Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 87"

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(DE4 Korrektur-Update Kap. 87)
 
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Siebenundachtzigstes Kapitel
 
Siebenundachtzigstes Kapitel
  
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In der Stille der Meditation verfällt der Geist dem Irrwahn
 
In der Stille der Meditation verfällt der Geist dem Irrwahn
  
Wie berichtet, ließ Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> [黛玉] die Botin aus Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref> [宝钗]s Haus herein, erkundigte sich nach dem Wohlergehen und nahm den Brief entgegen. Sie schickte die Frau zum Tee und öffnete Schatzspanges Schreiben. Es lautete:
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Wie berichtet, ließ Kajaljade<ref>Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".</ref> die Botin aus Schatzspange<ref>Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.</ref>s Haus herein, erkundigte sich nach dem Wohlergehen und nahm den Brief entgegen. Sie schickte die Frau zum Tee und öffnete Schatzspanges Schreiben. Es lautete:
  
 
„Meine Schwester, deren Geburtstag unter keinem glücklichen Stern stand, deren Familie vom Unglück verfolgt wird; Schwestern allein und verlassen, die geliebte Mutter in die Jahre gekommen; dazu der keifende Lärm, der nie zur Ruhe kommt, Tag und Nacht; und nun auch noch ein furchtbares Unglück wie ein Sturmwind und Platzregen. In langen Nächten wälze ich mich schlaflos — wie soll ich den Gram ertragen! Da wir einander so verbunden sind, wie sollte mich das nicht zutiefst bewegen? Ich erinnere mich an unsere Begonien-Dichtergesellschaft, im klaren Herbst; wie wir bei den Chrysanthemen die Krabben verspeisten und in froher Eintracht beisammensaßen. Noch klingen mir die Verse im Ohr: ‚Einsam in stolzer Haltung — mit wem sich verbergen vor der Welt? Ein und dieselbe Blüte — warum so spät erblüht?' Unwillkürlich denke ich an den kühlen Festtag und seine letzten Blüten — gleich uns beiden. Von Wehmut und Rührung ergriffen, habe ich vier Strophen verfasst — nicht als grundloses Stöhnen, sondern im Sinne jenes Wortes: ‚Ein langes Lied singe statt des Weinens.'"
 
„Meine Schwester, deren Geburtstag unter keinem glücklichen Stern stand, deren Familie vom Unglück verfolgt wird; Schwestern allein und verlassen, die geliebte Mutter in die Jahre gekommen; dazu der keifende Lärm, der nie zur Ruhe kommt, Tag und Nacht; und nun auch noch ein furchtbares Unglück wie ein Sturmwind und Platzregen. In langen Nächten wälze ich mich schlaflos — wie soll ich den Gram ertragen! Da wir einander so verbunden sind, wie sollte mich das nicht zutiefst bewegen? Ich erinnere mich an unsere Begonien-Dichtergesellschaft, im klaren Herbst; wie wir bei den Chrysanthemen die Krabben verspeisten und in froher Eintracht beisammensaßen. Noch klingen mir die Verse im Ohr: ‚Einsam in stolzer Haltung — mit wem sich verbergen vor der Welt? Ein und dieselbe Blüte — warum so spät erblüht?' Unwillkürlich denke ich an den kühlen Festtag und seine letzten Blüten — gleich uns beiden. Von Wehmut und Rührung ergriffen, habe ich vier Strophen verfasst — nicht als grundloses Stöhnen, sondern im Sinne jenes Wortes: ‚Ein langes Lied singe statt des Weinens.'"
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Kajaljade war beim Lesen tief ergriffen. Dann dachte sie: „Dass die Schwester Bao dieses Gedicht nicht an andere, sondern gerade an mich schickt — das zeigt, dass wir verwandte Seelen sind, die einander zu schätzen wissen."
 
Kajaljade war beim Lesen tief ergriffen. Dann dachte sie: „Dass die Schwester Bao dieses Gedicht nicht an andere, sondern gerade an mich schickt — das zeigt, dass wir verwandte Seelen sind, die einander zu schätzen wissen."
  
Noch war sie versunken, als draußen jemand rief: „Ist die Schwester Lin zu Hause?" Kajaljade faltete hastig Schatzspanges Brief zusammen und antwortete: „Wer ist da?" Schon kamen mehrere Personen herein — Spürfrühling<ref>Spürfrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref> [探春], Wolke vom Xiang-Fluss<ref>Wolke vom Xiang-Fluss: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref> [湘云], Li Wen und Li Qi. Man begrüßte sich, Xueyan schenkte Tee ein, und alle plauderten. Als die Chrysanthemengedichte von vor zwei Jahren zur Sprache kamen, sagte Kajaljade: „Seit Schwester Schatzspange ausgezogen ist, war sie nur zweimal hier; jetzt kommt sie nicht einmal mehr, wenn etwas anliegt — wirklich seltsam! Ob sie wohl jemals wieder zu uns kommt?" Spürfrühling lächelte: „Natürlich kommt sie — früher oder später. Nur hat jetzt ihre Schwägerin so ein Temperament, und die Tante wird alt, und dann gibt es noch Schnee Beckens Angelegenheit — da muss Schatzspange sich natürlich um alles kümmern. Wo soll sie da die Zeit hernehmen wie früher!"
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Noch war sie versunken, als draußen jemand rief: „Ist die Schwester Lin zu Hause?" Kajaljade faltete hastig Schatzspanges Brief zusammen und antwortete: „Wer ist da?" Schon kamen mehrere Personen herein — Erkundefrühling<ref>Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".</ref>, Xiangfluss-Wolke<ref>Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".</ref>, Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume. Man begrüßte sich, Schneegans schenkte Tee ein, und alle plauderten. Als die Chrysanthemengedichte von vor zwei Jahren zur Sprache kamen, sagte Kajaljade: „Seit Schwester Schatzspange ausgezogen ist, war sie nur zweimal hier; jetzt kommt sie nicht einmal mehr, wenn etwas anliegt — wirklich seltsam! Ob sie wohl jemals wieder zu uns kommt?" Erkundefrühling lächelte: „Natürlich kommt sie — früher oder später. Nur hat jetzt ihre Schwägerin so ein Temperament, und die Tante wird alt, und dann gibt es noch Becken Schnees Angelegenheit — da muss Schatzspange sich natürlich um alles kümmern. Wo soll sie da die Zeit hernehmen wie früher!"
  
Während sie sprachen, erhob sich plötzlich ein Windstoß, der mit lautem Rauschen eine Menge Blätter gegen die Fensterpapiere warf. Nach einer Weile drang ein feiner Duft herein. Alle rochen es und sagten: „Woher kommt dieser Duftwind? Was für ein Duft ist das?" Kajaljade meinte: „Es scheint Osmanthus zu sein." Spürfrühling lachte: „Schwester Lin verrät sich als Südländerin! Wir haben Mitte des neunten Monats — wo soll da noch Osmanthus blühen?" Kajaljade lachte: „Eben deshalb habe ich ja auch nicht direkt ‚Osmanthus' gesagt, sondern nur ‚es scheint wie'." Wolke vom Xiang-Fluss sagte: „Dritte Schwester, so leicht darfst du auch nicht reden. Erinnerst du dich an die Verse ‚Zehn Li Lotosblüten, drei Herbste Kassienkinder'? Im Süden ist gerade die Zeit, da der späte Osmanthus blüht. Du hast es nur noch nicht gesehen — wenn du einmal in den Süden kommst, wirst du es schon merken." Spürfrühling lachte: „Was sollte ich im Süden zu suchen haben? Übrigens wusste ich das längst — ihr braucht es mir nicht zu erklären." Li Wen und Li Qi kicherten nur still.
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Während sie sprachen, erhob sich plötzlich ein Windstoß, der mit lautem Rauschen eine Menge Blätter gegen die Fensterpapiere warf. Nach einer Weile drang ein feiner Duft herein. Alle rochen es und sagten: „Woher kommt dieser Duftwind? Was für ein Duft ist das?" Kajaljade meinte: „Es scheint Osmanthus zu sein." Erkundefrühling lachte: „Schwester Lin verrät sich als Südländerin! Wir haben Mitte des neunten Monats — wo soll da noch Osmanthus blühen?" Kajaljade lachte: „Eben deshalb habe ich ja auch nicht direkt ‚Osmanthus' gesagt, sondern nur ‚es scheint wie'." Xiangfluss-Wolke sagte: „Dritte Schwester, so leicht darfst du auch nicht reden. Erinnerst du dich an die Verse ‚Zehn Li Lotosblüten, drei Herbste Kassienkinder'? Im Süden ist gerade die Zeit, da der späte Osmanthus blüht. Du hast es nur noch nicht gesehen — wenn du einmal in den Süden kommst, wirst du es schon merken." Erkundefrühling lachte: „Was sollte ich im Süden zu suchen haben? Übrigens wusste ich das längst — ihr braucht es mir nicht zu erklären." Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume kicherten nur still.
  
Kajaljade sagte: „Schwesterchen, da kann man nie wissen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mensch ist ein irdischer Unsterblicher' — heute hier, morgen wer weiß wo. Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin eine Südländerin — wie bin ich hierhergekommen?" Wolke vom Xiang-Fluss klatschte in die Hände und lachte: „Heute hat die Schwester Lin die Dritte Schwester in die Enge getrieben! Nicht nur sie kommt aus dem Süden — nehmen wir uns alle: Manche stammen von hier aus dem Norden; manche haben ihre Wurzeln im Süden, sind aber im Norden aufgewachsen; manche sind im Süden aufgewachsen und dann in den Norden gekommen. Dass wir heute alle hier beisammen sitzen, zeigt doch, dass über jedem Menschen ein Schicksal waltet. Zwischen Menschen und Orten gibt es eben Bestimmung." Alle nickten; auch Spürfrühling musste lachen.
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Kajaljade sagte: „Schwesterchen, da kann man nie wissen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mensch ist ein irdischer Unsterblicher' — heute hier, morgen wer weiß wo. Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin eine Südländerin — wie bin ich hierhergekommen?" Xiangfluss-Wolke klatschte in die Hände und lachte: „Heute hat die Schwester Lin die Dritte Schwester in die Enge getrieben! Nicht nur sie kommt aus dem Süden — nehmen wir uns alle: Manche stammen von hier aus dem Norden; manche haben ihre Wurzeln im Süden, sind aber im Norden aufgewachsen; manche sind im Süden aufgewachsen und dann in den Norden gekommen. Dass wir heute alle hier beisammen sitzen, zeigt doch, dass über jedem Menschen ein Schicksal waltet. Zwischen Menschen und Orten gibt es eben Bestimmung." Alle nickten; auch Erkundefrühling musste lachen.
  
 
Man plauderte noch eine Weile, dann brach man auf. Kajaljade begleitete sie bis zur Tür. Alle sagten: „Du bist gerade erst ein wenig gesunder — komm nicht hinaus, pass auf den Wind auf."
 
Man plauderte noch eine Weile, dann brach man auf. Kajaljade begleitete sie bis zur Tür. Alle sagten: „Du bist gerade erst ein wenig gesunder — komm nicht hinaus, pass auf den Wind auf."
  
