Hongloumeng/de/Chapter 117

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Kapitel 117

Zwei vortreffliche Frauen schützen den Jadestein und hindern den Weg zur Überwelt, Üble Söhne schließen sich fröhlich zusammen und übernehmen allein das Haus

Frau König[1] hatte jemanden geschickt, um Schatzspange zu sich zu rufen und die Angelegenheit zu besprechen. Als Schatzjade hörte, daß draußen ein Mönch stehe, eilte er allein nach vorne und rief laut durcheinander: „Wo ist mein Meister?" Er rief eine ganze Weile, doch nirgends war ein Mönch zu sehen. So ging er hinaus vor das Tor und sah, daß Li Gui den Mönch aufhielt und nicht hereinließ. Schatzjade sprach: „Die gnädige Frau hat mich gebeten, den Meister hereinzubitten." Als Li Gui das hörte, ließ er los, und der Mönch kam wackelnd und schwankend herein.

Schatzjade sah, daß die Gestalt des Mönchs genau der glich, die er während seines Todeszustandes erblickt hatte, und in seinem Herzen war ihm bereits vieles klar. Er trat vor, verneigte sich und rief: „Meister! Euer Schüler hat Euch zu spät empfangen." Der Mönch sagte: „Ich brauche euren Empfang nicht, gebt mir nur das Silber, dann gehe ich." Schatzjade hörte das und fand, dies klinge nicht nach den Worten eines erleuchteten Mannes. Er betrachtete seinen Kopf voller Grindgeschwüre und seinen schmutzigen, zerlumpten Körper und dachte bei sich: „Seit alters heißt es: ‚Der wahre Meister zeigt nicht sein wahres Gesicht, und wer sein Gesicht zeigt, ist kein wahrer Meister.' Man darf diese Gelegenheit nicht versäumen. Ich will ihm das Danksilber zusagen und dabei seine Absichten ergründen." So sprach er: „Meister, bitte habt keine Eile. Meine Mutter kümmert sich bereits darum. Bitte setzt Euch und wartet einen Augenblick. Euer Schüler möchte fragen: Kommt Ihr etwa aus dem Illusorischen Land der Großen Leere [2]?" Der Mönch erwiderte: „Was für ein illusorisches Land! Es ist nichts weiter als: Man kommt, woher man kommt, und geht, wohin man geht. Ich bin gekommen, um Euch Euren Jadestein zurückzubringen. Aber laßt mich Euch fragen: Woher stammt dieser Stein?" Schatzjade konnte einen Augenblick nicht antworten. Der Mönch lachte: „Ihr kennt nicht einmal Euren eigenen Ursprung und wollt mich befragen!" Schatzjade war von Natur aus klug und scharfsinnig, und nach der Erleuchtung hatte er die Staubwelt [3] bereits durchschaut — nur sein eigener tiefster Grund war ihm noch unbekannt. Als er den Mönch nun nach dem Jadestein fragen hörte, war es, als träfe ihn ein Schlag auf den Kopf [4]. Er sagte: „Ihr braucht kein Silber, ich gebe Euch den Jadestein zurück." Der Mönch lachte: „Es ist auch an der Zeit, ihn mir zurückzugeben."

Schatzjade antwortete nicht weiter, sondern rannte hinein. Er lief in seinen eigenen Hof und sah, daß Schatzspange, Dufthauch[5] und die anderen alle zu Frau König gegangen waren. Eilig griff er den Jadestein von seinem Bett und lief hinaus. Geradewegs stieß er auf Dufthauch und prallte frontal mit ihr zusammen, was sie zu Tode erschreckte. Sie sagte: „Die gnädige Frau hat gesagt, du sollst bei dem Mönch sitzen bleiben und ihm Gesellschaft leisten. Die gnädige Frau bereitet gerade etwas Silber vor. Was kommst du denn zurück?" Schatzjade sagte: „Geh schnell und richte der gnädigen Frau aus, sie braucht kein Silber zu beschaffen. Ich gebe ihm einfach den Jadestein zurück, dann ist alles erledigt." Als Dufthauch das hörte, packte sie Schatzjade eilig und hielt ihn fest: „Das geht auf keinen Fall! Der Jadestein ist dein Leben! Wenn er ihn mitnimmt, wirst du wieder krank!" Schatzjade sagte: „Von nun an werde ich nie mehr krank. Ich habe jetzt ein Herz — wozu brauche ich den Jadestein?" Er riß sich von Dufthauch los und wollte gehen. Dufthauch rannte ihm nach und schrie: „Komm zurück! Ich muß dir etwas sagen!" Schatzjade drehte sich um: „Es gibt nichts mehr zu sagen." Dufthauch kümmerte sich um nichts mehr, rannte ihm nach und schrie: „Beim letzten Mal, als der Jadestein verlorenging, hat es mich beinahe das Leben gekostet! Kaum ist er wieder da, und er soll ihn mitnehmen — du kannst nicht leben, und ich kann auch nicht leben! Wenn du ihn zurückgeben willst, nur über meine Leiche!" Dabei holte sie ihn ein und packte ihn fest. Schatzjade wurde wütend: „Ob du stirbst oder nicht, ich gebe ihn zurück!" Mit aller Kraft stieß er Dufthauch weg und wollte davoneilen. Doch Dufthauch hatte beide Hände um Schatzjades Gürtel geschlungen und ließ nicht los, weinte und schrie und setzte sich auf den Boden.

Die Dienerinnen drinnen hörten den Lärm und kamen eilig herbeigelaufen. Sie sahen, daß es den beiden gar nicht gut ging. Sie hörten Dufthauch weinen: „Schnell, sagt der gnädigen Frau Bescheid! Der Zweite Herr will den Jadestein dem Mönch zurückgeben!" Eine Dienerin rannte sofort los, um Frau König zu benachrichtigen. Schatzjade wurde noch wütender und versuchte, Dufthauchs Hände aufzubrechen. Zum Glück hielt Dufthauch trotz der Schmerzen fest. Purpurkuckuck[6] hörte in ihrem Zimmer, daß Schatzjade den Jadestein weggeben wollte, und war noch aufgeregter als alle anderen. Sie vergaß ihren Vorsatz, Schatzjade in letzter Zeit kühl zu begegnen, vollkommen, rannte heraus und half, Schatzjade festzuhalten. Obwohl Schatzjade ein Mann war und sich mit aller Kraft wehrte, hielten die beiden ihn mit verzweifelter Kraft fest, und er konnte sich nicht befreien. Er seufzte: „Wegen eines einzigen Steins haltet ihr mich so verzweifelt fest. Wenn ich eines Tages allein fortginge — was würdet ihr dann tun?" Als Dufthauch und Purpurkuckuck diese Worte hörten, brachen sie in lautes Schluchzen aus.

