Hongloumeng/de/Chapter 13

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Kapitel 13

In dem Anmutig Minne im Tode den Ehrentitel eines Drachengardeoffiziers erhält und Phönixglanz[1] die Verwaltung des Hauses Ning übernimmt

Wie erzählt wird, hatte Phönixglanz, nachdem Kette Kaufmann[2] abgereist war, um Kajaljade[3] nach Yangzhou zu begleiten, in der Tat wenig Zerstreuung. Jeden Abend plauderte und scherzte sie nur ein wenig mit Friedchen[4], und dann legte sie sich, so gut es eben ging, schlafen.

An einem Abend saß sie mit Friedchen beim Lampenschein am Holzkohlebecken und stickte, müde geworden. Schon früh hatte sie befohlen, die gestickten Bettdecken kräftig mit Räucherwerk zu durchduften. Die beiden legten sich nieder. Phönixglanz rechnete an den Fingern ab, wo die Reisenden auf ihrem Weg wohl schon angelangt sein mochten, und ehe sie sich versah, war die dritte Nachtwache angebrochen. Friedchen schlief bereits fest. Phönixglanz erst bemerkte, wie sich ihre Sternenaugen ein wenig trübten, als sie verschwommen sah, wie die Minne[5] von draußen hereinkam und lächelnd zu ihr sprach:

„Liebe Tante, was schlaft Ihr tief! Ich kehre heute heim, und Ihr wollt mich nicht einmal ein Stück des Weges begleiten! Weil wir uns als Frauen stets so gut verstanden haben, konnte ich mich nicht von Euch trennen und bin noch einmal gekommen, um mich zu verabschieden. Außerdem liegt mir noch ein Herzensanliegen auf der Seele, das ich Euch anvertrauen muss, denn andere würden dem schwerlich gerecht werden."

Als Phönixglanz dies hörte, fragte sie wie im Traum: „Was für ein Anliegen ist es? Vertrau es mir nur an!"

Anmutig Minne sprach: „Tante, Ihr seid wahrlich eine Heldin unter den Frauen [Anm.: 脂粉隊里的英雄, wörtlich ‚Heldin unter den Geschminkten'], und selbst Männer mit Amtsgürtel und Beamtenkappe können Euch nicht übertreffen. Wie kommt es da, dass Ihr nicht einmal ein paar geläufige Sprichwörter kennt? Man sagt doch: ‚Ist der Mond voll, nimmt er wieder ab; ist das Gefäß voll, läuft es über.' Und weiter heißt es: ‚Wer hoch steigt, fällt tief.' Unsere Familie lebt nun schon fast hundert Jahre in Glanz und Pracht. Sollte eines Tages auf dem Gipfel der Freude das Leid hervorbrechen und sich das Sprichwort bewahrheiten: ‚Fällt der Baum, laufen die Affen davon' — hätten wir dann nicht vergeblich eine ganze Generation lang den Ruf einer angesehenen Literaten- und Beamtenfamilie genossen?"

Als Phönixglanz dies vernahm, weitete sich ihr Herz, und voller Ehrfurcht fragte sie rasch: „Diese Überlegung ist äußerst treffend! Aber gibt es denn ein Mittel, die Familie auf ewig in Sicherheit zu bewahren?"

Anmutig Minne lächelte kühl und sprach: „Wie töricht Ihr doch seid, Tante! Auf äußerstes Unglück folgt Glück, Ruhm und Schmach lösen einander seit alters her in einem ewigen Kreislauf ab — wie könnte menschliche Kraft dies für immer aufhalten? Doch wenn man jetzt, in der Zeit der Blüte, Vorsorge für die Zeit des künftigen Verfalls trifft, so könnte man dies durchaus ein ‚Ewiges Bewahren' nennen. Derzeit steht alles zum Besten, nur zwei Dinge sind noch nicht geordnet. Wenn man diese beiden Angelegenheiten so und so in Ordnung brächte, wäre die Zukunft für immer gesichert."

Phönixglanz fragte sogleich, was es denn sei.

Anmutig Minne sprach: „Erstens werden an den Ahnengräbern zwar zu allen vier Jahreszeiten Opfer dargebracht, doch gibt es kein festes Einkommen, das hierfür bestimmt ist. Zweitens gibt es zwar eine Familienschule, aber keinen gesicherten Unterhalt für sie. Nach meiner Überlegung mangelt es in der gegenwärtigen Zeit des Wohlstands gewiss nicht an Mitteln für Ahnenopfer und Schulbetrieb — doch wenn dereinst der Verfall eintritt, woher sollen diese beiden Posten dann bestritten werden?