Kajaljade stand an der Tür und wechselte noch einige herzliche Worte, dann sah sie ihnen nach, wie sie den Hof verließen. Zurück im Zimmer, sah sie, wie die Vögel in die Berge zurückkehrten und die Abendsonne im Westen sank. Durch Wolke vom Xiang-Flusss Worte über den Süden kam ihr in den Sinn: „Wenn Vater und Mutter noch lebten — die Landschaft des Südens: Frühlingsblumen, Herbstmond, klares Wasser, leuchtende Berge, die Vierundzwanzig Brücken, die Stätten der Sechs Dynastien. Zahlreiche Diener stünden bereit, in allen Dingen könnte man seinen Willen haben, ohne jedes Wort abzuwägen. Blumengeschmückte Wagen, bemalte Boote, rote Aprikosen, blaue Vorhänge — unangefochtene Herrin. Doch heute, als Gast unter fremdem Dach, muss ich bei allem auf der Hut sein, mag es noch so viel Fürsorge geben. Welche Schuld habe ich in einem früheren Leben auf mich geladen, dass ich in diesem Leben so einsam und verlassen bin? Wahrhaftig wie Li Houzhu sagte: ‚In diesem Dasein wasche ich mir Tag und Nacht das Gesicht nur mit Tränen!'" So sann sie vor sich hin und merkte nicht, wie ihr Geist in die Ferne abschweifte.
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Kajaljade stand an der Tür und wechselte noch einige herzliche Worte, dann sah sie ihnen nach, wie sie den Hof verließen. Zurück im Zimmer, sah sie, wie die Vögel in die Berge zurückkehrten und die Abendsonne im Westen sank. Durch Xiangfluss-Wolkes Worte über den Süden kam ihr in den Sinn: „Wenn Vater und Mutter noch lebten — die Landschaft des Südens: Frühlingsblumen, Herbstmond, klares Wasser, leuchtende Berge, die Vierundzwanzig Brücken, die Stätten der Sechs Dynastien. Zahlreiche Diener stünden bereit, in allen Dingen könnte man seinen Willen haben, ohne jedes Wort abzuwägen. Blumengeschmückte Wagen, bemalte Boote, rote Aprikosen, blaue Vorhänge — unangefochtene Herrin. Doch heute, als Gast unter fremdem Dach, muss ich bei allem auf der Hut sein, mag es noch so viel Fürsorge geben. Welche Schuld habe ich in einem früheren Leben auf mich geladen, dass ich in diesem Leben so einsam und verlassen bin? Wahrhaftig wie Li Houzhu sagte: ‚In diesem Dasein wasche ich mir Tag und Nacht das Gesicht nur mit Tränen!'" So sann sie vor sich hin und merkte nicht, wie ihr Geist in die Ferne abschweifte.
  
Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> [紫鹃] trat ein und erkannte sofort: Das Gespräch über Süden und Norden hatte Kajaljades wunden Punkt getroffen. Sie fragte: „Die Fräulein haben lange geplaudert — gewiss hat sich das Fräulein wieder angestrengt. Ich habe vorhin Xueyan in die Küche schicken lassen, um dem Fräulein eine Suppe aus geräuchertem Fleisch und Chinakohl zu kochen, mit ein wenig getrockneten Shrimps, grünem Spargel und Seetang — wäre dem Fräulein das recht?" Kajaljade sagte: „Das mag angehen." Purpurkuckuck fügte hinzu: „Außerdem habe ich etwas Klebreis-Brei gekocht." Kajaljade nickte und sagte: „Den Brei müsst ihr beide aber selbst kochen — nicht aus der Küche nehmen." Purpurkuckuck sagte: „Ich fürchte auch, die Küche arbeitet nicht sauber genug; wir kochen ihn selbst. Und die Suppe — da habe ich Xueyan gesagt, sie solle es mit Frau Liu besprechen und auf Sauberkeit achten. Frau Liu hat versprochen, alles sorgfältig herzurichten und in ihrem Zimmer von Wu'er die Suppe bewachen zu lassen." Kajaljade sagte: „Mir geht es nicht darum, dass andere unreinlich wären. Nur war ich so viele Tage krank, und alles, was ich brauche, muss ich von anderen erbitten, und jetzt auch noch Suppe und Brei — damit mache ich mich allen lästig." Dabei röteten sich ihre Augenränder. Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein macht sich zu viele Gedanken. Sie ist die Enkelin der Alten Ahnin, ihr Augapfel — andere wünschen sich, dem Fräulein gefällig zu sein, und können es nicht. Wer sollte sich da beschweren?"
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Purpurkuckuck<ref>Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".</ref> trat ein und erkannte sofort: Das Gespräch über Süden und Norden hatte Kajaljades wunden Punkt getroffen. Sie fragte: „Die Fräulein haben lange geplaudert — gewiss hat sich das Fräulein wieder angestrengt. Ich habe vorhin Schneegans in die Küche schicken lassen, um dem Fräulein eine Suppe aus geräuchertem Fleisch und Chinakohl zu kochen, mit ein wenig getrockneten Shrimps, grünem Spargel und Seetang — wäre dem Fräulein das recht?" Kajaljade sagte: „Das mag angehen." Purpurkuckuck fügte hinzu: „Außerdem habe ich etwas Klebreis-Brei gekocht." Kajaljade nickte und sagte: „Den Brei müsst ihr beide aber selbst kochen — nicht aus der Küche nehmen." Purpurkuckuck sagte: „Ich fürchte auch, die Küche arbeitet nicht sauber genug; wir kochen ihn selbst. Und die Suppe — da habe ich Schneegans gesagt, sie solle es mit Frau Liu besprechen und auf Sauberkeit achten. Frau Liu hat versprochen, alles sorgfältig herzurichten und in ihrem Zimmer von Wu'er die Suppe bewachen zu lassen." Kajaljade sagte: „Mir geht es nicht darum, dass andere unreinlich wären. Nur war ich so viele Tage krank, und alles, was ich brauche, muss ich von anderen erbitten, und jetzt auch noch Suppe und Brei — damit mache ich mich allen lästig." Dabei röteten sich ihre Augenränder. Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein macht sich zu viele Gedanken. Sie ist die Enkelin der Alten Ahnin, ihr Augapfel — andere wünschen sich, dem Fräulein gefällig zu sein, und können es nicht. Wer sollte sich da beschweren?"
  
Kajaljade nickte und fragte dann: „Die Wu'er, die du eben erwähnt hast — ist das nicht das Mädchen, das neulich mit Fangguan aus dem Zimmer des Zweiten Herrn Bao zusammen war?" Purpurkuckuck bestätigte: „Genau die." Kajaljade fragte: „Sollte sie nicht bei uns eintreten?" Purpurkuckuck sagte: „Doch. Aber dann wurde sie krank; und als sie wieder gesund war, kam gerade die Sache mit Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> und den anderen dazwischen, und so wurde es aufgeschoben." Kajaljade sagte: „Mir scheint, das Mädchen sieht recht ordentlich aus."
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Kajaljade nickte und fragte dann: „Die Wu'er, die du eben erwähnt hast — ist das nicht das Mädchen, das neulich mit Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Herrn Bao zusammen war?" Purpurkuckuck bestätigte: „Genau die." Kajaljade fragte: „Sollte sie nicht bei uns eintreten?" Purpurkuckuck sagte: „Doch. Aber dann wurde sie krank; und als sie wieder gesund war, kam gerade die Sache mit Heitermuster<ref>Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".</ref> und den anderen dazwischen, und so wurde es aufgeschoben." Kajaljade sagte: „Mir scheint, das Mädchen sieht recht ordentlich aus."
  
Da brachte draußen eine Dienerin die Suppe. Xueyan ging hinaus, um sie entgegenzunehmen. Die Frau sagte: „Frau Liu lässt dem Fräulein ausrichten: Die Suppe hat Wu'er selbst zubereitet, nicht in der großen Küche, weil das Fräulein die vielleicht zu schmutzig findet." Xueyan nahm die Suppe in Empfang. Kajaljade, die im Zimmer alles gehört hatte, sagte: „Bestell der alten Frau, sie solle sich bedanken lassen." Xueyan ging hinaus und richtete es aus; die alte Frau ging.
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Da brachte draußen eine Dienerin die Suppe. Schneegans ging hinaus, um sie entgegenzunehmen. Die Frau sagte: „Frau Liu lässt dem Fräulein ausrichten: Die Suppe hat Wu'er selbst zubereitet, nicht in der großen Küche, weil das Fräulein die vielleicht zu schmutzig findet." Schneegans nahm die Suppe in Empfang. Kajaljade, die im Zimmer alles gehört hatte, sagte: „Bestell der alten Frau, sie solle sich bedanken lassen." Schneegans ging hinaus und richtete es aus; die alte Frau ging.
  
Xueyan stellte Kajaljades Geschirr und Stäbchen auf den kleinen Tisch und fragte: „Wir haben noch den eingelegten fünferlei Rettich aus dem Süden — mit etwas Sesamöl und Essig, wäre das recht?" Kajaljade sagte: „Geht auch — nur macht kein großes Aufheben." Man trug den Brei auf. Kajaljade aß eine halbe Schale, löffelte zwei Schlucke Suppe und hörte auf. Die beiden Mädchen räumten ab, wischten den Tisch, trugen ihn hinaus und stellten den gewöhnlichen kleinen Tisch hin. Kajaljade spülte den Mund, wusch sich die Hände und fragte: „Purpurkuckuck, hast du schon Weihrauch nachgelegt?" Purpurkuckuck sagte: „Gleich." Kajaljade sagte: „Esst ihr beide die Suppe und den Brei — der Geschmack ist gut, und es ist alles sauber. Ich lege den Weihrauch selbst nach." Die beiden sagten zu und aßen im Vorzimmer.
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Schneegans stellte Kajaljades Geschirr und Stäbchen auf den kleinen Tisch und fragte: „Wir haben noch den eingelegten fünferlei Rettich aus dem Süden — mit etwas Sesamöl und Essig, wäre das recht?" Kajaljade sagte: „Geht auch — nur macht kein großes Aufheben." Man trug den Brei auf. Kajaljade aß eine halbe Schale, löffelte zwei Schlucke Suppe und hörte auf. Die beiden Mädchen räumten ab, wischten den Tisch, trugen ihn hinaus und stellten den gewöhnlichen kleinen Tisch hin. Kajaljade spülte den Mund, wusch sich die Hände und fragte: „Purpurkuckuck, hast du schon Weihrauch nachgelegt?" Purpurkuckuck sagte: „Gleich." Kajaljade sagte: „Esst ihr beide die Suppe und den Brei — der Geschmack ist gut, und es ist alles sauber. Ich lege den Weihrauch selbst nach." Die beiden sagten zu und aßen im Vorzimmer.
  
 
Kajaljade legte Weihrauch auf und setzte sich. Sie wollte gerade ein Buch nehmen, als sie im Garten den Wind hörte, der von Westen nach Osten durch die Bäume fegte und das Laub zum Rauschen und Rascheln brachte. Bald klirrten auch die eisernen Windglocken unter dem Dachvorsprung unablässig.
 
Kajaljade legte Weihrauch auf und setzte sich. Sie wollte gerade ein Buch nehmen, als sie im Garten den Wind hörte, der von Westen nach Osten durch die Bäume fegte und das Laub zum Rauschen und Rascheln brachte. Bald klirrten auch die eisernen Windglocken unter dem Dachvorsprung unablässig.
  
Xueyan war zuerst fertig und kam herein. Kajaljade fragte: „Es wird kalt. Neulich habe ich euch gebeten, die kleinen Pelzsachen zu lüften — habt ihr das getan?" Xueyan sagte: „Alles gelüftet." Kajaljade: „Bring mir eins zum Überwerfen." Xueyan holte ein Bündel kleiner Pelzkleidungsstücke, öffnete die Filzhülle und ließ Kajaljade wählen. Dazwischen lag ein Seidenpäckchen. Kajaljade griff danach und öffnete es — es waren die alten Seidentücher, die Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> [宝玉] ihr während seiner Krankheit geschickt hatte, mit ihren eigenen Gedichten darauf; die Tränenflecken waren noch sichtbar. Darin eingewickelt lagen der zerschnittene Duftsäckchen, die Fächertaschen und die Quaste von Schatzjades magischem Jadestein. Beim Lüften der Kleider hatte Purpurkuckuck sie in der Truhe gefunden und aus Angst, sie könnten verloren gehen, in die Filzhülle gesteckt. Kajaljade brauchte nur einen Blick darauf zu werfen — sie vergaß völlig, welches Kleidungsstück sie anziehen wollte, hielt nur die beiden Seidentücher in der Hand und starrte stumm auf die alten Gedichte. Nach einer Weile begannen die Tränen leise zu rinnen.
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Schneegans war zuerst fertig und kam herein. Kajaljade fragte: „Es wird kalt. Neulich habe ich euch gebeten, die kleinen Pelzsachen zu lüften — habt ihr das getan?" Schneegans sagte: „Alles gelüftet." Kajaljade: „Bring mir eins zum Überwerfen." Schneegans holte ein Bündel kleiner Pelzkleidungsstücke, öffnete die Filzhülle und ließ Kajaljade wählen. Dazwischen lag ein Seidenpäckchen. Kajaljade griff danach und öffnete es — es waren die alten Seidentücher, die Schatzjade<ref>Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.</ref> ihr während seiner Krankheit geschickt hatte, mit ihren eigenen Gedichten darauf; die Tränenflecken waren noch sichtbar. Darin eingewickelt lagen der zerschnittene Duftsäckchen, die Fächertaschen und die Quaste von Schatzjades magischem Jadestein. Beim Lüften der Kleider hatte Purpurkuckuck sie in der Truhe gefunden und aus Angst, sie könnten verloren gehen, in die Filzhülle gesteckt. Kajaljade brauchte nur einen Blick darauf zu werfen — sie vergaß völlig, welches Kleidungsstück sie anziehen wollte, hielt nur die beiden Seidentücher in der Hand und starrte stumm auf die alten Gedichte. Nach einer Weile begannen die Tränen leise zu rinnen.
  