Gerade als die Lage unentwirrbar war, kamen Frau König und Schatzspange in aller Eile herbei. Als sie die Szene sahen, rief Frau König unter Tränen: „Schatzjade, bist du wieder wahnsinnig geworden?" Schatzjade wußte, daß er sich nun, da Frau König gekommen war, nicht mehr losreißen konnte. Er mußte wohl oder übel lächeln und sagte: „Was soll denn das! Warum macht sich die gnädige Frau schon wieder Sorgen! Die sind immer so aufgeregt über nichts. Ich sage Euch: Dieser Mönch hat kein Einsehen, er verlangt unbedingt zehntausend Silbertael, keinen weniger. Ich war wütend und bin hereingekommen, um den Jadestein zu holen und ihm zurückzugeben — ich wollte sagen, es sei ein falscher Stein, wozu bräuchte man ihn? Wenn er sieht, daß wir keinen Wert auf den Stein legen, dann geben wir ihm einfach ein bißchen Geld, und die Sache ist erledigt." Frau König sagte: „Ich dachte schon, du wolltest ihn wirklich zurückgeben — na gut, das mag angehen. Aber warum hast du es ihnen nicht erklärt? Sie weinen und schreien — wie sieht denn das aus?" Schatzspange sagte: „Wenn es so gemeint ist, mag es hingehen. Aber wenn er den Jadestein wirklich dem Mönch geben wollte — dieser Mönch ist recht seltsam, und wenn man ihm den Stein gibt und es dann im Haus wieder keine Ruhe gibt, wäre das nicht ein Desaster? Was das Geld betrifft — selbst wenn ich meinen Kopfschmuck versetze, reicht es immer noch." Frau König hörte das und sagte: „Nun gut, dann machen wir es eben so."

Schatzjade antwortete nicht. Da trat Schatzspange vor, nahm ihm den Jadestein aus der Hand und sagte: „Du brauchst nicht hinauszugehen, ich gebe ihm zusammen mit der gnädigen Frau Geld." Schatzjade sagte: „Es ist auch recht, den Jadestein nicht zurückzugeben, aber ich muß ihn noch einmal von Angesicht zu Angesicht sehen." Dufthauch und die anderen wollten ihn immer noch nicht loslassen. Schließlich entschied Schatzspange mit klarem Kopf: „Laßt ihn los, er soll gehen." Dufthauch mußte ihn loslassen. Schatzjade lachte: „Ihr Leute schätzt den Jadestein höher als den Menschen! Jetzt, da ihr mich losgelassen habt — wenn ich ihm einfach folge und davongehe, dann seht doch zu, wie ihr mit dem Stein allein zurechtkommt!" Dufthauch wurde wieder ängstlich und wollte ihn abermals festhalten, doch in Gegenwart von Frau König und Schatzspange wagte sie nicht, sich zu auffällig zu benehmen. Da riß sich Schatzjade auch schon los und ging. Dufthauch rief schnell einer kleinen Dienerin zu, sie solle am Dritten Tor Beiming und die anderen Burschen benachrichtigen: „Sagt den Leuten draußen, sie sollen auf den Zweiten Herrn aufpassen, er ist etwas verrückt geworden." Die kleine Dienerin antwortete und ging hinaus.

Frau König, Schatzspange und die anderen kamen herein und setzten sich. Sie fragten Dufthauch nach den Einzelheiten, und Dufthauch erzählte Schatzjades Worte ausführlich. Frau König und Schatzspange waren sehr beunruhigt und schickten noch jemanden hinaus, um die Diener anzuweisen, aufzupassen und zu hören, was der Mönch sagte. Bald darauf brachte eine kleine Dienerin eine Nachricht herein und berichtete Frau König: „Der Zweite Herr ist wirklich etwas verrückt. Die Burschen draußen sagen: Drinnen hat man ihm den Jadestein nicht gegeben, also konnte er nichts machen. Jetzt aber, da er selbst draußen ist, bittet er den Mönch, ihn mitzunehmen." Als Frau König das hörte, rief sie: „Das darf nicht sein! Was sagt denn der Mönch?" Die kleine Dienerin erwiderte: „Der Mönch sagt, er will den Jadestein, nicht den Menschen." Schatzspange fragte: „Will er also kein Silber mehr?" Die kleine Dienerin sagte: „Davon habe ich nichts gehört. Danach redeten der Mönch und der Zweite Herr zusammen und lachten und sprachen viele Worte, die die Burschen draußen nicht richtig verstanden." Frau König sagte: „Dummköpfe! Wenn sie es nicht verstehen, können sie es doch wenigstens nachsprechen!" Und sie wies die kleine Dienerin an: „Ruf mir den Burschen herein."

Die kleine Dienerin rannte hinaus und rief den Burschen herein, der im Korridor stand und durch das Fenster hindurch seinen Gruß entbot. Frau König fragte: „Ihr versteht die Worte des Mönchs und des Zweiten Herrn nicht — aber könnt ihr sie nicht wenigstens wiedergeben?" Der Bursche antwortete: „Wir haben nur gehört, daß sie etwas von einem ‚Großen Ödberg' sagten, etwas von einem ‚Grünkamm-Gipfel', und dann etwas von einem ‚Land der Großen Leere' und davon, ‚alle irdischen Bande abzuschneiden'." Frau König verstand auch nichts davon. Schatzspange aber erschrak, als sie das hörte, dermaßen, daß sie die Augen aufriß und kein einziges Wort herausbrachte.

Man wollte gerade jemanden hinausschicken, um Schatzjade hereinzuholen, da kam er schon lächelnd herein und sagte: „Gut, gut, alles ist gut!" Schatzspange stand immer noch wie erstarrt. Frau König sagte: „Was redest du Verrücktes daher?" Schatzjade sagte: „Ich sage lauter vernünftige Dinge, und Ihr nennt mich verrückt! Diesen Mönch kenne ich von früher. Er wollte mich nur einmal sehen; er hat nie wirklich Silber verlangt. Es ging ihm nur darum, eine gute Verbindung zu stiften. So habe ich es ihm erklärt, und er ist von selbst davongeschwebt. Ist das nicht wunderbar?"

