Hongloumeng/zh-de4/Chapter 12
第十二回 / Kapitel 12
王熙凤毒设相思局
贾天祥正照风月鉴
| 中文原文 | Deutsche Übersetzung (DE4, Woesler) |
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第十二回写贾瑞因贪看镜子的正面而丧命。作者以《风月宝鉴》为书名,是欲告诫人们要打破情关,跳出情海。故“甲戌本”凡例云:“《红楼梦》又曰《风月宝鉴》,是戒妄动风月之情。”(风月:指男女之情。) 《金陵十二钗》──《红楼梦》的别名之一。因本书主要是为林黛玉等十二位金陵籍女子(即太虚幻境“金陵十二钗正册”中的女子)立传,故称。 地陷东南──古代神话传说,见于《淮南子·天文训》记载:共工与颛顼争夺帝位,怒而触不周山,致使东南大地塌陷下沉,所以东南低而西北高。这里并无特别含意,只是下句所说姑苏在中国东南,顺便提及。 西方──这里指佛家理想中的西方极乐世界,即所谓“佛国”,又称“西方净土”、“西方净国”、“西方世界”、‘极乐土’。 《佛说阿弥陀经》:“从是西方,过十万亿佛土,有世界名曰极乐……彼土何故名为极乐?其国众生无有众苦,但受诸乐,故名极乐。” 灵河——佛国中的河。佛经中说因龙住于河中,永不枯竭,故又称“龙泉”。一说指印度人称之为“圣水”的恒河。 三生石──典出唐·袁郊《甘泽谣·圆观》:僧人圆观与友人李源同游三峡,见几个妇人在汲水,圆观对李源说:“其中孕妇姓王者,是某(我)托生之所。”并相约十二年后的中秋之夜在杭州天竺寺外相见。是夜圆观即死。李源虽觉怪异,还是如期而至,只见一牧童高唱《竹枝词》曰:“三生石上旧精魂,赏月吟风不要论。惭愧情人远相访,此身虽异性长存。”李源才知圆观果已转生为牧童。“三生石”遂成为因缘前定的典故。曹雪芹顺手拈来,将其安在了灵河岸上。 三生:佛教用语。佛家认为人的灵魂不灭,轮回转世,每转生一次即为一生,故将前生、今生、来生谓之“三生”。 绛珠仙草:为曹雪芹所杜撰,即林黛玉的前身。 甘露──是一种特殊的露水。典出《老子》第三二章:“天地相合,以降甘露。”古人认为是天地的精华,故甘露降被视为太平的祥瑞。明·李时珍《本草纲目·水部一·甘露》(释文)引《瑞应图》:“甘露,美露也。神灵之精,仁瑞之泽,其凝如脂,其甘如饴,故有甘、膏、酒、浆之名。” 离恨天──民间传说谓:“三十三天,离恨天最高;四百四病,相思病最苦。”后即以“离恨天”比喻男女相恋而不能遂愿,抱恨终身的境地。曹雪芹加以利用,可谓恰到好处。 秘情果、灌愁水──这是曹雪芹杜撰的,前者寓林黛玉对贾宝玉一往情深而难以言表,后者寓林黛玉将陷入深愁苦海之中。 造历幻缘──经历虚幻的因缘。 造:通“遭”。遭受。 缘:佛家用语,即因缘。佛家将事物的发生、变化、消灭的主要条件谓之“因”,辅助条件谓之“缘”,所以世界不过是因缘变化的过程,而非物质的存在,因而一切都是虚幻的,也就是所谓“色空”。 度脱──佛教和道教用语。指超度世人脱离有生有死的苦难,达到脱离生死的涅槃境界。 功德──佛教用语。《大乘义章·十功德义三门分别》:“功谓功能,能破生死,能得涅槃,能度众生,名之为功。此功是其善行家德,故云功德。”后世多泛指念佛、诵经、布施、度人出家等为功德。 因果──佛教用语。佛教指种什么因,结什么果,善有善报,恶有恶报,循环不爽。《涅槃经·遗教品一》:“善恶之报,如影随形,三世因果,循环不失。” 火坑──佛教用语。《法华经·普门品》:“假使兴害意,推落大火坑。念彼观音力,火坑变成池。”佛教谓众生轮回有六道,即天道、人道、阿修罗道、畜生道、饿鬼道、地狱道。后三道最苦,谓之“火坑”。这里用引申义,泛指人世间的苦难。 太虚幻境——太虚:指虚无飘渺的太空。出自《庄子·知北游》:“是以不过乎昆仑,不游乎太虚。” 幻境:虚幻的境界。出自唐·王维《为兵部祭库部王郎中文》:“深悟幻境,独与道游。”曹雪芹将二者组合,创造了一个虚构的仙境,当寓“虚无空幻”之意。 “假作真”一联──意谓如果以假为真,真假必然混淆,那么真的也可能被当作假的;如果以无为有,有无必然混淆,那么有也可能被当作无。影射世人真假不分,是非不辨。 有命无运──古人认为人的先天禀赋的贵贱寿夭为“命”,而现实生活中的遭遇为“运”。“有命无运”就是虽有好的禀赋,却无好的机遇,所以将终生坎坷。 “惯养”一联──菱花:指英莲将来改名香菱。 空对雪澌澌:隐喻英莲将遭受冷落乃至虐待。 雪:“薛”的谐音,指薛蟠。 澌澌:落雪的声音,形容大雪。 “菱花”两句暗指英莲虽被爹娘娇惯,将来却做薛蟠之妾,而且将受到冷落乃至虐待。 此联隐喻甄英莲及其家庭的命运。 “好防”一联:此联暗指后文甄士隐家将于三月十五日遭火灾。 三劫──佛教用语。“三阿僧祇劫”的省略。指菩萨修成正果所需的时间。泛指极长的时间。 北邙山──又作“北芒山”。本名邙山,因在洛阳之北,故名。东汉、魏、晋时王侯公卿多葬于此,后世即成为墓地的代称。 “然生得”四句──意谓贾雨村生得一副福相。古人以为“腰圆背厚”、“面阔口方”、“剑眉星眼”、“直鼻方腮”皆为福相的特征,而贾雨村兼有,故下文说“怪道又说他必非久困之人”。此为贾雨村将来飞黄腾达作铺垫。 口占五言一律──意谓随口念出五言律诗一首。 口占:口头吟诗吟词。 五言律:“五言律诗”的简称,亦简称“五律”。诗体之一。即每句五字的律诗,每首共八句四十字。如果每句七字,则称“七言律诗”,简称“七言律”或“七律”。如果每首超过十句(不论五言、七言),则称“排律”或“长律”。因其有一整套严格的格律规定,故称“律诗”。 “未卜”一联──未卜:不可预知。 三生愿:指婚姻。 频:时时刻刻。 此联是贾雨村自谓欲与甄家丫鬟(后文才交代其名字为娇杏)结姻的愿望不知能否实现,因而增添了一种无法摆脱的愁绪。 “自顾”一联──自顾风前影:这里化用了“顾影自怜”一典。典出晋·陆机《赴洛道中作二首》其一:“伫立望故乡,顾影凄自怜。”意谓看着自己的身影也觉可爱。表示自我欣赏。 堪:能够或配得上之意。 月下俦:这里化用了唐·李复言《续玄怪录·定婚店》的故事:唐人韦固夜过宋城,见一老翁在月下翻看簿册,问之,才知是婚姻簿子。老翁并携赤绳,言其一旦用此赤绳系住一男一女之足,二人必成夫妻。后人即把“月下老人”奉为婚烟之神。这里是成婚之意。 此联是贾雨村一面顾影自怜,一面暗想:将来谁能做我的配偶? “蟾光”一联──蟾光:月光。因相传月宫中有蟾蜍,故称。又暗用“蟾宫折桂”的成语。晋·郤诜获得举贤良方正对策第一名后,对晋武帝说:“臣举贤良对策,为天下第一,犹桂林之一枝,若昆山之片玉。”(事见晋·王隐《晋书》、通行本《晋书·郤诜传》)唐人将“折桂”之“桂”傅会为神话传说中月宫之“桂”,遂产生了“蟾宫折挂”这一成语。事见宋·叶梦得《避暑录话》卷下:“世以登科为‘折桂’,此谓郤诜对策东堂,自云‘桂林一枝’也。自唐以来用之……其后以月中有桂,故又谓之‘月桂’。而月中又言有蟾,故又改桂为蟾,以登科为‘登蟾宫’。”参见 |
Phönixglanz[1] war gerade mit Friedchen[2] im Gespräch, als plötzlich jemand meldete: „Der junge Herr Rui[3] ist da!" Phönixglanz befahl sofort: „Bittet ihn schnell herein!" Als Glücksstein Kaufmann hörte, dass man ihn hineinbat, war er angenehm überrascht und außer sich vor Freude. Er trat eilig ein, strahlte Phönixglanz mit einem Lächeln über das ganze Gesicht an und erkundigte sich gleich mehrfach hintereinander nach ihrem Befinden. Phönixglanz empfing ihn mit gespielter Zuvorkommenheit, bot ihm einen Sitzplatz an und ließ Tee reichen. Beim Anblick von Phönixglanz in ihrer Aufmachung schmolz Glücksstein Kaufmann vollends dahin. Mit umflortem Blick fragte er: „Warum ist denn der zweite Bruder noch nicht nach Hause gekommen?" [Anm.: Gemeint ist Kette Kaufmann 贾琏, Phönixglanz' Ehemann.] Phönixglanz antwortete: „Ich weiß es nicht." Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Wer weiß, vielleicht hat ihn unterwegs jemand aufgehalten und er kann sich nicht losreißen?" Phönixglanz erwiderte: „Das wäre durchaus möglich. So sind die Männer — sie vergucken sich in jede, die ihnen über den Weg läuft." Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Da irrt Ihr Euch aber, Schwägerin. Ich bin nicht so einer." Phönixglanz lächelte: „Wie viele Eurer Art gibt es denn schon? Unter zehn Männern fände man nicht einen Einzigen!" Als Glücksstein Kaufmann das hörte, kniff er sich vor lauter Freude in Ohr und Wange und sagte dann: „Die Schwägerin muss sich doch Tag für Tag schrecklich langweilen?" Phönixglanz sagte: „Allerdings! Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass einmal jemand käme, mit dem ich plaudern und die Langeweile vertreiben könnte." Glücksstein Kaufmann sagte lächelnd: „Ich habe immer Zeit. Wie wäre es, wenn ich jeden Tag vorbeikäme, um Euch ein wenig Gesellschaft zu leisten?" Phönixglanz lächelte: „Das sagt Ihr nur so dahin. Ihr würdet doch gar nicht zu mir herkommen wollen!" Glücksstein Kaufmann beteuerte: „Schwägerin, wenn auch nur ein einziges Wort von dem, was ich Euch sage, gelogen ist, so soll mich der Himmel strafen und der Blitz erschlagen! Bisher hatte ich nur immer gehört, die Schwägerin sei eine strenge Frau, bei der man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben dürfe — das hatte mich eingeschüchtert. Aber jetzt sehe ich, dass Ihr die angenehmste und liebenswürdigste Person von der Welt seid, immer zu einem Scherz aufgelegt und voller Mitgefühl. Wie könnte ich da nicht kommen? Ich käme selbst dann, wenn es mein Leben kosten sollte!" Phönixglanz lächelte: „Ihr seid wirklich ein verständiger Mensch, weit verständiger als Hibiskus Kaufmann[4] und sein Schwager. Bei deren feinem, frischem Äußeren dachte ich immer, sie müssten auch ein verständiges Herz haben, aber es sind nur zwei Dummköpfe, die nicht das Geringste von den Empfindungen eines Menschen verstehen." Als Glücksstein Kaufmann das hörte, traf es ihn mitten ins Herz, und er konnte nicht anders, als noch ein Stück näher zu rücken. Er stierte auf das Täschchen, das Phönixglanz am Gürtel trug, und fragte dann, was für einen Ring sie am Finger habe. Phönixglanz sagte leise: „Benehmt Euch ein wenig anständiger, sonst bemerken es die Mädchen und lachen über uns." Glücksstein Kaufmann gehorchte, als hätte er ein kaiserliches Edikt oder ein heiliges Gebot vernommen, und rückte hastig wieder zurück. Phönixglanz sagte lächelnd: „Ihr müsst jetzt gehen." Glücksstein Kaufmann bat: „Lasst mich doch noch ein wenig sitzen bleiben. Schwägerin, Ihr seid so grausam!" Phönixglanz sagte ihm leise: „Am hellichten Tag, wo die Leute kommen und gehen, ist es unpassend, wenn Ihr hier bleibt. Geht jetzt, aber kommt heute Abend nach der ersten Nachtwache wieder! Wartet leise in der westlichen Durchgangshalle [Anm.: 穿堂, ein offener Durchgang zwischen zwei Gebäudeteilen] auf mich." Als Glücksstein Kaufmann das hörte, war ihm, als hätte man ihm einen kostbaren Schatz geschenkt. Hastig fragte er: „Ihr scherzt doch nicht? Aber dort gehen so viele Leute durch — wie soll ich mich da verbergen?" Phönixglanz sagte: „Seid ganz unbesorgt. Ich gebe allen Dienern, die Nachtwache halten sollten, frei. Sobald die Tore auf beiden Seiten geschlossen sind, ist dort kein Mensch mehr." Glücksstein Kaufmann kannte nun keine Grenzen seiner Freude mehr, verabschiedete sich eilig und ging, in der festen Überzeugung, bereits gewonnenes Spiel zu haben. Geduldig wartete er bis zum Abend. Dann schlich er sich wirklich im Dunkel der Nacht ins Prunkwille-Anwesen, nutzte den Augenblick, als die Tore geschlossen wurden, und schlüpfte in die Durchgangshalle. Tatsächlich war es stockfinster und menschenleer. Das Tor, das zur Herzoginmutter[5] hinüberführte, war bereits verriegelt; nur das Tor nach Osten stand noch offen. Glücksstein Kaufmann spitzte die Ohren und lauschte, doch eine halbe Ewigkeit lang kam niemand. Plötzlich wurde mit einem lauten Scheppern auch das Osttor zugeschlagen. Aufgeregt, wie er war, wagte Glücksstein Kaufmann dennoch keinen Mucks von sich zu geben. Er schlich zur Tür und rüttelte daran, aber sie war so fest verschlossen wie ein eiserner Eimer. Es gab kein Herauskommen mehr. Nach Norden und Süden erstreckten sich hohe Mauern, an denen man nicht hinaufklettern konnte. In der Halle pfiff ein schneidender Durchzugswind, und sie war kahl und leer. Es war der zwölfte Monat, die