Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 78"

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=== Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; Der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgottheit ===
 
=== Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; Der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgottheit ===
  
en Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“
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'''Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus.'''
Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“
 
„Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“
 
„Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“
 
Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“
 
Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Tjing-wën ist auch krank, und du gehst jetzt fort. Was soll werden, wenn ihr alle geht?“ Ungeduldig fuhr Dschou Juees Frau inzwischen Sï-tji an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht hören willst, kann ich dich auch schlagen. Bilde dir nur nicht ein, du könntest dich noch genauso aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich gehalten hat. Sieh zu, daß du endlich weiterkommst, anstatt hier noch lange zu schwatzen. Was ist das überhaupt für ein Benehmen, sich so an den jungen Herrn zu klammern?“ Und ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, zogen die Sklavenfrauen Sï-tji mit sich fort.
 
Bau-yü hatte Angst, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur böse nach, und erst als sie schon weit fort waren, streckte er die Hand nach ihnen aus und sagte empört: „Merkwürdig, merkwürdig! Wie kommt es nur, daß die Frauen, kaum daß sie verheiratet sind und mit Männergeruch in Berührung kommen, so gemein werden, daß man eher sie umbringen möchte als die Männer?“
 
Als die alten Sklavenfrauen, die das Gartentor zu hüten hatten, diese Worte vernahmen, mußten sie unwillkürlich lachen und fragten ihn: „Demnach sind wohl alle Mädchen gut, und alle Frauen sind schlecht?“
 
„Genau so ist es“, bestätigte Bau-yü und nickte dazu.
 
Lächelnd baten die Sklavenfrauen: „Dann erklärt uns doch bitte noch einen Satz, den wir in unserer Dummheit nicht verstehen...“
 
Aber noch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Sklavenfrauen und warnten sie dringend: „Seid vorsichtig! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich wird sie auch hierher kommen. Außerdem hat sie befohlen, daß der Vetter der Magd Tjing-wën aus dem Hof der Freude am Roten und die Frau des Vetters sofort geholt werden und hier warten, um Tjing-wën mitzunehmen.“
 
Dann setzten sie lächelnd hinzu: „Buddha Amitabha! Endlich hat der Himmel die Augen geöffnet und schafft uns diese bösartige Hexe vom Hals. Jetzt werden wir alle ein bißchen friedlicher leben!“
 
Kaum hatte Bau-yü gehört, Dame Wang sei im Garten, um das Personal zu inspizieren, befürchtete er sogleich, jetzt werde auch Tjing-wën nicht mehr zu halten sein, und wie im Flug stürzte er davon. Deshalb hatte er die letzte Äußerung der Zufriedenheit schon nicht mehr wahrgenommen.
 
Als Bau-yü in den Hof der Freude am Roten trat, fand er dort einen ganzen Trupp Leute vor. Dame Wang saß mit zorniger Miene im Zimmer und schenkte ihm keine Beachtung, als sie ihn sah.
 
Tjing-wën hatte schon vier, fünf Tage lang nicht einmal Wasser und Reis zu sich genommen. Sie war krank und schwach. Als sie jetzt vom Ofenbett gezerrt wurde, war ihr Haar zerzaust, und ihr Gesicht war schmutzig, zwei Frauen mußten sie stützen. Auf Befehl von Dame Wang durfte sie nur behalten, was sie auf dem Leib trug. All ihre guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Mädchen sie tragen könnten.
 
Dann gab Dame Wang den Befehl, alle Sklavenmädchen des Gehöfts zusammenzurufen, um sich eine nach der andern anzusehen. Nachdem Dame Wang neulich wütend geworden war und Wang Schan-baus Frau die Gelegenheit genutzt hatte, um Tjing-wën zu Fall zu bringen, hatten sich noch andere gefunden, die sich mit den Mädchen im Garten nicht verstanden und deshalb ebenfalls die Gunst der Stunde nutzten, um ein paar Worte anzubringen.
 
Dame Wang hatte sich alles gut gemerkt, und nur weil sie durch die Feiertage beschäftigt gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Jetzt aber war sie extra gekommen, um alle Mädchen persönlich in Augenschein zu nehmen. Dabei war die Sache mit Tjing-wën nur das eine, denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß Bau-yü schon groß sei und um die Geheimnisse der Erwachsenen wisse, doch statt sich zu vervollkommnen, werde er durch die Mägde in seinen Räumen verdorben. Dies war schlimmer als die Anwesenheit von Tjing-wën, und deshalb sah sich Dame Wang jedes einzelne Sklavenmädchen von Hsi-jën bis hinunter zu den allergeringsten, die für grobe Arbeiten eingesetzt waren, mit eigenen Augen an. Anschließend fragte sie: „Wer hat an einem Tag mit Bau-yü Geburtstag?“
 
Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden, aber eine alte Amme zeigte mit dem Finger auf sie und sagte: „Hier, diese Huee-hsiang, die auch Sï-örl genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“
 
Dame Wang sah sich das Mädchen aufmerksam an, und wenn es auch nicht halb so gut aussah wie Tjing-wën, war es doch in einem bestimmten Maße frisch und lieblich. Ihrem Benehmen war anzumerken, daß sie klug war, und auch ihre Aufmachung unterschied sich von der der übrigen.
 
Mit kühlem Lächeln sagte Dame Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, würden sie Mann und Frau. – Das hast du doch gesagt? Du hast wohl geglaubt, weil ich weit weg wohne, wüßte ich von nichts? Aber wie du siehst, bin ich körperlich zwar nicht oft hier, mein Herz und meine Ohren aber sind es sehr wohl. Glaubt ihr, ich würde meinen einzigen Sohn in aller Seelenruhe von euch verführen und verderben lassen?“
 
Als Sï-örl hörte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie ehedem heimlich zu Bau-yü gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Dame Wang befahl sofort, man solle ihre Angehörigen kommen lassen, um sie abzuholen und mit jemandem zu verheiraten. Dann fragte sie: „Wer ist Yä-lü Hsiung-nu?“
 
Die alten Ammen zeigten auf Fang-guan, und Dame Wang erklärte: „Ein Schauspielermädchen ist natürlich ein Fuchsdämon0! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht fort. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Du aber spukst hier herum und stiftest Bau-yü zu allem möglichen Unfug an.“
 
„Wie würde ich das wagen!“ verteidigte sich Fang-guan lächelnd.
 
„Du widersprichst mir noch?“ fragte Dame Wang und lächelte dabei ebenfalls. „Dann frage ich dich, wer hat im vorvorigen Jahr, während wir an den Kaisergräbern waren, Bau-yü dazu angestiftet, diese Wu-örl von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise war es dem Mädchen vom Schicksal beschieden, jung zu sterben. Wenn sie hier hereingekommen wäre und du dich mit ihr zusammengetan hättest, dann hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Von anderen ganz zu schweigen, du hast ja selbst deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt.“
 
Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, damit sie sie abholt! Sie darf ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Und gebt ihr all ihre Sachen mit!“
 
Als nächstes ordnete sie an, von den Schauspielermädchen, die man damals den einzelnen Mädchen zugeteilt hatte, dürfe keine einzige im Garten bleiben. Sie sollten alle von ihrer jeweiligen Pflegemutter abgeholt und nach deren Ermessen verheiratet werden.
 
