Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 72"

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=== Wang Xifeng verschweigt aus Stolz ihre Krankheit; Die Frau des Laiwang nutzt ihre Stellung, um eine Heirat zu erzwingen ===
 
=== Wang Xifeng verschweigt aus Stolz ihre Krankheit; Die Frau des Laiwang nutzt ihre Stellung, um eine Heirat zu erzwingen ===
  
ch bitten, junger gnädiger Herr und junge gnädige Frau, daß Ihr uns die Gnade erweist und die Sache zum Abschluß bringt.  
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'''Hsi-fëng verläßt sich auf ihre kräftige Konstitution und schweigt schamhaft ihre Krankheit tot, Lai Wangs Frau nutzt die Machtposition ihrer Herrin aus und setzt gewaltsam eine Verlobung durch.'''
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Als Yüan-yang den Garten durch das Nebentor verließ, war ihr Gesicht noch immer gerötet, und das Herz pochte ihr bis zum Halse. Denn was ihr da begegnet war, hätte sie nie für möglich gehalten. Sie sagte sich, dies sei etwas Außergewöhnliches, und wenn sie davon erzählte, wären durch die Verknüpfung von Unzucht und Einbruch Menschenleben gefährdet, und es wäre auch nicht auszuschließen, daß Unbeteiligte mit hineingezogen würden. Aber da es schließlich nicht sie selbst betraf, verschloß sie alles in ihrem Herzen und verriet keinem Menschen davon. Als sie in die Räume der Herzoginmutter zurückkam, berichtete sie, ihr Auftrag sei erledigt, und alle legten sich schlafen.
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Von nun an ging Yüan-yang des Abends nicht mehr oft in den Garten, denn sie fürchtete, dort noch mehr solcher Überraschungen zu erleben, und an anderen Stellen ebenfalls, darum ging sie auch sonst kaum noch ohne weiteres irgendwohin.
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Mit Sï-tji und ihrem Vetter verhielt es sich so, daß sie sich schon als Kinder, als sie zusammen aufwuchsen und gemeinsam spielten, ihr Wort darauf gegeben hatten, einander zu heiraten oder unverheiratet zu bleiben. Inzwischen waren sie beide zu anmutiger Schönheit herangewachsen. Sooft Sï-tji nach Hause kam, hatten sie beredte Blicke miteinander getauscht, die alten Gefühle waren unvergessen. Das einzige, was sie trennte, war der Mangel an Gelegenheit. Und da sie Angst hatten, ihre Eltern würden nicht einwilligen, hatten sie Mittel gefunden, um die alten Wächterinnen im Garten von beiden Seiten zu bestechen, damit sie das Tor für sie offenhielten und darauf sahen, daß die Luft rein blieb.
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Unter Ausnutzung des allgemeinen Trubels, der zur Zeit herrschte, hatten sie sich jetzt zum ersten Mal getroffen. Dabei waren sie zwar noch kein Paar geworden, aber sie hatten einander geschworen, ihre Liebe solle ewig währen, ewig wie das Meer und die Berge. Zur Bekräftigung hatten sie Geschenke getauscht, und die wechselseitigen Zärtlichkeiten waren grenzenlos gewesen.
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Nachdem sie von Yüan-yang überrascht worden waren, hatte sich der Bursche schnell einen Weg zwischen Blumen und Weiden gesucht und war durchs Nebentor verschwunden. Sï-tji fand zwar die ganze Nacht hindurch keinen Schlaf, aber Reue empfand sie nicht. Als sie am nächsten Tag Yüan-yang begegnete, wurde sie unwillkürlich abwechselnd rot und blaß und fühlte sich peinlichst berührt. Von ihrem unsagbaren Geheimnis gequält, konnte sie weder essen noch trinken und war unruhig, wohin sie ging und wo sie stand. Erst als sich nach mehreren Tagen immer noch nichts ereignet hatte, wurde sie ein wenig ruhiger.
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Doch dann kam am Abend plötzlich eine von den alten Sklavenfrauen zu ihr, um ihr verstohlen zu sagen: „Dein Vetter ist ausgerückt. Schon seit drei, vier Tagen ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Heute hat man Leute ausgeschickt, die überall nach ihm suchen.“
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Als Sï-tji das hörte, hätte der Ärger sie beinahe umgeworfen, und sie sagte sich: „Wenn es wirklich herauskäme, müßten wir gemeinsam sterben. Aber er hat sich einfach aus dem Staube gemacht. Da sieht man, daß seine Gefühle nichts Ernstes waren.“ Und so kam zur Furcht auch noch der Verdruß. Schon am nächsten Tag fühlte sich Sï-tji so beklommen ums Herz, daß sie sich auch mit größter Anstrengung nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Sie stürzte förmlich ins Bett, um zu schlafen, und unversehens wurde eine ernsthafte Erkrankung daraus.
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Als Yüan-yang erfuhr, drüben sei ohne jeden Grund ein Sklavenjunge weggelaufen und im Garten sei Sï-tji so schwer erkrankt, daß man sie ausquartieren wolle, sagte sie sich, der Grund dafür müsse in beiden Fällen die Furcht vor Entdeckung sein. „Solche Angst haben sie also, ich könnte etwas verraten, daß ihnen der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren ist!“ dachte sie, und von Mitleid bewegt, suchte sie Sï-tji unter dem Vorwand eines Krankenbesuchs auf.
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Nachdem sie alle anderen aus dem Zimmer geschickt hatte, stand sie auf, um Sï-tji zu versichern: „Wenn ich es irgendwem sage, will ich zur Strafe auf der Stelle tot umfallen!“ Dann setzte sie hinzu: „Sei nur ganz ruhig und kurier dich aus, verdirb dir nicht grundlos dein bißchen Leben!“
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Mit raschem Griff faßte Sï-tji nach ihrer Hand und sagte weinend: „Meine ältere Schwester! Von klein auf haben wir so dicht nebeneinander gelebt, daß unser beider Schläfenhaar sich berührt hat. Du hast mich nicht als Fremde behandelt, und auch ich habe nie gewagt, mich dir gegenüber respektlos zu verhalten. Wenn du jetzt von meinem Fehltritt wirklich niemand etwas sagst, bist du wie eine leibliche Mutter für mich. Jeder Tag, den ich noch leben darf, ist ein Geschenk von dir.
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Sobald ich wieder gesund bin, werde ich ein Täfelchen mit deinem Namen aufstellen und dann jeden Tag Weihrauch davor abbrennen und mich davor verbeugen, damit dir Glück und ein langes Leben beschieden sind. Und wenn ich sterbe, will ich als Esel oder als Hund wiedergeboren werden, damit ich dir vergelten kann, was du jetzt für mich tust.
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Wie das Sprichwort sagt, ‚Mag auch dein Festzelt tausend Li lang sein, es gibt kein Vergnügen, das nicht zu Ende geht.‘ So werden auch wir in ein paar Jahren alle von hier fortgehen. Aber das Sprichwort sagt auch ‚Wenn sogar treibende Wasserpflanzen einander wiederbegegnen, warum sollen sich dann zwei Menschen nicht wiedersehen?‘ Wie soll ich dir also für deine Güte danken, wenn wir uns vielleicht in Zukunft einmal wiedertreffen?“
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Das hatte sie schluchzend vorgebracht und Yüan-yang das Herz damit so schwer gemacht, daß sie jetzt ebenfalls zu weinen begann und kopfnickend zu Sï-tji sagte: „Du hast vollkommen recht. Außerdem gehöre ich nicht zu den Verwalterinnen, warum also sollte ich dein Ansehen zerstören, bloß um meinen Diensteifer unter Beweis zu stellen?! Zumal ich in so einer Sache nicht gut von mir aus den Mund auftun kann, um jemand davon zu erzählen. Sei also wirklich unbesorgt! Und wenn du wieder gesund bist, mußt du dich in dein Los fügen und darfst keine Dummheiten mehr machen!“
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Auf ihrem Kissen liegend, nickte Sï-tji eifrig dazu, und Yüan-yang sprach noch ein Weilchen begütigend auf sie ein, ehe sie endlich wieder fortging.
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Da Yüan-yang wußte, daß Djia Liän nicht zu Hause war, und da Hsi-fëng in der jüngsten Zeit ein schwungloses Benehmen an den Tag gelegt hatte, wie man es gar nicht von ihr gewöhnt war, wollte sie jetzt die Gelegenheit nutzen, um auch ihr einen Besuch zu machen. Also begab sie sich zu Hsi-fëngs Wohngehöft, und als die Leute am Innentor sie sahen, standen sie auf, um sie hineinzugeleiten. Als sie in den Vorraum trat, kam Ping-örl gerade aus den inneren Gemächern, und kaum hatte sie Yüan-yang erblickt, trat sie sofort auf sie zu und sagte leise und mit lächelnder Miene: „Sie hat eben einen Happen gegessen und hält jetzt Mittagsschlaf. Komm, setz dich ein Weilchen hier drüben herein!“
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Also mußte Yüan-yang notgedrungen mit Ping-örl in das östliche Seitenzimmer gehen. Ein kleineres Sklavenmädchen brachte Tee, dann fragte Yüan-yang leise: „Was ist deiner jungen Herrin in den letzten Tagen? Sie wirkte richtig träge auf mich.“
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So gefragt, antwortete Ping-örl, da weiter niemand im Zimmer war, nach einem Seufzer: „Diese Trägheit ist nichts Neues an ihr, die hat sie schon vor mehr als einem Monat gehabt. Durch die Aufregung der jüngsten Zeit und durch den unnötigen Ärger, den sie hatte, ist diese Trägheit jetzt erneut aufgetreten. In den letzten beiden Tagen sind noch ein paar andere Beschwerden dazugekommen, bis es schließlich zuviel für sie war und sie die Sache nicht länger verheimlichen konnte.“
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„Aber warum holt ihr denn nicht schnell einen Arzt, der sie wieder gesund macht?“ fragte Yüan-yang sofort.
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„Du weißt noch immer nicht, wie sie ist, meine Schwester“, sagte Ping-örl darauf. „Von wegen Arztbesuch und Medizinschlucken! Als ich es nicht mehr mit ansehen konnte und nur einmal gefragt habe, wie sie sich fühle, ist sie schon böse geworden und hat mir vorgeworfen, ich wolle ihr eine Krankheit anhexen. Und ungeachtet ihres Zustands muß sie jeden Tag dies überprüfen und jenes kontrollieren, anstatt ein bißchen einsichtig zu sein und sich zu schonen.“
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„Aber trotzdem muß doch ein Arzt geholt werden, der feststellt, was ihr fehlt, damit sich alle abregen können“, beharrte Yüan-yang.
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„So geringfügig, glaube ich, ist ihre Krankheit gar nicht, meine Schwester“, deutete Ping-örl an.
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„Ja, was hat sie denn?“ fragte Yüan-yang sofort.
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Also rückte Ping-örl noch ein Stück näher zu ihr heran und sagte ihr direkt ins Ohr: „Seitdem sie im vergangenen Monat ihre Regel hatte, blutet und blutet sie ununterbrochen. Ist das eine ernsthafte Erkrankung oder nicht?“
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„O weh!“ entgegnete Yüan-yang sogleich. „Nach dem, was du sagst, wird sie doch nicht etwa einen Blutsturz bekommen?“
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Hastig spuckte Ping-örl aus, dann sagte sie leise und mit lächelnder Miene: „Wie kann ein Mädchen wie du so etwas sagen?! Und beschrei es bloß nicht!“
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Unwillkürlich wurde Yüan-yang rot, ehe sie genauso leise und ebenfalls lächelnd erwiderte: „Ich weiß ja eigentlich auch nicht richtig, was das ist, ein Blutsturz. Aber hast du vergessen, daß damals meine ältere Schwester daran gestorben ist? Ich wußte erst gar nicht, was sie hatte, aber zufällig hörte ich dann, wie meine Mutter mit der Schwiegermutter meiner Schwester darüber sprach, und wunderte mich noch, was das wohl sei. Später habe ich dann noch gehört, wie meine Mutter den Hergang genau geschildert hat, da ist es mir dann zu ein, zwei Zehnteln klar geworden.“
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„Richtig!“ sagte Ping-örl lächelnd, „ich hatte ganz vergessen, daß du es ja wissen mußt.“
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Während die beiden noch miteinander sprachen, kam ein kleines Sklavenmädchen herein und sagte zu Ping-örl: „Eben war diese Tante Dschu wieder da. Wir haben ihr gesagt, daß die junge Herrin ihren Mittagsschlaf hält, da ist sie zur gnädigen Frau gegangen.“
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Ping-örl nickte nur, Yüan-yang aber erkundigte sich: „Was ist das für eine Tante Dschu?“
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„Schwägerin Dschu, die Heiratsvermittlerin“, gab Ping-örl Auskunft. „Irgendein Herr Sun will sich mit unserer Familie verschwägern, darum schickt sie uns in der letzten Zeit jeden Tag ihre Karte und tötet uns regelrecht den Nerv.“
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Kaum hatte sie das gesagt, kam das kleine Sklavenmädchen wieder hereingelaufen und meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“
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Im nächsten Augenblick stand Djia Liän schon in der Tür des Vorraums und rief nach Ping-örl. Ehe sie ihm antworten und entgegengehen konnte, trat Djia Liän bereits ins Zimmer. Als er von der Tür aus sah, daß Yüan-yang auf dem Ofenbett saß, blieb er stehen und sagte lächelnd: „Schwester Yüan-yang! Hat dein edler Fuß heute einmal mein schäbiges Heim betreten?“
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Yüan-yang blieb ruhig sitzen, während sie lächelnd erwiderte: „Ich kam, um Euch und der jungen Herrin meine Aufwartung zu machen, aber Ihr wart nicht zu Hause, und die junge Herrin schläft.“
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„So aufopferungsvoll, wie du das ganze Jahr über die alte gnädige Frau bedienst, hätte zuerst ich dir einen Besuch machen müssen, ehe ich wagen dürfte, dich hierher zu uns zu bemühen“, versicherte Djia Liän, „aber es trifft sich gut, denn ich wollte sowieso zu dir. Nur weil mir dieses Übergewand zu warm ist, hatte ich mir zuerst ein dünner gefüttertes anziehen wollen, ehe ich zu dir hinübergehe. Nun aber meint es der Himmel gut mit mir und hat mir den Weg erspart, indem du schon hier im Zimmer sitzt.“ Während er das sagte, hatte er sich auf einem Stuhl niedergelassen.
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„Was gibt es denn zu besprechen?“ erkundigte sich Yüan-yang.
