Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 92"
(DE4 Korrektur-Update Kap. 92) |
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| − | + | Zweiundneunzigstes Kapitel | |
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| − | + | Im Gespräch über das Buch „Bedeutende Frauen" bewundert Pfiffigmädchen <ref>Chinesisch: 巧姐</ref> die weibliche Tugendhaftigkeit, | |
| − | < | + | Beim Spiel mit der Mutterperle erkennt Aufrecht Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾政</ref> die Gesetze von Werden und Vergehen |
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| − | + | Es wird erzählt, dass Schatzjade <ref>Chinesisch: 宝玉</ref> aus der Xiaoxiang-Pavillon <ref>Chinesisch: 潇湘馆</ref> herauskam und sogleich Herbstmuster fragte: „Wofür braucht mich der Herr Vater?" Herbstmuster lachte: „Er hat dich gar nicht gerufen. Schwester Dufthauch <ref>Chinesisch: 袭人</ref> hat mich geschickt, um den Zweiten jungen Herrn zu holen. Ich fürchtete, du würdest nicht kommen, und habe mir das ausgedacht." Schatzjade war erleichtert und sagte: „Wenn ihr mich zu euch bitten wollt, meinetwegen — aber warum mich so erschrecken?" Damit ging er zurück in den Hof der Roten Freude <ref>Chinesisch: 怡红院</ref>. | |
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| − | + | Dufthauch fragte: „Wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben?" Schatzjade antwortete: „Bei Fräulein Kajaljade <ref>Chinesisch: 林黛玉</ref>. Wir kamen auf Tantchens Familie und Schwester Schatzspange <ref>Chinesisch: 宝钗</ref> zu sprechen, und darüber verging die Zeit." Dufthauch fragte weiter: „Worüber habt ihr denn gesprochen?" Schatzjade gab ihr das Chan-Gespräch wieder. Dufthauch sagte: „Ihr bringt es auch wirklich fertig! Hättet ihr euch nicht einfach gemütlich über Alltägliches unterhalten können, oder über Gedichte plaudern — das wäre gut gewesen. Stattdessen müsst ihr wieder über Chan-Buddhismus reden? Ihr seid doch keine Mönche!" Schatzjade entgegnete: „Das verstehst du nicht. Wir haben unsere eigenen Chan-Geheimnisse, und niemand sonst könnte da mitreden." Dufthauch lachte: „Ihr diskutiert über Chan, bis ihr ganz konfus seid, und wir stehen daneben und rätseln im Dunkeln." | |
| − | + | Schatzjade sagte: „Früher war ich noch jung, und sie war auch noch kindisch. Wenn ich etwas Unbedachtes sagte, wurde sie gleich böse. Jetzt achte ich mehr darauf, was ich sage, und sie ärgert sich auch nicht mehr. Nur dass sie in letzter Zeit selten herüberkommt, und ich viel für die Schule arbeite. Wenn wir uns dann doch einmal treffen, ist es fast, als wären wir uns fremd geworden." Dufthauch sagte: „So soll es auch sein. Ihr seid doch beide ein paar Jahre älter geworden — da ziemt es sich nicht, noch wie Kinder miteinander umzugehen." | |
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| − | + | Schatzjade nickte: „Ich weiß — aber lassen wir das jetzt. Was ich dich fragen wollte: Hat die Alte Ahnin <ref>Chinesisch: 贾母</ref> jemanden mit einer Nachricht geschickt?" Dufthauch: „Nein, nichts." Schatzjade: „Dann hat sie es bestimmt vergessen! Ist morgen nicht der erste Tag des elften Monats? Jedes Jahr veranstaltet die Alte Ahnin ihr altes Fest zur Vertreibung der Winterkälte — alle versammeln sich bei ihr, trinken Wein und plaudern. Ich habe heute schon in der Schule um einen freien Tag gebeten. Jetzt kommt keine Nachricht — soll ich morgen hingehen oder nicht? Wenn ich hingehe, war der freie Tag umsonst beantragt. Wenn ich nicht hingehe und Vater es erfährt, sagt er wieder, ich sei faul." | |
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| + | Dufthauch: „Ich würde sagen, du gehst hin. Du hast gerade erst angefangen, Fortschritte zu machen, und willst schon wieder ausruhen. Ich rate dir, dich mehr anzustrengen. Gestern hörte ich die gnädige Frau sagen, dass der junge Lan <ref>Chinesisch: 贾兰</ref> ausgezeichnet lernt. Wenn er von der Schule kommt, setzt er sich nochmals hin und liest und schreibt bis in die vierte Nachtwache. Du bist älter als er und sein Onkel obendrein — wenn er dich überholt, wird die Alte Ahnin sehr ärgerlich sein. Also steh morgen lieber früh auf und geh zur Schule." | ||
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| + | Moschusmond <ref>Chinesisch: 麝月</ref> war anderer Meinung: „Bei dieser Kälte! Er hat sich doch schon abgemeldet, und dann geht er trotzdem? Die Leute in der Schule werden sich wundern: Wenn du doch hingehen wolltest, wozu hast du dann um Urlaub gebeten? Das sieht aus, als hättest du nur einen Vorwand gesucht, um schwänzen zu dürfen. Ich meine, genieße den freien Tag! Und selbst wenn die Alte Ahnin es vergessen hat — können wir hier nicht auch die Winterkälte vertreiben? Warum veranstalten wir nicht unsere eigene Feier?" | ||
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| + | Dufthauch: „Da hast du's! Du fängst wieder damit an, und der Zweite Herr will dann erst recht nicht mehr gehen." Moschusmond: „Ich glaube daran, jeden Tag zu genießen, wie er kommt. Ich glaube nicht daran, sich einen guten Ruf zu erschuften und am Ende gerade einmal zwei Tael Silber im Monat mehr zu kriegen, wie gewisse Leute." Dufthauch spuckte verächtlich aus: „Du kleine Kröte! Man führt ein ernstes Gespräch, und du musst es wieder ins Lächerliche ziehen!" Moschusmond: „Ich ziehe gar nichts ins Lächerliche — ich sage das in deinem Interesse." Dufthauch: „In meinem Interesse?" Moschusmond: „Kaum geht der Zweite Herr zur Schule, sitzt du da mit aufgeworfenen Lippen und sehnst dich danach, dass er eine Minute früher nach Hause kommt, und dann wird wieder geredet und gelacht. Jetzt tust du so, als ginge dich das alles nichts an — wozu diese Heuchelei? Ich habe alles gesehen." | ||
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| + | Dufthauch wollte sie gerade zurechtweisen, als ein Dienstmädchen von der Herzoginmutter eintraf und berichtete: „Die Alte Ahnin lässt ausrichten, der Zweite junge Herr brauche morgen nicht zur Schule. Morgen ist Tante Schnee <ref>Chinesisch: 薛姨妈</ref> eingeladen, um ihr Gesellschaft zu leisten, und die jungen Damen kommen wahrscheinlich alle — Fräulein Shi <ref>Chinesisch: 史湘云</ref>, Fräulein Xing <ref>Chinesisch: 邢岫烟</ref> und die Fräulein Li sind ebenfalls eingeladen, um die Winterkältefeier zu begehen." | ||
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| + | Noch bevor sie ausgesprochen hatte, rief Schatzjade freudig: „Na also! Die Alte Ahnin vergisst ihr Lieblingsfest natürlich nicht. Dass ich morgen nicht zur Schule gehe, ist jetzt amtlich beschlossen!" Dufthauch schwieg. Das Dienstmädchen kehrte zurück. | ||
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| + | Schatzjade hatte in den letzten Tagen so fleißig gelernt, dass er sich auf einen freien Tag geradezu freute. Als er zudem hörte, dass Tante Schnee kommen würde, dachte er, Schwester Schatzspange werde sicherlich auch dabei sein, und sein Herz war froh. Er sagte: „Lasst uns früh schlafen gehen, damit wir morgen zeitig aufstehen!" Und so verging die Nacht ohne weitere Ereignisse. | ||
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| + | Am nächsten Morgen ging er tatsächlich als Erstes zur Herzoginmutter, um ihr guten Morgen zu wünschen. Dann ging er zu Aufrecht Kaufmann und Frau König <ref>Chinesisch: 王夫人</ref>, begrüßte sie und meldete, die Herzoginmutter habe ihn heute vom Schulbesuch befreit. Aufrecht Kaufmann sagte nichts dazu. Schatzjade entfernte sich langsam und gemessenen Schrittes, doch kaum war er ein paar Schritte entfernt, rannte er so schnell er konnte zur Herzoginmutter. Dort war noch niemand von den Gästen eingetroffen. Nur die Amme von Phönixglanz <ref>Chinesisch: 凤姐</ref> hatte Pfiffigmädchen <ref>Chinesisch: 巧姐</ref> gebracht, zusammen mit einigen kleinen Mägden. Sie hatte der Herzoginmutter ihren Morgengruß entboten und sagte: „Meine Mama hat mich vorausgeschickt, um der Alten Ahnin guten Morgen zu wünschen und ein wenig Gesellschaft zu leisten. Mama kommt bald nach." | ||
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| + | Die Herzoginmutter lachte: „Braves Kind! Ich bin schon im Morgengrauen auf, und noch keiner meiner Gäste hat sich blicken lassen — nur dein zweiter Onkel ist da." Die Amme soufflierte: „Fräulein, grüßt den Onkel!" Pfiffigmädchen machte ihren Gruß, und Schatzjade fragte freundlich: „Wie geht es unserem Mädchen?" | ||
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| + | Pfiffigmädchen sagte: „Gestern Abend hörte ich Mama sagen, sie wolle den Zweiten Onkel zu sich bitten." Schatzjade: „Worüber denn?" Pfiffigmädchen: „Mama hat gesagt, sie möchte wissen, ob ich die Schriftzeichen, die ich einige Jahre bei Amme Li gelernt habe, auch wirklich kann. Ich sagte, ich kenne sie alle, und wollte sie Mama vorlesen. Aber Mama meinte, ich rate nur und könne es nicht wirklich. Sie sagt, ich spiele den ganzen Tag und hätte gar keine Zeit zum Lernen. Dabei finde ich die Zeichen gar nicht schwer, und selbst den ‚Klassiker der weiblichen Kindespflicht' kann ich lesen — so leicht ist das. Mama glaubt mir nicht und will, dass der Zweite Onkel mich prüft, wenn er Zeit hat." | ||
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| + | Die Herzoginmutter lachte: „Liebes Kind! Deine Mama kann selbst nicht lesen — kein Wunder, dass sie dir nicht glaubt. Morgen soll dein Zweiter Onkel dich prüfen und es ihr zeigen, dann wird sie dir glauben müssen." | ||
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| + | Schatzjade fragte: „Wie viele Zeichen hast du denn schon gelernt?" Pfiffigmädchen antwortete: „Über dreitausend. Ich habe den ‚Klassiker der weiblichen Kindespflicht' durchgelesen, und seit einem halben Monat lese ich die ‚Geschichten bedeutender Frauen'." | ||
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| + | Schatzjade: „Verstehst du denn auch, was du liest? Wenn du etwas nicht verstehst, kann ich es dir erklären." Die Herzoginmutter: „Als ihr Onkel solltest du der Nichte ruhig etwas beibringen." | ||
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| + | Schatzjade begann: „Die Gemahlin des Königs Wen und andere erste Damen des Reiches können wir überspringen. Aber Jiang-hou, die ihren Haarschmuck ablegte und sich selbst anklagte, um ihren Gemahl König Xuan von Zhou zur Pflichterfüllung zu ermahnen — und die hässliche Zhongli Chun aus dem Staat Qi, die ohne den Vorzug der Schönheit das Königreich sicherte — das sind Beispiele für die Weisheit von Herrscherinnen." | ||
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| + | Pfiffigmädchen nickte: „Ja." | ||
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| + | Schatzjade fuhr fort: „Was die begabten Frauen betrifft: Da haben wir die Historiographin Cao Dagu, die Gelehrte Ban Jieyu, die Dichterin Cai Wenji und die scharfsinnige Xie Daoyun. Was Tugendhaftigkeit angeht: Meng Guang trug Dornenzweignadeln und Wollröcke; die Frau des Bao Xuan ging im Festgewand selbst zum Brunnen, um Wasser zu holen; die Mutter des Tao Kan schnitt sich das Haar ab und verkaufte es, um Gäste bewirten zu können — sie alle ertrugen die Armut mit Würde, und das ist wahre Tugend." | ||
