Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 21"

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Kapitel 21
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<div style="background-color: #003399; color: white; padding: 8px 15px; margin: 0 0 15px 0; border-radius: 4px; font-size: 0.95em;">
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Zärtlicher Tadel ermahnt Schatzjade<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".</ref> — Die reizende Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.</ref> rettet Kette Kaufmann mit sanften Worten
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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= Kapitel 21 =
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Es wird erzählt, dass Xiangfluss-Wolke<ref>Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.</ref> herausgerannt kam, aus Furcht, Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".</ref> könnte sie einholen. Schatzjade rief ihr von hinten hastig nach: „Pass auf, dass du nicht stolperst! Sie kann dich doch gar nicht mehr einholen!" Kajaljade war bis zur Tür gelaufen, doch Schatzjade versperrte ihr den Weg, die Arme gegen den Türrahmen gespreizt, und riet ihr lachend: „Lass sie diesmal davonkommen." Kajaljade rang mit seinen Händen und sagte: „Wenn ich Yun'er diesmal verschone, will ich nicht mehr leben!" Xiangfluss-Wolke sah, dass Schatzjade die Tür blockierte und Kajaljade wohl nicht herauskommen konnte, blieb stehen und rief lachend: „Liebe Schwester, verschone mich diesmal!" Da kam gerade Schatzspange<ref>Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".</ref> hinter Xiangfluss-Wolke und sagte ebenfalls lachend: „Ich rate euch beiden, um Bruder Schatzjades willen doch die Sache auf sich beruhen zu lassen." Kajaljade erwiderte: „Da mache ich nicht mit. Ihr steckt unter einer Decke und wollt mich zum Narren halten!" Schatzjade beschwichtigte: „Wer würde es wagen, sich über dich lustig zu machen! Wenn du ihn nicht aufgezogen hättest, hätte er sich doch nie getraut, so etwas über dich zu sagen." Gerade als die vier noch stritten und keine Lösung fanden, kam jemand, um sie zum Essen zu rufen, und so gingen sie alle nach vorne.
== 贤袭人娇嗔箴宝玉 ==
 
=== 俏平儿软语救贾琏 ===
 
  
Hsiang-yün lief also hinaus und hatte Angst, Dai-yü würde ihr hinterherlaufen und sie einholen. Aber rasch sagte Bau-yü: „Paß nur auf, daß du nicht fällst, sie holt dich nicht ein!“ Und als Dai-yü an der Tür war, versperrte er ihr mit ausgebreiteten Armen den Weg und redete ihr lächelnd zu: „Verzeih ihr dies eine Mal!“
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An jenem Abend, als bereits die Lampen angezündet waren, kamen Dame König, Seidenweiß Pflaume, Phönixglanz<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".</ref>, Willkommensfrühling, Erkundefrühling und Bedauerfrühling zu Herzoginmutter<ref>Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.</ref>, plauderten eine Weile und gingen dann alle zu Bett. Xiangfluss-Wolke übernachtete wieder in Kajaljades Zimmer.
Dai-yü versuchte, seine Arme herunterzuziehen, und sagte: „Eher will ich sterben als ihr verzeihen!“
 
Als Hsiang-yün aber sah, daß Bau-yü die Tür versperrte, so daß Dai-yü nicht herauskonnte, blieb sie stehen und bat lächelnd: „Verzeih mir doch dies eine Mal, Kusinchen!“ Im selben Augenblick kam auch Bau-tschai dazu, blieb hinter Hsiang-yün stehen und sagte: „Hört doch Bau-yü zuliebe auf, euch zu zanken!“
 
„Nein!“ sagte Dai-yü. „Habt ihr euch denn alle verschworen, mich zu verspotten?“
 
„Niemand wagt es, dich zu verspotten“, versicherte ihr Bau-yü. „Hättest du dich nicht über sie lustig gemacht, hätte sie das nie gesagt.“
 
Noch ehe sie sich einigen konnten, wurden sie zum Essen gebeten und gingen in die vorderen Räume hinüber. Inzwischen war es längst Zeit geworden, die Lampen anzuzünden.
 
Auch Dame Wang, Li Wan, Hsi-fëng, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun waren bei der Herzoginmutter. Nach dem Essen plauderten alle noch ein Weilchen, dann ging jeder in sein Zimmer, um sich schlafen zu legen. Hsiang-yün schlief mit in Dai-yüs Zimmer, und als Bau-yü die beiden dorthin begleitete, hatte die zweite Nachtwache bereits begonnen. Ehe er jedoch in sein eigenes Zimmer ging, mußte Hsi-jën ihn mehrmals dazu ermahnen.
 
Als es am nächsten Morgen hell wurde und Bau-yü halb angezogen in Dai-yüs Zimmer hinüberging, waren dort weder Dsï-djüan noch Tsuee-lü zu sehen, seine beiden Kusinen aber lagen noch im Bett. Dai-yü lag, fest in eine aprikosenfarbene Seidendecke gehüllt, mit geschlossenen Augen ruhig da und schlief. Bei Hsiang-yün jedoch hing das Haar über den Kissenrand, die Bettdecke reichte ihr nur bis zur Brust, und unter der Decke ragte gekrümmt ein schneeweißer Arm hervor, an dem sie noch zwei goldene Reifen trug.
 
„Selbst im Schlaf ist sie liederlich“, sagte Bau-yü mit einem Seufzer. „Wenn sie dann Zug bekommt, wird sie klagen, daß ihr die Schulter weh tut.“ Und damit deckte er sie sachte zu. Inzwischen war Dai-yü wach geworden und hatte den Eindruck, es sei jemand im Zimmer. „Das ist bestimmt Bau-yü!“ dachte sie, und als sie sich herumdrehte, sah sie, daß sie recht gehabt hatte. „Was willst du denn so früh hier?“ fragte sie.
 
„Das nennst du früh?“ fragte er seinerseits. „Steh auf und sieh nach, wie spät es ist!“
 
„Dann geh hinaus, damit wir aufstehen können!“ verlangte Dai-yü.
 
Also machte Bau-yü kehrt und ging in den Vorraum hinaus. Dai-yü aber stand auf und weckte Hsiang-yün. Dann zogen sich beide an.
 
Jetzt trat Bau-yü wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch, und Dsï-djüan und Hsüä-yän kamen, um beim Kämmen und Waschen aufzuwarten. Als sich Hsiang-yün das Gesicht gewaschen hatte und Tsuee-lü schon losgehen wollte, um das Waschwasser wegzuschütten, sagte Bau-yü: „Warte! Ich will mich der Einfachheit halber auch hier waschen, dann brauche ich deswegen nicht noch einmal hinüberzugehen!“ Damit trat er zu ihr heran, beugte sich über die Schüssel und begann sich mit zwei raschen Griffen zu waschen. Dsï-djüan wollte ihm parfümierte Seife reichen, aber Bau-yü sagte: „Es ist genug Seife im Wasser, mehr brauche ich nicht!“ Damit langte er noch zweimal in die Schüssel und forderte dann ein Handtuch.
 
„Verfällst du wieder in deine alten Fehler?“ fragte Tsuee-lü. „Wann wirst du dich endlich ändern?“
 
Aber anstatt darauf einzugehen, ließ Bau-yü sich rasch Salz geben, putzte sich damit die Zähne und spülte sich dann den Mund. Als er fertig war, blickte er zu Hsiang-yün hinüber, und da er sah, daß sie ihre Frisur schon beendet hatte, trat er zu ihr heran und bat sie lächelnd: „Frisier mich auch, Kusinchen!“
 
„Das kann ich nicht“, erwiderte Hsiang-yün.
 
„Aber du hast es doch früher gekonnt“, beharrte Bau-yü.
 
„Jetzt habe ich es vergessen“, wehrte Hsiang-yün ab.
 
„Ich will ja nicht ausgehen und brauche weder Kopfschmuck noch Stirnbinde“, sagte Bau-yü. „Nur ein paar Zöpfe, das ist alles!“ Und mit Kusinchen hin, Kusinchen her bettelte er so lange, bis Hsiang-yün endlich seinen Kopf festhielt und das Haar mit einem Staubkamm Strähne für Strähne durchkämmte. Da er zu Hause seinen Kopfschmuck nicht trug, faßte sie nicht alles Haar zu einem Büschel zusammen, sondern flocht das kürzere Haar auf allen Seiten zu kleinen Zöpfen, die sie auf dem Scheitel zusammenführte und mit dem langen Scheitelhaar zu einem großen Zopf verflocht, der mit einem roten Band zusammengehalten wurde. Vom Scheitel bis zum Ende wurde er mit vier Perlen verziert, und das Ende schmückte ein goldener Anhänger.
 
Während Hsiang-yün den Zopf flocht, sagte sie: „Von den Perlen sind ja nur noch drei Stück da, und die vierte gehört nicht dazu. Ich kann mich erinnern, daß alle vier gleich waren. Wieso fehlt denn jetzt eine?“
 
„Die habe ich verloren“, gab Bau-yü Auskunft.
 
„Bestimmt hast du sie draußen verloren, und es hat sie jemand gefunden und eingesteckt“, sagte Hsiang-yün. „Der wird sich nicht schlecht darüber gefreut haben!“
 
„Wer weiß, ob er sie wirklich verloren hat“, sagte Dai-yü, die daneben stand und sich die Hände wusch, mit kühlem Lächeln. „Vielleicht hat er sie auch jemand geschenkt, der sich ein Schmuckstück daraus hat machen lassen!“
 
Bau-yü antwortete nicht darauf. Da auf dem Frisiertisch zu beiden Seiten Toilettenkästchen standen und Schönheitsmittel herumlagen, nahm er Verschiedenes davon zur Hand, um es anzusehen. Unversehens griff er dabei mit den Fingerspitzen ein wenig Schminke und wollte sie sich in den Mund stecken, aber er fürchtete, Hsiang-yün könnte etwas dazu sagen. Und wirklich hatte sie es schon bemerkt, während er noch zögerte. Jetzt hielt sie mit der einen Hand seinen Zopf fest, und mit der anderen schlug sie ihm patsch! die Schminke aus den Fingern. „Du bist wirklich unverbesserlich!“ sagte sie. „Wann willst du dich endlich ändern?“
 
Noch ehe sie ausgesprochen hatte, kam Hsi-jën herein, aber als sie sah, daß Bau-yü schon gewaschen und frisiert war, ging sie wieder hinüber, um dort selbst Toilette zu machen. Da kam plötzlich Bau-tschai herein und fragte: „Wo ist denn Vetter Bau-yü?“
 
„Wann ist er schon noch in seinem Zimmer!“ sagte Hsi-jën lächelnd, und Bau-tschai verstand, was sie damit meinte. „Bei allem guten Einvernehmen mit den Kusinen muß doch ein gewisses Maß an Etikette gewahrt bleiben, nicht daß er Tag und Nacht mit ihnen herumtollt“, fuhr Hsi-jën seufzend fort. „Aber was man ihm auch sagt, für ihn ist es nur Wind, der ihm um die Ohren säuselt.“
 
„Dieses Mädchen darf man nicht unterschätzen!“ sagte sich Bau-tschai. „Was sie da eben gesagt hat, zeugt von Verstand.“ Also setzte sie sich aufs Ofenbett und begann gemächlich mit Hsi-jën zu plaudern, wobei sie angelegentlich auch nach ihrem Alter und ihrem Zuhause fragte. Sie achtete genau darauf, was Hsi-jën antwortete, und fand Sprache und Gesinnung gleichermaßen bewunderungswürdig. Erst als Bau-yü wiederkam, ging Bau-tschai fort.
 
„Warum ist denn meine Kusine weggelaufen, als sie mich kommen sah, obwohl ihr euch so lebhaft unterhalten habt?“ fragte er.
 
Aber Hsi-jën antwortete nicht. Erst nachdem er die Frage wiederholt hatte, sagte sie: „Warum fragst du mich? Woher soll ich wissen, was ihr miteinander habt?“
 
Als Bau-yü diese Worte vernahm und sah, daß Hsi-jën ein anderes Gesicht machte als sonst, erkundigte er sich lächelnd: „Warum bist du so ärgerlich?“
 
„Dürfte ich mir erlauben, ärgerlich zu sein?“ fragte Hsi-jën spitz. „Aber du komm in Zukunft nicht mehr hierher! Du hast ja jemanden, der dir aufwartet, also verschone gefälligst mich mit deinen Aufträgen! Ich gehe zur alten gnädigen Frau zurück.“ Damit legte sie sich aufs Ofenbett und machte die Augen zu.
 
Verstört trat Bau-yü näher und redete begütigend auf sie ein, aber sie hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Bau-yü wußte sich nicht zu helfen, doch da kam Schë-yüä herein, und er fragte sie: „Was hat sie nur?“
 
„Was weiß denn ich?“ erwiderte Schë-yüä. „Das solltest du besser dich selber fragen!“
 
Als Bau-yü das hörte, brütete er eine Weile stumm vor sich hin, dann richtete er sich auf und seufzte: „Dann kümmerst du dich eben nicht mehr um mich! Ich lege mich auch hin!“ Damit stand er auf und legte sich auf sein eigenes Bett.
 
Als Hsi-jën merkte, daß außer einem leisen Schnarchen lange Zeit nichts von ihm zu hören war, glaubte sie nicht anders, als daß er eingeschlafen sei, darum stand sie auf und holte einen Umhang für ihn. Kaum daß sie ihn damit zugedeckt hatte, fiel der Umhang raschelnd zu Boden, Bau-yü aber, der sich auf die andere Seite gedreht hatte, hielt die Augen weiter geschlossen und stellte sich schlafend.
 
