Difference between revisions of "Hongloumeng/zh-de4/Chapter 14"
(Cleanup: Duplikat-Fußnoten entfernt (12 ref-tags)) |
(Update Kap. 14 mit Dacidian-Fußnoten (16) — Lin Ruhai-Tod, Trauerzug) |
||
| Line 70: | Line 70: | ||
Phönixglanz befahl sogleich Caiming [彩明], Hefte und Register anzufertigen. Dann ließ sie die Frau des Lai Sheng zu sich kommen und verlangte die Gesindeliste mit den Namen aller Hausbediensteten zur Einsicht. Ferner setzte sie fest, dass am frühen Morgen des nächsten Tages sämtliche Dienerinnen und Sklavenfrauen zum Befehlsempfang zu erscheinen hätten. Nachdem sie die Bestandslisten flüchtig durchgesehen und der Frau des Lai Sheng noch einige Fragen gestellt hatte, stieg sie in den Wagen und fuhr nach Hause. Über die Nacht ist nichts zu berichten. | Phönixglanz befahl sogleich Caiming [彩明], Hefte und Register anzufertigen. Dann ließ sie die Frau des Lai Sheng zu sich kommen und verlangte die Gesindeliste mit den Namen aller Hausbediensteten zur Einsicht. Ferner setzte sie fest, dass am frühen Morgen des nächsten Tages sämtliche Dienerinnen und Sklavenfrauen zum Befehlsempfang zu erscheinen hätten. Nachdem sie die Bestandslisten flüchtig durchgesehen und der Frau des Lai Sheng noch einige Fragen gestellt hatte, stieg sie in den Wagen und fuhr nach Hause. Über die Nacht ist nichts zu berichten. | ||
| − | Am nächsten Morgen, zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde [Anm.: 卯正二刻, gegen 6 Uhr 30], erschien sie bereits wieder. Die Dienerinnen und Sklavenfrauen des Hauses Ning hatten sich, als sie die Nachricht erhielten, vollzählig versammelt. Sie sahen, dass Phönixglanz gerade mit der Frau des Lai Sheng die Arbeitseinteilung vornahm, und wagten nicht, unaufgefordert einzutreten. Sie standen nur vor dem Fenster, spähten hinein und lauschten. | + | Am nächsten Morgen, zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde<ref>十二時辰 Shí'èr shíchen — das traditionelle chinesische Zeitsystem der zwölf Doppelstunden, jede Doppelstunde benannt nach einem der zwölf Erdzweige (地支 dìzhī): 子 zǐ (23–01), 丑 chǒu (01–03), 寅 yín (03–05), 卯 mǎo (05–07), 辰 chén (07–09), 巳 sì (09–11), 午 wǔ (11–13), 未 wèi (13–15), 申 shēn (15–17), 酉 yǒu (17–19), 戌 xū (19–21), 亥 hài (21–23). Jede Doppelstunde ist in 8 刻 kè „Viertelstunden" zu je 15 Minuten unterteilt. „卯正二刻" bedeutet also: zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde = ca. 6:30 Uhr morgens. Phönixglanzs minutiöse Tageseinteilung — Appell um 6:30, Frühstück 10 Uhr (巳正), Aktenannahme 11 Uhr (午初刻), Abendkontrolle 19 Uhr (戌初) — ist sozialgeschichtlich bemerkenswert: sie operiert mit einem Genauigkeitsgrad und einer Disziplin, wie sie sonst nur in militärischen oder beamtlichen Kontexten üblich war.</ref> [Anm.: 卯正二刻, gegen 6 Uhr 30], erschien sie bereits wieder. Die Dienerinnen und Sklavenfrauen des Hauses Ning hatten sich, als sie die Nachricht erhielten, vollzählig versammelt. Sie sahen, dass Phönixglanz gerade mit der Frau des Lai Sheng die Arbeitseinteilung vornahm, und wagten nicht, unaufgefordert einzutreten. Sie standen nur vor dem Fenster, spähten hinein und lauschten. |
Sie hörten, wie Phönixglanz zur Frau des Lai Sheng sprach: „Nachdem man mir dies aufgetragen hat, werde ich mich wohl bei euch unbeliebt machen müssen. Ich bin nun einmal nicht so gutmütig wie eure gnädige Frau, die euch tun ließ, was euch beliebte. Und sagt mir ja nicht: 'So war es hier im Hause schon immer!' Von jetzt an wird alles nach meinen Anweisungen gemacht. Wer auch nur um Haaresbreite von meinen Regeln abweicht — gleichviel ob jemand mit Ansehen oder ohne —, den werde ich ohne Unterschied zur Rechenschaft ziehen." Nach diesen Worten befahl sie Caiming, die Gesindeliste vorzulesen und die Frauen eine nach der anderen namentlich hereinzurufen, damit sie sich jede einzelne ansehen konnte. | Sie hörten, wie Phönixglanz zur Frau des Lai Sheng sprach: „Nachdem man mir dies aufgetragen hat, werde ich mich wohl bei euch unbeliebt machen müssen. Ich bin nun einmal nicht so gutmütig wie eure gnädige Frau, die euch tun ließ, was euch beliebte. Und sagt mir ja nicht: 'So war es hier im Hause schon immer!' Von jetzt an wird alles nach meinen Anweisungen gemacht. Wer auch nur um Haaresbreite von meinen Regeln abweicht — gleichviel ob jemand mit Ansehen oder ohne —, den werde ich ohne Unterschied zur Rechenschaft ziehen." Nach diesen Worten befahl sie Caiming, die Gesindeliste vorzulesen und die Frauen eine nach der anderen namentlich hereinzurufen, damit sie sich jede einzelne ansehen konnte. | ||
| Line 110: | Line 110: | ||
Ohne die Anstrengung zu scheuen, erschien Phönixglanz jeden Morgen pünktlich zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde im Stillfriede-Anwesen, hielt Appell und erledigte die laufenden Geschäfte. Sie hielt sich nur in dem Anbau auf und mischte sich nicht unter die anderen Schwägerinnen. Auch wenn Besucherinnen kamen, ging sie ihnen nicht entgegen. | Ohne die Anstrengung zu scheuen, erschien Phönixglanz jeden Morgen pünktlich zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde im Stillfriede-Anwesen, hielt Appell und erledigte die laufenden Geschäfte. Sie hielt sich nur in dem Anbau auf und mischte sich nicht unter die anderen Schwägerinnen. Auch wenn Besucherinnen kamen, ging sie ihnen nicht entgegen. | ||
| − | Der betreffende Tag war der fünfte Tag der fünften Sieben-Tage-Periode [Anm.: 五七正五日, der 33. Tag nach dem Tod]. Die buddhistischen Mönche öffneten gerade rituell die Erde und brachen die Pforten der Hölle auf; sie trugen Laternen, um der Seele den Weg zu leuchten; sie erschienen vor dem Höllenkönig Yama, banden die Höllendämonen, riefen den Bodhisattva Dizang [地藏王, Ksitigarbha] herbei, öffneten die Goldene Brücke und gingen mit Bannern und Wimpeln voran. Die taoistischen Priester verbeugten sich unterdessen mit gesenktem Haupt und trugen ihre Lobgebete vor; sie erwiesen den Drei Reinen [三清] ihre Ehrerbietung und schlugen vor dem Jadekaiser ihren Kotau. Die Chan-Mönche führten die Weihrauchprozession an, vollzogen das Ritual der Speisung der hungrigen Geister [放焰口] und beteten das Wassersutra [拜水懺]. Ferner waren dreizehn Nonnen in gestickten Gewändern und roten Schuhen zugegen, die vor dem Sarg stumm die Geleitformeln murmelten. Es herrschte das lebhafteste Treiben. | + | Der betreffende Tag war der fünfte Tag der fünften Sieben-Tage-Periode [Anm.: 五七正五日, der 33. Tag nach dem Tod]. Die buddhistischen Mönche öffneten gerade rituell die Erde und brachen die Pforten der Hölle auf; sie trugen Laternen, um der Seele den Weg zu leuchten; sie erschienen vor dem Höllenkönig Yama, banden die Höllendämonen, riefen den Bodhisattva Dizang [地藏王, Ksitigarbha]<ref>地藏王菩薩 Dìzàngwáng Púsà (Sanskrit: Kṣitigarbha „Erdspeicher") — einer der vier großen Bodhisattvas des chinesischen Mahāyāna-Buddhismus (neben Guanyin/Avalokiteśvara, Wenshu/Mañjuśrī und Puxian/Samantabhadra). Sein berühmtes Gelübde: „Solange die Höllen nicht leer sind, werde ich nicht Buddha; erst wenn alle Wesen erlöst sind, vollende ich die Bodhi" (地獄不空,誓不成佛). Dadurch ist er der zentrale Bodhisattva der **Hölle** und der Verstorbenen — er begleitet die Seelen durch die zehn Höllengerichte (十殿閻王 Shídiàn Yánwáng) und kann sie auch aus der Hölle erlösen. Bei aristokratischen Trauerritualen wird er zur Beschleunigung der guten Wiedergeburt der Verstorbenen angerufen — hier wird er eigens geholt, um Anmutig Minne durch das bardo der Hölle zu führen.