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| + | Pfiffigmädchen nickte beifällig. | ||
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| + | Schatzjade: „Dann gibt es jene, die bittere Schicksale erduldeten: Prinzessin Lechang wurde durch die Strategie des zerbrochenen Spiegels nach schlimmer Trennung mit ihrem Gatten wiedervereinigt; Su Hui stickte ein Palindrom-Gedicht auf Seide und schickte es ihrem Mann in die ferne Verbannung. An Kindesliebe ragten hervor: Mulan zog anstelle ihres alten Vaters in den Krieg, Cao E stürzte sich in den Fluss, um die Leiche ihres Vaters zu suchen — und viele andere, die ich nicht alle aufzählen kann." | ||
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| + | Pfiffigmädchen hörte all das und versank still in Nachdenken. | ||
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| + | Schatzjade erzählte weiter von Dame Cao, die sich nach dem Tod ihres Gatten mit dem Messer die Nase abschnitt, um keine neuen Verehrer anzulocken, und von anderen keuschen Witwen. Pfiffigmädchen lauschte mit wachsender Ehrfurcht. | ||
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| + | Schatzjade befürchtete, sie könnte sich unwohl fühlen, und sagte: „Dann gibt es natürlich die berühmten Schönheiten: Wang Zhaojun, Xi Shi, die Kirschlippige Fansu und die Weidenschlanke Xiao Man, die Purpurfee Jiang Xian, die geistreiche Zhuo Wenjun, die mutige Rotfliegenwedel — sie alle waren Blüten unter den Frauen ..." | ||
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| + | Noch bevor er den Satz beendet hatte, sah die Herzoginmutter, dass Pfiffigmädchen ganz still geworden war, und sagte: „Genug, genug! Du hast dem armen Kind den Kopf vollgestopft! Wie soll es sich all diese Namen merken?" | ||
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| + | Pfiffigmädchen sagte: „Einige der Namen, die der Zweite Onkel nannte, habe ich schon gelesen. Und seine Erklärungen haben mir geholfen, die Stellen, die ich kenne, besser zu verstehen." | ||
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| + | Schatzjade: „Die Schriftzeichen kannst du offenbar schon, da brauche ich dir nicht mehr zu helfen. Morgen muss ich ja wieder zur Schule." | ||
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| + | Pfiffigmädchen sagte plötzlich: „Ich hörte Mama sagen, dass unsere Kleine Rot <ref>Chinesisch: 小红</ref> früher beim Zweiten Onkel gedient hat, und dass Mama sie zu sich genommen hat. Mama hat noch keinen Ersatz gefunden und denkt daran, die Fünfte Tochter der Familie Liu, Wu'er <ref>Chinesisch: 五儿</ref>, an ihre Stelle zu schicken, wenn der Zweite Onkel einverstanden ist." | ||
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| + | Schatzjade freute sich und sagte lächelnd: „Hör auf deine Mama — wen sie schicken will, schickt sie. Was fragst du mich da noch!" | ||
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| + | Dann wandte er sich lächelnd an die Herzoginmutter: „Diese kleine Nichte sieht zwar noch sehr jung aus, ist aber ausnehmend klug. Wenn sie größer ist, wird sie noch tüchtiger als Schwester Phönixglanz — zumal sie auch noch lesen kann." | ||
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| + | Die Herzoginmutter: „Ich habe nichts dagegen, dass Mädchen lesen lernen. Aber Nadelarbeit muss immer an erster Stelle kommen." Pfiffigmädchen: „Ich lerne auch bei Amme Liu sticken! Blumenmuster und Kettenstiche — ich bin noch nicht gut, aber ich lerne." Die Herzoginmutter: „In einer Familie wie unserer brauchen wir nie selbst zu nähen, das weiß ich. Aber es ist gut, wenn man es kann. Dann ist man nicht auf andere angewiesen." Pfiffigmädchen antwortete artig: „Ja, Urgroßmutter." Sie hätte sich gerne noch mehr über die tugendhaften Frauen erzählen lassen, aber Schatzjade schien in Gedanken versunken, und sie wagte nicht zu fragen. | ||
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| + | Warum war Schatzjade so in Gedanken? Weil Pfiffigmädchen erwähnt hatte, dass Liu Wu'er in den Hof der Roten Freude kommen sollte. Eigentlich hätte dieses hübsche Mädchen schon früher in seinen Dienst treten sollen, doch ein Hindernis nach dem anderen hatte es verhindert: Beim ersten Mal war sie krank geworden und konnte nicht kommen. Beim zweiten Mal hatte Frau König Heitermuster <ref>Chinesisch: 晴雯</ref> wegen ihrer Schönheit verstoßen und wagte danach nicht mehr, ein hübsches Mädchen für Schatzjade auszuwählen. Später hatte er Wu'er bei seinem heimlichen Besuch bei Heitermuster im Haus von deren Großonkel Wu Gui wiedergesehen, als sie mit ihrer Mutter Geschenke brachte — und sein früherer guter Eindruck von ihr wurde bestätigt. Sie war wirklich bezaubernd hübsch. Welch ein Glücksfall, dass Phönixglanz sich gerade jetzt an sie erinnerte und sie als Ersatz für Kleine Rot einsetzen wollte! | ||
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| + | Während Schatzjade so vor sich hin träumte, wartete die Herzoginmutter ungeduldig auf ihre Gäste und schickte Dienstmädchen, um sie zu holen. Bald darauf traf die erste Gruppe ein: Seidenweiß Pflaume <ref>Chinesisch: 李纨</ref> mit ihren Kusinen Muster und Prachtamt, Erkundefrühling <ref>Chinesisch: 探春</ref>, Bedauerfrühling <ref>Chinesisch: 惜春</ref>, Xiang-Flusswolke Geschichte <ref>Chinesisch: 史湘云</ref> und Kajaljade. Sie alle begrüßten die Herzoginmutter und einander. Nur Tante Schnee fehlte noch, und die Herzoginmutter schickte erneut nach ihr. Schließlich kam sie an, von Kostbarzither Schnee <ref>Chinesisch: 宝琴</ref> begleitet. Schatzjade begrüßte sie und wunderte sich, warum weder Schatzspange noch Höhlennebel Strafe <ref>Chinesisch: 邢岫烟</ref> mitgekommen waren. Kajaljade fragte geradeheraus: „Warum konnte Schwester Schatzspange heute nicht kommen?" Tante Schnee wich aus und sagte, es gehe ihr nicht gut. Höhlennebel Strafe war ferngeblieben, weil sie wusste, dass Tante Schnee — ihre zukünftige Schwiegermutter — anwesend sein würde. Schatzspanges Abwesenheit enttäuschte Schatzjade kurz, aber in Kajaljades Gegenwart legte sich das rasch. | ||
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| + | Die Damen Xing und Wang trafen wenig später ein. Phönixglanz, die hörte, dass ihre Schwiegermütter vor ihr dort waren, fand es peinlich, die Letzte zu sein, und schickte Friedchen <ref>Chinesisch: 平儿</ref> voraus, um sich zu entschuldigen: „Die Zweite Herrin wollte kommen, doch sie hat leichtes Fieber und wird etwas später erscheinen." | ||
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| + | Die Herzoginmutter: „Wenn es ihr nicht gut geht, braucht sie gar nicht zu kommen. Wir sollten jetzt zu Mittag essen." Die Dienstmädchen rückten den Kohleofen ins hintere Zimmer und stellten vor dem Kang der Herzoginmutter zwei Tische in einer Reihe auf. Die Gesellschaft nahm der Rangfolge nach Platz. Nach dem Essen saßen sie wieder am Ofen beisammen und plauderten gemütlich. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. | ||
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| + | Was hatte Phönixglanz wirklich aufgehalten? Zunächst war es nur die Scham gewesen, später als die Damen Xing und Wang zu erscheinen. Aber dann war Wangers Frau <ref>Chinesisch: 旺儿</ref> gekommen und hatte berichtet, eine Dienerin von Willkommensfrühling <ref>Chinesisch: 迎春</ref> wolle Phönixglanz ihre Aufwartung machen. Die Frau kam direkt in Phönixglanz' Gemächer, ohne beim Haupthaus vorzusprechen. Phönixglanz war überrascht und ließ sie hereinrufen. | ||
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| + | „Geht es deiner Herrin gut?", fragte sie. | ||
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| + | Die Frau antwortete: „Gut geht es ihr ganz und gar nicht! Aber deswegen bin ich nicht hier, Herrin. Eigentlich hat mich die Mutter von Siqi <ref>Chinesisch: 司棋</ref> angefleht herzukommen, um die Herrin um einen Gefallen zu bitten." | ||
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| + | Phönixglanz: „Siqi ist längst entlassen worden. Was haben ihre Angelegenheiten noch mit mir zu tun?" | ||
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| + | Die Frau erzählte: „Seit Siqi entlassen wurde, hat sie jeden Tag geweint. Dann tauchte eines Tages ihr Vetter Pan You'an wieder auf. Als ihre Mutter ihn sah, konnte sie ihren Hass nicht zurückhalten. Sie schimpfte ihn, er habe ihre Tochter ins Verderben gestürzt, packte ihn und wollte ihn schlagen. Der junge Mann stand still da und sagte kein Wort. Siqi hörte den Lärm, lief heraus und rief trotzig: ‚Seinetwegen wurde ich entlassen — muss man mich daran erinnern! Ich weiß, dass er falsch gehandelt hat! Aber jetzt, wo er zurückgekommen ist — warum willst du ihn schlagen? Dann erwürg lieber gleich mich!' Die Mutter schrie: ‚Du schamloses Ding! Was willst du denn eigentlich?' Siqi antwortete trotzig: ‚Ein Mädchen heiratet nur einmal. Es war mein Fehler, als ich mich auf ihn einließ — richtig oder falsch, ich gehöre jetzt ihm, und niemandem sonst. Was ich ihm vorwerfe, ist nur, dass er damals so feige war — ein Mann sollte für seine Taten geradestehen, und nicht davonlaufen! Aber selbst wenn er nie zurückkäme, würde ich bis zu meinem Tod keinen anderen heiraten. Wenn Mutter mich mit einem anderen verheiraten will, sterbe ich lieber! Jetzt, wo er da ist — frag ihn, ob er mich zur Frau nimmt. Wenn er mich noch will, verabschiede ich mich von dir. Du kannst vergessen, dass ich je existiert habe. Ich folge ihm bis ans Ende der Welt und werde auf der Straße betteln, wenn es sein muss.' | ||
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| + | Das brachte die Mutter in rasende Wut. Weinend und fluchend schrie sie: ‚Du bist meine Tochter, und wenn ich sage, du heiratest ihn nicht, dann tust du das nicht! Basta!' Aber Siqi war ein starrköpfiges Geschöpf. Kaum hatte die Mutter das ausgesprochen, rannte sie gegen die Wand und schmetterte ihren Kopf dagegen. Ihr Schädel brach auf, das Blut strömte heraus, und im nächsten Augenblick war sie tot! Die Mutter begann zu schreien, aber es war zu spät. | ||
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| + | Dann wandte sie sich an den jungen Mann und schrie, er müsse dafür mit seinem Leben bezahlen. Er antwortete — und das ist der seltsamste Teil der Geschichte: ‚Keine Sorge. Ich bin inzwischen zu Geld gekommen. Ich habe deine Tochter nie vergessen und bin heute nur ihretwegen zurückgekehrt. Mein Herz war ihr immer treu. Und um zu zeigen, dass ich nicht lüge ...' Dabei zog er ein Kästchen aus seinem Gewand, voller Gold und Edelsteine. Kaum sah die Mutter das, änderte sich ihr Ton. ‚Warum hast du das nicht gleich gesagt?' fragte sie. | ||