Am besten wäre es, meinem Vorschlag zu folgen: Man sollte den heutigen Reichtum nutzen und in der Nähe der Ahnengräber reichlich Felder, Güter und Häuser erwerben, damit sämtliche Aufwendungen für die Ahnenopfer und den Schulbetrieb allein aus diesen Einkünften bestritten werden können. Auch die Familienschule sollte dort eingerichtet werden. Die gesamte Sippe, alt und jung, sollte gemeinsam verbindliche Regeln aufstellen, wonach jeder Haushalt der Reihe nach für jeweils ein Jahr die Verwaltung der Felder und Einkünfte, der Ahnenopfer und des Schulbetriebs übernimmt. Wenn die Verantwortung so im Turnus wechselt, kann es weder Vormachtstreben noch solche Missstände wie Verpfändung oder Veräußerung geben. Und sollte sich die Familie je etwas zuschulden kommen lassen, so kann zwar aller sonstige Besitz beschlagnahmt werden — nicht jedoch das Vermögen, das den Ahnenopfern dient, denn selbst die Behörden dürfen es nicht einziehen. So hätten die Söhne und Enkel, auch wenn es mit der Familie bergab ginge, auf dem Lande eine Zuflucht, wo sie studieren und die Felder bestellen könnten, und die Ahnenopfer wären auf ewig gesichert.

Wer nur die gegenwärtige Pracht vor Augen hat und meint, sie werde nie enden, und deshalb nicht an die Zukunft denkt — für den gibt es keine dauerhafte Sicherheit. Wie es aussieht, steht in naher Zukunft ein außerordentlich glückliches Ereignis bevor; es wird wahrlich zugehen wie ‚Fett, das auf loderndem Feuer gekocht wird, und frische Blumen, die auf Brokat gestreut werden' [Anm.: 烈火烹油、鮮花著錦 — Bild für überschwängliche, aber vergängliche Pracht]. Doch Ihr müsst wissen: All dies ist nur ein flüchtiger Glanz und eine kurze Lust. Auf keinen Fall dürft Ihr das Sprichwort vergessen: ‚Auch das prächtigste Fest geht einmal zu Ende!' [Anm.: 盛筵必散] Wer sich jetzt nicht rechtzeitig Gedanken um die Zukunft macht, dessen Reue wird vergeblich sein, wenn es erst so weit ist."

Phönixglanz fragte rasch: „Was für ein glückliches Ereignis wird das sein?"

Anmutig Minne sprach: „Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht preisgegeben werden [Anm.: 天機不可泄漏]. Nur weil wir einander stets zugetan waren, will ich Euch zum Abschied noch zwei Zeilen mit auf den Weg geben, die Ihr Euch gut merken müsst." Und sie rezitierte:

 Wenn der dreifache Frühling vorüber, sind alle Blüten dahin —
 dann suche nur jeder für sich allein seinen Weg.
 [三春去後諸芳盡,各自須尋各自門。]

Phönixglanz wollte noch weiter fragen, als sie vom zweiten Tor her vier rasch aufeinanderfolgende Schläge auf die bronzene Meldeplatte hörte, die sie aus dem Schlaf rissen. Es wurde gemeldet: „Die junge gnädige Frau Rong im östlichen Anwesen ist verschieden!"

Phönixglanz erschrak so heftig, dass ihr am ganzen Leib der kalte Schweiß ausbrach. Eine Weile saß sie völlig benommen da, dann aber zog sie sich eilig an und begab sich zu Dame König[6].

Inzwischen hatte die ganze Familie die Nachricht vernommen, und jedermann war bestürzt und ein wenig ungläubig. Die Älteren gedachten ihrer stets so kindlichen Ehrerbietung; die Gleichaltrigen erinnerten sich an ihr herzliches und freundschaftliches Wesen; die Jüngeren dachten an ihre Güte und Milde. Und das gesamte Gesinde, Alte wie Junge, gedachte ihrer barmherzigen Fürsorge für die Armen und Geringen, ihrer Freundlichkeit zu Greisen und Kindern. Da war niemand, der nicht laut klagend und bitterlich weinend getrauert hätte.

Doch lassen wir die vielen Nebenumstände beiseite. Wie erzählt wird, war Schatzjade[7] seit Kajaljades Abreise einsam und betrübt zurückgeblieben. Er spielte und scherzte mit niemandem mehr und legte sich jeden Abend niedergeschlagen schlafen. Als er nun im Traum hörte, die Minne sei gestorben, drehte er sich hastig um und setzte sich auf. Es war ihm, als würde ein Messer in sein Herz gestoßen. Mit einem gurgelnden Laut spie er einen Schwall Blut hervor.

Dufthauch[8] und die anderen Mägde stürzten bestürzt herbei, stützten ihn und fragten, was geschehen sei. Sie wollten sogleich der Herzoginmutter[9] Bericht erstatten und einen Arzt rufen lassen. Doch Schatzjade sagte lächelnd: „Macht euch keine Sorgen, es ist nichts Ernstes. Das Feuer der Aufregung ist mir aufs Herz geschlagen, und das Blut hat seine Bahn verlassen." Damit stand er auf, verlangte frische Kleider und zog sich um, um sich bei der Herzoginmutter zu zeigen und sie um Erlaubnis zu bitten, sogleich ins Stillfriede-Anwesen hinüberzugehen.

Dufthauch war zwar keineswegs beruhigt, wagte es aber nicht, ihn zurückzuhalten, und ließ ihn gewähren. Als die Herzoginmutter seinen Wunsch vernahm, sagte sie: „An dem Ort, wo soeben ein Mensch seinen letzten Atem ausgehaucht hat, ist es nicht rein. Außerdem ist es Nacht, und der Wind bläst stark. Wenn du morgen früh gehst, ist es auch nicht zu spät." Doch wie hätte Schatzjade sich fügen können! Also befahl die Herzoginmutter, einen Wagen anzuspannen, und gab ihm ein reichliches Gefolge mit, das auf ihn achtgeben sollte.