Kaum war dieser Befehl übermittelt, als sich die Pflegemütter der Schauspielermädchen sogleich außerordentlich dankbar und zufrieden zeigten. Alle gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefällig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen.
 
Dann durchsuchte Dame Wang alle Sachen in Bau-yüs Räumen, und alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einstecken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume tragen. „Jetzt herrscht Sauberkeit“, sagte sie anschließend, „und wir erspraren uns das Gerede von Außenstehenden.“
 
Hsi-jën und Schë-yüä wurden ermahnt: „Nehmt euch in acht! Wenn auch nur das Geringste passiert, kenne ich kein Erbarmen mehr! Ich habe schon nachschlagen lassen0, dieses Jahr ist für einen Umzug nicht geeignet, darum soll er einstweilen noch hierbleiben, aber nächstes Jahr zieht ihr wieder mit ihm aus, damit ich Ruhe finde.“
 
Nach diesen Worten führte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Aber wir wollen nicht vorgreifen.
 
Bau-yü hatte ursprünglich angenommen, Dame Wang sei nur zu einer einfachen Kontrolle gekommen und es läge nichts weiter vor. Nun aber war sie förmlich mit Donner und Blitz erschienen. Alle ihre Vorwürfe hatten Dinge betroffen, die wirklich gesagt worden waren, und kein Wort davon war unwahr. Darum ließ sich wahrscheinlich an ihren Entschlüssen nichts mehr ändern.
 
Bau-yü wäre vor lauter Wut zwar am liebsten gestorben, aber solange Dame Wang voller Zorn war, wagte er kein überflüssiges Wort zu sagen und keinen überflüssigen Schritt zu tun. Statt dessen begleitete er sie bis zum Duftgetränkten Pavillon. Hier befahl ihm Dame Wang: „Geh zurück und lies brav in deinen Büchern! Paß auf, wenn du morgen gefragt wirst! Dein Vater hat sich vorhin schon einmal geärgert.“
 
Erst nach dieser Aufforderung machte Bau-yü kehrt. Den ganzen Weg überlegte er: „Wer kann da so geschwätzig gewesen sein? Zumal doch niemand etwas davon weiß, was bei mir vorgeht. Warum konnte sie das alles so genau sagen?“ Mit diesem Gedanken trat er ins Haus und erblickte Hsi-jën, die ihren Tränen freien Lauf ließ.
 
Wie sollte sich Bau-yü jetzt nicht betrüben, da ihm der wichtigste Mensch genommen wurde! Also warf er sich aufs Bett und heulte ebenfalls.
 
Hsi-jën wußte, daß ihm nichts so nahe ging wie die Trennung von Tjing-wën, darum stieß sie ihn an und redete ihm zu: „Weinen hat keinen Zweck. Steh auf und laß dir sagen, Tjing-wën ging es schon besser. Jetzt kann sie sich noch zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du wirklich nicht von ihr lassen kannst, dann warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau. Dann kann es nicht schwer sein, daß sie mit der Zeit wieder zurückkommen darf. Es ist nur ein Zufall, daß die gnädige Frau auf die Verleumdungen der Leute gehört und im Zorn so entschieden hat.“
 
„Ich weiß nicht, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Tjing-wën begangen haben soll“, sagte Bau-yü schluchzend.
 
„Die gnädige Frau verübelt ihr nur, daß sie so gut ausieht und dadurch unvermeidlich ein wenig leichtfertig ist“, erläuterte Hsi-jën. „Sie weiß nur zu gut, daß kein Friede herrschen kann, wo so eine Schönheit lebt, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Dinger wie wir aber sind ihr recht.“
 
„Das mag sein“, sagte Bau-yü, „aber woher weiß sie selbst unsere heimlichen Scherzworte? Die kann kein Fremder verraten haben. Das ist merkwürdig.“
 
„Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Hsi-jën. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir ganz egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen machte und dich zu warnen versuchte, wußten die Leute schon alles, ehe du auch nur etwas gemerkt hast.“
 
„Aber wie kommt es, daß die gnädige Frau, wenn sie über die Fehler von allen Bescheid weiß, weder dich noch Schë-yüä oder Tjiu-wën angesprochen hat?“ fragte Bau-yü verwundert.
 
Betroffen senkte Hsi-jën den Kopf, als sie das hörte, und wußte lange nichts zu erwidern, bis sie endlich mit lächelnder Miene sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, daß auch wir in unseren unbedachten Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen, warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen. Wer weiß?“
 
„Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchtigkeit, und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Fang-guan ist noch klein und ein bißchen zu keck, so hat sie sich unvermeidlich aufs hohe Roß gesetzt und Leute unter Druck gesetzt, deren Haß sie sich dadurch zuzog. Bei Sï-örl trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, befahl ich sie hinterher zu mir, um sie einige feinere Arbeiten verrichten zu lassen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemaßt. Nur dadurch ist es zu diesem Ende gekommen.
 
Aber Tjing-wën ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hierher gekommen. Und wenn sie auch besser gewachsen ist als andere, so ist doch das kein besonderer Hinderungsgrund. Und mag sie ihrem Charakter nach auch offenherzig sein und eine scharfe Zunge haben, so hat sie doch euch nichts getan. Ich denke mir, sie ist wirklich zu gut gewachsen, und das hat ihre Sache verdorben.“ Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus.
 
Hsi-jën bedachte sorgfältig, was er gesagt hatte, und es schien ihr, als ob er an ihr zweifelte. Darum konnte sie ihm nicht gut länger zureden und sagte statt dessen seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Du wirst jetzt doch nicht herausfinden, wer daran schuld ist, und sinnlos herumzuheulen hat keinen Zweck. Das beste wird sein, du beruhigst dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal in guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Tjing-wën zurück.“
 
„Du mußt mich nicht mit haltlosen Bemerkungen zu trösten versuchen“, entgegnete Bau-yü, „wie soll ich abwarten, bis die gnädige Frau sich beruhigt hat, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern, um Tjing-wën zurückzuverlangen? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Seitdem sie als Kind hierher kam, ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag lang Kränkungen hinnehmen müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt.
 
Daß sie jetzt weggeschickt wurde, ist dasselbe, als würde ein Orchideentopf, der eben die ersten zarten Blätter bekommt, in den Schweinekoben gestellt. Zumal sie schwer krank ist und obendrein noch voller Verdruß. Sie hat auch keine leiblichen Eltern mehr, sondern nur einen ständig betrunkenen Vetter. Wie lange wird sie es dort aushalten können, so wenig, wie sie an so etwas gewöhnt ist? Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehe!“
 
Lachend erwiderte Hsi-jën darauf: „Also wirklich, du bist wie der Bezirksvorsteher, der die ganze Stadt in Brand stecken kann0, während die Bevölkerung nicht einmal eine Lampe anzünden darf. Wenn wir einmal aus Versehen einen störenden Satz sagen, dann heißt es, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr ohne weiteres etwas an, als ob es so sein müßte. Auch wenn sie zarter sein mag als andere, wird es doch so schlimm nicht kommen.“
 
„Ich dichte ihr nicht einfach etwas an, schon im Frühjahr hat es ein Vorzeichen gegeben“, verteidigte sich Bau-yü.
 
