Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de4/Chapter 3"
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| − | Nun geschah es, dass | + | Nun geschah es, dass Regendorf sich hastig umwandte: Es war kein anderer als sein ehemaliger Amtskollege, ein gewisser Jadegleich Zhang<ref>Chin. 张如圭 Zhāng Rúguī. 如圭 rúguī „wie ein Jadeplättchen" (makellos). Der Name klingt wie 如归 rúguī „wie Heimkehr".</ref>, der im selben Verfahren wie er seinerzeit des Amtes enthoben worden war. Dieser stammte aus dem hiesigen Ort, und nach seiner Amtsenthebung lebte er hier als Privatmann. Als er nun vernahm, dass in der Hauptstadt die Wiedereinstellung ehemals abgesetzter Beamter genehmigt worden sei, lief er überall umher und suchte Beziehungen und Wege — da stieß er plötzlich auf Regendorf und beeilte sich, ihm zu gratulieren. Nachdem die beiden einander begrüßt hatten, teilte Zhang Rugui Regendorf diese Neuigkeit mit. Regendorf war natürlich hocherfreut und verabschiedete sich nach einem hastigen Wortwechsel. Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], der dies gehört hatte, unterbreitete Regendorf sogleich einen Plan: Er solle Ozeangleich Wald [林如海] bitten, sich an Aufrecht Kaufmann [贾政] in der Hauptstadt zu wenden. Regendorf folgte seinem Rat und kehrte zu seinem Quartier zurück, wo er eilig die Amtsnachrichten nach einer Bestätigung durchsah. Am nächsten Tag sprach er Ozeangleich Wald persönlich darauf an. |
| − | Wald | + | Ozeangleich Wald sagte: „Das trifft sich gut! Da meine Frau kürzlich verstorben ist, hat die Großmutter meiner Frau [Anm.: Regendorfs Dienstherrin ist Tochter der Kaufmann-Familie] in der Hauptstadt sich Sorgen gemacht, dass meine kleine Tochter ohne mütterliche Fürsorge ist, und bereits Diener und Dienerinnen mit Schiffen geschickt, sie abzuholen. Da die Kleine aber noch nicht ganz genesen war, haben wir den Aufbruch verschoben. Ich habe ohnehin schon lange daran gedacht, wie ich Euch für Eure Lehrtätigkeit danken könnte, und diese Gelegenheit kommt wie gerufen — wie sollte ich da nicht mein Bestes tun? Seid ganz unbesorgt: Ich habe bereits alles vorbereitet. Ein Empfehlungsbrief ist geschrieben und an meinen Schwager mit der dringenden Bitte gesandt, Euch in jeder Weise zu unterstützen. Sollten damit Kosten verbunden sein, habe ich dies in dem Schreiben an meinen Schwager bereits vermerkt, so dass Ihr Euch darum nicht zu sorgen braucht." Regendorf verbeugte sich dankend, wieder und wieder, und fragte dann: „Darf ich erfahren, welche Stellung Euer verehrter Herr Schwager bekleidet? Ich fürchte, als bescheidener Mann ungebeten an seine Tür zu klopfen." Ozeangleich Wald lachte: „Was meine Verwandten betrifft — sie stehen mit Eurem verehrten Namen im selben Stammbaum. Es handelt sich um einen Enkel des Herzogs von Rong. Mein älterer Schwager führt derzeit den Erbrang eines Generals erster Klasse, er heißt She [赦] mit Beinamen Enhou<ref>恩侯 Ēnhóu „Marquis der kaiserlichen Gnade" — Beiname (字 zì) von 贾赦 Jiǎ Shè, ein Hinweis auf den ererbten Adelsrang. 存周 Cúnzhōu „den Zhou-Geist bewahrend" — Beiname von 贾政 Jiǎ Zhèng, eine konfuzianische Anspielung auf den Herzog von Zhou (周公 Zhōu gōng), das Vorbild des tugendhaften Beamten. Die Beinamen unterstreichen die programmatischen Charakterunterschiede der beiden Brüder: She lebt von der ererbten Gnade, Zheng will der konfuzianischen Tradition gerecht werden.</ref> [恩侯]. Mein zweiter Schwager heißt Zheng [政] mit Beinamen Cunzhou [存周] und bekleidet derzeit den Posten eines Vizedirektors im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Sein Wesen ist bescheiden und aufrichtig, ganz im Geiste seiner Vorväter — keineswegs einer jener blasierten, leichtfertigen Beamtensöhne. Deshalb habe ich es gewagt, ihm zu schreiben und Euch zu empfehlen. Andernfalls würde ich nicht nur Euren guten Ruf beflecken, sondern auch selbst nicht darauf eingehen." Regendorf hörte dies und glaubte nun vollends, was Leng Selbstaufsteiger am Vortag erzählt hatte. Er dankte Ozeangleich Wald nochmals. Dieser sagte: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Abreisetag für meine Tochter festgesetzt. Ihr könntet im selben Zug reisen — wäre das nicht für beide Seiten vorteilhaft?" Regendorf stimmte freudig zu und war im Herzen überaus zufrieden. |
| − | Wald | + | Ozeangleich Wald traf also die Vorbereitungen für Geschenke und Abschiedsmahl, die Regendorf sämtlich entgegennahm. |
| − | Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Wald | + | Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Ozeangleich Wald ihr sagte: „Dein Vater ist fast fünfzig und denkt nicht daran, wieder zu heiraten. Du aber bist kränklich und noch so klein. Oben hast du keine Mutter, die dich erzieht, unten keine Geschwister, die dich stützen. Wenn du jetzt zu deiner Großmutter und deinen Tanten und Cousinen gehst, wird meine Sorge um dich geringer — warum willst du denn nicht gehen?" — da blieb Kajaljade unter Tränen nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. In Begleitung ihrer Amme und einiger älterer Dienerinnen des Prunkwille-Anwesenes bestieg sie das Schiff. Regendorf folgte auf einem separaten Boot mit zwei Dienerjungen, im Gefolge Kajaljades. |
| − | Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. | + | Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. Regendorf richtete als Erstes seine Kleidung und seinen Hut, nahm seinen Dienerjungen mit, ergriff seine Visitenkarte als „Neffe aus dem Stamm" und überreichte sie am Tor des Prunkwille-Anwesen. Zu jener Zeit hatte Aufrecht Kaufmann den Brief seines Schwagers bereits gelesen und bat Regendorf eilig zum Empfang herein. Er fand Regendorfs Erscheinung stattlich und seine Rede gewandt, und da Aufrecht Kaufmann stets Gelehrte liebte, Tugendhafte ehrte und Schwachen half — ganz im Geiste seiner Ahnen —, und da es überdies der ausdrückliche Wunsch seines Schwagers war, behandelte er Regendorf mit besonderer Zuvorkommenheit. Er setzte seinen ganzen Einfluss ein, und als der Tag der Eingabe kam, verschaffte er ihm mühelos die Wiedereinstellung mit Wartestatus. Keine zwei Monate später wurde eine Vakanz in der Präfektur Yingtianfu<ref>应天府 Yìngtiānfǔ — Verwaltungsbezeichnung Nankings (= Jinling) zur Ming-Zeit (Hongwu-Periode), als Nanking erste Hauptstadt der Dynastie war. In der Qing-Zeit nicht mehr offizielle Präfektur, im Roman aber zur Selbstchiffrierung beibehalten — Cao Xueqins Familie (曹寅 Cáo Yín) amtierte als Salzbeamte in eben diesem Wirtschaftsraum.</ref> in Jinling frei, und er erhielt diese Stelle. Regendorf nahm Abschied von Aufrecht Kaufmann, wählte einen günstigen Tag und trat sein Amt an. Damit sei es für den Moment genug. |
| − | Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der | + | Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der Prunkwille-Anwesen bereits Sänften und Gepäckwagen geschickt, die lange auf sie warteten. Diese Kajaljade hatte von ihrer Mutter stets gehört, dass das Haus ihrer Großmutter sich von allen anderen unterscheide. Schon die Dienerinnen dritten Ranges, die sie in diesen Tagen gesehen hatte, waren in Kleidung, Speise und Auftreten keineswegs gewöhnlich — wie würde es erst im Hause selbst sein? Daher achtete sie auf jeden Schritt und jedes Wort, um nur nicht ausgelacht zu werden. |
| − | Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter | + | Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter Stillfriede-Anwesen" [敕造宁国府]. Kajaljade dachte: „Das muss das Haus des ältesten Zweigs meiner Großmutterfamilie sein." Die Sänfte trug sie weiter nach Westen, und nicht weit entfernt stand ein ebensolches Anwesen mit drei großen Toren — das war der Prunkwille-Anwesen. Doch sie trug nicht durch das Haupttor ein, sondern durch das westliche Seitentor. Die Sänftenträger trugen sie hinein, legten nach etwa einer Bogenschussweite, als sie um eine Ecke biegen sollten, die Sänfte ab und traten zurück. Die Dienerinnen, die zu Fuß gefolgt waren, eilten heran. Drei oder vier Lakaien von siebzehn, achtzehn Jahren, sauber gekleidet, kamen und hoben die Sänfte wieder auf. Die Frauen folgten zu Fuß bis vor ein Blumenhangtor, wo die Sänfte abgesetzt wurde. Die Lakaien zogen sich zurück; die Frauen hoben den Sänftenvorhang, stützten Kajaljade beim Aussteigen. Kajaljade, an den Händen der Frauen, trat durch das Blumenhangtor; zu beiden Seiten waren überdachte Wandelgänge, in der Mitte ein Durchgangsraum mit einem großen Wandschirm aus Rosenholz mit einer eingelassenen Marmorplatte. Hinter dem Wandschirm lag ein kleines Empfangszimmer mit drei Räumen; dahinter begann der große Innenhof. Fünf Räume breit erstreckte sich das Hauptgebäude — alles mit geschnitzten Balken und bemalten Dächern. Zu beiden Seiten Wandelgänge und Seitenflügel, an denen allerlei Papageien, Drosseln und andere Vögel hingen. Auf den Stufen saßen mehrere rotgekleidete Dienerinnen, die, als sie die Besucher kommen sahen, lächelnd entgegeneilten und riefen: „Eben noch hat die alte Fürstin nach ihr gefragt — und wie gerufen kommt sie!" Drei oder vier drängten sich, den Vorhang hochzuhalten, während von drinnen gemeldet wurde: „Fräulein Lin ist angekommen!" |
| − | Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Kaufmann | + | Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann. Die Großmutter stellte Kajaljade nun eine nach der anderen vor: „Dies ist deine Erste Schwiegertante [Anm.: die Frau von Begnadigung Kaufmann], dies deine Zweite Schwiegertante [die Frau von Aufrecht Kaufmann], und dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Zhu — deine älteste Schwägerin." Kajaljade verbeugte sich vor jeder einzelnen. Die Großmutter befahl: „Ruft die jungen Damen herbei. Heute ist ein Gast von weither gekommen — sie brauchen nicht zur Schule zu gehen." Zwei Dienerinnen eilten los. |
Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste. | Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste. | ||
| − | Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen." | + | Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan<ref>人参养荣丸 Rénshēn Yǎngróng wán „Ginseng-Pillen zur Pflege des leuchtenden Wesens" — klassisches Rezept der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), bestehend aus Ginseng, Astragalus, Süßholz, Cinnamomum cassia, Angelica sinensis u. a., zur Stärkung des qi (Lebensenergie) und xue (Blut). Es wird Patienten mit chronischer Erschöpfung, Blutarmut und Konstitutionsschwäche verordnet — also genau Kajaljades Symptomatik. Der Name ist zudem onomastisches Wortspiel: 养荣 yǎngróng „Pflege/Nähren des Glanzes" wird im Roman zu einem Symbol für die unausweichliche Krankheit, die sie bis zum Tod begleitet.</ref> [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen." |
Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete. | Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete. | ||
| − | Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns | + | Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns unser berühmtester kleiner Wildfang. In der Südprovinz nennt man das eine ‚Pfefferschote' [辣子] — nenn sie einfach ‚Pfefferschote Feng<ref>辣子 làzi „Chilischote/Pfefferschote", in der Südprovinz auch „zähe/scharfe Person". 凤辣子 Fèng làzi ist der von der Großmutter liebevoll-spöttisch verliehene Spitzname für Wang Xifeng — sie ist die einzige Figur des Romans, die mehrfach so genannt wird, was die außergewöhnliche Position als oberste Wirtschafterin der Familie unterstreicht. Der Spitzname betont scharfe Zunge, Witz, Gerissenheit und einen Hauch von Bedrohlichkeit.</ref>'!" Kajaljade wusste nicht recht, wie sie sie anreden sollte, doch die Cousinen flüsterten ihr zu: „Das ist die Schwägerin Lian [琏嫂子]." Kajaljade hatte zwar nie ihre Bekanntschaft gemacht, wusste aber von ihrer Mutter, dass der Sohn ihres ersten Onkels, Kette Kaufmann, eine Nichte ihrer Zweiten Tante Wang geheiratet hatte — ein Mädchen, das von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Phönixglanz [王熙凤]<ref>Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix". 熙 xī „strahlend/glänzend", 凤 fèng „Phönix".</ref> trug. Kajaljade begrüßte sie lächelnd und nannte sie „Schwägerin". Phönixglanz [熙凤] ergriff Kajaljades Hand, musterte sie sorgfältig von oben bis unten, führte sie dann zurück an die Seite der Großmutter und sagte lachend: „Was für ein wunderschönes Geschöpf — wahrhaftig, so etwas sehe ich heute zum ersten Mal! Und diese ganze Erscheinung — sie sieht gar nicht aus wie die Enkelin einer anderen Familie, sondern wie eine leibliche Enkelin der alten Fürstin! Kein Wunder, dass unsere Ahne Tag für Tag an sie denkt und sie nicht vergessen kann. Nur schade um meine arme kleine Schwester — was für ein hartes Schicksal, dass ihre Mama so früh sterben musste!" Bei diesen Worten tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. Die Großmutter lachte: „Ich habe mich gerade beruhigt, und du fängst wieder an, mich zum Weinen zu bringen! Deine Schwester ist von weither gekommen und ist schwach — gerade haben wir sie beruhigt. Hör bitte auf, an die alten Sachen zu erinnern!" Phönixglanz schlug sofort von Trauer in Fröhlichkeit um: „Ach, natürlich! Ich habe meine Schwester gesehen, und da war mein ganzes Herz bei ihr — vor lauter Freude und Rührung habe ich die alte Fürstin ganz vergessen. Ich verdiene Strafe, ich verdiene Strafe!" Dann ergriff sie wieder Kajaljades Hand und fragte: „Schwesterchen, wie alt bist du? Bist du schon zur Schule gegangen? Welche Medizin nimmst du? Hier brauchst du kein Heimweh zu haben — wenn du etwas zu essen oder etwas zum Spielen brauchst, sag es mir einfach. Wenn die Mägde und Frauen nicht ordentlich sind, sag es auch mir!" Zugleich fragte sie die Dienerinnen: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Dienerinnen hat sie mitgebracht? Räumt schnell zwei Zimmer auf, damit sie sich ausruhen können!" |
| − | Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz | + | Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz reichte Kajaljade persönlich Tee und Obst. Dann fragte die Zweite Tante: „Ist das Monatsgeld schon ausgezahlt?" Phönixglanz antwortete: „Das ist schon erledigt. Ich habe gerade Leute auf den Dachboden geschickt, um nach Seide zu suchen — aber nach langem Suchen habe ich die Sorte, von der die Tante gestern sprach, nicht gefunden. Vielleicht hat die Tante sich geirrt?" Dame König<ref>Der Familienname 王 Wáng bedeutet „König". Die König-Familie ist eine der vier großen Familien (贾王薛史 = Kaufmann, König, Schnee, Geschichte).</ref> sagte: „Ob es sie gibt oder nicht, das ist nicht so wichtig." Dann fuhr sie fort: „Man sollte gleich zwei Stück herausnehmen, damit deine Schwester sich Kleider nähen lassen kann. Lass heute Abend nochmals jemanden nachschauen — vergiss es nicht." Phönixglanz sagte: „Das habe ich bereits vorher bedacht. Da ich wusste, dass meine Schwester in den nächsten Tagen kommen würde, habe ich alles schon vorbereitet. Wenn die Tante sie gesehen hat, lasse ich sie herüberbringen." Dame König lächelte und nickte schweigend. |
| − | Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing, erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau | + | Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing<ref>Chin. 邢夫人 Xíng Fūren. 邢 xíng — der Name erinnert an 刑 xíng „Strafe".</ref>, erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau Strafe stimmte zu, nahm Kajaljade an der Hand und verabschiedete sich von Dame König. Alle geleiteten sie bis zum Durchgang. Vor dem Blumenhangtor warteten bereits Lakaien mit einer Kutsche mit grünem Baldachin und grünseidenen Vorhängen. Frau Strafe half Kajaljade hinein; die Dienerinnen ließen den Vorhang herab, und die Lakaien trugen die Kutsche hinaus. An einer breiteren Stelle spannten sie ein zahmes Maultier vor und verließen durch das westliche Seitentor. Dann ging es ostwärts am Haupttor des Prunkwille-Anwesen vorbei in ein großes schwarz lackiertes Tor, wo sie vor dem Zeremonielltor anhielten und abstiegen. Die Lakaien zogen sich zurück. Frau Strafe half Kajaljade in den Innenhof. Kajaljade bemerkte, dass die Gebäude offenbar von einem Garten des Prunkwille-Anwesen abgetrennt worden waren. Durch drei Tore hindurch sah man das Hauptgebäude mit Seitenflügeln und Wandelgängen — alles zierlich und elegant, nicht so majestätisch wie auf der anderen Seite, dafür überall Bäume und Gartenfelsen. Im Hauptzimmer angekommen, eilten zahlreiche prächtig gekleidete Nebenfrauen und Dienerinnen herbei. Frau Strafe bat Kajaljade, Platz zu nehmen, und schickte nach dem Ersten Onkel. Nach einer Weile kam ein Bote zurück mit der Nachricht: „Der Herr lässt sagen: ‚Ich bin in den letzten Tagen unwohl, und wenn ich meine Nichte sähe, würden wir beide nur traurig. Ich möchte sie bitten, sich nicht zu grämen und kein Heimweh zu haben. Bei der Großmutter und den Tanten ist sie wie zu Hause. Obwohl die Cousinen nicht vollkommen sind, kann ihre Gesellschaft doch zur Zerstreuung beitragen. Sollte sie sich jemals ungerecht behandelt fühlen, soll sie es nur sagen — sie braucht nicht fremd zu tun.'" Kajaljade stand eilig auf und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Pause nahm sie Abschied. Frau Strafe wollte sie zum Abendessen zurückhalten, doch Kajaljade erwiderte lächelnd: „Es wäre unhöflich, die Einladung der Tante abzulehnen — aber ich muss noch meinen Zweiten Onkel besuchen, und wenn ich vorher hier speise, wäre das ungehörig. An einem anderen Tag gern." Frau Strafe lächelte und ließ sie von zwei oder drei Ammen in der Kutsche zum Zweiten Onkel bringen. |
| − | Bald darauf gelangte Kajaljade zum | + | Bald darauf gelangte Kajaljade zum Prunkwille-Anwesen. Sie stieg aus der Kutsche und wurde von den Ammen durch einen östlichen Durchgang, hinter die große Südhalle, durch ein Zeremonielltor in einen großen Innenhof geführt. Das Hauptgebäude hatte fünf Räume, mit Seitenflügeln und kleinen Nebenzimmern — alles weit geräumiger und prächtiger als beim Ersten Onkel. Kajaljade erkannte, dass dies die eigentlichen Hauptgemächer sein mussten, mit dem breiten Hauptweg, der direkt zum großen Tor hinausführte. In der Empfangshalle erblickte sie eine große goldene Tafel auf blaugrünem Grund mit den drei riesigen Zeichen „Halle des Rong-Glücks" [荣禧堂]<ref>荣禧堂 Róngxǐ táng „Halle des Glanzes und der Glückseligkeit" — Empfangshalle der Rongguo-Residenz, die wegen ihrer prächtigen Ausstattung (kaiserliche Inschriften, antike Bronze, kostbare Kalligraphien) sofort den hohen Rang der Familie signalisiert. Das „Geschenkt vom Kaiser an Herzog Rong"-Schild unterstreicht den engen kaiserlichen Rückhalt — den die Familie im Romanverlauf nach und nach verliert. Die Spruchpaar-Tafel ist von 穆莳 Mù Shí (Erbherzog von Dong'an) signiert: ein realer Adelstitel im Roman, der auf die enge Verflechtung der „acht Banner-Familien" verweist.</ref>, darunter eine kleine Zeile: „Im Jahre XY vom Kaiser dem Herzog Rong Jia Yuan geschenkt", dazu das Kaiserliche Siegel. Auf einem großen Tisch aus Rosenholz mit geschnitzten Drachen stand ein drei Fuß hoher antiker Bronzedreifuß; an der Wand hing ein großes Gemälde mit einem schwarzen Drachen als Wartemotiv [Anm.: „Warten auf die Morgenaudienz"]; auf der einen Seite ein goldenes Ritualgefäß, auf der anderen eine Glasschale. Auf dem Boden standen sechzehn Stühle aus Kampferholz in zwei Reihen. An der Wand hing ein Spruchband auf Ebenholztafeln mit silbernen Schriftzeichen: |
Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, | Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, | ||
| Line 133: | Line 133: | ||
Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand." | Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand." | ||
| − | Da | + | Da Dame König sich für gewöhnlich nicht in den Haupträumen aufhielt, sondern in drei kleinen Seitenzimmern östlich davon, führten die Ammen Kajaljade durch die östliche Tür. Am Fenster stand ein großes Bett mit leuchtend rotem fremdländischem Teppich, darauf ein großes Rückenkissen mit dem Seidenmuster goldener Drachenschlangen auf steinblauem Grund, dazu eine passende Armlehne und eine große Matratze in Herbstgelb mit dem gleichen Muster. Auf den beiden kleinen Beistelltischen im Pflaumenblütendesign und Fremdlack stand links ein Weihrauchgefäß, rechts eine Vase aus Ru-Keramik [汝窑, berühmteste Keramik der Song-Zeit] mit frischen Blumen, dazu Teetassen und ein Spucknapf. Auf dem Boden standen vier Stühle mit silberrotem Blumenstoff, darunter vier Fußbänkchen. Kajaljade bemerkte die Rangordnung der Plätze und setzte sich nicht auf das Bett, sondern nahm auf einem der östlichen Stühle Platz. Die Dienerinnen brachten Tee. Während Kajaljade trank, betrachtete sie die Mägde — Kleidung, Schmuck und Benehmen waren in der Tat anders als anderswo. |
| − | Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. | + | Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. Dame König saß unten an der westlichen Seite auf einem ebensolchen halbabgenutzten Seidenpolster. Als Kajaljade hereinkam, wies Dame König sie nach Osten — Kajaljade erkannte, dass dies der Platz von Aufrecht Kaufmann sein musste. Da sie neben dem Bett drei Stühle mit halbabgenutzten Tintentuschbezügen sah, setzte sie sich auf einen der Stühle. Dame König zog sie mehrmals zum Bett herauf, bis sie sich schließlich neben sie setzte. |
| − | + | Dame König sprach: „Deinen Onkel wirst du heute nicht sehen — er fastet gerade. Aber eines möchte ich dir ans Herz legen: Deine drei Cousinen sind alle sehr umgänglich — zusammen lesen, schreiben und Handarbeiten machen, damit wird es nie Schwierigkeiten geben. Aber was mich beunruhigt, ist eine Sache: Ich habe einen Sohn, der ein wahrer Unglückskeim ist — der ‚Teufel, der die Welt verwirrt<ref>混世魔王 Hùnshì Mówáng „Welt-verwirrender Dämonenkönig" — Anspielung auf die gleichnamige Dämonengestalt aus dem Roman 西游记 Xīyóujì („Reise nach Westen"). Der Spitzname für Schatzjade ist halb scherzhaft („Familienunglücksbringer") und halb anerkennend (außergewöhnliches, der sozialen Norm widersprechendes Wesen). In der jiapu-/Familienethik der Qing-Zeit war ein Sohn, der die Beamtenkarriere ablehnte und sich stattdessen in den Frauengemächern aufhielt, tatsächlich „chaotisch" für die Familienordnung.</ref>' [混世魔王] in diesem Haus. Heute ist er zum Tempel gegangen, ein Gelübde einzulösen, und noch nicht zurück. Heute Abend wirst du ihn sehen. Kümmere dich einfach nicht um ihn. Keine deiner Cousinen wagt es, sich mit ihm einzulassen." | |
| − | Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern | + | Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern seine Zeit verbrachte, und den die Großmutter so verhätschelte, dass niemand ihm Einhalt zu gebieten wagte. Nun war ihr klar, dass Dame König von diesem Cousin sprach. Sie erwiderte lachend: „Die Tante meint wohl den Cousin, der mit der Jade geboren wurde? Ich habe zu Hause von meiner Mutter oft gehört, dass dieser Cousin zwar recht ungezogen sei, sich aber seinen Schwestern gegenüber immer gut benehme. Da ich nun hier bin, werde ich natürlich nur mit den Cousinen zusammen sein; die Brüder leben in anderen Gebäuden und Zimmern — wie sollte ich mit ihm in Berührung kommen?" Dame König lachte: „Du kennst die Gründe nicht. Er ist anders als andere. Seit seiner frühesten Kindheit ist er von der Großmutter verwöhnt und zusammen mit den Mädchen aufgezogen worden. Wenn die Mädchen ihn eines Tages nicht beachten, ist er ganz ruhig; höchstens geht er hinaus und lässt seinen Ärger an seinen zwei kleinen Dienern aus — ein bisschen Murren, dann ist es vorbei. Aber wenn die Mädchen an einem Tag ein Wort mehr als nötig mit ihm wechseln, wird er fröhlich und stiftet tausenderlei Unfug an. Deshalb sage ich dir: Kümmere dich nicht um ihn! Den einen Moment hat er süße Worte auf den Lippen, den nächsten ist er maßlos und zügellos, dann wieder verrückt und albern — glaub ihm nichts." |
| − | Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." | + | Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." Dame König führte Kajaljade durch die Hintertür, über den westlichen Korridor und durch ein Seitentor in einen breiten Nord-Süd-Gang. Im Süden lag ein kleines Empfangszimmer, im Norden stand eine weiß gestrichene Spiegelwand, dahinter ein Seitentor und ein kleines Gebäude. Dame König zeigte lächelnd darauf: „Das ist das Quartier deiner Schwägerin Phönixglanz. Wenn du etwas brauchst, geh einfach zu ihr." Vor diesem Tor standen auch vier oder fünf Dienerknaben mit Haarknötchen. Dame König führte Kajaljade durch einen weiteren Durchgang hindurch in den Hinterhof der Großmutter. Dort warteten bereits viele Dienerinnen; als Dame König kam, wurden Tisch und Stühle aufgestellt. Jia Zhus Witwe Seidenweiß Pflaume<ref>Chin. 李纨 Lǐ Wán. 李 lǐ „Pflaume" (Familienname); 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" (Symbol der tugendhaften Witwenschaft). Frau des verstorbenen ältesten Sohnes der Wang (贾珠 Jiǎ Zhū / Perle Kaufmann); im Roman als mustergültig-keusche junge Witwe gezeichnet, die sich der Erziehung ihres Sohnes 贾兰 Jiǎ Lán („Orchidee") widmet.</ref> [李纨] trug die Speisen auf, Phönixglanz legte die Essstäbchen zurecht, Dame König reichte die Suppe. Die Großmutter saß allein in der Mitte auf dem Hauptdiwan; vier leere Stühle standen zu beiden Seiten. Phönixglanz zog Kajaljade rasch auf den ersten Stuhl links. Kajaljade wehrte sich sehr, doch die Großmutter lachte: „Deine Tanten und Schwägerinnen essen nicht hier. Du bist der Gast — so gehört es sich." Erst dann setzte sich Kajaljade. Die Großmutter ließ Dame König sich setzen. Die drei Schwestern Willkommensfrühling, Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling nahmen auf der rechten Seite Platz. Dienerinnen standen mit Staubwedeln, Spülschalen und Tüchern bereit. Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz standen neben dem Tisch und bedienten. Obwohl draußen zahlreiche Dienerinnen und Mägde warteten, war kein einziger Huster zu hören. In vollkommener Stille wurde die Mahlzeit beendet. Jede erhielt auf einem kleinen Tablett Tee. Kajaljades Vater Ozeangleich Wald hatte seine Tochter gelehrt, nach dem Essen zu warten, bis die letzte Reiskorn geschluckt war, und erst eine Weile später Tee zu trinken, um den Magen nicht zu schädigen. Hier aber sah Kajaljade, dass vieles anders war als zu Hause, und so musste sie sich nach und nach anpassen. Sie nahm den Tee an und sah, wie Spülwasser gebracht wurde — sie spülte sich den Mund, ebenso wie die anderen. Dann wurde nochmals Tee gebracht — dies war der Tee zum Trinken. |
| − | Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." | + | Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." Dame König erhob sich, wechselte noch ein paar Worte, dann führte sie Phönixglanz und Seidenweiß Pflaume hinaus. Die Großmutter fragte Kajaljade, welche Bücher sie lese. Kajaljade antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher [四书, die konfuzianischen Grundtexte] begonnen." Dann fragte sie, was die Cousinen läsen. Die Großmutter antwortete: „Was die schon lesen! Sie können gerade so ein paar Zeichen erkennen und sind keine Analphabeten — das ist alles." |
| − | Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing. | + | Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing<ref>通灵宝玉 Tōnglíng Bǎoyù „Geistdurchdringende Schatz-Jade" — der von der Göttin Nüwa zurückgelassene Stein (Kap. 1), den ein Mönch mit Schriftzeichen gravierte und der Schatzjade bei der Geburt im Mund lag. Er ist Talisman, Schutzamulett und Lebenszeichen zugleich; sein Verlust bzw. seine Rückkehr in die mythische Sphäre rahmt den gesamten Roman. Die Inschrift „Verliere mich nicht, vergiss mich nicht — ewige Jugend, ewiges Leben" (莫失莫忘,仙寿恒昌) korrespondiert spiegelbildlich mit der Inschrift auf dem Goldschloss der Schatzspange (Xue Baochai), was im Folgekapitel zur „goldnen-Jade-Verbindung" wird — Quelle der zentralen Spannung Schatzjade ↔ Schatzspange ↔ Kajaljade.</ref>. |
Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen. | Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen. | ||
| − | Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster | + | Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster „Mond über dem Westfluss" (西江月)<ref>西江月 Xījiāngyuè ist eine klassische Ci-Versform (Melodie).</ref>, die Schatzjade treffend beschreiben: |
Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, | Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, | ||
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Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen." | Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen." | ||
| − | Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin' [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" | + | Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin'<ref>颦颦 Pínpín „die zwei Stirnrunzelnde" — Anspielung auf 西施 Xī Shī, eine der vier klassischen Schönheiten Chinas (春秋 Chunqiu-Zeit), die der Legende nach so schön war, dass sie selbst beim Stirnrunzeln wegen Brustschmerzen noch lieblicher wirkte (东施效颦 Dōng Shī xiào pín, „Dong Shi ahmt das Stirnrunzeln nach"). Schatzjades phantasievolle Etymologie aus „Alten" und „Breiten Wörterbüchern" ist absichtlich humorvoll-erfunden — eine Parodie auf gelehrte Pseudo-Etymologien. Im weiteren Romanverlauf wird Kajaljade aber tatsächlich mit Xi Shi verglichen.</ref> [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" Erkundefrühling fragte: „Woher nimmst du das?" Schatzjade antwortete: „Im ‚Alten Wörterbuch' steht ‚die fernste Ferne' [远], und im ‚Breiten Wörterbuch' steht ‚weit über zehntausend Meilen' — also: Kajaljade [黛玉] ist der Name; zwischen ihren Brauen aber liegt ein Hauch, der ‚Pinpin' [颦颦] heißen sollte." Erkundefrühling lachte: „Wieder mal eine Erfindung — in keinem Buch steht so etwas!" Schatzjade lachte: „Alle Bücher haben ihre Autoren auch nur selbst erfunden!" |
Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich. | Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich. | ||
| − | In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im | + | In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im Prunkwille-Anwesen. |
[Ende des dritten Kapitels] | [Ende des dritten Kapitels] | ||
Latest revision as of 15:06, 8 May 2026
第三回 / Kapitel 3
托内兄如海荐西宾
接外孙贾母惜孤女
| 中文原文 | Deutsche Übersetzung (DE4, Woesler) |
|---|---|