Purpurkuckuck kam gerade aus dem Vorzimmer herein und sah Xueyan reglos mit dem Filzbündel dastehen. Auf dem kleinen Tisch lagen der zerschnittene Duftsäckchen, zwei oder drei Stücke einer Fächertasche und die abgerissene Quaste. Kajaljade aber hielt zwei alte Seidentücher mit Schriftzügen in der Hand und weinte darüber. Wahrlich:
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Purpurkuckuck kam gerade aus dem Vorzimmer herein und sah Schneegans reglos mit dem Filzbündel dastehen. Auf dem kleinen Tisch lagen der zerschnittene Duftsäckchen, zwei oder drei Stücke einer Fächertasche und die abgerissene Quaste. Kajaljade aber hielt zwei alte Seidentücher mit Schriftzügen in der Hand und weinte darüber. Wahrlich:
  
 
Wem das Schicksal nicht lacht, der trifft auf leidvolles Geschehen;
 
Wem das Schicksal nicht lacht, der trifft auf leidvolles Geschehen;
 
Neue Tränenspuren mischen sich mit alten.
 
Neue Tränenspuren mischen sich mit alten.
  
Purpurkuckuck verstand: Kajaljade war durch die Gegenstände an Vergangenes erinnert worden, und Zureden half nichts. Also lächelte sie: „Fräulein, wozu schaut Ihr Euch solche alten Sachen an? Das stammt alles aus der Zeit, als der Zweite Herr Bao und das Fräulein noch klein waren — bald vertrugen sie sich, bald stritten sie sich, lauter komische Geschichten. Wenn man so respektvoll miteinander umgeht wie jetzt, hätte man solche Dinge doch nicht sinnlos zerstört." Diese Worte waren als Aufmunterung gedacht, doch gerade sie riefen die Erinnerungen an Kajaljades erste Zeit mit Schatzjade noch lebhafter wach, und die Perlentröpfchen flossen nur stärker. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Xueyan wartet — zieht doch ein Stück über." Erst dann legte Kajaljade die Tücher hin. Purpurkuckuck hob sie auf, wickelte die Duftsäckchen und übrigen Sachen ein und trug sie fort.
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Purpurkuckuck verstand: Kajaljade war durch die Gegenstände an Vergangenes erinnert worden, und Zureden half nichts. Also lächelte sie: „Fräulein, wozu schaut Ihr Euch solche alten Sachen an? Das stammt alles aus der Zeit, als der Zweite Herr Bao und das Fräulein noch klein waren — bald vertrugen sie sich, bald stritten sie sich, lauter komische Geschichten. Wenn man so respektvoll miteinander umgeht wie jetzt, hätte man solche Dinge doch nicht sinnlos zerstört." Diese Worte waren als Aufmunterung gedacht, doch gerade sie riefen die Erinnerungen an Kajaljades erste Zeit mit Schatzjade noch lebhafter wach, und die Perlentröpfchen flossen nur stärker. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Schneegans wartet — zieht doch ein Stück über." Erst dann legte Kajaljade die Tücher hin. Purpurkuckuck hob sie auf, wickelte die Duftsäckchen und übrigen Sachen ein und trug sie fort.
  
Kajaljade warf sich einen Pelz über die Schultern, ging grübelnd ins Vorzimmer und setzte sich. Auf dem Tisch lag noch Schatzspanges unverwahrter Brief; sie nahm ihn heraus und las ihn noch zweimal. Seufzend sprach sie: „Die Umstände sind verschieden, doch der Schmerz ist derselbe. Ich will ebenfalls vier Strophen dichten, sie in eine Qin-Melodie übertragen, singbar und spielbar — morgen schreibe ich sie ab und schicke sie als Antwort." Sie ließ Xueyan Pinsel und Tusche vom äußeren Tisch holen, tauchte den Pinsel ein und verfasste vier Strophen. Dann schlug sie das Qin-Notenbuch auf, entlehnte die Melodien der „Elegie auf die Orchidee" und der „Sehnsucht nach dem Weisen" und setzte ihre Verse dazu in Töne. Anschließend schrieb sie alles ins Reine, um es Schatzspange zu senden. Dann ließ sie Xueyan aus der Truhe die kurze Zither holen, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, spannte die Saiten auf und übte die Grifftechnik. Kajaljade war von Natur hochbegabt und hatte im Süden einige Zeit geübt; zwar waren die Hände eingerostet, doch kaum griff sie zur Zither, kam alles wieder. Nach einigem Spielen war die Nacht weit fortgeschritten; sie ließ Purpurkuckuck alles aufräumen und ging schlafen.
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Kajaljade warf sich einen Pelz über die Schultern, ging grübelnd ins Vorzimmer und setzte sich. Auf dem Tisch lag noch Schatzspanges unverwahrter Brief; sie nahm ihn heraus und las ihn noch zweimal. Seufzend sprach sie: „Die Umstände sind verschieden, doch der Schmerz ist derselbe. Ich will ebenfalls vier Strophen dichten, sie in eine Qin-Melodie übertragen, singbar und spielbar — morgen schreibe ich sie ab und schicke sie als Antwort." Sie ließ Schneegans Pinsel und Tusche vom äußeren Tisch holen, tauchte den Pinsel ein und verfasste vier Strophen. Dann schlug sie das Qin-Notenbuch auf, entlehnte die Melodien der „Elegie auf die Orchidee" und der „Sehnsucht nach dem Weisen" und setzte ihre Verse dazu in Töne. Anschließend schrieb sie alles ins Reine, um es Schatzspange zu senden. Dann ließ sie Schneegans aus der Truhe die kurze Zither holen, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, spannte die Saiten auf und übte die Grifftechnik. Kajaljade war von Natur hochbegabt und hatte im Süden einige Zeit geübt; zwar waren die Hände eingerostet, doch kaum griff sie zur Zither, kam alles wieder. Nach einigem Spielen war die Nacht weit fortgeschritten; sie ließ Purpurkuckuck alles aufräumen und ging schlafen.
  
Was nun Schatzjade betraf: An diesem Morgen stand er auf, machte sich zurecht und ging mit Beiming zur Schule. Da kam Moyu lachend angelaufen und rief: „Zweiter Herr, heute haben Sie Glück: Der Großonkel ist nicht im Schulzimmer — Schule fällt aus!" Schatzjade fragte: „Wirklich?" Moyu sagte: „Wenn der Zweite Herr es nicht glaubt — seht, da kommen der Dritte Herr und der junge Herr Lan!" Schatzjade sah Kaufmann Unheil<ref>Kaufmann Unheil: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> [贾环] und Jia Lan mit ihren Dienern kommen, beide lachend und schwatzend. Als sie Schatzjade sahen, blieben sie mit gesenkten Händen stehen. Schatzjade fragte: „Warum seid ihr schon zurück?" Kaufmann Unheil sagte: „Heute hat der Großonkel etwas vor und gibt uns einen Tag frei; morgen geht es weiter."
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Was nun Schatzjade betraf: An diesem Morgen stand er auf, machte sich zurecht und ging mit Beiming zur Schule. Da kam Moyu lachend angelaufen und rief: „Zweiter Herr, heute haben Sie Glück: Der Großonkel ist nicht im Schulzimmer — Schule fällt aus!" Schatzjade fragte: „Wirklich?" Moyu sagte: „Wenn der Zweite Herr es nicht glaubt — seht, da kommen der Dritte Herr und der junge Herr Lan!" Schatzjade sah Unheil Kaufmann<ref>Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".</ref> und Orchidee Kaufmann mit ihren Dienern kommen, beide lachend und schwatzend. Als sie Schatzjade sahen, blieben sie mit gesenkten Händen stehen. Schatzjade fragte: „Warum seid ihr schon zurück?" Unheil Kaufmann sagte: „Heute hat der Großonkel etwas vor und gibt uns einen Tag frei; morgen geht es weiter."
  
Schatzjade ging zunächst zur Großmutter und zu Kaufmann Aufrecht<ref>Kaufmann Aufrecht: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref>, um es zu melden, und kehrte dann in den Yihong-Hof zurück. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> [袭人] fragte: „Warum bist du schon wieder da?" Schatzjade erzählte es ihr. Kaum hatte er sich gesetzt, wollte er schon wieder hinaus. Dufthauch sagte: „Wohin denn so eilig? Wenn schon schulfrei, solltest du dich ein wenig erholen." Schatzjade blieb stehen, senkte den Kopf und sagte: „Da hast du recht. Aber man bekommt so selten einen freien Tag — sollte ich mich nicht wenigstens ein bisschen zerstreuen? Hab doch ein wenig Erbarmen." Dufthauch sah sein flehendes Gesicht und lachte: „Dann geh, Herr."
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Schatzjade ging zunächst zur Großmutter und zu Aufrecht Kaufmann<ref>Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".</ref>, um es zu melden, und kehrte dann in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch<ref>Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".</ref> fragte: „Warum bist du schon wieder da?" Schatzjade erzählte es ihr. Kaum hatte er sich gesetzt, wollte er schon wieder hinaus. Dufthauch sagte: „Wohin denn so eilig? Wenn schon schulfrei, solltest du dich ein wenig erholen." Schatzjade blieb stehen, senkte den Kopf und sagte: „Da hast du recht. Aber man bekommt so selten einen freien Tag — sollte ich mich nicht wenigstens ein bisschen zerstreuen? Hab doch ein wenig Erbarmen." Dufthauch sah sein flehendes Gesicht und lachte: „Dann geh, Herr."
  
Da wurde gerade das Essen aufgetragen. Schatzjade aß notgedrungen hastig, spülte den Mund und rannte wie der Blitz zu Kajaljades Zimmer. An der Tür sah er Xueyan im Hof Seidentücher trocknen. Schatzjade fragte: „Hat das Fräulein gegessen?" Xueyan sagte: „Heute Morgen hat sie nur eine halbe Schale Brei getrunken und wollte nicht essen; jetzt nickt sie gerade ein. Der Zweite Herr sollte erst anderswohin gehen und später wiederkommen."
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Da wurde gerade das Essen aufgetragen. Schatzjade aß notgedrungen hastig, spülte den Mund und rannte wie der Blitz zu Kajaljades Zimmer. An der Tür sah er Schneegans im Hof Seidentücher trocknen. Schatzjade fragte: „Hat das Fräulein gegessen?" Schneegans sagte: „Heute Morgen hat sie nur eine halbe Schale Brei getrunken und wollte nicht essen; jetzt nickt sie gerade ein. Der Zweite Herr sollte erst anderswohin gehen und später wiederkommen."
  
Schatzjade musste umkehren. Ohne rechtes Ziel fiel ihm ein, dass er Bewahrfrühling<ref>Bewahrfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> [惜春] schon seit Tagen nicht gesehen hatte, und schlenderte zur Liaofeng-Veranda. Am Fenster war alles totenstill. Er dachte, sie halte ihren Mittagsschlaf, und wollte nicht stören. Gerade als er sich abwenden wollte, hörte er im Innern ein leises Klacken. Er blieb stehen und lauschte. Nach einer Weile — noch ein Klacken. Er konnte es noch nicht zuordnen, als eine Stimme sagte: „Du hast hier einen Stein gesetzt — willst du dort nicht antworten?" Da wusste er: Sie spielten Go<ref>Go (围棋, Wéiqí): Strategisches Brettspiel, in China seit über 2.500 Jahren gespielt, eines der „vier Künste" des Gelehrten.</ref>. Nur wessen Stimme war das? Dann hörte er Bewahrfrühling: „Keine Angst! Du schlägst mich dort, ich antworte dort; du schlägst hier, ich antworte hier — ich habe noch einen Zug in Reserve, am Ende verbinde ich alles." Die andere Stimme sagte: „Und wenn ich so schlage?" Bewahrfrühling rief: „Ah! Da ist ja noch ein Gegenschlag versteckt — den habe ich übersehen!"
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Schatzjade musste umkehren. Ohne rechtes Ziel fiel ihm ein, dass er Bedauerfrühling<ref>Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".</ref> schon seit Tagen nicht gesehen hatte, und schlenderte zur Liaofeng-Veranda. Am Fenster war alles totenstill. Er dachte, sie halte ihren Mittagsschlaf, und wollte nicht stören. Gerade als er sich abwenden wollte, hörte er im Innern ein leises Klacken. Er blieb stehen und lauschte. Nach einer Weile — noch ein Klacken. Er konnte es noch nicht zuordnen, als eine Stimme sagte: „Du hast hier einen Stein gesetzt — willst du dort nicht antworten?" Da wusste er: Sie spielten Go<ref>Go (围棋, Wéiqí): Strategisches Brettspiel, in China seit über 2.500 Jahren gespielt, eines der „vier Künste" des Gelehrten.</ref>. Nur wessen Stimme war das? Dann hörte er Bedauerfrühling: „Keine Angst! Du schlägst mich dort, ich antworte dort; du schlägst hier, ich antworte hier — ich habe noch einen Zug in Reserve, am Ende verbinde ich alles." Die andere Stimme sagte: „Und wenn ich so schlage?" Bedauerfrühling rief: „Ah! Da ist ja noch ein Gegenschlag versteckt — den habe ich übersehen!"
  
