Lu Xun Complete Works/de/Ah Q

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Die wahre Geschichte des Ah Q (阿Q正传, Ā Q zhèngzhuàn) von Lu Xun (鲁迅, 1881–1936)

Erstmals veröffentlicht in Fortsetzungen in der Beilage der Pekinger Morgenpost (Chenbao fukan 晨报副刊) vom 4. Dezember 1921 bis zum 12. Februar 1922, später aufgenommen in die Sammlung Aufruf zu den Waffen (Nàhǎn 呐喊, 1923).


Die wahre Geschichte des Ah Q

Erstes Kapitel: Vorwort

Ich trage mich schon seit mehr als ein, zwei Jahren mit dem Gedanken, eine wahrheitsgetreue Lebensbeschreibung des Ah Q zu verfassen. Doch einerseits wollte ich es tun, andererseits zögerte ich stets – was hinlänglich beweist, dass ich kein Mann bin, der „bleibende Worte hinterlässt". Denn seit jeher bedarf ein unvergänglicher Pinsel eines unvergänglichen Helden, und so wird der Mensch durch die Schrift unsterblich und die Schrift durch den Menschen – wer letztlich wen unsterblich macht, wird allmählich ungewiss, bis man schließlich doch wieder bei Ah Q angelangt, als triebe ein Geist sein Unwesen in den Gedanken.

Will man aber diesen dem raschen Vergessen bestimmten Aufsatz zu Papier bringen, so stößt man beim ersten Federstrich auf tausenderlei Schwierigkeiten. Zunächst der Titel des Werkes. Konfuzius sprach: „Stimmt der Name nicht, so folgt die Rede nicht." Das ist in der Tat eine Sache, der man größte Beachtung schenken sollte. Es gibt vielerlei Arten von Biographien: Sammelbio­graphien, Auto­biographien, innere Biographien, äußere Biographien, Sonder­biographien, Familien­biographien, Kurzbiographien … – doch leider trifft keine davon zu. „Sammelbiographie"? Dieser Text ist nicht zusammen mit vielen Honoratioren in einer offiziellen Geschichte aufgereiht. „Autobiographie"? Ich bin schließlich nicht Ah Q. „Äußere Biographie"? Wo ist dann die „innere"? „Innere Biographie"? Ah Q war gewiss kein Unsterblicher. „Sonderbiographie"? Ah Q hat wahrlich nie den Erlass eines Präsidenten erhalten, der die Aufnahme in die Reichshistoriographie als „Hauptbiographie" anordnete – wenngleich es in der offiziellen englischen Geschichtsschreibung keine „Sammelbiographie der Spieler" gibt und der große Literat Dickens dennoch eine „Sonderbiographie eines Spielers" verfasst hat; was aber einem großen Literaten zusteht, gebührt unsereinem noch lange nicht. Ferner „Familienbiographie": Ich weiß weder, ob ich mit Ah Q desselben Stammes bin, noch hat mich einer seiner Nachkommen darum ersucht. „Kurzbiographie"? Ah Q besitzt erst recht keine andere „ausführliche Biographie". Kurz und gut – dieser Text ist im Grunde eine „Hauptbiographie"; doch wenn ich an meinen eigenen literarischen Stil denke – da er so niedrig ist, die Sprache der „Karrenknechte und Suppen­verkäufer" –, wage ich nicht, diesen hochtrabenden Titel zu beanspruchen. So habe ich denn aus der Floskel der geringgeschätzten Romanschreiber, die nicht einmal den drei Lehren und neun Schulen zugerechnet werden, „genug der Abschweifung, zurück zur wahren Geschichte", die beiden Zeichen für „wahre Geschichte" herausgezogen und als Titel verwendet; selbst wenn er sich mit der „wahren Überlieferung" der „Wahren Überlieferung der Kalligraphie" eines Autors der Antike überschneidet, so lässt sich das nicht mehr ändern.

Zweitens müsste eine Biographie nach allgemeinem Brauch mit der Formel „Herr So-und-so, mit dem Beinamen So-und-so, gebürtig aus dem-und-dem Ort" beginnen. Ich aber weiß nicht einmal, wie Ah Q mit Nachnamen heißt. Einmal schien es, als hieße er Zhao, doch schon am nächsten Tag war die Sache wieder unsicher. Das war nämlich so: Als der Sohn des Herrn Zhao den Grad eines Xiucai erlangte und man unter Trommelwirbel und Gongschlägen die frohe Botschaft ins Dorf brachte, hatte Ah Q gerade zwei Schalen Reiswein getrunken und sprang vor Freude umher, denn auch für ihn sei dies eine Ehre – schließlich sei er mit dem Herrn Zhao ursprünglich verwandt, und bei genauer Abzählung der Generationen stehe er sogar noch drei Stufen über dem frischgebackenen Xiucai. Da wurden einige Umstehende tatsächlich ehrfürchtig. Doch wer konnte ahnen, dass schon am nächsten Tag der Dorfpolizist Ah Q ins Haus des alten Herrn Zhao bestellte. Der Alte war kaum seiner ansichtig geworden, da lief er rot an und herrschte ihn an:

„Ah Q, du nichtsnutziger Lümmel! Hast du etwa behauptet, ich sei mit dir verwandt?"

Ah Q schwieg.

Der alte Herr Zhao wurde beim Hinsehen immer zorniger, stürmte ein paar Schritte vor und sagte: „Wie kannst du es wagen, solchen Unsinn zu reden! Wie sollte ich einen Verwandten wie dich haben? Heißt du etwa Zhao?"

Ah Q schwieg und wollte sich zurückziehen; doch der alte Herr Zhao sprang auf ihn zu und versetzte ihm eine Ohrfeige.

„Wie kannst du Zhao heißen! – Es steht dir gar nicht zu, Zhao zu heißen!"

Ah Q erhob keinen Einspruch, dass er tatsächlich Zhao hieß, sondern rieb sich nur die linke Wange und ging mit dem Dorfpolizisten hinaus, wobei er draußen noch einmal zurechtgewiesen wurde und dem Dorfpolizisten zweihundert Wen Trinkgeld bezahlte. Alle, die davon erfuhren, sagten, Ah Q sei geradezu unverschämt gewesen, sich seine Prügel selbst abzuholen; er heiße vermutlich gar nicht Zhao, und selbst wenn er wirklich so hieße, hätte er – wo doch der alte Herr Zhao vor Ort war – so etwas Ungehöriges nicht behaupten dürfen. Von da an erwähnte niemand mehr seine Abstammung, und so habe ich bis heute nicht in Erfahrung gebracht, wie Ah Q wirklich mit Nachnamen heißt.

Drittens weiß ich auch nicht, wie man Ah Qs Vornamen schreibt. Als er noch lebte, nannten ihn alle Ah Quei; nach seinem Tod rief ihn niemand mehr Ah Quei – und wie hätte er es dann je zu einer schriftlichen Überlieferung bringen können? Dies hier ist in der Tat das erste Mal, dass er zu Papier gebracht wird; daher stößt man auch gleich auf das erste Hindernis. Ich habe lange gegrübelt: Ah Quei – schreibt man das mit dem Zeichen 桂 (Lorbeer) oder 贵 (edel)? Hätte er den Beinamen „Mondpavillon" oder im achten Monat Geburtstag gehabt, wäre es sicher das Zeichen für „Lorbeer" gewesen. Doch er hatte keinen Beinamen – vielleicht doch, nur wusste niemand davon – und hat auch nie Einladungskarten zu einem Geburtstagsfest verschickt; das Zeichen „Lorbeer" zu schreiben, wäre also willkürlich. Hätte er ferner einen älteren Bruder oder jüngeren Bruder namens „Ah Fu" (Reichtum), dann wäre es sicher das Zeichen „edel" gewesen. Doch er war ein Einzelgänger: auch für „edel" fehlt jeder Beweis. Andere abgelegene Schriftzeichen mit dem Laut „Quei" passen erst recht nicht. Ich hatte einmal den Sohn des alten Herrn Zhao, den Herrn „Maocai", danach gefragt; doch selbst dieser Gelehrte wusste keinen Rat, sagte aber abschließend, das liege daran, dass Chen Duxiu mit seiner Zeitschrift „Neue Jugend" lateinische Buchstaben propagiert habe, so dass das nationale Erbe verfallen und jede Nachforschung unmöglich geworden sei. Mein letzter Ausweg war, einen Landsmann zu bitten, in den Gerichtsakten von Ah Qs Strafverfahren nachzuschlagen. Acht Monate später kam die Antwort: In den Akten finde sich kein Name, der dem Klang „Ah Quei" nahekäme. Ob tatsächlich keiner dort stand oder ob man einfach nicht nachgesehen hatte, weiß ich nicht, doch weitere Möglichkeiten gab es nicht mehr. Da die Lautschrift wohl noch nicht verbreitet genug war, blieb mir nur die „Lateinschrift" und die in England gebräuchliche Schreibweise „Ah Quei", abgekürzt „Ah Q". Das ist zwar fast schon eine blinde Nachahmung der „Neuen Jugend", und es tut mir selbst leid; doch wenn selbst der hochgelehrte Herr Maocai es nicht weiß – was für einen besseren Ausweg hätte ich dann?

Viertens Ah Qs Geburtsort. Wenn er tatsächlich Zhao hieße, könnte man nach dem heutigen Brauch, mit seinen Stammlanden zu prahlen, gemäß den Anmerkungen im „Hundert-Familiennamen nach Landkreisen" sagen: „gebürtig aus Tianshui, Longxi"; doch leider ist dieser Nachname nicht gerade verlässlich, und daher bleibt auch der Herkunftsort unsicher. Obwohl er meistens im Dorf Weizhuang wohnte, übernachtete er auch häufig anderswo und kann nicht einfach als „Weizhuanger" bezeichnet werden; und selbst wenn man schriebe „gebürtig aus Weizhuang", verstieße auch das gegen die Regeln der Geschichtsschreibung.

Was mir zum Trost gereicht, ist, dass wenigstens das Wort „Ah" völlig richtig ist, frei von jeder willkürlichen Zuschreibung, und sich getrost den Gelehrten zur Prüfung vorlegen lässt. Was alles Übrige betrifft, so übersteigt es mein bescheidenes Wissen; ich kann nur hoffen, dass die Schüler des Herrn Hu Shizhi, der sich rühmt, einen „Hang zur Geschichte und zur Textkritik" zu haben, in Zukunft vielleicht manch neue Spur aufdecken werden. Doch bis dahin wird meine „Wahre Geschichte des Ah Q" wohl längst in Vergessenheit geraten sein.

Soweit also das Vorwort.


Zweites Kapitel: Abriss der Siege

Nicht nur waren Ah Qs Nachname und Herkunft einigermaßen im Dunkeln – auch sein früherer Lebenslauf lag im Nebel. Denn die Leute von Weizhuang ließen ihn zwar Gelegenheitsarbeiten erledigen und trieben ihren Spaß mit ihm, doch auf seinen Lebenslauf hatte nie jemand geachtet. Und Ah Q selbst sprach auch nicht davon; nur wenn er mit anderen in Streit geriet, funkelte er bisweilen mit den Augen und sagte:

„Wir waren früher – viel vornehmer als du! Was bildest du dir ein!"

Ah Q hatte keine Familie und wohnte im Tuguci-Tempel von Weizhuang; auch hatte er keinen festen Beruf und verdingte sich nur als Tagelöhner: Wenn es Weizen zu schneiden galt, schnitt er Weizen; wenn Reis zu stampfen war, stampfte er Reis; wenn ein Boot gesteuert werden musste, steuerte er das Boot. Dauerte die Arbeit etwas länger, wohnte er auch beim jeweiligen Arbeitgeber, ging aber sofort, sobald die Arbeit getan war. Wenn die Leute also viel zu tun hatten, erinnerten sie sich noch an Ah Q – doch sie erinnerten sich an den Arbeiter, nicht an seinen „Lebenslauf"; und wenn sie nichts zu tun hatten, vergaßen sie sogar Ah Q, ganz zu schweigen von seinem Lebenslauf. Nur einmal lobte ein alter Mann anerkennend: „Ah Q, der kann wirklich was!" Ah Q stand gerade mit nacktem Oberkörper, mager und schlapp, vor ihm, und die anderen wussten nicht recht, ob das Lob ernst gemeint oder spöttisch war. Ah Q aber freute sich sehr.

Ah Q war überdies äußerst stolz: Sämtliche Bewohner Weizhuangs waren in seinen Augen nichts wert, und selbst die beiden „Literatenschüler" betrachtete er als kaum eines Lächelns würdig. Diese Literatenschüler, das muss man wissen, waren angehende Xiucai; der alte Herr Zhao und der alte Herr Qian wurden von den Dorfbewohnern hoch geachtet, und dies nicht nur, weil sie wohlhabend waren, sondern vor allem, weil sie die Väter von Literatenschülern waren. Doch Ah Q allein zollte ihnen im Geiste keine besondere Verehrung. Er dachte: Mein Sohn wird es einmal viel weiter bringen! Zudem war Ah Q einige Male in die Stadt gegangen, was ihn natürlich noch stolzer machte. Gleichzeitig verachtete er die Städter zutiefst. Zum Beispiel das Sitzmöbel aus dreidreiviertel Zoll breiten Brettern: Die Leute in Weizhuang nannten es „Langbank", und so nannte er es auch; die Städter aber sagten „Leistenbank" – das sei doch falsch und lächerlich! Oder gebratener Dickfisch: In Weizhuang gab man einen halben Zoll lange Lauchblätter dazu, in der Stadt aber feingeschnittene Lauchstreifen – auch das sei falsch und lächerlich! Und doch, die Leute von Weizhuang waren wirklich lächerliche Hinterwäldler, die noch nie den Bratfisch der Stadt gesehen hatten!