Sie fuhren geradewegs zum Stillfriede-Anwesen. Schon von weitem standen die Tore sperrangelweit offen, und die Laternen auf beiden Seiten erleuchteten alles taghell. Aufgeregt liefen Menschen hin und her, und das Wehklagen, das aus dem Inneren drang, war so gewaltig, als könnte es Berge erschüttern und die Erde erbeben lassen. Schatzjade stieg aus dem Wagen und eilte zum Aufbahrungszimmer, wo er eine ganze Weile bitterlich weinte.

Dann ging er zu Dame Sonders[10], die jedoch gerade unter einem Anfall ihrer alten Magenkrankheit litt und das Bett hütete. Sodann trat er zu Herrlichkeit Kaufmann[11] hinaus.

Dort waren inzwischen auch Gelehrter Kaufmann [贾代儒], Kaufmann Anweisung [贾敕], Kaufmann Wirkung [贾效], Kaufmann Aufrichtigkeit [贾敦], Begnadigung Kaufmann[12], Aufrecht Kaufmann[13], Kaufmann Ehrfürchtig [贾琮], Kaufmann Bian [贾㻞], Heng Kaufmann [贾珩], Kaufmann Guang [贾珖], Chen Kaufmann [贾琛], Qiong Kaufmann [贾瓊], Lin Kaufmann [贾璘], Rosenbeet Kaufmann[14], Kaufmann Kalmus [贾菖], Lin Kaufmanng [贾菱], Yun Kaufmann [贾芸], Qin Kaufmann [贾芹], Zhen Kaufmann [贾蓁], Ping Kaufmann [贾萍], Kaufmann Algen [贾藻], Heng Kaufmann [贾蘅], Kaufmann Fen [贾芬], Fan Kaufmanng [贾芳], Orchidee Kaufmann [贾兰], Jun Kaufmann [贾菌] und Zhi Kaufmann [贾芝] eingetroffen.

Herrlichkeit Kaufmann weinte so, als bestünde sein Leib ganz aus Tränen, und sagte gerade zu Gelehrter Kaufmann und den anderen: „In der ganzen Familie, Groß und Klein, unter nahen und fernen Verwandten und Freunden — wer wüsste nicht, dass meine Schwiegertochter zehnmal tüchtiger war als mein Sohn! Nun hat sie die Beine ausgestreckt und ist von uns gegangen — es ist offensichtlich, dass die ältere Linie unserer Familie zum Aussterben verdammt ist, ohne einen Menschen, der etwas taugt!" Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.

Die Anwesenden redeten ihm zu: „Da sie nun einmal aus der Welt geschieden ist, nützen Tränen nichts mehr. Lasst uns lieber beraten, wie die Bestattung zu handhaben ist!"

Herrlichkeit Kaufmann schlug klagend die Hände zusammen und rief: „Wie sie zu handhaben ist? Ich werde alles hergeben, was ich besitze, nichts weiter!"

In diesem Augenblick trafen auch Qin Ye [秦业] und Liebglocke Minne sowie mehrere Verwandte von Dame Sonders ein, darunter deren Schwestern. Herrlichkeit Kaufmann befahl Qiong Kaufmann, Chen Kaufmann, Lin Kaufmann und Rosenbeet Kaufmann, sich um die Gäste zu kümmern, und ordnete zugleich an, man solle zum Sterndeuteramt des Kaiserlichen Astronomieamtes [Anm.: 欽天監陰陽司, das für die Auswahl günstiger Tage zuständige kaiserliche Amt] schicken, um einen Glückstag bestimmen zu lassen. Es wurde festgelegt, dass die Aufbahrung sieben mal sieben, also neunundvierzig Tage dauern solle. Am dritten Tag nach dem Tod sollte die Trauer offiziell eröffnet und die Todesnachricht versandt werden.

Während dieser neunundvierzig Tage sollten einhundertundacht buddhistische Mönche der Chan-Schule [Anm.: 禪僧, Zen-Buddhisten] in der großen Empfangshalle das Sutra der Großen Barmherzigkeit [大悲懺] verlesen, um die Seelen aller vor und nach ihr Verstorbenen zur Erlösung zu geleiten und die Sünden der Verstorbenen zu tilgen. Ferner sollte auf dem Turm des Himmelsduftes [天香樓] ein weiterer Altar errichtet werden, wo neunundneunzig taoistische Priester der Quanzhen-Schule [Anm.: 全真道士, Priester der Schule der Vollkommenen Wahrheit] in neunundvierzig Tagen ein Entsühnungsritual abhalten sollten. Die Aufbahrung sollte im Garten der Gesammelten Düfte [會芳園] stattfinden, und vor dem Sarg sollten zusätzlich je fünfzig hohe buddhistische und taoistische Priester an Altären abwechselnd alle sieben Tage die heiligen Zeremonien vollziehen.

Als Ehrfurcht Kaufmann — der sich in ein taoistisches Kloster zurückgezogen hatte — erfuhr, dass die Frau seines ältesten Enkels gestorben war, sah er keinen Grund, deswegen nach Hause zurückzukehren. Er war überzeugt, dass er bald zu den Unsterblichen aufsteigen werde, und wollte nicht durch erneuten Kontakt mit dem „roten Staub" [紅塵] der irdischen Welt alle seine erworbenen Verdienste zunichtemachen. Darum kümmerte er sich nicht im Geringsten darum und überließ alles Herrlichkeit Kaufmann.

Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass sein Vater sich nicht einmischte, wurde er erst recht maßlos verschwenderisch. Bei der Auswahl des Sargholzes waren ihm mehrere Partien aus Zedernholz nicht gut genug. Da kam zufällig Becken Schnee[15] zum Kondolenzbesuch. Als er hörte, dass Herrlichkeit Kaufmann nach gutem Holz suchte, sagte er: „In unserer Holzhandlung gibt es eine Partie Bretter, die aus einem Holz gemacht sind, das man ‚Qiang-Holz' [檣木] nennt. Es stammt vom Eisennetzmassiv am Huang-Meer [潢海鐵網山]. Ein Sarg daraus verrottet auch in zehntausend Jahren nicht. Dieses Holz hat noch mein verstorbener Vater mitgebracht. Ursprünglich war es für den alten Prinzen Yizhong [義忠親王老千歲] bestimmt gewesen, doch weil dieser dann in Ungnade fiel, konnte er es nicht mehr abholen lassen. Es liegt bei uns noch immer unter Verschluss im Lager, und niemand wagt es, den verlangten Preis dafür zu zahlen. Wenn Ihr es haben wollt, lasse ich es einfach herschaffen."

Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Er schickte sogleich Leute, um das Holz herbeizuschaffen. Als alle es betrachteten, sahen sie, dass die Seiten- und Bodenbretter je acht Cun [Anm.: 寸, etwa 26 cm] dick waren. Die Maserung glich der einer Betelnusspalme, der Duft erinnerte an Sandelholz und Moschus, und wenn man dagegenklopfte, klang es wie Gold und Jade. Alle staunten und spendeten reichlich Lob.

Herrlichkeit Kaufmann fragte lächelnd: „Was kostet es?"

Becken Schnee erwiderte ebenfalls lächelnd: „Selbst für tausend Liang Silber wüsste man nicht, wo man solches Holz kaufen könnte. Wozu also über den Preis reden? Gebt den Arbeitern ein paar Liang Trinkgeld, dann ist es gut!"

Herrlichkeit Kaufmann dankte überschwänglich und befahl sogleich, das Holz zuzusägen, zu leimen und zu lackieren. Aufrecht Kaufmann gab indes zu bedenken: „Ich fürchte, ein solches Holz ist nichts, was gewöhnliche Menschen verdienen. Wenn man sie in einem Sarg aus bestem Zedernholz bestattet, ist das auch genug." Doch in diesem Augenblick hätte Herrlichkeit Kaufmann am liebsten selbst an die Minnes Stelle den Tod erlitten — wie hätte er auf solche Worte hören können!

Da wurde auch noch bekannt, dass eine von die Minnes Zofen namens Ruizhu [瑞珠] sich beim Anblick des Todes ihrer Herrin das Leben genommen hatte, indem sie sich an einer Säule den Kopf einrannte. Dies war ein in der Tat außergewöhnlicher Vorfall, und die ganze Sippe zollte ihr Bewunderung. Herrlichkeit Kaufmann ließ Ruizhu nach dem Ritus für eine Enkeltochter einsargen und ihren Sarg ebenfalls im Garten der Gesammelten Düfte in der Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen [登仙閣] aufstellen.

Eine andere kleine Zofe namens Baozhu [寶珠] erklärte sich, da die Minne keine eigenen Kinder hinterlassen hatte, aus freien Stücken bereit, als Adoptivtochter zu dienen, und schwor, die Pflicht zu übernehmen, den Tontopf zu zerschmettern und dem Sarg voranzugehen [Anm.: 摔喪駕靈, Trauerritus, bei dem die Trauernde einen Tontopf am Tor zerschmettert und dem Leichenzug voranschreitet]. Herrlichkeit Kaufmann war darüber überaus erfreut und gab sogleich den Befehl, Baozhu von nun an als ‚Fräulein' anzureden. Wie es die Trauerriten von einer unverheirateten Tochter verlangen, klagte und weinte Baozhu vor dem Sarg, als wolle ihr das Herz brechen.

Sämtliche Sippenangehörigen und das gesamte Gesinde verhielten sich nach der überlieferten Ordnung, und niemand wagte es, diese eigenmächtig zu verletzen.

Herrlichkeit Kaufmann war bei dem Gedanken unbehaglich, dass Hibiskus Kaufmann[16] lediglich den Titel eines Studenten der Reichsuniversität [黌門監] führte, was sich auf der Trauerfahne und dem Altaranschlag recht unscheinbar ausnehmen würde und ihm nur wenige Ranginsignien zugestand. Da traf es sich jedoch glücklich, dass am vierten Tag der ersten Sieben-Tage-Periode zunächst Opfergeschenke des Dai Quan [戴權] eintrafen — des Obersten Hofkämmerers des Palastes der Großen Klarheit [大明宮掌宮內相] —, und dass dieser kurz darauf selbst in einer großen Sänfte, unter Ehrenschirmen und Gongschall, persönlich erschien, um das Opfer darzubringen.

