrin das Leben genommen hatte, indem sie sich an einer Säule den Kopf einrannte. Dies war ein in der Tat außergewöhnlicher Vorfall, und die ganze Sippe zollte ihr Bewunderung. Herrlichkeit Kaufmann ließ Ruizhu nach dem Ritus für eine Enkeltochter einsargen und ihren Sarg ebenfalls im Garten der Gesammelten Düfte in der Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen [登仙閣] aufstellen.
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Eine andere kleine Zofe namens Baozhu [寶珠] erklärte sich, da die Minne keine eigenen Kinder hinterlassen hatte, aus freien Stücken bereit, als Adoptivtochter zu dienen, und schwor, die Pflicht zu übernehmen, den Tontopf zu zerschmettern und dem Sarg voranzugehen [Anm.: 摔喪駕靈, Trauerritus, bei dem die Trauernde einen Tontopf am Tor zerschmettert und dem Leichenzug voranschreitet]. Herrlichkeit Kaufmann war darüber überaus erfreut und gab sogleich den Befehl, Baozhu von nun an als ‚Fräulein' anzureden. Wie es die Trauerriten von einer unverheirateten Tochter verlangen, klagte und weinte Baozhu vor dem Sarg, als wolle ihr das Herz brechen.
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Sämtliche Sippenangehörigen und das gesamte Gesinde verhielten sich nach der überlieferten Ordnung, und niemand wagte es, diese eigenmächtig zu verletzen.
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Herrlichkeit Kaufmann war bei dem Gedanken unbehaglich, dass Hibiskus Kaufmann<ref>Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.</ref> lediglich den Titel eines Studenten der Reichsuniversität [黌門監] führte, was sich auf der Trauerfahne und dem Altaranschlag recht unscheinbar ausnehmen würde und ihm nur wenige Ranginsignien zugestand. Da traf es sich jedoch glücklich, dass am vierten Tag der ersten Sieben-Tage-Periode zunächst Opfergeschenke des Dai Quan [戴權] eintrafen — des Obersten Hofkämmerers des Palastes der Großen Klarheit [大明宮掌宮內相] —, und dass dieser kurz darauf selbst in einer großen Sänfte, unter Ehrenschirmen und Gongschall, persönlich erschien, um das Opfer darzubringen.
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Herrlichkeit Kaufmann beeilte sich, ihn zu begrüßen, und geleitete ihn in das Gemach des Bienenlockens [逗蜂軒], wo er ihm Tee vorsetzte. In seinem Herzen hatte Herrlichkeit Kaufmann seinen Plan bereits gefasst, und so erwähnte er bei Gelegenheit, er wünsche, für Hibiskus Kaufmann einen Rang zu erwerben.
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Dai Quan verstand sogleich und fragte lächelnd: „Wohl damit die Trauerfeierlichkeiten etwas prächtiger ausfallen?"
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Herrlichkeit Kaufmann erwiderte eilig und ebenfalls lächelnd: „Der Herr Hofkämmerer sieht es ganz richtig!"
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Dai Quan sprach: „Da trifft es sich gut. Gerade ist ein schöner Posten frei. Von den dreihundert Stellen der kaiserlichen Drachengarde [龍禁尉] sind zurzeit zwei unbesetzt. Gestern kam der dritte Bruder des Marquis von Xiangyang und bat mich um eine davon. Er hat eintausendfünfhundert Liang Silber zu mir nach Hause gebracht. Ihr wisst ja, wir sind alte Bekannte — und so habe ich, wie auch immer, seinem Großvater zuliebe ohne Bedenken zugestimmt. Die zweite offene Stelle wollte der Militärgouverneur von Yongxing, der dicke Feng, für seinen Sohn haben, aber ich hatte noch keine Zeit, ihm zu antworten. Wenn Ihr diese Stelle für Euren Sohn haben wollt, schreibt mir schnell seine Ahnenliste auf!"
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Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, befahl er sogleich: „Man schicke eiligst ins Schreibzimmer und lasse in würdiger Form die Ahnenliste des jungen Herrn niederschreiben!" Ein Diener eilte ohne Verzug davon und kam eine kurze Weile später mit einem roten Blatt Papier zurück, das er Herrlichkeit Kaufmann überreichte. Dieser sah es durch und reichte es dann Dai Quan. Darauf stand geschrieben:
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‚Hibiskus Kaufmann, zwanzig Jahre alt, Student der Reichsuniversität, aus dem Kreise Jiangning, Präfektur Jiangning in der Provinz Jiangnan. Urgroßvater: Kaufmann Daihua [贾代化], ehemals Kommandant der hauptstädtischen Garnison, erblicher General erster Klasse mit dem Ehrentitel Shenwei [神威]. Großvater: Ehrfurcht Kaufmann, Jinshi [進士] des Jahrgangs Yimao. Vater: Herrlichkeit Kaufmann, erblicher General dritter Klasse mit dem Ehrentitel Weilie [威烈].'
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Dai Quan las es durch, reichte es mit einer Handbewegung einem Diener seines Vertrauens und sagte: „Wenn wir zu Hause sind, bringe dies zum alten Zhao vom Finanzministerium. Richte ihm aus, ich ließe grüßen, er möchte eine Ernennungsurkunde für einen Drachengardeoffizier des fünften Ranges ausstellen und dazu ein Amtssiegel ausfertigen. Die Angaben soll er aus dieser Ahnenliste übernehmen. Morgen komme ich selbst, um das Silber zu bringen." Der Diener bestätigte den Auftrag.
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Dai Quan nahm daraufhin Abschied. Herrlichkeit Kaufmann versuchte mit allen Mitteln, ihn noch zum Bleiben zu bewegen, doch vergeblich. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn bis zum Außentor hinauszubegleiten. Als Dai Quan eben in seine Sänfte steigen wollte, fragte Herrlichkeit Kaufmann noch: „Soll ich das Silber selbst im Ministerium abliefern, oder soll ich es zusammen mit dem Rest in Euer Anwesen bringen lassen?"
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Dai Quan erwiderte: „Wenn Ihr es im Ministerium abliefert, macht Ihr dabei einen Verlust. Es ist besser, Ihr wiegt genau eintausendzweihundert Liang ab und schickt sie zu mir — damit ist die Sache erledigt."
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Herrlichkeit Kaufmann dankte unablässig und sagte nur: „Sobald die Trauerzeit vorüber ist, werde ich persönlich meinen unwürdigen Sohn in Euer Anwesen führen, damit er zum Dank seinen Kotau vor Euch vollzieht." Damit verabschiedeten sie sich.
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Schon hörte man erneut Rufe, die Straße frei zu machen. Es war die Gemahlin des Fürsten Zhongjing, Shi Ding [忠靖侯史鼎], die vorfuhr. Kaum hatten Dame König, Frau Strafe<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén.</ref> und Phönixglanz sie begrüßt und in den Hauptraum geleitet, als auch schon die Opfergeschenke des Marquis von Jinxiang [錦鄉侯], des Marquis von Chuanning [川寧侯] und des Grafen von Shoushan [壽山伯] vor dem Sarg aufgestellt wurden. Kurze Zeit später entstiegen die drei Herren ihren Sänften, und Aufrecht Kaufmann und die anderen eilten ihnen in der Empfangshalle entgegen.
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So herrschte ein unablässiges Kommen und Gehen von Verwandten und Bekannten, die unmöglich alle aufgezählt werden können. Die ganzen neunundvierzig Tage lang wogte auf der Straße vor dem Stillfriede-Anwesen ein Strom weißgekleideter Trauernder und buntgewandeter Beamter hin und her.
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Herrlichkeit Kaufmann befahl Hibiskus Kaufmann, am nächsten Tag seine Festtagsgewänder anzulegen und die Bestallungsurkunde abzuholen. Sämtliche Opfergaben, Ranginsignien und sonstigen Gegenstände vor dem Sarg wurden nun durch solche ersetzt, wie sie einem Beamten des fünften Ranges zustanden. Auf der provisorischen Seelentafel und auf den Trauergebeten stand nun geschrieben: ‚Seelenplatz der die Minne vom Hause Kaufmann, gnädige Frau [恭人] von kaiserlichen Gnaden' [Anm.: 恭人 war die Ehrenbezeichnung für die Gattin eines Beamten des fünften Ranges].
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Das auf die Straße führende Haupttor des Gartens der Gesammelten Düfte wurde weit geöffnet. Sogleich errichtete man auf beiden Seiten Orchesterstände, auf denen zwei Gruppen von Musikanten zu festgelegten Zeiten aufspielten. Die Ranginsignien waren paarweise mit peinlicher Ordnung aufgestellt. Ferner ragten vor dem Tor zwei zinnoberrote Tafeln mit großen vergoldeten Schriftzeichen auf, die die Inschrift trugen:
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‚Gardist der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüter der Wege im Inneren Palast, Drachengardeoffizier'
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Den Tafeln gegenüber erhob sich ein hoher Altar, auf dem die buddhistischen und taoistischen Priester ihren Anschlag angebracht hatten. Darauf stand in großer Schrift:
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‚Zur Trauerfeier der die Minne, gnädige Frau [恭人] des Kaufmann-Hauses, Gattin eines Gardisten der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüters der Wege im Inneren Palast und Drachengardeoffiziers, älteste Enkelschwiegertochter des erblichen Herzogs von Ning-guo, bringen im Zentrum der vier Kontinente, im durch Himmelsmandat regierten Reiche des Friedens, der Direktor der Zentralen Buddhistenkanzlei, Wan Xu [萬虛], Oberster Leiter der Lehre vom Nichts und der Stille, und der Direktor der Zentralen Taoistenkanzlei, Ye Sheng [葉生], Oberster Leiter der Lehre vom Uranfang und der Dreifachen Einheit, in tiefer Ehrfurcht ihre Gebete dar und ersuchen alle Schutzgottheiten der Tempel, die diensttuenden Geister und die himmlischen Boten, ihre heilige Gnade weit auszugießen und ihre göttliche Macht in die Ferne strahlen zu lassen, auf dass in neunundvierzig Tagen die Sünden getilgt und das Böse abgewaschen werde — ein Wasser-und-Land-Ritual des Friedens und der Sicherheit.'
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So lautete es; der weitere Text braucht hier nicht in aller Ausführlichkeit wiedergegeben zu werden.
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Obwohl Herrlichkeit Kaufmanns Wünsche nun in jeder Hinsicht erfüllt waren, lag in den inneren Gemächern Dame Sonders mit ihrem alten Leiden krank darnieder und konnte sich um nichts kümmern. Herrlichkeit Kaufmann fürchtete, es könnte beim Empfang der hohen Beamtengattinnen zu einem Verstoß gegen die Etikette kommen und man würde über ihn lachen. Dieser Gedanke bereitete ihm großes Unbehagen.
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Als er gerade in solcher Sorge dasaß, fragte Schatzjade, der sich neben ihm befand: „Es scheint doch alles geordnet zu sein, großer Bruder — was bedrückt Euch noch?"
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Herrlichkeit Kaufmann erklärte ihm, dass in den inneren Gemächern niemand sei, der die Leitung übernehmen könne.