Ah Q war „einst vornehm" gewesen, hatte eine überlegene Bildung und konnte obendrein „wirklich was" – ein beinahe „vollkommener Mensch" also. Leider wies sein Körper doch einige Makel auf. Am ärgerlichsten waren ein paar Stellen auf seinem Kopf, wo er – wann auch immer – krustige Grindflechten bekommen hatte. Obwohl diese an seinem eigenen Körper saßen, schien Ah Q der Meinung zu sein, sie seien nicht der Rede wert. Darum vermied er jede Erwähnung von „Grind" und aller Wörter, die an „Grind" anklingen, erweiterte das Tabu nach und nach auf „glänzend", dann auf „hell", und schließlich sogar auf „Lampe" und „Kerze". Wurde eines dieser Wörter ausgesprochen, ob absichtlich oder versehentlich, wurde Ah Q über seine sämtlichen Narben hinweg puterrot vor Zorn: Er schätzte seinen Gegner ab – war der Mundwerk schwach, beschimpfte er ihn; war er körperlich schwächer, schlug er zu. Doch merkwürdigerweise zog Ah Q in der Regel den Kürzeren. Da änderte er allmählich seine Taktik und beschränkte sich meist auf böse Blicke.

Doch wer hätte gedacht, dass die Müßiggänger von Weizhuang, seit Ah Q die Strategie der finsteren Blicke verfolgte, umso lieber ihren Spaß mit ihm trieben! Sobald sie seiner ansichtig wurden, taten sie erschrocken und sagten:

„Holla, es wird hell!"

Ah Q wurde wie gewohnt wütend und funkelte sie böse an.

„Na klar, da ist ja eine Sicherheitslampe!" Sie fürchteten sich nicht im Geringsten.

Ah Q wusste sich keinen Rat und musste sich etwas anderes zur Vergeltung einfallen lassen:

„Ihr seid es nicht einmal wert …" In diesem Augenblick war es ihm, als seien die Grindstellen auf seinem Kopf eine Art erhabener, strahlender Schmuck und keineswegs gewöhnlicher Grind. Doch wie oben erwähnt, Ah Q war ein Mann von Einsicht: Er erkannte sofort, dass dies etwas mit dem Tabu kollidierte, und sprach nicht weiter.

Die Müßiggänger ließen aber nicht locker und reizten ihn weiter, bis es schließlich zur Schlägerei kam. Ah Q unterlag der Form nach, wurde am gelben Zopf gepackt und prallte vier-, fünfmal mit dem Kopf gegen die Wand. Erst dann gingen die Müßiggänger zufrieden und siegesgewiss davon. Ah Q stand einen Moment da und dachte: „Immerhin bin ich von meinen Söhnen geschlagen worden – die Welt von heute taugt wirklich nichts mehr …" Und auch er ging zufrieden und siegesgewiss davon.

Was Ah Q sich im Stillen dachte, sprach er bald auch laut aus, und so erfuhren fast alle, die ihren Spaß mit ihm trieben, von dieser Methode des geistigen Sieges. Fortan, wenn sie ihn am gelben Zopf gepackt hatten, kamen sie ihm zuvor und sagten:

„Ah Q, das ist nicht der Sohn, der den Vater schlägt – das ist ein Mensch, der ein Tier schlägt. Sag selbst: Ein Mensch schlägt ein Tier!"

Ah Q umklammerte mit beiden Händen seinen Zopfansatz, legte den Kopf schief und sagte:

„Schlagt ein Würmchen, ja? Ich bin ein Würmchen – lasst ihr mich jetzt los?"

Doch obwohl er ein Würmchen war, ließen die Müßiggänger nicht von ihm ab: Sie stießen seinen Kopf noch fünf-, sechsmal irgendwo dagegen und gingen erst dann zufrieden und siegesgewiss davon, in der Überzeugung, dass Ah Q diesmal wohl die Pest gekriegt habe. Doch keine zehn Sekunden später ging auch Ah Q zufrieden und siegesgewiss davon. Er fühlte sich als der Erste, der imstande war, sich selbst geringzuschätzen und zu erniedrigen, und wenn man das „Sich-selbst-Geringschätzen" einmal abzog, blieb immer noch „der Erste" übrig. War nicht auch der Zhuangyuan „der Erste"? „Was bildet ihr euch ein!"

Nachdem Ah Q seine Feinde mit solcherlei wunderbaren Methoden besiegt hatte, lief er fröhlich in die Schenke, trank ein paar Schalen Wein, scherzte und stritt mit den anderen, errang wieder einen Sieg und kehrte vergnügt zum Tuguci-Tempel zurück, wo er sich hinlegte und sofort einschlief. Hatte er Geld, ging er zum Glücksspiel. Ein Haufen Männer hockte auf dem Boden, und Ah Q zwängte sich schweißüberströmt dazwischen, wobei seine Stimme die lauteste war:

„Blauer Drache, vierhundert!"

„Hach – aufgedeckt!" rief der Bankhalter, ebenso schweißtriefend, und sang: „Himmelstor – die Ecke zurück! Mensch-und-Durchgang leer! Ah Qs Kupfermünzen her!"

„Durchgang hundert – hundertfünfzig!"

Unter solchem Singsang wanderten Ah Qs Münzen nach und nach in die Gürtel anderer schweißgebadeter Gesellen. Schließlich musste er sich aus dem Gedränge zwängen, blieb dahinter stehen und bangte für andere, bis die Runde vorbei war. Dann kehrte er sehnsüchtig zum Tuguci-Tempel zurück und ging am nächsten Tag mit verschwollenen Augen zur Arbeit.

Doch „ein Unglück birgt oft ein Glück, wie hätte der alte Mann am Grenzpass es ahnen können": Eines Tages gewann Ah Q – und damit wäre er beinahe gescheitert.

Es war am Abend des Götterfestes in Weizhuang. An diesem Abend gab es wie üblich eine Theateraufführung, und in der Nähe der Bühne wie üblich zahlreiche Spielstände. Die Trommeln und Gongs der Aufführung klangen für Ah Qs Ohren, als wären sie zehn Meilen entfernt; er hörte nur den Singsang des Bankhalters. Er gewann und gewann: Kupfermünzen wurden zu Silbergroschen, Silbergroschen zu Silberdollars, Silberdollars wuchsen zu einem Stapel an. Er war außer sich vor Freude:

„Himmelstor, zwei Dollar!"

Er wusste nicht, wer mit wem und warum eine Schlägerei angefangen hatte. Flüche, Schläge, Schritte – ein einziges Durcheinander tobte um seinen benommenen Kopf, bis er sich endlich aufrappelte: Der Spieltisch war verschwunden, die Leute waren verschwunden, und an mehreren Stellen seines Körpers schien es ein wenig zu schmerzen, als hätte er ein paar Faustschläge und Tritte abbekommen. Ein paar Leute starrten ihn verwundert an. Er taumelte wie betäubt zum Tuguci-Tempel zurück, sammelte seine Gedanken und stellte fest, dass sein Stapel Silberdollar verschwunden war. Die Spieler am Festmarkt kamen meistens von auswärts – wo sollte man da noch nach den Schuldigen suchen?

Ein so schöner, so glänzender Haufen Silberdollars! Und es waren seine gewesen – und nun waren sie weg! Sich einzureden, seine Söhne hätten sie mitgenommen, war auch kein rechter Trost; sich ein Würmchen zu nennen, war auch kein Trost: Dieses Mal empfand er wirklich den Schmerz der Niederlage.

Doch sogleich verwandelte er die Niederlage in einen Sieg. Er hob die rechte Hand und versetzte sich selbst zwei kräftige Ohrfeigen. Es brannte ziemlich. Danach beruhigte er sich, als hätte er sich selbst geschlagen und als wäre der Geschlagene ein anderer – ja, bald war es, als hätte er jemand anderen geschlagen – und trotz des leichten Brennens legte er sich zufrieden und siegesgewiss nieder.

Er schlief ein.


Drittes Kapitel: Weitere Siege

Obwohl Ah Q häufig als Sieger hervorging, erlangte er doch erst Berühmtheit, nachdem er vom alten Herrn Zhao geohrfeigt worden war.

Er hatte dem Dorfpolizisten die zweihundert Wen Trinkgeld bezahlt und sich wütend hingelegt. Später dachte er: „Die Welt von heute ist wirklich unter aller Würde – der Sohn schlägt den Vater …" Und plötzlich dachte er an die Würde des alten Herrn Zhao – und da der ja nun sein Sohn war – und nach und nach heiter geworden, stand er auf und sang „Das Waisenkind am Grabe" auf dem Weg zur Schenke. Und nun kam es ihm tatsächlich so vor, als stehe der alte Herr Zhao über allen anderen.

Merkwürdig genug: Von diesem Tage an schien jedermann ihn tatsächlich etwas mehr zu respektieren. In Ah Qs Augen lag das natürlich daran, dass er der Vater des alten Herrn Zhao war – doch in Wahrheit verhielt es sich anders. In Weizhuang galt die Regel: Wenn Ah Sieben den Ah Acht schlug oder Li Vier den Zhang Drei, ging das niemals als Neuigkeit durch. Erst wenn etwas zum Gerede wurde, war der Schlagende berühmt, und der Geschlagene wurde gleichfalls bekannt – durch Protektion gewissermaßen. Dass der Fehler bei Ah Q gelegen hatte, verstand sich von selbst. Und warum? Weil der alte Herr Zhao unmöglich unrecht haben konnte. Aber wenn Ah Q im Unrecht war, warum respektierte man ihn dann mehr? Schwer zu erklären; man könnte sagen: Weil Ah Q behauptet hatte, vom selben Clan zu sein wie der alte Herr Zhao, und obwohl er Prügel bekam, fürchteten die Leute, es könnte doch etwas Wahres daran sein, und hielten es für klüger, ihn lieber respektvoll zu behandeln. Oder wie mit dem großen Opfertier im Konfuziustempel: Obwohl es, ebenso wie Schweine und Schafe, nur Vieh war, wagte nach den heiligen Meistern niemand mehr, es anzurühren, weil der Weise seine Stäbchen hineingesteckt hatte.

Ah Q hatte danach viele Jahre ein recht zufriedenes Dasein.

In einem Frühling torkelte er betrunken durch die Straße und sah im Sonnenschein an einer Mauer Wang Hu sitzen, der sich mit nacktem Oberkörper die Läuse suchte. Da begann es auch ihn am ganzen Leib zu jucken. Dieser Wang Hu war sowohl von der Krätze befallen als auch bärtig, und alle nannten ihn „Wang den Krätzbärtigen", doch Ah Q ließ das Wort „krätzig" weg – verachtete ihn aber zutiefst. Seiner Meinung nach war Krätze nichts Besonderes; allein dieser Vollbart war wahrhaft kurios und eines Blickes unwürdig. So setzte er sich neben ihn. Bei jedem anderen Müßiggänger hätte Ah Q sich nicht so bedenkenlos hingesetzt, aber neben Wang Hu – wovor sollte er sich da fürchten? Ehrlich gesagt: Dass er sich überhaupt hinsetzte, war schon eine Ehre für den.

Ah Q zog ebenfalls seine löchrige Jacke aus, suchte sie eine Weile ab, fand aber – ob weil sie frisch gewaschen oder weil er nachlässig war – nach langer Mühe nur drei oder vier Stück. Wang Hu dagegen fand eine nach der anderen, zwei, drei in Folge, und ließ sie zwischen den Lippen prasseln.

Zuerst war Ah Q enttäuscht, dann empört: Selbst der verachtenswerte Wang Hu hatte so viele, und er selbst so wenige – was für eine Blamage! Er suchte fieberhaft nach einer oder zwei großen, fand aber keine; mit Müh und Not erwischte er eine mittlere, klemmte sie wütend zwischen die dicken Lippen und biss kräftig zu – knack –, doch es klang nicht so laut wie bei Wang Hu.

Alle seine Narben liefen rot an. Er warf die Jacke auf den Boden, spuckte aus und sagte:

„Diese Raupe!"

„Räudiger Köter, wen schimpfst du?" Wang Hu blickte verächtlich auf.

In letzter Zeit war Ah Q zwar etwas angesehener geworden und hatte auch mehr Stolz gefasst, aber wenn er den gewohnten Schlägern begegnete, wurde ihm doch bänglich. Nur diesmal war er ausnehmend mutig. Wie konnte so ein bärtiges Etwas es wagen, frech zu werden?

„Wen's trifft, den trifft's!" Er stand auf, die Hände in die Hüften gestemmt.

„Jucken dir die Knochen?" Wang Hu stand ebenfalls auf und zog seine Jacke über.

Ah Q meinte, er wolle fliehen, stürzte vor und holte zum Fausthieb aus. Doch bevor die Faust auftraf, hatte Wang Hu sie schon gepackt. Ein Ruck, und Ah Q taumelte vorwärts; im selben Augenblick hatte Wang Hu ihn am Zopf gepackt und wollte ihn wie üblich mit dem Kopf gegen die Mauer stoßen.

„‚Ein Edler kämpft mit dem Mund, nicht mit den Fäusten!'" sagte Ah Q mit schiefem Kopf.

Wang Hu schien kein Edler zu sein: Er ignorierte die Bemerkung, stieß ihm fünfmal hintereinander den Kopf gegen die Mauer und schubste ihn so kräftig weg, dass Ah Q über sechs Fuß weit flog. Erst dann ging Wang Hu befriedigt davon.

In Ah Qs Gedächtnis dürfte dies wohl die erste große Demütigung seines Lebens gewesen sein, denn Wang Hu war wegen seines abstoßenden Vollbarts stets nur von ihm verspottet worden – verspottet worden war der andere, nie er! Vom Zuschlagen ganz zu schweigen. Und nun hatte der wirklich zugeschlagen – ganz unerhört! Sollten die Gerüchte vom Markt tatsächlich stimmen, dass der Kaiser die Prüfungen abgeschafft hatte und man keine Xiucai und Juren mehr brauchte, weshalb das Ansehen der Familie Zhao gesunken war und sie ihn deshalb geringschätzten?

