Difference between revisions of "History of Sinology/de/Chapter 14"
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| − | = Kapitel 14: Skandinavien | + | = Kapitel 14: Skandinavien — Bernhard Karlgren und die schwedische Schule = |
| − | + | == 1. Einleitung: Eine sinologische Tradition im hohen Norden == | |
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| − | Diese | + | Die Geschichte der Sinologie in den skandinavischen Ländern — Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland — ist in ihrer modernen Gestalt im Wesentlichen die Geschichte des überragenden Einflusses eines einzigen Mannes und der von ihm begründeten Schule. Bernhard Karlgren (1889–1978), der die Methoden der europäischen vergleichenden Sprachwissenschaft auf die Rekonstruktion der altchinesischen Aussprache anwandte, revolutionierte die Erforschung der chinesischen historischen Phonologie und rückte damit Schweden für den größten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts in das Zentrum der internationalen sinologischen Forschung. Wie E.G. Pulleyblank bemerkte, lässt sich das Feld der chinesischen historischen Phonologie in zwei Perioden einteilen: „BK (before Karlgren) und AK (after Karlgren)."<ref>David B. Honey, ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology'' (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.</ref> |
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| + | Doch Karlgren entstand nicht aus dem Nichts. Schwedens Beschäftigung mit China reicht bis ins siebzehnte Jahrhundert zurück, verwurzelt in kommerziellen, wissenschaftlichen und intellektuellen Interessen, die der Entstehung der akademischen Sinologie um zweihundert Jahre vorausgingen. Die Schwedische Ostindien-Kompanie, die botanischen Expeditionen der Schüler von Linnaeus, die Chinoiserie, die den königlichen Hof schmückte, und die Missionarsunternehmen des neunzehnten Jahrhunderts — all dies bereitete den kulturellen Boden, auf dem Karlgrens Leistung erwuchs. | ||
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| + | Die Geschichte der schwedischen und skandinavischen Sinologie lässt sich in drei breite Phasen unterteilen: eine Formationsperiode vom siebzehnten Jahrhundert bis zum Ende des neunzehnten, geprägt von Reiseberichten, wissenschaftlichen Expeditionen und Missionsgelehrsamkeit; eine Phase der professionellen Entwicklung vom frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die 1960er Jahre, dominiert von Karlgren und seinen Schülern und gekennzeichnet durch bahnbrechende Arbeiten in Sprachwissenschaft, Archäologie und Kunstgeschichte; und eine moderne Phase ab Mitte der 1960er Jahre, in der sich der Fokus unter der Führung von Göran Malmqvist und seinen Nachfolgern vom klassischen zum zeitgenössischen China verlagerte.<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, x.</ref> | ||
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| + | == 2. Frühes schwedisches Interesse an China (siebzehntes bis neunzehntes Jahrhundert) == | ||
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| + | === 2.1 Die ersten schwedischen Begegnungen === | ||
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| + | Die früheste dokumentierte Begegnung zwischen Schweden und China fand 1654 statt, als Nils Matson Kiöping, ein schwedischer Reisender, einen niederländischen Kaufmannsdiplomaten auf einer Fahrt zur chinesischen Küste begleitete. Sein 1667 veröffentlichter Reisebericht schilderte China in den für die Epoche typischen Begriffen als ein Land „kluger und glücklicher Menschen". Dem folgten mehrere Doktordissertationen zu chinesischen Themen an Schwedens ältester Universität, Uppsala: Jonas Rocknerus' ''Murus Sinensis brevi dissertatione adumbratus'' (Eine kurze Dissertation über die Große Mauer, 1694) — die erste schwedische akademische Arbeit zu einem chinesischen Thema —, Erik Rolans ''De magno Sinarum imperio'' (Über das große chinesische Reich, 1697) und Olav Celsius' ''Exercitium academicum Confucium Sinarum Philosophum leviter adumbrans'' (Eine akademische Übung, die Konfuzius, den Philosophen der Chinesen, leicht skizziert, 1710).<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.</ref> | ||
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| + | Diese drei Dissertationen, zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Autoren verfasst, offenbaren die fortschreitende Vertiefung der europäischen Sinophilie in Schweden: Die erste beschrieb ein physisches Bauwerk, die zweite feierte China als die Verwirklichung von Platons Traum eines philosophenregierten Staates, und die dritte untersuchte das konfuzianische Denken als ein philosophisches und quasi-religiöses System, das der schwedischen Gesellschaft von Nutzen sein könnte. Sie spiegelten das „Chinafieber" wider, das das europäische Geistesleben in dieser Periode erfasste. | ||
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| + | === 2.2 Die Schwedische Ostindien-Kompanie und der botanische Austausch === | ||
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| + | 1731 gründete Schweden seine eigene Ostindien-Kompanie (''Svenska Ostindiska Compagniet''). Zwischen 1732 und 1806 unternahmen die Schiffe der Kompanie mindestens 130 Fahrten zwischen Göteborg und Guangzhou und schufen damit eine direkte Handelsverbindung zwischen Schweden und China, die drei Viertel eines Jahrhunderts währte. Mehrere Naturwissenschaftler, vor allem Schüler des großen Botanikers Carl von Linné, reisten auf diesen Schiffen und veröffentlichten Berichte über ihre chinesischen Erfahrungen. | ||
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| + | Der bedeutendste war Pehr Osbeck, dessen ''Dagbok öfver en Ostindisk Resa åren 1750, 1751, 1752'' (Tagebuch einer ostindischen Reise, 1757) ein umfangreiches Werk war, das ausführliche Informationen über die chinesische Naturgeschichte und Kultur enthielt — praktisch eine botanische Enzyklopädie Chinas. Im selben Jahr veröffentlichte Linnés Freund Kapitän Carl Gustaf Ekeberg den ''Kort Berättelse om den Chinesiska Landt-Hushållningen'' (Kurzer Bericht über die chinesische Landwirtschaft), einen Bericht über chinesische Anbaumethoden, der sich nahtlos in die damals in Frankreich modischen physiokratischen Wirtschaftstheorien einfügte. Diese Veröffentlichungen trugen viel dazu bei, die schwedische Wahrnehmung Chinas in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zu formen.<ref>Peter K. Bol, „The China Historical GIS", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | === 2.3 Sinophilie und der schwedische Hof === | ||
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| + | Der spektakulärste Ausdruck schwedischer Sinophilie war der Bau des ''Kina Slott'' (Chinesischer Pavillon) in Drottningholm im Jahr 1753 — ein Palast im chinesischen Stil, der als Geburtstagsgeschenk von König Adolf Fredrik an seine Gemahlin Lovisa Ulrika errichtet wurde. Der Pavillon, der noch heute auf dem Gelände des Königsschlosses steht, beherbergte eine beachtliche Sammlung chinesischer Porzellan- und Kunstgegenstände. | ||
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| + | Königin Lovisa Ulrika war selbst eine bedeutende Förderin der chinesischen Studien. Sie trug eine Sammlung chinesischer Bücher zusammen, die der junge August Strindberg später während seiner Anstellung an der Königlichen Bibliothek in Stockholm katalogisierte, wobei er ein Jahr lang Chinesisch studierte, um eine neunundvierzig Titel umfassende Bibliographie und eine Broschüre über die chinesische und japanische Sprache mit dem Titel ''Kina och Japan'' zu erstellen.<ref>Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.</ref> | ||
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| + | Der einflussreichste schwedische Sinophile war Carl Fredrik Scheffer, der von 1743 bis 1752 als schwedischer Botschafter in Frankreich diente und enge Verbindungen zu französischen physiokratischen Denkern unterhielt. Scheffer schrieb ausgiebig zur Förderung physiokratischer Ideen und argumentierte, dass die Landwirtschaft die Grundlage der Wirtschaft sein solle und dass China ein Modell aufgeklärter Regierungsführung biete, das der europäischen Nachahmung würdig sei. In einer Rede vor der Schwedischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1772, gehalten in Anwesenheit König Gustavs III., lobte Scheffer das chinesische Regierungssystem und stellte China als Vorbild für europäische Staaten dar.<ref>Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", ''Journal of Chinese History'' 4, Nr. 2 (2020).</ref> | ||
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| + | === 2.4 Missionare und der Übergang zur Wissenschaft === | ||
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| + | Dem Abklingen der aufklärerischen Sinophilie im späten achtzehnten Jahrhundert folgte eine neue Phase der schwedischen Beschäftigung mit China, angeführt von protestantischen Missionaren. Theodore Hamberg kam 1847 als Vertreter der Basler Mission in Hongkong an. Er lernte Chinesisch, entwickelte ein tiefes Verständnis der chinesischen Gesellschaft und freundete sich mit Hong Rengan an, einem Cousin des Anführers des Taiping-Aufstands Hong Xiuquan. Aus Hong Rengans Berichten verfasste Hamberg ''The Chinese Rebel Chief Hung-Siu-Tshuen and the Origin of the Kwangsi Insurrection'' (London, 1855), motiviert von seinem Wunsch, „Sympathie für das chinesische Volk" zu wecken. Dieses Werk bleibt eine wertvolle Quelle in der Frühgeschichte der schwedischen Chinastudien.<ref>Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in ''Digital Humanities and East Asian Studies'' (Leiden: Brill, 2020).</ref> | ||
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| + | Ein weiterer Missionar, Erik Folke, der von 1887 bis 1920 in China diente, übersetzte den ''Zhuangzi'' (1924) und den ''Laozi'' (1927) ins Schwedische und veröffentlichte eine Studie über das frühe chinesische Denken, ''Tankare i det gamla Kina'' (Denker des alten China, 1922). Zwei ehemalige Missionare schlossen ebenfalls Doktordissertationen ab, die auf ihren China-Erfahrungen beruhten: Kjetty Karlgrens ''Studies in Sung Time Colloquial Chinese as Revealed in Chu Hi's Ts'uanshu'' (1958) und Gunnar Sjöholms ''Readings in Mo Ti'' (1982).<ref>Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.</ref> | ||
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| + | Die Missionare sprachen, anders als die Kaufleute und Reisenden, die ihnen vorausgingen, im Allgemeinen ausgezeichnetes Chinesisch und hatten umfangreichen Kontakt mit gewöhnlichen Chinesen. Ihr Wissen über die chinesische Sprache und Gesellschaft, obwohl im Dienste der Evangelisation erworben, stellte einen genuinen Wissensbestand dar, der zur Vermittlung chinesischer Kultur nach Schweden beitrug. | ||
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| + | === 2.5 Anders Ljungstedt und die frühe historische Forschung === | ||
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| + | In den 1830er Jahren verfasste der schwedische Historiker Anders Ljungstedt in Macau die erste westliche Geschichte der portugiesischen Niederlassung: ''A Historical Sketch of the Portuguese Settlements in China; and of the Roman Catholic Church and Mission in China'' (Macau, 1832–1834; überarbeitete Ausgabe, Boston, 1836). Ljungstedt hatte über zwanzig Jahre in Macau gelebt und stützte sich auf umfangreiche Primärquellen. Sein Werk formulierte klar die These, dass „Macau chinesisches Territorium ist", und versorgte nachfolgende Generationen von Gelehrten mit wertvoller Originaldokumentation. Es blieb über mehr als ein Jahrhundert ein Standardwerk der Macau-Forschung.<ref>„WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).</ref> | ||
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| + | Die erste schwedische Übersetzung chinesischer Lyrik, ''Kinesiska dikter på svensk vars'' (Chinesische Gedichte in schwedischen Versen, 1894), wurde von Hans Emil Larsson angefertigt — der kein Chinesisch las, sondern aus deutschen und französischen Fassungen übersetzte. Der Band enthielt Gedichte aus dem ''Shijing'' sowie Werke von Li Bai, Du Fu und Su Shi und bezeugte das schwedische literarische Interesse an chinesischer Dichtung noch vor der Etablierung einer professionellen Sinologie.<ref>„Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", ''Proceedings of EMNLP'' (2025).</ref> | ||
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| + | == 3. Bernhard Karlgren und die Geburt der professionellen schwedischen Sinologie == | ||
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| + | === 3.1 Leben und Bildungsweg === | ||
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| + | Bernhard Karlgren wurde am 5. Oktober 1889 in Jönköping in Südschweden geboren. Er wuchs in Småland auf und zeigte schon früh eine Faszination für Dialektologie; noch als Student veröffentlichte er 1908 und 1909 zwei Artikel über lokale Dialekte. Er schrieb sich 1907 an der Universität Uppsala ein und studierte zunächst Russisch bei Professor Lundell, einem Slawisten, der ein System phonetischer Notation zur Aufzeichnung von Dialekten entwickelt hatte.<ref>„A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", ''Scientific Reports'' 15 (2025).</ref> | ||
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| + | Es war die intellektuelle Aufbruchstimmung um die historische Phonologie im frühen zwanzigsten Jahrhundert in Skandinavien, die Karlgrens Karriere formte. Unter dem Einfluss Lundells und der breiteren Tradition der europäischen vergleichenden Sprachwissenschaft war die historische Phonologie zu einer „sehr fortgeschrittenen Disziplin" geworden, die brillante junge Gelehrte anzog. Noch als Student kam Karlgren auf die Idee, die für die Erforschung europäischer Sprachen und Dialekte entwickelten Methoden auf das Chinesische anzuwenden — eine Sprache, für die es an schwedischen Universitäten noch keinen Unterricht gab.<ref>Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", ''Journal of Chinese Literature and Culture'' 9, Nr. 1 (2022).</ref> | ||
