Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 66"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 66)
 
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Kapitel 66
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情小妹耻情归地府 / 冷二郎一冷入空门
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_11|<span style="color: #FFD700;">11</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">21</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">31</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">41</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">51</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">61</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_62|<span style="color: #FFD700;">62</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_63|<span style="color: #FFD700;">63</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_64|<span style="color: #FFD700;">64</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_65|<span style="color: #FFD700;">65</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">66</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_67|<span style="color: #FFD700;">67</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_68|<span style="color: #FFD700;">68</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_69|<span style="color: #FFD700;">69</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_70|<span style="color: #FFD700;">70</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">71</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">81</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">91</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">101</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">111</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Die gefühlvolle Drittschwester Sonders gibt sich den Tod; Xianglotus Weide entsagt der Welt und folgt einem Mönch
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Die Drittschwester Sonders gibt sich mit dem Mandarinenentenschwert den Tod
<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_66|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_66|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
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Xianglotus Weide<ref>Xianglotus Weide (柳湘莲): Ein unabhängiger, stolzer junger Mann von edlem Charakter, Schwertkämpfer und Schauspieler.</ref> geht aus der Welt und folgt einem Wandermönch
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= Kapitel 66 =
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Bao Ers Frau versetzte ihm einen Klaps und sagte lachend: „Einiges davon ist ja wahr, aber du hast dann so viel Unsinn dazugemischt, dass alles aus dem Rahmen fällt. Du benimmst dich gar nicht wie einer, der dem Zweiten Herrn dient — deine wilden Reden klingen eher wie die von Schatzjades Leuten!" Die Zweite Schwester wollte noch weiterfragen, doch da mischte sich die Dritte Schwester lachend ein: „Ist das euer Schatzjade? Was tut er den ganzen Tag, wenn er nicht in der Schule ist?" Xing'er lachte: „Fragt nicht nach dem, Frau Tante! Es klingt alles so unglaublich, dass Ihr es vermutlich nicht glauben würdet. Er ist so groß geworden und hat nie eine richtige Schule besucht. In unserer Familie, von den Ahnen bis zum Zweiten Herrn — wer hat nicht zehn Jahre am kalten Fenster studiert? Nur er hat keine Lust zu lernen. Er ist der Liebling der Alten Herrin; der Herr Vater hat ihn früher noch beaufsichtigt, jetzt wagt er es nicht mehr. Den ganzen Tag ist er verrückt und wirr — was er sagt, versteht kein Mensch; was er tut, begreift kein Mensch. Von außen sieht er hübsch und klug aus, doch in Wahrheit ist er außen klar und innen trüb. Wenn er Menschen trifft, hat er kein Wort zu sagen. Sein einziger Vorzug: Obwohl er nie die Schule besuchte, hat er es doch fertiggebracht, einige Schriftzeichen zu lernen. Er übt weder Literatur noch Kampfkunst, scheut die Menschen und treibt sich nur unter den Mägden herum. Er hat kein Rückgrat: Wenn er guter Laune ist, spielt er mit uns ohne Rangunterschied wild durcheinander; ist er schlecht gelaunt, geht er einfach davon, ohne sich um uns zu kümmern. Wir sitzen oder liegen herum — wenn er kommt, beachten wir ihn nicht, und er tadelt uns auch nicht. Darum fürchtet ihn niemand; wir machen, was wir wollen, und alle kommen aus." Die Dritte Schwester lachte: „Wenn der Herr nachsichtig ist, beklagt ihr euch; wenn er streng ist, beklagt ihr euch auch. Ihr seid wirklich schwer zufriedenzustellen!" Die Zweite Schwester sagte: „Wir fanden ihn eigentlich nett — aber so einer ist er also! Schade um das gute Material." Die Dritte Schwester sagte: „Schwester, glaub nicht seinem Geschwätz! Wir haben ihn doch nicht nur ein- oder zweimal gesehen. In seinem Verhalten, seinen Reden, beim Essen und Trinken hat er zwar etwas Mädchenhaftes — aber das kommt nur daher, dass er stets im Inneren des Hauses lebt. Was die Torheit angeht — wo ist er denn töricht? Schwester, erinnerst du dich? Als wir während der Trauer zusammen waren, und an jenem Tag die Mönche hereinkamen, um den Sarg zu umrunden, standen wir alle dort, und er stellte sich ganz vorn hin, um die Leute abzuschirmen. Die Leute sagten, er habe keine Manieren und keinen Blick für die Situation. Aber nachher hat er uns leise gesagt: ‚Schwestern, ihr wisst es nicht — es ist nicht so, dass ich keinen Blick für die Dinge hätte. Ich dachte nur, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch könnte die Schwestern belästigen.' Und dann, als er Tee trank und die Schwester auch Tee wollte, nahm eine alte Dienerin seine Schale zum Einschenken. Er sagte eilig: ‚Meine ist schmutzig — wascht sie erst und bringt eine frische.' An diesen zwei Dingen habe ich im Stillen beobachtet: Vor Mädchen kann er sich benehmen, wie er will, und alle nehmen es hin; nur mit der Außenwelt kommt er nicht zurecht — deshalb verstehen die Leute ihn nicht." Die Zweite Schwester hörte das und lachte: „Wenn du so sprichst, seid ihr beiden ja schon seelenverwandt! Wäre es nicht am besten, wenn man dich ihm verspräche?" Die Dritte Schwester sah, dass Xing'er dabei war, und wollte nicht weitersprechen; sie senkte den Kopf und knackte Kürbiskerne. Xing'er lachte: „Was Aussehen und Charakter angeht, wären sie ein schönes Paar. Nur: Er hat schon jemanden — es ist nur noch nicht offiziell. In Zukunft wird es bestimmt Fräulein Lin sein. Weil Fräulein Lin oft krank ist und beide noch jung sind, ist es noch nicht so weit. In zwei, drei Jahren braucht die Alte Herrin nur ein Wort zu sagen, und es ist beschlossen." Gerade als sie sich unterhielten, kam Long'er und sagte: „Der Herr Vater hat eine Angelegenheit — eine vertrauliche, wichtige Sache. Er will den Zweiten Herrn nach Pinganzhou schicken. In drei bis fünf Tagen muss er aufbrechen; hin und zurück dauert es gut einen halben Monat. Heute kann er nicht kommen. Er bittet die Herrin, mit der Zweiten Tante die Sache vorab zu klären; morgen kommt der Herr, um alles festzulegen." Damit nahm er Xing'er mit und ging zurück.
== 情小妹恥情歸地府 / 冷二郎一冷入空門 ==
 
=== Die gefuehlvolle kleine Schwester geht vor Scham ueber die Liebe in die Unterwelt; Der kalte zweite junge Herr tritt nach einem Frostschauer ins Kloster ein ===
 
  
'''Ein empfindsames Mädchen betritt aus verschmähter Liebe das Reich der Toten,ein gefühlskalter Jüngling entsagt nach jäher Ernüchterung der Welt des Scheins.'''
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Die Zweite Schwester ließ die Türen schließen und sich früh zur Ruhe legen. Die ganze Nacht befragte sie ihre jüngere Schwester. Am nächsten Tag, am Nachmittag, kam Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann (贾赦), Ehemann von Phönixglanz.</ref><ref>Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann (贾赦), Ehemann von Phönixglanz.</ref>. Die Zweite Schwester riet ihm: „Wenn du dienstliche Pflichten hast, warum eilst du noch hierher? Lass um meinetwillen nur nichts liegen." Kette Kaufmann sagte: „Es ist nichts Besonderes — nur ist unerwarteterweise eine Dienstreise dazugekommen. Anfang nächsten Monats breche ich auf, und es dauert gut einen halben Monat." Die Zweite Schwester sagte: „Wenn es so ist, dann reise ruhig los; du brauchst dir hier keine Sorgen zu machen. Die Dritte Schwester ist eine, die nie ihre Meinung ändert. Sie hat gesagt, sie bessere sich, und sie wird sich bessern. Sie hat ihren Mann gewählt — du brauchst nur zuzustimmen." Kette Kaufmann fragte, wer es sei. Die Zweite Schwester lachte: „Er ist im Moment nicht hier, und wer weiß, wann er kommt — man muss ihren guten Blick anerkennen. Sie hat selbst gesagt: Wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr; wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre; und wenn er stirbt und nie wiederkommt, will sie sich den Kopf scheren, Nonne werden und den Rest ihres Lebens vegetarisch und buddhistische Gebete sprechend verbringen." Kette Kaufmann fragte: „Wer ist es denn, der ihr so das Herz gerührt hat?" Die Zweite Schwester lachte: „Es ist eine lange Geschichte. Vor fünf Jahren feierte die Herzoginmutter unserer Mama Geburtstag; Mama und wir gingen hin, um zu gratulieren. Bei der Familie war eine Theatergruppe engagiert, und darunter gab es einen Jungenschauspieler namens Xianglotus Weide <ref>ein unabhängiger, stolzer junger Mann von edlem Charakter und großer Schönheit</ref>. Sie hat sich in ihn verliebt, und nun will sie nur ihn heiraten. Letztes Jahr hörten wir, dass Xianglotus Weide wegen eines Vorfalls geflohen sei — ob er zurückgekehrt ist, weiß ich nicht." Kette Kaufmann hörte das und rief: „Ach so! Ich habe mich schon gefragt, wer es sein könnte — es ist also er! Wirklich guter Geschmack! Du weißt es nicht, aber dieser Zweite Herr Liu ist ein auffallend hübscher Mensch, doch äußerst kaltherzig und abweisend — mit den meisten Menschen hat er nichts zu schaffen. Nur mit Schatzjade versteht er sich gut. Letztes Jahr, nachdem er Becken Schnee<ref>Becken Schnee: Chin. 薛蟠 Xuē Pán, der ungebildete, ungehobelte Sohn der Tante Schnee<ref>Tante Schnee: Chin. 薛姨妈 Xuē Yímā, Mutter von Becken Schnee und Schatzspange, Schwester von Dame König.</ref> und Bruder von Schatzspange.</ref> <ref>den ‚Dummkopf Xue'</ref> verprügelt hatte, schämte er sich, uns unter die Augen zu treten, und verschwand für eine ganze Weile. Später hörte jemand sagen, er sei zurück — ob das stimmt, weiß ich nicht. Man braucht nur Schatzjades Burschen zu fragen. Wenn er nicht kommt — bei seiner Art, umherzuziehen wie ein Blatt im Wind —, wer weiß, wann er kommt! Das wäre doch vergebliches Warten!" Die Zweite Schwester sagte: „Unsere Dritte Schwester sagt, was sie meint, und tut, was sie sagt. Was sie beschlossen hat, daran halte dich."
  
Lachend gab Bau Örls Frau Hsing-örl einen Klaps und sagte: „Es ist schon etwas Wahres daran, aber du dichtest so viel Unsinn dazu, daß man dir einfach nicht glauben kann. Deinem Gerede nach sollte man meinen, du gehörst nicht zum Gefolge des zweiten jungen Herrn, sondern zu Bau-yüs Leuten.“
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Während die beiden noch sprachen, kam die Dritte Schwester herein und sagte: „Schwager, sei nur beruhigt. Wir sind keine Menschen mit doppeltem Herzen — was wir sagen, das gilt. Wenn der Herr Liu kommt, heirate ich ihn. Von heute an esse ich vegetarisch und spreche buddhistische Gebete, pflege nur meine Mutter — und warte auf ihn. Wenn er kommt, heirate ich ihn. Wenn er hundert Jahre nicht kommt, gehe ich ins Kloster." Damit zerschlug sie einen Jadehaarnadel in zwei Stücke: „Ist ein einziges Wort unwahr, dann ergeht es mir wie dieser Nadel!" Damit ging sie in ihr Zimmer zurück und verhielt sich von da an wahrhaftig sittsam und zurückhaltend in Wort und Tat. Kette Kaufmann konnte nichts weiter tun. Er besprach mit der Zweiten Schwester die häuslichen Angelegenheiten und kehrte nach Hause zurück, um mit Phönixglanz [熙凤] die Abreise vorzubereiten. Er ließ Mingyan befragen; der sagte: „Ich weiß von nichts. Vermutlich ist er noch nicht zurück; wenn er da wäre, wüsste ich es." Man fragte auch bei Liangliáns Nachbarn — auch dort keine Nachricht. Kette Kaufmann konnte der Zweiten Schwester nur Bericht erstatten. Als der Abreisetag heranrückte, sagte er zwei Tage vorher, er reise ab, ging aber zunächst noch zu der Zweiten Schwester und übernachtete dort zwei Nächte, um dann leise von dort aufzubrechen. Er sah, dass sich die jüngere Schwester wahrhaftig völlig gewandelt hatte, und auch die Zweite Schwester führte den Haushalt fleißig und sorgfältig — um sie brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen.
Eben wollte die zweite Schwester You eine weitere Frage stellen, da kam ihr die dritte Schwester zuvor und erkundigte sich lächelnd: „Was macht eigentlich euer Bau-yü, außer zur Schule zu gehen?“
 
„Nach ihm solltet Ihr lieber nicht fragen, Frau Tante“, erwiderte Hsing-örl mit lächelnder Miene. „Denn wenn ich von ihm erzähle, werdet Ihr mir vielleicht nicht glauben. Groß, wie er ist, hat er nie einen ordentlichen Unterricht besucht. Welcher Mann in unserm Hause, vom alten Ahnherrn bis zu unserem jungen Herrn, hätte nicht zehn Jahre lang die Schulbank gedrückt?! Er aber mag nicht lernen, der Liebling der alten gnädigen Frau. Zu Anfang hat der gnädige Herr noch versucht, ihn zu bändigen, jetzt aber wagt er das nicht mehr.
 