Hsi-jën hatte ihn jedoch durchschaut und sagte kopfnickend mit einem kühlen Lächeln auf den Lippen: „Du brauchst dich gar nicht aufzuregen! In Zukunft spiele ich die Stumme und sage keinen Ton mehr zu dir. Wie würde dir das gefallen?“
 
Jetzt war es mit Bau-yüs Selbstbeherrschung zu Ende. Er setzte sich auf und fragte: „Was habe ich denn getan, daß du mir wieder Vorhaltungen machen mußt? Ja, wenn du mir wenigstens welche gemacht hättest! Gesagt hast du vorhin kein Wort. Schon als ich hereinkam, hast du mich einfach nicht beachtet und hast dich wütend schlafen gelegt, ohne daß ich weiß, was eigentlich los ist. Jetzt sagst du, ich rege mich auf, dabei habe ich wirklich nicht gehört, daß du mir etwas gesagt hättest!“
 
„In Wirklichkeit weißt du sehr gut, was ich meine“, warf Hsi-jën ihm vor. „Wozu muß ich es dir noch sagen?“
 
Der Streit wurde durch eine Botin der Herzoginmutter unterbrochen, die Bau-yü zum Essen rief. Also ging er in die vorderen Räume hinüber, wo er rasch eine halbe Schale Reis aß, dann kehrte er in seine eigenen Zimmer zurück. Hier fand er Hsi-jën schlafend auf dem Ofenbett im Vorzimmer, und Schë-yüä saß an ihrer Seite und spielte mit Dominosteinen. Da er wußte, wie gut sich Hsi-jën mit Schë-yüä verstand, ließ er jetzt auch sie unbeachtet, hob den weichen Türvorhang auf und ging in den Innenraum.
 
Wohl oder übel mußte Schë-yüä ihm folgen, aber Bau-yü schob sie zurück und sagte: „Wie könnte ich es wagen, euch zu belästigen!“
 
Lächelnd ging Schë-yüä hinaus, befahl aber zwei kleineren Sklavenmädchen, zu Bau-yü hineinzugehen. Bau-yü nahm sich ein Buch und legte sich hin. Nachdem er eine Zeitlang gelesen hatte, verlangte es ihn nach Tee, und als er nun aufblickte, sah er die beiden Sklavenmädchen im Zimmer stehen. Die Ältere von ihnen sah sehr frisch und lieblich aus, und so sprach er sie an: „Wie heißt du?“
 
„Ich heiße Huee-hsiang“, antwortete das Mädchen.
 
„Und wer hat dir diesen Namen gegeben?“ fragte Bau-yü weiter.
 
„Eigentlich heiße ich Yün-hsiang“, sagte sie, „aber Schwester Hua hat es in Huee-hsiang geändert.“
 
„Huee-tji – ‚Unheil‘ – solltest du von Rechts wegen heißen, nicht Huee-hsiang – ‚Orchideenduft‘“, sagte Bau-yü. „Wieviel Schwestern wart ihr zu Hause?“
 
„Vier“, antwortete Huee-hsiang.
 
„Und die wievielte bist du?“ fragte Bau-yü.
 
„Ich bin die vierte“, antwortete sie.
 
  
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Schatzjade begleitete die beiden in ihr Zimmer; es war bereits weit nach der zweiten Nachtwache [Anm.: etwa 21-23 Uhr], und Dufthauch<ref>Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".</ref> hatte ihn schon mehrmals zum Schlafengehen gerufen, ehe er endlich in sein eigenes Zimmer zurückkehrte. Am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, warf er sich das Obergewand über und schlüpfte in die Schuhe, um in Kajaljades Zimmer zu eilen. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuilu waren nirgends zu sehen, nur die beiden Schwestern lagen noch unter der Bettdecke. Kajaljade war fest und dicht in eine aprikosenrote Seidendecke gehüllt und schlief friedlich mit geschlossenen Augen. Xiangfluss-Wolke dagegen hatte ihr schwarzes Haar über das Kissen gebreitet, die Decke reichte ihr nur bis zur Brust, und ein schneeweißer Arm ragte hervor, an dem zwei goldene Armreifen blinkten. Schatzjade seufzte bei ihrem Anblick: „Selbst im Schlaf ist sie nicht brav! Wenn der Wind weht, klagt sie wieder über Schulterschmerzen." Während er so sprach, deckte er sie behutsam zu. Kajaljade war längst wach, spürte, dass jemand da war, und vermutete sogleich, es müsse Schatzjade sein. Als sie sich umdrehte und nachsah, bestätigte sich ihre Vermutung. „So früh schon hergelaufen — was willst du?", fragte sie. Schatzjade lachte: „Es ist noch ganz früh! Steh auf und schau selbst." Kajaljade sagte: „Geh erst hinaus, damit wir aufstehen können." Schatzjade hörte dies und drehte sich um, ging nach draußen.
  
„Dann sollst du in Zukunft Sï-örl – ‚Vierchen‘ – heißen“, entschied Bau-. „Was soll hier Orchideenduft! Wer kann sich schon mit dieser Blume messen? Wozu einen schönen Namen besudeln?“ Anschließend befahl er, sie solle ihm Tee eingießen.
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Kajaljade stand auf und weckte Xiangfluss-Wolke, und beide zogen sich an. Schatzjade kam wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch. Da kamen Purpurkuckuck und Schneegans<ref>Chin. 雪雁 Xuěyàn. 雪 xuě „Schnee“; 雁 yàn „Wildgans“. Kajaljades Dienerin.</ref> herein, um beim Waschen und Frisieren zu helfen. Xiangfluss-Wolke hatte sich das Gesicht gewaschen, und Cuilu wollte gerade das restliche Wasser ausschütten, als Schatzjade sagte: „Halt, ich wasche mich gleich auch damit, das spart den Umweg." Er ging hinüber und wusch sich, beugte sich über die Schüssel. Purpurkuckuck reichte ihm die Seife, doch Schatzjade sagte: „In der Schüssel ist noch genug, ich brauche keine Seife mehr." Er wusch sich noch zweimal und verlangte ein Handtuch. Cuilu sagte: „Immer noch diese schlechte Angewohnheit! Wann wirst du dich endlich ändern?" Schatzjade kümmerte sich nicht darum, putzte sich eilig die Zähne mit grünem Salz, spülte den Mund und war fertig. Da Xiangfluss-Wolke ihr Haar bereits frisiert hatte, ging er zu ihr und sagte lachend: „Liebe Schwester, frisiere mir doch das Haar." Xiangfluss-Wolke erwiderte: „Das geht nun wirklich nicht." Schatzjade lachte: „Liebe Schwester, warum hast du es denn früher für mich getan?" Xiangfluss-Wolke sagte: „Das habe ich inzwischen vergessen, wie soll ich denn frisieren?" Schatzjade sagte: „Ich gehe ja nicht aus und brauche weder Kappe noch Stirnband, ein paar lose Zöpfe genügen vollkommen." Er flehte sie mit tausend „liebe Schwester" an. Xiangfluss-Wolke musste nachgeben und nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn sorgfältig zu kämmen und zu frisieren. Da er zu Hause keine Kappe trug und das Haar nicht zu einem Knoten band, flocht sie nur die kurzen Haare rings um den Kopf zu kleinen Zöpfchen, fasste sie oben zusammen und flocht einen großen Zopf, den sie mit einem roten Band zusammenhielt. Vom Scheitel bis zum Zopfende waren vier Perlen aufgereiht, unten hing ein goldenes Anhängerchen. Während sie flocht, sagte Xiangfluss-Wolke: „Da sind nur noch drei Perlen, diese eine ist anders. Ich erinnere mich, dass sie alle gleich waren — wie kommt es, dass eine fehlt?" Schatzjade sagte: „Eine ist verlorengegangen." Xiangfluss-Wolke sagte: „Bestimmt ist sie dir draußen heruntergefallen, und jemand hat sie aufgelesen — ein Glückspilz!" Kajaljade, die sich gerade die Hände wusch, bemerkte spöttisch: „Wer weiß, ob sie wirklich verloren ging oder ob sie nicht jemandem gegeben wurde, um sie irgendwo einfassen zu lassen!" Schatzjade antwortete nicht und griff, da auf beiden Seiten des Frisiertisches allerhand Schmuckstücke lagen, gedankenlos nach einem Stück, um es zu betrachten, und nahm dann unwillkürlich einen Schminktopf in die Hand, als wolle er sich davon auf die Lippen tupfen, traute sich aber nicht, weil Xiangfluss-Wolke es sehen könnte. Während er noch zögerte, hatte Xiangfluss-Wolke ihn tatsächlich von hinten bemerkt; mit einer Hand hielt sie den Zopf, mit der anderen klatschte sie ihm auf die Hand, sodass der Schminktopf zu Boden fiel. „Diese schlechte Angewohnheit!", sagte sie. „Wann wirst du dich endlich bessern!"
Hsi-jën und Schë-yüä, die draußen alles mit angehört hatten, mußten sich auf die Lippen beißen, um nicht laut loszulachen.
 
Den Rest des Tages verbrachte Bau-yü größtenteils in seinem Zimmer, ohne mit den Kusinen oder den Sklavenmädchen herumzutollen. Er blieb still und in sich gekehrt und vertrieb sich die Zeit nur mit seinen Büchern und mit Schreibpinsel und Tusche. Seine Aufträge erteilte er niemand anders als Sï-örl, die sich als außerordentlich flink und anstellig erwies und sich nach Kräf-
 
  
Hsi-Fëng tadelt mit gerechten Worten einen neidischen Sinn. Aus: Jin­yu­yuan 1889b.
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Sie hatte noch nicht ausgeredet, da kam Dufthauch herein. Als sie sah, dass die Morgentoilette bereits erledigt war, ging sie zurück, um sich selbst zu waschen und zu frisieren. Plötzlich kam Schatzspange herein und fragte: „Wo ist Bruder Schatzjade?" Dufthauch lächelte und sagte: „Bruder Schatzjade hat kaum je Zeit, zu Hause zu bleiben!" Schatzspange verstand sofort. Dann hörte sie Dufthauch seufzen: „Unter Geschwistern kann man sich gut verstehen, aber es sollte doch ein gewisses Maß an Anstand gewahrt bleiben, statt Tag und Nacht herumzutollen! Egal, wie man ihn ermahnt — alles prallt an ihm ab wie Wind am Ohr." Schatzspange dachte bei sich: „Da habe ich diese Dienerin wohl unterschätzt. Wenn man ihr so zuhört, hat sie durchaus Verstand." Sie setzte sich auf den Kang und erkundigte sich in ungezwungenem Plaudern nach Dufthauchs Alter, Heimat und dergleichen, beobachtete sie dabei aufmerksam und fand ihr Wesen und ihren Charakter zutiefst achtens- und liebenswert.
ten bei Bau-yü einzuschmeicheln suchte, als sie merkte, wie er sie bevorzugte. Nachdem er zum Abendessen zwei Becher Wein getrunken hatte, kam Bau-yü mit umflortem Blick und heißen Ohren in sein Zimmer zurück. Normalerweise hätte er jetzt mit Hsi-jën und den anderen zusammen gesessen, und es wäre lustig und vergnügt zugegangen. Heute jedoch war alles still und stumm. Bau-yü saß einsam im Lampenschein und langweilte sich.
 
Schon wollte er zu ihnen hinübergehen, aber dann sagte er sich, wenn sie jetzt ihren Willen bekämen, würden sie ihm in Zukunft nur um so mehr Vorhaltungen machen. Sich aber als Herr aufzuspielen und sie damit unter Druck zu setzen und einzuschüchtern erschien ihm unnötig hart. Am besten war es, er bildete sich ein, sie seien alle tot und er müsse sich wohl oder übel damit abfinden! Einfach nicht mehr an sie denken wollte er und stillvergnügt mit sich allein sein!
 
Also befahl er Sï-örl, den Lampendocht zu stutzen und Tee zu brühen. Dann las er einsam im Buch vom Südlichen Blütenland . Dabei stieß er im Abschnitt „Kästen aufbrechen“ in den „Äußeren Kapiteln“ auf die Worte „Deshalb macht Schluß mit den Heiligen und verwerft die Weisen, dann werden die großen Räuber einhalten. Werft die Jadesachen fort und zerstört die Perlen, dann werden sich die kleinen Diebe nicht erheben. Verbrennt die Amtszeichen und zerbrecht die Siegel, dann wird das Volk schlicht und bieder sein. Macht die Maße unbrauchbar und zerschlagt die Waagen, dann wird das Volk nicht mehr streiten. Rottet auf der Welt die Vorschriften der Heiligen aus, dann erst wird man mit dem Volk reden können. Verwirrt die Tonleiter, werft die Mundorgeln und Harfen ins Feuer und verstopft den blinden Kuangs die Ohren, dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Gehör verlassen. Vernichtet die Ornamente, zerstreut die Farben und verklebt den Li Dschus die Augen, dann werden sich die Menschen der Welt auf ihr eigenes Sehvermögen verlassen. Zerstört Kurvenlineale und Richtschnüre, werft Zirkel und Winkellehren fort und brecht den Meistern Tschuee die Finger, dann werden die Menschen der Welt ihre eigene Geschicklichkeit besitzen.“
 
Diese Worte waren so recht nach Bau-yüs Sinn, und in seiner Weinseligkeit konnte er sich nicht enthalten, zum Schreibpinsel zu greifen und in derselben Manier fortzufahren. „Verbrennt die Blumen und zerstreut den Moschus, dann erst wird einem in den inneren Gemächern niemand mehr Vorschriften machen“, schrieb er. „Zerstört die Schönheit von Bau-tschai, vernichtet die Klugheit von Dai-yü und schafft die Zuneigung ab, dann werden Schöne und Häßliche in den inneren Gemächern einander gleich sein. Macht einem niemand Vorschriften, ist keine Gefahr, daß man sich nicht verträgt. Ist die Schönheit zerstört, gibt es keinen Gedanken an Liebe mehr, ist die Klugheit vernichtet, gibt es kein Gefühl für Talent mehr. Bau-tschai, Dai-yü, Hsi-jën und Schë-yüä legen überall ihre Netze aus und graben überall ihre Gruben, um alle in der Welt zu fesseln und zu verblenden.“
 
Als er zu Ende geschrieben hatte, warf er den Pinsel hin und legte sich schlafen. Er schlief ein, kaum daß sein Kopf das Kissen berührt hatte, und wußte nicht mehr, wo er sich befand. Erst als es schon hell war, wurde er wieder wach, und als er sich herumdrehte, erblickte er Hsi-jën, die angezogen auf seiner Bettdecke lag und schlief. Was sich am Vortag ereignet hatte, war für Bau-yü längst vergessen, darum stieß er Hsi-jën an und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, damit du dich nicht verkühlst!
 