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Schatzjade lachte und sagte: „Wo liegt da die Schwierigkeit? Ich werde Euch jemanden empfehlen, der für diesen Monat die Aufsicht übernehmen kann — und es wird bestimmt alles tadellos geregelt!"
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„Wen denn?" fragte Herrlichkeit Kaufmann sogleich.
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Da im Raum noch viele Verwandte und Freunde saßen, konnte Schatzjade es nicht laut sagen. Er trat nahe an Herrlichkeit Kaufmann heran und flüsterte ihm zwei Sätze ins Ohr. Als Herrlichkeit Kaufmann sie hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Eilig erhob er sich und sagte: „In der Tat, das ist genau die Richtige! Gehen wir sogleich zu ihr!" Damit zog er Schatzjade mit sich, verabschiedete sich von den Gästen und begab sich in den Hauptraum der inneren Gemächer.
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Es traf sich, dass es an diesem Tag kein regulärer Trauertag war und daher nur wenige Gäste erschienen waren. In den inneren Gemächern saßen bloß einige wenige Frauen aus der engeren Verwandtschaft, denen Frau Strafe, Dame König, Phönixglanz und einige weitere weibliche Familienangehörige Gesellschaft leisteten. Als gemeldet wurde: „Der gnädige Herr kommt!", erschraken die Damen so sehr, dass sie mit einem Aufschrei nach hinten flüchteten, um sich zu verbergen. Einzig Phönixglanz stand gelassen auf.
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Herrlichkeit Kaufmann war in diesen Tagen selbst etwas kränklich, und zudem hatte der Kummer ihn überwältigt. Auf einen Stock gestützt, humpelte er herein.
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Frau Strafe und die anderen sagten: „Du bist nicht wohl und hast jeden Tag so viele Dinge zu besorgen — du solltest dich lieber schonen, statt hierher zu kommen!"
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Herrlichkeit Kaufmann stützte sich auf seinen Stock und mühte sich, in die Knie zu gehen, um seinen Gruß und Dank darzubringen. Frau Strafe und die anderen riefen rasch Schatzjade herbei, ihm aufzuhelfen, und ließen einen Stuhl bringen. Doch Herrlichkeit Kaufmann wollte sich durchaus nicht setzen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Euer Neffe ist hereingekommen, weil er die beiden Tanten und die große Schwägerin um etwas bitten möchte."
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„Was ist es?" fragten Frau Strafe und die anderen sogleich.
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Herrlichkeit Kaufmann sprach eilig: „Die Tanten wissen es gewiss: Die Frau Eures Großneffen ist verstorben, und ausgerechnet jetzt muss Eure Nichte [Dame Sonders] krank darniederliegen. In den inneren Gemächern herrscht wahrhaft keine Ordnung mehr. Wenn die große Schwägerin sich herablassen wollte, für einen Monat hier nach dem Rechten zu sehen — dann wäre ich beruhigt."
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Frau Strafe sagte lächelnd: „Das ist es also! Deine Schwägerin gehört aber zum Haushalt deiner zweiten Tante, du musst also mit ihr darüber sprechen."
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Dame König sagte darauf: „Ein junges Ding wie sie hat so etwas noch nie erlebt! Wenn sie damit nicht zurechtkommt, machen sich die Leute über uns lustig. Es wäre besser, du bittest jemand anderen!"
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Herrlichkeit Kaufmann erwiderte lächelnd: „Ich kann mir schon denken, was Ihr befürchtet, Tante! Ihr habt Angst, es könnte zu anstrengend für sie sein. Aber was die Fähigkeit betrifft — dafür verbürge ich mich! Und selbst wenn sie einmal eine Kleinigkeit nicht ganz richtig macht, werden die anderen es noch immer für tadellos halten.
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Von klein auf hat die Schwägerin bei aller Scherzhaftigkeit eine entschlossene und tatkräftige Natur gezeigt [Anm.: 殺伐決斷, wörtlich ‚schneidend und entscheidend wie ein Feldherr'], und seit sie geheiratet hat und drüben bei Euch im Haushalt hilft, hat sie noch mehr Übung und Erfahrung gewonnen. Ich habe tagelang darüber nachgedacht — außer ihr kommt niemand in Frage. Wenn Ihr nicht Eurem Neffen und seiner Frau zuliebe zustimmen wollt, Tante, so tut es doch um der Toten willen!" Bei diesen Worten rollten ihm Tränen über die Wangen.
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Dame Königs heimliche Sorge war, dass Phönixglanz, die noch nie einen Trauerfall geleitet hatte, nicht damit zurechtkommen und sich zum Gespött der Leute machen könnte. Als sie nun sah, wie flehentlich Herrlichkeit Kaufmann bat, und als er so aufrichtige Worte fand, war sie innerlich schon halb umgestimmt. Doch noch saß sie da und blickte gedankenverloren zu Phönixglanz hinüber.
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Phönixglanz ihrerseits kannte kein größeres Vergnügen, als Angelegenheiten an sich zu ziehen und ihre Begabung und Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Den Haushalt im Prunkwille-Anwesen führte sie zwar einwandfrei, doch hatte sie ein großes Ereignis wie eine Hochzeit oder einen Trauerfall noch nicht leiten können und fürchtete, man sei noch nicht ganz von ihr überzeugt. Insgeheim hatte sie nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Als nun Herrlichkeit Kaufmann mit seiner Bitte kam, frohlockte sie innerlich bereits. Erst sah sie, wie Dame König ablehnte, dann aber, wie diese durch Herrlichkeit Kaufmanns Aufrichtigkeit sichtlich gerührt wurde. Da wandte sie sich an Dame König und sprach: „Da der große Bruder so inständig bittet, solltet Ihr einwilligen, gnädige Frau!"
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„Wirst du es denn können?" fragte Dame König leise.
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Phönixglanz erwiderte: „Was soll daran schwierig sein? Die großen Dinge, die vor aller Augen zu erledigen sind, hat der große Bruder bereits geregelt. Es geht doch nur darum, dass man in den inneren Gemächern ein wenig nach dem Rechten sieht. Und wenn ich einmal etwas nicht weiß, frage ich die gnädige Frau — so wird es schon gehen!"
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Dame König erkannte, dass dies vernünftig klang, und sagte nichts weiter.
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Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass Phönixglanz zugestimmt hatte, lächelte er erleichtert und sagte: „Es lässt sich nicht alles berücksichtigen, jedenfalls bitte ich die große Schwägerin um ihre Mühe. Ich will Euch hier meinen Dank erweisen, und wenn die Angelegenheit abgeschlossen ist, komme ich noch ins Prunkwille-Anwesen hinüber, um mich förmlich zu bedanken." Und schon legte er die Hände zusammen und verneigte sich ein ums andere Mal. Phönixglanz erwiderte den Gruß hastig.
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Darauf zog Herrlichkeit Kaufmann eine Hausmarke [對牌] des Hauses Ning aus seinem Ärmel hervor und befahl Schatzjade, sie Phönixglanz zu überreichen. Dazu sprach er: „Macht es nur, wie Ihr selbst es für richtig haltet, Schwägerin! Wenn Ihr etwas benötigt, zeigt diese Marke vor und lasst es Euch geben, ohne mich erst zu fragen! Vor allem bitte ich Euch: Setzt Euch nicht in den Kopf, mir Geld sparen zu wollen — es soll nur gut und angemessen aussehen, das ist die Hauptsache! Und zum Zweiten behandelt die Leute hier genauso, wie Ihr es drüben im Prunkwille-Anwesen tut, und fürchtet Euch nicht davor, dass jemand Euch deswegen grollen könnte! Außer diesen beiden Bitten habe ich keinerlei Bedenken mehr."
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Phönixglanz wagte nicht, die Marke ohne Weiteres anzunehmen, und blickte fragend zu Dame König hinüber. Dame König sprach: „Wenn dein Schwager es so haben will, dann sieh hier schon nach dem Rechten. Aber triff keine eigenmächtigen Entscheidungen! Wenn etwas ist, schick jemanden, der deinen Schwager oder deine Schwägerin fragt. Vergiss das nicht!"
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Schatzjade hatte Herrlichkeit Kaufmann die Marke bereits abgenommen und drückte sie Phönixglanz in die Hand.
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Herrlichkeit Kaufmann fragte noch: „Wollt Ihr hier wohnen, Schwägerin, oder jeden Tag herüberkommen? Wenn Ihr jeden Tag hin- und herfahrt, ist das nur noch anstrengender für Euch. Am besten lasse ich hier rasch ein Gehöft für Euch herrichten, wo Ihr für diese Zeit wohnen könnt — das wäre doch bequemer!"
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Phönixglanz sagte lächelnd: „Das ist nicht nötig. Auch drüben im Prunkwille-Anwesen kann man mich nicht entbehren. Da ist es besser, ich komme jeden Tag herübergefahren."
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So musste Herrlichkeit Kaufmann diesen Punkt auf sich beruhen lassen. Nachdem sie noch eine Weile über dies und jenes gesprochen hatten, ging er schließlich hinaus.
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Als sich nach und nach auch die Besucherinnen verabschiedet hatten, fragte Dame König Phönixglanz: „Wie willst du es heute halten?"
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Phönixglanz antwortete: „Die gnädige Frau möge nur bitte nach Hause fahren. Ich muss mich hier erst einmal zurechtfinden und mir einen Überblick verschaffen, bevor ich nachkommen kann."
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Dame König fuhr daraufhin zusammen mit Frau Strafe nach Hause zurück, und von ihnen soll jetzt nicht weiter die Rede sein.
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Phönixglanz aber begab sich in einen Anbau von drei Jian [Anm.: 間, Säulenzwischenräume, ein Raummaß] Breite, setzte sich dort nieder und dachte nach. Sie überlegte:
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„Das erste Problem ist, dass hier zu viele verschiedene Menschen auf einem Haufen leben und daher allerhand abhandenkommt. Das zweite ist, dass niemand eine feste Aufgabe hat und bei jedem Anlass die Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Das dritte ist, dass die Ausgaben übermäßig hoch sind und es Verschwendung und Unterschlagung gibt. Das vierte ist, dass die Aufgaben ohne Rücksicht auf Rang und Größe verteilt werden, sodass Mühe und Bequemlichkeit ungleich verteilt sind. Das fünfte ist, dass das Gesinde zügellos geworden ist: Wer Ansehen genießt, lässt sich nicht zügeln, und wer keines genießt, hat keine Möglichkeit, sich hochzuarbeiten."
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Diese fünf Punkte waren in der Tat die tief eingewurzelten Missstände des Hauses Ning. Wer wissen will, wie Phönixglanz damit umging, der lese das nächste Kapitel.
  