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| + | Er antwortete: ‚Ich kenne die Art der Frauen, wie leicht sie von Reichtum geblendet werden. Nun weiß ich wenigstens, dass sie ein Mädchen von besonderer Art war. Das hier ist für dich', sagte er und gab ihr das Kästchen. ‚Ich werde einen Sarg kaufen und für ein würdiges Begräbnis sorgen.' Die Mutter nahm das Kästchen und ließ ihn alles für das Begräbnis besorgen. Sie schien Siqi schon vergessen zu haben. Als sie zurückkam, sah sie zu ihrem Erstaunen, dass die Bestatter zwei Särge trugen. Sie fragte ihn, wozu zwei Särge nötig seien. Er antwortete mit einem merkwürdigen Lachen, einer genüge nicht. Er zeigte keinerlei Trauer, und die Mutter dachte, der Schmerz habe ihn um den Verstand gebracht. | ||
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| + | Während die Mutter damit beschäftigt war, Siqis Leichnam herzurichten, und sie dabei mit trockenen Augen und still dasaß, da zog er plötzlich, bevor jemand es fassen konnte, ein kleines Messer hervor und schlitzte sich die Kehle auf — und das war sein Ende. Zu spät erkannte die Mutter, was sie angerichtet hatte, und brach in Tränen aus. Die ganze Nachbarschaft erfuhr davon, und man wollte den Fall der Behörde melden. In ihrer Verzweiflung flehte sie mich an, hierherzukommen und die Herrin zu bitten, ihren Einfluss geltend zu machen und ihr zu helfen." | ||
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| + | Phönixglanz rief: „Was für ein törichtes Mädchen! Das Schicksal hat hier zwei Dummköpfe zusammengeführt! Jetzt verstehe ich auch den gleichmütigen Blick auf ihrem Gesicht, als sie damals beim Durchsuchen des Gartens erwischt wurde. Was für ein entschlossenes Herz muss sie gehabt haben! Eigentlich habe ich keine Zeit, mich um solche Dinge zu kümmern, aber eure Geschichte hat mich berührt. Gut, richtet ihrer Mutter aus, ich werde mit dem Zweiten Herrn <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> sprechen und Wanger schicken, um die Sache zu regeln." | ||
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| + | Phönixglanz schickte die Frau weg und ging selbst hinüber zur Versammlung bei der Herzoginmutter. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. | ||
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| + | Nun zu Aufrecht Kaufmann: An einem gewissen Tag saß er gerade mit Zhan Guang <ref>Chinesisch: 詹光</ref> bei einer Partie Weiqi. Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel, und alles hing an einem Knoten in einer Ecke des Brettes. Da kam ein Page und meldete: „Der Herr Feng Ziying <ref>Chinesisch: 冯紫英</ref> ist draußen und möchte den gnädigen Herrn sehen." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Führe ihn herein." | ||
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| + | Der Page tat wie befohlen, und Feng Ziying trat ins Arbeitszimmer. Er sah die Weiqi-Partie und sagte: „Spielt nur weiter, ich schaue gerne zu." | ||
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| + | Zhan Guang sagte bescheiden lächelnd: „Mein stümperhaftes Spiel ist des Zuschauens eines solch angesehenen Gastes kaum wert." | ||
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| + | Feng: „Zu viel der Bescheidenheit! Spielt bitte weiter." Aufrecht Kaufmann: „Was führt dich heute zu uns?" Feng: „Nichts Besonderes. Spielt nur weiter, Herr, ich lerne gerne ein paar Züge." Aufrecht Kaufmann wandte sich wieder an Zhan Guang: „Da Feng ein alter Freund ist und nichts Dringendes hat, können wir genausogut die Partie zu Ende spielen und danach reden." | ||
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| + | Feng beobachtete das Spiel von der Seite und fragte: „Spielt ihr um einen Einsatz?" | ||
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| + | Zhan Guang: „Ja, tun wir." | ||
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| + | Feng: „Dann darf man da nicht zu viel hineinreden!" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Freund Zhan hat schon so viel Silber verloren, dass er ohnehin nicht mehr bezahlen kann. Wir können ihn höchstens noch damit bestrafen, dass er die nächste Runde ausgibt." Zhan Guang lachte: „Das kann man machen." | ||
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| + | Feng fragte: „Spielen Sie beide gleichstark, Herr?" Aufrecht Kaufmann lachte: „Früher spielten wir gleich, aber er verlor ständig. Also gebe ich ihm heute zwei Steine Vorsprung — und er verliert trotzdem. Wie oft soll ich ihm diesen Vorteil noch lassen? Und wenn ich ihm keinen Vorsprung gebe, wird er ärgerlich." | ||
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| + | Zhan Guang lachte: „Ihr scherzt, Herr ..." | ||
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| + | „Wir werden sehen", sagte Aufrecht Kaufmann. | ||
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| + | In diesem Ton spielten sie weiter, bis die Partie zu Ende war. Beim Zählen der Steine hatte Zhan Guang um sieben verloren. | ||
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| + | Feng kommentierte: „Alles hing am letzten Knoten — Herr Zhan hat verloren, weil er weniger Gebiet hatte." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann wandte sich an Feng: „Verzeih, verzeih — lass uns nun reden." Feng: „Es ist lange her seit unserem letzten Treffen. Mein Besuch heute hat zweierlei Grund: Erstens wollte ich Euch meine Aufwartung machen. Zweitens ist ein Bekannter aus Guangxi in der Hauptstadt eingetroffen, der hier eine Audienz bei Seiner Majestät erbitten will. Er hat vier ausländische Kostbarkeiten bei sich, die sich vorzüglich als Tributgeschenke eignen würden. Das erste ist ein Wandschirm mit vierundzwanzig Flächen, geschnitzt aus reinem Sandelholz. Die eingelegten Motive — Landschaften, Figuren, Gebäude, Vögel und Blumen — sind zwar nicht aus Jade, aber aus einem Stein von jadeähnlicher Qualität. Eine der Flächen zeigt eine Palastszene mit fünfzig oder sechzig Hofdamen, betitelt ‚Frühlingsmorgen im Han-Palast'. Die Gesichtszüge, Gesten und Gewänder sind in klarstem Detail gearbeitet. Die Ausführung ist exquisit, die Komposition vollendet. Es wäre das perfekte Stück für die Haupthalle des Gartens des Großen Anblicks <ref>Chinesisch: 大观园</ref>. Das zweite Stück ist eine große Standspieluhr, über einen Meter hoch. Auf dem Zifferblatt steht die kleine Figur eines Knaben, der mit einem Zeiger die Stunde anzeigt, und innen befinden sich Figuren, die die Stunden schlagen. Diese beiden schweren Stücke konnte ich nicht mitbringen. Die anderen zwei habe ich dabei, und ich glaube, Ihr werdet sie faszinierend finden." | ||
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| + | Feng holte ein besticktes Kästchen hervor, in mehrere Lagen weißer Seide eingewickelt. Er packte es aus, öffnete den Deckel und nahm die Seidenwatte heraus. In der oberen Lade lag ein kleines Glaskästchen mit Goldrahmen, auf einem Stück dunkelroter Krepp-Seide gebettet. Darauf lag eine wunderschöne, strahlende Perle, so groß wie eine Drachenaugenfrucht. | ||
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| + | „Dies", erklärte Feng, „ist die sogenannte Mutterperle." Er bat um ein Tablett. Zhan Guang brachte ein schwarzlackiertes Teetablett und fragte: „Taugt das?" — „Ausgezeichnet", sagte Feng. Er zog aus seiner Innentasche ein weißes Seidenbündel hervor. Darin waren Perlen von gewöhnlicher Größe, die er auf das Tablett schüttete. Dann setzte er die Mutterperle in die Mitte und stellte das Tablett auf den Tisch. Und sie sahen, wie die kleinen Perlen wie vollkommene Wassertropfen alle zur großen Perle in der Mitte rollten. Als Feng die Mutterperle hochhob, hingen sämtliche kleinen Perlen an ihr — nicht eine einzige blieb auf dem Tablett zurück. | ||
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| + | Zhan Guang rief: „Das ist ja erstaunlich!" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann bemerkte: „Das ist ein bekanntes Phänomen — daher auch der treffende Name ‚Mutterperle': Sie ist die Mutter aller Perlen." | ||
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| + | Feng wandte sich zu seinem Pagen: „Wo ist das andere Kästchen?" Der Page trat sofort vor und hielt mit beiden Händen ein Kästchen aus Rosenholz empor. Alle schauten zu, als es geöffnet wurde. Auf der Polsterung aus Tigerbrokat lag ein längliches Stück blauer, gaseartiger Stoff, viele Male gefaltet. | ||
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| + | Zhan Guang: „Was ist das?" | ||
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| + | Feng: „Das nennt man Haifischseiden-Vorhang." | ||
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| + | Er nahm ihn aus dem Kästchen und legte ihn auf den Tisch. So zusammengefaltet war er kaum anderthalb Handbreit lang und keinen halben Zoll dick. Feng begann ihn Lage für Lage zu entfalten. Bei der zehnten Lage reichte der Tisch schon nicht mehr aus. | ||
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| + | „Es sind noch zwei weitere Lagen", erklärte er. "Um ihn ganz zu entfalten, müssten wir ihn auf dem Tisch in der großen Halle ausbreiten. Der Stoff ist aus Haifischseide gewebt. In der größten Sommerhitze ist er ein vollkommenes Fliegen- und Moskitonetz für eine Halle — wie Sie sehen, überaus leicht und durchsichtig." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Bitte nicht ganz entfalten — es wäre schwierig, ihn wieder zusammenzulegen." | ||
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| + | Feng und Zhan Guang falteten den Vorhang behutsam wieder zusammen und legten ihn in sein Kästchen zurück. | ||
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| + | Feng sagte: „Der Preis für alle vier Stücke ist wirklich bescheiden: zwanzigtausend Tael Silber. Zehntausend für die Mutterperle, fünftausend für den Haifischseiden-Vorhang, und je zweitausendfünfhundert für den Wandschirm und die Uhr." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Wir könnten sie uns unmöglich leisten." | ||
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| + | Feng: „Aber Ihr habt doch gute Beziehungen zum Palast — hätte man dort nicht Verwendung dafür?" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Verwendung gäbe es dort gewiss in Fülle — nur das Geld dafür gibt es nicht. Ich würde sie jedoch gerne meiner alten Mutter zeigen." | ||
| + | |||
| + | Feng: „Sehr wohl." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann schickte einen Diener, um Kette Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾琏</ref> zu bitten, die beiden Stücke zur Herzoginmutter zu bringen. Zugleich ließ er die Damen Xing und Wang sowie Phönixglanz einladen, herüberzukommen und sich die Kostbarkeiten anzusehen. | ||
| + | |||
| + | Kette Kaufmann erklärte den Damen: „Es gibt noch zwei weitere Stücke — einen faltbaren Wandschirm und eine musikalische Uhr. Alles zusammen für zwanzigtausend Tael." | ||