</ref> herbei, öffneten die Goldene Brücke und gingen mit Bannern und Wimpeln voran. Die taoistischen Priester verbeugten sich unterdessen mit gesenktem Haupt und trugen ihre Lobgebete vor; sie erwiesen den Drei Reinen [三清] ihre Ehrerbietung und schlugen vor dem Jadekaiser ihren Kotau. Die Chan-Mönche führten die Weihrauchprozession an, vollzogen das Ritual der Speisung der hungrigen Geister<ref>放焰口 Fàng yànkǒu „Loslassen der flammenden Mäuler" — buddhistisches Ritual zur Speisung der **hungrigen Geister** (饿鬼 èguǐ, Sanskrit: preta), die wegen schlechten Karmas in einer Zwischenwelt leiden, in der sie ständig hungern, weil ihr Schlund schmal wie eine Nadel ist. Das Ritual stammt aus der Tang-Zeit (über das 救拔焰口饿鬼陀罗尼经-Sutra). Parallel genannt: 拜水懺 Bài shuǐchàn „Verehrung des Wassersutras" — gemeint ist das 慈悲三昧水懺 Cíbēi sānmèi shuǐchàn „Wassersutra des barmherzigen Samadhi", ein dreibändiges Buß-Ritual. Die Daoisten verehren parallel die 三清 Sān Qīng „Drei Reinen" — die höchsten daoistischen Gottheiten 玉清元始天尊 / 上清靈寶天尊 / 太清道德天尊. Die rituelle Pluralität (Buddhismus + Daoismus + Volksglaube + Konfuzianismus) ist typisch für Begräbnisse der Hochqing-Aristokratie.</ref> [放焰口] und beteten das Wassersutra [拜水懺]. Ferner waren dreizehn Nonnen in gestickten Gewändern und roten Schuhen zugegen, die vor dem Sarg stumm die Geleitformeln murmelten. Es herrschte das lebhafteste Treiben. |
Phönixglanz wusste, dass an diesem Tag zahlreiche Gäste zu erwarten waren, und verbrachte die Nacht daheim. Zur Yin-Doppelstunde [Anm.: 寅正, gegen 4 Uhr morgens] weckte Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.</ref> sie bereits. Nachdem sie sich frisiert und gewaschen hatte, zog sie sich um, wusch die Hände und trank ein paar Schluck Milch mit gesüßter Reissuppe. Als sie sich dann den Mund gespült hatte, war es bereits die zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde. Die Frau des Lai Wang und das übrige Gefolge warteten schon seit geraumer Zeit. | Phönixglanz wusste, dass an diesem Tag zahlreiche Gäste zu erwarten waren, und verbrachte die Nacht daheim. Zur Yin-Doppelstunde [Anm.: 寅正, gegen 4 Uhr morgens] weckte Friedchen<ref>Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.</ref> sie bereits. Nachdem sie sich frisiert und gewaschen hatte, zog sie sich um, wusch die Hände und trank ein paar Schluck Milch mit gesüßter Reissuppe. Als sie sich dann den Mund gespült hatte, war es bereits die zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde. Die Frau des Lai Wang und das übrige Gefolge warteten schon seit geraumer Zeit. | ||
| Line 272: | Line 272: | ||
Von den einstigen vier Prinzen [Anm.: die „Vier Prinzen", 四王] war es nur der Prinz von Beijng gewesen, der sich die höchsten Verdienste erworben hatte. Daher trugen seine Nachkommen bis auf den heutigen Tag weiterhin den Prinzenrang. | Von den einstigen vier Prinzen [Anm.: die „Vier Prinzen", 四王] war es nur der Prinz von Beijng gewesen, der sich die höchsten Verdienste erworben hatte. Daher trugen seine Nachkommen bis auf den heutigen Tag weiterhin den Prinzenrang. | ||
| − | Der gegenwärtige Prinz von Beijng, Shui Rong [水溶], war noch keine zwanzig Jahre alt. Er war von anmutigem Wuchs, feinem Antlitz und bescheidenem, liebenswürdigem Wesen. Als er unlängst vom Tod der Frau des ältesten Enkels des Herzogs von Ning-guo erfuhr, gedachte er der alten Freundschaft zwischen ihren Vorfahren, die einst in Zeiten der Not und des Glanzes zusammengestanden hatten, als wären sie eine Familie. Daher stellte er seinen fürstlichen Rang hintan: Schon vor einigen Tagen hatte er dem Trauerhaus einen Besuch abgestattet und ein Opfer dargebracht. Heute nun hatte er seinen Wegopfer-Pavillon aufstellen lassen und seinen untergebenen Beamten befohlen, dort zu warten, während er selbst in der fünften Nachtwache zur Frühaudienz des Kaisers gegangen war. | + | Der gegenwärtige Prinz von Beijng, Shui Rong [水溶]<ref>水溶 Shuǐ Róng „Wasser-Verschmelzung" — der nominale Name des 北静王 Běijìng Wáng „Prinzen des Nördlichen Friedens", einer der bedeutendsten politischen Gönner-Figuren der Jia-Familie und einer der „Vier Prinzen" (四王 Sì Wáng), neben den Prinzen von Dongping, Nan'an und Xining (vgl. Kap. 11). Seine Familie ist die einzige der vier, die noch in der Gegenwart des Romans den 王 wáng-Prinzentitel trägt — die anderen sind im Rang gefallen. Shui Rong ist Schatzjades wichtigste außerhalb-der-Jia-Familie-liegende Schutzfigur: in Kap. 15 schenkt er ihm eine Gebetskette des Kaisers; später (Kap. 85) lädt er ihn zu seinem Geburtstag ein. Seine Anwesenheit am Trauerzug ist bedeutsam — sie unterstreicht die Spitzenstellung der Jia-Familie im Reich, aber auch die rituelle Selbstinszenierung des Hauses Ningguo.</ref>, war noch keine zwanzig Jahre alt. Er war von anmutigem Wuchs, feinem Antlitz und bescheidenem, liebenswürdigem Wesen. Als er unlängst vom Tod der Frau des ältesten Enkels des Herzogs von Ning-guo erfuhr, gedachte er der alten Freundschaft zwischen ihren Vorfahren, die einst in Zeiten der Not und des Glanzes zusammengestanden hatten, als wären sie eine Familie. Daher stellte er seinen fürstlichen Rang hintan: Schon vor einigen Tagen hatte er dem Trauerhaus einen Besuch abgestattet und ein Opfer dargebracht. Heute nun hatte er seinen Wegopfer-Pavillon aufstellen lassen und seinen untergebenen Beamten befohlen, dort zu warten, während er selbst in der fünften Nachtwache zur Frühaudienz des Kaisers gegangen war. |
Sobald seine Amtsgeschäfte erledigt waren, hatte er schlichte Trauergewänder angelegt und sich in einer großen Sänfte, unter Gongschall und Ehrenschirmen, zu seinem Pavillon tragen lassen. Seine Untergebenen nahmen zu beiden Seiten Aufstellung, und weder Soldaten noch Zivilisten durften die Straße passieren. | Sobald seine Amtsgeschäfte erledigt waren, hatte er schlichte Trauergewänder angelegt und sich in einer großen Sänfte, unter Gongschall und Ehrenschirmen, zu seinem Pavillon tragen lassen. Seine Untergebenen nahmen zu beiden Seiten Aufstellung, und weder Soldaten noch Zivilisten durften die Straße passieren. | ||
Latest revision as of 15:25, 5 May 2026
第十四回 / Kapitel 14
林如海灵返苏州郡
贾宝玉路谒北静王
| 中文原文 | Deutsche Übersetzung (DE4, Woesler) |
|---|---|
|
王凤姐弄权铁槛寺 秦鲸卿得趣馒头庵 话说宝玉举目见北静王世荣头上戴着净白簪缨银翅王帽,穿着江牙海水五爪龙白蟒袍,系着碧玉红鞓带;面如美玉,目似明星:真好秀丽人物!宝玉忙抢上来参见,世荣从轿内伸手搀住。见宝玉戴着束发银冠,勒着双龙出海抹额,穿着白蟒箭袖,围着攒珠银带;面若春花,目如点漆。北静王笑道:“名不虚传,果然如宝似玉。”问:“衔的那宝贝在那里?”宝玉见问,连忙从衣内取出递与。北静王细细看了,又念了那上头的字,因问:“果灵验否?”贾政忙道:“虽如此说,只是未曾试过。”北静王一面极口称奇,一面理顺彩绦,亲自与宝玉带上。又携手问宝玉几岁,现读何书。宝玉一一答应。 北静王见他语言清朗,谈吐有致,一面又向贾政笑道:“令郎真乃龙驹凤雏!非小王在世翁前唐突,将来‘雏凤清于老凤声’,未可量也。”贾政陪笑道:“犬子岂敢谬承金奖。赖藩郡馀恩,果如所言,亦荫生辈之幸矣。”北静王又道:“只是一件:令郎如此资质,想老太夫人自然锺爱。但吾辈后生,甚不宜溺爱,溺爱则未免荒失了学业。昔小王曾蹈此辙,想令郎亦未必不如是也。若令郎在家难以用功,不妨常到寒邸。小王虽不才,却多蒙海内众名士,凡至都者,未有不垂青目的,是以寒邸高人颇聚。令郎常去谈谈会会,则学问可以日进矣。”贾政忙躬身答道:“是。” 北静王又将腕上一串念珠卸下来,递与宝玉道:“今日初会,仓卒无敬贺之物。此系圣上所赐蕶苓香念珠一串,权为敬贺之礼。”宝玉连忙接了,回身奉与贾政。贾政带着宝玉谢过了。于是贾赦、贾珍等一齐上来,叩请回舆。北静王道:“逝者已登仙界,非你我碌碌尘寰中人。小王虽上叨天恩,虚邀郡袭,岂可越仙輀而进呢?”贾赦等见执意不从,只得谢恩回来,命手下人掩乐停音,将殡过完,方让北静王过去。不在话下。 且说宁府送殡,一路热闹非常。刚至城门,又有贾赦、贾政、贾珍诸同寅属下各家祭棚接祭,一一的谢过。然后出城,竟奔铁槛寺大路而来。彼时贾珍带着贾蓉来到诸长辈前,让坐轿上马,因而贾赦一辈的各自上了车、轿,贾珍一辈的也将要上马。凤姐因惦记着宝玉,怕他在郊外纵性,不服家人的话,贾政管不着,惟恐有闪失,因此命小厮来唤他。宝玉只得到他车前。凤姐笑道:“好兄弟,你是个尊贵人,和女孩儿似的人品,别学他们猴在马上。下来,咱们姐儿两个同坐车,好不好?”宝玉听说,便下了马,爬上凤姐车内,二人说笑前进。 不一时,只见那边两骑马直奔凤姐车来,下马扶车回道:“这里有下处,奶奶请歇歇更衣。”凤姐命请邢、王二夫人示下。那二人回说:“太太们说不歇了,叫奶奶自便。”凤姐便命歇歇再走。小厮带着轿、马岔出人群,往北而来。宝玉忙命人去请秦钟。那时秦钟正骑着马,随他父亲的轿,忽见宝玉的小厮跑来请他去打尖。秦钟远看着宝玉所骑的马,搭着鞍笼,随着凤姐的车往北而去,便知宝玉同凤姐一车,自己也带马赶上来,同入一庄门内。 那庄农人家无多房舍,妇女无处回避。那些村姑野妇见了凤姐、宝玉、秦钟的人品、衣服,几疑天人下降。凤姐进入茅屋,先命宝玉等出去玩玩。 宝玉会意,因同秦钟带了小厮们各处游玩。凡庄家动用之物,俱不曾见过的,宝玉见了,都以为奇,不知何名何用。小厮中有知道的,一一告诉了名色并其用处。宝玉听了,因点头道:“怪道古人诗上说:‘谁知盘中餐,粒粒皆辛苦。’正为此也。”一面说,一面又到一间房内,见炕上有个纺车儿,越发以为稀奇。小厮们又说:“是纺线织布的。”宝玉便上炕摇转。只见一个村妆丫头,约有十七八岁,走来说道:“别弄坏了。”众小厮忙上来吆喝。宝玉也住了手,说道:“我因没有见过,所以试一试玩儿。”那丫头道:“你不会转,等我转给你瞧。”秦钟暗拉宝玉道:“此卿大有意趣。”宝玉推他道:“再胡说,我就打了。”