Frau König glaubte ihm nicht und fragte noch einmal durch das Fenster den Burschen. Der Bursche rannte hinaus, erkundigte sich bei den Männern am Tor und kam zurück: „Der Mönch ist tatsächlich gegangen. Er sagte: ‚Bittet die gnädigen Frauen, sich keine Sorgen zu machen, ich wollte nie Silber. Der Zweite Herr soll nur von Zeit zu Zeit einmal zu mir kommen, das genügt. In allen Dingen folge man dem Schicksal, es gibt für alles eine bestimmte Ordnung.'"

Frau König sagte: „Also war es doch ein guter Mönch. Habt ihr ihn gefragt, wo er wohnt?" Der Bursche sagte: „Die am Tor sagen, er habe es erwähnt — unser Zweiter Herr wisse Bescheid." Frau König fragte daraufhin Schatzjade: „Wo wohnt er denn nun?" Schatzjade lachte: „Dieser Ort — sagt man ‚fern', so ist er fern; sagt man ‚nah', so ist er nah." Schatzspange ließ ihn gar nicht ausreden und sagte: „Wach doch auf! Hör auf, dich in solchen Dingen zu verlieren! Der Herr Vater hat eigens angeordnet, daß du dich um die Beamtenlaufbahn und deinen Aufstieg bemühst!" Schatzjade sagte: „Spreche ich etwa nicht von der Beamtenlaufbahn? Ihr kennt doch das Sprichwort: ‚Tritt ein Sohn in die Hauslosigkeit ein, steigen sieben Ahnen in den Himmel auf' [7]?"

Als Frau König das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie sagte: „Was für ein Schicksal hat unser Haus! Das Vierte Mädchen redet die ganze Zeit davon, ins Kloster einzutreten, und jetzt kommt auch noch einer dazu! Wozu soll ich solche Tage noch durchleben?" Dabei brach sie in lautes Weinen aus. Schatzspange sah Frau Königs Kummer und trat vor, um sie inständig zu trösten. Schatzjade lachte: „Ich habe doch nur einen Scherz gemacht, und die gnädige Frau nimmt es gleich ernst!" Frau König hielt inne mit Weinen und sagte: „Sind denn solche Worte etwa zum Scherzen?"

Während sie noch so stritten, kam eine Dienerin herein und meldete: „Der Zweite Herr Kette[8] ist zurückgekommen. Er sieht ganz verändert aus und bittet die gnädige Frau, hinüberzukommen, um mit ihm zu sprechen." Frau König erschrak abermals und sagte: „Dann laßt ihn eben hereinkommen. Die junge Schwägerin ist doch eine alte Vertraute, er braucht sich nicht fernzuhalten." Kette Kaufmann kam herein, begrüßte Frau König und verneigte sich vor ihr. Schatzspange trat ihm entgegen und erkundigte sich ebenfalls nach seinem Befinden. Kette Kaufmann sagte: „Eben habe ich einen Brief meines Vaters erhalten. Er schreibt, er sei sehr schwer erkrankt und ich solle sofort kommen — wenn ich zu spät komme, könnte es sein, daß wir uns nicht mehr sehen." Bei diesen Worten rollten ihm die Tränen herunter. Frau König fragte: „Was steht in dem Brief über seine Krankheit?" Kette Kaufmann sagte: „Er schreibt, es habe als Erkältung begonnen und sich nun zu einer Schwindsucht ausgewachsen. Sein Zustand ist jetzt kritisch. Er hat eigens einen Boten Tag und Nacht hergeschickt, und wenn ich mich noch ein oder zwei Tage verzögere, könne ich ihn nicht mehr lebend antreffen. Darum bin ich gekommen, um der gnädigen Frau zu berichten: Euer Neffe muß sofort aufbrechen. Nur ist zu Hause niemand, der sich um alles kümmert. Qiang-er und Yun-er sind zwar etwas unbesonnen, aber immerhin Männer — wenn draußen etwas anfällt, können sie zumindest Bescheid geben. Bei mir zu Hause gibt es nicht viel zu tun. Herbstzither[9] hat jeden Tag geweint und geschrien und wollte nicht hier bleiben, darum habe ich ihre Leute kommen lassen und sie mitgenommen — das erspart Friedchen[10] eine Menge Ärger. Was Qiao-jie[11] betrifft, so hat sie zwar niemanden, der auf sie achtet, aber zum Glück ist Friedchens Herz nicht schlecht. Die Kleine ist auch verständig, nur ist sie von Charakter her noch eigensinniger als ihre Mutter. Ich bitte die gnädige Frau, hin und wieder nach ihr zu sehen." Bei diesen Worten wurden seine Augenränder rot, und er zog hastig das kleine Seidentuch herunter, an dem sein Betelnußbeutel am Gürtel hing, und wischte sich die Augen.

Frau König sagte: „Ihre eigene Großmutter ist doch da — warum mich darum bitten?" Kette Kaufmann sagte leise: „Wenn die gnädige Frau so spricht, dann hätte Euer Neffe längst totgeschlagen werden müssen. Es gibt nichts zu sagen — ich bitte die gnädige Frau nur, weiterhin Güte für Euren Neffen zu zeigen." Dabei kniete er schon nieder. Auch Frau Königs Augenränder röteten sich. Sie sagte: „Steh schnell auf! Wir sind doch wie Mutter und Kind, was soll das! Nur eines: Das Kind ist schon groß. Sollte deinem Vater etwas zustoßen und du dort festgehalten werden — wenn jemand kommt, der eine standesgemäße Partie für sie anbietet, sollen wir dann auf dich warten, oder soll deine Schwiegermutter [12] entscheiden?" Kette Kaufmann sagte: „Solange die gnädigen Frauen zu Hause sind, sollen natürlich die gnädigen Frauen entscheiden. Auf mich braucht Ihr nicht zu warten." Frau König sagte: „Wenn du aufbrichst, dann schreib eine Mitteilung und schick dem Zweiten Herrn Aufrecht[13] eine Nachricht. Sag ihm, daß zu Hause niemand mehr ist, daß der Zustand deines Vaters ungewiß ist, und bitte ihn, die Angelegenheiten der Herzoginmutter[14] rasch abzuschließen und schnell zurückzukehren."