| + | |||
| + | Phönixglanz fiel ihm scharf ins Wort: „Die Stücke sind zweifellos erlesen. Aber wir haben ganz gewiss kein Geld für solche Dinge übrig. Außerdem sind wir keine Vizekönige oder Provinzgouverneure, von denen man Tributgeschenke erwartet. Ich denke schon seit Jahren, dass eine Familie wie die unsere vor allem in unveräußerliche Grundlagen investieren sollte: Ahnenland, Stiftungsgüter, Grabstätten und Häuser. Wenn unsere Nachkommen einmal in Schwierigkeiten geraten, haben sie wenigstens einen Boden unter den Füßen und sind nicht dem völligen Ruin ausgeliefert. Das ist meine Überzeugung, aber natürlich ist es die Entscheidung der Alten Ahnin, des gnädigen Herrn und der Damen, wenn sie die Dinge kaufen möchten." | ||
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| + | Die Herzoginmutter sagte zu allen: „Da hat sie wirklich recht, meine Liebe." | ||
| + | |||
| + | Kette Kaufmann sagte brummig: „Dann geben wir sie eben zurück. Der gnädige Herr hat mich nur geschickt, um sie der Alten Ahnin als mögliches Tributgeschenk zu zeigen. Niemand hat gesagt, wir sollen sie selbst kaufen. Noch bevor die Alte Ahnin ein Wort sagen konnte, kamst du schon mit deiner pessimistischen Rede, um allen die Lust zu verderben!" | ||
| + | |||
| + | Kette Kaufmann kehrte mit den Kostbarkeiten ins Arbeitszimmer zurück und berichtete, die Herzoginmutter wünsche sie nicht zu kaufen. Zu Feng Ziying sagte er: „An der Qualität zweifelt niemand, aber wir können es uns schlicht nicht leisten. Ich werde jedoch die Augen offenhalten, und wenn ich auf einen Käufer stoße, lasse ich es dich wissen." | ||
| + | |||
| + | Feng packte die Dinge weg, sichtlich enttäuscht. Er saß noch eine Weile und unterhielt sich, aber ohne rechten Enthusiasmus, und machte bald Anstalten zu gehen. | ||
| + | |||
| + | Aufrecht Kaufmann: „Bleibst du nicht zum Essen?" | ||
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| + | Feng: „Ich habe schon zuviel Ihrer Zeit beansprucht." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Ganz und gar nicht. Wir wären erfreut." | ||
| + | |||
| + | Als sie noch sprachen, trat Begnadigung Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾赦</ref> ein. Nachdem er Feng begrüßt hatte, unterhielten sie sich noch ein paar Minuten. Dann wurde Wein aufgetragen und allerlei Delikatessen auf dem Tisch platziert. Nach der vierten oder fünften Runde kam das Gespräch wieder auf die Kostbarkeiten. | ||
| + | |||
| + | Feng sagte: „Solche Waren sind schwer zu verkaufen. Außer vornehmen Familien wie der Euren gibt es kaum Abnehmer." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Das stimmt nicht unbedingt." | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann: „Auch wir können uns das nicht mehr leisten. Unsere Familie ist nur noch eine leere Fassade." | ||
| + | |||
| + | Feng fragte: „Wie geht es Herrn Zhen <ref>Chinesisch: 贾珍</ref> drüben im Osthaus? Kürzlich traf ich ihn, und wir kamen auf familiäre Dinge zu sprechen. Er erwähnte seine zweite Schwiegertochter — sie reiche bei weitem nicht an die erste heran, die verstorbene Frau Minne <ref>Chinesisch: 秦可卿</ref>. Aus welcher Familie stammt sie eigentlich?" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Unsere Großnichte ist auch aus guter Familie — die Tochter eines früheren Zensors Hu, der in der Hauptstadtprovinz gedient hat." | ||
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| + | Feng: „Den Zensor Hu kenne ich. Aber was die Erziehung seiner Familie betrifft, da ist noch Luft nach oben. Nun ja — wenn das Mädchen selbst gut ist, genügt das." | ||
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| + | Kette Kaufmann sagte: „Ich habe im Ministerium gehört, dass Regendorf Kaufmann <ref>Chinesisch: 贾雨村</ref> wieder befördert werden soll." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Ach ja? Ist das sicher?" | ||
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| + | Kette Kaufmann: „Es scheint so gut wie beschlossen." | ||
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| + | Feng: „Ich komme heute vom Ministerium für Beamtenwesen, und dort sprach man ebenfalls davon. Ist der verehrte Herr Regendorf mit Ihnen verwandt?" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Ja." | ||
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| + | Feng: „Innerhalb der fünf Trauergrade oder außerhalb?" | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Das ist eine lange Geschichte. Er stammt ursprünglich aus Huzhou in Zhejiang und lebte verarmt in Suzhou. Dort hatte er einen Freund namens Zhen Wahrheitsverberger <ref>Chinesisch: 甄士隐</ref>, der ihn oft unterstützte. Nachdem Regendorf das Staatsexamen bestanden und ein Beamtenamt erhalten hatte, heiratete er die Magd der Familie Echt. Seine jetzige Frau ist also nicht die erste. Zhen Wahrheitsverberger war inzwischen in tiefes Elend geraten und verschwunden. Als Regendorf später seines Amtes enthoben wurde, kannte er unsere Familie noch nicht. Erst mein verstorbener Schwager Lin Ruhai <ref>Chinesisch: 林如海</ref>, der damals als Salzkommissar in Yangzhou diente, engagierte ihn als Privatlehrer für seine Tochter — meine Nichte. Als Regendorf von seiner Rehabilitierung erfuhr und in die Hauptstadt zurückberufen wurde, reiste gerade meine Nichte zu uns, und ihr Vater bat Regendorf, sie zu begleiten. Er gab ihm auch ein Empfehlungsschreiben für mich mit. Ich gewann einen guten Eindruck von ihm, und seitdem sahen wir uns oft. Was mich besonders erstaunt: Er kennt unsere Familiengeschichte bis ins kleinste Detail — den Stammbaum beider Anwesen Prunkwille und Stillfriede, wer wo lebt, welche Laufbahnen — alles. Deshalb fühle ich mich ihm verbunden." Er fügte lächelnd hinzu: „In den letzten Jahren hat er sich tüchtig nach oben gearbeitet: vom Präfekten zum Zensor, dann zum Vizeminister für Beamtenwesen, dann zum Kriegsminister. Er wurde wegen einer Affäre um drei Ränge zurückgestuft, doch nun scheint er wieder aufzusteigen." | ||
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| + | Feng: „Die Wechselfälle des Menschenlebens, die Höhen und Tiefen der Beamtenlaufbahn — das bleibt ewig unvorhersehbar." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Und doch steckt in allen Dingen ein Muster. Nimm die Perle von vorhin: Die große Perle ist wie ein Mensch, der vom Glück gesegnet ist — die kleinen scharen sich um ihn, beschützt im Schatten seines Einflusses. Wenn die große fortgeht, haben die kleinen keinen Halt mehr. So ist es auch bei einer Familie: Gerät das Oberhaupt in Schwierigkeiten, verliert es Frau und Kinder, die Verwandten verarmen, selbst die Freunde verschwinden. Reichtum und Armut wechseln so schnell wie eine Frühlingswolke vorüberzieht oder ein Herbstblatt fällt. Was für ein Vergnügen bietet denn das Beamtendasein? Regendorf hatte es noch vergleichsweise gut. Aber nimm einen Fall, der uns näher steht — die Familie Echt <ref>Chinesisch: 甄家</ref>, in vielem wie unsere eigene: die gleichen Verdienste für den Thron, die gleichen Titel, der gleiche Lebensstil. Wir hatten engen Umgang mit ihnen. Noch vor wenigen Jahren, als sie in der Hauptstadt weilten, schickten sie einen Mann zu mir, um ihre Aufwartung zu machen, und alles schien in bester Ordnung. Und dann wurde ihnen der gesamte Familienbesitz beschlagnahmt, und seitdem haben wir kein Lebenszeichen mehr von ihnen erhalten. Wir wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht — aber sie sind stets in unseren Gedanken. Siehst du, wie gefährlich es ist, Beamter zu sein?" | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann: „In unserer Familie brauchen wir keine Angst zu haben. Uns kann nichts geschehen." | ||
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| + | Feng: „Ganz gewiss nicht, Herr. Erstens schützt die Edle Gemahlin <ref>Chinesisch: 元春</ref> Ihre Interessen bei Hofe, zweitens haben Sie viele einflussreiche Verwandte und alte Freunde, und drittens gibt es in Eurer Familie, von der Alten Ahnin bis zu den jungen Herren, keinen einzigen hartherzigen oder schlechten Menschen." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann sagte ernst: „Mag sein, dass wir nicht hartherzig sind — aber wir haben auch keine Tugend und kein Talent. Wir leben nur von Pacht und Steuern, geben alles für Kleider und Essen aus — wie soll das auf Dauer gut gehen?" | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann: „Lassen wir dieses Thema und trinken noch einen." | ||
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| + | Sie tranken noch einige Runden, dann wurde das Essen aufgetragen. Nach dem Essen gab es Tee. Fengs Page trat heran und flüsterte seinem Herrn etwas zu. Feng erhob sich zum Gehen. | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann fragte den Pagen: „Was hast du gesagt?" | ||
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| + | Der Page: „Draußen schneit es, Herr, und es wurde schon die erste Abendwache geschlagen." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann ließ nachsehen: Der Schnee lag bereits mehr als einen Zoll hoch. | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Hoffentlich sind deine beiden Kostbarkeiten gut eingepackt?" | ||
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| + | Feng: „Sind sie. Und wenn Ihr es Euch anders überlegt — über den Preis lässt sich sicher reden." | ||
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| + | Aufrecht Kaufmann: „Ich behalte es im Sinn." | ||
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| + | Feng: „Dann höre ich von Euch. Es ist kalt — bemüht Euch bitte nicht, mich hinauszubegleiten. Auf Wiedersehen." | ||
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| + | Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann wiesen Kette Kaufmann an, Feng Ziying zum Tor zu geleiten. | ||
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| + | Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt. | ||
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| + | Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). | ||
Latest revision as of 19:30, 28 April 2026
Zweiundneunzigstes Kapitel
Im Gespräch über das Buch „Bedeutende Frauen" bewundert Pfiffigmädchen [1] die weibliche Tugendhaftigkeit, Beim Spiel mit der Mutterperle erkennt Aufrecht Kaufmann [2] die Gesetze von Werden und Vergehen
Es wird erzählt, dass Schatzjade [3] aus der Xiaoxiang-Pavillon [4] herauskam und sogleich Herbstmuster fragte: „Wofür braucht mich der Herr Vater?" Herbstmuster lachte: „Er hat dich gar nicht gerufen. Schwester Dufthauch [5] hat mich geschickt, um den Zweiten jungen Herrn zu holen. Ich fürchtete, du würdest nicht kommen, und habe mir das ausgedacht." Schatzjade war erleichtert und sagte: „Wenn ihr mich zu euch bitten wollt, meinetwegen — aber warum mich so erschrecken?" Damit ging er zurück in den Hof der Roten Freude [6].