Ah Q stand ratlos da.

Von weitem kam ein Mann auf ihn zu: wieder einer seiner Erzfeinde. Es war die Person, die Ah Q am meisten verabscheute – der älteste Sohn des alten Herrn Qian. Dieser war zuvor in die Stadt gegangen, um eine ausländische Schule zu besuchen, war dann aus irgendeinem Grund nach Japan gegangen und nach einem halben Jahr zurückgekehrt – mit geraden Beinen, aber ohne Zopf. Seine Mutter hatte zehn Mal geweint, seine Frau dreimal versucht, sich in den Brunnen zu stürzen. Später erzählte seine Mutter überall: „Den Zopf haben ihm Schurken abgeschnitten, nachdem sie ihn betrunken gemacht hatten. Eigentlich hätte er ein hoher Beamter werden können; nun muss er warten, bis der Zopf nachgewachsen ist." Ah Q aber glaubte das nicht, nannte ihn beharrlich „Schein-Fremdteufel" und auch „Vaterlandsverräter", und sobald er ihn sah, verfluchte er ihn insgeheim.

Was Ah Q ganz besonders „zutiefst verabscheute", war sein falscher Zopf. Wenn ein Zopf sogar falsch war, dann hatte man die Berechtigung verloren, ein Mensch zu sein; und wenn seine Frau sich nicht ein viertes Mal in den Brunnen stürzte, war auch sie keine anständige Frau.

Dieser „Schein-Fremdteufel" kam näher.

„Glatzkopf. Esel …" Ah Q hatte solche Schimpfwörter bisher immer nur in seinem Innern gemurmelt, nie laut ausgesprochen. Doch diesmal – weil er gerade aufgebracht war und Rache nehmen wollte – entschlüpften ihm die Worte unwillkürlich leise.

Doch der Glatzkopf kam mit einem gelbem Stock – den Ah Q als „Trauerstab" bezeichnete – in großen Schritten auf ihn zu. In diesem Augenblick wusste Ah Q: Jetzt gibt es Schläge! Rasch spannte er alle Muskeln an, zog die Schultern hoch und wartete. Tatsächlich – klatsch – es schien wirklich auf seinem Kopf gelandet zu sein.

„Ich meinte den da!" Ah Q zeigte auf ein Kind in der Nähe.

Klatsch! Klatsch, klatsch!

In Ah Qs Gedächtnis dürfte dies wohl die zweite große Demütigung seines Lebens gewesen sein. Doch nachdem das Klatschen verstummt war, schien eine Sache für ihn erledigt zu sein, und er fühlte sich sogar ein wenig erleichtert. Zudem tat das Familienerbstück „Vergessen" seine Wirkung: Er ging langsam weiter, und als er fast die Schenke erreicht hatte, war er bereits bester Laune.

Doch da kam ihm die kleine Nonne aus dem Kloster der Stillen Einkehr entgegen. Ah Q hätte sie schon in normalen Zeiten bespuckt und beschimpft – und erst recht nach einer Demütigung! Da wallten Erinnerung und Feindseligkeit zugleich in ihm auf.

„Kein Wunder, dass ich heute so viel Pech habe – das kommt alles daher, dass ich dich gesehen habe!" dachte er.

Er trat ihr entgegen und spuckte ihr laut ins Gesicht:

„Pah! Pfui!"

Die kleine Nonne beachtete ihn gar nicht und ging mit gesenktem Kopf weiter. Ah Q trat neben sie, streckte plötzlich die Hand aus, rieb über ihren frisch rasierten Kopf, grinste dümmlich und sagte:

„Glatzkopf! Geh schnell zurück, der Mönch wartet auf dich …"

„Wie können Sie mich so anfassen …" Die Nonne wurde über und über rot und beschleunigte ihren Schritt.

Die Leute in der Schenke lachten laut. Ah Q sah, dass seine Heldentat Beifall fand, und wurde noch übermütiger:

„Wenn der Mönch sie anfassen darf, warum dann nicht ich?" Er kniff sie in die Wange.

Die Leute in der Schenke lachten noch lauter. Ah Q, immer vergnügter, drehte ihr die Wange noch einmal kräftig, um die Connaisseurs zufriedenzustellen, und ließ dann erst los.

Nach diesem Kampf hatte er Wang Hu vergessen und auch den Schein-Fremdteufel; es war, als hätte er sich für alles „Pech" des Tages gerächt. Und seltsam: Sein ganzer Körper fühlte sich leichter an als nach dem „Klatsch, klatsch" zuvor – er schwebte geradezu, als wolle er davonfliegen.

„Du kinderloses Scheusal, du Ah Q!" hörte er von ferne die halb weinende Stimme der kleinen Nonne.

„Hahaha!" Ah Q lachte höchst vergnügt.

„Hahaha!" Die Leute in der Schenke lachten zu neun Zehnteln vergnügt.


Viertes Kapitel: Die Tragödie der Liebe

Man sagt: Manche Sieger wünschen sich Gegner, die Tigern oder Adlern gleichen – erst dann genießen sie den Triumph. Wären es Schafe oder Küken, empfänden sie den Sieg als öde. Andere Sieger wiederum, nachdem sie alles bezwungen haben, wenn die Toten tot sind und die Unterworfenen sich unterworfen haben und „Euer Diener erbebt vor Furcht und verdient den Tod, verdient den Tod!" rufen, haben auf einmal keine Feinde mehr, keine Gegner, keine Freunde – nur sich selbst, ganz oben, einsam und verlassen, einsam und trostlos – und empfinden gar die Trauer des Sieges. Doch unser Ah Q war von solchen Schwächen frei; er war immerfort zufrieden mit sich – was vielleicht einen weiteren Beweis dafür liefert, dass Chinas geistige Zivilisation die der ganzen Welt übertrifft.

Seht nur: Er schwebte dahin, als wolle er davonfliegen!

Doch gerade dieser Sieg bereitete ihm etwas Ungewohntes. Er schwebte den ganzen halben Tag dahin, schwebte in den Tuguci-Tempel und hätte sich pflichtgemäß hinlegen und schnarchen sollen. Doch an diesem Abend konnte er die Augen kaum schließen: Daumen und Zeigefinger kamen ihm irgendwie merkwürdig vor – sie fühlten sich glatter an als sonst. Ob an der Wange der kleinen Nonne etwas Glattes haften geblieben war, das sich auf seine Finger übertragen hatte, oder ob seine Finger sich an der Nonnenwange glattgerieben hatten … ?

„Du kinderloses Scheusal, du Ah Q!"

In Ah Qs Ohren klangen diese Worte nach. Er dachte: Genau, ich sollte eine Frau haben; ein kinderloses Scheusal hat niemanden, der ihm eine Schale Reis opfert … Ja, er sollte eine Frau haben. Denn „von den drei Formen der Pietätlosigkeit ist die schlimmste, ohne Nachkommen zu bleiben", und wenn „die Geister der Ruoao-Familie hungern müssen", so ist auch das ein großes Leid des Menschenlebens. Seine Gedanken stimmten also in jeder Hinsicht mit den heiligen Schriften und weisen Überlieferungen überein – nur leider gerieten sie später etwas außer Kontrolle.

„Frauen, Frauen! …" dachte er.

„… Wenn der Mönch darf … Frauen, Frauen! … Frauen!" dachte er weiter.

Wir können nicht wissen, wann Ah Q in jener Nacht zu schnarchen begann. Doch von da an fühlten sich seine Fingerspitzen wohl immer etwas glatt an, und so schwebte er fortan stets ein wenig dahin. „Frau …" dachte er.

Allein daran erkennen wir schon: Frauen sind verderbliche Geschöpfe.

Die Männer Chinas hätten eigentlich größtenteils Heilige und Weise werden können – leider wurden sie allesamt von Frauen zugrunde gerichtet. Die Shang-Dynastie ging wegen Daji unter; die Zhou-Dynastie wegen Baosi; die Qin-Dynastie … zwar schweigt die Geschichte darüber, doch wir nehmen einfach an, es war ebenfalls wegen einer Frau – weit gefehlt dürfte das nicht sein. Und Dong Zhuo wurde ganz gewiss durch Diaochan ins Verderben gestürzt.

Ah Q war eigentlich ebenfalls ein rechtschaffener Mann. Obwohl wir nicht wissen, welch erlauchter Lehrer ihm Unterricht erteilt haben mag, hielt er stets streng auf die „große Schranke zwischen Mann und Frau"; und er besaß reichlich Kampfgeist gegen Ketzerei – wie kleine Nonnen und Schein-Fremdteufel und dergleichen. Seine Theorie lautete: Jede Nonne hat ganz sicher ein Verhältnis mit einem Mönch; wenn eine Frau draußen herumläuft, will sie gewiss wilde Männer verführen; wenn ein Mann und eine Frau irgendwo miteinander reden, steckt gewiss etwas Ungehöriges dahinter. Zur Bestrafung solcher Missetäter pflegte er böse Blicke zu werfen, laut ein paar „herzensergründende" Worte zu sprechen oder ihnen, wenn er an einem abgelegenen Ort war, von hinten einen kleinen Stein nachzuwerfen.

Wer hätte gedacht, dass er kurz vor seinem „dreißigsten Lebensjahr" von einer kleinen Nonne ins Schweben gebracht werden würde! Dieses Schweben war nach den Geboten der Sittenlehre unstatthaft – wieder ein Beweis dafür, wie abscheulich Frauen sind! Hätte die Wange der kleinen Nonne nicht so glatt gewesen, wäre Ah Q nicht verhext worden; und hätte die kleine Nonne ein Tuch über dem Gesicht getragen, wäre er ebenfalls nicht verhext worden. Vor fünf oder sechs Jahren hatte er unter der Theaterbühne im Gedränge den Oberschenkel einer Frau gekniffen – doch da war eine Hosenschicht dazwischen gewesen, und so war er hinterher keineswegs ins Schweben geraten. Die kleine Nonne aber – das bewies einmal mehr die Verworfenheit der Ketzerei.

„Frau …" dachte Ah Q.

Er beobachtete aufmerksam die Frauen, von denen er annahm, dass sie „bestimmt wilde Männer verführen wollten", doch keine lächelte ihn an. Er hörte aufmerksam den Frauen zu, die mit ihm sprachen, doch keine von ihnen erwähnte irgendetwas, das auf „Ungehöriges" hindeutete. Oh, auch das war eine der verabscheuungswürdigen Eigenschaften der Frauen: Sie spielten alle die „Scheinheilige".

An diesem Tag hatte Ah Q im Hause des alten Herrn Zhao den ganzen Tag Reis gestampft. Nach dem Abendessen saß er in der Küche und rauchte seine Pfeife. In anderen Häusern hätte er nach dem Abendessen gehen können, doch im Hause Zhao aß man früh zu Abend. Zwar galt die Regel, dass nach dem Essen kein Licht angezündet werden durfte und man sofort schlafen ging, doch es gab gelegentlich Ausnahmen: Erstens durfte der junge Herr Zhao, bevor er den Xiucai-Grad erlangte, bei Licht seine Aufsätze lesen; zweitens durfte Ah Q, wenn er als Tagelöhner kam, bei Licht Reis stampfen. Aufgrund dieser Ausnahmeregelung saß Ah Q also noch in der Küche und rauchte, bevor er mit dem Reisstampfen begann.

Wu Ma, die einzige Dienstmagd im Hause des alten Herrn Zhao, setzte sich nach dem Abwasch ebenfalls auf die Langbank und plauderte mit Ah Q:

„Die gnädige Frau hat seit zwei Tagen nichts gegessen – der gnädige Herr will sich nämlich eine Kleine kaufen …"

„Frau … Wu Ma … diese kleine Witwe …" dachte Ah Q.

„Unsere junge Herrin soll im achten Monat ein Kind bekommen …"

„Frau …" dachte Ah Q.

Ah Q legte die Pfeife weg und stand auf.

„Unsere junge Herrin …" Wu Ma plapperte weiter.

„Ich will mit dir schlafen, ich will mit dir schlafen!" Ah Q stürzte plötzlich auf sie zu und fiel vor ihr auf die Knie.

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille.

„Ach du meine Güte!" Wu Ma erstarrte einen Moment, begann dann am ganzen Leib zu zittern, schrie auf und rannte hinaus, wobei sie im Laufen jammerte und schließlich zu weinen schien.

Ah Q kniete vor der Wand und war gleichfalls wie erstarrt. Dann stützte er sich auf die leere Bank und stand langsam auf; er fühlte vage, dass etwas schiefgelaufen war. Er war jetzt tatsächlich etwas beunruhigt und steckte hastig die Pfeife in den Hosenbund, um mit dem Reisstampfen zu beginnen. Da traf ihn – peng – ein gewaltiger Schlag auf den Kopf. Er drehte sich hastig um: Der Xiucai stand mit einer dicken Bambusstange vor ihm.

„Du Aufrührer, du …"

Die Bambusstange sauste wieder auf ihn herab. Ah Q hob beide Hände, um seinen Kopf zu schützen – klatsch, genau auf die Fingerknöchel, das tat wirklich weh. Er stürzte durch die Küchentür; auf dem Rücken schien er noch einen weiteren Schlag abzubekommen.

„Dreckskerl!" schimpfte der Xiucai hinterher auf Mandarin.

Ah Q flüchtete in die Reismühle und stand allein da, spürte noch den Schmerz in den Fingern und erinnerte sich an das Wort „Dreckskerl" – denn dieses Wort benutzten die Dorfbewohner von Weizhuang nie; es war ein Ausdruck, den nur die Vornehmen verwendeten, die Beamte gesehen hatten, und darum war es besonders furchteinflößend und besonders einprägsam. Doch in diesem Moment waren seine Gedanken an „Frauen …" verschwunden. Nach der Tracht Prügel schien die Sache erledigt, und er fühlte sich geradezu unbeschwert. So begann er, Reis zu stampfen. Nach einer Weile wurde ihm warm, und er legte sein Hemd ab.