说着,只见那丫头纺起线来,果然好看。忽听那边老婆子叫道:“二丫头,快过来。”那丫头丢了纺车,一径去了。 宝玉怅然无趣。只见凤姐打发人来,叫他两个进去。凤姐洗了手,换了衣服,问他换不换。宝玉道:“不换。”也就罢了。仆妇们端上茶食果品来,又倒上香茶来。凤姐等吃了茶,待他们收拾完备,便起身上车。外面旺儿预备赏封,赏了那庄户人家。那妇人等忙来谢赏。宝玉留心看时,并不见纺线之女。走不多远,却见这二丫头怀里抱着个小孩子,同着两个小女孩子,在村头站着瞅他。宝玉情不自禁,然身在车上,只得眼角留情而已。 一时电卷风驰,回头已无踪迹了。 说笑间,已赶上大殡。早又前面法鼓金铙,幢幡宝盖,铁槛寺中僧众摆列路旁。少时到了寺中,另演佛事,重设香坛,安灵于内殿偏室之中。宝珠安于里寝室为伴。 外面贾珍款待一应亲友,也有坐住的,也有告辞的,一一谢了乏,从公、侯、伯、子、男,一起一起的散,至未末方散尽了。里面的堂客皆是凤姐接待,先从诰命散起,也到未正上下方散完了。只有几个近亲本族,等做过三日道场方去的。那时邢、王二夫人知凤姐必不能回家,便要带了宝玉同进城去。那宝玉乍到郊外,那里肯回去,只要跟着凤姐住着。王夫人只得交与凤姐而去。 原来这铁槛寺是宁、荣二公当日修造的,现今还有香火地亩,以备京中老了人口,在此停灵。其中阴阳两宅俱是预备妥贴的,好为送灵人口寄居。不想如今后人繁盛,其中贫富不一,或性情参商:有那家道艰难的,便住在这里了;有那有钱有势尚排场的,只说这里不方便,一定另外或村庄或尼庵寻个下处,为事毕宴退之所。即今秦氏之丧,族中诸人,也有在铁槛寺的,也有别寻下处的。凤姐也嫌不方便,因遣人来和馒头庵的姑子静虚说了,腾出几间房来预备。原来这馒头庵就是水月寺,因他庙里做的馒头好,就起了这个浑号。离铁槛寺不远。 当下和尚功课已完,奠过晚茶,贾珍便命贾蓉请凤姐歇息。凤姐见还有几个妯娌们陪着女亲,自己便辞了众人,带着宝玉、秦钟,往馒头庵来。只因秦邦业年迈多病,不能在此,只命秦钟等待安灵罢,所以秦钟只跟着凤姐、宝玉。 一时到了庵中,静虚带领智善、智能两个徒弟出来迎接,大家见过。凤姐等至净室,更衣净手毕。因见智能儿越发长高了,模样儿越发出息的水灵了,因说道:“你们师徒怎么这些日子也不往我们那里去?”静虚道:“可是这几日因胡老爷府里产了公子,太太送了十两银子来这里,叫请几位师父念三日《血盆经》,忙的就没得来请奶奶的安。” 不言老尼陪着凤姐。且说那秦钟、宝玉二人正在殿上玩耍,因见智能儿过来,宝玉笑道:“能儿来了。”秦钟说:“理他作什么?”宝玉笑道:“你别弄鬼儿。那一日在老太太屋里,一个人没有,你搂着他作什么呢?这会子还哄我。”秦钟笑道:“这可是没有的话。”宝玉道:“有没有也不管你,你只叫他倒碗茶来我喝,就撂过手。”秦钟笑道:“这又奇了:你叫他倒去,还怕他不倒?何用我说呢?”宝玉道:“我叫他倒的是无情意的,不及你叫他倒的是有情意的。”秦钟没法,只得说道:“能儿,倒碗茶来。”那能儿自幼在荣府走动,无人不识,常和宝玉、秦钟玩笑。如今长大了,渐知风月,便看上了秦钟人物风流;那秦钟也爱他妍媚:二人虽未上手,却已情投意合了。智能走去倒了茶来。秦钟笑说:“给我。”宝玉又叫:“给我。”智能儿抿着嘴儿笑道:“一碗茶也争,难道我手上有蜜?”宝玉先抢着了,喝着。方要问话,只见智善来叫智能去摆果碟子,一时来请他两个去吃果茶。他两个那里吃这些东西,略坐坐,仍出来玩耍。 凤姐也便回至净室歇息,老尼相伴。此时众婆子、媳妇见无事,都陆续散了,自去歇息,跟前不过几个心腹小丫头,老尼便趁机说道:“我有一事,要到府里求太太,先请奶奶的示下。”凤姐问道:“什么事?”老尼道:“阿弥陀佛!只因当日我先在长安县善才庵里出家的时候儿,有个施主姓张,是大财主。他的女孩儿,小名金哥,那年都往我庙里来进香,不想遇见长安府太爷的小舅子李少爷。那李少爷一眼看见金哥就爱上了,立刻打发人来求亲,不想金哥已受了原任长安守备公子的聘定。张家欲待退亲,又怕守备不依,因此说已有了人家了。谁知李少爷一定要娶。张家正在没法,两处为难,不料守备家听见此信,也不问青红皂白,就来吵闹,说:‘一个女孩儿,你许几家子人家儿?’偏不许退定礼,就打起官司来。女家急了,只得着人上京找门路,赌气偏要退定礼。我想如今长安节度云老爷,和府上相好,怎么求太太和老爷说说,写一封书子,求云老爷和那守备说一声,不怕他不依。要是肯行,张家那怕倾家孝顺,也是情愿的。” 凤姐听了,笑道:“这事倒不大,只是太太再不管这些事。”老尼道:“太太不管,奶奶可以主张了。”凤姐笑道:“我也不等银子使,也不做这样的事。”静虚听了,打去妄想。半晌,叹道:“虽这么说,只是张家已经知道求了府里。如今不管,张家不说没工夫、不希图他的谢礼,倒像府里连这点子手段也没有似的。” 凤姐听了这话,便发了兴头,说道:“你是素日知道我的,从来不信什么阴司地狱报应的,凭是什么事,我说要行就行。你叫他拿三千两银子来,我就替他出这口气。”老尼听说,喜之不胜,忙说:“有,有!这个不难。”凤姐又道:“我比不得他们扯篷拉纤的图银子:这三千两银子,不过是给打发说去的小厮们作盘缠,使他赚几个辛苦钱儿;我一个钱也不要,就是三万两,我此刻还拿的出来。”老尼忙答应道:“既如此,奶奶明天就开恩罢了。”凤姐道:“你瞧瞧我忙的,那一处少的了我?我既应了你,自然给你了结啊。”老尼道:“这点子事,要在别人,自然忙的不知怎么样;要是奶奶跟前,再添上些,也不够奶奶一办的。俗语说的:‘能者多劳。’太太见奶奶这样才情,越发都推给奶奶了。只是奶奶也要保重贵体些才是。”一路奉承,凤姐越发受用了,也不顾劳乏,更攀谈起来。 谁想秦钟趁黑晚无人,来寻智能儿。刚到后头房里,只见智能儿独在那儿洗茶碗,秦钟便搂着亲嘴。智能儿急的跺脚说:“这是做什么?”就要叫唤。秦钟道:“好妹妹,我要急死了。你今儿再不依我,我就死在这里。”智能儿道:“你要怎么样?除非我出了这牢坑,离了这些人,才好呢。”秦钟道:“这也容易,只是远水解不得近渴。”说着,一口吹了灯,满屋里漆黑,将智能儿抱到炕上。那智能儿百般的扎挣不起来,又不好嚷,不知怎么样就把中衣儿解下来了。 这里刚才入港,说时迟,那时快,猛然间,一个人从身后冒冒失失的按住,也不出声。二人唬的魂飞魄散。只听嗤的一笑,这才知是宝玉。秦钟连忙起来,抱怨道:“这算什么?”宝玉道:“你倒不依?咱们就嚷出来。”羞的智能儿趁暗中跑了。宝玉拉着秦钟出来道:“你可还强嘴不强?”秦钟笑道:“好哥哥,你只别嚷,你要怎么着都使的。”宝玉笑道:“这会子也不用说,等一会儿睡下,咱们再慢慢儿的算账。” 一时宽衣安歇的时节,凤姐在里间,宝玉、秦钟在外间,满地下皆是婆子们打铺坐更。凤姐因怕通灵玉失落,等宝玉睡下,令人拿来,塞在自己枕边。却不知宝玉和秦钟如何算账,未见真切,此系疑案,不敢创纂。 且说次日一早,便有贾母、王夫人打发了人来看宝玉,命多穿两件衣服,无事宁可回去。宝玉那里肯,又兼秦钟恋着智能儿,调唆宝玉求凤姐再住一天。凤姐想了一想,丧仪大事虽妥,还有些小事,也可以再住一日:一则贾珍跟前送了满情,二则又可以完了静虚的事,三则顺了宝玉的心。因此便向宝玉道:“我的事都完了。你要在这里逛,少不得索性辛苦了。明儿是一定要走的了。”宝玉听说,千姐姐万姐姐的央求:“只住一日,明儿必回去的。”于是又住了一夜。 凤姐便悄悄将昨日老尼之事说与来旺儿。旺儿心中俱已明白,急忙进城,找着主文的相公,假托贾琏所嘱,修书一封,连夜往长安县来。不过百里之遥,两日工夫,俱已妥协。那节度使名唤云光,久欠贾府之情,这些小事,岂有不允之理,给了回书。旺儿回来,不在话下。 且说凤姐等又过了一日,次日方别了老尼,着他三日后往府里去讨信。那秦钟和智能儿两个百般的不忍分离,背地里设了多少幽期密约,只得含恨而别,俱不用细述。凤姐又到铁槛寺中照望一番。宝珠执意不肯回家,贾珍只得派妇女相伴。 后事如何,且听下回分解。 碧玉红鞓(tīng听)带——以碧玉为装饰的红色皮腰带。 鞓带:旧时官员所系的腰带,以颜色标志官员的品级。明代一品官系红鞓带。清代则皇室本支系黄鞓带,旁支系红鞓带。这里依明制。 龙驹凤雏——龙驹:小龙。 凤雏:小凤凰。 语出《晋书·陆云传》:“(陆)云字士龙,六岁能属文,性清正,有才理。少与兄机齐名,虽文章不及机,而持论过之,号曰‘二陆’。幼时,吴尚书广陵闵鸿见而奇之,曰:‘此儿若非龙驹,当是凤雏。’后举云贤良,时年十六。”意谓犹如小龙和小凤凰。比喻仪表堂堂、才华出众的青少年。 雏凤清于老凤声——雏凤:小凤凰。 清:清脆,清亮。 语出唐·李商隐《韩冬郎即席为诗相送……因成二绝寄酬兼呈畏之员外》其一:“十岁裁诗走马成,冷灰残烛动离情。桐花万里丹山路,雏凤清于老凤声。”(冬郎:韩偓小字,十岁即能写诗。畏之:韩偓之父韩瞻之字。) 意谓幼凤的叫声比老凤的叫声更加清脆入耳。原比喻韩瞻、韩偓父子的才华都出众,而韩偓更超过父亲。引申以泛喻父子的才华都出众,而儿子更超过父亲。 垂青目——垂:本义为悬挂,下垂。引申为赐予,施与。 青目:同“青眼”。典出《晋书·阮籍传》:阮籍看人分白眼和青眼:“见礼俗之士,以白眼对之”;见喜欢之人,则“大悦,乃见(现)青眼”。(南朝宋·刘义庆《世说新语·简傲》刘孝标注引《晋百官名》略同)后遂以“青眼”、“青目”或“垂青”、“垂青目”比喻对人器重。 蕶苓香──亦作“零陵香”。树名。因多产于零陵县(今属湖南)而得名。因其名贵,且有香味,故富贵人家将此木念珠作为佩带之物。 仙輀(ér儿)——指载运死者灵柩的车子。 仙:对死或死者的委婉说法。 輀:载运灵柩的车子。《释名·释丧制》:“舆棺之平曰輀。輀,耳也,县(悬)于左右前后铜鱼摇绞之属。” “谁知”二句──语出唐·李绅《悯农(一作“古风”)二首》其二:“锄禾日当午,汗滴禾下土。谁知盘中餐,粒粒皆辛苦。”意谓粮食来之不易,应该珍惜。以其通俗深刻而脍炙人口。 宝盖──这里指佛、道用于仪仗或做法事的伞盖。《观佛三昧海经·观四威仪品》:“于阶道侧竖诸宝幢,无量宝幡悬其幢头,百亿宝盖弥覆其上。” 香火地亩──为寺庙的香火提供费用的土地。 阴阳两宅──阴宅和阳宅,即停放灵柩的房屋和送殡人暂住的房屋。 馒头庵──此庵名或本唐·王梵志无题诗:“城外土馒头,馅草在城里。一人吃一个,莫嫌没滋味。”又宋·范成大《重九日行营寿藏之地》:“纵有千年铁门限,终须一个土馒头。”“馒头”为“土馒头”的省略,比喻坟墓;“铁门限”即“铁门槛”,简称“铁槛”,比喻鬼门关。因此“馒头庵”与“铁槛寺”恰好为一对,隐寓人无论怎样千方谋虑,百计经营,终究要过那道鬼门关,变成一个“土馒头”。极具戏谑意味。 水月寺──此寺名或本晋·释慧远《鸠摩罗什法师大乘大义》卷上:“如镜中像、水中月,见如有色,而无触等,则非色也。”又《宗镜录》卷三:“缘生之法,皆是无常。如镜里之形,无体而全因外镜;似水中之月,不实而虚现空轮。认此为真,愚之甚矣。”又唐·王梵志无题诗:“观影元非有,观身亦是空。如采水底月,似捉树吹(头)风。揽之不可见,寻之不可穷。众生随业转,恰似梦寐中。”“水月”即水中月影。佛家用语。比喻虚无缥缈、空无所有的幻影或幻象。因此“水月寺”隐寓人生如梦,转眼成空。这是曹雪芹又一次流露其色空观念。为馒头庵姑子起名“静虚”,也是此意。 《血盆经》──全称《目连正教血盆经》,又名《女人血盆经》。民间流传的佛经名。俗以为妇女产后出血污秽不吉利,而请僧尼念此经,便可以消灾祈福。 扯篷拉纤的图银子──比喻到处钻营,与人勾结捞钱。 扯篷:搭篷时用很多绳索互相拉扯。 拉纤:很多船夫用绳索共拉一船行驶。 算账──指鸡奸,即男性之间发生性行为。这又是曹雪芹惯用的《春秋》笔法,故意不明白说出,而让人猜谜。 按:清代因严禁妓女行业,男风盛行,以至于京城男妓很多,谓之“相公”。因此,《清律·刑律·犯奸》对鸡奸也拟以重罪:“恶徒伙众将良人子弟抢去,强行鸡奸者,无论曾否杀人,仍照光棍例。为首者,拟斩立决。”而据清·袁枚考证,“鸡奸”乃“奸”之误,见《随园随笔奸之讹》:“杨氏《正韵笺律》有奸之条。音鸡,将男作女也。今男淫为鸡奸,误矣。”可备一说。 |
In dem Ozeangleich Walds Seele nach Suzhou heimkehrt und Schatzjade[1] am Wegesrand dem Prinzen des Nördlichen Friedens[2] seine Aufwartung macht Wie erzählt wird, versammelte der Hauptverwalter [都總管] des Hauses Ning, Lai Sheng [來升], als er erfuhr, dass Phönixglanz[3] mit der Leitung des inneren Haushalts betraut worden war, sogleich alle seine Leute und sprach zu ihnen: „Man hat die Gemahlin des jungen gnädigen Herrn Kette aus dem Westanwesen [Prunkwille-Anwesen] gebeten, hier die Haushaltsführung zu übernehmen. Wenn sie künftig etwas von uns verlangt oder uns eine Anweisung gibt, müssen wir achtsamer sein als sonst. Jeder von uns sollte von nun an morgens früher kommen und abends später gehen. Lieber wollen wir diesen einen Monat hart arbeiten und uns danach ausruhen, als unser altes Ansehen zu verlieren. Diese junge Frau ist als ein heftig Geschöpf bekannt — mit saurer Miene und hartem Herzen; wenn sie einmal in Wut gerät, kennt sie kein Pardon." Alle sagten, er habe recht. Einer bemerkte lächelnd: „Wenn man es recht bedenkt, hat es der Haushalt bitter nötig, dass jemand kommt und hier Ordnung schafft. So wie es zuletzt zuging, war es doch wahrhaftig kein Zustand mehr!" Eben als er das sagte, kam die Frau des Lai Wang [來旺] mit der Hausmarke in der Hand, um Papier für Anschläge und Eingaben abzuholen. Auf dem Bestellschein war die benötigte Menge verzeichnet. Man bat sie rasch, Platz zu nehmen, und goss ihr Tee ein. Dann wurde jemand beauftragt, das Papier in der vorgeschriebenen Menge zu holen. Man trug es ihr gemeinsam bis zum Zeremonialtor [儀門] und ließ sie es von dort selbst hineintragen. Phönixglanz befahl sogleich Caiming [彩明], Hefte und Register anzufertigen. Dann ließ sie die Frau des Lai Sheng zu sich kommen und verlangte die Gesindeliste mit den Namen aller Hausbediensteten zur Einsicht. Ferner setzte sie fest, dass am frühen Morgen des nächsten Tages sämtliche Dienerinnen und Sklavenfrauen zum Befehlsempfang zu erscheinen hätten. Nachdem sie die Bestandslisten flüchtig durchgesehen und der Frau des Lai Sheng noch einige Fragen gestellt hatte, stieg sie in den Wagen und fuhr nach Hause. Über die Nacht ist nichts zu berichten. Am nächsten Morgen, zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde[4] [Anm.: 卯正二刻, gegen 6 Uhr 30], erschien sie bereits wieder. Die Dienerinnen und Sklavenfrauen des Hauses Ning hatten sich, als sie die Nachricht erhielten, vollzählig versammelt. Sie sahen, dass Phönixglanz gerade mit der Frau des Lai Sheng die Arbeitseinteilung vornahm, und wagten