Bau-yü gebärdet sich stets wie verrückt. Was er sagt, versteht keiner, und was er tut, weiß keiner. Alle sehen nur, daß er hübsch ist, und meinen, er müsse natürlich auch klug sein. In Wirklichkeit aber ist er äußerlich klar und innerlich trüb. Wenn er mit Leuten zusammentrifft, weiß er keinen einzigen Satz zu sagen, und sein Glück ist nur, daß er ein paar Schriftzeichen kennt, obwohl er keine Schule besucht hat. Weder treibt er literarische Studien, noch macht er militärische Übungen, und Besucher zu empfangen fürchtet er sich. Nur immer mit den Mädchen herumtollen möchte er.
 
Er hat auch kein Gefühl dafür, wo Härte angebracht ist und wo Nachgiebigkeit. Wenn er uns sieht, und er hat gute Laune, dann tobt er mit uns zusammen herum, ohne einen Unterschied zwischen hoch und niedrig zu machen. Ist er aber nicht bei Laune, dann geht er allein seines Weges und kümmert sich um niemand. Wenn wir herumsitzen oder herumliegen und ihn nicht beachten, macht er uns keine Vorwürfe. Deshalb hat niemand Respekt vor ihm, und jeder kommt bei ihm durch, wie es ihm paßt.“
 
„So redet ihr, wenn die Herrschaft großzügig ist, wenn sie aber streng ist, beklagt ihr euch“, sagte die dritte Schwester You lächelnd. „Da sieht man, wie schwer mit euch auszukommen ist.“
 
„Er hatte uns gut gefallen, und dabei steht es so mit ihm“, bemerkte die zweite Schwester You. „Schade um so einen guten Jungen!“
 
„Glaub doch nicht, was er uns hier erzählt, Schwester!“ wandte die dritte Schwester You ein. „Wir haben ihn doch selbst schon öfter als ein- oder zweimal gesehen. Sein Benehmen, seine Ausdrucksweise und seine Eßgewohnheiten haben etwas Mädchenhaftes, aber das liegt einfach daran, daß er es aus den inneren Gemächern so gewöhnt ist. Dumm ist er nicht.
 
Erinnerst du dich, wie wir in der Trauerzeit mit ihm zusammen waren? An dem Tag, als die Mönche da waren und betend den Sarg umschritten, standen wir alle dabei, und Bau-yü hat sich vor uns gestellt. Die andern sagten, er besäße kein Anstandsgefühl und sei aufdringlich, aber hat er uns nicht später leise gesagt: ‚Ihr müßt nicht denken, ich sei aufdringlich! Ich habe mir gesagt, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch würde euch durchräuchern.‘ Als er anschließend Tee trank und du auch welchen wolltest, goß dir die Alte den Tee in seine Schale, aber er hat sofort gesagt: ‚Ich habe die Schale verschmutzt, sie muß erst ausgewaschen werden!‘
 
Diese beiden Vorfälle scheinen mir bei nüchterner Betrachtung zu zeigen, daß er mit Mädchen auf jeden Fall auskommen kann. Außenstehende können ihn eben nicht verstehen, weil er nicht den Formen entspricht, die ihnen richtig erscheinen.“
 
„Wenn man dich so hört, möchte man meinen, ihr beide harmoniert miteinander nach Gefühl und Verstand. Wäre es nicht doch gut, dich mit ihm zu verloben?“ fragte die zweite Schwester You lächelnd.
 
In Gegenwart von Hsing-örl konnte die dritte Schwester You nicht gut etwas erwidern, darum senkte sie nur den Kopf und knackte Kürbiskerne.
 
Hsing-örl dagegen sagte lächelnd: „Nach Aussehen, Betragen und Charakter würden sie ein gutes Paar abgeben, aber Bau-yü hat schon jemand, wenn es auch noch nicht bekanntgegeben ist. Ganz ohne Zweifel ist Fräulein Lin seine Zukünftige. Nur weil sie so viel krank ist und sie beide noch zu jung sind, ist es noch nicht dazu gekommen. Aber wenn in zwei, drei Jahren die alte gnädige Frau das entscheidende Wort spricht, wird es bestimmt keine Einwände geben.“
 
Während sie so miteinander plauderten, kam Lung-örl wieder zurück und berichtete: „Der Auftrag des alten gnädigen Herrn ist vertraulich und von größter Wichtigkeit. Er schickt den jungen Herrn deswegen in die Bezirksstadt Ping-an<ref>Der Ortsname ist fiktiv.</ref>. Schon in drei bis fünf Tagen soll er sich auf den Weg machen, und für Hin- und Rückreise wird er bestimmt einen halben Monat brauchen. Heute kann der junge Herr nicht mehr kommen. Er läßt die gnädige Frau bitten, alles mit der Frau Tante abzusprechen, damit die Angelegenheit entschieden werden kann, wenn er morgen kommt.“
 
Nach diesen Worten ging Lung-örl wieder fort und nahm auch Hsing-örl mit. Die zweite Schwester You befahl dann, das Tor zu schließen, und ging früh zu Bett. Die ganze Nacht über setzte sie ihrer jüngeren Schwester mit Fragen zu.
 
Am nächsten Tag erschien Djia Liän erst am Nachmittag, und die zweite Schwester You redete ihm zu: „Wenn du etwas Wichtiges zu tun hast, warum mußt du dann hierher kommen, obwohl du in Eile bist? Auf keinen Fall darfst du um meinetwillen deine Pflichten vernachlässigen!“
 
„Es ist ja nichts Besonderes“, erwiderte Djia Liän, „ich muß nur wieder einmal eine weite Reise machen. Sobald der neue Monat begonnen hat, breche ich auf, und einen halben Monat später kann ich erst wieder zurück sein.“
 
„Dann reite nur unbesorgt!“ riet ihm die zweite Schwester You. „Hier brauchst du dir um nichts Sorgen zu machen. Meine Schwester gehört nicht zu denen, die jeden Morgen und jeden Abend die Meinung ändern. Sie hat gesagt, sie bessert sich, also bessert sie sich auch. Und nachdem sie sich einmal jemand ausgesucht hat, brauchst du nur zuzustimmen, und alles ist in Ordnung.“
 
„Wer ist es denn nun?“ fragte Djia Liän.
 
„Er ist jetzt nicht hier, und niemand weiß, wann er zurückkommt“, sagte die zweite Schwester You lächelnd. „Es ist erstaunlich, was meine Schwester für einen Blick hat! Sie sagt, wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr, und wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre. Wenn er aber tot ist und nie mehr wiederkommt, will sie sich das Haar scheren und Nonne werden, um bis ans Ende ihrer Tage Klosterkost zu essen und zu Buddha zu beten.“
 
„Wer ist es, der ihr Herz so beeindruckt hat?“ fragte Djia Liän erneut.
 
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte die zweite Schwester You. „Als unsere Großmutter vor fünf Jahren ihren Geburtstag feierte, ging unsere Mutter mit uns zusammen zu ihr, um ihr ein langes Leben zu wünschen. Die Familie unserer Großmutter hatte eine Truppe von Liebhaberschauspielern zu sich gebeten, unter denen einer war, der junge Männer spielte und Liu Hsiang-liän hieß. In ihn hat sich meine Schwester verliebt und will jetzt nur ihn heiraten und keinen andern. Aber voriges Jahr hörten wir, er habe Unannehmlichkeiten gehabt und sei geflohen. Ob er jetzt wieder zurück ist, wissen wir nicht.“
 
„Schau einer an!“ rief Djia Liän aus, „ich frage mich, was für ein Mensch das sein muß, und nun stellt sich heraus, daß er es ist! Deine Schwester hat wirklich einen guten Blick. Ihr scheint aber nicht zu wissen, daß dieser junge Herr Liu zwar ein schöner Mann ist, aber sehr kühl und reserviert. Mit Durchschnittsmenschen hat er nicht viel im Sinn, aber mit Bau-yü kommt er bestens aus. Im vergangenen Jahr hat er diesen Dummkopf Hsüä Pan verprügelt, und weil es ihm danach peinlich war, mit uns zusammenzutreffen, ist er für eine Weile irgendwohin verschwunden.
 
Später habe ich zwar von jemand gehört, er sei zurückgekommen, aber ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt oder nur erdacht ist. Wir brauchen uns nur bei Bau-yüs Knaben danach zu erkundigen, dann wissen wir es. Wenn er aber noch nicht wieder hier ist, kann es bei seiner unsteten Lebensweise leicht sein, daß er erst in einigen Jahren wieder auftaucht. Hieße das nicht, daß deine Schwester ganz umsonst wartet?“
 
„Was meine Schwester sagt, das meint sie auch so“, erwiderte die zweite Schwester You. „Halten wir uns also daran, was sie gesagt hat!“
 
Während die beiden miteinander sprachen, kam die dritte Schwester You dazu und sagte: „Sei unbesorgt, Schwager! Ich gehöre nicht zu den Leuten, deren Mund etwas anderes spricht, als das Herz empfindet. Was ich sage, das gilt. Wenn Liu kommt, dann heirate ich ihn. Von heute an werde ich fleischlose Kost essen, zu Buddha beten und meiner Mutter dienen, bis er kommt und ich ihn heiraten kann. Wenn er aber auch in hundert Jahren nicht kommt, dann will ich gehen und mich Andachtsübungen widmen.
 
Mit diesen Worten schlug sie einen jadenen Haarpfeil in zwei Hälften und setzte hinzu: „Wenn auch nur ein einziger Satz unwahr ist, soll es mir so ergehen wie diesem Haarpfeil!“ Dann begab sie sich in ihr Zimmer, und von Stund an gab es bei ihr keine Bewegung und kein Wort mehr, die nicht den Riten entsprochen hätten.
 
Djia Liän konnte nichts weiter tun, als mit der zweiten Schwester You noch ein paar Haushaltsangelegenheiten zu besprechen, dann kehrte er ins Jung-guo-Anwesen zurück und beriet sich mit Hsi-fëng über seine Abreise. Außerdem aber schickte er jemand zu Ming-yän, um sich nach Liu Hsiang-liän zu erkundigen, und Ming-yän sagte: „Ich habe wirklich keine Ahnung. Aber wahrscheinlich ist er noch nicht wieder zurück, sonst müßte ich davon wissen.“ Auch bei Lius Nachbarn ließ Djia Liän nachfragen, aber sie sagten ebenfalls, er sei noch nicht wieder da, und so konnte Djia Liän der zweiten Schwester You nichts anderes mitteilen als dies.
 
Inzwischen kam der Termin für die Abreise immer näher, und schließlich sagte Djia Liän zwei Tage zu früh, er breche nun auf, während er sich in Wirklichkeit zunächst zur zweiten Schwester You begab, wo er noch zwei Nächte verbrachte, ehe er von hier aus die Reise in aller Stille wirklich antrat. Er konnte sich davon überzeugen, daß die dritte Schwester You gleichsam ein neuer Mensch geworden war, und er sah auch, daß die zweite Schwester You den Haushalt sehr umsichtig führte, so daß er sich wirklich keine Sorgen zu machen brauchte.
 