Nächte waren lang, und der Nordwind schnitt eisig in Mark und Bein. Beinahe wäre Glücksstein Kaufmann in dieser Nacht erfroren. Mit Mühe und Not hielt er durch bis zum Morgen. Endlich kam eine alte Dienerin, öffnete zuerst das Osttor, ging hindurch und rief am Westtor, damit man dort aufmachte. Glücksstein Kaufmann nutzte den Augenblick, als sie ihm den Rücken zuwandte, huschte mit um die Schultern geschlagenen Armen an ihr vorbei wie ein Schatten und war draußen. Zum Glück war es noch früh und alle schliefen noch, so konnte er durch die Hintertür hinaus und geradewegs nach Hause laufen. Glücksstein Kaufmanns Eltern waren früh gestorben, und so war er allein von seinem Großvater Dai Ru[6] [Anm.: 代儒 bedeutet wörtlich „den Konfuzianismus vertreten"; er ist der Leiter der Kaufmann-Familienschule] aufgezogen worden. Dieser war von jeher streng mit ihm gewesen und hatte ihm keinen überflüssigen Schritt erlaubt, weil er fürchtete, der Enkel könnte sich auswärts dem Trinken und Glücksspiel hingeben und darüber seine Studien vernachlässigen. Als er jetzt erleben musste, dass Glücksstein Kaufmann die ganze Nacht nicht nach Hause kam, war er überzeugt, der Enkel habe entweder gezecht oder gespielt oder sich in Freudenhäusern herumgetrieben — wie hätte er den wahren Sachverhalt durchschauen können? Die ganze Nacht hatte er voller Zorn durchwacht. Glücksstein Kaufmann, der vor Angst Blut und Wasser schwitzte, blieb nichts anderes übrig, als eine Lüge zu erfinden. „Ich war beim Onkel zu Besuch", sagte er, „und als es dunkel wurde, hat man mich über Nacht dabehalten." Dai Ru fuhr ihn an: „Noch nie hast du gewagt, das Haus zu verlassen, ohne mich vorher um Erlaubnis zu bitten. Wie konntest du dich gestern erdreisten, einfach wegzugehen? Schon dafür hättest du Strafe verdient, und nun belügst du mich auch noch!" In seinem Zorn verabreichte er ihm dreißig, vierzig Hiebe mit dem Bambusprügel, verweigerte ihm das Essen und befahl ihm, draußen im Hof niederzuknien und so lange Texte zu lesen, bis er den Stoff von zehn Tagen nachgeholt habe. Glücksstein Kaufmann, der die ganze Nacht durchgefroren hatte, obendrein eine grausame Tracht Prügel erhalten hatte und nun mit leerem Magen im eisigen Wind des Hofes kniend seine Texte rezitieren musste, litt unsägliche Qualen. Dennoch hatte er seinen Vorsatz keineswegs aufgegeben und kam nicht im Entferntesten auf den Gedanken, dass Phönixglanz ihn zum Narren gehalten haben könnte. Zwei Tage später, als er sich frei machen konnte, ging er abermals zu Phönixglanz. Phönixglanz stellte sich empört und warf ihm vor, sein Versprechen gebrochen zu haben. Glücksstein Kaufmann schwor aufgeregt Stein und Bein, dass er dagewesen sei. Als Phönixglanz sah, dass er sich fest in ihr Netz verfangen hatte, musste sie sich natürlich einen neuen Plan ausdenken, der ihm eine Lehre[7] sein würde. Sie vereinbarte also ein neues Treffen mit ihm: „Heute Abend gehst du nicht mehr dorthin. Hinter meinem Haus gibt es einen kleinen Durchgang, und darin steht ein leeres Zimmer — dort warte auf mich. Aber ja keine Unvorsichtigkeiten!" Glücksstein Kaufmann fragte: „Wirklich und wahrhaftig?" Phönixglanz sagte: „Wer würde es wagen, Euch an der Nase herumzuführen? Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann kommt eben nicht." Glücksstein Kaufmann rief: „Ich komme, ich komme! Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich komme!" Phönixglanz sagte: „Aber jetzt geht erst einmal." Glücksstein Kaufmann, der fest damit rechnete, dass am Abend alles nach Wunsch verlaufen würde, ging bereitwillig. Phönixglanz aber begann sogleich, ihre Leute einzuteilen und ihre Falle zu stellen. Glücksstein Kaufmann konnte den Abend kaum erwarten. Ausgerechnet heute kamen aber noch Verwandte zu Besuch, so dass er erst nach dem Abendessen aufbrechen konnte, als die Lampen bereits angezündet waren. Dann musste er noch warten, bis sein Großvater sich zur Ruhe gelegt hatte, ehe er sich ins Prunkwille-Anwesen schleichen und schnurstracks zu dem Zimmer im Durchgang zwischen den Mauern begeben konnte. Dort lief er wie eine Ameise auf dem heißen Kessel ruhelos hin und her. Er wartete und