nicht, unaufgefordert einzutreten. Sie standen nur vor dem Fenster, spähten hinein und lauschten. Sie hörten, wie Phönixglanz zur Frau des Lai Sheng sprach: „Nachdem man mir dies aufgetragen hat, werde ich mich wohl bei euch unbeliebt machen müssen. Ich bin nun einmal nicht so gutmütig wie eure gnädige Frau, die euch tun ließ, was euch beliebte. Und sagt mir ja nicht: 'So war es hier im Hause schon immer!' Von jetzt an wird alles nach meinen Anweisungen gemacht. Wer auch nur um Haaresbreite von meinen Regeln abweicht — gleichviel ob jemand mit Ansehen oder ohne —, den werde ich ohne Unterschied zur Rechenschaft ziehen." Nach diesen Worten befahl sie Caiming, die Gesindeliste vorzulesen und die Frauen eine nach der anderen namentlich hereinzurufen, damit sie sich jede einzelne ansehen konnte. Nachdem sie alle in Augenschein genommen hatte, erteilte sie folgende Anweisungen: „Diese zwanzig hier werden in zwei Gruppen zu je zehn eingeteilt. Ihre einzige Aufgabe ist es, sich täglich in den inneren Gemächern um das Kommen und Gehen der Gäste zu kümmern und ihnen Tee einzuschenken. Um nichts anderes haben sie sich zu kümmern. Diese zwanzig werden ebenfalls in zwei Gruppen eingeteilt. Ihre einzige Aufgabe ist es, sich täglich um Tee und Speisen für die Familienangehörigen und Verwandten zu kümmern. Auch sie haben mit nichts anderem etwas zu schaffen. Diese vierzig werden gleichfalls in zwei Gruppen eingeteilt. Sie haben ausschließlich vor dem Sarg Dienst zu tun: Weihrauch anzuzünden, Lampenöl nachzufüllen, Vorhänge aufzuhängen, die Totenwache zu halten, Opfertee und Opferreis zu wechseln und mit den Trauernden zusammen Wehklage zu erheben. Andere Dinge gehen sie nichts an. Diese vier werden ausschließlich in der inneren Teeküche die Tassen, Schalen und das Teegeschirr verwalten. Wenn auch nur ein einziges Stück fehlt, müssen sie vier es ersetzen. Diese vier werden ausschließlich das Geschirr für Wein und Speisen verwalten. Fehlt ein Stück, müssen auch sie es ersetzen. Diese acht sind ausschließlich für die Entgegennahme und Verwahrung der Trauergeschenke zuständig. Diese acht haben die Aufsicht über Lampenöl, Wachskerzen und Opferpapier für sämtliche Räumlichkeiten. Ich werde diese Dinge im Ganzen anfordern und ihnen übergeben; sie verteilen sie dann in den von mir festgelegten Mengen auf die einzelnen Gebäude weiter. Diese dreißig haben im täglichen Wechsel in den einzelnen Gebäuden Nachtdienst. Sie bewachen die Türen, überwachen Feuer und Lichter und fegen die Wege und Höfe. Alle übrigen werden nach Gebäuden eingeteilt. Jede Person ist für einen bestimmten Raum zuständig: von Tischen und Stühlen und Antiquitäten angefangen bis hin zu Spucknäpfen und Staubwedeln — und sei es auch nur ein Grashalm oder ein Setzling —, wenn irgendetwas verloren geht oder beschädigt wird, hat die Aufsichtsperson jenes Raumes dafür aufzukommen. Die Frau des Lai Sheng soll jeden Tag eine Gesamtkontrolle durchführen. Wenn jemand faulenzt, um Geld spielt, Wein trinkt, sich prügelt oder zankt, ist es mir unverzüglich zu melden. Und wenn ich herausfinde, dass du jemandem Nachsicht gewährst, wird auch das Ansehen deiner Familie, das sich über drei, vier Generationen aufgebaut hat, dir nichts mehr nützen. Jetzt gibt es für alles feste Regeln. Wenn in irgendeinem Bereich Unordnung herrscht, wende ich mich an die Verantwortlichen jenes Bereichs. Mein ständiges Gefolge trägt immer Uhren bei sich, und für jede Angelegenheit, ob groß oder klein, gibt es bei mir eine festgesetzte Zeit. Auch bei euch in den Haupträumen gibt es Uhren. Um die zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde komme ich zum Appell. Zur Si-Doppelstunde wird gefrühstückt [Anm.: 巳正, gegen 10 Uhr]. Wer die Hausmarke braucht oder Bericht erstatten will, kommt in der ersten Viertelstunde der Wu-Doppelstunde [Anm.: 午初刻, gegen 11 Uhr]. Zur Xu-Doppelstunde [Anm.: 戍初, gegen 19 Uhr], nachdem das Opferpapier für die Abenddämmerung verbrannt ist, gehe ich persönlich durch alle Räume und kontrolliere. Wenn ich zurückkomme, übergibt mir der Nachtdienst die Schlüssel. Am nächsten Morgen bin ich wieder um die zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde hier. Es lässt sich nicht vermeiden, dass wir alle in diesen Tagen hart arbeiten müssen. Aber wenn die Sache vorüber ist, wird euch euer gnädiger Herr gewiss belohnen." Nach diesen Worten befahl sie, Teeblätter, Lampenöl, Kerzen, Federwische, Besen und dergleichen in den von ihr festgelegten Mengen auszugeben. Zugleich ließ sie Einrichtungsgegenstände herbeischaffen: Tischverkleidungen, Stuhlüberzüge, Sitzpolster, Filzteppiche, Spucknäpfe, Fußbänke und dergleichen. Während sie das eine auslieferte, führte sie mit dem Schreibpinsel sorgfältig Buch: wer für welchen Raum zuständig war und wer welche Gegenstände empfangen hatte — alles wurde mit größter Klarheit und Übersichtlichkeit verzeichnet. Von nun an wusste jede Dienerin, wohin sie gehörte und wofür sie verantwortlich war. Es war nicht mehr so wie zuvor, als sich jede nur die bequemen Aufgaben aussuchte und die beschwerlichen Arbeiten liegen blieben, weil niemand sie übernehmen wollte. Aus den einzelnen Räumen konnte auch nicht mehr im allgemeinen Durcheinander etwas verschwinden. Und obwohl ein ständiges Kommen und Gehen von Gästen herrschte, war überall Ordnung und Ruhe eingekehrt. Es konnte nicht mehr vorkommen, dass eine Dienerin, die eben Tee servierte, plötzlich auch noch das Essen auftragen musste, oder dass sie mitten aus der Wehklage mit den Trauernden herausgerissen wurde, um Gäste zu empfangen. Solche Missstände wie Kopflosigkeit, heillose Unordnung, faule Ausreden, Drückebergerei und Diebstahl — sie alle waren vom nächsten Tag an wie weggefegt. Als Phönixglanz sah, dass ihre Autorität respektiert und ihre Befehle ausgeführt wurden, war sie innerlich höchst zufrieden. Da sie bemerkte, dass Dame Sonders immer noch krank darniederlag und Herrlichkeit Kaufmann[5] vor übergroßem Kummer kaum etwas zu sich nahm, ließ sie jeden Tag im Prunkwille-Anwesen[6] verschiedene feine Reissuppen und erlesene kleine Gerichte zubereiten und herüberbringen, wobei sie den Dienerinnen auftrug, ihnen freundlich zuzureden, doch zu essen. Herrlichkeit Kaufmann seinerseits gab Anweisung, täglich die besten Speisen in den Anbau zu schicken, damit Phönixglanz allein dort speisen konnte. Ohne die Anstrengung zu scheuen, erschien Phönixglanz jeden Morgen pünktlich zur zweiten Viertelstunde der Mao-Doppelstunde im Stillfriede-Anwesen, hielt Appell und erledigte die laufenden Geschäfte. Sie hielt sich nur in dem Anbau auf und mischte sich nicht unter die anderen Schwägerinnen. Auch wenn Besucherinnen kamen, ging sie ihnen nicht entgegen. Der betreffende Tag war der fünfte Tag der fünften Sieben-Tage-Periode [Anm.: 五七正五日, der 33. Tag nach dem Tod]. Die buddhistischen Mönche öffneten gerade rituell die Erde und brachen die Pforten der Hölle auf; sie trugen Laternen, um der Seele den Weg zu leuchten; sie erschienen vor dem Höllenkönig Yama, banden die Höllendämonen, riefen den Bodhisattva Dizang [地藏王, Ksitigarbha][7] herbei, öffneten die Goldene Brücke und gingen mit Bannern und Wimpeln voran. Die taoistischen Priester verbeugten sich unterdessen mit gesenktem Haupt und trugen ihre Lobgebete vor; sie erwiesen den Drei Reinen [三清] ihre Ehrerbietung und schlugen vor dem Jadekaiser ihren Kotau. Die Chan-Mönche führten die Weihrauchprozession an, vollzogen das Ritual der Speisung der hungrigen Geister[8] [放焰口] und beteten das Wassersutra [拜水懺]. Ferner waren dreizehn Nonnen in gestickten Gewändern und