Sofort wollte Hsi-jën wissen, was das gewesen sei, und Bau-yü erklärte ihr: „Der blühende Zierapfelbaum unten an der Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt, und da wußte ich, daß etwas passieren wird. Nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“
 
Wieder lachte Hsi-jën, ehe sie ihm endlich vorhielt: „Eigentlich wollte ich es ja nicht sagen, aber nun kann ich es nicht mehr für mich behalten. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib. Wie kann ein studierter Mann so etwas sagen! Kümmern sich Pflanzen und Bäume vielleicht um die Menschen? Wenn du nicht weibisch bist, bist du wirklich zum Trottel geworden.“
 
„Was wißt ihr schon davon!“ sagte Bau-yü und seufzte. „Nicht nur Pflanzen und Bäume, alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Und wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, sind sie außerordentlich feinfühlig. Wenn ich dir große Beispiele nennen soll, so sind da der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel0, die Schafgarbe an Konfuzius‘ Grab0, der Lebensbaum vor dem Tempel für Dschu-gë Liang0 und die Kiefern an Yüä Fees Grab0.
 
All das sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, dann verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen?
 
Wenn ich dir kleine Beispiele anführen soll, so sind da die Päonien vor dem Adlerholzpavillon der Yang Tai-dschën0 und der Baum des Gedenkens an ihrem Aufrechten Turm0 zu nennen sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Dschau-djün0. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wollte auch der Zierapfelbaum anzeigen, daß seine Herrin sterben wird, und darum ist zuerst er zur Hälfte gestorben.“
 
Als Hsi-jën diese närrische Rede hörte, war ihr zum Lachen wie auch zum Seufzen zumute, und lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich immer mehr in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Tjing-wën, daß du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Menschen vergleichst? Und außerdem, wie gut sie auch sein mag, kann sie mir doch den Rang nicht streitig machen. Wenn also von dem Zierapfelbaum die Rede ist, deutet er wohl zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben müssen!“
 
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und redete auf sie ein: „Warum mußt du so etwas sagen? Noch ist das Schicksal der einen nicht klar, da fängst du auf diese Weise an. Schluß jetzt, wir reden nicht mehr davon! Sonst könnte es geschehen, daß zu den dreien, die ich schon verloren habe, noch eine vierte hinzukommt.“
 
Hsi-jën hörte dies mit heimlicher Freude und sagte sich: „Wie hättest du die Sache auch anders zum Abschluß bringen wollen?“
 
„In Zukunft wollen wir nicht mehr davon reden und einfach so tun, als ob die drei tot wären, und das ist alles“, schlug Bau-yü vor. „Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne daß es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart sprechen! Denn ihre Sachen sind noch hier, und man darf zwar Höherstehende betrügen, aber nicht die Tieferstehenden. Darum mußt du heimlich jemand hinschicken, der ihr die Sachen bringt. Und wenn wir vielleicht noch erspartes Geld haben, solltest du ihr davon ein paar Münzschnüre0 schicken, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern gelebt.“
 
„Du hältst uns wirklich für gar zu kleinlich und herzlos“, sagte Hsi-jën daraufhin lächelnd. „Als ob es erst deiner Aufforderung bedurft hätte! Vorhin schon habe ich alle ihre Kleider und was sie sonst noch besaß, zusammenpacken und beiseite legen lassen. Es gibt nur bei Tage zu viele neugierige Augen, so daß Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnten, darum wollen wir bis zum Abend warten und dann heimlich Mutter Sung zu ihr schicken. Ich habe auch ein paar Münzschnüre gespart, die soll sie ebenfalls haben.“
 
Bau-yüs Dank nahm kein Ende, bis Hsi-jën endlich lächelnd bemerkte: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchtigkeit, muß ich mir da nicht wenigstens diesen Ruhm erwerben?“
 
Als Bau-yü diese Worte hörte, die er selbst eben gesagt hatte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën ein. Am Abend wurde Mutter Sung dann wirklich heimlich losgeschickt.
 
Nachdem Bau-yü durch entsprechende Aufträge alle beschäftigt wußte, hatte er die Möglichkeit, allein durch das rückwärtige Seitentor hinauszugehen und dort eine von den alten Sklavenfrauen zu bitten, sie möge ihn zu Tjing-wën führen. Zuerst wollte sich die Alte auf keinen Fall darauf einlassen und sagte, sie habe Angst, daß es jemand erfahren könnte. „Wenn es der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zum Leben“, erklärte sie.
 
So mußte Bau-yü erst flehentlich bitten und einiges Geld versprechen, ehe die Alte ihn endlich hinführte.
 
Tjing-wën war seinerzeit von den Lais für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und ließ ihr Haar noch nicht wachsen. Weil sie oft von Mutter Lai mit ins Haus gebracht wurde und ebenso hübsch wie aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großes Gefallen an ihr. Daraufhin machte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Geschenk, und so war sie schließlich in Bau-yüs Räume gekommen.
 
Als Tjing-wën ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern und wußte nur, daß sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Tjing-wën die Lais, sie sollten auch ihren Vetter kaufen, damit er eine Stellung bekam. Gerührt davon, daß Tjing-wën ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergaß, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente, außerordentlich aufgeweckt war und eine spitze Zunge sowie ein temperamentvolles Wesen besaß, kauften die Lais auch Tjing-wëns Vetter und sorgten dafür, daß er ein Mädchen aus dem Hause zur Frau bekam.
 
Aber kaum daß der Vetter durch die Heirat in gesicherten Verhältnissen lebte, vergaß er auch schon, wie er jahrelang als Herumtreiber hatte leben müssen, und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Diese jedoch war eine gefühlvolle Schönheit, und als sie sah, daß ihr Mann sie nicht beachtete, empfand sie unvermeidlich den Kummer des Jadebaums zwischen gemeinem Schilf und die Qualen einer vernachlässigten jungen Frau. Doch dann stellte sie fest, daß ihr Mann sehr großzügig war und nicht im mindesten eifersüchtig, und nun ließ sie ihren Trieben und Gefühlen freien Lauf. Im ganzen Anwesen war sie auf der Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte die Hälfte aller Männer, Herren so gut wie Sklaven, bei ihr die Prüfung abgelegt.
 
Wenn die Frage gestellt wird, wie die beiden hießen – es waren jener Trottel Duo und seine Frau Dëng, mit der Djia Liän, wie in einem früheren Kapitel erzählt wurde0, zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Tjing-wën noch besaß, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf im Hause der beiden auf.
 
Der Trottel Duo war ausgegangen, und Frau Dëng besuchte nach dem Essen eine Nachbarin, so daß Tjing-wën allein im äußeren Zimmer lag. Nachdem Bau-yü der alten Sklavin befohlen hatte, im Hof Wache zu halten, hob er den Strohvorhang auf und trat ins Haus. Auf den ersten Blick entdeckte er Tjing-wën, die auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde schlief, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus den alten Tagen.
 