Djia Juee fällt auf Hsi-Fëng herein und erhält eine Abreibung. Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
Lächelnd fragte Djia Dschën nach dem Preis, und Hsüä Pan antwortete, ebenfalls lächelnd: „So etwas bekommt man auch für tausend Liang Silber nirgends zu kaufen. Was soll also der Preis? Gebt ihnen ein paar Liang Lohn für die Arbeit, dann ist es recht!“ Djia Dschëns Dank fand kein Ende, und er befahl, man solle das Holz zurechtsägen, leimen und lackieren.
 
„So ein Holz ist, fürchte ich, nichts für einfache Leute!“ gab Djia Dschëng zu bedenken. „Wenn man sie in einem Sarg aus bestem Spießtannenholz begraben würde, wäre das auch genug.“ Aber nie wäre Djia Dschën imstande gewesen, auf ihn zu hören, da er am liebsten selber gestorben wäre, wenn er Frau Tjin dadurch hätte wieder lebendig machen können!
 
Dann wurde auf einmal bekannt, eines der Sklavenmädchen von Frau Tjin namens Juee-dschu habe sich angesichts des Todes ihrer Herrin das Leben genommen, indem sie sich an einer Säule den Kopf einrannte. Die ganze Sippe war voll Bewunderung über diesen seltenen Fall, und Djia Dschën ließ die Sklavin einsargen, wie es die Regel für eine Enkeltochter vorschreibt, und den Sarg mit in der Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen im Garten der Gesammelten Düfte aufstellen.
 
Weil Frau Tjin keine Kinder geboren hatte, wollte das Sklavenmädchen Bau-dschu als Adotivtochter dienen und schwor, sie sei der Aufgabe gewachsen, den Tontopf zu zerschmettern und dem Sarg voranzugehen. Djia Dschën war unendlich froh darüber und befahl, Bau-dschu solle künftig mit ‚Fräulein‘ angeredet werden. Wie es die Trauerriten von einer unverheirateten Tochter verlangen, wehklagte Bau-dschu vor dem Sarg, als ob ihr das Herz brechen wollte.
 
Sämtliche Sippenangehörigen und alle Leute vom Hausgesinde verhielten sich in der herkömmlichen Weise, die niemand eigenmächtig zu verletzen wagte.
 
Djia Dschën war bei dem Gedanken, daß Djia Jung nur den Titel eines Studenten der Reichsuniversität führte, der sich auf der Trauerfahne und dem Altaranschlag nicht eben großartig ausnehmen würde und der ihn nur zu wenigen Ranginsignien berechtigte, nicht besonders wohl zumute. Aber der Zufall wollte es, daß am vierten der ersten sieben Trauertage erst Opfergeschenke des Hofmeisters des Palastes der Großen Klarheit, des Eunuchen Dai Tjüan, gebracht wurden und dann dieser selbst in einer großen Sänfte kam, von Ehrenschirmträgern und Gongschlägern begleitet, um das Opfer zu vollziehen.
 
Djia Dschën beeilte sich, ihn zu begrüßen, und bat ihn ins Gemach des Bienenlockens, wo er ihm Tee vorsetzte. Djia Dschëns Entschluß stand bereits fest, darum sagte er beiläufig, er wünsche, für Djia Jung einen höheren Rang zu erwerben.
 
„Wohl damit das Begräbnis etwas prächtiger wird?“ fragte Dai Tjüan mit einem verständnisvollen Lächeln.
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Djia Dschën: „Ihr habt es getroffen, Herr Hofmeister!“
 
„Da habt Ihr aber Glück!“ sagte Dai Tjüan. „Es ist gerade ein schöner Posten frei. Zwei von den dreihundert Offiziersstellen der kaiserlichen Palastwache sind zur Zeit unbesetzt. Gestern war Alt Drei, der Bruder des Fürsten Hsiang-yang, bei mir und bat mich um eine der Stellen. Heute hat er mir eintausendfünfhundert Liang Silber dafür ins Haus gebracht. Wie Ihr wißt, bin ich ein alter Freund der Familie, und so habe ich – was sonst auch immer sein möge – seinem Großvater zuliebe ohne Bedenken zugesagt.
 
Um die restliche offene Stelle bat mich ganz unverhofft der Kommandant von Yung-hsing, der dicke Fëng, für seinen Sohn, aber ich hatte noch keine Zeit, ihm zu antworten. Wenn Ihr diese Stelle für Euren Sohn haben wollt, schreibt mir nur schnell seine Ahnenliste auf!“
 
Als Djia Dschën das hörte, ordnete er sogleich an, den Leuten im Schreibzimmer schnellstens aufzutragen, sie sollten die Ahnenliste des jungen Herrn in würdiger Form niederschreiben.
 
Ein Sklavenjunge ging ohne zu verweilen fort und kam bald darauf mit einem roten Blatt Papier zurück. Djia Dschën sah es durch, um es dann Dai Tjüan zu reichen, der darauf folgendes las: ‚Djia Jung, zwanzig Jahre alt, Student der Reichsuniversität aus dem Kreis Djiang-ning, Präfektur Djiang-ning. Urgroßvater: Djia Dai-hua, ehemals Kommandant der hauptstädtischen Garnison, Erbmarschall erster Klasse mit dem Ehrentitel Schën-wee. Großvater: Djia Djing, Djin-schï des Jahrgangs I-mau. Vater: Djia Dschën, Erbmarschall dritter Klasse mit dem Ehrentitel Wee-liä.‘
 
Als Dai Tjüan zu Ende gelesen hatte, zog er seine Hand wieder zurück, gab das Blatt einem Sklavenjungen seines Vertrauens zur Aufbewahrung und sagte dazu: „Wenn wir zu Hause sind, bringst du das zum alten Dschau, dem Finanzminister, und sagst ihm, ich ließe grüßen, er möchte dir bitte das Amtszeichen für einen Offizier der kaiserlichen Palastwache im fünften Beamtenrang aushändigen und dazu eine Urkunde mit den Angaben, die er aus dieser Ahnenliste übertragen lassen soll. Ich käme morgen selbst, um das Silber zu bringen.“
 
Der Knabe sagte „Jawohl!“, und nun verabschiedete sich Dai Tjüan. Djia Dschën versuchte mit allen Mitteln, ihn noch zum Bleiben zu bewegen, aber ohne Erfolg. Also hatte er keine andere Wahl, als ihn bis zum Außentor hinauszubegleiten. Als Dai Tjüan dort eben in seine Sänfte steigen wollte, fragte Djia Dschën noch: „Soll ich das Silber selbst ins Ministerium bringen, oder soll ich es mit in Eure Residenz bringen?“
 
„Wenn Ihr es ins Ministerium bringt, habt Ihr einen Verlust dabei“, sagte Dai Tjüan. „Das Beste ist, Ihr wiegt genau eintausendzweihundert Liang ab und bringt sie mir, damit ist die Sache erledigt!“
 
Djia Dschën bedankte sich in einem fort und sagte: „Wenn die Trauerperiode zu Ende ist, werde ich selbst meinen Köter von Sohn in Eure Residenz führen, damit er zum Dank seinen Stirnaufschlag vor Euch macht!“ Und damit grüßte er zum Abschied. Aber schon waren wieder Rufe zu hören, die Straße frei zu machen. Es war die Gemahlin von Schï Ding, dem Fürsten Dschung-djing, die da kam. Kaum hatten Dame Wang, Dame Hsing und Hsi-fëng sie begrüßt und in den Hauptraum geführt, als Opfergeschenke der Fürsten Djin-hsiang und Tschuan-ning sowie des Grafen Schaou-schan vor dem Sarg abgestellt wurden, und bald darauf entstiegen diese drei ihren Sänften. Djia Dschën führte sie rasch in die Empfangshalle.
 
So herrschte ein ununterbrochenes Kommen und Gehen von Verwandten und Freunden – unmöglich, sie alle aufzuzählen. Die ganzen neunundvierzig Tage lang wogte ein Strom von Verwandten in weißer Trauerkleidung und Beamten in bunten Amtsroben die Straße, die zum Ning-guo-Anwesen führte, auf und ab.
 
Am Tage darauf legte Djia Jung auf Befehl von Djia Dschën seine Festtagsgewänder an und ging die Belege für seine Ernennung abholen. Sowohl die Insignien vor dem Sarg als auch die übrigen Gegenstände wurden durch solche ersetzt, die für einen Beamten der fünften Rangstufe vorgesehen sind. Der Papierstreifen auf der provisorischen Seelentafel erhielt die Aufschrift ‚Hier hat die Seele der Frau Tjin, Gattin eines Beamten der fünften Rangstufe aus der durch kaiserliche Huld belehnten Sippe der Djias, ihren Platz.‘
 
Das auf die Straße führende Haupttor des Gartens der Gesammelten Düfte wurde geöffnet, und sogleich wurden beiderseits davon Orchesterstände aufgebaut, wo zwei Gruppen von Musikanten zu festgelegten Zeiten spielten. Die Ranginsignien waren paarweise mit peinlicher Genauigkeit aufgestellt. Außerdem ragten vor dem Tor zwei zinnoberrote Tafeln auf, die in großen goldenen Schriftzeichen die Inschrift trugen:
 
‚Offizier der kaiserlichen Palastwache,
 
Hüter der Wege in der Verbotenen Stadt‘.
 