roten Schuhen zugegen, die vor dem Sarg stumm die Geleitformeln murmelten. Es herrschte das lebhafteste Treiben. Phönixglanz wusste, dass an diesem Tag zahlreiche Gäste zu erwarten waren, und verbrachte die Nacht daheim. Zur Yin-Doppelstunde [Anm.: 寅正, gegen 4 Uhr morgens] weckte Friedchen[9] sie bereits. Nachdem sie sich frisiert und gewaschen hatte, zog sie sich um, wusch die Hände und trank ein paar Schluck Milch mit gesüßter Reissuppe. Als sie sich dann den Mund gespült hatte, war es bereits die zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde. Die Frau des Lai Wang und das übrige Gefolge warteten schon seit geraumer Zeit. Phönixglanz trat vor die Halle und stieg in den Wagen. Vorneweg trug man ein Paar helle Hornlaternen, auf denen in großen Schriftzeichen „Prunkwille-Anwesen" [榮國府] geschrieben stand. So fuhr sie gemächlich zum Stillfriede-Anwesen hinüber. Über dem Haupttor hingen strahlende Lampen, und auf beiden Seiten standen in gleichmäßiger Reihe Kandelaber, die alles taghell erleuchteten. Ein Spalier von Dienern in weißer Trauerkleidung stand links und rechts. Die Sänfte wurde bis zum Haupttor getragen. Dort zogen sich die Diener zurück, und Sklavenfrauen traten heran, um den Vorhang des Wagens zurückzuschlagen. Phönixglanz stieg aus und stützte sich mit einer Hand auf Feng'er [豐兒]. Zwei Sklavenfrauen trugen Handlaternen mit gläsernen Schirmen und geleiteten Phönixglanz im Gefolge hinein. Die Dienerinnen des Hauses Ning kamen ihr entgegen, begrüßten sie und begleiteten sie. Bedächtig schritt Phönixglanz in den Garten der Gesammelten Düfte [會芳園] bis zur Halle des Aufstiegs zu den Unsterblichen [登仙閣] und trat vor den Sarg. Kaum hatte sie den Sarg erblickt, rannen ihr die Tränen wie Perlen von einer zerrissenen Schnur die Wangen hinab. Im Hof standen zahlreiche Diener mit dienstfertig herabhängenden Armen und warteten darauf, Opferpapier zu verbrennen. Phönixglanz rief mit knappen Worten: „Reicht den Opfertee und verbrennt das Opferpapier!" Sogleich erklang ein Gongschlag, und die Musik setzte ein. Man hatte schon längst einen großen Lehnstuhl vor den Sarg gestellt. Phönixglanz nahm darauf Platz und brach in lautes Weinen aus. Sofort fielen im ganzen Haus alle — Männer und Frauen, Hohe und Niedrige — in das Wehklagen ein und heulten mit. Kurze Zeit später schickten Herrlichkeit Kaufmann und Dame Sonders[10] Botinnen, um Phönixglanz zu trösten und zu bitten, innezuhalten. Da erst hörte sie auf. Die Frau des Lai Wang reichte ihr Tee, und nachdem sie sich den Mund gespült hatte, stand Phönixglanz auf, verabschiedete sich von den anwesenden Sippenangehörigen und begab sich in den Anbau. Dort rief sie nach der Namensliste die einzelnen Gruppen auf. Alle waren vollzählig erschienen — nur eine einzige Person aus der Gruppe für den Empfang und die Verabschiedung der Gäste fehlte. Sofort befahl sie, die Betreffende herbeizurufen. Diese kam bereits ängstlich und beschämt herbeigelaufen. Phönixglanz lächelte eisig und sprach: „Ich habe mich schon gefragt, wer es wagen würde, zu spät zu kommen — und du bist es! Du hältst dich wohl für etwas Besseres als die anderen, dass du meinen Anweisungen nicht Folge leisten musst?" Die Frau erwiderte: „Euer geringste Dienerin ist jeden Tag rechtzeitig erschienen. Nur heute — als ich aufwachte, schien es mir noch so früh, da bin ich nochmals eingeschlafen und um einen Augenblick zu spät gekommen. Ich bitte die gnädige Frau, mir dieses eine Mal zu vergeben!" Eben als sie das sagte, steckte die Frau des König Xing [王興] aus dem Prunkwille-Anwesen den Kopf zur Tür herein. Phönixglanz ließ die verspätete Dienerin einstweilen stehen und fragte zuerst: „Was will die Frau des König Xing?" Diese konnte es kaum erwarten, rasch abgefertigt zu werden, trat eilig ein und sagte: „Ich brauche die Hausmarke, um Seidenfäden zu holen. Es sollen Ziernetze für Wagen und Sänften geknüpft werden." Dabei reichte sie einen Bestellschein hinauf. Phönixglanz befahl Caiming, ihn vorzulesen. Er las: „Zwei große Sänften, vier kleine Sänften, vier Wagen. Dafür werden insgesamt soundso viele große und kleine Ziernetze benötigt, soundso viele Jin [Anm.: 斤, Pfund] Perlseidenfaden." Phönixglanz hörte zu, befand die Mengenangabe für richtig, befahl Caiming, die Eintragung vorzunehmen, und warf die Hausmarke des Prunkwille-Anwesens herab. Die Frau des König Xing nahm sie an und ging. Phönixglanz wollte sich eben wieder der verspäteten Dienerin zuwenden, als vier Beauftragte aus dem Prunkwille-Anwesen hereintraten, die ebenfalls Material holen und die Hausmarke dafür benötigten. Phönixglanz ließ sich ihre Bestellscheine geben und von Caiming vorlesen. Es waren insgesamt vier Posten. Auf zwei davon zeigte sie und sprach: „Diese beiden Posten sind falsch berechnet. Rechnet sie nochmals nach und kommt dann wieder!" Damit warf sie die Bestellscheine hinab. Die beiden Betroffenen gingen betreten davon. Phönixglanz sah, dass die Frau des Zhang Cai [張材] daneben stand, und fragte: „Was hast du für einen Auftrag?" Die Frau des Zhang Cai holte eilig ihren Bestellschein hervor und berichtete: „Die Vorhänge für die Wagen und Sänften, von denen eben die Rede war, sind soeben fertiggestellt worden. Ich soll den Schneiderlohn von soundso viel Liang Silber abholen." Phönixglanz hörte es an, nahm den Schein entgegen und befahl Caiming, den Betrag einzutragen. Dann wies sie an, zunächst zu warten, bis die Frau des König Xing die Hausmarke mit der Empfangsbestätigung des Einkäufers zurückgebracht habe; erst dann solle die Marke an die Frau des Zhang Cai weitergegeben werden, damit sie das Silber abholen konnte. Sodann ließ sie den anderen Bestellschein vorlesen. Dieser betraf die frisch fertiggestellte Studierstube für Schatzjade — es wurde Papier zum Tapezieren der Wände benötigt. Phönixglanz hörte es an, zog den Schein ein, ließ den Betrag eintragen und ordnete an, dass auch hier gewartet werden müsse, bis die Frau des Zhang Cai die Marke zurückgab. Erst dann dürfe die nächste Person sie erhalten und das Material holen. Dann wandte sich Phönixglanz der verspäteten Dienerin zu und sprach: „Wenn morgen diese verschläft und übermorgen jene, wird am Ende gar niemand mehr da sein. Eigentlich wollte ich dir vergeben, doch wenn ich beim ersten Mal großzügig bin, lässt sich beim nächsten Mal niemand mehr etwas sagen. Da ist es besser, jetzt gleich ein Exempel zu statuieren!" Im selben Augenblick wurde ihre Miene streng, und sie rief den Befehl: „Führt sie hinaus und gebt ihr zwanzig Schläge mit dem Bambusprügel!" Zugleich warf sie die Hausmarke des Hauses Ning herab und ordnete an: „Geht hinaus und richtet Lai Sheng aus, dass dieser Frau für einen Monat ihre Silber- und Reiszuteilung entzogen wird!" Als die Anwesenden dies hörten und sahen, wie Phönixglanz die Brauen steil zusammenzog, erkannten sie, dass sie wahrhaft erzürnt war, und wagten nicht zu zögern. Die einen zerrten die Frau hinaus, die anderen eilten mit der Marke davon, um den Befehl weiterzugeben. Die Frau war machtlos — man schleifte sie hinaus, und sie empfing zwanzig schwere Schläge mit dem großen Prügel. Dann musste sie noch hereinkommen und sich bei Phönixglanz fußfällig bedanken. Phönixglanz verkündete: „Wer morgen etwas verfehlt, bekommt vierzig Schläge, und übermorgen sechzig. Wer Lust auf Prügel hat, braucht nur etwas falsch zu machen!" Dann rief sie: „Entlassen!" Die Frauen draußen vor den Fenstern, die alles gehört hatten, gingen nun jede an ihre zugewiesene Arbeit. Zu dieser Stunde riss der Strom der Beauftragten aus dem Ning-guo- und dem Prunkwille-Anwesen, die