Dufthauch fragte: „Wo hast du dich die ganze Zeit herumgetrieben?" Schatzjade antwortete: „Bei Fräulein Kajaljade [7]. Wir kamen auf Tantchens Familie und Schwester Schatzspange [8] zu sprechen, und darüber verging die Zeit." Dufthauch fragte weiter: „Worüber habt ihr denn gesprochen?" Schatzjade gab ihr das Chan-Gespräch wieder. Dufthauch sagte: „Ihr bringt es auch wirklich fertig! Hättet ihr euch nicht einfach gemütlich über Alltägliches unterhalten können, oder über Gedichte plaudern — das wäre gut gewesen. Stattdessen müsst ihr wieder über Chan-Buddhismus reden? Ihr seid doch keine Mönche!" Schatzjade entgegnete: „Das verstehst du nicht. Wir haben unsere eigenen Chan-Geheimnisse, und niemand sonst könnte da mitreden." Dufthauch lachte: „Ihr diskutiert über Chan, bis ihr ganz konfus seid, und wir stehen daneben und rätseln im Dunkeln."
Schatzjade sagte: „Früher war ich noch jung, und sie war auch noch kindisch. Wenn ich etwas Unbedachtes sagte, wurde sie gleich böse. Jetzt achte ich mehr darauf, was ich sage, und sie ärgert sich auch nicht mehr. Nur dass sie in letzter Zeit selten herüberkommt, und ich viel für die Schule arbeite. Wenn wir uns dann doch einmal treffen, ist es fast, als wären wir uns fremd geworden." Dufthauch sagte: „So soll es auch sein. Ihr seid doch beide ein paar Jahre älter geworden — da ziemt es sich nicht, noch wie Kinder miteinander umzugehen."
Schatzjade nickte: „Ich weiß — aber lassen wir das jetzt. Was ich dich fragen wollte: Hat die Alte Ahnin [9] jemanden mit einer Nachricht geschickt?" Dufthauch: „Nein, nichts." Schatzjade: „Dann hat sie es bestimmt vergessen! Ist morgen nicht der erste Tag des elften Monats? Jedes Jahr veranstaltet die Alte Ahnin ihr altes Fest zur Vertreibung der Winterkälte — alle versammeln sich bei ihr, trinken Wein und plaudern. Ich habe heute schon in der Schule um einen freien Tag gebeten. Jetzt kommt keine Nachricht — soll ich morgen hingehen oder nicht? Wenn ich hingehe, war der freie Tag umsonst beantragt. Wenn ich nicht hingehe und Vater es erfährt, sagt er wieder, ich sei faul."
Dufthauch: „Ich würde sagen, du gehst hin. Du hast gerade erst angefangen, Fortschritte zu machen, und willst schon wieder ausruhen. Ich rate dir, dich mehr anzustrengen. Gestern hörte ich die gnädige Frau sagen, dass der junge Lan [10] ausgezeichnet lernt. Wenn er von der Schule kommt, setzt er sich nochmals hin und liest und schreibt bis in die vierte Nachtwache. Du bist älter als er und sein Onkel obendrein — wenn er dich überholt, wird die Alte Ahnin sehr ärgerlich sein. Also steh morgen lieber früh auf und geh zur Schule."
Moschusmond [11] war anderer Meinung: „Bei dieser Kälte! Er hat sich doch schon abgemeldet, und dann geht er trotzdem? Die Leute in der Schule werden sich wundern: Wenn du doch hingehen wolltest, wozu hast du dann um Urlaub gebeten? Das sieht aus, als hättest du nur einen Vorwand gesucht, um schwänzen zu dürfen. Ich meine, genieße den freien Tag! Und selbst wenn die Alte Ahnin es vergessen hat — können wir hier nicht auch die Winterkälte vertreiben? Warum veranstalten wir nicht unsere eigene Feier?"
Dufthauch: „Da hast du's! Du fängst wieder damit an, und der Zweite Herr will dann erst recht nicht mehr gehen." Moschusmond: „Ich glaube daran, jeden Tag zu genießen, wie er kommt. Ich glaube nicht daran, sich einen guten Ruf zu erschuften und am Ende gerade einmal zwei Tael Silber im Monat mehr zu kriegen, wie gewisse Leute." Dufthauch spuckte verächtlich aus: „Du kleine Kröte! Man führt ein ernstes Gespräch, und du musst es wieder ins Lächerliche ziehen!" Moschusmond: „Ich ziehe gar nichts ins Lächerliche — ich sage das in deinem Interesse." Dufthauch: „In meinem Interesse?" Moschusmond: „Kaum geht der Zweite Herr zur Schule, sitzt du da mit aufgeworfenen Lippen und sehnst dich danach, dass er eine Minute früher nach Hause kommt, und dann wird wieder geredet und gelacht. Jetzt tust du so, als ginge dich das alles nichts an — wozu diese Heuchelei? Ich habe alles gesehen."
Dufthauch wollte sie gerade zurechtweisen, als ein Dienstmädchen von der Herzoginmutter eintraf und berichtete: „Die Alte Ahnin lässt ausrichten, der Zweite junge Herr brauche morgen nicht zur Schule. Morgen ist Tante Schnee [12] eingeladen, um ihr Gesellschaft zu leisten, und die jungen Damen kommen wahrscheinlich alle — Fräulein Shi [13], Fräulein Xing [14] und die Fräulein Li sind ebenfalls eingeladen, um die Winterkältefeier zu begehen."
Noch bevor sie ausgesprochen hatte, rief Schatzjade freudig: „Na also! Die Alte Ahnin vergisst ihr Lieblingsfest natürlich nicht. Dass ich morgen nicht zur Schule gehe, ist jetzt amtlich beschlossen!" Dufthauch schwieg. Das Dienstmädchen kehrte zurück.
Schatzjade hatte in den letzten Tagen so fleißig gelernt, dass er sich auf einen freien Tag geradezu freute. Als er zudem hörte, dass Tante Schnee kommen würde, dachte er, Schwester Schatzspange werde sicherlich auch dabei sein, und sein Herz war froh. Er sagte: „Lasst uns früh schlafen gehen, damit wir morgen zeitig aufstehen!" Und so verging die Nacht ohne weitere Ereignisse.
Am nächsten Morgen ging er tatsächlich als Erstes zur Herzoginmutter, um ihr guten Morgen zu wünschen. Dann ging er zu Aufrecht Kaufmann und Frau König [15], begrüßte sie und meldete, die Herzoginmutter habe ihn heute vom Schulbesuch befreit. Aufrecht Kaufmann sagte nichts dazu. Schatzjade entfernte sich langsam und gemessenen Schrittes, doch kaum war er ein paar Schritte entfernt, rannte er so schnell er konnte zur Herzoginmutter. Dort war noch niemand von den Gästen eingetroffen. Nur die Amme von Phönixglanz [16] hatte Pfiffigmädchen [17] gebracht, zusammen mit einigen kleinen Mägden. Sie hatte der Herzoginmutter ihren Morgengruß entboten und sagte: „Meine Mama hat mich vorausgeschickt, um der Alten Ahnin guten Morgen zu wünschen und ein wenig Gesellschaft zu leisten. Mama kommt bald nach."
Die Herzoginmutter lachte: „Braves Kind! Ich bin schon im Morgengrauen auf, und noch keiner meiner Gäste hat sich blicken lassen — nur dein zweiter Onkel ist da." Die Amme soufflierte: „Fräulein, grüßt den Onkel!" Pfiffigmädchen machte ihren Gruß, und Schatzjade fragte freundlich: „Wie geht es unserem Mädchen?"
Pfiffigmädchen sagte: „Gestern Abend hörte ich Mama sagen, sie wolle den Zweiten Onkel zu sich bitten." Schatzjade: „Worüber denn?" Pfiffigmädchen: „Mama hat gesagt, sie möchte wissen, ob ich die Schriftzeichen, die ich einige Jahre bei Amme Li gelernt habe, auch wirklich kann. Ich sagte, ich kenne sie alle, und wollte sie Mama vorlesen. Aber Mama meinte, ich rate nur und könne es nicht wirklich. Sie sagt, ich spiele den ganzen Tag und hätte gar keine Zeit zum Lernen. Dabei finde ich die Zeichen gar nicht schwer, und selbst den ‚Klassiker der weiblichen Kindespflicht' kann ich lesen — so leicht ist das. Mama glaubt mir nicht und will, dass der Zweite Onkel mich prüft, wenn er Zeit hat."
Die Herzoginmutter lachte: „Liebes Kind! Deine Mama kann selbst nicht lesen — kein Wunder, dass sie dir nicht glaubt. Morgen soll dein Zweiter Onkel dich prüfen und es ihr zeigen, dann wird sie dir glauben müssen."
Schatzjade fragte: „Wie viele Zeichen hast du denn schon gelernt?" Pfiffigmädchen antwortete: „Über dreitausend. Ich habe den ‚Klassiker der weiblichen Kindespflicht' durchgelesen, und seit einem halben Monat lese ich die ‚Geschichten bedeutender Frauen'."
Schatzjade: „Verstehst du denn auch, was du liest? Wenn du etwas nicht verstehst, kann ich es dir erklären." Die Herzoginmutter: „Als ihr Onkel solltest du der Nichte ruhig etwas beibringen."