wartete — links kein Schatten, rechts kein Laut. In seinem Inneren dachte er: „Sollte sie vielleicht auch diesmal nicht kommen und mich wieder eine Nacht frieren lassen?" Gerade als er sich mit solchen Grübeleien quälte, näherte sich aus der Dunkelheit eine Gestalt. Glücksstein Kaufmann war sich sicher, das musste Phönixglanz sein! Seiner Sinne kaum noch mächtig, lauerte er wie ein hungriger Tiger, und als die Gestalt gerade an der Tür erschien, packte er sie wie eine Katze die Maus, presste sie an sich und rief: „Liebste Schwägerin! Ich sterbe vor Sehnsucht!" Er trug sie ins Zimmer, warf sie aufs Ofenbett, küsste sie auf den Mund, riss ihr die Hosen herunter und stammelte in einem fort: „Mein Liebstes! Mein Ein und Alles!" Die Gestalt aber gab keinen Laut von sich. Glücksstein Kaufmann hatte bereits seine eigenen Hosen abgestreift und wollte eben zustoßen, als plötzlich ein Licht aufflammte. In der Tür stand Qiang Kaufmann[8] mit einem brennenden Fidibus in der Hand, leuchtete herein und fragte: „Wer ist hier drin?" Da sprach es lachend vom Ofenbett: „Onkel Rui wollte mich schänden!" Glücksstein Kaufmann blickte hin — und erkannte Hibiskus Kaufmann. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken und wusste nicht, wohin mit sich. Er machte kehrt und wollte fliehen, doch Qiang Kaufmann packte ihn mit festem Griff und sagte: „Halt! Die Frau des Onkels Kette hat es bereits der gnädigen Frau gemeldet, dass Ihr sie grundlos belästigt habt. Sie hat Euch mit einer List hierher gelockt. Die gnädige Frau ist außer sich vor Zorn und hat mich geschickt, Euch zu ihr zu bringen. Eben habt Ihr auf ihm gelegen — da gibt es nichts zu leugnen. Kommt mit zur gnädigen Frau!" Als Glücksstein Kaufmann das hörte, entwich ihm beinahe die Seele aus dem Leib, und er flehte: „Lieber, guter Neffe! Sag doch einfach, du hättest mich nicht gefunden! Morgen werde ich dich reichlich belohnen!" Qiang Kaufmann sagte: „Euch laufen zu lassen wäre kein Problem, wenn Ihr es lohnen wollt. Aber wie viel ist ‚reichlich'? Außerdem ist eine mündliche Zusage nicht viel wert — schreibt mir einen Schuldschein!" Glücksstein Kaufmann sagte: „Aber wie soll ich eine solche Schuld begründen?" Qiang Kaufmann sagte: „Das ist ganz einfach. Ihr schreibt, Ihr hättet eine Spielschuld bei einem Fremden und müsstet vom Bankhalter so und so viel Liang Silber borgen. Das genügt." Glücksstein Kaufmann sagte: „Das ginge schon. Nur habe ich jetzt weder Papier noch Pinsel." Qiang Kaufmann sagte: „Auch kein Problem." Er drehte sich um und kam im nächsten Augenblick mit Papier und Pinsel zurück, die offenbar schon bereitgelegt worden waren, und befahl Glücksstein Kaufmann zu schreiben. Nach langem Hin und Her stellte Glücksstein Kaufmann widerwillig einen Schuldschein über fünfzig Liang Silber aus und setzte seinen Namensstempel darunter. Qiang Kaufmann steckte ihn ein. Dann musste Glücksstein Kaufmann sich auch noch mit Hibiskus Kaufmann einigen. Dieser aber biss die Zähne zusammen und weigerte sich hartnäckig: „Morgen bringe ich die Sache vor die ganze Sippe und lasse sie dort entscheiden!" In seiner Verzweiflung ging Glücksstein Kaufmann so weit, vor ihm einen Kotau zu machen. Qiang Kaufmann redete noch eine Weile auf Hibiskus Kaufmann ein, bald beschwichtigend, bald drohend, bis auch für ihn ein Schuldschein über fünfzig Liang ausgestellt war. Dann sagte Qiang Kaufmann: „Wenn ich Euch jetzt einfach laufen lasse, mache ich mich selbst schuldig. Das Tor zum Hof der Herzoginmutter ist längst verriegelt, und der gnädige Herr [Anm.: Aufrecht Kaufmann 贾政] sitzt gerade in der Empfangshalle und begutachtet Geschenke aus Nanjing — an dem kommt Ihr unmöglich vorbei. Es bleibt Euch nur der Weg durch die Hintertür. Aber wenn Euch dabei jemand sieht, geht es auch mir an den Kragen. Wir gehen deshalb zuerst nachsehen, ob der Weg frei ist, und holen Euch dann. Hier aber könnt Ihr nicht bleiben, denn gleich werden Sachen hierhergebracht. Wartet, ich suche einen Platz für Euch." Er zog Glücksstein Kaufmann hinter sich her, löschte das Licht und tastete sich mit ihm durch den Hof bis zu einem Hohlraum unter einer großen steinernen