Hilflos trat Bau-yü näher, streckte weinend die Hand nach ihr aus und berührte sie sacht, wobei er leise ihren Namen rief.
 
Tjing-wën, die sich verkühlt hatte und von ihrem Vetter und seiner Frau beschimpft worden war, hatte sich eine weitere Krankheit zugezogen und den ganzen Tag gehustet, ehe sie endlich eingenickt war. Als sie hörte, wie jemand sie rief, schlug sie mit Mühe ihre Sternenaugen auf, und als sie Bau-yü erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich.Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand, und erst nach langem Weinen und Schluchzen brachte sie den halben Satz hervor: „Ich glaubte schon, ich würde dich nicht mehr wiedersehen, ...“ Dann mußte sie unaufhörlich husten.
 
Auch Bau-yü konnte nichts anderes tun als schluchzen. Schließlich sagte Tjing-wën: „Buddha Amitabha! Gut, daß du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale von dem Tee! Ich habe solchen Durst und rief schon die ganze Zeit, ohne daß jemand kam.“
 
Rasch wischte sich Bau-yü die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“
 
„Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Tjing-wën.
 
Als Bau-yü sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der mit einer Teekanne keinerlei Ähnlichkeit hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und so plump war, daß sie nicht wie eine Teeschale aussah, und noch bevor er sie in der Hand hielt, stieg ihm daraus ein ranziger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst ein paarmal mit Wasser aus, ehe er nach dem Tiegel griff und eine halbe Schale daraus eingoß. Das Getränk sah rötlich aus und gar nicht wie Tee.
 
„Gib schnell her und laß mich einen Schluck trinken!“ drängte ihn Tjing-wën, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“
 
Als Bau-yü das hörte, kostete er zunächst selbst einen Schluck, aber es schmeckte durchaus nicht aromatisch und frisch, sondern nur bitter und herb mit einer winzigen Andeutung von Teegeschmack. Jetzt erst reichte er Tjing-wën die Schale, und als ob es süßer Tau wäre, den sie bekommen hatte, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still bei sich dachte Bau-yü: „Mit dem guten Tee, den es bei uns gibt, war sie oftmals unzufrieden, und heute trinkt sie das hier. Da sieht man, daß die Alten recht hatten, wenn sie sagten ,Der Satte ist der Speisen überdrüssig, der Hungrige ißt sich an Abfällen satt.‘ Ebenso heißt es ja ,Wer satt ist vom Reis, sehnt sich nach nüchterner Reissuppe.‘ “
 
Unter Tränen fragte er sie: „Wolltest du mir etwas sagen? Dann tu es jetzt, solange wir allein sind!“
 
„Was soll ich schon sagen?“ erklärte Tjing-wën schluchzend. „Für mich zählen jetzt jeder Tag und jede Stunde. Ich weiß gut genug, daß ich spätestens in drei oder fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Verdruß. Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, aber ich hatte durchaus keine heimlichen Absichten auf dich und habe in keiner Weise versucht, dich zu verführen. Warum also hat man sich darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden.
 
Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, doch obwohl ich meinem Ende entgegensehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewußt, wie alles kommt, dann hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden zusammenbleiben. Nun ist dieses grundlose Gerücht aufgekommen, und ich muß Unrecht leiden, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus.
 
Bau-yü griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, daß es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Ringe am Arm, und so sagte er weinend: „Leg sie doch ab, bis du wieder gesund bist!“ Und er streifte ihr die Armringe ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Schade um deine Fingernägel! Mit wieviel Mühe hast du sie zwei Tsun lang wachsen lassen, und nun wirst du sie verderben, ehe du wieder gesund bist.“
 
Tjing-wën wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die den Röhrenblättern von Lauch glichen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke ihre alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Bau-yü zusammen mit den Fingernägeln, wobei sie sagte: „Heb das auf! Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als ob du mich selber siehst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und laß sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als ob ich noch immer im Hof der Freude am Roten wäre. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber da ich nun einmal zu Unrecht verdächtigt werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig.“
 
Rasch zog Bau-yü sich um und steckte die Fingernägel zu sich.
 
Weinend forderte Tjing-wën ihn auf: „Wenn du zurück bist und die anderen das sehen, sollst du nicht lügen, sondern wahrheitsgemäß sagen, daß es von mir ist. Gerade weil man mich zu Unrecht verdächtigt hat. Und mehr ist es ja nicht.“
 
Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den aufgehobenen Vorhang hereinkam und sagte: „Bestens! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt!“ Dann wandte sie sich an Bau-yü und fragte: „Was willst du als Herr hier in den Räumen des Gesindes? Du hast wohl bemerkt, daß ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“
 
Erschrocken bat Bau-yü mit lächelnder Miene: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“
 
Nun zog Frau Dëng ihn mit sich in den Innenraum und sagte dabei lächelnd: „Wenn du willst, daß ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und preßte Bau-yü fest an ihre Brust.
 
So etwas hatte Bau-yü noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Erregung lief er rot an. Beschämt und erschrocken bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“
 
„Pah!“ sagte Frau Dëng und kniff ihre Weinäuglein zusammen, „ich habe immer nur gehört, du seist ein geübter Kämpe an den Stätten der Liebe, warum genierst du dich da plötzlich?“
 
„Laß mich los!“ forderte Bau-yü sie auf, immer noch rot im Gesicht. „Wir können ja über alles reden. Aber was soll die Alte dort draußen denken, wenn sie uns hört?“
 
„Ich bin schon lange hier“, verriet Frau Dëng lächelnd. „Die Alte habe ich weggeschickt, damit sie am Gartentor wartet. Ich war schon lange neugierig auf dich, und jetzt bist du hier. Nachdem ich so viel von dir gehört habe, kann ich dich endlich einmal sehen, und nun bist du ganz umsonst so hübsch gewachsen, bist wie ein Feuerwerkskörper ohne Füllung, der alles nur vortäuscht. Du genierst dich ja mehr als ich.
 
Da sieht man, daß man nicht glauben darf, was die Leute reden. Als man das Mädchen hinauswarf, glaubte ich fest, ihr hättet ein heimliches Verhältnis gehabt. Aber als ich vorhin kam, habe ich eine Weile am Fenster gelauscht, und im Haus wart nur ihr. Wenn ihr etwas miteinander gehabt hättet, würdet ihr natürlich darüber gesprochen haben, aber ihr habt euch nicht einmal gegenseitig in Verwirrung gebracht. Da sieht man, wie viele Fälle von unrechter Kränkung es gibt auf der Welt! Jetzt bereue ich, euch für nichts und wieder nichts verdächtigt zu haben. Und deshalb kannst du ganz ruhig sein. Komm nur wieder, ich werde dich nicht mehr belästigen.“
 
Jetzt erst war Bau-yü wieder beruhigt. Er stand auf und brachte seine Kleider in Ordnung, dann bat er: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester! Ich werde jetzt gehen.“ Mit diesen Worten trat er in den Außenraum hinaus und sagte Tjing-wën Bescheid. Beide wollten sie nicht voneinander lassen, und dennoch mußten sie sich trennen. Da Tjing-wën wußte, wie schwer Bau-yü dies fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging.
 