Als Hsi-jën erleben mußte, wie Bau-yü Tag und Nacht mit den Kusinen herumtollte, hatte sie sich gesagt, auf ihr bloßes Zureden hin werde er sich nicht ändern, und hatte ihm deshalb auf zartfühlende Weise eine Warnung geben wollen. Dann, so hatte sie gehofft, würde er sich binnen kurzem eines Besseren besinnen. Wider Erwarten waren aber der ganze Tag und die ganze Nacht vergangen, ohne daß Bau-yü eingelenkt hätte, und Hsi-jën wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. So hatte sie die ganze Nacht keinen rechten Schlaf finden können. Als sie jetzt sein verändertes Benehmen sah, schien ihr, er sei doch zum Einlenken bereit, und deshalb behandelte sie ihn weiterhin kühl.
 
Als Bau-yü keine Antwort von ihr bekam, streckte er seine Hand nach ihr aus, um sie auszukleiden. Aber kaum hatte er den ersten Knopf geöffnet, schob Hsi-jën seine Hand weg und machte den Knopf wieder zu.
 
Nun wußte Bau-yü sich nicht mehr zu helfen. Er faßte ihre Hand und fragte lächelnd: „Was ist denn los mit dir?“ Aber erst als er die Frage mehrmals wiederholt hatte, schlug Hsi-jën die Augen auf und sagte: „Nichts ist mit mir los! Wenn du ausgeschlafen hast, geh nur hinüber, um dich zu waschen und dich kämmen zu lassen. Wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu spät!“
 
„Wohin soll ich gehen?“ fragte Bau-yü.
 
„Das fragst du mich?“ gab Hsi-jën kühl lächelnd zurück. „Was weiß denn ich! Geh, wohin du willst! Wir sind von jetzt an geschiedene Leute, damit Schluß ist mit dem ewigen Zank und Streit, der uns zum Gespött macht für jedermann. Und wenn es dir drüben zuwider ist, kommst du hierher zurück und läßt dir von irgendwelchen Vierchen und Fünfchen aufwarten. Wir andern sind ja nur dumme Dinger, die ihre schönen Namen besudeln.“
 
„Denkst du immer noch daran?“ fragte Bau-yü lächelnd.
 
„Noch in hundert Jahren werde ich daran denken!“ versicherte Hsi-jën. „Für dich ist freilich alles, was man dir sagt, nur Wind, der dir um die Ohren säuselt, und was am Abend gesagt wird, ist am Morgen vergessen.“
 
Als Bau-yü ihr zornig-schönes Gesicht sah, das kein Gefühl mehr zu verbergen vermochte, ergriff er einen Haarpfeil aus Jade, der neben dem Kissen lag und schleuderte ihn auf den Boden, so daß er in zwei Hälften zerbrach. „So soll es auch mir ergehen, wenn ich in Zukunft nicht auf dich hören werde!“ rief er.
 
Rasch hob Hsi-jën die Bruchstücke auf und sagte: „Was soll das am frühen Morgen! Was macht es schon, ob du auf mich hörst oder nicht? Deshalb mußt du dich nicht so erregen!“
 
„Du weißt ja nicht, wie mich das bedrückt“, sagte Bau-yü.
 
„Wenn du selbst dich so bedrückt fühlen kannst, weißt du ja wohl, wie mir zumute ist“, erwiderte Hsi-jën und lächelte wieder. „Aber jetzt steh auf und wasch dich!“
 
Damit erhoben sie sich endlich, um sich zu kämmen und zu waschen.
 
Nachdem Bau-yü in die Haupträume hinübergegangen war, kam unerwartet Dai-yü herein. Als sie sah, daß Bau-yü nicht im Zimmer war, blätterte sie in den Büchern auf seinem Tisch und stieß dabei auf die Stelle im Buch „Dschuang-dsï“, zu der Bau-yü am Abend zuvor seine Fortsetzung geschrieben hatte. Empört und belustigt zugleich, konnte sie sich nicht versagen, ebenfalls zum Schreibpinsel zu greifen und die Zeilen darunterzusetzen:
 
„Wer hat hier nur sinnlos herumgepfuscht,
 
den Kommentar zum Dschuang-dsï verdorben?
 
Statt sich der eignen Dummheit zu schämen,
 
hat er sich bös über andre mokiert.“
 
Als sie das geschrieben hatte, ging sie in die Haupträume hinüber, wo sie der Herzoginmutter ihren Gruß entbot, und anschließend suchte sie Dame Wang auf. Hier aber herrschte große Aufregung, denn Hsi-fëngs Tochter Da-djiä war krank. Man hatte einen Arzt kommen lassen, der nach der Untersuchung erklärte: „Das Fieber kommt von nichts anderem als den Pocken.“
 
„Ist sie zu heilen?“ Auf diese Frage von Dame Wang und Hsi-fëng hatte der Arzt gesagt: „Die Krankheit ist zwar gefährlich, aber sie nimmt ihren normalen Verlauf, und somit besteht noch kein Grund zur Aufregung. Das Wichtigste ist, Maulbeerbocklarven und Schweineschwänze bereitzuhalten.“ Nach diesen Auskünften war Hsi-fëng emsig tätig geworden. Sie ließ die Zimmer saubermachen und brachte der Pockengöttin ein Opfer dar. Dem Gesinde wurde verboten, zu braten und zu schmoren. Ping-örl mußte Bettzeug und Kleider für Djia Liän in einen gesonderten Raum schaffen. Die Sklavinnen bekamen leuchtend rote Seide, um sich daraus Kleider zu nähen. Und in den äußeren Gemächern wurde ein leerstehendes Zimmer aufgeräumt, um dort zwei Ärzte unterzubringen, die abwechselnd nach dem Kind sehen und ihm die Pulse fühlen und Medikamente verabreichen sollten, ehe sie nach Ablauf der zwölf Tage wieder nach Hause gehen durften.
 
Djia Liän mußte sich also in das äußere Bibliothekszimmer umquartieren lassen, wo er enthaltsam leben sollte, während Hsi-fëng und Ping-örl Dame Wang bei den täglichen Opfern für die Pockengöttin zur Hand gingen. Aber kaum war Djia Liän von Hsi-fëng getrennt, mußte er etwas anstellen. Nachdem er zwei Nächte allein geschlafen hatte, fühlte er sich äußerst unbehaglich, und so suchte er sich erst einmal die hübschesten Sklavenjungen aus, um seine Lust an ihnen zu stillen.
 
Nun gab es im Jung-guo-Anwesen einen Dummkopf und Taugenichts von Koch mit Namen Duo Guan, der dem Trunk ergeben war und wegen seiner Feigheit und Unfähigkeit von allen nur ‚der Trottel Duo‘ genannt wurde. Schon in seiner Kindheit hatten ihm seine Eltern eine Frau von außerhalb gesucht, die jetzt erst um die zwanzig war und durchaus nicht schlecht aussah, so daß ein jeder sie begehrte, wenn er sie nur zu Gesicht bekam. Von Natur aus flatterhaft, mochte sie nichts lieber, als hier zu naschen dort zu kosten. Der Trottel Duo aber machte ihr deswegen keine Vorhaltungen. Wenn er nur Wein, Fleisch und Geld hatte, sah er über alles andere hinweg, und so hatten alle Männer aus dem Jung-guo- und dem Ning-guo-Anwesen ein leichtes Spiel. Weil die Frau so außergewöhnlich schön und so unvergleichlich leichtfertig war, nannten sie alle ‚Nuttchen Duo‘.
 
Auch Djia Liän, der in seinem einsamen Quartier jetzt bittere Qualen litt, kannte die Frau schon längst von Angesicht und war von ihren Reizen bezaubert, aber aus Furcht vor seiner schönen Gattin und weil er auswärts seine Liebhaber hatte, war noch nichts zwischen ihnen vorgefallen.
 
Nuttchen Duo hatte ebenfalls ein Auge auf Djia Liän geworfen und hatte stets bedauert, daß sich ihr keine Gelegenheit bieten wollte. Als sie jetzt erfuhr, Djia Liän sei in sein äußeres Bibliothekszimmer umgezogen, hatte sie nichts Eiligeres zu tun, als ein paarmal dort vorbeizuspazieren, um sich ihm zur Schau zu stellen. Davon wurde Djia Liän so erregt wie eine hungrige Ratte und beriet sich sogleich mit seinen vetrautesten Sklavenjungen. Und warum hätten die ihm seine Bitte abschlagen sollen, da er sie reich zu belohnen versprach, wenn sie eine heimliche Verabredung für ihn trafen. Außerdem waren sie gut Freund mit der Frau, und so genügte ein Wort, um die Sache perfekt zu machen.
 
In der zweiten Nachtwache, als alles schlafen gegangen war und der Trottel Duo sinnlos betrunken auf dem Ofenbett lag, kam Djia Liän zum Stelldichein geschlichen. Kaum war er zur Tür herein, waren seine Sinne vom Anblick der Frau derart benebelt, daß er sich ohne unnütze Worte und Liebesbeteuerungen seiner Kleider entledigte und zur Tat schritt.
 
Die Frau aber hatte von Natur aus eine merkwürdige Besonderheit. Sobald sie mit einem Mann zusammen war, wurde ihr Körper so kraftlos und weich, daß der Mann glaubte, auf Watte zu liegen. Mit ihren Liebeskünsten und aufreizenden Worten aber übetraf sie jedes Freudenmädchen. Welcher Mann hätte da nicht bei ihr seine Seele aushauchen mögen? Und so wäre auch Djia Liän jetzt am liebsten vor Lust vergangen. Da sagte die Frau unter ihm, um ihn aufzuziehen: „Deine Tochter hat die Pocken, und der Göttin müssen Opfer gebracht werden. Auch du müßtest solange enthaltsam leben und sündigst statt dessen mit mir. Geh besser schnell wieder fort!“
 
Diese Bemerkung ließ Djia Liäns Brunst nur noch stärker auflodern, und keuchend erwiderte er: „Meine Göttin bist du! Jede andere Göttin ist mir egal!“ Und je länger sie ihn so neckte, desto schamloser wurde er.
 
Als das Geschäft für diesmal beendet war, leisteten sie einander zahllose Liebesschwüre und konnten sich kaum voneinander trennen. Von nun an waren sie ein Herz und eine Seele.
 
Dann aber hatte Da-djiä die Krise überstanden, und die Pusteln bildeten sich zurück. Als die zwölf Krankheitstage vorüber waren, wurde die Pockengöttin verabschiedet, und die ganze Familie brachte dem Himmel und den Ahnen ihre Opfer dar. Als das Gelübde erfüllt und der Weihrauch verbrannt war, die Glückwünsche ausgesprochen und die Dankesgaben verteilt waren, kehrte Djia Liän in sein eheliches Schlafgemach zurück, und beim Wiedersehen mit Hsi-fëng bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach die Freuden von Jungvermählten nichts sind im Vergleich zu denen von Eheleuten, die sich nach langer Trennung wiedersehen. Ihre grenzenlose Liebe und Hingabe muß hier nicht umständlich beschrieben werden.
 
Nachdem Hsi-fëng sich am nächsten Morgen in die Haupträume hinüberbegeben hatte, ging Ping-örl das Bettzeug und die Kleider holen, die Djia Liän im Bibliothekszimmer benutzt hatte. Dabei schüttelte sie zu ihrer Überraschung eine Strähne Frauenhaar aus der Kissenhülle. Sie begriff, was das zu bedeuten hatte, und ließ die Haare rasch in ihrem Ärmel verschwinden.rabschiedet, und die ganze Familie brachte dem Himmel und den Ahnen ihre Opfer dar. Als das Gelübde erfüllt und der Weihrauch verbrannt war, die Glückwünsche ausgesprochen und die Dankesgaben verteilt waren, kehrte Djia Liän in sein eheliches Schlafgemach zurück, und beim Wiedersehen mit Hsi-fëng bewahrheitete sich das Sprichwort, wonach die Freuden von Jungvermählten nichts sind im Vergleich zu denen von Eheleuten, die sich nach langer Trennung wiedersehen. Ihre grenzenlose Liebe und Hingabe muß hier nicht umständlich beschrieben werden.
 
Nachdem Hsi-fëng sich am nächsten Morgen in die Haupträume hinüberbegeben hatte, ging Ping-örl das Bettzeug und die Kleider holen, die Djia Liän im Bibliothekszimmer benutzt hatte. Dabei schüttelte sie zu ihrer Überraschung eine Strähne Frauenhaar aus der Kissenhülle. Sie begriff, was das zu bedeuten hatte, und ließ die Haare rasch in ihrem Ärmel verschwinden. Als sie dann wieder bei Djia Liän im Zimmer war, holte sie die Haare hervor und fragte ihn lächelnd: „Was ist denn das?“
 
Djia Liän, der die Haarsträhne sah, kam er aufgeregt näher und wollte sie Ping-örl entreißen. Ping-örl versuchte noch wegzulaufen, aber im nächsten Augenblick hatte Djia Liän sie gepackt, drückte sie aufs Ofenbett und versuchte, ihr die Haarsträhne zu entwinden. „Kleines Spitzbein!“ schimpfte er dabei lachend, „wenn du sie nicht bald hergibst, breche ich dir den Arm!“
 
„Du bist gemein!“ sagte Ping-örl, ebenfalls lachend. „Ich habe dich brav hinter ihrem Rücken gefragt, du aber mußt gleich grob werden. Wenn du nicht damit aufhörst, sage ich es ihr, wenn sie zurückkommt. Dann kannst du sehen, wie du damit fertig wirst!“
 
„Du bist doch meine Gute, also komm, gib sie mir!“ bat jetzt Djia Liän mit aufgesetztem Lächeln. „Ich will auch nicht mehr grob zu dir sein!“
 
Er hatte kaum ausgesprochen, als von draußen Hsi-fëngs Stimme zu hören war, und sofort ließ er Ping-örl los.
 