Während er das Hemd auszog, hörte er draußen großen Lärm. Ah Q liebte es von jeher, Spektakel anzusehen, und folgte dem Lärm. Er gelangte schließlich bis in den Innenhof des Zhao-Hauses. Obwohl es bereits dämmerte, erkannte er viele Menschen: die ganze Zhao-Familie, einschließlich der gnädigen Frau, die seit zwei Tagen nichts gegessen hatte, ferner die Nachbarin Frau Zou Sieben, den echten Verwandten Zhao Weißauge und Zhao Sichen.

Die junge Herrin zog Wu Ma gerade aus der Dienstbotenkammer und sagte:

„Komm heraus … versteck dich nicht in deinem Zimmer und grüble …"

„Jeder weiß doch, dass du eine anständige Frau bist … Sich etwas antun darf man auf keinen Fall!" sagte Frau Zou Sieben ebenfalls beschwichtigend.

Wu Ma weinte nur und redete dazwischen, doch man konnte sie kaum verstehen.

Ah Q dachte: „Na, das ist ja lustig – was führt die kleine Witwe da auf?" Er wollte näher hinhören und schlich sich neben Zhao Sichen. Da sah er plötzlich den jungen Herrn Zhao auf sich zustürmen, einen dicken Bambusstock in der Hand. Bei dessen Anblick wurde ihm schlagartig bewusst, dass er selbst geschlagen worden war und dass dieses Spektakel offenbar etwas damit zu tun hatte. Er machte auf dem Absatz kehrt und wollte zur Reismühle flüchten, doch der Bambusstock versperrte ihm den Weg. Also machte er abermals kehrt und schlüpfte ganz natürlich durch die Hintertür hinaus; in kurzer Zeit war er wieder im Tuguci-Tempel.

Ah Q saß eine Weile da und bekam Gänsehaut; ihm war kalt, denn obwohl es Frühling war, war es nachts noch recht kühl – nicht eben die Zeit, um mit nacktem Oberkörper herumzulaufen. Auch erinnerte er sich, dass sein Hemd bei den Zhaos geblieben war – doch wenn er es holen ginge, müsste er den Bambusstock des Xiucai fürchten. Da erschien der Dorfpolizist.

„Ah Q, verfluchter Kerl! Du belästigst sogar die Dienstmägde der Familie Zhao – das ist ja geradezu Aufruhr. Meinetwegen kann ich heute Nacht nicht schlafen, du verfluchter Kerl! …"

So und ähnlich bekam er eine Standpauke, und natürlich hatte Ah Q nichts zu erwidern. Am Ende sollte er dem Dorfpolizisten doppeltes Trinkgeld zahlen – vierhundert Wen –, doch da er kein Bargeld hatte, setzte er eine Filzmütze als Pfand ein und verpflichtete sich zu fünf Bedingungen:

Erstens: Am nächsten Tag ein Paar rote Kerzen – jede ein Pfund schwer – und ein Bündel Räucherstäbchen zum Zhao-Haus bringen, um Abbitte zu leisten.

Zweitens: Die Familie Zhao einen daoistischen Priester bestellen lassen, um den Geist der Erhängten zu vertreiben; die Kosten trägt Ah Q.

Drittens: Ah Q darf fortan die Schwelle des Zhao-Hauses nicht mehr betreten.

Viertens: Sollte Wu Ma in der Folge zu Schaden kommen, wird Ah Q dafür zur Rechenschaft gezogen.

Fünftens: Ah Q darf seinen ausstehenden Lohn und sein Hemd nicht mehr einfordern.

Ah Q willigte natürlich in alles ein, hatte aber kein Geld. Zum Glück war es bereits Frühling und die Bettdecke nicht mehr nötig; er verpfändete sie für zweitausend Kupfermünzen und erfüllte den Vertrag. Nachdem er mit nacktem Oberkörper gekniet und sich verneigt hatte, blieben tatsächlich noch ein paar Münzen übrig, doch er löste die Filzmütze nicht ein, sondern vertrank alles. Die Zhaos allerdings brannten auch keine Räucherstäbchen und zündeten keine Kerzen an, denn die gnädige Frau konnte sie beim Buddhaanbeten verwenden und hob sie auf. Das zerrissene Hemd wurde größtenteils zu Windeln für das Kind verarbeitet, das die junge Herrin im achten Monat bekommen sollte; den Rest, die kleinsten Fetzen, verarbeitete Wu Ma zu Schuhsohlen.


Fünftes Kapitel: Die Frage des Lebensunterhalts

Nachdem Ah Q seine Bußzeremonien erledigt hatte, kehrte er wie gewohnt zum Tuguci-Tempel zurück. Die Sonne ging unter, und allmählich kam ihm die Welt etwas sonderbar vor. Er dachte angestrengt nach und kam endlich dahinter: Der Grund lag darin, dass er mit nacktem Oberkörper herumlief. Er erinnerte sich, dass er noch die zerrissene Jacke hatte, warf sie über und legte sich hin. Als er die Augen öffnete, schien die Sonne bereits auf die Westmauer. Er setzte sich auf und murmelte: „Verflucht …"

Nachdem er aufgestanden war, schlenderte er wie gewohnt durch die Straßen. Obwohl es nicht so schlimm war wie das nackte Frösteln, erschien ihm die Welt doch nach und nach wieder sonderbar. Als hätten sich von diesem Tag an sämtliche Frauen in Weizhuang plötzlich auf die Sittsamkeit besonnen: Sobald sie Ah Q kommen sahen, verschwanden sie hinter ihren Türen. Sogar die fast fünfzigjährige Frau Zou Sieben drängte sich mit den anderen herein und rief obendrein ihre elfjährige Tochter hinzu. Ah Q fand das höchst verwunderlich und dachte: „Diese Weiber spielen auf einmal alle die feine Dame. Die Huren …"

Doch noch sonderbarer wurde die Welt erst viele Tage später. Erstens wollte die Schenke nicht mehr anschreiben; zweitens fing der alte Tempelwärter an, ihm lästiges Zeug zu erzählen, als wollte er ihn hinauswerfen; drittens – er konnte sich nicht genau erinnern, wie viele Tage es her war, aber es waren gewiss viele – kam kein einziger Mensch, um ihn als Tagelöhner zu holen. Dass die Schenke nicht mehr anschrieb, ließ sich noch aushalten; dass der Alte ihn rauswarf, ließ sich mit einem Wortschwall abtun; aber dass niemand ihn zur Arbeit rief, das brachte Ah Q Hunger – und das war wahrlich eine äußerst „verfluchte" Angelegenheit.

Ah Q hielt es nicht mehr aus und ging zu seinen alten Arbeitgebern, um nach Arbeit zu fragen – nur die Schwelle des Zhao-Hauses durfte er nicht betreten. Doch die Lage war überall seltsam: Stets kam ein Mann heraus, mit äußerst verdrießlicher Miene, und scheuchte ihn wie einen Bettler fort:

„Nichts, nichts! Geh weg!"

Ah Q fand das immer rätselhafter. Er dachte: Diese Häuser brauchten doch sonst immer Hilfe; unmöglich, dass sie plötzlich alle nichts zu tun hatten. Irgendetwas musste dahinterstecken. Er erkundigte sich genauer und erfuhr: Sie ließen jetzt alle den kleinen D kommen. Dieser kleine D war ein armer Schlucker, noch dünner und schwächer als Ah Q, und in Ah Qs Augen stand er noch unter Wang Hu. Wer hätte gedacht, dass dieser Kerl ihm die Arbeit wegschnappen würde! Ah Qs Zorn war diesmal von ganz anderer Art. Als er wutentbrannt durch die Straßen lief, hob er plötzlich die Hand und sang:

„Ich schlag den Stählern' Stab auf dich herab! …"

Einige Tage später traf er den kleinen D vor der Spiegelwand des Qian-Anwesens. „Wenn Feinde sich begegnen, leuchten die Augen besonders hell" – Ah Q ging auf ihn zu, und der kleine D blieb stehen.

„Vieh!" sagte Ah Q mit funkelnden Augen, Speichel sprühte aus seinem Mundwinkel.

„Ich bin ein Würmchen, in Ordnung? …" sagte der kleine D.

Diese Bescheidenheit machte Ah Q nur noch wütender. Da er aber keinen Stählernen Stab in der Hand hatte, stürzte er sich auf den kleinen D und versuchte, ihm den Zopf auszureißen. Der kleine D schützte mit einer Hand seine Zopfwurzel und griff mit der anderen nach Ah Qs Zopf; Ah Q schützte seinerseits seine Zopfwurzel mit der freien Hand. Vom früheren Ah Q aus gesehen, wäre der kleine D eigentlich unter seiner Würde gewesen, aber weil Ah Q in letzter Zeit gehungert hatte und ebenso dünn und schwach war wie der kleine D, entwickelte sich ein Patt. Vier Hände zerrten an zwei Köpfen, beide waren vorgebeugt, und an der weißen Mauer des Qian-Hauses zeichnete sich ein blaues Hufeisen ab – eine gute halbe Stunde lang.

„Gut, gut!" sagten die Zuschauer – wohl um zu schlichten.

„Gut, gut!" sagten die Zuschauer – ob zum Schlichten, zum Loben oder zum Anstacheln, war nicht zu erkennen.

Doch keiner hörte hin. Ah Q machte drei Schritte vorwärts, und der kleine D wich drei Schritte zurück – dann standen beide. Der kleine D machte drei Schritte vorwärts, und Ah Q wich drei Schritte zurück – dann standen beide wieder. Nach etwa einer halben Stunde – Weizhuang hatte selten eine Pendeluhr, also lässt sich das schwer sagen, vielleicht zwanzig Minuten – begann es aus ihren Haaren zu dampfen und von ihren Stirnen zu tropfen. Ah Qs Hände lösten sich; im selben Augenblick lösten sich auch die Hände des kleinen D. Sie richteten sich gleichzeitig auf, traten gleichzeitig zurück und drängten sich durch die Menge davon.

„Merk dir das, verfluchter …" sagte Ah Q über die Schulter.

„Verfluchter, merk dir das …" sagte auch der kleine D über die Schulter.

Dieser „Drache-gegen-Tiger-Kampf" schien weder Sieger noch Verlierer hervorgebracht zu haben. Ob die Zuschauer zufrieden waren, wusste man nicht; jedenfalls äußerten sie keine Meinung. Und Ah Q wurde weiterhin von niemandem zur Arbeit gerufen.

An einem linden Tag, an dem ein leichtes Lüftchen wehte und es fast schon sommerlich anmutete, fror Ah Q trotzdem. Das ließ sich noch ertragen; das Schlimmste war der Hunger. Bettdecke, Filzmütze, Hemd – alles war schon längst weg; dann hatte er die Wattejacke verkauft. Jetzt hatte er noch eine Hose, die er aber auf keinen Fall ausziehen durfte; und seine zerrissene Jacke war, außer zum Verschenken als Schuhsohlenmaterial, gewiss unverkäuflich. Er hatte gehofft, auf der Straße Geld zu finden, doch bisher war keines aufgetaucht; er hatte gehofft, in seiner Hütte plötzlich Geld zu entdecken, und sah sich hastig um, aber die Hütte war leer und kahl. So beschloss er, hinaus auf Nahrungssuche zu gehen.

Er ging die Straße entlang, „auf Nahrungssuche": Da war die vertraute Schenke, da waren die vertrauten Dampfbrötchen. Doch er ging an allem vorbei, blieb nicht stehen und begehrte nichts davon. Was er suchte, waren nicht solche Dinge; was genau er suchte, wusste er selbst nicht.

Weizhuang war kein großes Dorf; bald hatte er es durchquert. Vor dem Dorf lagen meist Reisfelder, soweit das Auge reichte das frische Grün junger Setzlinge, dazwischen ein paar runde, sich bewegende schwarze Punkte – die Bauern beim Pflügen. Ah Q hatte für solch ländliches Idyll keinen Blick; er ging nur weiter, denn er wusste instinktiv, dass dies mit seinem „Weg der Nahrungssuche" nichts zu tun hatte. Doch schließlich gelangte er zur Mauer des Klosters der Stillen Einkehr.

Auch um das Kloster herum lagen Reisfelder; die weiße Mauer ragte aus dem frischen Grün, und hinter der niedrigen Lehmmauer lag ein Gemüsegarten. Ah Q zögerte einen Augenblick, sah sich nach allen Seiten um: Niemand war in der Nähe. So kletterte er über die niedrige Mauer, hielt sich an den Ranken der He-Shou-Wu-Pflanze fest – aber die Erde rieselte und Ah Qs Füße zitterten. Schließlich ergriff er einen Maulbeerbaumast und sprang hinein. Drinnen war es üppig grün, doch Reiswein und Dampfbrötchen oder anderes Essbares schien nicht vorhanden. An der Westmauer stand Bambus mit vielen Schösslingen, die aber leider noch nicht gekocht waren. Auch der Raps hatte schon Schoten angesetzt, der Senf stand kurz vor der Blüte, und der Chinakohl war bereits alt.

Ah Q fühlte sich wie ein durchgefallener Prüfling und empfand dies als großes Unrecht. Langsam ging er zum Gartentor, als er plötzlich freudig überrascht stehenblieb: Da war ein Beet mit alten Rettichen! Er ging in die Hocke und begann zu ziehen. Da streckte sich ein sehr runder Kopf aus dem Türrahmen – und zog sich sofort wieder zurück. Das war eindeutig die kleine Nonne. Nonnen und dergleichen behandelte Ah Q normalerweise wie Gras und Unkraut. Doch man musste „einen Schritt zurückdenken", und so riss er eilig vier Rettiche aus, drehte das Grün ab und wickelte sie in seinen Rockschoß. Aber da war die alte Nonne schon herausgekommen.