Ursprünglich hatte Bau-yü vorgehabt, auch noch Fang-guan und Sï-örl zu besuchen, aber nun wurde es dunkel, und er war schon so lange fort, daß er Angst hatte, man könnte ihn suchen, und dann würde neues Unheil daraus entstehen. Darum war es besser, wenn er jetzt in den Garten zurückkehrte und für den nächsten Tag neue Pläne machte. Als er an das rückwärtige Seitentor kam, trugen die Sklavenjungen gerade das Bettzeug aus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Moment später gekommen, wäre das Tor schon geschlossen gewesen. So kam er in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt.
 
Wieder in seinen Räumen, sagte Bau-yü nur zu Hsi-jën, er sei bei Tante Hsüä gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf sein Bett gemacht wurde, fragte Hsi-jën notgedrungen, wie sie heute nacht schlafen wollten, aber Bau-yü erwiderte nur: „Das ist mir einerlei.“
 
In den letzten ein, zwei Jahren, seitdem Dame Wang ihr Beachtung schenkte, hatte Hsi-jën großen Wert auf ihre Würde gelegt. Wenn sie mit Bau-yü allein war, auch des Nachts, hielt sie sich fern von ihm und war zurückhaltender als in ihren Kinderjahren. Wenn sie auch keine großen Pflichten hatte, war es doch mühsam genug, alle Nadelarbeiten zu machen und für Bau-yü wie für die kleineren Sklavenmädchen das Geld und die Kleider zu verwalten. Ihr altes Leiden des Blutspuckens war zwar geheilt, aber wenn sie sich anstrengte oder erkältete, war immer noch Blut im Auswurf, und deshalb hatte sie in der letzten Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Bau-yü geschlafen.
 
Bau-yü, der nachts häufig wach wurde, war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Tjing-wën einen leichten Schlaf hatte und sich auch sehr leise bewegte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzugießen und andere Aufträge zu erfüllen, und deshalb hatte nur sie vor seinem Bett geschlafen. Jetzt, wo Tjing-wën fort war, mußte Hsi-jën wohl oder übel fragen, denn sie bedachte, daß dieser Nachtdienst noch wichtiger war als der Dienst am Tage.
 
Als Bau-yü antwortete, ihm sei es einerlei, blieb Hsi-jën nichts weiter übrig, als sich an die Regel der früheren Jahre zu halten, und so holte sie ihr Bettzeug und richtete sich damit vor Bau-yüs Lager ein. Bau-yü brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin, und als er endlich auf Hsi-jëns Mahnung hin schlafen gegangen war und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf seinem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst als die dritte Nachtwache schon vorbei war, wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Hsi-jën beruhigt und döste selber ein. Es dauerte aber nicht länger als man braucht, um eine halbe Schale Tee zu trinken, da rief Bau-yü: „Tjing-wën!“
 
Sofort schlug Hsi-jën die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Als Bau-yü nach Tee verlangte, stand Hsi-jën rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goß aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale voll Tee ein, die sie ihm reichte.
 
Lächelnd sagte Bau-yü: „Ich bin so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, daß ich vergessen habe, daß du es bist.“
 
Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Als sie noch neu hier war, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich konnte es mir denken, daß der Name Tjing-wën bleiben würde, auch wenn Tjing-wën nicht mehr da ist.“
 
Damit legten sich beide wieder schlafen, und erneut wälzte sich Bau-yü eine ganze Nachtwache lang hin und her und schlief erst in der fünften Wache endlich ein. Da sah er, wie Tjing-wën von draußen hereinkam. Sie war anzusehen wie immer, und als sie im Zimmer stand, sagte sie lächelnd zu Bau-yü: „Lebt alle wohl, ich komme nicht mehr wieder!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Als Bau-yü sie anrief, machte er wieder Hsi-jën wach. Zuerst dachte sie noch, er habe auch diesmal aus Gewohnheit Tjing-wëns Namen gerufen, aber dann sah sie, daß Bau-yü weinte, und hörte ihn sagen: „Tjing-wën ist gestorben.“
 
„Was sagst du da?“ hielt sie ihm vor. „Du weißt, daß das Unsinn ist. Was, wenn dich jemand hört?“
 
Bau-yü wollte natürlich nicht auf sie hören und hoffte sehnlichst, daß es bald hell würde, damit er jemanden losschicken konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen.
 
Doch als es dann Tag geworden war, kam auch schon eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen von Dame Wang und verlangte, daß man ihr auf der Stelle das vordere Seitentor öffnete, damit sie im Auftrag von Dame Wang das Folgende bestellen konnte: „Bau-yü muß sofort geweckt werden, damit er sich schnell wäscht und anzieht und dann drüben erscheint. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern, und weil ihm das Gedicht gefiel, das Bau-yü neulich verfaßt hat, will er ihn mitnehmen.
 
So lautet der Auftrag der gnädigen Frau, und kein Wort darf daran fehlen. Also lauft schnell hin und sagt Bescheid, daß er sofort kommen soll. Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen eingerührtes Mehl essen. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch, beeilt euch! Und schickt noch jemand zu dem kleinen Herrn Lan, um auch ihm dasselbe zu bestellen!“
 
Jeder Satz, den sie sagte, wurde drinnen von den alten Sklavenfrauen bestätigt. Dabei knöpften sie sich die Kleider zu und öffneten zugleich das Tor. Zwei oder drei von ihnen machten sich in beiden Richtungen auf den Weg und zogen sich im Gehen fertig an.
 
Als Hsi-jën hörte, daß ans Hoftor geklopft wurde, konnte sie sich denken, daß es um etwas Wichtiges ging, und während sie rasch jemand hinausschickte, um Nachfrage zu halten, stand sie auch schon auf. Nachdem sie dann die Botschaft vernommen hatte, schickte sie schnell jemand nach Waschwasser und trieb zugleich Bau-yü an, er solle aufstehen und sich waschen. Sie selbst aber ging seine Kleider holen. Da sie bedachte, daß er mit Djia Dschëng zusammen ausgehen würde, wollte sie ihn nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und brachte ihm deshalb nur unscheinbare Kleider.
 
Bau-yü blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberzugehen, und tatsächlich fand er Djia Dschëng dort beim Imbiß und in bester Stimmung. Rasch entbot Bau-yü seinen Morgengruß, dann begrüßten Djia Huan und Djia Lan auch Bau-yü.
 
Djia Dschëng befahl Bau-yü, Platz zu nehmen und von dem Brei zu essen, dann sagte er, zu Djia Huan und Djia Lan gewandt: „Beim Studium der Bücher steht Bau-yü hinter euch zurück, doch in der Fähigkeit, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserm heutigen Besuch wird man euch bestimmt drängen, Verse zu machen, dabei soll Bau-yü euch helfen.“
 
Dame Wang, die so ein Urteil über ihn noch nie gehört hatte, war jetzt wirklich außerordentlich froh.
 