Herrlichkeit Kaufmann beeilte sich, ihn zu begrüßen, und geleitete ihn in das Gemach des Bienenlockens [逗蜂軒], wo er ihm Tee vorsetzte. In seinem Herzen hatte Herrlichkeit Kaufmann seinen Plan bereits gefasst, und so erwähnte er bei Gelegenheit, er wünsche, für Hibiskus Kaufmann einen Rang zu erwerben.

Dai Quan verstand sogleich und fragte lächelnd: „Wohl damit die Trauerfeierlichkeiten etwas prächtiger ausfallen?"

Herrlichkeit Kaufmann erwiderte eilig und ebenfalls lächelnd: „Der Herr Hofkämmerer sieht es ganz richtig!"

Dai Quan sprach: „Da trifft es sich gut. Gerade ist ein schöner Posten frei. Von den dreihundert Stellen der kaiserlichen Drachengarde [龍禁尉] sind zurzeit zwei unbesetzt. Gestern kam der dritte Bruder des Marquis von Xiangyang und bat mich um eine davon. Er hat eintausendfünfhundert Liang Silber zu mir nach Hause gebracht. Ihr wisst ja, wir sind alte Bekannte — und so habe ich, wie auch immer, seinem Großvater zuliebe ohne Bedenken zugestimmt. Die zweite offene Stelle wollte der Militärgouverneur von Yongxing, der dicke Feng, für seinen Sohn haben, aber ich hatte noch keine Zeit, ihm zu antworten. Wenn Ihr diese Stelle für Euren Sohn haben wollt, schreibt mir schnell seine Ahnenliste auf!"

Als Herrlichkeit Kaufmann dies hörte, befahl er sogleich: „Man schicke eiligst ins Schreibzimmer und lasse in würdiger Form die Ahnenliste des jungen Herrn niederschreiben!" Ein Diener eilte ohne Verzug davon und kam eine kurze Weile später mit einem roten Blatt Papier zurück, das er Herrlichkeit Kaufmann überreichte. Dieser sah es durch und reichte es dann Dai Quan. Darauf stand geschrieben:

‚Hibiskus Kaufmann, zwanzig Jahre alt, Student der Reichsuniversität, aus dem Kreise Jiangning, Präfektur Jiangning in der Provinz Jiangnan. Urgroßvater: Kaufmann Daihua [贾代化], ehemals Kommandant der hauptstädtischen Garnison, erblicher General erster Klasse mit dem Ehrentitel Shenwei [神威]. Großvater: Ehrfurcht Kaufmann, Jinshi [進士] des Jahrgangs Yimao. Vater: Herrlichkeit Kaufmann, erblicher General dritter Klasse mit dem Ehrentitel Weilie [威烈].'

Dai Quan las es durch, reichte es mit einer Handbewegung einem Diener seines Vertrauens und sagte: „Wenn wir zu Hause sind, bringe dies zum alten Zhao vom Finanzministerium. Richte ihm aus, ich ließe grüßen, er möchte eine Ernennungsurkunde für einen Drachengardeoffizier des fünften Ranges ausstellen und dazu ein Amtssiegel ausfertigen. Die Angaben soll er aus dieser Ahnenliste übernehmen. Morgen komme ich selbst, um das Silber zu bringen." Der Diener bestätigte den Auftrag.

Dai Quan nahm daraufhin Abschied. Herrlichkeit Kaufmann versuchte mit allen Mitteln, ihn noch zum Bleiben zu bewegen, doch vergeblich. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als ihn bis zum Außentor hinauszubegleiten. Als Dai Quan eben in seine Sänfte steigen wollte, fragte Herrlichkeit Kaufmann noch: „Soll ich das Silber selbst im Ministerium abliefern, oder soll ich es zusammen mit dem Rest in Euer Anwesen bringen lassen?"

Dai Quan erwiderte: „Wenn Ihr es im Ministerium abliefert, macht Ihr dabei einen Verlust. Es ist besser, Ihr wiegt genau eintausendzweihundert Liang ab und schickt sie zu mir — damit ist die Sache erledigt."

Herrlichkeit Kaufmann dankte unablässig und sagte nur: „Sobald die Trauerzeit vorüber ist, werde ich persönlich meinen unwürdigen Sohn in Euer Anwesen führen, damit er zum Dank seinen Kotau vor Euch vollzieht." Damit verabschiedeten sie sich.

Schon hörte man erneut Rufe, die Straße frei zu machen. Es war die Gemahlin des Fürsten Zhongjing, Shi Ding [忠靖侯史鼎], die vorfuhr. Kaum hatten Dame König, Frau Strafe[17] und Phönixglanz sie begrüßt und in den Hauptraum geleitet, als auch schon die Opfergeschenke des Marquis von Jinxiang [錦鄉侯], des Marquis von Chuanning [川寧侯] und des Grafen von Shoushan [壽山伯] vor dem Sarg aufgestellt wurden. Kurze Zeit später entstiegen die drei Herren ihren Sänften, und Aufrecht Kaufmann und die anderen eilten ihnen in der Empfangshalle entgegen.

So herrschte ein unablässiges Kommen und Gehen von Verwandten und Bekannten, die unmöglich alle aufgezählt werden können. Die ganzen neunundvierzig Tage lang wogte auf der Straße vor dem Stillfriede-Anwesen ein Strom weißgekleideter Trauernder und buntgewandeter Beamter hin und her.