Kette Kaufmann antwortete mit „Ja" und wollte schon gehen, kehrte aber nochmals um und sagte: „Was unsere Dienerschaft betrifft, so sind genügend Leute im Haus. Nur im Garten [15] ist niemand mehr, es ist viel zu leer. Bao Yong[16] ist mit seinem Herrn fortgegangen. Was das Haus der Tante Schnee betrifft, so ist der Zweite Herr Schnee bereits in sein eigenes Haus umgezogen. Im Garten stehen alle Häuser leer, es gibt überhaupt keine Aufsicht. Die gnädige Frau sollte jemanden beauftragen, regelmäßig nachzusehen. Was das Grünjadekloster betrifft — das steht ja auf unserem eigenen Grundstück, und jetzt weiß niemand, wohin Wunderjade[17] gegangen ist. Die Nonnen, die zu ihr gehören, wagen nicht, selbst zu entscheiden, und bitten darum, daß jemand aus unserer Familie sich darum kümmert." Frau König sagte: „Wir können nicht einmal unsere eigenen Angelegenheiten ordnen, wie sollen wir uns da noch um äußere Dinge kümmern? Und dieses Wort darf Bedauerfrühling[18] auf keinen Fall zu Ohren kommen! Wenn sie das erfährt, wird sie wieder auf den Gedanken kommen, ins Kloster zu gehen. Bedenke doch, was für eine Familie wir sind! Daß ein Fräulein aus gutem Hause ins Kloster geht — das wäre ja unerhört!"

Kette Kaufmann sagte: „Wenn die gnädige Frau es schon anspricht, so wage ich es kaum zu sagen. Die Vierte Schwester gehört eigentlich zum Ostanwesen [19]. Sie hat keine Eltern mehr, ihr leiblicher Bruder ist in der Ferne, und ihre Schwägerin hat bei ihr nicht viel zu sagen. Euer Neffe hat gehört, daß sie schon mehrfach versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Wenn ihr Herz nun einmal so entschlossen ist und man sie mit Gewalt daran hindert, könnte sie es am Ende wirklich tun — und das wäre schlimmer als der Eintritt in ein Kloster." Frau König hörte das und nickte: „Diese Sache ist wirklich zu schwer für mich. Ich kann auch nicht allein entscheiden. Laßt es ihre Schwägerin regeln."

Kette Kaufmann sprach noch einige Worte und ging dann hinaus. Er rief die Diener zusammen und erteilte seine Anweisungen; er schrieb einen Brief und packte sein Reisegepäck. Friedchen und die anderen ermahnten ihn eindringlich. Nur Qiao-jie war untröstlich traurig. Kette Kaufmann wollte noch König Ren[20] bitten, ein Auge auf die Dinge zu haben, doch Qiao-jie wollte das nicht. Als sie hörte, daß draußen Yun und Qiang mit der Aufsicht betraut worden waren, wurde ihr noch unbehaglicher zumute, doch sie konnte nichts sagen. Sie verabschiedete ihren Vater und lebte von da an vorsichtig und bescheiden unter Friedchens Fürsorge. Feng-er und Xiaohong hatten nach Phönixglanz' Tod die eine Urlaub genommen, die andere sich krank gemeldet. Friedchen überlegte, ein Mädchen aus der Verwandtschaft herzuholen — zum einen als Gesellschaft für Qiao-jie, zum anderen als Hilfe, um auf sie achtzugeben. Sie ging alle Möglichkeiten durch, doch niemand war geeignet. Nur Xi Luan und Si-jie-er waren Mädchen gewesen, die die Herzoginmutter einst besonders ins Herz geschlossen hatte. Doch Si-jie-er war erst kürzlich verheiratet worden, und Xi Luan war ebenfalls schon verlobt und stand kurz vor der Hochzeit. So mußte Friedchen es sein lassen.

Nun wollen wir von Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann berichten. Nachdem sie Kette Kaufmann verabschiedet hatten, gingen sie hinein und sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor. Die beiden wechselten sich ab und übernachteten im äußeren Studienzimmer. Tagsüber trieben sie sich mit den Dienern herum, mal luden sie ein paar Freunde zu einem „Wagenrad-Essen" [21] ein, und es kam sogar so weit, daß sie zusammen um Geld spielten. Im Inneren des Hauses wußte niemand davon. Eines Tages kamen der Schwager Xing und König Ren vorbei, sahen, daß Efeu Kaufmann und Qiang Kaufmann hier wohnten und es lustig zuging, und kamen unter dem Vorwand, nach dem Rechten zu sehen, regelmäßig ins äußere Studienzimmer, um dort Trinkgelage zu veranstalten und um Geld zu spielen. Was die ordentlichen Diener betraf: Aufrecht Kaufmann hatte einige mitgenommen, Kette Kaufmann ebenfalls, und es waren nur noch die Söhne und Neffen der Familien Lai und Lin übrig. Diese jungen Burschen verließen sich auf den Verdienst ihrer Eltern, waren es gewohnt zu essen und zu trinken, und verstanden nichts von der Führung eines Haushalts. Da zudem ihre Älteren alle nicht zu Hause waren, waren sie wie Pferde ohne Zaum. Zwei Herren aus den Nebenlinien feuerten sie noch an — da machten alle nur zu bereitwillig mit. So wurde das Prunkwille-Anwesen [22] derart auf den Kopf gestellt, daß es weder oben noch unten gab, weder innen noch außen.

Qiang Kaufmann dachte noch daran, Schatzjade in das Treiben hineinzuziehen, doch Efeu Kaufmann hielt ihn zurück: „Der Zweite Herr Schatzjade ist ein Mensch ohne Glück, laß ihn in Ruhe. Damals habe ich für ihn eine absolut wunderbare Partie vorgeschlagen: Der Vater war auswärts als Steuereintreiber, die Familie betrieb mehrere Pfandhäuser, und das Mädchen war schöner als eine Himmelsfee. Ich schrieb ihm einen sorgfältig abgefaßten Brief — aber er hatte kein Glück." An dieser Stelle schaute er sich um, ob auch niemand zuhörte, und fuhr fort: „Sein Herz hing schon lange an unserer Zweiten Tante [23]. Hast du nicht gehört, daß da auch noch ein Fräulein Lin [24] war, die sich vor lauter Liebeskummer zu Tode grämte? Wer wüßte das nicht? Nun gut, jeder hat sein eigenes Schicksal. Aber wegen dieser Sache war er mir böse und hat mich seither kaum beachtet. Er glaubt wohl, daß jedermann nach seiner Pfeife tanzen müßte!" Qiang Kaufmann hörte das, nickte und ließ den Plan fallen.