Als Djia Dschëng bald darauf mit den Knaben fort war und Dame Wang sich eben zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fang-guan und zwei anderen Schauspielermädchen und meldeten ihr: „Seitdem Fang-guan neulich die Gnade erfahren hat, von Euch freigelassen zu werden, ist sie geradezu verrückt. Sie trinkt keinen Tee, sie ißt keinen Reis, und sie hat Ou-guan und Juee-guan dazu angestiftet, daß sie alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen wollen, sich die Haare abzuschneiden und Nonnen zu werden.
 
Wir glaubten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind – das gibt es ja –, und dachten, nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie nur immer mehr, und auch durch Schläge und Schelte sind sie nicht zur Räson zu bringen. Wir wissen uns wirklich keinen Rat mehr, und deshalb sind wir gekommen, um Euch zu bitten, daß Ihr sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden laßt oder ihnen eine Belehrung verabfolgt und sie dann jemand anders als Ziehtochter gebt, denn für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
 
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster kann man nicht leichtfertig gehen. Jede von ihnen bekommt eine Tracht Prügel, und dann wollen wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“
 
Da man zum fünfzehnten Tag des achten Monats gerade in allen Klöstern Opfergaben dargebracht hatte, waren der üblichen Regel nach aus den verschiedenen Klöstern Nonnen gekommen, um Opfergebäck zu bringen, und Dame Wang hatte die Nonnen Dschï-tung aus dem Wassermondkloster und Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster für ein paar Tage dabehalten.
 
Als die Nonnen jetzt diese Neuigkeiten hörten, brannten sie gleich darauf, die Mädchen in die Hand zu bekommen, um sie für sich arbeiten zu lassen, und so sagten sie zu Dame Wang: „Euer Anwesen ist das von gütigen Menschen, und daß Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, vergelten Euch die kleinen Mädchen nun in dieser Weise. Es heißt zwar, man könne nicht leichtfertig ins Kloster gehen, aber man muß auch wissen, daß nach Buddhas Gesetz alle gleichviel gelten.
 
Unser Buddha ist entschlossen, sämtliche Lebewesen zu erlösen, auch wenn es Hühner und Hunde sind, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer wirklich die Wurzel des Guten in sich trägt und zur Erkenntnis erwachen kann, der vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Deshalb finden sich in den Sutras nicht wenige Fälle, daß Tiger und Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben.
 
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde.
 