Herrlichkeit Kaufmann befahl Hibiskus Kaufmann, am nächsten Tag seine Festtagsgewänder anzulegen und die Bestallungsurkunde abzuholen. Sämtliche Opfergaben, Ranginsignien und sonstigen Gegenstände vor dem Sarg wurden nun durch solche ersetzt, wie sie einem Beamten des fünften Ranges zustanden. Auf der provisorischen Seelentafel und auf den Trauergebeten stand nun geschrieben: ‚Seelenplatz der die Minne vom Hause Kaufmann, gnädige Frau [恭人] von kaiserlichen Gnaden' [Anm.: 恭人 war die Ehrenbezeichnung für die Gattin eines Beamten des fünften Ranges].

Das auf die Straße führende Haupttor des Gartens der Gesammelten Düfte wurde weit geöffnet. Sogleich errichtete man auf beiden Seiten Orchesterstände, auf denen zwei Gruppen von Musikanten zu festgelegten Zeiten aufspielten. Die Ranginsignien waren paarweise mit peinlicher Ordnung aufgestellt. Ferner ragten vor dem Tor zwei zinnoberrote Tafeln mit großen vergoldeten Schriftzeichen auf, die die Inschrift trugen:

‚Gardist der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüter der Wege im Inneren Palast, Drachengardeoffizier'

Den Tafeln gegenüber erhob sich ein hoher Altar, auf dem die buddhistischen und taoistischen Priester ihren Anschlag angebracht hatten. Darauf stand in großer Schrift:

‚Zur Trauerfeier der die Minne, gnädige Frau [恭人] des Kaufmann-Hauses, Gattin eines Gardisten der kaiserlichen Verbotenen Stadt, Hüters der Wege im Inneren Palast und Drachengardeoffiziers, älteste Enkelschwiegertochter des erblichen Herzogs von Ning-guo, bringen im Zentrum der vier Kontinente, im durch Himmelsmandat regierten Reiche des Friedens, der Direktor der Zentralen Buddhistenkanzlei, Wan Xu [萬虛], Oberster Leiter der Lehre vom Nichts und der Stille, und der Direktor der Zentralen Taoistenkanzlei, Ye Sheng [葉生], Oberster Leiter der Lehre vom Uranfang und der Dreifachen Einheit, in tiefer Ehrfurcht ihre Gebete dar und ersuchen alle Schutzgottheiten der Tempel, die diensttuenden Geister und die himmlischen Boten, ihre heilige Gnade weit auszugießen und ihre göttliche Macht in die Ferne strahlen zu lassen, auf dass in neunundvierzig Tagen die Sünden getilgt und das Böse abgewaschen werde — ein Wasser-und-Land-Ritual des Friedens und der Sicherheit.'

So lautete es; der weitere Text braucht hier nicht in aller Ausführlichkeit wiedergegeben zu werden.

Obwohl Herrlichkeit Kaufmanns Wünsche nun in jeder Hinsicht erfüllt waren, lag in den inneren Gemächern Dame Sonders mit ihrem alten Leiden krank darnieder und konnte sich um nichts kümmern. Herrlichkeit Kaufmann fürchtete, es könnte beim Empfang der hohen Beamtengattinnen zu einem Verstoß gegen die Etikette kommen und man würde über ihn lachen. Dieser Gedanke bereitete ihm großes Unbehagen.

Als er gerade in solcher Sorge dasaß, fragte Schatzjade, der sich neben ihm befand: „Es scheint doch alles geordnet zu sein, großer Bruder — was bedrückt Euch noch?"

Herrlichkeit Kaufmann erklärte ihm, dass in den inneren Gemächern niemand sei, der die Leitung übernehmen könne.

Schatzjade lachte und sagte: „Wo liegt da die Schwierigkeit? Ich werde Euch jemanden empfehlen, der für diesen Monat die Aufsicht übernehmen kann — und es wird bestimmt alles tadellos geregelt!"

„Wen denn?" fragte Herrlichkeit Kaufmann sogleich.

Da im Raum noch viele Verwandte und Freunde saßen, konnte Schatzjade es nicht laut sagen. Er trat nahe an Herrlichkeit Kaufmann heran und flüsterte ihm zwei Sätze ins Ohr. Als Herrlichkeit Kaufmann sie hörte, kannte seine Freude keine Grenzen. Eilig erhob er sich und sagte: „In der Tat, das ist genau die Richtige! Gehen wir sogleich zu ihr!" Damit zog er Schatzjade mit sich, verabschiedete sich von den Gästen und begab sich in den Hauptraum der inneren Gemächer.

Es traf sich, dass es an diesem Tag kein regulärer Trauertag war und daher nur wenige Gäste erschienen waren. In den inneren Gemächern saßen bloß einige wenige Frauen aus der engeren Verwandtschaft, denen Frau Strafe, Dame König, Phönixglanz und einige weitere weibliche Familienangehörige Gesellschaft leisteten. Als gemeldet wurde: „Der gnädige Herr kommt!", erschraken die Damen so sehr, dass sie mit einem Aufschrei nach hinten flüchteten, um sich zu verbergen. Einzig Phönixglanz stand gelassen auf.

Herrlichkeit Kaufmann war in diesen Tagen selbst etwas kränklich, und zudem hatte der Kummer ihn überwältigt. Auf einen Stock gestützt, humpelte er herein.

Frau Strafe und die anderen sagten: „Du bist nicht wohl und hast jeden Tag so viele Dinge zu besorgen — du solltest dich lieber schonen, statt hierher zu kommen!"

Herrlichkeit Kaufmann stützte sich auf seinen Stock und mühte sich, in die Knie zu gehen, um seinen Gruß und Dank darzubringen. Frau Strafe und die anderen riefen rasch Schatzjade herbei, ihm aufzuhelfen, und ließen einen Stuhl bringen. Doch Herrlichkeit Kaufmann wollte sich durchaus nicht setzen. Er zwang sich zu einem Lächeln und sagte: „Euer Neffe ist hereingekommen, weil er die beiden Tanten und die große Schwägerin um etwas bitten möchte."

„Was ist es?" fragten Frau Strafe und die anderen sogleich.

Herrlichkeit Kaufmann sprach eilig: „Die Tanten wissen es gewiss: Die Frau Eures Großneffen ist verstorben, und ausgerechnet jetzt muss Eure Nichte [Dame Sonders] krank darniederliegen. In den inneren Gemächern herrscht wahrhaft keine Ordnung mehr. Wenn die große Schwägerin sich herablassen wollte, für einen Monat hier nach dem Rechten zu sehen — dann wäre ich beruhigt."

Frau Strafe sagte lächelnd: „Das ist es also! Deine Schwägerin gehört aber zum Haushalt deiner zweiten Tante, du musst also mit ihr darüber sprechen."

Dame König sagte darauf: „Ein junges Ding wie sie hat so etwas noch nie erlebt! Wenn sie damit nicht zurechtkommt, machen sich die Leute über uns lustig. Es wäre besser, du bittest jemand anderen!"

Herrlichkeit Kaufmann erwiderte lächelnd: „Ich kann mir schon denken, was Ihr befürchtet, Tante! Ihr habt Angst, es könnte zu anstrengend für sie sein. Aber was die Fähigkeit betrifft — dafür verbürge ich mich! Und selbst wenn sie einmal eine Kleinigkeit nicht ganz richtig macht, werden die anderen es noch immer für tadellos halten.

Von klein auf hat die Schwägerin bei aller Scherzhaftigkeit eine entschlossene und tatkräftige Natur gezeigt [Anm.: 殺伐決斷, wörtlich ‚schneidend und entscheidend wie ein Feldherr'], und seit sie geheiratet hat und drüben bei Euch im Haushalt hilft, hat sie noch mehr Übung und Erfahrung gewonnen. Ich habe tagelang darüber nachgedacht — außer ihr kommt niemand in Frage. Wenn Ihr nicht Eurem Neffen und seiner Frau zuliebe zustimmen wollt, Tante, so tut es doch um der Toten willen!" Bei diesen Worten rollten ihm Tränen über die Wangen.

Dame Königs heimliche Sorge war, dass Phönixglanz, die noch nie einen Trauerfall geleitet hatte, nicht damit zurechtkommen und sich zum Gespött der Leute machen könnte. Als sie nun sah, wie flehentlich Herrlichkeit Kaufmann bat, und als er so aufrichtige Worte fand, war sie innerlich schon halb umgestimmt. Doch noch saß sie da und blickte gedankenverloren zu Phönixglanz hinüber.

Phönixglanz ihrerseits kannte kein größeres Vergnügen, als Angelegenheiten an sich zu ziehen und ihre Begabung und Tüchtigkeit unter Beweis zu stellen. Den Haushalt im Prunkwille-Anwesen führte sie zwar einwandfrei, doch hatte sie ein großes Ereignis wie eine Hochzeit oder einen Trauerfall noch nicht leiten können und fürchtete, man sei noch nicht ganz von ihr überzeugt. Insgeheim hatte sie nur auf eine solche Gelegenheit gewartet. Als nun Herrlichkeit Kaufmann mit seiner Bitte kam, frohlockte sie innerlich bereits. Erst sah sie, wie Dame König ablehnte, dann aber, wie diese durch Herrlichkeit Kaufmanns Aufrichtigkeit sichtlich gerührt wurde. Da wandte sie sich an Dame König und sprach: „Da der große Bruder so inständig bittet, solltet Ihr einwilligen, gnädige Frau!"

„Wirst du es denn können?" fragte Dame König leise.

Phönixglanz erwiderte: „Was soll daran schwierig sein? Die großen Dinge, die vor aller Augen zu erledigen sind, hat der große Bruder bereits geregelt. Es geht doch nur darum, dass man in den inneren Gemächern ein wenig nach dem Rechten sieht. Und wenn ich einmal etwas nicht weiß, frage ich die gnädige Frau — so wird es schon gehen!"

Dame König erkannte, dass dies vernünftig klang, und sagte nichts weiter.