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Djia Liän lachte erst einmal, ehe er schließlich sagte: „Da ist etwas, was ich einfach vergessen habe. Aber ich glaube, du wirst es noch wissen. Als die alte gnädige Frau letztes Jahr ihren Geburtstag beging, hat ihr ein auswärtiger Mönch eine Buddhahand-Zitrone<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 698.</ref> aus gelbem Wachsstein verehrt, die ihr so gut gefiel, daß sie sie gleich dabehielt, um sie bei sich aufzustellen. Als sie jetzt wieder Geburtstag hatte, sah ich, daß diese Position im Raritätenverzeichnis noch offen ist, weiß aber nicht, wo das Stück abgeblieben ist.
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Die Verantwortlichen in der Raritätenkammer haben mich auch schon ein paarmal darauf aufmerksam gemacht und verlangt, daß ich mich danach erkundige, damit sie es entsprechend vermerken können. Deshalb wollte ich dich fragen, ob das Stück noch bei der alten gnädigen Frau steht oder ob sie es jemand anders gegeben hat.“
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„Bei der alte gnädigen Frau stand es nur ein paar Tage, dann hatte sie es über und gab es Eurer Frau, und Ihr fragt jetzt mich danach“, erwiderte Yüan-yang. „Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, an dem das war. Ich selbst habe die Frau von Alt Wang damit hinübergeschickt. Wenn Ihr es vergessen habt, solltet Ihr vielleicht Eure Frau oder Schwester Ping-örl fragen.“
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Ping-örl, die eben etwas anderes zum Anziehen für Djia Liän holte, kam herüber, als sie das hörte, und bestätigte: „Wir haben das bekommen, es liegt jetzt oben im Speichergebäude. Die junge Herrin hatte auch jemand geschickt, um in der Raritätenkammer Bescheid zu sagen, daß es unseren Räumen zugeteilt worden ist, aber die müssen das wohl verschlafen haben und haben es nicht notiert, daß sie jetzt wegen so einer Kleinigkeit solches Gewese machen.“
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„Aber warum weiß ich nichts davon, wenn sie es bekommen hat?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Ihr müßt es wohl vor mir versteckt haben.“
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„Die junge Herrin hat Euch davon berichtet, und Ihr wolltet es sogar noch an jemand verschenken, es hat ziemliche Mühe gekostet, Euch davon abzubringen“, stellte Ping-örl richtig. „Jetzt, nachdem Ihr alles vergessen habt, behauptet Ihr plötzlich, wir hätten es vor Euch versteckt. Was ist das schon für ein kostbares Einzelstück?! Wir haben noch ganz andere Sachen nicht vor Euch versteckt, obwohl sie zehnmal besser waren, und plötzlich sollen wir Gefallen an so einem wertlosen Ding gefunden haben?!“
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Djia Liän dachte ein Weilchen lächelnd und mit gesenktem Kopf darüber nach, dann schlug er die Hände ineinander und sagte: „Ich habe wirklich nicht mehr alle beisammen. Alles vergesse ich, alles entfällt mir, und jedermann bringe ich damit in Zorn. Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder.“
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„Wer sollte Euch zürnen?“ fragte Yüan-yang mit lächelnder Miene. „Sorgen habt Ihr genug, geredet wird manches, und wenn Ihr dann noch ein paar Becher Wein trinkt, könnt Ihr natürlich nicht mehr alles klar unterscheiden.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um zu gehen.
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Sofort stand auch Djia Liän auf und bat: „Setz dich wieder hin, Schwester! Ich habe noch ein anderes Anliegen an dich.“ Dann fuhr er plötzlich die kleinen Sklavenmädchen an: „Warum habt ihr keinen ordentlichen Tee gebrüht? Holt schnell ein sauberes Deckelschälchen und brüht von dem neuen Tee auf, der gestern gebracht worden ist!“
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Danach wandte er sich wieder Yüan-yang zu und erklärte ihr: „Durch den Geburtstag der alten gnädigen Frau haben wir die paar tausend Liang Silber, die im Hause waren, alle verbraucht. Den Mietzins für unsere Häuser und die Steuergelder für unsere Ländereien können wir erst im neunten Monat kassieren, aber so lange kommen wir nicht mehr aus. In den nächsten Tagen haben wir Geschenke in das Anwesen des Prinzen Nan-an zu schicken, dann müssen wir zum neunten neunten<ref>Der neunte Tag des neunten Monats nach dem altjinesischen Kalender war ein traditioneller Feiertag (tschung-yang djiä).</ref> Geschenke für die kaiserliche Nebenfrau vorbereiten, und schließlich ist noch an Freudenfeste und Trauerfeiern in mehreren Familien zu denken. So brauchen wir mindestens noch zwei- oder dreitausend Liang Silber, die wir im Augenblick nirgendwo auftreiben können.
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Nun sagt das Sprichwort ‚Besser, als bei andern zu suchen, ist es, bei sich selber zu suchen.‘ Darum bleibt nicht viel anderes übrig, als daß du das Vergehen auf dich nimmst, von den Gold- und Silbersachen, die die alte gnädige Frau nicht so leicht kontrollieren kann, eine Truhe voll heimlich herauszuschaffen, damit wir sie vorläufig für tausend Liang Silber oder so verpfänden können, mit denen wir die Lücke schließen können. In weniger als einem halben Jahr werden wir wieder Silber haben, dann löse ich die Sachen aus und gebe sie dir zurück. Auf keinen Fall wirst du dadurch in die Patsche geraten.“
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„Ihr seid wirklich einfallsreich“, sagte Yüan-yang lächelnd. „Wie konntet Ihr bloß auf diesen Gedanken verfallen?!“
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„Ich meine es wirklich ehrlich!“ beteuerte Djia Liän und lächelte ebenfalls. „Es gibt natürlich außer dir auch noch andere, die Zugang zu Wertsachen haben, für die man seine tausend Liang bekommen würde, aber die sind weder so verständnisvoll noch so mutig wie du. Wenn ich sie deswegen ansprechen wollte, würde ich ihnen nur einen Schreck einjagen. Darum sage ich mir, es ist besser, einmal die goldene Glocke anzuschlagen als dreitausendmal eine geplatzte Trommel.“
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Kaum hatte er das gesagt, als plötzlich ein kleineres Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter hereinkam, das dringend nach Yüan-yang suchte, und sagte: „Die alte gnädige Frau wartet schon eine Ewigkeit auf Euch, Schwester. Nirgends wart Ihr zu finden, und jetzt sitzt Ihr hier!“
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Als Yüan-yang das gehört hatte, machte sie sich sofort auf den Weg zur Herzoginmutter.
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Als Djia Liän sah, daß sie fort war, mußte er sich wohl oder übel um Hsi-fëng kümmern gehen. Wider Erwarten war sie schon wach gewesen, doch als sie gehört hatte, daß sich Djia Liän etwas zum Verpfänden von Yüan-yang borgen wollte, hatte sie sich nicht gut bemerkbar machen können, deshalb war sie einfach auf ihrer Ruhebank liegengeblieben. Als sie hörte, wie Yüan-yang wegging, und Djia Liän jetzt zu ihr hereintrat, fragte sie: „Hat sie eingewilligt?“
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„Das nicht“, berichtete Djia Liän lächelnd, „aber einigen Erfolg habe ich schon gehabt. Du mußt am Abend noch einmal mit ihr sprechen, dann ist die Sache perfekt.“
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„Ich will nichts damit zu tun haben“, erklärte Hsi-fëng lächelnd, „was ist, wenn sie wirklich zustimmt? Jetzt machst du schöne Worte, aber wenn du das Geld erst hast, sind die schönen Worte vergessen. Wer möchte dann mit dir rechten? Und wenn die alte gnädige Frau etwa doch von der Sache erfährt, ist es mit dem Ansehen, das ich mir in all den Jahren bei ihr erworben habe, aus und vorbei.“
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„Du meine Wohltäterin!“ schmeichelte Djia Liän ihr lächelnd, „was möchtest du zum Dank haben, wenn du die Sache für mich zum Abschluß bringst?“
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Ebenfalls lächelnd, forderte Hsi-fëng ihn auf: „Sag du, was du mir geben würdest!“
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„Du kannst haben, was du willst“, versicherte Djia Liän, immer noch lächelnd.
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Da mischte auch Ping-örl sich lächelnd ein und sagte: „Laßt Euch kein einfaches Dankgeschenk geben, junge gnädige Frau! Gestern erst habt Ihr erwähnt, daß Euch für einen bestimmten Zweck ein-, zweihundert Liang Silber fehlen. Da ist es doch das beste, Ihr sorgt dafür, daß er die Wertsachen geborgt bekommt, und nehmt ein-, zweihundert Liang von dem Silber. Wäre dann nicht für beide Seiten alles aufs beste geregelt?“
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„Gut, daß du mich daran erinnerst. So werden wir es machen!“ entschied Hsi-fëng lächelnd.
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„Ihr seid wirklich zu hart“, wandte Djia Liän, nach wie vor lächelnd, ein. „Ihr wärt doch nicht in Verlegenheit um ein Pfand, das tausend Liang Silber wert ist, nicht einmal um drei- oder fünftausend Liang bares Silber. Seid doch zufrieden, daß ich nicht von euch borgen will! Statt dessen verlangt ihr Prozente, nur weil ich euch bemühen will, einen einzigen Satz zu sagen. Das ist doch wahrhaftig die Höhe!“
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Jetzt richtete Hsi-fëng sich auf, ehe sie ihm erwiderte: „Wenn ich dreitausend oder fünftausend Liang besitze, habe ich sie schließlich nicht dir weggenommen. Drinnen und draußen schwatzt hoch und niedrig hinter meinem Rücken schon genug über mich. Das fehlte gerade noch, daß auch du damit anfängst. Da sieht man, daß man sich wahrhaftig keine Feinde unter Fremden macht, wenn man nicht in der eigenen Familie welche hat!
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Woher haben denn wir Wangs all unser Geld? Von euch Djias vielleicht? Ihr seid mir gerade die richtigen Schï Tschungs und Dëng Tungs<ref>Über Schï Tschung vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu). Dëng Tung war ein Günstling des Han-Kaisers Wën-di (regierte von 180 bis 157 v. u. Z.), von dem er großzügig beschenkt wurde. Durch das Recht der Münzherstellung, das er zusammen mit einer Kupfermine vom Kaiser bekam, gelangte er zu großem Reichtum.</ref>. Allein was man bei uns aus den Fußbodenritzen fegen könnte, würde doch ausreichen, damit ihr euer Leben lang ein Auskommen hättet. Das kann ich sagen, ohne daß ich Angst haben muß, mich einer Übertreibung zu schämen. Hier ist der Beweis: Schau dir nur an, was von der gnädigen Frau als Mitgift ins Haus gebracht wurde und von mir genauso. Welches Stück davon müßte den Vergleich mit euren Sachen scheuen?“
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„Kaum daß man einen kleinen Scherz macht, regst du dich auf“, sagte Djia Liän lächelnd. „Was soll sein! Was macht es schon, wenn du ein-, zweihundert Liang Silber brauchst? Wenn ich auch mehr nicht habe, aber die habe ich noch. Ich werde sie holen, du gibst sie aus, und dann sehen wir weiter!“
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„Ich brauche sie ja nicht für meine Beerdigung, damit man sie mir als Totenamulett in den Mund steckt und unter den Rücken legt. Wozu also die Eile?“ gab Hsi-fëng zurück.
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„Warum mußt du dich so ereifern? Du bringst nur wieder das Feuer der Leber zum Lodern“, beschwichtigte sie Djia Liän.
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„Nicht ich rege mich auf, du durchbohrst einem mit deinen Worten das Herz“, sagte Hsi-fëng und lächelte wieder. „Ich hatte daran gedacht, daß sich übermorgen der Todestag der zweiten Schwester You zum erstenmal jährt, und da wir befreundet waren, wollte ich, wenn ich schon sonst nichts tun kann, zu ihrem Grab gehen und Opfergeld für sie verbrennen, um zu zeigen, daß ich sie als meine Schwester betrachte. Wenn sie uns auch keinen Sohn und keine Tochter hinterlassen hat, so müssen doch die Überlebenden dafür geradestehen, was die Verstorbenen verschuldet haben.“
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Damit hatte sie Djia Liän zum Schweigen gebracht, und er dachte mit gesenktem Koppf eine Zeitlang nach, ehe er schließlich sagte: „Es ist lieb von dir, daß du so an alles denkst. Ich hatte das ganz vergessen. Da du das Silber erst übermorgen brauchst, kannst du, wenn ich morgen diese Summe bekomme, so viel davon haben, wie du willst.“
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Bei den letzten Worten war Lai Wangs Frau eingetreten, und Hsi-fëng fragte sie: „Hat es geklappt?“
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„Nein, es hat nichts genützt“, erwiderte jene. „Ich glaube, Ihr müßt das in die Hand nehmen, junge gnädige Frau, damit etwas daraus wird.“
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„Worum geht es denn wieder?“ wollte Djia Liän wissen.
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„Ach, es ist nichts Besonderes“, erklärte ihm Hsi-fëng, „Lai Wang hat einen Sohn, der jetzt siebzehn ist und noch keine Braut hat. Er wollte gern um Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau für ihn freien, aber da man nicht wissen konnte, wie die gnädige Frau darüber denkt, hatte er noch nicht mit Tsai-hsias Eltern darüber gesprochen.
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Nun hatte die gnädige Frau neulich geäußert, angesichts dessen, daß Tsai-hsia schon groß ist und viel von Krankheit und anderem Unheil befallen wird, wolle sie großzügig sein und sie freigeben, damit ihre Eltern nach eigenem Ermessen einen Bräutigam für sie suchen können. Deshalb hat sich Lai Wangs Frau an mich gewandt. Mir schien, die beiden Familien seien einander ebenbürtig und deshalb müsse die Sache auf Anhieb gelingen, aber nun kommt sie und sagt mir, ihre Bemühungen hätten nichts genützt.“
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„Was für ein schwerwiegendes Problem ist das schon?“ meinte Djia Liän. „Es gibt doch bessere als Tsai-hsia!“
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„Das sagt Ihr so, Herr“, erwiderte Lai Wangs Frau mit lächelnder Miene, „aber wenn nicht einmal ihre Familie uns achtet, werden andere es noch viel weniger tun. Es hat uns viel Mühe gekostet, bis wir endlich diese Braut für ihn gefunden haben, deshalb möchte ich Euch bitten, junger gnädiger Herr und junge gnädige Frau, daß Ihr uns die Gnade erweist und die Sache zum Abschluß bringt.  
 