Terrasse. „Hier ist es gut", wies er ihn an. „Hockt Euch hinein und gebt keinen Mucks von Euch! Rührt Euch nicht, bis wir wiederkommen." Dann gingen die beiden fort. Glücksstein Kaufmann blieb keine Wahl, als dort zu hocken. Er hing gerade seinen Gedanken nach, als plötzlich über seinem Kopf ein Klatschen ertönte und mit einem Schwall der gesamte Inhalt eines Nachttopfes auf ihn herabgegossen wurde — und zwar so unglücklich, dass er von Kopf bis Fuß davon durchnässt war. „Au weh!" entfuhr es Glücksstein Kaufmann unwillkürlich, doch sofort presste er sich die Hand auf den Mund und wagte keinen weiteren Laut. Am ganzen Kopf, im Gesicht und am ganzen Körper mit Unrat bedeckt, zitterte er vor Kälte. Da kam Qiang Kaufmann gelaufen und rief: „Schnell weg, schnell weg!" Als sei ihm das Leben geschenkt worden, stürzte Glücksstein Kaufmann in wenigen Sprüngen durch die Hintertür hinaus und rannte nach Hause. Es war schon die dritte Nachtwache [Anm.: 三更, etwa Mitternacht], und er musste an der Tür klopfen. Als ihm der Torwächter öffnete und ihn in diesem Zustand sah, fragte er, was denn passiert sei. Glücksstein Kaufmann blieb nichts anderes übrig, als zu lügen: „Im Dunkeln bin ich ausgerutscht und in eine Abortgrube gefallen." In seinem Zimmer wusch er sich und zog sich um. Als er darüber nachdachte, wie Phönixglanz ihn hereingelegt hatte, überkam ihn Hass. Doch als er sich dann wieder ihr Bild vor Augen führte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als sie wenigstens einen Augenblick in die Arme schließen zu können. Die ganze Nacht tat er kein Auge zu. Von da an kreisten seine Gedanken einzig und allein um Phönixglanz, doch ins Prunkwille-Anwesen zu gehen wagte er nicht mehr. Hibiskus Kaufmann und Qiang Kaufmann aber kamen häufig vorbei, um das Geld einzutreiben, und Glücksstein Kaufmann lebte in ständiger Angst, sein Großvater könnte davon erfahren. So nagte nicht nur die unerträgliche Sehnsucht an seinem Herzen, es drückten ihn auch die Schulden, und dazu kam tagsüber die strenge Lernarbeit. Er war an die zwanzig Jahre alt und noch unverheiratet. Da er ständig an Phönixglanz dachte, behalf er sich auf die Art, wie man es mit den Fingern tut, wenn einem Linderung not tut [Anm.: Anspielung auf Selbstbefriedigung]. Dazu hatte die zweimalige Durchfrierung seine Kräfte zerrüttet. Von drei, vier, fünf Seiten gleichzeitig bedrängt, wurde er krank, ehe er sich's versah: Das Herz schwoll ihm an, der Appetit schwand, die Füße waren wie aus Watte, die Augen wie von Essig verätzt. Nachts kam das Fieber, tagsüber die Müdigkeit. Im Harn fand sich Samen und im Auswurf Blut. Eines nach dem anderen stellten sich diese Zeichen ein, und binnen eines Jahres war die ganze Reihe vollständig. Schließlich konnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er brach zusammen und lag fortan darnieder. Wenn er die Augen schloss, irrte sein Geist in verworrenen Träumen umher, im Delirium sprach er wirres Zeug, und Anfälle von panischer Angst schüttelten ihn. Man bot alles an ärztlicher Kunst auf, er nahm zig verschiedene Arzneien — Kassiazimtrinde, Eisenhutwurzel, Weichschildkrötenpanzer, Schlangenbartwurzel, Weißwurz [Anm.: 肉桂、附子、鳖甲、麦冬、玉竹 — Arzneimittel der chinesischen Medizin zur Stärkung von Yin und Yang] und vieles mehr —, Dutzende Jin gingen den Schlund hinunter, doch nichts zeigte Wirkung. Im Nu war der Winter vorüber und der Frühling zurückgekehrt, und die Krankheit hatte sich noch verschlimmert. Dai Ru geriet in Panik und holte von überallher Ärzte, doch keiner konnte helfen. Als man ihm schließlich reinen Ginsengabsud verordnete, fehlten Dai Ru die Mittel dafür. So blieb ihm nichts anderes übrig, als im Prunkwille-Anwesen um Hilfe zu bitten. Dame König[9] befahl Phönixglanz, zwei Liang Ginseng für ihn abzuwiegen. Phönixglanz erwiderte: „Neulich ist der gesamte Vorrat für ein Medikament der Herzoginmutter aufgebraucht worden. Die ganze Wurzel, die noch übrig war, sollte auf Anordnung der gnädigen Frau für die Gemahlin des Provinzkommandanten Yang zurückgelegt werden — aber gerade gestern habe ich sie ihr schon hinschicken lassen." Dame König sagte: „Wenn bei uns nichts mehr