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托内兄如海荐西宾 接外孙贾母惜孤女 却说雨村忙回头看时,不是别人,乃是当日同僚一案参革的张如圭。他系此地人,革后家居,今打听得都中奏准起复旧员之信,他便四下里寻情找门路,忽遇见雨村,故忙道喜。二人见了礼,张如圭便将此信告知雨村。雨村欢喜,忙忙叙了两句,各自别去回家。冷子兴听得此言,便忙献计,令雨村央求林如海,转向都中去央烦贾政。 雨村领其意而别,回至馆中,忙寻邸报看真确了。次日,面谋之如海。如海道:“天缘凑巧。因贱荆去世,都中家岳母念及小女无人依傍,前已遣了男女、船只来接,因小女未曾大痊,故尚未行。此刻正思送女进京。因向蒙教训之恩,未经酬报,遇此机会,岂有不尽心图报之理?弟已预筹之,修下荐书一封,托内兄务为周全,方可稍尽弟之鄙诚;即有所费,弟于内家信中写明,不劳吾兄多虑。”雨村一面打恭,谢不释口;一面又问:“不知令亲大人现居何职?只怕晚生草率,不敢进谒。”如海笑道:“若论舍亲,与尊兄犹系一家,乃荣公之孙:大内兄现袭一等将军之职,名赦,字恩侯;二内兄名政,字存周,现任工部员外郎,其为人谦恭厚道,大有祖父遗风,非膏粱轻薄之流,故弟致书烦托,否则不但有污尊兄清操,即弟亦不屑为矣。”雨村听了,心下方信了昨日子兴之言,于是又谢了林如海。如海又说:“择了出月初二日小女入都,吾兄即同路而往,岂不两便?”雨村唯唯听命,心中十分得意。如海遂打点礼物并饯行之事,雨村一一领了。 那女学生原不忍离亲而去,无奈他外祖母必欲其往,且兼如海说:“汝父年已半百,再无续室之意;且汝多病,年又极小,上无亲母教养,下无姊妹扶持。今去依傍外祖母及舅氏姊妹,正好减我内顾之忧,如何不去?”黛玉听了,方洒泪拜别,随了奶娘及荣府中几个老妇登舟而去。雨村另有船只,带了两个小童,依附黛玉而行。 一日到了京都,雨村先整了衣冠,带着童仆,拿了宗侄的名帖,至荣府门上投了。彼时贾政已看了妹丈之书,即忙请入相会。见雨村相貌魁伟,言谈不俗;且这贾政最喜的是读书人,礼贤下士,拯溺救危,大有祖风;况又系妹丈致意:因此优待雨村,更又不同。便极力帮助,题奏之日,谋了一个复职。不上两月,便选了金陵应天府,辞了贾政,择日到任去了,不在话下。 且说黛玉自那日弃舟登岸时,便有荣府打发轿子并拉行李车辆伺候。这黛玉尝听得母亲说,他外祖母家与别人家不同。他近日所见的这几个三等的仆妇,吃穿用度,已是不凡;何况今至其家,都要步步留心,时时在意,不要多说一句话,不可多行一步路,恐被人耻笑了去。自上了轿,进了城,从纱窗中瞧了一瞧,其街市之繁华,人烟之阜盛,自非别处可比。又行了半日,忽见街北蹲着两个大石狮子,三间兽头大门,门前列坐着十来个华冠丽服之人。正门不开,只东、西两角门有人出入。正门之上有一匾,匾上大书“敕造宁国府”五个大字。黛玉想道:“这是外祖的长房了。” 又往西不远,照样也是三间大门,方是荣国府,却不进正门,只由西角门而进。轿子抬着走了一箭之远,将转弯时便歇了轿,后面的婆子也都下来了。另换了四个眉目秀洁的十七八岁的小厮上来抬着轿子,众婆子步下跟随。至一垂花门前落下,那小厮俱肃然退出。众婆子上前打起轿帘,扶黛玉下了轿。 黛玉扶着婆子的手,进了垂花门,两边是超手游廊,正中是穿堂,当地放着一个紫檀架子大理石屏风。转过屏风,小小三间厅房。厅后便是正房大院:正面五间上房,皆是雕梁画栋;两边穿山游廊、厢房,挂着各色鹦鹉、画眉等雀鸟。台阶上坐着几个穿红着绿的丫头,一见他们来了,都笑迎上来道:“刚才老太太还念诵呢,可巧就来了。”于是三四人争着打帘子。一面听得人说:“林姑娘来了。” 黛玉方进房,只见两个人扶着一位鬓发如银的老母迎上来。黛玉知是外祖母了,正欲下拜,早被外祖母抱住,搂入怀中,“心肝儿肉”叫着大哭起来。当下侍立之人无不下泪,黛玉也哭个不休。众人慢慢解劝,那黛玉方拜见了外祖母。贾母方一一指与黛玉道:“这是你大舅母。这是二舅母。这是你先前珠大哥的媳妇珠大嫂子。”黛玉一一拜见。贾母又说:“请姑娘们。今日远客来了,可以不必上学去。”众人答应了一声,便去了两个。 不一时,只见三个奶妈并五六个丫鬟,拥着三位姑娘来了: 第一个肌肤微丰,身材合中,腮凝新荔,鼻腻鹅脂,温柔沉默,观之可亲;第二个削肩细腰,长挑身材,鸭蛋脸儿,俊眼修眉,顾盼神飞,文彩精华,见之忘俗;第三个身量未足,形容尚小:其钗环裙袄,三人皆是一样的妆束。 黛玉忙起身,迎上来见礼,互相厮认,归了坐位。丫鬟送上茶来。不过叙些黛玉之母如何得病,如何请医服药,如何送死发丧。不免贾母又伤感起来,因说:“我这些女孩儿,所疼的独有你母亲。今一旦先我而亡,不得见面,怎不伤心!”说着,携了黛玉的手,又哭起来。众人都忙相劝慰,方略略止住。 众人见黛玉年纪虽小,其举止言谈不俗;身体面貌虽弱不胜衣,却有一段风流态度,便知他有不足之症。因问:“常服何药?为何不治好了?”黛玉道:“我自来如此,从会吃饭时便吃药到如今了,经过多少名医,总未见效。那一年我才三岁,记得来了一个癞头和尚,说要化我去出家,我父母自是不从。他又说:‘既舍不得他,但只怕他的病,一生也不能好的;若要好时,除非从此以后,总不许见哭声,除父母之外,凡有外亲,一概不见,方可平安了此一生。’这和尚疯疯癫癫,说了这些不经之谈,也没人理他。如今还是吃人参养荣丸。”贾母道:“这正好,我这里正配丸药呢,叫他们多配一料就是了。” 一语未完,只听后院中有笑语声,说:“我来迟了,没得迎接远客。”黛玉思忖道:“这些人个个皆敛声屏气如此,这来者是谁,这样放诞无礼?”心下想时,只见一群媳妇、丫鬟拥着一个丽人,从后房进来。这个人打扮与姑娘们不同,彩绣辉煌,恍若神妃仙子: 头上戴着金丝八宝攒珠髻,绾着朝阳五凤挂珠钗;项上戴着赤金盘螭缨络圈;身上穿着缕金百蝶穿花大红云缎窄褃袄,外罩五彩刻丝石青银鼠褂;下着翡翠撒花洋绉裙。一双丹凤三角眼,两弯柳叶吊梢眉。身量苗条,体格风骚。粉面含春威不露,丹唇未启笑先闻。 黛玉连忙起身接见。贾母笑道:“你不认得他。他是我们这里有名的一个泼辣货,南京所谓‘辣子’,你只叫他‘凤辣子’就是了。”黛玉正不知以何称呼,众姊妹都忙告诉黛玉道:“这是琏二嫂子。”黛玉虽不曾识面,听见他母亲说过:大舅贾赦之子贾琏,娶的就是二舅母王氏的内侄女,自幼假充男儿教养,学名叫做王熙凤。黛玉忙陪笑见礼,以“嫂”呼之。 这熙凤携着黛玉的手,上下细细打量了一回,便仍送至贾母身边坐下,因笑道:“天下真有这样标致人儿!我今日才算看见了。况且这通身的气派,竟不像老祖宗的外孙女儿,竟是嫡亲的孙女儿似的,怨不得老祖宗天天嘴里心里放不下。只可怜我这妹妹这么命苦,怎么姑妈偏就去世了呢?”说着便用帕拭泪。贾母笑道:“我才好了,你又来招我;你妹妹远路才来,身子又弱,也才劝住了:快别再提了。”熙凤听了,忙转悲为喜道:“正是呢,我一见了妹妹,一心都在他身上,又是喜欢,又是伤心,竟忘了老祖宗了。该打,该打!”又忙拉着黛玉的手问道:“妹妹几岁了?可也上过学?现吃什么药?在这里别想家。要什么吃的,什么玩的,只管告诉我;丫头、老婆们不好,也只管告诉我。”黛玉一一答应。一面熙凤又问人:“林姑娘的东西可搬进来了?带了几个人来?你们赶早打扫两间屋子,叫他们歇歇儿去。” 说话时已摆了果茶上来,熙凤亲自布让。又见二舅母问他:“月钱放完了没有?”熙凤道:“放完了。刚才带了人到后楼上找缎子,找了半日,也没见昨儿太太说的那个。想必太太记错了。”王夫人道:“有没有,什么要紧!”因又说道:“该随手拿出两个来,给你这妹妹裁衣裳啊。等晚上想着,再叫人去拿罢。”熙凤道:“我倒先料着了,知道妹妹这两日必到,我已经预备下了。等太太回去过了目,好送来。”王夫人一笑,点头不语。 当下茶果已撤,贾母命两个老嬷嬷带黛玉去见两个舅舅去。维时贾赦之妻邢氏忙起身笑回道:“我带了外甥女儿过去,到底便宜些。”贾母笑道:“正是呢,你也去罢,不必过来了。”那邢夫人答应了,遂带着黛玉,和王夫人作辞,大家送至穿堂。垂花门前早有众小厮拉过一辆翠幄青油车来,邢夫人携了黛玉坐上,众老婆们放下车帘,方命小厮们抬起。拉至宽处,驾上驯骡,出了西角门往东,过荣府正门,入一黑油漆大门内,至仪门前方下了车。邢夫人挽着黛玉的手进入院中。黛玉度其处必是荣府中之花园隔断过来的。进入三层仪门,果见正房、厢房、游廊悉皆小巧别致,不似那边的轩峻壮丽,且院中随处之树木山石皆好。及进入正室,早有许多艳妆丽服之姬妾、丫鬟迎着。 邢夫人让黛玉坐了;一面令人到外书房中请贾赦。一时回来说:“老爷说了:‘连日身上不好,见了姑娘,彼此伤心,暂且不忍相见。劝姑娘不必伤怀想家,跟着老太太和舅母,是和家里一样的。姐妹们虽拙,大家一处作伴,也可以解些烦闷。或有委屈之处,只管说,别外道了才是。’” 黛玉忙站起身来,一一答应了。再坐一刻便告辞,邢夫人苦留吃过饭去。黛玉笑回道:“舅母爱惜赐饭,原不应辞;只是还要过去拜见二舅舅,恐去迟了不恭,异日再领。望舅母容谅。”邢夫人道:“这也罢了。”遂命两个嬷嬷用方才坐来的车送过去。于是黛玉告辞。邢夫人送至仪门前,又嘱咐了众人几句,眼看着车去了方回来。 一时黛玉进入荣府,下了车,只见一条大甬路直接出大门来。众嬷嬷引着,便往东转弯,走过一座东西穿堂,向南大厅之后,仪门内大院落:上面五间大正房,两边厢房,鹿顶耳房钻山,四通八达,轩昂壮丽,比各处不同。黛玉便知这方是正内室。进入堂屋,抬头迎面先见一个赤金九龙青地大匾,匾上写着斗大三个字,是“荣禧堂”;后有一行小字:“某年月日书赐荣国公贾源”,又有“万幾宸翰”之宝。大紫檀雕螭案上,设着三尺多高青绿古铜鼎,悬着待漏随朝墨龙大画,一边是錾金彝,一边是玻璃盆。地下两溜十六张楠木圈椅。又有一副对联,乃是乌木联牌镶着錾金字迹,道是: 座上珠玑昭日月,堂前黼黻焕烟霞。 下面一行小字是“世教弟勋袭东安郡王穆莳拜手书”。 原来王夫人时常居坐宴息也不在这正室中,只在东边的三间耳房内。于是嬷嬷们引黛玉进东房门来。临窗大炕上铺着猩红洋毯,正面设着大红金钱蟒引枕,秋香色金钱蟒大条褥;两边设一对梅花式洋漆小几:左边几上摆着文王鼎,鼎旁匙箸、香盒;右边几上摆着汝窑美人觚,里面插着时鲜花草。地下面,西一溜四张大椅,都搭着银红撒花椅搭,底下四副脚踏;两边又有一对高几,几上茗碗、瓶花俱备。其馀陈设,不必细说。 老嬷嬷让黛玉上炕坐。炕沿上却也有两个锦褥对设。黛玉度其位次,便不上炕,只就东边椅上坐了。本房的丫鬟忙捧上茶来。黛玉一面吃了,打量这些丫鬟们妆饰衣裙,举止行动,果与别家不同。 茶未吃了,只见一个穿红绫袄、青绸掐牙背心的一个丫鬟走来笑道:“太太说,请林姑娘到那边坐罢。”老嬷嬷听了,于是又引黛玉出来,到了东廊三间小正房内。正面炕上横设一张炕桌,上面堆着书籍、茶具;靠东壁面西设着半旧的青缎靠背、引枕。王夫人却坐在西边下首,亦是半旧青缎靠背、坐褥。见黛玉来了,便往东让。黛玉心中料定这是贾政之位。因见挨炕一溜三张椅子上也搭着半旧的弹花椅袱,黛玉便向椅上坐了。王夫人再三让他上炕,他方挨王夫人坐下。王夫人因说:“你舅舅今日斋戒去了,再见罢。只是有句话嘱咐你:你三个姐妹倒都极好,以后一处念书认字,学针线,或偶一玩笑,却都有个尽让的。我就只一件不放心:我有一个孽根祸胎,是家里的混世魔王,今日因往庙里还愿去,尚未回来,晚上你看见就知道了。你以后总不用理会他,你这些姐姐妹妹都不敢沾惹他的。” 黛玉素闻母亲说过:“有个内侄,乃衔玉而生,顽劣异常,不喜读书,最喜在内帏厮混。外祖母又溺爱,无人敢管。”今见王夫人所说,便知是这位表兄。一面陪笑道:“舅母所说,可是衔玉而生的?在家时,记得母亲常说:这位哥哥比我大一岁,小名就叫宝玉,性虽憨顽,说待姊妹们却是极好的。况我来了,自然和姊妹们一处,弟兄们是另院别房,岂有沾惹之理?”王夫人笑道:“你不知道原故。他和别人不同,自幼因老太太疼爱,原系和姐妹们一处娇养惯了的。若姐妹们不理他,他倒还安静些;若一日姐妹们和他多说了一句话,他心上一喜,便生出许多事来:所以嘱咐你别理会他。他嘴里一时甜言蜜语,一时有天没日,疯疯傻傻,只休信他。”黛玉一一的都答应着。 忽见一个丫鬟来说:“老太太那里传晚饭了。”王夫人忙携了黛玉,出后房门,由后廊往西,出了角门,是一条南北甬路,南边是倒座三间小小抱厦厅,北边立着一个粉油大影壁,后有一个半大门,小小一所房屋。王夫人笑指向黛玉道:“这是你凤姐姐的屋子。回来你好往这里找他去,少什么东西,只管和他说就是了。”这院门上也有几个才总角的小厮,都垂手侍立。 王夫人遂携黛玉穿过一个东西穿堂,便是贾母的后院了。于是进入后房门,已有许多人在此伺候,见王夫人来,方安设桌椅;贾珠之妻李氏捧杯,熙凤安箸,王夫人进羹。贾母正面榻上独坐,两旁四张空椅。熙凤忙拉黛玉在左边第一张椅子上坐下,黛玉十分推让。贾母笑道:“你舅母和嫂子们是不在这里吃饭的。你是客,原该这么坐。”黛玉方告了坐,就坐了。贾母命王夫人也坐了。迎春姊妹三个告了坐,方上来:迎春坐右手第一,探春左第二,惜春右第二。旁边丫鬟执着拂尘、漱盂、巾帕,李纨、凤姐立于案边布让;外间伺候的媳妇、丫鬟虽多,却连一声咳嗽不闻。饭毕,各各有丫鬟用小茶盘捧上茶来。当日林家教女以惜福养身,每饭后必过片时方吃茶,不伤脾胃;今黛玉见了这里许多规矩不似家中,也只得随和些。接了茶,又有人捧过漱盂来,黛玉也漱了口,又盥手毕。然后又捧上茶来,这方是吃的茶。贾母便说:“你们去罢,让我们自在说说话儿。”王夫人遂起身,又说了两句闲话儿,方引李、凤二人去了。 贾母因问黛玉念何书,黛玉道:“刚念了《四书》。”黛玉又问姊妹读何书,贾母道:“读什么书,不过认几个字罢了。” 一语未了,只听外面一阵脚步响,丫鬟进来报道:“宝玉来了。”黛玉心想:“这个宝玉,不知是怎样个惫懒人呢。”及至进来一看,却是位青年公子: 头上戴着束发嵌宝紫金冠,齐眉勒着二龙戏珠金抹额;一件二色金百蝶穿花大红箭袖,束着五彩丝攒花结长穗宫绦,外罩石青起花八团倭缎排穗褂;登着青缎粉底小朝靴。面若中秋之月,色如春晓之花;鬓若刀裁,眉如墨画,鼻如悬胆,睛若秋波。虽怒时而似笑,即嗔视而有情。项上金螭缨络,又有一根五色丝绦,系着一块美玉。 黛玉一见,便吃一大惊,心中想道:“好生奇怪:倒像在那里见过的,何等眼熟!”只见这宝玉向贾母请了安,贾母便命:“去见你娘来。”即转身去了。一会再来时已换了冠带:头上周围一转的短发都结成小辫,红丝结束,共攒至顶中胎发,总编一根大辫,黑亮如漆,从顶至梢,一串四颗大珠,用金八宝坠脚;身上穿着银红撒花半旧大袄;仍旧带着项圈、宝玉、寄名锁、护身符等物;下面半露松绿撒花绫裤,锦边弹墨袜,厚底大红鞋。越显得面如傅粉,唇若施脂;转盼多情,语言若笑。天然一段风韵,全在眉梢;平生万种情思,悉堆眼角。看其外貌,最是极好,却难知其底细。后人有《西江月》二词批的极确,词曰: 无故寻愁觅恨,有时似傻如狂。纵然生得好皮囊,腹内原来草莽。潦倒不通庶务,愚顽怕读文章。行为偏僻性乖张,那管世人诽谤。 又曰: 富贵不知乐业,贫穷难耐凄凉。可怜辜负好时光,于国于家无望。天下无能第一,古今不肖无双。寄言纨袴与膏粱:莫效此儿形状。 却说贾母见他进来,笑道:“外客没见就脱了衣裳了,还不去见你妹妹呢。”宝玉早已看见了一个袅袅婷婷的女儿,便料定是林姑妈之女,忙来见礼。归了坐细看时,真是与众各别。只见: 两弯似蹙非蹙笼烟眉,一双似喜非喜含情目。态生两靥之愁,娇袭一身之病。泪光点点,娇喘微微。闲静似娇花照水,行动如弱柳扶风。心较比干多一窍,病如西子胜三分。 宝玉看罢,笑道:“这个妹妹我曾见过的。”贾母笑道:“又胡说了,你何曾见过?”宝玉笑道:“虽没见过,却看着面善,心里倒像是远别重逢的一般。”贾母笑道:“好,好!这么更相和睦了。” 宝玉便走向黛玉身边坐下,又细细打量一番,因问:“妹妹可曾读书?”黛玉道:“不曾读书,只上了一年学,些须认得几个字。”宝玉又道:“妹妹尊名?”黛玉便说了名。宝玉又道:“表字?”黛玉道:“无字。”宝玉笑道:“我送妹妹一字:莫若‘颦颦’二字极妙。”探春便道:“何处出典?”宝玉道:“《古今人物通考》上说:‘西方有石名黛,可代画眉之墨。’况这妹妹眉尖若蹙,取这个字,岂不甚美?”探春笑道:“只怕又是杜撰。”宝玉笑道:“除了《四书》,杜撰的也太多呢。”因又问黛玉:“可有玉没有?”众人都不解。黛玉便忖度着:“因他有玉,所以才问我的。”便答道:“我没有玉。你那玉也是件稀罕物儿,岂能人人皆有?” 宝玉听了,登时发作起狂病来,摘下那玉就狠命摔去,骂道:“什么罕物!人的高下不识,还说灵不灵呢!我也不要这劳什子!”吓的地下众人一拥争去拾玉。贾母急的搂了宝玉道:“孽障,你生气,要打骂人容易,何苦摔那命根子?”宝玉满面泪痕,哭道:“家里姐姐妹妹都没有,单我有,我说没趣儿;如今来了这个神仙似的妹妹也没有:可知这不是个好东西。”贾母忙哄他道:“你这妹妹原有玉来着,因你姑妈去世时,舍不得你妹妹,无法可处,遂将他的玉带了去:一则全殉葬之礼,尽你妹妹的孝心;二则你姑妈的阴灵儿也可权作见了你妹妹了。因此他说没有,也是不便自己夸张的意思啊。你还不好生带上,仔细你娘知道。”说着,便向丫鬟手中接来,亲与他带上。宝玉听如此说,想了一想,也就不生别论。 当下奶娘来问黛玉房舍,贾母便说:“将宝玉挪出来,同我在套间暖阁里,把你林姑娘暂且安置在碧纱厨里。等过了残冬,春天再给他们收拾房屋,另作一番安置罢。”宝玉道:“好祖宗,我就在碧纱厨外的床上很妥当,又何必出来,闹的老祖宗不得安静呢?”贾母想一想说:“也罢了。每人一个奶娘并一个丫头照管,馀者在外间上夜听唤。”一面早有熙凤命人送了一顶藕合色花帐并锦被、缎褥之类。 黛玉只带了两个人来:一个是自己的奶娘王嬷嬷;一个是十岁的小丫头,名唤雪雁。贾母见雪雁甚小,一团孩气;王嬷嬷又极老:料黛玉皆不遂心,将自己身边一个二等小丫头,名唤鹦哥的与了黛玉。亦如迎春等一般:每人除自幼乳母外,另有四个教引嬷嬷;除贴身掌管钗钏盥沐两个丫头外,另有四五个洒扫房屋、来往使役的小丫头。当下王嬷嬷与鹦哥陪侍黛玉在碧纱厨内,宝玉乳母李嬷嬷并大丫头名唤袭人的陪侍在外面大床上。 原来这袭人亦是贾母之婢,本名蕊珠,贾母因溺爱宝玉,恐宝玉之婢不中使,素喜蕊珠心地纯良,遂与宝玉。宝玉因知他本姓花,又曾见旧人诗句有“花气袭人”之句,遂回明贾母,即把蕊珠更名袭人。 却说袭人倒有些痴处:伏侍贾母时,心中只有贾母;如今跟了宝玉,心中又只有宝玉了。只因宝玉性情乖僻,每每规谏,见宝玉不听,心中着实忧郁。 是晚,宝玉、李嬷嬷已睡了,他见里面黛玉、鹦哥犹未安歇,他自卸了妆,悄悄的进来,笑问:“姑娘怎么还不安歇?”黛玉忙笑让:“姐姐请坐。”袭人在床沿上坐了。鹦哥笑道:“林姑娘在这里伤心,自己淌眼抹泪的说:‘今儿才来了,就惹出你们哥儿的病来。倘或摔坏了那玉,岂不是因我之过?’所以伤心。我好容易劝好了。”袭人道:“姑娘快别这么着。将来只怕比这更奇怪的笑话儿还有呢。若为他这种行状,你多心伤感,只怕你还伤感不了呢。快别多心。”黛玉道:“姐姐们说的,我记着就是了。”又叙了一会,方才安歇。 次早起来,省过贾母,因往王夫人处来。正值王夫人与熙凤在一处拆金陵来的书信,又有王夫人的兄嫂处遣来的两个媳妇儿来说话。黛玉虽不知原委,探春等却晓得是议论金陵城中居住的薛家姨母之子、表兄薛蟠倚财仗势,打死人命,现在应天府案下审理。如今舅舅王子腾得了信,遣人来告诉这边,意欲唤取进京之意。 毕竟怎的,下回分解。 起复——即重新起用被停职或撤职的官员,包括因父母丧停职回家守孝及因被弹劾而遭撤职的官员。 邸(dǐ底)报——亦称“邸抄”、“抄报”、“宫门抄”,清代或称“京报”。中国古代官方报纸的通称。承办者或为地方官府驻京办事机构,或为朝廷。邸报专门抄发诏令、奏章及朝政新闻,以供地方官及时了解。 邸:原指战国时各诸侯在都城的客馆,后泛指地方官府驻京办事处。 贱荆——亦称“拙荆”、“山荆”等。谦词。对人称自己的妻子。 荆:“荆钗布裙”的省称。形容妇人极为简朴的服饰。语出汉·刘向《列女传》(见《太平御览》卷七一八引):“梁鸿妻孟光,荆钗布裙。” 荆钗:即以木棍为钗。 内顾之忧──语出北朝魏·袁翻《安置蠕蠕表》:“且蠕蠕尚存,则高车犹有内顾之忧,未暇窥窬上国;若蠕蠕全灭,则高车跋扈之计,岂易可知?”(蠕蠕:“柔然”的别称,亦称“芮芮”、“茹茹”。我国古代北方少数民族名。高车:亦称“狄历”、“敕勒”、“铁勒”、“丁零”。 我国古代北方少数民族名。)意谓因对家事或国事的顾念而担忧。这里指家庭需要照顾的人或事。 垂花门──旧时较为讲究的四合院二门。门顶如屋顶式样,其四角和前后多有下垂的雕花,故称。 超手游廊──亦作“超手回廊”、“抄手游廊”。房廊像两手笼入袖筒,两袖成环形状,故称。 穿山游廊──指与厅房两边山墙门通连的回廊。以其可由山墙门穿行,故称。 山:即房屋两侧的山墙。 “第一个”六句──这是对迎春形象的描写。 微丰:稍胖。 腮凝新荔:形容腮帮子像荔枝般的红润。 鼻腻鹅脂:形容鼻端像鹅脂般光润。 “第二个”七句──这是对探春形象的描写。 削肩:俗称溜肩。倾斜的双肩。古人以为美人肩。 长挑身材:瘦高的身材。 鸭蛋脸儿:犹如鸭蛋似的长圆形脸盘。 俊眼修眉:秀美的眼睛,长长的秀眉。 顾盼神飞:左顾右盼,目光炯炯,神采飞扬。 文彩精华:光彩照人,精神十足。 见之忘俗:意谓别人见了就会忘了俗气,变得高雅起来。形容探春一身高雅之气。 “第三个”两句──这是对惜春形象的描写。形容惜春年纪尚小,身材和容貌都还没有发育成熟。 人参养荣丸──以人参、当归、黄芪、陈皮、白芍、熟地、桂心等配制而成的丸药,主治脾胃气血亏虚等症。 荣:中医指血脉。 养荣丸:似有双关之意:除了保养血脉之意外,还有保养荣誉之意,与薛宝钗的“冷香丸”相对,以寓二人的不同性格。 窄褃(kèn掯)袄──即紧身妖。 窄:瘦小。 褃:是上衣前后幅两侧接缝部分的名称。 仪门──原指官署大门里的第二道正门。之所以称“仪门”,是因为官员至此门必须整齐仪表。《明会典·礼部十七·官员礼》:“新官到任之日……先至神庙祭祀毕,引至仪门前下马,具官服,从中道入。”又《江宁府志·建制·官署》:“其制大门之内为仪门,仪门内为莅事堂。”后加以引申,大家府第的第二道正门也称仪门。 鹿顶耳房钻山──这里是指在正房两侧与东西厢房北侧之间建有两座平顶耳房,并在耳房山墙上开门。如此则使正房、东西耳房、东西厢房皆可相通,便于穿行,所以下句说“四通八达”。 鹿顶:亦作“盝顶”。即平屋顶。 耳房:紧靠正房或厢房两侧并利用其山墙建造的房屋。因其位于正房两侧,犹如人的两只耳朵,故称。 钻山:指打通房屋两侧的山墙,以与相邻的房屋或回廊相通。 赤金九龙青地大匾──以赤金涂饰的九条雕龙为边框的黑底大匾。 九龙:古代传说龙生九子,性格各异。但说法各异。明·杨慎《升庵外集·动物一·龙生九子》说:“龙生九子不成龙,各有所好:囚牛,平生好音乐,今胡琴头上刻兽是其遗像;睚毗,平生好杀,金刀柄上龙吞口是其遗像;嘲风,平生好险,今殿角走兽是其遗像;蒲牢,平生好鸣,今钟上兽纽是其遗像;狻猊,平生好坐,今佛座狮子是其遗像;霸下,平生好负重,今碑座兽是其遗像;陛犴,平生好讼,今狱门上狮子头是其遗像;屓屭,平生好文,今碑两旁龙是其遗像;蚩吻,平生好吞,今殿脊兽头是其遗像。”明·焦竑《玉堂丛语·卷一·文学》则说:“俗传龙生九子不成龙,各有所好……一曰赑屭,形似龟,好负重,今石碑下龟趺是也;二曰螭吻,形似兽,性好望,今屋上兽头是也;三曰蒲牢,形似龙而小,性好叫吼,今钟上纽是也;四曰狴犴,形似虎,有威力,故立于狱门;五曰饕餮,好饮食,故立于鼎盖;六曰,性好水,故立于桥柱;七曰睚毗,性好杀,故立于刀环;八曰金猊,形似狮,性好烟火,故立于香炉;九曰椒图,形似螺蚌,性好闭,故立于门铺首。”明·沈德符《万历野获编·卷七·内阁·龙子》又说:“长沙李文正公在阁,孝宗忽下御札,问龙生九子之详。文正对云:‘其子蒲牢好鸣,今为钟上钮鼻;囚牛好音,今为胡琴头刻兽;睚眦好杀,今为刀剑上吞口;嘲风好险,今为殿阁走兽;狻猊好坐,今为佛座骑象;霸下好负重,今为碑碣石趺;狴犴好讼,今为狱户首镇压;屓屭好文,今为碑两旁蜿蜒;蚩吻好吞,今为殿脊兽头。’”此外,明·陈仁锡《潜确类书》、明·胡侍《真珠船·龙生九子》、清·褚人获《坚瓠十集·龙九子》、清·高士奇《天禄识馀·龙种》,对九龙的名称、性格、用途的说法也各不相同,可见出于民间传说。世人多用作装饰,以示祥瑞。 万幾宸(chén辰)翰之宝──此为皇帝印章所刻的文字。 万幾:国家纷繁复杂的政务。典出《尚书·虞书·皋陶谟》:“兢兢业业,一日二日万幾。”孔颖达传云:“幾,微也,言当戒惧万事之微。”意谓尽管政务繁重,也不能忽略任何小事。亦称“万机”。典出《汉书·百官公卿表上》:“相国、丞相皆秦官,金印紫绶,掌丞天子,助理万机。”这里是形容皇帝日理万机,政务繁忙。 宸:“北宸”的省称。即北极星。因皇帝上朝坐北朝南,遂为皇帝的代称。 翰:本义是羽毛,因古代以羽毛为笔,引申为墨迹(书写的字)。 宝:这里指皇帝的印章。上古天子、诸侯均以圭璧制印,故称“宝”。唐以后只有帝、后之印可称“宝”。 “座上”对联──珠玑:本义为珠宝,引申为名贵装饰。 昭日月:形容装饰光亮如日月。 昭:明亮。 黼黻(fǔ fú府服):泛指绣有华美花纹的礼服。《晏子春秋·谏下十五》:“公衣黼黻之衣,素绣之裳,一衣而王采具焉。” 黼:黑白相间的斧形花纹。 黻:黑与青相间的亚形花纹。 