Hausmarken abholten und zurückbrachten, nicht ab. Die gedemütigte und geschlagene Dienerin schlich sich beschämt davon. Nun erst begriffen alle, dass mit Phönixglanz nicht zu spaßen war. Niemand wagte es mehr, nachlässig zu sein, und von diesem Tage an versah jede gewissenhaft und ängstlich ihren Dienst und hütete sich, einen Fehler zu machen. Doch davon soll nicht weiter die Rede sein. Nun ist zu berichten, dass Schatzjade an diesem Tag der großen Menschenmenge wegen befürchtete, Liebglocke Minne[11] könnte eine Kränkung erfahren. Darum beriet er sich leise mit ihm und schlug vor, sie sollten zu Phönixglanz in den Anbau gehen und sich dort aufhalten. Liebglocke Minne wandte ein: „Sie hat so viel zu tun und mag es nicht, wenn Leute sie aufsuchen. Wenn wir hingehen, wird es ihr nur lästig sein." Schatzjade erwiderte: „Warum sollten wir ihr lästig sein? Es macht nichts, komm nur mit!" Damit nahm er Liebglocke Minne an der Hand und ging geradewegs zum Anbau. Phönixglanz war eben beim Essen. Als sie die beiden hereinkommen sah, rief sie lächelnd: „Was für flinke Beine! Kommt schnell herauf und setzt euch!" Schatzjade sagte: „Wir haben schon gegessen, danke." Phönixglanz fragte: „Habt ihr hier draußen gegessen oder drüben?" Schatzjade erwiderte: „Wozu sollten wir hier mit den Grobian essen! Wir haben drüben gegessen — wir beide zusammen mit der Herzoginmutter." Damit setzten sie sich. Nachdem Phönixglanz aufgegessen hatte, kam eine Dienerin aus dem Stillfriede-Anwesen und verlangte die Hausmarke, um Silber für Weihrauch und Kerzen abzuholen. Phönixglanz sagte lächelnd: „Ich hatte es mir schon ausgerechnet, dass ihr heute danach kommen müsstet. Als niemand erschien, dachte ich, ihr hättet es vergessen. Nun kommst du aber doch. Hättet ihr es vergessen, hättet ihr natürlich selbst dafür aufkommen müssen, und ich wäre günstig davongekommen." Die Dienerin erwiderte lächelnd: „Vergessen hatten wir es tatsächlich! Aber eben ist es mir noch eingefallen. Wäre ich auch nur einen Augenblick später gekommen, hätte ich die Marke nicht mehr bekommen." Damit nahm sie die Marke und ging hinaus. Kurze Zeit später kam sie zurück, ließ den Betrag eintragen und gab die Marke zurück. Liebglocke Minne bemerkte lächelnd: „Ihr habt hier in beiden Anwesen diese Hausmarken. Was geschieht, wenn sich jemand heimlich eine davon beschafft, Silber damit abholt und davonläuft?" Phönixglanz erwiderte lächelnd: „Wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, es gäbe weder Recht noch Gesetz!" Schatzjade fragte: „Warum holt sich bei uns zu Hause niemand eine Marke, um etwas anfertigen zu lassen?" Phönixglanz antwortete: „Als unsere Leute hier waren, um sich die Marke zu holen, hast du noch tief und fest geschlafen!" Dann fragte sie: „Sag mir einmal, wann fangt ihr eigentlich endlich an, auch am Abend zu lernen?" Schatzjade erwiderte: „Am liebsten gleich jetzt! Aber solange die Studierstube noch nicht fertig ist, lässt sich nichts machen." Phönixglanz lachte und sagte: „Wenn du mich einmal ausführst und bewirtest, sorge ich dafür, dass es schneller geht." Schatzjade erwiderte: „Selbst wenn du es beschleunigst, nützt es nichts. Sie machen es ohnehin so weit, wie sie eben kommen, und dann ist es von selbst fertig." Phönixglanz lachte: „Damit sie arbeiten können, brauchen sie Material. Und es liegt ganz an mir, ob ich ihnen die Marke dafür gebe oder nicht. Da liegt die Schwierigkeit!" Als Schatzjade dies hörte, klammerte er sich an sie wie ein Äffchen und wollte ihr auf der Stelle die Marke abnehmen. „Liebste Schwester", bat er, „gib die Marke heraus und sag ihnen, sie sollen das Material holen!" Phönixglanz protestierte: „Mir tut vor Erschöpfung der ganze Leib weh — soll ich mir auch noch dein Gezerre gefallen lassen? Aber sei unbesorgt: Heute erst haben sie Papier geholt, um deine Studierstube zu tapezieren. Meinst du etwa, sie warten darauf, dass man ihnen extra sagt, was sie brauchen? So dumm sind sie nun auch wieder nicht!" Da Schatzjade ihr noch immer nicht glauben wollte, befahl Phönixglanz Caiming, im Register nachzuschlagen und Schatzjade die Eintragung zu zeigen. Während sie noch miteinander scherzten, wurde gemeldet: „Zhao'er [昭兒], der nach Suzhou geschickt worden war, ist zurückgekehrt!" Phönixglanz befahl sofort, ihn hereinzurufen. Zhao'er beugte ein Knie zum Gruß und schlug seine Stirn zur Begrüßung. Phönixglanz fragte: „Warum bist du zurückgekommen?" Zhao'er berichtete: „Der zweite gnädige Herr hat mich zurückgeschickt. Der Herr Schwiegervater Lin [Anm.: 林姑老爺, Ozeangleich Wald 林如海, Kajaljades Vater] ist am dritten Tag des neunten Monats, in der Si-Doppelstunde, verschieden. Der zweite gnädige Herr hat das Fräulein Lin [Kajaljade] begleitet und den Sarg des Herrn Schwiegervaters nach Suzhou überführt. Er wird voraussichtlich gegen Jahresende zurückkehren. Der gnädige Herr hat mich gesandt, um diese Nachricht zu überbringen und seine Grüße zu bestellen. Er bittet um Anweisungen der Herzoginmutter. Ferner soll ich nachsehen, ob bei der gnädigen Frau zu Hause alles wohlauf ist. Und er lässt bitten, ihm einige pelzgefütterte Winterkleider nachzuschicken." Phönixglanz fragte: „Hast du die anderen schon gesehen?" Zhao'er erwiderte: „Ich war bereits bei allen." Damit zog er sich eilig zurück. Phönixglanz wandte sich lächelnd an Schatzjade und sagte: „Dein Kusinchen wird jetzt wohl für lange Zeit bei uns wohnen." Schatzjade rief: „Ach, die Ärmste! Ich kann mir vorstellen, wie bitterlich sie in diesen Tagen geweint haben muss!" Bei diesen Worten runzelte er die Stirn und stieß einen tiefen Seufzer aus. Phönixglanz hatte, als Zhao'er zurückkehrte, in Gegenwart der anderen nicht genauer nach Kette Kaufmann[12] fragen können. Im Herzen war sie voller Sorge, und am liebsten wäre sie sogleich nach Hause geeilt. Doch angesichts der Fülle der Geschäfte fürchtete sie, ihre Abwesenheit könnte zu Verzögerungen und Fehlern führen und den Leuten Anlass zum Spotten geben. Also musste sie sich bis zum Abend gedulden. Zu Hause angekommen, ließ sie Zhao'er nochmals zu sich rufen und fragte ihn gründlich über den Verlauf der Reise aus, ob alles friedlich verlaufen sei und was es sonst noch zu berichten gebe. Noch in derselben Nacht suchte sie die pelzgefütterten Winterkleider heraus, prüfte sie gemeinsam mit Friedchen und schnürte ein sorgfältiges Bündel. Dann überlegte sie nochmals genau, was Kette Kaufmann sonst noch benötigen könnte, packte alles mit ein und übergab es Zhao'er. Dazu erteilte sie ihm eingehende Anweisungen: „Sei unterwegs folgsam und ärgere den gnädigen Herrn nicht! Rede ihm stets zu, weniger Wein zu trinken, und verleite ihn ja nicht dazu, sich mit liederlichen Weibern einzulassen! Sonst breche ich dir die Beine, wenn du wiederkommst!" Als alles in größter Eile erledigt war, ging bereits die vierte Nachtwache zu Ende. Doch nachdem Phönixglanz sich endlich hingelegt hatte, konnte sie nicht mehr einschlafen, und ehe sie es sich versah, wurde es hell, und die Hähne krähten. Also wusch und kämmte sie sich rasch und begab sich ins Stillfriede-Anwesen hinüber. Der Tag der Sargüberführung rückte nun nahe heran. Herrlichkeit Kaufmann fuhr persönlich in einem Wagen, nahm einen Beamten des Sterndeuteramtes mit und begab sich zum Kloster der Eisernen Schwelle [鐵檻寺], um den Platz zu besichtigen, an dem der Sarg vorübergehend aufgestellt werden sollte. Er wies den Abt Sekong [色空] eingehend an, für eine vortreffliche neue Ausstattung zu sorgen und zusätzliche angesehene Mönche zu bitten, beim Empfang des Sarges Dienst zu tun. Sekong ließ eilig ein