Die beiden wußten noch nicht, daß Schatzjade, seit er jenem Mönch begegnet war, alle irdischen Bande abzuschneiden wünschte. Obwohl er es in Frau Königs Gegenwart nicht wagte, seinem Willen freien Lauf zu lassen, hatte er sich von Schatzspange, Dufthauch und den anderen bereits innerlich entfernt. Die Dienerinnen wußten das nicht und versuchten, mit ihm zu scherzen, doch Schatzjade beachtete sie gar nicht. Er kümmerte sich auch nicht um die Haushaltsangelegenheiten. Wenn Frau König und Schatzspange ihn zum Lernen anhielten, tat er nur so, als studiere er. In Wahrheit dachte er nur an das Geheimnis jener Traumwelt, zu der ihn der Mönch führen wollte, und alles vor seinen Augen erschien ihm als vulgär und weltlich. Zu Hause war es ihm unerträglich, und in seiner freien Zeit unterhielt er sich nur mit Bedauerfrühling. Wenn die beiden erst ins Gespräch kamen, verstärkte sich jener Sinn in ihnen nur noch mehr, und sie kümmerten sich um Unheil Kaufmann[25] und Lan Kaufmann[26] nicht im geringsten.

Unheil Kaufmann seinerseits hatte, da sein Vater nicht zu Hause war und Nebenfrau Zhao[27] gestorben war und Frau König sich kaum um ihn kümmerte, sich dem Treiben von Qiang Kaufmann angeschlossen. Farbwölkchen ermahnte ihn zwar häufig, wurde dafür aber von Unheil Kaufmann beschimpft. Yuchuan-er sah, daß Schatzjades Verrücktheit noch schlimmer geworden war, und hatte schon mit ihrer Mutter gesprochen, um zu bitten, den Dienst verlassen zu dürfen.

So hatten Schatzjade und Unheil Kaufmann, die beiden Brüder, jeder sein eigenes Temperament, und ihr Betragen war so, daß sich niemand mehr um sie kümmerte. Allein Lan Kaufmann folgte seiner Mutter und vertiefte sich mit aller Kraft in seine Studien. Er verfaßte Aufsätze und schickte sie in die Schule, um Herrn Dai Ru zu konsultieren. Da Dai Ru in letzter Zeit alt und krank im Bett lag, mußte Lan Kaufmann allein durchbeißen. Seidenweiß Pflaume[28] war von Natur aus still und zurückgezogen; außer daß sie Frau König ihre Aufwartung machte und sich mit Schatzspange traf, tat sie keinen Schritt aus dem Haus und achtete nur darauf, daß Lan Kaufmann fleißig lernte. Obwohl im Prunkwille-Anwesen nicht wenige Menschen wohnten, lebte jeder für sich, und niemand wollte für den anderen die Verantwortung übernehmen. Unheil Kaufmann, Qiang Kaufmann und die anderen trieben es immer ärger — sie stahlen, versetzten und verkauften Sachen, und das war noch nicht alles. Unheil Kaufmann ging sogar zu Prostituierten und spielte maßlos um Geld — es gab nichts, was er nicht tat.

Eines Tages tranken der Schwager Xing und König Ren im äußeren Studienzimmer der Kaufmann-Familie und waren in bester Laune. Sie riefen ein paar Gesellschafterinnen herbei, und so wurde gesungen, getrunken und einander zugetrunken. Qiang Kaufmann sagte: „Was ihr da treibt, ist zu gewöhnlich. Ich möchte ein Trinkspiel vorschlagen." Die anderen sagten: „Einverstanden." Qiang Kaufmann sagte: „Spielen wir ‚Mondzeichen-Becherreigen' [29]. Ich beginne mit dem Zeichen ‚Mond'. Auf wen es der Reihe nach trifft, der muß trinken und dazu einen ‚Trinkspruch' und einen ‚Trinkschluß' liefern, die dem Spielleiter gehorchen. Wer nicht folgt, wird mit drei großen Bechern bestraft." Alle waren einverstanden.

Qiang Kaufmann trank einen Becher als Spielleiterbecher und sprach: „‚Laßt die Federschale kreisen und berauscht euch am Mond!' [30]." Er zählte der Reihe nach durch, und es traf Unheil Kaufmann. Qiang Kaufmann sagte: „Der Trinkspruch muß das Zeichen ‚Osmanthus' enthalten." Unheil Kaufmann sprach: „‚Kalter Tau befeuchtet lautlos die Osmanthusblüten' [31]. Und der Trinkschluß?" Qiang Kaufmann sagte: „Sag etwas mit dem Zeichen ‚Duft'." Unheil Kaufmann sagte: „‚Himmelsduft weht von jenseits der Wolken herab' [32]."

Der Schwager Xing rief: „Langweilig, langweilig! Was verstehst du schon von Schriftzeichen! Du tust nur gebildet. Das ist kein Vergnügen, das ist eine Qual! Hören wir auf damit und spielen Fingerspiel — der Verlierer trinkt, der Verlierer singt, das nennt man ‚Bitterkeit über Bitterkeit'. Wer nicht singen kann, darf auch einen Witz erzählen, Hauptsache, es ist lustig." Alle riefen: „Einverstanden!"

So begannen sie wild mit dem Fingerspiel. König Ren verlor, trank einen Becher und sang ein Lied. Alle riefen: „Gut!" Dann spielten sie wieder, und eine der Gesellschafterinnen verlor und sang etwas von „Fräulein, Fräulein, wie bezaubernd" [33]. Dann verlor der Schwager Xing, und die anderen verlangten, er solle singen. Er sagte: „Ich kann nicht singen, ich erzähle lieber einen Witz." Qiang Kaufmann sagte: „Wenn er nicht zum Lachen bringt, gibt es trotzdem eine Strafe."