焕烟霞:形容绣服放射出如烟如霞的光彩,绚丽多姿。 焕:放射光彩。 此联形容主宾皆珠光宝气,服饰华丽。 汝窑美人觚(gū孤)──出自著名汝窑的一种盛酒器。 汝窑:即北宋汝州瓷窑。因其青瓷器皿质量特佳,多为贡品,故名闻天下,后世成为收藏珍品。 美人觚:因其体长腰细,形似美人,故名。 椅搭──又称“椅披”。是一种长方形织物的椅用装饰品。因搭或披在椅背和椅坐上,故名。 掐牙——是一种装饰性衣服花边。即以锦缎等折叠成细条,镶嵌在衣边上,以为美观。 掐:嵌入之意。 牙:即“牙子”。器物突出的边沿。 《四书》──即《论语》、《孟子》、《大学》、《中庸》(后两种原为《礼记》中的两篇)。宋代朱熹选定并定名《四书》,遂成为元、明、清三代科举考试的必读之书。 抹额:原指束在额上的头巾。其起源似乎很早。宋·高承《事物纪原·戎容兵械·抹额》引《二仪实录》曰:“禹娶涂山之夕,大风雷电,中有甲卒千人,其不披甲者,以红绡帕抹其头额,云海神来朝。禹问之,对曰:‘此武士之首服也。’秦始皇至海上,有神朝,皆抹额、绯衫、大口袴。侍卫自此抹额,遂为军容之服。”可知原为军人的标志。后普及到一般男子,平民以布巾束发,富人用金箍束发,兼为头饰。 箭袖──亦称“箭衣”。是一种窄袖长袍。其袖口呈斜切状,朝手背的袖口长,朝手心的袖口短,便于射箭,故名。其斜袖口又形似马蹄,故又称马蹄袖。后成为一种服式,不射箭的男子也穿。 “倒像”两句──似有双关之意:一者暗指贾宝玉的化身神瑛侍者在太虚幻境用甘露浇灌林黛玉的化身绛珠仙草;再者隐寓二人心有灵犀一点通,一见锺情。下文贾宝玉说“这个妹妹我曾见过的”、“心里倒像是远别重逢的一般”,其用意同此。 请安──这里指的是清代一种见面问好的特殊礼仪:男子须在口称“请某某安”的同时,右膝弯曲或跪地(俗称打千);女子则在口称“请某某安”的同时,双手扶左膝,右腿微屈,身体半蹲。 寄名锁──旧时父母为保佑幼儿长命百岁,让幼儿作僧、道的“寄名”弟子,并在幼儿项下悬挂锁形饰物,谓之“寄名锁”。 面如傅粉──语本南朝宋·刘义庆《世说新语·容止》:“何平叔(晏)美姿仪,面至白。魏明帝疑其傅粉,正夏月,与热汤饼。既啖,大汗出,以朱衣自拭,色转皎然。”(皎然:洁白貌。)原指何晏的脸上好像抹了香粉般洁白。引申以泛喻男子姿容洁白秀美。 《西江月》二词──即按照《西江月》词牌填写的两首(也称“阕”)词。 词:原本指歌曲中的文词,后来文词与曲调分离,遂变成文体之一。但仍须按曲填词,于是发展出许多词牌,每个词牌都有字数、句数、韵脚等规定,还有双调、长调、小令之别。故作词谓之“填词”,就是按照词牌的规范填写文字,不可越雷池一步。《西江月》就是词牌之一。本书用了不少词牌,以下不再一一注释。 心较比干多一窍──比干:暴君商(殷)纣王之叔,被誉为圣人。据《史记·殷本纪》载:纣王厌恶比干谏诤不已,怒曰:“吾闻圣人心有七窍。”于是“剖比干,观其心”。古人以为心窍越多越聪明,故以“心较比干多一窍” 形容黛玉绝顶聪明。 病如西子胜三分──西子:即西施。《庄子·天运》说:“西施病心而颦(皱眉)”,益增娇艳。故以“病如西子胜三分” 形容黛玉病弱而娇美。 胜:胜过,超过。 下面贾宝玉替林黛玉起表字为“颦颦”,亦用西施颦眉之典,但又不敢明说,故编了一套谎活,杜撰了《古今人物通考》书名。 教引嬷嬷──清代专司教导年幼皇子的女子,称“谙达”。后来世家大族也仿效而行。 “花气袭人”之句:是宋·陆游《村居书喜》中的半句,原诗为七言律诗:“红桥梅市晓山横,白塔樊江春水生。花气袭人知骤暖,鹊声穿树喜新晴。坊场酒贱贫犹醉,原野泥深老亦耕。最喜先期官赋足,经年无吏叩柴荆。”意谓因闻到花香,才知天气已经骤然暖和了。 |
Nun geschah es, dass Regendorf sich hastig umwandte: Es war kein anderer als sein ehemaliger Amtskollege, ein gewisser Jadegleich Zhang[1], der im selben Verfahren wie er seinerzeit des Amtes enthoben worden war. Dieser stammte aus dem hiesigen Ort, und nach seiner Amtsenthebung lebte er hier als Privatmann. Als er nun vernahm, dass in der Hauptstadt die Wiedereinstellung ehemals abgesetzter Beamter genehmigt worden sei, lief er überall umher und suchte Beziehungen und Wege — da stieß er plötzlich auf Regendorf und beeilte sich, ihm zu gratulieren. Nachdem die beiden einander begrüßt hatten, teilte Zhang Rugui Regendorf diese Neuigkeit mit. Regendorf war natürlich hocherfreut und verabschiedete sich nach einem hastigen Wortwechsel. Leng Selbstaufsteiger [冷子兴], der dies gehört hatte, unterbreitete Regendorf sogleich einen Plan: Er solle Ozeangleich Wald [林如海] bitten, sich an Aufrecht Kaufmann [贾政] in der Hauptstadt zu wenden. Regendorf folgte seinem Rat und kehrte zu seinem Quartier zurück, wo er eilig die Amtsnachrichten nach einer Bestätigung durchsah. Am nächsten Tag sprach er Ozeangleich Wald persönlich darauf an. Ozeangleich Wald sagte: „Das trifft sich gut! Da meine Frau kürzlich verstorben ist, hat die Großmutter meiner Frau [Anm.: Regendorfs Dienstherrin ist Tochter der Kaufmann-Familie] in der Hauptstadt sich Sorgen gemacht, dass meine kleine Tochter ohne mütterliche Fürsorge ist, und bereits Diener und Dienerinnen mit Schiffen geschickt, sie abzuholen. Da die Kleine aber noch nicht ganz genesen war, haben wir den Aufbruch verschoben. Ich habe ohnehin schon lange daran gedacht, wie ich Euch für Eure Lehrtätigkeit danken könnte, und diese Gelegenheit kommt wie gerufen — wie sollte ich da nicht mein Bestes tun? Seid ganz unbesorgt: Ich habe bereits alles vorbereitet. Ein Empfehlungsbrief ist geschrieben und an meinen Schwager mit der dringenden Bitte gesandt, Euch in jeder Weise zu unterstützen. Sollten damit Kosten verbunden sein, habe ich dies in dem Schreiben an meinen Schwager bereits vermerkt, so dass Ihr Euch darum nicht zu sorgen braucht." Regendorf verbeugte sich dankend, wieder und wieder, und fragte dann: „Darf ich erfahren, welche Stellung Euer verehrter Herr Schwager bekleidet? Ich fürchte, als bescheidener Mann ungebeten an seine Tür zu klopfen." Ozeangleich Wald lachte: „Was meine Verwandten betrifft — sie stehen mit Eurem verehrten Namen im selben Stammbaum. Es handelt sich um einen Enkel des Herzogs von Rong. Mein älterer Schwager führt derzeit den Erbrang eines Generals erster Klasse, er heißt She [赦] mit Beinamen Enhou[2] [恩侯]. Mein zweiter Schwager heißt Zheng [政] mit Beinamen Cunzhou [存周] und bekleidet derzeit den Posten eines Vizedirektors im Ministerium für Öffentliche Arbeiten. Sein Wesen ist bescheiden und aufrichtig, ganz im Geiste seiner Vorväter — keineswegs einer jener blasierten, leichtfertigen Beamtensöhne. Deshalb habe ich es gewagt, ihm zu schreiben und Euch zu empfehlen. Andernfalls würde ich nicht nur Euren guten Ruf beflecken, sondern auch selbst nicht darauf eingehen." Regendorf hörte dies und glaubte nun vollends, was Leng Selbstaufsteiger am Vortag erzählt hatte. Er dankte Ozeangleich Wald nochmals. Dieser sagte: „Ich habe den zweiten Tag des nächsten Monats als Abreisetag für meine Tochter festgesetzt. Ihr könntet im selben Zug reisen — wäre das nicht für beide Seiten vorteilhaft?" Regendorf stimmte freudig zu und war im Herzen überaus zufrieden. Ozeangleich Wald traf also die Vorbereitungen für Geschenke und Abschiedsmahl, die Regendorf sämtlich entgegennahm. Die Schülerin Kajaljade [黛玉] hatte sich zwar etwas erholt, konnte sich aber nicht dazu durchringen, ihren Vater zu verlassen und aufzubrechen. Doch da ihre Großmutter mütterlicherseits unbedingt darauf bestand, und da Ozeangleich Wald ihr sagte: „Dein Vater ist fast fünfzig und denkt nicht daran, wieder zu heiraten. Du aber bist kränklich und noch so klein. Oben hast du keine Mutter, die dich erzieht, unten keine Geschwister, die dich stützen. Wenn du jetzt zu deiner Großmutter und deinen Tanten und Cousinen gehst, wird meine Sorge um dich geringer — warum willst du denn nicht gehen?" — da blieb Kajaljade unter Tränen nichts anderes übrig, als sich zu verabschieden. In Begleitung ihrer Amme und einiger älterer Dienerinnen des Prunkwille-Anwesenes bestieg sie das Schiff. Regendorf folgte auf einem separaten Boot mit zwei Dienerjungen, im Gefolge Kajaljades. Nach einigen Tagen erreichten sie die Hauptstadt und betraten die Kaiserstadt. Regendorf richtete als Erstes seine Kleidung und seinen Hut, nahm seinen Dienerjungen mit, ergriff seine Visitenkarte als „Neffe aus dem Stamm" und überreichte sie am Tor des Prunkwille-Anwesen. Zu jener Zeit hatte Aufrecht Kaufmann den Brief seines Schwagers bereits gelesen und bat Regendorf eilig zum Empfang herein. Er fand Regendorfs Erscheinung stattlich und seine Rede gewandt, und da Aufrecht Kaufmann stets Gelehrte liebte, Tugendhafte ehrte und Schwachen half — ganz im Geiste seiner Ahnen —, und da es überdies der ausdrückliche Wunsch seines Schwagers war, behandelte er Regendorf mit besonderer Zuvorkommenheit. Er setzte seinen ganzen Einfluss ein, und als der Tag der Eingabe kam, verschaffte er ihm mühelos die Wiedereinstellung mit Wartestatus. Keine zwei Monate später wurde eine Vakanz in der Präfektur Yingtianfu[3] in Jinling frei, und er erhielt diese Stelle. Regendorf nahm Abschied von Aufrecht Kaufmann, wählte einen günstigen Tag und trat sein Amt an. Damit sei es für den Moment genug. Nun aber zurück zu Kajaljade: Am Tage, als sie das Schiff verließ und an Land ging, hatte der Prunkwille-Anwesen bereits Sänften und Gepäckwagen geschickt, die lange auf sie warteten. Diese Kajaljade hatte von ihrer Mutter stets gehört, dass das Haus ihrer Großmutter sich von allen anderen unterscheide. Schon die Dienerinnen dritten Ranges, die sie in diesen Tagen gesehen hatte, waren in Kleidung, Speise und Auftreten keineswegs gewöhnlich — wie würde es erst im Hause selbst sein? Daher achtete sie auf jeden Schritt und jedes Wort, um nur nicht ausgelacht zu werden. Als sie in die Sänfte gestiegen war und durch die Stadt fuhr, spähte sie durch das Gazefenster hinaus: Das Treiben der Straße, der Reichtum und die Bevölkerung waren ganz anders als anderswo. Nach einer längeren Fahrt erblickte sie auf der Nordseite der Straße zwei große steinerne Löwen, ein dreitoriges Hauptportal mit Tierkopf-Verzierungen und davor an die zehn Bedienstete in prächtigen Gewändern. Das Haupttor war geschlossen; nur durch die Seitentore im Osten und Westen gingen Menschen ein und aus. Über dem Haupttor hing eine Tafel mit den fünf großen Zeichen: „Auf kaiserlichen Befehl erbauter Stillfriede-Anwesen" [敕造宁国府]. Kajaljade dachte: „Das muss das Haus des ältesten Zweigs meiner Großmutterfamilie sein." Die Sänfte trug sie weiter nach Westen, und nicht weit entfernt stand ein ebensolches Anwesen mit drei großen Toren — das war der Prunkwille-Anwesen. Doch sie trug nicht durch das Haupttor ein, sondern durch das westliche Seitentor. Die Sänftenträger trugen sie hinein, legten nach etwa einer Bogenschussweite, als sie um eine Ecke biegen sollten, die Sänfte ab und traten zurück. Die Dienerinnen, die zu Fuß gefolgt waren, eilten heran. Drei oder vier Lakaien von siebzehn, achtzehn Jahren, sauber gekleidet, kamen und hoben die Sänfte wieder auf. Die Frauen folgten zu Fuß bis vor ein Blumenhangtor, wo die Sänfte abgesetzt wurde. Die Lakaien zogen sich zurück; die Frauen hoben den Sänftenvorhang, stützten Kajaljade beim Aussteigen. Kajaljade, an den Händen der Frauen, trat durch das Blumenhangtor; zu beiden Seiten waren überdachte Wandelgänge, in der Mitte ein Durchgangsraum mit einem großen Wandschirm aus Rosenholz mit einer eingelassenen Marmorplatte. Hinter dem Wandschirm lag ein kleines Empfangszimmer mit drei Räumen; dahinter begann der große Innenhof. Fünf Räume breit erstreckte sich das Hauptgebäude — alles mit geschnitzten Balken und bemalten Dächern. Zu beiden Seiten Wandelgänge und Seitenflügel, an denen allerlei Papageien, Drosseln und andere Vögel hingen. Auf den Stufen saßen mehrere rotgekleidete Dienerinnen, die, als sie die Besucher kommen sahen, lächelnd entgegeneilten und riefen: „Eben noch hat die alte Fürstin nach ihr gefragt — und wie gerufen kommt sie!" Drei oder vier drängten sich, den Vorhang hochzuhalten, während von drinnen gemeldet wurde: „Fräulein Lin ist angekommen!" Als Kajaljade den Raum betrat, sah sie zwei Personen, die eine silberhaarige alte Dame stützten und ihr entgegenkamen — Kajaljade wusste sogleich, dass dies ihre Großmutter war. Ehe sie sich verbeugen konnte, hatte