klösterlich-vegetarisches Abendmahl richten, doch Herrlichkeit Kaufmann stand der Sinn nicht nach Essen und Trinken. Da es schon dunkel wurde und er nicht mehr in die Stadt zurückgelangen konnte, verbrachte er die Nacht, so gut es ging, in einer der stillen Klosterzellen. Am nächsten Morgen fuhr er in die Stadt zurück, um die Vorbereitungen für den Leichenzug zu treffen. Zugleich schickte er Leute ins Kloster voraus, die dort über Nacht die Aufbahrungsstelle herrichten, die Küche und den Tee vorbereiten und alles für den Empfang des Trauerzuges bereitstellen sollten. Auch Phönixglanz hatte, da die Frist nun kurz war, rechtzeitig alles Nötige im Einzelnen vorbereitet und festgelegt. Im Prunkwille-Anwesen hatte sie eingeteilt, mit welchen Wagen und Sänften und welchem Gefolge Dame König[13] den Sarg begleiten sollte. Zugleich hatte sie für sich selbst ein Quartier ausgewählt, in dem sie bei der Begleitung des Sarges absteigen konnte. Gerade zu dieser Zeit verstarb die Gemahlin des Herzogs von Shanguo [繕國公], und Dame König sowie Frau Strafe mussten zur Opferfeier und zum Leichenbegängnis eilen. Die Gemahlin des Prinzen von Xi'an [西安郡王] hatte Geburtstag, und man musste Geschenke senden. Die Gemahlin des Herzogs von Zhenguo [鎮國公] hatte einen erstgeborenen Sohn bekommen, und man musste Glückwunschgeschenke vorbereiten. Ferner kehrte Phönixglanz' leiblicher Bruder König Ren [王仁] mit seiner ganzen Familie in den Süden zurück, und sie musste ihm einen Brief mit fußfälligen Grüßen an die Eltern sowie Geschenke für die Reise mitgeben. Obendrein erkrankte auch noch Willkommensfrühling [迎春, die Zweite der Kaufmann-Schwestern], und man musste täglich Ärzte rufen, Arzneien verabreichen, die Diagnosen studieren, die Krankheitsberichte lesen und die Rezepte überprüfen — all dies lässt sich kaum in allen Einzelheiten wiedergeben. Überdies rückte der Tag der Sargüberführung unaufhaltsam näher. So hatte Phönixglanz keine Zeit mehr für Essen und Trinken, und weder im Sitzen noch im Liegen gab es Ruhe für sie. Kaum war sie im Stillfriede-Anwesen eingetroffen, kamen ihr die Leute aus dem Prunkwille-Anwesen dorthin nachgelaufen. Kaum war sie ins Prunkwille-Anwesen zurückgekehrt, erschienen die Leute aus dem Stillfriede-Anwesen dort. Phönixglanz aber fand gerade daran Gefallen. Sie dachte nicht daran, sich heimlich eine Ruhepause zu gönnen oder jemanden abzuweisen, denn sie fürchtete, man könnte hinter ihrem Rücken über sie reden. So gönnte sie sich bei Tag und bei Nacht keine Rast und brachte alles in tadellose Ordnung. Da war in der ganzen Sippe, oben wie unten, niemand, der sie nicht anerkennend lobte. Am Vorabend der Sargüberführung [Anm.: 伴宿之夕, die letzte Nachtwache am Sarg] unterhielten drinnen zwei Schauspieltruppen und Gaukler die Verwandten und Freundinnen, die gekommen waren, diese letzte Nacht beim Sarg zu verbringen. Dame Sonders lag immer noch krank in ihrem Gemach. Die gesamte Bewirtung und Betreuung der Gäste übernahm Phönixglanz allein. Es gab zwar in der Sippe genug andere junge Frauen, doch die eine genierte sich zu sprechen, die andere scheute sich, sich zu zeigen; die nächste war den Umgang mit fremden Gästen nicht gewohnt, und wieder andere hatten Angst vor hochgestellten und vornehmen Personen. Keine von ihnen besaß Phönixglanz' ungezwungenes Auftreten, ihre sichere und großzügige Redeweise, ihre elegante Würde und Weitherzigkeit. Darum sah Phönixglanz über sie alle hinweg und schaltete und waltete, wie sie es für richtig hielt, als wäre sonst niemand da gewesen. Die ganze Nacht hindurch leuchteten die Laternen und loderten die Fackeln; Gäste wurden empfangen und Beamte verabschiedet — das bunte Getümmel in hunderterlei Gestalt braucht hier nicht eigens beschrieben zu werden. Als es hell wurde und die verheißungsvolle Stunde kam, hoben vierundsechzig Träger in blauen Gewändern den Sarg auf ihre Schultern. Vorneweg wurde eine gewaltige Trauerfahne getragen, auf der in großen Schriftzeichen stand: ‚Hier ruht die Frau Qin, gnädige Frau [恭人] des Hauses Kaufmann, Gattin eines Offiziers der kaiserlichen Drachengarde, Hüters der Wege in der Verbotenen Stadt, älteste Enkelschwiegertochter des erblichen Herzogs von Ning-guo, belehnt durch die im Auftrage des Himmels fest gegründete und in Äonen unwandelbare Dynastie — in der Blüte ihrer Jahre verstorben.' Sämtliche Ranginsignien, Opfergaben und Dekorationen waren eigens für diesen Anlass neu angefertigt worden und erstrahlten in blendendem Glanz. Baozhu [寶珠], die bereits die Trauerriten einer unverheirateten Tochter vollzogen hatte, zerschmetterte nun den Tontopf, schritt dem Sarg voran und zeigte dabei tiefsten Schmerz. Unter den Herren, die dem Sarg das Geleit gaben, befanden sich: Graf Niu Jizong [牛繼宗], ein Enkel des Herzogs von Zhenguo Niu Qing [鎮國公牛清], der den Erbrang eines Grafen erster Klasse [一等伯] trug; Baron Liu Fang [柳芳], ein Enkel des Herzogs von Liguo Liu Biao [理國公柳彪], der den Erbrang eines Freiherrn erster Klasse [一等子] trug; Chen Ruiwen [陳瑞文], erblicher General dritter Klasse mit dem Titel Weizhen [威鎮], ein Enkel des Herzogs von Qiguo Chen Yi [齊國公陳翼]; Ma Shang [馬尚], erblicher General dritter Klasse mit dem Titel Weiyuan [威遠], ein Enkel des Herzogs von Zhiguo Ma Kui [治國公馬魁]; Baron Hou Xiaokang [侯孝康], ein Enkel des Herzogs von Xiuguo Hou Ming [修國公侯明], der den Erbrang eines Freiherrn erster Klasse trug. Da die Gemahlin des Herzogs von Shanguo soeben verstorben war, befand sich dessen Enkel Shi Guangzhu [石光珠] in Trauer und konnte nicht erscheinen. Diese sechs Herzogsfamilien waren es, die einst zusammen mit den Herzögen von Ning-guo und Rong-guo als die „Acht Herzöge" [八公] bekannt gewesen waren. Unter den weiteren Trauergästen befanden sich: ein Enkel des Prinzen von Nan'an [南安郡王]; ein Enkel des Prinzen von Xining [西寧郡王]; Shi Ding [史鼎], der Fürst Zhongjing [忠靖侯]; Jiang Zining [蔣子寧], Freiherr zweiter Klasse, ein Enkel des Fürsten von Pingyuan [平原侯]; Xie Jing [謝鯨], Freiherr zweiter Klasse und Oberst der hauptstädtischen Garnison, ein Enkel des Fürsten von Dingcheng [定城侯]; Qi Jianhui [戚建輝], Freiherr zweiter Klasse, ein Enkel des Fürsten von Xiangyang [襄陽侯]; Qiu Liang [裘良], Polizeichef der fünf Hauptstadtbezirke, ein Enkel des Fürsten von Jingtian [景田侯]. Ferner waren zugegen: Han Qi [韓奇], ein Sohn des Grafen von Jinxiang [錦鄉侯]; Feng Ziying [馮紫英], ein Sohn des Generals Shenwei; Wei Ruolan [衛若蘭] und zahlreiche weitere Söhne und Enkel der Adelsgeschlechter, die hier unmöglich alle aufgezählt werden können. An weiblichen Trauergästen zählte man gut zehn große Sänften und dreißig bis vierzig kleine. Zusammen mit den Sänften und Wagen der Familie waren es weit über hundert Gefährte. Mitsamt den verschiedenen Ranginsignien, Opfergaben und Schaustellungen, die dem Zug vorangetragen wurden, erstreckte sich der gewaltige Leichenzug in seiner ganzen Pracht über eine Strecke von drei bis vier Li [Anm.: 里, ca. 1,5 bis 2 km]. Der Zug war noch nicht lange unterwegs, als man am Straßenrand bunt geschmückte Pavillons erblickte: hohe Zelte, in denen Tafeln gedeckt und Bankette gerichtet waren und Musikkapellen aufspielten. Es waren die Wegopfer, die die einzelnen befreundeten Familien am Straßenrand darbrachten. Der erste Opferpavillon gehörte dem Hause des Prinzen Dongping [東平王]; der zweite dem Prinzen von Nan'an [南安郡王]; der dritte dem Prinzen von Xining [西寧郡王]; der vierte dem Prinzen des Nördlichen Friedens [北靜郡王]. Von den einstigen vier Prinzen [Anm.: die „Vier Prinzen", 四王] war es nur der Prinz von Beijng gewesen, der sich die höchsten Verdienste erworben hatte. Daher trugen seine Nachkommen bis