Schatzjade begann: „Die Gemahlin des Königs Wen und andere erste Damen des Reiches können wir überspringen. Aber Jiang-hou, die ihren Haarschmuck ablegte und sich selbst anklagte, um ihren Gemahl König Xuan von Zhou zur Pflichterfüllung zu ermahnen — und die hässliche Zhongli Chun aus dem Staat Qi, die ohne den Vorzug der Schönheit das Königreich sicherte — das sind Beispiele für die Weisheit von Herrscherinnen."
Pfiffigmädchen nickte: „Ja."
Schatzjade fuhr fort: „Was die begabten Frauen betrifft: Da haben wir die Historiographin Cao Dagu, die Gelehrte Ban Jieyu, die Dichterin Cai Wenji und die scharfsinnige Xie Daoyun. Was Tugendhaftigkeit angeht: Meng Guang trug Dornenzweignadeln und Wollröcke; die Frau des Bao Xuan ging im Festgewand selbst zum Brunnen, um Wasser zu holen; die Mutter des Tao Kan schnitt sich das Haar ab und verkaufte es, um Gäste bewirten zu können — sie alle ertrugen die Armut mit Würde, und das ist wahre Tugend."
Pfiffigmädchen nickte beifällig.
Schatzjade: „Dann gibt es jene, die bittere Schicksale erduldeten: Prinzessin Lechang wurde durch die Strategie des zerbrochenen Spiegels nach schlimmer Trennung mit ihrem Gatten wiedervereinigt; Su Hui stickte ein Palindrom-Gedicht auf Seide und schickte es ihrem Mann in die ferne Verbannung. An Kindesliebe ragten hervor: Mulan zog anstelle ihres alten Vaters in den Krieg, Cao E stürzte sich in den Fluss, um die Leiche ihres Vaters zu suchen — und viele andere, die ich nicht alle aufzählen kann."
Pfiffigmädchen hörte all das und versank still in Nachdenken.
Schatzjade erzählte weiter von Dame Cao, die sich nach dem Tod ihres Gatten mit dem Messer die Nase abschnitt, um keine neuen Verehrer anzulocken, und von anderen keuschen Witwen. Pfiffigmädchen lauschte mit wachsender Ehrfurcht.
Schatzjade befürchtete, sie könnte sich unwohl fühlen, und sagte: „Dann gibt es natürlich die berühmten Schönheiten: Wang Zhaojun, Xi Shi, die Kirschlippige Fansu und die Weidenschlanke Xiao Man, die Purpurfee Jiang Xian, die geistreiche Zhuo Wenjun, die mutige Rotfliegenwedel — sie alle waren Blüten unter den Frauen ..."
Noch bevor er den Satz beendet hatte, sah die Herzoginmutter, dass Pfiffigmädchen ganz still geworden war, und sagte: „Genug, genug! Du hast dem armen Kind den Kopf vollgestopft! Wie soll es sich all diese Namen merken?"
Pfiffigmädchen sagte: „Einige der Namen, die der Zweite Onkel nannte, habe ich schon gelesen. Und seine Erklärungen haben mir geholfen, die Stellen, die ich kenne, besser zu verstehen."
Schatzjade: „Die Schriftzeichen kannst du offenbar schon, da brauche ich dir nicht mehr zu helfen. Morgen muss ich ja wieder zur Schule."
Pfiffigmädchen sagte plötzlich: „Ich hörte Mama sagen, dass unsere Kleine Rot [18] früher beim Zweiten Onkel gedient hat, und dass Mama sie zu sich genommen hat. Mama hat noch keinen Ersatz gefunden und denkt daran, die Fünfte Tochter der Familie Liu, Wu'er [19], an ihre Stelle zu schicken, wenn der Zweite Onkel einverstanden ist."
Schatzjade freute sich und sagte lächelnd: „Hör auf deine Mama — wen sie schicken will, schickt sie. Was fragst du mich da noch!"
Dann wandte er sich lächelnd an die Herzoginmutter: „Diese kleine Nichte sieht zwar noch sehr jung aus, ist aber ausnehmend klug. Wenn sie größer ist, wird sie noch tüchtiger als Schwester Phönixglanz — zumal sie auch noch lesen kann."
Die Herzoginmutter: „Ich habe nichts dagegen, dass Mädchen lesen lernen. Aber Nadelarbeit muss immer an erster Stelle kommen." Pfiffigmädchen: „Ich lerne auch bei Amme Liu sticken! Blumenmuster und Kettenstiche — ich bin noch nicht gut, aber ich lerne." Die Herzoginmutter: „In einer Familie wie unserer brauchen wir nie selbst zu nähen, das weiß ich. Aber es ist gut, wenn man es kann. Dann ist man nicht auf andere angewiesen." Pfiffigmädchen antwortete artig: „Ja, Urgroßmutter." Sie hätte sich gerne noch mehr über die tugendhaften Frauen erzählen lassen, aber Schatzjade schien in Gedanken versunken, und sie wagte nicht zu fragen.
Warum war Schatzjade so in Gedanken? Weil Pfiffigmädchen erwähnt hatte, dass Liu Wu'er in den Hof der Roten Freude kommen sollte. Eigentlich hätte dieses hübsche Mädchen schon früher in seinen Dienst treten sollen, doch ein Hindernis nach dem anderen hatte es verhindert: Beim ersten Mal war sie krank geworden und konnte nicht kommen. Beim zweiten Mal hatte Frau König Heitermuster [20] wegen ihrer Schönheit verstoßen und wagte danach nicht mehr, ein hübsches Mädchen für Schatzjade auszuwählen. Später hatte er Wu'er bei seinem heimlichen Besuch bei Heitermuster im Haus von deren Großonkel Wu Gui wiedergesehen, als sie mit ihrer Mutter Geschenke brachte — und sein früherer guter Eindruck von ihr wurde bestätigt. Sie war wirklich bezaubernd hübsch. Welch ein Glücksfall, dass Phönixglanz sich gerade jetzt an sie erinnerte und sie als Ersatz für Kleine Rot einsetzen wollte!
Während Schatzjade so vor sich hin träumte, wartete die Herzoginmutter ungeduldig auf ihre Gäste und schickte Dienstmädchen, um sie zu holen. Bald darauf traf die erste Gruppe ein: Seidenweiß Pflaume [21] mit ihren Kusinen Muster und Prachtamt, Erkundefrühling [22], Bedauerfrühling [23], Xiang-Flusswolke Geschichte [24] und Kajaljade. Sie alle begrüßten die Herzoginmutter und einander. Nur Tante Schnee fehlte noch, und die Herzoginmutter schickte erneut nach ihr. Schließlich kam sie an, von Kostbarzither Schnee [25] begleitet. Schatzjade begrüßte sie und wunderte sich, warum weder Schatzspange noch Höhlennebel Strafe [26] mitgekommen waren. Kajaljade fragte geradeheraus: „Warum konnte Schwester Schatzspange heute nicht kommen?" Tante Schnee wich aus und sagte, es gehe ihr nicht gut. Höhlennebel Strafe war ferngeblieben, weil sie wusste, dass Tante Schnee — ihre zukünftige Schwiegermutter — anwesend sein würde. Schatzspanges Abwesenheit enttäuschte Schatzjade kurz, aber in Kajaljades Gegenwart legte sich das rasch.
Die Damen Xing und Wang trafen wenig später ein. Phönixglanz, die hörte, dass ihre Schwiegermütter vor ihr dort waren, fand es peinlich, die Letzte zu sein, und schickte Friedchen [27] voraus, um sich zu entschuldigen: „Die Zweite Herrin wollte kommen, doch sie hat leichtes Fieber und wird etwas später erscheinen."
Die Herzoginmutter: „Wenn es ihr nicht gut geht, braucht sie gar nicht zu kommen. Wir sollten jetzt zu Mittag essen." Die Dienstmädchen rückten den Kohleofen ins hintere Zimmer und stellten vor dem Kang der Herzoginmutter zwei Tische in einer Reihe auf. Die Gesellschaft nahm der Rangfolge nach Platz. Nach dem Essen saßen sie wieder am Ofen beisammen und plauderten gemütlich. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Was hatte Phönixglanz wirklich aufgehalten? Zunächst war es nur die Scham gewesen, später als die Damen Xing und Wang zu erscheinen. Aber dann war Wangers Frau [28] gekommen und hatte berichtet, eine Dienerin von Willkommensfrühling [29] wolle Phönixglanz ihre Aufwartung machen. Die Frau kam direkt in Phönixglanz' Gemächer, ohne beim Haupthaus vorzusprechen. Phönixglanz war überrascht und ließ sie hereinrufen.
„Geht es deiner Herrin gut?", fragte sie.
Die Frau antwortete: „Gut geht es ihr ganz und gar nicht! Aber deswegen bin ich nicht hier, Herrin. Eigentlich hat mich die Mutter von Siqi [30] angefleht herzukommen, um die Herrin um einen Gefallen zu bitten."
Phönixglanz: „Siqi ist längst entlassen worden. Was haben ihre Angelegenheiten noch mit mir zu tun?"
Die Frau erzählte: „Seit Siqi entlassen wurde, hat sie jeden Tag geweint. Dann tauchte eines Tages ihr Vetter Pan You'an wieder auf. Als ihre Mutter ihn sah, konnte sie ihren Hass nicht zurückhalten. Sie schimpfte ihn, er habe ihre Tochter ins Verderben gestürzt, packte ihn und wollte ihn schlagen. Der junge Mann stand still da und sagte kein Wort. Siqi hörte den Lärm, lief heraus und rief trotzig: ‚Seinetwegen wurde ich entlassen — muss man mich daran erinnern! Ich weiß, dass er falsch gehandelt hat! Aber jetzt, wo er zurückgekommen ist — warum willst du ihn schlagen? Dann erwürg lieber gleich mich!' Die Mutter schrie: ‚Du schamloses Ding! Was willst du denn eigentlich?' Siqi antwortete trotzig: ‚Ein Mädchen heiratet nur einmal. Es war mein Fehler, als ich mich auf ihn einließ — richtig oder falsch, ich gehöre jetzt ihm, und niemandem sonst. Was ich ihm vorwerfe, ist nur, dass er damals so feige war — ein Mann sollte für seine Taten geradestehen, und nicht davonlaufen! Aber selbst wenn er nie zurückkäme, würde ich bis zu meinem Tod keinen anderen heiraten. Wenn Mutter mich mit einem anderen verheiraten will, sterbe ich lieber! Jetzt, wo er da ist — frag ihn, ob er mich zur Frau nimmt. Wenn er mich noch will, verabschiede ich mich von dir. Du kannst vergessen, dass ich je existiert habe. Ich folge ihm bis ans Ende der Welt und werde auf der Straße betteln, wenn es sein muss.'