da ist, dann schick jemanden zu deiner Schwiegermutter und frag dort, oder lass bei deinem Schwager Juwel im Stillfriede-Anwesen nachsehen. Wenn man genug zusammenbekommt, kann man es dem alten Herrn geben. Wenn damit ein Menschenleben gerettet wird, gereicht es auch dir zum Verdienst." Phönixglanz hörte das an, schickte aber niemanden los. Stattdessen suchte sie ein paar bereits ausgekochte Reste und Wurzelhärchen zusammen, die zusammen ein paar Qian ergaben, und ließ sie Dai Ru überbringen mit der Nachricht: „Die gnädige Frau schickt dies, mehr ist nicht vorhanden." Als sie dann Dame König Bericht erstattete, sagte sie jedoch: „Ich habe von allen Seiten zusammentragen lassen. Es sind insgesamt etwas über zwei Liang geworden, die ich hingeschickt habe." Glücksstein Kaufmann hatte einen unbändigen Willen zu leben. Es gab keine Arznei, die er nicht versucht hätte, doch alles Geld war hinausgeworfen, keine zeigte Wirkung. Da erschien eines Tages ein hinkender daoistischer Mönch[10] [Anm.: der hinkende Daoist 跛足道人, eine übernatürliche Gestalt, die im Roman mehrfach auftritt und die verborgenen Zusammenhänge des Schicksals aufdeckt], der um eine milde Gabe bat und behauptete, er sei auf die Heilung von Krankheiten spezialisiert, die aus karmischen Verstrickungen in früheren Existenzen herrührten. Glücksstein Kaufmann hörte das von seinem Lager aus, richtete sich auf und rief aus Leibeskräften: „Bittet den Bodhisattva schnell herein! Er soll mich retten!" Dabei machte er, noch auf dem Kissen liegend, einen Kotau nach dem anderen. Den Leuten blieb nichts übrig, als den Mönch hereinzuführen. Glücksstein Kaufmann klammerte sich an ihm fest und rief immer wieder: „Bodhisattva, rettet mich!" Der Mönch seufzte: „Deine Krankheit ist nicht mit Arzneien zu heilen. Ich habe hier ein kostbares Kleinod für dich. Wenn du es Tag für Tag anschaust, kann dein Leben erhalten werden." Er holte aus seinem Schultersack einen Spiegel hervor. Beide Seiten waren poliert und konnten Bilder wiedergeben; in den Griff waren die vier Schriftzeichen „Spiegel von Wind und Mond"[11] [风月宝鉴] eingraviert. Er reichte ihn Glücksstein Kaufmann und erklärte: „Dieses Gerät stammt aus der Halle der Kostbarkeiten in den Wahngefilde der Großen Leere [太虚幻境][12]. Die Fee Warnendes Trugbild [警幻仙子] hat es geschaffen. Es dient eigens zur Heilung von Krankheiten, die aus wahnhaften Begierden und törichtem Handeln erwachsen, und hat die Kraft, Menschen zu retten und Leben zu bewahren. Darum habe ich es in die Welt der Menschen mitgebracht und zeige es nur edlen, klugen und begabten Jünglingen aus vornehmen Häusern. Aber merke dir: Du darfst dich auf gar keinen Fall in der Vorderseite spiegeln! Nur in der Rückseite! Das ist von höchster Wichtigkeit! In drei Tagen komme ich wieder und hole den Spiegel ab, dann bist du gewiss geheilt." Damit ging er, ohne sich an die flehentlichen Bitten zu bleiben zu kehren, und verschwand. Glücksstein Kaufmann nahm den Spiegel in die Hand und dachte: „Ein seltsamer Mensch, dieser Mönch! Warum sollte ich nicht einmal hineinschauen und es versuchen?" Er hob den „Spiegel von Wind und Mond" empor und blickte in die Rückseite. Da stand ein Totengerippe darin aufgerichtet! Vor Schreck warf er den Spiegel zu und schimpfte: „Verfluchter Mönch! Mich so zu erschrecken! Jetzt will ich doch einmal sehen, was in der Vorderseite ist." Er drehte den Spiegel um und blickte in die Vorderseite — und da stand Phönixglanz darin und winkte ihm zu! Freude durchströmte sein Herz, und schwankend, schwebend fühlte er sich in den Spiegel hineingetragen. Er vereinigte sich mit Phönixglanz im Spiel von Wolken und Regen [Anm.: 云雨, die traditionelle poetische Umschreibung für die geschlechtliche Vereinigung], und danach geleitete sie ihn wieder hinaus. Als er wieder auf seinem Bett lag, entfuhr ihm ein „Au weh!", und er schlug die Augen auf. Der Spiegel war ihm aus den Händen geglitten und zeigte wieder die Rückseite — mit dem aufrecht stehenden Totengerippe. Glücksstein Kaufmann bemerkte, dass er am ganzen Körper schwitzte und unter ihm eine große Lache Samenflüssigkeit war. Doch sein Verlangen war noch nicht