Nur weil Ihr, junge gnädige Frau, sagtet, Tsai-hsias Eltern würden ganz gewiß zustimmen, habe ich jemand bemüht, einen Versuch zu wagen, doch wider Erwarten hat sich meine Botin für nichts und wieder nichts eine Anfuhr geholt. Gegen das Mädchen selbst ist ja nichts zu sagen. Als ich ihr in meiner Art beiläufig auf den Zahn fühlte, machte sie keinerlei Einwendungen. Nur ihre Eltern, diese beiden alten Stücke, haben Höheres mit ihr im Sinn.“
 
Nur weil Ihr, junge gnädige Frau, sagtet, Tsai-hsias Eltern würden ganz gewiß zustimmen, habe ich jemand bemüht, einen Versuch zu wagen, doch wider Erwarten hat sich meine Botin für nichts und wieder nichts eine Anfuhr geholt. Gegen das Mädchen selbst ist ja nichts zu sagen. Als ich ihr in meiner Art beiläufig auf den Zahn fühlte, machte sie keinerlei Einwendungen. Nur ihre Eltern, diese beiden alten Stücke, haben Höheres mit ihr im Sinn.“
 
Durch diese Worte fühlten sich Hsi-fëng und Djia Liän an ihrer Ehre gepackt, doch weil Djia Liän mit dabei war, sagte Hsi-fëng kein Wort und wartete nur ab, wie er sich dazu stellen würde. Djia Liän aber hatte ganz andere Sorgen, um sich solche Kleinigkeit zu Herzen zu nehmen, und wollte sich am liebsten aus der Sache heraushalten. Aber dann sagte er sich, Lai Wangs Frau sei nun einmal von Hsi-fëng mit in die Ehe gebracht worden und habe ihre Verdienste, so daß eine Ablehnung ihrem Ansehen wirklich zu großen Abbruch tun würde.
 