„Amitabha, Ah Q, wie kannst du in den Garten einsteigen und Rettiche stehlen! … Oh, welche Sünde, oh, Amitabha! …"

„Wann bin ich in deinen Garten eingestiegen und habe Rettiche gestohlen?" sagte Ah Q im Gehen und schaute sich dabei um.

„Jetzt … sind das nicht welche?" Die alte Nonne zeigte auf seinen Rockschoß.

„Gehören die dir? Können sie dir antworten, wenn du sie rufst? Du …"

Ah Q hatte noch nicht ausgesprochen, als er schon losrannte. Ein großer fetter schwarzer Hund verfolgte ihn – eigentlich hatte der am Vordertor gestanden und war irgendwie in den Hintergarten gelangt. Der schwarze Hund knurrte und war ihm dicht auf den Fersen, als glücklicherweise ein Rettich aus seinem Rockschoß fiel; der Hund erschrak, hielt kurz inne, und Ah Q war schon auf den Maulbeerbaum geklettert, über die Lehmmauer gestiegen und mitsamt den Rettichen auf der anderen Seite heruntergekollert. Nur der schwarze Hund bellte noch den Maulbeerbaum an, und die alte Nonne betete weiter.

Ah Q fürchtete, die Nonne könnte den Hund noch einmal auf ihn hetzen, hob die Rettiche auf und lief los; unterwegs sammelte er noch ein paar kleine Steine auf. Doch der schwarze Hund erschien nicht wieder. Ah Q warf die Steine weg, ging weiter, aß dabei und dachte: Hier gibt es auch nichts Brauchbares – am besten gehe ich in die Stadt …

Als die drei Rettiche aufgegessen waren, hatte er sich fest entschlossen, in die Stadt zu gehen.


Sechstes Kapitel: Von der Wiedergeburt zum Untergang

Als Ah Q das nächste Mal in Weizhuang gesehen wurde, war es kurz nach dem Mittherbstfest dieses Jahres. Alle waren erstaunt und sagten: Ah Q ist zurück! Und dann dachten sie nach: Wo war er eigentlich vorher? In früheren Zeiten hatte Ah Q seine Besuche in der Stadt stets begeistert erzählt, doch diesmal nicht, und so hatte auch niemand darauf geachtet. Vielleicht hatte er es dem alten Tempelwärter gesagt, aber in Weizhuang galt die Regel: Nur wenn der alte Herr Zhao, der alte Herr Qian oder der Herr Xiucai in die Stadt fuhren, galt das als ein Ereignis. Der Schein-Fremdteufel zählte schon nicht mit – geschweige denn Ah Q. Und so verbreitete der Alte die Nachricht nicht, und Weizhuangs Gesellschaft erfuhr nichts davon.

Doch Ah Qs Rückkehr war diesmal grundlegend anders als früher und wahrhaft erstaunlich. Bei Einbruch der Dunkelheit tauchte er mit verschlafenen Augen vor der Schenke auf, trat an die Theke, zog aus dem Hosenbund eine Handvoll Silber- und Kupfermünzen, warf sie klirrend auf den Tresen und sagte: „Bares! Wein her!" Er trug eine neue Jacke, und an der Hüfte hing offenbar ein großer Beutel, der so schwer war, dass er den Hosengürtel in einen tiefen Bogen herunterzog. In Weizhuang galt die Regel: Wenn man eine etwas auffällige Persönlichkeit sah, gab man ihr lieber etwas zu viel als zu wenig Respekt. Obwohl man klar erkannte, dass es Ah Q war, schien er doch etwas anders als der Ah Q in der zerlumpten Jacke. Gemäß dem alten Spruch „Den Gelehrten, den man drei Tage nicht gesehen hat, soll man mit neuen Augen betrachten" zeigten Kellner, Wirt, Gäste und Passanten ganz natürlich eine Miene der Ehrerbietung und Aufmerksamkeit. Der Wirt begann erst mit einem Kopfnicken, dann mit Konversation:

„Oh, Ah Q, du bist zurück!"

„Zurück."

„Zu Geld gekommen, zu Geld gekommen! Du warst — bei …"

„In der Stadt!"

Diese Neuigkeit verbreitete sich am nächsten Tag in ganz Weizhuang. Jedermann wollte die Geschichte von Ah Qs Wiederaufstieg erfahren – von dem Bargeld und der neuen Jacke –, und so erfuhr man in der Schenke, im Teehaus, unter den Tempeldächern nach und nach die Einzelheiten. Das Ergebnis war, dass Ah Q eine neue Art von Respekt genoss.

Laut Ah Q hatte er im Haus des Herrn Juren geholfen. Da wurden die Zuhörer ehrfürchtig. Dieser Herr Juren hieß eigentlich Bai, doch da er der einzige Juren in der ganzen Stadt war, brauchte man den Nachnamen nicht zu erwähnen – wenn man „Herr Juren" sagte, war das er. So war es nicht nur in Weizhuang, sondern im Umkreis von hundert Li, und viele hielten „Herr Juren" fast schon für seinen richtigen Namen. In einem solchen Haushalt zu helfen, war natürlich respektabel. Doch laut Ah Q war er dort nicht mehr gern geblieben, denn der Herr Juren sei wirklich zu „verflucht" gewesen. Da seufzten die Zuhörer zugleich bedauernd und zufrieden, denn Ah Q war eigentlich nicht qualifiziert, im Haus des Herrn Juren zu helfen, und dass er nicht mehr half, war schade.

Laut Ah Q hatte seine Rückkehr ebenfalls mit seiner Unzufriedenheit mit den Städtern zu tun – in der Hinsicht, dass sie die Langbank „Leistenbank" nannten und zum Fischbraten Lauchstreifen verwendeten; hinzu kamen die jüngst beobachteten Mängel: Auch der Gang der Frauen war nicht besonders ansehnlich. Allerdings gab es bisweilen durchaus Bewundernswertes: So spielten die Dorfbewohner in Weizhuang nur zweiunddreißig Karten, und einzig der Schein-Fremdteufel beherrschte das Mahjong; in der Stadt aber konnten selbst die kleinen Lausejungen perfekt spielen. Der Schein-Fremdteufel brauchte bloß einem dieser Zehnjährigen in der Stadt in die Hände zu fallen, und es hieß „der kleine Teufel trifft den König der Hölle". Da wurden die Zuhörer beschämt.

„Habt ihr schon eine Hinrichtung gesehen?" sagte Ah Q. „Ah, das ist ein Anblick! Hinrichtung von Revolutionären. Pah, großartig, großartig …" Er schüttelte den Kopf und spuckte seinen Speichel mitten in das Gesicht von Zhao Sichen, der ihm gegenüberstand. Die Zuhörer erschauderten. Ah Q sah sich um, hob plötzlich die rechte Hand und schlug sie auf den Nacken von Wang Hu, der mit gerecktem Hals gebannt zugehört hatte:

„Tschak!"

Wang Hu zuckte erschrocken zusammen; gleichzeitig, blitzschnell, zog er den Kopf ein. Die Zuhörer schauderten und waren zugleich entzückt. Von diesem Tag an wagte Wang Hu wochenlang nicht mehr, sich Ah Q zu nähern; auch die anderen nicht.

Ah Q stand nun in den Augen der Weizhuanger so hoch – man wagte zwar nicht zu sagen, dass er den alten Herrn Zhao übertraf, aber wenn man sagte, dass er ihm kaum nachstand, wäre das wohl nicht ganz falsch gewesen.

Doch bald darauf verbreitete sich Ah Qs großer Name auch in den Frauengemächern von Weizhuang. Obwohl es in Weizhuang nur die beiden großen Häuser Qian und Zhao gab und neun von zehn nur „bescheidene Gemächer" hatten, waren die Gemächer doch Gemächer, und so galt es als ein Wunder. Die Frauen erzählten einander: Frau Zou Sieben hatte bei Ah Q einen blauen Seidenrock gekauft – alt war er zwar, aber er hatte nur neun Jiao gekostet. Ferner hatte die Mutter von Zhao Weißauge – manche sagen auch: die Mutter von Zhao Sichen, das sei dahingestellt – ein dunkelrotes Hemd aus ausländischem Stoff gekauft, sieben Zehntel neu, für nur dreihundert Kupfermünzen zu zweiundneunzig pro Hundert. Und so wollten alle Ah Q sehen, die einen wollten bei ihm einen Seidenrock kaufen, die anderen ein Batisthemd. Sie liefen nicht mehr davon, wenn sie ihn sahen, und manchmal, wenn Ah Q schon vorbeigegangen war, liefen sie ihm sogar nach und riefen:

„Ah Q, hast du noch Seidenröcke? Nicht? Batisthemden gehen auch, hast du welche?"

Schließlich drang dies von den bescheidenen Gemächern in die inneren Gemächer vor. Denn Frau Zou Sieben, stolz auf ihren Kauf, hatte den Rock der Frau Zhao zur Begutachtung gezeigt; die Frau Zhao hatte es dem alten Herrn Zhao erzählt und ihn ausgiebig gelobt. Am Abendessenstisch besprach der alte Herr Zhao die Sache mit dem Herrn Xiucai: Ah Q sei wirklich etwas sonderbar; man solle Türen und Fenster besser im Auge behalten. Aber ob er vielleicht noch etwas Kaufenswertes habe? Zudem suchte die Frau Zhao gerade eine preisgünstige Pelzweste. So kam die Familienversammlung zu dem Beschluss, Frau Zou Sieben sofort loszuschicken, um Ah Q zu suchen, und eigens eine dritte Ausnahme wurde eingeführt: An diesem Abend durfte sogar Öl für die Lampe angezündet werden.

Das Öl war schon ziemlich heruntergebrannt, aber Ah Q kam immer noch nicht. Die gesamte Familie Zhao wurde ungeduldig, gähnte, ärgerte sich, dass Ah Q so unzuverlässig war, oder machte Frau Zou Sieben Vorwürfe, dass sie nicht drängend genug gewesen sei. Die Frau Zhao fürchtete sogar, er wage nicht zu kommen wegen der Bedingungen vom Frühling. Doch der alte Herr Zhao hielt das für unbegründet: Denn es war ja er, der nach ihm geschickt hatte. Und tatsächlich – der alte Herr Zhao hatte Weitsicht: Am Ende kam Ah Q mit Frau Zou Sieben herein.

„Er sagte nur, es sei nichts mehr da. Ich sagte, dann sag es selbst dem Herrn. Und dann wollte er trotzdem …" Frau Zou Sieben kam atemlos herein.

„Herr!" rief Ah Q mit einem halben Lächeln und blieb unter dem Vordach stehen.

„Ah Q, ich höre, du hast draußen Geld verdient," sagte der alte Herr Zhao, schlenderte hin und her und musterte ihn von oben bis unten. „Das ist gut, sehr gut. Also … ich höre, du hast noch ein paar alte Sachen … Kannst sie alle mal herbringen und zeigen … nicht dass es einen besonderen Grund hätte, aber ich möchte halt …"

„Ich habe der Frau Zou schon gesagt. Alles weg."

„Weg?" Der alte Herr Zhao konnte einen Ausruf nicht unterdrücken. „Wie kann das so schnell weg sein?"

„Das war von Freunden, war nicht viel. Die haben einiges gekauft …"

„Es muss doch noch ein wenig übrig sein."

„Jetzt ist nur noch ein Türvorhang da."

„Dann bring wenigstens den Türvorhang her zum Anschauen," sagte die Frau Zhao eilig.

„Na gut, morgen bringst du ihn," sagte der alte Herr Zhao, schon weniger interessiert. „Ah Q, wenn du in Zukunft wieder etwas hast, bringe es zuerst zu uns …"

„Der Preis wird sicher nicht geringer sein als bei anderen!" sagte der Xiucai. Die Frau des Xiucai warf Ah Q einen raschen Blick zu, um zu sehen, ob er gerührt war.

„Ich hätte gern eine Pelzweste," sagte die Frau Zhao.

Ah Q stimmte zwar zu, schlurfte aber träge hinaus, und es war nicht zu erkennen, ob er es sich zu Herzen nahm. Das enttäuschte den alten Herrn Zhao zutiefst; er war ärgerlich und besorgt und hörte sogar auf zu gähnen. Der Xiucai war ebenfalls unzufrieden mit Ah Qs Haltung und sagte, man müsse sich vor diesem Tunichtgut in Acht nehmen; vielleicht solle man lieber dem Dorfpolizisten Anweisung geben, Ah Q nicht mehr in Weizhuang wohnen zu lassen. Der alte Herr Zhao war aber anderer Meinung: Das könne Feindschaft erzeugen, und außerdem gelte für diese Art Geschäft: „Der Adler frisst nicht unter seinem eigenen Nest" – das eigene Dorf brauche man nicht zu fürchten; man müsse nur nachts etwas wachsamer sein. Der Xiucai, diese „väterliche Belehrung" vernehmend, stimmte vollkommen zu und zog seinen Antrag auf Verbannung von Ah Q sofort zurück; zudem bat er Frau Zou Sieben dringend, niemandem von diesem Gespräch zu erzählen.

Doch schon am nächsten Tag brachte Frau Zou Sieben ihren blauen Rock zum Schwarz-Färben und verbreitete zugleich die verdächtigen Punkte über Ah Q – allerdings erwähnte sie tatsächlich nicht die Passage, wonach der Xiucai ihn hatte verbannen wollen. Doch dies allein war schon sehr nachteilig für Ah Q. Zunächst kam der Dorfpolizist und nahm ihm den Türvorhang ab – Ah Q sagte, die Frau Zhao wolle ihn sehen, aber der Dorfpolizist gab ihn nicht zurück und wollte obendrein eine monatliche Schutzgebühr vereinbaren. Zweitens veränderte sich die Haltung der Dorfbewohner ihm gegenüber: Obwohl sie noch nicht wagten, frech zu werden, hielten sie doch sichtbar Abstand – und dieser Abstand war anders als zuvor, als sie sich vor seinem „Tschak" gefürchtet hatten; er war deutlich mit einem Element von „respektvoller Distanzierung" durchmischt.