Der Schwager Xing trank einen Becher und begann: „Hört alle zu: In einem Dorf gab es einen Tempel des Kaisers Yuan [34], und daneben stand ein Schrein des Erdgottes. Der Kaiser Yuan ließ den Erdgott häufig zu sich kommen, um zu plaudern. Eines Tages wurde im Tempel des Kaisers Yuan eingebrochen, und er befahl dem Erdgott, Nachforschungen anzustellen. Der Erdgott meldete: ‚In dieser Gegend gibt es keine Diebe. Es müssen die göttlichen Wächter unachtsam gewesen sein, und ein fremder Dieb hat das Diebesgut gestohlen.' Der Kaiser Yuan rief: ‚Unsinn! Du bist der Erdgott — wenn es einen Einbruch gibt, wen soll ich da fragen, wenn nicht dich? Anstatt den Dieb zu fangen, behauptest du, meine göttlichen Wächter seien nachlässig!' Der Erdgott meldete: ‚Obwohl sie nachlässig waren, liegt es doch vor allem am schlechten Fengshui des Tempels.' Der Kaiser Yuan fragte: ‚Du verstehst wohl auch etwas von Fengshui?' Der Erdgott sagte: ‚Laßt Euer niederes göttliches Wesen einmal schauen.' Der Erdgott blickte sich überall um und meldete dann: ‚Hinter dem Thron Eurer Erhabenheit sind zwei rote Flügeltüren — das ist nicht sicher genug. Hinter meinem niedrigen Sitz ist eine gemauerte Wand, da geht natürlich nichts verloren. Wenn man auch hinter Eurem Thron eine Mauer errichtet, wird es gut sein.' Der Kaiser Yuan fand das einleuchtend und befahl seinen göttlichen Wächtern, eine Mauer zu bauen. Die Wächter seufzten: ‚Heutzutage gibt es nicht einen einzigen Räucherstab als Opfergabe — woher sollen wir Ziegel, Kalk und Arbeiter nehmen, um eine Mauer zu bauen?' Der Kaiser Yuan wußte keinen Rat und ließ die Wächter einen Plan ersinnen, doch keiner hatte eine Idee. Da richtete sich der Schildkrötengeneral zu Füßen des Kaisers Yuan auf und sprach: ‚Ihr seid alle nutzlos. Ich habe eine Idee: Reißt die roten Türen ab, und bei Nacht stellt mich mit meinem Bauch in die Türöffnung — bin ich nicht so gut wie eine Mauer?' Alle Wächter sagten: ‚Vortrefflich! Das kostet nichts und ist bequem und stabil.' So übernahm der Schildkrötengeneral diese Aufgabe, und es war tatsächlich ruhig. Doch nach ein paar Tagen waren im Tempel wieder Sachen verschwunden. Die Wächter ließen den Erdgott kommen und sagten: ‚Du hast gesagt, wenn man eine Mauer baut, geht nichts verloren. Wieso fehlt jetzt trotz der Mauer wieder etwas?' Der Erdgott sagte: ‚Die Mauer ist nicht stabil gebaut.' Die Wächter sagten: ‚Sieh selbst nach.' Der Erdgott schaute hin — tatsächlich sah es aus wie eine tadellose Mauer. Wieso fehlte trotzdem etwas? Er tastete mit der Hand darüber und rief: ‚Ich dachte, es sei eine echte Mauer. Wer hätte gedacht, daß es eine falsche Mauer ist!'" [35]

Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Qiang Kaufmann konnte sich auch kaum halten vor Lachen und sagte: „Dummer Onkel, du bist mir einer! Ich habe dich nicht beschimpft — warum beschimpfst du mich? Her mit dem Becher, ein großer Strafbecher!" Der Schwager Xing trank aus und war schon angetrunken. Alle tranken noch einige Becher und wurden betrunken. Der Schwager Xing schimpfte auf seine Schwester, König Ren schimpfte auf seine Schwester, und beide redeten äußerst giftig. Unheil Kaufmann hörte zu und sagte in seiner Trunkenheit ebenfalls, Phönixglanz[36] sei schlecht gewesen — wie sie ihn stets schikaniert und mit Füßen getreten habe. Die anderen sagten: „Ein Mensch sollte schon anständig sein. Seht nur die Phönix-Tante — sie hat sich auf die Herzoginmutter gestützt und war so unerbittlich, und jetzt hat sich das Blatt gewendet. Sie hat nur noch eine einzige Tochter hinterlassen, und die wird wohl die Vergeltung in diesem Leben zu spüren bekommen!" Efeu Kaufmann dachte daran, wie schlecht Phönixglanz ihn behandelt hatte, und erinnerte sich auch, daß Qiao-jie jedesmal weinte, wenn sie ihn sah, und redete ebenfalls drauflos, was ihm gerade in den Sinn kam. Nur Qiang Kaufmann sagte: „Laßt uns trinken — was reden wir über andere Leute?"

Die beiden Gesellschafterinnen fragten: „Wie alt ist denn dieses Fräulein? Wie sieht sie aus?" Qiang Kaufmann sagte: „Hübsch ist sie, sehr sogar, und sie ist schon dreizehn oder vierzehn." Die Gesellschafterinnen sagten: „Schade um ein solches Kind, daß es in einem solch vornehmen Hause geboren wurde. Wäre sie in einer kleinen Familie geboren, hätten Vater, Mutter und Brüder alle Beamte werden und ein Vermögen machen können!" Die anderen fragten: „Wieso das?" Die Gesellschafterinnen sagten: „Derzeit gibt es einen Fürsten aus den Außengebieten [37], der äußerst großzügig ist und sich eine Nebenfrau auswählen möchte. Wenn sie ihm gefällt, dürfen Vater, Mutter und Brüder alle mitgehen — wäre das nicht eine feine Sache?" Die meisten beachteten das nicht weiter, nur König Ren horchte innerlich ein wenig auf, und dann tranken sie weiter.