Durch diese Worte fühlten sich Hsi-fëng und Djia Liän an ihrer Ehre gepackt, doch weil Djia Liän mit dabei war, sagte Hsi-fëng kein Wort und wartete nur ab, wie er sich dazu stellen würde. Djia Liän aber hatte ganz andere Sorgen, um sich solche Kleinigkeit zu Herzen zu nehmen, und wollte sich am liebsten aus der Sache heraushalten. Aber dann sagte er sich, Lai Wangs Frau sei nun einmal von Hsi-fëng mit in die Ehe gebracht worden und habe ihre Verdienste, so daß eine Ablehnung ihrem Ansehen wirklich zu großen Abbruch tun würde.
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„Ihr seid zu kleinmütig, junge gnädige Frau. Wer würde es wagen, mit Euch zu streiten?“ erwiderte Lai Wangs Frau lächelnd. „Doch ehrlich gesagt, würden wir uns einige Mühe ersparen und nicht so leicht jemand eine Kränkung zufügen, wenn Ihr damit Schluß machen würdet.“
 
„Ihr seid zu kleinmütig, junge gnädige Frau. Wer würde es wagen, mit Euch zu streiten?“ erwiderte Lai Wangs Frau lächelnd. „Doch ehrlich gesagt, würden wir uns einige Mühe ersparen und nicht so leicht jemand eine Kränkung zufügen, wenn Ihr damit Schluß machen würdet.“
 
Mit kühlem Lächeln erklärte Hsi-fëng: „Ich habe das auch nur aus purer Dummheit gemacht. Wirklich, warum sollte ich für mich auf Geld aussein?! Es ging einzig und allein darum, daß wir für unsern täglichen Bedarf mehr ausgeben, als wir hereinbekommen. Was ich mit dem jungen Herrn zusammen bekomme, dazu noch das Monatsgeld für die vier Mägde, macht alles in allem nur zwischen zehn und zwanzig Liang im Monat aus. Das reicht knapp für die Ausgaben von drei bis fünf Tagen.
 
Mit kühlem Lächeln erklärte Hsi-fëng: „Ich habe das auch nur aus purer Dummheit gemacht. Wirklich, warum sollte ich für mich auf Geld aussein?! Es ging einzig und allein darum, daß wir für unsern täglichen Bedarf mehr ausgeben, als wir hereinbekommen. Was ich mit dem jungen Herrn zusammen bekomme, dazu noch das Monatsgeld für die vier Mägde, macht alles in allem nur zwischen zehn und zwanzig Liang im Monat aus. Das reicht knapp für die Ausgaben von drei bis fünf Tagen.
 
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Wer weiß, in welchem verfallenen Brennofen wir schon wohnen würden<ref>In zwei Theaterstücken aus der Yüan-Zeit, die beide den Titel ‚Die Geschichte vom verfallenen Brennofen‘ (Po-yau dji) tragen, wird die Geschichte eines Mädchens aus reichem Hause erzählt, das von seinem Vater verstoßen wird, weil es gewagt hatte, seinen Bräutigam selbst auszuwählen, und das dann in einem verfallenen Brennofen lebt.</ref>, wenn ich nicht alles zusammengekratzt hätte, was ich nur konnte.Aber das hat mir jetzt den Ruf eines heruntergekommenen Taugenichtses eingebracht, der Gelder verleiht. Und wenn das so ist, gebe ich die Sache einfach auf. Geld auszugeben verstehe ich nicht schlechter als jeder andere auch, also werden wir in Zukunft herumsitzen und nur noch ausgeben. Mag es reichen, solange es reicht!  
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
Wer weiß, in welchem verfallenen Brennofen wir schon wohnen würden0, wenn ich nicht alles zusammengekratzt hätte, was ich nur konnte.Aber das hat mir jetzt den Ruf eines heruntergekommenen Taugenichtses eingebracht, der Gelder verleiht. Und wenn das so ist, gebe ich die Sache einfach auf. Geld auszugeben verstehe ich nicht schlechter als jeder andere auch, also werden wir in Zukunft herumsitzen und nur noch ausgeben. Mag es reichen, solange es reicht!  
 
 
Ist denn das noch eine Art? Als die alte gnädige Frau jetzt Geburtstag hatte, hat sich die gnädige Frau volle zwei Monate lang Sorgen gemacht, weil sie nicht wußte, woher sie Geld nehmen sollte, bis schließlich ich ihr den Tip gegeben habe, daß im Obergeschoß des rückwärtigen Speichergebäudes vier, fünf Truhen mit großen Messing- und Zinngefäßen standen, auf die es nicht weiter ankam. Die haben wir hinausgeschafft und haben dreihundert Liang Silber dafür bekommen. Nur so ist die gnädige Frau zu einem Proformageschenk gekommen, mit dem sie die Situation retten konnte.
 
Ist denn das noch eine Art? Als die alte gnädige Frau jetzt Geburtstag hatte, hat sich die gnädige Frau volle zwei Monate lang Sorgen gemacht, weil sie nicht wußte, woher sie Geld nehmen sollte, bis schließlich ich ihr den Tip gegeben habe, daß im Obergeschoß des rückwärtigen Speichergebäudes vier, fünf Truhen mit großen Messing- und Zinngefäßen standen, auf die es nicht weiter ankam. Die haben wir hinausgeschafft und haben dreihundert Liang Silber dafür bekommen. Nur so ist die gnädige Frau zu einem Proformageschenk gekommen, mit dem sie die Situation retten konnte.
 
Ich habe, wie ihr wißt, diese goldene Uhr mit Schlagwerk verkauft, für die ich fünfhundertsechzig Liang Silber bekommen habe. Aber es ist noch kein halber Monat vergangen, schon habe ich in die zehn, zwölf großen und kleinen Angelegenheiten, die seitdem vorgefallen sind, für nichts und wieder nichts alles hineinstecken müssen. Jetzt reicht das Geld sogar im äußeren Bereich des Anwesens nicht, und irgend jemand – ich weiß nicht wer – ist auf den Einfall gekommen, deswegen an die Sachen der alten gnädigen Frau zu gehen. In einem Jahr werden wir soweit sein, daß jeder an unseren Kopfschmuck und unsere Kleider geht. Das wird erst gut werden!“
 
Ich habe, wie ihr wißt, diese goldene Uhr mit Schlagwerk verkauft, für die ich fünfhundertsechzig Liang Silber bekommen habe. Aber es ist noch kein halber Monat vergangen, schon habe ich in die zehn, zwölf großen und kleinen Angelegenheiten, die seitdem vorgefallen sind, für nichts und wieder nichts alles hineinstecken müssen. Jetzt reicht das Geld sogar im äußeren Bereich des Anwesens nicht, und irgend jemand – ich weiß nicht wer – ist auf den Einfall gekommen, deswegen an die Sachen der alten gnädigen Frau zu gehen. In einem Jahr werden wir soweit sein, daß jeder an unseren Kopfschmuck und unsere Kleider geht. Das wird erst gut werden!“
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„Ihr versteht es nur, hierher zu mir zu kommen und Geld zu verlangen, aber wenn ihr draußen welches borgen sollt, seid ihr unfähig“, warf Hsi-fëng ihr vor. Dann rief sie Ping-örl und befahl: „Nimm meine beiden Halsreifen und geh sie für vierhundert Liang Silber versetzen!“
 
„Ihr versteht es nur, hierher zu mir zu kommen und Geld zu verlangen, aber wenn ihr draußen welches borgen sollt, seid ihr unfähig“, warf Hsi-fëng ihr vor. Dann rief sie Ping-örl und befahl: „Nimm meine beiden Halsreifen und geh sie für vierhundert Liang Silber versetzen!“
 
Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, brachte sie wirklich eine seidenbezogene Schatulle, in der, in Seide gehüllt, zwei Halsreifen lagen. Als sie sie auswickelte, zeigte sich, daß der eine aus Goldfiligran bestand und mit Perlen verziert war, die so groß waren wie Lotoskerne, während der andere mit Eisvogelfedern besetzt und mit Edelsteinen geschmückt war. Beide standen in keiner Weise den Schmuckstücken nach, die im Kaiserpalast getragen wurden. Ping-örl ging damit fort, und als sie zurückkam, brachte sie wirklich vierhundert Liang Silber.
 
Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, brachte sie wirklich eine seidenbezogene Schatulle, in der, in Seide gehüllt, zwei Halsreifen lagen. Als sie sie auswickelte, zeigte sich, daß der eine aus Goldfiligran bestand und mit Perlen verziert war, die so groß waren wie Lotoskerne, während der andere mit Eisvogelfedern besetzt und mit Edelsteinen geschmückt war. Beide standen in keiner Weise den Schmuckstücken nach, die im Kaiserpalast getragen wurden. Ping-örl ging damit fort, und als sie zurückkam, brachte sie wirklich vierhundert Liang Silber.
Hsi-fëng ordnete an, die Hälfte davon dem jungen Eunuchen einzupacken, und die andere Hälfte mußte jemand zu Lai Wangs Frau bringen, damit sie die Vorbereitungen für das Mittelherbstfest0 treffen konnte. Nun verabschiedete sich der junge Eunuch wieder, und Hsi-fëng befahl noch, jemand solle das Silber für ihn bis zum Außentor tragen.
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Hsi-fëng ordnete an, die Hälfte davon dem jungen Eunuchen einzupacken, und die andere Hälfte mußte jemand zu Lai Wangs Frau bringen, damit sie die Vorbereitungen für das Mittelherbstfest<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 16.</ref> treffen konnte. Nun verabschiedete sich der junge Eunuch wieder, und Hsi-fëng befahl noch, jemand solle das Silber für ihn bis zum Außentor tragen.
 
„Wann werden diese fremden Hungergeister endlich einmal genug haben?“ fragte Djia Liän lächelnd, als er wieder hereinkam.
 
„Wann werden diese fremden Hungergeister endlich einmal genug haben?“ fragte Djia Liän lächelnd, als er wieder hereinkam.
 
„Gerade hatte ich davon gesprochen, da mußte er hier auftauchen!“ kommentierte Hsi-fëng, ebenfalls lächelnd.
 
„Gerade hatte ich davon gesprochen, da mußte er hier auftauchen!“ kommentierte Hsi-fëng, ebenfalls lächelnd.
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„Wer hat es ihm gegeben?“ wollte Djia Dschëng sofort wissen, doch bevor Nebenfrau Dschau darauf antworten konnte, war von draußen ein Krachen zu hören, das allen Anwesenden einen nicht geringen Schreck einjagte.
 
„Wer hat es ihm gegeben?“ wollte Djia Dschëng sofort wissen, doch bevor Nebenfrau Dschau darauf antworten konnte, war von draußen ein Krachen zu hören, das allen Anwesenden einen nicht geringen Schreck einjagte.
 
Wer wissen will, was das war, muß das nächste Kapitel lesen.
 
Wer wissen will, was das war, muß das nächste Kapitel lesen.
73. Eine törichte Magd findet eine obszöne Stickerei,
 
ein schüchternes Fräulein verzichtet auf einen goldenen Haarpfeil.
 
 
Während also Nebenfrau Dschau und Djia Dschëng miteinander sprachen, hörten sie plötzlich draußen etwas krachen. Da sie nicht wußten, was das war, erkundigten sie sich sogleich danach, und es stellte sich heraus, daß im Vorraum ein hochgeschobener Fensterflügel nicht richtig befestigt gewesen und deshalb heruntergestürzt war. Daraufhin bedachte Nebenfrau Dschau die Sklavenmädchen mit ein paar Schimpfworten und führte selbst die Aufsicht, als sie den Fensterflügel wieder festmachten. Dann brachte sie Djia Dschëng zu Bett, und mehr soll davon nicht die Rede sein.
 
Im Hof der Freude am Roten hatte sich Bau-yü eben schlafen gelegt, und auch seine Sklavenmädchen wollten sich schon zur Ruhe begeben, als plötzlich jemand ans Hoftor klopfte. Die alten Sklavenfrauen gingen aufmachen und stellten fest, daß es ein kleines Sklavenmädchen aus den Räumen von Nebenfrau Dschau mit Namen Hsiau-tjüä war. Sie fragten, was sie wolle, aber Hsiau-tjüä antwortete ihnen nicht und ging, ohne sich aufhalten zu lassen, zu Bau-yü ins Innenzimmer, wo sie ihn bereits im Bett fand, während Tjing-wën und die anderen noch bei ihm saßen und mit ihm plauderten. Als man sie hereinkommen sah, hieß es: „Was ist denn? Wozu kommst du jetzt noch hierher gelaufen?“
 
Da sagte Hsiau-tjüä lächelnd zu Bau-yü: „Ich komme, um dir eine Nachricht zu bringen. Eben war meine Herrin beim gnädigen Herrn und hat ihm erzählt, ... Paß also auf, wenn der gnädige Herr dich morgen befragt!“ Und schon machte sie wieder kehrt, um zu gehen. Hsi-jën forderte sie auf, noch zu bleiben und Tee zu trinken, doch Hsiau-tjüä hatte Angst, die Gartentore könnten inzwischen geschlossen werden, und ging –, ohne zu verweilen, fort.
 
Bau-yü aber war, als er Hsiau-tjüäs Worte hörte, nicht anders zumute als dem Großen Heiligen Sun Wu-kung, wenn die Beschwörungsformel erklang0, die den Golddrahtreifen in seiner Mütze zusammenzog. Sofort spürte er ein Unwohlsein in allen vier Gliedmaßen und sämtlichen fünf Eingeweiden. Er überlegte hin und her, sah aber keinen anderen Ausweg, als sich mit den Büchern vertraut zu machen, um für die Prüfung am nächsten Tag gerüstet zu sein. Wenn er nur dabei die richtigen Antworten gab, würde er selbst in dem Falle noch halbwegs durchkommen, daß auch andere Dinge gegen ihn vorlagen, sagte er sich.
 
Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, hüllte er sich rasch in seine Kleider, stand auf und verlangte, er wolle seine Bücher lesen. Zugleich aber sagte er sich bedauernd: „Ich glaubte, in diesen Tagen würde er noch nicht damit kommen, und habe wieder die Bücher Bücher sein lassen. Hätte ich das eher gewußt, dann hätte ich mich doch wenigstens jeden Tag ein bißchen vorbereiten können!“
 
Dann überlegte er, was er eigentlich aus dem Stegreif hersagen konnte, aber es waren nicht mehr als Das Große Lernen, Das Rechte Maß und die beiden Teile der Gespräche, die er mit den Kommentaren zusammen auswendig wußte. Im ersten Teil des Mëng-dsï0 klafften in seinem Gedächtnis zahlreiche Lücken, so daß er, wenn man ihm zusammenhanglos einen Satz nannte, auf keinen Fall aus dem Kopf fortfahren konnte, und vom zweiten Teil hatte er sogar das allermeiste vergessen.
 
Von den Fünf Kanonischen Büchern hatte er, weil er in der letzten Zeit Gedichte schrieb, öfter einmal im Buch der Lieder gelesen, und wenn er es auch nicht im Detail zu erläutern verstand, war er doch wenigstens in der Lage, sich aus der Affäre zu ziehen. An die übrigen Kanonischen Bücher hatte er zwar keine Erinnerung, aber glücklicherweise hatte Djia Dschëng ihm nie befohlen, sie zu lesen, so daß seine Unkenntnis auf diesem Gebiet auch nicht ins Gewicht fallen konnte.
 
Von der alten Prosa hatte er schon seinerzeit nicht viel gelesen – Dsuos Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹, die Strategeme der Kämpfenden Staaten0, Gung-yangs Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹, Gu-liangs Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹0 sowie Schriften aus der Han- und der Tang-Zeit, insgesamt waren es nicht mehr als einige Dutzend Texte gewesen, und in den letzten Jahren hatte er keinen einzigen Satz daraus aufgefrischt. In Mußestunden hatte er wohl in den Büchern geblättert, aber das war nicht mehr als ein flüchtiges Interesse gewesen, und genausoschnell wie er die Texte gelesen hatte, hatte er sie auch wieder vergessen.Wirkliche Mühe hatte er sich nicht damit gegeben, wie hätte er sie sich also einprägen können?! Darum würde er sich auf diesem Gebiet nicht einmal herausreden können.
 
Noch schlimmer war es mit den modernen achtgliedrigen Aufsätzen0 bestellt, die ihm von jeher zutiefst verhaßt waren, weil sie nicht die Werke von heiligen und tüchtigen Männern waren, die das Verborgene und Tiefgründige in den Schriften der Heiligen und Tüchtigen zu erklären vermocht hätten, sondern nur Mittel zum Zweck, die ihren Verfassern dazu dienen sollten, Ruhm zu erlangen und Posten zu ergattern. Zwar hatte Djia Dschëng damals vor seiner Abreise über hundert solcher Texte ausgewählt und und sie ihm zu lesen befohlen, doch Bau-yü hatte nur hier und da ein oder zwei Bruchstücke davon gelesen, die zufällig sein Interesse erweckten, weil sie scharfsinnig, ausschweifend, vergnüglich oder traurig waren. Aber das waren nur zeitweilige Launen gewesen, nie hatte er sich in einen ganzen Aufsatz vertieft und sich sorgfältig damit beschäftigt.
 
Außerdem hatte er noch eine andere Befürchtung: Wenn er dieses auffrischte, würde er womöglich nach jenem gefragt, und wenn er jenes wiederholte, würde er vielleicht über dieses geprüft, und sowieso würde er sich in einer einzigen Nacht nichts mehr vollständig einprägen können – ein Gedanke, der seine Aufregung nur noch weiter verstärkte. Und während er selbst nicht einmal das Allerwichtigste mehr schaffen konnte, brachte er auch alle seine Sklavenmädchen um ihren Schlaf.
 
Überflüssig zu sagen, daß Hsi-jën, Schë-yüä, Tjing-wën und die übrigen älteren Mädchen an seiner Seite blieben, um die Kerze zu schneuzen und Tee einzugießen, die kleineren aber konnten kaum noch aus den Augen sehen und schwankten vor Müdigkeit, bis Tjing-wën sie schalt: „Was seid ihr bloß für Spitzbeine? Eine wie die andere schlaft ihr nur immer bei Tag und Nacht, und wenn ihr dann einmal etwas später ins Bett kommt, tut ihr gleich so, als ob euch wer weiß was wäre. Wenn ich das noch einmal sehe, hole ich eine Nadel und pieke euch wach!“
 
Mitten in diesem Satz machte es plötzlich im Außenraum bums!, und als sie rasch nachsehen gingen, zeigte sich, daß eines der kleineren Sklavenmädchen im Sitzen eingenickt und dabei mit dem Kopf gegen die Wand geprallt war. Als sie erschrocken aus dem Traum hochfuhr, hörte sie, was Tjing-wën eben sagte, und glaubte nicht anders, als daß diese sie geschlagen hätte, darum flehte sie weinend: „Liebe ältere Schwester, ich will es nie wieder tun!“
 
Alle begannen zu lachen, und Bau-yü redete Tjing-wën zu: „Vergib ihr und laß sie schlafen gehen! Wir hätten sie längst alle ins Bett schicken sollen, und auch ihr solltet euch abwechselnd schlafen legen!“
 
Doch prompt erwiderte Hsi-jën: „Du kümmer dich nur um deine Angelegenheiten, kleiner Ahnherr, und konzentriere dich heute nacht voll und ganz auf deine Bücher! Wenn du diese Klippe umschifft hast, kannst du dich auch wieder anderen Dingen widmen, ohne daß du fürchten mußt, dadurch etwas zu verderben.“
 
Bau-yü sagte sich, daß sie vollkommen recht habe, und las wohl oder übel weiter. Aber schon nach wenigen Sätzen brachte ihm Schë-yüä frischen Tee, damit er sich die Zunge befeuchten konnte, und als er ihr die Schale abnahm und daraus trank, bemerkte er, daß sie nur eine halblange Jacke trug und den Rock abgelegt hatte. Darum sagte er: „Es ist schon späte Nacht, und es ist kühl, du müßtest dir wirklich etwas Ordentliches anziehen!“
 
Aber lächelnd wies Schë-yüä auf seine Bücher und verlangte: „Uns mußt du vorläufig vergessen! Das ist es, worauf du ein bißchen deinen Sinn richten solltest!“
 
Das hatte sie kaum gesagt, als Venturina durch die Hintertür hereingestürzt kam und dabei aus voller Kehle schrie: „Hilfe, es ist jemand über die Mauer bei uns eingestiegen!“
 
Sofort fragten die anderen, wo das gewesen sei, machten alles wach und begaben sich auf die Suche.
 
Tjing-wën aber, die gesehen hatte, wie sauer Bau-yü das Lernen wurde und wie er seinen Geist die ganze Nacht über strapazierte, ohne daß er die Gewähr gehabt hätte, für die morgige Prüfung gerüstet zu sein, hatte schon die ganze Zeit über nach einem Mittel gesucht, mit dessen Hilfe er dieser Not entrinnen könnte. Als jetzt dieser Aufruhr entstand, kam ihr sofort eine Idee, und sie riet Bau-yü: „Mach dir die Gelegenheit zunutze und stell dich krank! Sag einfach, du hättest vor Schreck einen Schock bekommen!“
 
Diese Worte waren ganz nach Bau-yüs Sinn, und er ließ die Nachtwachen holen, die alles mit Laternen absuchen mußten, freilich ohne die geringste Spur zu entdecken, weshalb sie dann sagten: „Dem Mädchen hat es vielleicht vom Schlaf vor den Augen geflimmert, und als der Wind die Zweige bewegte, hat sie gedacht, es sei ein Mensch.“
 
„Redet nicht solchen Unsinn!“ protestierte Tjing-wën. „Ihr habt nicht ordentlich gesucht, und aus Angst, daß man euch Vorwürfe machen könnte, wollt ihr die Sache nicht wahrhaben. Dabei hat das ja nicht nur eine einzige gesehen. Wir waren mit Bau-yü draußen, weil er ein Geschäft zu verrichten hatte, und haben es alle mit eigenen Augen gesehen. Bau-yü hat sich so erschrocken, daß er ganz blaß im Gesicht war, und jetzt glüht sein Körper förmlich. Ich muß sofort noch in die Haupthalle hinübergehen, um Medizinkugeln zur Beruhigung der Seele für ihn zu holen. Und wenn die gnädige Frau mich fragt, muß ich ihr eine klare Antwort geben. Soll ich sie vielleicht mit dem abspeisen, was ihr da eben gesagt habt?“
 
Damit erschreckte sie die Nachtwächterinnen so sehr, daß sie nicht zu mucksen wagten und notgedrungen alles noch einmal absuchten. Tatsächlich verließen Tjing-wën und Venturina dann den Garten, um die Medizin zu holen, und taten das absichtlich so geräuschvoll, daß jedermann hören mußte, Bau-yü habe vor Schreck einen Schock erlitten.
 
Als Dame Wang von dem Vorfall erfuhr, schickte sie sofort jemanden, der nach Bau-yü sehen und ihm die Medizin eigeben mußte, und außerdem ließ sie allen Nachtwächterinnen befehlen, eine sorgfältige Fahndung vorzunehmen. Zugleich sollten die Sklavenjungen kontrolliert werden, die am Innentor in der Nähe der Gartenmauer Nachtdienst hatten.
 
So wurde im Licht von Laternen und Fackeln die ganze Nacht hindurch im Garten gelärmt, und in der fünften Nachtwache schließlich wurden die Verwalter und Verwalterinnen geholt und erhielten den Befehl, eine genaue Nachforschung anzustellen und dabei alle Männer und Frauen, die im inneren wie im äußeren Bereich des Anwesens Nachtdienst hatten, unter Schlägen zu verhören.
 
Als die Herzoginmutter erfuhr, Bau-yü habe sich erschrocken, wollte sie die genauen Umstände wissen, und so konnte man nicht wagen, ihr die Angelegenheit noch länger zu verheimlichen, und gab einen detaillierten Bericht.
 
„Ich hatte es nicht anders erwartet!“ sagte die Herzoginmutter. „Daß die Nachtwachen heutzutage alle nicht mehr achtgeben, ist noch das wenigste. Wer weiß, ob sie nicht auch Diebe sind!“
 
Dame Hsing und Frau You, die herübergekommen waren, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, sowie Hsi-fëng, Li Wan und die Mädchen des Hauses, die zur Gesellschaft der Herzoginmutter anwesend waren, wußten nichts darauf zu erwidern. Nur Tan-tschun trat vor und sagte: „In den wenigen Tagen, seitdem Kusine Hsi-fëng sich nicht wohl fühlt, ist das Gartenpersonal um ein vielfaches respektloser geworden. Früher haben sich höchstens einmal drei, vier Frauen für ein Stündchen oder so zusammengetan, vielleicht auch wenn sie Nachtwache hatten, und haben zum Vergnügen ein bißchen gewürfelt oder Karten gespielt, nur um den Schlaf zu vertreiben.
 
Jetzt aber sind sie allmählich außer Rand und Band geraten und haben richtige Spielhöllen eingerichtet, von denen jede ihre Leiterin hat und wo um größere Einsätze gespielt wird, um dreißig oder fünfzig Münzschnüre oder gar um dreihundert. Vor einem halben Monat ist es dort sogar zu einem Streit gekommen, der mit einer Schlägerei endete.“
 
„Warum hast du uns das nicht schon eher gemeldet, wenn du es gewußt hast?“ fragte die Herzoginmutter.
 
„Weil ich mir sagte, die gnädige Frau habe viel zu tun und fühle sich auch tagelang nicht wohl“, erwiderte Tan-tschun. „So habe ich nur die ältere Schwägerin und die verantwortlichen Frauen darauf aufmerksam gemacht, und seit sie all unsere Leute ein paarmal verwarnt haben, ist es jetzt etwas besser geworden.“
 
„Ein Mädchen wie du weiß freilich nicht, wie schlimm so etwas ist“, beeilte sich die Herzoginmutter zu erklären. „Dir scheint, es sei das gewöhnlichste Ding von der Welt, wenn Glücksspiele gespielt werden, und du siehst nur, daß das Anlaß zu Streitigkeiten geben kann. Dabei weiß man doch, daß es beim nächtlichen Glücksspiel nicht ausbleibt, daß auch Wein getrunken wird. Und wenn Wein getrunken wird, ist die notwendige Folge, daß Tore und Türen nach Belieben geöffnet und verschlossen werden.
 
Da wird noch einkaufen gegangen, da wird noch dieser und jener gesucht, und weil es spät in der Nacht ist, wo nur wenig Leute draußen sind, werden leicht Diebe und Einbrecher angelockt, und es kann alles mögliche daraus entstehen. Zumal es unter den Mägden und Frauen, die mit euch zusammen im Garten wohnen, tüchtige so gut wie törichte gibt. Da sind Diebstahl und Raub noch Kleinigkeiten. Es könnte noch etwas ganz anderes passieren, und wenn auch nur das geringste davon hängenbleibt, ist damit nicht zu scherzen. Wie könnte man also leichtfertig darüber hinweggehen?!“
 
Nachdem Tan-tschun das angehört hatte, kehrte sie schweigend auf ihren Platz zurück. Hsi-fëng ging es noch nicht viel besser, und so war ihr Geist auch nicht so frisch wie sonst, aber als sie diese Ansprache der Herzoginmutter gehört hatte, klagte sie eilig: „Daß ich auch ausgerechnet wieder krank werden mußte!“ Dann wandte sie den Kopf und befahl jemandem, schleunigst Lin Dschï-hsiaus Frau und die drei anderen Hauptverwalterinnen zu holen, und als sie da waren, kanzelte sie sie in Gegenwart der Herzoginmutter tüchtig ab.
 
Anschließend befahl die Herzoginmutter, man solle die Leiterinnen der Spielhöllen ausfindig machen. Wer eine von ihnen zur Anzeige brächte, sollte belohnt werden, und wer sich der heimlichen Mitwisserschaft schuldig gemacht hatte, sollte bestraft werden.
 
Da Lin Dschï-hsiaus Frau und die anderen sahen, wie zornig die Herzoginmutter war, wagten sie nicht, ihre Pflicht zugunsten privater Neigungen zu vernachlässigen. Sie gingen rasch in den Garten hinüber, ließen das ganze Gesinde zusammenrufen und überprüften eine nach der anderen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden zuerst einmal Ausflüchte gemacht, aber schließlich kam alles ans Tageslicht. Es wurden drei Hauptspielleiterinnen und acht Helferinnen sowie über zwanzig Teilnehmerinnen an Glücksspielen ermittelt, die nun allesamt zur Herzoginmutter geführt wurden, wo sie im Hof vor der Halle hörbar mit der Stirn auf den Boden schlugen und um Gnade baten.
 