Den Tafeln gegenüber erhob sich ein hoher Altar, vor dem die Buddhisten- und Dauistenpriester ihren Anschlag angebracht hatten, auf dem es in großer Schrift hieß: ‚Zur Trauerfeier der Frau Tjin, Gattin eines Offiziers der kaiserlichen Palastwache und Hüters der Verbotenen Stadt im fünften Beamtenrang aus der Sippe der Djias, des ältesten Enkels des Erbherzogs Ning-guo, bringen im Zentrum der vier Kontinente, dem im Auftrag des Himmels regierten Reiche des Friedens, der Direktor der Zentralen Buddhistenkanzlei Wan Hsü, oberster Leiter der Lehre vom Nichts und der Stille, sowie der Direktor der Zentralen Dauistenkanzlei Yä Schëng, oberster Leiter der Lehre vom Ureinen und Dreifach-Einen, dem Himmel und Buddha ehrfürchtig ihre Gebete dar und bitten die Götter aller Tempel und die diensttuenden Geister, ihre heilige Gnade breit zu gewähren und ihre göttliche Macht weit zu entfalten, damit die Seele in neunundvierzig Tagen von ihren Sünden gereinigt wird und die zu Wasser und zu Lande Gestorbenen Ruhe finden...‘ Der Text ging noch weiter, aber er kann hier nicht in aller Ausführlichkeit wiederholt werden.
 
So waren Djia Dschëns Wünsche zwar in Erfüllung gegangen, aber da Frau You in den inneren Gemächern mit ihrem alten Leiden krank darniederlag und sich um nichts kümmern konnte, fürchtete er, von den Leuten ausgelacht zu werden, wenn es beim Empfang der Beamtengattinnen zu einem Verstoß gegen die Riten kommen würde, und dieser Gedanke bereitete ihm Unbehagen. Da fragte Bau-yü, der eben neben ihm saß: „Alles scheint doch so zu sein, wie es sein soll, was bedrückt dich noch, Vetter?“ Und Djia Dschën sagte ihm, daß er niemanden habe, der in den inneren Gemächern nach dem Rechten sehen könne.
 
„Wo ist da die Schwierigkeit?“ fragte Bau-yü lächelnd. „Ich werde dir jemand empfehlen, der für einen Monat die Leitung übernehmen kann und bestimmt alles richtig macht.“
 
„Wer ist das?“ fragte Djia Dschën sofort.
 
Angesichts der vielen Verwandten und Freunde, die mit im Raum waren, konnte Bau-yü es ihm nicht gut offen sagen, darum beugte er sich näher zu ihm und flüsterte ihm ein paar Sätze ins Ohr. Als Djia Dschën sie gehört hatte, kannte seine Freude keine Grenze, er erhob sich eilig und sagte lächelnd: „Das ist wirklich die Richtige, sofort gehe ich hin!“ Damit zog er Bau-yü hinter sich her, verabschiedete sich von den Gästen und begab sich in den Hauptraum.
 
Zufällig war gerade keiner der großen Trauertage, und so waren nur wenige Gäste anwesend. In den inneren Gemächern saßen nur einige Frauen aus der engeren Verwandtschaft, denen Dame Hsing, Dame Wang, Hsi-fëng und noch ein paar weibliche Familienangehörige Gesellschaft leisteten. Als gemeldet wurde, der gnädige Herr komme, erschraken die Besucherinnen so sehr, daß sie mit einem Aufschrei in den Innenraum stürzten, um sich dort zu verbergen. Einzig Hsi-fëng erhob sich gelassen von ihrem Sitz. Djia Dschën kränkelte in den letzten Tagen ebenfalls ein wenig, außerdem war der Kummer zuviel für ihn, darum kam er auf einen Stock gestützt hereingehinkt.
 
„Du fühlst dich nicht wohl und hast jetzt jeden Tag so viele Sorgen, da solltest du dich besser ausruhen, anstatt hierher zu kommen“, empfing ihn Dame Hsing. Djia Dschën umklammerte seinen Stock und versuchte niederzuknien, um Gruß und Dank zu äußern, aber Dame Hsing befahl Bau-yü rasch, ihm aufzuhelfen, und ordnete an, daß ein Stuhl gebracht wurde. Aber Djia Dschën wollte sich auf keinen Fall setzen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Es hat seinen Grund, daß ich hierher komme. Ich möchte die Tanten und die Schwägerin um etwas bitten.“
 
„Was ist es?“ fragte Dame Hsing sogleich.
 
„Ihr wißt es ja, Tante“, sagte Djia Dschën, „die Frau Eures Großneffen ist entschlafen, und ausgerechnet jetzt muß auch die Frau Eures Neffen krank darniederliegen, so daß in den inneren Gemächern wirklich Unordnung herrscht. Wenn sich die Schwägerin herablassen wollte, hier einen Monat lang nach dem Rechten zu sehen, würde ich beruhigt sein.“
 
„Das ist es also!“ sagte Dame Hsing lächelnd. „Deine Schwägerin gehört aber zum Haushalt deiner zweiten Tante, also mußt du mit ihr darüber sprechen.“
 
Da sagte Dame Wang bereits: „Ein Kind wie sie ist doch diesen Dingen gar nicht gewachsen! Wenn sie nicht damit zu Rande kommt, werden die Leute lachen. Besser, du bemühst jemand anders!“
 
Aber Djia Dschën erwiderte lächelnd: „Ich kann mir schon denken, was Ihr befürchtet, Tante! Ihr habt Angst, es wäre zu anstrengend für sie. Ihr meint, sie sei dem nicht gewachsen, aber sie es ist, ich verbürge mich dafür. Und wenn sie einmal eine Kleinigkeit falsch macht, wird es für die andern doch immer noch richtig aussehen.
 
Von klein auf ist die Schwägerin bei aller Liebe zum Spaß eine resolute Kämpfernatur, und seit sie verheiratet ist und drüben bei Euch im Haushalt hilft, hat sie genug Übung und Erfahrung gewonnen. Ich habe tagelang darüber nachgedacht, außer ihr kommt niemand in Frage. Wenn Ihr nicht Eurem Neffen und seiner Frau zuliebe zustimmen wollt, Tante, dann tut es der Toten zuliebe!“ Bei diesen Worten stürzten ihm Tränen aus den Augen.
 
Dame Wangs heimliche Sorge war es, Hsi-fëng, die noch keine Erfahrung mit Trauerfällen hatte, könnte damit nicht fertig werden und würde sich zum Gespött der Leute machen. Als sie jetzt sah, wie flehentlich Djia Dschën darum bat, war sie schon halb erweicht, aber noch saß sie da und blickte Hsi-fëng gedankenverloren an.
 
Hsi-fëng ihrerseits kannte kein größeres Vergnügen, als alle möglichen Angelegenheiten unter ihre Obhut zu nehmen und sich mit ihrer Begabung und ihrer Tüchtigkeit hervorzutun. Den Haushalt führte sie einwandfrei, aber weil sie ein größeres Ereignis wie eine Hochzeit oder einen Trauerfall noch nicht hatte leiten können, fürchtete sie, die Leute seien noch nicht ganz von ihr überzeugt, und hatte deshalb auf so etwas nur gewartet. Als jetzt Djia Dschën kam, frohlockte sie innerlich. Und nachdem sie gesehen hatte, wie Dame Wang erst ablehnte, dann aber durch Djia Dschëns Aufrichtigkeit angerührt wurde, sagte sie: „Stimmt doch zu, gnädige Frau, wenn der Schwager so inständig darum bittet!“
 
„Wirst du es können?“ fragte Dame Wang leise.
 
„Was ist denn schon dabei?“ entgegnete Hsi-fëng. „Was an wichtigen Dingen vor den Augen der Öffentlichkeit zu erledigen ist, besorgt Schwager Dschën. Ich soll ja nur auf die inneren Gemächer ein Auge haben. Und wenn ich etwas nicht weiß, werde ich Euch fragen. So muß es doch gehen!“
 
Dame Wang erkannte, daß Hsi-fëng recht hatte, und sagte nichts weiter.
 
Als Djia Dschën sah, daß Hsi-fëng einverstanden war, lächelte er wieder und sagte: „Viel ist es nicht, worum ich mich kümmern kann. Jedenfalls wird es eine Last für Euch sein, worum ich Euch bitte. Jetzt will ich Euch hier meinen Gruß entbieten, und wenn die Sache abgeschlossen ist, komme ich noch ins Jung-guo-Anwesen hinüber, um Euch meinen Dank abzustatten.“ Und schon legte er seine Hände zusammen und verneigte sich ein Mal ums andere. Sein Gruß wurde von Hsi-fëng jedesmal erwidert.
 
Nun holte Djia Dschën eine Hausmarke des Ning-guo-Anwesens aus seinem Ärmel hervor und befahl Bau-yü, sie Hsi-fëng zu geben. Dazu sagte er: „Macht nur alles, wie Ihr selbst es für richtig haltet, Schwägerin! Wenn Ihr etwas braucht, zeigt diese Marke vor und laßt es Euch geben, ohne mich erst zu fragen! Setzt Euch bitte nur nicht in den Kopf, sparsam mit meinem Geld umzugehen, denn das Wichtigste ist, daß alles gefällig aussieht! Im übrigen müßt Ihr mit den Leuten so umgehen, wie Ihr es drüben im Jung-guo-Anwesen tut, habt keine Angst, daß Euch jemand gram darum sein könnte! Das sind die beiden einzigen Bitten, die ich habe, in bezug auf alles andere bin ich unbesorgt.“
 
Hsi-fëng wagte nicht, die Hausmarke ohne weiteres anzunehmen, und blickte erwartungsvoll auf Dame Wang, bis diese sagte: „Nun sieh schon hier nach dem Rechten, wenn dein Schwager es so haben will! Triff aber keine eigenmächtigen Entscheidungen dabei, sondern schick jemand zu deinem Schwager oder zu seiner Frau, um zu fragen, wenn etwas ist! Denk daran!“
 
Schon hatte Bau-yü Djia Dschën die Marke abgenommen und drückte sie Hsi-fëng in die Hand.
 
Da fragte Djia Dschën noch: „Wollt Ihr hier wohnen, Schwägerin, oder jeden Tag herüberkommen? Tag für Tag hin- und herzufahren würde die Sache nur noch anstrengender für Euch machen, darum ist es das beste, ich lasse hier rasch ein Gehöft für Euch herrichten, wo Ihr solange wohnen könnt. Das ist doch bequemer für Euch!“
 
„Nicht nötig!“ sagte Hsi-fëng lächelnd. „Auch drüben geht es nicht ohne mich. Da ist es besser, ich komme jeden Tag herübergefahren.“
 
So mußte Djia Dschën diesen Punkt auf sich beruhen lassen. Er sprach dann noch über einige Belanglosigkeiten, und danach ging er wieder.
 
Als sich schließlich auch die Besucherinnen verabschiedet hatten, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng: „Wie willst du es heute machen?“
 
„Fahrt nur bitte nach Hause, gnädige Frau“, antwortete Hsi-fëng. „Ich muß mich hier erst einmal zurechtfinden, ehe ich nachkommen kann.“
 
Also fuhr Dame Wang mit Dame Hsing zusammen nach Hause, und es soll jetzt von ihnen nicht weiter die Rede sein.
 