Als der Tag des Aufbruchs gekommen war, verließ Djia Liän früh am Morgen die Stadt und schlug den Weg nach Ping-an ein. Am Tage ritt er, bei Nacht rastete er, wenn er durstig war, trank er, und wenn er hungrig war, aß er. Eben war er den dritten Tag unterwegs, da kamen ihm Packpferde und ein Trupp von etwa zehn Reitern, Herren und Diener, entgegen, und als er näher kam, erkannte er, daß es niemand anders als Hsüä Pan und Liu Hsiang-liän waren. Zutiefst verwundert ließ Djia Liän seinem Pferd die Zügel locker, und als er heran war und sie einander begrüßt und die üblichen Phrasen gewechselt hatten, kehrten sie in einem Wirtshaus ein, um zu rasten und sich auszusprechen.
 
„Nachdem ihr euren Krach miteinander hattet, wollten wir euch sofort wieder versöhnen, aber von Bruder Liu fehlte jede Spur. Wie kommt es, daß ihr heute zusammen seid?“ erkundigte sich Djia Liän lächelnd.
 
„Es gibt schon seltsame Dinge auf dieser Welt!“ erwiderte Hsüä Pan, ebenfalls lächelnd. „Ich hatte mit meinen Gehilfen zusammen Waren eingekauft, dann machten wir uns im Frühjahr auf den Heimweg und hatten auch eine gute Reise. Als wir jedoch neulich an die Bezirksgrenze von Ping-an kamen, stießen wir auf eine Bande von Räubern, die uns alles abnahmen, was wir hatten. Dann aber tauchte plötzlich Bruder Liu auf, schlug die Räuber in die Flucht, jagte ihnen unsere Waren wieder ab und rettete uns das Leben.
 
Meine Dankgeschenke wollte er nicht annehmen, statt dessen haben wir miteinander Brüderschaft auf Leben und Tod geschlossen. Jetzt sind wir zusammen auf dem Weg in die Hauptstadt, und in Zukunft werden wir wie leibliche Brüder leben. Am nächsten Kreuzweg müssen wir uns allerdings noch einmal trennen, denn zweihundert Li südlich von dort wohnt eine Tante von Bruder Liu, die er besuchen will. Ich aber reise vor, und sobald ich meine Angelegenheiten geregelt habe, suche ich ihm ein Haus und eine gute Frau, und dann kann das Leben beginnen.“
 
„So ist das also! Und wir haben uns Sorgen gemacht“, sagte Djia Liän. Und da schon von der Suche nach einer Frau die Rede war, fügte er rasch hinzu: „Ich wüßte eine Partie, die gerade das Richtige für Bruder Liu ist.“ Und er erzählte, wie er die zweite Schwester You zu seiner Frau gemacht hatte und daß er jetzt ihre jüngere Schwester verheiraten wollte. Nur daß die dritte Schwester You ihren Bräutigam selbst bestimmt hatte, verschwieg er. Dann schärfte er Hsüä Pan noch ein: „Du darfst aber zu Hause nichts davon erzählen! Sobald sie mir einen Sohn geboren hat, werden sie es natürlich erfahren.“
 
Hsüä Pan fand größtes Gefallen an der Sache und sagte: „Das hättest du längst machen sollen. Schließlich ist Kusine Hsi-fëng selbst daran schuld...“
 
„Du vergißt dich wieder einmal, wirst du wohl den Mund halten!“ unterbrach ihn Liu Hsiang-liän lächelnd.
 
Wirklich hielt Hsüä Pan rasch damit inne und lenkte ab: „Also, diese Verlobung müssen wir unbedingt zustande bringen!“
 
„Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nur eine einmalige Schönheit zur Frau zu nehmen“, erklärte Liu Hsiang-liän, „aber aus Achtung vor meinen werten Brüdern will ich mich nicht lange bedenken, sondern eurem Urteil folgen und jeden Befehl akzeptieren.“
 
„Worte sind natürlich kein Beweis“, sagte Djia Liän, „aber wenn du meine Schwägerin erst siehst, wirst du feststellen, daß sie nach Charakter und Aussehen nicht ihresgleichen hat, soweit du auch in der Geschichte zurückgehen magst.“
 
Hocherfreut sagte Liu Hsiang-liän: „Wenn das so ist, wollen wir nur warten, bis ich meine Tante besucht habe! Noch in diesem Monat werde ich in der Hauptstadt sein, dann können wir die Sache festmachen. Wie wäre das?"
 
„Unser Wort soll als Abmachung gelten!“ sagte Djia Liän. „Nur habe ich nicht das rechte Vertrauen zu dir, Bruder Liu, denn deine Spuren sind unstet wie Entengrütze und Meereswellen. Es wäre schade um das Mädchen, wenn du spurlos verlorengehst. Darum mußt du mir ein Verlobungsgeschenk lassen.“
 
„Bricht ein Mann von Charakter vielleicht sein Wort?“ fragte Liu Hsiang-liän. „Außerdem bin ich bitterarm, und wer hat schon auf Reisen ein Verlobungsgeschenk bei sich?“
 
„Habe ich nicht Sachen genug? Davon kann doch mein Vetter etwas bekommen und mitnehmen“, erbot sich Hsüä Pan.
 
Aber lächelnd wehrte Djia Liän ab: „Es muß weder Gold noch Seide sein, sondern irgend etwas aus dem persönlichen Besitz von Bruder Liu. Der Wert spielt dabei keine Rolle, ich will es nur mitnehmen, damit es als Unterpfand dient.
 
„Wenn es so ist“, sagte Liu Hsiang-liän, „kommt, da ich dieses Schwert hier zu meiner Selbstverteidigung brauche und mich nicht davon trennen kann, nur eines in Frage, nämlich ein Paar Ente-Erpel-Schwerter<ref>Ente-Erpel-Schwerter (wörtlich: Mandarinentenpaarschwerter) war die übliche Bezeichnung für ein Schwerterpaar, dessen Klingen auf der Außenseite gewölbt, auf der Innenseite aber flach waren und das gemeinsam in einer Scheide getragen wurde. Beim Kampf wurde mit jeder Hand eines der beiden Schwerter geführt. Über die symbolische Bedeutung der Mandarinenten vgl. o., Anm. zu S. 868 (Brautentengurt).</ref>, das ich in meinem Gepäck habe. Es ist ein Familienerbstück, das ich ohnehin nicht zu benutzen wage und nur ständig bei mir trage, damit es wohlbehütet ist. Das kann Bruder Djia als Verlobungsgeschenk mitnehmen. Wenn ich auch den Charakter von fließendem Wasser und fallenden Blüten habe, auf dieses Schwerterpaar würde ich nie verzichten.“
 
Als die Sache auf diese Weise abgemacht war, tranken sie noch einige Becher, dann saßen sie wieder auf, verabschiedeten sich und ritten weiter.
 
Wahrhaftig:
 
Ohne vom Pferd zu steigen,
 
sprengten die Feldherrn davon.
 
Eines Tages traf Djia Liän dann in Ping-an ein, wurde vom dortigen Ortskommandanten empfangen und entledigte sich seines Auftrages. Er erhielt die Weisung, um den zehnten Monat herum unbedingt noch einmal wiederzukommen, und nachdem er diesen Befehl entgegengenommen hatte, machte er sich schon am nächsten Tag wieder auf den Heimweg.
 
Als erstes besuchte Djia Liän die zweite Schwester You. Sie hatte sich nach seiner Abreise höchst aufmerksam ihrem Haushalt gewidmet, hatte Tag für Tag das Tor verschlossen gehalten und sich nicht im geringsten um die Außenwelt gekümmert. Auch ihre jüngere Schwester hatte bewiesen, daß sie einen eisernen Willen besaß. In den Stunden, in denen sie nicht damit beschäftigt war, ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester aufzuwarten, zog sie sich still zurück und verbrachte die Zeit, wie es ihrer Stellung entsprach. Obwohl die einsamen Nächte ungewohnt still für sie waren, hoffte sie nur, daß Liu Hsiang-liän bald käme, damit sie die wichtigste Angelegenheit ihres Lebens verwirklichen konnte, und schlug sich jeden Gedanken an einen anderen aus dem Kopf. Als Djia Liän jetzt ins Haus trat und dieser Umstände gewahr wurde, fand seine Freude kein Ende, und er war tief beeindruckt von der Tugend der zweiten Schwester You. Nachdem sie die einleitenden Floskeln über das Wetter gewechselt hatten, erzählte Djia Liän, wie er unterwegs Liu Hsiang-liän begegnet war. Dann holte er das Schwerterpaar hervor und übergab es der dritten Schwester You. Diese sah, daß die Scheide mit Drachen und Ungeheuern verziert war und von Perlen und Edelsteinen funkelte. Als sie sie abzog, zeigten sich zwei eng aneinanderliegende Klingen, von denen eine die Aufschrift ‚Erpel‘, die andere die Aufschrift ‚Ente‘ trug. Ihr kalter Glanz erinnerte an zwei Streifen herbstliches Wasser.
 
Überglücklich nahm die dritte Schwester You das Schwerterpaar in Verwahrung und hängte es in ihrem Zimmer über das Bett. Jeden Tag sah sie es an und sagte sich lächelnd, nun habe sie für den Rest ihres Lebens eine Stütze gefunden.
 
Djia Liän blieb zwei Tage, dann begab er sich nach Hause, erstattete seinem Vater Bericht und entbot allen Familienangehörigen seinen Gruß. Hsi-fëng ging es inzwischen schon viel besser, sie hatte die Leitung des Hauswesens wieder übernommen und konnte auch wieder gehen.
 
Djia Liän berichtete auch Djia Dschën, was sich ereignet hatte, aber dieser hatte jegliches Interesse daran verloren, weil er eine neue Freundschaft geknüpft hatte, und überließ es Djia Liän, nach eigenem Ermessen zu entscheiden. Doch weil er Angst hatte, Djia Liäns Mittel könnten nicht ausreichen, gab er ihm immerhin dreißig Liang Silber. Djia Liän nahm es und gab es an die zweite Schwester You weiter, damit sie eine Aussteuer davon anschaffte.
 
Liu Hsiang-liän traf dann erst im achten Monat in der Hauptstadt ein. Als erstes suchte er das Haus von Tante Hsüä auf, um ihr seinen Respekt zu bezeugen, und wurde dort von Hsüä Kë empfangen. Er mußte erfahren, daß Hsüä Pan den Anstrengungen der Reise und dem Ortswechsel nicht gewachsen gewesen war. Gleich nach seiner Rückkehr war er zusammengebrochen und befand sich noch immer in ärztlicher Behandlung.
 
Als Hsüä Pan erfuhr, Liu Hsiang-liän sei gekommen, ließ er ihn zu sich ins Schlafzimmer bitten, um ihn zu begrüßen. Auch Tante Hsüä ließ die Vergangenheit ruhen und war zutiefst bewegt von Lius Rettungstat. Mutter und Sohn dankten ihm immer wieder, dann kamen sie auf seine Hochzeit zu sprechen und berichteten ihm, alle Vorbereitungen seien getroffen, nur der Tag müsse noch bestimmt werden. Nun fand auch Liu Hsiang-liän mit seinen Dankesbeteuerungen kein Ende.
 