Die Herzoginmutter fragte zunächst, wer die Hauptspielleiterinnen waren und wieviel Geld sie eingenommen hatten. Dabei erwies sich, daß die erste eine angeheiratete Verwandte von Lin Dschï-hsiaus Tante mütterlicherseits war, die zweite eine jüngere Schwester von Frau Liu aus der Gartenküche und die dritte Ying-tschuns alte Amme. Dies waren die Hauptschuldigen, die anderen können hier nicht alle aufgezählt werden.
 
Als erstes befahl die Herzoginmutter, die Würfel und die Spielkarten zu verbrennen, das Geld aber einzuziehen und an das übrige Gesinde zu verteilen. Dann sollten die drei Hauptschuldigen je vierzig Schläge mit dem großen Bambusprügel erhalten und für immer aus dem Dienst gejagt werden. Die Mitschuldigen sollten je zwanzig Schläge mit dem großen Prügel erhalten, drei Monate lang kein Monatsgeld bekommen und fortan in der Abortreinigergruppe Dienst tun. Anschließend mußte sich Lin Dschï-hsiaus Frau eine Standpauke anhören, obwohl es sie schon genug beschämt hatte, sehen zu müssen, wie es ihrer Verwandten erging und wie diese all ihr Ansehen einbüßte.
 
Auch Ying-tschun war durch den Anblick des Vorgangs bedrückt, und Dai-yü, Bau-tschai und Tan-tschun, die ihr als Artgenossen nachfühlen konnten, was sie empfinden mußte, wenn ihre Amme so behandelt wurde, erhoben sich von ihren Plätzen, traten lächelnd vor die Herzoginmutter und baten sie um Milde. „Dieses Muttchen hat ursprünglich nicht gespielt und hat sich wohl nur aus einer vorübergehenden Laune an der Sache beteiligt“, sagten sie, „verzeiht ihr dies eine Mal noch um des Ansehens von Kusine Ying-tschun willen!“
 
Aber die Herzoginmutter erwiderte ihnen: „Ihr habt keine Ahnung. Gerade diese alten Ammen genießen größere Ehren als das übrige Gesinde, weil sie sich darauf berufen können, daß sie den Söhnen und Töchtern des Hauses die Brust gegeben haben, darum ist es auch um so verabscheuungswürdiger, wenn gerade sie sich etwas zuschulden kommen lassen. Und sie verstehen es natürlich, die Herrschaften dazu zu bringen, daß sie Unzulänglichkeiten bemänteln und einseitig in ihrem Urteil sind. Ich habe das alles schon erlebt. Ich hoffte sogar, an einer von ihnen ein Exempel statuieren zu können, und nun ist tatsächlich eine dabei. Kümmert euch nicht darum, ich weiß, was ich tue!“
 
Als Bau-tschai und die anderen das hörten, mußten sie wohl oder übel auf weiteren Einspruch verzichten.
 
Bald darauf zog sich die Herzoginmutter zurück, um ihren Mittagsschlaf zu halten, und alle gingen auseinander. Weil sie aber wußten, daß die Herzoginmutter böse war, wagten sie nicht, ihre Wohnräume aufzusuchen, sondern blieben noch in der Nähe. Frau You begab sich ins Wohngehöft von Hsi-fëng, um sich ein Weilchen mit ihr zu unterhalten, aber Hsi-fëng fühlte sich nicht wohl, und so blieb Frau You nichts anderes übrig, als in den Garten zu gehen und dort mit den Mädchen zu plaudern.
 
Dame Hsing saß zunächst eine Zeitlang bei Dame Wang, dann ging sie ebenfalls in den Garten, um dort Zerstreuung zu suchen. Als sie eben am Gartentor war, erblickte sie eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter, das von allen Blödchen genannt wurde und das ihr jetzt lachend entgegenkam. Blödchen hielt einen bunten Gegenstand in der Hand, auf den sie beim Gehen fortwährend den Blick gesenkt hielt, wodurch sie beinahe mit Dame Hsing zusammengeprallt wäre. Erst als sie im letzten Moment aufsah, blieb sie stehen.
 
„Du närrisches Ding!“ sagte Dame Hsing, „was hast du da für eine seltene Kostbarkeit, daß du dich so freust? Laß mich mal sehen!“
 
Dieses Blödchen war ein Sklavenmädchen von vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahren, das erst vor kurzem ausgewählt worden war, um im Gehöft der Herzoginmutter Wasser zu holen, den Hof zu fegen und andere grobe Arbeiten zu verrichten. Sie hatte einen plumpen Körperbau und eine breite Gesichtsform, und da ihre Füße nicht geschnürt waren, vermochte sie grobe Arbeiten flott und mühelos auszuführen. Ihrem Wesen nach war sie töricht, und sie besaß auch nicht das mindeste Wissen; was sie sagte und tat, war oft unvereinbar mit Anstand und Sitte.
 
Die Herzoginmutter, die ihre Freude an ihr hatte, weil sie flink und munter war, und der auch ihre Aussprüche gefielen, über die sie immer wieder lachen konnte, hatte ihr den Namen Dummchen gegeben. Und immer, wenn sie Langeweile hatte, ließ sie sie holen, um sie ein bißchen zum Narren zu halten, wobei es keinerlei Tabus gab, und deshalb nannte sie sie auch ‚mein närrisches Ding‘. Wenn Blödchen wirklich einmal gegen die Umgangsformen verstieß, wurde sie als Liebling der Herzoginmutter von niemandem getadelt. Und so konnte sie es sich auch erlauben, in den Garten zu gehen, um dort zu spielen, wenn die Herzoginmutter sie nicht rufen ließ.
 
Auch heute war Blödchen im Garten gewesen und hatte Grillen gefangen, als sie plötzlich hinter einem Felsvorsprung einen buntbestickten Riechbeutel fand, der so prächtig und sorgfältig gearbeitet war, daß man wirklich seine Freude daran haben konnte. Er war jedoch keineswegs mit Vögeln und Blumen oder mit einem ähnlichen Motiv bestickt, vielmehr zeigte die eine Seite ein splitternacktes Paar in innigster Verstrickung und die andere Seite einige Schriftzeichen. Blödchen, die nicht verstand, daß es sich um eine erotische Darstellung handelte, überlegte still bei sich: „Das müssen wohl zwei böse Geister sein, die miteinander kämpfen.
 
  
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== Anmerkungen ==
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<references/>

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 72 · 73 · 74 · 75 · 76 · 77 · 78 · 79 · 80 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 72

王熙鳳恃強羞說病 / 來旺婦倚勢霸成親

Wang Xifeng verschweigt aus Stolz ihre Krankheit; Die Frau des Laiwang nutzt ihre Stellung, um eine Heirat zu erzwingen

Hsi-fëng verläßt sich auf ihre kräftige Konstitution und schweigt schamhaft ihre Krankheit tot, Lai Wangs Frau nutzt die Machtposition ihrer Herrin aus und setzt gewaltsam eine Verlobung durch.