gestillt. Also drehte er den Spiegel wieder um, und tatsächlich stand Phönixglanz wieder da und winkte ihm. Und abermals ging er zu ihr hinein. So wiederholte es sich drei-, viermal. Doch als er beim letzten Mal gerade wieder aus dem Spiegel treten wollte, kamen zwei Männer auf ihn zu, warfen ihm eine eiserne Kette um den Hals und schleppten ihn fort. Glücksstein Kaufmann schrie: „Lasst mich wenigstens den Spiegel mitnehmen!" — Das war der letzte Satz, den er hervorbrachte. Dann konnte er nicht mehr sprechen. Die Umstehenden, die ihn pflegten, sahen nur, wie er den Spiegel in der Hand hielt und hineinblickte, wie er ihm entglitt, wie er die Augen aufschlug und ihn wieder ergriff. Beim letzten Mal fiel der Spiegel herab, und Glücksstein Kaufmann rührte sich nicht mehr. Als sie an sein Bett traten und nachsahen, war kein Atem mehr in ihm, und unter seinem Körper hatte sich eiskalt eine große Lache Samenflüssigkeit gebildet. Hastig kleideten sie ihn an und hoben ihn auf ein frisch hergerichtetes Bett. Dai Ru und seine Frau weinten sich fast die Augen aus und verfluchten den Mönch und seinen Spiegel. „Was ist das nur für ein Teufelswerkzeug!" rief Dai Ru. „Wenn man es nicht sofort vernichtet, wird es noch großes Unheil in der Welt anrichten!" Er befahl, ein Feuer zu entfachen und den Spiegel hineinzuwerfen. Da sprach es weinend aus dem Spiegel: „Wer hat euch geheißen, in die falsche Seite zu blicken? Ihr habt selbst das Falsche für das Wahre genommen — warum müsst ihr dann mich verbrennen?" In diesem Augenblick kam der hinkende Mönch von draußen hereingestürzt und rief: „Wer will den Spiegel von Wind und Mond vernichten? Ich komme und rette ihn!" Damit stürmte er geradewegs in die Halle, riss den Spiegel an sich und verschwand wie ein Windhauch. Dai Ru richtete nun das Begräbnis aus und versandte überallhin die Trauerbotschaft. Am dritten Tag wurden die heiligen Texte verlesen, am siebten Tag der Sarg hinausgeleitet und im Tempel der Eisernen Schwelle [铁槛寺][13] aufgebahrt, um später in die Heimat der Sippe überführt zu werden. Alle Kaufmanns kamen, um ihr Beileid zu bezeugen. Begnadigung Kaufmann[14] aus dem Prunkwille-Anwesen spendete zwanzig Liang Silber, ebenso Aufrecht Kaufmann, und auch Herrlichkeit Kaufmann[15] aus dem Stillfriede-Anwesen gab zwanzig Liang. Die übrigen Mitglieder der Sippe gaben je nach Vermögen drei oder fünf Liang — zu viele, um sie einzeln aufzuführen. Hinzu kamen Beiträge der Familien der Mitschüler aus der Familienschule, die zusammen weitere zwanzig, dreißig Liang ergaben. So konnte Dai Ru trotz seiner ansonsten bescheidenen Verhältnisse die Angelegenheit in angemessener und würdiger Weise zu Ende bringen. Doch wer hätte gedacht, dass gegen Ende dieses Winters ein Brief von Lin Ruhai[16] eintreffen würde, Kajaljade[17]s Vater, der sich eine schwere Krankheit zugezogen hatte und nun schrieb, er wolle Kajaljade bei sich haben. Als die Herzoginmutter das erfuhr, vermehrte sich natürlich ihr Kummer, doch es blieb nichts anderes übrig, als eilig alle Vorbereitungen für Kajaljade Abreise zu treffen. Schatzjade[18] war tief betrübt darüber, aber die Liebe zwischen Vater und Tochter war zu stark, als dass er etwas dagegen hätte einwenden können. So bestimmte die Herzoginmutter, Kette Kaufmann[19] solle Kajaljade auf der Hin- und Rückreise begleiten und sie wieder zurückbringen. Was die Geschenke an Lokalprodukten und die Reisekosten anging, braucht man nicht im Einzelnen darüber zu sprechen — alles wurde selbstverständlich in angemessener Weise geordnet. Rasch wählte man einen Glückstag. Kette Kaufmann und Kajaljade nahmen Abschied von der Herzoginmutter und den Übrigen, bestiegen mit ihrem Gefolge die Boote und reisten nach Yangzhou ab. Was sich weiter zutrug, berichtet das nächste Kapitel. [Ende des zwölften Kapitels] |
Anmerkungen
- ↑ Chin. 王熙凤 Wáng Xīfèng, wörtl. „Phönix des Glanzes“.
- ↑ Chin. 平儿 Píng’ér, Zofe von Phönixglanz.
- ↑ Chin. 贾瑞 Jiǎ Ruì, auch „Glücksstein Kaufmann“.
- ↑ Chin. 贾蓉 Jiǎ Róng.
- ↑ Chin. 贾母 Jiǎ Mǔ, die Ahnherrin der Kaufmann-Familie.
- ↑ Chin. 代儒 Dài Rú, Leiter der Kaufmann-Familienschule, Großvater von Glücksstein Kaufmann.