Am nächsten Tag machte Liu Hsiang-liän dann Bau-yü einen Besuch, und als sie sich wiedersahen, fühlten sie sich wie Fische, die man ins Wasser zurückgesetzt hat. Liu Hsiang-liän erkundigte sich nach Djia Liäns heimlicher Eheschließung mit seiner Nebenfrau, und Bau-yü erwiderte lächelnd: „Ich habe zwar von Ming-yän und anderen etwas darüber gehört, aber selbst gesehen habe ich nichts. Ich möchte mich auch nicht darum kümmern. Aber von Ming-yän weiß ich, daß mein Vetter Liän dringend nach dir gesucht hat, allerdings weiß ich nicht, was er dir sagen wollte.“
 
Nun erzählte ihm Liu Hsiang-liän ausführlich, was sich unterwegs ereignet hatte, und Bau-yü sagte lächelnd: „Ich gratuliere, ich gratuliere! So eine Schönheit ist schwer zu finden, sie hat wirklich nicht ihresgleichen in alter und neuer Zeit. Und auch ihrem Wesen nach paßt sie bestens zu dir.“
 
„Aber wenn das so ist, müßte sie doch Freier genug haben“, wunderte sich Liu Hsiang-liän. „Warum hat dein Vetter nur an mich gedacht, obwohl ich mit ihm nie so vertraut gewesen bin, daß er sich um eine Frau für mich Gedanken machen müßte? Unterwegs ging alles so schnell, und er hat immer wieder darauf gedrängt, die Sache festzumachen. Kann denn die Familie des Mädchens einen Bräutigam suchen? Mir sind so meine Zweifel gekommen, und ich habe es schon bereut, ihm mein Schwerterpaar als Verlobungsgeschenk gegeben zu haben. Dann fiel mir ein, daß ich ja dich fragen kann, was dahintersteckt.“
 
„Du bist doch ein besonnener Mensch“, sagte Bau-yü. „Warum gibst du erst ein Verlobungsgeschenk, und dann fängst du an zu zweifeln? Früher hast du gesagt, du willst eine einmalige Schönheit, mehr nicht. Jetzt bekommst du eine, also gib dich zufrieden. Was mußt du noch zweifeln?“
 
„Woher weißt du überhaupt, daß sie so eine Schönheit ist, wenn du nicht einmal von dieser heimlichen Hochzeit etwas Genaues weißt?“ bohrte Liu Hsiang-liän weiter.
 
„Die beiden sind die Töchter der Stiefmutter von Vetter Dschëns Frau“, erklärte Bau-yü. „Ich war drüben einen ganzen Monat lang mit ihnen zusammen, wie sollte ich sie also nicht kennen?! Sie sind wirklich zwei bemerkenswerte Wesen, die nicht nur You – ‚bemerkenswert‘ – heißen.“
 
„An der Sache ist etwas faul, auf keinen Fall lasse ich mich darauf ein“, sagte Liu Hsiang-liän und stampfte mit dem Fuß auf. „Mit Ausnahme der beiden steinernen Löwenfiguren ist doch nichts sauber in eurem Anwesen, wahrscheinlich nicht einmal die Hunde und Katzen. Ich lasse mich nicht zum Hahnrei machen, indem ich mich mit den Resten begnüge, die ein anderer übriggelassen hat!“
 
Bau-yü war rot geworden, als er dies hörte, und sofort schämte sich Liu Hsiang-liän seiner unbedachten Worte. Rasch machte er eine Verbeugung und sagte: „Ich habe den Tod verdient für den Unsinn, den ich schwatze! Aber sag mir wenigstens, wie es um ihren Charakter und ihr Betragen steht!“
 
„Warum fragst du mich, wenn du so genau über alles Bescheid weißt?“ gab Bau-yü lächelnd zurück. „Vermutlich bin doch auch ich nicht sauber.“
 
„Sei doch bitte nicht so empfindlich, ich hatte mich einen Augenblick lang vergessen!“ bat Liu Hsiang-liän.
 
„Mußt du noch einmal damit anfangen?“ fragte Bau-yü und lächelte. „Du scheinst es doch mit Absicht getan zu haben.“
 
Daraufhin verbeugte sich Liu Hsiang-liän zum Abschied und ging hinaus. „Soll ich zu Hsüä Pan gehen?“ fragte er sich. „Aber der liegt erstens krank zu Bett, und zweitens hat er ein leichtfertiges Wesen. Das beste ist, ich gehe hin und verlange mein Verlobungsgeschenk zurück!“ Kaum hatter diesen Entschluß gefaßt, machte er sich auf die Suche nach Djia Liän und fand ihn schließlich in seinem neuen Heim.
 
Als Djia Liän hörte, Liu Hsiang-liän sei gekommen, kannte seine Freude keine Grenze, und sofort ging er hinaus, um ihn willkommen zu heißen. Dann bat er ihn in die inneren Gemächer und machte ihn mit der alten Frau You bekannt. Liu Hsiang-liän verbeugte sich jedoch lediglich vor ihr und nannte sie auch nur „werte Frau Tante“, während er sich selbst als den ‚Spätgeborenen‘ bezeichnete, was Djia Liän reichlich verwirrte.
 
Beim Teetrinken sagte Liu Hsiang-liän dann: „Auf der Reise hat mich der Zufall zu einem überstürzten Entschluß gebracht. Wie konnte ich ahnen, daß meine Tante schon im vierten Monat ein Verlöbnis für mich geschlossen hatte, ohne daß ich einen Einwand dagegen erheben konnte! Wollte ich deinem Wunsch folgen und meine Tante hintergehen, wäre das gegen jedes Prinzip. Wenn mein Verlobunsgeschenk aus Gold oder Seide bestanden hätte, würde ich nicht wagen, es zurückzufordern, dieses Schwerterpaar jedoch hat mir mein Großvater hinterlassen, und so muß ich schon bitten, es mir zurückzugeben.“
 
Bei diesen Worten wurde Djia Liän unwohl zumute, aber er sagte: „Ein Verlobungsgeschenk ist das Unterpfand eines Versprechens. Gerade weil ich befürchtet habe, du könntest es dir anders überlegen, habe ich ein Pfand verlangt. Eine Verlobung kann man nicht nach Belieben schließen und wieder rückgängig machen. Du solltest dir das noch einmal überlegen!“
 
„Gewiß!“ erwiderte Liu Hsiang-liän lächelnd, „ich will auch gern Schuld und Strafe auf mich nehmen, aber nachgeben werde ich in dieser Angelegenheit auf gar keinen Fall.“
 
Als Djia Liän immer noch nicht lockerlassen wollte, stand Liu Hsiang-liän auf und schlug vor: „Setzen wir uns nach draußen, damit ich es dir erkläre, hier können wir schlecht reden!“
 
Nun hatte die dritte Schwester You in ihrem Zimmer alles Wort für Wort mit angehört. Nachdem sie sich mühsam geduldet hatte, bis Liu Hsiang-liän wieder da war, mußte sie jetzt plötzlich hören, daß er die Sache bereute. Daraus schlußfolgerte sie, daß man ihm im Hause der Djias etwas von ihr erzählt haben müsse, weshalb er sie für ein schamloses Ding hielt, das nicht würdig war, seine Frau zu werden.
 
Wenn sie jetzt zuließe, daß er mit Djia Liän hinausging, um die Verlobung endgültig zu annullieren, würde Djia Liän nichts dagegen machen können, und sie würde den Ärger haben. Darum nahm sie, kaum daß Djia Liän sich bereiterklärt hatte hinauszugehen, das Schwerterpaar von der Wand, verbarg die ‚Enten‘-Klinge hinter dem Arm, trat vor die Männer hin und sagte: „Ihr braucht nicht hinauszugehen, um die Sache weiter zu besprechen. Hier ist das Verlobungsgeschenk zurück!“
 
Während ihre Tränen dicht wie Regentropfen fielen, reichte sie Liu Hsiang-liän mit der linken Hand das eine Schwert mit der Scheide, dann holte sie mit der rechten Hand aus und schnitt sich mit einem einzigen Streich die Kehle durch.
 
O weh!
 
Rote Pfirsichblüten bedecken den Boden,
 
nichts hilft dem gestürzten Jadeberg wieder auf.
 
Schon war ihre duftige Seele ins Ungewisse entschwunden.
 
Erschrocken bemühten sich alle noch, sie zu retten, aber vergebens. Laut weinend schimpfte die alte Frau You auf Liu Hsiang-liän, Djia Liän aber packte ihn und befahl, man solle ihn binden und ins Amtsgebäude schaffen. Da trocknete die zweite Schwester You ihre Tränen und redete Djia Liän zu: „Du übertreibst. Er hat sie doch nicht gezwungen, sich zu töten. Sie hat vielmehr aus eigenem Antrieb Selbstmord begangen. Welchen Sinn sollte es also haben, wenn du ihn vor den Beamten bringst? Es werden im Gegenteil nur Ärger und Verdruß daraus entstehen. Darum ist es das beste, du läßt ihn laufen. Wäre das nicht am allereinfachsten?“
 
Djia Liän, der nichts dagegen einzuwenden wußte, ließ Liu Hsiang-liän los und befahl ihm zu verschwinden. Liu Hsiang-liän aber ging nicht fort und sagte unter Tränen: „Ich habe nicht im mindesten geahnt, daß meine edle Gattin so einen standhaften Charakter hatte. Sie war verehrungswürdig, verehrungswürdig!“ Dann warf er sich über den Leichnam und vergoß einen Strom von Tränen. Als ein Sarg gekauft war und die dritte Schwester You hineingebettet wurde, warf er sich auch über den Sarg und weinte bitterlich, ehe er sich endlich verabschiedete und fortging.
 
Draußen wußte er nicht, wohin er sich wenden sollte, und grübelte düster und schweigsam darüber nach, wie schön und wie standhaft die dritte Schwester You doch gewesen war und daß jede Reue zu spät kam.
 
Während er so dahinging, erblickte er plötzlich einen von Hsüä Pans Sklavenjungen, der ihn nach Hause holen sollte. Willenlos ging er mit und wurde in ein Brautgemach geführt, das sehr ordentlich eingerichtet war. Auf einmal hörte es das Klimpern von jadenem Gürtelschmuck, und herein trat die dritte Schwester You.
 
In der einen Hand hielt sie das Schwerterpaar, in der anderen ein Heft und sagte weinend zu ihm: „In meiner törichten Liebe habe ich fünf Jahre lang auf Euch gewartet und nicht geahnt, daß Ihr wirklich ein kaltes Herz und ein kaltes Gesicht habt. Jetzt habe ich diese Torheit mit meinem Leben bezahlt. Auf Geheiß der Fee Warnendes Trugbild muß ich mich in die Wahngefilde der Großen Leere begeben, um die Akten aller in diesen Fall verwickelten Liebesnarren in Ordnung bringen zu lassen. Da ich mich nicht von Euch trennen konnte, bin ich noch einmal gekommen. In Zukunft können wir uns nicht mehr wiedersehen.“
 
Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, und als Liu Hsiang-liän, der nicht von ihr lassen wollte, rasch auf sie zutrat, um sie festzuhalten und Näheres zu erfragen, sagte sie: „Ich kam aus dem Himmel der Liebe und verlasse die Erde der Liebe. In meiner letzten Existenz ließ ich mich von der Liebe betören, bin aber dadurch beschämt und erleuchtet worden. Mit Euch habe ich nichts mehr zu schaffen.“ Als sie ausgesprochen hatte, wehte ein wohlriechender Lufthauch, und sie war spurlos verschwunden.
 
Vor Schreck kam Liu Hsiang-liän wieder zu sich, und ihm war, als ob es ein Traum und doch kein Traum gewesen wäre. Er sah sich mit großen Augen um, aber weder Hsüä Pans Sklavenjunge noch das Brautgemach konnte er entdecken. Statt dessen befand er sich in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein lahmer Dauistenpriester, der sich die Läuse absuchte. Also stand Liu Hsiang-liän auf, schlug vor dem Dauisten mit der Stirn auf den Boden und erkundigte sich: „Wo sind wir hier und wie ist Euer werter Tempelname, unsterblicher Lehrer?“
 
Lächelnd erwiderte der Dauist: „Ich weiß selber nicht, wo wir hier sind und wer ich bin. Ich wollte mir hier lediglich kurz die Füße ausruhen.“
 
Als Liu Hsiang-liän das hörte, wurde ihm unwillkürlich so kalt, als ob Frost und Eis in seine Knochen drangen. Er zog das ‚Erpel‘-Schwert aus der Scheide und schnitt sich mit einem Ruck die zehntausend Fäden des kummerbringenden Haupthaars ab. Dann folgte er dem Dauisten wer weiß wohin. In einem späteren Kapitel werden wir es erfahren.
 