Hsi-fëng aber ging in einen Anbau von drei Säulenzwischenräumen Breite, setzte sich dort hin und dachte nach. „Das erste Problem ist, daß hier eine so gemischte Gesellschaft zusammenlebt, wodurch allerhand abhanden kommt“, überlegte sie. „Das zweite ist, daß niemand seine feste Aufgabe hat und alle Aufträge von Fall zu Fall vergeben werden. Das dritte ist, daß die Aufgaben zu groß sind, daß es Verschwendung und Unterschlagung gibt. Das vierte ist, daß die Aufgaben achtlos vergeben werden, wodurch Freude und Qual ungleich verteilt sind. Das fünfte ist, daß das Gesinde außer Rand und Band ist; wer Ansehen genießt, ist nicht zu bändigen, und wer keines genießt, kommt nicht voran.“
 
Diese fünf Punkte kennzeichnen wirklich die Zustände, wie sie im Ning-guo-Anwesen herrschten. Wer wissen will, wie Hsi-fëng damit fertig wurde, muß das nächste Kapitel lesen.
 
 
Wahrlich:
 
Wahrlich:
Ein Beamtenheer hält das Reich nicht in Zucht,
 
doch ein, zwei Frauen schaffen Ordnung im Haus.
 
  
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  Von Zigtausend Beamten in Purpur und Gold — wer regiert das Reich?
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  Doch ein, zwei Frauen im Festgewand vermögen ein Haus zu ordnen.
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  [金紫萬千誰治國,裙釵一二可齊家。]

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 13

In dem Anmutig Minne im Tode den Ehrentitel eines Drachengardeoffiziers erhält und Phönixglanz[1] die Verwaltung des Hauses Ning übernimmt

Wie erzählt wird, hatte Phönixglanz, nachdem Kette Kaufmann[2] abgereist war, um Kajaljade[3] nach Yangzhou zu begleiten, in der Tat wenig Zerstreuung. Jeden Abend plauderte und scherzte sie nur ein wenig mit Friedchen[4], und dann legte sie sich, so gut es eben ging, schlafen.

An einem Abend saß sie mit Friedchen beim Lampenschein am Holzkohlebecken und stickte, müde geworden. Schon früh hatte sie befohlen, die gestickten Bettdecken kräftig mit Räucherwerk zu durchduften. Die beiden legten sich nieder. Phönixglanz rechnete an den Fingern ab, wo die Reisenden auf ihrem Weg wohl schon angelangt sein mochten, und ehe sie sich versah, war die dritte Nachtwache angebrochen. Friedchen schlief bereits fest. Phönixglanz erst bemerkte, wie sich ihre Sternenaugen ein wenig trübten, als sie verschwommen sah, wie die Minne[5] von draußen hereinkam und lächelnd zu ihr sprach:

„Liebe Tante, was schlaft Ihr tief! Ich kehre heute heim, und Ihr wollt mich nicht einmal ein Stück des Weges begleiten! Weil wir uns als Frauen stets so gut verstanden haben, konnte ich mich nicht von Euch trennen und bin noch einmal gekommen, um mich zu verabschieden. Außerdem liegt mir noch ein Herzensanliegen auf der Seele, das ich Euch anvertrauen muss, denn andere würden dem schwerlich gerecht werden."

Als Phönixglanz dies hörte, fragte sie wie im Traum: „Was für ein Anliegen ist es? Vertrau es mir nur an!"

Anmutig Minne sprach: „Tante, Ihr seid wahrlich eine Heldin unter den Frauen [Anm.: 脂粉隊里的英雄, wörtlich ‚Heldin unter den Geschminkten'], und selbst Männer mit Amtsgürtel und Beamtenkappe können Euch nicht übertreffen. Wie kommt es da, dass Ihr nicht einmal ein paar geläufige Sprichwörter kennt? Man sagt doch: ‚Ist der Mond voll, nimmt er wieder ab; ist das Gefäß voll, läuft es über.' Und weiter heißt es: ‚Wer hoch steigt, fällt tief.' Unsere Familie lebt nun schon fast hundert Jahre in Glanz und Pracht. Sollte eines Tages auf dem Gipfel der Freude das Leid hervorbrechen und sich das Sprichwort bewahrheiten: ‚Fällt der Baum, laufen die Affen davon' — hätten wir dann nicht vergeblich eine ganze Generation lang den Ruf einer angesehenen Literaten- und Beamtenfamilie genossen?"

Als Phönixglanz dies vernahm, weitete sich ihr Herz, und voller Ehrfurcht fragte sie rasch: „Diese Überlegung ist äußerst treffend! Aber gibt es denn ein Mittel, die Familie auf ewig in Sicherheit zu bewahren?"

Anmutig Minne lächelte kühl und sprach: „Wie töricht Ihr doch seid, Tante! Auf äußerstes Unglück folgt Glück, Ruhm und Schmach lösen einander seit alters her in einem ewigen Kreislauf ab — wie könnte menschliche Kraft dies für immer aufhalten? Doch wenn man jetzt, in der Zeit der Blüte, Vorsorge für die Zeit des künftigen Verfalls trifft, so könnte man dies durchaus ein ‚Ewiges Bewahren' nennen. Derzeit steht alles zum Besten, nur zwei Dinge sind noch nicht geordnet. Wenn man diese beiden Angelegenheiten so und so in Ordnung brächte, wäre die Zukunft für immer gesichert."

Phönixglanz fragte sogleich, was es denn sei.

Anmutig Minne sprach: „Erstens werden an den Ahnengräbern zwar zu allen vier Jahreszeiten Opfer dargebracht, doch gibt es kein festes Einkommen, das hierfür bestimmt ist. Zweitens gibt es zwar eine Familienschule, aber keinen gesicherten Unterhalt für sie. Nach meiner Überlegung mangelt es in der gegenwärtigen Zeit des Wohlstands gewiss nicht an Mitteln für Ahnenopfer und Schulbetrieb — doch wenn dereinst der Verfall eintritt, woher sollen diese beiden Posten dann bestritten werden?

Am besten wäre es, meinem Vorschlag zu folgen: Man sollte den heutigen Reichtum nutzen und in der Nähe der Ahnengräber reichlich Felder, Güter und Häuser erwerben, damit sämtliche Aufwendungen für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein aus diesen Einkünften bestritten werden können. Auch die Familienschule sollte dort eingerichtet werden. Die gesamte Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam verbindliche Regeln aufstellen, wonach jeder Haushalt der Reihe nach für jeweils ein Jahr die Verwaltung der Felder und Einkünfte, der Ahnenopfer und des Schulbetriebs übernimmt. Wenn die Verantwortung so im Turnus wechselt, kann es weder Vormachtstreben noch solche Missstände wie Verpfändung oder Veräußerung geben. Und sollte sich die Familie je etwas zuschulden kommen lassen, so kann zwar aller sonstige Besitz beschlagnahmt werden — nicht jedoch das Vermögen, das den Ahnenopfern dient, denn selbst die Behörden dürfen es nicht einziehen. So hätten die Söhne und Enkel, auch wenn es mit der Familie bergab ginge, auf dem Lande eine Zuflucht, wo sie studieren und die Felder bestellen könnten, und die Ahnenopfer wären auf ewig gesichert.

Wer nur die gegenwärtige Pracht vor Augen hat und meint, sie werde nie enden, und deshalb nicht an die Zukunft denkt — für den gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Wie es aussieht, steht in naher Zukunft ein außerordentlich glückliches Ereignis bevor; es wird wahrlich zugehen wie ‚Fett, das auf loderndem Feuer gekocht wird, und frische Blumen, die auf Brokat gestreut werden' [Anm.: 烈火烹油、鮮花著錦 — Bild für überschwängliche, aber vergängliche Pracht]. Doch Ihr müsst wissen: All dies ist nur ein flüchtiger Glanz und eine kurze Lust. Auf keinen Fall dürft Ihr das Sprichwort vergessen: ‚Auch das prächtigste Fest geht einmal zu Ende!' [Anm.: 盛筵必散] Wer sich jetzt nicht rechtzeitig Gedanken um die Zukunft macht, dessen Reue wird vergeblich sein, wenn es erst so weit ist."

Phönixglanz fragte rasch: „Was für ein glückliches Ereignis wird das sein?"

Anmutig Minne sprach: „Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht preisgegeben werden [Anm.: 天機不可泄漏]. Nur weil wir einander stets zugetan waren, will ich Euch zum Abschied noch zwei Zeilen mit auf den Weg geben, die Ihr Euch gut merken müsst." Und sie rezitierte:

 Wenn der dreifache Frühling vorüber, sind alle Blüten dahin —
 dann suche nur jeder für sich allein seinen Weg.
 [三春去後諸芳盡,各自須尋各自門。]

Phönixglanz wollte noch weiter fragen, als sie vom zweiten Tor her vier rasch aufeinanderfolgende Schläge auf die bronzene Meldeplatte hörte, die sie aus dem Schlaf rissen. Es wurde gemeldet: „Die junge gnädige Frau Rong im östlichen Anwesen ist verschieden!"

Phönixglanz erschrak so heftig, dass ihr am ganzen Leib der kalte Schweiß ausbrach. Eine Weile saß sie völlig benommen da, dann aber zog sie sich eilig an und begab sich zu Dame König[6].

Inzwischen hatte die ganze Familie die Nachricht vernommen, und jedermann war bestürzt und ein wenig ungläubig. Die Älteren gedachten ihrer stets so kindlichen Ehrerbietung; die Gleichaltrigen erinnerten sich an ihr herzliches und freundschaftliches Wesen; die Jüngeren dachten an ihre Güte und Milde. Und das gesamte Gesinde, Alte wie Junge, gedachte ihrer barmherzigen Fürsorge für die Armen und Geringen, ihrer Freundlichkeit zu Greisen und Kindern. Da war niemand, der nicht laut klagend und bitterlich weinend getrauert hätte.

Doch lassen wir die vielen Nebenumstände beiseite. Wie erzählt wird, war Schatzjade[7] seit Kajaljades Abreise einsam und betrübt zurückgeblieben. Er spielte und scherzte mit niemandem mehr und legte sich jeden Abend niedergeschlagen schlafen. Als er nun im Traum hörte, die Minne sei gestorben, drehte er sich hastig um und setzte sich auf. Es war ihm, als würde ein Messer in sein Herz gestoßen. Mit einem gurgelnden Laut spie er einen Schwall Blut hervor.