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| + | Nach seinem Bachelor-Abschluss 1909 ging Karlgren nach St. Petersburg, um bei Professor Iwanow die Grundlagen des Chinesischen zu studieren und dabei Chinesisch-Studien mit vergleichender Sprachwissenschaft zu verbinden. Anschließend erhielt er Mittel für eine Reise nach China zur Dialektforschung. Er brach im März 1910 nach China auf und kehrte im Januar 1912 nach Europa zurück. In einer erstaunlichen Leistung linguistischer Feldforschung erlangte Karlgren in weniger als zwei Jahren eine ausreichende Beherrschung des Chinesischen, um phonologische Erhebungen in vierundzwanzig verschiedenen Dialekten durchzuführen — eine Leistung, die noch heute Bewunderung hervorruft. | ||
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| + | Bei seiner Rückkehr nach Europa verbrachte Karlgren einige Monate in London, bevor er nach Paris weiterzog, wo er zwei Jahre lang (September 1912 bis April 1914) bei dem großen Édouard Chavannes am Collège de France studierte. In Paris begegnete er auch Paul Pelliot und Henri Maspero — Begegnungen, die sich als schicksalhaft für die Entwicklung der chinesischen historischen Phonologie erweisen sollten. | ||
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| + | === 3.2 Die ''Études sur la phonologie chinoise'' === | ||
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| + | Im Mai 1915 wurde Karlgren in Uppsala mit einer auf Französisch verfassten Dissertation promoviert: dem ersten Teil seiner monumentalen ''Études sur la phonologie chinoise'' (Studien zur chinesischen Phonologie). Das Werk erhielt den Prix Julien 1916 von der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris.<ref>Hilde De Weerdt, ''Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China'' (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).</ref> | ||
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| + | Die ''Études'' stellten die systematische Anwendung der europäischen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft auf die chinesische Sprache dar. Unter Verwendung der für die Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen entwickelten Methoden rekonstruierte Karlgren das phonologische System des Mittelchinesischen (die Sprache des Reimwörterbuchs ''Qieyun'', zusammengestellt 601 n. Chr.) durch eine vergleichende Analyse moderner chinesischer Dialekte und der traditionellen chinesischen Forschung zur historischen Phonologie, insbesondere der Arbeiten der großen Philologen der Qing-Dynastie. Wie David Honey zusammenfasste: | ||
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| + | <blockquote>Bernhard Karlgren war der erste westliche Sinologe, der die Erforschung der chinesischen historischen Phonologie durch die Methoden der in Europa gängigen historischen Sprachwissenschaft systematisierte. „Bernhard Karlgren [war] der Pionier der modernen wissenschaftlichen Erforschung der chinesischen historischen Phonologie", stellt Pulleyblank fest. „Er brachte eine Strenge in das Fach, die bei seinen Vorgängern nicht zu finden war und die bei seinen Möchtegern-Nachfolgern allzu oft gefehlt hat."<ref>China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).</ref> | ||
| + | </blockquote> | ||
| + | Karlgren unterteilte die Geschichte der chinesischen Phonologie in zwei Stufen: „Ancient Chinese" (heute gewöhnlich Altchinesisch genannt), die Sprache der ''Shijing''-Reime, und „Archaic Chinese" (heute Mittelchinesisch genannt), die im ''Qieyun'' und den Reimtafeln der Song-Zeit repräsentierte Sprache. Etwa zehn weitere Jahre widmete er der Erweiterung und Überarbeitung seiner Dissertation und schloss die vollständigen ''Études'' 1926 ab. Dieses Werk wurde 1940 von Chinas führenden Linguisten — Zhao Yuanren, Li Fanggui und Luo Changpei — ins Chinesische übersetzt, eine Zusammenarbeit, die von der hohen Wertschätzung zeugte, die chinesische Gelehrte Karlgrens Beitrag entgegenbrachten. Wang Li, einer der bedeutendsten chinesischen Sprachwissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts, bewertete Karlgrens Wirkung: „Unter den westlichen Sinologen hat es viele gegeben, aber diejenigen, die einen Einfluss auf die chinesische Sprachwissenschaft ausgeübt haben, sind wenige. Der Einzige, dessen Einfluss wahrhaft groß war, ist Karlgren"; „Die chinesische historische Phonologie ist von Karlgren stärker beeinflusst worden als von irgendeinem anderen."<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.</ref> | ||
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| + | === 3.3 Die Methode erklärt === | ||
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| + | Karlgrens Ansatz verdient eine kurze Erläuterung, da er einen genuinen methodischen Durchbruch darstellte. Sein Verfahren war im Kern eine Adaption der vergleichenden Methode, die europäische Sprachwissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts zur Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen verwendet hatten. So wie vergleichende Linguisten die Vorformen indoeuropäischer Wörter durch den Vergleich verwandter Formen im Sanskrit, Griechischen, Lateinischen, Germanischen und anderen Tochtersprachen rekonstruierten, rekonstruierte Karlgren frühere Stufen der chinesischen Aussprache, indem er verglich, wie dieselben Schriftzeichen in verschiedenen modernen chinesischen Dialekten ausgesprochen wurden. | ||
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| + | Die entscheidende Erkenntnis war, dass das Reimwörterbuch ''Qieyun'' von 601 n. Chr. Informationen über das phonologische System einer früheren Stufe des Chinesischen bewahrte und dass dieses System rekonstruiert werden konnte, indem man die Belege der ''Qieyun''-Kategorien mit den Zeugnissen moderner dialektaler Aussprachen verband. Karlgren bereiste China und zeichnete die Aussprache von Schriftzeichen in vierundzwanzig verschiedenen Dialektgebieten auf, um dann diese modernen Formen systematisch untereinander und mit den Kategorien des ''Qieyun'' zu vergleichen. Das Ergebnis war eine Rekonstruktion des Lautsystems des Mittelchinesischen — der Sprache, wie sie um das sechste und siebte Jahrhundert n. Chr. gesprochen wurde. | ||
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| + | Für das Altchinesische — die Sprache des ''Shijing'' und der ältesten klassischen Texte — stützte sich Karlgren hauptsächlich auf die im ''Shijing'' selbst bewahrten Reimmuster, kombiniert mit dem in der Struktur der chinesischen Schriftzeichen inhärenten Beweismaterial der „phonetischen Serien" (bei denen Schriftzeichen mit derselben phonetischen Komponente ursprünglich ähnlich ausgesprochen wurden). Diese zweite Rekonstruktion war spekulativer, aber nicht weniger einflussreich. | ||
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| + | Die Bedeutung von Karlgrens Werk reichte weit über die Sprachwissenschaft hinaus. Wie Honey betonte, ist die historische Phonologie nicht bloß eine technische Übung, sondern ein grundlegendes Werkzeug der philologischen Analyse. Die Kenntnis, wie Schriftzeichen in verschiedenen Perioden ausgesprochen wurden, ermöglicht es Gelehrten, Lehnzeichen zu identifizieren (bei denen ein Zeichen „entlehnt" wird, um ein homophones, aber semantisch unverwandtes Wort darzustellen), die Entwicklung von Wortbedeutungen nachzuverfolgen und textliche Schwierigkeiten zu lösen, die andernfalls undurchdringlich sind. Wie der Qing-Philologe Wang Yinzhi feststellte: „Wenn der Studierende die Bedeutung über den Klang suchen und hinter der Lehnform das angemessene Zeichen erkennen kann, dann lösen sich Schwierigkeiten von selbst."<ref>Wang Yinzhi, ''Guangya Shucheng'', hrsg. von D.C. Lau (Hongkong: Chinese University Press, 1978), 1:4; zitiert in Honey, ''Incense at the Altar'', 104.</ref> | ||
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| + | === 3.4 Gelehrtenstreit mit Maspero === | ||
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| + | Karlgrens Rekonstruktionen blieben nicht unangefochten. Henri Maspero, der unabhängig auf dem Gebiet der chinesischen historischen Phonologie gearbeitet und einige von Karlgrens Methoden vorweggenommen hatte, antwortete 1920 auf die ''Études'' mit seiner eigenen detaillierten Studie des ''Qieyun''-Systems, „Le Dialecte de Tch'ang-an sous les T'ang." Karlgren seinerseits übernahm einige von Masperos Vorschlägen und widerlegte andere in „The Reconstruction of Ancient Chinese" (1922). Wie Karlgren einräumte: „Mein rekonstruktives System von 1919 (Phonologie chinoise, III) hält somit stand mit Ausnahme dreier wichtiger Punkte, an denen Maspero wertvolle Verbesserungen eingeführt oder zumindest den Weg dazu gewiesen hat."<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.</ref> | ||
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| + | Dieser produktive Austausch zwischen Karlgren in Stockholm und Maspero in Paris war ein Musterbeispiel für den Internationalismus der sinologischen Forschung in ihrer besten Form. Die beiden Gelehrten, die von verschiedenen nationalen Traditionen und methodischen Ausgangspunkten her arbeiteten, verfeinerten gegenseitig ihre Ergebnisse in einem anhaltenden kritischen Dialog. Karlgrens Rekonstruktion des Mittelchinesischen „beherrschte das Feld über viele Jahre", bis E.G. Pulleyblank einen grundlegend neuen Ansatz vorschlug, und seine altchinesische Rekonstruktion wurde schließlich durch William H. Baxters ''Handbook of Old Chinese Phonology'' (1992) abgelöst.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.</ref> Doch selbst Karlgrens überholte Systeme bleiben grundlegend: Alle nachfolgende Arbeit auf diesem Gebiet war auf die eine oder andere Weise eine Antwort auf die von ihm gestellten Fragen und die von ihm etablierten Methoden. | ||
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| + | === 3.4 Die ''Grammata Serica'' und andere Hauptwerke === | ||
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| + | Über die ''Études'' hinaus waren Karlgrens wichtigste Werke seine Wörterbücher und Nachschlagewerke, die die chinesische historische Phonologie für arbeitende Sinologen zugänglich machten. Peter Boodberg nannte sie „ragende Monumente der Gelehrsamkeit." George A. Kennedy beschrieb ihre Bedeutung: | ||
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| + | <blockquote>Die Veröffentlichung des Analytic Dictionary of Chinese durch Professor Bernhard Karlgren im Jahre 1923 war ein Ereignis von erstrangiger Bedeutung, weil es den Sinologen, die zu beschäftigt waren, um sich mit chinesischen Kompendien wie dem ''Guangyun'' auseinanderzusetzen, einen schnellen und leichten Leitfaden zur Lesung geschriebener Zeichen in einer bestimmten Periode in die Hand gab. Die Veröffentlichung der ''Grammata Serica'' im Jahre 1940 erweiterte das Wissensfeld.<ref>Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.</ref> | ||
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| + | Die ''Grammata Serica — Script and Phonetics in Chinese and Sino-Japanese'' (1940), überarbeitet als ''Grammata Serica Recensa'' (1957), ordnete rund sechstausend chinesische Schriftzeichen nach ihren phonetischen Komponenten und gab für jedes rekonstruierte mittel- und altchinesische Aussprachen an. Sein ''Compendium of Phonetics in Ancient and Archaic Chinese'' (1954) fasste seine Methoden, Materialien und Ergebnisse zusammen. Diese Nachschlagewerke wurden zu unverzichtbaren Werkzeugen für eine ganze Generation von Sinologen weltweit. | ||
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| + | === 3.5 Klassische Philologie und Bronzestudien === | ||
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| + | Karlgrens wissenschaftliche Interessen reichten weit über die Phonologie hinaus. Er produzierte bedeutende Übersetzungen und Kommentare zu den chinesischen Klassikern, darunter ''The Book of Odes'' (''Shijing'') mit begleitenden ''Glosses'' (BMFEA, 1942–1946), ''The Book of Documents'' (''Shujing'') mit ''Glosses'' (BMFEA, 1948–1949) und Anmerkungen zum ''Zuozhuan'' (BMFEA, 1969–1970). Er untersuchte Lehnzeichen in vorhanischen Texten, erstellte ein Lexikon des klassischen Chinesisch und verfasste Anmerkungen zum ''Laozi'' und zum ''Zhuangzi''. | ||
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| + | Von den 1930er bis in die 1960er Jahre veröffentlichte Karlgren auch eine Reihe wichtiger Studien zu chinesischen Bronzen, darunter „Early Chinese Mirror Inscriptions" (1934), „The Dating of Chinese Bronzes" (1937) und verschiedene Studien zu den Sammlungen des Museums für Fernöstliche Altertümer in Stockholm. Darüber hinaus schrieb er populärwissenschaftliche Werke auf Schwedisch, darunter ''Ordet och Pennan i Mittens Rike'' (Wort und Feder im Reich der Mitte, 1918) und ''Från Kinas Tankevärld'' (Aus der chinesischen Gedankenwelt, 1929).<ref>„The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", ''Bitter Winter'' (2024).</ref> | ||
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| + | === 3.6 Karlgrens Charakter und Einfluss === | ||
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| + | Der derzeitige Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm, Torbjörn Lodén, charakterisierte Karlgrens Persönlichkeit in Begriffen, die gleichermaßen auf sein Werk zutrafen: „Klarheit, Gründlichkeit, Zielstrebigkeit und offene Aufrichtigkeit." Sein Prosastil ließ sich in einer einzigen Wendung zusammenfassen: „knapp und präzise." Karlgrens eigener bevorzugter klassisch-chinesischer Text war das ''Zuozhuan'', das er als „Worte wie Perlen" pries — eine Beschreibung, die, wie Lodén bemerkte, treffend Karlgrens eigene gelehrte Manier einfing. Für Karlgren bestand „die Aufgabe wissenschaftlicher Forschung darin, Fakten zu klären, die geklärt werden können, nicht sich in Spekulationen über Dinge zu stürzen, die es nicht können."<ref>Honey, ''Incense at the Altar'', Vorwort, xxii.</ref> | ||