  
== Anmerkungen ==
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An jenem Morgen verließ er die Stadt frühzeitig auf der Hauptstraße nach Pinganzhou — tagsüber geritten, nachts gerastet; getrunken, wenn er durstig war, gegessen, wenn er hungrig war. Am dritten Tag, unterwegs, kam ihm eine Karawane von Maultieren entgegen, darunter eine Gruppe von etwa zehn Reitern mit Herren und Dienern. Als sie näherkamen und er genauer hinsah, waren es niemand anderes als Becken Schnee und Xianglotus Weide! Kette Kaufmann war höchst erstaunt, trieb sein Pferd vorwärts und begrüßte sie. Man tauschte Neuigkeiten aus und kehrte gemeinsam in ein Gasthaus ein, um sich zu unterhalten. Kette Kaufmann sagte lachend: „Nach dem Vorfall damals wollten wir euch beiden zur Versöhnung verhelfen, aber von Bruder Liu war keine Spur zu finden. Wie kommt ihr jetzt zusammen?" Becken Schnee lachte: „Die Welt hat die seltsamsten Geschichten! Ich war mit meinen Kompagnons und Handelsware seit dem Frühling auf dem Rückweg — alles verlief gut. Doch vor ein paar Tagen, an der Grenze von Pinganzhou, stießen wir auf eine Räuberbande, die uns schon die Waren geraubt hatte. Zum Glück kam der Zweite Bruder Liu von der anderen Seite, vertrieb die Räuber, holte die Waren zurück und rettete uns obendrein das Leben. Da er meine Dankbarkeit nicht annehmen wollte, haben wir Blutsbrüderschaft geschlossen. Jetzt reisen wir zusammen nach der Hauptstadt. Von nun an sind wir leibliche Brüder. An der nächsten Gabelung trennen wir uns; er hat etwa zweihundert Li nach Süden eine Tante, die er besuchen will. Ich fahre voraus in die Hauptstadt, erledige meine Geschäfte und suche dann ein Haus für ihn und eine gute Partie — und dann leben wir alle zusammen." Kette Kaufmann sagte: „So also! Wir haben uns ganz umsonst Sorgen gemacht." Als er dann hörte, dass von einer Heirat die Rede war, sagte er eilig: „Ich habe genau die richtige Partie für den Zweiten Bruder!" Damit erzählte er, wie er selbst die You-Schwester geheiratet hatte und nun die jüngere Schwägerin verheiraten wollte — nur erwähnte er nicht, dass die Dritte Schwester selbst den Mann gewählt hatte. Er ermahnte Becken Schnee auch, zu Hause nichts davon zu verraten; wenn erst ein Sohn geboren sei, werde man es erfahren. Becken Schnee freute sich und sagte: „Das hätte längst geschehen sollen — an allem ist nur meine Kusine schuld!" Xianglian sagte eilig lachend: „Du hast schon wieder den Anstand vergessen — halt den Mund!" Becken Schnee schwieg eilig und sagte: „Wenn es so ist, muss diese Heirat unbedingt zustande kommen!" Xianglian sagte: „Ich hatte mir immer vorgenommen, nur eine Frau von vollendeter Schönheit zu nehmen. Da nun die verehrten Brüder sich so großherzig erweisen, will ich nicht mehr wählerisch sein — bestimmt nur, und ich füge mich in allem." Kette Kaufmann lachte: „Mündliche Versprechen allein reichen nicht. Sobald Bruder Liu sie sieht, wird er erkennen, dass meine Schwägerin an Schönheit in Vergangenheit und Gegenwart ihresgleichen sucht." Xianglian hörte das voller Freude und sagte: „Wenn es so ist, will ich erst meine Tante besuchen — spätestens Mitte des Monats bin ich in der Hauptstadt. Können wir es dann festmachen?" Kette Kaufmann lachte: „Wir geben einander unser Wort. Nur traue ich dem Bruder Liu nicht ganz. Du bist ein Wandervogel — wenn du dich verspätest und nicht zurückkommst, verdirbt man einem jungen Mädchen die Zukunft. Du musst ein Pfand hinterlassen." Xianglian sagte: „Ein Mann von Ehre bricht nicht sein Wort. Der jüngere Bruder ist von jeher arm und zudem auf Reisen — wo soll ich ein Verlobungspfand hernehmen?" Becken Schnee sagte: „Ich habe alles, was nötig ist — ich richte eins für den Zweiten Bruder her." Kette Kaufmann lachte: „Es braucht kein Gold oder Seide — nur etwas, das Bruder Liu persönlich besitzt; ob wertvoll oder nicht, spielt keine Rolle. Es soll nur als Beweis dienen." Xianglian sagte: „Wenn es so ist — der jüngere Bruder besitzt nichts anderes; dieses Schwert hier ist zur Selbstverteidigung und kann ich nicht ablegen. Aber in meiner Tasche ist noch ein Paar Mandarinenentenschwerter — ein Familienerbstück, das ich nicht leichtfertig zu benutzen wage, sondern nur bei mir trage. Bruder Jia, nimm sie als Pfand. Selbst wenn der jüngere Bruder wie eine Blume im Wind dahintreibt — dieses Schwertpaar würde er niemals aufgeben." Damit tranken sie noch einige Becher, stiegen auf ihre Pferde und ritten in verschiedene Richtungen davon. Wie es so schön heißt: „Der General steigt nicht vom Pferd — ein jeder zieht seines Weges."
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Kette Kaufmann erreichte Pinganzhou in einem Tag, traf den Provinzgouverneur und erledigte seine Geschäfte. Der Gouverneur bat ihn, im Oktober unbedingt wiederzukommen. Kette Kaufmann gehorchte und machte sich am nächsten Tag eilig auf den Heimweg. Zuerst suchte er die Zweite Schwester auf. In seiner Abwesenheit hatte die Zweite Schwester den Haushalt mit großer Sorgfalt geführt und täglich die Türen geschlossen gehalten, ohne sich um die Außenwelt zu kümmern. Ihre jüngere Schwester erwies sich tatsächlich als eine Frau von unbeugsamer Entschlossenheit. Neben dem Dienst an Mutter und Schwester lebte sie sittsam und genügsam. Obwohl sie nachts allein unter der einsamen Decke lag und die Einsamkeit nicht gewohnt war, hatte sie alle Gedanken an andere Menschen abgelegt und sehnte sich nur danach, dass Xianglotus Weide bald zurückkehre und die Verbindung fürs Leben besiegle. Als Kette Kaufmann eintrat und diese Zustände sah, war seine Freude grenzenlos, und er schätzte die Tugend der Zweiten Schwester zutiefst. Nach dem Austausch von Neuigkeiten erzählte Kette Kaufmann von der Begegnung mit Xianglian unterwegs und nahm die Mandarinenentenschwerter heraus, um sie der Dritten Schwester zu überreichen. Als die Dritte Schwester sie betrachtete — den Griff umwunden von Drachen und geschützt von Kui-Chimären, funkelnde Edelsteine —, zog sie den Knauf, und es waren zwei Schwerter in einem: Auf dem einen war das Zeichen „Yuan" (Ente) eingraviert, auf dem anderen „Yang" (Enterich). Eiskalt und strahlend hell, wie zwei Streifen Herbstwasser. Die Dritte Schwester war überglücklich, nahm sie an sich und hängte sie über ihr Bett im Schlafzimmer. Jeden Tag betrachtete sie die Schwerter und lächelte in der Gewissheit, dass ihr Lebensschicksal gesichert sei. Kette Kaufmann blieb zwei Tage, kehrte zurück, erstattete seinem Vater Bericht und begrüßte die ganze Familie. Inzwischen war Phönixglanz bereits so weit genesen, dass sie wieder die Geschäfte führte. Kette Kaufmann erzählte auch Herrlichkeit Kaufmann<ref>Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu), ein moralisch verwerflicher Mann.</ref> von der Sache. Doch Herrlichkeit Kaufmann hatte in letzter Zeit neue Freunde gefunden und kümmerte sich nicht mehr darum; er überließ alles Kette Kaufmann und gab ihm nur, weil er fürchtete, jener könne es nicht allein stemmen, dreißig Liang Silber. Kette Kaufmann brachte sie der Zweiten Schwester zur Vorbereitung der Mitgift.
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Doch erst im achten Monat kam Xianglian in die Hauptstadt. Zuerst besuchte er Tante Schnee, wo er auch Xue Ke traf und erfuhr, dass Becken Schnee, der Wind und Wetter nicht gewohnt war und dem das Klima nicht zugesagt hatte, gleich bei der Ankunft in der Hauptstadt krank geworden war und zu Hause im Bett lag. Als er hörte, dass Xianglian da war, lud er ihn ins Krankenzimmer ein. Tante Schnee trug ihm den alten Vorfall nicht nach, sondern war nur für die neue Rettungstat dankbar; Mutter und Sohn dankten ihm überschwänglich. Auch die Heirat wurde besprochen — alles sei vorbereitet, man warte nur auf einen günstigen Termin. Xianglotus Weide war seinerseits voller Dankbarkeit.
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Am nächsten Tag besuchte er Schatzjade. Die beiden trafen sich und waren wie Fische im Wasser. Xianglian fragte nach Kette Kaufmanns heimlicher Zweitheirat. Schatzjade lachte: „Ich habe es nur von Mingyan und seinen Leuten gehört, aber selbst nicht gesehen; ich wage mich da auch nicht einzumischen. Mingyan hat mir auch erzählt, dass der Zweite Bruder Lian dich eifrig gesucht hat — was wollte er denn?" Xianglian erzählte Schatzjade alles, was unterwegs geschehen war. Schatzjade lachte: „Welch eine Freude! Diese einzigartig schöne Frau — sie ist wahrhaftig ein Juwel unter den Frauen aller Zeiten und wäre deiner würdig!" Xianglian sagte: „Wenn dem so ist — in jenem Hause fehlt es doch wahrlich nicht an schönen Frauen; warum sollte man ausgerechnet an mich denken? Zudem bin ich nie besonders vertraut mit ihnen gewesen, und sie hätten keinen Grund, sich so um mich zu bemühen. Auf der Reise drängte man geradezu — seit wann läuft die Familie der Braut dem Bräutigam hinterher? Ich wurde misstrauisch und bereute, das Schwert als Pfand dagelassen zu haben. Deshalb dachte ich an dich — du könntest mir die Hintergründe genau erklären." Schatzjade sagte: „Du bist doch ein scharfsinniger Mensch — wie kommst du erst zu einer Verlobung und wirst dann misstrauisch? Du hast selbst gesagt, du wolltest nur eine Frau von vollendeter Schönheit. Nun hast du eine — was zweifelst du noch?" Xianglian sagte: „Wenn du nicht einmal von seiner Heirat weißt, woher weißt du, dass sie eine Schönheit ist?" Schatzjade sagte: „Das sind die beiden jüngeren Schwägerinnen, die die Stiefmutter der Ersten Schwägerin Zhen mitgebracht hat. Ich war dort einen Monat lang unter ihnen — wie sollte ich sie nicht kennen? Wahrhaftig ein Paar seltener Schönheiten — und sie heißen auch noch You <ref>homophon mit ‚selten/kostbar'</ref>!" Als Xianglian das hörte, stampfte er mit dem Fuß und rief: „Das ist schlecht — das geht auf keinen Fall! In eurem Östlichen Palais gibt es außer den zwei steinernen Löwen vor der Tür nichts Sauberes — vermutlich nicht einmal die Katzen und Hunde! Ich mache mich nicht zum gehörnten Narren!" Als Schatzjade das hörte, wurde er rot. Xianglian erkannte seinen Fehler und verbeugte sich eilig: „Das war ungehörig — bitte verzeih mir. Sag mir nur aufrichtig: Was für einen Charakter hat sie?" Schatzjade lachte: „Wenn du es selbst so genau weißt, wozu fragst du mich? Womöglich bin ich selbst auch nicht sauber!" Xianglian lachte: „Ich habe mich einen Augenblick vergessen — nimm es mir nicht übel." Schatzjade lachte: „Schon gut — erwähne es nicht mehr, sonst wird es erst recht peinlich." Xianglian verbeugte sich und ging. Zu Becken Schnee wollte er nicht — erstens lag der krank, zweitens war er unbesonnen. Am besten ging er direkt und forderte das Verlobungspfand zurück. Mit diesem Entschluss machte er sich auf den Weg zu Kette Kaufmann.
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Kette Kaufmann war gerade im neuen Haus. Als er hörte, dass Xianglian da war, war er überglücklich, eilte ihm entgegen und führte ihn ins Zimmer, um die alte Dame Sonders zu begrüßen. Doch Xianglian verbeugte sich nur förmlich, nannte sie „Frau Ehrenmutter" und sich selbst „der jüngere Nachgeborene". Kette Kaufmann war befremdet. Beim Tee sagte Xianglian: „Auf der Reise war alles so hastig — leider hat meine Tante im vierten Monat bereits eine Braut für mich bestimmt, und ich kann nicht mehr zurück. Hätte ich dem älteren Bruder gefolgt und meine Tante übergangen, wäre das nicht recht. Wenn es um Gold und Seide ginge, wagte ich nicht, die Rückgabe zu fordern; aber dieses Schwert ist ein Familienerbstück — ich bitte, es mir gnädig zurückzugeben." Kette Kaufmann hörte das und war verstimmt: „Ein Pfand ist ein Pfand — eben deshalb hinterlässt man eines, damit keiner es sich anders überlegt. Wie kann man eine Verlobung nach Belieben lösen? Das muss noch besprochen werden." Xianglian lachte: „Ich nehme jede Strafe an — aber der Sache kann ich unmöglich zustimmen." Kette Kaufmann wollte noch weiterreden, doch Xianglian erhob sich und sagte: „Lass uns draußen weiterreden — hier ist es nicht passend."
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Die Dritte Schwester hatte in ihrem Zimmer jedes Wort deutlich gehört. Sie hatte so lange auf ihn gewartet, und nun kam er und widerrief! Sie wusste: Er musste im Hause Kaufmann etwas erfahren haben und verachtete sie offenbar als eine, die der Unkeuschheit und Schamlosigkeit fähig sei — als Ehefrau unter seiner Würde. Wenn sie ihn jetzt hinausgehen und mit Kette Kaufmann über die Auflösung verhandeln ließe, würde Kette Kaufmann ohnehin keine Lösung finden, und sie selbst stünde beschämt da. Als sie hörte, dass Kette Kaufmann mit ihm nach draußen gehen wollte, nahm sie sofort die Schwerter von der Wand, verbarg die weibliche Klinge im Ärmel, trat heraus und sagte: „Ihr braucht nicht draußen weiter zu beraten — hier ist dein Verlobungspfand." Tränen strömten wie Regen. Mit der linken Hand reichte sie Xianglian das Schwert in der Scheide; mit der rechten zog sie den Ellbogen zurück und führte die verborgene Klinge quer über ihren Hals.
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Ach! —
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    Zermalmt die Pfirsichblüte, rot bedeckt die Erde;
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    Der Jadeberg ist gestürzt, nie wieder aufzurichten.
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Die edle Seele, die feinsinnige Natur — verweht und verschwunden, in unbekannte Ferne.
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Alle erschraken zu Tode; die Rettung kam zu spät. Die alte Dame Sonders wehklagte und beschimpfte Xianglian zugleich. Kette Kaufmann packte Xianglian und wollte ihn fesseln und dem Gericht übergeben lassen. Doch die Zweite Schwester trocknete eilig ihre Tränen und beschwichtigte Kette Kaufmann: „Du machst zu viel Aufhebens! Niemand hat sie zum Sterben gezwungen — sie hat es selbst getan. Wenn du ihn zum Gericht bringst, was nützt es? Es gibt nur Schande und Aufregung. Lass ihn gehen — das ist einfacher." Kette Kaufmann wusste zu diesem Zeitpunkt selbst nicht, was er tun sollte, und ließ Xianglian los mit den Worten: „Geh schnell!" Doch Xianglian rührte sich nicht und schluchzte: „Ich wusste nicht, dass sie eine so aufrechte und tapfere Gattin war. Bewundernswert, bewundernswert!" Er warf sich über den Leichnam und weinte bitterlich. Dann ließ er einen Sarg kaufen und wohnte der Einsargung bei, weinte nochmals am Sarg und verabschiedete sich.
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Vor der Tür wusste er nicht, wohin. Benommen und stumm dachte er über das Geschehene nach. Die Dritte Schwester — so schön und so tapfer! Er bereute es zutiefst. Während er so ging, kam ein Dienersbursche des Becken Schnee, um ihn nach Hause zu bringen. Doch Xianglian war ganz in Gedanken versunken. Der Bursche brachte ihn in ein neues Haus, ordentlich eingerichtet. Plötzlich hörte er Jadegehänge klingen, und die Dritte Schwester trat von draußen ein, in der einen Hand die Mandarinenentenschwerter, in der anderen eine Schriftrolle. Unter Tränen sprach sie zu Xianglian: „Fünf Jahre habe ich in törichter Liebe auf dich gewartet. Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich so kaltherzig und abweisend bist! Meine Liebe bezahle ich mit dem Tod. Jetzt hat mir die Göttin Jinghan <ref>die Herrin des Landes der Großen Leere und der Illusionen</ref> befohlen, in das Reich der Großen Leere zu reisen und dort die Akten aller Liebesgeister zu führen. Ich konnte den Abschied nicht ertragen und bin noch einmal gekommen; danach werden wir uns nie wiedersehen." Damit wandte sie sich zum Gehen. Xianglian konnte sie nicht loslassen und wollte sie zurückhalten und befragen. Die Dritte Schwester sagte: „Ich kam aus dem Himmel der Gefühle und gehe auf dem Boden der Gefühle. In einem früheren Leben wurde ich vom Gefühl verblendet; nun, da ich des Gefühls müde bin und erwacht, sind du und ich einander nichts mehr schuldig." Damit wehte ein Hauch süßen Dufts, und sie war verschwunden.
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Xianglian schreckte auf — war es ein Traum oder kein Traum? Als er die Augen öffnete, war kein Bursche des Becken Schnee zu sehen, auch kein neues Haus — er lag in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein Mönch mit überkreuzten Beinen und suchte nach Läusen. Xianglian erhob sich, verbeugte sich und fragte: „Wo bin ich? Wie ist der Name des Unsterblichen Meisters und seine geistliche Ordensbezeichnung?" Der Mönch lachte: „Ich weiß nicht einmal, wo ich bin oder wer ich bin — ich bin nur vorübergehend hier, um die Füße auszuruhen." Xianglian hörte das und fühlte sich von Kälte durchdrungen wie von Eis bis auf die Knochen. Er zog das männliche Schwert, hieb mit einem Streich die zehntausend Fäden der irdischen Sorgen ab <ref>er schnitt sich das Haar ab, das Zeichen der Entsagung von der Welt</ref>, und folgte dem Mönch — wohin, wusste niemand.
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Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.
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Latest revision as of 19:29, 28 April 2026