Dufthauch[8] und die anderen Mägde stürzten bestürzt herbei, stützten ihn und fragten, was geschehen sei. Sie wollten sogleich der Herzoginmutter[9] Bericht erstatten und einen Arzt rufen lassen. Doch Schatzjade sagte lächelnd: „Macht euch keine Sorgen, es ist nichts Ernstes. Das Feuer der Aufregung ist mir aufs Herz geschlagen, und das Blut hat seine Bahn verlassen." Damit stand er auf, verlangte frische Kleider und zog sich um, um sich bei der Herzoginmutter zu zeigen und sie um Erlaubnis zu bitten, sogleich ins Stillfriede-Anwesen hinüberzugehen.

Dufthauch war zwar keineswegs beruhigt, wagte es aber nicht, ihn zurückzuhalten, und ließ ihn gewähren. Als die Herzoginmutter seinen Wunsch vernahm, sagte sie: „An dem Ort, wo soeben ein Mensch seinen letzten Atem ausgehaucht hat, ist es nicht rein. Außerdem ist es Nacht, und der Wind bläst stark. Wenn du morgen früh gehst, ist es auch nicht zu spät." Doch wie hätte Schatzjade sich fügen können! Also befahl die Herzoginmutter, einen Wagen anzuspannen, und gab ihm ein reichliches Gefolge mit, das auf ihn achtgeben sollte.

Sie fuhren geradewegs zum Stillfriede-Anwesen. Schon von weitem standen die Tore sperrangelweit offen, und die Laternen auf beiden Seiten erleuchteten alles taghell. Aufgeregt liefen Menschen hin und her, und das Wehklagen, das aus dem Inneren drang, war so gewaltig, als könnte es Berge erschüttern und die Erde erbeben lassen. Schatzjade stieg aus dem Wagen und eilte zum Aufbahrungszimmer, wo er eine ganze Weile bitterlich weinte.

Dann ging er zu Dame Sonders[10], die jedoch gerade unter einem Anfall ihrer alten Magenkrankheit litt und das Bett hütete. Sodann trat er zu Herrlichkeit Kaufmann[11] hinaus.

Dort waren inzwischen auch Gelehrter Kaufmann [贾代儒], Kaufmann Anweisung [贾敕], Kaufmann Wirkung [贾效], Kaufmann Aufrichtigkeit [贾敦], Begnadigung Kaufmann[12], Aufrecht Kaufmann[13], Kaufmann Ehrfürchtig [贾琮], Kaufmann Bian [贾㻞], Heng Kaufmann [贾珩], Kaufmann Guang [贾珖], Chen Kaufmann [贾琛], Qiong Kaufmann [贾瓊], Lin Kaufmann [贾璘], Rosenbeet Kaufmann[14], Kaufmann Kalmus [贾菖], Lin Kaufmanng [贾菱], Yun Kaufmann [贾芸], Qin Kaufmann [贾芹], Zhen Kaufmann [贾蓁], Ping Kaufmann [贾萍], Kaufmann Algen [贾藻], Heng Kaufmann [贾蘅], Kaufmann Fen [贾芬], Fan Kaufmanng [贾芳], Orchidee Kaufmann [贾兰], Jun Kaufmann [贾菌] und Zhi Kaufmann [贾芝] eingetroffen.

Herrlichkeit Kaufmann weinte so, als bestünde sein Leib ganz aus Tränen, und sagte gerade zu Gelehrter Kaufmann und den anderen: „In der ganzen Familie, Groß und Klein, unter nahen und fernen Verwandten und Freunden — wer wüsste nicht, dass meine Schwiegertochter zehnmal tüchtiger war als mein Sohn! Nun hat sie die Beine ausgestreckt und ist von uns gegangen — es ist offensichtlich, dass die ältere Linie unserer Familie zum Aussterben verdammt ist, ohne einen Menschen, der etwas taugt!" Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.

Die Anwesenden redeten ihm zu: „Da sie nun einmal aus der Welt geschieden ist, nützen Tränen nichts mehr. Lasst uns lieber beraten, wie die Bestattung zu handhaben ist!"

Herrlichkeit Kaufmann schlug klagend die Hände zusammen und rief: „Wie sie zu handhaben ist? Ich werde alles hergeben, was ich besitze, nichts weiter!"

In diesem Augenblick trafen auch Qin Ye [秦业] und Liebglocke Minne sowie mehrere Verwandte von Dame Sonders ein, darunter deren Schwestern. Herrlichkeit Kaufmann befahl Qiong Kaufmann, Chen Kaufmann, Lin Kaufmann und Rosenbeet Kaufmann, sich um die Gäste zu kümmern, und ordnete zugleich an, man solle zum Sterndeuteramt des Kaiserlichen Astronomieamtes [Anm.: 欽天監陰陽司, das für die Auswahl günstiger Tage zuständige kaiserliche Amt] schicken, um einen Glückstag bestimmen zu lassen. Es wurde festgelegt, dass die Aufbahrung sieben mal sieben, also neunundvierzig Tage dauern solle. Am dritten Tag nach dem Tod sollte die Trauer offiziell eröffnet und die Todesnachricht versandt werden.

Während dieser neunundvierzig Tage sollten einhundertundacht buddhistische Mönche der Chan-Schule [Anm.: 禪僧, Zen-Buddhisten] in der großen Empfangshalle das Sutra der Großen Barmherzigkeit [大悲懺] verlesen, um die Seelen aller vor und nach ihr Verstorbenen zur Erlösung zu geleiten und die Sünden der Verstorbenen zu tilgen. Ferner sollte auf dem Turm des Himmelsduftes [天香樓] ein weiterer Altar errichtet werden, wo neunundneunzig taoistische Priester der Quanzhen-Schule [Anm.: 全真道士, Priester der Schule der Vollkommenen Wahrheit] in neunundvierzig Tagen ein Entsühnungsritual abhalten sollten. Die Aufbahrung sollte im Garten der Gesammelten Düfte [會芳園] stattfinden, und vor dem Sarg sollten zusätzlich je fünfzig hohe buddhistische und taoistische Priester an Altären abwechselnd alle sieben Tage die heiligen Zeremonien vollziehen.

Als Ehrfurcht Kaufmann — der sich in ein taoistisches Kloster zurückgezogen hatte — erfuhr, dass die Frau seines ältesten Enkels gestorben war, sah er keinen Grund, deswegen nach Hause zurückzukehren. Er war überzeugt, dass er bald zu den Unsterblichen aufsteigen werde, und wollte nicht durch erneuten Kontakt mit dem „roten Staub" [紅塵] der irdischen Welt alle seine erworbenen Verdienste zunichtemachen. Darum kümmerte er sich nicht im Geringsten darum und überließ alles Herrlichkeit Kaufmann.

Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass sein Vater sich nicht einmischte, wurde er erst recht maßlos verschwenderisch. Bei der Auswahl des Sargholzes waren ihm mehrere Partien aus Zedernholz nicht gut genug. Da kam zufällig Becken Schnee[15] zum Kondolenzbesuch. Als er hörte, dass Herrlichkeit Kaufmann nach gutem Holz suchte, sagte er: „In unserer Holzhandlung gibt es eine Partie Bretter, die aus einem Holz gemacht sind, das man ‚Qiang-Holz' [檣木] nennt. Es stammt vom Eisennetzmassiv am Huang-Meer [潢海鐵網山]. Ein Sarg daraus verrottet auch in zehntausend Jahren nicht. Dieses Holz hat noch mein verstorbener Vater mitgebracht. Ursprünglich war es für den alten Prinzen Yizhong [義忠親王老千歲] bestimmt gewesen, doch weil dieser dann in Ungnade fiel, konnte er es nicht mehr abholen lassen. Es liegt bei uns noch immer unter Verschluss im Lager, und niemand wagt es, den verlangten Preis dafür zu zahlen. Wenn Ihr es haben wollt, lasse ich es einfach herschaffen."

Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Er schickte sogleich Leute, um das Holz herbeizuschaffen. Als alle es betrachteten, sahen sie, dass die Seiten- und Bodenbretter je acht Cun [Anm.: 寸, etwa 26 cm] dick waren. Die Maserung glich der einer Betelnusspalme, der Duft erinnerte an Sandelholz und Moschus, und wenn man dagegenklopfte, klang es wie Gold und Jade. Alle staunten und spendeten reichlich Lob.

Herrlichkeit Kaufmann fragte lächelnd: „Was kostet es?"

Becken Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Selbst für tausend Liang Silber wüsste man nicht, wo man solches Holz kaufen könnte. Wozu also über den Preis reden? Gebt den Arbeitern ein paar Liang Trinkgeld, dann ist es gut!"

Herrlichkeit Kaufmann dankte überschwänglich und befahl sogleich, das Holz zuzusägen, zu leimen und zu lackieren. Aufrecht Kaufmann gab indes zu bedenken: „Ich fürchte, ein solches Holz ist nichts, was gewöhnliche Menschen verdienen. Wenn man sie in einem Sarg aus bestem Zedernholz bestattet, ist das auch genug." Doch in diesem Augenblick hätte Herrlichkeit Kaufmann am liebsten selbst an die Minnes Stelle den Tod erlitten — wie hätte er auf solche Worte hören können!

Da wurde auch noch bekannt, dass eine von die Minnes Zofen namens Ruizhu [瑞珠] sich beim Anblick des Todes ihrer Herrin das Leben genommen hatte, indem sie sich an einer Säule den Kopf einrannte. Dies war ein in der Tat außergewöhnlicher Vorfall, und die ganze Sippe zollte ihr Bewunderung. Herrlichkeit Kaufmann ließ Ruizhu nach dem Ritus für eine Enkeltochter einsargen und ihren Sarg ebenfalls im Garten der Gesammelten Düfte in der Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen [登仙閣] aufstellen.

Eine andere kleine Zofe namens Baozhu [寶珠] erklärte sich, da die Minne keine eigenen Kinder hinterlassen hatte, aus freien Stücken bereit, als Adoptivtochter zu dienen, und schwor, die Pflicht zu übernehmen, den Tontopf zu zerschmettern und dem Sarg voranzugehen [Anm.: 摔喪駕靈, Trauerritus, bei dem die Trauernde einen Tontopf am Tor zerschmettert und dem Leichenzug voranschreitet]. Herrlichkeit Kaufmann war darüber überaus erfreut und gab sogleich den Befehl, Baozhu von nun an als ‚Fräulein' anzureden. Wie es die Trauerriten von einer unverheirateten Tochter verlangen, klagte und weinte Baozhu vor dem Sarg, als wolle ihr das Herz brechen.