Nur eine Schar Müßiggänger wollte immer noch Ah Qs Hintergründe ergründen. Ah Q machte auch keinen Hehl daraus und erzählte stolz von seinen Erfahrungen. Erst da erfuhren sie, dass er nur eine kleine Nebenfigur gewesen war: Er durfte nicht einmal über die Mauer klettern, geschweige denn durch ein Loch kriechen, sondern stand nur draußen vor dem Loch und nahm die Sachen entgegen. Eines Nachts, gerade als er ein Bündel entgegengenommen hatte und seine Hand hineinstreckte, hörte er plötzlich drinnen lautes Geschrei. Er rannte los und floh die ganze Nacht über die Stadtmauer zurück nach Weizhuang und wagte danach nicht mehr hinzugehen. Diese Geschichte aber war für Ah Q noch nachteiliger: Die Dorfbewohner hatten ihn aus Angst vor Feindschaft „respektvoll auf Distanz gehalten", doch nun stellte sich heraus, dass er nur ein Dieb war, der sich nicht mehr zu stehlen traute. Damit war wahrlich „auch dieser nicht mehr zu fürchten".


Siebtes Kapitel: Revolution

Am vierzehnten Tag des neunten Monats im dritten Jahr der Xuantong-Ära – das heißt am selben Tag, an dem Ah Q seinen Geldbeutel an Zhao Weißauge verkaufte – gegen drei Uhr nachts legte ein großes schwarzes Überdachungsboot am Flussanlegeplatz des Zhao-Hauses an. Das Boot glitt aus der pechschwarzen Finsternis heran; die Dorfbewohner schliefen tief und fest und bemerkten nichts. Als es wieder ablegte, gegen Morgengrauen, sahen es doch einige. Neugierige Nachforschungen ergaben: Es war tatsächlich das Boot des Herrn Juren!

Das Boot hatte große Unruhe nach Weizhuang gebracht. Schon vor Mittag war das ganze Dorf in Aufruhr. Die Mission des Bootes war bei den Zhaos streng geheim, doch in den Teestuben und Schenken sagte man: Die Revolutionäre kommen in die Stadt, und der Herr Juren flüchtet aufs Land! Allein Frau Zou Sieben widersprach: Es seien nur ein paar alte Kisten gewesen, die der Herr Juren habe einlagern wollen, und der alte Herr Zhao habe sie zurückgeschickt. Tatsächlich verstanden sich der Herr Juren und der Xiucai Zhao von jeher nicht besonders, und in der Theorie hätte zwischen ihnen kein „gemeinsames Leid" bestehen können; zudem war Frau Zou Sieben Nachbarin der Zhaos und hatte bessere Einblicke – wahrscheinlich hatte sie recht.

Doch die Gerüchte blühten: Der Herr Juren habe, obwohl er seine Kisten nicht losgeworden sei, einen Brief hinterlassen, in dem er die Verwandtschaft über „Umwege" zu den Zhaos nachweise. Der alte Herr Zhao überlegte hin und her und fand, dass ihm das keinen Schaden bringen könne, und behielt die Kisten – sie wurden unter das Bett der gnädigen Frau geschoben. Was die Revolutionäre betraf – man sagte, sie seien in jener Nacht in die Stadt eingerückt, alle in weißen Helmen und weißen Rüstungen: Sie trügen Trauer für den Kaiser Chongzhen.

Ah Q hatte schon längst das Wort „Revolutionäre" gehört und in diesem Jahr sogar mit eigenen Augen gesehen, wie man Revolutionäre hinrichtete. Doch er hatte eine Überzeugung, deren Herkunft er selbst nicht kannte: dass Revolution gleichbedeutend mit Aufstand sei, Aufstand gleichbedeutend mit Ärger für ihn – und daher hatte er sie stets „zutiefst verabscheut und gehasst". Doch wer hätte gedacht, dass sogar der hundert Li weit berühmte Herr Juren sich so vor ihnen fürchtete? Da konnte auch Ah Q nicht umhin, etwas „fasziniert" zu sein; zudem erheiterten ihn die ängstlichen Mienen der Weizhuanger Männer und Frauen.

„Revolution? Könnte auch gut sein," dachte Ah Q. „Revolution gegen diese verfluchte Bande – ganz recht so! Überhaupt abscheulich! Geradezu hassenswert! … Ja, ich sollte auch zu den Revolutionären überlaufen."

Ah Q war in letzter Zeit knapp bei Kasse und wohl etwas unzufrieden; zudem hatte er mittags zwei Schalen Wein auf leeren Magen getrunken und wurde um so schneller betrunken. Während er nachdachte und weiterging, begann er wieder zu schweben. Auf einmal war es, als sei er selbst ein Revolutionär und alle Leute in Weizhuang seine Gefangenen. In seiner Begeisterung rief er laut:

„Rebellion! Rebellion!"

Die Leute von Weizhuang sahen ihn alle mit ängstlichen Blicken an. Solch erbärmliche Blicke hatte Ah Q noch nie gesehen; beim ersten Anblick fühlte er sich so wohl, als tränke man im Juni Schnee-Wasser. Er wurde noch fröhlicher und rief im Gehen:

„Gut … Was ich will, das bekomme ich; wen ich mag, der ist mein.

Dang-dang, tschang-tschang!

Hätt' ich nur nicht im Rausch den Bruder Zheng getötet,

Hätt' ich nur nicht, ach, ach, ach …

Dang-dang, tschang-tschang, dang, tschang-ling-tschang!

Ich schlag den Stählern' Stab auf dich herab! …"

Die beiden Männer des Zhao-Hauses und zwei echte Verwandte standen gerade vor dem großen Tor und diskutierten über die Revolution. Ah Q bemerkte sie nicht, hob den Kopf und sang laut vorbei.

„Dang-dang …"

„Alter Q," rief der alte Herr Zhao schüchtern und leise entgegenkommend.

„Tschang-tschang," Ah Q hatte nicht damit gerechnet, dass sein Name je mit dem Wort „Alter" verbunden werden würde; er hielt es für irgendein anderes Wort, das nichts mit ihm zu tun hatte, und sang weiter. „Dang, tschang, tschang-ling-tschang, tschang!"

„Alter Q."

„Hätt' ich nur nicht …"

„Ah Q!" Der Xiucai musste ihn direkt beim Namen rufen.

Erst da blieb Ah Q stehen, legte den Kopf schief und fragte: „Was?"

„Alter Q … jetzt …" Doch dem alten Herrn Zhao fielen keine Worte ein. „Jetzt … bist du zu Geld gekommen?"

„Zu Geld gekommen? Natürlich. Was ich will, das bekomme ich …"

„Ah … Q-Bruder, arme Freunde wie wir brauchen sich doch keine Sorgen zu machen …" sagte Zhao Weißauge zaghaft, als wollte er die Stimmung der Revolutionäre erkunden.

„Arme Freunde? Du hast doch immer noch mehr als ich." Ah Q sagte es und ging davon.

Alle waren bestürzt und sprachlos. Der alte Herr Zhao und sein Sohn diskutierten bis zum Lampenschein. Zhao Weißauge ging heim und löste seinen Geldbeutel vom Gürtel; seine Frau musste ihn auf dem Boden der Truhe verstecken.

Ah Q schwebte eine Weile umher und kehrte zum Tuguci-Tempel zurück; der Rausch war inzwischen verflogen. An diesem Abend war auch der alte Tempelwärter ungewöhnlich freundlich und bot ihm Tee an; Ah Q bat ihn um zwei Fladen, aß sie auf, verlangte dann noch eine angebrochene vier Liang schwere Kerze und einen Baumkerzenständer, zündete die Kerze an und legte sich allein in seiner kleinen Kammer nieder. Er fühlte sich unbeschreiblich frisch und fröhlich; das Kerzenlicht hüpfte wie zur Laternenfestnacht, und seine Gedanken sprangen ebenfalls:

„Rebellion? Interessant … Da kommt eine Schar Revolutionäre in weißen Helmen und weißen Rüstungen, alle mit Breitschwertern, Stahlstäben, Bomben, Gewehren, dreizinkigen Dolchmessern und Hakenspeeren, kommen am Tuguci-Tempel vorbei und rufen: ‚Ah Q! Komm mit, komm mit!' Und dann gehen wir alle zusammen …

„Da werden die Weiber und Mannsbilder von Weizhuang schön dumm gucken, auf den Knien flehen: ‚Ah Q, verschon uns!' Wen kümmert's! Der Erste, der dran glauben muss, ist der kleine D, dann der alte Herr Zhao, und der Xiucai, und der Schein-Fremdteufel … Ein paar verschonen? Wang Hu könnte man eigentlich verschonen, aber nein, den auch nicht …

„Sachen … direkt rein und die Kisten aufmachen: Goldbarren, Silberdollars, Batisthemden … Das Ningbo-Bett der Frau Xiucai kommt zuerst in den Tuguci-Tempel, dann die Möbel der Qians – oder nehme ich gleich die der Zhaos. Selbst anpacken brauche ich natürlich nicht mehr, das macht der kleine D. Und schnell muss er sein, sonst gibt's eine Ohrfeige …

„Zhao Sichens Schwester ist wirklich hässlich. Die Tochter von Frau Zou Sieben – in ein paar Jahren können wir noch mal drüber reden. Die Frau vom Schein-Fremdteufel schläft mit einem Mann ohne Zopf – pfui, die taugt nichts! Die Frau des Xiucai hat eine Narbe am Augenlid … Wu Ma hab ich lange nicht gesehen, wer weiß, wo die steckt – leider sind ihre Füße zu groß."

Ah Q hatte seinen Plan noch nicht ganz durchdacht, da schnarchte er schon. Die vier-Liang-Kerze war erst einen knappen halben Zoll heruntergebrannt, und ihr rotes Flackern beleuchtete seinen offenstehenden Mund.

„Hoho!" Ah Q schrie plötzlich auf, hob den Kopf und sah sich bestürzt um; als er die vier-Liang-Kerze sah, legte er den Kopf zurück und schlief weiter.

Am nächsten Tag stand er sehr spät auf; als er auf die Straße trat, war alles beim Alten. Er hatte auch wieder Hunger. Er dachte nach, doch es fiel ihm nichts ein. Dann schien er plötzlich einen Einfall zu haben: Langsam setzte er sich in Bewegung und schlenderte mit vager Absicht zum Kloster der Stillen Einkehr.

Das Kloster war so still wie im Frühling: weiße Mauern und schwarze Tür. Er überlegte einen Moment, ging hin und klopfte. Ein Hund bellte drinnen. Eilig sammelte er ein paar Ziegelstücke auf, ging wieder hin und klopfte kräftiger. Erst als die schwarze Tür über und über mit Narben von seinem Klopfen bedeckt war, hörte er jemanden kommen und öffnen.

Ah Q klemmte rasch die Ziegelstücke zurecht, spreizte die Beine in Kampfstellung und bereitete sich auf den Kampf mit dem schwarzen Hund vor. Doch die Klostertür ging nur einen Spalt auf; kein schwarzer Hund schoss heraus – beim Hineinspähen sah er nur eine alte Nonne.

„Was willst du schon wieder?" sagte sie erschrocken.

„Revolution! … Wisst ihr das? …" sagte Ah Q etwas undeutlich.

„Revolution, Revolution, schon wieder Revolution … Wie wollt ihr uns denn noch revolutionieren?" sagte die alte Nonne mit rotgeränderten Augen.

„Was? …" Ah Q war verblüfft.

„Weißt du es denn nicht? Die waren schon da und haben revolutioniert!"

„Wer? …" Ah Q war noch verblüffter.

„Der Xiucai und der Fremdteufel!"

Das hatte Ah Q nicht erwartet; unwillkürlich stutzte er. Da die alte Nonne seinen Kampfgeist schwinden sah, schloss sie blitzschnell die Tür; Ah Q drückte dagegen, aber sie ließ sich nicht öffnen; er klopfte wieder, aber es kam keine Antwort mehr.

Das war noch am Vormittag gewesen. Der Xiucai Zhao hatte feines Gespür: Kaum hatte er erfahren, dass die Revolutionäre nachts in die Stadt eingerückt waren, wickelte er seinen Zopf auf dem Scheitel zusammen und ging frühmorgens zum Schein-Fremdteufel Qian, mit dem er sich sonst nicht verstand. Es war die Zeit, „an der alle Erneuerung teilhaben sollten", und so verstanden sie sich prächtig und wurden auf der Stelle gleichgesinnte Kameraden, die sich verabredeten, gemeinsam zu revolutionieren. Sie überlegten und überlegten und kamen schließlich darauf, dass im Kloster der Stillen Einkehr eine Holztafel mit der Aufschrift „Lang lebe der Kaiser, lang, lang lebe er" stand – die sollte dringend revolutioniert werden. So gingen sie gemeinsam ins Kloster, um zu revolutionieren. Weil die alte Nonne sie aufhalten wollte und drei Sätze sagte, behandelten sie sie wie eine Vertreterin der mandschurischen Regierung und versetzten ihr etliche Stock- und Kopfhiebe. Nachdem sie gegangen waren, kam die Nonne zu sich und stellte bei der Bestandsaufnahme fest, dass die Drachentafel in Scherben am Boden lag – und dass obendrein das Weihrauchgefäß aus der Xuande-Ära vor der Guanyin-Statue verschwunden war.

Das erfuhr Ah Q erst hinterher. Er bereute sehr, dass er geschlafen hatte, nahm es ihnen aber auch übel, dass sie ihn nicht gerufen hatten. Er überlegte noch einen Schritt weiter und dachte:

„Wissen sie denn immer noch nicht, dass ich schon zu den Revolutionären übergelaufen bin?"