Kapitel 66 情小妹耻情归地府 / 冷二郎一冷入空门 Die gefühlvolle Drittschwester Sonders gibt sich den Tod; Xianglotus Weide entsagt der Welt und folgt einem Mönch

Die Drittschwester Sonders gibt sich mit dem Mandarinenentenschwert den Tod Xianglotus Weide[1] geht aus der Welt und folgt einem Wandermönch

Bao Ers Frau versetzte ihm einen Klaps und sagte lachend: „Einiges davon ist ja wahr, aber du hast dann so viel Unsinn dazugemischt, dass alles aus dem Rahmen fällt. Du benimmst dich gar nicht wie einer, der dem Zweiten Herrn dient — deine wilden Reden klingen eher wie die von Schatzjades Leuten!" Die Zweite Schwester wollte noch weiterfragen, doch da mischte sich die Dritte Schwester lachend ein: „Ist das euer Schatzjade? Was tut er den ganzen Tag, wenn er nicht in der Schule ist?" Xing'er lachte: „Fragt nicht nach dem, Frau Tante! Es klingt alles so unglaublich, dass Ihr es vermutlich nicht glauben würdet. Er ist so groß geworden und hat nie eine richtige Schule besucht. In unserer Familie, von den Ahnen bis zum Zweiten Herrn — wer hat nicht zehn Jahre am kalten Fenster studiert? Nur er hat keine Lust zu lernen. Er ist der Liebling der Alten Herrin; der Herr Vater hat ihn früher noch beaufsichtigt, jetzt wagt er es nicht mehr. Den ganzen Tag ist er verrückt und wirr — was er sagt, versteht kein Mensch; was er tut, begreift kein Mensch. Von außen sieht er hübsch und klug aus, doch in Wahrheit ist er außen klar und innen trüb. Wenn er Menschen trifft, hat er kein Wort zu sagen. Sein einziger Vorzug: Obwohl er nie die Schule besuchte, hat er es doch fertiggebracht, einige Schriftzeichen zu lernen. Er übt weder Literatur noch Kampfkunst, scheut die Menschen und treibt sich nur unter den Mägden herum. Er hat kein Rückgrat: Wenn er guter Laune ist, spielt er mit uns ohne Rangunterschied wild durcheinander; ist er schlecht gelaunt, geht er einfach davon, ohne sich um uns zu kümmern. Wir sitzen oder liegen herum — wenn er kommt, beachten wir ihn nicht, und er tadelt uns auch nicht. Darum fürchtet ihn niemand; wir machen, was wir wollen, und alle kommen aus." Die Dritte Schwester lachte: „Wenn der Herr nachsichtig ist, beklagt ihr euch; wenn er streng ist, beklagt ihr euch auch. Ihr seid wirklich schwer zufriedenzustellen!" Die Zweite Schwester sagte: „Wir fanden ihn eigentlich nett — aber so einer ist er also! Schade um das gute Material." Die Dritte Schwester sagte: „Schwester, glaub nicht seinem Geschwätz! Wir haben ihn doch nicht nur ein- oder zweimal gesehen. In seinem Verhalten, seinen Reden, beim Essen und Trinken hat er zwar etwas Mädchenhaftes — aber das kommt nur daher, dass er stets im Inneren des Hauses lebt. Was die Torheit angeht — wo ist er denn töricht? Schwester, erinnerst du dich? Als wir während der Trauer zusammen waren, und an jenem Tag die Mönche hereinkamen, um den Sarg zu umrunden, standen wir alle dort, und er stellte sich ganz vorn hin, um die Leute abzuschirmen. Die Leute sagten, er habe keine Manieren und keinen Blick für die Situation. Aber nachher hat er uns leise gesagt: ‚Schwestern, ihr wisst es nicht — es ist nicht so, dass ich keinen Blick für die Dinge hätte. Ich dachte nur, die Mönche sind schmutzig, und fürchtete, ihr Geruch könnte die Schwestern belästigen.' Und dann, als er Tee trank und die Schwester auch Tee wollte, nahm eine alte Dienerin seine Schale zum Einschenken. Er sagte eilig: ‚Meine ist schmutzig — wascht sie erst und bringt eine frische.' An diesen zwei Dingen habe ich im Stillen beobachtet: Vor Mädchen kann er sich benehmen, wie er will, und alle nehmen es hin; nur mit der Außenwelt kommt er nicht zurecht — deshalb verstehen die Leute ihn nicht." Die Zweite Schwester hörte das und lachte: „Wenn du so sprichst, seid ihr beiden ja schon seelenverwandt! Wäre es nicht am besten, wenn man dich ihm verspräche?" Die Dritte Schwester sah, dass Xing'er dabei war, und wollte nicht weitersprechen; sie senkte den Kopf und knackte Kürbiskerne. Xing'er lachte: „Was Aussehen und Charakter angeht, wären sie ein schönes Paar. Nur: Er hat schon jemanden — es ist nur noch nicht offiziell. In Zukunft wird es bestimmt Fräulein Lin sein. Weil Fräulein Lin oft krank ist und beide noch jung sind, ist es noch nicht so weit. In zwei, drei Jahren braucht die Alte Herrin nur ein Wort zu sagen, und es ist beschlossen." Gerade als sie sich unterhielten, kam Long'er und sagte: „Der Herr Vater hat eine Angelegenheit — eine vertrauliche, wichtige Sache. Er will den Zweiten Herrn nach Pinganzhou schicken. In drei bis fünf Tagen muss er aufbrechen; hin und zurück dauert es gut einen halben Monat. Heute kann er nicht kommen. Er bittet die Herrin, mit der Zweiten Tante die Sache vorab zu klären; morgen kommt der Herr, um alles festzulegen." Damit nahm er Xing'er mit und ging zurück.