die Großmutter sie schon in die Arme geschlossen, nannte sie „mein Herzblatt, mein Liebling" und brach in lautes Weinen aus. Alle Dienerinnen und Bediensteten, die danebenstanden, verbargen ihre Gesichter und weinten mit, und auch Kajaljade konnte ihre Tränen nicht zurückhalten. Es dauerte eine Weile, bis alle sich allmählich beruhigt hatten und Kajaljade ihre Großmutter förmlich begrüßen konnte. Dies war die alte Fürstin Shi, von der Leng Selbstaufsteiger gesprochen hatte — die Mutter von Begnadigung Kaufmann [贾赦] und Aufrecht Kaufmann. Die Großmutter stellte Kajaljade nun eine nach der anderen vor: „Dies ist deine Erste Schwiegertante [Anm.: die Frau von Begnadigung Kaufmann], dies deine Zweite Schwiegertante [die Frau von Aufrecht Kaufmann], und dies ist die Frau deines verstorbenen Vetters Zhu — deine älteste Schwägerin." Kajaljade verbeugte sich vor jeder einzelnen. Die Großmutter befahl: „Ruft die jungen Damen herbei. Heute ist ein Gast von weither gekommen — sie brauchen nicht zur Schule zu gehen." Zwei Dienerinnen eilten los. Nicht lange darauf kamen drei Ammen und fünf oder sechs Dienerinnen, die drei junge Damen hereingeleiteten. Die Erste war von leicht gerundeter Figur und mittlerer Größe, mit Wangen wie frische Litschis und einer Nase wie Gänsefett — still und sanft, ein angenehmer Anblick. Die Zweite war von schmalen Schultern und feiner Taille, hochgewachsen und schlank, mit einem ovalen Gesicht, lebhaften Augen und wohlgeformten Brauen — ihr Blick sprühte Geist, und literarischer Glanz umgab sie. Die Dritte war noch klein an Wuchs und kindlich im Aussehen. Alle drei trugen denselben Haarschmuck und dieselbe Kleidung. Kajaljade erhob sich eilig, um sie zu begrüßen; sie stellten einander vor und nahmen Platz. Die Dienerinnen servierten Tee. Man sprach nur davon, wie Kajaljades Mutter erkrankt war, wie man Ärzte gerufen und Medizin eingenommen hatte, wie sie bestattet und betrauert worden war. Die Großmutter Jia konnte ihre Rührung nicht verbergen und sagte: „Von all meinen Kindern habe ich einzig deine Mutter am meisten geliebt. Nun hat sie mich als Erste verlassen, ohne dass ich ihr Gesicht noch einmal sehen konnte. Wenn ich dich jetzt sehe — wie sollte ich nicht traurig sein!" Sie schloss Kajaljade in die Arme und schluchzte erneut. Alle trösteten und beruhigten sie, bis sie sich ein wenig fasste. Man bemerkte, dass Kajaljade trotz ihrer Jugend in Haltung und Rede keineswegs gewöhnlich war; obgleich von zarter und schwacher Gestalt, besaß sie eine natürliche Eleganz und Anmut, und man erkannte sofort, dass sie an einem chronischen Leiden litt. Man fragte: „Welche Medizin nimmst du gewöhnlich, und warum wurde die Krankheit nicht behandelt?" Kajaljade antwortete: „Ich bin von Natur aus so. Seit ich denken kann, nehme ich Medizin, bis heute ohne Unterbrechung. Unzählige berühmte Ärzte haben Rezepte verschrieben — nichts hat geholfen. Als ich drei Jahre alt war, kam ein kahlköpfiger Mönch und sagte, er wolle mich mitnehmen und in den geistlichen Stand aufnehmen. Meine Eltern wollten natürlich nicht. Da sagte er: ‚Wenn Ihr sie nicht hergeben wollt, wird ihre Krankheit ihr ganzes Leben lang nicht heilen. Soll sie geheilt werden, darf sie von nun an niemals Weinen hören und außer ihren Eltern keinen einzigen verwandten oder befreundeten Menschen sehen — dann kann sie ihr Leben in Frieden verbringen.' — Solch wirres, verrücktes Gerede — niemand achtete darauf. Bis heute nehme ich Ginseng-Yangrongwan[4] [人参养荣丸, Ginseng-Stärkungspillen]." Die Großmutter sagte: „Das trifft sich gut! Ich lasse gerade Pillen zusammenstellen — man soll einfach eine Portion mehr machen." Kaum hatte sie ausgesprochen, da hörte man aus dem hinteren Hof lautes Lachen, und eine Stimme rief: „Ich komme zu spät, um den Gast von weither willkommen zu heißen!" Kajaljade wunderte sich: „Alle hier sind leise und ehrfürchtig — wer ist das, die sich so ungezwungen und formlos benimmt?" Während sie noch nachdachte, kam eine Schar von Frauen und Dienerinnen herein und geleitete eine Person durch die hintere Tür. Diese war ganz anders gekleidet als die jungen Damen — prächtig wie eine Götterfee: Auf dem Kopf ein goldenes Diadem aus Acht Kostbarkeiten und Perlen, mit einer Fünf-Phönix-Haarnadel mit Perlen; um den Hals ein rotes goldenes Collier mit verschlungenen Drachen und Edelsteinen; am Rockrand ein grünseidenes Palastband mit einem Paar Fische aus Rosenquarz; gekleidet in einen engen roten Seidenmantel mit goldgestickten Hundert-Schmetterlings-Blütenmustern, darüber eine ärmellose Jacke aus fünffarbig geschnittener Seide mit blauem Silberfuchsfell, darunter ein Rock aus Jadeseiden mit eingestreuten Blütenmustern. Ein Paar Phönixaugen mit leicht hochgezogenen Winkeln, zwei Weidenblattbrauen mit schrägen Spitzen — von schlanker Figur und verführerischer Erscheinung, unter dem gepuderten Antlitz verborgene Strenge, auf den roten Lippen ein Lächeln, bevor sie den Mund öffnete. Kajaljade erhob sich eilig zur Begrüßung. Die Großmutter lachte: „Du kennst sie nicht — sie ist bei uns unser berühmtester kleiner Wildfang. In der Südprovinz nennt man das eine ‚Pfefferschote' [辣子] — nenn sie einfach ‚Pfefferschote Feng[5]'!" Kajaljade wusste nicht recht, wie sie sie anreden sollte, doch die Cousinen flüsterten ihr zu: „Das ist die Schwägerin Lian [琏嫂子]." Kajaljade hatte zwar nie ihre Bekanntschaft gemacht, wusste aber von ihrer Mutter, dass der Sohn ihres ersten Onkels, Kette Kaufmann, eine Nichte ihrer Zweiten Tante Wang geheiratet hatte — ein Mädchen, das von klein auf wie ein Junge erzogen worden war und den Schulnamen Phönixglanz [王熙凤][6] trug. Kajaljade begrüßte sie lächelnd und nannte sie „Schwägerin". Phönixglanz [熙凤] ergriff Kajaljades Hand, musterte sie sorgfältig von oben bis unten, führte sie dann zurück an die Seite der Großmutter und sagte lachend: „Was für ein wunderschönes Geschöpf — wahrhaftig, so etwas sehe ich heute zum ersten Mal! Und diese ganze Erscheinung — sie sieht gar nicht aus wie die Enkelin einer anderen Familie, sondern wie eine leibliche Enkelin der alten Fürstin! Kein Wunder, dass unsere Ahne Tag für Tag an sie denkt und sie nicht vergessen kann. Nur schade um meine arme kleine Schwester — was für ein hartes Schicksal, dass ihre Mama so früh sterben musste!" Bei diesen Worten tupfte sie sich mit dem Taschentuch die Tränen ab. Die Großmutter lachte: „Ich habe mich gerade beruhigt, und du fängst wieder an, mich zum Weinen zu bringen! Deine Schwester ist von weither gekommen und ist schwach — gerade haben wir sie beruhigt. Hör bitte auf, an die alten Sachen zu erinnern!" Phönixglanz schlug sofort von Trauer in Fröhlichkeit um: „Ach, natürlich! Ich habe meine Schwester gesehen, und da war mein ganzes Herz bei ihr — vor lauter Freude und Rührung habe ich die alte Fürstin ganz vergessen. Ich verdiene Strafe, ich verdiene Strafe!" Dann ergriff sie wieder Kajaljades Hand und fragte: „Schwesterchen, wie alt bist du? Bist du schon zur Schule gegangen? Welche Medizin nimmst du? Hier brauchst du kein Heimweh zu haben — wenn du etwas zu essen oder etwas zum Spielen brauchst, sag es mir einfach. Wenn die Mägde und Frauen nicht ordentlich sind, sag es auch mir!" Zugleich fragte sie die Dienerinnen: „Ist das Gepäck von Fräulein Lin hereingebracht worden? Wie viele Dienerinnen hat sie mitgebracht? Räumt schnell zwei Zimmer auf, damit sie sich ausruhen können!" Unterdessen waren Tee und Obst aufgetragen worden; Phönixglanz reichte Kajaljade persönlich Tee und Obst. Dann fragte die Zweite Tante: „Ist das Monatsgeld schon ausgezahlt?" Phönixglanz antwortete: „Das ist schon erledigt. Ich habe gerade Leute auf den Dachboden geschickt, um nach Seide zu suchen — aber nach langem Suchen habe ich die Sorte, von der die Tante gestern sprach, nicht gefunden. Vielleicht hat die Tante sich geirrt?" Dame König[7] sagte: „Ob es sie gibt oder nicht, das ist nicht so wichtig." Dann fuhr sie fort: „Man sollte gleich zwei Stück herausnehmen, damit deine Schwester sich Kleider nähen lassen kann. Lass heute Abend nochmals jemanden nachschauen — vergiss es nicht." Phönixglanz sagte: „Das habe ich bereits vorher bedacht. Da ich wusste, dass meine Schwester in den nächsten Tagen kommen würde, habe ich alles schon vorbereitet. Wenn die Tante sie gesehen hat, lasse ich sie herüberbringen." Dame König lächelte und nickte schweigend. Nachdem der Tee abgeräumt war, befahl die Großmutter zwei älteren Ammen, Kajaljade zu ihren beiden Onkeln zu bringen. Die Frau des Ersten Onkels, geborene Xing[8], erhob sich sogleich und sagte lächelnd: „Ich bringe meine Nichte selbst hinüber — das ist auch einfacher." Die Großmutter lachte: „Recht so! Geh nur, du brauchst nicht mehr zurückzukommen." Frau Strafe stimmte zu, nahm Kajaljade an der Hand und verabschiedete sich von Dame König. Alle geleiteten sie bis zum Durchgang. Vor dem Blumenhangtor warteten bereits Lakaien mit einer Kutsche mit grünem Baldachin und grünseidenen Vorhängen. Frau Strafe half Kajaljade hinein; die Dienerinnen ließen den Vorhang herab, und die Lakaien trugen die Kutsche hinaus. An einer breiteren Stelle spannten sie ein zahmes Maultier vor und verließen durch das westliche Seitentor. Dann ging es ostwärts am Haupttor des Prunkwille-Anwesen vorbei in ein großes schwarz lackiertes Tor, wo sie vor dem Zeremonielltor anhielten und abstiegen. Die Lakaien zogen sich zurück. Frau Strafe half Kajaljade in den Innenhof. Kajaljade bemerkte, dass die Gebäude offenbar von einem Garten des Prunkwille-Anwesen abgetrennt worden waren. Durch drei Tore hindurch sah man das Hauptgebäude mit Seitenflügeln und Wandelgängen — alles zierlich und elegant, nicht so majestätisch wie auf der anderen Seite, dafür überall Bäume und Gartenfelsen. Im Hauptzimmer angekommen, eilten zahlreiche prächtig gekleidete Nebenfrauen und Dienerinnen herbei. Frau Strafe bat Kajaljade, Platz zu nehmen, und schickte nach dem Ersten Onkel. Nach einer Weile kam ein Bote zurück mit der Nachricht: „Der Herr lässt sagen: ‚Ich bin in den letzten Tagen unwohl, und wenn ich meine Nichte sähe, würden wir beide nur traurig. Ich möchte sie bitten, sich nicht zu grämen und kein Heimweh zu haben. Bei der Großmutter und den Tanten ist sie wie zu