Achtes Kapitel: Revolution verboten

In Weizhuang beruhigten sich die Gemüter zusehends. Den eintreffenden Nachrichten zufolge hatten die Revolutionäre die Stadt zwar eingenommen, doch alles war mehr oder weniger beim Alten geblieben. Der Bezirksvorsteher war noch im Amt, nur sein Titel hatte sich geändert, und auch der Herr Juren bekleidete nun irgendeinen Posten – diese Bezeichnungen konnte in Weizhuang niemand genau wiedergeben – und der Kommandant der Truppen war immer noch der alte Batong. Nur eine beunruhigende Sache gab es: Einige üble Revolutionäre mischten sich ein und zettelten Unruhe an; schon am zweiten Tag begannen sie, Zöpfe abzuschneiden. Man hörte, der Schiffer Qi Jin aus dem Nachbardorf sei ihnen zum Opfer gefallen und sehe jetzt völlig unmenschlich aus. Doch das war noch keine große Gefahr, denn die Weizhuanger fuhren ohnehin selten in die Stadt, und selbst wer dorthin wollte, änderte sofort seine Pläne, um dieser Gefahr zu entgehen. Auch Ah Q hatte ursprünglich in die Stadt gehen wollen, um seine alten Freunde zu besuchen; als er von der Nachricht hörte, blieb er ebenfalls.

Doch auch in Weizhuang konnte man nicht sagen, dass es keinerlei Reformen gegeben hätte. Einige Tage später begannen immer mehr Leute, ihre Zöpfe auf dem Scheitel zusammenzurollen. Wie bereits erwähnt, waren der Herr Maocai und danach Zhao Sichen und Zhao Weißauge die Ersten, dann kam Ah Q. Hätte man im Sommer seine Zöpfe aufgerollt oder zu einem Knoten gebunden, wäre das nichts Ungewöhnliches gewesen; doch jetzt war es Spätherbst, und so stellte dieses „im Herbst sommerliche Gebräuche pflegen" für die Zopfaufroller eine außerordentliche Kühnheit dar – und auch für Weizhuang konnte man nicht sagen, dass es ohne Bezug zur Reform gewesen wäre.

Als Zhao Sichen mit leer flatterndem Hinterkopf daherkam, riefen die Leute, die ihn sahen:

„He, ein Revolutionär ist da!"

Ah Q hörte es und beneidete ihn sehr. Obwohl er längst von der Neuigkeit wusste, dass der Xiucai seinen Zopf aufgerollt hatte, war er nie auf die Idee gekommen, es ihm gleichzutun. Erst als er Zhao Sichen sah, fiel ihm die Nachahmung ein, und er fasste den Entschluss zur Ausführung. Mit einem Bambusstäbchen rollte er seinen Zopf auf dem Kopf zusammen, zögerte lange und wagte sich erst dann auf die Straße.

Er ging durch die Straße, und die Leute sahen ihn an, sagten aber nichts. Ah Q war zunächst unzufrieden, dann empört. In letzter Zeit wurde er leicht aufbrausend. Eigentlich war sein Leben nicht härter als vor der Rebellion, und die Leute waren höflich zu ihm, und die Geschäfte verlangten kein Bargeld. Doch Ah Q fühlte sich zu Unrecht übergangen: Wenn man schon eine Revolution gemacht hatte, sollte es doch nicht einfach so weitergehen wie bisher. Zudem sah er einmal den kleinen D, und das brachte ihn erst recht auf die Palme.

Der kleine D hatte seinen Zopf ebenfalls auf dem Kopf zusammengerollt, und zwar sogar mit einem Bambusstäbchen. Ah Q hätte nie erwartet, dass er sich das herausnehmen würde, und er konnte es ihm unmöglich durchgehen lassen! Was war der kleine D denn schon? Er hätte ihm am liebsten sofort den Kopf gepackt, sein Bambusstäbchen zerbrochen, seinen Zopf heruntergerissen und ihm ein paar Ohrfeigen gegeben – als kleine Strafe dafür, dass er seinen Geburtstag vergessen hatte und es wagte, den Revolutionär zu spielen. Doch er ließ ihn schließlich laufen und begnügte sich damit, ihm wütend einen Klumpen Speichel nachzuspucken: „Pah!"

In diesen Tagen ging nur einer in die Stadt: der Schein-Fremdteufel. Der Xiucai Zhao hätte zwar auf der Grundlage der eingelagerten Kisten persönlich den Herrn Juren besuchen wollen, unterließ es aber wegen der Gefahr des Zopfabschneidens. Er schrieb einen Brief im höflichen „Gelbe-Schirm-Format" und gab ihn dem Schein-Fremdteufel für die Stadt mit; zugleich bat er ihn, ihm eine Empfehlung für den Beitritt zur Freiheitspartei zu verschaffen. Als der Schein-Fremdteufel zurückkam, verlangte er vier Silberdollar vom Xiucai; dafür trug der Xiucai von nun an einen silbernen Pfirsich an seinem Revers. Ganz Weizhuang staunte und bewunderte ihn: Das sei das Rangabzeichen der „Sesamöl-Partei", gleichwertig mit einem Hanlin! Auch der alte Herr Zhao stieg damit plötzlich im Ansehen, weit höher als zu der Zeit, da sein Sohn den Xiucai-Grad erlangt hatte. Daher blickte er auf alles herab, und als er Ah Q sah, betrachtete er ihn mit einiger Geringschätzung.

Ah Q war ohnehin unzufrieden und fühlte sich die ganze Zeit kaltgestellt. Als er von dem silbernen Pfirsich hörte, verstand er sofort, warum er kaltgestellt wurde: Um zu revolutionieren, genügte es nicht, einfach überzulaufen; den Zopf aufzurollen, genügte ebenfalls nicht. Als Erstes musste man Kontakt zu den Revolutionären aufnehmen. Die einzigen Revolutionäre, die er in seinem Leben kennengelernt hatte, waren zwei: Der eine in der Stadt war schon längst „tschak" geköpft worden; jetzt blieb nur noch der Schein-Fremdteufel. Es gab keinen anderen Weg, als eiligst den Schein-Fremdteufel um Rat zu fragen.

Das Tor des Qian-Anwesens stand weit offen, und Ah Q schlich furchtsam hinein. Im Innern erschrak er gewaltig: Der Schein-Fremdteufel stand mitten im Hof, ganz in Schwarz gekleidet – wohl ausländische Kleidung –, mit einem silbernen Pfirsich an der Brust und einem Stock in der Hand, den Ah Q bestens kannte. Sein über ein Fuß langer Zopf war aufgelöst und fiel ihm über die Schultern; mit seinem wirren Haar sah er aus wie ein Liu-Hai-Unsterblicher. Ihm gegenüber standen in strammer Haltung Zhao Weißauge und drei Müßiggänger, die ehrerbietig zuhörten.

Ah Q schlich sich heran und stellte sich hinter Zhao Weißauge. Er wollte ihn ansprechen, wusste aber nicht, was er sagen sollte: „Schein-Fremdteufel" ging natürlich nicht mehr, „Ausländer" war auch nicht recht, „Revolutionär" war auch nicht recht – vielleicht sollte er „Herr Ausland" sagen.

Der Herr Ausland hatte ihn aber noch nicht bemerkt, denn er dozierte mit gehobenem Blick gerade mit vollem Schwung:

„Ich bin ein ungeduldiger Mensch, und darum sage ich bei jedem Treffen: Hong-Bruder! Packen wir's an! Er aber sagt immer nur: No! – das ist ein englisches Wort, das ihr nicht versteht. Sonst wäre es schon längst gelungen. Aber das zeigt gerade, wie vorsichtig er vorgeht. Er hat mich drei- und viermal eingeladen, nach Hubei zu kommen, aber ich habe noch nicht zugesagt. Wer will schon in dieser kleinen Kreisstadt arbeiten …"

„Äh … also …" Ah Q wartete eine kurze Pause ab und fasste sich schließlich ein Herz. Doch er wusste nicht warum – er nannte ihn doch nicht „Herr Ausland".

Alle vier Zuhörer drehten sich erschrocken um. Auch der Herr Ausland sah ihn nun erst:

„Was?"

„Ich …"

„Raus!"

„Ich möchte über— …"

„Verschwinde!" Der Herr Ausland hob den Trauerstock.

Zhao Weißauge und die Müßiggänger riefen: „Der Herr sagt, du sollst verschwinden, und du hörst nicht?"

Ah Q hielt den Arm schützend über den Kopf und floh unwillkürlich zur Tür hinaus; der Herr Ausland verfolgte ihn nicht. Ah Q rannte gut sechzig Schritte, bis er langsamer wurde. Dann aber stieg der Kummer in ihm auf: Der Herr Ausland erlaubte ihm nicht, zu revolutionieren; es gab keinen anderen Weg mehr. Von nun an konnte er unmöglich hoffen, dass Leute in weißen Helmen und weißen Rüstungen kommen und ihn rufen würden. All seine Ambitionen, Bestrebungen, Hoffnungen und Zukunftspläne waren mit einem Strich durchgestrichen. Dass die Müßiggänger die Sache herumerzählen und dem kleinen D und Wang Hu und anderen Spott liefern würden, war noch das geringste Übel.

Ihm war, als habe er noch nie solche Leere empfunden. Er fand selbst seinen aufgerollten Zopf sinnlos und verachtenswert; aus Rache hätte er den Zopf am liebsten sofort heruntergefallen, doch er tat es doch nicht. Er schlenderte bis in die Nacht; in einer Schenke bekam er zwei Schalen Wein auf Pump, trank sie, und allmählich wurde ihm fröhlicher zumute; erst dann tauchten die weißen Helme und weißen Rüstungen in Bruchstücken wieder in seinen Gedanken auf.

Eines Tages, als es nach seiner Gewohnheit schon spät in die Nacht war und die Schenke gleich schließen wollte, schlenderte er zum Tuguci-Tempel zurück.

Peng, ba-a-a!

Da hörte er plötzlich ein seltsames Geräusch – keine Feuerwerkskörper. Ah Q war von Natur aus neugierig und immer auf der Suche nach Spektakel; er folgte dem Lärm durch die Dunkelheit. Vor ihm schienen Schritte zu erklingen. Gerade als er genauer hinhörte, kam ihm plötzlich jemand von vorne entgegengerannt. Ah Q sah ihn und rannte sofort ebenfalls in dieselbe Richtung davon. Der Mann bog ab, Ah Q bog ab; der Mann blieb stehen, Ah Q blieb stehen. Er sah nach hinten – dort war nichts; er sah den Mann – es war der kleine D.

„Was?" Ah Q wurde unwillig.

„Zhao … das Haus Zhao ist ausgeraubt worden!" sagte der kleine D keuchend.

Ah Qs Herz pochte. Der kleine D erzählte und verschwand. Ah Q floh und blieb stehen, zwei-, dreimal hin und her. Doch da er selbst einst „in diesem Geschäft" gewesen war, fasste er besonderen Mut. So wagte er sich um die Straßenecke und lauschte: Es schien Geschrei zu geben. Er sah genauer hin: Es schienen tatsächlich viele Leute in weißen Helmen und weißen Rüstungen zu sein, die in einer langen Reihe Kisten hinaustrugen, Hausrat hinaustrugen, das Ningbo-Bett der Frau Xiucai hinaustrugen – doch es war nicht klar zu erkennen. Er wollte vortreten, doch seine Füße bewegten sich nicht.

In jener Nacht war kein Mond; Weizhuang lag in tiefer Finsternis, still – still wie in der Zeit des Urkaiser Fuxi. Ah Q stand da und sah zu, bis er selbst unruhig wurde. Alles schien wie zuvor – dort wurde hin und her getragen: Kisten hinaus, Hausrat hinaus, das Ningbo-Bett der Frau Xiucai hinaus … so viel, dass er seinen eigenen Augen kaum traute. Doch er beschloss, nicht mehr näher heranzugehen, und kehrte in seinen Tempel zurück.

Im Tuguci-Tempel war es noch schwärzer. Er schloss das große Tor, tastete sich in seine Kammer. Nachdem er eine ganze Weile gelegen hatte, sammelte er endlich seine Gedanken und begann über sich selbst nachzudenken: Die Leute in weißen Helmen und weißen Rüstungen waren offensichtlich da gewesen, hatten ihn aber nicht begrüßt; sie hatten viele gute Sachen weggetragen, und nichts davon war für ihn – das war alles die Schuld des Schein-Fremdteufels, der ihm die Revolution verboten hatte. Sonst – wie hätte er diesmal leer ausgehen können? Je mehr Ah Q darüber nachdachte, desto wütender wurde er, und schließlich konnte er seinen ganzen Groll nicht mehr zurückhalten. Er nickte giftig mit dem Kopf: „Mir die Revolution verbieten, und selber revolutionieren? Verfluchter Schein-Fremdteufel! – Gut, du revolutionierst! Revolution ist ein Verbrechen, auf das die Enthauptung steht – ich werde dich anzeigen, damit sie dich in die Kreisstadt bringen und köpfen – die ganze Familie abschlachten – tschak! Tschak!"


Neuntes Kapitel: Das große Finale

Nachdem das Haus Zhao ausgeraubt worden war, waren die meisten Leute in Weizhuang zugleich befriedigt und verängstigt; auch Ah Q war zugleich befriedigt und verängstigt. Doch vier Tage später wurde Ah Q mitten in der Nacht in die Kreisstadt geschleppt. Es war gerade eine dunkle Nacht. Ein Trupp Soldaten, ein Trupp Dorfmiliz, ein Trupp Polizisten und fünf Detektive waren lautlos in Weizhuang eingetroffen, hatten in der Dunkelheit den Tuguci-Tempel umstellt und direkt gegenüber dem Tor ein Maschinengewehr aufgebaut. Doch Ah Q stürmte nicht heraus. Nachdem lange nichts geschah, wurde der Batong nervös und setzte eine Belohnung von zwanzigtausend Kupfermünzen aus; erst dann wagten zwei Miliz-Männer, über die Mauer zu steigen. Von innen und außen zugleich stürmten sie herein und zerrten Ah Q heraus. Erst als sie ihn aus dem Tempel bis in die Nähe des Maschinengewehrs geschleppt hatten, kam er halbwegs zu sich.