  
Tjiu-wën und Huee-hsiang. Aus: Gai Qi 1879.
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Bald darauf kam Schatzjade zurück, und Schatzspange ging hinaus. Schatzjade fragte Dufthauch: „Warum habt ihr beiden euch so angeregt unterhalten, und kaum komme ich herein, läuft sie davon?" Beim ersten Fragen gab sie keine Antwort; als er ein zweites Mal fragte, erwiderte Dufthauch: „Fragst du mich? Woher soll ich eure Gründe kennen?" Schatzjade hörte diese Worte und sah ihrem Gesichtsausdruck an, dass etwas anders war als sonst. Er lachte: „Warum bist du denn wirklich böse?" Dufthauch lachte kühl: „Wie könnte ich es wagen, böse zu sein! Nur komm von nun an nicht mehr in dieses Zimmer. Du hast ja genug andere, die dich bedienen, ruf mich nicht mehr her. Ich werde wieder zur alten Herrin gehen und ihr aufwarten." Während sie das sagte, legte sie sich auf den Kang und schloss die Augen. Schatzjade sah das und war zutiefst bestürzt. Er eilte zu ihr, um sie zu besänftigen, doch Dufthauch hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Schatzjade war ratlos und fragte Moschusmond [麝月], die gerade hereinkam: „Was ist mit deiner Schwester los?" Moschusmond sagte: „Woher soll ich das wissen? Frag dich selber, dann wirst du es verstehen." Schatzjade war verdutzt, saß eine Weile da und fühlte sich ganz elend. Schließlich seufzte er und sagte: „Wenn du mich nicht beachten willst — gut, dann gehe ich schlafen." Er stieg vom Kang und legte sich auf sein Bett. Dufthauch hörte, dass er lange nichts tat und leise zu schnarchen begann, und da sie annahm, dass er eingeschlafen war, stand sie auf, holte einen Umhang und wollte ihn gerade zudecken, als Schatzjade ihn mit einem Ruck abwarf und ebenfalls die Augen schloss und so tat, als schliefe er. Dufthauch wusste, was er meinte, nickte und sagte kühl lächelnd: „Du brauchst nicht böse zu sein. Von nun an werde ich einfach stumm sein und dich kein einziges Wort mehr tadeln — ist dir das recht?" Schatzjade konnte nicht anders und setzte sich auf: „Was habe ich denn nun wieder getan? Du hast mich ermahnt — gut. Aber eben war nichts von einer Ermahnung zu hören. Kaum bin ich hereingekommen, hast du mich nicht beachtet und dich beleidigt schlafen gelegt. Ich wusste nicht einmal, warum. Und jetzt sagst du, ich sei böse. Aber wann habe ich denn deine Ermahnung gehört?" Dufthauch sagte: „In deinem Herzen weißt du es ganz genau, und du wartest noch, dass ich es ausspreche!"
Kaum war Ping-örl aufgestanden, da trat auch schon Hsi-fëng ins Zimmer und befahl ihr: „Mach rasch das Kästchen auf und such die Muster für die gnädige Frau heraus!“
 
„Jawohl!“ sagte Ping-örl und begann sofort zu suchen. Da erblickte Hsi-fëng auch Djia Liän, und es fiel ihr ein, sich bei Ping-örl zu erkundigen: „Hast du alles zurückgeholt, was du für ihn hinausgeschafft hattest?
 
„Ja“, erwiderte Ping-örl.
 
„Und fehlte auch nichts?“ fragte Hsi-fëng weiter.
 
„Ich hatte ebenfalls die Befürchtung, daß einiges verloren gegangen sein könnte“, sagte Ping-örl, „darum habe ich alles genau überprüft, und es fehlte wirklich nichts.“
 
„Wenn nichts fehlt, ist es ja gut“, fuhr Hsi-fëng fort. „Hoffentlich ist auch nichts zuviel!
 
„Es ist wahrhaftig ein großes Glück, daß nichts fehlt“, sagte Ping-örl lächelnd. „Wer sollte etwas dazugetan haben?“
 
„Es wird ja einen halben Monat lang kaum sauber bei ihm zugegangen sein“, mutmaßte Hsi-fëng mit kühlem Lächeln. „Da könnte doch jemand etwas verloren haben, einen Ring, eine Leibbinde oder ein Riechbeutelchen vielleicht. Auch Haare oder ein Fingernagel wären schon etwas.“
 
Bei diesen Worten wurde Djia Liän aschfahl im Gesicht und machte Ping-örl hinter Hsi-fëngs Rücken hervor verzweifelte Zeichen. Ping-örl aber tat so, als ob sie nichts davon sähe, und sprach lächelnd weiter. „Merkwürdig!“ sagte sie, „ich habe denselben Gedanken gehabt wie Ihr und habe alles sorgfältig nach solchen Dingen abgesucht. Es gab aber nicht das Geringste, das irgendwie faul gewesen wäre. Wenn Ihr mir nicht glaubt, könnt Ihr selber nachsehen. Ich habe die Sachen noch nicht weggeräumt.“
 
„Du Dummchen!“ sagte Hsi-fëng und lachte. „Wenn er wirklich so etwas hätte, würde er schon dafür sorgen, daß wir es nicht finden.“ Und damit nahm sie die Muster und ging wieder in die Haupträume hinüber.
 
Ping-örl zeigte auf ihre Nase, wiegte den Kopf und fragte lächelnd: „Wie wirst du mir das nun danken?“
 
Djia Liän wußte sich kaum zu lassen vor Freude. Er lief zu Ping-örl und umarmte sie, nannte sie „Mein Herz! Meine Leber!“ und dankte ihr in einem fort.
 
Da holte Ping-örl lachend die Haarsträhne hervor und sagte: „Das bleibt fürs ganze Leben mein Unterpfand. Solange du gut zu mir bist, ist alles in Ordnung, sonst aber kommt die Geschichte ans Tageslicht!“
 
„Dann steck das nur gut weg, damit sie nichts merkt!“ riet Djia Liän ihr lächelnd und machte sich im nächsten Augenblick ihre Unachtsamkeit zunutze, um ihr die Haarsträhne aus der Hand zu reißen. „Solange du das hast, könnte es mich ins Unglück stürzen“, erklärte er lächelnd. „Besser, ich verbrenne es, und der Fall ist erledigt!“ Und schon stopfte er die Haarsträhne in seine Brieftasche im Stiefelschaft.
 
„Gemeiner Kerl!“ knirschte Ping-örl. „Kaum bist du über den Fluß, reißt du die Brücke ab. Meinst du, ich werde in Zukunft auch nur ein einziges Mal für dich lügen?“
 
Als Djia Liän sah, wie schön sie in ihrem Zorn war, zog er sie an sich und wollte sie lieben, sie aber riß sich los und lief hinaus. Djia Liän krümmte sich vor Enttäuschung zusammen und schimpfte: „Verfluchte kleine Hure! Erst macht sie einen heiß, und dann läuft sie weg!“
 
Ping-örl aber lachte draußen vorm Fenster und sagte: „Was ich mache, ist meine Sache, und wenn du heiß wirst, ist das deine Sache! Du denkst nur an dein Vergnügen, aber wenn sie etwas davon erfährt, ist es aus mit der Liebe!“
 
„Vor ihr brauchst du doch keine Angst zu haben“, behauptete Djia Liän. „Wenn mich die Wut packt, schlage ich diesen Essigkrug kurz und klein. Soll sie mich nur kennenlernen! Sie überwacht mich, als ob sie Angst vor Räubern hätte. Sie darf mit Männern sprechen, aber ich nicht mit Frauen. Wenn ich einer Frau auch nur nahe komme, wird sie schon mißtrauisch, wenn sie aber mit ihren Schwägern und deren Söhnen scherzt und lacht, egal ob sie klein oder groß sind, kümmert es sie nicht, daß ich eifersüchtig werden könnte. In Zukunft werde ich sie auch mit niemandem mehr zusammen lassen!“
 
„Deinetwegen eifersüchtig zu sein hat sie allen Grund“, sagte Ping-örl. „Aber du hast keinen Grund, ihretwegen eifersüchtig zu sein. Bei ihr ist jeder Schritt korrekt, aber du hast immer etwas Böses im Sinn. Selbst ich würde dir nicht trauen, da wird sie es gewiß erst recht nicht tun!“
 
„Ihr seid doch eine so schlimm wie die andere“, schimpfte Djia Liän. „Alles, was ihr tut, ist in Ordnung, aber ich soll bei allem, was ich tue, immer nur das Allerschlechteste im Sinn haben. Eines Tages bringe ich euch beide um!“
 
Noch ehe er ausgesprochen hatte, bog Hsi-fëng wieder in den Hof, und als sie Ping-örl vor dem Fenster erblickte, fragte sie: „Warum könnt ihr euch nicht im Zimmer unterhalten, wenn ihr euch etwas zu sagen habt? Muß extra einer hinausgehen, damit ihr euch durchs Fenster unterhalten könnt? Was soll das?“
 
„Das mußt du sie fragen!“ ließ sich Djia Liän von drinnen vernehmen. „Sie tut gerade so, als ob ein Tiger im Zimmer wäre, der sie fressen will.“ Ping-örl aber sagte: „Es ist niemand weiter im Zimmer, was soll ich da bei ihm?
 
„Ist es nicht gerade schön, wenn niemand dabei ist?“ fragte Hsi-fëng lächelnd.
 
„Geht das auf mich?“ wollte Ping-örl wissen.
 
„Ja, auf wen denn sonst?“ sagte Hsi-fëng, immer noch lächelnd.
 
„Dazu sage ich besser nichts!“ stieß Ping-örl hervor, und anstatt den Türvorhang für Hsi-fëng zu öffnen, schleuderte sie ihn beiseite, stürzte ins Haus und verschwand nach der anderen Seite.
 
Also hob Hsi-fëng selber den Vorhang auf und ging hinein. „Ping-örl muß verrückt geworden sein“, sagte sie, „aber wenn sie ernsthaft versuchen will, mich unterzukriegen, soll sie nur ihr Fell in acht nehmen!“
 
Djia Liän ließ sich aufs Ofenbett plumpsen, klatschte in die Hände und sagte lachend: „Ich habe gar nicht gewußt, daß Ping-örl so temperamentvoll sein kann. In Zukunft werde ich Respekt vor ihr haben.“
 
„Das kommt alles nur davon, daß du sie verdorben hast“, warf Hsi-fëng ihm vor. „An dich werde ich mich halten!“
 
„Ihr beide versteht euch nicht, und ich soll dafür geradestehen“, erwiderte Djia Liän. „Da mache ich mich besser aus dem Staube!“
 
„Dann möchte ich bloß wissen, wohin du dich aus dem Staube machst“, sagte Hsi-fëng.
 
„Ich bin gleich wieder da“, antwortete er.
 
„Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen“, erklärte Hsi-fëng.
 
Wer nicht weiß, was es hier zu besprechen gab, wird es im nächsten Kapitel erfahren.
 
  
Wahrlich:
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Mitten in diesem Streit schickte Herzoginmutter jemanden, um ihn zum Essen zu rufen, und so ging er nach vorne. Er aß lustlos eine halbe Schale und kehrte in sein Zimmer zurück. Dufthauch lag auf dem äußeren Kang und schlief, Moschusmond saß daneben und spielte mit Dominosteinen. Schatzjade wusste, dass Moschusmond und Dufthauch sehr vertraut miteinander waren, und beachtete deshalb auch Moschusmond nicht, sondern hob den Vorhang und ging ins Innenzimmer. Moschusmond musste ihm wohl oder übel folgen. Schatzjade schob sie hinaus und sagte: „Ich wage es nicht, euch zu stören." Moschusmond lachte und ging hinaus und rief zwei kleine Dienerinnen herein. Schatzjade nahm ein Buch und las eine Weile darin. Als er nach Tee verlangte und den Kopf hob, sah er nur die beiden kleinen Dienerinnen unten stehen. Die ältere von beiden war recht hübsch. Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Die Dienerin sagte: „Huixiang." [Anm.: „Duftende Orchidee"] Schatzjade fragte: „Wer hat dir den Namen gegeben?" Huixiang sagte: „Ursprünglich hieß ich Yunxiang [„Duftraute"], aber die große Schwester Hua hat ihn in Huixiang geändert." Schatzjade sagte: „Eigentlich solltest du ‚Huiqi' [‚Pechvogel'] heißen, was soll das, Huixiang!" Er fragte weiter: „Wie viele Geschwister seid ihr?" Huixiang sagte: „Vier." Schatzjade fragte: „Die wievielte bist du?" Huixiang sagte: „Die Vierte." Schatzjade sagte: „Ab morgen heißt du einfach ‚Si'er' [‚die Vierte'], wozu braucht es ‚Huixiang' oder ‚Lanqi'? Keine von euch ist es wert, sich mit diesen schönen Blumennamen zu schmücken — das besudelt nur die guten Namen." Während er sprach, ließ er sich Tee bringen und trank. Dufthauch und Moschusmond hörten im Vorzimmer zu und kicherten.
Ein sittsames Mädchen findet stets Grund zur Klage,
 
Nie war eine schöne Gattin von Eifersucht frei.
 