Das brachte die Mutter in rasende Wut. Weinend und fluchend schrie sie: ‚Du bist meine Tochter, und wenn ich sage, du heiratest ihn nicht, dann tust du das nicht! Basta!' Aber Siqi war ein starrköpfiges Geschöpf. Kaum hatte die Mutter das ausgesprochen, rannte sie gegen die Wand und schmetterte ihren Kopf dagegen. Ihr Schädel brach auf, das Blut strömte heraus, und im nächsten Augenblick war sie tot! Die Mutter begann zu schreien, aber es war zu spät.
Dann wandte sie sich an den jungen Mann und schrie, er müsse dafür mit seinem Leben bezahlen. Er antwortete — und das ist der seltsamste Teil der Geschichte: ‚Keine Sorge. Ich bin inzwischen zu Geld gekommen. Ich habe deine Tochter nie vergessen und bin heute nur ihretwegen zurückgekehrt. Mein Herz war ihr immer treu. Und um zu zeigen, dass ich nicht lüge ...' Dabei zog er ein Kästchen aus seinem Gewand, voller Gold und Edelsteine. Kaum sah die Mutter das, änderte sich ihr Ton. ‚Warum hast du das nicht gleich gesagt?' fragte sie.
Er antwortete: ‚Ich kenne die Art der Frauen, wie leicht sie von Reichtum geblendet werden. Nun weiß ich wenigstens, dass sie ein Mädchen von besonderer Art war. Das hier ist für dich', sagte er und gab ihr das Kästchen. ‚Ich werde einen Sarg kaufen und für ein würdiges Begräbnis sorgen.' Die Mutter nahm das Kästchen und ließ ihn alles für das Begräbnis besorgen. Sie schien Siqi schon vergessen zu haben. Als sie zurückkam, sah sie zu ihrem Erstaunen, dass die Bestatter zwei Särge trugen. Sie fragte ihn, wozu zwei Särge nötig seien. Er antwortete mit einem merkwürdigen Lachen, einer genüge nicht. Er zeigte keinerlei Trauer, und die Mutter dachte, der Schmerz habe ihn um den Verstand gebracht.
Während die Mutter damit beschäftigt war, Siqis Leichnam herzurichten, und sie dabei mit trockenen Augen und still dasaß, da zog er plötzlich, bevor jemand es fassen konnte, ein kleines Messer hervor und schlitzte sich die Kehle auf — und das war sein Ende. Zu spät erkannte die Mutter, was sie angerichtet hatte, und brach in Tränen aus. Die ganze Nachbarschaft erfuhr davon, und man wollte den Fall der Behörde melden. In ihrer Verzweiflung flehte sie mich an, hierherzukommen und die Herrin zu bitten, ihren Einfluss geltend zu machen und ihr zu helfen."
Phönixglanz rief: „Was für ein törichtes Mädchen! Das Schicksal hat hier zwei Dummköpfe zusammengeführt! Jetzt verstehe ich auch den gleichmütigen Blick auf ihrem Gesicht, als sie damals beim Durchsuchen des Gartens erwischt wurde. Was für ein entschlossenes Herz muss sie gehabt haben! Eigentlich habe ich keine Zeit, mich um solche Dinge zu kümmern, aber eure Geschichte hat mich berührt. Gut, richtet ihrer Mutter aus, ich werde mit dem Zweiten Herrn [31] sprechen und Wanger schicken, um die Sache zu regeln."
Phönixglanz schickte die Frau weg und ging selbst hinüber zur Versammlung bei der Herzoginmutter. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Nun zu Aufrecht Kaufmann: An einem gewissen Tag saß er gerade mit Zhan Guang [32] bei einer Partie Weiqi. Es war ein sehr ausgeglichenes Spiel, und alles hing an einem Knoten in einer Ecke des Brettes. Da kam ein Page und meldete: „Der Herr Feng Ziying [33] ist draußen und möchte den gnädigen Herrn sehen."
Aufrecht Kaufmann: „Führe ihn herein."
Der Page tat wie befohlen, und Feng Ziying trat ins Arbeitszimmer. Er sah die Weiqi-Partie und sagte: „Spielt nur weiter, ich schaue gerne zu."
Zhan Guang sagte bescheiden lächelnd: „Mein stümperhaftes Spiel ist des Zuschauens eines solch angesehenen Gastes kaum wert."
Feng: „Zu viel der Bescheidenheit! Spielt bitte weiter." Aufrecht Kaufmann: „Was führt dich heute zu uns?" Feng: „Nichts Besonderes. Spielt nur weiter, Herr, ich lerne gerne ein paar Züge." Aufrecht Kaufmann wandte sich wieder an Zhan Guang: „Da Feng ein alter Freund ist und nichts Dringendes hat, können wir genausogut die Partie zu Ende spielen und danach reden."
Feng beobachtete das Spiel von der Seite und fragte: „Spielt ihr um einen Einsatz?"
Zhan Guang: „Ja, tun wir."
Feng: „Dann darf man da nicht zu viel hineinreden!"
Aufrecht Kaufmann: „Freund Zhan hat schon so viel Silber verloren, dass er ohnehin nicht mehr bezahlen kann. Wir können ihn höchstens noch damit bestrafen, dass er die nächste Runde ausgibt." Zhan Guang lachte: „Das kann man machen."
Feng fragte: „Spielen Sie beide gleichstark, Herr?" Aufrecht Kaufmann lachte: „Früher spielten wir gleich, aber er verlor ständig. Also gebe ich ihm heute zwei Steine Vorsprung — und er verliert trotzdem. Wie oft soll ich ihm diesen Vorteil noch lassen? Und wenn ich ihm keinen Vorsprung gebe, wird er ärgerlich."
Zhan Guang lachte: „Ihr scherzt, Herr ..."
„Wir werden sehen", sagte Aufrecht Kaufmann.
In diesem Ton spielten sie weiter, bis die Partie zu Ende war. Beim Zählen der Steine hatte Zhan Guang um sieben verloren.
Feng kommentierte: „Alles hing am letzten Knoten — Herr Zhan hat verloren, weil er weniger Gebiet hatte."
Aufrecht Kaufmann wandte sich an Feng: „Verzeih, verzeih — lass uns nun reden." Feng: „Es ist lange her seit unserem letzten Treffen. Mein Besuch heute hat zweierlei Grund: Erstens wollte ich Euch meine Aufwartung machen. Zweitens ist ein Bekannter aus Guangxi in der Hauptstadt eingetroffen, der hier eine Audienz bei Seiner Majestät erbitten will. Er hat vier ausländische Kostbarkeiten bei sich, die sich vorzüglich als Tributgeschenke eignen würden. Das erste ist ein Wandschirm mit vierundzwanzig Flächen, geschnitzt aus reinem Sandelholz. Die eingelegten Motive — Landschaften, Figuren, Gebäude, Vögel und Blumen — sind zwar nicht aus Jade, aber aus einem Stein von jadeähnlicher Qualität. Eine der Flächen zeigt eine Palastszene mit fünfzig oder sechzig Hofdamen, betitelt ‚Frühlingsmorgen im Han-Palast'. Die Gesichtszüge, Gesten und Gewänder sind in klarstem Detail gearbeitet. Die Ausführung ist exquisit, die Komposition vollendet. Es wäre das perfekte Stück für die Haupthalle des Gartens des Großen Anblicks [34]. Das zweite Stück ist eine große Standspieluhr, über einen Meter hoch. Auf dem Zifferblatt steht die kleine Figur eines Knaben, der mit einem Zeiger die Stunde anzeigt, und innen befinden sich Figuren, die die Stunden schlagen. Diese beiden schweren Stücke konnte ich nicht mitbringen. Die anderen zwei habe ich dabei, und ich glaube, Ihr werdet sie faszinierend finden."
Feng holte ein besticktes Kästchen hervor, in mehrere Lagen weißer Seide eingewickelt. Er packte es aus, öffnete den Deckel und nahm die Seidenwatte heraus. In der oberen Lade lag ein kleines Glaskästchen mit Goldrahmen, auf einem Stück dunkelroter Krepp-Seide gebettet. Darauf lag eine wunderschöne, strahlende Perle, so groß wie eine Drachenaugenfrucht.
„Dies", erklärte Feng, „ist die sogenannte Mutterperle." Er bat um ein Tablett. Zhan Guang brachte ein schwarzlackiertes Teetablett und fragte: „Taugt das?" — „Ausgezeichnet", sagte Feng. Er zog aus seiner Innentasche ein weißes Seidenbündel hervor. Darin waren Perlen von gewöhnlicher Größe, die er auf das Tablett schüttete. Dann setzte er die Mutterperle in die Mitte und stellte das Tablett auf den Tisch. Und sie sahen, wie die kleinen Perlen wie vollkommene Wassertropfen alle zur großen Perle in der Mitte rollten. Als Feng die Mutterperle hochhob, hingen sämtliche kleinen Perlen an ihr — nicht eine einzige blieb auf dem Tablett zurück.
Zhan Guang rief: „Das ist ja erstaunlich!"
Aufrecht Kaufmann bemerkte: „Das ist ein bekanntes Phänomen — daher auch der treffende Name ‚Mutterperle': Sie ist die Mutter aller Perlen."
Feng wandte sich zu seinem Pagen: „Wo ist das andere Kästchen?" Der Page trat sofort vor und hielt mit beiden Händen ein Kästchen aus Rosenholz empor. Alle schauten zu, als es geöffnet wurde. Auf der Polsterung aus Tigerbrokat lag ein längliches Stück blauer, gaseartiger Stoff, viele Male gefaltet.
Zhan Guang: „Was ist das?"
Feng: „Das nennt man Haifischseiden-Vorhang."
Er nahm ihn aus dem Kästchen und legte ihn auf den Tisch. So zusammengefaltet war er kaum anderthalb Handbreit lang und keinen halben Zoll dick. Feng begann ihn Lage für Lage zu entfalten. Bei der zehnten Lage reichte der Tisch schon nicht mehr aus.
„Es sind noch zwei weitere Lagen", erklärte er. "Um ihn ganz zu entfalten, müssten wir ihn auf dem Tisch in der großen Halle ausbreiten. Der Stoff ist aus Haifischseide gewebt. In der größten Sommerhitze ist er ein vollkommenes Fliegen- und Moskitonetz für eine Halle — wie Sie sehen, überaus leicht und durchsichtig."
Aufrecht Kaufmann: „Bitte nicht ganz entfalten — es wäre schwierig, ihn wieder zusammenzulegen."
Feng und Zhan Guang falteten den Vorhang behutsam wieder zusammen und legten ihn in sein Kästchen zurück.
Feng sagte: „Der Preis für alle vier Stücke ist wirklich bescheiden: zwanzigtausend Tael Silber. Zehntausend für die Mutterperle, fünftausend für den Haifischseiden-Vorhang, und je zweitausendfünfhundert für den Wandschirm und die Uhr."
Aufrecht Kaufmann: „Wir könnten sie uns unmöglich leisten."
Feng: „Aber Ihr habt doch gute Beziehungen zum Palast — hätte man dort nicht Verwendung dafür?"
Aufrecht Kaufmann: „Verwendung gäbe es dort gewiss in Fülle — nur das Geld dafür gibt es nicht. Ich würde sie jedoch gerne meiner alten Mutter zeigen."
Feng: „Sehr wohl."
Aufrecht Kaufmann schickte einen Diener, um Kette Kaufmann [35] zu bitten, die beiden Stücke zur Herzoginmutter zu bringen. Zugleich ließ er die Damen Xing und Wang sowie Phönixglanz einladen, herüberzukommen und sich die Kostbarkeiten anzusehen.
Kette Kaufmann erklärte den Damen: „Es gibt noch zwei weitere Stücke — einen faltbaren Wandschirm und eine musikalische Uhr. Alles zusammen für zwanzigtausend Tael."
Phönixglanz fiel ihm scharf ins Wort: „Die Stücke sind zweifellos erlesen. Aber wir haben ganz gewiss kein Geld für solche Dinge übrig. Außerdem sind wir keine Vizekönige oder Provinzgouverneure, von denen man Tributgeschenke erwartet. Ich denke schon seit Jahren, dass eine Familie wie die unsere vor allem in unveräußerliche Grundlagen investieren sollte: Ahnenland, Stiftungsgüter, Grabstätten und Häuser. Wenn unsere Nachkommen einmal in Schwierigkeiten geraten, haben sie wenigstens einen Boden unter den Füßen und sind nicht dem völligen Ruin ausgeliefert. Das ist meine Überzeugung, aber natürlich ist es die Entscheidung der Alten Ahnin, des gnädigen Herrn und der Damen, wenn sie die Dinge kaufen möchten."
Die Herzoginmutter sagte zu allen: „Da hat sie wirklich recht, meine Liebe."
Kette Kaufmann sagte brummig: „Dann geben wir sie eben zurück. Der gnädige Herr hat mich nur geschickt, um sie der Alten Ahnin als mögliches Tributgeschenk zu zeigen. Niemand hat gesagt, wir sollen sie selbst kaufen. Noch bevor die Alte Ahnin ein Wort sagen konnte, kamst du schon mit deiner pessimistischen Rede, um allen die Lust zu verderben!"
Kette Kaufmann kehrte mit den Kostbarkeiten ins Arbeitszimmer zurück und berichtete, die Herzoginmutter wünsche sie nicht zu kaufen. Zu Feng Ziying sagte er: „An der Qualität zweifelt niemand, aber wir können es uns schlicht nicht leisten. Ich werde jedoch die Augen offenhalten, und wenn ich auf einen Käufer stoße, lasse ich es dich wissen."
Feng packte die Dinge weg, sichtlich enttäuscht. Er saß noch eine Weile und unterhielt sich, aber ohne rechten Enthusiasmus, und machte bald Anstalten zu gehen.
Aufrecht Kaufmann: „Bleibst du nicht zum Essen?"
Feng: „Ich habe schon zuviel Ihrer Zeit beansprucht."
Aufrecht Kaufmann: „Ganz und gar nicht. Wir wären erfreut."
Als sie noch sprachen, trat Begnadigung Kaufmann [36] ein. Nachdem er Feng begrüßt hatte, unterhielten sie sich noch ein paar Minuten. Dann wurde Wein aufgetragen und allerlei Delikatessen auf dem Tisch platziert. Nach der vierten oder fünften Runde kam das Gespräch wieder auf die Kostbarkeiten.
Feng sagte: „Solche Waren sind schwer zu verkaufen. Außer vornehmen Familien wie der Euren gibt es kaum Abnehmer."
Aufrecht Kaufmann: „Das stimmt nicht unbedingt."
Begnadigung Kaufmann: „Auch wir können uns das nicht mehr leisten. Unsere Familie ist nur noch eine leere Fassade."
Feng fragte: „Wie geht es Herrn Zhen [37] drüben im Osthaus? Kürzlich traf ich ihn, und wir kamen auf familiäre Dinge zu sprechen. Er erwähnte seine zweite Schwiegertochter — sie reiche bei weitem nicht an die erste heran, die verstorbene Frau Minne [38]. Aus welcher Familie stammt sie eigentlich?"
Aufrecht Kaufmann: „Unsere Großnichte ist auch aus guter Familie — die Tochter eines früheren Zensors Hu, der in der Hauptstadtprovinz gedient hat."
Feng: „Den Zensor Hu kenne ich. Aber was die Erziehung seiner Familie betrifft, da ist noch Luft nach oben. Nun ja — wenn das Mädchen selbst gut ist, genügt das."
Kette Kaufmann sagte: „Ich habe im Ministerium gehört, dass Regendorf Kaufmann [39] wieder befördert werden soll."
Aufrecht Kaufmann: „Ach ja? Ist das sicher?"
Kette Kaufmann: „Es scheint so gut wie beschlossen."
Feng: „Ich komme heute vom Ministerium für Beamtenwesen, und dort sprach man ebenfalls davon. Ist der verehrte Herr Regendorf mit Ihnen verwandt?"
Aufrecht Kaufmann: „Ja."
Feng: „Innerhalb der fünf Trauergrade oder außerhalb?"
Aufrecht Kaufmann: „Das ist eine lange Geschichte. Er stammt ursprünglich aus Huzhou in Zhejiang und lebte verarmt in Suzhou. Dort hatte er einen Freund namens Zhen Wahrheitsverberger [40], der ihn oft unterstützte. Nachdem Regendorf das Staatsexamen bestanden und ein Beamtenamt erhalten hatte, heiratete er die Magd der Familie Echt. Seine jetzige Frau ist also nicht die erste. Zhen Wahrheitsverberger war inzwischen in tiefes Elend geraten und verschwunden. Als Regendorf später seines Amtes enthoben wurde, kannte er unsere Familie noch nicht. Erst mein verstorbener Schwager Lin Ruhai [41], der damals als Salzkommissar in Yangzhou diente, engagierte ihn als Privatlehrer für seine Tochter — meine Nichte. Als Regendorf von seiner Rehabilitierung erfuhr und in die Hauptstadt zurückberufen wurde, reiste gerade meine Nichte zu uns, und ihr Vater bat Regendorf, sie zu begleiten. Er gab ihm auch ein Empfehlungsschreiben für mich mit. Ich gewann einen guten Eindruck von ihm, und seitdem sahen wir uns oft. Was mich besonders erstaunt: Er kennt unsere Familiengeschichte bis ins kleinste Detail — den Stammbaum beider Anwesen Prunkwille und Stillfriede, wer wo lebt, welche Laufbahnen — alles. Deshalb fühle ich mich ihm verbunden." Er fügte lächelnd hinzu: „In den letzten Jahren hat er sich tüchtig nach oben gearbeitet: vom Präfekten zum Zensor, dann zum Vizeminister für Beamtenwesen, dann zum Kriegsminister. Er wurde wegen einer Affäre um drei Ränge zurückgestuft, doch nun scheint er wieder aufzusteigen."
Feng: „Die Wechselfälle des Menschenlebens, die Höhen und Tiefen der Beamtenlaufbahn — das bleibt ewig unvorhersehbar."
Aufrecht Kaufmann: „Und doch steckt in allen Dingen ein Muster. Nimm die Perle von vorhin: Die große Perle ist wie ein Mensch, der vom Glück gesegnet ist — die kleinen scharen sich um ihn, beschützt im Schatten seines Einflusses. Wenn die große fortgeht, haben die kleinen keinen Halt mehr. So ist es auch bei einer Familie: Gerät das Oberhaupt in Schwierigkeiten, verliert es Frau und Kinder, die Verwandten verarmen, selbst die Freunde verschwinden. Reichtum und Armut wechseln so schnell wie eine Frühlingswolke vorüberzieht oder ein Herbstblatt fällt. Was für ein Vergnügen bietet denn das Beamtendasein? Regendorf hatte es noch vergleichsweise gut. Aber nimm einen Fall, der uns näher steht — die Familie Echt [42], in vielem wie unsere eigene: die gleichen Verdienste für den Thron, die gleichen Titel, der gleiche Lebensstil. Wir hatten engen Umgang mit ihnen. Noch vor wenigen Jahren, als sie in der Hauptstadt weilten, schickten sie einen Mann zu mir, um ihre Aufwartung zu machen, und alles schien in bester Ordnung. Und dann wurde ihnen der gesamte Familienbesitz beschlagnahmt, und seitdem haben wir kein Lebenszeichen mehr von ihnen erhalten. Wir wissen nicht, wie es ihnen jetzt geht — aber sie sind stets in unseren Gedanken. Siehst du, wie gefährlich es ist, Beamter zu sein?"
Begnadigung Kaufmann: „In unserer Familie brauchen wir keine Angst zu haben. Uns kann nichts geschehen."
Feng: „Ganz gewiss nicht, Herr. Erstens schützt die Edle Gemahlin [43] Ihre Interessen bei Hofe, zweitens haben Sie viele einflussreiche Verwandte und alte Freunde, und drittens gibt es in Eurer Familie, von der Alten Ahnin bis zu den jungen Herren, keinen einzigen hartherzigen oder schlechten Menschen."
Aufrecht Kaufmann sagte ernst: „Mag sein, dass wir nicht hartherzig sind — aber wir haben auch keine Tugend und kein Talent. Wir leben nur von Pacht und Steuern, geben alles für Kleider und Essen aus — wie soll das auf Dauer gut gehen?"
Begnadigung Kaufmann: „Lassen wir dieses Thema und trinken noch einen."
Sie tranken noch einige Runden, dann wurde das Essen aufgetragen. Nach dem Essen gab es Tee. Fengs Page trat heran und flüsterte seinem Herrn etwas zu. Feng erhob sich zum Gehen.
Begnadigung Kaufmann fragte den Pagen: „Was hast du gesagt?"
Der Page: „Draußen schneit es, Herr, und es wurde schon die erste Abendwache geschlagen."
Aufrecht Kaufmann ließ nachsehen: Der Schnee lag bereits mehr als einen Zoll hoch.
Aufrecht Kaufmann: „Hoffentlich sind deine beiden Kostbarkeiten gut eingepackt?"
Feng: „Sind sie. Und wenn Ihr es Euch anders überlegt — über den Preis lässt sich sicher reden."
Aufrecht Kaufmann: „Ich behalte es im Sinn."
Feng: „Dann höre ich von Euch. Es ist kalt — bemüht Euch bitte nicht, mich hinauszubegleiten. Auf Wiedersehen."
Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann wiesen Kette Kaufmann an, Feng Ziying zum Tor zu geleiten.
Was dann geschah, wird im nächsten Kapitel erzählt.
Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).
- ↑ Chinesisch: 巧姐
- ↑ Chinesisch: 贾政
- ↑ Chinesisch: 宝玉
- ↑ Chinesisch: 潇湘馆
- ↑ Chinesisch: 袭人
- ↑ Chinesisch: 怡红院
- ↑ Chinesisch: 林黛玉
- ↑ Chinesisch: 宝钗
- ↑ Chinesisch: 贾母
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- ↑ Chinesisch: 薛姨妈
- ↑ Chinesisch: 史湘云
- ↑ Chinesisch: 邢岫烟
- ↑ Chinesisch: 王夫人
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- ↑ Chinesisch: 史湘云
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- ↑ Chinesisch: 林如海
- ↑ Chinesisch: 甄家
- ↑ Chinesisch: 元春