Als sie in die Stadt kamen, war es schon Mittag. Ah Q sah, wie man ihn in ein baufälliges Amtsgebäude bugsierte; nach fünf oder sechs Biegungen wurde er in eine kleine Kammer gestoßen. Kaum dass er stolperte, schlug das Gitter aus massivem Holz hinter seinen Fersen zu. Die übrigen drei Wände waren Mauern; als er genauer hinsah, entdeckte er in einer Ecke noch zwei andere Gefangene.

Obwohl Ah Q etwas unruhig war, war er nicht allzu bekümmert: Schließlich war seine Schlafkammer im Tuguci-Tempel auch nicht besser als diese Zelle gewesen. Die zwei anderen schienen ebenfalls vom Land zu kommen; sie begannen allmählich mit ihm zu plaudern. Der eine sagte, der Herr Juren wolle von ihm die rückständige Pacht seines Großvaters eintreiben; der andere wusste gar nicht, worum es ging. Als sie Ah Q fragten, antwortete er freimütig: „Weil ich revolutionieren wollte."

Am Nachmittag wurde er durch das Gitter nach draußen gezerrt und in die große Halle gebracht. Oben saß ein Alter mit blankrasiertem Kopf. Ah Q vermutete, es sei ein Mönch; doch als er unten eine Reihe Soldaten und an beiden Seiten über ein Dutzend Personen in langen Gewändern stehen sah – einige ebenfalls blankrasiert wie der Alte, andere mit fußlangen Haaren, die ihnen über den Rücken fielen wie beim Schein-Fremdteufel –, alle mit finsterer Miene und bösen Blicken auf ihn gerichtet, wusste er: Dieser Mann hatte sicher einiges zu sagen. Seine Knie wurden ganz von alleine weich, und er kniete nieder.

„Steh auf und rede! Nicht knien!" schrien die Langgewan-deten.

Ah Q schien zwar zu verstehen, kam sich aber im Stehen unsicher vor; unwillkürlich ging er in die Hocke und schließlich doch aufs Knie.

„Sklavenmentalität! …" sagten die Langgewandeten verächtlich, ließen ihn aber auch nicht aufstehen.

„Sag die Wahrheit, dann ersparst du dir Leiden. Ich weiß schon alles. Wenn du gestehst, wirst du freigelassen." Der blanke Alte blickte Ah Q ins Gesicht und sprach ruhig und deutlich.

„Gesteh!" riefen auch die Langgewandeten laut.

„Ich wollte eigentlich … kommen und mich an— …" Ah Q grübelte benommen, dann sagte er stockend.

„Warum bist du dann nicht gekommen?" fragte der Alte freundlich.

„Der Schein-Fremdteufel hat mich nicht gelassen!"

„Unsinn! Jetzt ist es ohnehin zu spät. Wo sind deine Komplizen?"

„Was? …"

„Die Bande, die in jener Nacht das Haus Zhao ausgeraubt hat."

„Die haben mich nicht gerufen. Die haben alles selbst weggeschleppt." Ah Q wurde bei der Erinnerung daran empört.

„Wohin sind sie gegangen? Sag es, und du wirst freigelassen." Der Alte wurde noch freundlicher.

„Ich weiß es nicht … sie haben mich nicht gerufen …"

Der Alte machte ein Zeichen mit den Augen, und Ah Q wurde wieder hinter das Gitter gestoßen. Zum zweiten Mal wurde er herausgeholt – am Vormittag des nächsten Tages.

In der großen Halle war alles wie zuvor. Oben saß noch der blanke Alte, und Ah Q kniete sich wieder hin.

Der Alte fragte freundlich: „Hast du noch etwas zu sagen?"

Ah Q überlegte. Nein. „Nein," antwortete er.

Da brachte einer der Langgewandeten ein Blatt Papier und einen Pinsel vor Ah Qs Gesicht und wollte ihm den Pinsel in die Hand drücken. Ah Q erschrak fast zu Tode: Seine Hand und ein Pinsel – das war das allererste Mal in seinem Leben. Der Mann zeigte ihm eine Stelle auf dem Papier und sagte, er solle ein Zeichen malen.

„Ich … ich kann nicht lesen," sagte Ah Q, den Pinsel krampfhaft festhaltend, zugleich bestürzt und beschämt.

„Na gut, dann mal eben einen Kreis!"

Ah Q wollte einen Kreis malen, doch die Hand mit dem Pinsel zitterte. Der Mann legte ihm das Papier auf den Boden; Ah Q beugte sich hinunter und setzte seine ganze Lebenskraft ein, um einen Kreis zu malen. Er hatte Angst, ausgelacht zu werden, und nahm sich fest vor, ihn rund zu machen. Doch der elende Pinsel war nicht nur schwer, sondern gehorchte ihm auch nicht: Gerade als die Linie fast zusammenlaufen wollte, zitterte sie wieder und machte eine Beule nach außen – heraus kam eine Melonenkernform.

Ah Q schämte sich gerade, dass sein Kreis nicht rund geworden war, da hatte der Mann das Papier und den Pinsel schon wieder an sich gezogen, und viele Leute schoben ihn ein zweites Mal hinter das Gitter.

Beim zweiten Mal im Gitter war er gar nicht so bekümmert. Er fand, dass ein Mensch zwischen Himmel und Erde wohl manchmal herein- und herausgezerrt werden muss, und manchmal eben einen Kreis auf Papier malen. Nur dass sein Kreis nicht rund war – das empfand er als Makel in seinem „Lebenslauf". Doch bald beruhigte er sich: Nur ein Grünschnabel malt einen ganz runden Kreis! So schlief er ein.

Doch in dieser Nacht war es der Herr Juren, der nicht schlafen konnte: Er hatte sich mit dem Batong überworfen. Der Herr Juren war der Meinung, man müsse zuerst die Beute wiederbeschaffen; der Batong war der Meinung, man müsse zuerst ein Exempel statuieren. Der Batong nahm den Herrn Juren neuerdings nicht mehr sehr ernst und schlug mit der Faust auf den Tisch: „Einen bestrafen, um hundert abzuschrecken! Sehen Sie sich das an: Ich bin noch keine zwanzig Tage Revolutionär, und schon gibt es über ein Dutzend Raubüberfälle, alle ungelöst – wo bleibt da mein Gesicht? Wenn man einen Fall aufklärt, kommen Sie und werden umständlich. Das geht nicht! Das ist meine Sache!" Der Herr Juren war in der Klemme, bestand aber darauf: Wenn man die Beute nicht wiederbeschaffe, werde er sein Amt als Hilfsbeamter für Zivilverwaltung sofort niederlegen. Der Batong sagte: „Bitte sehr!" Und so schlief der Herr Juren die ganze Nacht nicht; zum Glück legte er am nächsten Tag auch nicht sein Amt nieder.

Als Ah Q zum dritten Mal aus dem Gitter gezerrt wurde, war es der Morgen nach der schlaflosen Nacht des Herrn Juren. Er kam in die große Halle: oben saß wie gewohnt der blanke Alte, und Ah Q kniete sich wie gewohnt hin.

Der Alte fragte freundlich: „Hast du noch etwas zu sagen?"

Ah Q überlegte. Nein. „Nein," antwortete er.

Da zogen ihm viele Lang- und Kurzgewandete plötzlich eine weiße Weste aus Baumwollstoff über, auf der schwarze Schriftzeichen standen. Ah Q war tief betrübt: Denn das sah aus wie Trauerkleidung, und Trauer bedeutete Unglück. Gleichzeitig wurden seine Hände auf dem Rücken gefesselt, und er wurde geradewegs aus dem Amtsgebäude hinausgezerrt.

Ah Q wurde auf einen Karren ohne Verdeck gehoben; einige Kurzgewandete stiegen mit ihm auf. Der Karren setzte sich sofort in Bewegung. Vorne marschierte eine Abteilung Soldaten mit Gewehren und Miliz-Männer; an beiden Seiten drängten sich gaffen de Zuschauer mit offenem Mund; was hinten war, konnte Ah Q nicht sehen. Doch plötzlich durchfuhr es ihn: War dies nicht der Weg zur Hinrichtung? Er erschrak; seine Augen wurden schwarz, in seinen Ohren dröhnte es, und er glaubte ohnmächtig zu werden. Doch er wurde nicht ganz ohnmächtig: Manchmal war er ängstlich, manchmal war er gelassen. Er kam zu der vagen Einsicht, dass ein Mensch zwischen Himmel und Erde wohl manchmal auch zum Richtplatz geführt werden musste.

Er erkannte die Straße, und das überraschte ihn: Warum ging es nicht in Richtung Richtstätte? Er wusste nicht, dass man ihn erst durch die Straßen führte, um ihn zur Schau zu stellen. Doch selbst wenn er es gewusst hätte, wäre es ihm wohl gleich gewesen: Er hätte gedacht, ein Mensch zwischen Himmel und Erde müsse wohl manchmal eben auch durch die Straßen geführt und zur Schau gestellt werden.

Er merkte es: Dies war der Umweg zur Richtstätte; jetzt ging es zum „Tschak" und zur Enthauptung. Verstört blickte er nach links und rechts: Überall folgten ihm die Leute wie Ameisen, und zwischen ihnen, in der Menge am Straßenrand, entdeckte er – Wu Ma. Lange nicht gesehen; sie arbeitete jetzt also in der Stadt. Ah Q schämte sich plötzlich, dass er nicht mehr Haltung zeigte: Nicht einmal ein paar Verse aus einer Oper hatte er gesungen! Seine Gedanken wirbelten wie ein Sturmwind durch sein Gehirn: „Das Waisenkind am Grabe" war zu schlicht; „Hätt' ich nur nicht …" aus dem „Drachenkampf" auch zu fade; doch „Ich schlag den Stählern' Stab auf dich herab" – ja, das! Im selben Moment wollte er die Hand zum Schwung erheben, da fiel ihm ein, dass seine Hände ja gefesselt waren. Und so sang er auch den „Stählernen Stab" nicht.

„Nach zwanzig Jahren bin ich wieder einer …" Ah Q brachte mitten im ganzen Trubel, „ohne Lehrer und Meister", die erste Hälfte eines Satzes hervor, den er noch nie gesagt hatte.

„Bravo!!!" Aus der Menge erhob sich ein Geheul wie das von Schakalen und Wölfen.

Der Karren fuhr unaufhörlich weiter; Ah Q drehte im Jubel der Menge die Augen, um Wu Ma zu sehen, doch sie schien ihn gar nicht bemerkt zu haben, sondern starrte nur gebannt auf die Gewehre auf dem Rücken der Soldaten.

Ah Q wandte seinen Blick den jubelnden Zuschauern zu.

In diesem Bruchteil einer Sekunde durchfuhren seine Gedanken noch einmal wie ein Sturmwind sein Gehirn. Vor vier Jahren war er am Fuß eines Berges einem hungrigen Wolf begegnet, der ihm – immer gleich weit entfernt – folgte und sein Fleisch fressen wollte. Damals hätte er vor Angst beinahe den Geist aufgegeben; zum Glück hatte er eine Hacke in der Hand, an der er sich festhielt und die ihm Mut gab, bis er Weizhuang erreichte. Doch die Wolfsaugen hatte er nie vergessen – wild und feige zugleich, funkelnd wie zwei Irrlichter, die ihn von weitem zu durchbohren schienen. Und nun sah er Augen, die noch furchtbarer waren als alle, die er je gesehen hatte – stumpf und zugleich scharf, die nicht nur seine Worte bereits zerkaut hatten, sondern auch etwas jenseits von Haut und Fleisch zerkauen wollten, und die ihm – immer gleich weit entfernt – folgten.

Diese Augen schienen sich zu einer Einheit zusammenzuschließen und bissen bereits nach seiner Seele.

„Hilfe! …"

Doch Ah Q sprach es nicht aus. Seine Augen waren schon längst schwarz geworden, in seinen Ohren dröhnte es, und er fühlte, wie sein ganzer Körper sich auflöste wie Staub.

Was die Wirkung dieses Ereignisses betraf, so war sie am größten ausgerechnet beim Herrn Juren, denn da die Beute letztlich nicht wiederbeschafft wurde, heulte seine ganze Familie. Die zweitgrößte Wirkung traf das Haus Zhao: Nicht nur hatte der Xiucai, als er zur Anzeige in die Stadt fuhr, von üblen Revolutionären den Zopf abgeschnitten bekommen, sondern obendrein hatte die Familie zwanzigtausend Kupfermünzen Belohnung ausgeben müssen; auch sie heulte also gemeinsam. Von diesem Tag an nahmen sie alle nach und nach die Haltung von Hinterbliebenen des alten Regimes an.

Was die öffentliche Meinung betraf: In Weizhuang war sie einhellig – natürlich war Ah Q schlecht, und dass er erschossen wurde, war der Beweis dafür: Wäre er nicht schlecht gewesen, warum hätte man ihn dann erschossen? Die öffentliche Meinung in der Stadt dagegen war eher ungünstig: Die meisten fanden die Erschießung nicht so eindrucksvoll wie eine Enthauptung; und was war das überhaupt für ein lächerlicher Todgeweihter – so lange durch die Straßen gefahren und nicht einmal ein Lied gesungen! Ganz umsonst waren sie mitgelaufen.


Über den Autor

Lu Xun (鲁迅, eigentlich Zhou Shuren 周树人, 1881–1936) gilt als Begründer der modernen chinesischen Literatur. Die wahre Geschichte des Ah Q ist sein längstes und berühmtestes Werk, eine beißende Satire auf die chinesische Gesellschaft und den Nationalcharakter.

Über diese Übersetzung

Übersetzung aus dem Chinesischen ins Deutsche. Projekt der Lu-Xun-Gesamtausgabe.