Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 16"

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(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 16 mit Navigation und Fussnoten)
(DE4 Korrektur-Update Kap. 16)
 
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Kapitel 16
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Urfrühling Kaufmann wird zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes erwählt —
<span style="font-weight: bold;">Kapitel:</span> [[Hongloumeng/de/Chapter_1|<span style="color: #FFD700;">1</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_2|<span style="color: #FFD700;">2</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_3|<span style="color: #FFD700;">3</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_4|<span style="color: #FFD700;">4</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_5|<span style="color: #FFD700;">5</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_6|<span style="color: #FFD700;">6</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_7|<span style="color: #FFD700;">7</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_8|<span style="color: #FFD700;">8</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_9|<span style="color: #FFD700;">9</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_10|<span style="color: #FFD700;">10</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">'''[11-20]'''</span> &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_21|<span style="color: #FFD700;">[21-30]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_31|<span style="color: #FFD700;">[31-40]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_41|<span style="color: #FFD700;">[41-50]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_51|<span style="color: #FFD700;">[51-60]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_61|<span style="color: #FFD700;">[61-70]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_71|<span style="color: #FFD700;">[71-80]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_81|<span style="color: #FFD700;">[81-90]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_91|<span style="color: #FFD700;">[91-100]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_101|<span style="color: #FFD700;">[101-110]</span>]] &middot; [[Hongloumeng/de/Chapter_111|<span style="color: #FFD700;">[111-120]</span>]] &middot; [[Hongloumeng|<span style="color: #FFD700;">&larr; Inhalt</span>]]
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Liebglocke Minne stirbt jung auf dem Weg in die Gelbe Quelle
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<span style="font-weight: bold;">Version:</span> [[Hongloumeng/Chapter_16|<span style="color: #FFD700;">ZH</span>]] &middot; <span style="color: #FFD700; font-weight: bold;">DE (Woesler)</span> &middot; [[Hongloumeng/zh-de/Chapter_16|<span style="color: #FFD700;">ZH-DE</span>]]
 
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第十六回
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Wie bereits erzählt, hatte Schatzjade<ref>Schatzjade (贾宝玉, Jiǎ Bǎoyù) – Protagonist des Romans, Enkel der Herzoginmutter, bekannt für seinen Wunderstein.</ref> [贾宝玉] sein äußeres Studierzimmer herrichten lassen und sich mit Liebglocke Minne [秦钟] verabredet, dort an den Abenden gemeinsam zu lernen. Doch ausgerechnet Liebglocke Minne besaß eine überaus schwächliche Konstitution. Durch den Aufenthalt vor der Stadt hatte er sich Wind und Kälte zugezogen, und weil er dann noch mit Zhineng [智能] heimliche Schäferstunden verbracht und seine Gesundheit vernachlässigt hatte, kam er hustend und erkältet zurück, mochte weder essen noch trinken und war in einem Zustand äußerster Schwäche. So wagte er sich nicht mehr aus dem Haus und blieb daheim, um sich auszukurieren. Schatzjade war enttäuscht und musste sich ins Unvermeidliche fügen — er konnte nur ruhig abwarten, bis Liebglocke Minne genesen war, um sich dann erneut zu verabreden.
贾元春才选凤藻宫
 
秦鲸卿夭逝黄泉路
 
  
= Kapitel 16 =
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Unterdessen hatte Phönixglanz<ref>Phönixglanz (王熙凤, Wáng Xīfèng) – Nichte von Dame König, verheiratet mit Kette Kaufmann, berüchtigt für ihre Schlauheit und Skrupellosigkeit.</ref> [王熙凤] den Antwortbrief von Yun Guang [云光] erhalten: Alles war geregelt. Die alte Nonne teilte es der Familie Zhang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant mit verhaltenem Zorn die Verlobungsgeschenke zurück. Doch wer hätte ahnen können, dass die habgierigen, machtversessenen Eltern Zhang eine pflichtbewusste und tieffühlende Tochter hervorgebracht hatten! Als das Mädchen erfuhr, dass die Eltern die ursprüngliche Verlobung aufgelöst hatten, nahm sie im Stillen einen Strick und erhängte sich.
== Kaufmann Ursprungsfrühling wird zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes erwählt — ==
 
Qin Jingqing stirbt jung auf dem Weg in die Gelbe Quelle
 
  
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Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Goldbrüderchen<ref>Chin. 金哥 Jĭn Gē. 金 jīn „Gold“; 哥 gē „Bruder“. Töchterchen eines Stadtkommandanten.</ref> habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger empfindsam — er ertränkte sich im Fluss, um hinter der Treue seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Zhang und Li gleichermaßen bestraft — Mensch und Geld waren verloren. Phönixglanz aber strich, ohne einen Finger zu rühren, die dreitausend Liang Silber ein, und Dame König<ref>Dame König (王夫人, Wáng Fūrén) – Mutter von Schatzjade und Urfrühling, Ehefrau von Aufrecht Kaufmann.</ref> [王夫人] und die anderen erfuhren davon kein Sterbenswörtchen. Von da an wurde Phönixglanz nur noch dreister und skrupelloser. Wann immer sich in Zukunft eine ähnliche Gelegenheit bot, handelte sie nach eigenem Gutdünken und ohne jede Hemmung. Davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden.
  
Wie bereits erzählt, hatte Schatzjade<ref>Schatzjade (贾宝玉, Jiǎ Bǎoyù) – Protagonist des Romans, Enkel der Herzoginmutter, bekannt für seinen Wunderstein.</ref> [贾宝玉] sein äußeres Studierzimmer herrichten lassen und sich mit Qin Zhong [秦钟] verabredet, dort an den Abenden gemeinsam zu lernen. Doch ausgerechnet Qin Zhong besaß eine überaus schwächliche Konstitution. Durch den Aufenthalt vor der Stadt hatte er sich Wind und Kälte zugezogen, und weil er dann noch mit Zhineng [智能] heimliche Schäferstunden verbracht und seine Gesundheit vernachlässigt hatte, kam er hustend und erkältet zurück, mochte weder essen noch trinken und war in einem Zustand äußerster Schwäche. So wagte er sich nicht mehr aus dem Haus und blieb daheim, um sich auszukurieren. Schatzjade war enttäuscht und musste sich ins Unvermeidliche fügen — er konnte nur ruhig abwarten, bis Qin Zhong genesen war, um sich dann erneut zu verabreden.
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Eines Tages war Aufrecht Kaufmanns<ref>Aufrecht Kaufmann (贾政, Jiǎ Zhèng) – Vater von Schatzjade, strenger Konfuzianer und hoher Beamter.</ref> [贾政] Geburtstag. Alle Angehörigen aus dem Ning-Guo-Haus und dem Rong-Guo-Haus [Anm.: 宁荣二处, die beiden Zweige der Kaufmann-Familie.] waren versammelt, um ihn zu feiern, und es herrschte ein fröhliches Getümmel. Da kam plötzlich einer der Torhüter in großer Eile herein, trat an die Festtafel und meldete: „Herr Xia, der Obereunuch der Sechs Paläste [Anm.: 六宫都太监, höchster Eunuch der kaiserlichen Frauengemächer.], ist gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu übermitteln!“
  
Unterdessen hatte Phönixglanz<ref>Phönixglanz (王熙凤, Wáng Xīfèng) – Nichte von Dame Wang, verheiratet mit Kaufmann Kette, berüchtigt für ihre Schlauheit und Skrupellosigkeit.</ref> [王熙凤] den Antwortbrief von Yun Guang [云光] erhalten: Alles war geregelt. Die alte Nonne teilte es der Familie Zhang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant mit verhaltenem Zorn die Verlobungsgeschenke zurück. Doch wer hätte ahnen können, dass die habgierigen, machtversessenen Eltern Zhang eine pflichtbewusste und tieffühlende Tochter hervorgebracht hatten! Als das Mädchen erfuhr, dass die Eltern die ursprüngliche Verlobung aufgelöst hatten, nahm sie im Stillen einen Strick und erhängte sich.
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Begnadigung Kaufmann [贾赦], Aufrecht Kaufmann und alle anderen erschraken zutiefst, denn sie wussten nicht, was diese Nachricht bedeuten mochte. Eilig ließ man die Theatervorstellung abbrechen und die Festtafel abräumen. Ein Weihrauchtisch wurde aufgestellt, das große Mitteltor geöffnet, und alle knieten zum Empfang nieder. Schon sah man den Obereunuch der Sechs Paläste, Xia Shouzhong [夏守忠], hoch zu Ross heranreiten, vor und hinter ihm, zur Linken und zur Rechten, eine große Schar von Palast-Eunuchen.
  
Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Jinge [金哥] habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger empfindsam — er ertränkte sich im Fluss, um hinter der Treue seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Zhang und Li gleichermaßen bestraft — Mensch und Geld waren verloren. Phönixglanz aber strich, ohne einen Finger zu rühren, die dreitausend Liang Silber ein, und Dame Wang<ref>Dame Wang (王夫人, Wáng Fūrén) – Mutter von Schatzjade und Urfrühling, Ehefrau von Kaufmann Aufrecht.</ref> [王夫人] und die anderen erfuhren davon kein Sterbenswörtchen. Von da an wurde Phönixglanz nur noch dreister und skrupelloser. Wann immer sich in Zukunft eine ähnliche Gelegenheit bot, handelte sie nach eigenem Gutdünken und ohne jede Hemmung. Davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden.
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Doch Xia Shouzhong trug weder ein kaiserliches Edikt noch einen schriftlichen Erlass bei sich. Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab, das Gesicht ein einziges Lächeln, stieg die Stufen zur Halle empor, stellte sich mit dem Gesicht nach Süden auf und verkündete: „Auf besonderen Befehl: Aufrecht Kaufmann hat sich unverzüglich zur Audienz einzufinden und wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung [临敬殿] vom Kaiser empfangen!“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee angenommen zu haben, wieder aufs Pferd und ritt davon.
  
Eines Tages war Kaufmann Aufrechts<ref>Kaufmann Aufrecht (贾政, Jiǎ Zhèng) – Vater von Schatzjade, strenger Konfuzianer und hoher Beamter.</ref> [贾政] Geburtstag. Alle Angehörigen aus dem Ning-Guo-Haus und dem Rong-Guo-Haus [Anm.: 宁荣二处, die beiden Zweige der Kaufmann-Familie.] waren versammelt, um ihn zu feiern, und es herrschte ein fröhliches Getümmel. Da kam plötzlich einer der Torhüter in großer Eile herein, trat an die Festtafel und meldete: „Herr Xia, der Obereunuch der Sechs Paläste [Anm.: 六宫都太监, höchster Eunuch der kaiserlichen Frauengemächer.], ist gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu übermitteln!“
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Aufrecht Kaufmann und die Seinen wussten nicht, was dieses Vorzeichen zu bedeuten hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in aller Eile umzukleiden und zur Audienz in den Kaiserpalast zu eilen.
 
 
Kaufmann Begnadigung<ref>Kaufmann Begnadigung: Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung".</ref> [贾赦], Kaufmann Aufrecht und alle anderen erschraken zutiefst, denn sie wussten nicht, was diese Nachricht bedeuten mochte. Eilig ließ man die Theatervorstellung abbrechen und die Festtafel abräumen. Ein Weihrauchtisch wurde aufgestellt, das große Mitteltor geöffnet, und alle knieten zum Empfang nieder. Schon sah man den Obereunuch der Sechs Paläste, Xia Shouzhong [夏守忠], hoch zu Ross heranreiten, vor und hinter ihm, zur Linken und zur Rechten, eine große Schar von Palast-Eunuchen.
 
 
 
Doch Xia Shouzhong trug weder ein kaiserliches Edikt noch einen schriftlichen Erlass bei sich. Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab, das Gesicht ein einziges Lächeln, stieg die Stufen zur Halle empor, stellte sich mit dem Gesicht nach Süden auf und verkündete: „Auf besonderen Befehl: Kaufmann Aufrecht hat sich unverzüglich zur Audienz einzufinden und wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung [临敬殿] vom Kaiser empfangen!“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee angenommen zu haben, wieder aufs Pferd und ritt davon.
 
 
 
Kaufmann Aufrecht und die Seinen wussten nicht, was dieses Vorzeichen zu bedeuten hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in aller Eile umzukleiden und zur Audienz in den Kaiserpalast zu eilen.
 
  
 
Die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter (贾母, Jiǎ Mǔ) – ältestes und ranghöchstes Familienmitglied, Großmutter von Schatzjade.</ref> [贾母] und die gesamte Familie waren in Furcht und Ungewissheit. Unaufhörlich schickten sie berittene Boten hin und her, um Nachrichten einzuholen. Nach zwei Doppelstunden [Anm.: Ca. vier Stunden.] kamen plötzlich der Oberverwalter Lai Da [赖大] und drei oder vier andere Hausverwalter keuchend zum Zeremonialtor hereingestürzt und meldeten frohe Botschaft. Sie sagten: „Auf Befehl des gnädigen Herrn bitten wir die alte gnädige Frau, unverzüglich mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken!“
 
Die Herzoginmutter<ref>Herzoginmutter (贾母, Jiǎ Mǔ) – ältestes und ranghöchstes Familienmitglied, Großmutter von Schatzjade.</ref> [贾母] und die gesamte Familie waren in Furcht und Ungewissheit. Unaufhörlich schickten sie berittene Boten hin und her, um Nachrichten einzuholen. Nach zwei Doppelstunden [Anm.: Ca. vier Stunden.] kamen plötzlich der Oberverwalter Lai Da [赖大] und drei oder vier andere Hausverwalter keuchend zum Zeremonialtor hereingestürzt und meldeten frohe Botschaft. Sie sagten: „Auf Befehl des gnädigen Herrn bitten wir die alte gnädige Frau, unverzüglich mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken!“
  
Die Herzoginmutter hatte die ganze Zeit mit unruhig pochendem Herzen unbeweglich auf der Plattform vor der großen Halle gestanden. Dame Xing [邢夫人], Dame Wang, Frau You [尤氏], Li Wan [李纨], Phönixglanz, die Schwestern Yingchun [迎春] und ihre Kusinen sowie Tante Schnee [薛姨妈] — sie alle waren bei ihr versammelt. Als diese Nachricht eintraf, rief die Herzoginmutter Lai Da herein und wollte die Einzelheiten genau wissen.
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Die Herzoginmutter hatte die ganze Zeit mit unruhig pochendem Herzen unbeweglich auf der Plattform vor der großen Halle gestanden. Dame Strafe [邢夫人], Dame König, Dame Sonders [尤氏], Seidenweiß Pflaume [李纨], Phönixglanz, die Schwestern Willkommensfrühling [迎春] und ihre Kusinen sowie Tante Schnee [薛姨妈] — sie alle waren bei ihr versammelt. Als diese Nachricht eintraf, rief die Herzoginmutter Lai Da herein und wollte die Einzelheiten genau wissen.
  
 
Lai Da berichtete: „Wir Diener mussten draußen vor dem Tor der Halle der Huldvollen Anerkennung warten und konnten von dem, was drinnen vorging, nicht das Mindeste erfahren. Schließlich kam der Obereunuch Xia heraus und gratulierte uns. Er sagte, unser ältestes Fräulein sei zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes [凤藻宫尚书] ernannt und zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Ehrennamen Xiande [贤德妃, „Tugendhaft und Gütig“] erhoben worden. Als dann der gnädige Herr herauskam, trug er uns dasselbe auf. Jetzt ist der gnädige Herr noch zum Östlichen Palast [Anm.: 东宫, Residenz des Kronprinzen; hier vermutlich zur weiteren Zeremonie.] gegangen und bittet dringend, die alte gnädige Frau möge mit den gnädigen Frauen zusammen zur Danksagung erscheinen.“
 
Lai Da berichtete: „Wir Diener mussten draußen vor dem Tor der Halle der Huldvollen Anerkennung warten und konnten von dem, was drinnen vorging, nicht das Mindeste erfahren. Schließlich kam der Obereunuch Xia heraus und gratulierte uns. Er sagte, unser ältestes Fräulein sei zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes [凤藻宫尚书] ernannt und zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Ehrennamen Xiande [贤德妃, „Tugendhaft und Gütig“] erhoben worden. Als dann der gnädige Herr herauskam, trug er uns dasselbe auf. Jetzt ist der gnädige Herr noch zum Östlichen Palast [Anm.: 东宫, Residenz des Kronprinzen; hier vermutlich zur weiteren Zeremonie.] gegangen und bittet dringend, die alte gnädige Frau möge mit den gnädigen Frauen zusammen zur Danksagung erscheinen.“
  
Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren ihre Herzen endlich beruhigt, und die Freude stieg ihnen in die Wangen. Nun kleidete und schmückte sich jede ihrem Rang entsprechend. Die Herzoginmutter begab sich zusammen mit Dame Xing, Dame Wang und Frau You — insgesamt vier große Sänften — zum Kaiserpalast. Auch Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Juwel [贾珍] legten ihre Audienzgewänder an und begleiteten zusammen mit Kaufmann Hibiskus [贾蓉] und Kaufmann Qiang [贾蔷] die Sänfte der Herzoginmutter.
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Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren ihre Herzen endlich beruhigt, und die Freude stieg ihnen in die Wangen. Nun kleidete und schmückte sich jede ihrem Rang entsprechend. Die Herzoginmutter begab sich zusammen mit Dame Strafe, Dame König und Dame Sonders — insgesamt vier große Sänften — zum Kaiserpalast. Auch Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] legten ihre Audienzgewänder an und begleiteten zusammen mit Hibiskus Kaufmann [贾蓉] und Qiang Kaufmann [贾蔷] die Sänfte der Herzoginmutter.
  
 
Im ganzen Ning-Guo-Haus und Rong-Guo-Haus, oben und unten, drinnen und draußen, war alle Welt außer sich vor Freude und hüpfte vor Begeisterung. Jedem leuchtete die Genugtuung aus dem Gesicht, und überall ertönten Lachen und Gespräche wie ein siedender Kessel.
 
Im ganzen Ning-Guo-Haus und Rong-Guo-Haus, oben und unten, drinnen und draußen, war alle Welt außer sich vor Freude und hüpfte vor Begeisterung. Jedem leuchtete die Genugtuung aus dem Gesicht, und überall ertönten Lachen und Gespräche wie ein siedender Kessel.
  
Doch wer hätte ahnen können, was in jüngster Zeit geschehen war! Die Novizin Zhineng vom Wassermond-Kloster [水月庵] war heimlich davongelaufen und in die Stadt gekommen. Sie hatte sich bis zu Qin Zhongs Haus durchgefragt, um ihn zu besuchen — doch unglücklicherweise wurde sie von Qin Ye [秦业] entdeckt. Dieser jagte Zhineng davon und verprügelte seinen Sohn Qin Zhong. Die Sache brachte ihn so in Rage, dass eine alte Krankheit wieder ausbrach, und nach drei, fünf Tagen war er tot.
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Doch wer hätte ahnen können, was in jüngster Zeit geschehen war! Die Novizin Zhineng vom Wassermond-Kloster [水月庵] war heimlich davongelaufen und in die Stadt gekommen. Sie hatte sich bis zu Qin Zhongs Haus durchgefragt, um ihn zu besuchen — doch unglücklicherweise wurde sie von Qin Ye [秦业] entdeckt. Dieser jagte Zhineng davon und verprügelte seinen Sohn Liebglocke Minne. Die Sache brachte ihn so in Rage, dass eine alte Krankheit wieder ausbrach, und nach drei, fünf Tagen war er tot.
  
Qin Zhong, ohnehin von zarter Konstitution und noch nicht genesen, hatte nun auch noch die Tracht Prügel einstecken müssen und musste obendrein mit ansehen, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb. In seiner Reue und seinem Schmerz fand er keine Grenzen, und zu allem Unglück kamen noch weitere Krankheitssymptome hinzu.
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Liebglocke Minne, ohnehin von zarter Konstitution und noch nicht genesen, hatte nun auch noch die Tracht Prügel einstecken müssen und musste obendrein mit ansehen, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb. In seiner Reue und seinem Schmerz fand er keine Grenzen, und zu allem Unglück kamen noch weitere Krankheitssymptome hinzu.
  
 
Schatzjade war darüber so betrübt und verstört, als sei ihm selbst etwas Kostbares abhanden gekommen. Selbst die Nachricht von Ursprungsfrühlings [元春] Erhebung konnte seinen Kummer nicht vertreiben. Wie die Herzoginmutter sich bedankte, wie sie nach Hause zurückkehrten, wie die Verwandten und Freunde gratulierten, wie es im Ning-Guo-Haus und im Rong-Guo-Haus in diesen Tagen zuging, wie alle Welt sich freute — für ihn allein schien das alles nicht zu existieren, er beachtete es mit keinem Blick. Darum spotteten die Leute, er werde immer stumpfsinniger.
 
Schatzjade war darüber so betrübt und verstört, als sei ihm selbst etwas Kostbares abhanden gekommen. Selbst die Nachricht von Ursprungsfrühlings [元春] Erhebung konnte seinen Kummer nicht vertreiben. Wie die Herzoginmutter sich bedankte, wie sie nach Hause zurückkehrten, wie die Verwandten und Freunde gratulierten, wie es im Ning-Guo-Haus und im Rong-Guo-Haus in diesen Tagen zuging, wie alle Welt sich freute — für ihn allein schien das alles nicht zu existieren, er beachtete es mit keinem Blick. Darum spotteten die Leute, er werde immer stumpfsinniger.
  
Zum Glück kehrten nun Kaufmann Kette<ref>Kaufmann Kette (贾琏, Jiǎ Liǎn) – Neffe von Kaufmann Aufrecht, Ehemann von Phönixglanz.</ref> [贾琏] und Kajaljade<ref>Kajaljade (林黛玉, Lín Dàiyù) – Cousine und Seelenverwandte von Schatzjade, Tochter des verstorbenen Lin Ruhai.</ref> [林黛玉] zurück. Sie schickten einen Boten voraus, der meldete, sie würden am nächsten Tag eintreffen. Als Schatzjade das hörte, hellte sich seine Stimmung ein wenig auf. Er erkundigte sich nach den Einzelheiten und erfuhr, dass auch Jia Yucun [贾雨村] in die Hauptstadt komme, um vom Kaiser in Audienz empfangen zu werden. Dies hatte Wang Ziteng [王子腾] durch mehrere Throneingaben, in denen er sich für Jia Yucun verwendete, bewirkt. Dieser reiste nun an, um in der Hauptstadt einen vakanten Posten zu übernehmen. Als entfernter Verwandter von Kaufmann Kette und als ehemaliger Lehrer von Kajaljade reiste er zusammen mit ihnen.
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Zum Glück kehrten nun Kette Kaufmann<ref>Kette Kaufmann (贾琏, Jiǎ Liǎn) – Neffe von Aufrecht Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.</ref> [贾琏] und Kajaljade<ref>Kajaljade (林黛玉, Lín Dàiyù) – Cousine und Seelenverwandte von Schatzjade, Tochter des verstorbenen Ozeangleich Wald.</ref> [林黛玉] zurück. Sie schickten einen Boten voraus, der meldete, sie würden am nächsten Tag eintreffen. Als Schatzjade das hörte, hellte sich seine Stimmung ein wenig auf. Er erkundigte sich nach den Einzelheiten und erfuhr, dass auch Jia Regendorf [贾雨村] in die Hauptstadt komme, um vom Kaiser in Audienz empfangen zu werden. Dies hatte König Ziteng [王子腾] durch mehrere Throneingaben, in denen er sich für Jia Regendorf verwendete, bewirkt. Dieser reiste nun an, um in der Hauptstadt einen vakanten Posten zu übernehmen. Als entfernter Verwandter von Kette Kaufmann und als ehemaliger Lehrer von Kajaljade reiste er zusammen mit ihnen.
  
Lin Ruhai [林如海] war bereits im Familiengrab beigesetzt worden. Erst nachdem alle Angelegenheiten geregelt waren, hatte Kaufmann Kette sich auf den Heimweg in die Hauptstadt gemacht. Eigentlich hätte er erst im folgenden Monat eintreffen sollen, doch als er die frohe Kunde von Ursprungsfrühlings Erhebung vernahm, reiste er Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Alle waren wohlauf.
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Ozeangleich Wald [林如海] war bereits im Familiengrab beigesetzt worden. Erst nachdem alle Angelegenheiten geregelt waren, hatte Kette Kaufmann sich auf den Heimweg in die Hauptstadt gemacht. Eigentlich hätte er erst im folgenden Monat eintreffen sollen, doch als er die frohe Kunde von Ursprungsfrühlings Erhebung vernahm, reiste er Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Alle waren wohlauf.
  
 
Schatzjade hörte nur das Wort „wohlauf“ in Bezug auf Kajaljade — alles andere interessierte ihn nicht im Geringsten.
 
Schatzjade hörte nur das Wort „wohlauf“ in Bezug auf Kajaljade — alles andere interessierte ihn nicht im Geringsten.
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Als sie sich wiedersahen, mischten sich Kummer und Freude, und natürlich flossen manche Tränen. Dann tauschten sie die gebührenden Glückwünsche aus. Schatzjade musterte Kajaljade still für sich und fand, dass sie sich noch mehr entfaltet hatte — noch erhabener und anmutiger war sie geworden.
 
Als sie sich wiedersahen, mischten sich Kummer und Freude, und natürlich flossen manche Tränen. Dann tauschten sie die gebührenden Glückwünsche aus. Schatzjade musterte Kajaljade still für sich und fand, dass sie sich noch mehr entfaltet hatte — noch erhabener und anmutiger war sie geworden.
  
Kajaljade hatte viele Bücher mitgebracht. Eilig ließ sie ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Habseligkeiten unter. Dann verteilte sie Pinsel, Papier und ähnliche Mitbringsel an Schatzspange<ref>Schatzspange (薛宝钗, Xuē Bǎochāi) – Cousine von Schatzjade, Tochter von Tante Schnee, bekannt für ihre Klugheit und Besonnenheit.</ref> [薛宝钗], Yingchun, Schatzjade und die anderen. Daraufhin holte Schatzjade feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzen-Duftholzperlen hervor, die ihm der Prinz von Bei-Jing geschenkt hatte, und wollte sie Kajaljade zum Geschenk machen.
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Kajaljade hatte viele Bücher mitgebracht. Eilig ließ sie ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Habseligkeiten unter. Dann verteilte sie Pinsel, Papier und ähnliche Mitbringsel an Schatzspange<ref>Schatzspange (薛宝钗, Xuē Bǎochāi) – Cousine von Schatzjade, Tochter von Tante Schnee, bekannt für ihre Klugheit und Besonnenheit.</ref> [薛宝钗], Willkommensfrühling, Schatzjade und die anderen. Daraufhin holte Schatzjade feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzen-Duftholzperlen hervor, die ihm der Prinz von Bei-Jing geschenkt hatte, und wollte sie Kajaljade zum Geschenk machen.
  
 
Doch Kajaljade sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat — so etwas will ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin und weigerte sich, sie anzunehmen. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Einstweilen ist davon nicht weiter die Rede.
 
Doch Kajaljade sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat — so etwas will ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin und weigerte sich, sie anzunehmen. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Einstweilen ist davon nicht weiter die Rede.
  
Erzählen wir stattdessen, wie Kaufmann Kette nach seiner Rückkehr alle Familienangehörigen begrüßte und sich dann in seine eigenen Räume zurückzog. Phönixglanz hatte gerade in diesen Tagen alle Hände voll zu tun und keinen freien Augenblick, doch da ihr Mann von seiner weiten Reise zurückkehrte, nahm sie sich selbstverständlich die Zeit, ihn zu empfangen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd:
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Erzählen wir stattdessen, wie Kette Kaufmann nach seiner Rückkehr alle Familienangehörigen begrüßte und sich dann in seine eigenen Räume zurückzog. Phönixglanz hatte gerade in diesen Tagen alle Hände voll zu tun und keinen freien Augenblick, doch da ihr Mann von seiner weiten Reise zurückkehrte, nahm sie sich selbstverständlich die Zeit, ihn zu empfangen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd:
  
 
„Dem Herrn kaiserlichen Schwager meinen herzlichsten Glückwunsch! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch den ersten Meldereiter erfuhr, dass Euer erhabener Wagen heute zurückkehrt, habe ich eine Schale wässrigen Wein bereiten lassen, auf dass Ihr den Staub des Weges herunterspülen möget. Wollen der gnädige Herr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“
 
„Dem Herrn kaiserlichen Schwager meinen herzlichsten Glückwunsch! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch den ersten Meldereiter erfuhr, dass Euer erhabener Wagen heute zurückkehrt, habe ich eine Schale wässrigen Wein bereiten lassen, auf dass Ihr den Staub des Weges herunterspülen möget. Wollen der gnädige Herr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“
  
Kaufmann Kette ging lachend auf den Scherz ein: „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“
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Kette Kaufmann ging lachend auf den Scherz ein: „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“
  
Daraufhin trat Friedchen<ref>Friedchen (平儿, Píng'ér) – Erste Kammerzofe und Vertraute von Phönixglanz, Nebenfrau von Kaufmann Kette.</ref> [平儿] zusammen mit den anderen Dienstmädchen ein, um ihre Begrüßung auszusprechen, und Tee wurde gereicht. Kaufmann Kette erkundigte sich nach allem, was sich seit seiner Abreise zu Hause zugetragen hatte, und dankte Phönixglanz für die Mühe, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte.
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Daraufhin trat Friedchen<ref>Friedchen (平儿, Píng'ér) – Erste Kammerzofe und Vertraute von Phönixglanz, Nebenfrau von Kette Kaufmann.</ref> [平儿] zusammen mit den anderen Dienstmädchen ein, um ihre Begrüßung auszusprechen, und Tee wurde gereicht. Kette Kaufmann erkundigte sich nach allem, was sich seit seiner Abreise zu Hause zugetragen hatte, und dankte Phönixglanz für die Mühe, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte.
  
 
Phönixglanz erwiderte: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, mein Mundwerk ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, halte ich jeden Knüppel für eine Nadel, wenn man ihn mir hinstreckt. Außerdem bin ich zu weichherzig — sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, schon kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Noch dazu hatte ich nie etwas Großes erlebt, und mein Mut ist gering. Wenn der gnädigen Frau auch nur die geringste Unpässlichkeit überkommt, bekomme ich gleich solch einen Schreck, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutun kann.
 
Phönixglanz erwiderte: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, mein Mundwerk ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, halte ich jeden Knüppel für eine Nadel, wenn man ihn mir hinstreckt. Außerdem bin ich zu weichherzig — sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, schon kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Noch dazu hatte ich nie etwas Großes erlebt, und mein Mut ist gering. Wenn der gnädigen Frau auch nur die geringste Unpässlichkeit überkommt, bekomme ich gleich solch einen Schreck, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutun kann.
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Du kennst ja selbst unsere verantwortlichen Hausdamen — mit welcher von ihnen ist leicht auszukommen? Beim kleinsten Fehler lachen sie einen aus, bei der geringsten Bevorzugung beschweren sie sich, indem sie auf den Maulbeerbaum schimpfen und den Schnurbaum meinen. [Anm.: 指桑骂槐, chinesisches Sprichwort: Man schimpft auf den einen, meint aber den anderen.] Vom sicheren Berg aus den kämpfenden Tigern zuschauen, mit geborgtem Schwert töten, den Wind ins lodernde Feuer leiten, stets am trockenen Ufer stehen und den umgekippten Ölkrug nicht aufheben — das sind die Kriegskünste, die sie beherrschen, und zwar alle auf einmal!
 
Du kennst ja selbst unsere verantwortlichen Hausdamen — mit welcher von ihnen ist leicht auszukommen? Beim kleinsten Fehler lachen sie einen aus, bei der geringsten Bevorzugung beschweren sie sich, indem sie auf den Maulbeerbaum schimpfen und den Schnurbaum meinen. [Anm.: 指桑骂槐, chinesisches Sprichwort: Man schimpft auf den einen, meint aber den anderen.] Vom sicheren Berg aus den kämpfenden Tigern zuschauen, mit geborgtem Schwert töten, den Wind ins lodernde Feuer leiten, stets am trockenen Ufer stehen und den umgekippten Ölkrug nicht aufheben — das sind die Kriegskünste, die sie beherrschen, und zwar alle auf einmal!
  
Überdies bin ich noch zu jung und kann mich nicht richtig durchsetzen — kein Wunder, dass sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-Guo-Haus plötzlich Hibiskus' Frau starb und Kaufmann Juwel höchstpersönlich die gnädige Frau wieder und wieder auf Knien bat, sie möge mich für ein paar Tage dort aushelfen lassen. Ich habe immer wieder abgelehnt, doch die gnädige Frau wollte nichts davon wissen, also musste ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet — ganz und gar nicht standesgemäß! Kaufmann Juwel grollt deswegen noch heute und bereut es, mich darum gebeten zu haben.
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Überdies bin ich noch zu jung und kann mich nicht richtig durchsetzen — kein Wunder, dass sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-Guo-Haus plötzlich Hibiskus' Frau starb und Herrlichkeit Kaufmann höchstpersönlich die gnädige Frau wieder und wieder auf Knien bat, sie möge mich für ein paar Tage dort aushelfen lassen. Ich habe immer wieder abgelehnt, doch die gnädige Frau wollte nichts davon wissen, also musste ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet — ganz und gar nicht standesgemäß! Herrlichkeit Kaufmann grollt deswegen noch heute und bereut es, mich darum gebeten zu haben.
  
 
Jetzt, da du zurück bist, musst du unbedingt bei ihm alles geradebiegen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und wer hätte ihn auch auf den Gedanken gebracht, eine solch falsche Wahl zu treffen!“
 
Jetzt, da du zurück bist, musst du unbedingt bei ihm alles geradebiegen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und wer hätte ihn auch auf den Gedanken gebracht, eine solch falsche Wahl zu treffen!“
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Während sie noch sprach, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören. Phönixglanz fragte: „Wer ist da?“
 
Während sie noch sprach, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören. Phönixglanz fragte: „Wer ist da?“
  
Friedchen kam herein und berichtete: „Tante Schnee hat Schwester Xiangling [香菱] hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie wieder zurückgeschickt.“
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Friedchen kam herein und berichtete: „Tante Schnee hat Schwester Duftkastanie [香菱] hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie wieder zurückgeschickt.“
  
Kaufmann Kette sagte lächelnd: „Apropos — als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich unversehens auf eine blutjunge Frau, die wirklich bildschön war. Ich dachte mir, die kann doch nicht zu unserer Familie gehören. Im Gespräch fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, dass es jenes kleine Mädchen war, das sie damals in der Hauptstadt gekauft hatten — Xiangling heißt sie. Der Xue-Trottel [Anm.: 薛大傻子, gemeint ist Xue Pan (薛蟠), Schatzspanges älterer Bruder, ein rüpelhafter junger Mann.] hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht. Seitdem sie sich das Gesicht zupft und schminkt [Anm.: 开了脸, das Zupfen der Gesichtsbehaarung — ein Zeichen, dass eine Frau von der Jungfrau zur Ehefrau/Konkubine übergeht.], ist sie erst richtig aufgeblüht! Der Xue-Trottel besudelt sie wahrhaftig mit seiner Gegenwart.“
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Kette Kaufmann sagte lächelnd: „Apropos — als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich unversehens auf eine blutjunge Frau, die wirklich bildschön war. Ich dachte mir, die kann doch nicht zu unserer Familie gehören. Im Gespräch fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, dass es jenes kleine Mädchen war, das sie damals in der Hauptstadt gekauft hatten — Duftkastanie heißt sie. Der Xue-Trottel [Anm.: 薛大傻子, gemeint ist Becken Schnee (薛蟠), Schatzspanges älterer Bruder, ein rüpelhafter junger Mann.] hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht. Seitdem sie sich das Gesicht zupft und schminkt [Anm.: 开了脸, das Zupfen der Gesichtsbehaarung — ein Zeichen, dass eine Frau von der Jungfrau zur Ehefrau/Konkubine übergeht.], ist sie erst richtig aufgeblüht! Der Xue-Trottel besudelt sie wahrhaftig mit seiner Gegenwart.“
  
Phönixglanz erwiderte: „Schau mal an! Da kommst du gerade aus Suzhou und Hangzhou zurück und solltest etwas von der Welt gesehen haben, aber deine Gier ist immer noch die alte — Augen größer als der Magen! Wenn du sie magst, ist das doch kein Problem. Ich tausche sie einfach gegen Friedchen ein — wie wäre das? Dieser junge Xue ist doch auch so ein Gierschlund — ‚er isst aus der Schüssel und schielt schon nach dem Topf‘. Was hat er nicht alles im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich Xiangling zu bekommen!
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Phönixglanz erwiderte: „Schau mal an! Da kommst du gerade aus Suzhou und Hangzhou zurück und solltest etwas von der Welt gesehen haben, aber deine Gier ist immer noch die alte — Augen größer als der Magen! Wenn du sie magst, ist das doch kein Problem. Ich tausche sie einfach gegen Friedchen ein — wie wäre das? Dieser junge Xue ist doch auch so ein Gierschlund — ‚er isst aus der Schüssel und schielt schon nach dem Topf‘. Was hat er nicht alles im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich Duftkastanie zu bekommen!
  
Dass die Tante Xiangling hübsch fand, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, dass sich Xiangling durch ihr Benehmen von den anderen Mädchen unterschied: so sanft und still, dass ihr die meisten jungen Damen aus herrschaftlichen Häusern kaum gleichkamen. Deshalb hat die Tante sich auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen und sie ihm ordnungsgemäß zur Nebenfrau zu geben. Doch kaum war ein halber Monat vergangen, beachtete er sie nicht mehr als Stallgeruch. Das Herz kann einem weh tun, wenn man nur davon spricht!“
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Dass die Tante Duftkastanie hübsch fand, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, dass sich Duftkastanie durch ihr Benehmen von den anderen Mädchen unterschied: so sanft und still, dass ihr die meisten jungen Damen aus herrschaftlichen Häusern kaum gleichkamen. Deshalb hat die Tante sich auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen und sie ihm ordnungsgemäß zur Nebenfrau zu geben. Doch kaum war ein halber Monat vergangen, beachtete er sie nicht mehr als Stallgeruch. Das Herz kann einem weh tun, wenn man nur davon spricht!“
  
Gerade als sie das sagte, kam ein Sklavenjunge vom inneren Tor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn Kette in der großen Bibliothek!“ Kaufmann Kette ordnete hastig seine Kleider und ging hinaus.
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Gerade als sie das sagte, kam ein Sklavenjunge vom inneren Tor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn Kette in der großen Bibliothek!“ Kette Kaufmann ordnete hastig seine Kleider und ging hinaus.
  
Hier aber erkundigte sich Phönixglanz bei Friedchen: „Was wollte die Tante eigentlich, dass sie extra Xiangling herschickte?“
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Hier aber erkundigte sich Phönixglanz bei Friedchen: „Was wollte die Tante eigentlich, dass sie extra Duftkastanie herschickte?“
  
Friedchen antwortete lächelnd: „Das war gar nicht Xiangling — ihr Name musste nur für eine kleine Notlüge herhalten! Gnädige Frau, Wangers Frau wird wirklich immer unvorsichtiger!“ Damit trat sie näher an Phönixglanz heran und fuhr leise fort:
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Friedchen antwortete lächelnd: „Das war gar nicht Duftkastanie — ihr Name musste nur für eine kleine Notlüge herhalten! Gnädige Frau, Wangers Frau wird wirklich immer unvorsichtiger!“ Damit trat sie näher an Phönixglanz heran und fuhr leise fort:
  
 
„Die Zinsen, die Ihr zu bekommen habt — erst konnte und konnte sie das Silber nicht bringen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, muss sie es herüberschaffen! Ein Glück, dass ich sie draußen in der Halle abgefangen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch direkt gebracht. Wenn der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen seien, hättet Ihr ihn doch nicht anschwindeln wollen und hättet ihm wohl oder übel die Wahrheit gesagt.
 
„Die Zinsen, die Ihr zu bekommen habt — erst konnte und konnte sie das Silber nicht bringen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, muss sie es herüberschaffen! Ein Glück, dass ich sie draußen in der Halle abgefangen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch direkt gebracht. Wenn der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen seien, hättet Ihr ihn doch nicht anschwindeln wollen und hättet ihm wohl oder übel die Wahrheit gesagt.
  
Aber Ihr kennt doch unseren jungen Herrn — der ist imstande, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen! Hätte er gehört, dass Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es seelenruhig verbrauchen. Deshalb habe ich sie rasch abgefangen und ihr ein paar deutliche Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, dass Ihr das hören würdet — als Ihr dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Xiangling gewesen.“
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Aber Ihr kennt doch unseren jungen Herrn — der ist imstande, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen! Hätte er gehört, dass Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es seelenruhig verbrauchen. Deshalb habe ich sie rasch abgefangen und ihr ein paar deutliche Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, dass Ihr das hören würdet — als Ihr dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Duftkastanie gewesen.“
  
 
Phönixglanz lachte: „Und ich habe mich gewundert — wie kann die Tante, die doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist, plötzlich ausgerechnet ‚eine aus den inneren Gemächern‘ herschicken? Dabei warst du es, du kleines Schlitzohr, die diesen Streich ausgeheckt hat!“
 
Phönixglanz lachte: „Und ich habe mich gewundert — wie kann die Tante, die doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist, plötzlich ausgerechnet ‚eine aus den inneren Gemächern‘ herschicken? Dabei warst du es, du kleines Schlitzohr, die diesen Streich ausgeheckt hat!“
  
Während sie noch sprachen, kam Kaufmann Kette zurück. Phönixglanz befahl, Wein und Speisen aufzutragen, und die Ehegatten nahmen einander gegenüber Platz. Obwohl Phönixglanz durchaus trinken konnte, wagte sie es nicht, sich gehen zu lassen, und trank nur in Gesellschaft ihres Mannes mit.
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Während sie noch sprachen, kam Kette Kaufmann zurück. Phönixglanz befahl, Wein und Speisen aufzutragen, und die Ehegatten nahmen einander gegenüber Platz. Obwohl Phönixglanz durchaus trinken konnte, wagte sie es nicht, sich gehen zu lassen, und trank nur in Gesellschaft ihres Mannes mit.
  
Bald darauf kam Kaufmann Kettes Amme, die alte Zhao [赵嬤嬤], herein. Kaufmann Kette und Phönixglanz luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, zu ihnen auf den Kang zu steigen. Doch die Amme weigerte sich beharrlich. Friedchen und die anderen Mädchen hatten bereits einen Hocker und einen kleinen Fußschemel vor dem Kang bereitgestellt. Die Amme Zhao nahm auf dem Fußschemel Platz, und Kaufmann Kette suchte zwei Teller mit Leckerbissen vom Tisch und stellte sie ihr auf den Hocker.
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Bald darauf kam Kette Kaufmanns Amme, die alte Zhao [赵嬤嬤], herein. Kette Kaufmann und Phönixglanz luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, zu ihnen auf den Kang zu steigen. Doch die Amme weigerte sich beharrlich. Friedchen und die anderen Mädchen hatten bereits einen Hocker und einen kleinen Fußschemel vor dem Kang bereitgestellt. Die Amme Zhao nahm auf dem Fußschemel Platz, und Kette Kaufmann suchte zwei Teller mit Leckerbissen vom Tisch und stellte sie ihr auf den Hocker.
  
 
Doch Phönixglanz sagte: „Die Mutter kann doch so harte Sachen nicht kauen! Willst du ihr die Zähne kaputtmachen?“ Dann wandte sie sich an Friedchen: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute Morgen sprachen — das war doch ganz zart und butterweich, genau das Richtige für die Mutter. Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und zur Amme gewandt: „Mutter, koste einmal von dem Huiquan-Wein [Anm.: 惠泉酒, ein berühmter Wein aus Wuxi.], den dein Junge mitgebracht hat!“
 
Doch Phönixglanz sagte: „Die Mutter kann doch so harte Sachen nicht kauen! Willst du ihr die Zähne kaputtmachen?“ Dann wandte sie sich an Friedchen: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute Morgen sprachen — das war doch ganz zart und butterweich, genau das Richtige für die Mutter. Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und zur Amme gewandt: „Mutter, koste einmal von dem Huiquan-Wein [Anm.: 惠泉酒, ein berühmter Wein aus Wuxi.], den dein Junge mitgebracht hat!“
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Die Amme lachte: „Die gnädige junge Frau hat so recht von Herzensgrund gesprochen, dass mir ganz fröhlich zumute wird. Da trinke ich gleich noch einen guten Becher! Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“
 
Die Amme lachte: „Die gnädige junge Frau hat so recht von Herzensgrund gesprochen, dass mir ganz fröhlich zumute wird. Da trinke ich gleich noch einen guten Becher! Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“
  
Kaufmann Kette war das alles äußerst peinlich. Er lächelte nur verlegen vor sich hin, trank seinen Wein und murmelte: „Unsinn!“ Dann sagte er: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale essen und dann zu Kaufmann Juwel hinübergehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“
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Kette Kaufmann war das alles äußerst peinlich. Er lächelte nur verlegen vor sich hin, trank seinen Wein und murmelte: „Unsinn!“ Dann sagte er: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale essen und dann zu Herrlichkeit Kaufmann hinübergehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“
  
 
Phönixglanz sagte: „Vergiss nur nicht das Wichtigste! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“
 
Phönixglanz sagte: „Vergiss nur nicht das Wichtigste! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“
  
Kaufmann Kette antwortete: „Den Besuch betreffend.“
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Kette Kaufmann antwortete: „Den Besuch betreffend.“
  
 
Phönixglanz fragte hastig: „Dann ist der Familienbesuch also wirklich genehmigt?“
 
Phönixglanz fragte hastig: „Dann ist der Familienbesuch also wirklich genehmigt?“
  
Kaufmann Kette erwiderte lächelnd: „Zwar noch nicht ganz sicher, aber zu acht Zehnteln steht es fest.“
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Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Zwar noch nicht ganz sicher, aber zu acht Zehnteln steht es fest.“
  
 
Phönixglanz sagte strahlend: „Da sieht man die unermessliche Gnade unseres Kaisers! Aus Geschichten und Theaterstücken weiß ich, dass es so etwas in alter Zeit nie gegeben hat.“
 
Phönixglanz sagte strahlend: „Da sieht man die unermessliche Gnade unseres Kaisers! Aus Geschichten und Theaterstücken weiß ich, dass es so etwas in alter Zeit nie gegeben hat.“
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Die Amme Zhao schaltete sich ein: „Ja, wahrhaftig! Ich Alte werde schon ganz wirr im Kopf. In den letzten Tagen höre ich überall, hoch und niedrig, davon reden — Familienbesuch hin, Familienbesuch her —, aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Jetzt ist wieder davon die Rede — was hat es eigentlich damit auf sich?“
 
Die Amme Zhao schaltete sich ein: „Ja, wahrhaftig! Ich Alte werde schon ganz wirr im Kopf. In den letzten Tagen höre ich überall, hoch und niedrig, davon reden — Familienbesuch hin, Familienbesuch her —, aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Jetzt ist wieder davon die Rede — was hat es eigentlich damit auf sich?“
  
Kaufmann Kette erklärte: „Unser jetziger Kaiser fühlt mit den Herzen aller Menschen. Es gibt auf der Welt nichts Höheres als die kindliche Ehrerbietung, und die Gefühle zwischen Eltern und Kindern kennen keinen Unterschied zwischen Vornehm und Gering. Der Kaiser selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seines kaiserlichen Vaters [Anm.: 太上皇, der abgedankte Kaiser.] und seiner kaiserlichen Mutter besorgt, und doch hat er das Gefühl, seine kindliche Pflicht noch nicht vollständig erfüllt zu haben. Da er bemerkte, dass seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und ihre Eltern weder sehen noch hören, Sehnsucht empfinden müssen — was nur natürlich ist, denn Kinder vermissen ihre Eltern, und ebenso müssen Eltern, wenn sie daheim sitzen und an ihre Kinder denken, die sie nicht sehen können, möglicherweise krank werden oder gar sterben, weil sie durch kaiserliche Einschränkung gehindert werden, den Wünschen der natürlichen Familienbeziehungen zu folgen, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde —
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Kette Kaufmann erklärte: „Unser jetziger Kaiser fühlt mit den Herzen aller Menschen. Es gibt auf der Welt nichts Höheres als die kindliche Ehrerbietung, und die Gefühle zwischen Eltern und Kindern kennen keinen Unterschied zwischen Vornehm und Gering. Der Kaiser selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seines kaiserlichen Vaters [Anm.: 太上皇, der abgedankte Kaiser.] und seiner kaiserlichen Mutter besorgt, und doch hat er das Gefühl, seine kindliche Pflicht noch nicht vollständig erfüllt zu haben. Da er bemerkte, dass seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und ihre Eltern weder sehen noch hören, Sehnsucht empfinden müssen — was nur natürlich ist, denn Kinder vermissen ihre Eltern, und ebenso müssen Eltern, wenn sie daheim sitzen und an ihre Kinder denken, die sie nicht sehen können, möglicherweise krank werden oder gar sterben, weil sie durch kaiserliche Einschränkung gehindert werden, den Wünschen der natürlichen Familienbeziehungen zu folgen, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde —
  
 
deshalb hat der Kaiser eine Eingabe an seinen kaiserlichen Vater und seine kaiserliche Mutter gerichtet und gebeten, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, an jedem zweiten und sechsten Tag des Monats in den Palast zu kommen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern überaus erfreut und lobten den Kaiser von Herzen als überaus pietätvoll und menschenfreundlich, als einen, der den Willen des Himmels begreife und die Natur der Dinge erfasse.
 
deshalb hat der Kaiser eine Eingabe an seinen kaiserlichen Vater und seine kaiserliche Mutter gerichtet und gebeten, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, an jedem zweiten und sechsten Tag des Monats in den Palast zu kommen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern überaus erfreut und lobten den Kaiser von Herzen als überaus pietätvoll und menschenfreundlich, als einen, der den Willen des Himmels begreife und die Natur der Dinge erfasse.
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Die Amme Zhao rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Dann müssen wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“
 
Die Amme Zhao rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Dann müssen wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“
  
Kaufmann Kette sagte: „Das versteht sich doch! Wozu sonst die ganze Aufregung?“
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Kette Kaufmann sagte: „Das versteht sich doch! Wozu sonst die ganze Aufregung?“
  
 
Phönixglanz sagte lächelnd: „Wenn das wirklich wahr wird, bekomme ich endlich ein Stück von der großen Welt zu sehen! Nur schade, dass ich ein paar Jährchen zu jung bin. Wäre ich zwanzig, dreißig Jahre früher geboren, könnten die alten Herrschaften nicht verächtlich auf mich herabblicken, weil ich nichts erlebt hätte! Wenn man von den Inspektionsreisen des Dynastiegründers erzählt, der es dem alten Kaiser Shun [Anm.: 舜, legendärer Herrscher des chinesischen Altertums, bekannt für seine Inspektionsreisen.] gleichtat — das ist aufregender als jedes Buch! Leider war es mir nicht vergönnt, das mitzuerleben!“
 
Phönixglanz sagte lächelnd: „Wenn das wirklich wahr wird, bekomme ich endlich ein Stück von der großen Welt zu sehen! Nur schade, dass ich ein paar Jährchen zu jung bin. Wäre ich zwanzig, dreißig Jahre früher geboren, könnten die alten Herrschaften nicht verächtlich auf mich herabblicken, weil ich nichts erlebt hätte! Wenn man von den Inspektionsreisen des Dynastiegründers erzählt, der es dem alten Kaiser Shun [Anm.: 舜, legendärer Herrscher des chinesischen Altertums, bekannt für seine Inspektionsreisen.] gleichtat — das ist aufregender als jedes Buch! Leider war es mir nicht vergönnt, das mitzuerleben!“
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Die Amme Zhao antwortete: „Das will ich Euch mit einem Satz erklären, gnädige junge Frau: Sie haben doch nur das Geld des Kaisers für den Kaiser ausgegeben! Wer sonst hätte das Vermögen, so einen nichtigen Prunk zu bezahlen?“
 
Die Amme Zhao antwortete: „Das will ich Euch mit einem Satz erklären, gnädige junge Frau: Sie haben doch nur das Geld des Kaisers für den Kaiser ausgegeben! Wer sonst hätte das Vermögen, so einen nichtigen Prunk zu bezahlen?“
  
Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame Wang, um nachzusehen, ob Phönixglanz schon gegessen habe. Daraus schloss Phönixglanz, dass es etwas für sie zu tun gab. Hastig aß sie eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte gerade gehen, als ein Sklavenjunge vom inneren Tor kam und meldete: „Die beiden jungen Herren Hibiskus und Qiang aus dem Ostanwesen sind da.“
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Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame König, um nachzusehen, ob Phönixglanz schon gegessen habe. Daraus schloss Phönixglanz, dass es etwas für sie zu tun gab. Hastig aß sie eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte gerade gehen, als ein Sklavenjunge vom inneren Tor kam und meldete: „Die beiden jungen Herren Hibiskus und Qiang aus dem Ostanwesen sind da.“
  
Kaufmann Kette hatte sich gerade den Mund gespült. Friedchen hielt ihm ein Becken zum Händewaschen hin. Als er die beiden eintreten sah, fragte er: „Was gibt es? Sagt es nur rasch!“
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Kette Kaufmann hatte sich gerade den Mund gespült. Friedchen hielt ihm ein Becken zum Händewaschen hin. Als er die beiden eintreten sah, fragte er: „Was gibt es? Sagt es nur rasch!“
  
 
Phönixglanz blieb stehen und wartete ab, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten.
 
Phönixglanz blieb stehen und wartete ab, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten.
  
Kaufmann Hibiskus [贾蓉] nahm als Erster das Wort: „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden: Die alten gnädigen Herren haben sich bereits geeinigt. Vom östlichen Gelände aus, unter Einbeziehung des Gartens unseres Ostanwesens, soll es nach Norden gehen. Insgesamt wurden dreieinhalb Li vermessen — das reicht aus, um den Besuchshof [Anm.: 省亲别院, ein eigens erbautes Anwesen, in dem die kaiserliche Nebenfrau ihre Familie besucht.] zu errichten. Die Zeichnung ist bereits in Auftrag gegeben und wird morgen fertig sein. Da der Onkel gerade erst von der Reise zurück und sicherlich müde ist, braucht er heute nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu erörtern.“
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Hibiskus Kaufmann [贾蓉] nahm als Erster das Wort: „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden: Die alten gnädigen Herren haben sich bereits geeinigt. Vom östlichen Gelände aus, unter Einbeziehung des Gartens unseres Ostanwesens, soll es nach Norden gehen. Insgesamt wurden dreieinhalb Li vermessen — das reicht aus, um den Besuchshof [Anm.: 省亲别院, ein eigens erbautes Anwesen, in dem die kaiserliche Nebenfrau ihre Familie besucht.] zu errichten. Die Zeichnung ist bereits in Auftrag gegeben und wird morgen fertig sein. Da der Onkel gerade erst von der Reise zurück und sicherlich müde ist, braucht er heute nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu erörtern.“
  
Kaufmann Kette erwiderte rasch lächelnd: „Ich lasse dem gnädigen Herrn meinen besten Dank für seine Rücksichtnahme ausrichten. Dann komme ich heute nicht mehr hinüber. Der Plan ist wirklich vorzüglich — so wird der Bau auch leichter auszuführen sein! Wollte man andernorts ein Gelände suchen, würde alles viel umständlicher, und es käme trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus. Sag dem gnädigen Herrn, es sei ausgezeichnet so. Und sollten die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollen, verlasse ich mich ganz darauf, dass der gnädige Herr sie davon abbringt. Es darf auf keinen Fall ein anderes Gelände ausgesucht werden! Morgen komme ich in aller Frühe, um meine Aufwartung zu machen, und dann besprechen wir alles im Einzelnen.“
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Kette Kaufmann erwiderte rasch lächelnd: „Ich lasse dem gnädigen Herrn meinen besten Dank für seine Rücksichtnahme ausrichten. Dann komme ich heute nicht mehr hinüber. Der Plan ist wirklich vorzüglich — so wird der Bau auch leichter auszuführen sein! Wollte man andernorts ein Gelände suchen, würde alles viel umständlicher, und es käme trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus. Sag dem gnädigen Herrn, es sei ausgezeichnet so. Und sollten die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollen, verlasse ich mich ganz darauf, dass der gnädige Herr sie davon abbringt. Es darf auf keinen Fall ein anderes Gelände ausgesucht werden! Morgen komme ich in aller Frühe, um meine Aufwartung zu machen, und dann besprechen wir alles im Einzelnen.“
  
Kaufmann Hibiskus antwortete hastig: „Jawohl! Jawohl!“
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Hibiskus Kaufmann antwortete hastig: „Jawohl! Jawohl!“
  
Nun trat Kaufmann Qiang [贾蔷] vor und sagte: „Der gnädige Herr hat mich bestimmt, nach Gusu zu reisen, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen und Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Er hat mir die beiden Söhne des Verwalters Lai anvertraut, und außerdem fahren die beiden Protegés Shan Pinren [单聘仁, wörtlich: „der Einfältige“] und Bu Guxiu [卜固修, wörtlich: „der Pflaster-Flickschuster“] [Anm.: Die sprechenden Namen dieser Schützlinge deuten auf zweifelhafte Charaktere hin.] mit. Deshalb sollte ich mich beim Onkel melden.“
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Nun trat Qiang Kaufmann [贾蔷] vor und sagte: „Der gnädige Herr hat mich bestimmt, nach Gusu zu reisen, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen und Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Er hat mir die beiden Söhne des Verwalters Lai anvertraut, und außerdem fahren die beiden Protegés Shan Pinren [单聘仁, wörtlich: „der Einfältige“] und Bu Guxiu [卜固修, wörtlich: „der Pflaster-Flickschuster“] [Anm.: Die sprechenden Namen dieser Schützlinge deuten auf zweifelhafte Charaktere hin.] mit. Deshalb sollte ich mich beim Onkel melden.“
  
Kaufmann Kette hörte das, musterte Kaufmann Qiang von oben bis unten, dann sagte er lächelnd: „Verstehst du dich überhaupt darauf? Die Sache ist zwar nicht riesig, aber es stecken eine Menge Kniffe und versteckte Tücken darin.“
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Kette Kaufmann hörte das, musterte Qiang Kaufmann von oben bis unten, dann sagte er lächelnd: „Verstehst du dich überhaupt darauf? Die Sache ist zwar nicht riesig, aber es stecken eine Menge Kniffe und versteckte Tücken darin.“
  
Kaufmann Qiang antwortete lächelnd: „Dann muss ich sie eben dabei lernen!“
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Qiang Kaufmann antwortete lächelnd: „Dann muss ich sie eben dabei lernen!“
  
Im Halbdunkel zupfte Kaufmann Hibiskus heimlich an Phönixglanz' Gewandsaum. Phönixglanz, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich sein Vater etwa nicht besser darauf, die richtigen Leute einzusetzen? Du fürchtest, er verstünde nichts von der Sache — aber wer versteht sich denn von Anfang an auf etwas? Die Kinder sind inzwischen groß genug. Wie man so sagt: ‚Selbst wer noch kein Schweinefleisch gegessen hat, hat doch ein Schwein laufen sehen.‘ Sein Vater schickt ihn ja nur als Repräsentanten mit — und nicht, damit er über Preise feilscht und Geschäfte abwickelt. Meiner Meinung nach ist er bestens geeignet.“
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Im Halbdunkel zupfte Hibiskus Kaufmann heimlich an Phönixglanz' Gewandsaum. Phönixglanz, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich sein Vater etwa nicht besser darauf, die richtigen Leute einzusetzen? Du fürchtest, er verstünde nichts von der Sache — aber wer versteht sich denn von Anfang an auf etwas? Die Kinder sind inzwischen groß genug. Wie man so sagt: ‚Selbst wer noch kein Schweinefleisch gegessen hat, hat doch ein Schwein laufen sehen.‘ Sein Vater schickt ihn ja nur als Repräsentanten mit — und nicht, damit er über Preise feilscht und Geschäfte abwickelt. Meiner Meinung nach ist er bestens geeignet.“
  
Kaufmann Kette stimmte zu: „Natürlich, das will ich ja gar nicht bestreiten. Ich mache mir trotzdem meine Gedanken.“ Dann fragte er: „Woher soll das Silber genommen werden, das man dafür braucht?“
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Kette Kaufmann stimmte zu: „Natürlich, das will ich ja gar nicht bestreiten. Ich mache mir trotzdem meine Gedanken.“ Dann fragte er: „Woher soll das Silber genommen werden, das man dafür braucht?“
  
Kaufmann Qiang berichtete: „Darüber ist auch schon gesprochen worden. Großvater Lai [Anm.: 赖爷爷, der älteste Verwalter des Hauses.] meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Familie Zhen [甄家] in Jiangnan hat noch fünfzigtausend Liang Silber von uns in Verwahrung. Morgen wird ein Brief mit einer Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen. Davon lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang auszahlen. Die übrigen zwanzigtausend bleiben dort und werden dann für den Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen, Vorhängen und Matten aller Art verwendet.“
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Qiang Kaufmann berichtete: „Darüber ist auch schon gesprochen worden. Großvater Lai [Anm.: 赖爷爷, der älteste Verwalter des Hauses.] meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Familie Echt [甄家] in Jiangnan hat noch fünfzigtausend Liang Silber von uns in Verwahrung. Morgen wird ein Brief mit einer Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen. Davon lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang auszahlen. Die übrigen zwanzigtausend bleiben dort und werden dann für den Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen, Vorhängen und Matten aller Art verwendet.“
  
Kaufmann Kette nickte: „Ein guter Plan.“
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Kette Kaufmann nickte: „Ein guter Plan.“
  
Phönixglanz wandte sich rasch an Kaufmann Qiang: „Wenn dem so ist — ich habe zwei kundige und zuverlässige Leute bei mir. Nimm sie mit, damit sie die Sachen erledigen. Damit hast du es bequemer!“
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Phönixglanz wandte sich rasch an Qiang Kaufmann: „Wenn dem so ist — ich habe zwei kundige und zuverlässige Leute bei mir. Nimm sie mit, damit sie die Sachen erledigen. Damit hast du es bequemer!“
  
Kaufmann Qiang antwortete eilig und lächelnd: „Eben wollte ich die Tante um zwei Leute bitten — wie gut das passt!“ Dann fragte er nach ihren Namen.
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Qiang Kaufmann antwortete eilig und lächelnd: „Eben wollte ich die Tante um zwei Leute bitten — wie gut das passt!“ Dann fragte er nach ihren Namen.
  
 
Phönixglanz wandte sich an die Amme Zhao. Doch diese hatte dem Gespräch wie gebannt zugehört und war völlig in Gedanken versunken. Friedchen musste sie lachend anstoßen, bevor sie zu sich kam und hastig sagte: „Der eine heißt Zhao Tianliang [赵天梁], der andere Zhao Tiandong [赵天棟].“
 
Phönixglanz wandte sich an die Amme Zhao. Doch diese hatte dem Gespräch wie gebannt zugehört und war völlig in Gedanken versunken. Friedchen musste sie lachend anstoßen, bevor sie zu sich kam und hastig sagte: „Der eine heißt Zhao Tianliang [赵天梁], der andere Zhao Tiandong [赵天棟].“
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Phönixglanz sagte: „Vergiss das nicht! Ich muss jetzt gehen.“ Damit trat sie hinaus.
 
Phönixglanz sagte: „Vergiss das nicht! Ich muss jetzt gehen.“ Damit trat sie hinaus.
  
Kaufmann Hibiskus folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise: „Wenn die Tante irgendwelche Dinge haben möchte, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Qiang, damit er alles mitbringt!“
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Hibiskus Kaufmann folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise: „Wenn die Tante irgendwelche Dinge haben möchte, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Qiang, damit er alles mitbringt!“
  
 
Phönixglanz lachte: „Red keinen Unsinn! Ich habe so viel Zeug, dass ich nicht weiß, wohin damit — als ob ich mir etwas daraus machte, was ihr mir heimlich herschleppt!“ Damit ließ sie ihn stehen und ging.
 
Phönixglanz lachte: „Red keinen Unsinn! Ich habe so viel Zeug, dass ich nicht weiß, wohin damit — als ob ich mir etwas daraus machte, was ihr mir heimlich herschleppt!“ Damit ließ sie ihn stehen und ging.
  
Drinnen erkundigte sich auch Kaufmann Qiang leise bei Kaufmann Kette: „Was möchte der Onkel haben? Ich bringe es als kleines Zeichen meiner Verehrung mit.“
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Drinnen erkundigte sich auch Qiang Kaufmann leise bei Kette Kaufmann: „Was möchte der Onkel haben? Ich bringe es als kleines Zeichen meiner Verehrung mit.“
  
Kaufmann Kette erwiderte lächelnd: „Nicht so voreilig! Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das Erste, was du lernst, sind diese faulen Tricks. Wenn ich etwas brauchen sollte, schreibe ich dir einen Brief. Vorläufig ist davon noch keine Rede.“ Damit schickte er die beiden fort.
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Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Nicht so voreilig! Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das Erste, was du lernst, sind diese faulen Tricks. Wenn ich etwas brauchen sollte, schreibe ich dir einen Brief. Vorläufig ist davon noch keine Rede.“ Damit schickte er die beiden fort.
  
Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten — nicht drei-, nicht viermal, sondern ein ums andere Mal. Schließlich war Kaufmann Kette so erschöpft, dass er am inneren Tor Bescheid geben ließ: Niemand dürfe mehr vorgelassen werden, alles habe Zeit bis morgen. Phönixglanz kam erst in der dritten Nachtwache [Anm.: 三更, ca. 23–01 Uhr.] zur Ruhe. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten.
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Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten — nicht drei-, nicht viermal, sondern ein ums andere Mal. Schließlich war Kette Kaufmann so erschöpft, dass er am inneren Tor Bescheid geben ließ: Niemand dürfe mehr vorgelassen werden, alles habe Zeit bis morgen. Phönixglanz kam erst in der dritten Nachtwache [Anm.: 三更, ca. 23–01 Uhr.] zur Ruhe. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten.
  
Am nächsten Morgen stand Kaufmann Kette auf, entbot Kaufmann Begnadigung und Kaufmann Aufrecht seinen Gruß und begab sich dann zum Ning-Guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen jüngeren Gelehrten aus befreundeten Familien besichtigte er sorgfältig das Gelände beider Anwesen, entwarf Zeichnungen für die zu errichtenden Gebäude und prüfte, wie viele Arbeitskräfte benötigt würden.
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Am nächsten Morgen stand Kette Kaufmann auf, entbot Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann seinen Gruß und begab sich dann zum Ning-Guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen jüngeren Gelehrten aus befreundeten Familien besichtigte er sorgfältig das Gelände beider Anwesen, entwarf Zeichnungen für die zu errichtenden Gebäude und prüfte, wie viele Arbeitskräfte benötigt würden.
  
 
Von da an rückten die verschiedensten Handwerkertrupps an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden unablässig hierhin und dorthin transportiert. Zunächst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern, Hallen und Pavillons des Gartens der Gesammelten Düfte [会芳园] im Ning-Guo-Anwesen abzureißen und das Gelände direkt mit dem großen Osthof des Rong-Guo-Anwesens zu verbinden. Alle Gesindehäuser östlich des Rong-Guo-Anwesens wurden ebenfalls abgerissen.
 
Von da an rückten die verschiedensten Handwerkertrupps an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden unablässig hierhin und dorthin transportiert. Zunächst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern, Hallen und Pavillons des Gartens der Gesammelten Düfte [会芳园] im Ning-Guo-Anwesen abzureißen und das Gelände direkt mit dem großen Osthof des Rong-Guo-Anwesens zu verbinden. Alle Gesindehäuser östlich des Rong-Guo-Anwesens wurden ebenfalls abgerissen.
  
Zwar waren die beiden Anwesen von Alters her durch eine schmale Gasse getrennt, auf die kein Tor hinausführte. Doch auch diese Gasse gehörte zum Privatbesitz der Familie und war kein öffentlicher Weg, sodass man sie problemlos mit einbeziehen konnte. Der Bachlauf, der an der Nordwestecke des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände geführt worden war, konnte nun ohne Schwierigkeit verlängert werden. Die vorhandenen Zierfelsen und Bäume reichten zwar nicht ganz aus, doch der Hof, in dem Kaufmann Begnadigung wohnte, war ja ehemals der alte Garten des Rong-Guo-Anwesens gewesen, und so konnten von dort Bambus und Bäume, Felsblöcke, Pavillons und Geländer umgesetzt werden. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, sparte man durch ihre Vereinigung viel Geld, und selbst was fehlte und ergänzt werden musste, hielt sich in Grenzen. Mit dem Gesamtentwurf konnte man sich auf einen erfahrenen alten Meister stützen, der sich „Grober Kerl der künstlichen Berge“ [Anm.: 山子野, ein Gartenarchitekt; der Name kann als „der Wilde der Kunstberge“ gelesen werden.] nannte und alles plante und gestaltete.
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Zwar waren die beiden Anwesen von Alters her durch eine schmale Gasse getrennt, auf die kein Tor hinausführte. Doch auch diese Gasse gehörte zum Privatbesitz der Familie und war kein öffentlicher Weg, sodass man sie problemlos mit einbeziehen konnte. Der Bachlauf, der an der Nordwestecke des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände geführt worden war, konnte nun ohne Schwierigkeit verlängert werden. Die vorhandenen Zierfelsen und Bäume reichten zwar nicht ganz aus, doch der Hof, in dem Begnadigung Kaufmann wohnte, war ja ehemals der alte Garten des Rong-Guo-Anwesens gewesen, und so konnten von dort Bambus und Bäume, Felsblöcke, Pavillons und Geländer umgesetzt werden. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, sparte man durch ihre Vereinigung viel Geld, und selbst was fehlte und ergänzt werden musste, hielt sich in Grenzen. Mit dem Gesamtentwurf konnte man sich auf einen erfahrenen alten Meister stützen, der sich „Grober Kerl der künstlichen Berge“ [Anm.: 山子野, ein Gartenarchitekt; der Name kann als „der Wilde der Kunstberge“ gelesen werden.] nannte und alles plante und gestaltete.
  
Kaufmann Aufrecht, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewohnt war, verließ sich ganz auf Kaufmann Begnadigung, Kaufmann Juwel, Kaufmann Kette, Lai Da, Lai Sheng [来升], Lin Zhixiao [林之孝], Wu Xindeng [吴新登], Zhan Guang [詹光] und Cheng Rixing [程日兴] und einige weitere. Was das Aufschütten von Bergen, das Ausheben von Teichen, das Errichten von Häusern und Hallen, das Pflanzen von Bambus und Blumen und die Gestaltung aller Szenerien betraf — dafür gab der Grobe Kerl der künstlichen Berge die Anweisungen. Wenn Kaufmann Aufrecht von der Audienz zurückkam und freie Zeit hatte, sah er sich hier und da ein wenig um und besprach das Allernotwendigste mit Kaufmann Begnadigung und den anderen — damit hatte es sein Bewenden.
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Aufrecht Kaufmann, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewohnt war, verließ sich ganz auf Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann, Kette Kaufmann, Lai Da, Lai Sheng [来升], Lin Zhixiao [林之孝], Wu Xindeng [吴新登], Zhan Guang [詹光] und Cheng Rixing [程日兴] und einige weitere. Was das Aufschütten von Bergen, das Ausheben von Teichen, das Errichten von Häusern und Hallen, das Pflanzen von Bambus und Blumen und die Gestaltung aller Szenerien betraf — dafür gab der Grobe Kerl der künstlichen Berge die Anweisungen. Wenn Aufrecht Kaufmann von der Audienz zurückkam und freie Zeit hatte, sah er sich hier und da ein wenig um und besprach das Allernotwendigste mit Begnadigung Kaufmann und den anderen — damit hatte es sein Bewenden.
  
Kaufmann Begnadigung verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Lappalie wurde ihm von Kaufmann Juwel oder einem anderen mündlich Bericht erstattet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz erhielt. Hatte er seinerseits etwas anzuordnen, ließ er Kaufmann Kette oder Lai Da zum Empfang seiner Befehle kommen. Kaufmann Hibiskus allein überwachte die Herstellung der Gold- und Silbergefäße. Kaufmann Qiang war bereits nach Gusu abgereist. Kaufmann Juwel und Lai Da hatten die Leute einzuteilen, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen — unmöglich, das alles in einem Atemzug zu beschreiben. Es war jedenfalls ein außerordentlich geschäftiges und lautes Treiben. Doch davon soll einstweilen keine weitere Rede sein.
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Begnadigung Kaufmann verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Lappalie wurde ihm von Herrlichkeit Kaufmann oder einem anderen mündlich Bericht erstattet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz erhielt. Hatte er seinerseits etwas anzuordnen, ließ er Kette Kaufmann oder Lai Da zum Empfang seiner Befehle kommen. Hibiskus Kaufmann allein überwachte die Herstellung der Gold- und Silbergefäße. Qiang Kaufmann war bereits nach Gusu abgereist. Herrlichkeit Kaufmann und Lai Da hatten die Leute einzuteilen, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen — unmöglich, das alles in einem Atemzug zu beschreiben. Es war jedenfalls ein außerordentlich geschäftiges und lautes Treiben. Doch davon soll einstweilen keine weitere Rede sein.
  
Erzählen wir stattdessen von Schatzjade. Da sich zu Hause all diese großen Dinge abspielten, hatte Kaufmann Aufrecht keine Zeit mehr, ihn nach seinen Büchern und Studien zu fragen — was Schatzjade überaus angenehm war. Doch dass Qin Zhongs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm ernsthafte Sorgen, und so konnte er sich nicht recht freuen.
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Erzählen wir stattdessen von Schatzjade. Da sich zu Hause all diese großen Dinge abspielten, hatte Aufrecht Kaufmann keine Zeit mehr, ihn nach seinen Büchern und Studien zu fragen — was Schatzjade überaus angenehm war. Doch dass Qin Zhongs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm ernsthafte Sorgen, und so konnte er sich nicht recht freuen.
  
Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war und sich fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Qin Zhong besuchen, erblickte er plötzlich den Diener Mingyan [茗烟], der vor der Blendmauer am inneren Tor den Kopf hervorstreckte und sich suchend umschaute. Schatzjade eilte hinaus und fragte ihn: „Was gibt es?“
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Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war und sich fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Liebglocke Minne besuchen, erblickte er plötzlich den Diener Mingyan [茗烟], der vor der Blendmauer am inneren Tor den Kopf hervorstreckte und sich suchend umschaute. Schatzjade eilte hinaus und fragte ihn: „Was gibt es?“
  
 
Mingyan sagte: „Mit dem jungen Herrn Qin geht es zu Ende!“
 
Mingyan sagte: „Mit dem jungen Herrn Qin geht es zu Ende!“
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Schatzjade kleidete sich hastig um und eilte hinaus, doch der Wagen war noch nicht angespannt. Vor Ungeduld lief er in der Halle auf und ab. Als der Wagen nach mehrmaligem Drängen endlich vorfuhr, stieg er rasch ein. Li Gui [李贵] und Mingyan folgten ihm.
 
Schatzjade kleidete sich hastig um und eilte hinaus, doch der Wagen war noch nicht angespannt. Vor Ungeduld lief er in der Halle auf und ab. Als der Wagen nach mehrmaligem Drängen endlich vorfuhr, stieg er rasch ein. Li Gui [李贵] und Mingyan folgten ihm.
  
Als sie vor Qin Zhongs Haus ankamen, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürmten sie in die inneren Räume und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Qin Zhong so sehr, dass diese Hals über Kopf flohen.
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Als sie vor Qin Zhongs Haus ankamen, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürmten sie in die inneren Räume und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Liebglocke Minne so sehr, dass diese Hals über Kopf flohen.
  
Qin Zhong hatte bereits zwei- oder dreimal das Bewusstsein verloren. Man hatte ihn längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte umgebettet [Anm.: 移床易簀, eine Handlung aus dem konfuzianischen Sterberitual: Wenn der Tod naht, wird der Sterbende auf eine schlichte Matte gelegt.]. Als Schatzjade das sah, brach er unwillkürlich in lautes Schluchzen aus.
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Liebglocke Minne hatte bereits zwei- oder dreimal das Bewusstsein verloren. Man hatte ihn längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte umgebettet [Anm.: 移床易簀, eine Handlung aus dem konfuzianischen Sterberitual: Wenn der Tod naht, wird der Sterbende auf eine schlichte Matte gelegt.]. Als Schatzjade das sah, brach er unwillkürlich in lautes Schluchzen aus.
  
 
Li Gui redete eilig auf ihn ein: „Das dürft Ihr nicht! Der junge Herr Qin ist schwach und krank — das Ofenbett war zu hart für seine Knochen, darum hat man ihn nur etwas weicher gebettet. Wenn Ihr Euch so benehmt, macht Ihr ihn nur noch kränker!“
 
Li Gui redete eilig auf ihn ein: „Das dürft Ihr nicht! Der junge Herr Qin ist schwach und krank — das Ofenbett war zu hart für seine Knochen, darum hat man ihn nur etwas weicher gebettet. Wenn Ihr Euch so benehmt, macht Ihr ihn nur noch kränker!“
  
Schatzjade beherrschte sich und trat näher. Qin Zhongs Gesicht war weiß wie Wachs. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem Kissen und atmete schwer. Schatzjade rief: „Bruder Jingqing [鲸卿]! Hier ist Schatzjade!“ Er rief zwei- oder dreimal, doch Qin Zhong reagierte nicht. „Schatzjade ist hier!“, rief er noch einmal.
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Schatzjade beherrschte sich und trat näher. Qin Zhongs Gesicht war weiß wie Wachs. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem Kissen und atmete schwer. Schatzjade rief: „Bruder Jingqing [鲸卿]! Hier ist Schatzjade!“ Er rief zwei- oder dreimal, doch Liebglocke Minne reagierte nicht. „Schatzjade ist hier!“, rief er noch einmal.
  
 
Doch Qin Zhongs Seele hatte den Körper längst verlassen. Nur ein letzter schwacher Atemhauch verblieb noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie Höllenrichter und Geisterboten mit Amtsemblemen und Stricken auf sie zukamen, um sie zu holen. Doch Qin Zhongs Seele wollte keineswegs mitgehen. Sie dachte daran, dass zu Hause niemand da war, der sich um die Familienangelegenheiten kümmerte; sie dachte an die drei- oder viertausend Liang Silber, die der Vater zusammengespart hatte; und sie dachte an Zhineng, für die noch keine Bleibe gefunden war. So bat die Seele auf hunderterlei Weise um Gnade.
 
Doch Qin Zhongs Seele hatte den Körper längst verlassen. Nur ein letzter schwacher Atemhauch verblieb noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie Höllenrichter und Geisterboten mit Amtsemblemen und Stricken auf sie zukamen, um sie zu holen. Doch Qin Zhongs Seele wollte keineswegs mitgehen. Sie dachte daran, dass zu Hause niemand da war, der sich um die Familienangelegenheiten kümmerte; sie dachte an die drei- oder viertausend Liang Silber, die der Vater zusammengespart hatte; und sie dachte an Zhineng, für die noch keine Bleibe gefunden war. So bat die Seele auf hunderterlei Weise um Gnade.
  
Doch die Geisterboten ließen sich nicht erweichen. Im Gegenteil, sie herrschten Qin Zhong an: „Du als Gelehrter solltest doch das Sprichwort kennen: ‚Wenn der Höllenkönig befiehlt, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften leben zu lassen!‘ In unserer Unterwelt sind alle, hoch und niedrig, hart und unbestechlich — nicht so wie in eurer Oberwelt, wo man auf Gefühle Rücksicht nimmt und es tausenderlei Hindernisse gibt!“
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Doch die Geisterboten ließen sich nicht erweichen. Im Gegenteil, sie herrschten Liebglocke Minne an: „Du als Gelehrter solltest doch das Sprichwort kennen: ‚Wenn der Höllenkönig befiehlt, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften leben zu lassen!‘ In unserer Unterwelt sind alle, hoch und niedrig, hart und unbestechlich — nicht so wie in eurer Oberwelt, wo man auf Gefühle Rücksicht nimmt und es tausenderlei Hindernisse gibt!“
  
 
Mitten in diesem Tumult hörte Qin Zhongs Seele plötzlich die Worte „Schatzjade ist hier!“ und flehte abermals: „Habt ein wenig Erbarmen, meine Herren Geisterboten! Lasst mich nur zurückkehren und einen einzigen Satz mit diesem guten Freund wechseln, dann komme ich sofort mit!“
 
Mitten in diesem Tumult hörte Qin Zhongs Seele plötzlich die Worte „Schatzjade ist hier!“ und flehte abermals: „Habt ein wenig Erbarmen, meine Herren Geisterboten! Lasst mich nur zurückkehren und einen einzigen Satz mit diesem guten Freund wechseln, dann komme ich sofort mit!“
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Der Höllenrichter entgegnete: „Unsinn! Das Sprichwort hat recht: ‚Die Beamten des Reichs kümmern sich um die Angelegenheiten des Reichs.‘ Seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Ober- und Unterwelt. Ob er nun hierhin oder dorthin gehört — lasst ihn noch einmal zurück, das kann nicht falsch sein!“
 
Der Höllenrichter entgegnete: „Unsinn! Das Sprichwort hat recht: ‚Die Beamten des Reichs kümmern sich um die Angelegenheiten des Reichs.‘ Seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Ober- und Unterwelt. Ob er nun hierhin oder dorthin gehört — lasst ihn noch einmal zurück, das kann nicht falsch sein!“
  
Den Geisterboten blieb keine andere Wahl, als Qin Zhongs Seele loszulassen. Qin Zhong stöhnte, öffnete einen Spalt weit die Augen, und als er Schatzjade neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht früher gekommen? Nur einen Augenblick später, und du hättest mich nicht mehr gesehen.“
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Den Geisterboten blieb keine andere Wahl, als Qin Zhongs Seele loszulassen. Liebglocke Minne stöhnte, öffnete einen Spalt weit die Augen, und als er Schatzjade neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht früher gekommen? Nur einen Augenblick später, und du hättest mich nicht mehr gesehen.“
  
 
Schatzjade fasste rasch seine Hände und fragte unter Tränen: „Wenn du mir noch etwas zu sagen hast — hinterlasse mir deine Worte!“
 
Schatzjade fasste rasch seine Hände und fragte unter Tränen: „Wenn du mir noch etwas zu sagen hast — hinterlasse mir deine Worte!“
  
Qin Zhong erwiderte: „Es gibt nichts weiter zu sagen. Wir glaubten immer, mit unserer Einsicht stünden wir über den gewöhnlichen Menschen. Heute weiß ich, dass wir uns damit nur selbst betrogen haben. Richte deinen Willen fortan auf die Prüfungen und den Beamtendienst — Ruhm und Ehre zu erwerben, das allein ist der rechte Weg!“
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Liebglocke Minne erwiderte: „Es gibt nichts weiter zu sagen. Wir glaubten immer, mit unserer Einsicht stünden wir über den gewöhnlichen Menschen. Heute weiß ich, dass wir uns damit nur selbst betrogen haben. Richte deinen Willen fortan auf die Prüfungen und den Beamtendienst — Ruhm und Ehre zu erwerben, das allein ist der rechte Weg!“
  
 
Nach diesen Worten stieß er einen langen, tiefen Seufzer aus — und war verschieden.
 
Nach diesen Worten stieß er einen langen, tiefen Seufzer aus — und war verschieden.
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== Anmerkungen ==
 
== Anmerkungen ==
 
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<div style="text-align: center; font-size: 0.9em; color: #666; margin-top: 20px;">
 
''Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage (2026). Basierend auf der Gengchen-Handschrift (庚辰本).''
 
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Latest revision as of 19:35, 28 April 2026

Kapitel 16 Urfrühling Kaufmann wird zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes erwählt — Liebglocke Minne stirbt jung auf dem Weg in die Gelbe Quelle

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Wie bereits erzählt, hatte Schatzjade[1] [贾宝玉] sein äußeres Studierzimmer herrichten lassen und sich mit Liebglocke Minne [秦钟] verabredet, dort an den Abenden gemeinsam zu lernen. Doch ausgerechnet Liebglocke Minne besaß eine überaus schwächliche Konstitution. Durch den Aufenthalt vor der Stadt hatte er sich Wind und Kälte zugezogen, und weil er dann noch mit Zhineng [智能] heimliche Schäferstunden verbracht und seine Gesundheit vernachlässigt hatte, kam er hustend und erkältet zurück, mochte weder essen noch trinken und war in einem Zustand äußerster Schwäche. So wagte er sich nicht mehr aus dem Haus und blieb daheim, um sich auszukurieren. Schatzjade war enttäuscht und musste sich ins Unvermeidliche fügen — er konnte nur ruhig abwarten, bis Liebglocke Minne genesen war, um sich dann erneut zu verabreden.

Unterdessen hatte Phönixglanz[2] [王熙凤] den Antwortbrief von Yun Guang [云光] erhalten: Alles war geregelt. Die alte Nonne teilte es der Familie Zhang mit, und tatsächlich nahm der ehemalige Stadtkommandant mit verhaltenem Zorn die Verlobungsgeschenke zurück. Doch wer hätte ahnen können, dass die habgierigen, machtversessenen Eltern Zhang eine pflichtbewusste und tieffühlende Tochter hervorgebracht hatten! Als das Mädchen erfuhr, dass die Eltern die ursprüngliche Verlobung aufgelöst hatten, nahm sie im Stillen einen Strick und erhängte sich.

Als der Sohn des ehemaligen Stadtkommandanten hörte, Goldbrüderchen[3] habe sich umgebracht, erwies er sich als nicht weniger empfindsam — er ertränkte sich im Fluss, um hinter der Treue seiner Verlobten nicht zurückzustehen. Nun waren die Familien Zhang und Li gleichermaßen bestraft — Mensch und Geld waren verloren. Phönixglanz aber strich, ohne einen Finger zu rühren, die dreitausend Liang Silber ein, und Dame König[4] [王夫人] und die anderen erfuhren davon kein Sterbenswörtchen. Von da an wurde Phönixglanz nur noch dreister und skrupelloser. Wann immer sich in Zukunft eine ähnliche Gelegenheit bot, handelte sie nach eigenem Gutdünken und ohne jede Hemmung. Davon braucht hier nicht weiter berichtet zu werden.

Eines Tages war Aufrecht Kaufmanns[5] [贾政] Geburtstag. Alle Angehörigen aus dem Ning-Guo-Haus und dem Rong-Guo-Haus [Anm.: 宁荣二处, die beiden Zweige der Kaufmann-Familie.] waren versammelt, um ihn zu feiern, und es herrschte ein fröhliches Getümmel. Da kam plötzlich einer der Torhüter in großer Eile herein, trat an die Festtafel und meldete: „Herr Xia, der Obereunuch der Sechs Paläste [Anm.: 六宫都太监, höchster Eunuch der kaiserlichen Frauengemächer.], ist gekommen, um einen kaiserlichen Befehl zu übermitteln!“

Begnadigung Kaufmann [贾赦], Aufrecht Kaufmann und alle anderen erschraken zutiefst, denn sie wussten nicht, was diese Nachricht bedeuten mochte. Eilig ließ man die Theatervorstellung abbrechen und die Festtafel abräumen. Ein Weihrauchtisch wurde aufgestellt, das große Mitteltor geöffnet, und alle knieten zum Empfang nieder. Schon sah man den Obereunuch der Sechs Paläste, Xia Shouzhong [夏守忠], hoch zu Ross heranreiten, vor und hinter ihm, zur Linken und zur Rechten, eine große Schar von Palast-Eunuchen.

Doch Xia Shouzhong trug weder ein kaiserliches Edikt noch einen schriftlichen Erlass bei sich. Am Dachvorsprung angekommen, saß er ab, das Gesicht ein einziges Lächeln, stieg die Stufen zur Halle empor, stellte sich mit dem Gesicht nach Süden auf und verkündete: „Auf besonderen Befehl: Aufrecht Kaufmann hat sich unverzüglich zur Audienz einzufinden und wird in der Halle der Huldvollen Anerkennung [临敬殿] vom Kaiser empfangen!“ Nach diesen Worten stieg er, ohne auch nur einen Schluck Tee angenommen zu haben, wieder aufs Pferd und ritt davon.

Aufrecht Kaufmann und die Seinen wussten nicht, was dieses Vorzeichen zu bedeuten hatte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in aller Eile umzukleiden und zur Audienz in den Kaiserpalast zu eilen.

Die Herzoginmutter[6] [贾母] und die gesamte Familie waren in Furcht und Ungewissheit. Unaufhörlich schickten sie berittene Boten hin und her, um Nachrichten einzuholen. Nach zwei Doppelstunden [Anm.: Ca. vier Stunden.] kamen plötzlich der Oberverwalter Lai Da [赖大] und drei oder vier andere Hausverwalter keuchend zum Zeremonialtor hereingestürzt und meldeten frohe Botschaft. Sie sagten: „Auf Befehl des gnädigen Herrn bitten wir die alte gnädige Frau, unverzüglich mit den gnädigen Frauen zusammen zur Audienz zu kommen, um sich für die kaiserliche Gnade zu bedanken!“

Die Herzoginmutter hatte die ganze Zeit mit unruhig pochendem Herzen unbeweglich auf der Plattform vor der großen Halle gestanden. Dame Strafe [邢夫人], Dame König, Dame Sonders [尤氏], Seidenweiß Pflaume [李纨], Phönixglanz, die Schwestern Willkommensfrühling [迎春] und ihre Kusinen sowie Tante Schnee [薛姨妈] — sie alle waren bei ihr versammelt. Als diese Nachricht eintraf, rief die Herzoginmutter Lai Da herein und wollte die Einzelheiten genau wissen.

Lai Da berichtete: „Wir Diener mussten draußen vor dem Tor der Halle der Huldvollen Anerkennung warten und konnten von dem, was drinnen vorging, nicht das Mindeste erfahren. Schließlich kam der Obereunuch Xia heraus und gratulierte uns. Er sagte, unser ältestes Fräulein sei zur Kanzlerin des Phönixmuster-Palastes [凤藻宫尚书] ernannt und zur kaiserlichen Nebenfrau mit dem Ehrennamen Xiande [贤德妃, „Tugendhaft und Gütig“] erhoben worden. Als dann der gnädige Herr herauskam, trug er uns dasselbe auf. Jetzt ist der gnädige Herr noch zum Östlichen Palast [Anm.: 东宫, Residenz des Kronprinzen; hier vermutlich zur weiteren Zeremonie.] gegangen und bittet dringend, die alte gnädige Frau möge mit den gnädigen Frauen zusammen zur Danksagung erscheinen.“

Als die Herzoginmutter und die anderen dies vernahmen, waren ihre Herzen endlich beruhigt, und die Freude stieg ihnen in die Wangen. Nun kleidete und schmückte sich jede ihrem Rang entsprechend. Die Herzoginmutter begab sich zusammen mit Dame Strafe, Dame König und Dame Sonders — insgesamt vier große Sänften — zum Kaiserpalast. Auch Begnadigung Kaufmann und Herrlichkeit Kaufmann [贾珍] legten ihre Audienzgewänder an und begleiteten zusammen mit Hibiskus Kaufmann [贾蓉] und Qiang Kaufmann [贾蔷] die Sänfte der Herzoginmutter.

Im ganzen Ning-Guo-Haus und Rong-Guo-Haus, oben und unten, drinnen und draußen, war alle Welt außer sich vor Freude und hüpfte vor Begeisterung. Jedem leuchtete die Genugtuung aus dem Gesicht, und überall ertönten Lachen und Gespräche wie ein siedender Kessel.

Doch wer hätte ahnen können, was in jüngster Zeit geschehen war! Die Novizin Zhineng vom Wassermond-Kloster [水月庵] war heimlich davongelaufen und in die Stadt gekommen. Sie hatte sich bis zu Qin Zhongs Haus durchgefragt, um ihn zu besuchen — doch unglücklicherweise wurde sie von Qin Ye [秦业] entdeckt. Dieser jagte Zhineng davon und verprügelte seinen Sohn Liebglocke Minne. Die Sache brachte ihn so in Rage, dass eine alte Krankheit wieder ausbrach, und nach drei, fünf Tagen war er tot.

Liebglocke Minne, ohnehin von zarter Konstitution und noch nicht genesen, hatte nun auch noch die Tracht Prügel einstecken müssen und musste obendrein mit ansehen, wie sein alter Vater vor Zorn über ihn starb. In seiner Reue und seinem Schmerz fand er keine Grenzen, und zu allem Unglück kamen noch weitere Krankheitssymptome hinzu.

Schatzjade war darüber so betrübt und verstört, als sei ihm selbst etwas Kostbares abhanden gekommen. Selbst die Nachricht von Ursprungsfrühlings [元春] Erhebung konnte seinen Kummer nicht vertreiben. Wie die Herzoginmutter sich bedankte, wie sie nach Hause zurückkehrten, wie die Verwandten und Freunde gratulierten, wie es im Ning-Guo-Haus und im Rong-Guo-Haus in diesen Tagen zuging, wie alle Welt sich freute — für ihn allein schien das alles nicht zu existieren, er beachtete es mit keinem Blick. Darum spotteten die Leute, er werde immer stumpfsinniger.

Zum Glück kehrten nun Kette Kaufmann[7] [贾琏] und Kajaljade[8] [林黛玉] zurück. Sie schickten einen Boten voraus, der meldete, sie würden am nächsten Tag eintreffen. Als Schatzjade das hörte, hellte sich seine Stimmung ein wenig auf. Er erkundigte sich nach den Einzelheiten und erfuhr, dass auch Jia Regendorf [贾雨村] in die Hauptstadt komme, um vom Kaiser in Audienz empfangen zu werden. Dies hatte König Ziteng [王子腾] durch mehrere Throneingaben, in denen er sich für Jia Regendorf verwendete, bewirkt. Dieser reiste nun an, um in der Hauptstadt einen vakanten Posten zu übernehmen. Als entfernter Verwandter von Kette Kaufmann und als ehemaliger Lehrer von Kajaljade reiste er zusammen mit ihnen.

Ozeangleich Wald [林如海] war bereits im Familiengrab beigesetzt worden. Erst nachdem alle Angelegenheiten geregelt waren, hatte Kette Kaufmann sich auf den Heimweg in die Hauptstadt gemacht. Eigentlich hätte er erst im folgenden Monat eintreffen sollen, doch als er die frohe Kunde von Ursprungsfrühlings Erhebung vernahm, reiste er Tag und Nacht ohne Unterbrechung. Alle waren wohlauf.

Schatzjade hörte nur das Wort „wohlauf“ in Bezug auf Kajaljade — alles andere interessierte ihn nicht im Geringsten.

Mit Mühe und Not geduldete er sich bis zum nächsten Mittag, da wurde tatsächlich gemeldet: „Der junge Herr Kette und Fräulein Lin sind im Anwesen eingetroffen!“

Als sie sich wiedersahen, mischten sich Kummer und Freude, und natürlich flossen manche Tränen. Dann tauschten sie die gebührenden Glückwünsche aus. Schatzjade musterte Kajaljade still für sich und fand, dass sie sich noch mehr entfaltet hatte — noch erhabener und anmutiger war sie geworden.

Kajaljade hatte viele Bücher mitgebracht. Eilig ließ sie ihr Schlafgemach fegen und brachte ihre Habseligkeiten unter. Dann verteilte sie Pinsel, Papier und ähnliche Mitbringsel an Schatzspange[9] [薛宝钗], Willkommensfrühling, Schatzjade und die anderen. Daraufhin holte Schatzjade feierlich die Gebetsschnur aus Bachstelzen-Duftholzperlen hervor, die ihm der Prinz von Bei-Jing geschenkt hatte, und wollte sie Kajaljade zum Geschenk machen.

Doch Kajaljade sagte: „Was ein stinkiger Mann in der Hand gehabt hat — so etwas will ich nicht!“ Damit warf sie die Gebetsschnur hin und weigerte sich, sie anzunehmen. Schatzjade blieb nichts anderes übrig, als sie wieder zurückzunehmen. Einstweilen ist davon nicht weiter die Rede.

Erzählen wir stattdessen, wie Kette Kaufmann nach seiner Rückkehr alle Familienangehörigen begrüßte und sich dann in seine eigenen Räume zurückzog. Phönixglanz hatte gerade in diesen Tagen alle Hände voll zu tun und keinen freien Augenblick, doch da ihr Mann von seiner weiten Reise zurückkehrte, nahm sie sich selbstverständlich die Zeit, ihn zu empfangen. Da sonst niemand im Zimmer war, sagte sie lächelnd:

„Dem Herrn kaiserlichen Schwager meinen herzlichsten Glückwunsch! Der Herr kaiserliche Schwager haben eine anstrengende Reise hinter sich! Als ich Unwürdige gestern durch den ersten Meldereiter erfuhr, dass Euer erhabener Wagen heute zurückkehrt, habe ich eine Schale wässrigen Wein bereiten lassen, auf dass Ihr den Staub des Weges herunterspülen möget. Wollen der gnädige Herr mir die Ehre erweisen, ihn anzunehmen?“

Kette Kaufmann ging lachend auf den Scherz ein: „Wie dürfte ich es wagen! Vielen Dank, vielen Dank!“

Daraufhin trat Friedchen[10] [平儿] zusammen mit den anderen Dienstmädchen ein, um ihre Begrüßung auszusprechen, und Tee wurde gereicht. Kette Kaufmann erkundigte sich nach allem, was sich seit seiner Abreise zu Hause zugetragen hatte, und dankte Phönixglanz für die Mühe, die sie auf die Haushaltsführung verwandt hatte.

Phönixglanz erwiderte: „Als ob ich diesen Dingen gewachsen wäre! Meine Kenntnisse sind gering, mein Mundwerk ist plump, und mein Sinn ist gerade und offen. Naiv, wie ich bin, halte ich jeden Knüppel für eine Nadel, wenn man ihn mir hinstreckt. Außerdem bin ich zu weichherzig — sagt mir jemand auch nur zwei nette Sätze, schon kann ich nicht widerstehen und bekomme Mitleid. Noch dazu hatte ich nie etwas Großes erlebt, und mein Mut ist gering. Wenn der gnädigen Frau auch nur die geringste Unpässlichkeit überkommt, bekomme ich gleich solch einen Schreck, dass ich die ganze Nacht kein Auge zutun kann.

Mehrmals habe ich flehentlich gebeten, man möge mir diese Pflichten abnehmen, doch die gnädige Frau wollte nichts davon hören. Im Gegenteil, sie sagte noch, ich wolle es mir nur bequem machen und nichts Neues lernen. Sie ahnt ja nicht, dass ich vor Angst Blut und Wasser schwitze — keinen Satz zu viel wage ich zu sagen, keinen Schritt zu viel wage ich zu tun.

Du kennst ja selbst unsere verantwortlichen Hausdamen — mit welcher von ihnen ist leicht auszukommen? Beim kleinsten Fehler lachen sie einen aus, bei der geringsten Bevorzugung beschweren sie sich, indem sie auf den Maulbeerbaum schimpfen und den Schnurbaum meinen. [Anm.: 指桑骂槐, chinesisches Sprichwort: Man schimpft auf den einen, meint aber den anderen.] Vom sicheren Berg aus den kämpfenden Tigern zuschauen, mit geborgtem Schwert töten, den Wind ins lodernde Feuer leiten, stets am trockenen Ufer stehen und den umgekippten Ölkrug nicht aufheben — das sind die Kriegskünste, die sie beherrschen, und zwar alle auf einmal!

Überdies bin ich noch zu jung und kann mich nicht richtig durchsetzen — kein Wunder, dass sie mich nicht ernst nehmen. Noch lächerlicher wurde es, als drüben im Ning-Guo-Haus plötzlich Hibiskus' Frau starb und Herrlichkeit Kaufmann höchstpersönlich die gnädige Frau wieder und wieder auf Knien bat, sie möge mich für ein paar Tage dort aushelfen lassen. Ich habe immer wieder abgelehnt, doch die gnädige Frau wollte nichts davon wissen, also musste ich gehorchen. So habe ich dort in meiner üblichen Art alles auf den Kopf gestellt und ein heilloses Durcheinander angerichtet — ganz und gar nicht standesgemäß! Herrlichkeit Kaufmann grollt deswegen noch heute und bereut es, mich darum gebeten zu haben.

Jetzt, da du zurück bist, musst du unbedingt bei ihm alles geradebiegen, wenn du ihn morgen siehst. Sag ihm, ich sei jung und unerfahren, und wer hätte ihn auch auf den Gedanken gebracht, eine solch falsche Wahl zu treffen!“

Während sie noch sprach, waren im Vorzimmer Stimmen zu hören. Phönixglanz fragte: „Wer ist da?“

Friedchen kam herein und berichtete: „Tante Schnee hat Schwester Duftkastanie [香菱] hergeschickt, um mich etwas zu fragen. Ich habe es ihr gesagt und sie wieder zurückgeschickt.“

Kette Kaufmann sagte lächelnd: „Apropos — als ich vorhin bei der Tante war, stieß ich unversehens auf eine blutjunge Frau, die wirklich bildschön war. Ich dachte mir, die kann doch nicht zu unserer Familie gehören. Im Gespräch fragte ich die Tante nach ihr, und es stellte sich heraus, dass es jenes kleine Mädchen war, das sie damals in der Hauptstadt gekauft hatten — Duftkastanie heißt sie. Der Xue-Trottel [Anm.: 薛大傻子, gemeint ist Becken Schnee (薛蟠), Schatzspanges älterer Bruder, ein rüpelhafter junger Mann.] hat sie endlich zu seiner Beischläferin gemacht. Seitdem sie sich das Gesicht zupft und schminkt [Anm.: 开了脸, das Zupfen der Gesichtsbehaarung — ein Zeichen, dass eine Frau von der Jungfrau zur Ehefrau/Konkubine übergeht.], ist sie erst richtig aufgeblüht! Der Xue-Trottel besudelt sie wahrhaftig mit seiner Gegenwart.“

Phönixglanz erwiderte: „Schau mal an! Da kommst du gerade aus Suzhou und Hangzhou zurück und solltest etwas von der Welt gesehen haben, aber deine Gier ist immer noch die alte — Augen größer als der Magen! Wenn du sie magst, ist das doch kein Problem. Ich tausche sie einfach gegen Friedchen ein — wie wäre das? Dieser junge Xue ist doch auch so ein Gierschlund — ‚er isst aus der Schüssel und schielt schon nach dem Topf‘. Was hat er nicht alles im letzten Jahr der Tante in den Ohren gelegen, um endlich Duftkastanie zu bekommen!

Dass die Tante Duftkastanie hübsch fand, war noch das Wenigste. Viel wichtiger war, dass sich Duftkastanie durch ihr Benehmen von den anderen Mädchen unterschied: so sanft und still, dass ihr die meisten jungen Damen aus herrschaftlichen Häusern kaum gleichkamen. Deshalb hat die Tante sich auch die Mühe gemacht, Gäste zum Wein einzuladen und sie ihm ordnungsgemäß zur Nebenfrau zu geben. Doch kaum war ein halber Monat vergangen, beachtete er sie nicht mehr als Stallgeruch. Das Herz kann einem weh tun, wenn man nur davon spricht!“

Gerade als sie das sagte, kam ein Sklavenjunge vom inneren Tor mit der Meldung: „Der alte gnädige Herr erwartet den jungen Herrn Kette in der großen Bibliothek!“ Kette Kaufmann ordnete hastig seine Kleider und ging hinaus.

Hier aber erkundigte sich Phönixglanz bei Friedchen: „Was wollte die Tante eigentlich, dass sie extra Duftkastanie herschickte?“

Friedchen antwortete lächelnd: „Das war gar nicht Duftkastanie — ihr Name musste nur für eine kleine Notlüge herhalten! Gnädige Frau, Wangers Frau wird wirklich immer unvorsichtiger!“ Damit trat sie näher an Phönixglanz heran und fuhr leise fort:

„Die Zinsen, die Ihr zu bekommen habt — erst konnte und konnte sie das Silber nicht bringen, und ausgerechnet jetzt, wo der junge Herr zu Hause ist, muss sie es herüberschaffen! Ein Glück, dass ich sie draußen in der Halle abgefangen habe, sonst wäre sie hereingekommen und hätte es Euch direkt gebracht. Wenn der junge Herr gefragt hätte, was das für Zinsen seien, hättet Ihr ihn doch nicht anschwindeln wollen und hättet ihm wohl oder übel die Wahrheit gesagt.

Aber Ihr kennt doch unseren jungen Herrn — der ist imstande, in einen Kessel mit siedendem Öl zu greifen, um eine Münze herauszufischen! Hätte er gehört, dass Ihr eigenes Geld besitzt, würde er es seelenruhig verbrauchen. Deshalb habe ich sie rasch abgefangen und ihr ein paar deutliche Worte gesagt. Ich ahnte ja nicht, dass Ihr das hören würdet — als Ihr dann fragtet, habe ich geflunkert, es sei Duftkastanie gewesen.“

Phönixglanz lachte: „Und ich habe mich gewundert — wie kann die Tante, die doch weiß, dass der junge Herr zu Hause ist, plötzlich ausgerechnet ‚eine aus den inneren Gemächern‘ herschicken? Dabei warst du es, du kleines Schlitzohr, die diesen Streich ausgeheckt hat!“

Während sie noch sprachen, kam Kette Kaufmann zurück. Phönixglanz befahl, Wein und Speisen aufzutragen, und die Ehegatten nahmen einander gegenüber Platz. Obwohl Phönixglanz durchaus trinken konnte, wagte sie es nicht, sich gehen zu lassen, und trank nur in Gesellschaft ihres Mannes mit.

Bald darauf kam Kette Kaufmanns Amme, die alte Zhao [赵嬤嬤], herein. Kette Kaufmann und Phönixglanz luden sie sofort zum Mittrinken ein und baten sie, zu ihnen auf den Kang zu steigen. Doch die Amme weigerte sich beharrlich. Friedchen und die anderen Mädchen hatten bereits einen Hocker und einen kleinen Fußschemel vor dem Kang bereitgestellt. Die Amme Zhao nahm auf dem Fußschemel Platz, und Kette Kaufmann suchte zwei Teller mit Leckerbissen vom Tisch und stellte sie ihr auf den Hocker.

Doch Phönixglanz sagte: „Die Mutter kann doch so harte Sachen nicht kauen! Willst du ihr die Zähne kaputtmachen?“ Dann wandte sie sich an Friedchen: „Das gedünstete Eisbein mit Schinken, von dem wir heute Morgen sprachen — das war doch ganz zart und butterweich, genau das Richtige für die Mutter. Warum hast du es noch nicht warm machen lassen?“ Und zur Amme gewandt: „Mutter, koste einmal von dem Huiquan-Wein [Anm.: 惠泉酒, ein berühmter Wein aus Wuxi.], den dein Junge mitgebracht hat!“

Die Amme sagte: „Den werde ich trinken! Aber die gnädige junge Frau muss auch ein Glas mittrinken. Wovor habt Ihr Angst? Man darf nur nicht zu viel trinken, das ist alles. — Aber nicht zum Weintrinken bin ich hergekommen. Es gibt da eine wichtige Angelegenheit, und die gnädige junge Frau möge sie sich zu Herzen nehmen und sich meiner annehmen! Denn unser junger Herr kann immer nur schöne Worte machen, aber wenn es drauf ankommt, vergisst er uns. Ich habe immerhin seit seiner Geburt mit meiner Milch dich großgezogen! Jetzt bin ich alt und habe nichts als meine beiden Söhne. Wenn du sie ein wenig bevorzugen würdest, wagte dir niemand darein zu reden. Wie oft habe ich dich schon darum gebeten, und jedes Mal hast du mir die schönsten Versprechungen gemacht — aber dabei ist es geblieben! Und jetzt fällt plötzlich dieses große, glückliche Ereignis vom Himmel — da werden doch sicher überall Leute gebraucht! Deshalb bin ich zu der gnädigen jungen Frau gekommen, um darüber zu reden. Denn wenn ich mich auf unseren jungen Herrn verlasse, werde ich noch verhungern.“

Phönixglanz sagte lächelnd: „Sei unbesorgt, Mutter! Überlass mir seine beiden Milchbrüder. Du hast ihn von klein auf gestillt und großgezogen — du kennst doch sein Wesen! Er wirft sich an Fremde weg, die ihn nichts angehen, während er die eigenen Milchbrüder stehen lässt, die doch besser sind als jeder andere. Wenn du dich um sie kümmerst und sie unterstützt, wer wagte es, ein Wort dagegen zu sagen? Anstatt dass man ohne Not den Fremden Vorteile einräumt! — Ach nein, das habe ich falsch gesagt. Was wir ‚Fremde‘ nennen, das nennst du ja ‚die Liebsten‘!“

Alle im Raum brachen in Gelächter aus, und auch die Amme konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen. Dann rief sie den Namen Buddhas an und sagte: „Da kommt die Wahrheit ans Licht! Was diesen dummen Unterschied zwischen ‚Fremden‘ und ‚Liebsten‘ betrifft — solche schlimmen Gedanken hat unser junger Herr gar nicht! Es ist nur, dass er ein so gütiges Herz hat und nicht widerstehen kann, wenn jemand ihn ein- oder zweimal bittet.“

Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Na freilich — gütig ist er nur bei den ‚Liebsten‘! Bei uns, seiner Frau und seiner alten Mutter, da ist er hart und streng!“

Die Amme lachte: „Die gnädige junge Frau hat so recht von Herzensgrund gesprochen, dass mir ganz fröhlich zumute wird. Da trinke ich gleich noch einen guten Becher! Nachdem jetzt Ihr die Sache in die Hand genommen habt, brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“

Kette Kaufmann war das alles äußerst peinlich. Er lächelte nur verlegen vor sich hin, trank seinen Wein und murmelte: „Unsinn!“ Dann sagte er: „Bringt schnell den Reis! Ich will eine Schale essen und dann zu Herrlichkeit Kaufmann hinübergehen, um etwas mit ihm zu besprechen.“

Phönixglanz sagte: „Vergiss nur nicht das Wichtigste! Was hat denn der alte gnädige Herr vorhin von dir gewollt?“

Kette Kaufmann antwortete: „Den Besuch betreffend.“

Phönixglanz fragte hastig: „Dann ist der Familienbesuch also wirklich genehmigt?“

Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Zwar noch nicht ganz sicher, aber zu acht Zehnteln steht es fest.“

Phönixglanz sagte strahlend: „Da sieht man die unermessliche Gnade unseres Kaisers! Aus Geschichten und Theaterstücken weiß ich, dass es so etwas in alter Zeit nie gegeben hat.“

Die Amme Zhao schaltete sich ein: „Ja, wahrhaftig! Ich Alte werde schon ganz wirr im Kopf. In den letzten Tagen höre ich überall, hoch und niedrig, davon reden — Familienbesuch hin, Familienbesuch her —, aber ich habe mich nicht darum gekümmert. Jetzt ist wieder davon die Rede — was hat es eigentlich damit auf sich?“

Kette Kaufmann erklärte: „Unser jetziger Kaiser fühlt mit den Herzen aller Menschen. Es gibt auf der Welt nichts Höheres als die kindliche Ehrerbietung, und die Gefühle zwischen Eltern und Kindern kennen keinen Unterschied zwischen Vornehm und Gering. Der Kaiser selbst ist Tag und Nacht um das Wohl seines kaiserlichen Vaters [Anm.: 太上皇, der abgedankte Kaiser.] und seiner kaiserlichen Mutter besorgt, und doch hat er das Gefühl, seine kindliche Pflicht noch nicht vollständig erfüllt zu haben. Da er bemerkte, dass seine Nebenfrauen und Beischläferinnen, die schon jahrelang im Palast leben und ihre Eltern weder sehen noch hören, Sehnsucht empfinden müssen — was nur natürlich ist, denn Kinder vermissen ihre Eltern, und ebenso müssen Eltern, wenn sie daheim sitzen und an ihre Kinder denken, die sie nicht sehen können, möglicherweise krank werden oder gar sterben, weil sie durch kaiserliche Einschränkung gehindert werden, den Wünschen der natürlichen Familienbeziehungen zu folgen, was eine schwere Verletzung der natürlichen Harmonie bedeuten würde —

deshalb hat der Kaiser eine Eingabe an seinen kaiserlichen Vater und seine kaiserliche Mutter gerichtet und gebeten, den Angehörigen seiner Frauen zu gestatten, an jedem zweiten und sechsten Tag des Monats in den Palast zu kommen, um ihren Gruß zu entrichten und einen Besuch zu machen. Darüber waren die kaiserlichen Eltern überaus erfreut und lobten den Kaiser von Herzen als überaus pietätvoll und menschenfreundlich, als einen, der den Willen des Himmels begreife und die Natur der Dinge erfasse.

Daraufhin erließen die beiden kaiserlichen Eltern ihrerseits eine Verordnung: Wenn die Angehörigen der kaiserlichen Frauen in den Palast kämen, sei die Staatsetikette und das Zeremonialsystem einzuhalten, was die Sehnsucht zwischen Müttern und Töchtern nicht recht zu stillen vermöge. So gewährten sie in ihrer großen Güte eine besondere Gnade und verfügten: Jene Familien unter den kaiserlichen Verwandten, die über gesonderte Gebäude und geräumige Höfe verfügten, die zur Aufnahme eines kaiserlichen Wagens und zum Schutz geeignet seien, dürften — über die Gunst der Besuche am zweiten und sechsten Tag des Monats hinaus — sogar beantragen, die kaiserliche Sänfte in ihrem Privatanwesen zu empfangen, auf dass die vertraulichen Bande zwischen Fleisch und Blut und die höchste Form der natürlichen Beziehungen wenigstens zum Teil gewahrt werden könnten.

Kaum war dieses Dekret ergangen, gab es niemanden, der nicht freudig und dankbar gewesen wäre! Der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Zhou hat auf seinem Anwesen bereits mit den Bauarbeiten begonnen und lässt einen gesonderten Hof für den Familienbesuch errichten. Und Wu Tianyou [吴天佑], der Vater der kaiserlichen Nebenfrau Wu, ist vor die Stadt gefahren, um Baugrund zu besichtigen. Wenn das nicht zu acht oder neun Zehnteln feststeht!“

Die Amme Zhao rief: „Amitabha Buddha! So ist das also! Dann müssen wir wohl auch Vorbereitungen treffen, um unser ältestes Fräulein zu empfangen?“

Kette Kaufmann sagte: „Das versteht sich doch! Wozu sonst die ganze Aufregung?“

Phönixglanz sagte lächelnd: „Wenn das wirklich wahr wird, bekomme ich endlich ein Stück von der großen Welt zu sehen! Nur schade, dass ich ein paar Jährchen zu jung bin. Wäre ich zwanzig, dreißig Jahre früher geboren, könnten die alten Herrschaften nicht verächtlich auf mich herabblicken, weil ich nichts erlebt hätte! Wenn man von den Inspektionsreisen des Dynastiegründers erzählt, der es dem alten Kaiser Shun [Anm.: 舜, legendärer Herrscher des chinesischen Altertums, bekannt für seine Inspektionsreisen.] gleichtat — das ist aufregender als jedes Buch! Leider war es mir nicht vergönnt, das mitzuerleben!“

Die Amme Zhao sagte: „Ach du meine Güte! So etwas gibt es nur einmal in tausend Jahren! Ich war damals gerade in dem Alter, wo einem die Dinge anfangen, sich einzuprägen. Unsere Kaufmann-Familie wohnte seinerzeit in der Gegend von Gusu und Yangzhou [Anm.: 姑苏扬州, die Städte Suzhou und Yangzhou in Jiangsu, Zentren des Reichtums im Kaiserreich.] und hatte die Aufsicht über den Bau von Seeschiffen und die Instandhaltung der Küstendeiche. Allein für den einen kaiserlichen Empfang wurde das Silber verbraucht, als schütte man Meerwasser aus! Um davon zu erzählen...“

Phönixglanz unterbrach sie ungeduldig: „Unsere Wang-Familie wurde ebenfalls einmal dafür ausersehen! Damals hatte mein Großvater den Empfang von Tributgaben und Huldigungsgeschenken aus allen Ländern unter sich. Wann immer Ausländer kamen, wurden sie in unserem Hause bewirtet. Und die Handelsschiffe mit den Waren aus Guangdong, Fujian, Yunnan und Zhejiang — die gehörten alle uns!“

Die Amme Zhao sagte: „Das weiß doch jeder! Noch heute kennt man den Spruch: ‚Fehlt im Ostmeer aus weißem Jade ein Bett, bittet der Drachenkönig in Jiangnan die Wangs.‘ [Anm.: 东海少了白玉床,龙王来请江南王 — ein Spottvers über den märchenhaften Reichtum der Wang-Familie.] Damit ist Eure Familie gemeint, gnädige junge Frau!

Und dann gibt es noch die Zhens [甄家], die heute noch in Jiangnan wohnen. Du meine Güte, was für ein prächtiges Haus! Allein diese Familie hat den Kaiser vier Mal bei sich empfangen! Hätte man es nicht mit eigenen Augen gesehen, man würde es keinem glauben. Ganz zu schweigen davon, dass Silber ihnen nicht mehr galt als Schlamm — es gibt schlicht nichts auf der Welt, was sich dort nicht zu Bergen türmte und zu Meeren staute! Die Worte ‚Sünde‘ und ‚Schade‘ kannte man dort nicht mehr.“

Phönixglanz sagte: „Die alten gnädigen Herren unserer Familie haben es oft genauso erzählt. Warum also sollte man es nicht glauben? Ich möchte nur wissen, wie die Familie so unermesslich reich werden konnte!“

Die Amme Zhao antwortete: „Das will ich Euch mit einem Satz erklären, gnädige junge Frau: Sie haben doch nur das Geld des Kaisers für den Kaiser ausgegeben! Wer sonst hätte das Vermögen, so einen nichtigen Prunk zu bezahlen?“

Während sie sich noch angeregt unterhielten, kam eine Botin von Dame König, um nachzusehen, ob Phönixglanz schon gegessen habe. Daraus schloss Phönixglanz, dass es etwas für sie zu tun gab. Hastig aß sie eine halbe Schale Reis, spülte sich den Mund und wollte gerade gehen, als ein Sklavenjunge vom inneren Tor kam und meldete: „Die beiden jungen Herren Hibiskus und Qiang aus dem Ostanwesen sind da.“

Kette Kaufmann hatte sich gerade den Mund gespült. Friedchen hielt ihm ein Becken zum Händewaschen hin. Als er die beiden eintreten sah, fragte er: „Was gibt es? Sagt es nur rasch!“

Phönixglanz blieb stehen und wartete ab, um zu hören, was die beiden zu berichten hatten.

Hibiskus Kaufmann [贾蓉] nahm als Erster das Wort: „Mein Vater schickt mich, um dem Onkel zu melden: Die alten gnädigen Herren haben sich bereits geeinigt. Vom östlichen Gelände aus, unter Einbeziehung des Gartens unseres Ostanwesens, soll es nach Norden gehen. Insgesamt wurden dreieinhalb Li vermessen — das reicht aus, um den Besuchshof [Anm.: 省亲别院, ein eigens erbautes Anwesen, in dem die kaiserliche Nebenfrau ihre Familie besucht.] zu errichten. Die Zeichnung ist bereits in Auftrag gegeben und wird morgen fertig sein. Da der Onkel gerade erst von der Reise zurück und sicherlich müde ist, braucht er heute nicht herüberzukommen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, möge er morgen früh kommen, um es von Angesicht zu Angesicht zu erörtern.“

Kette Kaufmann erwiderte rasch lächelnd: „Ich lasse dem gnädigen Herrn meinen besten Dank für seine Rücksichtnahme ausrichten. Dann komme ich heute nicht mehr hinüber. Der Plan ist wirklich vorzüglich — so wird der Bau auch leichter auszuführen sein! Wollte man andernorts ein Gelände suchen, würde alles viel umständlicher, und es käme trotzdem nichts Ordentliches dabei heraus. Sag dem gnädigen Herrn, es sei ausgezeichnet so. Und sollten die alten gnädigen Herren es noch einmal ändern wollen, verlasse ich mich ganz darauf, dass der gnädige Herr sie davon abbringt. Es darf auf keinen Fall ein anderes Gelände ausgesucht werden! Morgen komme ich in aller Frühe, um meine Aufwartung zu machen, und dann besprechen wir alles im Einzelnen.“

Hibiskus Kaufmann antwortete hastig: „Jawohl! Jawohl!“

Nun trat Qiang Kaufmann [贾蔷] vor und sagte: „Der gnädige Herr hat mich bestimmt, nach Gusu zu reisen, um Theaterlehrer zu engagieren, Mädchen zu kaufen und Musikinstrumente, Kostüme und Requisiten anzuschaffen. Er hat mir die beiden Söhne des Verwalters Lai anvertraut, und außerdem fahren die beiden Protegés Shan Pinren [单聘仁, wörtlich: „der Einfältige“] und Bu Guxiu [卜固修, wörtlich: „der Pflaster-Flickschuster“] [Anm.: Die sprechenden Namen dieser Schützlinge deuten auf zweifelhafte Charaktere hin.] mit. Deshalb sollte ich mich beim Onkel melden.“

Kette Kaufmann hörte das, musterte Qiang Kaufmann von oben bis unten, dann sagte er lächelnd: „Verstehst du dich überhaupt darauf? Die Sache ist zwar nicht riesig, aber es stecken eine Menge Kniffe und versteckte Tücken darin.“

Qiang Kaufmann antwortete lächelnd: „Dann muss ich sie eben dabei lernen!“

Im Halbdunkel zupfte Hibiskus Kaufmann heimlich an Phönixglanz' Gewandsaum. Phönixglanz, die verstand, was er wollte, sagte lächelnd: „Du machst dir zu viele Gedanken! Versteht sich sein Vater etwa nicht besser darauf, die richtigen Leute einzusetzen? Du fürchtest, er verstünde nichts von der Sache — aber wer versteht sich denn von Anfang an auf etwas? Die Kinder sind inzwischen groß genug. Wie man so sagt: ‚Selbst wer noch kein Schweinefleisch gegessen hat, hat doch ein Schwein laufen sehen.‘ Sein Vater schickt ihn ja nur als Repräsentanten mit — und nicht, damit er über Preise feilscht und Geschäfte abwickelt. Meiner Meinung nach ist er bestens geeignet.“

Kette Kaufmann stimmte zu: „Natürlich, das will ich ja gar nicht bestreiten. Ich mache mir trotzdem meine Gedanken.“ Dann fragte er: „Woher soll das Silber genommen werden, das man dafür braucht?“

Qiang Kaufmann berichtete: „Darüber ist auch schon gesprochen worden. Großvater Lai [Anm.: 赖爷爷, der älteste Verwalter des Hauses.] meinte, wir brauchten es nicht aus der Hauptstadt mitzunehmen. Die Familie Echt [甄家] in Jiangnan hat noch fünfzigtausend Liang Silber von uns in Verwahrung. Morgen wird ein Brief mit einer Zahlungsanweisung geschrieben, die wir mitnehmen. Davon lassen wir uns zunächst dreißigtausend Liang auszahlen. Die übrigen zwanzigtausend bleiben dort und werden dann für den Kauf von Zierkerzen, bunten Laternen, Vorhängen und Matten aller Art verwendet.“

Kette Kaufmann nickte: „Ein guter Plan.“

Phönixglanz wandte sich rasch an Qiang Kaufmann: „Wenn dem so ist — ich habe zwei kundige und zuverlässige Leute bei mir. Nimm sie mit, damit sie die Sachen erledigen. Damit hast du es bequemer!“

Qiang Kaufmann antwortete eilig und lächelnd: „Eben wollte ich die Tante um zwei Leute bitten — wie gut das passt!“ Dann fragte er nach ihren Namen.

Phönixglanz wandte sich an die Amme Zhao. Doch diese hatte dem Gespräch wie gebannt zugehört und war völlig in Gedanken versunken. Friedchen musste sie lachend anstoßen, bevor sie zu sich kam und hastig sagte: „Der eine heißt Zhao Tianliang [赵天梁], der andere Zhao Tiandong [赵天棟].“

Phönixglanz sagte: „Vergiss das nicht! Ich muss jetzt gehen.“ Damit trat sie hinaus.

Hibiskus Kaufmann folgte ihr rasch nach und sagte draußen leise: „Wenn die Tante irgendwelche Dinge haben möchte, schreibt eine Liste, und ich gebe sie Vetter Qiang, damit er alles mitbringt!“

Phönixglanz lachte: „Red keinen Unsinn! Ich habe so viel Zeug, dass ich nicht weiß, wohin damit — als ob ich mir etwas daraus machte, was ihr mir heimlich herschleppt!“ Damit ließ sie ihn stehen und ging.

Drinnen erkundigte sich auch Qiang Kaufmann leise bei Kette Kaufmann: „Was möchte der Onkel haben? Ich bringe es als kleines Zeichen meiner Verehrung mit.“

Kette Kaufmann erwiderte lächelnd: „Nicht so voreilig! Du sollst gerade erst lernen, selbständig etwas zu erledigen, und das Erste, was du lernst, sind diese faulen Tricks. Wenn ich etwas brauchen sollte, schreibe ich dir einen Brief. Vorläufig ist davon noch keine Rede.“ Damit schickte er die beiden fort.

Anschließend kamen Leute, um ihm Bericht zu erstatten — nicht drei-, nicht viermal, sondern ein ums andere Mal. Schließlich war Kette Kaufmann so erschöpft, dass er am inneren Tor Bescheid geben ließ: Niemand dürfe mehr vorgelassen werden, alles habe Zeit bis morgen. Phönixglanz kam erst in der dritten Nachtwache [Anm.: 三更, ca. 23–01 Uhr.] zur Ruhe. Weiter ist von dieser Nacht nichts zu berichten.

Am nächsten Morgen stand Kette Kaufmann auf, entbot Begnadigung Kaufmann und Aufrecht Kaufmann seinen Gruß und begab sich dann zum Ning-Guo-Anwesen. Zusammen mit den alten Verwaltern und einigen jüngeren Gelehrten aus befreundeten Familien besichtigte er sorgfältig das Gelände beider Anwesen, entwarf Zeichnungen für die zu errichtenden Gebäude und prüfte, wie viele Arbeitskräfte benötigt würden.

Von da an rückten die verschiedensten Handwerkertrupps an. Gold und Silber, Kupfer und Zinn, Holz und Erde, Mauersteine und Dachziegel wurden unablässig hierhin und dorthin transportiert. Zunächst erhielten die Handwerker den Auftrag, die Mauern, Hallen und Pavillons des Gartens der Gesammelten Düfte [会芳园] im Ning-Guo-Anwesen abzureißen und das Gelände direkt mit dem großen Osthof des Rong-Guo-Anwesens zu verbinden. Alle Gesindehäuser östlich des Rong-Guo-Anwesens wurden ebenfalls abgerissen.

Zwar waren die beiden Anwesen von Alters her durch eine schmale Gasse getrennt, auf die kein Tor hinausführte. Doch auch diese Gasse gehörte zum Privatbesitz der Familie und war kein öffentlicher Weg, sodass man sie problemlos mit einbeziehen konnte. Der Bachlauf, der an der Nordwestecke des Gartens der Gesammelten Düfte unter der Mauer hindurch auf das Gelände geführt worden war, konnte nun ohne Schwierigkeit verlängert werden. Die vorhandenen Zierfelsen und Bäume reichten zwar nicht ganz aus, doch der Hof, in dem Begnadigung Kaufmann wohnte, war ja ehemals der alte Garten des Rong-Guo-Anwesens gewesen, und so konnten von dort Bambus und Bäume, Felsblöcke, Pavillons und Geländer umgesetzt werden. Da beide Stellen dicht beieinander lagen, sparte man durch ihre Vereinigung viel Geld, und selbst was fehlte und ergänzt werden musste, hielt sich in Grenzen. Mit dem Gesamtentwurf konnte man sich auf einen erfahrenen alten Meister stützen, der sich „Grober Kerl der künstlichen Berge“ [Anm.: 山子野, ein Gartenarchitekt; der Name kann als „der Wilde der Kunstberge“ gelesen werden.] nannte und alles plante und gestaltete.

Aufrecht Kaufmann, der die Beschäftigung mit profanen Dingen nicht gewohnt war, verließ sich ganz auf Begnadigung Kaufmann, Herrlichkeit Kaufmann, Kette Kaufmann, Lai Da, Lai Sheng [来升], Lin Zhixiao [林之孝], Wu Xindeng [吴新登], Zhan Guang [詹光] und Cheng Rixing [程日兴] und einige weitere. Was das Aufschütten von Bergen, das Ausheben von Teichen, das Errichten von Häusern und Hallen, das Pflanzen von Bambus und Blumen und die Gestaltung aller Szenerien betraf — dafür gab der Grobe Kerl der künstlichen Berge die Anweisungen. Wenn Aufrecht Kaufmann von der Audienz zurückkam und freie Zeit hatte, sah er sich hier und da ein wenig um und besprach das Allernotwendigste mit Begnadigung Kaufmann und den anderen — damit hatte es sein Bewenden.

Begnadigung Kaufmann verbrachte seine Tage müßig zu Hause. Über jede Lappalie wurde ihm von Herrlichkeit Kaufmann oder einem anderen mündlich Bericht erstattet, wenn er nicht eine schriftliche Notiz erhielt. Hatte er seinerseits etwas anzuordnen, ließ er Kette Kaufmann oder Lai Da zum Empfang seiner Befehle kommen. Hibiskus Kaufmann allein überwachte die Herstellung der Gold- und Silbergefäße. Qiang Kaufmann war bereits nach Gusu abgereist. Herrlichkeit Kaufmann und Lai Da hatten die Leute einzuteilen, die Bücher zu führen und die Bauarbeiten zu beaufsichtigen — unmöglich, das alles in einem Atemzug zu beschreiben. Es war jedenfalls ein außerordentlich geschäftiges und lautes Treiben. Doch davon soll einstweilen keine weitere Rede sein.

Erzählen wir stattdessen von Schatzjade. Da sich zu Hause all diese großen Dinge abspielten, hatte Aufrecht Kaufmann keine Zeit mehr, ihn nach seinen Büchern und Studien zu fragen — was Schatzjade überaus angenehm war. Doch dass Qin Zhongs Krankheit von Tag zu Tag schlimmer wurde, bereitete ihm ernsthafte Sorgen, und so konnte er sich nicht recht freuen.

Eines Morgens, als er gerade aufgestanden war und sich fertig frisiert und gewaschen hatte und eben zur Herzoginmutter gehen wollte, um ihr zu sagen, er wolle Liebglocke Minne besuchen, erblickte er plötzlich den Diener Mingyan [茗烟], der vor der Blendmauer am inneren Tor den Kopf hervorstreckte und sich suchend umschaute. Schatzjade eilte hinaus und fragte ihn: „Was gibt es?“

Mingyan sagte: „Mit dem jungen Herrn Qin geht es zu Ende!“

Schatzjade fuhr zusammen und fragte erschrocken: „Ich war doch erst gestern bei ihm! Da war er noch bei klarem Verstand — wie kann es plötzlich zu Ende gehen?“

Mingyan antwortete: „Ich weiß auch nicht. Eben war ein alter Diener aus seinem Haus da, eigens um es mir zu sagen.“

Als Schatzjade das hörte, machte er sofort kehrt und ging der Herzoginmutter berichten. Diese befahl: „Nimm einige zuverlässige Leute mit, tu deiner Pflicht als Schulkamerad Genüge und komm dann zurück. Du darfst nicht zu lange bleiben.“

Schatzjade kleidete sich hastig um und eilte hinaus, doch der Wagen war noch nicht angespannt. Vor Ungeduld lief er in der Halle auf und ab. Als der Wagen nach mehrmaligem Drängen endlich vorfuhr, stieg er rasch ein. Li Gui [李贵] und Mingyan folgten ihm.

Als sie vor Qin Zhongs Haus ankamen, war es dort still und menschenleer. Wie ein Bienenschwarm stürmten sie in die inneren Räume und erschreckten damit zwei entfernte Tanten und ein paar Vettern von Liebglocke Minne so sehr, dass diese Hals über Kopf flohen.

Liebglocke Minne hatte bereits zwei- oder dreimal das Bewusstsein verloren. Man hatte ihn längst auf ein anderes Bett und eine frische Matte umgebettet [Anm.: 移床易簀, eine Handlung aus dem konfuzianischen Sterberitual: Wenn der Tod naht, wird der Sterbende auf eine schlichte Matte gelegt.]. Als Schatzjade das sah, brach er unwillkürlich in lautes Schluchzen aus.

Li Gui redete eilig auf ihn ein: „Das dürft Ihr nicht! Der junge Herr Qin ist schwach und krank — das Ofenbett war zu hart für seine Knochen, darum hat man ihn nur etwas weicher gebettet. Wenn Ihr Euch so benehmt, macht Ihr ihn nur noch kränker!“

Schatzjade beherrschte sich und trat näher. Qin Zhongs Gesicht war weiß wie Wachs. Mit geschlossenen Augen lag er auf dem Kissen und atmete schwer. Schatzjade rief: „Bruder Jingqing [鲸卿]! Hier ist Schatzjade!“ Er rief zwei- oder dreimal, doch Liebglocke Minne reagierte nicht. „Schatzjade ist hier!“, rief er noch einmal.

Doch Qin Zhongs Seele hatte den Körper längst verlassen. Nur ein letzter schwacher Atemhauch verblieb noch in seiner Brust. Eben sah die Seele, wie Höllenrichter und Geisterboten mit Amtsemblemen und Stricken auf sie zukamen, um sie zu holen. Doch Qin Zhongs Seele wollte keineswegs mitgehen. Sie dachte daran, dass zu Hause niemand da war, der sich um die Familienangelegenheiten kümmerte; sie dachte an die drei- oder viertausend Liang Silber, die der Vater zusammengespart hatte; und sie dachte an Zhineng, für die noch keine Bleibe gefunden war. So bat die Seele auf hunderterlei Weise um Gnade.

Doch die Geisterboten ließen sich nicht erweichen. Im Gegenteil, sie herrschten Liebglocke Minne an: „Du als Gelehrter solltest doch das Sprichwort kennen: ‚Wenn der Höllenkönig befiehlt, du sollst in der dritten Nachtwache sterben, wagt niemand, dich bis zur fünften leben zu lassen!‘ In unserer Unterwelt sind alle, hoch und niedrig, hart und unbestechlich — nicht so wie in eurer Oberwelt, wo man auf Gefühle Rücksicht nimmt und es tausenderlei Hindernisse gibt!“

Mitten in diesem Tumult hörte Qin Zhongs Seele plötzlich die Worte „Schatzjade ist hier!“ und flehte abermals: „Habt ein wenig Erbarmen, meine Herren Geisterboten! Lasst mich nur zurückkehren und einen einzigen Satz mit diesem guten Freund wechseln, dann komme ich sofort mit!“

Die Geisterboten fragten: „Was denn schon wieder für ein Freund?“

Qin Zhongs Seele erklärte: „Ich will Euch nichts verheimlichen, meine Herren. Es ist der Enkel des Rong-Guo-Herzogs. Sein Kindheitsname lautet Schatzjade.“

Kaum hatte der oberste Höllenrichter das gehört, erschrak er heftig und schnauzte seine Untergebenen an: „Habe ich nicht gesagt, ihr sollt ihn noch einmal zurückgehen lassen? Aber ihr wolltet ja partout nicht auf mich hören! Wartet nur, gleich wird er diesen Günstling des Glücks um Hilfe bitten!“

Als die Geisterboten ihren Vorgesetzten so reden hörten, waren auch sie verwirrt. Doch sie hielten ihm vor: „Eben noch wart Ihr ganz Donner, Blitz und Hagel, alter Herr — und jetzt könnt Ihr den Namen ‚Schatzjade‘ nicht ertragen! Unserer unmaßgeblichen Meinung nach gehört er zur Oberwelt, wir aber zur Unterwelt. Was nützt es uns, Furcht vor ihm zu zeigen?“

Der Höllenrichter entgegnete: „Unsinn! Das Sprichwort hat recht: ‚Die Beamten des Reichs kümmern sich um die Angelegenheiten des Reichs.‘ Seit Urbeginn gelten dieselben Prinzipien für Menschen und Geister. Es gibt nicht zweierlei Maß in Ober- und Unterwelt. Ob er nun hierhin oder dorthin gehört — lasst ihn noch einmal zurück, das kann nicht falsch sein!“

Den Geisterboten blieb keine andere Wahl, als Qin Zhongs Seele loszulassen. Liebglocke Minne stöhnte, öffnete einen Spalt weit die Augen, und als er Schatzjade neben sich sah, seufzte er angestrengt: „Warum bist du nicht früher gekommen? Nur einen Augenblick später, und du hättest mich nicht mehr gesehen.“

Schatzjade fasste rasch seine Hände und fragte unter Tränen: „Wenn du mir noch etwas zu sagen hast — hinterlasse mir deine Worte!“

Liebglocke Minne erwiderte: „Es gibt nichts weiter zu sagen. Wir glaubten immer, mit unserer Einsicht stünden wir über den gewöhnlichen Menschen. Heute weiß ich, dass wir uns damit nur selbst betrogen haben. Richte deinen Willen fortan auf die Prüfungen und den Beamtendienst — Ruhm und Ehre zu erwerben, das allein ist der rechte Weg!“

Nach diesen Worten stieß er einen langen, tiefen Seufzer aus — und war verschieden.

Anmerkungen

  1. Schatzjade (贾宝玉, Jiǎ Bǎoyù) – Protagonist des Romans, Enkel der Herzoginmutter, bekannt für seinen Wunderstein.
  2. Phönixglanz (王熙凤, Wáng Xīfèng) – Nichte von Dame König, verheiratet mit Kette Kaufmann, berüchtigt für ihre Schlauheit und Skrupellosigkeit.
  3. Chin. 金哥 Jĭn Gē. 金 jīn „Gold“; 哥 gē „Bruder“. Töchterchen eines Stadtkommandanten.
  4. Dame König (王夫人, Wáng Fūrén) – Mutter von Schatzjade und Urfrühling, Ehefrau von Aufrecht Kaufmann.
  5. Aufrecht Kaufmann (贾政, Jiǎ Zhèng) – Vater von Schatzjade, strenger Konfuzianer und hoher Beamter.
  6. Herzoginmutter (贾母, Jiǎ Mǔ) – ältestes und ranghöchstes Familienmitglied, Großmutter von Schatzjade.
  7. Kette Kaufmann (贾琏, Jiǎ Liǎn) – Neffe von Aufrecht Kaufmann, Ehemann von Phönixglanz.
  8. Kajaljade (林黛玉, Lín Dàiyù) – Cousine und Seelenverwandte von Schatzjade, Tochter des verstorbenen Ozeangleich Wald.
  9. Schatzspange (薛宝钗, Xuē Bǎochāi) – Cousine von Schatzjade, Tochter von Tante Schnee, bekannt für ihre Klugheit und Besonnenheit.
  10. Friedchen (平儿, Píng'ér) – Erste Kammerzofe und Vertraute von Phönixglanz, Nebenfrau von Kette Kaufmann.