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| + | === 3.7 Institutionelles Erbe === | ||
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| + | Im September 1918 wurde Karlgren zum Professor für Ostasiatische Sprachen und Kultur an der Universität Göteborg ernannt, wo er Chinesisch und Japanisch lehrte. Von 1931 bis 1936 war er Rektor der Universität. 1939 wechselte er nach Stockholm, um Direktor des Museums für Fernöstliche Altertümer (''Östasiatiska Museet'') und Professor für ostasiatische Archäologie an der Universität Stockholm zu werden. Von 1945 bis zu seiner Emeritierung 1965 bekleidete er zusätzlich die Professur für Chinesisch an der Universität Stockholm und bildete in dieser Zeit eine ganze Generation skandinavischer Sinologen aus. | ||
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| + | Das Museum für Fernöstliche Altertümer, gegründet im Zusammenhang mit den archäologischen Arbeiten des schwedischen Geologen Johan Gunnar Andersson in China, wurde unter Karlgrens Direktorat zu einem der wichtigsten Zentren Europas für die Erforschung chinesischer Kunst und Archäologie. Seine Publikation, das ''Bulletin of the Museum of Far Eastern Antiquities'' (BMFEA), 1929 gegründet, wurde zu einer erstrangigen Plattform sinologischer Forschung, wobei Karlgren selbst von der Gründung der Zeitschrift bis in die 1970er Jahre zu nahezu jedem Band beitrug.<ref>„Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); ''Sinology vs. the Disciplines, Then & Now'', China Heritage (2019).</ref> | ||
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| + | == 4. Sven Hedin, Johan Gunnar Andersson und Osvald Sirén == | ||
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| + | === 4.1 Schwedische archäologische Beiträge === | ||
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| + | Während Karlgren die chinesische Sprachwissenschaft transformierte, leisteten andere schwedische Gelehrte ebenso bahnbrechende Beiträge in Archäologie und Kunstgeschichte. | ||
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| + | '''Sven Hedin''' (1865–1952), der Geograph und Entdecker, führte drei große Expeditionen nach Zentralasien durch. Während seiner zweiten Expedition (1899–1902) entdeckte er die antike Stadt Loulan im Tarim-Becken, ein Fund, der internationales Aufsehen erregte. Seine dritte Expedition (1927–1935) war die ambitionierteste, mit schwedischen, deutschen und chinesischen Teilnehmern; ihre Ergebnisse wurden in sechsundfünfzig Bänden veröffentlicht. Hedins populäre Schriften über seine Asienreisen fanden eine breite Leserschaft und stimulierten das schwedische öffentliche Interesse an China und Zentralasien.<ref>„They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).</ref> | ||
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| + | '''Johan Gunnar Andersson''' (1874–1960), ein Geologe, der von 1914 bis 1924 als Berater des Chinesischen Geologischen Dienstes tätig war, machte Entdeckungen von welthistorischer Bedeutung. Er nahm an den Ausgrabungen in Zhoukoudian bei Peking teil, die letztlich zur Entdeckung des ''Homo erectus pekinensis'' („Pekingmensch") führten. 1921 entdeckte er die neolithische Fundstätte im Dorf Yangshao in der Provinz Henan, wo er große Mengen von Steinwerkzeugen und bemalter Keramik freilegte — die erste in der Kernzone der alten chinesischen Zivilisation gefundene neolithische Siedlung. Zwischen 1923 und 1924 organisierte er Expeditionen in die Provinz Gansu, bei denen etwa fünfzig prähistorische Stätten identifiziert wurden. Diese Entdeckungen widerlegten die vorherrschende Annahme, China besitze keine Steinzeit oder prähistorische Kultur. Seine große Synthese, ''Researches into the Prehistory of the Chinese'' (1943), zählt zu den wichtigsten archäologischen Werken über die chinesische Vorgeschichte, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden.<ref>Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'', Kap. 7, S. 100–111.</ref> | ||
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| + | Andersson brachte viele der von ihm ausgegrabenen Artefakte zur weiteren Untersuchung nach Schweden. Aufgrund einer Vereinbarung mit den chinesischen Behörden wurden einige später zurückgegeben; die in Schweden verbliebenen bildeten den Kernbestand des Museums für Fernöstliche Altertümer, dessen erster Direktor Andersson war (bis zu seiner Pensionierung 1939). Er war auch der Gründungsherausgeber des BMFEA. | ||
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| + | '''Osvald Sirén''' (1879–1966), in Finnland geboren, aber in Stockholm ansässig, war ein Pionier der chinesischen Kunstgeschichte in Europa. Ursprünglich ein Gelehrter der schwedischen und italienischen Kunst, wandte sich Sirén während seiner Professur an der Universität Stockholm (1908–1925) und seiner Tätigkeit als Direktor der fernöstlichen Abteilung des Nationalmuseums (1926–1943) der chinesischen Kunst zu. Er unternahm zwischen 1920 und 1956 fünf Chinareisen, bei denen er Tempel, Paläste, Gärten, Städte und Landschaften photographierte — ein photographisches Archiv von außerordentlichem historischem Wert, das heute im Museum für Fernöstliche Altertümer aufbewahrt wird. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehörten die vierbändige ''A History of Early Chinese Art'' (1930), die zweibändige ''Kinas konst under tre årtusenden'' (Dreitausend Jahre chinesische Kunst, 1942–1943) sowie Studien über chinesische Gärten, die Mauern und Tore Pekings, chinesische Skulptur und chinesische Malerei. Wie Malmqvist später schrieb: „Siréns zahlreiche Werke über chinesische Architektur, Skulptur und Malerei sind seit langem allgemein bekannt und bedürfen keines weiteren Kommentars. Einige seiner Urteile mögen durch spätere Forschung überholt worden sein. Doch gerade wegen Siréns Werk wandte sich das westliche wissenschaftliche Interesse der chinesischen Skulptur und Malerei zu."<ref>Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", ''International Journal of China Studies'' 11, Nr. 2 (2020): 299.</ref> | ||
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| + | == 5. Göran Malmqvist und die moderne Transformation == | ||
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| + | === 5.1 Vom Klassischen zum Zeitgenössischen === | ||
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| + | 1965 trat Göran Malmqvist (1924–2019) die Nachfolge Karlgrens als Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm an, mit der bedeutsamen Modifikation, dass sein Titel „Chinesisch, insbesondere modernes Chinesisch" spezifizierte. Gleichzeitig gründete Malmqvist die Abteilung für Chinesisch an der Universität Stockholm und wurde ihr erster Vorstand. | ||
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| + | Malmqvist war eine Übergangsfigur, die die Transformation der schwedischen Sinologie von einer auf die Antike konzentrierten Disziplin zu einer verkörperte, die sich mit der Moderne befasste. Wie ein Kommentator beobachtete: „Vergleicht man die beiden Giganten der schwedischen Chinastudien, Karlgren und Malmqvist, so erkennt man eine Transformation von einer Sinologie, die sich auf die Lösung intellektueller Rätsel konzentrierte, zu einer, die primär als Medium interkulturellen Verstehens fungiert."<ref>Steven Burik, ''The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism'' (Albany: SUNY Press, 2009).</ref> | ||
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| + | === 5.2 Von der Dialektologie zur literarischen Übersetzung === | ||
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| + | Von Karlgren ausgebildet, erhielt Malmqvist eine strenge Schulung in klassischer chinesischer Phonologie und Textkritik. Seine frühe Karriere folgte dem Weg seines Lehrers: Er führte dialektologische Feldforschung in Sichuan durch (1948–1950), erstellte Studien zur südwestlichen Mandarin-Phonologie und unternahm akribische Textanalysen der Kommentare ''Gongyang Zhuan'' und ''Guliang Zhuan'' zu den ''Frühlings- und Herbstannalen'' sowie zu Dong Zhongshus ''Chunqiu Fanlu''. | ||
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| + | Malmqvists intellektuelle Wende kam in den 1970er Jahren, als er sich zunehmend der Übersetzung chinesischer Literatur ins Schwedische widmete. Seine Übersetzungen umfassten ein außerordentliches Spektrum: klassische Romane (''Shuihu Zhuan'' in vier Bänden; ''Xiyou Ji''), Tang-Dichtung, die Gedichte Mao Zedongs (achtunddreißig Gedichte) und Werke moderner und zeitgenössischer Autoren wie Shen Congwen, Bei Dao, Gao Xingjian und Li Rui. Er organisierte und redigierte zudem das vierbändige ''Handbook of Chinese Literature 1900–1949'', das Romane, Kurzprosa, Lyrik, Essays und Drama des zwanzigsten Jahrhunderts behandelt. | ||
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| + | Malmqvist verband „scharfe analytische Fähigkeit mit ästhetischer Sensibilität", eine Eigenschaft, die ihn „besonders geeignet für wissenschaftliche Forschung und interkulturelle Vermittlung" machte.<ref>David L. Hall und Roger T. Ames, ''Thinking Through Confucius'' (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.</ref> Sein Ansatz bei der literarischen Übersetzung war anspruchsvoll: „Übersetzung spielt eine sehr wichtige Vermittlerrolle. Ein guter Übersetzer muss neben einer starken Sensibilität für literarische Sprache und scharfem Ausdrucksvermögen den Autor wahrhaft lieben und mit seinen Werken atmen, um den Geist des Originals genau wiederzugeben."<ref>François Jullien, ''Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece'' (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", ''Contemporary French and Francophone Studies'' 28, Nr. 1 (2024).</ref> | ||
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| + | === 5.3 Die Nobel-Verbindung === | ||
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| + | 1985 wurde Malmqvist in die Schwedische Akademie gewählt — das Gremium, das für die Vergabe des Nobelpreises für Literatur zuständig ist — und damit das erste und über viele Jahre einzige Mitglied mit Expertise in chinesischer Literatur. Diese Berufung verschaffte der Schwedischen Akademie einen beispiellosen Zugang zur chinesischen literarischen Kultur. Malmqvist nutzte seine Position, um die chinesische Literatur in internationalen Kreisen zu fördern, ermöglichte Besuche chinesischer Schriftsteller in Skandinavien und übersetzte ihre Werke. Der Nobelpreis, der im Jahr 2000 dem chinesisch-französischen Romancier Gao Xingjian verliehen wurde, dessen Werke Malmqvist ins Schwedische übersetzt hatte, wurde weithin als Ausdruck von Malmqvists langjährigem Eintreten für die chinesische Literatur auf der Weltbühne gesehen. | ||
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| + | == 6. Die Ausweitung der skandinavischen Sinologie == | ||
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| + | === 6.1 Karlgrens Schüler und das skandinavische Netzwerk === | ||
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| + | Eine von Karlgrens folgenreichsten Leistungen war die Ausbildung von Schülern, die in ganz Skandinavien Programme für Chinastudien etablierten. Zur ersten Generation seiner Schüler gehörten Else Glahn, die eine Bibliographie von Karlgrens Werken zusammenstellte; Søren Egerod, der Professor für Chinesisch an der Universität Kopenhagen wurde und die maßgebliche biographische Darstellung Karlgrens verfasste; und Hans Bielenstein, der erste von Karlgrens Schülern, der mit einer Dissertation über ''The Restoration of the Han Dynasty'' (1953) einen Doktortitel in Sinologie erhielt. Bielenstein erweiterte seine Forschung anschließend zu einer umfassenden mehrbändigen Studie der Geschichte der Östlichen Han und wurde damit der erste westliche Gelehrte, der eine gründliche Analyse der Gesellschaft der Östlichen Han-Dynastie vorlegte. Später wurde er Professor für chinesische Geschichte an der Columbia University.<ref>Wolfgang Kubin, ''Hanxue yanjiu xin shiye'' (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194–195.</ref> | ||
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| + | Drei von Karlgrens Schülern spielten besonders entscheidende Rollen bei der Etablierung der skandinavischen Sinologie als regionales Unternehmen: Egerod in Kopenhagen (Dänemark), Henry Henne in Oslo (Norwegen) und Malmqvist in Stockholm (Schweden). Durch diese drei Berufungen strahlte Karlgrens Einfluss über die gesamte nordische Region aus. | ||
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| + | === 6.2 Stockholm nach Malmqvist === | ||
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| + | Als Malmqvist 1990 emeritierte, folgte ihm Torbjörn Lodén als Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm nach. Lodén, der bei Malmqvist studiert hatte, veröffentlichte seine Doktorarbeit über ''The Chinese Proletarian Revolutionary Literature Debate, 1928–1929'' (1980), bevor er sich der Erforschung der modernen chinesischen Geistesgeschichte zuwandte, insbesondere der Philosophie Dai Zhens. Er übersetzte Dai Zhens ''Mengzi Ziyi Shuzheng'' (Evidenzkritischer Kommentar zu den Begriffsbedeutungen im Mengzi) ins Englische und veröffentlichte Studien über die sozialen Funktionen des Konfuzianismus und den Begriff ''qing'' (Emotion) in Dai Zhens Denken. | ||
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| + | Unter Lodéns Leitung verfolgte die Stockholmer Abteilung für Chinesisch bewusst einen Ansatz der „kritischen Masse" in der Forschung, indem Doktoranden um fokussierte Themen konzentriert wurden, statt die Zersplitterung zuzulassen, die frühere Perioden gekennzeichnet hatte. Die Forschungsthemen in den 1990er und 2000er Jahren erweiterten sich um zeitgenössische chinesische Wirtschaftszonen (wie Björn Kjellgrens Doktorarbeit über Shenzhen, 2002), Arbeitsmärkte, Frauenfragen, Philosophie und literarische Linguistik.<ref>Bryan W. Van Norden, ''Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto'' (New York: Columbia University Press, 2017).</ref> | ||
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| + | === 6.3 Lund und die Entwicklung der modernen chinesischen Sprachwissenschaft === | ||
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| + | Die Universität Lund, Schwedens zweites Hauptzentrum für Chinastudien, richtete 1989 einen Lehrstuhl für Sinologie unter Lars Ragvald (Luo Si) ein, einem weiteren Schüler Malmqvists. Ragvalds Doktordissertation war eine Studie über den Literaturkritiker und Politiker Yao Wenyuan mit dem Titel ''Yao Wen-yuan as a Literary Critic and Theorist: The Emergence of Chinese Zhdanovism'' (1978). Obwohl seine anfängliche Forschung auf zeitgenössische chinesische Literatur und Politik ausgerichtet war, wandte sich Ragvald in der Folge der Erforschung der modernen chinesischen Sprachwissenschaft zu. Unter seiner Leitung entstand in Lund das erste chinesisch-schwedische Wörterbuch (''Hanyu-Ruidiandian''), veröffentlicht im Jahr 2000 — ein Meilenstein der schwedischen sinologischen Lexikographie.<ref>Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", ''Philosophy East and West'' 51, Nr. 3 (2001): 393–413.</ref> | ||
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| + | === 6.4 Breitere skandinavische Entwicklungen === | ||
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| + | Über Schweden hinaus entwickelten sich Chinastudien an mehreren anderen skandinavischen Universitäten. Neben Kopenhagen (Egerod) und Oslo (Henne) wurden an den Universitäten Göteborg und Uppsala Kurse in Chinesisch eingerichtet. Die Universität Stockholm gründete 1984 auch ein Zentrum für pazifische Asienstudien (CPAS), das die Ausweitung der Chinastudien über die traditionelle geisteswissenschaftliche Sinologie hinaus in die Sozialwissenschaften widerspiegelte. | ||
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| + | Das breitere institutionelle Muster spiegelte einen in der europäischen Sinologie allgemein zu beobachtenden Wandel wider: die allmähliche Verschiebung vom Studium der klassischen chinesischen Zivilisation anhand schriftlicher Texte hin zur Beschäftigung mit dem modernen und zeitgenössischen China durch sozialwissenschaftliche Methoden. Dieser Wandel, den Malmqvist sowohl verkörperte als auch beförderte, verdrängte die klassische Tradition nicht vollständig — Lodéns Arbeiten über Dai Zhen und die vorqinzeitliche Philosophie demonstrierten die anhaltende Vitalität textbasierter Forschung —, veränderte aber grundlegend den Schwerpunkt der skandinavischen Chinastudien. | ||
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| + | == 7. Der schwedische Beitrag in internationaler Perspektive == | ||
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| + | === 7.1 Besondere Merkmale === | ||
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| + | Mehrere Merkmale zeichnen die schwedische und die breitere skandinavische sinologische Tradition aus: | ||
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| + | '''Sprachliche Strenge.''' Karlgrens Anwendung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft auf das Chinesische setzte einen Standard methodischer Präzision, den nachfolgende skandinavische Sinologen aufrechterhielten. Selbst Gelehrte, die sich von der phonologischen Forschung abwandten, wie Malmqvist und Lodén, brachten in ihre Arbeit die disziplinierte Aufmerksamkeit für Sprache und Text mit, die die Karlgren-Schule kennzeichnete. | ||
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| + | '''Institutionelle Konzentration.''' Anders als die verstreute institutionelle Landschaft der amerikanischen oder selbst der deutschen Sinologie konzentrierten sich die skandinavischen Chinastudien auf eine kleine Zahl von Zentren, was Gelehrtengemeinschaften schuf, die klein genug waren für intensiven intellektuellen Austausch, aber groß genug, um Promotionsprogramme und Publikationsreihen zu unterhalten. | ||
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| + | '''Der Übergang vom Klassischen zum Modernen.''' Die Verschiebung von Karlgrens ausschließlichem Fokus auf das alte China zu Malmqvists Engagement für die moderne chinesische Literatur und Gesellschaft wurde innerhalb einer einzigen Generation und innerhalb einer einzigen institutionellen Abstammungslinie vollzogen — ein bemerkenswert reibungsloser Übergang, der viel den persönlichen Qualitäten und der intellektuellen Weite beider Männer verdankte. | ||
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| + | '''Kulturelle Vermittlung.''' Seit den 1970er Jahren zeichnete sich die schwedische Sinologie durch ein ungewöhnliches Engagement für literarische Übersetzung und kulturellen Austausch aus. Malmqvists jahrzehntelanges Projekt der Übersetzung chinesischer Literatur ins Schwedische, seine Rolle in der Schwedischen Akademie und seine persönlichen Freundschaften mit chinesischen Schriftstellern machten ihn zu einer Gestalt von genuiner kultureller Bedeutung in den chinesisch-europäischen Beziehungen. | ||
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| + | === 7.2 Karlgrens globales Vermächtnis === | ||
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| + | Karlgrens Einfluss reichte weit über Skandinavien hinaus. Seine Rekonstruktionen der mittel- und altchinesischen Aussprache, obwohl heute im Detail überholt, etablierten den konzeptuellen Rahmen, innerhalb dessen alle nachfolgende Arbeit in der chinesischen historischen Phonologie betrieben wurde. Seine Nachschlagewerke — das ''Analytic Dictionary'', die ''Grammata Serica'', das ''Compendium'' — blieben über Jahrzehnte Standardwerkzeuge des Fachs. Sein Beharren auf philologischer Strenge und empirischer Evidenz als Grundlagen sinologischer Forschung setzte einen Standard, der nationale Grenzen transzendierte. | ||
| + | |||
| + | In China selbst war Karlgrens Einfluss tiefgreifend. Wang Lis Einschätzung — dass Karlgren der einzige westliche Sinologe war, der einen wahrhaft bedeutenden Einfluss auf die chinesische Sprachwissenschaft ausübte — wurde weithin geteilt. Chinesische Gelehrte akzeptierten Karlgrens Methoden und Prinzipien im Allgemeinen, auch wenn sie spezifische Korrekturen und Modifikationen vorschlugen. Die chinesische Übersetzung der ''Études'' von 1940, erstellt von drei der eminentesten Linguisten Chinas, war selbst ein Meilenstein in der Rezeption westlicher sinologischer Methoden in China.<ref>Carine Defoort, „'Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", ''Dao'' 16, Nr. 1 (2017): 55–72.</ref> | ||
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| + | == 8. Schluss: Von der Chinoiserie zur kritischen Masse == | ||
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| + | Die Entwicklung der schwedischen Sinologie — von der Chinoiserie Drottningholms über Karlgrens phonologische Rekonstruktionen bis zu Malmqvists literarischen Übersetzungen und Lodéns philosophischen Studien — beschreibt einen Bogen, der für die europäische sinologische Entwicklung charakteristisch ist, aber mit unverkennbar skandinavischer Färbung. Die kleine Dimension des skandinavischen akademischen Lebens förderte eine Tradition gelehrter Intimität: Karlgren bildete Malmqvist aus, Malmqvist bildete Lodén und Ragvald aus, und über diese Ketten der Schülerschaft wurde eine kohärente Tradition aufrechterhalten, selbst als ihr Inhalt eine radikale Transformation erfuhr. | ||
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| + | Wie Lodén die Herausforderung formulierte, vor der die zeitgenössische skandinavische Sinologie steht: „Für mich und meine Kollegen besteht die Hauptaufgabe gegenwärtig darin, die uns von den Professoren Karlgren und Malmqvist hinterlassene Tradition bestmöglich zu nutzen und unsere Energien auf die wichtigsten intellektuellen Herausforderungen zu konzentrieren, denen wir an der Jahrhundertwende gegenüberstehen. Die Tradition aufrechtzuerhalten bedeutet nicht einfach, die von ihnen bestellten Felder weiter zu pflügen, sondern neue Forschungsthemen für heute und morgen zu finden."<ref>Zur koreanischen Druckkunst und Textüberlieferung vgl. die UNESCO-Eintragung ins Weltdokumentenerbe für das ''Jikji'' (ältester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo Tripitaka vgl. die UNESCO-Welterbe-Eintragung.</ref> | ||
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| + | Die neue Generation skandinavischer Sinologen verfolgt diesen Auftrag in einem sich erweiternden Spektrum von Feldern — von der Erforschung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen bis zur Analyse chinesischer Werbekultur, von der Phonologie der Miao-Sprachen bis zur Hermeneutik des ''Shijing''. Was diese vielfältigen Unternehmungen eint, ist die von Karlgren ererbte und von seinen Nachfolgern verfeinerte Überzeugung, dass die Erforschung Chinas dieselbe methodische Ernsthaftigkeit, dieselbe Geduld mit Primärquellen und dieselbe Bereitschaft, von chinesischen Gelehrten zu lernen, erfordert, die die besten Arbeiten der schwedischen Tradition seit ihren Anfängen kennzeichnete. | ||
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| + | == Anmerkungen == | ||
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| + | == Bibliographie == | ||
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| + | Andersson, Johan Gunnar. ''Researches into the Prehistory of the Chinese''. Stockholm: Bulletin of the Museum of Far Eastern Antiquities, 1943. | ||
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| + | Baxter, William H. ''A Handbook of Old Chinese Phonology''. Berlin: Mouton de Gruyter, 1992. | ||
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| + | Bielenstein, Hans. ''The Restoration of the Han Dynasty''. 4 Teile. Stockholm: Bulletin of the Museum of Far Eastern Antiquities, 1953–1979. | ||
| + | |||
| + | Egerod, Søren. „Bernhard Karlgren." ''Annual Newsletter of the Scandinavian Institute of Asian Studies'' 13 (1979): 3–24. | ||
| + | |||
| + | Glahn, Elsie. „A List of Works by Bernhard Karlgren." ''BMFEA'' 28 (1956). | ||
| + | |||
| + | Honey, David B. ''Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology''. New Haven: American Oriental Society, 2001. | ||
| + | |||
| + | Karlgren, Bernhard. ''Études sur la phonologie chinoise''. Leiden, 1915–1926. | ||
| + | |||
| + | —. ''Analytic Dictionary of Chinese and Sino-Japanese''. Paris, 1923. | ||
| + | |||
| + | —. „The Reconstruction of Ancient Chinese." ''T'oung Pao'' 21 (1922): 1–42. | ||
| + | |||
| + | —. ''Philology and Ancient China''. Oslo, 1926. | ||
| + | |||
| + | —. ''Grammata Serica: Script and Phonetics in Chinese and Sino-Japanese''. Stockholm: BMFEA, 1940; überarbeitet als ''Grammata Serica Recensa''. Stockholm: BMFEA, 1957. | ||
| + | |||
| + | —. ''The Book of Odes: Chinese Text, Transcription and Translation''. Stockholm: BMFEA, 1950. | ||
| + | |||
| + | —. „Compendium of Phonetics in Ancient and Archaic Chinese." ''BMFEA'' 26 (1954): 211–367. | ||
| + | |||
| + | Kennedy, George A. „A Note on Ode 220." In ''Studia Serica Bernhard Karlgren Dedicata'', hrsg. von Søren Egerod und Else Glahn, 190–98. Kopenhagen: Ejnar Munksgaard, 1959. | ||
| + | |||
| + | Malmqvist, Göran. „On the History of Swedish Sinology." In ''Europe Studies China'', hrsg. von Ming Wilson und John Cayley, 167–74. London: Han-Shan Tang Books, 1995. | ||
| + | |||
| + | —. ''Han Phonology and Textual Criticism''. Canberra, 1963. | ||
| + | |||
| + | Pulleyblank, E.G. ''Middle Chinese: A Study in Historical Phonology''. Vancouver: University of British Columbia Press, 1984. | ||
| + | |||
| + | —. „European Studies on Chinese Phonology: The First Phase." In ''Europe Studies China'', hrsg. von Ming Wilson und John Cayley, 339–67. London: Han-Shan Tang Books, 1995. | ||
| + | |||
| + | Sirén, Osvald. ''A History of Early Chinese Art''. 4 Bde. London, 1930. | ||
| + | |||
| + | Zhang Xiping 张西平. ''Ou-Mei Hanxue de Lishi yu Xianzhuang'' 欧美汉学的历史与现状. Zhengzhou: Daxiang Chubanshe, 2005. Vorlesung 10: „Development of Swedish Sinology." | ||
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| + | == Einzelnachweise == | ||
| + | <references /> | ||
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Latest revision as of 04:39, 26 March 2026
1. Einleitung: Eine sinologische Tradition im hohen Norden
Die Geschichte der Sinologie in den skandinavischen Ländern — Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland — ist in ihrer modernen Gestalt im Wesentlichen die Geschichte des überragenden Einflusses eines einzigen Mannes und der von ihm begründeten Schule. Bernhard Karlgren (1889–1978), der die Methoden der europäischen vergleichenden Sprachwissenschaft auf die Rekonstruktion der altchinesischen Aussprache anwandte, revolutionierte die Erforschung der chinesischen historischen Phonologie und rückte damit Schweden für den größten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts in das Zentrum der internationalen sinologischen Forschung. Wie E.G. Pulleyblank bemerkte, lässt sich das Feld der chinesischen historischen Phonologie in zwei Perioden einteilen: „BK (before Karlgren) und AK (after Karlgren)."[1]
Doch Karlgren entstand nicht aus dem Nichts. Schwedens Beschäftigung mit China reicht bis ins siebzehnte Jahrhundert zurück, verwurzelt in kommerziellen, wissenschaftlichen und intellektuellen Interessen, die der Entstehung der akademischen Sinologie um zweihundert Jahre vorausgingen. Die Schwedische Ostindien-Kompanie, die botanischen Expeditionen der Schüler von Linnaeus, die Chinoiserie, die den königlichen Hof schmückte, und die Missionarsunternehmen des neunzehnten Jahrhunderts — all dies bereitete den kulturellen Boden, auf dem Karlgrens Leistung erwuchs.
Die Geschichte der schwedischen und skandinavischen Sinologie lässt sich in drei breite Phasen unterteilen: eine Formationsperiode vom siebzehnten Jahrhundert bis zum Ende des neunzehnten, geprägt von Reiseberichten, wissenschaftlichen Expeditionen und Missionsgelehrsamkeit; eine Phase der professionellen Entwicklung vom frühen zwanzigsten Jahrhundert bis in die 1960er Jahre, dominiert von Karlgren und seinen Schülern und gekennzeichnet durch bahnbrechende Arbeiten in Sprachwissenschaft, Archäologie und Kunstgeschichte; und eine moderne Phase ab Mitte der 1960er Jahre, in der sich der Fokus unter der Führung von Göran Malmqvist und seinen Nachfolgern vom klassischen zum zeitgenössischen China verlagerte.[2]
2. Frühes schwedisches Interesse an China (siebzehntes bis neunzehntes Jahrhundert)
2.1 Die ersten schwedischen Begegnungen
Die früheste dokumentierte Begegnung zwischen Schweden und China fand 1654 statt, als Nils Matson Kiöping, ein schwedischer Reisender, einen niederländischen Kaufmannsdiplomaten auf einer Fahrt zur chinesischen Küste begleitete. Sein 1667 veröffentlichter Reisebericht schilderte China in den für die Epoche typischen Begriffen als ein Land „kluger und glücklicher Menschen". Dem folgten mehrere Doktordissertationen zu chinesischen Themen an Schwedens ältester Universität, Uppsala: Jonas Rocknerus' Murus Sinensis brevi dissertatione adumbratus (Eine kurze Dissertation über die Große Mauer, 1694) — die erste schwedische akademische Arbeit zu einem chinesischen Thema —, Erik Rolans De magno Sinarum imperio (Über das große chinesische Reich, 1697) und Olav Celsius' Exercitium academicum Confucium Sinarum Philosophum leviter adumbrans (Eine akademische Übung, die Konfuzius, den Philosophen der Chinesen, leicht skizziert, 1710).[3]
Diese drei Dissertationen, zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Autoren verfasst, offenbaren die fortschreitende Vertiefung der europäischen Sinophilie in Schweden: Die erste beschrieb ein physisches Bauwerk, die zweite feierte China als die Verwirklichung von Platons Traum eines philosophenregierten Staates, und die dritte untersuchte das konfuzianische Denken als ein philosophisches und quasi-religiöses System, das der schwedischen Gesellschaft von Nutzen sein könnte. Sie spiegelten das „Chinafieber" wider, das das europäische Geistesleben in dieser Periode erfasste.
2.2 Die Schwedische Ostindien-Kompanie und der botanische Austausch
1731 gründete Schweden seine eigene Ostindien-Kompanie (Svenska Ostindiska Compagniet). Zwischen 1732 und 1806 unternahmen die Schiffe der Kompanie mindestens 130 Fahrten zwischen Göteborg und Guangzhou und schufen damit eine direkte Handelsverbindung zwischen Schweden und China, die drei Viertel eines Jahrhunderts währte. Mehrere Naturwissenschaftler, vor allem Schüler des großen Botanikers Carl von Linné, reisten auf diesen Schiffen und veröffentlichten Berichte über ihre chinesischen Erfahrungen.
Der bedeutendste war Pehr Osbeck, dessen Dagbok öfver en Ostindisk Resa åren 1750, 1751, 1752 (Tagebuch einer ostindischen Reise, 1757) ein umfangreiches Werk war, das ausführliche Informationen über die chinesische Naturgeschichte und Kultur enthielt — praktisch eine botanische Enzyklopädie Chinas. Im selben Jahr veröffentlichte Linnés Freund Kapitän Carl Gustaf Ekeberg den Kort Berättelse om den Chinesiska Landt-Hushållningen (Kurzer Bericht über die chinesische Landwirtschaft), einen Bericht über chinesische Anbaumethoden, der sich nahtlos in die damals in Frankreich modischen physiokratischen Wirtschaftstheorien einfügte. Diese Veröffentlichungen trugen viel dazu bei, die schwedische Wahrnehmung Chinas in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts zu formen.[4]
2.3 Sinophilie und der schwedische Hof
Der spektakulärste Ausdruck schwedischer Sinophilie war der Bau des Kina Slott (Chinesischer Pavillon) in Drottningholm im Jahr 1753 — ein Palast im chinesischen Stil, der als Geburtstagsgeschenk von König Adolf Fredrik an seine Gemahlin Lovisa Ulrika errichtet wurde. Der Pavillon, der noch heute auf dem Gelände des Königsschlosses steht, beherbergte eine beachtliche Sammlung chinesischer Porzellan- und Kunstgegenstände.
Königin Lovisa Ulrika war selbst eine bedeutende Förderin der chinesischen Studien. Sie trug eine Sammlung chinesischer Bücher zusammen, die der junge August Strindberg später während seiner Anstellung an der Königlichen Bibliothek in Stockholm katalogisierte, wobei er ein Jahr lang Chinesisch studierte, um eine neunundvierzig Titel umfassende Bibliographie und eine Broschüre über die chinesische und japanische Sprache mit dem Titel Kina och Japan zu erstellen.[5]
Der einflussreichste schwedische Sinophile war Carl Fredrik Scheffer, der von 1743 bis 1752 als schwedischer Botschafter in Frankreich diente und enge Verbindungen zu französischen physiokratischen Denkern unterhielt. Scheffer schrieb ausgiebig zur Förderung physiokratischer Ideen und argumentierte, dass die Landwirtschaft die Grundlage der Wirtschaft sein solle und dass China ein Modell aufgeklärter Regierungsführung biete, das der europäischen Nachahmung würdig sei. In einer Rede vor der Schwedischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1772, gehalten in Anwesenheit König Gustavs III., lobte Scheffer das chinesische Regierungssystem und stellte China als Vorbild für europäische Staaten dar.[6]
2.4 Missionare und der Übergang zur Wissenschaft
Dem Abklingen der aufklärerischen Sinophilie im späten achtzehnten Jahrhundert folgte eine neue Phase der schwedischen Beschäftigung mit China, angeführt von protestantischen Missionaren. Theodore Hamberg kam 1847 als Vertreter der Basler Mission in Hongkong an. Er lernte Chinesisch, entwickelte ein tiefes Verständnis der chinesischen Gesellschaft und freundete sich mit Hong Rengan an, einem Cousin des Anführers des Taiping-Aufstands Hong Xiuquan. Aus Hong Rengans Berichten verfasste Hamberg The Chinese Rebel Chief Hung-Siu-Tshuen and the Origin of the Kwangsi Insurrection (London, 1855), motiviert von seinem Wunsch, „Sympathie für das chinesische Volk" zu wecken. Dieses Werk bleibt eine wertvolle Quelle in der Frühgeschichte der schwedischen Chinastudien.[7]
Ein weiterer Missionar, Erik Folke, der von 1887 bis 1920 in China diente, übersetzte den Zhuangzi (1924) und den Laozi (1927) ins Schwedische und veröffentlichte eine Studie über das frühe chinesische Denken, Tankare i det gamla Kina (Denker des alten China, 1922). Zwei ehemalige Missionare schlossen ebenfalls Doktordissertationen ab, die auf ihren China-Erfahrungen beruhten: Kjetty Karlgrens Studies in Sung Time Colloquial Chinese as Revealed in Chu Hi's Ts'uanshu (1958) und Gunnar Sjöholms Readings in Mo Ti (1982).[8]
Die Missionare sprachen, anders als die Kaufleute und Reisenden, die ihnen vorausgingen, im Allgemeinen ausgezeichnetes Chinesisch und hatten umfangreichen Kontakt mit gewöhnlichen Chinesen. Ihr Wissen über die chinesische Sprache und Gesellschaft, obwohl im Dienste der Evangelisation erworben, stellte einen genuinen Wissensbestand dar, der zur Vermittlung chinesischer Kultur nach Schweden beitrug.
2.5 Anders Ljungstedt und die frühe historische Forschung
In den 1830er Jahren verfasste der schwedische Historiker Anders Ljungstedt in Macau die erste westliche Geschichte der portugiesischen Niederlassung: A Historical Sketch of the Portuguese Settlements in China; and of the Roman Catholic Church and Mission in China (Macau, 1832–1834; überarbeitete Ausgabe, Boston, 1836). Ljungstedt hatte über zwanzig Jahre in Macau gelebt und stützte sich auf umfangreiche Primärquellen. Sein Werk formulierte klar die These, dass „Macau chinesisches Territorium ist", und versorgte nachfolgende Generationen von Gelehrten mit wertvoller Originaldokumentation. Es blieb über mehr als ein Jahrhundert ein Standardwerk der Macau-Forschung.[9]
Die erste schwedische Übersetzung chinesischer Lyrik, Kinesiska dikter på svensk vars (Chinesische Gedichte in schwedischen Versen, 1894), wurde von Hans Emil Larsson angefertigt — der kein Chinesisch las, sondern aus deutschen und französischen Fassungen übersetzte. Der Band enthielt Gedichte aus dem Shijing sowie Werke von Li Bai, Du Fu und Su Shi und bezeugte das schwedische literarische Interesse an chinesischer Dichtung noch vor der Etablierung einer professionellen Sinologie.[10]
3. Bernhard Karlgren und die Geburt der professionellen schwedischen Sinologie
3.1 Leben und Bildungsweg
Bernhard Karlgren wurde am 5. Oktober 1889 in Jönköping in Südschweden geboren. Er wuchs in Småland auf und zeigte schon früh eine Faszination für Dialektologie; noch als Student veröffentlichte er 1908 und 1909 zwei Artikel über lokale Dialekte. Er schrieb sich 1907 an der Universität Uppsala ein und studierte zunächst Russisch bei Professor Lundell, einem Slawisten, der ein System phonetischer Notation zur Aufzeichnung von Dialekten entwickelt hatte.[11]
Es war die intellektuelle Aufbruchstimmung um die historische Phonologie im frühen zwanzigsten Jahrhundert in Skandinavien, die Karlgrens Karriere formte. Unter dem Einfluss Lundells und der breiteren Tradition der europäischen vergleichenden Sprachwissenschaft war die historische Phonologie zu einer „sehr fortgeschrittenen Disziplin" geworden, die brillante junge Gelehrte anzog. Noch als Student kam Karlgren auf die Idee, die für die Erforschung europäischer Sprachen und Dialekte entwickelten Methoden auf das Chinesische anzuwenden — eine Sprache, für die es an schwedischen Universitäten noch keinen Unterricht gab.[12]
Nach seinem Bachelor-Abschluss 1909 ging Karlgren nach St. Petersburg, um bei Professor Iwanow die Grundlagen des Chinesischen zu studieren und dabei Chinesisch-Studien mit vergleichender Sprachwissenschaft zu verbinden. Anschließend erhielt er Mittel für eine Reise nach China zur Dialektforschung. Er brach im März 1910 nach China auf und kehrte im Januar 1912 nach Europa zurück. In einer erstaunlichen Leistung linguistischer Feldforschung erlangte Karlgren in weniger als zwei Jahren eine ausreichende Beherrschung des Chinesischen, um phonologische Erhebungen in vierundzwanzig verschiedenen Dialekten durchzuführen — eine Leistung, die noch heute Bewunderung hervorruft.
Bei seiner Rückkehr nach Europa verbrachte Karlgren einige Monate in London, bevor er nach Paris weiterzog, wo er zwei Jahre lang (September 1912 bis April 1914) bei dem großen Édouard Chavannes am Collège de France studierte. In Paris begegnete er auch Paul Pelliot und Henri Maspero — Begegnungen, die sich als schicksalhaft für die Entwicklung der chinesischen historischen Phonologie erweisen sollten.
3.2 Die Études sur la phonologie chinoise
Im Mai 1915 wurde Karlgren in Uppsala mit einer auf Französisch verfassten Dissertation promoviert: dem ersten Teil seiner monumentalen Études sur la phonologie chinoise (Studien zur chinesischen Phonologie). Das Werk erhielt den Prix Julien 1916 von der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres in Paris.[13]
Die Études stellten die systematische Anwendung der europäischen historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft auf die chinesische Sprache dar. Unter Verwendung der für die Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen entwickelten Methoden rekonstruierte Karlgren das phonologische System des Mittelchinesischen (die Sprache des Reimwörterbuchs Qieyun, zusammengestellt 601 n. Chr.) durch eine vergleichende Analyse moderner chinesischer Dialekte und der traditionellen chinesischen Forschung zur historischen Phonologie, insbesondere der Arbeiten der großen Philologen der Qing-Dynastie. Wie David Honey zusammenfasste:
Bernhard Karlgren war der erste westliche Sinologe, der die Erforschung der chinesischen historischen Phonologie durch die Methoden der in Europa gängigen historischen Sprachwissenschaft systematisierte. „Bernhard Karlgren [war] der Pionier der modernen wissenschaftlichen Erforschung der chinesischen historischen Phonologie", stellt Pulleyblank fest. „Er brachte eine Strenge in das Fach, die bei seinen Vorgängern nicht zu finden war und die bei seinen Möchtegern-Nachfolgern allzu oft gefehlt hat."[14]
Karlgren unterteilte die Geschichte der chinesischen Phonologie in zwei Stufen: „Ancient Chinese" (heute gewöhnlich Altchinesisch genannt), die Sprache der Shijing-Reime, und „Archaic Chinese" (heute Mittelchinesisch genannt), die im Qieyun und den Reimtafeln der Song-Zeit repräsentierte Sprache. Etwa zehn weitere Jahre widmete er der Erweiterung und Überarbeitung seiner Dissertation und schloss die vollständigen Études 1926 ab. Dieses Werk wurde 1940 von Chinas führenden Linguisten — Zhao Yuanren, Li Fanggui und Luo Changpei — ins Chinesische übersetzt, eine Zusammenarbeit, die von der hohen Wertschätzung zeugte, die chinesische Gelehrte Karlgrens Beitrag entgegenbrachten. Wang Li, einer der bedeutendsten chinesischen Sprachwissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts, bewertete Karlgrens Wirkung: „Unter den westlichen Sinologen hat es viele gegeben, aber diejenigen, die einen Einfluss auf die chinesische Sprachwissenschaft ausgeübt haben, sind wenige. Der Einzige, dessen Einfluss wahrhaft groß war, ist Karlgren"; „Die chinesische historische Phonologie ist von Karlgren stärker beeinflusst worden als von irgendeinem anderen."[15]
3.3 Die Methode erklärt
Karlgrens Ansatz verdient eine kurze Erläuterung, da er einen genuinen methodischen Durchbruch darstellte. Sein Verfahren war im Kern eine Adaption der vergleichenden Methode, die europäische Sprachwissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts zur Rekonstruktion des Proto-Indoeuropäischen verwendet hatten. So wie vergleichende Linguisten die Vorformen indoeuropäischer Wörter durch den Vergleich verwandter Formen im Sanskrit, Griechischen, Lateinischen, Germanischen und anderen Tochtersprachen rekonstruierten, rekonstruierte Karlgren frühere Stufen der chinesischen Aussprache, indem er verglich, wie dieselben Schriftzeichen in verschiedenen modernen chinesischen Dialekten ausgesprochen wurden.
Die entscheidende Erkenntnis war, dass das Reimwörterbuch Qieyun von 601 n. Chr. Informationen über das phonologische System einer früheren Stufe des Chinesischen bewahrte und dass dieses System rekonstruiert werden konnte, indem man die Belege der Qieyun-Kategorien mit den Zeugnissen moderner dialektaler Aussprachen verband. Karlgren bereiste China und zeichnete die Aussprache von Schriftzeichen in vierundzwanzig verschiedenen Dialektgebieten auf, um dann diese modernen Formen systematisch untereinander und mit den Kategorien des Qieyun zu vergleichen. Das Ergebnis war eine Rekonstruktion des Lautsystems des Mittelchinesischen — der Sprache, wie sie um das sechste und siebte Jahrhundert n. Chr. gesprochen wurde.
Für das Altchinesische — die Sprache des Shijing und der ältesten klassischen Texte — stützte sich Karlgren hauptsächlich auf die im Shijing selbst bewahrten Reimmuster, kombiniert mit dem in der Struktur der chinesischen Schriftzeichen inhärenten Beweismaterial der „phonetischen Serien" (bei denen Schriftzeichen mit derselben phonetischen Komponente ursprünglich ähnlich ausgesprochen wurden). Diese zweite Rekonstruktion war spekulativer, aber nicht weniger einflussreich.
Die Bedeutung von Karlgrens Werk reichte weit über die Sprachwissenschaft hinaus. Wie Honey betonte, ist die historische Phonologie nicht bloß eine technische Übung, sondern ein grundlegendes Werkzeug der philologischen Analyse. Die Kenntnis, wie Schriftzeichen in verschiedenen Perioden ausgesprochen wurden, ermöglicht es Gelehrten, Lehnzeichen zu identifizieren (bei denen ein Zeichen „entlehnt" wird, um ein homophones, aber semantisch unverwandtes Wort darzustellen), die Entwicklung von Wortbedeutungen nachzuverfolgen und textliche Schwierigkeiten zu lösen, die andernfalls undurchdringlich sind. Wie der Qing-Philologe Wang Yinzhi feststellte: „Wenn der Studierende die Bedeutung über den Klang suchen und hinter der Lehnform das angemessene Zeichen erkennen kann, dann lösen sich Schwierigkeiten von selbst."[16]
3.4 Gelehrtenstreit mit Maspero
Karlgrens Rekonstruktionen blieben nicht unangefochten. Henri Maspero, der unabhängig auf dem Gebiet der chinesischen historischen Phonologie gearbeitet und einige von Karlgrens Methoden vorweggenommen hatte, antwortete 1920 auf die Études mit seiner eigenen detaillierten Studie des Qieyun-Systems, „Le Dialecte de Tch'ang-an sous les T'ang." Karlgren seinerseits übernahm einige von Masperos Vorschlägen und widerlegte andere in „The Reconstruction of Ancient Chinese" (1922). Wie Karlgren einräumte: „Mein rekonstruktives System von 1919 (Phonologie chinoise, III) hält somit stand mit Ausnahme dreier wichtiger Punkte, an denen Maspero wertvolle Verbesserungen eingeführt oder zumindest den Weg dazu gewiesen hat."[17]
Dieser produktive Austausch zwischen Karlgren in Stockholm und Maspero in Paris war ein Musterbeispiel für den Internationalismus der sinologischen Forschung in ihrer besten Form. Die beiden Gelehrten, die von verschiedenen nationalen Traditionen und methodischen Ausgangspunkten her arbeiteten, verfeinerten gegenseitig ihre Ergebnisse in einem anhaltenden kritischen Dialog. Karlgrens Rekonstruktion des Mittelchinesischen „beherrschte das Feld über viele Jahre", bis E.G. Pulleyblank einen grundlegend neuen Ansatz vorschlug, und seine altchinesische Rekonstruktion wurde schließlich durch William H. Baxters Handbook of Old Chinese Phonology (1992) abgelöst.[18] Doch selbst Karlgrens überholte Systeme bleiben grundlegend: Alle nachfolgende Arbeit auf diesem Gebiet war auf die eine oder andere Weise eine Antwort auf die von ihm gestellten Fragen und die von ihm etablierten Methoden.
3.4 Die Grammata Serica und andere Hauptwerke
Über die Études hinaus waren Karlgrens wichtigste Werke seine Wörterbücher und Nachschlagewerke, die die chinesische historische Phonologie für arbeitende Sinologen zugänglich machten. Peter Boodberg nannte sie „ragende Monumente der Gelehrsamkeit." George A. Kennedy beschrieb ihre Bedeutung:
Die Veröffentlichung des Analytic Dictionary of Chinese durch Professor Bernhard Karlgren im Jahre 1923 war ein Ereignis von erstrangiger Bedeutung, weil es den Sinologen, die zu beschäftigt waren, um sich mit chinesischen Kompendien wie dem Guangyun auseinanderzusetzen, einen schnellen und leichten Leitfaden zur Lesung geschriebener Zeichen in einer bestimmten Periode in die Hand gab. Die Veröffentlichung der Grammata Serica im Jahre 1940 erweiterte das Wissensfeld.[19]
Die Grammata Serica — Script and Phonetics in Chinese and Sino-Japanese (1940), überarbeitet als Grammata Serica Recensa (1957), ordnete rund sechstausend chinesische Schriftzeichen nach ihren phonetischen Komponenten und gab für jedes rekonstruierte mittel- und altchinesische Aussprachen an. Sein Compendium of Phonetics in Ancient and Archaic Chinese (1954) fasste seine Methoden, Materialien und Ergebnisse zusammen. Diese Nachschlagewerke wurden zu unverzichtbaren Werkzeugen für eine ganze Generation von Sinologen weltweit.
3.5 Klassische Philologie und Bronzestudien
Karlgrens wissenschaftliche Interessen reichten weit über die Phonologie hinaus. Er produzierte bedeutende Übersetzungen und Kommentare zu den chinesischen Klassikern, darunter The Book of Odes (Shijing) mit begleitenden Glosses (BMFEA, 1942–1946), The Book of Documents (Shujing) mit Glosses (BMFEA, 1948–1949) und Anmerkungen zum Zuozhuan (BMFEA, 1969–1970). Er untersuchte Lehnzeichen in vorhanischen Texten, erstellte ein Lexikon des klassischen Chinesisch und verfasste Anmerkungen zum Laozi und zum Zhuangzi.
Von den 1930er bis in die 1960er Jahre veröffentlichte Karlgren auch eine Reihe wichtiger Studien zu chinesischen Bronzen, darunter „Early Chinese Mirror Inscriptions" (1934), „The Dating of Chinese Bronzes" (1937) und verschiedene Studien zu den Sammlungen des Museums für Fernöstliche Altertümer in Stockholm. Darüber hinaus schrieb er populärwissenschaftliche Werke auf Schwedisch, darunter Ordet och Pennan i Mittens Rike (Wort und Feder im Reich der Mitte, 1918) und Från Kinas Tankevärld (Aus der chinesischen Gedankenwelt, 1929).[20]
3.6 Karlgrens Charakter und Einfluss
Der derzeitige Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm, Torbjörn Lodén, charakterisierte Karlgrens Persönlichkeit in Begriffen, die gleichermaßen auf sein Werk zutrafen: „Klarheit, Gründlichkeit, Zielstrebigkeit und offene Aufrichtigkeit." Sein Prosastil ließ sich in einer einzigen Wendung zusammenfassen: „knapp und präzise." Karlgrens eigener bevorzugter klassisch-chinesischer Text war das Zuozhuan, das er als „Worte wie Perlen" pries — eine Beschreibung, die, wie Lodén bemerkte, treffend Karlgrens eigene gelehrte Manier einfing. Für Karlgren bestand „die Aufgabe wissenschaftlicher Forschung darin, Fakten zu klären, die geklärt werden können, nicht sich in Spekulationen über Dinge zu stürzen, die es nicht können."[21]
3.7 Institutionelles Erbe
Im September 1918 wurde Karlgren zum Professor für Ostasiatische Sprachen und Kultur an der Universität Göteborg ernannt, wo er Chinesisch und Japanisch lehrte. Von 1931 bis 1936 war er Rektor der Universität. 1939 wechselte er nach Stockholm, um Direktor des Museums für Fernöstliche Altertümer (Östasiatiska Museet) und Professor für ostasiatische Archäologie an der Universität Stockholm zu werden. Von 1945 bis zu seiner Emeritierung 1965 bekleidete er zusätzlich die Professur für Chinesisch an der Universität Stockholm und bildete in dieser Zeit eine ganze Generation skandinavischer Sinologen aus.
Das Museum für Fernöstliche Altertümer, gegründet im Zusammenhang mit den archäologischen Arbeiten des schwedischen Geologen Johan Gunnar Andersson in China, wurde unter Karlgrens Direktorat zu einem der wichtigsten Zentren Europas für die Erforschung chinesischer Kunst und Archäologie. Seine Publikation, das Bulletin of the Museum of Far Eastern Antiquities (BMFEA), 1929 gegründet, wurde zu einer erstrangigen Plattform sinologischer Forschung, wobei Karlgren selbst von der Gründung der Zeitschrift bis in die 1970er Jahre zu nahezu jedem Band beitrug.[22]
4. Sven Hedin, Johan Gunnar Andersson und Osvald Sirén
4.1 Schwedische archäologische Beiträge
Während Karlgren die chinesische Sprachwissenschaft transformierte, leisteten andere schwedische Gelehrte ebenso bahnbrechende Beiträge in Archäologie und Kunstgeschichte.
Sven Hedin (1865–1952), der Geograph und Entdecker, führte drei große Expeditionen nach Zentralasien durch. Während seiner zweiten Expedition (1899–1902) entdeckte er die antike Stadt Loulan im Tarim-Becken, ein Fund, der internationales Aufsehen erregte. Seine dritte Expedition (1927–1935) war die ambitionierteste, mit schwedischen, deutschen und chinesischen Teilnehmern; ihre Ergebnisse wurden in sechsundfünfzig Bänden veröffentlicht. Hedins populäre Schriften über seine Asienreisen fanden eine breite Leserschaft und stimulierten das schwedische öffentliche Interesse an China und Zentralasien.[23]
Johan Gunnar Andersson (1874–1960), ein Geologe, der von 1914 bis 1924 als Berater des Chinesischen Geologischen Dienstes tätig war, machte Entdeckungen von welthistorischer Bedeutung. Er nahm an den Ausgrabungen in Zhoukoudian bei Peking teil, die letztlich zur Entdeckung des Homo erectus pekinensis („Pekingmensch") führten. 1921 entdeckte er die neolithische Fundstätte im Dorf Yangshao in der Provinz Henan, wo er große Mengen von Steinwerkzeugen und bemalter Keramik freilegte — die erste in der Kernzone der alten chinesischen Zivilisation gefundene neolithische Siedlung. Zwischen 1923 und 1924 organisierte er Expeditionen in die Provinz Gansu, bei denen etwa fünfzig prähistorische Stätten identifiziert wurden. Diese Entdeckungen widerlegten die vorherrschende Annahme, China besitze keine Steinzeit oder prähistorische Kultur. Seine große Synthese, Researches into the Prehistory of the Chinese (1943), zählt zu den wichtigsten archäologischen Werken über die chinesische Vorgeschichte, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden.[24]
Andersson brachte viele der von ihm ausgegrabenen Artefakte zur weiteren Untersuchung nach Schweden. Aufgrund einer Vereinbarung mit den chinesischen Behörden wurden einige später zurückgegeben; die in Schweden verbliebenen bildeten den Kernbestand des Museums für Fernöstliche Altertümer, dessen erster Direktor Andersson war (bis zu seiner Pensionierung 1939). Er war auch der Gründungsherausgeber des BMFEA.
Osvald Sirén (1879–1966), in Finnland geboren, aber in Stockholm ansässig, war ein Pionier der chinesischen Kunstgeschichte in Europa. Ursprünglich ein Gelehrter der schwedischen und italienischen Kunst, wandte sich Sirén während seiner Professur an der Universität Stockholm (1908–1925) und seiner Tätigkeit als Direktor der fernöstlichen Abteilung des Nationalmuseums (1926–1943) der chinesischen Kunst zu. Er unternahm zwischen 1920 und 1956 fünf Chinareisen, bei denen er Tempel, Paläste, Gärten, Städte und Landschaften photographierte — ein photographisches Archiv von außerordentlichem historischem Wert, das heute im Museum für Fernöstliche Altertümer aufbewahrt wird. Zu seinen wichtigsten Veröffentlichungen gehörten die vierbändige A History of Early Chinese Art (1930), die zweibändige Kinas konst under tre årtusenden (Dreitausend Jahre chinesische Kunst, 1942–1943) sowie Studien über chinesische Gärten, die Mauern und Tore Pekings, chinesische Skulptur und chinesische Malerei. Wie Malmqvist später schrieb: „Siréns zahlreiche Werke über chinesische Architektur, Skulptur und Malerei sind seit langem allgemein bekannt und bedürfen keines weiteren Kommentars. Einige seiner Urteile mögen durch spätere Forschung überholt worden sein. Doch gerade wegen Siréns Werk wandte sich das westliche wissenschaftliche Interesse der chinesischen Skulptur und Malerei zu."[25]
5. Göran Malmqvist und die moderne Transformation
5.1 Vom Klassischen zum Zeitgenössischen
1965 trat Göran Malmqvist (1924–2019) die Nachfolge Karlgrens als Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm an, mit der bedeutsamen Modifikation, dass sein Titel „Chinesisch, insbesondere modernes Chinesisch" spezifizierte. Gleichzeitig gründete Malmqvist die Abteilung für Chinesisch an der Universität Stockholm und wurde ihr erster Vorstand.
Malmqvist war eine Übergangsfigur, die die Transformation der schwedischen Sinologie von einer auf die Antike konzentrierten Disziplin zu einer verkörperte, die sich mit der Moderne befasste. Wie ein Kommentator beobachtete: „Vergleicht man die beiden Giganten der schwedischen Chinastudien, Karlgren und Malmqvist, so erkennt man eine Transformation von einer Sinologie, die sich auf die Lösung intellektueller Rätsel konzentrierte, zu einer, die primär als Medium interkulturellen Verstehens fungiert."[26]
5.2 Von der Dialektologie zur literarischen Übersetzung
Von Karlgren ausgebildet, erhielt Malmqvist eine strenge Schulung in klassischer chinesischer Phonologie und Textkritik. Seine frühe Karriere folgte dem Weg seines Lehrers: Er führte dialektologische Feldforschung in Sichuan durch (1948–1950), erstellte Studien zur südwestlichen Mandarin-Phonologie und unternahm akribische Textanalysen der Kommentare Gongyang Zhuan und Guliang Zhuan zu den Frühlings- und Herbstannalen sowie zu Dong Zhongshus Chunqiu Fanlu.
Malmqvists intellektuelle Wende kam in den 1970er Jahren, als er sich zunehmend der Übersetzung chinesischer Literatur ins Schwedische widmete. Seine Übersetzungen umfassten ein außerordentliches Spektrum: klassische Romane (Shuihu Zhuan in vier Bänden; Xiyou Ji), Tang-Dichtung, die Gedichte Mao Zedongs (achtunddreißig Gedichte) und Werke moderner und zeitgenössischer Autoren wie Shen Congwen, Bei Dao, Gao Xingjian und Li Rui. Er organisierte und redigierte zudem das vierbändige Handbook of Chinese Literature 1900–1949, das Romane, Kurzprosa, Lyrik, Essays und Drama des zwanzigsten Jahrhunderts behandelt.
Malmqvist verband „scharfe analytische Fähigkeit mit ästhetischer Sensibilität", eine Eigenschaft, die ihn „besonders geeignet für wissenschaftliche Forschung und interkulturelle Vermittlung" machte.[27] Sein Ansatz bei der literarischen Übersetzung war anspruchsvoll: „Übersetzung spielt eine sehr wichtige Vermittlerrolle. Ein guter Übersetzer muss neben einer starken Sensibilität für literarische Sprache und scharfem Ausdrucksvermögen den Autor wahrhaft lieben und mit seinen Werken atmen, um den Geist des Originals genau wiederzugeben."[28]
5.3 Die Nobel-Verbindung
1985 wurde Malmqvist in die Schwedische Akademie gewählt — das Gremium, das für die Vergabe des Nobelpreises für Literatur zuständig ist — und damit das erste und über viele Jahre einzige Mitglied mit Expertise in chinesischer Literatur. Diese Berufung verschaffte der Schwedischen Akademie einen beispiellosen Zugang zur chinesischen literarischen Kultur. Malmqvist nutzte seine Position, um die chinesische Literatur in internationalen Kreisen zu fördern, ermöglichte Besuche chinesischer Schriftsteller in Skandinavien und übersetzte ihre Werke. Der Nobelpreis, der im Jahr 2000 dem chinesisch-französischen Romancier Gao Xingjian verliehen wurde, dessen Werke Malmqvist ins Schwedische übersetzt hatte, wurde weithin als Ausdruck von Malmqvists langjährigem Eintreten für die chinesische Literatur auf der Weltbühne gesehen.
Eine von Karlgrens folgenreichsten Leistungen war die Ausbildung von Schülern, die in ganz Skandinavien Programme für Chinastudien etablierten. Zur ersten Generation seiner Schüler gehörten Else Glahn, die eine Bibliographie von Karlgrens Werken zusammenstellte; Søren Egerod, der Professor für Chinesisch an der Universität Kopenhagen wurde und die maßgebliche biographische Darstellung Karlgrens verfasste; und Hans Bielenstein, der erste von Karlgrens Schülern, der mit einer Dissertation über The Restoration of the Han Dynasty (1953) einen Doktortitel in Sinologie erhielt. Bielenstein erweiterte seine Forschung anschließend zu einer umfassenden mehrbändigen Studie der Geschichte der Östlichen Han und wurde damit der erste westliche Gelehrte, der eine gründliche Analyse der Gesellschaft der Östlichen Han-Dynastie vorlegte. Später wurde er Professor für chinesische Geschichte an der Columbia University.[29]
Drei von Karlgrens Schülern spielten besonders entscheidende Rollen bei der Etablierung der skandinavischen Sinologie als regionales Unternehmen: Egerod in Kopenhagen (Dänemark), Henry Henne in Oslo (Norwegen) und Malmqvist in Stockholm (Schweden). Durch diese drei Berufungen strahlte Karlgrens Einfluss über die gesamte nordische Region aus.
6.2 Stockholm nach Malmqvist
Als Malmqvist 1990 emeritierte, folgte ihm Torbjörn Lodén als Professor für Chinesisch an der Universität Stockholm nach. Lodén, der bei Malmqvist studiert hatte, veröffentlichte seine Doktorarbeit über The Chinese Proletarian Revolutionary Literature Debate, 1928–1929 (1980), bevor er sich der Erforschung der modernen chinesischen Geistesgeschichte zuwandte, insbesondere der Philosophie Dai Zhens. Er übersetzte Dai Zhens Mengzi Ziyi Shuzheng (Evidenzkritischer Kommentar zu den Begriffsbedeutungen im Mengzi) ins Englische und veröffentlichte Studien über die sozialen Funktionen des Konfuzianismus und den Begriff qing (Emotion) in Dai Zhens Denken.
Unter Lodéns Leitung verfolgte die Stockholmer Abteilung für Chinesisch bewusst einen Ansatz der „kritischen Masse" in der Forschung, indem Doktoranden um fokussierte Themen konzentriert wurden, statt die Zersplitterung zuzulassen, die frühere Perioden gekennzeichnet hatte. Die Forschungsthemen in den 1990er und 2000er Jahren erweiterten sich um zeitgenössische chinesische Wirtschaftszonen (wie Björn Kjellgrens Doktorarbeit über Shenzhen, 2002), Arbeitsmärkte, Frauenfragen, Philosophie und literarische Linguistik.[30]
6.3 Lund und die Entwicklung der modernen chinesischen Sprachwissenschaft
Die Universität Lund, Schwedens zweites Hauptzentrum für Chinastudien, richtete 1989 einen Lehrstuhl für Sinologie unter Lars Ragvald (Luo Si) ein, einem weiteren Schüler Malmqvists. Ragvalds Doktordissertation war eine Studie über den Literaturkritiker und Politiker Yao Wenyuan mit dem Titel Yao Wen-yuan as a Literary Critic and Theorist: The Emergence of Chinese Zhdanovism (1978). Obwohl seine anfängliche Forschung auf zeitgenössische chinesische Literatur und Politik ausgerichtet war, wandte sich Ragvald in der Folge der Erforschung der modernen chinesischen Sprachwissenschaft zu. Unter seiner Leitung entstand in Lund das erste chinesisch-schwedische Wörterbuch (Hanyu-Ruidiandian), veröffentlicht im Jahr 2000 — ein Meilenstein der schwedischen sinologischen Lexikographie.[31]
Über Schweden hinaus entwickelten sich Chinastudien an mehreren anderen skandinavischen Universitäten. Neben Kopenhagen (Egerod) und Oslo (Henne) wurden an den Universitäten Göteborg und Uppsala Kurse in Chinesisch eingerichtet. Die Universität Stockholm gründete 1984 auch ein Zentrum für pazifische Asienstudien (CPAS), das die Ausweitung der Chinastudien über die traditionelle geisteswissenschaftliche Sinologie hinaus in die Sozialwissenschaften widerspiegelte.