- ↑ 相思局 / 借剑杀人 Xiāngsī jú / Jiè jiàn shā rén „Sehnsuchts-Falle / Mit fremdem Schwert töten" — Phönixglanz wendet hier exemplarisch die dritte der 三十六计 sānshíliù jì „Sechsunddreißig Strategeme" an: „mit fremdem Schwert töten" — den eigenen Gegner durch Dritte (hier: die Kälte der Nacht, dann der Spott von Hibiskus & Edelrose Kaufmann + die ausgekippte Nachttopf-Lake) erledigen lassen, ohne selbst die Hand zu erheben. Dass der Kapiteltitel sie ausdrücklich 毒设 dú shè „giftig stellen" nennt, signalisiert die moralische Bewertung des Erzählers: ihre Klugheit ist ungeheuer, aber von einer Härte, die später (Kap. 110 ff.) ihren eigenen Untergang mitverursachen wird (vgl. Phönixglanzs Schicksalsorakel in Kap. 5: „Alle Listen zu klug ersonnen — am Ende kosten sie dich dein Leben").
- ↑ Chin. 贾蔷 Jiǎ Qiáng, wörtl. „Edelrose Kaufmann“.
- ↑ Chin. 王夫人 Wáng Fūrén.
- ↑ 跛足道人 Bǒzú dàorén „der hinkende Priester" — eine der zwei mythologischen Verbinder-Figuren des Romans (zusammen mit dem 癞头和尚 Làitóu héshàng „räudig-köpfigen Mönch"). Sie treten an Schicksalswenden auf: in Kap. 1 mit dem Stein und Heldenlotus, in Kap. 7 mit Schatzspanges Pille, in Kap. 8 mit Schatzspanges Goldspange, hier in Kap. 12 mit dem 风月宝鉴, später in Kap. 25 beim Heilen Schatzjades von einem Hexenfluch, und schließlich in Kap. 117/120 beim endgültigen Abrücken Schatzjades aus der Welt. Sie sind die irdische Manifestation der himmlischen Mächte aus dem 太虚幻境 — ihre Lahmheit/Kahlheit signalisiert das Daoist-buddhistische Anti-Schönheits-Ideal des „Eigenwillig-Asketischen", das im Roman dem äußeren Glanz der Aristokratie gegenübergestellt ist.
- ↑ 风月宝鉴 Fēngyuè bǎojiàn „Kostbarer Spiegel von Wind und Mond" — das namengebende Hauptmotiv dieser Episode, von der Fee 警幻仙姑 Jǐnghuàn xiāngū (vgl. Kap. 5) eigens für solche Fälle geschaffen. 风月 fēngyuè („Wind und Mond") ist ein literarischer Doppelbegriff für erotische Liebe, oft mit warnendem Ton (Wind = unbeständig, Mond = trügerisch). Der Doppelseiten-Spiegel ist die wörtliche Umsetzung der buddhistischen Erkenntnislehre: was die wahnhafte Begierde sucht (Vorderseite — die schöne Frau) ist 假 jiǎ „falsch/illusorisch"; was sie meidet (Rückseite — Totengerippe) ist 真 zhēn „wahr". Die Verwechslung beider — die Falsche für die Wahre zu nehmen — kostet Jia Rui das Leben. Diese Episode ist Programm-Allegorie für den ganzen Roman, dessen frühester Titel 风月宝鉴 selbst lautete (vgl. Kap. 1).
- ↑ 太虚幻境 Tàixū Huànjìng — vgl. Kap. 5: das paradiesisch-mythologische Reich der Fee 警幻 Jǐnghuàn (Warnung-Illusion), in dem die Schicksalsbücher aller Frauen verwahrt sind. Der hier neu erwähnte 太虚幻境 中 „Halle der Kostbarkeiten" 仙宝阁 (in der Roman-Sphäre) ist Aufbewahrungsort solcher schicksal-eingreifenden Artefakte wie des 风月宝鉴. Dass der Spiegel ausdrücklich „aus dem 太虚幻境 stammt", schließt den narrativen Kreis zu Schatzjades Traum — die kosmische Rahmenerzählung greift erneut in die irdische Handlung ein, wie schon bei Schatzjades und Schatzspanges Talismanen (Kap. 7/8) und bei der Pille (Kap. 7).
- ↑ 铁槛寺 Tiěkǎn sì „Tempel der eisernen Schwelle" — Familien-Tempel der Jia, der als Zwischen-Aufbewahrungsort für Särge dient, ehe die Toten in die Heimat überführt werden. Der Name spielt auf das berühmte Gedicht 《好了歌》 Hǎoliǎo gē in Kap. 1 sowie auf den Vers des chinesischen Bauerndichters 范成大 Fàn Chéngdà (1126–1193) an: „縱有千年鐵門檻,終須一個土饅頭" zòng yǒu qiānnián tiě ménkǎn, zhōng xū yī ge tǔ mántóu „Selbst eine eiserne Schwelle überdauert tausend Jahre — am Ende muss [jedem] ein Erdkloß sein" (d.h. ein Grabhügel). Der Tempelname ist eine bittere Ironie: die Familie hofft, dass die „eiserne Schwelle" sie vor dem Tod schützt, aber kein Reichtum kann das verhindern. Im Roman ist der Tempel auch Schauplatz des Begräbnisses von Anmutig Minne (Kap. 13–15).
- ↑ Chin. 贾赦 Jiǎ Shè.
- ↑ Chin. 贾珍 Jiǎ Zhēn.
- ↑ Chin. 林如海 Lín Rúhǎi, Kajaljades Vater.
- ↑ Chin. 林黛玉 Lín Dàiyù, wörtl. „Kajaljade aus dem Walde“.
- ↑ Chin. 贾宝玉 Jiǎ Bǎyù, wörtl. „Schatzjade Kaufmann“.
- ↑ Chin. 贾琏 Jiǎ Liǎn, wörtl. „Jadekette Kaufmann“.