Die Zweite Schwester ließ die Türen schließen und sich früh zur Ruhe legen. Die ganze Nacht befragte sie ihre jüngere Schwester. Am nächsten Tag, am Nachmittag, kam Kette Kaufmann[2][3]. Die Zweite Schwester riet ihm: „Wenn du dienstliche Pflichten hast, warum eilst du noch hierher? Lass um meinetwillen nur nichts liegen." Kette Kaufmann sagte: „Es ist nichts Besonderes — nur ist unerwarteterweise eine Dienstreise dazugekommen. Anfang nächsten Monats breche ich auf, und es dauert gut einen halben Monat." Die Zweite Schwester sagte: „Wenn es so ist, dann reise ruhig los; du brauchst dir hier keine Sorgen zu machen. Die Dritte Schwester ist eine, die nie ihre Meinung ändert. Sie hat gesagt, sie bessere sich, und sie wird sich bessern. Sie hat ihren Mann gewählt — du brauchst nur zuzustimmen." Kette Kaufmann fragte, wer es sei. Die Zweite Schwester lachte: „Er ist im Moment nicht hier, und wer weiß, wann er kommt — man muss ihren guten Blick anerkennen. Sie hat selbst gesagt: Wenn er ein Jahr nicht kommt, wartet sie ein Jahr; wenn er zehn Jahre nicht kommt, wartet sie zehn Jahre; und wenn er stirbt und nie wiederkommt, will sie sich den Kopf scheren, Nonne werden und den Rest ihres Lebens vegetarisch und buddhistische Gebete sprechend verbringen." Kette Kaufmann fragte: „Wer ist es denn, der ihr so das Herz gerührt hat?" Die Zweite Schwester lachte: „Es ist eine lange Geschichte. Vor fünf Jahren feierte die Herzoginmutter unserer Mama Geburtstag; Mama und wir gingen hin, um zu gratulieren. Bei der Familie war eine Theatergruppe engagiert, und darunter gab es einen Jungenschauspieler namens Xianglotus Weide [4]. Sie hat sich in ihn verliebt, und nun will sie nur ihn heiraten. Letztes Jahr hörten wir, dass Xianglotus Weide wegen eines Vorfalls geflohen sei — ob er zurückgekehrt ist, weiß ich nicht." Kette Kaufmann hörte das und rief: „Ach so! Ich habe mich schon gefragt, wer es sein könnte — es ist also er! Wirklich guter Geschmack! Du weißt es nicht, aber dieser Zweite Herr Liu ist ein auffallend hübscher Mensch, doch äußerst kaltherzig und abweisend — mit den meisten Menschen hat er nichts zu schaffen. Nur mit Schatzjade versteht er sich gut. Letztes Jahr, nachdem er Becken SchneeCite error: Closing </ref> missing for <ref> tag und Bruder von Schatzspange.</ref> [5] verprügelt hatte, schämte er sich, uns unter die Augen zu treten, und verschwand für eine ganze Weile. Später hörte jemand sagen, er sei zurück — ob das stimmt, weiß ich nicht. Man braucht nur Schatzjades Burschen zu fragen. Wenn er nicht kommt — bei seiner Art, umherzuziehen wie ein Blatt im Wind —, wer weiß, wann er kommt! Das wäre doch vergebliches Warten!" Die Zweite Schwester sagte: „Unsere Dritte Schwester sagt, was sie meint, und tut, was sie sagt. Was sie beschlossen hat, daran halte dich."

Während die beiden noch sprachen, kam die Dritte Schwester herein und sagte: „Schwager, sei nur beruhigt. Wir sind keine Menschen mit doppeltem Herzen — was wir sagen, das gilt. Wenn der Herr Liu kommt, heirate ich ihn. Von heute an esse ich vegetarisch und spreche buddhistische Gebete, pflege nur meine Mutter — und warte auf ihn. Wenn er kommt, heirate ich ihn. Wenn er hundert Jahre nicht kommt, gehe ich ins Kloster." Damit zerschlug sie einen Jadehaarnadel in zwei Stücke: „Ist ein einziges Wort unwahr, dann ergeht es mir wie dieser Nadel!" Damit ging sie in ihr Zimmer zurück und verhielt sich von da an wahrhaftig sittsam und zurückhaltend in Wort und Tat. Kette Kaufmann konnte nichts weiter tun. Er besprach mit der Zweiten Schwester die häuslichen Angelegenheiten und kehrte nach Hause zurück, um mit Phönixglanz [熙凤] die Abreise vorzubereiten. Er ließ Mingyan befragen; der sagte: „Ich weiß von nichts. Vermutlich ist er noch nicht zurück; wenn er da wäre, wüsste ich es." Man fragte auch bei Liangliáns Nachbarn — auch dort keine Nachricht. Kette Kaufmann konnte der Zweiten Schwester nur Bericht erstatten. Als der Abreisetag heranrückte, sagte er zwei Tage vorher, er reise ab, ging aber zunächst noch zu der Zweiten Schwester und übernachtete dort zwei Nächte, um dann leise von dort aufzubrechen. Er sah, dass sich die jüngere Schwester wahrhaftig völlig gewandelt hatte, und auch die Zweite Schwester führte den Haushalt fleißig und sorgfältig — um sie brauchte er sich keine Sorgen mehr zu machen.

An jenem Morgen verließ er die Stadt frühzeitig auf der Hauptstraße nach Pinganzhou — tagsüber geritten, nachts gerastet; getrunken, wenn er durstig war, gegessen, wenn er hungrig war. Am dritten Tag, unterwegs, kam ihm eine Karawane von Maultieren entgegen, darunter eine Gruppe von etwa zehn Reitern mit Herren und Dienern. Als sie näherkamen und er genauer hinsah, waren es niemand anderes als Becken Schnee und Xianglotus Weide! Kette Kaufmann war höchst erstaunt, trieb sein Pferd vorwärts und begrüßte sie. Man tauschte Neuigkeiten aus und kehrte gemeinsam in ein Gasthaus ein, um sich zu unterhalten. Kette Kaufmann sagte lachend: „Nach dem Vorfall damals wollten wir euch beiden zur Versöhnung verhelfen, aber von Bruder Liu war keine Spur zu finden. Wie kommt ihr jetzt zusammen?" Becken Schnee lachte: „Die Welt hat die seltsamsten Geschichten! Ich war mit meinen Kompagnons und Handelsware seit dem Frühling auf dem Rückweg — alles verlief gut. Doch vor ein paar Tagen, an der Grenze von Pinganzhou, stießen wir auf eine Räuberbande, die uns schon die Waren geraubt hatte. Zum Glück kam der Zweite Bruder Liu von der anderen Seite, vertrieb die Räuber, holte die Waren zurück und rettete uns obendrein das Leben. Da er meine Dankbarkeit nicht annehmen wollte, haben wir Blutsbrüderschaft geschlossen. Jetzt reisen wir zusammen nach der Hauptstadt. Von nun an sind wir leibliche Brüder. An der nächsten Gabelung trennen wir uns; er hat etwa zweihundert Li nach Süden eine Tante, die er besuchen will. Ich fahre voraus in die Hauptstadt, erledige meine Geschäfte und suche dann ein Haus für ihn und eine gute Partie — und dann leben wir alle zusammen." Kette Kaufmann sagte: „So also! Wir haben uns ganz umsonst Sorgen gemacht." Als er dann hörte, dass von einer Heirat die Rede war, sagte er eilig: „Ich habe genau die richtige Partie für den Zweiten Bruder!" Damit erzählte er, wie er selbst die You-Schwester geheiratet hatte und nun die jüngere Schwägerin verheiraten wollte — nur erwähnte er nicht, dass die Dritte Schwester selbst den Mann gewählt hatte. Er ermahnte Becken Schnee auch, zu Hause nichts davon zu verraten; wenn erst ein Sohn geboren sei, werde man es erfahren. Becken Schnee freute sich und sagte: „Das hätte längst geschehen sollen — an allem ist nur meine Kusine schuld!" Xianglian sagte eilig lachend: „Du hast schon wieder den Anstand vergessen — halt den Mund!" Becken Schnee schwieg eilig und sagte: „Wenn es so ist, muss diese Heirat unbedingt zustande kommen!" Xianglian sagte: „Ich hatte mir immer vorgenommen, nur eine Frau von vollendeter Schönheit zu nehmen. Da nun die verehrten Brüder sich so großherzig erweisen, will ich nicht mehr wählerisch sein — bestimmt nur, und ich füge mich in allem." Kette Kaufmann lachte: „Mündliche Versprechen allein reichen nicht. Sobald Bruder Liu sie sieht, wird er erkennen, dass meine Schwägerin an Schönheit in Vergangenheit und Gegenwart ihresgleichen sucht." Xianglian hörte das voller Freude und sagte: „Wenn es so ist, will ich erst meine Tante besuchen — spätestens Mitte des Monats bin ich in der Hauptstadt. Können wir es dann festmachen?" Kette Kaufmann lachte: „Wir geben einander unser Wort. Nur traue ich dem Bruder Liu nicht ganz. Du bist ein Wandervogel — wenn du dich verspätest und nicht zurückkommst, verdirbt man einem jungen Mädchen die Zukunft. Du musst ein Pfand hinterlassen." Xianglian sagte: „Ein Mann von Ehre bricht nicht sein Wort. Der jüngere Bruder ist von jeher arm und zudem auf Reisen — wo soll ich ein Verlobungspfand hernehmen?" Becken Schnee sagte: „Ich habe alles, was nötig ist — ich richte eins für den Zweiten Bruder her." Kette Kaufmann lachte: „Es braucht kein Gold oder Seide — nur etwas, das Bruder Liu persönlich besitzt; ob wertvoll oder nicht, spielt keine Rolle. Es soll nur als Beweis dienen." Xianglian sagte: „Wenn es so ist — der jüngere Bruder besitzt nichts anderes; dieses Schwert hier ist zur Selbstverteidigung und kann ich nicht ablegen. Aber in meiner Tasche ist noch ein Paar Mandarinenentenschwerter — ein Familienerbstück, das ich nicht leichtfertig zu benutzen wage, sondern nur bei mir trage. Bruder Jia, nimm sie als Pfand. Selbst wenn der jüngere Bruder wie eine Blume im Wind dahintreibt — dieses Schwertpaar würde er niemals aufgeben." Damit tranken sie noch einige Becher, stiegen auf ihre Pferde und ritten in verschiedene Richtungen davon. Wie es so schön heißt: „Der General steigt nicht vom Pferd — ein jeder zieht seines Weges."

Kette Kaufmann erreichte Pinganzhou in einem Tag, traf den Provinzgouverneur und erledigte seine Geschäfte. Der Gouverneur bat ihn, im Oktober unbedingt wiederzukommen. Kette Kaufmann gehorchte und machte sich am nächsten Tag eilig auf den Heimweg. Zuerst suchte er die Zweite Schwester auf. In seiner Abwesenheit hatte die Zweite Schwester den Haushalt mit großer Sorgfalt geführt und täglich die Türen geschlossen gehalten, ohne sich um die Außenwelt zu kümmern. Ihre jüngere Schwester erwies sich tatsächlich als eine Frau von unbeugsamer Entschlossenheit. Neben dem Dienst an Mutter und Schwester lebte sie sittsam und genügsam. Obwohl sie nachts allein unter der einsamen Decke lag und die Einsamkeit nicht gewohnt war, hatte sie alle Gedanken an andere Menschen abgelegt und sehnte sich nur danach, dass Xianglotus Weide bald zurückkehre und die Verbindung fürs Leben besiegle. Als Kette Kaufmann eintrat und diese Zustände sah, war seine Freude grenzenlos, und er schätzte die Tugend der Zweiten Schwester zutiefst. Nach dem Austausch von Neuigkeiten erzählte Kette Kaufmann von der Begegnung mit Xianglian unterwegs und nahm die Mandarinenentenschwerter heraus, um sie der Dritten Schwester zu überreichen. Als die Dritte Schwester sie betrachtete — den Griff umwunden von Drachen und geschützt von Kui-Chimären, funkelnde Edelsteine —, zog sie den Knauf, und es waren zwei Schwerter in einem: Auf dem einen war das Zeichen „Yuan" (Ente) eingraviert, auf dem anderen „Yang" (Enterich). Eiskalt und strahlend hell, wie zwei Streifen Herbstwasser. Die Dritte Schwester war überglücklich, nahm sie an sich und hängte sie über ihr Bett im Schlafzimmer. Jeden Tag betrachtete sie die Schwerter und lächelte in der Gewissheit, dass ihr Lebensschicksal gesichert sei. Kette Kaufmann blieb zwei Tage, kehrte zurück, erstattete seinem Vater Bericht und begrüßte die ganze Familie. Inzwischen war Phönixglanz bereits so weit genesen, dass sie wieder die Geschäfte führte. Kette Kaufmann erzählte auch Herrlichkeit Kaufmann[6] von der Sache. Doch Herrlichkeit Kaufmann hatte in letzter Zeit neue Freunde gefunden und kümmerte sich nicht mehr darum; er überließ alles Kette Kaufmann und gab ihm nur, weil er fürchtete, jener könne es nicht allein stemmen, dreißig Liang Silber. Kette Kaufmann brachte sie der Zweiten Schwester zur Vorbereitung der Mitgift.