Das breitere institutionelle Muster spiegelte einen in der europäischen Sinologie allgemein zu beobachtenden Wandel wider: die allmähliche Verschiebung vom Studium der klassischen chinesischen Zivilisation anhand schriftlicher Texte hin zur Beschäftigung mit dem modernen und zeitgenössischen China durch sozialwissenschaftliche Methoden. Dieser Wandel, den Malmqvist sowohl verkörperte als auch beförderte, verdrängte die klassische Tradition nicht vollständig — Lodéns Arbeiten über Dai Zhen und die vorqinzeitliche Philosophie demonstrierten die anhaltende Vitalität textbasierter Forschung —, veränderte aber grundlegend den Schwerpunkt der skandinavischen Chinastudien.
7. Der schwedische Beitrag in internationaler Perspektive
7.1 Besondere Merkmale
Mehrere Merkmale zeichnen die schwedische und die breitere skandinavische sinologische Tradition aus:
Sprachliche Strenge. Karlgrens Anwendung der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft auf das Chinesische setzte einen Standard methodischer Präzision, den nachfolgende skandinavische Sinologen aufrechterhielten. Selbst Gelehrte, die sich von der phonologischen Forschung abwandten, wie Malmqvist und Lodén, brachten in ihre Arbeit die disziplinierte Aufmerksamkeit für Sprache und Text mit, die die Karlgren-Schule kennzeichnete.
Institutionelle Konzentration. Anders als die verstreute institutionelle Landschaft der amerikanischen oder selbst der deutschen Sinologie konzentrierten sich die skandinavischen Chinastudien auf eine kleine Zahl von Zentren, was Gelehrtengemeinschaften schuf, die klein genug waren für intensiven intellektuellen Austausch, aber groß genug, um Promotionsprogramme und Publikationsreihen zu unterhalten.
Der Übergang vom Klassischen zum Modernen. Die Verschiebung von Karlgrens ausschließlichem Fokus auf das alte China zu Malmqvists Engagement für die moderne chinesische Literatur und Gesellschaft wurde innerhalb einer einzigen Generation und innerhalb einer einzigen institutionellen Abstammungslinie vollzogen — ein bemerkenswert reibungsloser Übergang, der viel den persönlichen Qualitäten und der intellektuellen Weite beider Männer verdankte.
Kulturelle Vermittlung. Seit den 1970er Jahren zeichnete sich die schwedische Sinologie durch ein ungewöhnliches Engagement für literarische Übersetzung und kulturellen Austausch aus. Malmqvists jahrzehntelanges Projekt der Übersetzung chinesischer Literatur ins Schwedische, seine Rolle in der Schwedischen Akademie und seine persönlichen Freundschaften mit chinesischen Schriftstellern machten ihn zu einer Gestalt von genuiner kultureller Bedeutung in den chinesisch-europäischen Beziehungen.
7.2 Karlgrens globales Vermächtnis
Karlgrens Einfluss reichte weit über Skandinavien hinaus. Seine Rekonstruktionen der mittel- und altchinesischen Aussprache, obwohl heute im Detail überholt, etablierten den konzeptuellen Rahmen, innerhalb dessen alle nachfolgende Arbeit in der chinesischen historischen Phonologie betrieben wurde. Seine Nachschlagewerke — das Analytic Dictionary, die Grammata Serica, das Compendium — blieben über Jahrzehnte Standardwerkzeuge des Fachs. Sein Beharren auf philologischer Strenge und empirischer Evidenz als Grundlagen sinologischer Forschung setzte einen Standard, der nationale Grenzen transzendierte.
In China selbst war Karlgrens Einfluss tiefgreifend. Wang Lis Einschätzung — dass Karlgren der einzige westliche Sinologe war, der einen wahrhaft bedeutenden Einfluss auf die chinesische Sprachwissenschaft ausübte — wurde weithin geteilt. Chinesische Gelehrte akzeptierten Karlgrens Methoden und Prinzipien im Allgemeinen, auch wenn sie spezifische Korrekturen und Modifikationen vorschlugen. Die chinesische Übersetzung der Études von 1940, erstellt von drei der eminentesten Linguisten Chinas, war selbst ein Meilenstein in der Rezeption westlicher sinologischer Methoden in China.[32]
8. Schluss: Von der Chinoiserie zur kritischen Masse
Die Entwicklung der schwedischen Sinologie — von der Chinoiserie Drottningholms über Karlgrens phonologische Rekonstruktionen bis zu Malmqvists literarischen Übersetzungen und Lodéns philosophischen Studien — beschreibt einen Bogen, der für die europäische sinologische Entwicklung charakteristisch ist, aber mit unverkennbar skandinavischer Färbung. Die kleine Dimension des skandinavischen akademischen Lebens förderte eine Tradition gelehrter Intimität: Karlgren bildete Malmqvist aus, Malmqvist bildete Lodén und Ragvald aus, und über diese Ketten der Schülerschaft wurde eine kohärente Tradition aufrechterhalten, selbst als ihr Inhalt eine radikale Transformation erfuhr.
Wie Lodén die Herausforderung formulierte, vor der die zeitgenössische skandinavische Sinologie steht: „Für mich und meine Kollegen besteht die Hauptaufgabe gegenwärtig darin, die uns von den Professoren Karlgren und Malmqvist hinterlassene Tradition bestmöglich zu nutzen und unsere Energien auf die wichtigsten intellektuellen Herausforderungen zu konzentrieren, denen wir an der Jahrhundertwende gegenüberstehen. Die Tradition aufrechtzuerhalten bedeutet nicht einfach, die von ihnen bestellten Felder weiter zu pflügen, sondern neue Forschungsthemen für heute und morgen zu finden."[33]
Die neue Generation skandinavischer Sinologen verfolgt diesen Auftrag in einem sich erweiternden Spektrum von Feldern — von der Erforschung der Sonderwirtschaftszone Shenzhen bis zur Analyse chinesischer Werbekultur, von der Phonologie der Miao-Sprachen bis zur Hermeneutik des Shijing. Was diese vielfältigen Unternehmungen eint, ist die von Karlgren ererbte und von seinen Nachfolgern verfeinerte Überzeugung, dass die Erforschung Chinas dieselbe methodische Ernsthaftigkeit, dieselbe Geduld mit Primärquellen und dieselbe Bereitschaft, von chinesischen Gelehrten zu lernen, erfordert, die die besten Arbeiten der schwedischen Tradition seit ihren Anfängen kennzeichnete.
Anmerkungen
Bibliographie
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Egerod, Søren. „Bernhard Karlgren." Annual Newsletter of the Scandinavian Institute of Asian Studies 13 (1979): 3–24.
Glahn, Elsie. „A List of Works by Bernhard Karlgren." BMFEA 28 (1956).
Honey, David B. Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology. New Haven: American Oriental Society, 2001.
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—. Grammata Serica: Script and Phonetics in Chinese and Sino-Japanese. Stockholm: BMFEA, 1940; überarbeitet als Grammata Serica Recensa. Stockholm: BMFEA, 1957.
—. The Book of Odes: Chinese Text, Transcription and Translation. Stockholm: BMFEA, 1950.
—. „Compendium of Phonetics in Ancient and Archaic Chinese." BMFEA 26 (1954): 211–367.
Kennedy, George A. „A Note on Ode 220." In Studia Serica Bernhard Karlgren Dedicata, hrsg. von Søren Egerod und Else Glahn, 190–98. Kopenhagen: Ejnar Munksgaard, 1959.
Malmqvist, Göran. „On the History of Swedish Sinology." In Europe Studies China, hrsg. von Ming Wilson und John Cayley, 167–74. London: Han-Shan Tang Books, 1995.
—. Han Phonology and Textual Criticism. Canberra, 1963.
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—. „European Studies on Chinese Phonology: The First Phase." In Europe Studies China, hrsg. von Ming Wilson und John Cayley, 339–67. London: Han-Shan Tang Books, 1995.
Sirén, Osvald. A History of Early Chinese Art. 4 Bde. London, 1930.
Zhang Xiping 张西平. Ou-Mei Hanxue de Lishi yu Xianzhuang 欧美汉学的历史与现状. Zhengzhou: Daxiang Chubanshe, 2005. Vorlesung 10: „Development of Swedish Sinology."
Einzelnachweise
- ↑ David B. Honey, Incense at the Altar: Pioneering Sinologists and the Development of Classical Chinese Philology (New Haven: American Oriental Society, 2001), Vorwort, xxii.
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, x.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, „Introduction to Western Sinology Studies", S. 165–168.
- ↑ Peter K. Bol, „The China Historical GIS", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Hilde De Weerdt, „MARKUS: Text Analysis and Reading Platform", in Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020); vgl. auch den Digital-Humanities-Leitfaden der Bibliothek der University of Chicago.
- ↑ Tu Hsiu-chih, „DocuSky, A Personal Digital Humanities Platform for Scholars", Journal of Chinese History 4, Nr. 2 (2020).
- ↑ Peter K. Bol und Wen-chin Chang, „The China Biographical Database", in Digital Humanities and East Asian Studies (Leiden: Brill, 2020).
- ↑ Vgl. Kapitel 22 (Übersetzung) dieses Bandes zu den Herausforderungen der KI-Übersetzung.
- ↑ „WenyanGPT: A Large Language Model for Classical Chinese Tasks", arXiv-Preprint (2025).
- ↑ „Benchmarking LLMs for Translating Classical Chinese Poetry: Evaluating Adequacy, Fluency, and Elegance", Proceedings of EMNLP (2025).
- ↑ „A Multi Agent Classical Chinese Translation Method Based on Large Language Models", Scientific Reports 15 (2025).
- ↑ Vgl. z. B. Mark Edward Lewis und Curie Viragh, „Computational Stylistics and Chinese Literature", Journal of Chinese Literature and Culture 9, Nr. 1 (2022).
- ↑ Hilde De Weerdt, Information, Territory, and Networks: The Crisis and Maintenance of Empire in Song China (Cambridge: Harvard University Asia Center, 2015).
- ↑ China-Princeton Digital Humanities Workshop 2025 (chinesedh2025.eas.princeton.edu).
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 54–60.
- ↑ Wang Yinzhi, Guangya Shucheng, hrsg. von D.C. Lau (Hongkong: Chinese University Press, 1978), 1:4; zitiert in Honey, Incense at the Altar, 104.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 96–97, unter Berufung auf Li Xueqin.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 102–113.
- ↑ Zhang Xiping, Vorlesung 1, S. 114–117.
- ↑ „The World Conference on China Studies: CCP's Global Academic Rebranding Campaign", Bitter Winter (2024).
- ↑ Honey, Incense at the Altar, Vorwort, xxii.
- ↑ „Academic Freedom and China", AAUP-Bericht (2024); Sinology vs. the Disciplines, Then & Now, China Heritage (2019).
- ↑ „They Don't Understand the Fear We Have: How China's Long Reach of Repression Undermines Academic Freedom at Australia's Universities", Human Rights Watch (2021).
- ↑ Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye, Kap. 7, S. 100–111.
- ↑ Thomas Michael, „Heidegger's Legacy for Comparative Philosophy and the Laozi", International Journal of China Studies 11, Nr. 2 (2020): 299.
- ↑ Steven Burik, The End of Comparative Philosophy and the Task of Comparative Thinking: Heidegger, Derrida, and Daoism (Albany: SUNY Press, 2009).
- ↑ David L. Hall und Roger T. Ames, Thinking Through Confucius (Albany: SUNY Press, 1987), Vorwort.
- ↑ François Jullien, Detour and Access: Strategies of Meaning in China and Greece (New York: Zone Books, 2000); vgl. „China as Method: Methodological Implications of François Jullien's Philosophical Detour through China", Contemporary French and Francophone Studies 28, Nr. 1 (2024).
- ↑ Wolfgang Kubin, Hanxue yanjiu xin shiye (Guilin: Guangxi shifan daxue chubanshe, 2013), Kap. 11, S. 194–195.
- ↑ Bryan W. Van Norden, Taking Back Philosophy: A Multicultural Manifesto (New York: Columbia University Press, 2017).
- ↑ Carine Defoort, „Is There Such a Thing as Chinese Philosophy? Arguments of an Implicit Debate", Philosophy East and West 51, Nr. 3 (2001): 393–413.
- ↑ Carine Defoort, „'Chinese Philosophy' at European Universities: A Threefold Utopia", Dao 16, Nr. 1 (2017): 55–72.
- ↑ Zur koreanischen Druckkunst und Textüberlieferung vgl. die UNESCO-Eintragung ins Weltdokumentenerbe für das Jikji (ältester erhaltener Druck mit beweglichen Metalllettern, 1377); zur Goryeo Tripitaka vgl. die UNESCO-Welterbe-Eintragung.