Sämtliche Sippenangehörigen und das gesamte Gesinde verhielten sich nach der überlieferten Ordnung, und niemand wagte es, diese eigenmächtig zu verletzen.

Herrlichkeit Kaufmann war bei dem Gedanken unbehaglich, dass Hibiskus Kaufmann[16] lediglich den Titel eines Studenten der Reichsuniversität [黌門監] führte, was sich auf der Trauerfahne und dem Altaranschlag recht unscheinbar ausnehmen würde und ihm nur wenige Ranginsignien zugestand. Da traf es sich jedoch glücklich, dass am vierten Tag der ersten Sieben-Tage-Periode zunächst Opfergeschenke des Dai Quan [戴權] eintrafen — des Obersten Hofkämmerers des Palastes der Großen Klarheit [大明宮掌宮內相] —, und dass dieser kurz darauf selbst in einer großen Sänfte, unter Ehrenschirmen und Gongschall, persönlich erschien, um das Opfer darzubringen.

Herrlichkeit Kaufmann beeilte sich, ihn zu begrüßen, und geleitete ihn in das Gemach des Bienenlockens [逗蜂軒], wo er ihm Tee vorsetzte. In seinem Herzen hatte Herrlichkeit Kaufmann seinen Plan bereits gefasst, und so erwähnte er bei Gelegenheit, er wünsche, für Hibiskus Kaufmann einen Rang zu erwerben.

Dai Quan verstand sogleich und fragte lächelnd: „Wohl damit die Trauerfeierlichkeiten etwas prächtiger ausfallen?"

Herrlichkeit Kaufmann erwiderte eilig und ebenfalls lächelnd: „Der Herr Hofkämmerer sieht es ganz richtig!"

Dai Quan sprach: „Da trifft es sich gut. Gerade ist ein schöner Posten frei. Von den dreihundert Stellen der kaiserlichen Drachengarde [龍禁尉] sind zurzeit zwei unbesetzt. Gestern kam der dritte Bruder des Marquis von Xiangyang und bat mich um eine davon. Er hat eintausendfünfhundert Liang Silber zu mir nach Hause gebracht. Ihr wisst ja, wir sind alte Bekannte — und so habe ich, wie auch immer, seinem Großvater zuliebe ohne Bedenken zugestimmt. Die zweite offene Stelle wollte der Militärgouverneur von Yongxing, der dicke Feng, für seinen Sohn haben, aber ich hatte noch keine Zeit, ihm zu antworten. Wenn Ihr diese Stelle für Euren Sohn haben wollt, schreibt mir schnell seine Ahnenliste auf!"

Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, befahl er sogleich: „Man schicke eiligst ins Schreibzimmer und lasse in würdiger Form die Ahnenliste des jungen Herrn niederschreiben!" Ein Diener eilte ohne Verzug davon und kam eine kurze Weile später mit einem roten Blatt Papier zurück, das er Herrlichkeit Kaufmann überreichte. Dieser sah es durch und reichte es dann Dai Quan. Darauf stand geschrieben:

‚Hibiskus Kaufmann, zwanzig Jahre alt, Student der Reichsuniversität, aus dem Kreise Jiangning, Präfektur Jiangning in der Provinz Jiangnan. Urgroßvater: Kaufmann Daihua [贾代化], ehemals Kommandant der hauptstädtischen Garnison, erblicher General erster Klasse mit dem Ehrentitel Shenwei [神威]. Großvater: Ehrfurcht Kaufmann, Jinshi [進士] des Jahrgangs Yimao. Vater: Herrlichkeit Kaufmann, erblicher General dritter Klasse mit dem Ehrentitel Weilie [威烈].'

Dai Quan las es durch, reichte es mit einer Handbewegung einem Diener seines Vertrauens und sagte: „Wenn wir zu Hause sind, bringe dies zum alten Zhao vom Finanzministerium. Richte ihm aus, ich ließe grüßen, er möchte eine Ernennungsurkunde für einen Drachengardeoffizier des fünften Ranges ausstellen und dazu ein Amtssiegel ausfertigen. Die Angaben soll er aus dieser Ahnenliste übernehmen. Morgen komme ich selbst, um das Silber zu bringen." Der Diener bestätigte den Auftrag.

Dai Quan nahm daraufhin Abschied. Herrlichkeit Kaufmann versuchte mit allen Mitteln, ihn noch zum Bleiben zu bewegen, doch vergeblich. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn bis zum Außentor hinauszubegleiten. Als Dai Quan eben in seine Sänfte steigen wollte, fragte Herrlichkeit Kaufmann noch: „Soll ich das Silber selbst im Ministerium abliefern, oder soll ich es zusammen mit dem Rest in Euer Anwesen bringen lassen?"

Dai Quan erwiderte: „Wenn Ihr es im Ministerium abliefert, macht Ihr dabei einen Verlust. Es ist besser, Ihr wiegt genau eintausendzweihundert Liang ab und schickt sie zu mir — damit ist die Sache erledigt."

Herrlichkeit Kaufmann dankte unablässig und sagte nur: „Sobald die Trauerzeit vorüber ist, werde ich persönlich meinen unwürdigen Sohn in Euer Anwesen führen, damit er zum Dank seinen Kotau vor Euch vollzieht." Damit verabschiedeten sie sich.

Schon hörte man erneut Rufe, die Straße frei zu machen. Es war die Gemahlin des Fürsten Zhongjing, Shi Ding [忠靖侯史鼎], die vorfuhr. Kaum hatten Dame König, Frau Strafe[17] und Phönixglanz sie begrüßt und in den Hauptraum geleitet, als auch schon die Opfergeschenke des Marquis von Jinxiang [錦鄉侯], des Marquis von Chuanning [川寧侯] und des Grafen von Shoushan [壽山伯] vor dem Sarg aufgestellt wurden. Kurze Zeit später entstiegen die drei Herren ihren Sänften, und Aufrecht Kaufmann und die anderen eilten ihnen in der Empfangshalle entgegen.

So herrschte ein unablässiges Kommen und Gehen von Verwandten und Bekannten, die unmöglich alle aufgezählt werden können. Die ganzen neunundvierzig Tage lang wogte auf der Straße vor dem Stillfriede-Anwesen ein Strom weißgekleideter Trauernder und buntgewandeter Beamter hin und her.

Herrlichkeit Kaufmann befahl Hibiskus Kaufmann, am nächsten Tag seine Festtagsgewänder anzulegen und die Bestallungsurkunde abzuholen. Sämtliche Opfergaben, Ranginsignien und sonstigen Gegenstände vor dem Sarg wurden nun durch solche ersetzt, wie sie einem Beamten des fünften Ranges zustanden. Auf der provisorischen Seelentafel und auf den Trauergebeten stand nun geschrieben: ‚Seelenplatz der die Minne vom Hause Kaufmann, gnädige Frau [恭人] von kaiserlichen Gnaden' [Anm.: 恭人 war die Ehrenbezeichnung für die Gattin eines Beamten des fünften Ranges].

Das auf die Straße führende Haupttor des Gartens der Gesammelten Düfte wurde weit geöffnet. Sogleich errichtete man auf beiden Seiten Orchesterstände, auf denen zwei Gruppen von Musikanten zu festgelegten Zeiten aufspielten. Die Ranginsignien waren paarweise mit peinlicher Ordnung aufgestellt. Ferner ragten vor dem Tor zwei zinnoberrote Tafeln mit großen vergoldeten Schriftzeichen auf, die die Inschrift trugen:

‚Gardist der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüter der Wege im Inneren Palast, Drachengardeoffizier'

Den Tafeln gegenüber erhob sich ein hoher Altar, auf dem die buddhistischen und taoistischen Priester ihren Anschlag angebracht hatten. Darauf stand in großer Schrift:

‚Zur Trauerfeier der die Minne, gnädige Frau [恭人] des Kaufmann-Hauses, Gattin eines Gardisten der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüters der Wege im Inneren Palast und Drachengardeoffiziers, älteste Enkelschwiegertochter des erblichen Herzogs von Ning-guo, bringen im Zentrum der vier Kontinente, im durch Himmelsmandat regierten Reiche des Friedens, der Direktor der Zentralen Buddhistenkanzlei, Wan Xu [萬虛], Oberster Leiter der Lehre vom Nichts und der Stille, und der Direktor der Zentralen Taoistenkanzlei, Ye Sheng [葉生], Oberster Leiter der Lehre vom Uranfang und der Dreifachen Einheit, in tiefer Ehrfurcht ihre Gebete dar und ersuchen alle Schutzgottheiten der Tempel, die diensttuenden Geister und die himmlischen Boten, ihre heilige Gnade weit auszugießen und ihre göttliche Macht in die Ferne strahlen zu lassen, auf dass in neunundvierzig Tagen die Sünden getilgt und das Böse abgewaschen werde — ein Wasser-und-Land-Ritual des Friedens und der Sicherheit.'

So lautete es; der weitere Text braucht hier nicht in aller Ausführlichkeit wiedergegeben zu werden.

Obwohl Herrlichkeit Kaufmanns Wünsche nun in jeder Hinsicht erfüllt waren, lag in den inneren Gemächern Dame Sonders mit ihrem alten Leiden krank darnieder und konnte sich um nichts kümmern. Herrlichkeit Kaufmann fürchtete, es könnte beim Empfang der hohen Beamtengattinnen zu einem Verstoß gegen die Etikette kommen und man würde über ihn lachen. Dieser Gedanke bereitete ihm großes Unbehagen.

Als er gerade in solcher Sorge dasaß, fragte Schatzjade, der sich neben ihm befand: „Es scheint doch alles geordnet zu sein, großer Bruder — was bedrückt Euch noch?"

Herrlichkeit Kaufmann erklärte ihm, dass in den inneren Gemächern niemand sei, der die Leitung übernehmen könne.

Schatzjade lachte und sagte: „Wo liegt da die Schwierigkeit? Ich werde Euch jemanden empfehlen, der für diesen Monat die Aufsicht übernehmen kann — und es wird bestimmt alles tadellos geregelt!"

„Wen denn?" fragte Herrlichkeit Kaufmann sogleich.

Da im Raum noch viele Verwandte und Freunde saßen, konnte Schatzjade es nicht laut sagen. Er trat nahe an Herrlichkeit Kaufmann heran und flüsterte ihm zwei Sätze ins Ohr. Als Herrlichkeit Kaufmann sie hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Eilig erhob er sich und sagte: „In der Tat, das ist genau die Richtige! Gehen wir sogleich zu ihr!" Damit zog er Schatzjade mit sich, verabschiedete sich von den Gästen und begab sich in den Hauptraum der inneren Gemächer.