  
[[Category:Books]]
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An diesem Tag ging Schatzjade kaum aus seinem Zimmer, trieb sich auch nicht mit seinen Schwestern und Dienerinnen herum, sondern saß lustlos da, vertrieb sich die Zeit mit Lesen oder Schreibübungen und bediente sich nicht der Dienerschaft, sondern rief nur Si'er. Nun war Si'er eine überaus kluge und geschickte kleine Dienerin. Als sie sah, dass Schatzjade sie bevorzugte, tat sie alles, um seine Zuneigung zu gewinnen. Am Abend nach dem Essen hatte Schatzjade einige Becher Wein getrunken, seine Augen waren glasig und die Ohren heiß. An gewöhnlichen Tagen hätte er mit Dufthauch und den anderen gelacht und gescherzt, doch heute war es einsam und still — er saß allein vor der Lampe und fühlte sich trostlos. Hätte er sie zu sich geholt, hätten sie sich triumphierend gefühlt und ihn künftig noch weniger beachtet; hätte er die Autorität des Herrn herausgekehrt, wäre das allzu herzlos gewesen. Er beschloss also, sie einfach als gestorben zu betrachten — man musste ja auch ohne sie zurechtkommen. In dem Augenblick, da er sie für tot hielt, fühlte er sich von allen Banden befreit und geradezu heiter. Er befahl Si'er, den Lampendocht zu schneiden und Tee zu kochen, und begann, den Zhuangzi zu lesen, genauer den Abschnitt „Gekappte Koffer" aus dem Außenkapitel [Anm.: Kapitel 10 des Zhuangzi, 莊子外篇《胠篋》]. Der Text lautete:
[[Category:Hongloumeng]]
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„Darum: Beseitigt man die Heiligen und verwirft die Weisheit, so hören die großen Räuber auf. Zerbricht man Jade und zerstört Perlen, so erheben sich keine kleinen Diebe. Verbrennt man die Beglaubigungsmarken und zerbricht die Siegel, so wird das Volk schlicht und einfach. Zertrümmert man die Scheffel und zerbricht die Waagen, so hört das Volk auf zu streiten. Vernichtet man alle heiligen Gesetze der Welt, so lässt sich erst mit dem Volk beraten. Verdreht man die sechs Tonarten und zerschmilzt Flöten und Saitenspiele, verstopft man die Ohren des blinden Kuang [Anm.: legendärer Musikmeister], dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Gehör. Tilgt man Schriftzeichen, zerstreut die fünf Farben, verklebt die Augen des scharfsichtigen Li Zhu, dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Sehen. Zerstört man Richtschnur und Winkelmaß, bricht man die Finger des geschickten Handwerkers Chui, dann erst bewahren die Menschen ihre natürliche Geschicklichkeit."
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Als er dies las, wurde er von Begeisterung ergriffen, und im Rausch des Weines konnte er nicht umhin, den Pinsel zu nehmen und fortzufahren:
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„Verbrennt man Blumen und verstreut Moschus, dann erst bewahren die Frauengemächer ihre Ermahnung. Zerstört man Schatzspanges unsterbliche Schönheit, löscht man Kajaljades genialen Geist, vernichtet man Gefühl und Leidenschaft, dann erst werden Schönheit und Hässlichkeit in den Frauengemächern einander gleich. Bewahren sie ihre Ermahnung, gibt es keine Dissonanz mehr; zerstört man ihre unsterbliche Schönheit, gibt es kein Sehnen mehr; löscht man ihren genialen Geist, gibt es kein talentiertes Sinnen mehr. Denn Haarnadel und Jade, Blume und Moschus — sie alle sind Netze und Fallen, die dazu dienen, die Menschen der Welt zu betören und zu verstricken."
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Als er dies geschrieben hatte, legte er den Pinsel nieder und ging zu Bett. Kaum berührte sein Kopf das Kissen, fiel er auch schon in Schlaf und wusste die ganze Nacht nicht, wo er war, bis er bei Tagesanbruch erwachte. Als er sich umdrehte, sah er Dufthauch, die angekleidet auf der Decke lag. Da Schatzjade die gestrigen Dinge bereits vergessen hatte, weckte er sie und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, sonst erkältest du dich."
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In Wahrheit hatte Dufthauch gesehen, dass er Tag und Nacht mit seinen Schwestern herumtollte, und wusste, dass direkte Ermahnungen nichts nützten. Deshalb hatte sie beschlossen, ihn mit sanfter List zu warnen, in der Erwartung, dass er spätestens nach einem halben Tag wieder einlenken würde. Doch zu ihrer Überraschung war Schatzjade einen ganzen Tag und eine Nacht lang nicht umgekehrt, und sie selbst verlor die Initiative und schlief die ganze Nacht schlecht. Als Schatzjade sie nun so behandelte, wusste sie, dass sein Herz sich gewendet hatte, und ignorierte ihn erst recht. Schatzjade sah, dass sie nicht reagierte, streckte die Hand aus und öffnete ihre Knöpfe. Gerade hatte er den ersten geöffnet, als Dufthauch seine Hand wegschob und den Knopf wieder schloss. Schatzjade war ratlos und ergriff lachend ihre Hand: „Was hast du denn nun eigentlich?" Er fragte mehrmals, bis Dufthauch die Augen öffnete und sagte: „Was soll ich haben? Du bist wach, geh drüben in dein Zimmer und wasch dich. Wenn du zu spät kommst, schaffst du es nicht mehr rechtzeitig." Schatzjade fragte: „Wohin soll ich gehen?" Dufthauch lachte kühl: „Was fragst du mich? Geh, wohin du willst. Von nun an gehen wir getrennte Wege, damit es kein Gezänk wie zwischen Hahn und Gans mehr gibt und andere über uns lachen. Wenn du dort drüben genug hast, kommst du hierher — und hier gibt es ja auch eine ‚Si'er' oder ‚Wu'er', die dich bedient. Unser Pack ist ja das, was ‚ehrbare Namen beschmutzt'." Schatzjade lachte: „Das hast du dir also von gestern gemerkt!" Dufthauch sagte: „Hundert Jahre werde ich mir das merken! Nicht so wie du — alles, was ich dir am Abend sage, hast du am Morgen vergessen." Als Schatzjade ihren schmollend-zärtlichen Ausdruck sah, konnte er sich nicht beherrschen, nahm eine Jade-Haarnadel vom Kopfkissen und zerbrach sie in zwei Stücke: „Wenn ich dir je wieder nicht zuhöre, soll es mir ergehen wie dieser Nadel!" Dufthauch hob eilig die Stücke auf und sagte: „Am frühen Morgen — wozu das alles? Ob du zuhörst oder nicht, ist es das wert, sich so aufzuregen?" Schatzjade sagte: „Du weißt nicht, wie verzweifelt ich mich fühle!" Dufthauch lachte: „Ah, du weißt also auch, was Verzweiflung ist! Kannst du dir dann vorstellen, wie mir zumute ist? Steh schnell auf und wasch dir das Gesicht." So standen beide auf und machten ihre Morgentoilette.
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Nachdem Schatzjade in die oberen Gemächer gegangen war, kam Kajaljade herüber und fand Schatzjade nicht in seinem Zimmer. Sie blätterte in den Büchern auf dem Schreibtisch und stieß zufällig auf den Zhuangzi von gestern. Als sie die Fortsetzung las, war sie zugleich verärgert und belustigt und konnte nicht umhin, ebenfalls den Pinsel zu nehmen und ein Gedicht hinzuzufügen:
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Wer ist der Mensch, der grundlos so den Pinsel führt?
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Der Nanhua-Meister Zhuangzi wird von ihm traktiert.
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Nicht tadelt er die eig'ne Blindheit, seinen Wahn —
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Nein, hässlich schilt er and're, die nichts dafür kann.
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Nachdem sie geschrieben hatte, ging auch sie in die oberen Gemächer, um Herzoginmutter zu besuchen, und dann zu Dame König.
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Da erfuhr sie, dass Phönixglanzs Tochter Da-jie erkrankt war, und alles in Aufruhr geriet, um einen Arzt rufen zu lassen. Der Arzt sagte: „Ich beglückwünsche die gnädige Frau! Das Fräulein hat Fieber, weil es die Pocken bekommen hat [Anm.: 见喜, euphemistisch für Pocken], keine andere Krankheit." Dame König und Phönixglanz hörten das und schickten eilig jemanden zu fragen: „Wird es gut ausgehen oder nicht?" Der Arzt antwortete: „Obwohl die Krankheit gefährlich ist, verläuft sie günstig und ist nicht besorgniserregend. Sorgt für Seidenraupen und Schweineschwänze [Anm.: damals als Medizin gegen Pocken verwendet]." Phönixglanz hörte dies und geriet sofort in geschäftiges Treiben: Einerseits ließ sie die Zimmer reinigen und die Pocken-Göttin [Anm.: 痘疹娘娘, daoistische Schutzgöttin gegen Pocken] aufstellen, andererseits ordnete sie an, dass die gesamte Dienerschaft auf Gebratenes und Scharfes verzichten müsse. Sie befahl Friedchen, Bettzeug und Kleidung für Kette Kaufmann in ein separates Zimmer zu bringen, und ließ aus großem roten Stoff Kleider für die Amme, die Dienerinnen und alle nahestehenden Personen schneidern. Draußen ließ sie ein Reinigungszimmer herrichten und lud zwei Ärzte ein, die abwechselnd den Puls fühlten, Diagnosen stellten und Medizin verschrieben — zwölf Tage lang durften sie nicht nach Hause. Kette Kaufmann musste in das äußere Arbeitszimmer umziehen und fasten; Phönixglanz und Friedchen waren zusammen mit Dame König täglich mit der Verehrung der Göttin beschäftigt.
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Was nun Kette Kaufmann betrifft — kaum war er von Phönixglanz getrennt, suchte er nach Unterhaltung. Nach zwei Nächten allein konnte er es kaum mehr aushalten und wählte sich zunächst unter den hübscheren der Dienstjungen einen aus, um sich Erleichterung zu verschaffen. Nun gab es im Rong-Herrenhaus einen völlig unfähigen und verwahrlosten Koch namens Duo Guan, den alle wegen seiner Schwäche und Unfähigkeit nur „Duo Hunchwurm" [Anm.: wörtlich „Trunkener Wurm"] nannten. Seine Eltern hatten ihm als Kind draußen eine Frau genommen, die jetzt erst um die Zwanzig war, recht hübsch und von jedermann bewundert. Sie war von Natur aus leichtfertig und unterhielt die liebsten Liebeleien. Duo Hunchwurm kümmerte sich um nichts, solange er Wein, Fleisch und Geld hatte, und so hatten Männer aus beiden Häusern Rong und Ning Zugang zu ihr gefunden. Da diese Frau außergewöhnlich schön und maßlos leichtfertig war, nannten alle sie „Duo-Fräulein". Kette Kaufmann, der nun draußen im Arbeitszimmer schmachtete, hatte diese Frau schon früher gesehen und war ihr verfallen, hatte sich aber nie getraut, seiner eifersüchtigen Frau und seines Lustknaben wegen. Auch das Duo-Fräulein hatte schon länger ein Auge auf Kette Kaufmann geworfen, nur fehlte es an Gelegenheit. Als sie nun hörte, dass Kette Kaufmann ins äußere Arbeitszimmer umgezogen war, kam sie ohne Anlass zwei-, dreimal vorbei, um ihn zu reizen. Kette Kaufmann war wie eine ausgehungerte Ratte; er besprach sich mit seinen vertrauten Dienern, die ihm Deckung gaben und Vermittlung leisteten, und versprach ihnen reichlich Gold und Seide. Wie hätten die Diener das ablehnen können — zumal sie alle ohnehin mit dieser Frau befreundet waren! Eine Absprache, und die Sache war gemacht. In jener Nacht, zur zweiten Trommel, als alles still geworden war und Duo Hunchwurm betrunken auf dem Kang lag, schlich Kette Kaufmann herbei. Beim ersten Anblick ihrer Gestalt verließen ihn Geist und Seele, und ohne Umschweife und Liebesgeflüster machte er sich sogleich ans Werk. Diese Frau aber besaß eine angeborene Besonderheit: Sobald ein Mann sie berührte, wurden alle Muskeln und Knochen ihres Körpers weich wie Watte, sodass der Mann sich fühlte, als läge er auf Seide, und dazu kamen lüsterne Posen und obszöne Worte, die selbst eine Kurtisane in den Schatten stellten — welcher Mann hätte da sein Leben geschont? Kette Kaufmann wünschte sich, mit ihr zu verschmelzen. Die Frau stöhnte absichtlich unter ihm: „Euer Fräulein hat die Pocken, und Ihr verehrt die Göttin — Ihr solltet Euch auch einige Tage enthalten, statt Euch meinetwegen zu besudeln. Geht schnell von hier fort." Kette Kaufmann stieß heftig zu und keuchte: „Du bist die Göttin! Was kümmert mich irgendeine Göttin!" Die Frau wurde immer hemmungsloser, und Kette Kaufmann entblößte sich in seiner ganzen Hässlichkeit. Hinterher schworen sie sich gegenseitig ewige Treue, und von da an trafen sie sich regelmäßig.
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Eines Tages waren die Pocken von Da-jie abgeklungen, und nach dem zwölften Tag verabschiedete man die Göttin. Die ganze Familie opferte dem Himmel und den Ahnen, löste Gelübde ein, verbrannte Weihrauch, feierte und verteilte Belohnungen. Kette Kaufmann zog wieder in das Schlafgemach ein. Als er Phönixglanz wiedersah, war es, wie das Sprichwort sagt: „Eine erneute Hochzeit ist süßer als die erste" — und ihre Zärtlichkeit kannte keine Grenzen.
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Am nächsten Morgen, nachdem Phönixglanz in die oberen Gemächer gegangen war, räumte Friedchen Kette Kaufmanns auswärtige Kleidung und Bettzeug zusammen. Dabei fiel unerwartet eine Haarsträhne aus dem Kissenbezug. Friedchen verstand sofort, verbarg die Strähne rasch im Ärmel und ging in ihr Zimmer, zog die Haare hervor und sagte lachend zu Kette Kaufmann: „Was ist denn das?" Kette Kaufmann erschrak, als er es sah, und stürzte vor, um es ihr zu entreißen. Friedchen lief davon, doch Kette Kaufmann packte sie, drückte sie auf den Kang und versuchte, ihr die Haare aus der Hand zu winden, wobei er lachte: „Du kleine Kröte! Gib es sofort her, oder ich breche dir den Arm!" Friedchen lachte: „Du hast kein Gewissen! Ich bin so nett, es vor ihr zu verbergen und dich erst zu fragen, und du wirst auch noch grob! Wenn du weiter so tust, erzähle ich ihr alles, wenn sie zurückkommt — mal sehen, was du dann machst." Kette Kaufmann hörte das und bat sogleich unterwürfig lächelnd: „Liebste, sei so gut und schenk es mir. Ich werde nie wieder grob sein."
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Er hatte noch nicht ausgeredet, da war Phönixglanzs Stimme zu hören. Kette Kaufmann ließ sofort los, Friedchen erhob sich gerade, und Phönixglanz war schon hereingekommen mit dem Befehl, Friedchen solle schnell die Schatulle öffnen und ein Schnittmuster für die gnädige Frau suchen. Friedchen machte sich eilig ans Suchen. Da erblickte Phönixglanz Kette Kaufmann, und plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie fragte Friedchen: „Hast du alles, was ich hinausgebracht hatte, wieder hereingeräumt?" Friedchen sagte: „Alles wieder drin." Phönixglanz fragte: „Fehlt etwas?" Friedchen sagte: „Ich hatte auch Angst, etwas könnte fehlen, und habe alles genau durchgesehen — es fehlt nichts." Phönixglanz sagte: „Fehlt nichts, ist gut — nur dass nicht etwas dazugekommen ist!" Friedchen lachte: „Wenn nichts verloren geht, ist es schon ein Glück — wer sollte etwas hinzufügen?" Phönixglanz lächelte kalt: „In diesem halben Monat kann man kaum für Sauberkeit bürgen. Vielleicht hat eine vertraute Freundin ihm etwas dagelassen: einen Ring, ein Schweißtuch, ein Duftsäckchen, oder gar Haare, Fingernägel — alles sind Dinge." Diese Worte ließen Kette Kaufmanns Gesicht gelb werden. Hinter Phönixglanzs Rücken machte er verzweifelte Zeichen, fuhr sich über die Kehle und zog Grimassen. Friedchen tat, als sähe sie nichts, und sagte lachend: „Seltsam, mein Herz denkt genauso wie das der gnädigen Frau! Ich hatte genau diese Befürchtung und habe gründlich gesucht — aber nicht die geringste Spur gefunden. Wenn die gnädige Frau mir nicht glaubt — die Sachen habe ich noch nicht weggeräumt. Die gnädige Frau kann selbst alles durchsuchen." Phönixglanz lachte: „Dummes Kind! Wenn er solche Dinge hätte, würde er es uns doch nicht so einfach finden lassen!" Damit nahm sie das Schnittmuster und ging wieder hinauf.
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Friedchen deutete auf ihre Nase und wackelte lachend mit dem Kopf: „Wie willst du mir das danken?" Kette Kaufmann freute sich unbändig, stürzte auf sie zu, umarmte sie und nannte sie „mein Herzchen, mein Schatz, mein Ein und Alles". Friedchen hielt die Haarsträhne hoch und sagte lachend: „Dies ist mein lebenslanges Faustpfand. Wenn du brav bist, gut — wenn nicht, bringe ich die ganze Sache ans Licht!" Kette Kaufmann lachte: „Bewahre es nur gut auf, und lass sie bloß nichts erfahren." Während er sprach und sie unachtsam war, riss er es ihr aus der Hand und lachte: „Wenn du es behältst, ist es eine ewige Gefahr. Lieber verbrenne ich es und bin es los." Damit steckte er es in seinen Stiefelschaft. Friedchen biss die Zähne zusammen: „Du Undankbarer! Kaum über die Brücke, reißt du sie ab. Morgen wirst du wohl kaum erwarten, dass ich wieder für dich lüge!" Kette Kaufmann sah, wie reizvoll und kokett sie war, und umarmte sie, um seine Lust zu stillen, doch Friedchen riss sich los und lief davon. Kette Kaufmann beugte sich vor Verlangen und schimpfte: „Du verdammtes kleines Luder! Zündest das Feuer an und läufst davon!" Friedchen rief vom Fenster draußen: „Ich tue, was mir gefällt — wer hat dich gebeten, Feuer zu fangen? Soll ich mich dir einmal hingeben und dafür von ihr geschnitten werden?" Kette Kaufmann sagte: „Hab keine Angst vor ihr! Wenn mir die Galle schwillt, zertrümmere ich diesen Essigkrug, dann wird sie wissen, was sie an mir hat! Sie bewacht mich wie einen Dieb — sie darf mit Männern reden, aber ich darf kein Wort mit Frauen wechseln. Wenn ich einer Frau nur nahekomme, beargwöhnt sie mich sofort. Aber sie kennt keinen Unterschied zwischen jüngeren Schwagern und Neffen, groß oder klein, lacht und scherzt mit ihnen — und fürchtet nicht, dass ich eifersüchtig werde? Von nun an werde ich ihr auch verbieten, irgendjemanden zu sehen!" Friedchen sagte: „Wenn sie auf dich eifersüchtig ist, hat sie guten Grund. Wenn du auf sie eifersüchtig bist, ist es grundlos. Ihr Wandel ist tadellos; du aber — bei jedem Schritt hegst du üble Absichten. Nicht einmal mir kann ich vertrauen, von ihr ganz zu schweigen." Kette Kaufmann sagte: „Ihr zwei steckt unter einer Decke! Immer ist es euer Wandel, der tadellos ist, und bei allem, was ich tue, hege ich üble Absichten. Früher oder später werdet ihr beide durch meine Hände sterben!"
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Er hatte noch nicht ausgeredet, da kam Phönixglanz in den Hof. Als sie Friedchen am Fenster stehen sah, fragte sie: „Wenn ihr etwas zu reden habt, warum redet ihr dann nicht im Zimmer? Warum läuft eine von euch hinaus und ihr redet durchs Fenster? Was soll das bedeuten?" Kette Kaufmann antwortete von drinnen: „Frag sie doch! Es ist, als säße im Zimmer ein Tiger, der sie frisst." Friedchen sagte: „Im Zimmer ist keine Menschenseele — was soll ich denn bei ihm?" Phönixglanz lachte: „Gerade weil niemand da ist, wäre es doch gut!" Friedchen hörte das und sagte: „Damit meint Ihr wohl mich?" Phönixglanz lachte: „Wen denn sonst?" Friedchen sagte: „Treibt mich nicht dazu, unangenehme Wahrheiten auszusprechen." Damit schlug sie, ohne den Vorhang für Phönixglanz hochzuhalten, den Vorhang selbst beiseite und ging auf die andere Seite. Phönixglanz hob selbst den Vorhang und trat ein: „Friedchen ist verrückt geworden! Das freche Stück will mich tatsächlich unterwerfen — pass nur auf deinen Buckel auf!" Kette Kaufmann lag längst vor Lachen flach auf dem Kang und klatschte in die Hände: „Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen so schlagfertig ist — von nun an beuge ich mich ihr!" Phönixglanz sagte: „Du hast sie so verwöhnt — ich halte mich an dich!" Kette Kaufmann hörte das und sagte eilig: „Wenn ihr zwei euch zankt, nehmt mich nicht als Puffer. Ich verschwinde." Phönixglanz sagte: „Mal sehen, wohin du verschwindest!" Kette Kaufmann sagte: „Bin gleich wieder da." Phönixglanz sagte: „Ich muss etwas mit dir besprechen." Was sie zu besprechen hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt. So heißt es denn:
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Edle Frauen neigen stets zur Klage,
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Und die schöne Gattin schmeckt der Eifersucht Essig alle Tage.
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<references />

Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 21

Zärtlicher Tadel ermahnt Schatzjade[1] — Die reizende Friedchen[2] rettet Kette Kaufmann mit sanften Worten

Es wird erzählt, dass Xiangfluss-Wolke[3] herausgerannt kam, aus Furcht, Kajaljade[4] könnte sie einholen. Schatzjade rief ihr von hinten hastig nach: „Pass auf, dass du nicht stolperst! Sie kann dich doch gar nicht mehr einholen!" Kajaljade war bis zur Tür gelaufen, doch Schatzjade versperrte ihr den Weg, die Arme gegen den Türrahmen gespreizt, und riet ihr lachend: „Lass sie diesmal davonkommen." Kajaljade rang mit seinen Händen und sagte: „Wenn ich Yun'er diesmal verschone, will ich nicht mehr leben!" Xiangfluss-Wolke sah, dass Schatzjade die Tür blockierte und Kajaljade wohl nicht herauskommen konnte, blieb stehen und rief lachend: „Liebe Schwester, verschone mich diesmal!" Da kam gerade Schatzspange[5] hinter Xiangfluss-Wolke und sagte ebenfalls lachend: „Ich rate euch beiden, um Bruder Schatzjades willen doch die Sache auf sich beruhen zu lassen." Kajaljade erwiderte: „Da mache ich nicht mit. Ihr steckt unter einer Decke und wollt mich zum Narren halten!" Schatzjade beschwichtigte: „Wer würde es wagen, sich über dich lustig zu machen! Wenn du ihn nicht aufgezogen hättest, hätte er sich doch nie getraut, so etwas über dich zu sagen." Gerade als die vier noch stritten und keine Lösung fanden, kam jemand, um sie zum Essen zu rufen, und so gingen sie alle nach vorne.

An jenem Abend, als bereits die Lampen angezündet waren, kamen Dame König, Seidenweiß Pflaume, Phönixglanz[6], Willkommensfrühling, Erkundefrühling und Bedauerfrühling zu Herzoginmutter[7], plauderten eine Weile und gingen dann alle zu Bett. Xiangfluss-Wolke übernachtete wieder in Kajaljades Zimmer.

Schatzjade begleitete die beiden in ihr Zimmer; es war bereits weit nach der zweiten Nachtwache [Anm.: etwa 21-23 Uhr], und Dufthauch[8] hatte ihn schon mehrmals zum Schlafengehen gerufen, ehe er endlich in sein eigenes Zimmer zurückkehrte. Am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, warf er sich das Obergewand über und schlüpfte in die Schuhe, um in Kajaljades Zimmer zu eilen. Purpurkuckuck [紫鹃] und Cuilu waren nirgends zu sehen, nur die beiden Schwestern lagen noch unter der Bettdecke. Kajaljade war fest und dicht in eine aprikosenrote Seidendecke gehüllt und schlief friedlich mit geschlossenen Augen. Xiangfluss-Wolke dagegen hatte ihr schwarzes Haar über das Kissen gebreitet, die Decke reichte ihr nur bis zur Brust, und ein schneeweißer Arm ragte hervor, an dem zwei goldene Armreifen blinkten. Schatzjade seufzte bei ihrem Anblick: „Selbst im Schlaf ist sie nicht brav! Wenn der Wind weht, klagt sie wieder über Schulterschmerzen." Während er so sprach, deckte er sie behutsam zu. Kajaljade war längst wach, spürte, dass jemand da war, und vermutete sogleich, es müsse Schatzjade sein. Als sie sich umdrehte und nachsah, bestätigte sich ihre Vermutung. „So früh schon hergelaufen — was willst du?", fragte sie. Schatzjade lachte: „Es ist noch ganz früh! Steh auf und schau selbst." Kajaljade sagte: „Geh erst hinaus, damit wir aufstehen können." Schatzjade hörte dies und drehte sich um, ging nach draußen.

Kajaljade stand auf und weckte Xiangfluss-Wolke, und beide zogen sich an. Schatzjade kam wieder herein und setzte sich neben den Frisiertisch. Da kamen Purpurkuckuck und Schneegans[9] herein, um beim Waschen und Frisieren zu helfen. Xiangfluss-Wolke hatte sich das Gesicht gewaschen, und Cuilu wollte gerade das restliche Wasser ausschütten, als Schatzjade sagte: „Halt, ich wasche mich gleich auch damit, das spart den Umweg." Er ging hinüber und wusch sich, beugte sich über die Schüssel. Purpurkuckuck reichte ihm die Seife, doch Schatzjade sagte: „In der Schüssel ist noch genug, ich brauche keine Seife mehr." Er wusch sich noch zweimal und verlangte ein Handtuch. Cuilu sagte: „Immer noch diese schlechte Angewohnheit! Wann wirst du dich endlich ändern?" Schatzjade kümmerte sich nicht darum, putzte sich eilig die Zähne mit grünem Salz, spülte den Mund und war fertig. Da Xiangfluss-Wolke ihr Haar bereits frisiert hatte, ging er zu ihr und sagte lachend: „Liebe Schwester, frisiere mir doch das Haar." Xiangfluss-Wolke erwiderte: „Das geht nun wirklich nicht." Schatzjade lachte: „Liebe Schwester, warum hast du es denn früher für mich getan?" Xiangfluss-Wolke sagte: „Das habe ich inzwischen vergessen, wie soll ich denn frisieren?" Schatzjade sagte: „Ich gehe ja nicht aus und brauche weder Kappe noch Stirnband, ein paar lose Zöpfe genügen vollkommen." Er flehte sie mit tausend „liebe Schwester" an. Xiangfluss-Wolke musste nachgeben und nahm seinen Kopf in beide Hände, um ihn sorgfältig zu kämmen und zu frisieren. Da er zu Hause keine Kappe trug und das Haar nicht zu einem Knoten band, flocht sie nur die kurzen Haare rings um den Kopf zu kleinen Zöpfchen, fasste sie oben zusammen und flocht einen großen Zopf, den sie mit einem roten Band zusammenhielt. Vom Scheitel bis zum Zopfende waren vier Perlen aufgereiht, unten hing ein goldenes Anhängerchen. Während sie flocht, sagte Xiangfluss-Wolke: „Da sind nur noch drei Perlen, diese eine ist anders. Ich erinnere mich, dass sie alle gleich waren — wie kommt es, dass eine fehlt?" Schatzjade sagte: „Eine ist verlorengegangen." Xiangfluss-Wolke sagte: „Bestimmt ist sie dir draußen heruntergefallen, und jemand hat sie aufgelesen — ein Glückspilz!" Kajaljade, die sich gerade die Hände wusch, bemerkte spöttisch: „Wer weiß, ob sie wirklich verloren ging oder ob sie nicht jemandem gegeben wurde, um sie irgendwo einfassen zu lassen!" Schatzjade antwortete nicht und griff, da auf beiden Seiten des Frisiertisches allerhand Schmuckstücke lagen, gedankenlos nach einem Stück, um es zu betrachten, und nahm dann unwillkürlich einen Schminktopf in die Hand, als wolle er sich davon auf die Lippen tupfen, traute sich aber nicht, weil Xiangfluss-Wolke es sehen könnte. Während er noch zögerte, hatte Xiangfluss-Wolke ihn tatsächlich von hinten bemerkt; mit einer Hand hielt sie den Zopf, mit der anderen klatschte sie ihm auf die Hand, sodass der Schminktopf zu Boden fiel. „Diese schlechte Angewohnheit!", sagte sie. „Wann wirst du dich endlich bessern!"