Da kamen von draußen die jungen Burschen der Familien Lai und Lin herein und sagten: „Ihr Herren amüsiert euch ja prächtig!" Alle standen auf: „Ihr beiden, warum kommt ihr erst jetzt? Wir haben gewartet!" Die beiden sagten: „Heute morgen haben wir ein Gerücht gehört: Es heißt, unsere Familie habe wieder Ärger bekommen. Wir waren beunruhigt und sind sofort nach drinnen gelaufen, um nachzuforschen — aber es geht gar nicht um unsere Familie." Die anderen fragten: „Wenn es nicht unsere ist, warum seid ihr dann nicht gleich hergekommen?" Die beiden sagten: „Auch wenn es nicht unsere Familie ist, hat es doch mit uns zu tun. Wißt ihr, wen es betrifft? Den Herrn Regendorf Kaufmann[38]. Als wir heute hineingingen, sahen wir ihn in Ketten — er soll zum Dreier-Gerichtshof [39] gebracht und verhört werden! Da wir wissen, daß er häufig bei unserer Familie ein- und ausging, haben wir befürchtet, daß es Verwicklungen geben könnte, und sind ihm nachgegangen, um uns zu erkundigen." Efeu Kaufmann sagte: „Der Älteste hat recht, so etwas muß man nachprüfen. Setzt euch erst mal und trinkt einen Becher, dann erzählt weiter."

Die beiden ließen sich nach einigem Sträuben nieder, tranken und erzählten: „Dieser Herr Regendorf ist fähig und geschickt im Aufsteigen, sein Amt war nicht gering — nur ist er habgierig gewesen und wurde wegen mehrfacher Erpressung seiner Untergebenen [40] angeklagt. Unser jetziger Kaiser ist ein äußerst weiser und gnädiger Herrscher. Einzig beim Wort ‚Gier' — wenn jemand das Volk mißhandelt oder sich auf seine Macht gestützt hat, um Anständige zu unterdrücken — , da wird er äußerst zornig, und darum hat er befohlen, ihn festzunehmen und zu verhören. Wenn sich die Vorwürfe bestätigen, wird es ihm schlecht ergehen; wenn sie unbegründet sind, wird es auch dem Ankläger nicht gut gehen. In unserer Zeit hat man es wirklich gut — wenn man Glück hat und ein Amt bekommt, ist es wunderbar." Die anderen sagten: „Euer Bruder hat doch Glück — er ist Kreisvorsteher geworden, ist das nicht schön?" Der Lai-Sproß sagte: „Mein Bruder ist zwar Kreisvorsteher, aber sein Betragen — wer weiß, ob er sich halten kann!" Die anderen fragten: „Greift er auch zu?" Der Lai-Sproß nickte nur und hob seinen Becher zum Trinken.

Die anderen fragten weiter: „Habt ihr drinnen noch andere Neuigkeiten gehört?" Die beiden sagten: „Sonst nichts, nur daß an der Küste viele Seeräuber gefaßt worden sind und ebenfalls zum Gerichtshof zur Verhandlung gebracht werden. Es sind noch viele weitere Räuber aufgespürt worden — einige hatten sich in der Stadt versteckt, um Nachrichten auszukundschaften, und griffen bei Gelegenheit Häuser an. Jetzt weiß man, daß die Herren am Hofe alle gleichermaßen befähigt in Literatur und Krieg sind. Sie haben sich mit Hingabe eingesetzt, und wo immer sie hinkamen, haben sie die Räuber bereits vernichtet."

Die anderen fragten: „Ihr habt gehört, daß sich Räuber in der Stadt versteckt hatten — ist denn der Fall des Einbruchs bei uns aufgeklärt worden?" Die beiden sagten: „Davon haben wir nichts gehört. Aber es hieß verschwommen, daß jemand aus dem Landesinneren in der Stadt ein Verbrechen begangen, eine Frau geraubt und aufs Meer verschleppt habe. Die Frau habe sich geweigert und sei von dem Räuber getötet worden. Gerade als der Räuber über die Grenze fliehen wollte, sei er von den kaiserlichen Truppen gefaßt und an Ort und Stelle hingerichtet worden." Die anderen sagten: „Die Wunderjade aus unserem Grünjadekloster — wurde sie nicht entführt? Das könnte doch sie gewesen sein!" Unheil Kaufmann sagte: „Das muß sie gewesen sein!" Die anderen fragten: „Woher weißt du das?" Unheil Kaufmann sagte: „Diese Wunderjade war das widerlichste Geschöpf überhaupt. Die ganze Zeit tat sie übertrieben vornehm, aber sobald sie Schatzjade erblickte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Wenn ich ihr aber begegnete, würdigte sie mich keines einzigen Blickes. Wenn sie es wirklich war — dann geschieht es ihr recht!" Die anderen sagten: „Es sind doch viele Leute entführt worden — wie willst du wissen, daß sie es war?" Efeu Kaufmann sagte: „Es gibt aber ein gewisses Indiz: Neulich erzählte jemand, daß die alte Tempeldienerin aus ihrem Kloster geträumt habe, sie habe Wunderjade sehen können, wie sie von jemandem getötet wurde." Die anderen lachten: „Traumworte zählen nicht."

Der Schwager Xing sagte: „Ob Traum oder nicht — laßt uns schnell essen! Heute nacht spielen wir um hohe Einsätze." Alle waren einverstanden. Sie aßen und begannen dann, um viel Geld zu spielen.

Sie spielten bis tief in die dritte Nachtwache [41], als von drinnen lautes Geschrei zu hören war: „Das Vierte Fräulein hat sich mit der Frau des Erstgeborenen Zhen[42] gestritten und sich die Haare abgeschnitten! Sie ist zu den Damen Hsing und Wang gelaufen, hat den Kopf auf den Boden geschlagen und fleht, man möge ihr erlauben, Nonne zu werden, und ihr einen Platz zuweisen. Wenn man es ihr nicht erlaubt, wird sie sich hier und jetzt das Leben nehmen. Die beiden Damen Hsing und Wang wissen keinen Rat und bitten den Herrn Qiang und den Herrn Yun herein." Als Efeu Kaufmann das hörte, wußte er, daß sie diesen Entschluß bereits seit jenem Mal gefaßt hatte, als er das Haus hüten mußte. Er dachte, daß man sie wohl nicht umstimmen könne, und beriet sich mit Qiang Kaufmann: „Die gnädigen Frauen rufen uns herein, aber wir können doch nicht darüber entscheiden, und wir sollten es auch nicht. Wir können nur versuchen, sie zu überreden. Wenn das nichts nutzt, müssen wir sie eben gewähren lassen. Schreiben wir einen Brief an den Zweiten Onkel Kette — damit ist unsere Verantwortung abgegeben."