Es traf sich, dass es an diesem Tag kein regulärer Trauertag war und daher nur wenige Gäste erschienen waren. In den inneren Gemächern saßen bloß einige wenige Frauen aus der engeren Verwandtschaft, denen Frau Strafe, Dame König, Phönixglanz und einige weitere weibliche Familienangehörige Gesellschaft leisteten. Als gemeldet wurde: „Der gnädige Herr kommt!", erschraken die Damen so sehr, dass sie mit einem Aufschrei nach hinten flüchteten, um sich zu verbergen. Einzig Phönixglanz stand gelassen auf.

Herrlichkeit Kaufmann war in diesen Tagen selbst etwas kränklich, und zudem hatte der Kummer ihn überwältigt. Auf einen Stock gestützt, humpelte er herein.

Frau Strafe und die anderen sagten: „Du bist nicht wohl und hast jeden Tag so viele Dinge zu besorgen — du solltest dich lieber schonen, statt hierher zu kommen!"

Herrlichkeit Kaufmann stützte sich auf seinen Stock und mühte sich, in die Knie zu gehen, um seinen Gruß und Dank darzubringen. Frau Strafe und die anderen riefen rasch Schatzjade herbei, ihm aufzuhelfen, und ließen einen Stuhl bringen. Doch Herrlichkeit Kaufmann wollte sich durchaus nicht setzen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Euer Neffe ist hereingekommen, weil er die beiden Tanten und die große Schwägerin um etwas bitten möchte."

„Was ist es?" fragten Frau Strafe und die anderen sogleich.

Herrlichkeit Kaufmann sprach eilig: „Die Tanten wissen es gewiss: Die Frau Eures Großneffen ist verstorben, und ausgerechnet jetzt muss Eure Nichte [Dame Sonders] krank darniederliegen. In den inneren Gemächern herrscht wahrhaft keine Ordnung mehr. Wenn die große Schwägerin sich herablassen wollte, für einen Monat hier nach dem Rechten zu sehen — dann wäre ich beruhigt."

Frau Strafe sagte lächelnd: „Das ist es also! Deine Schwägerin gehört aber zum Haushalt deiner zweiten Tante, du musst also mit ihr darüber sprechen."

Dame König sagte darauf: „Ein junges Ding wie sie hat so etwas noch nie erlebt! Wenn sie damit nicht zurechtkommt, machen sich die Leute über uns lustig. Es wäre besser, du bittest jemand anderen!"

Herrlichkeit Kaufmann erwiderte lächelnd: „Ich kann mir schon denken, was Ihr befürchtet, Tante! Ihr habt Angst, es könnte zu anstrengend für sie sein. Aber was die Fähigkeit betrifft — dafür verbürge ich mich! Und selbst wenn sie einmal eine Kleinigkeit nicht ganz richtig macht, werden die anderen es noch immer für tadellos halten.

Von klein auf hat die Schwägerin bei aller Scherzhaftigkeit eine entschlossene und tatkräftige Natur gezeigt [Anm.: 殺伐決斷, wörtlich ‚schneidend und entscheidend wie ein Feldherr'], und seit sie geheiratet hat und drüben bei Euch im Haushalt hilft, hat sie noch mehr Übung und Erfahrung gewonnen. Ich habe tagelang darüber nachgedacht — außer ihr kommt niemand in Frage. Wenn Ihr nicht Eurem Neffen und seiner Frau zuliebe zustimmen wollt, Tante, so tut es doch um der Toten willen!" Bei diesen Worten rollten ihm Tränen über die Wangen.

Dame Königs heimliche Sorge war, dass Phönixglanz, die noch nie einen Trauerfall geleitet hatte, nicht damit zurechtkommen und sich zum Gespött der Leute machen könnte. Als sie nun sah, wie flehentlich Herrlichkeit Kaufmann bat, und als er so aufrichtige Worte fand, war sie innerlich schon halb umgestimmt. Doch noch saß sie da und blickte gedankenverloren zu Phönixglanz hinüber.

Phönixglanz ihrerseits kannte kein größeres Vergnügen, als Angelegenheiten an sich zu ziehen und ihre Begabung und Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Den Haushalt im Prunkwille-Anwesen führte sie zwar einwandfrei, doch hatte sie ein großes Ereignis wie eine Hochzeit oder einen Trauerfall noch nicht leiten können und fürchtete, man sei noch nicht ganz von ihr überzeugt. Insgeheim hatte sie nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Als nun Herrlichkeit Kaufmann mit seiner Bitte kam, frohlockte sie innerlich bereits. Erst sah sie, wie Dame König ablehnte, dann aber, wie diese durch Herrlichkeit Kaufmanns Aufrichtigkeit sichtlich gerührt wurde. Da wandte sie sich an Dame König und sprach: „Da der große Bruder so inständig bittet, solltet Ihr einwilligen, gnädige Frau!"

„Wirst du es denn können?" fragte Dame König leise.

Phönixglanz erwiderte: „Was soll daran schwierig sein? Die großen Dinge, die vor aller Augen zu erledigen sind, hat der große Bruder bereits geregelt. Es geht doch nur darum, dass man in den inneren Gemächern ein wenig nach dem Rechten sieht. Und wenn ich einmal etwas nicht weiß, frage ich die gnädige Frau — so wird es schon gehen!"

Dame König erkannte, dass dies vernünftig klang, und sagte nichts weiter.

Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass Phönixglanz zugestimmt hatte, lächelte er erleichtert und sagte: „Es lässt sich nicht alles berücksichtigen, jedenfalls bitte ich die große Schwägerin um ihre Mühe. Ich will Euch hier meinen Dank erweisen, und wenn die Angelegenheit abgeschlossen ist, komme ich noch ins Prunkwille-Anwesen hinüber, um mich förmlich zu bedanken." Und schon legte er die Hände zusammen und verneigte sich ein ums andere Mal. Phönixglanz erwiderte den Gruß hastig.

Darauf zog Herrlichkeit Kaufmann eine Hausmarke [對牌] des Hauses Ning aus seinem Ärmel hervor und befahl Schatzjade, sie Phönixglanz zu überreichen. Dazu sprach er: „Macht es nur, wie Ihr selbst es für richtig haltet, Schwägerin! Wenn Ihr etwas benötigt, zeigt diese Marke vor und lasst es Euch geben, ohne mich erst zu fragen! Vor allem bitte ich Euch: Setzt Euch nicht in den Kopf, mir Geld sparen zu wollen — es soll nur gut und angemessen aussehen, das ist die Hauptsache! Und zum Zweiten behandelt die Leute hier genauso, wie Ihr es drüben im Prunkwille-Anwesen tut, und fürchtet Euch nicht davor, dass jemand Euch deswegen grollen könnte! Außer diesen beiden Bitten habe ich keinerlei Bedenken mehr."

Phönixglanz wagte nicht, die Marke ohne Weiteres anzunehmen, und blickte fragend zu Dame König hinüber. Dame König sprach: „Wenn dein Schwager es so haben will, dann sieh hier schon nach dem Rechten. Aber triff keine eigenmächtigen Entscheidungen! Wenn etwas ist, schick jemanden, der deinen Schwager oder deine Schwägerin fragt. Vergiss das nicht!"

Schatzjade hatte Herrlichkeit Kaufmann die Marke bereits abgenommen und drückte sie Phönixglanz in die Hand.

Herrlichkeit Kaufmann fragte noch: „Wollt Ihr hier wohnen, Schwägerin, oder jeden Tag herüberkommen? Wenn Ihr jeden Tag hin- und herfahrt, ist das nur noch anstrengender für Euch. Am besten lasse ich hier rasch ein Gehöft für Euch herrichten, wo Ihr für diese Zeit wohnen könnt — das wäre doch bequemer!"

Phönixglanz sagte lächelnd: „Das ist nicht nötig. Auch drüben im Prunkwille-Anwesen kann man mich nicht entbehren. Da ist es besser, ich komme jeden Tag herübergefahren."

So musste Herrlichkeit Kaufmann diesen Punkt auf sich beruhen lassen. Nachdem sie noch eine Weile über dies und jenes gesprochen hatten, ging er schließlich hinaus.

Als sich nach und nach auch die Besucherinnen verabschiedet hatten, fragte Dame König Phönixglanz: „Wie willst du es heute halten?"

Phönixglanz antwortete: „Die gnädige Frau möge nur bitte nach Hause fahren. Ich muss mich hier erst einmal zurechtfinden und mir einen Überblick verschaffen, bevor ich nachkommen kann."

Dame König fuhr daraufhin zusammen mit Frau Strafe nach Hause zurück, und von ihnen soll jetzt nicht weiter die Rede sein.

Phönixglanz aber begab sich in einen Anbau von drei Jian [Anm.: 間, Säulenzwischenräume, ein Raummaß] Breite, setzte sich dort nieder und dachte nach. Sie überlegte:

„Das erste Problem ist, dass hier zu viele verschiedene Menschen auf einem Haufen leben und daher allerhand abhandenkommt. Das zweite ist, dass niemand eine feste Aufgabe hat und bei jedem Anlass die Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Das dritte ist, dass die Ausgaben übermäßig hoch sind und es Verschwendung und Unterschlagung gibt. Das vierte ist, dass die Aufgaben ohne Rücksicht auf Rang und Größe verteilt werden, sodass Mühe und Bequemlichkeit ungleich verteilt sind. Das fünfte ist, dass das Gesinde zügellos geworden ist: Wer Ansehen genießt, lässt sich nicht zügeln, und wer keines genießt, hat keine Möglichkeit, sich hochzuarbeiten."

Diese fünf Punkte waren in der Tat die tief eingewurzelten Missstände des Hauses Ning. Wer wissen will, wie Phönixglanz damit umging, der lese das nächste Kapitel.

Wahrlich:

 Von Zigtausend Beamten in Purpur und Gold — wer regiert das Reich?
 Doch ein, zwei Frauen im Festgewand vermögen ein Haus zu ordnen.
 [金紫萬千誰治國,裙釵一二可齊家。]
  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
  2. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.
  3. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.
  4. Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
  5. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Gemahlin von Hibiskus Kaufmann.
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
  7. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
  8. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Duftwolke“, Schatzjades erste Zofe.
  9. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 尤氏 Yóu Shì, Gemahlin von Herrlichkeit Kaufmann.
  11. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Hauses Ning.
  12. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng.
  14. Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng.
  15. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Vetter von Schatzspange (薛宝钗).
  16. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  17. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén.