Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de4/Chapter 2"
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| − | In dem Kaufmann | + | In dem Regendorf Kaufmann von einem Freund die Geschichte der Kaufmann-Familie erfährt |
| − | und | + | und Frostig Aufsteiger<ref>Chin. 冷子兴 Lěng Zǐxīng. 冷 lěng „kalt/kühl"; 子兴 zǐxīng „Sohn des Aufblühens". Ein „kühler Beobachter" der aufstrebenden Familie.</ref> die Wechselfälle des Prunkwille-Anwesens<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".</ref> schildert |
Das Eingangsgedicht lautet: | Das Eingangsgedicht lautet: | ||
Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? | Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? | ||
| − | + | Räucherwerk verloschen, Tee ausgetrunken – doch man verweilt noch. | |
Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, | Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, | ||
So frage den kühlen Beobachter am Rand. | So frage den kühlen Beobachter am Rand. | ||
| − | Es wird erzählt, dass Siegel | + | Es wird erzählt, dass Schlicht Siegel [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Echt schnell heraus!" Schlicht Siegel erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Echt gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Schlicht Siegel zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. |
| − | Gegen die zweite Nachtwache kehrte Siegel | + | Gegen die zweite Nachtwache kehrte Schlicht Siegel fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt mit Familiennamen Kaufmann und mit Vornamen Wandlung, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose<ref>Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng. 嬌 jiāo „zart/hübsch"; 杏 xìng „Aprikose". Der Name klingt wie 侥幸 jiǎoxìng „durch einen Glücksfall".</ref> [娇杏] beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Echt hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht. |
| − | Am nächsten Tag schickte | + | Am nächsten Tag schickte Regendorf gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Echt, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Schlicht Siegel, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Schlicht Siegel war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Regendorf gebracht. Regendorf war hoch erfreut und schenkte Schlicht Siegel hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Echt, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Schlicht Siegel kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden. |
| − | Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach | + | Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Regendorf umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Regendorfs Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Regendorfs erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich: |
Durch einen einzigen Fehler im Spiel | Durch einen einzigen Fehler im Spiel | ||
ward sie zur Herrin über andere. | ward sie zur Herrin über andere. | ||
| − | Nachdem | + | Nachdem Wahrheitsverberger ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Regendorf am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Regendorf aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen. |
| − | Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar ein gewisser Wald | + | Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar<ref>巡盐御史 Xúnyán yùshǐ, ab dem späten Ming einer der einflussreichsten Provinzposten: zugleich kaiserlicher Zensor und Aufseher über das lukrative staatliche Salzmonopol — der Inhaber kontrollierte den Salzhandel von Yangzhou (扬州) und Lianghuai (两淮), das wirtschaftliche Herzstück des Reiches im 18. Jahrhundert. Cao Xueqins eigener Großvater 曹寅 Cáo Yín bekleidete dieses Amt zur Kangxi-Zeit; die Lin-Familie spiegelt also den realen sozialen Hintergrund des Autors.</ref> ein gewisser Ozeangleich Wald [林如海]<ref>Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „wie das Meer". Er ist Kajaljades Vater und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie.</ref> sei. Dieser Ozeangleich Wald war ein Tanhua-Absolvent<ref>探花 Tànhuā — drittplatzierter Absolvent des kaiserlichen Hauptpalastexamens (殿试 diànshì), nach 状元 zhuàngyuán (1. Platz) und 榜眼 bǎngyǎn (2. Platz). Das im Folgenden genannte 兰台寺 Lántáisì „Orchideenterrassen-Hof" ist eine archaisierende Bezeichnung des kaiserlichen Zensorenrats (御史台 yùshǐ tái), zuständig für die Kontrolle der Beamten und die direkte Berichterstattung an den Thron. Die Kombination Tanhua → Zensorenrat → Salzinspektor zeichnet eine ideale Beamtenkarriere der Hochqing.</ref> der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war. |
| − | Die Vorfahren dieses Wald | + | Die Vorfahren dieses Ozeangleich Wald hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Ozeangleich Wald waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Ozeangleich Walds Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Ozeangleich Wald selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Ozeangleich Wald war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade<ref>Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade".</ref>, die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern. |
| − | + | Regendorf erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Regendorf, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend. | |
| − | So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau | + | So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Kaufmann (Feinsinn), plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Ozeangleich Wald aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Regendorf, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren. |
An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar: | An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar: | ||
| − | Wer nach dem Tod | + | Wer schon mehr als genug für nach dem Tod hat, vergisst dennoch die Hand zurückzuziehen; |
Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren. | Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren. | ||
| − | + | Regendorf las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Regendorf beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei. | |
| − | + | Regendorf, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Regendorf erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], den er von früher kannte. Regendorf schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Aufsteiger wiederum nutzte Regendorfs Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Regendorf fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Aufsteiger erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Regendorf neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte. | |
| − | + | Regendorf fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Aufsteiger antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Regendorf lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Aufsteiger lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Regendorf fragte, welche Familie er meine. | |
| − | + | Aufsteiger sagte: „Das Prunkwille-Anwesenguo, die Kaufmann-Familie – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Regendorf lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Kaufmann Wiederkehr<ref>Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".</ref>, mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Prunkwille-Anwesens<ref>Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".</ref> betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Aufsteiger seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren." | |
| − | + | Regendorf fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Aufsteiger antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Regendorf erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling<ref>金陵 Jīnlíng — alter literarischer Name für 南京 Nánjīng (Stadt am „Goldenen Hügel"). Im Roman ist Jinling/Nanjing der südliche Schauplatz der Familie 甄 Zhēn („Echt") und des Stammsitzes mehrerer großer Häuser; der direkt folgende Hinweis auf die „sechs Dynastien" (六朝 Liùcháo) verweist auf die zwischen Wu (3. Jh.) und Chen (6. Jh.) hier residierenden Dynastien, deren Aufstieg und Untergang zum sprichwörtlichen Bild der Vergänglichkeit wurde — ein Leitmotiv des Romans. Die in Kapitel 5 zentralen „Zwölf Schönen von Jinling" tragen diesen Stadtnamen als Programm.</ref> und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Stillfriede-Anwesen, westlich<ref>宁国府 Níngguó Fǔ „Residenz des Reiches der Stille/des Friedens". 宁 níng „Stille/Frieden". Die Ningguo-Residenz und die Rongguo-Residenz sind Wohnsitze der beiden gleichrangigen Brüder, die als Gründungsherzöge unter der gegenwärtigen Dynastie ausgezeichnet wurden — die Ningguo-Linie ist die ältere. Ihre topographische Anordnung (östlich vs. westlich) entspricht dem chinesischen Hierarchieprinzip „links-zuerst" (zuǒ wéi shàng): Ningguo links/östlich = Älterenseite, Rongguo rechts/westlich = Jüngerenseite.</ref> die Prunkwille-Anwesen. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus." | |
| − | + | Aufsteiger lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Regendorf hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung." | |
| − | + | Aufsteiger seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Kaufmann Generationswandel<ref>Chin. 贾代化 Jiǎ Dàihuà. 代 dài „Generation"; 化 huà „Wandlung".</ref> das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Kaufmann Wiederkehr<ref>Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".</ref>, starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Andacht Kaufmann [贾敬], das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der taoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Herrlichkeit Kaufmann [贾珍], dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Herrlichkeit Kaufmann hat einen Sohn namens Herrlichkeit Kaufmann, der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Andacht Kaufmann kümmert sich um gar nichts mehr. Herrlichkeit Kaufmann aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln. | |
| − | Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, | + | Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Kaufmann Generationsgüte<ref>Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".</ref>, das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Begnadigung Kaufmann [贾赦]<ref>Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter.</ref> und den jüngeren Aufrecht Kaufmann [贾政]<ref>Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade.</ref>. Kaufmann Generationsgüte starb früh, doch seine Gemahlin, die alte Fürstin, lebt noch. Der ältere Sohn Begnadigung Kaufmann erbte das Amt. Der jüngere Aufrecht Kaufmann war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Kaufmann Generationsgüte<ref>Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".</ref> auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Aufrecht Kaufmann sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Aufrecht Kaufmann, eine geborene Wang, brachte als erstgeborenen Sohn Herrlichkeit Kaufmann zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade [宝玉]<ref>Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz" des Jia-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv".</ref>. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?" |
| − | + | Regendorf sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben." | |
| − | + | Aufsteiger lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel.' Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Regendorf wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Aufrecht hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen." | |
| − | + | Aufsteiger, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Regendorf sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, Wen König, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können." | |
| − | + | Aufsteiger sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Regendorf antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Echt – kennt Ihr das?" Aufsteiger nickte: „Natürlich! Die Familie Echt und die Kaufmann-Familie sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Regendorf lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun". Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend." | |
| − | + | Aufsteiger sagte: „Auch im Hause Kaufmann gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Aufrecht, Urfrühling [元春], wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling<ref>Die vier Kaufmann-Schwestern heißen 元春 (Urfrühling), 迎春 (Willkommensfrühling), 探春 (Erkundefrühling), 惜春 (Bedauerfrühling). Ihre Anfangszeichen 元迎探惜 klingen zusammen wie 原应叹息 yuán yīng tànxī „man sollte nur seufzen" — ein Vorverweis auf ihre tragischen Schicksale.</ref>, ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn Begnadigung. Die dritte, Erkundefrühling, ist eine natürliche Tochter von Herrn Aufrecht. Die vierte, Bedauerfrühling, ist die leibliche Schwester von Herrlichkeit Kaufmann aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet." | |
| − | + | Regendorf sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Echt, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Kaufmann dann dieser gewöhnlichen Mode?" Aufsteiger erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren Begnadigung und Aufrecht aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Feinsinn Kaufmann<ref>Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn „feinsinnig/gewandt". Mutter von Kajaljade (林黛玉).</ref>." Regendorf schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Aufsteiger seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird." | |
| − | + | Regendorf sagte: „Eben. Herr Aufrecht hat also den Schatzjade, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr Begnadigung denn gar keinen Sohn?" Aufsteiger erwiderte: „Herr Aufrecht hat nach dem Schatzjade noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn Begnadigung betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kette Kaufmann [贾琏], ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Aufrechts Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kette Kaufmann hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können." | |
| − | + | Regendorf lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Aufsteiger sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Regendorf lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Aufsteiger lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Regendorf blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche. | |
| − | Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder | + | Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder Regendorf, ich gratuliere! Ich komme eigens, um Euch eine frohe Nachricht zu bringen!" Regendorf drehte sich hastig um – |
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第二回 / Kapitel 2
贾夫人仙逝扬州城
冷子兴演说荣国府
| 中文原文 | Deutsche Übersetzung (DE4, Woesler) |
|---|---|
|
贾夫人仙逝扬州城 冷子兴演说荣国府 却说封肃听见公差传唤,忙出来陪笑启问。那些人只嚷:“快请出甄爷来!”封肃忙陪笑道:“小人姓封,并不姓甄。只有当日小婿姓甄,今已出家一二年了。不知可是问他?”那些公人道:“我们也不知什么真假,既是你的女婿,就带了你去面禀太爷便了。”大家把封肃推拥而去。封家各各惊慌,不知何事。 至二更时分,封肃方回来。众人忙问端的,他说道:“原来新任太爷姓贾名化,本湖州人氏,曾与女婿旧交。因在我家门首看见娇杏丫头买线,只说女婿移住此间,所以来传。我将缘故回明,那太爷感伤叹息了一回。又问外孙女儿,我说看灯丢了。太爷说:‘不妨,待我差人去,务必找寻回来。’说了一会话,临走又送我二两银子。”甄家娘子听了,不觉感伤。一夜无话。 次日,早有雨村遣人送了两封银子、四匹锦缎,答谢甄家娘子;又一封密书与封肃,托他向甄家娘子要那娇杏作二房。封肃喜得眉开眼笑,巴不得去奉承太爷,便在女儿前一力撺掇。当夜用一乘小轿,便把娇杏送进衙内去了。雨村欢喜,自不必言;又封百金赠与封肃,又送甄家娘子许多礼物,令其且自过活,以待访寻女儿下落。 却说娇杏那丫头,便是当年回顾雨村的,因偶然一看,便弄出这段奇缘,也是意想不到之事。谁知他命运两济:不承望自到雨村身边只一年,便生一子;又半载,雨村嫡配忽染疾下世,雨村便将他扶作正室夫人。正是: 偶因一回顾,便为人上人。 原来雨村因那年士隐赠银之后,他于十六日便起身赴京。大比之期,十分得意,中了进士,选入外班,今已升了本县太爷。虽才干优长,未免贪酷,且恃才侮上,那同寅皆侧目而视。不上一年,便被上司参了一本,说他貌似有才,性实狡猾;又题了一两件徇庇蠹役、交结乡绅之事。龙颜大怒,即命革职。部文一到,本府各官无不喜悦。那雨村虽十分惭恨,面上却全无一点怨色,仍是嘻笑自若。交代过了公事,将历年所积的宦囊,并家属人等,送至原籍,安顿妥当了,却自己担风袖月,游览天下胜迹。那日偶又游至维扬地方,闻得今年盐政点的是林如海。 这林如海姓林名海,表字如海,乃是前科的探花,今已升兰台寺大夫,本贯姑苏人氏,今钦点为巡盐御史,到任未久。原来这林如海之祖,也曾袭过列侯的,今到如海,业经五世。起初只袭三世,因当今隆恩盛德,额外加恩,至如海之父又袭了一代,到了如海便从科第出身。虽系世禄之家,却是书香之族。只可惜这林家支庶不盛,人丁有限,虽有几门,却与如海俱是堂族,没甚亲支嫡派的。今如海年已五十,只有一个三岁之子,又于去岁亡了;虽有几房姬妾,奈命中无子,亦无可如何之事。只嫡妻贾氏生得一女,乳名黛玉,年方五岁,夫妻爱之如掌上明珠。见他生得聪明俊秀,也欲使他识几个字,不过假充养子,聊解膝下荒凉之叹。 且说贾雨村在旅店偶感风寒,愈后又因盘费不继,正欲得一个居停之所,以为息肩之地。偶遇两个旧友,认得新盐政,知他正要请一西席教训女儿,遂将雨村荐进衙门去。这女学生年纪幼小,身体又弱,功课不限多寡,其馀不过两个伴读丫鬟,故雨村十分省力,正好养病。看看又是一载有馀,不料女学生之母贾氏夫人一病而亡。女学生奉侍汤药,守丧尽礼,过于哀痛,素本怯弱,因此旧病复发,有好些时不曾上学。雨村闲居无聊,每当风日晴和,饭后便出来闲步。 这一日偶至郊外,意欲赏鉴那村野风光。信步至一山环水漩、茂林修竹之处,隐隐有座庙宇,门巷倾颓,墙垣剥落。有额题曰“智通寺”,门旁又有一副旧破的对联云: 身后有馀忘缩手,眼前无路想回头。 雨村看了,因想道:“这两句文虽甚浅,其意则深。也曾游过些名山大刹,倒不曾见过这话头。其中想必有个翻过筋斗来的,也未可知。何不进去一访?”走入看时,只有一个龙锺老僧在那里煮粥。雨村见了,却不在意。及至问他两句话,那老僧既聋且昏,又齿落舌钝,所答非所问。雨村不耐烦,仍退出来。意欲到那村肆中沽饮三杯,以助野趣,于是移步行来。 刚入肆门,只见座上吃酒之客,有一人起身大笑,接了出来,口内说:“奇遇,奇遇!”雨村忙看时,此人是都中古董行中贸易,姓冷号子兴的,旧日在都相识。雨村最赞这冷子兴是个有作为大本领的人,这子兴又借雨村斯文之名,故二人最相投契。雨村忙亦笑问:“老兄何日到此?弟竟不知。今日偶遇,真奇缘也!”子兴道:“去年岁底到家,今因还要入都,从此顺路找个敝友,说一句话。承他的情,留我多住两日。我也无甚紧事,且盘桓两日,待月半时也就起身了。今日敝友有事,我因闲走到此,不期这样巧遇。”一面说,一面让雨村同席坐了,另整上酒肴来。 二人闲谈慢饮,叙些别后之事。雨村因问:“近日都中可有新闻没有?”子兴道:“倒没有什么新闻,倒是老先生的贵同宗家出了一件小小的异事。”雨村笑道:“弟族中无人在都,何谈及此?”子兴笑道:“你们同姓,岂非一族?”雨村问:“是谁家?”子兴笑道:“荣国贾府中,可也不玷辱老先生的门楣了。”雨村道:“原来是他家。若论起来,寒族人丁却自不少,东汉贾复以来,支派繁盛,各省皆有,谁能逐细考查?若论荣国一支,却是同谱。但他那等荣耀,我们不便去认他,故越发生疏了。” 子兴叹道:“老先生休这样说。如今的这荣、宁两府,也都萧索了,不比先时的光景。”雨村道:“当日宁、荣两宅人口也极多,如何便萧索了呢?”子兴道:“正是,说来也话长。”雨村道:“去岁我到金陵时,因欲游览六朝遗迹,那日进了石头城,从他宅门前经过:街东是宁国府,街西是荣国府,二宅相连,竟将大半条街占了。大门外虽冷落无人,隔着围墙一望,里面厅殿楼阁,也还都峥嵘轩峻;就是后边一带花园里,树木山石,也都还有葱蔚洇润之气:那里像个衰败之家?”子兴笑道:“亏你是进士出身,原来不通。古人有言:‘百足之虫,死而不僵。’如今虽说不似先年那样兴盛,较之平常仕宦人家,到底气象不同。如今生齿日繁,事务日盛,主仆上下都是安富尊荣,运筹谋画的竟无一个;那日用排场,又不能将就省俭。如今外面的架子虽没很倒,内囊却也尽上来了。这也是小事。更有一件大事:谁知这样钟鸣鼎食的人家儿,如今养的儿孙,竟一代不如一代了。” 雨村听说,也道:“这样诗礼之家,岂有不善教育之理?别门不知,只说这宁、荣两宅,是最教子有方的,何至如此?”子兴叹道:“正说的是这两门呢!等我告诉你:当日宁国公是一母同胞弟兄两个。宁公居长,生了两个儿子。宁公死后,长子贾代化袭了官,也养了两个儿子:长子贾敷,八九岁上死了;只剩了一个次子贾敬,袭了官,如今一味好道,只爱烧丹炼汞,别事一概不管。幸而早年留下一个儿子,名唤贾珍,因他父亲一心想作神仙,把官倒让他袭了。他父亲又不肯住在家里,只在都中城外,和那些道士们胡羼。这位珍爷也生了一个儿子,今年才十六岁,名叫贾蓉。如今敬老爷不管事了。这珍爷那里干正事,只一味高乐不了,把那宁国府竟翻过来了,也没有敢来管他的人。再说荣府你听,方才所说异事就出在这里。自荣公死后,长子贾代善袭了官,娶的是金陵世家史侯的小姐为妻。生了两个儿子:长名贾赦,次名贾政。如今代善早已去世,太夫人尚在。长子贾赦袭了官,为人却也中平,也不管理家事。惟有次子贾政,自幼酷喜读书,为人端方正直。祖父锺爱,原要他从科甲出身。不料代善临终遗本一上,皇上怜念先臣,即叫长子袭了官;又问还有几个儿子,立刻引见,又将这政老爷赐了个额外主事职衔,叫他入部习学,如今现已升了员外郎。这政老爷的夫人王氏,头胎生的公子名叫贾珠,十四岁进学,后来娶了妻,生了子,不到二十岁,一病就死了。第二胎生了一位小姐,生在大年初一,就奇了。不想隔了十几年,又生了一位公子,说来更奇:一落胞胎,嘴里便衔下一块五彩晶莹的玉来,还有许多字迹。你道是新闻不是?” 雨村笑道:“果然奇异。只怕这人的来历不小。”子兴冷笑道:“万人都这样说,因而他祖母爱如珍宝。那年周岁时,政老爷试他将来的志向,便将世上所有的东西摆了无数叫他抓。谁知他一概不取,伸手只把些脂粉钗环抓来玩弄。那政老爷便不喜欢,说将来不过酒色之徒,因此不甚爱惜。独那太君还是命根子一般。说来又奇:如今长了十来岁,虽然淘气异常,但聪明乖觉,百个不及他一个。说起孩子话来也奇,他说:‘女儿是水做的骨肉,男子是泥做的骨肉。我见了女儿便清爽,见了男子便觉浊臭逼人。’你道好笑不好笑?将来色鬼无疑了。” 雨村罕然厉色道:“非也。可惜你们不知道这人的来历,大约政老前辈也错以淫魔色鬼看待了。若非多读书识事,加以致知格物之功、悟道参玄之力者,不能知也。”子兴见他说得这样重大,忙请教其故。 雨村道:“天地生人,除大仁大恶,馀者皆无大异。若大仁者则应运而生,大恶者则应劫而生;运生世治,劫生世危。尧、舜、禹、汤、文、武、周、召、孔、孟、董、韩、周、程、朱、张,皆应运而生者;蚩尤、共工、桀、纣、始皇、王莽、曹操、桓温、安禄山、秦桧等,皆应劫而生者。大仁者修治天下,大恶者扰乱天下。清明灵秀,天地之正气,仁者之所秉也;残忍乖僻,天地之邪气,恶者之所秉也。今当祚永运隆之日,太平无为之世,清明灵秀之气所秉者,上自朝廷,下至草野,比比皆是。所馀之秀气漫无所归,遂为甘露,为和风,洽然溉及四海。彼残忍乖邪之气,不能荡溢于光天化日之下,遂凝结充塞于深沟大壑之中。偶因风荡,或被云摧,略有摇动感发之意,一丝半缕误而逸出者,值灵秀之气适过,正不容邪,邪复妒正,两不相下;如风水雷电地中既遇,既不能消,又不能让,必致搏击掀发。既然发泄,那邪气亦必赋之于人。假使或男或女偶秉此气而生者,上则不能为仁人为君子,下亦不能为大凶大恶。置之千万人之中,其聪俊灵秀之气,则在千万人之上;其乖僻邪谬不近人情之态,又在千万人之下。若生于公侯富贵之家,则为情痴情种;若生于诗书清贫之族,则为逸士高人;纵然生于薄祚寒门,甚至为奇优,为名娼,亦断不至为走卒健仆,甘遭庸夫驱制。如前之许由、陶潜、阮籍、嵇康、刘伶、王谢二族、顾虎头、陈后主、唐明皇、宋徽宗、刘庭芝、温飞卿、米南宫、石曼卿、柳耆卿、秦少游,近日倪云林、唐伯虎、祝枝山,再如李龟年、黄幡绰、敬新磨、卓文君、红拂、薛涛、崔莺、朝云之流:此皆易地则同之人也。” 子兴道:“依你说,成则公侯败则贼了?”雨村道:“正是这意。你还不知,我自革职以来,这两年遍游各省,也曾遇见两个异样孩子,所以方才你一说这宝玉,我就猜着了八九也是这一派人物。不用远说,只这金陵城内钦差金陵省体仁院总裁甄家,你可知道?”子兴道:“谁人不知,这甄府就是贾府老亲,他们两家来往极亲热的。就是我也和他家往来非止一日了。”雨村笑道:“去岁我在金陵,也曾有人荐我到甄府处馆。我进去看其光景,谁知他家那等荣贵,却是个富而好礼之家,倒是个难得之馆。但是这个学生虽是启蒙,却比一个举业的还劳神。说起来更可笑,他说:‘必得两个女儿陪着我读书,我方能认得字,心上也明白;不然,我心里自己糊涂。’又常对着跟他的小厮们说:‘这“女儿”两个字极尊贵极清净的,比那瑞兽珍禽、奇花异草更觉稀罕尊贵呢。你们这种浊口臭舌,万万不可唐突了这两个字,要紧,要紧!但凡要说的时节,必用净水香茶漱了口方可;设若失错,便要凿牙穿眼的。’其暴虐顽劣,种种异常。只放了学进去,见了那些女儿们,其温厚和平,聪敏文雅,竟变了一个样子。因此,他令尊也曾下死笞楚过几次,竟不能改。每打的吃疼不过时,他便姐姐妹妹的乱叫起来。后来听得里面女儿们拿他取笑:‘因何打急了,只管叫姐妹作什么?莫不叫姐妹们去讨情讨饶?你岂不愧些?’他回答的最妙,他说:‘急痛之时,只叫姐姐妹妹字样,或可解疼,也未可知,因叫了一声,果觉疼得好些。遂得了秘法,每疼痛之极,便连叫姐妹起来了。’你说可笑不可笑?为他祖母溺爱不明,每因孙辱师责子,我所以辞了馆出来的。这等子弟,必不能守祖、父基业,从师友规劝的。只可惜他家几个好姊妹都是少有的。” 子兴道:“便是贾府中现在三个也不错。政老爷的长女名元春,因贤孝才德,选入宫作女史去了。二小姐乃是赦老爷姨娘所出,名迎春;三小姐政老爷庶出,名探春;四小姐乃宁府珍爷的胞妹,名惜春:因史老夫人极爱孙女,都跟在祖母这边,一处读书,听得个个不错。”雨村道:“更妙在甄家风俗:女儿之名,亦皆从男子之名;不似别人家里,另外用这些‘春’、‘红’、‘香’、‘玉’等艳字。何得贾府亦落此俗套?”子兴道:“不然。只因现今大小姐是正月初一所生,故名元春,馀者都从了‘春’字;上一排的却也是从弟兄而来的。现有对证:目今你贵东家林公的夫人,即荣府中赦、政二公的胞妹,在家时名字唤贾敏。不信时你回去细访可知。”雨村拍手笑道:“是极。我这女学生名叫黛玉,他读书凡‘敏’字,他皆念作‘密’字;写字遇着‘敏’字,亦减一二笔。我心中每每疑惑,今听你说,是为此无疑矣。怪道我这女学生言语举止另是一样,不与凡女子相同,度其母不凡,故生此女。今知为荣府之外孙,又不足罕矣。可惜上月其母竟亡故了。”子兴叹道:“老姊妹三个,这是极小的,又没了;长一辈的姊妹,一个也没了。只看这小一辈的将来的东床何如呢。” 雨村道:“正是。方才说政公已有一个衔玉之子,又有长子所遗弱孙,这赦老竟无一个不成?”子兴道:“政公既有玉儿之后,其妾又生了一个,倒不知其好歹。只眼前现有二子一孙,却不知将来何如。若问那赦老爷,也有一子,名叫贾琏,今已二十多岁了,亲上做亲,娶的是政老爷夫人王氏内侄女,今已娶了四五年。这位琏爷身上现捐了个同知,也是不喜正务的;于世路上好机变,言谈去得,所以目今只在乃叔政老爷家住,帮着料理家务。谁知自娶了这位奶奶之后,倒上下无人不称颂他的夫人,琏爷倒退了一舍之地:模样又极标致,言谈又爽利,心机又极深细,竟是个男人万不及一的。” 雨村听了,笑道:“可知我言不谬了。你我方才所说的这几个人,只怕都是那正邪两赋而来一路之人,未可知也。”子兴道:“正也罢,邪也罢,只顾算别人家的账,你也吃杯酒才好。”雨村道:“只顾说话,就多吃了几杯。”子兴笑道:“说着别人家的闲话,正好下酒,即多吃几杯何妨?”雨村向窗外看道:“天也晚了,仔细关了城,我们慢慢进城再谈,未为不可。”于是二人起身,算还酒钱。方欲走时,忽听得后面有人叫道:“雨村兄恭喜了!特来报个喜信的。”雨村忙回头看时…… 要知是谁,且听下回分解。 外班──清代会试考取进士后,留在朝中任官者称“京官”,分发外地任地方官者称“外班”。因新官分发到地方后要候补,按班次任官,故称“外班”。 同寅皆侧目而视──同寅:即同僚。典出《尚书·虞书·皋陶谟》:“百僚师师,百工惟时……同寅协恭,和衷哉。”寅时是朝臣上朝之时,故称。 侧目而视:斜着眼看。语出《战国策·秦策一》:“(苏秦)将说楚王,路过洛阳。父母闻之,清宫除道,张乐设饮,郊迎三十里;妻侧目而视,倾耳而听;嫂蛇行匍伏,四拜自跪而谢。”原表示敬畏。引申以表示愤怒或不齿。 维扬──扬州(在今江苏省)的别称。大禹所划分的“九州”之一。典出《尚书·夏书·禹贡》:“淮海惟扬州。”“惟”通“维”。后人从“惟扬州”截取“惟扬”,又以“维”代“惟”,遂成“维扬”。如北朝周·庾信《哀江南赋》:“淮海维扬,三千馀里。” 探花──科举考试中殿试(最高一级考试)一甲第三名(第一名为状元,第二名为榜眼)。本于唐代的“探花使”,亦称“探花郎”。唐·李淖《秦中岁时记》:“进士杏园初宴,谓之探花宴。差少俊二人为探花使,遍游名园,若它人先折花,二使皆被罚。”又宋·魏泰《东轩笔录》卷六:“进士及第后,例期集一月……又选最年少者二人为探花使,赋诗,世谓之探花郎。” 兰台寺大夫──指专管弹劾的御史。兰台是汉朝宫内藏书之所,由御史大夫主管,故后世将御史台别称“兰台”,将御史府别称“兰台寺”,将御史别称“兰台寺大夫”。 列侯──古代爵名。在秦称“彻侯”,为二十四级爵位中的最高一级。至汉代为避汉武帝刘彻之讳,改为“通侯”。“通”与“彻”同义,是改名不改义。“通侯”之意是表示受爵者功勋通于王室。后又改为“列侯”,表示序列之意。见《汉书·高帝纪下》颜师古注。清代并无此爵,只是借指侯爵。清代爵位分公、侯、伯、子、男,侯爵为第二等。 膝下荒凉──意谓子女稀少,尤无儿子。 膝下:这里指子女。因幼儿多倚偎于父母膝旁,故称。《孝经·圣治》:“故亲生之膝下,以养父母日严。”唐玄宗注:“亲犹爱也,膝下谓孩童之时也。” 荒凉:形容因子女稀少而家庭显得清冷凄凉。 西席──古人座次以右(西)为尊,故右席为宾客和塾师之位,坐西面东,故称幕宾和塾师为“西席”或“西宾”。清·梁章钜《称谓录》卷八:“汉明帝尊桓荣以师礼,上幸太常府,令荣坐东面(坐西面东),设几。故师曰西席。”这里指家庭教师。 “身后”一联──身后有馀:是说馀年还很长(“身后”不可解作死后)。 忘缩手:是说不肯收手,还要争名夺利。 无路:走投无路。 此联是说世人大多只顾眼前,不顾将来,等到走投无路,后悔无及。 刹──梵语音译省称,意译为佛塔的柱形尖顶,故又称“佛柱”。引申为佛寺。 贾复──东汉南阳冠军(今河南邓州市西北)人,累官至左将军,并封胶东侯。《后汉书》有传。姓贾的成千上万,贾雨村却只拉千年前的贾复为一家,足见其拉大旗作虎皮之势利小人肺肝。 百足之虫,死而不僵——典出三国魏·曹冏《六代论》:“故语曰:‘百足之虫,死而不僵。’扶之者众也。”比喻世家大族虽然衰败,因家底雄厚,依傍众多,表面上仍能维持繁荣景象。 百足:虫名,即马陆。长约一寸,躯干由多节构成,每节有足一对或二对,切断后仍能蠕动。 僵:倒下。 安富尊荣──语出《孟子·尽心上》:“君子居是国也,其君用之,则安富尊荣。”原意是君子因辅佐国君功勋卓著而享受荣华富贵。这里反用其意,意谓不劳而获,安享荣华富贵。 钟鸣鼎食——语出唐·王勃《滕王阁序》:“闾阎扑地,钟鸣鼎食之家。”古代贵族鸣钟列鼎而食。这里借以形容富贵豪华。 鼎:古代食器。 胡羼(chàn忏) ──胡闹。 羼:本义为群羊杂居。引申为杂乱不纯,乱七八糟。 抓──即“抓周”,亦称“试儿”、“试周”。旧俗于婴儿满周岁时,父母摆列各种小件器物,任其抓取,以测试其秉性、智愚、志趣。此俗始于江南,后亦传到北方。事见北朝周·颜之推《颜氏家训·风操》:“江南风俗,儿生一期(年),为制新衣,盥浴装饰,男则用弓矢纸笔,女则刀尺针缕(线),并加饮食之物及珍宝服玩,置之儿前,观其发意所取,以验贪亷智愚,名之为试儿。”(宋·赵彦卫《云麓漫钞》卷二也有相同记载)又宋·叶真《爱日斋丛钞》卷一:“《玉壶野史》记曹武惠王(曹彬)始生周晬日,父母以百玩之具罗于席,观其所取。武惠王左手提干戈,右手提俎豆,斯须取一印,馀无所视。曹,真定人。江南遗俗乃在此(指真定),今俗谓试周是也。” 致知格物──语出《礼记·大学》:“致知在格物,格物而后知至。”意谓要想获得知识,必须探究事物的道理。 致:获得,取得。 格:推究,探究,探讨。 尧……张──尧、舜、禹、汤、文、武,即唐尧、虞舜、夏禹、成汤、周文王、周武王,是从上古至西周的明君;周、召,即周公旦、召公奭,都是西周的贤相;孔、孟,即孔丘(通称孔子)、孟轲(通称孟子),都是儒学的创始人;董、韩、周、程、朱、张,即汉代董仲舒、唐代韩愈、北宋周敦颐、北宋程颢和程颐兄弟、南宋朱熹、北宋张载,都是儒学理论家。这些人皆是儒家竭力推崇的人物。 蚩尤……秦桧──蚩尤、共工,都是传说中上古最凶恶的部族首领;桀、纣、始皇,即夏桀、商纣王、秦始皇,都是登峰造极的暴君;王莽、曹操、桓温、安禄山、秦桧,他们分别是汉代、三国、东晋、唐代、南宋人,都是大奸臣乃至叛逆之贼。 许由……朝云──许由,传说他是上古时为了逃避帝位而终生隐居的贤人;陶潜(即陶渊明)、阮籍、嵇康、刘伶,都是魏晋时期著名文学家及不与流俗同低昂的独行之士;王谢二族,指东晋王导和谢安,都是显贵;顾虎头,即顾恺之,字虎头,是东晋名画家;陈后主、唐明皇、宋徽宗,都是有才气的风流皇帝;刘庭芝即刘希夷(字庭芝)、温飞卿即温庭筠(字飞卿),都是唐代名诗人;米南宫即米芾(南宫为世称),是北宋名画家;石曼卿即石延年(字曼卿)、柳蓍卿即柳永(字蓍卿)、秦少游即秦观(字少游),都是北宋著名文学家;倪云林即倪瓒,字云林,是元代名画家;唐伯虎即唐寅(字伯虎)、祝枝山即祝允明(字枝山),都是明代名画家、文学家;李龟年(唐代人)、黄幡绰(唐代人)、敬新磨(五代后唐人),都是名艺人;卓文君(已见第一回注)、红拂(先为隋相杨素的侍女,后私奔李靖,也是前蜀·杜光庭《虬髯客传》中的女主人公)、薛涛(唐代才妓)、崔莺(即唐·元稹《会真记》、元·王实甫《西厢记》中的崔莺莺)、朝云(宋代名妓),他们都是以才貌流芳的名女。 成则公侯败则贼──意谓成功的人便能获得公爵、侯爵之类的高官显爵,失败的人便被看作贼寇。表示世上并无公理,世人不讲是非,只论成功与失败,即只以成败论英雄。这里化用了“败则盗贼,成则帝王”。 出自宋·邓牧《君道》:“嘻!天下何常之有?败则盗贼,成则帝王。” 东床──指女婿。典出《晋书·王羲之传》、南朝宋·刘义庆《世说新语·雅量》:晋朝太尉郗鉴派人至丞相王导家相婿,王丞相令其到东厢房随意挑选。此人过去一看,见王家诸郎皆很矜持,唯独王羲之坦腹躺在东床之上,毫不在乎。此人回报,郗鉴即选中王羲之为婿。后世即以“东床”、“东床坦腹”、“东床客”、“东床娇客”等代指女婿。 退了一舍之地──意谓退避三十里。形容退居其后,不敢与争。 一舍:三十里。 这里化用了“退避三舍”之典。典出《左传·僖公二十三年》:春秋时,晋国公子重耳出奔至楚,楚成王礼遇之,因问道:“公子若反(返)晋国,则何以报不谷?”重耳对曰:“若以君之灵,得反晋国,晋、楚治兵,遇于中原,其辟(避)君三舍。”后重耳返国为君,晋、楚城濮(在今山东省鄄城县西南)之战,重耳遵守诺言,晋军果“退三舍以辟之”。 |
In dem Regendorf Kaufmann von einem Freund die Geschichte der Kaufmann-Familie erfährt und Frostig Aufsteiger[1] die Wechselfälle des Prunkwille-Anwesens[2] schildert Das Eingangsgedicht lautet: Ob Gewinn oder Verlust in dieser Partie – wer weiß es schon? Räucherwerk verloschen, Tee ausgetrunken – doch man verweilt noch. Willst du das Zeichen für Aufstieg und Verfall erkennen, So frage den kühlen Beobachter am Rand. Es wird erzählt, dass Schlicht Siegel [封肃], als er die Gerichtsdiener nach ihm rufen hörte, eilig hinausging und mit einem Lächeln fragte, was los sei. Die Männer riefen nur: „Bringt den Herrn Echt schnell heraus!" Schlicht Siegel erklärte lächelnd: „Ich heiße Feng, nicht Zhen. Mein ehemaliger Schwiegersohn hieß Zhen, doch er ist schon seit ein, zwei Jahren als Mönch davongegangen. Meint Ihr vielleicht ihn?" Die Gerichtsdiener erwiderten: „Wir wissen nicht, ob es einen echten oder falschen Echt gibt. Wir folgen nur dem Befehl des Herrn Magistrats. Da er Euer Schwiegersohn war, nehmen wir Euch mit, damit Ihr persönlich vor dem Magistrat aussagt und wir nicht vergeblich herumrennen müssen." Ohne Schlicht Siegel zu Wort kommen zu lassen, drängten sie ihn hinaus. Die ganze Familie war erschrocken und wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Gegen die zweite Nachtwache kehrte Schlicht Siegel fröhlich und guter Dinge zurück. Alle fragten ihn aufgeregt nach den Einzelheiten. Er berichtete: „Der neue Magistrat heißt mit Familiennamen Kaufmann und mit Vornamen Wandlung, mit Vornamen Hua, und stammt aus Huzhou. Er war früher ein Bekannter meines Schwiegersohnes. Als er heute an unserer Tür vorbeikam und die Zofe Zarte Aprikose[3] [娇杏] beim Garnkaufen sah, dachte er, mein Schwiegersohn sei hierher gezogen. Ich erklärte ihm alles, worauf der Magistrat sehr bewegt war und seufzte. Dann fragte er nach der Enkeltochter, und ich sagte, sie sei beim Laternenfest verloren gegangen. Der Magistrat versprach: ‚Keine Sorge, ich werde meine Leute anweisen, sie unbedingt aufzuspüren.' Nach einem langen Gespräch gab er mir beim Abschied noch zwei Liang Silber." Frau Echt hörte dies und konnte ihre Rührung nicht unterdrücken. So verging die Nacht. Am nächsten Tag schickte Regendorf gleich in der Früh jemanden mit zwei Beuteln Silber und vier Rollen Brokat als Dank für Frau Echt, außerdem mit einem vertraulichen Brief an Schlicht Siegel, in dem er um die Zofe Zarte Aprikose als Zweitfrau bat. Schlicht Siegel war überglücklich und drängte seine Tochter, einzuwilligen. Noch in derselben Nacht wurde Zarte Aprikose in einer kleinen Sänfte zu Regendorf gebracht. Regendorf war hoch erfreut und schenkte Schlicht Siegel hundert Liang Silber, dazu viele Geschenke für Frau Echt, und bat ihn, gut für sie zu sorgen, bis die Tochter gefunden wäre. Schlicht Siegel kehrte nach Hause zurück, und damit hatte es sein Bewenden. Jene Zofe Zarte Aprikose war dieselbe, die sich damals im Vorbeigehen nach Regendorf umgedreht hatte. Durch diesen einen zufälligen Blick war diese ganze Geschichte entstanden – ein Schicksal, das sie selbst nie erwartet hätte. Wer hätte gedacht, dass ihr Glück und Schicksal zusammentrafen: Kaum ein Jahr an Regendorfs Seite, gebar sie ihm einen Sohn, und nach einem weiteren halben Jahr starb Regendorfs erste Frau an einer Krankheit, so dass er Zarte Aprikose zur rechtmäßigen Hauptfrau erhob. Wahrlich: Durch einen einzigen Fehler im Spiel ward sie zur Herrin über andere. Nachdem Wahrheitsverberger ihm damals das Silber geschenkt hatte, brach Regendorf am sechzehnten Tag auf und reiste in die Hauptstadt. Bei der großen Prüfung bestand er wider Erwarten mit Bravour als Jinshi und wurde in den auswärtigen Beamtendienst aufgenommen. Inzwischen war er zum Magistrat eben dieses Bezirks aufgestiegen. Obwohl er von großem Talent war, neigte er doch zu Habgier und Grausamkeit und verließ sich zu sehr auf seine Begabung, wobei er Vorgesetzte brüskierte. So blickten die anderen Beamten ihn scheel an. Innerhalb eines Jahres fand sein Vorgesetzter einen Vorwand und erstattete dem Kaiser Bericht, in dem er ihn als „hinterhältig und von zwielichtigem Charakter" bezeichnete, der „eigenmächtig die Sitten verändere, sich den Anschein der Rechtschaffenheit gebe, insgeheim aber gefährliche Verbindungen pflege, so dass die öffentliche Ordnung gestört und das Volk unterdrückt werde". Der Kaiser war erzürnt und ordnete seine sofortige Entlassung an. Als der Erlass eintraf, freuten sich alle Beamten des Bezirks. Regendorf aber, obwohl innerlich tief beschämt und verbittert, zeigte äußerlich keine Spur von Unmut und blieb lachend und gelassen wie eh und je. Er übergab die Amtsgeschäfte, schickte sein gesamtes Vermögen samt Familie in die Heimat, und machte sich selbst auf, Wind und Mond als Gefährten, die schönsten Orte des Reiches zu bereisen. Eines Tages gelangte er auf seinen Wanderungen in die Gegend von Yangzhou und erfuhr, dass der diesjährige Salz-Kommissar[4] ein gewisser Ozeangleich Wald [林如海][5] sei. Dieser Ozeangleich Wald war ein Tanhua-Absolvent[6] der letzten Prüfung, inzwischen zum Rat der Lantai-Akademie aufgestiegen und nun als kaiserlicher Salz-Inspektor nach Yangzhou entsandt worden, wo er erst seit gut einem Monat im Amt war. Die Vorfahren dieses Ozeangleich Wald hatten einst den Rang eines Marquis geerbt. Bis zu Ozeangleich Wald waren fünf Generationen vergangen. Ursprünglich war der Titel nur für drei Generationen verliehen worden, doch dank der besonderen Gnade des gegenwärtigen Kaisers wurde er verlängert. Ozeangleich Walds Vater konnte ihn noch einmal erben, doch Ozeangleich Wald selbst machte seinen Weg über die Beamtenprüfungen. Obwohl die Familie zu den großen Häusern zählte, war sie zugleich eine Familie von Gelehrten. Leider war die Familie Lin nicht zahlreich, und obwohl es einige Seitenlinien gab, waren sie alle nur entfernte Verwandte. Ozeangleich Wald war nun bereits über vierzig, hatte aber nur einen einzigen dreijährigen Sohn gehabt, der im vergangenen Jahr gestorben war. Trotz einiger Nebenfrauen war es ihm nicht bestimmt, einen Sohn zu haben. So hatte er nur seine rechtmäßige Gattin, eine geborene Jia, die ihm eine Tochter geboren hatte, mit dem Milchnamen Kajaljade[7], die nun fünf Jahre alt war. Da das Ehepaar keinen Sohn hatte, liebten sie das Mädchen wie einen kostbaren Schatz. Und da sie klug und hübsch war, ließen sie sie sogar lesen und schreiben lernen – gleichsam als Ersatz für einen Sohn, um die Einsamkeit ein wenig zu lindern. Regendorf erkältete sich gerade und lag krank in einer Herberge. Nach etwa einem Monat genas er allmählich. Einerseits war er erschöpft, andererseits gingen ihm die Mittel aus, und so suchte er nach einer passenden Gelegenheit, sich vorübergehend niederzulassen. Glücklicherweise hatten zwei alte Freunde, die ebenfalls in der Gegend wohnten, gehört, dass der Salz-Kommissar einen Hauslehrer suchte, und so empfahlen sie Regendorf, der die Stelle annahm. Es war eine angenehme Stellung: Er hatte nur eine einzige Schülerin und zwei Zofen, die sie beim Lernen begleiteten. Das Mädchen war noch jung und zart, und der Unterricht war nicht allzu anstrengend. So verging etwa ein Jahr, als die Mutter der jungen Schülerin, Frau Kaufmann (Feinsinn), plötzlich an einer Krankheit starb. Das Mädchen pflegte die Mutter bis zuletzt und trauerte aufrichtig. Der Hauslehrer wollte daraufhin seine Stelle aufgeben. Ozeangleich Wald aber bat ihn zu bleiben, damit seine Tochter während der Trauerzeit weiter lesen könne. In letzter Zeit hatte die Schülerin vor Kummer so sehr gelitten, dass ihre ohnehin schwache Konstitution angegriffen war und eine alte Krankheit wieder ausbrach, so dass sie tagelang nicht zur Schule kam. Regendorf, ohne Beschäftigung, ging bei schönem Wetter nach dem Essen gern spazieren. An diesem Tag gelangte er zufällig an den Stadtrand, wo er die ländliche Landschaft bewundern wollte. Er wanderte zu einer Stelle, wo Berge das Wasser umgaben, dichte Wälder und hohe Bambushaine standen, und erblickte undeutlich einen Tempel, dessen Tore und Mauern verfallen waren. Über dem Tor hing ein Schild mit den drei Zeichen „Tempel der Allwissenheit", und daneben stand ein altes, verwittertes Spruchpaar: Wer schon mehr als genug für nach dem Tod hat, vergisst dennoch die Hand zurückzuziehen; Wer keinen Weg mehr vor sich sieht, will umkehren. Regendorf las es und dachte: Diese Worte sind zwar schlicht, doch tief im Sinn. Ich habe viele berühmte Berge und große Tempel besucht, doch solche Worte nie gesehen. Vielleicht lebt hier jemand, der die Welt durchschaut hat. Warum nicht eintreten und sehen? Er ging hinein und fand nur einen gebrechlichen alten Mönch, der Reisbrei kochte. Regendorf beachtete ihn kaum. Als er ihm ein paar Fragen stellte, war der alte Mönch taub und senil, mit ausgefallenen Zähnen und steifer Zunge – seine Antworten gingen völlig am Thema vorbei. Regendorf, ungeduldig geworden, verließ den Tempel wieder. Er wollte in einer Dorfschenke drei Becher Wein trinken, um die ländliche Stimmung zu genießen. Er schlenderte gemächlich hin, und gerade als er die Schenke betreten wollte, stand einer der Gäste auf, lachte laut und kam ihm entgegen. Er rief: „Was für ein Zufall! Was für ein Zufall!" Regendorf erkannte den Mann: Es war ein Antiquitätenhändler aus der Hauptstadt namens Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], den er von früher kannte. Regendorf schätzte Leng Selbstaufsteiger als einen Mann von Format und Tatkraft, und Aufsteiger wiederum nutzte Regendorfs Gelehrtenruf. Daher verstanden sich die beiden bestens. Regendorf fragte lächelnd: „Wann bist du hier angekommen, mein Freund? Ich wusste gar nichts davon. Welch ein Zufall, uns heute zu treffen!" Aufsteiger erwiderte: „Ich kam zum Jahresende nach Hause und bin jetzt auf dem Rückweg in die Hauptstadt. Ich besuchte einen Freund hier in der Gegend, der mich bat, ein paar Tage zu bleiben. Da ich keine dringenden Geschäfte habe, blieb ich noch etwas. Heute schlenderte ich hierher, um mich ein wenig auszuruhen – und dann dieses glückliche Zusammentreffen!" Während er sprach, ließ er Regendorf neben sich Platz nehmen und bestellte neuen Wein und Speisen. Die beiden plauderten gemütlich und erzählten, was sich seit ihrem letzten Treffen zugetragen hatte. Regendorf fragte: „Gibt es Neuigkeiten in der Hauptstadt?" Aufsteiger antwortete: „Eigentlich nicht