auf den heutigen Tag weiterhin den Prinzenrang. Der gegenwärtige Prinz von Beijng, Shui Rong [水溶][14], war noch keine zwanzig Jahre alt. Er war von anmutigem Wuchs, feinem Antlitz und bescheidenem, liebenswürdigem Wesen. Als er unlängst vom Tod der Frau des ältesten Enkels des Herzogs von Ning-guo erfuhr, gedachte er der alten Freundschaft zwischen ihren Vorfahren, die einst in Zeiten der Not und des Glanzes zusammengestanden hatten, als wären sie eine Familie. Daher stellte er seinen fürstlichen Rang hintan: Schon vor einigen Tagen hatte er dem Trauerhaus einen Besuch abgestattet und ein Opfer dargebracht. Heute nun hatte er seinen Wegopfer-Pavillon aufstellen lassen und seinen untergebenen Beamten befohlen, dort zu warten, während er selbst in der fünften Nachtwache zur Frühaudienz des Kaisers gegangen war. Sobald seine Amtsgeschäfte erledigt waren, hatte er schlichte Trauergewänder angelegt und sich in einer großen Sänfte, unter Gongschall und Ehrenschirmen, zu seinem Pavillon tragen lassen. Seine Untergebenen nahmen zu beiden Seiten Aufstellung, und weder Soldaten noch Zivilisten durften die Straße passieren. Schon bald näherte sich der gewaltige Leichenzug des Hauses Ning von Norden her — majestätisch und feierlich, einem wandelnden Silberberg gleich. Die Wegbereiter und Meldereiter des Hauses Ning hatten den Prinzen bereits erblickt und eilten zurück, um Herrlichkeit Kaufmann zu benachrichtigen. Herrlichkeit Kaufmann befahl sogleich, den Zug anhalten zu lassen, und eilte gemeinsam mit Begnadigung Kaufmann[15] und Aufrecht Kaufmann[16] dem Prinzen entgegen. Sie begrüßten ihn nach dem Staatszeremoniell. Shui Rong erwiderte den Gruß, indem er sich in seiner Sänfte lächelnd vorbeugte. Er behandelte sie als Angehörige einer seit Generationen befreundeten Familie und zeigte nicht die geringste Spur von Hochmut. Herrlichkeit Kaufmann sprach: „Dass Eure Hoheit die Trauerfeierlichkeiten für die Frau meines Köters von Sohn mit Ihrer Anwesenheit beehren — Euer unwürdiger Diener weiß nicht, womit er dies verdient hat." Shui Rong erwiderte lächelnd: „Unter Freunden seit Generationen — wozu solche Worte!" Dann wandte er sich um und befahl seinem Haushofmeister, an seiner Statt das Opfer zu leiten und das Ritual durchzuführen. Nachdem Begnadigung Kaufmann und die anderen das Gegenritual vollzogen hatten, kehrten sie nochmals zurück, um dem Prinzen für die erwiesene Gnade zu danken. Shui Rong war die Leutseligkeit in Person. Er wandte sich an Aufrecht Kaufmann und fragte: „Welcher ist es denn, der mit einem Jadestein im Munde zur Welt gekommen ist? Schon mehrmals wollte ich ihn sehen, doch immer kam etwas dazwischen. Ich nehme an, er ist heute zugegen? Könnte man ihn nicht herbeibitten, damit ich seine Bekanntschaft mache?" Als Aufrecht Kaufmann dies hörte, ging er sofort nach hinten, befahl Schatzjade, sein Trauergewand abzulegen, und führte ihn nach vorn. Schatzjade hatte seinen Vater, die Onkel und die Freunde des Hauses schon oft gesprächsweise über Shui Rong reden hören: Er sei ein wahrhaft würdiger Prinz, dazu von seltenem Talent und vollendeter Schönheit, elegant und gelassen in seinem Auftreten, und er lasse sich nicht durch die übliche steife Etikette der Beamtenwelt einengen. Stets hatte Schatzjade gehofft, ihm einmal zu begegnen, doch sein Vater hielt ihn so streng, dass sich nie eine Gelegenheit ergeben hatte. Dass der Prinz heute nach ihm rufen ließ, erfüllte ihn natürlich mit Freude. Während er sich näherte, erhaschte er bereits von ferne einen Blick auf Shui Rong, der in seiner Sänfte saß — wahrlich eine edle Erscheinung von seltener Ausstrahlung! Doch wie er aus der Nähe aussah, und was dann geschah — das erfahre man im nächsten Kapitel. |
Anmerkungen
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
- ↑ Chin. 北静王 Běijìng Wáng. 北 běi „Nord“; 静 jìng „still/friedlich“. Ein kaiserlicher Prinz, der Schatzjade sehr schätzt.
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
- ↑ 十二時辰 Shí'èr shíchen — das traditionelle chinesische Zeitsystem der zwölf Doppelstunden, jede Doppelstunde benannt nach einem der zwölf Erdzweige (地支 dìzhī): 子 zǐ (23–01), 丑 chǒu (01–03), 寅 yín (03–05), 卯 mǎo (05–07), 辰 chén (07–09), 巳 sì (09–11), 午 wǔ (11–13), 未 wèi (13–15), 申 shēn (15–17), 酉 yǒu (17–19), 戌 xū (19–21), 亥 hài (21–23). Jede Doppelstunde ist in 8 刻 kè „Viertelstunden" zu je 15 Minuten unterteilt. „卯正二刻" bedeutet also: zweite Viertelstunde der Mao-Doppelstunde = ca. 6:30 Uhr morgens. Phönixglanzs minutiöse Tageseinteilung — Appell um 6:30, Frühstück 10 Uhr (巳正), Aktenannahme 11 Uhr (午初刻), Abendkontrolle 19 Uhr (戌初) — ist sozialgeschichtlich bemerkenswert: sie operiert mit einem Genauigkeitsgrad und einer Disziplin, wie sie sonst nur in militärischen oder beamtlichen Kontexten üblich war.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn, Oberhaupt des Hauses Ning.
- ↑ Chin. 荣国府 Róngguó Fǔ, der westliche Zweig der Kaufmann-Familie.
- ↑ 地藏王菩薩 Dìzàngwáng Púsà (Sanskrit: Kṣitigarbha „Erdspeicher") — einer der vier großen Bodhisattvas des chinesischen Mahāyāna-Buddhismus (neben Guanyin/Avalokiteśvara, Wenshu/Mañjuśrī und Puxian/Samantabhadra). Sein berühmtes Gelübde: „Solange die Höllen nicht leer sind, werde ich nicht Buddha; erst wenn alle Wesen erlöst sind, vollende ich die Bodhi" (地獄不空,誓不成佛). Dadurch ist er der zentrale Bodhisattva der **Hölle** und der Verstorbenen — er begleitet die Seelen durch die zehn Höllengerichte (十殿閻王 Shídiàn Yánwáng) und kann sie auch aus der Hölle erlösen. Bei aristokratischen Trauerritualen wird er zur Beschleunigung der guten Wiedergeburt der Verstorbenen angerufen — hier wird er eigens geholt, um Anmutig Minne durch das bardo der Hölle zu führen.
- ↑ 放焰口 Fàng yànkǒu „Loslassen der flammenden Mäuler" — buddhistisches Ritual zur Speisung der **hungrigen Geister** (饿鬼 èguǐ, Sanskrit: preta), die wegen schlechten Karmas in einer Zwischenwelt leiden, in der sie ständig hungern, weil ihr Schlund schmal wie eine Nadel ist. Das Ritual stammt aus der Tang-Zeit (über das 救拔焰口饿鬼陀罗尼经-Sutra). Parallel genannt: 拜水懺 Bài shuǐchàn „Verehrung des Wassersutras" — gemeint ist das 慈悲三昧水懺 Cíbēi sānmèi shuǐchàn „Wassersutra des barmherzigen Samadhi", ein dreibändiges Buß-Ritual. Die Daoisten verehren parallel die 三清 Sān Qīng „Drei Reinen" — die höchsten daoistischen Gottheiten 玉清元始天尊 / 上清靈寶天尊 / 太清道德天尊. Die rituelle Pluralität (Buddhismus + Daoismus + Volksglaube + Konfuzianismus) ist typisch für Begräbnisse der Hochqing-Aristokratie.
- ↑ Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
- ↑ Chin. 尤氏 Yóu Shì, Gemahlin von Herrlichkeit Kaufmann.
- ↑ Chin. 秦钟 Qín Zhōng, Schulfreund Schatzjades.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
- ↑ 水溶 Shuǐ Róng „Wasser-Verschmelzung" — der nominale Name des 北静王 Běijìng Wáng „Prinzen des Nördlichen Friedens", einer der bedeutendsten politischen Gönner-Figuren der Jia-Familie und einer der „Vier Prinzen" (四王 Sì Wáng), neben den Prinzen von Dongping, Nan'an und Xining (vgl. Kap. 11). Seine Familie ist die einzige der vier, die noch in der Gegenwart des Romans den 王 wáng-Prinzentitel trägt — die anderen sind im Rang gefallen. Shui Rong ist Schatzjades wichtigste außerhalb-der-Jia-Familie-liegende Schutzfigur: in Kap. 15 schenkt er ihm eine Gebetskette des Kaisers; später (Kap. 85) lädt er ihn zu seinem Geburtstag ein. Seine Anwesenheit am Trauerzug ist bedeutsam — sie unterstreicht die Spitzenstellung der Jia-Familie im Reich, aber auch die rituelle Selbstinszenierung des Hauses Ningguo.
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
- ↑ Chin. 贾政 Jiǎ Zhèng.