Als Yüan-yang den Garten durch das Nebentor verließ, war ihr Gesicht noch immer gerötet, und das Herz pochte ihr bis zum Halse. Denn was ihr da begegnet war, hätte sie nie für möglich gehalten. Sie sagte sich, dies sei etwas Außergewöhnliches, und wenn sie davon erzählte, wären durch die Verknüpfung von Unzucht und Einbruch Menschenleben gefährdet, und es wäre auch nicht auszuschließen, daß Unbeteiligte mit hineingezogen würden. Aber da es schließlich nicht sie selbst betraf, verschloß sie alles in ihrem Herzen und verriet keinem Menschen davon. Als sie in die Räume der Herzoginmutter zurückkam, berichtete sie, ihr Auftrag sei erledigt, und alle legten sich schlafen. Von nun an ging Yüan-yang des Abends nicht mehr oft in den Garten, denn sie fürchtete, dort noch mehr solcher Überraschungen zu erleben, und an anderen Stellen ebenfalls, darum ging sie auch sonst kaum noch ohne weiteres irgendwohin. Mit Sï-tji und ihrem Vetter verhielt es sich so, daß sie sich schon als Kinder, als sie zusammen aufwuchsen und gemeinsam spielten, ihr Wort darauf gegeben hatten, einander zu heiraten oder unverheiratet zu bleiben. Inzwischen waren sie beide zu anmutiger Schönheit herangewachsen. Sooft Sï-tji nach Hause kam, hatten sie beredte Blicke miteinander getauscht, die alten Gefühle waren unvergessen. Das einzige, was sie trennte, war der Mangel an Gelegenheit. Und da sie Angst hatten, ihre Eltern würden nicht einwilligen, hatten sie Mittel gefunden, um die alten Wächterinnen im Garten von beiden Seiten zu bestechen, damit sie das Tor für sie offenhielten und darauf sahen, daß die Luft rein blieb. Unter Ausnutzung des allgemeinen Trubels, der zur Zeit herrschte, hatten sie sich jetzt zum ersten Mal getroffen. Dabei waren sie zwar noch kein Paar geworden, aber sie hatten einander geschworen, ihre Liebe solle ewig währen, ewig wie das Meer und die Berge. Zur Bekräftigung hatten sie Geschenke getauscht, und die wechselseitigen Zärtlichkeiten waren grenzenlos gewesen. Nachdem sie von Yüan-yang überrascht worden waren, hatte sich der Bursche schnell einen Weg zwischen Blumen und Weiden gesucht und war durchs Nebentor verschwunden. Sï-tji fand zwar die ganze Nacht hindurch keinen Schlaf, aber Reue empfand sie nicht. Als sie am nächsten Tag Yüan-yang begegnete, wurde sie unwillkürlich abwechselnd rot und blaß und fühlte sich peinlichst berührt. Von ihrem unsagbaren Geheimnis gequält, konnte sie weder essen noch trinken und war unruhig, wohin sie ging und wo sie stand. Erst als sich nach mehreren Tagen immer noch nichts ereignet hatte, wurde sie ein wenig ruhiger. Doch dann kam am Abend plötzlich eine von den alten Sklavenfrauen zu ihr, um ihr verstohlen zu sagen: „Dein Vetter ist ausgerückt. Schon seit drei, vier Tagen ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Heute hat man Leute ausgeschickt, die überall nach ihm suchen.“ Als Sï-tji das hörte, hätte der Ärger sie beinahe umgeworfen, und sie sagte sich: „Wenn es wirklich herauskäme, müßten wir gemeinsam sterben. Aber er hat sich einfach aus dem Staube gemacht. Da sieht man, daß seine Gefühle nichts Ernstes waren.“ Und so kam zur Furcht auch noch der Verdruß. Schon am nächsten Tag fühlte sich Sï-tji so beklommen ums Herz, daß sie sich auch mit größter Anstrengung nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Sie stürzte förmlich ins Bett, um zu schlafen, und unversehens wurde eine ernsthafte Erkrankung daraus. Als Yüan-yang erfuhr, drüben sei ohne jeden Grund ein Sklavenjunge weggelaufen und im Garten sei Sï-tji so schwer erkrankt, daß man sie ausquartieren wolle, sagte sie sich, der Grund dafür müsse in beiden Fällen die Furcht vor Entdeckung sein. „Solche Angst haben sie also, ich könnte etwas verraten, daß ihnen der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren ist!“ dachte sie, und von Mitleid bewegt, suchte sie Sï-tji unter dem Vorwand eines Krankenbesuchs auf. Nachdem sie alle anderen aus dem Zimmer geschickt hatte, stand sie auf, um Sï-tji zu versichern: „Wenn ich es irgendwem sage, will ich zur Strafe auf der Stelle tot umfallen!“ Dann setzte sie hinzu: „Sei nur ganz ruhig und kurier dich aus, verdirb dir nicht grundlos dein bißchen Leben!“ Mit raschem Griff faßte Sï-tji nach ihrer Hand und sagte weinend: „Meine ältere Schwester! Von klein auf haben wir so dicht nebeneinander gelebt, daß unser beider Schläfenhaar sich berührt hat. Du hast mich nicht als Fremde behandelt, und auch ich habe nie gewagt, mich dir gegenüber respektlos zu verhalten. Wenn du jetzt von meinem Fehltritt wirklich niemand etwas sagst, bist du wie eine leibliche Mutter für mich. Jeder Tag, den ich noch leben darf, ist ein Geschenk von dir. Sobald ich wieder gesund bin, werde ich ein Täfelchen mit deinem Namen aufstellen und dann jeden Tag Weihrauch davor abbrennen und mich davor verbeugen, damit dir Glück und ein langes Leben beschieden sind. Und wenn ich sterbe, will ich als Esel oder als Hund wiedergeboren werden, damit ich dir vergelten kann, was du jetzt für mich tust. Wie das Sprichwort sagt, ‚Mag auch dein Festzelt tausend Li lang sein, es gibt kein Vergnügen, das nicht zu Ende geht.‘ So werden auch wir in ein paar Jahren alle von hier fortgehen. Aber das Sprichwort sagt auch ‚Wenn sogar treibende Wasserpflanzen einander wiederbegegnen, warum sollen sich dann zwei Menschen nicht wiedersehen?‘ Wie soll ich dir also für deine Güte danken, wenn wir uns vielleicht in Zukunft einmal wiedertreffen?“ Das hatte sie schluchzend vorgebracht und Yüan-yang das Herz damit so schwer gemacht, daß sie jetzt ebenfalls zu weinen begann und kopfnickend zu Sï-tji sagte: „Du hast vollkommen recht. Außerdem gehöre ich nicht zu den Verwalterinnen, warum also sollte ich dein Ansehen zerstören, bloß um meinen Diensteifer unter Beweis zu stellen?! Zumal ich in so einer Sache nicht gut von mir aus den Mund auftun kann, um jemand davon zu erzählen. Sei also wirklich unbesorgt! Und wenn du wieder gesund bist, mußt du dich in dein Los fügen und darfst keine Dummheiten mehr machen!“ Auf ihrem Kissen liegend, nickte Sï-tji eifrig dazu, und Yüan-yang sprach noch ein Weilchen begütigend auf sie ein, ehe sie endlich wieder fortging. Da Yüan-yang wußte, daß Djia Liän nicht zu Hause war, und da Hsi-fëng in der jüngsten Zeit ein schwungloses Benehmen an den Tag gelegt hatte, wie man es gar nicht von ihr gewöhnt war, wollte sie jetzt die Gelegenheit nutzen, um auch ihr einen Besuch zu machen. Also begab sie sich zu Hsi-fëngs Wohngehöft, und als die Leute am Innentor sie sahen, standen sie auf, um sie hineinzugeleiten. Als sie in den Vorraum trat, kam Ping-örl gerade aus den inneren Gemächern, und kaum hatte sie Yüan-yang erblickt, trat sie sofort auf sie zu und sagte leise und mit lächelnder Miene: „Sie hat eben einen Happen gegessen und hält jetzt Mittagsschlaf. Komm, setz dich ein Weilchen hier drüben herein!“ Also mußte Yüan-yang notgedrungen mit Ping-örl in das östliche Seitenzimmer gehen. Ein kleineres Sklavenmädchen brachte Tee, dann fragte Yüan-yang leise: „Was ist deiner jungen Herrin in den letzten Tagen? Sie wirkte richtig träge auf mich.“ So gefragt, antwortete Ping-örl, da weiter niemand im Zimmer war, nach einem Seufzer: „Diese Trägheit ist nichts Neues an ihr, die hat sie schon vor mehr als einem Monat gehabt. Durch die Aufregung der jüngsten Zeit und durch den unnötigen Ärger, den sie hatte, ist diese Trägheit jetzt erneut aufgetreten. In den letzten beiden Tagen sind noch ein paar andere Beschwerden dazugekommen, bis es schließlich zuviel für sie war und sie die Sache nicht länger verheimlichen konnte.“ „Aber warum holt ihr denn nicht schnell einen Arzt, der sie wieder gesund macht?“ fragte Yüan-yang sofort. „Du weißt noch immer nicht, wie sie ist, meine Schwester“, sagte Ping-örl darauf. „Von wegen Arztbesuch und Medizinschlucken! Als ich es nicht mehr mit ansehen konnte und nur einmal gefragt habe, wie sie sich fühle, ist sie schon böse geworden und hat mir vorgeworfen, ich wolle ihr eine Krankheit anhexen. Und ungeachtet ihres Zustands muß sie jeden Tag dies überprüfen und jenes kontrollieren, anstatt ein bißchen einsichtig zu sein und sich zu schonen.“ „Aber trotzdem muß doch ein Arzt geholt werden, der feststellt, was ihr fehlt, damit sich alle abregen können“, beharrte Yüan-yang. „So geringfügig, glaube ich, ist ihre Krankheit gar nicht, meine Schwester“, deutete Ping-örl an. „Ja, was hat sie denn?“ fragte Yüan-yang sofort. Also rückte Ping-örl noch ein Stück näher zu ihr heran und sagte ihr direkt ins Ohr: „Seitdem sie im vergangenen Monat ihre Regel hatte, blutet und blutet sie ununterbrochen. Ist das eine ernsthafte Erkrankung oder nicht?“ „O weh!“ entgegnete Yüan-yang sogleich. „Nach dem, was du sagst, wird sie doch nicht etwa einen Blutsturz bekommen?“ Hastig spuckte Ping-örl aus, dann sagte sie leise und mit lächelnder Miene: „Wie kann ein Mädchen wie du so etwas sagen?! Und beschrei es bloß nicht!“ Unwillkürlich wurde Yüan-yang rot, ehe sie genauso leise und ebenfalls lächelnd erwiderte: „Ich weiß ja eigentlich auch nicht richtig, was das ist, ein Blutsturz. Aber hast du vergessen, daß damals meine ältere Schwester daran gestorben ist? Ich wußte erst gar nicht, was sie hatte, aber zufällig hörte ich dann, wie meine Mutter mit der Schwiegermutter meiner Schwester darüber sprach, und wunderte mich noch, was das wohl sei. Später habe ich dann noch gehört, wie meine Mutter den Hergang genau geschildert hat, da ist es mir dann zu ein, zwei Zehnteln klar geworden.“ „Richtig!“ sagte Ping-örl lächelnd, „ich hatte ganz vergessen, daß du es ja wissen mußt.“ Während die beiden noch miteinander sprachen, kam ein kleines Sklavenmädchen herein und sagte zu Ping-örl: „Eben war diese Tante Dschu wieder da. Wir haben ihr gesagt, daß die junge Herrin ihren Mittagsschlaf hält, da ist sie zur gnädigen Frau gegangen.“ Ping-örl nickte nur, Yüan-yang aber erkundigte sich: „Was ist das für eine Tante Dschu?“ „Schwägerin Dschu, die Heiratsvermittlerin“, gab Ping-örl Auskunft. „Irgendein Herr Sun will sich mit unserer Familie verschwägern, darum schickt sie uns in der letzten Zeit jeden Tag ihre Karte und tötet uns regelrecht den Nerv.“ Kaum hatte sie das gesagt, kam das kleine Sklavenmädchen wieder hereingelaufen und meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“ Im nächsten Augenblick stand Djia Liän schon in der Tür des Vorraums und rief nach Ping-örl. Ehe sie ihm antworten und entgegengehen konnte, trat Djia Liän bereits ins Zimmer. Als er von der Tür aus sah, daß Yüan-yang auf dem Ofenbett saß, blieb er stehen und sagte lächelnd: „Schwester Yüan-yang! Hat dein edler Fuß heute einmal mein schäbiges Heim betreten?“ Yüan-yang blieb ruhig sitzen, während sie lächelnd erwiderte: „Ich kam, um Euch und der jungen Herrin meine Aufwartung zu machen, aber Ihr wart nicht zu Hause, und die junge Herrin schläft.“ „So aufopferungsvoll, wie du das ganze Jahr über die alte gnädige Frau bedienst, hätte zuerst ich dir einen Besuch machen müssen, ehe ich wagen dürfte, dich hierher zu uns zu bemühen“, versicherte Djia Liän, „aber es trifft sich gut, denn ich wollte sowieso zu dir. Nur weil mir dieses Übergewand zu warm ist, hatte ich mir zuerst ein dünner gefüttertes anziehen wollen, ehe ich zu dir hinübergehe. Nun aber meint es der Himmel gut mit mir und hat mir den Weg erspart, indem du schon hier im Zimmer sitzt.“ Während er das sagte, hatte er sich auf einem Stuhl niedergelassen. „Was gibt es denn zu besprechen?“ erkundigte sich Yüan-yang. Djia Liän lachte erst einmal, ehe er schließlich sagte: „Da ist etwas, was ich einfach vergessen habe. Aber ich glaube, du wirst es noch wissen. Als die alte gnädige Frau letztes Jahr ihren Geburtstag beging, hat ihr ein auswärtiger Mönch eine Buddhahand-Zitrone[1] aus gelbem Wachsstein verehrt, die ihr so gut gefiel, daß sie sie gleich dabehielt, um sie bei sich aufzustellen. Als sie jetzt wieder Geburtstag hatte, sah ich, daß diese Position im Raritätenverzeichnis noch offen ist, weiß aber nicht, wo das Stück abgeblieben ist. Die Verantwortlichen in der Raritätenkammer haben mich auch schon ein paarmal darauf aufmerksam gemacht und verlangt, daß ich mich danach erkundige, damit sie es entsprechend vermerken können. Deshalb wollte ich dich fragen, ob das Stück noch bei der alten gnädigen Frau steht oder ob sie es jemand anders gegeben hat.“ „Bei der alte gnädigen Frau stand es nur ein paar Tage, dann hatte sie es über und gab es Eurer Frau, und Ihr fragt jetzt mich danach“, erwiderte Yüan-yang. „Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, an dem das war. Ich selbst habe die Frau von Alt Wang damit hinübergeschickt. Wenn Ihr es vergessen habt, solltet Ihr vielleicht Eure Frau oder Schwester Ping-örl fragen.“ Ping-örl, die eben etwas anderes zum Anziehen für Djia Liän holte, kam herüber, als sie das hörte, und bestätigte: „Wir haben das bekommen, es liegt jetzt oben im Speichergebäude. Die junge Herrin hatte auch jemand geschickt, um in der Raritätenkammer Bescheid zu sagen, daß es unseren Räumen zugeteilt worden ist, aber die müssen das wohl verschlafen haben und haben es nicht notiert, daß sie jetzt wegen so einer Kleinigkeit solches Gewese machen.“ „Aber warum weiß ich nichts davon, wenn sie es bekommen hat?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Ihr müßt es wohl vor mir versteckt haben.“ „Die junge Herrin hat Euch davon berichtet, und Ihr wolltet es sogar noch an jemand verschenken, es hat ziemliche Mühe gekostet, Euch davon abzubringen“, stellte Ping-örl richtig. „Jetzt, nachdem Ihr alles vergessen habt, behauptet Ihr plötzlich, wir hätten es vor Euch versteckt. Was ist das schon für ein kostbares Einzelstück?! Wir haben noch ganz andere Sachen nicht vor Euch versteckt, obwohl sie zehnmal besser waren, und plötzlich sollen wir Gefallen an so einem wertlosen Ding gefunden haben?!“ Djia Liän dachte ein Weilchen lächelnd und mit gesenktem Kopf darüber nach, dann schlug er die Hände ineinander und sagte: „Ich habe wirklich nicht mehr alle beisammen. Alles vergesse ich, alles entfällt mir, und jedermann bringe ich damit in Zorn. Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder.“ „Wer sollte Euch zürnen?“ fragte Yüan-yang mit lächelnder Miene. „Sorgen habt Ihr genug, geredet wird manches, und wenn Ihr dann noch ein paar Becher Wein trinkt, könnt Ihr natürlich nicht mehr alles klar unterscheiden.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um zu gehen. Sofort stand auch Djia Liän auf und bat: „Setz dich wieder hin, Schwester! Ich habe noch ein anderes Anliegen an dich.“ Dann fuhr er plötzlich die kleinen Sklavenmädchen an: „Warum habt ihr keinen ordentlichen Tee gebrüht? Holt schnell ein sauberes Deckelschälchen und brüht von dem neuen Tee auf, der gestern gebracht worden ist!“ Danach wandte er sich wieder Yüan-yang zu und erklärte ihr: „Durch den Geburtstag der alten gnädigen Frau haben wir die paar tausend Liang Silber, die im Hause waren, alle verbraucht. Den Mietzins für unsere Häuser und die Steuergelder für unsere Ländereien können wir erst im neunten Monat kassieren, aber so lange kommen wir nicht mehr aus. In den nächsten Tagen haben wir Geschenke in das Anwesen des Prinzen Nan-an zu schicken, dann müssen wir zum neunten neunten[2] Geschenke für die kaiserliche Nebenfrau vorbereiten, und schließlich ist noch an Freudenfeste und Trauerfeiern in mehreren Familien zu denken. So brauchen wir mindestens noch zwei- oder dreitausend Liang Silber, die wir im Augenblick nirgendwo auftreiben können. Nun sagt das Sprichwort ‚Besser, als bei andern zu suchen, ist es, bei sich selber zu suchen.‘ Darum bleibt nicht viel anderes übrig, als daß du das Vergehen auf dich nimmst, von den Gold- und Silbersachen, die die alte gnädige Frau nicht so leicht kontrollieren kann, eine Truhe voll heimlich herauszuschaffen, damit wir sie vorläufig für tausend Liang Silber oder so verpfänden können, mit denen wir die Lücke schließen können. In weniger als einem halben Jahr werden wir wieder Silber haben, dann löse ich die Sachen aus und gebe sie dir zurück. Auf keinen Fall wirst du dadurch in die Patsche geraten.“ „Ihr seid wirklich einfallsreich“, sagte Yüan-yang lächelnd. „Wie konntet Ihr bloß auf diesen Gedanken verfallen?!“ „Ich meine es wirklich ehrlich!“ beteuerte Djia Liän und lächelte ebenfalls. „Es gibt natürlich außer dir auch noch andere, die Zugang zu Wertsachen haben, für die man seine tausend Liang bekommen würde, aber die sind weder so verständnisvoll noch so mutig wie du. Wenn ich sie deswegen ansprechen wollte, würde ich ihnen nur einen Schreck einjagen. Darum sage ich mir, es ist besser, einmal die goldene Glocke anzuschlagen als dreitausendmal eine geplatzte Trommel.“ Kaum hatte er das gesagt, als plötzlich ein kleineres Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter hereinkam, das dringend nach Yüan-yang suchte, und sagte: „Die alte gnädige Frau wartet schon eine Ewigkeit auf Euch, Schwester. Nirgends wart Ihr zu finden, und jetzt sitzt Ihr hier!“ Als Yüan-yang das gehört hatte, machte sie sich sofort auf den Weg zur Herzoginmutter. Als Djia Liän sah, daß sie fort war, mußte er sich wohl oder übel um Hsi-fëng kümmern gehen. Wider Erwarten war sie schon wach gewesen, doch als sie gehört hatte, daß sich Djia Liän etwas zum Verpfänden von Yüan-yang borgen wollte, hatte sie sich nicht gut bemerkbar machen können, deshalb war sie einfach auf ihrer Ruhebank liegengeblieben. Als sie hörte, wie Yüan-yang wegging, und Djia Liän jetzt zu ihr hereintrat, fragte sie: „Hat sie eingewilligt?“ „Das nicht“, berichtete Djia Liän lächelnd, „aber einigen Erfolg habe ich schon gehabt. Du mußt am Abend noch einmal mit ihr sprechen, dann ist die Sache perfekt.“ „Ich will nichts damit zu tun haben“, erklärte Hsi-fëng lächelnd, „was ist, wenn sie wirklich zustimmt? Jetzt machst du schöne Worte, aber wenn du das Geld erst hast, sind die schönen Worte vergessen. Wer möchte dann mit dir rechten? Und wenn die alte gnädige Frau etwa doch von der Sache erfährt, ist es mit dem Ansehen, das ich mir in all den Jahren bei ihr erworben habe, aus und vorbei.“ „Du meine Wohltäterin!“ schmeichelte Djia Liän ihr lächelnd, „was möchtest du zum Dank haben, wenn du die Sache für mich zum Abschluß bringst?“ Ebenfalls lächelnd, forderte Hsi-fëng ihn auf: „Sag du, was du mir geben würdest!“ „Du kannst haben, was du willst“, versicherte Djia Liän, immer noch lächelnd. Da mischte auch Ping-örl sich lächelnd ein und sagte: „Laßt Euch kein einfaches Dankgeschenk geben, junge gnädige Frau! Gestern erst habt Ihr erwähnt, daß Euch für einen bestimmten Zweck ein-, zweihundert Liang Silber fehlen. Da ist es doch das beste, Ihr sorgt dafür, daß er die Wertsachen geborgt bekommt, und nehmt ein-, zweihundert Liang von dem Silber. Wäre dann nicht für beide Seiten alles aufs beste geregelt?“ „Gut, daß du mich daran erinnerst. So werden wir es machen!“ entschied Hsi-fëng lächelnd. „Ihr seid wirklich zu hart“, wandte Djia Liän, nach wie vor lächelnd, ein. „Ihr wärt doch nicht in Verlegenheit um ein Pfand, das tausend Liang Silber wert ist, nicht einmal um drei- oder fünftausend Liang bares Silber. Seid doch zufrieden, daß ich nicht von euch borgen will! Statt dessen verlangt ihr Prozente, nur weil ich euch bemühen will, einen einzigen Satz zu sagen. Das ist doch wahrhaftig die Höhe!“ Jetzt richtete Hsi-fëng sich auf, ehe sie ihm erwiderte: „Wenn ich dreitausend oder fünftausend Liang besitze, habe ich sie schließlich nicht dir weggenommen. Drinnen und draußen schwatzt hoch und niedrig hinter meinem Rücken schon genug über mich. Das fehlte gerade noch, daß auch du damit anfängst. Da sieht man, daß man sich wahrhaftig keine Feinde unter Fremden macht, wenn man nicht in der eigenen Familie welche hat! Woher haben denn wir Wangs all unser Geld? Von euch Djias vielleicht? Ihr seid mir gerade die richtigen Schï Tschungs und Dëng Tungs[3]. Allein was man bei uns aus den Fußbodenritzen fegen könnte, würde doch ausreichen, damit ihr euer Leben lang ein Auskommen hättet. Das kann ich sagen, ohne daß ich Angst haben muß, mich einer Übertreibung zu schämen. Hier ist der Beweis: Schau dir nur an, was von der gnädigen Frau als Mitgift ins Haus gebracht wurde und von mir genauso. Welches Stück davon müßte den Vergleich mit euren Sachen scheuen?“ „Kaum daß man einen kleinen Scherz macht, regst du dich auf“, sagte Djia Liän lächelnd. „Was soll sein! Was macht es schon, wenn du ein-, zweihundert Liang Silber brauchst? Wenn ich auch mehr nicht habe, aber die habe ich noch. Ich werde sie holen, du gibst sie aus, und dann sehen wir weiter!“ „Ich brauche sie ja nicht für meine Beerdigung, damit man sie mir als Totenamulett in den Mund steckt und unter den Rücken legt. Wozu also die Eile?“ gab Hsi-fëng zurück. „Warum mußt du dich so ereifern? Du bringst nur wieder das Feuer der Leber zum Lodern“, beschwichtigte sie Djia Liän. „Nicht ich rege mich auf, du durchbohrst einem mit deinen Worten das Herz“, sagte Hsi-fëng und lächelte wieder. „Ich hatte daran gedacht, daß sich übermorgen der Todestag der zweiten Schwester You zum erstenmal jährt, und da wir befreundet waren, wollte ich, wenn ich schon sonst nichts tun kann, zu ihrem Grab gehen und Opfergeld für sie verbrennen, um zu zeigen, daß ich sie als meine Schwester betrachte. Wenn sie uns auch keinen Sohn und keine Tochter hinterlassen hat, so müssen doch die Überlebenden dafür geradestehen, was die Verstorbenen verschuldet haben.“ Damit hatte sie Djia Liän zum Schweigen gebracht, und er dachte mit gesenktem Koppf eine Zeitlang nach, ehe er schließlich sagte: „Es ist lieb von dir, daß du so an alles denkst. Ich hatte das ganz vergessen. Da du das Silber erst übermorgen brauchst, kannst du, wenn ich morgen diese Summe bekomme, so viel davon haben, wie du willst.“ Bei den letzten Worten war Lai Wangs Frau eingetreten, und Hsi-fëng fragte sie: „Hat es geklappt?“