besonders. Aber in der Familie Eures verehrten Namensvetters hat sich eine kleine Merkwürdigkeit zugetragen." Regendorf lachte: „In meiner Sippe hat niemand in der Hauptstadt zu tun. Wie kommt Ihr darauf?" Aufsteiger lachte: „Ihr tragt denselben Familiennamen – seid Ihr nicht vom gleichen Stamm?" Regendorf fragte, welche Familie er meine. Aufsteiger sagte: „Das Prunkwille-Anwesenguo, die Kaufmann-Familie – die bringt doch Eurem guten Namen keine Schande, oder?" Regendorf lachte: „Ach, die! Wenn man es genau nimmt, so ist unsere Sippe weitverzweigt, von der Han-Dynastie her über den Ahnen Kaufmann Wiederkehr[8], mit Seitenlinien in allen Provinzen – wer könnte das alles nachprüfen? Was den Zweig des Prunkwille-Anwesens[9] betrifft, so stehen wir zwar im selben Stammbaum, doch angesichts ihrer Pracht haben wir uns nicht getraut, uns als Verwandte auszugeben, und so sind wir einander mit der Zeit fremd geworden." Aufsteiger seufzte: „Sagt das nicht, verehrter Herr! Die beiden Häuser Ning und Rong sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren." Regendorf fragte: „Seinerzeit waren die beiden Residenzen doch überaus bevölkert. Wie kann es sein, dass sie so verödet sind?" Aufsteiger antwortete: „Genau, das ist eine lange Geschichte." Regendorf erzählte: „Letztes Jahr kam ich nach Jinling[10] und wollte die Überreste der Sechs Dynastien besichtigen. An jenem Tag betrat ich die Stadt am Steintor und kam an dem alten Anwesen vorbei. Östlich der Straße liegt die Stillfriede-Anwesen, westlich[11] die Prunkwille-Anwesen. Beide zusammen nehmen mehr als die Hälfte der Straße ein. Obwohl es vor dem Haupttor still und menschenleer war, konnte man durch die Mauer hindurch sehen, dass die Hallen, Paläste und Pavillons im Inneren noch immer stattlich und majestätisch ragten, und auch in den hinteren Gärten verströmten Bäume und Steine noch eine Aura von Üppigkeit und Frische. Das sah keineswegs nach einer Familie im Niedergang aus." Aufsteiger lachte: „Und Ihr seid ein Jinshi! Kennt Ihr denn nicht das alte Sprichwort: ‚Ein Tausendfüßler stirbt, aber er fällt nicht um'? Obwohl es heute nicht mehr so prächtig ist wie einst, ist es verglichen mit gewöhnlichen Beamtenfamilien immer noch ganz anders. Doch die Bevölkerung wächst, die Geschäfte mehren sich, Herren und Diener leben in Saus und Braus, aber keiner unter ihnen kann planen und vorausdenken. Die täglichen Ausgaben und der Aufwand lassen sich nicht einschränken. Zwar steht die äußere Fassade noch, aber das innere Polster ist so gut wie aufgebraucht. Das ist noch das Geringste. Schlimmer ist, dass in solch einem Haus von Glocken und Dreifüßen, von Dichtung und Gelehrsamkeit die Kinder und Enkel mit jeder Generation schlechter werden!" Regendorf hörte es verwundert und sagte: „Eine solche Familie der Dichtung und des Anstands – wie kann es sein, dass sie ihre Kinder nicht gut erzieht? Andere Familien kenne ich nicht, doch was die beiden Häuser Ning und Rong betrifft, so sind diese doch berühmt für ihre strenge Kindererziehung." Aufsteiger seufzte: „Ich spreche genau von diesen beiden Häusern. Lasst mich erzählen: Einst waren der Herzog von Ningguo und der Herzog von Rongguo leibliche Brüder von derselben Mutter. Der ältere war der Ninguo-Herzog. Er hatte vier Söhne. Nach seinem Tod erbte Kaufmann Generationswandel[12] das Amt und zeugte ebenfalls zwei Söhne. Der ältere, Kaufmann Wiederkehr[13], starb schon mit acht oder neun Jahren. So erbte der jüngere, Andacht Kaufmann [贾敬], das Amt. Doch dieser widmet sich heutzutage nur noch der taoistischen Alchemie und kümmert sich um nichts anderes mehr. Zum Glück hatte er noch rechtzeitig einen Sohn hinterlassen, namens Herrlichkeit Kaufmann [贾珍], dem er das Amt überließ, da er selbst nur noch das Elixier der Unsterblichkeit brauen wollte. Er weigert sich, in die Heimat zurückzukehren, und lebt mit Priestern vor den Toren der Hauptstadt. Dieser Herrlichkeit Kaufmann hat einen Sohn namens Herrlichkeit Kaufmann, der jetzt erst sechzehn Jahre alt ist. Der alte Andacht Kaufmann kümmert sich um gar nichts mehr. Herrlichkeit Kaufmann aber hat keine Lust zu studieren und führt nur ein ausschweifendes Leben, sodass die Ninguo-Residenz völlig auf den Kopf gestellt ist, und niemand wagt, ihn zu zügeln. Was nun die Rongguo-Residenz betrifft – die merkwürdige Begebenheit, von der ich erzählen will, geschah genau dort. Nach dem Tod des Rongguo-Herzogs erbte sein ältester Sohn, Kaufmann Generationsgüte[14], das Amt. Er heiratete ein Fräulein aus dem ebenfalls hochangesehenen Haus der Marquis Shi in Jinling und bekam zwei Söhne: den älteren Begnadigung Kaufmann [贾赦][15] und den jüngeren Aufrecht Kaufmann [贾政][16]. Kaufmann Generationsgüte starb früh, doch seine Gemahlin, die alte Fürstin, lebt noch. Der ältere Sohn Begnadigung Kaufmann erbte das Amt. Der jüngere Aufrecht Kaufmann war von Kindheit an ein eifriger Leser, den sein Großvater am meisten liebte. Eigentlich hätte er die Beamtenlaufbahn über die Prüfungen einschlagen sollen, doch als Kaufmann Generationsgüte[17] auf dem Sterbebett eine letzte Bittschrift an den Thron richtete, erkundigte sich der Kaiser aus Mitgefühl für den verdienten Beamten, ob es noch weitere Söhne gebe, und verlieh Aufrecht Kaufmann sogleich den Titel eines Aufwärters im Ministerium. Inzwischen ist er zum Außenamtsdirektor aufgestiegen. Die Gemahlin von Aufrecht Kaufmann, eine geborene Wang, brachte als erstgeborenen Sohn Herrlichkeit Kaufmann zur Welt, der mit vierzehn in die höhere Schule aufgenommen wurde, vor seinem zwanzigsten Lebensjahr heiratete und einen Sohn zeugte, dann aber starb. Die zweitgeborene war eine Tochter, die am Neujahrstag geboren wurde – das allein schon war bemerkenswert. Doch dann wurde noch ein Sohn geboren, und das ist noch erstaunlicher: Dieser Junge kam mit einem Stück fünffarbig schimmerndem Jade im Mund zur Welt, auf dem sogar Schriftzeichen eingraviert waren. Man nannte ihn daher Schatzjade [宝玉][18]. Ist das nicht eine höchst merkwürdige Geschichte?" Regendorf sagte lachend: „Wahrhaftig seltsam. Dieser Mensch dürfte keinen geringen Ursprung haben." Aufsteiger lachte kühl: „Alle sagen das. Daher vergöttert ihn auch seine Großmutter. Als er ein Jahr alt war, wollte der Vater seine zukünftige Neigung testen und legte unzählige Gegenstände vor ihn hin, damit er zugreife. Doch der Junge interessierte sich für nichts davon und griff nur nach Schminke, Haarnadeln und Schmuck. Da wurde der Vater sehr zornig und sagte: ‚Aus dem wird nichts als ein Wüstling!' Seither mag er ihn nicht besonders. Nur die alte Großmutter liebt ihn wie ihren Augapfel. Und auch das ist merkwürdig: Obwohl er jetzt sieben, acht Jahre alt ist und über alle Maßen ungezogen, ist er dabei so klug und liebenswürdig, dass hundert andere Kinder ihm nicht das Wasser reichen können. Er sagt auch seltsame Dinge: ‚Mädchen sind aus Wasser gemacht, Männer aus Lehm. Wenn ich Mädchen sehe, fühle ich mich erfrischt; wenn ich Männer sehe, empfinde ich nur Ekel.' Ist das nicht lächerlich? Der wird bestimmt ein Lüstling!" Regendorf wurde ernst und wehrte ab: „Nein, nein! Schade, dass Ihr seine Herkunft nicht kennt. Auch der alte Herr Aufrecht hat sich wohl geirrt, wenn er ihn für einen gewöhnlichen Wüstling hält. Ohne umfangreiche Bildung und tiefes Nachdenken vermag man solche Menschen nicht zu verstehen." Aufsteiger, erstaunt über die Gewichtigkeit dieser Worte, bat um Erläuterung. Regendorf sprach: „Himmel und Erde bringen die Menschen hervor, und außer den ganz Guten und den ganz Bösen gleichen sich alle. Die ganz Guten werden geboren, wenn die Zeit es erfordert, die ganz Bösen, wenn ein Unheil droht. In Zeiten des Friedens kommen die Guten, in Zeiten der Not die Bösen. Yao, Shun, Yu, Tang, Wen König, König Wu, der Herzog von Zhou, der Herzog von Shao, Konfuzius, Mengzi, Dong Zhongshu, Han Yu, die Brüder Cheng, Zhu Xi – sie alle kamen, als die Zeit es erforderte. Chi You, Gonggong, Jie, Zhou, der Erste Kaiser, Wang Mang, Cao Cao, Huan Wen, An Lushan, Qin Hui – sie alle wurden in Zeiten des Unheils geboren. Die ganz Guten ordnen die Welt, die ganz Bösen bringen sie in Verwirrung. Die reine, leuchtende, geistreiche Essenz von Himmel und Erde ist die rechte Kraft, die den Guten verliehen wird; die grausame, widerspenstige Kraft ist die unrechte, die den Bösen zuteil wird. In einer Zeit des Wohlstands und des ewigen Friedens durchdringt die reine, geistreiche Essenz alles, vom Hof bis zu den einfachsten Leuten. Was davon übrig bleibt und nirgends hingehört, wird zu süßem Tau und mildem Wind, der überallhin strömt. Die grausame, widerspenstige Kraft aber kann nicht im hellen Tageslicht wirken, sondern verdichtet sich in tiefen Gräben und Schluchten. Wenn gelegentlich durch Wind oder Wolken ein Faden davon herausgeweht wird und auf die geistreiche Essenz trifft, können sich die beiden weder vertragen noch einander weichen und müssen aufeinanderprallen, bis ihre Energie erschöpft ist. So wird auch diese Kraft Menschen verliehen. Wer als Mann oder Frau diese doppelte Kraft empfängt, steht in seiner Klugheit und Brillanz über zehntausend anderen, in seiner Sonderbarkeit und Widerspenstigkeit aber unter allen. In einem Haus des Reichtums und Adels wird solch ein Mensch zum Narren der Liebe; in einer Familie von Dichtern und Armut wird er zum freien Geist und Erhabenen; und selbst wenn er in ärmlichste Verhältnisse geboren wird, kann er nie ein gewöhnlicher Knecht sein, sondern wird zu einem berühmten Schauspieler oder einer gefeierten Kurtisane. So waren es einst Xu You, Tao Qian, Ruan Ji, Ji Kang, Liu Ling, die Familien Wang und Xie, Gu Kaizhi, der letzte Kaiser Chen, Kaiser Xuanzong der Tang, Kaiser Huizong der Song, Liu Tingzhi, Wen Tingyun, Mi Fu, Shi Manqing, Liu Yong, Qin Guan, und in jüngerer Zeit Ni Yunlin, Tang Yin, Zhu Zhishan, ferner Li Guinian, Huang Fanchuo, Jing Xinmo, Zhuo Wenjun, Hongfu, Xue Tao, Cui Ying und Chaoyun. Sie alle hätten an einem anderen Ort dieselben Menschen sein können." Aufsteiger sagte: „Nach Eurer Theorie wäre es also: Wer Erfolg hat, wird zum König, wer scheitert, zum Räuber?" Regendorf antwortete: „Genau so. Und wisst Ihr, seit ich aus dem Amt entlassen wurde, habe ich in den letzten zwei Jahren alle Provinzen bereist und dabei ebenfalls zwei ungewöhnliche Kinder getroffen. Deshalb vermutete ich sogleich, als Ihr von Schatzjade sprachtet, dass er zur selben Sorte gehört. Um nicht in die Ferne zu schweifen: Allein in Jinling, im Hause des kaiserlichen Kommissars des Zensors Echt – kennt Ihr das?" Aufsteiger nickte: „Natürlich! Die Familie Echt und die Kaufmann-Familie sind seit alters her verschwägert und befreundet. Beide Familien pflegen regen Umgang. Auch ich selbst verkehre schon seit langem bei ihnen." Regendorf lachte: „Letztes Jahr in Jinling empfahl man mich als Hauslehrer bei den Zhens. Als ich ihr Haus betrat, sah ich, dass diese äußerst vornehme Familie zugleich von edler Gesinnung war – ein seltener Posten. Doch diese eine Schülerin, obwohl erst ein Anfänger, machte mehr Mühe als ein Kandidat für die Prüfungen. Das Lustigste war: Er sagte – denn es war ein Junge, trotz des weiblichen Namens –: ‚Nur wenn zwei Mädchen mich beim Lesen begleiten, kann ich die Zeichen verstehen und habe einen klaren Kopf, sonst bin ich ganz verwirrt.' Und er sagte zu seinen Dienern: ‚Die zwei Zeichen für „Mädchen" sind äußerst edel und rein, noch erhabener als die beiden Namen „Amitabha Buddha" und „Yuanshi Tianzun". Ihr mit eurem dreckigen Mund dürft diese beiden Zeichen niemals entweihen. Bevor ihr sie aussprecht, müsst ihr euch den Mund mit klarem Wasser und duftendem Tee ausspülen, sonst werden euch die Zähne ausgebrochen!' Seine Wildheit und Ungestümtheit, sein Eigensinn und seine Naivität waren ganz außergewöhnlich. Doch sobald er aus der Schule kam und die Mädchen sah, verwandelte er sich völlig – wurde sanft, friedlich, klug und kultiviert. Sein Vater hat ihn schon mehrfach hart geschlagen, doch es nützte nichts. Wenn er Schmerzen hatte, rief er nur ‚Schwester!' und ‚Schwester!' Die Mädchen drinnen machten sich über ihn lustig und fragten: ‚Warum rufst du nach den Schwestern, wenn es dir wehtut? Sollen sie für dich bitten? Schämst du dich nicht?' Und seine Antwort war köstlich: ‚Bei heftigem Schmerz rufe ich nur „Schwester", und vielleicht lindert das den Schmerz – tatsächlich, als ich es einmal versuchte, hörte der Schmerz auf. So habe ich ein Geheimmittel gefunden und rufe seither bei jedem Schmerz nach den Schwestern.' Da auch seine Großmutter ihn verwöhnte und den Lehrer tadelte, wenn er den Jungen bestrafte, gab ich meinen Posten auf und bin jetzt als Hauslehrer beim Salz-Inspektor Lin. Seht Ihr – solche Kinder können unmöglich das Erbe ihrer Vorväter bewahren oder den Anweisungen ihrer Lehrer folgen. Doch die Schwestern dieser Familie sind allesamt hervorragend." Aufsteiger sagte: „Auch im Hause Kaufmann gibt es derzeit drei bemerkenswerte Töchter. Die älteste Tochter des Herrn Aufrecht, Urfrühling [元春], wurde wegen ihrer Tugend und Begabung als Palastdame in den Kaiserpalast berufen. Die zweite, Willkommensfrühling[19], ist die Tochter einer Nebenfrau von Herrn Begnadigung. Die dritte, Erkundefrühling, ist eine natürliche Tochter von Herrn Aufrecht. Die vierte, Bedauerfrühling, ist die leibliche Schwester von Herrlichkeit Kaufmann aus der Ninguo-Residenz. Da die alte Fürstin ihre Enkelinnen sehr liebt, wohnen alle bei der Großmutter und lesen gemeinsam. Man hört, sie seien alle ausgezeichnet." Regendorf sagte: „Noch merkwürdiger ist der Brauch der Familie Echt, dass die Mädchen Jungennamen erhalten, anstatt die üblichen Zeichen wie Frühling, Rot, Duft und Jade zu verwenden. Warum folgt