Nachdem die beiden sich geeinigt hatten, gingen sie hinein, sprachen bei den Damen Hsing und Wang vor und versuchten zum Schein, Bedauerfrühling zu überreden. Doch Bedauerfrühling bestand fest darauf, ins Kloster einzutreten. Wenn man sie nicht hinauslasse, bitte sie nur um ein oder zwei ruhige Zimmer, um darin Sutren zu rezitieren und Buddha anzubeten. Dame Sonders sah, daß die beiden die Verantwortung nicht übernehmen wollten, und da sie fürchtete, Bedauerfrühling könne sich das Leben nehmen, traf sie selbst entschlossen eine Entscheidung und sagte: „Dann nehme ich das lieber auf mich. Man soll sagen, ich als Schwägerin habe die Schwägerin nicht geduldet und sie ins Kloster getrieben — damit ist es dann abgetan. Nach draußen gehen lassen — das kommt auf keinen Fall in Frage. Wenn sie aber hier im Hause bleibt, und da die gnädigen Frauen alle hier sind — rechnet es mir an. Laßt den Herrn Qiang einen Brief an Euren Herrn Bruder Zhen[43] und den Zweiten Onkel Kette schreiben, das genügt." Qiang Kaufmann und die anderen antworteten zustimmend.

Ob die Damen Hsing und Wang dem zustimmten oder nicht, wird im nächsten Kapitel berichtet.


Basierend auf der Cheng-Jia-Ausgabe (程甲本). Übersetzung: Martin Woesler, 4. Auflage 2026.

  1. Chin. 王夫人 Wáng Fūrén. Ehefrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Schatzjade.
  2. 太虚幻境, die Traumwelt, die Schatzjade im 5. Kapitel besucht hat
  3. die irdische Welt, 红尘
  4. buddhistischer Ausdruck 当头棒喝, wörtl. „ein Stockhieb auf den Kopf", um jemanden zur plötzlichen Erleuchtung zu bringen
  5. Chin. 袭人 Xīrén, wörtl. „Dufthauch". Schatzjades erste Kammerzofe.
  6. Chin. 紫鹃 Zǐjuān, wörtl. „Purpurkuckuck". Kajaljades treue Kammerzofe.
  7. 一子出家,七祖升天, volkstümliche Redensart, die den Verdienst des klösterlichen Lebens für die ganze Sippe betont
  8. Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Kette Kaufmann". Phönixglanz' Ehemann.
  9. Chin. 秋桐 Qiūtóng, wörtl. „Herbstzither". Nebenfrau von Kette Kaufmann.
  10. Chin. 平儿 Píng'ér, wörtl. „Friedchen". Phönixglanz' erste Kammerzofe und Vertraute.
  11. Chin. 巧姐 Qiǎojiě, wörtl. „Geschickte Schwester". Tochter von Phönixglanz und Kette Kaufmann.
  12. Dame Hsing als Stiefmutter
  13. Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng, wörtl. „Aufrecht Kaufmann". Schatzjades Vater.
  14. Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ. Oberhaupt der Kaufmann-Familie, Großmutter von Schatzjade.
  15. der Garten der Großen Aussicht, 大观园
  16. Chin. 包勇 Bāo Yǒng, wörtl. „Tapferer Bao". Von der Familie Echt empfohlener Wächter.
  17. Chin. 妙玉 Miàoyù, wörtl. „Wunderbare Jade". Buddhistische Nonne im Großen Garten.
  18. Chin. 惜春 Xīchūn, wörtl. „Bedauerfrühling". Vierte und jüngste Tochter der Kaufmann-Familie.
  19. Ning-guo-fu 宁国府, das Anwesen der östlichen Kaufmann-Familie
  20. Chin. 王仁 Wáng Rén. Phönixglanz' Bruder mütterlicherseits.
  21. 车箍辘会, ein Rundessen, bei dem reihum jeder als Gastgeber fungiert
  22. 荣国府, das Anwesen der westlichen Kaufmann-Familie
  23. gemeint ist König Xifeng, Phönixglanz 王熙凤
  24. Kajaljade 林黛玉
  25. Chin. 贾环 Jiǎ Huán, wörtl. „Unheil Kaufmann". Schatzjades jüngerer Halbbruder.
  26. Chin. 贾兰 Jiǎ Lán, wörtl. „Orchidee Kaufmann". Enkel von Aufrecht Kaufmann, Sohn von Seidenweiß Pflaume.
  27. Chin. 赵姨娘 Zhào Yíniáng. Nebenfrau von Aufrecht Kaufmann, Mutter von Unheil Kaufmann.
  28. Chin. 李纨 Lǐ Wán. Witwe des früh verstorbenen Herrlichkeit Kaufmann (Herrlichkeit Kaufmann), Vorsteherin des Gartens.
  29. 月字流觞, ein Trinkspiel, bei dem jeder in seinem Trinkspruch das Zeichen ‚Mond' 月 verwenden muß
  30. Zitat aus Li Bais 飞羽觞而醉月
  31. Vers von Wang Jian 王建: 冷露无声湿桂花
  32. Vers von Song Zhiwen 宋之问: 天香云外飘
  33. 小姐小姐多丰采, Arie aus der „Südlichen" Version des „Westlichen Flügels" 西厢记, mit erotischen Anspielungen
  34. 元帝庙, Tempel des Nordgottes Zhenwu/Xuanwu, unter der Qing-Dynastie „Yuan" genannt, um den Namen des Kangxi-Kaisers zu vermeiden
  35. Das Wortspiel beruht darauf, daß 假墙 „falsche Mauer" klingt wie 贾墙 — „Kaufmann-Mauer", also eine satirische Anspielung auf die Kaufmann-Familie (贾家), die nur nach außen hin stabil erscheint.
  36. Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix-Glanz". Die Haushofmeisterin der Kaufmann-Familie.
  37. 外藩, nicht-chinesischer Vasallenfürst, vermutlich ein mandschurischer oder mongolischer Prinz
  38. Chin. 贾雨村 Jiǎ Yǔcūn. Aufsteigender Beamter aus dem ersten Kapitel, homophon mit „vorgetäuschte Worte".
  39. 三法司, die drei obersten Justizbehörden der Qing-Dynastie
  40. 婪索属员
  41. zwischen 23 Uhr und 1 Uhr
  42. Chin. 尤氏 Yóu Shì. Ehefrau von Herrlichkeit Kaufmann.
  43. Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn. Oberhaupt des Stillfriede-Zweigs der Kaufmann-Familie.