Doch erst im achten Monat kam Xianglian in die Hauptstadt. Zuerst besuchte er Tante Schnee, wo er auch Xue Ke traf und erfuhr, dass Becken Schnee, der Wind und Wetter nicht gewohnt war und dem das Klima nicht zugesagt hatte, gleich bei der Ankunft in der Hauptstadt krank geworden war und zu Hause im Bett lag. Als er hörte, dass Xianglian da war, lud er ihn ins Krankenzimmer ein. Tante Schnee trug ihm den alten Vorfall nicht nach, sondern war nur für die neue Rettungstat dankbar; Mutter und Sohn dankten ihm überschwänglich. Auch die Heirat wurde besprochen — alles sei vorbereitet, man warte nur auf einen günstigen Termin. Xianglotus Weide war seinerseits voller Dankbarkeit.

Am nächsten Tag besuchte er Schatzjade. Die beiden trafen sich und waren wie Fische im Wasser. Xianglian fragte nach Kette Kaufmanns heimlicher Zweitheirat. Schatzjade lachte: „Ich habe es nur von Mingyan und seinen Leuten gehört, aber selbst nicht gesehen; ich wage mich da auch nicht einzumischen. Mingyan hat mir auch erzählt, dass der Zweite Bruder Lian dich eifrig gesucht hat — was wollte er denn?" Xianglian erzählte Schatzjade alles, was unterwegs geschehen war. Schatzjade lachte: „Welch eine Freude! Diese einzigartig schöne Frau — sie ist wahrhaftig ein Juwel unter den Frauen aller Zeiten und wäre deiner würdig!" Xianglian sagte: „Wenn dem so ist — in jenem Hause fehlt es doch wahrlich nicht an schönen Frauen; warum sollte man ausgerechnet an mich denken? Zudem bin ich nie besonders vertraut mit ihnen gewesen, und sie hätten keinen Grund, sich so um mich zu bemühen. Auf der Reise drängte man geradezu — seit wann läuft die Familie der Braut dem Bräutigam hinterher? Ich wurde misstrauisch und bereute, das Schwert als Pfand dagelassen zu haben. Deshalb dachte ich an dich — du könntest mir die Hintergründe genau erklären." Schatzjade sagte: „Du bist doch ein scharfsinniger Mensch — wie kommst du erst zu einer Verlobung und wirst dann misstrauisch? Du hast selbst gesagt, du wolltest nur eine Frau von vollendeter Schönheit. Nun hast du eine — was zweifelst du noch?" Xianglian sagte: „Wenn du nicht einmal von seiner Heirat weißt, woher weißt du, dass sie eine Schönheit ist?" Schatzjade sagte: „Das sind die beiden jüngeren Schwägerinnen, die die Stiefmutter der Ersten Schwägerin Zhen mitgebracht hat. Ich war dort einen Monat lang unter ihnen — wie sollte ich sie nicht kennen? Wahrhaftig ein Paar seltener Schönheiten — und sie heißen auch noch You [7]!" Als Xianglian das hörte, stampfte er mit dem Fuß und rief: „Das ist schlecht — das geht auf keinen Fall! In eurem Östlichen Palais gibt es außer den zwei steinernen Löwen vor der Tür nichts Sauberes — vermutlich nicht einmal die Katzen und Hunde! Ich mache mich nicht zum gehörnten Narren!" Als Schatzjade das hörte, wurde er rot. Xianglian erkannte seinen Fehler und verbeugte sich eilig: „Das war ungehörig — bitte verzeih mir. Sag mir nur aufrichtig: Was für einen Charakter hat sie?" Schatzjade lachte: „Wenn du es selbst so genau weißt, wozu fragst du mich? Womöglich bin ich selbst auch nicht sauber!" Xianglian lachte: „Ich habe mich einen Augenblick vergessen — nimm es mir nicht übel." Schatzjade lachte: „Schon gut — erwähne es nicht mehr, sonst wird es erst recht peinlich." Xianglian verbeugte sich und ging. Zu Becken Schnee wollte er nicht — erstens lag der krank, zweitens war er unbesonnen. Am besten ging er direkt und forderte das Verlobungspfand zurück. Mit diesem Entschluss machte er sich auf den Weg zu Kette Kaufmann.

Kette Kaufmann war gerade im neuen Haus. Als er hörte, dass Xianglian da war, war er überglücklich, eilte ihm entgegen und führte ihn ins Zimmer, um die alte Dame Sonders zu begrüßen. Doch Xianglian verbeugte sich nur förmlich, nannte sie „Frau Ehrenmutter" und sich selbst „der jüngere Nachgeborene". Kette Kaufmann war befremdet. Beim Tee sagte Xianglian: „Auf der Reise war alles so hastig — leider hat meine Tante im vierten Monat bereits eine Braut für mich bestimmt, und ich kann nicht mehr zurück. Hätte ich dem älteren Bruder gefolgt und meine Tante übergangen, wäre das nicht recht. Wenn es um Gold und Seide ginge, wagte ich nicht, die Rückgabe zu fordern; aber dieses Schwert ist ein Familienerbstück — ich bitte, es mir gnädig zurückzugeben." Kette Kaufmann hörte das und war verstimmt: „Ein Pfand ist ein Pfand — eben deshalb hinterlässt man eines, damit keiner es sich anders überlegt. Wie kann man eine Verlobung nach Belieben lösen? Das muss noch besprochen werden." Xianglian lachte: „Ich nehme jede Strafe an — aber der Sache kann ich unmöglich zustimmen." Kette Kaufmann wollte noch weiterreden, doch Xianglian erhob sich und sagte: „Lass uns draußen weiterreden — hier ist es nicht passend."

Die Dritte Schwester hatte in ihrem Zimmer jedes Wort deutlich gehört. Sie hatte so lange auf ihn gewartet, und nun kam er und widerrief! Sie wusste: Er musste im Hause Kaufmann etwas erfahren haben und verachtete sie offenbar als eine, die der Unkeuschheit und Schamlosigkeit fähig sei — als Ehefrau unter seiner Würde. Wenn sie ihn jetzt hinausgehen und mit Kette Kaufmann über die Auflösung verhandeln ließe, würde Kette Kaufmann ohnehin keine Lösung finden, und sie selbst stünde beschämt da. Als sie hörte, dass Kette Kaufmann mit ihm nach draußen gehen wollte, nahm sie sofort die Schwerter von der Wand, verbarg die weibliche Klinge im Ärmel, trat heraus und sagte: „Ihr braucht nicht draußen weiter zu beraten — hier ist dein Verlobungspfand." Tränen strömten wie Regen. Mit der linken Hand reichte sie Xianglian das Schwert in der Scheide; mit der rechten zog sie den Ellbogen zurück und führte die verborgene Klinge quer über ihren Hals.

Ach! —

   Zermalmt die Pfirsichblüte, rot bedeckt die Erde;
   Der Jadeberg ist gestürzt, nie wieder aufzurichten.

Die edle Seele, die feinsinnige Natur — verweht und verschwunden, in unbekannte Ferne.

Alle erschraken zu Tode; die Rettung kam zu spät. Die alte Dame Sonders wehklagte und beschimpfte Xianglian zugleich. Kette Kaufmann packte Xianglian und wollte ihn fesseln und dem Gericht übergeben lassen. Doch die Zweite Schwester trocknete eilig ihre Tränen und beschwichtigte Kette Kaufmann: „Du machst zu viel Aufhebens! Niemand hat sie zum Sterben gezwungen — sie hat es selbst getan. Wenn du ihn zum Gericht bringst, was nützt es? Es gibt nur Schande und Aufregung. Lass ihn gehen — das ist einfacher." Kette Kaufmann wusste zu diesem Zeitpunkt selbst nicht, was er tun sollte, und ließ Xianglian los mit den Worten: „Geh schnell!" Doch Xianglian rührte sich nicht und schluchzte: „Ich wusste nicht, dass sie eine so aufrechte und tapfere Gattin war. Bewundernswert, bewundernswert!" Er warf sich über den Leichnam und weinte bitterlich. Dann ließ er einen Sarg kaufen und wohnte der Einsargung bei, weinte nochmals am Sarg und verabschiedete sich.

Vor der Tür wusste er nicht, wohin. Benommen und stumm dachte er über das Geschehene nach. Die Dritte Schwester — so schön und so tapfer! Er bereute es zutiefst. Während er so ging, kam ein Dienersbursche des Becken Schnee, um ihn nach Hause zu bringen. Doch Xianglian war ganz in Gedanken versunken. Der Bursche brachte ihn in ein neues Haus, ordentlich eingerichtet. Plötzlich hörte er Jadegehänge klingen, und die Dritte Schwester trat von draußen ein, in der einen Hand die Mandarinenentenschwerter, in der anderen eine Schriftrolle. Unter Tränen sprach sie zu Xianglian: „Fünf Jahre habe ich in törichter Liebe auf dich gewartet. Ich hätte nicht gedacht, dass du tatsächlich so kaltherzig und abweisend bist! Meine Liebe bezahle ich mit dem Tod. Jetzt hat mir die Göttin Jinghan [8] befohlen, in das Reich der Großen Leere zu reisen und dort die Akten aller Liebesgeister zu führen. Ich konnte den Abschied nicht ertragen und bin noch einmal gekommen; danach werden wir uns nie wiedersehen." Damit wandte sie sich zum Gehen. Xianglian konnte sie nicht loslassen und wollte sie zurückhalten und befragen. Die Dritte Schwester sagte: „Ich kam aus dem Himmel der Gefühle und gehe auf dem Boden der Gefühle. In einem früheren Leben wurde ich vom Gefühl verblendet; nun, da ich des Gefühls müde bin und erwacht, sind du und ich einander nichts mehr schuldig." Damit wehte ein Hauch süßen Dufts, und sie war verschwunden.

Xianglian schreckte auf — war es ein Traum oder kein Traum? Als er die Augen öffnete, war kein Bursche des Becken Schnee zu sehen, auch kein neues Haus — er lag in einem verfallenen Tempel, und neben ihm saß ein Mönch mit überkreuzten Beinen und suchte nach Läusen. Xianglian erhob sich, verbeugte sich und fragte: „Wo bin ich? Wie ist der Name des Unsterblichen Meisters und seine geistliche Ordensbezeichnung?" Der Mönch lachte: „Ich weiß nicht einmal, wo ich bin oder wer ich bin — ich bin nur vorübergehend hier, um die Füße auszuruhen." Xianglian hörte das und fühlte sich von Kälte durchdrungen wie von Eis bis auf die Knochen. Er zog das männliche Schwert, hieb mit einem Streich die zehntausend Fäden der irdischen Sorgen ab [9], und folgte dem Mönch — wohin, wusste niemand.

Wer wissen will, wie es weiterging, der lese das nächste Kapitel.

  1. Xianglotus Weide (柳湘莲): Ein unabhängiger, stolzer junger Mann von edlem Charakter, Schwertkämpfer und Schauspieler.
  2. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann (贾赦), Ehemann von Phönixglanz.
  3. Kette Kaufmann: Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, zweiter Sohn von Begnadigung Kaufmann (贾赦), Ehemann von Phönixglanz.
  4. ein unabhängiger, stolzer junger Mann von edlem Charakter und großer Schönheit
  5. den ‚Dummkopf Xue'
  6. Herrlichkeit Kaufmann: Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Ostpalasts (Ning-guo-fu), ein moralisch verwerflicher Mann.
  7. homophon mit ‚selten/kostbar'
  8. die Herrin des Landes der Großen Leere und der Illusionen
  9. er schnitt sich das Haar ab, das Zeichen der Entsagung von der Welt