das Haus Kaufmann dann dieser gewöhnlichen Mode?" Aufsteiger erklärte: „Weil die älteste Tochter am Neujahrstag geboren wurde und daher Urfrühling heißt, haben die übrigen einfach das Zeichen ‚Frühling' übernommen. Die vorige Generation hingegen folgte den Brüdernamen. Zum Beweis: Die Gemahlin Eures jetzigen Dienstherrn, des Herrn Lin, ist die leibliche Schwester der Herren Begnadigung und Aufrecht aus dem Hause Rongguo und hieß als Mädchen Feinsinn Kaufmann[20]." Regendorf schlug begeistert auf den Tisch: „Natürlich! Kein Wunder, dass meine Schülerin jedes Mal, wenn im Buch das Zeichen ‚min' vorkam, es als ‚mi' aussprach, und wenn sie es schrieb, immer einen oder zwei Striche wegließ. Ich hatte schon den Verdacht, und nun bestätigt Ihr es. Da ihre Mutter eine solche Herkunft hat, ist es kein Wunder, dass das Mädchen so außergewöhnlich ist. Leider ist sie letzten Monat verstorben." Aufsteiger seufzte: „Von den vier Schwestern der älteren Generation ist diese die jüngste, und nun ist auch sie dahin. Schauen wir, was aus den Schwiegersöhnen der jüngeren Generation wird." Regendorf sagte: „Eben. Herr Aufrecht hat also den Schatzjade, und dann noch den schwächlichen Enkel seines ältesten Sohnes. Hat der alte Herr Begnadigung denn gar keinen Sohn?" Aufsteiger erwiderte: „Herr Aufrecht hat nach dem Schatzjade noch einen weiteren Sohn von einer Nebenfrau bekommen, dessen Qualitäten man noch nicht kennt. Was den alten Herrn Begnadigung betrifft, so hat auch er zwei Söhne. Der ältere heißt Kette Kaufmann [贾琏], ist nun um die zwanzig und hat die Nichte von Herrn Aufrechts Gemahlin Wang geheiratet – also in der eigenen Verwandtschaft. Dieser Kette Kaufmann hat sich einen Amtstitel erkauft. Er mag nicht lesen, versteht sich aber auf gesellschaftlichen Umgang. Daher wohnt er im Haus seines Onkels Zheng und hilft bei der Verwaltung der Haushaltsangelegenheiten. Doch seit er seine Gemahlin geheiratet hat, loben alle im Haus nur noch sie, und er tritt in den Hintergrund. Man sagt, sie sei äußerst schön, beredt und von scharfem Verstand – wahrhaft eine Frau, der zehntausend Männer nicht das Wasser reichen können." Regendorf lachte: „Da seht Ihr – alles, was ich gesagt habe, bestätigt sich. Die paar Menschen, von denen wir gesprochen haben, sind wohl alle Geschöpfe der doppelten Kraft von Recht und Unrecht." Aufsteiger sagte: „Ob unrecht oder recht – hört auf, in fremden Büchern zu rechnen, und trinkt lieber noch einen Becher!" Regendorf lachte: „Stimmt, ich habe über dem Reden schon zu viel getrunken." Aufsteiger lachte: „Wenn man über andere Leute redet, schmeckt der Wein erst recht – ein paar Becher mehr schaden nicht." Regendorf blickte aus dem Fenster: „Es wird dunkel, wir sollten uns beeilen, bevor das Stadttor schließt. Wir können drinnen weiterplaudern." Daraufhin standen sie auf und bezahlten die Zeche. Gerade als sie gehen wollten, hörten sie hinter sich jemanden rufen: „Bruder Regendorf, ich gratuliere! Ich komme eigens, um Euch eine frohe Nachricht zu bringen!" Regendorf drehte sich hastig um – |
Anmerkungen
- ↑ Chin. 冷子兴 Lěng Zǐxīng. 冷 lěng „kalt/kühl"; 子兴 zǐxīng „Sohn des Aufblühens". Ein „kühler Beobachter" der aufstrebenden Familie.
- ↑ Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".
- ↑ Chin. 嬌杏 Jiāo Xìng. 嬌 jiāo „zart/hübsch"; 杏 xìng „Aprikose". Der Name klingt wie 侥幸 jiǎoxìng „durch einen Glücksfall".
- ↑ 巡盐御史 Xúnyán yùshǐ, ab dem späten Ming einer der einflussreichsten Provinzposten: zugleich kaiserlicher Zensor und Aufseher über das lukrative staatliche Salzmonopol — der Inhaber kontrollierte den Salzhandel von Yangzhou (扬州) und Lianghuai (两淮), das wirtschaftliche Herzstück des Reiches im 18. Jahrhundert. Cao Xueqins eigener Großvater 曹寅 Cáo Yín bekleidete dieses Amt zur Kangxi-Zeit; die Lin-Familie spiegelt also den realen sozialen Hintergrund des Autors.
- ↑ Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, wörtl. „wie das Meer". Er ist Kajaljades Vater und Schwiegersohn der Kaufmann-Familie.
- ↑ 探花 Tànhuā — drittplatzierter Absolvent des kaiserlichen Hauptpalastexamens (殿试 diànshì), nach 状元 zhuàngyuán (1. Platz) und 榜眼 bǎngyǎn (2. Platz). Das im Folgenden genannte 兰台寺 Lántáisì „Orchideenterrassen-Hof" ist eine archaisierende Bezeichnung des kaiserlichen Zensorenrats (御史台 yùshǐ tái), zuständig für die Kontrolle der Beamten und die direkte Berichterstattung an den Thron. Die Kombination Tanhua → Zensorenrat → Salzinspektor zeichnet eine ideale Beamtenkarriere der Hochqing.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade". 黛 dài bedeutet „Kajal" (schwarze Augenbrauenfarbe), 玉 yù „Jade".
- ↑ Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".
- ↑ Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ „Residenz des Reiches des Ruhms". 荣 róng „Ruhm/Blüte".
- ↑ 金陵 Jīnlíng — alter literarischer Name für 南京 Nánjīng (Stadt am „Goldenen Hügel"). Im Roman ist Jinling/Nanjing der südliche Schauplatz der Familie 甄 Zhēn („Echt") und des Stammsitzes mehrerer großer Häuser; der direkt folgende Hinweis auf die „sechs Dynastien" (六朝 Liùcháo) verweist auf die zwischen Wu (3. Jh.) und Chen (6. Jh.) hier residierenden Dynastien, deren Aufstieg und Untergang zum sprichwörtlichen Bild der Vergänglichkeit wurde — ein Leitmotiv des Romans. Die in Kapitel 5 zentralen „Zwölf Schönen von Jinling" tragen diesen Stadtnamen als Programm.
- ↑ 宁国府 Níngguó Fǔ „Residenz des Reiches der Stille/des Friedens". 宁 níng „Stille/Frieden". Die Ningguo-Residenz und die Rongguo-Residenz sind Wohnsitze der beiden gleichrangigen Brüder, die als Gründungsherzöge unter der gegenwärtigen Dynastie ausgezeichnet wurden — die Ningguo-Linie ist die ältere. Ihre topographische Anordnung (östlich vs. westlich) entspricht dem chinesischen Hierarchieprinzip „links-zuerst" (zuǒ wéi shàng): Ningguo links/östlich = Älterenseite, Rongguo rechts/westlich = Jüngerenseite.
- ↑ Chin. 贾代化 Jiǎ Dàihuà. 代 dài „Generation"; 化 huà „Wandlung".
- ↑ Chin. 贾复 Jiǎ Fù. 复 fù „wiederkehren/erwidern".
- ↑ Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè. 赦 shè bedeutet „Begnadigung/Amnestie". Er ist der älteste Sohn der Herzoginmutter.
- ↑ Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng. 政 zhèng bedeutet „Regierung/aufrecht". Er ist der zweite Sohn der Herzoginmutter und Vater von Schatzjade.
- ↑ Chin. 贾代善 Jiǎ Dàishàn. 代 dài „Generation"; 善 shàn „Güte/Tugend".
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Jade-Schatz" des Jia-Hauses. Der Familienname 贾 Jiǎ ist homophon zu 假 jiǎ „falsch/fiktiv".
- ↑ Die vier Kaufmann-Schwestern heißen 元春 (Urfrühling), 迎春 (Willkommensfrühling), 探春 (Erkundefrühling), 惜春 (Bedauerfrühling). Ihre Anfangszeichen 元迎探惜 klingen zusammen wie 原应叹息 yuán yīng tànxī „man sollte nur seufzen" — ein Vorverweis auf ihre tragischen Schicksale.
- ↑ Chin. 贾敏 Jiǎ Mǐn. 敏 mǐn „feinsinnig/gewandt". Mutter von Kajaljade (林黛玉).