Hause. Obwohl die Cousinen nicht vollkommen sind, kann ihre Gesellschaft doch zur Zerstreuung beitragen. Sollte sie sich jemals ungerecht behandelt fühlen, soll sie es nur sagen — sie braucht nicht fremd zu tun.'" Kajaljade stand eilig auf und hörte aufmerksam zu. Nach einer kurzen Pause nahm sie Abschied. Frau Strafe wollte sie zum Abendessen zurückhalten, doch Kajaljade erwiderte lächelnd: „Es wäre unhöflich, die Einladung der Tante abzulehnen — aber ich muss noch meinen Zweiten Onkel besuchen, und wenn ich vorher hier speise, wäre das ungehörig. An einem anderen Tag gern." Frau Strafe lächelte und ließ sie von zwei oder drei Ammen in der Kutsche zum Zweiten Onkel bringen. Bald darauf gelangte Kajaljade zum Prunkwille-Anwesen. Sie stieg aus der Kutsche und wurde von den Ammen durch einen östlichen Durchgang, hinter die große Südhalle, durch ein Zeremonielltor in einen großen Innenhof geführt. Das Hauptgebäude hatte fünf Räume, mit Seitenflügeln und kleinen Nebenzimmern — alles weit geräumiger und prächtiger als beim Ersten Onkel. Kajaljade erkannte, dass dies die eigentlichen Hauptgemächer sein mussten, mit dem breiten Hauptweg, der direkt zum großen Tor hinausführte. In der Empfangshalle erblickte sie eine große goldene Tafel auf blaugrünem Grund mit den drei riesigen Zeichen „Halle des Rong-Glücks" [荣禧堂][9], darunter eine kleine Zeile: „Im Jahre XY vom Kaiser dem Herzog Rong Jia Yuan geschenkt", dazu das Kaiserliche Siegel. Auf einem großen Tisch aus Rosenholz mit geschnitzten Drachen stand ein drei Fuß hoher antiker Bronzedreifuß; an der Wand hing ein großes Gemälde mit einem schwarzen Drachen als Wartemotiv [Anm.: „Warten auf die Morgenaudienz"]; auf der einen Seite ein goldenes Ritualgefäß, auf der anderen eine Glasschale. Auf dem Boden standen sechzehn Stühle aus Kampferholz in zwei Reihen. An der Wand hing ein Spruchband auf Ebenholztafeln mit silbernen Schriftzeichen: Perlen und Edelsteine auf den Sitzen strahlen wie Sonne und Mond, Pracht und Brokat in der Halle leuchten wie Morgenröte. Darunter in kleiner Schrift: „Geschrieben von seinem Landsmann und Schüler, dem Erbherzog von Dong'an, Mu Shi, mit eigener Hand." Da Dame König sich für gewöhnlich nicht in den Haupträumen aufhielt, sondern in drei kleinen Seitenzimmern östlich davon, führten die Ammen Kajaljade durch die östliche Tür. Am Fenster stand ein großes Bett mit leuchtend rotem fremdländischem Teppich, darauf ein großes Rückenkissen mit dem Seidenmuster goldener Drachenschlangen auf steinblauem Grund, dazu eine passende Armlehne und eine große Matratze in Herbstgelb mit dem gleichen Muster. Auf den beiden kleinen Beistelltischen im Pflaumenblütendesign und Fremdlack stand links ein Weihrauchgefäß, rechts eine Vase aus Ru-Keramik [汝窑, berühmteste Keramik der Song-Zeit] mit frischen Blumen, dazu Teetassen und ein Spucknapf. Auf dem Boden standen vier Stühle mit silberrotem Blumenstoff, darunter vier Fußbänkchen. Kajaljade bemerkte die Rangordnung der Plätze und setzte sich nicht auf das Bett, sondern nahm auf einem der östlichen Stühle Platz. Die Dienerinnen brachten Tee. Während Kajaljade trank, betrachtete sie die Mägde — Kleidung, Schmuck und Benehmen waren in der Tat anders als anderswo. Kaum war der Tee getrunken, als eine Dienerin in roter Seidenjacke und blauer Rückenweste lächelnd hereinkam und sagte: „Die Tante bittet Fräulein Lin, drüben Platz zu nehmen." Die Ammen führten Kajaljade in drei kleine Räume im östlichen Wandelgang. Dort stand ein Tisch auf dem Bett, darauf Bücher und Teegeschirr; an der östlichen Wand lehnte ein halbabgenutztes steinblaues Seidenkissen. Dame König saß unten an der westlichen Seite auf einem ebensolchen halbabgenutzten Seidenpolster. Als Kajaljade hereinkam, wies Dame König sie nach Osten — Kajaljade erkannte, dass dies der Platz von Aufrecht Kaufmann sein musste. Da sie neben dem Bett drei Stühle mit halbabgenutzten Tintentuschbezügen sah, setzte sie sich auf einen der Stühle. Dame König zog sie mehrmals zum Bett herauf, bis sie sich schließlich neben sie setzte. Dame König sprach: „Deinen Onkel wirst du heute nicht sehen — er fastet gerade. Aber eines möchte ich dir ans Herz legen: Deine drei Cousinen sind alle sehr umgänglich — zusammen lesen, schreiben und Handarbeiten machen, damit wird es nie Schwierigkeiten geben. Aber was mich beunruhigt, ist eine Sache: Ich habe einen Sohn, der ein wahrer Unglückskeim ist — der ‚Teufel, der die Welt verwirrt[10]' [混世魔王] in diesem Haus. Heute ist er zum Tempel gegangen, ein Gelübde einzulösen, und noch nicht zurück. Heute Abend wirst du ihn sehen. Kümmere dich einfach nicht um ihn. Keine deiner Cousinen wagt es, sich mit ihm einzulassen." Kajaljade hatte von ihrer Mutter schon gehört, dass ihr Zweiter Onkel einen Sohn hatte, der mit einer Jade im Mund geboren worden war — ein ungebärdiges Kind, das den Unterricht verabscheute und am liebsten in den Frauengemächern seine Zeit verbrachte, und den die Großmutter so verhätschelte, dass niemand ihm Einhalt zu gebieten wagte. Nun war ihr klar, dass Dame König von diesem Cousin sprach. Sie erwiderte lachend: „Die Tante meint wohl den Cousin, der mit der Jade geboren wurde? Ich habe zu Hause von meiner Mutter oft gehört, dass dieser Cousin zwar recht ungezogen sei, sich aber seinen Schwestern gegenüber immer gut benehme. Da ich nun hier bin, werde ich natürlich nur mit den Cousinen zusammen sein; die Brüder leben in anderen Gebäuden und Zimmern — wie sollte ich mit ihm in Berührung kommen?" Dame König lachte: „Du kennst die Gründe nicht. Er ist anders als andere. Seit seiner frühesten Kindheit ist er von der Großmutter verwöhnt und zusammen mit den Mädchen aufgezogen worden. Wenn die Mädchen ihn eines Tages nicht beachten, ist er ganz ruhig; höchstens geht er hinaus und lässt seinen Ärger an seinen zwei kleinen Dienern aus — ein bisschen Murren, dann ist es vorbei. Aber wenn die Mädchen an einem Tag ein Wort mehr als nötig mit ihm wechseln, wird er fröhlich und stiftet tausenderlei Unfug an. Deshalb sage ich dir: Kümmere dich nicht um ihn! Den einen Moment hat er süße Worte auf den Lippen, den nächsten ist er maßlos und zügellos, dann wieder verrückt und albern — glaub ihm nichts." Kajaljade stimmte allem zu. Da kam eine Dienerin und meldete: „Die alte Fürstin lässt zum Abendessen bitten." Dame König führte Kajaljade durch die Hintertür, über den westlichen Korridor und durch ein Seitentor in einen breiten Nord-Süd-Gang. Im Süden lag ein kleines Empfangszimmer, im Norden stand eine weiß gestrichene Spiegelwand, dahinter ein Seitentor und ein kleines Gebäude. Dame König zeigte lächelnd darauf: „Das ist das Quartier deiner Schwägerin Phönixglanz. Wenn du etwas brauchst, geh einfach zu ihr." Vor diesem Tor standen auch vier oder fünf Dienerknaben mit Haarknötchen. Dame König führte Kajaljade durch einen weiteren Durchgang hindurch in den Hinterhof der Großmutter. Dort warteten bereits viele Dienerinnen; als Dame König kam, wurden Tisch und Stühle aufgestellt. Jia Zhus Witwe Seidenweiß Pflaume[11] [李纨] trug die Speisen auf, Phönixglanz legte die Essstäbchen zurecht, Dame König reichte die Suppe. Die Großmutter saß allein in der Mitte auf dem Hauptdiwan; vier leere Stühle standen zu beiden Seiten. Phönixglanz zog Kajaljade rasch auf den ersten Stuhl links. Kajaljade wehrte sich sehr, doch die Großmutter lachte: „Deine Tanten und Schwägerinnen essen nicht hier. Du bist der Gast — so gehört es sich." Erst dann setzte sich Kajaljade. Die Großmutter ließ Dame König sich setzen. Die drei Schwestern Willkommensfrühling, Erkundefrühling [探春] und Bedauerfrühling nahmen auf der rechten Seite Platz. Dienerinnen standen mit Staubwedeln, Spülschalen und Tüchern bereit. Seidenweiß Pflaume und Phönixglanz standen neben dem Tisch und bedienten. Obwohl draußen zahlreiche Dienerinnen und Mägde warteten, war kein einziger Huster zu hören. In vollkommener Stille wurde die Mahlzeit beendet. Jede erhielt auf einem kleinen Tablett Tee. Kajaljades Vater Ozeangleich Wald hatte seine Tochter gelehrt, nach dem Essen zu warten, bis die letzte Reiskorn geschluckt war, und erst eine Weile später Tee zu trinken, um den Magen nicht zu schädigen. Hier aber sah Kajaljade, dass vieles anders war als zu Hause, und so musste sie sich nach und nach anpassen. Sie nahm den Tee an und sah, wie Spülwasser gebracht wurde — sie spülte sich den Mund, ebenso wie die anderen. Dann wurde nochmals Tee gebracht — dies war der Tee zum Trinken. Die Großmutter sagte: „Geht nur, lasst uns in Ruhe plaudern." Dame König erhob sich, wechselte noch ein paar Worte, dann führte sie Phönixglanz und Seidenweiß Pflaume hinaus. Die Großmutter fragte Kajaljade, welche Bücher sie lese. Kajaljade antwortete: „Ich habe gerade erst die Vier Bücher [四书, die konfuzianischen Grundtexte] begonnen." Dann fragte sie, was die Cousinen läsen. Die Großmutter antwortete: „Was die schon lesen! Sie können gerade so ein paar Zeichen erkennen und sind keine Analphabeten — das ist alles." Kaum hatte sie ausgesprochen, hörte man draußen Schritte, und eine Dienerin kam lachend herein: „Schatzjade [宝玉] kommt!" Kajaljade dachte bei sich: „Dieser Schatzjade — was für ein fauler, ungezogener Bengel mag er sein?" — und hätte lieber auf den Anblick dieses Dummkopfs verzichtet. Während sie noch nachdachte, war die Dienerin mit ihrer Meldung noch nicht fertig, als ein junger Herr bereits hereintrat. Er trug ein purpurgoldenes Diadem mit eingelassenem Juwel, das sein Haar zusammenhielt, ein goldenes Stirnband mit zwei Drachen, die eine Perle umkämpfen, eine zweifarbig goldene Jacke mit Hundert-Schmetterlings-Blumenmustern und roten Pfeilärmelaufschlägen, einen bunt gewirkten Palastgürtel mit Quasten, darüber eine steinblaue Weste aus japanischem Satin mit aufgestickten Blüten und Quastenreihen, und blaue Satinstiefel mit weißer Sohle. Sein Gesicht war wie der Herbstmond, seine Farbe wie die Morgenröte im Frühling. Sein Haar wie mit dem Messer geschnitten, seine Brauen wie mit Tusche gemalt, das Gesicht wie Pfirsichblüten, die Augen wie Herbstwellen. Selbst wenn er zürnte, schien er zu lächeln; selbst wenn er böse blickte, lag Zuneigung in seinem Blick. Um den Hals trug er ein goldenes Drachencollier und eine