Sie hatte noch nicht ausgeredet, da kam Dufthauch herein. Als sie sah, dass die Morgentoilette bereits erledigt war, ging sie zurück, um sich selbst zu waschen und zu frisieren. Plötzlich kam Schatzspange herein und fragte: „Wo ist Bruder Schatzjade?" Dufthauch lächelte und sagte: „Bruder Schatzjade hat kaum je Zeit, zu Hause zu bleiben!" Schatzspange verstand sofort. Dann hörte sie Dufthauch seufzen: „Unter Geschwistern kann man sich gut verstehen, aber es sollte doch ein gewisses Maß an Anstand gewahrt bleiben, statt Tag und Nacht herumzutollen! Egal, wie man ihn ermahnt — alles prallt an ihm ab wie Wind am Ohr." Schatzspange dachte bei sich: „Da habe ich diese Dienerin wohl unterschätzt. Wenn man ihr so zuhört, hat sie durchaus Verstand." Sie setzte sich auf den Kang und erkundigte sich in ungezwungenem Plaudern nach Dufthauchs Alter, Heimat und dergleichen, beobachtete sie dabei aufmerksam und fand ihr Wesen und ihren Charakter zutiefst achtens- und liebenswert.

Bald darauf kam Schatzjade zurück, und Schatzspange ging hinaus. Schatzjade fragte Dufthauch: „Warum habt ihr beiden euch so angeregt unterhalten, und kaum komme ich herein, läuft sie davon?" Beim ersten Fragen gab sie keine Antwort; als er ein zweites Mal fragte, erwiderte Dufthauch: „Fragst du mich? Woher soll ich eure Gründe kennen?" Schatzjade hörte diese Worte und sah ihrem Gesichtsausdruck an, dass etwas anders war als sonst. Er lachte: „Warum bist du denn wirklich böse?" Dufthauch lachte kühl: „Wie könnte ich es wagen, böse zu sein! Nur komm von nun an nicht mehr in dieses Zimmer. Du hast ja genug andere, die dich bedienen, ruf mich nicht mehr her. Ich werde wieder zur alten Herrin gehen und ihr aufwarten." Während sie das sagte, legte sie sich auf den Kang und schloss die Augen. Schatzjade sah das und war zutiefst bestürzt. Er eilte zu ihr, um sie zu besänftigen, doch Dufthauch hielt die Augen geschlossen und beachtete ihn nicht. Schatzjade war ratlos und fragte Moschusmond [麝月], die gerade hereinkam: „Was ist mit deiner Schwester los?" Moschusmond sagte: „Woher soll ich das wissen? Frag dich selber, dann wirst du es verstehen." Schatzjade war verdutzt, saß eine Weile da und fühlte sich ganz elend. Schließlich seufzte er und sagte: „Wenn du mich nicht beachten willst — gut, dann gehe ich schlafen." Er stieg vom Kang und legte sich auf sein Bett. Dufthauch hörte, dass er lange nichts tat und leise zu schnarchen begann, und da sie annahm, dass er eingeschlafen war, stand sie auf, holte einen Umhang und wollte ihn gerade zudecken, als Schatzjade ihn mit einem Ruck abwarf und ebenfalls die Augen schloss und so tat, als schliefe er. Dufthauch wusste, was er meinte, nickte und sagte kühl lächelnd: „Du brauchst nicht böse zu sein. Von nun an werde ich einfach stumm sein und dich kein einziges Wort mehr tadeln — ist dir das recht?" Schatzjade konnte nicht anders und setzte sich auf: „Was habe ich denn nun wieder getan? Du hast mich ermahnt — gut. Aber eben war nichts von einer Ermahnung zu hören. Kaum bin ich hereingekommen, hast du mich nicht beachtet und dich beleidigt schlafen gelegt. Ich wusste nicht einmal, warum. Und jetzt sagst du, ich sei böse. Aber wann habe ich denn deine Ermahnung gehört?" Dufthauch sagte: „In deinem Herzen weißt du es ganz genau, und du wartest noch, dass ich es ausspreche!"

Mitten in diesem Streit schickte Herzoginmutter jemanden, um ihn zum Essen zu rufen, und so ging er nach vorne. Er aß lustlos eine halbe Schale und kehrte in sein Zimmer zurück. Dufthauch lag auf dem äußeren Kang und schlief, Moschusmond saß daneben und spielte mit Dominosteinen. Schatzjade wusste, dass Moschusmond und Dufthauch sehr vertraut miteinander waren, und beachtete deshalb auch Moschusmond nicht, sondern hob den Vorhang und ging ins Innenzimmer. Moschusmond musste ihm wohl oder übel folgen. Schatzjade schob sie hinaus und sagte: „Ich wage es nicht, euch zu stören." Moschusmond lachte und ging hinaus und rief zwei kleine Dienerinnen herein. Schatzjade nahm ein Buch und las eine Weile darin. Als er nach Tee verlangte und den Kopf hob, sah er nur die beiden kleinen Dienerinnen unten stehen. Die ältere von beiden war recht hübsch. Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Die Dienerin sagte: „Huixiang." [Anm.: „Duftende Orchidee"] Schatzjade fragte: „Wer hat dir den Namen gegeben?" Huixiang sagte: „Ursprünglich hieß ich Yunxiang [„Duftraute"], aber die große Schwester Hua hat ihn in Huixiang geändert." Schatzjade sagte: „Eigentlich solltest du ‚Huiqi' [‚Pechvogel'] heißen, was soll das, Huixiang!" Er fragte weiter: „Wie viele Geschwister seid ihr?" Huixiang sagte: „Vier." Schatzjade fragte: „Die wievielte bist du?" Huixiang sagte: „Die Vierte." Schatzjade sagte: „Ab morgen heißt du einfach ‚Si'er' [‚die Vierte'], wozu braucht es ‚Huixiang' oder ‚Lanqi'? Keine von euch ist es wert, sich mit diesen schönen Blumennamen zu schmücken — das besudelt nur die guten Namen." Während er sprach, ließ er sich Tee bringen und trank. Dufthauch und Moschusmond hörten im Vorzimmer zu und kicherten.

An diesem Tag ging Schatzjade kaum aus seinem Zimmer, trieb sich auch nicht mit seinen Schwestern und Dienerinnen herum, sondern saß lustlos da, vertrieb sich die Zeit mit Lesen oder Schreibübungen und bediente sich nicht der Dienerschaft, sondern rief nur Si'er. Nun war Si'er eine überaus kluge und geschickte kleine Dienerin. Als sie sah, dass Schatzjade sie bevorzugte, tat sie alles, um seine Zuneigung zu gewinnen. Am Abend nach dem Essen hatte Schatzjade einige Becher Wein getrunken, seine Augen waren glasig und die Ohren heiß. An gewöhnlichen Tagen hätte er mit Dufthauch und den anderen gelacht und gescherzt, doch heute war es einsam und still — er saß allein vor der Lampe und fühlte sich trostlos. Hätte er sie zu sich geholt, hätten sie sich triumphierend gefühlt und ihn künftig noch weniger beachtet; hätte er die Autorität des Herrn herausgekehrt, wäre das allzu herzlos gewesen. Er beschloss also, sie einfach als gestorben zu betrachten — man musste ja auch ohne sie zurechtkommen. In dem Augenblick, da er sie für tot hielt, fühlte er sich von allen Banden befreit und geradezu heiter. Er befahl Si'er, den Lampendocht zu schneiden und Tee zu kochen, und begann, den Zhuangzi zu lesen, genauer den Abschnitt „Gekappte Koffer" aus dem Außenkapitel [Anm.: Kapitel 10 des Zhuangzi, 莊子外篇《胠篋》]. Der Text lautete:

„Darum: Beseitigt man die Heiligen und verwirft die Weisheit, so hören die großen Räuber auf. Zerbricht man Jade und zerstört Perlen, so erheben sich keine kleinen Diebe. Verbrennt man die Beglaubigungsmarken und zerbricht die Siegel, so wird das Volk schlicht und einfach. Zertrümmert man die Scheffel und zerbricht die Waagen, so hört das Volk auf zu streiten. Vernichtet man alle heiligen Gesetze der Welt, so lässt sich erst mit dem Volk beraten. Verdreht man die sechs Tonarten und zerschmilzt Flöten und Saitenspiele, verstopft man die Ohren des blinden Kuang [Anm.: legendärer Musikmeister], dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Gehör. Tilgt man Schriftzeichen, zerstreut die fünf Farben, verklebt die Augen des scharfsichtigen Li Zhu, dann erst bewahren die Menschen ihr natürliches Sehen. Zerstört man Richtschnur und Winkelmaß, bricht man die Finger des geschickten Handwerkers Chui, dann erst bewahren die Menschen ihre natürliche Geschicklichkeit."

Als er dies las, wurde er von Begeisterung ergriffen, und im Rausch des Weines konnte er nicht umhin, den Pinsel zu nehmen und fortzufahren:

„Verbrennt man Blumen und verstreut Moschus, dann erst bewahren die Frauengemächer ihre Ermahnung. Zerstört man Schatzspanges unsterbliche Schönheit, löscht man Kajaljades genialen Geist, vernichtet man Gefühl und Leidenschaft, dann erst werden Schönheit und Hässlichkeit in den Frauengemächern einander gleich. Bewahren sie ihre Ermahnung, gibt es keine Dissonanz mehr; zerstört man ihre unsterbliche Schönheit, gibt es kein Sehnen mehr; löscht man ihren genialen Geist, gibt es kein talentiertes Sinnen mehr. Denn Haarnadel und Jade, Blume und Moschus — sie alle sind Netze und Fallen, die dazu dienen, die Menschen der Welt zu betören und zu verstricken."

Als er dies geschrieben hatte, legte er den Pinsel nieder und ging zu Bett. Kaum berührte sein Kopf das Kissen, fiel er auch schon in Schlaf und wusste die ganze Nacht nicht, wo er war, bis er bei Tagesanbruch erwachte. Als er sich umdrehte, sah er Dufthauch, die angekleidet auf der Decke lag. Da Schatzjade die gestrigen Dinge bereits vergessen hatte, weckte er sie und sagte: „Steh auf und leg dich ordentlich hin, sonst erkältest du dich."

In Wahrheit hatte Dufthauch gesehen, dass er Tag und Nacht mit seinen Schwestern herumtollte, und wusste, dass direkte Ermahnungen nichts nützten. Deshalb hatte sie beschlossen, ihn mit sanfter List zu warnen, in der Erwartung, dass er spätestens nach einem halben Tag wieder einlenken würde. Doch zu ihrer Überraschung war Schatzjade einen ganzen Tag und eine Nacht lang nicht umgekehrt, und sie selbst verlor die Initiative und schlief die ganze Nacht schlecht. Als Schatzjade sie nun so behandelte, wusste sie, dass sein Herz sich gewendet hatte, und ignorierte ihn erst recht. Schatzjade sah, dass sie nicht reagierte, streckte die Hand aus und öffnete ihre Knöpfe. Gerade hatte er den ersten geöffnet, als Dufthauch seine Hand wegschob und den Knopf wieder schloss. Schatzjade war ratlos und ergriff lachend ihre Hand: „Was hast du denn nun eigentlich?" Er fragte mehrmals, bis Dufthauch die Augen öffnete und sagte: „Was soll ich haben? Du bist wach, geh drüben in dein Zimmer und wasch dich. Wenn du zu spät kommst, schaffst du es nicht mehr rechtzeitig." Schatzjade fragte: „Wohin soll ich gehen?" Dufthauch lachte kühl: „Was fragst du mich? Geh, wohin du willst. Von nun an gehen wir getrennte Wege, damit es kein Gezänk wie zwischen Hahn und Gans mehr gibt und andere über uns lachen. Wenn du dort drüben genug hast, kommst du hierher — und hier gibt es ja auch eine ‚Si'er' oder ‚Wu'er', die dich bedient. Unser Pack ist ja das, was ‚ehrbare Namen beschmutzt'." Schatzjade lachte: „Das hast du dir also von gestern gemerkt!" Dufthauch sagte: „Hundert Jahre werde ich mir das merken! Nicht so wie du — alles, was ich dir am Abend sage, hast du am Morgen vergessen." Als Schatzjade ihren schmollend-zärtlichen Ausdruck sah, konnte er sich nicht beherrschen, nahm eine Jade-Haarnadel vom Kopfkissen und zerbrach sie in zwei Stücke: „Wenn ich dir je wieder nicht zuhöre, soll es mir ergehen wie dieser Nadel!" Dufthauch hob eilig die Stücke auf und sagte: „Am frühen Morgen — wozu das alles? Ob du zuhörst oder nicht, ist es das wert, sich so aufzuregen?" Schatzjade sagte: „Du weißt nicht, wie verzweifelt ich mich fühle!" Dufthauch lachte: „Ah, du weißt also auch, was Verzweiflung ist! Kannst du dir dann vorstellen, wie mir zumute ist? Steh schnell auf und wasch dir das Gesicht." So standen beide auf und machten ihre Morgentoilette.

Nachdem Schatzjade in die oberen Gemächer gegangen war, kam Kajaljade herüber und fand Schatzjade nicht in seinem Zimmer. Sie blätterte in den Büchern auf dem Schreibtisch und stieß zufällig auf den Zhuangzi von gestern. Als sie die Fortsetzung las, war sie zugleich verärgert und belustigt und konnte nicht umhin, ebenfalls den Pinsel zu nehmen und ein Gedicht hinzuzufügen:

Wer ist der Mensch, der grundlos so den Pinsel führt? Der Nanhua-Meister Zhuangzi wird von ihm traktiert. Nicht tadelt er die eig'ne Blindheit, seinen Wahn — Nein, hässlich schilt er and're, die nichts dafür kann.

Nachdem sie geschrieben hatte, ging auch sie in die oberen Gemächer, um Herzoginmutter zu besuchen, und dann zu Dame König.