„Nein, es hat nichts genützt“, erwiderte jene. „Ich glaube, Ihr müßt das in die Hand nehmen, junge gnädige Frau, damit etwas daraus wird.“

„Worum geht es denn wieder?“ wollte Djia Liän wissen. „Ach, es ist nichts Besonderes“, erklärte ihm Hsi-fëng, „Lai Wang hat einen Sohn, der jetzt siebzehn ist und noch keine Braut hat. Er wollte gern um Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau für ihn freien, aber da man nicht wissen konnte, wie die gnädige Frau darüber denkt, hatte er noch nicht mit Tsai-hsias Eltern darüber gesprochen. Nun hatte die gnädige Frau neulich geäußert, angesichts dessen, daß Tsai-hsia schon groß ist und viel von Krankheit und anderem Unheil befallen wird, wolle sie großzügig sein und sie freigeben, damit ihre Eltern nach eigenem Ermessen einen Bräutigam für sie suchen können. Deshalb hat sich Lai Wangs Frau an mich gewandt. Mir schien, die beiden Familien seien einander ebenbürtig und deshalb müsse die Sache auf Anhieb gelingen, aber nun kommt sie und sagt mir, ihre Bemühungen hätten nichts genützt.“ „Was für ein schwerwiegendes Problem ist das schon?“ meinte Djia Liän. „Es gibt doch bessere als Tsai-hsia!“ „Das sagt Ihr so, Herr“, erwiderte Lai Wangs Frau mit lächelnder Miene, „aber wenn nicht einmal ihre Familie uns achtet, werden andere es noch viel weniger tun. Es hat uns viel Mühe gekostet, bis wir endlich diese Braut für ihn gefunden haben, deshalb möchte ich Euch bitten, junger gnädiger Herr und junge gnädige Frau, daß Ihr uns die Gnade erweist und die Sache zum Abschluß bringt. Nur weil Ihr, junge gnädige Frau, sagtet, Tsai-hsias Eltern würden ganz gewiß zustimmen, habe ich jemand bemüht, einen Versuch zu wagen, doch wider Erwarten hat sich meine Botin für nichts und wieder nichts eine Anfuhr geholt. Gegen das Mädchen selbst ist ja nichts zu sagen. Als ich ihr in meiner Art beiläufig auf den Zahn fühlte, machte sie keinerlei Einwendungen. Nur ihre Eltern, diese beiden alten Stücke, haben Höheres mit ihr im Sinn.“ Durch diese Worte fühlten sich Hsi-fëng und Djia Liän an ihrer Ehre gepackt, doch weil Djia Liän mit dabei war, sagte Hsi-fëng kein Wort und wartete nur ab, wie er sich dazu stellen würde. Djia Liän aber hatte ganz andere Sorgen, um sich solche Kleinigkeit zu Herzen zu nehmen, und wollte sich am liebsten aus der Sache heraushalten. Aber dann sagte er sich, Lai Wangs Frau sei nun einmal von Hsi-fëng mit in die Ehe gebracht worden und habe ihre Verdienste, so daß eine Ablehnung ihrem Ansehen wirklich zu großen Abbruch tun würde. Darum sagte er: „Was ist das schon großartig, daß man noch lange darüber palavern muß?! Geh nur unbesorgt wieder nach Hause! Morgen werde ich den Vermittler spielen und zwei angesehene Leute zu Tsai-hsias Vater schicken, die mit ihm sprechen und gleich die Verlobungsgeschenke mitnehmen, wobei sie darauf hinweisen sollen, daß diese Hochzeit meine Idee ist. Und wenn er sich dann immer noch nicht einverstanden erklärt, lasse ich ihm bestellen, ich wolle ihn bei mir sehen.“ Lai Wangs Frau warf einen fragenden Blick auf Hsi-fëng, und diese machte ihr mit dem Kinn ein Zeichen. Lai Wangs Frau verstand, was sie damit meinte, und ließ sich rasch auf die Knie nieder, um sich mit einem Stirnaufschlag für Djia Liäns Gnadenbeweis zu bedanken. „Vor deiner Herrin mußt du einen Stirnaufschlag machen!“ belehrte Djia Liän sie sofort. „Ich habe zwar gesagt, so wird es gehen, aber trotzdem muß auch deine Herrin ihren Leuten befehlen, Tsai-hsias Mutter rufen zu lassen und mit ihr zu sprechen. Das wäre besser, denn wenn sie auch ganz bestimmt ja sagen werden, darf man doch in so einer Angelegenheit nicht tyrannisch vorgehen.“ „Wenn sogar du dermaßen gnädig bist und dir solche Mühe gibst, kann ich nicht gut teilnahmslos daneben stehen und die Hände in die Ärmel stecken“, beteuerte Hsi-fëng rasch mit lächelnder Miene, um dann, an Lai Wangs Frau gewandt, fortzufahren: „Hör zu! Nachdem diese Angelegenheit entschieden ist, mußt auch du so schnell wie möglich etwas für mich erledigen! Sag deinem Mann, er soll alle Schulden, die die Leute noch bei mir haben, bis zum Jahresende für mich eintreiben, und keine einzige Bronzemünze darf fehlen! Mein Ruf ist schon schlecht genug, und wenn ich noch ein weiteres Jahr Gelder verleihe, frißt man mich bei lebendigem Leibe.“ „Ihr seid zu kleinmütig, junge gnädige Frau. Wer würde es wagen, mit Euch zu streiten?“ erwiderte Lai Wangs Frau lächelnd. „Doch ehrlich gesagt, würden wir uns einige Mühe ersparen und nicht so leicht jemand eine Kränkung zufügen, wenn Ihr damit Schluß machen würdet.“ Mit kühlem Lächeln erklärte Hsi-fëng: „Ich habe das auch nur aus purer Dummheit gemacht. Wirklich, warum sollte ich für mich auf Geld aussein?! Es ging einzig und allein darum, daß wir für unsern täglichen Bedarf mehr ausgeben, als wir hereinbekommen. Was ich mit dem jungen Herrn zusammen bekomme, dazu noch das Monatsgeld für die vier Mägde, macht alles in allem nur zwischen zehn und zwanzig Liang im Monat aus. Das reicht knapp für die Ausgaben von drei bis fünf Tagen. Wer weiß, in welchem verfallenen Brennofen wir schon wohnen würden[4], wenn ich nicht alles zusammengekratzt hätte, was ich nur konnte.Aber das hat mir jetzt den Ruf eines heruntergekommenen Taugenichtses eingebracht, der Gelder verleiht. Und wenn das so ist, gebe ich die Sache einfach auf. Geld auszugeben verstehe ich nicht schlechter als jeder andere auch, also werden wir in Zukunft herumsitzen und nur noch ausgeben. Mag es reichen, solange es reicht! Ist denn das noch eine Art? Als die alte gnädige Frau jetzt Geburtstag hatte, hat sich die gnädige Frau volle zwei Monate lang Sorgen gemacht, weil sie nicht wußte, woher sie Geld nehmen sollte, bis schließlich ich ihr den Tip gegeben habe, daß im Obergeschoß des rückwärtigen Speichergebäudes vier, fünf Truhen mit großen Messing- und Zinngefäßen standen, auf die es nicht weiter ankam. Die haben wir hinausgeschafft und haben dreihundert Liang Silber dafür bekommen. Nur so ist die gnädige Frau zu einem Proformageschenk gekommen, mit dem sie die Situation retten konnte. Ich habe, wie ihr wißt, diese goldene Uhr mit Schlagwerk verkauft, für die ich fünfhundertsechzig Liang Silber bekommen habe. Aber es ist noch kein halber Monat vergangen, schon habe ich in die zehn, zwölf großen und kleinen Angelegenheiten, die seitdem vorgefallen sind, für nichts und wieder nichts alles hineinstecken müssen. Jetzt reicht das Geld sogar im äußeren Bereich des Anwesens nicht, und irgend jemand – ich weiß nicht wer – ist auf den Einfall gekommen, deswegen an die Sachen der alten gnädigen Frau zu gehen. In einem Jahr werden wir soweit sein, daß jeder an unseren Kopfschmuck und unsere Kleider geht. Das wird erst gut werden!“ „Schmuck und Kleider einer jeden gnädigen Frau würden, zu Geld gemacht, gewiß ausreichen, um ein Leben lang davon zu zehren. Nur welche der gnädigen Frauen würde sich auf so etwas einlassen?“ sagte Lai Wangs Frau lächelnd. „Ich will nicht sagen, daß ich zu nichts mehr fähig bin“, fuhr Hsi-fëng fort, „aber auf diese Art kann ich wirklich nicht mehr. Gestern nacht hatte ich plötzlich einen Traum, er hört sich vielleicht sogar komisch an. Im Traum hat mich jemand aufgesucht, der mir zwar bekannt vorkam, dessen Name mir aber nicht einfallen wollte. Als ich ihn fragte, was er wolle, sagte er, die kaiserliche Nebenfrau schicke ihn, um hundert Stücken bunten Seidenstoff von mir zu holen. Als ich dann wissen wollte, welche kaiserliche Nebenfrau das sei, sagte er, nicht die aus unserer Familie. Und als ich ihm die Seide deshalb nicht geben wollte, kam er auf mich zu und wollte sie mir wegnehmen. In dem Augenblick bin ich wach geworden.“ Lächelnd sagte Lai Wangs Frau: „Das lag nur daran, daß Ihr Euch den Tag über angestrengt hattet und daß Ihr ständig mit Aufträgen für den kaiserlichen Harem zu tun habt.“ Das hatte sie kaum gesagt, als gemeldet wurde: „Der Oberhofkämmerer Hsia hat einen jungen Eunuchen geschickt, um etwas mit Euch zu besprechen.“ Sofort runzelte Djia Liän die Brauen und fragte: „Was will er wohl schon wieder besprechen? Hat er das ganze Jahr über noch nicht genug weggeschleppt?“ „Du versteck dich!“ forderte Hsi-fëng ihn auf, „ich werde ihn empfangen, und wenn es nur einer Kleinigkeiten wegen ist, mag es angehen. Wenn es sich jedoch um etwas Größeres handelt, weiß ich schon, was ich ihm sage.“ Wirklich versteckte sich Djia Liän im Innenraum, Hsi-fëng aber ließ den jungen Eunuchen hereinrufen. Als er dann auf einem Stuhl Platz genommen hatte und Tee trank, fragte sie, was es gebe. Darauf erwiderte er: „Seine Exzellenz Hsia hat heute durch Zufall ein Haus gesehen, aber es fehlen ihm zweihundert Liang Silber. Darum hat er mich geschickt, um Euch zu fragen, ob Ihr soviel Silber im Haus habt, daß Ihr ein- oder zweihundert Liang für ihn auslegen könnt. In ein, zwei Tagen schickt er es wieder zurück.“ „Mit dem Zurückschicken hat es Zeit“, sagte Hsi-fëng lächelnd. „Silber haben wir mehr als genug, also soll er es nur einstweilen nehmen. Wenn wir ein andermal damit knapp sind, können wir immer noch bei ihm borgen kommen.“ „Außerdem hat seine Exzellenz gesagt, von den letzten beiden Malen sei er noch eintausendzweihundert Liang schuldig“, fuhr der junge Eunuch fort. „Er könne dann natürlich zum Jahresende alles auf einmal zurückzahlen.“ Wieder lächelte Hsi-fëng, als sie jetzt sagte: „Exzellenz Hsia ist recht kleinlich, wenn er das so genau nimmt. Ohne ihm nahe treten zu wollen, möchte ich sagen, wenn er uns alles vollständig zurückerstatten wollte, hätte er eine ganz schöne Menge zu zahlen. Das einzige, was passieren könnte, ist, daß uns das Silber ausgeht. Aber solange wir welches haben, soll er es sich nur holen!“ Dann ließ sie Lai Wangs Frau hereinrufen und befahl ihr: „Geh und hol mir zweihundert Liang Silber, egal woher!“ Lai Wangs Frau verstand, worum es ging, und sagte lächelnd: „Nur weil ich woanders nichts bekommen konnte, bin ich zu Euch gekommen, um mir welches geben zu lassen.“ „Ihr versteht es nur, hierher zu mir zu kommen und Geld zu verlangen, aber wenn ihr draußen welches borgen sollt, seid ihr unfähig“, warf Hsi-fëng ihr vor. Dann rief sie Ping-örl und befahl: „Nimm meine beiden Halsreifen und geh sie für vierhundert Liang Silber versetzen!“ Ping-örl sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus. Als sie nach geraumer Zeit wiederkam, brachte sie wirklich eine seidenbezogene Schatulle, in der, in Seide gehüllt, zwei Halsreifen lagen. Als sie sie auswickelte, zeigte sich, daß der eine aus Goldfiligran bestand und mit Perlen verziert war, die so groß waren wie Lotoskerne, während der andere mit Eisvogelfedern besetzt und mit Edelsteinen geschmückt war. Beide standen in keiner Weise den Schmuckstücken nach, die im Kaiserpalast getragen wurden. Ping-örl ging damit fort, und als sie zurückkam, brachte sie wirklich vierhundert Liang Silber. Hsi-fëng ordnete an, die Hälfte davon dem jungen Eunuchen einzupacken, und die andere Hälfte mußte jemand zu Lai Wangs Frau bringen, damit sie die Vorbereitungen für das Mittelherbstfest[5] treffen konnte. Nun verabschiedete sich der junge Eunuch wieder, und Hsi-fëng befahl noch, jemand solle das Silber für ihn bis zum Außentor tragen. „Wann werden diese fremden Hungergeister endlich einmal genug haben?“ fragte Djia Liän lächelnd, als er wieder hereinkam. „Gerade hatte ich davon gesprochen, da mußte er hier auftauchen!“ kommentierte Hsi-fëng, ebenfalls lächelnd. „Gestern ist der Obereunuch Dschou hier gewesen“, berichtete Djia Liän. „Kaum daß er den Mund aufmachte, wollte er eintausend Liang haben, und als ich einen Moment zögerte, wurde er gleich ärgerlich. In Zukunft werden wir noch oft jemand kränken müssen. Es wäre schon schön, wenn man noch einmal zu zwei oder drei Millionen kommen könnte.“ Während er das sagte, war Ping-örl schon Hsi-fëng behilflich, sich das Gesicht zu waschen und andere Kleider anzulegen, damit sie zur Herzoginmutter hinübergehen und ihr beim Abendessen aufwarten konnte. Nun ging auch Djia Liän aus dem Hause, und als er eben zu seiner äußeren Bibliothek kam, sah er plötzlich Lin Dschï-hsiau auf sich zukommen. Als er ihn fragte, was es gebe, antwortete Lin Dschï-hsiau: „Gerade habe ich erfahren, Herr Yü-tsun sei seines Postens enthoben worden. Ich weiß aber nicht, warum. Vielleicht ist es also gar nicht wahr.“ „Wahr oder nicht wahr, lange wird er sein Amt bestimmt nicht behalten“, erwiderte Djia Liän. „Es ist nicht einmal gesagt, daß wir nicht mit hineingezogen werden, wenn ihm so etwas widerfährt. Darum wäre es besser, sich von ihm fernzuhalten.“ „Da habt Ihr ganz recht“, bestätigte Lin Dschï-hsiau, „nur wird sich das im Moment schlecht machen lassen. Der gnädige Herr aus dem Ostanwesen versteht sich besser mit ihm als je zuvor, und unser älterer gnädiger Herr hat ihn ebenfalls gern, immerzu besuchen sie einander. Wer wüßte das nicht!“ „Jedenfalls dürfen wir uns nicht auf Geschäfte mit ihm einlassen, dann kann uns auch nicht viel passieren“, entschied Djia Liän. „Geh und erkundige dich, ob die Sache wahr ist und was der Grund ist!“ Lin Dschï-hsiau sagte zwar jawohl, rührte sich aber nicht von der Stelle. Vielmehr blieb er auf seinem Stuhl sitzen und hielt das Gespräch in Gang. Als sie dabei auch auf die häuslichen Schwierigkeiten zu sprechen kamen, war das für ihn das passende Stichwort, um einzuflechten: „Es sind zu viele Leute im Haus. Es wäre das beste, der alten gnädigen Frau und dem gnädigen Herrn in einer Mußestunde darüber Bericht zu erstatten, damit einige von den alten Leuten, die zwar ihre Verdienste haben, jetzt aber zu nichts mehr nütze sind, aus Gnade freigegeben werden. Zum einen hat sowieso jeder von ihnen seine eigene Wirtschaft, zum andern läßt sich dadurch jedes Jahr einiges an Verpflegung und Monatsgeldern einsparen. Außerdem gibt es auch zu viele Mägde in den inneren Gemächern. Der Volksmund sagt richtig ‚Eine Zeit gleicht nicht der andern.‘ Darum können auch wir jetzt nicht länger an den alten Regelungen festhalten, und notgedrungen muß sich jeder ein bißchen einschränken. Wem acht Mägde zur Bedienung zustanden, der muß eben mit sechsen auskommen, und wer vier hatte, muß mit zweien zufrieden sein. Wenn man das für alle Wohnräume zusammenzählt, kann man in einem Jahr ebenfalls eine ganze Menge an Verpflegung und Monatsgeldern einsparen. Außerdem ist die Hälfte aller Mägde in den inneren Gemächern schon überaltert und muß verheiratet werden. Bringen sie uns nicht wieder Leute zur Welt, wenn sie erst eine Familie haben?“ „Dasselbe habe ich mir auch schon gesagt“, versicherte Djia Liän, „aber der gnädige Herr ist eben erst wieder nach Hause gekommen, und soundso viele wichtige Dinge habe ich ihm noch nicht gemeldet, wie kann ich ihm da mit so etwas kommen?! Neulich erst ist die Heiratsvermittlerin mit einer Verlobungskarte dagewesen, um uns eine Hochzeit anzutragen, aber die gnädige Frau hat gesagt, der gnädige Herr sei gerade erst zurückgekommen und genieße es jeden Tag von neuem, wieder mit seiner Familie vereint zu sein, deshalb sei zu befürchten, daß es ihn betrübt, wenn man ihm auf einmal vorschlägt, seine Tochter zu verheiraten. Darum sollte noch nicht davon gesprochen werden.“ „Das ist auch völlig richtig, und die gnädige Frau hat da sehr umsichtig gehandelt“, beeilte sich Lin Dschï-hsiau zu bestätigen. „Eben!“ sagte Djia Liän, „aber da fällt mir gerade etwas ein. Der Sohn von unserm Lai Wang möchte gern Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau heiraten. Gestern hat sich Lai Wang deswegen an mich gewandt, aber mir scheint, so ein großes Problem kann das nicht sein, und darum ist es ganz egal, wer hingeht, um mit den Eltern des Mädchens zu reden. Sieh also zu, wer gerade frei ist, und schick ihn hin, um in meinem Namen dort vorzusprechen!“ Notgedrungen mußte Lin Dschï-hsiau ja sagen, aber nach einiger Zeit empfahl er dann lächelnd: „Wenn Ihr mich fragt, junger Herr, solltet Ihr besser die Finger davon lassen! Lai Wangs Sohn ist zwar noch jung, aber er treibt sich draußen herum, um zu trinken und Glücksspiele zu spielen, und kennt überhaupt keine Hemmungen. Die beiden sind zwar Sklaven, aber eine Hochzeit ist doch fürs ganze Leben. Tsai-hsia habe ich zwar in den letzten Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen, aber es wird erzählt, sie habe sich prächtig herausgemacht. Warum soll man sie mir nichts, dir nichts ins Unglück stürzen?!“ „Trinkt denn sein Sohn so stark, daß er deshalb kein Mensch mehr ist?“ erkundigte sich Djia Liän. „Nicht nur daß er trinkt und um Geld spielt, er schreckt draußen vor keiner Schlechtigkeit zurück“, sagte Lin Dschï-hsiau mit einem verächtlichen Lächeln um die Lippen. „Nur weil er zum Gesinde der jungen gnädigen Frau gehört, haben wir immer wieder ein Auge zugedrückt.“ „Davon habe ich nichts gewußt“, versicherte Djia Liän, „aber wenn das so ist, soll er statt einer Braut eine Tracht Prügel bekommen und eingesperrt werden! Und dann sollen sich seine Eltern für ihn verantworten!“ „Nicht gerade jetzt!“ riet ihm Lin Dschï-hsiau. „Wir wollen warten, bis er wieder einmal etwas angestellt hat, und dann melden wir es Euch, damit Ihr ihn bestrafen könnt. Jetzt aber laßt es ihm noch einmal durchgehen!“ Djia Liän erwiderte nichts darauf, und einige Zeit später ging Lin Dschï-hsiau fort. Am Abend ließ Hsi-fëng durch eine Botin Tsai-hsias Mutter zu sich rufen, um für Lai Wangs Sohn die Brautwerberin zu spielen. Und obwohl Tsai-hsias Mutter aus tiefstem Herzen dagegen war, hatte sie doch angesichts der Ehre, die Hsi-fëng ihr durch diese persönliche Werbung antat, keine andere Wahl, als gegen den eigenen Willen lauthals zuzustimmen. Als Hsi-fëng sich dann bei Djia Liän erkundigte, ob jemand mit Tsai-hsias Vater gesprochen habe, sagte er: „Ich hatte es schon befohlen, aber dann erfuhr ich, daß Lai Wangs Sohn ein großer Taugenichts ist, darum habe ich den Befehl zurückgenommen. Wenn es wirklich stimmt, was man von ihm sagt, sollte man ihn erst einmal eine Zeitlang unter Aufsicht stellen und erziehen. Danach ist immer noch Zeit, ihm eine Frau zu geben.“ „Wer hat dir denn das gesagt, daß er ein Taugenichts ist?“ wollte Hsi-fëng wissen. „Nur einer von unsern Leuten, wer sonst?“ wich Djia Liän aus. „Wer aus dem Hause Wang kommt, ist freilich nicht nach Eurem Geschmack, das trifft auf mich zu, und auf die Sklaven natürlich erst recht“, sagte Hsi-fëng mit lächelndem Gesicht. „Eben erst habe ich mit Tsai-hsias Mutter gesprochen, und sie war Feuer und Flamme. Soll ich sie vielleicht gleich noch einmal holen lassen, um ihr zu sagen, wir wollten nicht mehr, oder wie?“ „Wenn du schon mit ihr gesprochen hast, dürfen wir die Sache natürlich nicht wieder rückgängig machen“, sagte Djia Liän. „Morgen beauftrage ich Lai Wang, seinen Sohn ordentlich streng zu halten, und damit hat sich der Fall.“ Was an diesem Abend sonst noch gesagt wurde, braucht hier nicht erzählt zu werden. Seitdem Tsai-hsia von Dame Wang freigegeben worden war, hatte sie darauf gewartet, daß ihre Eltern einen Bräutigam für sie suchten. Zwar gab es die alte Bindung an Djia Huan, an der sie innerlich weiter festhielt, doch dazu hatte noch niemand seine Zustimmung gegeben. Jetzt mußte Tsai-hsia sehen, daß immer wieder Lai Wang für seinen Sohn um sie anhielt, aber sie hatte längst erfahren, daß Lai Wangs Sohn ein Trinker und Spieler war, der obendrein ein häßliches Aussehen hatte und sich auf keinerlei Handwerk verstand, und das hatte ihre Seelenqual nur vergrößert. Da sie zutiefst befürchtete, Lai Wang könnte seine Absicht, gestützt auf Hsi-fëngs Machtposition durchsetzen, was für sie ein Unglück fürs ganze Leben bedeuten würde, war ihr Herz in größter Bedrängnis. Deshalb gab sie am Abend heimlich ihrer jüngeren Schwester Hsiau-hsia den Auftrag, in den inneren Bereich des Anwesens zu gehen und Nebenfrau Dschau zu fragen, wie die Dinge stünden. Nebenfrau Dschau hatte sich mit Tsai-hsia immer bestens verstanden und hatte nichts sehnlicher gewünscht, als sie für Djia Huan zu bekommen, weil sie sich von ihr eine tatkräftige Hilfe versprach. Jetzt aber war Tsai-hsia plötzlich ganz wider Erwarten durch Dame Wang freigegeben worden. Zwar hatte Nebenfrau Dschau immer wieder versucht, Djia Huan anzustacheln, er solle Tsai-hsia für sich verlangen, aber erstens war Djia Huan zu scheu, um den Mund aufzumachen, und zweitens hatte er auch gar keine rechte Lust, denn er sagte sich, Tsai-hsia sei nur eine Magd, und wenn sie ginge, müßten natürlich andere nach ihr kommen. Längst bereit, Tsai-hsia fallenzulassen, hatte er die Sache immer wieder hinausgeschoben. Nebenfrau Dschau wollte auf Tsai-hsia nicht so leicht verzichten, und als diese jetzt auch noch ihre kleinere Schwester schickte, um sich Klarheit zu verschaffen, machte sie es sich zunutze, daß sie an diesem Abend keine Verpflichtungen hatte, und ging zu Djia Dschëng, um zunächst ihm ihre Bitte vorzutragen. Djia Dschëng aber fragte: „Wozu die Eile? Sollen sich die beiden Jungen nur noch ein, zwei Jahre mit den Büchern beschäftigen, dann ist es immer noch früh genug, daß sie ein Mädchen bekommen! Ich habe schon zwei von den Mägden ausgesucht, eine für Bau-yü und eine für Huan. Vorerst sind sie noch zu jung dafür, außerdem wäre zu befürchten, daß sie die Bücher darüber vernachlässigen, darum will ich noch ein bis zwei Jahre warten.“ „Aber Bau-yü hat schon seit zwei Jahren ein Mädchen“, sagte Nebenfrau Dschau. „Wißt Ihr das nicht?“ „Wer hat es ihm gegeben?“ wollte Djia Dschëng sofort wissen, doch bevor Nebenfrau Dschau darauf antworten konnte, war von draußen ein Krachen zu hören, das allen Anwesenden einen nicht geringen Schreck einjagte. Wer wissen will, was das war, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Vgl. o., Anm. zu S. 698.
  2. Der neunte Tag des neunten Monats nach dem altjinesischen Kalender war ein traditioneller Feiertag (tschung-yang djiä).
  3. Über Schï Tschung vgl. o., Anm. zu S. 316 (der Wein von Djin-gu). Dëng Tung war ein Günstling des Han-Kaisers Wën-di (regierte von 180 bis 157 v. u. Z.), von dem er großzügig beschenkt wurde. Durch das Recht der Münzherstellung, das er zusammen mit einer Kupfermine vom Kaiser bekam, gelangte er zu großem Reichtum.
  4. In zwei Theaterstücken aus der Yüan-Zeit, die beide den Titel ‚Die Geschichte vom verfallenen Brennofen‘ (Po-yau dji) tragen, wird die Geschichte eines Mädchens aus reichem Hause erzählt, das von seinem Vater verstoßen wird, weil es gewagt hatte, seinen Bräutigam selbst auszuwählen, und das dann in einem verfallenen Brennofen lebt.
  5. Vgl. o., Anm. zu S. 16.