fünffarbige Seidenschnur, an der ein Stück schöner Jade hing[12]. Kajaljade erschrak: „Wie seltsam — als hätte ich ihn schon einmal irgendwo gesehen! Wie vertraut er mir vorkommt!" Schatzjade begrüßte die Großmutter, und diese schickte ihn zu seiner Mutter. Als er zurückkam, hatte er sich umgezogen: Rund um den Kopf waren die kurzen Haare zu kleinen Zöpfchen geflochten, mit roten Seidenfäden zusammengebunden und am Scheitel zu einem großen Zopf vereint — glänzend schwarz wie Lack, vom Scheitel bis zur Spitze eine Reihe von vier großen Perlen, mit einem goldenen Anhänger der Acht Kostbarkeiten. Er trug einen halbgetragenen silberroten Seidenmantel mit Blumenmuster, dazu noch immer Halskette, Jade, Namensschloss und Schutzamulette. Unter dem Mantel schaute eine herbstgrüne Seidenhose hervor, dazu gemusterte Socken und dicke rote Schuhe. Sein Gesicht war wie mit Puder bestäubt, seine Lippen wie mit Rouge bemalt; sein Blick voll Zärtlichkeit, sein Reden stets von Lachen begleitet. Eine natürliche Eleganz lag ganz in seinen Brauen, zehntausend Gefühle waren in seinen Augen aufgehäuft. Was seine Erscheinung betrifft — sie war vortrefflich; doch sein inneres Wesen war schwer zu ergründen. Später verfasste jemand zwei Strophen nach dem Muster „Mond über dem Westfluss" (西江月)[13], die Schatzjade treffend beschreiben: Ohne Grund sucht er Kummer und Groll, Bald scheint er ein Narr, bald ein Toller. Mag er auch in hübscher Hülle stecken — Im Innern birgt er nur Wildnis und Gestrüpp. Nachlässig und ohne Sinn für die Welt, Dumm und abgeneigt gegen Bücher. Sein Wesen ist eigensinnig und verkehrt — Was kümmert ihn der Tadel der Leute! Reichtum kennt er, ohne ihn zu genießen, Armut erträgt er nicht, wenn sie kommt. Schade um die schöne Jugend, die er vertan! Für Land und Familie — keine Hoffnung. Der Untauglichste der ganzen Welt, Der Nichtsnutzigste aller Zeiten. Ihr Söhne des Reichtums und der Seide — Nehmt euch kein Beispiel an diesem Burschen! Schatzjade hatte die Großmutter begrüßt, und diese befahl ihm: „Geh und begrüße den Gast — dann geh und wasch dich um, bevor du zum Essen kommst!" Schatzjade wandte sich Kajaljade zu: Er sah ein zartes Mädchen mit einem Hauch von Melancholie zwischen den Brauen und einem stillen Leuchten in den Augen. Schatzjade lachte: „Diese Schwester habe ich schon einmal gesehen!" Die Großmutter lachte: „Unsinn! Wie solltest du sie schon gesehen haben?" Schatzjade lachte: „Wenn ich sie auch nicht gesehen habe — ihr Gesicht kommt mir so vertraut vor, als träfen wir uns nach langer Trennung wieder." Die Großmutter freute sich: „Umso besser! Dann werdet ihr euch gut verstehen." Schatzjade setzte sich neben Kajaljade und betrachtete sie genau. Dann fragte er: „Schwester, hast du schon Bücher gelesen?" Kajaljade antwortete: „Nein, nur ein paar Zeichen erkenne ich — mein Wissen ist gering." Schatzjade fragte: „Wie heißt du?" Kajaljade nannte ihren Namen. Schatzjade fragte: „Und dein Beiname?" Kajaljade antwortete: „Ich habe keinen Beinamen." Schatzjade lachte: „Dann will ich dir einen geben! Du solltest ‚Pinpin'[14] [颦颦, ‚die Stirnrunzlerin'] heißen — das passt am besten!" Erkundefrühling fragte: „Woher nimmst du das?" Schatzjade antwortete: „Im ‚Alten Wörterbuch' steht ‚die fernste Ferne' [远], und im ‚Breiten Wörterbuch' steht ‚weit über zehntausend Meilen' — also: Kajaljade [黛玉] ist der Name; zwischen ihren Brauen aber liegt ein Hauch, der ‚Pinpin' [颦颦] heißen sollte." Erkundefrühling lachte: „Wieder mal eine Erfindung — in keinem Buch steht so etwas!" Schatzjade lachte: „Alle Bücher haben ihre Autoren auch nur selbst erfunden!" Dann fragte er plötzlich: „Schwester, hast du denn Jade?" Alle waren verblüfft und verstanden nicht, was er meinte. Kajaljade dachte bei sich: „Wahrscheinlich fragt er, weil er selbst Jade hat — ob ich auch eine habe." Sie antwortete: „Nein, ich habe keine. Dein Jade ist etwas Seltenes — nicht jeder hat so etwas." Schatzjade geriet plötzlich in Raserei, riss sich die Jade vom Hals und schleuderte sie zu Boden: „Was soll das für ein Seltenes sein? Es kann nicht einmal die Zuneigung der Menschen hervorbringen — ich will es nicht mehr!" Alle erschraken und eilten herbei, die Jade aufzusammeln. Die Großmutter schloss ihn in die Arme und rief: „Du böser Junge! Wenn du dich über jemanden ärgerst, dann schimpfe — aber wirf doch nicht dein kostbares Erbstück fort!" Schatzjade weinte: „Keine der Schwestern und Cousinen hat so etwas — nur ich allein! Was nützt es? Und jetzt kommt diese wunderschöne engelsgleiche Schwester und hat auch keine — dann ist es offensichtlich kein gutes Ding!" Die Großmutter eilte, ihn zu beschwichtigen: „Deine Schwester hatte früher auch eine Jade, doch als deine Tante starb, hat sie gesagt, es sei besser, die Jade als Andenken mitzubegraben, als sie dem Kind zu hinterlassen. Deshalb hat deine Schwester gesagt, sie habe keine. Wie könnte sie sich mit dir vergleichen? Deine ist vom Himmel geschenkt — die wirft man nicht weg!" Schatzjade beruhigte sich schließlich. In jener Nacht wurden Kajaljade Zimmer und Bett im Schlafgemach der Großmutter zugewiesen, gleich neben Schatzjade. So begann Kajaljades Leben im Prunkwille-Anwesen. [Ende des dritten Kapitels] |
- ↑ Chin. 张如圭 Zhāng Rúguī. 如圭 rúguī „wie ein Jadeplättchen" (makellos). Der Name klingt wie 如归 rúguī „wie Heimkehr".
- ↑ 恩侯 Ēnhóu „Marquis der kaiserlichen Gnade" — Beiname (字 zì) von 贾赦 Jiǎ Shè, ein Hinweis auf den ererbten Adelsrang. 存周 Cúnzhōu „den Zhou-Geist bewahrend" — Beiname von 贾政 Jiǎ Zhèng, eine konfuzianische Anspielung auf den Herzog von Zhou (周公 Zhōu gōng), das Vorbild des tugendhaften Beamten. Die Beinamen unterstreichen die programmatischen Charakterunterschiede der beiden Brüder: She lebt von der ererbten Gnade, Zheng will der konfuzianischen Tradition gerecht werden.
- ↑ 应天府 Yìngtiānfǔ — Verwaltungsbezeichnung Nankings (= Jinling) zur Ming-Zeit (Hongwu-Periode), als Nanking erste Hauptstadt der Dynastie war. In der Qing-Zeit nicht mehr offizielle Präfektur, im Roman aber zur Selbstchiffrierung beibehalten — Cao Xueqins Familie (曹寅 Cáo Yín) amtierte als Salzbeamte in eben diesem Wirtschaftsraum.
- ↑ 人参养荣丸 Rénshēn Yǎngróng wán „Ginseng-Pillen zur Pflege des leuchtenden Wesens" — klassisches Rezept der traditionellen chinesischen Medizin (TCM), bestehend aus Ginseng, Astragalus, Süßholz, Cinnamomum cassia, Angelica sinensis u. a., zur Stärkung des qi (Lebensenergie) und xue (Blut). Es wird Patienten mit chronischer Erschöpfung, Blutarmut und Konstitutionsschwäche verordnet — also genau Kajaljades Symptomatik. Der Name ist zudem onomastisches Wortspiel: 养荣 yǎngróng „Pflege/Nähren des Glanzes" wird im Roman zu einem Symbol für die unausweichliche Krankheit, die sie bis zum Tod begleitet.
- ↑ 辣子 làzi „Chilischote/Pfefferschote", in der Südprovinz auch „zähe/scharfe Person". 凤辣子 Fèng làzi ist der von der Großmutter liebevoll-spöttisch verliehene Spitzname für Wang Xifeng — sie ist die einzige Figur des Romans, die mehrfach so genannt wird, was die außergewöhnliche Position als oberste Wirtschafterin der Familie unterstreicht. Der Spitzname betont scharfe Zunge, Witz, Gerissenheit und einen Hauch von Bedrohlichkeit.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Strahlender Phönix". 熙 xī „strahlend/glänzend", 凤 fèng „Phönix".
- ↑ Der Familienname 王 Wáng bedeutet „König". Die König-Familie ist eine der vier großen Familien (贾王薛史 = Kaufmann, König, Schnee, Geschichte).
- ↑ Chin. 邢夫人 Xíng Fūren. 邢 xíng — der Name erinnert an 刑 xíng „Strafe".
- ↑ 荣禧堂 Róngxǐ táng „Halle des Glanzes und der Glückseligkeit" — Empfangshalle der Rongguo-Residenz, die wegen ihrer prächtigen Ausstattung (kaiserliche Inschriften, antike Bronze, kostbare Kalligraphien) sofort den hohen Rang der Familie signalisiert. Das „Geschenkt vom Kaiser an Herzog Rong"-Schild unterstreicht den engen kaiserlichen Rückhalt — den die Familie im Romanverlauf nach und nach verliert. Die Spruchpaar-Tafel ist von 穆莳 Mù Shí (Erbherzog von Dong'an) signiert: ein realer Adelstitel im Roman, der auf die enge Verflechtung der „acht Banner-Familien" verweist.
- ↑ 混世魔王 Hùnshì Mówáng „Welt-verwirrender Dämonenkönig" — Anspielung auf die gleichnamige Dämonengestalt aus dem Roman 西游记 Xīyóujì („Reise nach Westen"). Der Spitzname für Schatzjade ist halb scherzhaft („Familienunglücksbringer") und halb anerkennend (außergewöhnliches, der sozialen Norm widersprechendes Wesen). In der jiapu-/Familienethik der Qing-Zeit war ein Sohn, der die Beamtenkarriere ablehnte und sich stattdessen in den Frauengemächern aufhielt, tatsächlich „chaotisch" für die Familienordnung.
- ↑ Chin. 李纨 Lǐ Wán. 李 lǐ „Pflaume" (Familienname); 纨 wán „feiner weißer Seidenstoff" (Symbol der tugendhaften Witwenschaft). Frau des verstorbenen ältesten Sohnes der Wang (贾珠 Jiǎ Zhū / Perle Kaufmann); im Roman als mustergültig-keusche junge Witwe gezeichnet, die sich der Erziehung ihres Sohnes 贾兰 Jiǎ Lán („Orchidee") widmet.
- ↑ 通灵宝玉 Tōnglíng Bǎoyù „Geistdurchdringende Schatz-Jade" — der von der Göttin Nüwa zurückgelassene Stein (Kap. 1), den ein Mönch mit Schriftzeichen gravierte und der Schatzjade bei der Geburt im Mund lag. Er ist Talisman, Schutzamulett und Lebenszeichen zugleich; sein Verlust bzw. seine Rückkehr in die mythische Sphäre rahmt den gesamten Roman. Die Inschrift „Verliere mich nicht, vergiss mich nicht — ewige Jugend, ewiges Leben" (莫失莫忘,仙寿恒昌) korrespondiert spiegelbildlich mit der Inschrift auf dem Goldschloss der Schatzspange (Xue Baochai), was im Folgekapitel zur „goldnen-Jade-Verbindung" wird — Quelle der zentralen Spannung Schatzjade ↔ Schatzspange ↔ Kajaljade.
- ↑ 西江月 Xījiāngyuè ist eine klassische Ci-Versform (Melodie).
- ↑ 颦颦 Pínpín „die zwei Stirnrunzelnde" — Anspielung auf 西施 Xī Shī, eine der vier klassischen Schönheiten Chinas (春秋 Chunqiu-Zeit), die der Legende nach so schön war, dass sie selbst beim Stirnrunzeln wegen Brustschmerzen noch lieblicher wirkte (东施效颦 Dōng Shī xiào pín, „Dong Shi ahmt das Stirnrunzeln nach"). Schatzjades phantasievolle Etymologie aus „Alten" und „Breiten Wörterbüchern" ist absichtlich humorvoll-erfunden — eine Parodie auf gelehrte Pseudo-Etymologien. Im weiteren Romanverlauf wird Kajaljade aber tatsächlich mit Xi Shi verglichen.