Da erfuhr sie, dass Phönixglanzs Tochter Da-jie erkrankt war, und alles in Aufruhr geriet, um einen Arzt rufen zu lassen. Der Arzt sagte: „Ich beglückwünsche die gnädige Frau! Das Fräulein hat Fieber, weil es die Pocken bekommen hat [Anm.: 见喜, euphemistisch für Pocken], keine andere Krankheit." Dame König und Phönixglanz hörten das und schickten eilig jemanden zu fragen: „Wird es gut ausgehen oder nicht?" Der Arzt antwortete: „Obwohl die Krankheit gefährlich ist, verläuft sie günstig und ist nicht besorgniserregend. Sorgt für Seidenraupen und Schweineschwänze [Anm.: damals als Medizin gegen Pocken verwendet]." Phönixglanz hörte dies und geriet sofort in geschäftiges Treiben: Einerseits ließ sie die Zimmer reinigen und die Pocken-Göttin [Anm.: 痘疹娘娘, daoistische Schutzgöttin gegen Pocken] aufstellen, andererseits ordnete sie an, dass die gesamte Dienerschaft auf Gebratenes und Scharfes verzichten müsse. Sie befahl Friedchen, Bettzeug und Kleidung für Kette Kaufmann in ein separates Zimmer zu bringen, und ließ aus großem roten Stoff Kleider für die Amme, die Dienerinnen und alle nahestehenden Personen schneidern. Draußen ließ sie ein Reinigungszimmer herrichten und lud zwei Ärzte ein, die abwechselnd den Puls fühlten, Diagnosen stellten und Medizin verschrieben — zwölf Tage lang durften sie nicht nach Hause. Kette Kaufmann musste in das äußere Arbeitszimmer umziehen und fasten; Phönixglanz und Friedchen waren zusammen mit Dame König täglich mit der Verehrung der Göttin beschäftigt.

Was nun Kette Kaufmann betrifft — kaum war er von Phönixglanz getrennt, suchte er nach Unterhaltung. Nach zwei Nächten allein konnte er es kaum mehr aushalten und wählte sich zunächst unter den hübscheren der Dienstjungen einen aus, um sich Erleichterung zu verschaffen. Nun gab es im Rong-Herrenhaus einen völlig unfähigen und verwahrlosten Koch namens Duo Guan, den alle wegen seiner Schwäche und Unfähigkeit nur „Duo Hunchwurm" [Anm.: wörtlich „Trunkener Wurm"] nannten. Seine Eltern hatten ihm als Kind draußen eine Frau genommen, die jetzt erst um die Zwanzig war, recht hübsch und von jedermann bewundert. Sie war von Natur aus leichtfertig und unterhielt die liebsten Liebeleien. Duo Hunchwurm kümmerte sich um nichts, solange er Wein, Fleisch und Geld hatte, und so hatten Männer aus beiden Häusern Rong und Ning Zugang zu ihr gefunden. Da diese Frau außergewöhnlich schön und maßlos leichtfertig war, nannten alle sie „Duo-Fräulein". Kette Kaufmann, der nun draußen im Arbeitszimmer schmachtete, hatte diese Frau schon früher gesehen und war ihr verfallen, hatte sich aber nie getraut, seiner eifersüchtigen Frau und seines Lustknaben wegen. Auch das Duo-Fräulein hatte schon länger ein Auge auf Kette Kaufmann geworfen, nur fehlte es an Gelegenheit. Als sie nun hörte, dass Kette Kaufmann ins äußere Arbeitszimmer umgezogen war, kam sie ohne Anlass zwei-, dreimal vorbei, um ihn zu reizen. Kette Kaufmann war wie eine ausgehungerte Ratte; er besprach sich mit seinen vertrauten Dienern, die ihm Deckung gaben und Vermittlung leisteten, und versprach ihnen reichlich Gold und Seide. Wie hätten die Diener das ablehnen können — zumal sie alle ohnehin mit dieser Frau befreundet waren! Eine Absprache, und die Sache war gemacht. In jener Nacht, zur zweiten Trommel, als alles still geworden war und Duo Hunchwurm betrunken auf dem Kang lag, schlich Kette Kaufmann herbei. Beim ersten Anblick ihrer Gestalt verließen ihn Geist und Seele, und ohne Umschweife und Liebesgeflüster machte er sich sogleich ans Werk. Diese Frau aber besaß eine angeborene Besonderheit: Sobald ein Mann sie berührte, wurden alle Muskeln und Knochen ihres Körpers weich wie Watte, sodass der Mann sich fühlte, als läge er auf Seide, und dazu kamen lüsterne Posen und obszöne Worte, die selbst eine Kurtisane in den Schatten stellten — welcher Mann hätte da sein Leben geschont? Kette Kaufmann wünschte sich, mit ihr zu verschmelzen. Die Frau stöhnte absichtlich unter ihm: „Euer Fräulein hat die Pocken, und Ihr verehrt die Göttin — Ihr solltet Euch auch einige Tage enthalten, statt Euch meinetwegen zu besudeln. Geht schnell von hier fort." Kette Kaufmann stieß heftig zu und keuchte: „Du bist die Göttin! Was kümmert mich irgendeine Göttin!" Die Frau wurde immer hemmungsloser, und Kette Kaufmann entblößte sich in seiner ganzen Hässlichkeit. Hinterher schworen sie sich gegenseitig ewige Treue, und von da an trafen sie sich regelmäßig.

Eines Tages waren die Pocken von Da-jie abgeklungen, und nach dem zwölften Tag verabschiedete man die Göttin. Die ganze Familie opferte dem Himmel und den Ahnen, löste Gelübde ein, verbrannte Weihrauch, feierte und verteilte Belohnungen. Kette Kaufmann zog wieder in das Schlafgemach ein. Als er Phönixglanz wiedersah, war es, wie das Sprichwort sagt: „Eine erneute Hochzeit ist süßer als die erste" — und ihre Zärtlichkeit kannte keine Grenzen.

Am nächsten Morgen, nachdem Phönixglanz in die oberen Gemächer gegangen war, räumte Friedchen Kette Kaufmanns auswärtige Kleidung und Bettzeug zusammen. Dabei fiel unerwartet eine Haarsträhne aus dem Kissenbezug. Friedchen verstand sofort, verbarg die Strähne rasch im Ärmel und ging in ihr Zimmer, zog die Haare hervor und sagte lachend zu Kette Kaufmann: „Was ist denn das?" Kette Kaufmann erschrak, als er es sah, und stürzte vor, um es ihr zu entreißen. Friedchen lief davon, doch Kette Kaufmann packte sie, drückte sie auf den Kang und versuchte, ihr die Haare aus der Hand zu winden, wobei er lachte: „Du kleine Kröte! Gib es sofort her, oder ich breche dir den Arm!" Friedchen lachte: „Du hast kein Gewissen! Ich bin so nett, es vor ihr zu verbergen und dich erst zu fragen, und du wirst auch noch grob! Wenn du weiter so tust, erzähle ich ihr alles, wenn sie zurückkommt — mal sehen, was du dann machst." Kette Kaufmann hörte das und bat sogleich unterwürfig lächelnd: „Liebste, sei so gut und schenk es mir. Ich werde nie wieder grob sein."

Er hatte noch nicht ausgeredet, da war Phönixglanzs Stimme zu hören. Kette Kaufmann ließ sofort los, Friedchen erhob sich gerade, und Phönixglanz war schon hereingekommen mit dem Befehl, Friedchen solle schnell die Schatulle öffnen und ein Schnittmuster für die gnädige Frau suchen. Friedchen machte sich eilig ans Suchen. Da erblickte Phönixglanz Kette Kaufmann, und plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie fragte Friedchen: „Hast du alles, was ich hinausgebracht hatte, wieder hereingeräumt?" Friedchen sagte: „Alles wieder drin." Phönixglanz fragte: „Fehlt etwas?" Friedchen sagte: „Ich hatte auch Angst, etwas könnte fehlen, und habe alles genau durchgesehen — es fehlt nichts." Phönixglanz sagte: „Fehlt nichts, ist gut — nur dass nicht etwas dazugekommen ist!" Friedchen lachte: „Wenn nichts verloren geht, ist es schon ein Glück — wer sollte etwas hinzufügen?" Phönixglanz lächelte kalt: „In diesem halben Monat kann man kaum für Sauberkeit bürgen. Vielleicht hat eine vertraute Freundin ihm etwas dagelassen: einen Ring, ein Schweißtuch, ein Duftsäckchen, oder gar Haare, Fingernägel — alles sind Dinge." Diese Worte ließen Kette Kaufmanns Gesicht gelb werden. Hinter Phönixglanzs Rücken machte er verzweifelte Zeichen, fuhr sich über die Kehle und zog Grimassen. Friedchen tat, als sähe sie nichts, und sagte lachend: „Seltsam, mein Herz denkt genauso wie das der gnädigen Frau! Ich hatte genau diese Befürchtung und habe gründlich gesucht — aber nicht die geringste Spur gefunden. Wenn die gnädige Frau mir nicht glaubt — die Sachen habe ich noch nicht weggeräumt. Die gnädige Frau kann selbst alles durchsuchen." Phönixglanz lachte: „Dummes Kind! Wenn er solche Dinge hätte, würde er es uns doch nicht so einfach finden lassen!" Damit nahm sie das Schnittmuster und ging wieder hinauf.

Friedchen deutete auf ihre Nase und wackelte lachend mit dem Kopf: „Wie willst du mir das danken?" Kette Kaufmann freute sich unbändig, stürzte auf sie zu, umarmte sie und nannte sie „mein Herzchen, mein Schatz, mein Ein und Alles". Friedchen hielt die Haarsträhne hoch und sagte lachend: „Dies ist mein lebenslanges Faustpfand. Wenn du brav bist, gut — wenn nicht, bringe ich die ganze Sache ans Licht!" Kette Kaufmann lachte: „Bewahre es nur gut auf, und lass sie bloß nichts erfahren." Während er sprach und sie unachtsam war, riss er es ihr aus der Hand und lachte: „Wenn du es behältst, ist es eine ewige Gefahr. Lieber verbrenne ich es und bin es los." Damit steckte er es in seinen Stiefelschaft. Friedchen biss die Zähne zusammen: „Du Undankbarer! Kaum über die Brücke, reißt du sie ab. Morgen wirst du wohl kaum erwarten, dass ich wieder für dich lüge!" Kette Kaufmann sah, wie reizvoll und kokett sie war, und umarmte sie, um seine Lust zu stillen, doch Friedchen riss sich los und lief davon. Kette Kaufmann beugte sich vor Verlangen und schimpfte: „Du verdammtes kleines Luder! Zündest das Feuer an und läufst davon!" Friedchen rief vom Fenster draußen: „Ich tue, was mir gefällt — wer hat dich gebeten, Feuer zu fangen? Soll ich mich dir einmal hingeben und dafür von ihr geschnitten werden?" Kette Kaufmann sagte: „Hab keine Angst vor ihr! Wenn mir die Galle schwillt, zertrümmere ich diesen Essigkrug, dann wird sie wissen, was sie an mir hat! Sie bewacht mich wie einen Dieb — sie darf mit Männern reden, aber ich darf kein Wort mit Frauen wechseln. Wenn ich einer Frau nur nahekomme, beargwöhnt sie mich sofort. Aber sie kennt keinen Unterschied zwischen jüngeren Schwagern und Neffen, groß oder klein, lacht und scherzt mit ihnen — und fürchtet nicht, dass ich eifersüchtig werde? Von nun an werde ich ihr auch verbieten, irgendjemanden zu sehen!" Friedchen sagte: „Wenn sie auf dich eifersüchtig ist, hat sie guten Grund. Wenn du auf sie eifersüchtig bist, ist es grundlos. Ihr Wandel ist tadellos; du aber — bei jedem Schritt hegst du üble Absichten. Nicht einmal mir kann ich vertrauen, von ihr ganz zu schweigen." Kette Kaufmann sagte: „Ihr zwei steckt unter einer Decke! Immer ist es euer Wandel, der tadellos ist, und bei allem, was ich tue, hege ich üble Absichten. Früher oder später werdet ihr beide durch meine Hände sterben!"

Er hatte noch nicht ausgeredet, da kam Phönixglanz in den Hof. Als sie Friedchen am Fenster stehen sah, fragte sie: „Wenn ihr etwas zu reden habt, warum redet ihr dann nicht im Zimmer? Warum läuft eine von euch hinaus und ihr redet durchs Fenster? Was soll das bedeuten?" Kette Kaufmann antwortete von drinnen: „Frag sie doch! Es ist, als säße im Zimmer ein Tiger, der sie frisst." Friedchen sagte: „Im Zimmer ist keine Menschenseele — was soll ich denn bei ihm?" Phönixglanz lachte: „Gerade weil niemand da ist, wäre es doch gut!" Friedchen hörte das und sagte: „Damit meint Ihr wohl mich?" Phönixglanz lachte: „Wen denn sonst?" Friedchen sagte: „Treibt mich nicht dazu, unangenehme Wahrheiten auszusprechen." Damit schlug sie, ohne den Vorhang für Phönixglanz hochzuhalten, den Vorhang selbst beiseite und ging auf die andere Seite. Phönixglanz hob selbst den Vorhang und trat ein: „Friedchen ist verrückt geworden! Das freche Stück will mich tatsächlich unterwerfen — pass nur auf deinen Buckel auf!" Kette Kaufmann lag längst vor Lachen flach auf dem Kang und klatschte in die Hände: „Ich hätte nie gedacht, dass Friedchen so schlagfertig ist — von nun an beuge ich mich ihr!" Phönixglanz sagte: „Du hast sie so verwöhnt — ich halte mich an dich!" Kette Kaufmann hörte das und sagte eilig: „Wenn ihr zwei euch zankt, nehmt mich nicht als Puffer. Ich verschwinde." Phönixglanz sagte: „Mal sehen, wohin du verschwindest!" Kette Kaufmann sagte: „Bin gleich wieder da." Phönixglanz sagte: „Ich muss etwas mit dir besprechen." Was sie zu besprechen hatte, wird im nächsten Kapitel erzählt. So heißt es denn:

Edle Frauen neigen stets zur Klage, Und die schöne Gattin schmeckt der Eifersucht Essig alle Tage.

  1. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz".
  2. Chin. 平儿 Píng'ér, Phönixglanz' Kammerzofe.
  3. Chin. 史湘云 Shǐ Xiāngyún.
  4. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, „Kajal-Jade".
  5. Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, „Schatz-Haarspange".
  6. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, „Strahlender Phönix".
  7. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, Matriarchin der Kaufmann-Familie.
  8. Chin. 袭人 Xírén, „die Überraschende".
  9. Chin. 雪雁 Xuěyàn. 雪 xuě „Schnee“; 雁 yàn „Wildgans“. Kajaljades Dienerin.