Schatzjade lauschte: Die Stimme kam ihm sehr bekannt vor, war aber keine seiner Schwestern. Er überlegte, dass Bewahrfrühling keinen Besuch von Fremden bekam, und hob leise den Vorhang. Da saß — niemand anders als Wunderjade<ref>Wunderjade: Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersamer Jade".</ref> [妙玉] aus dem Longsui-Kloster, die „Fremde jenseits aller Schwellen". Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Wunderjade und Bewahrfrühling waren beide in tiefes Nachdenken versunken und bemerkten ihn nicht. Schatzjade stellte sich daneben und beobachtete das Spiel. Wunderjade fragte mit gesenktem Kopf: „Willst du diese Ecke aufgeben?" Bewahrfrühling sagte: „Warum sollte ich? Deine Steine dort sind alle tot — was soll ich fürchten?" Wunderjade sagte: „Sei nicht zu sicher — probier es aus." Bewahrfrühling sagte: „Dann schlag ich zu — mal sehen, was du machst!" Wunderjade aber lächelte leise, setzte am Rand einen Stein, bog mit einem Gegenzug ab und schlug Bewahrfrühlings ganze Ecke heraus. Lachend sagte sie: „Das nennt man die ‚Umgekehrte-Stiefel-Stellung'."
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Schatzjade lauschte: Die Stimme kam ihm sehr bekannt vor, war aber keine seiner Schwestern. Er überlegte, dass Bedauerfrühling keinen Besuch von Fremden bekam, und hob leise den Vorhang. Da saß — niemand anders als Wunderjade<ref>Wunderjade: Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersamer Jade".</ref> aus dem Longsui-Kloster, die „Fremde jenseits aller Schwellen". Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Wunderjade und Bedauerfrühling waren beide in tiefes Nachdenken versunken und bemerkten ihn nicht. Schatzjade stellte sich daneben und beobachtete das Spiel. Wunderjade fragte mit gesenktem Kopf: „Willst du diese Ecke aufgeben?" Bedauerfrühling sagte: „Warum sollte ich? Deine Steine dort sind alle tot — was soll ich fürchten?" Wunderjade sagte: „Sei nicht zu sicher — probier es aus." Bedauerfrühling sagte: „Dann schlag ich zu — mal sehen, was du machst!" Wunderjade aber lächelte leise, setzte am Rand einen Stein, bog mit einem Gegenzug ab und schlug Bedauerfrühlings ganze Ecke heraus. Lachend sagte sie: „Das nennt man die ‚Umgekehrte-Stiefel-Stellung'."
  
Noch ehe Bewahrfrühling antworten konnte, platzte Schatzjade vor Begeisterung mit einem lauten Lachen heraus, was beide fürchterlich erschreckte. Bewahrfrühling fuhr ihn an: „Was soll das? Kommt herein, ohne ein Wort zu sagen, und erschreckt uns so! Seit wann bist du hier?" Schatzjade sagte: „Ich bin schon vorher hereingekommen und habe zugesehen, wie ihr um diese Ecke gestritten habt." Damit verbeugte er sich vor Wunderjade und fragte lachend: „Die verehrte Meisterin verlässt sonst selten ihre Klause — was führt sie heute unter die Sterblichen?" Wunderjade wurde plötzlich rot im Gesicht, gab keine Antwort und senkte den Blick auf das Spielbrett. Schatzjade merkte, dass er sich daneben benommen hatte, und sagte entschuldigend: „Natürlich ist ein Mensch der Entsagung nicht wie wir weltliche Laien. Erstens: Ihr Herz ist still. Stille schafft Klarheit, Klarheit schafft Weisheit." Kaum hatte er es ausgesprochen, hob Wunderjade langsam den Blick, sah Schatzjade kurz an und senkte den Kopf wieder. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Schatzjade sah, dass sie ihn nicht beachtete, und setzte sich verlegen an die Seite.
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Noch ehe Bedauerfrühling antworten konnte, platzte Schatzjade vor Begeisterung mit einem lauten Lachen heraus, was beide fürchterlich erschreckte. Bedauerfrühling fuhr ihn an: „Was soll das? Kommt herein, ohne ein Wort zu sagen, und erschreckt uns so! Seit wann bist du hier?" Schatzjade sagte: „Ich bin schon vorher hereingekommen und habe zugesehen, wie ihr um diese Ecke gestritten habt." Damit verbeugte er sich vor Wunderjade und fragte lachend: „Die verehrte Meisterin verlässt sonst selten ihre Klause — was führt sie heute unter die Sterblichen?" Wunderjade wurde plötzlich rot im Gesicht, gab keine Antwort und senkte den Blick auf das Spielbrett. Schatzjade merkte, dass er sich daneben benommen hatte, und sagte entschuldigend: „Natürlich ist ein Mensch der Entsagung nicht wie wir weltliche Laien. Erstens: Ihr Herz ist still. Stille schafft Klarheit, Klarheit schafft Weisheit." Kaum hatte er es ausgesprochen, hob Wunderjade langsam den Blick, sah Schatzjade kurz an und senkte den Kopf wieder. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Schatzjade sah, dass sie ihn nicht beachtete, und setzte sich verlegen an die Seite.
  
Bewahrfrühling wollte weiterspielen. Wunderjade sagte nach langem Schweigen: „Ein andermal." Sie stand auf, ordnete ihre Kleidung, setzte sich wieder und fragte Schatzjade mit abwesendem Blick: „Woher kommst du?" Schatzjade hätte dieses eine Wort nicht lieber hören können — endlich konnte er seine vorherige Unbeholfenheit erklären. Doch dann dachte er: „Oder ist das eine Zen-Frage?" Er wurde rot und konnte nicht antworten. Wunderjade lächelte leicht. Bewahrfrühling dagegen lachte: „Zweiter Bruder, was ist daran so schwer? Hast du nicht gehört, was die Leute immer sagen: ‚Ich komme von dort, woher ich komme'? Dafür muss man doch nicht rot werden, als hätte man einen Fremden vor sich."
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Bedauerfrühling wollte weiterspielen. Wunderjade sagte nach langem Schweigen: „Ein andermal." Sie stand auf, ordnete ihre Kleidung, setzte sich wieder und fragte Schatzjade mit abwesendem Blick: „Woher kommst du?" Schatzjade hätte dieses eine Wort nicht lieber hören können — endlich konnte er seine vorherige Unbeholfenheit erklären. Doch dann dachte er: „Oder ist das eine Zen-Frage?" Er wurde rot und konnte nicht antworten. Wunderjade lächelte leicht. Bedauerfrühling dagegen lachte: „Zweiter Bruder, was ist daran so schwer? Hast du nicht gehört, was die Leute immer sagen: ‚Ich komme von dort, woher ich komme'? Dafür muss man doch nicht rot werden, als hätte man einen Fremden vor sich."
  
Als Wunderjade diese Worte hörte, dachte sie unwillkürlich an ihre eigene Lage: Ihr Herz regte sich, ihre Wangen brannten — gewiss waren auch sie rot. Es wurde ihr peinlich. Sie stand auf und sagte: „Ich war zu lange hier — ich muss zurück ins Kloster." Bewahrfrühling kannte Wunderjades Wesen und hielt sie nicht zurück, sondern begleitete sie zur Tür. Wunderjade lachte: „Ich war so lange nicht hier — die vielen Windungen und Kurven verwirren mich, ich finde den Rückweg nicht mehr." Schatzjade sagte: „Da muss ich wohl den Weg weisen — einverstanden?" Wunderjade sagte: „Ich danke. Der Zweite Herr gehe voran."
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Als Wunderjade diese Worte hörte, dachte sie unwillkürlich an ihre eigene Lage: Ihr Herz regte sich, ihre Wangen brannten — gewiss waren auch sie rot. Es wurde ihr peinlich. Sie stand auf und sagte: „Ich war zu lange hier — ich muss zurück ins Kloster." Bedauerfrühling kannte Wunderjades Wesen und hielt sie nicht zurück, sondern begleitete sie zur Tür. Wunderjade lachte: „Ich war so lange nicht hier — die vielen Windungen und Kurven verwirren mich, ich finde den Rückweg nicht mehr." Schatzjade sagte: „Da muss ich wohl den Weg weisen — einverstanden?" Wunderjade sagte: „Ich danke. Der Zweite Herr gehe voran."
  
So verabschiedeten sich die beiden von Bewahrfrühling und verließen die Liaofeng-Veranda. Auf verschlungenen Pfaden näherten sie sich dem Xiaoxiang-Pavillon, als plötzlich ein heller Ton erklang — ding-dong. Wunderjade fragte: „Woher kommt dieser Zitherton?" Schatzjade antwortete: „Das muss Schwester Lin sein, die Zither spielt." Wunderjade sagte: „Sie beherrscht das auch? Wie kommt es, dass davon nie die Rede war?" Schatzjade erzählte ihr Kajaljades ganze Geschichte. Dann sagte er: „Lasst uns zu ihr gehen und zuschauen." Wunderjade entgegnete: „Seit alters ‚hört' man eine Zither — man ‚schaut' sie nicht an." Schatzjade lachte: „Ich sagte ja, ich bin ein Laie."
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So verabschiedeten sich die beiden von Bedauerfrühling und verließen die Liaofeng-Veranda. Auf verschlungenen Pfaden näherten sie sich dem Xiaoxiang-Pavillon, als plötzlich ein heller Ton erklang — ding-dong. Wunderjade fragte: „Woher kommt dieser Zitherton?" Schatzjade antwortete: „Das muss Schwester Lin sein, die Zither spielt." Wunderjade sagte: „Sie beherrscht das auch? Wie kommt es, dass davon nie die Rede war?" Schatzjade erzählte ihr Kajaljades ganze Geschichte. Dann sagte er: „Lasst uns zu ihr gehen und zuschauen." Wunderjade entgegnete: „Seit alters ‚hört' man eine Zither — man ‚schaut' sie nicht an." Schatzjade lachte: „Ich sagte ja, ich bin ein Laie."
  
 
Die beiden setzten sich auf einen Felsen vor dem Xiaoxiang-Pavillon und lauschten still. Die Melodie war klar und durchdringend. Dann hörten sie eine leise Stimme singen:
 
Die beiden setzten sich auf einen Felsen vor dem Xiaoxiang-Pavillon und lauschten still. Die Melodie war klar und durchdringend. Dann hörten sie eine leise Stimme singen:
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Mein reines Herz — gleicht es dem Mond am Himmel?
 
Mein reines Herz — gleicht es dem Mond am Himmel?
  
Wunderjade hörte es und wurde bleich vor Bestürzung: „Wie kommt sie plötzlich in den Bianzhi-Modus? Der Klang könnte Gold und Stein zerreißen! Nur — es ist zu viel." Schatzjade fragte: „Was heißt ‚zu viel'?" Wunderjade antwortete: „Ich fürchte, es kann nicht von Dauer sein." In diesem Augenblick riss die Jun-Saite mit einem lauten Bong. Wunderjade sprang auf und ging sofort davon. Schatzjade rief: „Was ist?" Wunderjade erwiderte: „In Zukunft wirst du es verstehen. Frag nicht weiter." Damit war sie verschwunden. Schatzjade stand da, den Kopf voller Rätsel, und kehrte niedergeschlagen in den Yihong-Hof zurück.
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Wunderjade hörte es und wurde bleich vor Bestürzung: „Wie kommt sie plötzlich in den Bianzhi-Modus? Der Klang könnte Gold und Stein zerreißen! Nur — es ist zu viel." Schatzjade fragte: „Was heißt ‚zu viel'?" Wunderjade antwortete: „Ich fürchte, es kann nicht von Dauer sein." In diesem Augenblick riss die Jun-Saite mit einem lauten Bong. Wunderjade sprang auf und ging sofort davon. Schatzjade rief: „Was ist?" Wunderjade erwiderte: „In Zukunft wirst du es verstehen. Frag nicht weiter." Damit war sie verschwunden. Schatzjade stand da, den Kopf voller Rätsel, und kehrte niedergeschlagen in den Hof der Roten Freude zurück.
  
 
Was Wunderjade betraf: Als sie das Kloster erreichte, empfing sie eine Klosterfrau an der Tür. Man schloss das Tor. Sie saß eine Weile, rezitierte die täglichen Sutras, aß zu Abend, entzündete Weihrauch und betete zu den Bodhisattvas. Dann schickte sie die Klosterfrauen schlafen. Auf ihrem Meditationsbett war alles für die Sitzung bereitgestellt. Sie hielt den Atem an, senkte den Blick, nahm die Lotossitzposition ein und suchte die Gedanken abzuschneiden und sich dem Wahren Sosein zuzuwenden.
 
Was Wunderjade betraf: Als sie das Kloster erreichte, empfing sie eine Klosterfrau an der Tür. Man schloss das Tor. Sie saß eine Weile, rezitierte die täglichen Sutras, aß zu Abend, entzündete Weihrauch und betete zu den Bodhisattvas. Dann schickte sie die Klosterfrauen schlafen. Auf ihrem Meditationsbett war alles für die Sitzung bereitgestellt. Sie hielt den Atem an, senkte den Blick, nahm die Lotossitzposition ein und suchte die Gedanken abzuschneiden und sich dem Wahren Sosein zuzuwenden.
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Nach der dritten Nachtwache hörte sie auf dem Dach ein polterndes Geräusch. In der Angst vor Einbrechern stieg sie vom Meditationsbett, ging auf die vordere Veranda hinaus — und sah nur Wolkenschatten am Himmel und Mondlicht wie Wasser. Das Wetter war noch nicht kalt; allein stand sie eine Weile am Geländer. Da hörte sie auf dem Dach zwei Katzen, die abwechselnd schrien. Plötzlich fielen ihr Schatzjades Worte vom Tage ein, und das Herz schlug ihr schneller, die Ohren brannten. Hastig versuchte sie, ihren Geist zu sammeln, ging zurück ins Meditationszimmer und setzte sich wieder aufs Bett. Doch der Geist wollte nicht zur Ruhe kommen; es war, als galoppierten zehntausend Pferde. Das Meditationsbett begann zu schwanken; ihr war, als sei sie nicht mehr im Kloster. Prinzen und vornehme Herren kamen, um sie zu freien; Kupplerinnen zerrten und schoben sie in einen Wagen; sie wollte nicht gehen. Dann überfielen sie Räuber mit Messern und Knüppeln und bedrängten sie; sie konnte nur weinen und um Hilfe schreien.
 
Nach der dritten Nachtwache hörte sie auf dem Dach ein polterndes Geräusch. In der Angst vor Einbrechern stieg sie vom Meditationsbett, ging auf die vordere Veranda hinaus — und sah nur Wolkenschatten am Himmel und Mondlicht wie Wasser. Das Wetter war noch nicht kalt; allein stand sie eine Weile am Geländer. Da hörte sie auf dem Dach zwei Katzen, die abwechselnd schrien. Plötzlich fielen ihr Schatzjades Worte vom Tage ein, und das Herz schlug ihr schneller, die Ohren brannten. Hastig versuchte sie, ihren Geist zu sammeln, ging zurück ins Meditationszimmer und setzte sich wieder aufs Bett. Doch der Geist wollte nicht zur Ruhe kommen; es war, als galoppierten zehntausend Pferde. Das Meditationsbett begann zu schwanken; ihr war, als sei sie nicht mehr im Kloster. Prinzen und vornehme Herren kamen, um sie zu freien; Kupplerinnen zerrten und schoben sie in einen Wagen; sie wollte nicht gehen. Dann überfielen sie Räuber mit Messern und Knüppeln und bedrängten sie; sie konnte nur weinen und um Hilfe schreien.
  
Das weckte die Nonnen und Klosterfrauen. Alle kamen mit Lichtern herbeigelaufen und sahen: Wunderjade lag mit ausgebreiteten Armen, Schaum vor dem Mund. Als man sie weckte, starrten ihre Augen gerade nach oben, beide Wangenknochen leuchteten rot, und sie schrie: „Ich stehe unter dem Schutz der Bodhisattvas — was bildet ihr Räuber euch ein?" Alle waren entsetzt und riefen: „Wir sind es! Wach auf!" Wunderjade sagte: „Ich will nach Hause — gibt es hier einen guten Menschen, der mich zurückbringt?" Die Klosterfrau sagte: „Dies ist dein Zuhause." Gleichzeitig betete eine andere Nonne vor der Guanyin<ref>Guanyin (观音): Bodhisattva des Mitgefühls, eine der wichtigsten Figuren des chinesischen Buddhismus.</ref>-Statue; man zog ein Orakelstäbchen und schlug die Deutung nach: Eine weibliche Yin-Kraft im Südwesten habe sie befallen. Eine sagte: „Stimmt — in der südwestlichen Ecke des Daguan-Gartens wohnt niemand, dort gibt es durchaus Yin-Energie." Man kochte Tees und Heiltränke in heller Aufregung.
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Das weckte die Nonnen und Klosterfrauen. Alle kamen mit Lichtern herbeigelaufen und sahen: Wunderjade lag mit ausgebreiteten Armen, Schaum vor dem Mund. Als man sie weckte, starrten ihre Augen gerade nach oben, beide Wangenknochen leuchteten rot, und sie schrie: „Ich stehe unter dem Schutz der Bodhisattvas — was bildet ihr Räuber euch ein?" Alle waren entsetzt und riefen: „Wir sind es! Wach auf!" Wunderjade sagte: „Ich will nach Hause — gibt es hier einen guten Menschen, der mich zurückbringt?" Die Klosterfrau sagte: „Dies ist dein Zuhause." Gleichzeitig betete eine andere Nonne vor der Guanyin<ref>Guanyin (观音): Bodhisattva des Mitgefühls, eine der wichtigsten Figuren des chinesischen Buddhismus.</ref>-Statue; man zog ein Orakelstäbchen und schlug die Deutung nach: Eine weibliche Yin-Kraft im Südwesten habe sie befallen. Eine sagte: „Stimmt — in der südwestlichen Ecke des Gartens der Großen Anschauung wohnt niemand, dort gibt es durchaus Yin-Energie." Man kochte Tees und Heiltränke in heller Aufregung.
  
 
Die eine Nonne, die Wunderjade aus dem Süden mitgebracht hatte, pflegte sie hingebungsvoller als alle anderen und saß bei ihr auf dem Meditationsbett. Wunderjade drehte sich um: „Wer bist du?" Die Nonne sagte: „Ich bin es." Wunderjade sah genauer hin: „Ach, du bist es." Sie umarmte die Nonne und begann laut zu weinen: „Du bist doch meine Mama! Wenn du mich nicht rettest, sterbe ich!" Die Nonne weckte sie sanft und rieb ihr den Körper. Eine Klosterfrau brachte Tee. Erst bei Tagesanbruch schlief Wunderjade endlich ein.
 
Die eine Nonne, die Wunderjade aus dem Süden mitgebracht hatte, pflegte sie hingebungsvoller als alle anderen und saß bei ihr auf dem Meditationsbett. Wunderjade drehte sich um: „Wer bist du?" Die Nonne sagte: „Ich bin es." Wunderjade sah genauer hin: „Ach, du bist es." Sie umarmte die Nonne und begann laut zu weinen: „Du bist doch meine Mama! Wenn du mich nicht rettest, sterbe ich!" Die Nonne weckte sie sanft und rieb ihr den Körper. Eine Klosterfrau brachte Tee. Erst bei Tagesanbruch schlief Wunderjade endlich ein.
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Nach einigen Tagen ging es Wunderjade zwar etwas besser, doch der Geist war noch nicht wiederhergestellt, und ein gewisser Schleier der Verwirrung blieb.
 
Nach einigen Tagen ging es Wunderjade zwar etwas besser, doch der Geist war noch nicht wiederhergestellt, und ein gewisser Schleier der Verwirrung blieb.
  
Eines Tages saß Bewahrfrühling still in ihrem Zimmer, als Caiping hereinkam und fragte: „Weiß das Fräulein von der Sache mit der Meisterin Wunderjade?" Bewahrfrühling fragte: „Was ist mit ihr?" Caiping sagte: „Gestern habe ich gehört, wie das Fräulein Xing mit der Ersten Schwägerin darüber sprach: Seit dem Tag, als Wunderjade hier Go gespielt hat und abends zurückging, wurde sie nachts von einem bösen Geist befallen und schrie, Räuber kämen, um sie zu entführen. Bis heute ist sie nicht wieder gesund. Fräulein, ist das nicht seltsam?"
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Eines Tages saß Bedauerfrühling still in ihrem Zimmer, als Caiping hereinkam und fragte: „Weiß das Fräulein von der Sache mit der Meisterin Wunderjade?" Bedauerfrühling fragte: „Was ist mit ihr?" Caiping sagte: „Gestern habe ich gehört, wie das Fräulein Xing mit der Ersten Schwägerin darüber sprach: Seit dem Tag, als Wunderjade hier Go gespielt hat und abends zurückging, wurde sie nachts von einem bösen Geist befallen und schrie, Räuber kämen, um sie zu entführen. Bis heute ist sie nicht wieder gesund. Fräulein, ist das nicht seltsam?"
  
Bewahrfrühling hörte es und versank in Schweigen. Sie dachte: „Wunderjade ist zwar rein, doch ihre irdischen Bindungen sind noch nicht gelöst. Schade, dass ich in so eine Familie hineingeboren wurde und nicht einfach ins Kloster eintreten kann. Wenn ich Nonne würde — welche Dämonen könnten mich dann behelligen? Wenn kein einziger Gedanke entsteht, ruhen zehntausend Bande in Stille." Bei diesem Gedanken durchzuckte sie eine Erleuchtung, als hätte sie etwas begriffen. Spontan dichtete sie einen Gatha<ref>Gatha (偈, Jì): Kurzes buddhistisches Lehrgedicht in Versform, das eine Einsicht oder Erleuchtung ausdrückt.</ref>:
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Bedauerfrühling hörte es und versank in Schweigen. Sie dachte: „Wunderjade ist zwar rein, doch ihre irdischen Bindungen sind noch nicht gelöst. Schade, dass ich in so eine Familie hineingeboren wurde und nicht einfach ins Kloster eintreten kann. Wenn ich Nonne würde — welche Dämonen könnten mich dann behelligen? Wenn kein einziger Gedanke entsteht, ruhen zehntausend Bande in Stille." Bei diesem Gedanken durchzuckte sie eine Erleuchtung, als hätte sie etwas begriffen. Spontan dichtete sie einen Gatha<ref>Gatha (偈, Jì): Kurzes buddhistisches Lehrgedicht in Versform, das eine Einsicht oder Erleuchtung ausdrückt.</ref>:
  
 
Die große Schöpfung kennt kein Maß –
 
Die große Schöpfung kennt kein Maß –
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Soll man in die Leere zurückkehren.
 
Soll man in die Leere zurückkehren.
  
Dann ließ sie das Mädchen Weihrauch entzünden, saß still eine Weile und schlug die Go-Sammlung auf. Sie las einige Partien von Kong Rong, Wang Jixin und anderen. Die Formationen „Dichte Blätter umschließen die Krabbe" und „Der Habicht greift den Hasen" waren nichts Besonderes; die „Sechsunddreißig Eck-Tötungszüge" waren auf Anhieb schwer zu begreifen und zu merken; erst die „Zehn Drachen jagen das Pferd" fand sie wirklich faszinierend. Gerade war sie ins Grübeln vertieft, als jemand draußen den Hof betrat und nach Caiping rief.
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Dann ließ sie das Mädchen Weihrauch entzünden, saß still eine Weile und schlug die Go-Sammlung auf. Sie las einige Partien von Kong Rong, König Jixin und anderen. Die Formationen „Dichte Blätter umschließen die Krabbe" und „Der Habicht greift den Hasen" waren nichts Besonderes; die „Sechsunddreißig Eck-Tötungszüge" waren auf Anhieb schwer zu begreifen und zu merken; erst die „Zehn Drachen jagen das Pferd" fand sie wirklich faszinierend. Gerade war sie ins Grübeln vertieft, als jemand draußen den Hof betrat und nach Caiping rief.
  
 
Wer es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.
 
Wer es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.

Latest revision as of 19:30, 28 April 2026

Siebenundachtzigstes Kapitel

Im Klang des Herbstes spielt die Zither und betrauert Vergangenes, In der Stille der Meditation verfällt der Geist dem Irrwahn

Wie berichtet, ließ Kajaljade[1] die Botin aus Schatzspange[2]s Haus herein, erkundigte sich nach dem Wohlergehen und nahm den Brief entgegen. Sie schickte die Frau zum Tee und öffnete Schatzspanges Schreiben. Es lautete:

„Meine Schwester, deren Geburtstag unter keinem glücklichen Stern stand, deren Familie vom Unglück verfolgt wird; Schwestern allein und verlassen, die geliebte Mutter in die Jahre gekommen; dazu der keifende Lärm, der nie zur Ruhe kommt, Tag und Nacht; und nun auch noch ein furchtbares Unglück wie ein Sturmwind und Platzregen. In langen Nächten wälze ich mich schlaflos — wie soll ich den Gram ertragen! Da wir einander so verbunden sind, wie sollte mich das nicht zutiefst bewegen? Ich erinnere mich an unsere Begonien-Dichtergesellschaft, im klaren Herbst; wie wir bei den Chrysanthemen die Krabben verspeisten und in froher Eintracht beisammensaßen. Noch klingen mir die Verse im Ohr: ‚Einsam in stolzer Haltung — mit wem sich verbergen vor der Welt? Ein und dieselbe Blüte — warum so spät erblüht?' Unwillkürlich denke ich an den kühlen Festtag und seine letzten Blüten — gleich uns beiden. Von Wehmut und Rührung ergriffen, habe ich vier Strophen verfasst — nicht als grundloses Stöhnen, sondern im Sinne jenes Wortes: ‚Ein langes Lied singe statt des Weinens.'"

Traurig, dass die Jahreszeiten wechseln — und wieder ist es klarer Herbst! Bedrückt durch das Unglück meines Hauses — allein im Gram der Trennung.

Nordwärts steht das Vergissmeinkraut — doch wie soll es den Kummer bannen? Nichts kann ihn lösen — und mein Herz ist voller Seufzer.

Wolken türmen sich — im Herbstwind wird mir weh ums Herz. Ich schreite durch den Hof — auf trocknem Reiflaub trete ich.

Wohin gehen, wohin wenden — verloren ist mir alle frühere Freude! Besinne ich mich still — zerschneidet es mir Lunge und Leber.

Wohl hat der Stör seinen Teich — wohl der Kranich sein Wehr, Schuppenpanzer verbirgt sich in der Tiefe — und Gefieder, wie lang es wächst!

Ich kratze mir den Kopf und frage — in die Weite, Hoher Himmel, tiefe Erde — wer kennt meinen ewigen Schmerz?

Die Silberstraße flimmert — kalte Luft dringt ein, Mondlicht fällt schräg — und die Wasseruhr versinkt.

Mein sorgenvolles Herz lodert — und entlockt mir Klagelieder; Ich singe und singe — und sende sie meiner Seelenfreundin.

Kajaljade war beim Lesen tief ergriffen. Dann dachte sie: „Dass die Schwester Bao dieses Gedicht nicht an andere, sondern gerade an mich schickt — das zeigt, dass wir verwandte Seelen sind, die einander zu schätzen wissen."

Noch war sie versunken, als draußen jemand rief: „Ist die Schwester Lin zu Hause?" Kajaljade faltete hastig Schatzspanges Brief zusammen und antwortete: „Wer ist da?" Schon kamen mehrere Personen herein — Erkundefrühling[3], Xiangfluss-Wolke[4], Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume. Man begrüßte sich, Schneegans schenkte Tee ein, und alle plauderten. Als die Chrysanthemengedichte von vor zwei Jahren zur Sprache kamen, sagte Kajaljade: „Seit Schwester Schatzspange ausgezogen ist, war sie nur zweimal hier; jetzt kommt sie nicht einmal mehr, wenn etwas anliegt — wirklich seltsam! Ob sie wohl jemals wieder zu uns kommt?" Erkundefrühling lächelte: „Natürlich kommt sie — früher oder später. Nur hat jetzt ihre Schwägerin so ein Temperament, und die Tante wird alt, und dann gibt es noch Becken Schnees Angelegenheit — da muss Schatzspange sich natürlich um alles kümmern. Wo soll sie da die Zeit hernehmen wie früher!"

Während sie sprachen, erhob sich plötzlich ein Windstoß, der mit lautem Rauschen eine Menge Blätter gegen die Fensterpapiere warf. Nach einer Weile drang ein feiner Duft herein. Alle rochen es und sagten: „Woher kommt dieser Duftwind? Was für ein Duft ist das?" Kajaljade meinte: „Es scheint Osmanthus zu sein." Erkundefrühling lachte: „Schwester Lin verrät sich als Südländerin! Wir haben Mitte des neunten Monats — wo soll da noch Osmanthus blühen?" Kajaljade lachte: „Eben deshalb habe ich ja auch nicht direkt ‚Osmanthus' gesagt, sondern nur ‚es scheint wie'." Xiangfluss-Wolke sagte: „Dritte Schwester, so leicht darfst du auch nicht reden. Erinnerst du dich an die Verse ‚Zehn Li Lotosblüten, drei Herbste Kassienkinder'? Im Süden ist gerade die Zeit, da der späte Osmanthus blüht. Du hast es nur noch nicht gesehen — wenn du einmal in den Süden kommst, wirst du es schon merken." Erkundefrühling lachte: „Was sollte ich im Süden zu suchen haben? Übrigens wusste ich das längst — ihr braucht es mir nicht zu erklären." Muster Pflaume und Prachtamt Pflaume kicherten nur still.

Kajaljade sagte: „Schwesterchen, da kann man nie wissen. Wie das Sprichwort sagt: ‚Der Mensch ist ein irdischer Unsterblicher' — heute hier, morgen wer weiß wo. Nehmen wir mich als Beispiel: Ich bin eine Südländerin — wie bin ich hierhergekommen?" Xiangfluss-Wolke klatschte in die Hände und lachte: „Heute hat die Schwester Lin die Dritte Schwester in die Enge getrieben! Nicht nur sie kommt aus dem Süden — nehmen wir uns alle: Manche stammen von hier aus dem Norden; manche haben ihre Wurzeln im Süden, sind aber im Norden aufgewachsen; manche sind im Süden aufgewachsen und dann in den Norden gekommen. Dass wir heute alle hier beisammen sitzen, zeigt doch, dass über jedem Menschen ein Schicksal waltet. Zwischen Menschen und Orten gibt es eben Bestimmung." Alle nickten; auch Erkundefrühling musste lachen.

Man plauderte noch eine Weile, dann brach man auf. Kajaljade begleitete sie bis zur Tür. Alle sagten: „Du bist gerade erst ein wenig gesunder — komm nicht hinaus, pass auf den Wind auf."

Kajaljade stand an der Tür und wechselte noch einige herzliche Worte, dann sah sie ihnen nach, wie sie den Hof verließen. Zurück im Zimmer, sah sie, wie die Vögel in die Berge zurückkehrten und die Abendsonne im Westen sank. Durch Xiangfluss-Wolkes Worte über den Süden kam ihr in den Sinn: „Wenn Vater und Mutter noch lebten — die Landschaft des Südens: Frühlingsblumen, Herbstmond, klares Wasser, leuchtende Berge, die Vierundzwanzig Brücken, die Stätten der Sechs Dynastien. Zahlreiche Diener stünden bereit, in allen Dingen könnte man seinen Willen haben, ohne jedes Wort abzuwägen. Blumengeschmückte Wagen, bemalte Boote, rote Aprikosen, blaue Vorhänge — unangefochtene Herrin. Doch heute, als Gast unter fremdem Dach, muss ich bei allem auf der Hut sein, mag es noch so viel Fürsorge geben. Welche Schuld habe ich in einem früheren Leben auf mich geladen, dass ich in diesem Leben so einsam und verlassen bin? Wahrhaftig wie Li Houzhu sagte: ‚In diesem Dasein wasche ich mir Tag und Nacht das Gesicht nur mit Tränen!'" So sann sie vor sich hin und merkte nicht, wie ihr Geist in die Ferne abschweifte.

Purpurkuckuck[5] trat ein und erkannte sofort: Das Gespräch über Süden und Norden hatte Kajaljades wunden Punkt getroffen. Sie fragte: „Die Fräulein haben lange geplaudert — gewiss hat sich das Fräulein wieder angestrengt. Ich habe vorhin Schneegans in die Küche schicken lassen, um dem Fräulein eine Suppe aus geräuchertem Fleisch und Chinakohl zu kochen, mit ein wenig getrockneten Shrimps, grünem Spargel und Seetang — wäre dem Fräulein das recht?" Kajaljade sagte: „Das mag angehen." Purpurkuckuck fügte hinzu: „Außerdem habe ich etwas Klebreis-Brei gekocht." Kajaljade nickte und sagte: „Den Brei müsst ihr beide aber selbst kochen — nicht aus der Küche nehmen." Purpurkuckuck sagte: „Ich fürchte auch, die Küche arbeitet nicht sauber genug; wir kochen ihn selbst. Und die Suppe — da habe ich Schneegans gesagt, sie solle es mit Frau Liu besprechen und auf Sauberkeit achten. Frau Liu hat versprochen, alles sorgfältig herzurichten und in ihrem Zimmer von Wu'er die Suppe bewachen zu lassen." Kajaljade sagte: „Mir geht es nicht darum, dass andere unreinlich wären. Nur war ich so viele Tage krank, und alles, was ich brauche, muss ich von anderen erbitten, und jetzt auch noch Suppe und Brei — damit mache ich mich allen lästig." Dabei röteten sich ihre Augenränder. Purpurkuckuck sagte: „Das Fräulein macht sich zu viele Gedanken. Sie ist die Enkelin der Alten Ahnin, ihr Augapfel — andere wünschen sich, dem Fräulein gefällig zu sein, und können es nicht. Wer sollte sich da beschweren?"

Kajaljade nickte und fragte dann: „Die Wu'er, die du eben erwähnt hast — ist das nicht das Mädchen, das neulich mit Duftblümchen aus dem Zimmer des Zweiten Herrn Bao zusammen war?" Purpurkuckuck bestätigte: „Genau die." Kajaljade fragte: „Sollte sie nicht bei uns eintreten?" Purpurkuckuck sagte: „Doch. Aber dann wurde sie krank; und als sie wieder gesund war, kam gerade die Sache mit Heitermuster[6] und den anderen dazwischen, und so wurde es aufgeschoben." Kajaljade sagte: „Mir scheint, das Mädchen sieht recht ordentlich aus."

Da brachte draußen eine Dienerin die Suppe. Schneegans ging hinaus, um sie entgegenzunehmen. Die Frau sagte: „Frau Liu lässt dem Fräulein ausrichten: Die Suppe hat Wu'er selbst zubereitet, nicht in der großen Küche, weil das Fräulein die vielleicht zu schmutzig findet." Schneegans nahm die Suppe in Empfang. Kajaljade, die im Zimmer alles gehört hatte, sagte: „Bestell der alten Frau, sie solle sich bedanken lassen." Schneegans ging hinaus und richtete es aus; die alte Frau ging.

Schneegans stellte Kajaljades Geschirr und Stäbchen auf den kleinen Tisch und fragte: „Wir haben noch den eingelegten fünferlei Rettich aus dem Süden — mit etwas Sesamöl und Essig, wäre das recht?" Kajaljade sagte: „Geht auch — nur macht kein großes Aufheben." Man trug den Brei auf. Kajaljade aß eine halbe Schale, löffelte zwei Schlucke Suppe und hörte auf. Die beiden Mädchen räumten ab, wischten den Tisch, trugen ihn hinaus und stellten den gewöhnlichen kleinen Tisch hin. Kajaljade spülte den Mund, wusch sich die Hände und fragte: „Purpurkuckuck, hast du schon Weihrauch nachgelegt?" Purpurkuckuck sagte: „Gleich." Kajaljade sagte: „Esst ihr beide die Suppe und den Brei — der Geschmack ist gut, und es ist alles sauber. Ich lege den Weihrauch selbst nach." Die beiden sagten zu und aßen im Vorzimmer.

Kajaljade legte Weihrauch auf und setzte sich. Sie wollte gerade ein Buch nehmen, als sie im Garten den Wind hörte, der von Westen nach Osten durch die Bäume fegte und das Laub zum Rauschen und Rascheln brachte. Bald klirrten auch die eisernen Windglocken unter dem Dachvorsprung unablässig.

Schneegans war zuerst fertig und kam herein. Kajaljade fragte: „Es wird kalt. Neulich habe ich euch gebeten, die kleinen Pelzsachen zu lüften — habt ihr das getan?" Schneegans sagte: „Alles gelüftet." Kajaljade: „Bring mir eins zum Überwerfen." Schneegans holte ein Bündel kleiner Pelzkleidungsstücke, öffnete die Filzhülle und ließ Kajaljade wählen. Dazwischen lag ein Seidenpäckchen. Kajaljade griff danach und öffnete es — es waren die alten Seidentücher, die Schatzjade[7] ihr während seiner Krankheit geschickt hatte, mit ihren eigenen Gedichten darauf; die Tränenflecken waren noch sichtbar. Darin eingewickelt lagen der zerschnittene Duftsäckchen, die Fächertaschen und die Quaste von Schatzjades magischem Jadestein. Beim Lüften der Kleider hatte Purpurkuckuck sie in der Truhe gefunden und aus Angst, sie könnten verloren gehen, in die Filzhülle gesteckt. Kajaljade brauchte nur einen Blick darauf zu werfen — sie vergaß völlig, welches Kleidungsstück sie anziehen wollte, hielt nur die beiden Seidentücher in der Hand und starrte stumm auf die alten Gedichte. Nach einer Weile begannen die Tränen leise zu rinnen.

Purpurkuckuck kam gerade aus dem Vorzimmer herein und sah Schneegans reglos mit dem Filzbündel dastehen. Auf dem kleinen Tisch lagen der zerschnittene Duftsäckchen, zwei oder drei Stücke einer Fächertasche und die abgerissene Quaste. Kajaljade aber hielt zwei alte Seidentücher mit Schriftzügen in der Hand und weinte darüber. Wahrlich:

Wem das Schicksal nicht lacht, der trifft auf leidvolles Geschehen; Neue Tränenspuren mischen sich mit alten.

Purpurkuckuck verstand: Kajaljade war durch die Gegenstände an Vergangenes erinnert worden, und Zureden half nichts. Also lächelte sie: „Fräulein, wozu schaut Ihr Euch solche alten Sachen an? Das stammt alles aus der Zeit, als der Zweite Herr Bao und das Fräulein noch klein waren — bald vertrugen sie sich, bald stritten sie sich, lauter komische Geschichten. Wenn man so respektvoll miteinander umgeht wie jetzt, hätte man solche Dinge doch nicht sinnlos zerstört." Diese Worte waren als Aufmunterung gedacht, doch gerade sie riefen die Erinnerungen an Kajaljades erste Zeit mit Schatzjade noch lebhafter wach, und die Perlentröpfchen flossen nur stärker. Purpurkuckuck redete ihr zu: „Schneegans wartet — zieht doch ein Stück über." Erst dann legte Kajaljade die Tücher hin. Purpurkuckuck hob sie auf, wickelte die Duftsäckchen und übrigen Sachen ein und trug sie fort.

Kajaljade warf sich einen Pelz über die Schultern, ging grübelnd ins Vorzimmer und setzte sich. Auf dem Tisch lag noch Schatzspanges unverwahrter Brief; sie nahm ihn heraus und las ihn noch zweimal. Seufzend sprach sie: „Die Umstände sind verschieden, doch der Schmerz ist derselbe. Ich will ebenfalls vier Strophen dichten, sie in eine Qin-Melodie übertragen, singbar und spielbar — morgen schreibe ich sie ab und schicke sie als Antwort." Sie ließ Schneegans Pinsel und Tusche vom äußeren Tisch holen, tauchte den Pinsel ein und verfasste vier Strophen. Dann schlug sie das Qin-Notenbuch auf, entlehnte die Melodien der „Elegie auf die Orchidee" und der „Sehnsucht nach dem Weisen" und setzte ihre Verse dazu in Töne. Anschließend schrieb sie alles ins Reine, um es Schatzspange zu senden. Dann ließ sie Schneegans aus der Truhe die kurze Zither holen, die sie aus dem Süden mitgebracht hatte, spannte die Saiten auf und übte die Grifftechnik. Kajaljade war von Natur hochbegabt und hatte im Süden einige Zeit geübt; zwar waren die Hände eingerostet, doch kaum griff sie zur Zither, kam alles wieder. Nach einigem Spielen war die Nacht weit fortgeschritten; sie ließ Purpurkuckuck alles aufräumen und ging schlafen.

Was nun Schatzjade betraf: An diesem Morgen stand er auf, machte sich zurecht und ging mit Beiming zur Schule. Da kam Moyu lachend angelaufen und rief: „Zweiter Herr, heute haben Sie Glück: Der Großonkel ist nicht im Schulzimmer — Schule fällt aus!" Schatzjade fragte: „Wirklich?" Moyu sagte: „Wenn der Zweite Herr es nicht glaubt — seht, da kommen der Dritte Herr und der junge Herr Lan!" Schatzjade sah Unheil Kaufmann[8] und Orchidee Kaufmann mit ihren Dienern kommen, beide lachend und schwatzend. Als sie Schatzjade sahen, blieben sie mit gesenkten Händen stehen. Schatzjade fragte: „Warum seid ihr schon zurück?" Unheil Kaufmann sagte: „Heute hat der Großonkel etwas vor und gibt uns einen Tag frei; morgen geht es weiter."

Schatzjade ging zunächst zur Großmutter und zu Aufrecht Kaufmann[9], um es zu melden, und kehrte dann in den Hof der Roten Freude zurück. Dufthauch[10] fragte: „Warum bist du schon wieder da?" Schatzjade erzählte es ihr. Kaum hatte er sich gesetzt, wollte er schon wieder hinaus. Dufthauch sagte: „Wohin denn so eilig? Wenn schon schulfrei, solltest du dich ein wenig erholen." Schatzjade blieb stehen, senkte den Kopf und sagte: „Da hast du recht. Aber man bekommt so selten einen freien Tag — sollte ich mich nicht wenigstens ein bisschen zerstreuen? Hab doch ein wenig Erbarmen." Dufthauch sah sein flehendes Gesicht und lachte: „Dann geh, Herr."

Da wurde gerade das Essen aufgetragen. Schatzjade aß notgedrungen hastig, spülte den Mund und rannte wie der Blitz zu Kajaljades Zimmer. An der Tür sah er Schneegans im Hof Seidentücher trocknen. Schatzjade fragte: „Hat das Fräulein gegessen?" Schneegans sagte: „Heute Morgen hat sie nur eine halbe Schale Brei getrunken und wollte nicht essen; jetzt nickt sie gerade ein. Der Zweite Herr sollte erst anderswohin gehen und später wiederkommen."

Schatzjade musste umkehren. Ohne rechtes Ziel fiel ihm ein, dass er Bedauerfrühling[11] schon seit Tagen nicht gesehen hatte, und schlenderte zur Liaofeng-Veranda. Am Fenster war alles totenstill. Er dachte, sie halte ihren Mittagsschlaf, und wollte nicht stören. Gerade als er sich abwenden wollte, hörte er im Innern ein leises Klacken. Er blieb stehen und lauschte. Nach einer Weile — noch ein Klacken. Er konnte es noch nicht zuordnen, als eine Stimme sagte: „Du hast hier einen Stein gesetzt — willst du dort nicht antworten?" Da wusste er: Sie spielten Go[12]. Nur wessen Stimme war das? Dann hörte er Bedauerfrühling: „Keine Angst! Du schlägst mich dort, ich antworte dort; du schlägst hier, ich antworte hier — ich habe noch einen Zug in Reserve, am Ende verbinde ich alles." Die andere Stimme sagte: „Und wenn ich so schlage?" Bedauerfrühling rief: „Ah! Da ist ja noch ein Gegenschlag versteckt — den habe ich übersehen!"

Schatzjade lauschte: Die Stimme kam ihm sehr bekannt vor, war aber keine seiner Schwestern. Er überlegte, dass Bedauerfrühling keinen Besuch von Fremden bekam, und hob leise den Vorhang. Da saß — niemand anders als Wunderjade[13] aus dem Longsui-Kloster, die „Fremde jenseits aller Schwellen". Schatzjade wagte nicht, sie zu stören. Wunderjade und Bedauerfrühling waren beide in tiefes Nachdenken versunken und bemerkten ihn nicht. Schatzjade stellte sich daneben und beobachtete das Spiel. Wunderjade fragte mit gesenktem Kopf: „Willst du diese Ecke aufgeben?" Bedauerfrühling sagte: „Warum sollte ich? Deine Steine dort sind alle tot — was soll ich fürchten?" Wunderjade sagte: „Sei nicht zu sicher — probier es aus." Bedauerfrühling sagte: „Dann schlag ich zu — mal sehen, was du machst!" Wunderjade aber lächelte leise, setzte am Rand einen Stein, bog mit einem Gegenzug ab und schlug Bedauerfrühlings ganze Ecke heraus. Lachend sagte sie: „Das nennt man die ‚Umgekehrte-Stiefel-Stellung'."

Noch ehe Bedauerfrühling antworten konnte, platzte Schatzjade vor Begeisterung mit einem lauten Lachen heraus, was beide fürchterlich erschreckte. Bedauerfrühling fuhr ihn an: „Was soll das? Kommt herein, ohne ein Wort zu sagen, und erschreckt uns so! Seit wann bist du hier?" Schatzjade sagte: „Ich bin schon vorher hereingekommen und habe zugesehen, wie ihr um diese Ecke gestritten habt." Damit verbeugte er sich vor Wunderjade und fragte lachend: „Die verehrte Meisterin verlässt sonst selten ihre Klause — was führt sie heute unter die Sterblichen?" Wunderjade wurde plötzlich rot im Gesicht, gab keine Antwort und senkte den Blick auf das Spielbrett. Schatzjade merkte, dass er sich daneben benommen hatte, und sagte entschuldigend: „Natürlich ist ein Mensch der Entsagung nicht wie wir weltliche Laien. Erstens: Ihr Herz ist still. Stille schafft Klarheit, Klarheit schafft Weisheit." Kaum hatte er es ausgesprochen, hob Wunderjade langsam den Blick, sah Schatzjade kurz an und senkte den Kopf wieder. Die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich. Schatzjade sah, dass sie ihn nicht beachtete, und setzte sich verlegen an die Seite.

Bedauerfrühling wollte weiterspielen. Wunderjade sagte nach langem Schweigen: „Ein andermal." Sie stand auf, ordnete ihre Kleidung, setzte sich wieder und fragte Schatzjade mit abwesendem Blick: „Woher kommst du?" Schatzjade hätte dieses eine Wort nicht lieber hören können — endlich konnte er seine vorherige Unbeholfenheit erklären. Doch dann dachte er: „Oder ist das eine Zen-Frage?" Er wurde rot und konnte nicht antworten. Wunderjade lächelte leicht. Bedauerfrühling dagegen lachte: „Zweiter Bruder, was ist daran so schwer? Hast du nicht gehört, was die Leute immer sagen: ‚Ich komme von dort, woher ich komme'? Dafür muss man doch nicht rot werden, als hätte man einen Fremden vor sich."

Als Wunderjade diese Worte hörte, dachte sie unwillkürlich an ihre eigene Lage: Ihr Herz regte sich, ihre Wangen brannten — gewiss waren auch sie rot. Es wurde ihr peinlich. Sie stand auf und sagte: „Ich war zu lange hier — ich muss zurück ins Kloster." Bedauerfrühling kannte Wunderjades Wesen und hielt sie nicht zurück, sondern begleitete sie zur Tür. Wunderjade lachte: „Ich war so lange nicht hier — die vielen Windungen und Kurven verwirren mich, ich finde den Rückweg nicht mehr." Schatzjade sagte: „Da muss ich wohl den Weg weisen — einverstanden?" Wunderjade sagte: „Ich danke. Der Zweite Herr gehe voran."

So verabschiedeten sich die beiden von Bedauerfrühling und verließen die Liaofeng-Veranda. Auf verschlungenen Pfaden näherten sie sich dem Xiaoxiang-Pavillon, als plötzlich ein heller Ton erklang — ding-dong. Wunderjade fragte: „Woher kommt dieser Zitherton?" Schatzjade antwortete: „Das muss Schwester Lin sein, die Zither spielt." Wunderjade sagte: „Sie beherrscht das auch? Wie kommt es, dass davon nie die Rede war?" Schatzjade erzählte ihr Kajaljades ganze Geschichte. Dann sagte er: „Lasst uns zu ihr gehen und zuschauen." Wunderjade entgegnete: „Seit alters ‚hört' man eine Zither — man ‚schaut' sie nicht an." Schatzjade lachte: „Ich sagte ja, ich bin ein Laie."

Die beiden setzten sich auf einen Felsen vor dem Xiaoxiang-Pavillon und lauschten still. Die Melodie war klar und durchdringend. Dann hörten sie eine leise Stimme singen:

Der Wind pfeift — tief ist der Herbst, Die Schöne ist tausend Meilen fern — in einsames Sinnen versunken. Wo ist mein Heimatland? Am Geländer stehend — benetzen Tränen den Kragen.

Nach einer Pause wurde weitergesungen:

Berge ziehen in die Ferne — lang ist das Wasser, Helles Mondlicht fällt durch mein Fenster. Schlaflos in langer Nacht — die Milchstraße fern und verschwommen, Mein leichtes Seidenkleid zittert — im Wind und Tau wird mir kalt.

Wieder eine Pause. Wunderjade sagte: „Eben war die ‚Qin'-Reimgruppe, die erste Strophe. Jetzt die ‚Yang'-Reimgruppe, die zweite. Hören wir weiter." Von drinnen erklang:

Dein Schicksal, Schwester, ist nicht frei gewählt, Mein Los ist voller Gram. Du und ich — unsere Herzen schlagen im gleichen Takt; Gedenken wir der Weisen des Altertums — auf dass wir ohne Vorwurf seien.

Wunderjade sagte: „Noch eine Strophe. Was für tiefer Kummer und Sehnsucht!" Schatzjade sagte: „Ich verstehe nichts davon, aber allein der Klang ist mir schon zu traurig." Drinnen stimmte man eine Weile die Saiten. Wunderjade bemerkte: „Die Jun-Saite ist zu hoch gestimmt — sie passt wohl nicht zum Wushe-Modus." Dann erklang von drinnen:

In dieser Welt sind wir wie leichter Staub, Zwischen Himmel und Erde — ich fühle die Bande früherer Leben. Bande, die sich nicht lösen lassen – Mein reines Herz — gleicht es dem Mond am Himmel?

Wunderjade hörte es und wurde bleich vor Bestürzung: „Wie kommt sie plötzlich in den Bianzhi-Modus? Der Klang könnte Gold und Stein zerreißen! Nur — es ist zu viel." Schatzjade fragte: „Was heißt ‚zu viel'?" Wunderjade antwortete: „Ich fürchte, es kann nicht von Dauer sein." In diesem Augenblick riss die Jun-Saite mit einem lauten Bong. Wunderjade sprang auf und ging sofort davon. Schatzjade rief: „Was ist?" Wunderjade erwiderte: „In Zukunft wirst du es verstehen. Frag nicht weiter." Damit war sie verschwunden. Schatzjade stand da, den Kopf voller Rätsel, und kehrte niedergeschlagen in den Hof der Roten Freude zurück.

Was Wunderjade betraf: Als sie das Kloster erreichte, empfing sie eine Klosterfrau an der Tür. Man schloss das Tor. Sie saß eine Weile, rezitierte die täglichen Sutras, aß zu Abend, entzündete Weihrauch und betete zu den Bodhisattvas. Dann schickte sie die Klosterfrauen schlafen. Auf ihrem Meditationsbett war alles für die Sitzung bereitgestellt. Sie hielt den Atem an, senkte den Blick, nahm die Lotossitzposition ein und suchte die Gedanken abzuschneiden und sich dem Wahren Sosein zuzuwenden.

Nach der dritten Nachtwache hörte sie auf dem Dach ein polterndes Geräusch. In der Angst vor Einbrechern stieg sie vom Meditationsbett, ging auf die vordere Veranda hinaus — und sah nur Wolkenschatten am Himmel und Mondlicht wie Wasser. Das Wetter war noch nicht kalt; allein stand sie eine Weile am Geländer. Da hörte sie auf dem Dach zwei Katzen, die abwechselnd schrien. Plötzlich fielen ihr Schatzjades Worte vom Tage ein, und das Herz schlug ihr schneller, die Ohren brannten. Hastig versuchte sie, ihren Geist zu sammeln, ging zurück ins Meditationszimmer und setzte sich wieder aufs Bett. Doch der Geist wollte nicht zur Ruhe kommen; es war, als galoppierten zehntausend Pferde. Das Meditationsbett begann zu schwanken; ihr war, als sei sie nicht mehr im Kloster. Prinzen und vornehme Herren kamen, um sie zu freien; Kupplerinnen zerrten und schoben sie in einen Wagen; sie wollte nicht gehen. Dann überfielen sie Räuber mit Messern und Knüppeln und bedrängten sie; sie konnte nur weinen und um Hilfe schreien.

Das weckte die Nonnen und Klosterfrauen. Alle kamen mit Lichtern herbeigelaufen und sahen: Wunderjade lag mit ausgebreiteten Armen, Schaum vor dem Mund. Als man sie weckte, starrten ihre Augen gerade nach oben, beide Wangenknochen leuchteten rot, und sie schrie: „Ich stehe unter dem Schutz der Bodhisattvas — was bildet ihr Räuber euch ein?" Alle waren entsetzt und riefen: „Wir sind es! Wach auf!" Wunderjade sagte: „Ich will nach Hause — gibt es hier einen guten Menschen, der mich zurückbringt?" Die Klosterfrau sagte: „Dies ist dein Zuhause." Gleichzeitig betete eine andere Nonne vor der Guanyin[14]-Statue; man zog ein Orakelstäbchen und schlug die Deutung nach: Eine weibliche Yin-Kraft im Südwesten habe sie befallen. Eine sagte: „Stimmt — in der südwestlichen Ecke des Gartens der Großen Anschauung wohnt niemand, dort gibt es durchaus Yin-Energie." Man kochte Tees und Heiltränke in heller Aufregung.

Die eine Nonne, die Wunderjade aus dem Süden mitgebracht hatte, pflegte sie hingebungsvoller als alle anderen und saß bei ihr auf dem Meditationsbett. Wunderjade drehte sich um: „Wer bist du?" Die Nonne sagte: „Ich bin es." Wunderjade sah genauer hin: „Ach, du bist es." Sie umarmte die Nonne und begann laut zu weinen: „Du bist doch meine Mama! Wenn du mich nicht rettest, sterbe ich!" Die Nonne weckte sie sanft und rieb ihr den Körper. Eine Klosterfrau brachte Tee. Erst bei Tagesanbruch schlief Wunderjade endlich ein.

Die Nonne schickte nach einem Arzt. Einer sagte, es sei Milzschwäche durch Grübeln; ein anderer meinte, Fieber habe die Gebärmutter angegriffen; ein dritter sprach von einem bösen Geist; ein vierter diagnostizierte Erkältung von innen und außen — man kam zu keiner Einigung. Schließlich wurde ein Arzt geholt, der fragte: „Hat sie regelmäßig meditiert?" Die Klosterfrau bejahte. Der Arzt fragte: „Kam die Krankheit plötzlich, letzte Nacht?" Die Frau bejahte. Der Arzt sagte: „Das kommt vom Fehlgehen des inneren Feuers während der Meditation." Man fragte, ob Gefahr bestehe. Der Arzt sagte: „Zum Glück meditiert sie noch nicht lange — die Besessenheit ist noch nicht tief eingedrungen; sie kann gerettet werden." Er verschrieb eine Arznei zur Beruhigung des Herzfeuers; nach einer Dosis besserte sich der Zustand etwas.

Draußen dichteten müßige Taugenichtse allerlei Gerüchte: „In ihrem Alter — wie soll sie sich da zurückhalten? Zumal sie von so elegantem Aussehen und feinem Verstand ist. Wer weiß, in wessen Hände sie am Ende fällt — wer das Glück haben wird!"

Nach einigen Tagen ging es Wunderjade zwar etwas besser, doch der Geist war noch nicht wiederhergestellt, und ein gewisser Schleier der Verwirrung blieb.

Eines Tages saß Bedauerfrühling still in ihrem Zimmer, als Caiping hereinkam und fragte: „Weiß das Fräulein von der Sache mit der Meisterin Wunderjade?" Bedauerfrühling fragte: „Was ist mit ihr?" Caiping sagte: „Gestern habe ich gehört, wie das Fräulein Xing mit der Ersten Schwägerin darüber sprach: Seit dem Tag, als Wunderjade hier Go gespielt hat und abends zurückging, wurde sie nachts von einem bösen Geist befallen und schrie, Räuber kämen, um sie zu entführen. Bis heute ist sie nicht wieder gesund. Fräulein, ist das nicht seltsam?"

Bedauerfrühling hörte es und versank in Schweigen. Sie dachte: „Wunderjade ist zwar rein, doch ihre irdischen Bindungen sind noch nicht gelöst. Schade, dass ich in so eine Familie hineingeboren wurde und nicht einfach ins Kloster eintreten kann. Wenn ich Nonne würde — welche Dämonen könnten mich dann behelligen? Wenn kein einziger Gedanke entsteht, ruhen zehntausend Bande in Stille." Bei diesem Gedanken durchzuckte sie eine Erleuchtung, als hätte sie etwas begriffen. Spontan dichtete sie einen Gatha[15]:

Die große Schöpfung kennt kein Maß – Wie sollte man irgendwo verweilen? Aus der Leere gekommen, Soll man in die Leere zurückkehren.

Dann ließ sie das Mädchen Weihrauch entzünden, saß still eine Weile und schlug die Go-Sammlung auf. Sie las einige Partien von Kong Rong, König Jixin und anderen. Die Formationen „Dichte Blätter umschließen die Krabbe" und „Der Habicht greift den Hasen" waren nichts Besonderes; die „Sechsunddreißig Eck-Tötungszüge" waren auf Anhieb schwer zu begreifen und zu merken; erst die „Zehn Drachen jagen das Pferd" fand sie wirklich faszinierend. Gerade war sie ins Grübeln vertieft, als jemand draußen den Hof betrat und nach Caiping rief.

Wer es war, möge der geneigte Leser im folgenden Kapitel erfahren.

  1. Kajaljade: Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajal-Jade".
  2. Schatzspange: Chin. 薛宝钗 Xuē Bǎochāi, wörtl. „Schatz-Haarspange" des Xue-Hauses.
  3. Erkundefrühling: Chin. 探春 Tànchūn, wörtl. „Suchender Frühling".
  4. Xiangfluss-Wolke: Chin. 湘云 Xiāngyún, wörtl. „Wolke des Xiang-Flusses".
  5. Purpurkuckuck: Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpur-Kuckuck".
  6. Heitermuster: Chin. 晴雯 Qíngwén, wörtl. „Heiteres Wolkenmuster".
  7. Schatzjade: Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎoyù, wörtl. „Kostbarer Jade" des Kaufmann-Hauses.
  8. Unheil Kaufmann: Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil/Plage".
  9. Aufrecht Kaufmann: Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „aufrecht/Regierung".
  10. Dufthauch: Chin. 袭人 Xírén, wörtl. „Angreifender Duft".
  11. Bedauerfrühling: Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bewahrter Frühling".
  12. Go (围棋, Wéiqí): Strategisches Brettspiel, in China seit über 2.500 Jahren gespielt, eines der „vier Künste" des Gelehrten.
  13. Wunderjade: Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wundersamer Jade".
  14. Guanyin (观音): Bodhisattva des Mitgefühls, eine der wichtigsten Figuren des chinesischen Buddhismus.
  15. Gatha (偈, Jì): Kurzes buddhistisches Lehrgedicht in Versform, das eine Einsicht oder Erleuchtung ausdrückt.

Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本).