Als Herrlichkeit Kaufmann sah, dass Phönixglanz zugestimmt hatte, lächelte er erleichtert und sagte: „Es lässt sich nicht alles berücksichtigen, jedenfalls bitte ich die große Schwägerin um ihre Mühe. Ich will Euch hier meinen Dank erweisen, und wenn die Angelegenheit abgeschlossen ist, komme ich noch ins Prunkwille-Anwesen hinüber, um mich förmlich zu bedanken." Und schon legte er die Hände zusammen und verneigte sich ein ums andere Mal. Phönixglanz erwiderte den Gruß hastig.

Darauf zog Herrlichkeit Kaufmann eine Hausmarke [對牌] des Hauses Ning aus seinem Ärmel hervor und befahl Schatzjade, sie Phönixglanz zu überreichen. Dazu sprach er: „Macht es nur, wie Ihr selbst es für richtig haltet, Schwägerin! Wenn Ihr etwas benötigt, zeigt diese Marke vor und lasst es Euch geben, ohne mich erst zu fragen! Vor allem bitte ich Euch: Setzt Euch nicht in den Kopf, mir Geld sparen zu wollen — es soll nur gut und angemessen aussehen, das ist die Hauptsache! Und zum Zweiten behandelt die Leute hier genauso, wie Ihr es drüben im Prunkwille-Anwesen tut, und fürchtet Euch nicht davor, dass jemand Euch deswegen grollen könnte! Außer diesen beiden Bitten habe ich keinerlei Bedenken mehr."

Phönixglanz wagte nicht, die Marke ohne Weiteres anzunehmen, und blickte fragend zu Dame König hinüber. Dame König sprach: „Wenn dein Schwager es so haben will, dann sieh hier schon nach dem Rechten. Aber triff keine eigenmächtigen Entscheidungen! Wenn etwas ist, schick jemanden, der deinen Schwager oder deine Schwägerin fragt. Vergiss das nicht!"

Schatzjade hatte Herrlichkeit Kaufmann die Marke bereits abgenommen und drückte sie Phönixglanz in die Hand.

Herrlichkeit Kaufmann fragte noch: „Wollt Ihr hier wohnen, Schwägerin, oder jeden Tag herüberkommen? Wenn Ihr jeden Tag hin- und herfahrt, ist das nur noch anstrengender für Euch. Am besten lasse ich hier rasch ein Gehöft für Euch herrichten, wo Ihr für diese Zeit wohnen könnt — das wäre doch bequemer!"

Phönixglanz sagte lächelnd: „Das ist nicht nötig. Auch drüben im Prunkwille-Anwesen kann man mich nicht entbehren. Da ist es besser, ich komme jeden Tag herübergefahren."

So musste Herrlichkeit Kaufmann diesen Punkt auf sich beruhen lassen. Nachdem sie noch eine Weile über dies und jenes gesprochen hatten, ging er schließlich hinaus.

Als sich nach und nach auch die Besucherinnen verabschiedet hatten, fragte Dame König Phönixglanz: „Wie willst du es heute halten?"

Phönixglanz antwortete: „Die gnädige Frau möge nur bitte nach Hause fahren. Ich muss mich hier erst einmal zurechtfinden und mir einen Überblick verschaffen, bevor ich nachkommen kann."

Dame König fuhr daraufhin zusammen mit Frau Strafe nach Hause zurück, und von ihnen soll jetzt nicht weiter die Rede sein.

Phönixglanz aber begab sich in einen Anbau von drei Jian [Anm.: 間, Säulenzwischenräume, ein Raummaß] Breite, setzte sich dort nieder und dachte nach. Sie überlegte:

„Das erste Problem ist, dass hier zu viele verschiedene Menschen auf einem Haufen leben und daher allerhand abhandenkommt. Das zweite ist, dass niemand eine feste Aufgabe hat und bei jedem Anlass die Verantwortung hin- und hergeschoben wird. Das dritte ist, dass die Ausgaben übermäßig hoch sind und es Verschwendung und Unterschlagung gibt. Das vierte ist, dass die Aufgaben ohne Rücksicht auf Rang und Größe verteilt werden, sodass Mühe und Bequemlichkeit ungleich verteilt sind. Das fünfte ist, dass das Gesinde zügellos geworden ist: Wer Ansehen genießt, lässt sich nicht zügeln, und wer keines genießt, hat keine Möglichkeit, sich hochzuarbeiten."

Diese fünf Punkte waren in der Tat die tief eingewurzelten Missstände des Hauses Ning. Wer wissen will, wie Phönixglanz damit umging, der lese das nächste Kapitel.

Wahrlich:

 Von Zigtausend Beamten in Purpur und Gold — wer regiert das Reich?
 Doch ein, zwei Frauen im Festgewand vermögen ein Haus zu ordnen.
 [金紫萬千誰治國,裙釵一二可齊家。]
  1. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
  2. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.
  3. Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.
  4. Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
  5. Chin. 秦可卿 Qín Kěqīng, Gemahlin von Hibiskus Kaufmann.
  6. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
  7. Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
  8. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Duftwolke“, Schatzjades erste Zofe.
  9. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
  10. Chin. 尤氏 Yóu Shì, Gemahlin von Herrlichkeit Kaufmann.
  11. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Hauses Ning.
  12. Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng.
  14. Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng.
  15. Chin. 薛蟠 Xuē Pán, Vetter von Schatzspange (薛宝钗).
  16. Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng, Sohn von Herrlichkeit Kaufmann.
  17. Chin. 邢夫人 Xíng Fūrén.