  
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Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß.
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Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“
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Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“
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„Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau.
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Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet.
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Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“
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„So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen.
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Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“
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Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor.
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Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien.
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„Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“
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Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme<ref>Wie sich unten (S. 1461) zeigt, soll Djia Lan bereits 13 Jahre alt sein. Allerdings galt Muttermilch im alten China als hervorragendes Stärkungsmittel (vgl. o., S. 1084) und wurde auch von Erwachsenen nicht verschmäht.</ref> von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen.
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Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“
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„Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“
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„Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“
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„Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein.
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Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“
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Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher.
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Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“
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„Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“
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„Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache.
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Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten.
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Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten.
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Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“
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Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“
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„Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“
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Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde.
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„Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch.
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„Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe.
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Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“
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Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen.
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Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“
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Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten.
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Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“
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Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“
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Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“
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„Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“
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„Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an.
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„Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube<ref>Gebräuchliche Bezeichnung für Schreibpinsel, Tusche, Tuschereibstein und Papier.</ref>, die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“
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Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“
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„Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen.
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„Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen.
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„Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“
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„Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig.
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„Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft.
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„Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab.
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„Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen.
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„Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“
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Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“
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„Warum das?“ fragte Bau-yü sofort.
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„Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen.
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Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘
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Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 235.</ref> hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘
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Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“
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„Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“
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Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“
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Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“
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Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab.
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Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“
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Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt.
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Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“
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Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei.
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„Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“
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Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“
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So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben.
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Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“
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Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten.
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Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“
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Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng<ref>Damit könnte Dschu You-huee gemeint sein, ein Sohn des Ming-Kaisers Hsiän-dsung (regierte von 1464 bis 1487) und Bruder des Ming-Kaisers Hsiau-dsung (regierte von 1487 bis 1505), der 1499 zum Prinzen Hëng ernannt wurde und in Tjing-dschou residierte.</ref> trug und dem das Gebiet Tjing-dschou<ref>Historische Landschaft in der jetzigen Provinz Schan-dung. In der Ming-Zeit war Tjing-dschou auch der Name einer Präfektur im heutigen I-du.</ref> anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen.
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Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“
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„Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“
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„Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“
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„Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste.
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Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen<ref>‚Gelbe Turbane‘ und ‚Rote Augenbrauen‘ hießen nach ihren Erkennungszeichen die Aufständischen unter Dschang Djiau bzw. Fan Tschung, die um 184 u. Z. respektive um 25 u. Z. aktiv waren. Anfang des 16. Jh., als Prinz Hëng lebte, fiel ein Heer aufständischer Bauern in Schan-dung ein.</ref> zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen.
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Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern.
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Als aber die Vierte Lin<ref>In verschiedenen literarischen Quellen , u. a. in der bekannten  Sammlung ‚Merkwürdigkeiten, aufgezeichnet in der Studierstube ›Für den Augenblick‹‘ (Liau-dschai dschï-i) des Pu Sung-ling (1630 – 1715), wird in unterschiedlicher Weise über eine ‚Vierte Lin‘ berichtet, die im Palast des Prinzen Hëng gelebt haben soll.</ref> die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘
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Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war.
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Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“
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„Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte.
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Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“
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„Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“
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„Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend.
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Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten.
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Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein.
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Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen.
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Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.
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Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen.
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Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als Erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken.
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Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler:
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„General Lieblich, die Vierte Frau Lin,
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  war schön wie Jade und mutig zugleich.
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  Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab,
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  duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“
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Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“
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Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte:
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„Sorglos verlief ihr Leben bislang,
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  jetzt hat es nur noch den einen Zweck.
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  Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach,
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  zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou.
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  Zu rächen gilt es des Prinzen Tod,
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  wiewohl die Räuber in Übermacht.
 +
  Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,
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  die für ewig Einmaliges tat?“
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„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“
 +
„Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng.
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„Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine<ref>Gängige Bezeichnungen für Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji) und seinen Neffen Juan Hsiän, die beide zum Dichterkreis der ‚Sieben Meister vom Bambushain‘ (Dschu-lin tji-hsiän) gehörten.</ref> aus den beiden.“
 +
„Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei.
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„Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste.
 +
Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“<ref>Neuer und Alter Stil in der chinesischen Dichtkunst unterscheiden sich vor allem dadurch, daß für den Neuen Stil, der in der Tang-Zeit aufkam, strengere formale Regeln (Silbenzahl, Tonmuster u. a. m.) gelten.</ref>
 +
Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i<ref>Bai Djü-i (772 – 846), der produktivste Dichter der Tang-Zeit behandelt in diesem langen Gedicht das Schicksal von Yang Tai-dschën, der Lieblingsnebenfrau des Tang-Kaisers Ming-huang (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang).</ref> oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“
 +
Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“
 +
Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte:
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„Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“
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Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“
 +
Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“
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„Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter:
 +
„Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf.
 +
Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack,
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nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“
 +
Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“
 +
„Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“
 +
Und Bau-yü fuhr fort:
 +
„Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild,
 +
nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“
 +
„Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“
 +
Wieder fuhr Bau-yü fort:
 +
„Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund,
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mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“
 +
Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“
 +
„Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd.
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„Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng.
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Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile:
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„Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“
 +
„Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“
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Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“
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„So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd.
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„Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“
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„Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an.
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„Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“
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Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile:
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„Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“
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Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“
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Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“
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„Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“
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„Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“
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Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren:
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„Endet spät am Abend das ermüdende Spiel,
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ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“
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„Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“
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Daraufhin sprach Bau-yü:
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„Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt,
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wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“
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„Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“
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Bau-yü aber fuhr fort:
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„Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren,
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stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht.
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Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder,
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die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb.
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Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß,
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als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert.
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Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab,
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als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“
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„Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“
 +
Und wieder fuhr Bau-yü fort:
 +
„Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten,
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schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb.
 +
Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen,
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Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“
 +
„Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“
 +
Indessen sprach Bau-yü weiter:
 +
„Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte?
 +
Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt.
 +
Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite,
 +
um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht.
 +
Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder,
 +
als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar.
 +
Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen,
 +
doch das Leben zu wagen, ist jede bereit.
 +
Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht,
 +
welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin.
 +
Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort,
 +
ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub.
 +
Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt,
 +
in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein.
 +
Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung,
 +
die Minister stehn ratlos und senken den Kopf.
 +
Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches,
 +
wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies?
 +
Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen,
 +
mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“
 +
Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück.
 +
Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg.
 +
Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“
 +
Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘<ref>Frei zitiert nach ‚Dsuos Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen‘, vgl. o., Anm. zu S. 1332.</ref> Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine.
 +
Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt.
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Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt.
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Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘<ref>Von den angeführten Gedichten gilt das ‚Li-sau‘ als Werk von Tjü Yüan, der von 340 bis 278 v. u. Z. gelebt haben soll, das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘ und die ‚Neun Erörterungen‘ werden Sung Yü zugeschrieben, der Tjü Yüans Schüler gewesen sein soll. Beide stammten sie aus dem Staat Tschu und begründeten eine eigene Stilrichtung. Den ‚Verdorrten Baum‘ schrieb Yü Hsin (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü), ‚Herbstwasser‘ heißt ein Kapitel im Buch Dschuang-dsï (vgl. o., Anm. zu S. 1146), die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘ schließlich ist ein Werk von Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji). Nicht geklärt ist, was der Verfasser mit den ‚Bedrängenden Fragen‘ meinte.</ref>, manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“
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Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 557.</ref> kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte.
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Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab:
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„In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers<ref>Unter den Fünf Kaisern der chinesischen Mythologie regiert der Weiße Kaiser den Westen, als Jahreszeit ist ihm der Herbst zugeordnet.</ref> für die Zierde des Herbstes zuständig ist.
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Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend.
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Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen.
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Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I<ref>Djia I (201 – 169 v. u. Z.) war schon mit wenig mehr als zwanzig Jahren als Beamter an den Hof des Han-Kaisers Wën-di gerufen worden, wo er großen Einfluß erlangte. Auf Betreiben von Neidern wurde er vom Kaiserhof entfernt und schließlich zum Erzieher des Prinzen Huai von Liang gemacht. Nachdem dieser beim Reiten einen tödlichen Unfall erlitten hatte, machte Djia I sich so heftige Vorwürfe, daß er nach reichlich einem Jahr vor Kummer starb.</ref>, durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun<ref>Gun ist eine mythische Gestalt. Als er neun Jahre lang erfolglos versucht hatte, die Sintflut zu beseitigen, wurde er zur Strafe hingerichtet. Erst seinem Sohn Yü gelang es, die Aufgabe zu bewältigen.</ref>.
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Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku<ref>Auf der Insel Djü-ku im ‚Westmeeer‘ wachsen der Mythe nach Bäume, aus deren Holz sich ein Mittel zubereiten läßt, dessen bloßer Duft Tote wieder zum Leben erweckt.</ref> verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen<ref>Außer auf der Insel Djü-ku sollte es auch auf drei (bzw. fünf) mythischen Inseln im Bo-hai-Meer, die von Unsterblichen bewohnt sind (die bekannteste davon ist oben auf S. 295 erwähnt – Pëng-lai), ein Wiederbelebungsmittel geben. Diese Inseln seien jedoch mit einem normalen Schiff nicht erreichbar, hieß es.</ref> ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet.
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Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen<ref>Die Ausdrücke vom Spiegel und vom Phönix stehen nach alten literarischen Werken oft bildlich für zwei liebende Partner, die vom Schicksal getrennt werden. Der Kamm, der sich in einen Drachen verwandelt und davonfliegt, ist eine Abwandlung aus einem Weberschiffchen, von dem dies ebenfalls in der alten Literatur erzählt wird. Zugleich können diese Bilder als Anspielung auf die zuvor (S. 1452) gebrauchte Redewendung ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort‘ angesehen werden.</ref>, vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus<ref>Oben im 20. Kapitel wird erzählt, wie Bau-yü Schë-yüä das Haar kämmt und wie Tjing-wën ihre Eifersucht äußert, als sie dazukommt. Hier soll vielleicht gesagt werden, daß er auch Tjing-wën bei der Toilette zur Hand ging und dazu Schë-yüäs und Tan-yüns Utensilien benutzte.</ref>. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel<ref>Der volkstümlichen Überlieferung nach bilden Elstern (bzw. baut eine göttliche Elster) in der Nacht des 7. Tages des 7. Monats nach dem altjinesischen Kalender eine Brücke über die Milchstraße, damit der Hirte und die Himmlische Weberin zueinander können (vgl. o., Anm. zu S. 705). ‚(Zur Himmlischen Weberin) Um Geschicklichkeit beten‘ war die Bezeichnung für die rituellen Bräuche, die am Abend dieses Tages von den Frauen praktiziert wurden. In unterschiedlicher Form spielten dabei auch Nadeln eine Rolle.</ref>, mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben?
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In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 629.</ref>, ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt.
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Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 400.</ref> trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen<ref>Gemeint ist ein mit duftender Holzkohle gefülltes Bügel‚eisen‘ (das im alten China die Form einer oben offenen Stielpfanne hatte und aus Bronze war).</ref>?
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Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden.
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Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan<ref>Der Prinz von Ju-nan, der während der Zeit der Nord- und Süddynastien im Staate Sung lebte (5. Jh.), ist bekannt für seine große Liebe zu seiner Nebenfrau Bi-yü (‚Grünjade‘), der er ein berühmt gewordenes Gedicht widmete.</ref>, stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 316 (Der Wein von Djin-gu) und S. 1167 (Lü-dschu).</ref>.
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Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus.
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Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan<ref>Dauistischer Priester, der im 7./8. Jh. lebte. Der Sage nach erbat er eine Grabinschrift für seinen Großvater bei dem berühmten Literaten und Kalligraphen Li Yung (678 – 747). Nachdem der Text verfaßt war, bat er Li darum, ihn auch selbst zu kalligraphieren, und als Li diese Bitte abschlug, entführte der zauberkundige Priester Lis Seele, während sein Körper im Schlaf lag, und ließ die Inschrift von ihr kalligraphieren.</ref>, jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji<ref>Beiname des Tang-zeitlichen Dichters Li Hë (790 – 816). In seiner von Li Schang-yin (vgl. o., Anm. zu S. 700) verfaßten Lebensbeschreibung heißt es, kurz vor Li Hës Tod sei auf einem roten Drachen ein rotgekleideter Mann vom Himmel geritten gekommen, der ihm einen Erlaß des Himmelskaisers brachte, in dem er an dessen Hof gerufen wurde, um die Erbauung eines Weißen Jadeturms zu beschreiben.</ref> wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist.
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Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige.
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Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen:
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Warum ist der Himmel so blau, so blau?
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Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament?
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Warum ist die Erde so weit, so weit?
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Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt?
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Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm,
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ist es das Glänzen von Sternen?
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Federbüsche wehn deinem Zug voran,
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geleiten dich gar Kometen?
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Steuert der Mondlenker die Karosse?
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Fährt der Donnergott nebenher?
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So eilig rattern die Räder im Flug,
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sind‘s Phönixe, die dich ziehen?
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Deutlich verspür ich balsamischen Duft,
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bist du mit Kräutern gegürtet?
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Es glitzert dort auf deinem Rock so stark,
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trägst du aus Mond ein Geschmeide?
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Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt,
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brennt Blumenöl in der Lampe?
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Aus Kürbis geformt das Opfergefäß,
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ist Duftblütenwein darinnen?
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Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus,
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ob ich wohl etwas erblicke?
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Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr,
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läßt sich dort etwas vernehmen?
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Sehn wir uns wieder im endlosen Raum?
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Läßt du mich im Staub hier zurück?
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Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an,
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nimmst du mich mit auf dem Wege?
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Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir,
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doch hat es Sinn, nur zu jammern?
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Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft,
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ist das so der Lauf der Dinge?
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Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft,
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warum dann verwandelt fliehen?
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Ich trage weiter die Fesseln der Welt,
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kommst du mich hier noch besuchen?
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Kommst du? Bleibst du?
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Ich bitte dich, komm!
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Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1414 (Zum Kalten Palast...). Der Kassiafelsen dürfte von dem Kassiabaum abgeleitet sein, der einer chinesischen Mythe nach auf dem Mond wächst (vgl. o., Anm. zu S. 170).</ref>, die Fee vom Luo-Fluß<ref>Vgl. Bau-yüs Aussage über diese Fee (S. 753).</ref> empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü<ref>Der Überlieferung nach eine Tochter des Herzogs Mu von Tjin (regierte von 659 bis 621 v. u. Z.), die einen Musiker liebte und heiraten durfte, unter dessen Anleitung sie so gut auf einem Bambusblasinstrument zu spielen lernte, daß sie Phönixe damit herbeilocken konnte.</ref> bläst die Mundorgel, Han-huang<ref>Der Überlieferung nach eine unsterbliche Fee, die erst zum Gefolge der ‚Königinmutter des Westens‘ gehörte, später zu dem der Mondgöttin (vgl. o., Anm. zu S. 1414: Zum Kalten Palast...).</ref> schlägt den Holztiger<ref>Altertümliches Schlaginstrument aus Holz in Form eines kauernden Tigers, das früher in der Ritualmusik Verwendung fand.</ref>, um die Göttin des Berges Sung<ref>Als Frau des Gottes des Berges Sung gedachte Gottheit. Sung, der heilige Berg des Zentrums (Dschung-yüä), war einer der Fünf heiligen Berge, die im alten China kultische Verehrung genossen.</ref> herbeizurufen und die Alte vom Berge Li<ref>Unsterbliche Fee der chinesischen Mythe.</ref> aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf<ref>Der Überlieferung nach tauchte, als Yü erfolgreich die Sintflut ableitete (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü und S. 1468: sie... hatte grausamer zu leiden als Gun), aus dem Luo-Fluß eine Geisterschildkröte auf und präsentierte ihm eine Schrifttafel.</ref>, und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 712.</ref>. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben.
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In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom.
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Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen.
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Ach weh!
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Komm und empfange das Opfer!“
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Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!“
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Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“
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Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden.
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== Anmerkungen ==
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<references/>

Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 72 · 73 · 74 · 75 · 76 · 77 · 78 · 79 · 80 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 78

老學士閑徵姽嫿詞 / 痴公子杜撰芙蓉誄

Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; Der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgottheit

Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus.

Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß. Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“ Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“ „Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau. Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet. Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“ „So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen. Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“ Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor. Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien. „Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“ Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme[1] von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen. Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“ „Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“ „Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“ „Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein. Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“ Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher. Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“ „Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“ „Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache. Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten. Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten. Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“ Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“ „Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“ Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde. „Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch. „Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe. Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“ Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen. Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten. Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“ Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“ Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“ „Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“ „Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an. „Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube[2], die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“ Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“ „Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen. „Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen. „Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“ „Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig. „Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft. „Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab. „Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen. „Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“ Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“ „Warum das?“ fragte Bau-yü sofort. „Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen. Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘ Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser[3] hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘ Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“ „Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“ Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“ Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“ Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab. Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“ Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt. Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“ Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei. „Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“ Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“ So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben. Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“ Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten. Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“ Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng[4] trug und dem das Gebiet Tjing-dschou[5] anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen. Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“ „Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“ „Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“ „Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste. Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen[6] zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen. Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern. Als aber die Vierte Lin[7] die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘ Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war. Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“ „Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte. Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“ „Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“ „Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend. Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten. Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein. Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen. Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.

Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen.

Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als Erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken. Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler: „General Lieblich, die Vierte Frau Lin,

 war schön wie Jade und mutig zugleich.
 Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab,
 duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“

Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“ Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte: „Sorglos verlief ihr Leben bislang,

 jetzt hat es nur noch den einen Zweck.
 Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach,
 zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou.
 Zu rächen gilt es des Prinzen Tod,
 wiewohl die Räuber in Übermacht.
 Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,
 die für ewig Einmaliges tat?“

„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“ „Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng. „Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine[8] aus den beiden.“ „Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei. „Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste. Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“[9] Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i[10] oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“ Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“ Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte: „Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“ Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“ Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“ „Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter: „Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf.

Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack,
nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“

Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“ „Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“ Und Bau-yü fuhr fort: „Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild,

nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“

„Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“ Wieder fuhr Bau-yü fort: „Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund,

mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“

Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“ „Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng. Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile: „Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“ „Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“ Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“ „So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd. „Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“ „Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an. „Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“ Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile: „Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“ Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“ Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“ „Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“ „Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“ Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren: „Endet spät am Abend das ermüdende Spiel,

ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“

„Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“ Daraufhin sprach Bau-yü: „Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt,

wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“

„Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“ Bau-yü aber fuhr fort: „Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren,

stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht.
Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder,
die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb.
Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß,
als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert.
Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab,
als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“

„Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“ Und wieder fuhr Bau-yü fort: „Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten,

schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb.
Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen,
Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“

„Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“ Indessen sprach Bau-yü weiter: „Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte?

Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt.
Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite,
um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht.
Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder,
als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar.
Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen,
doch das Leben zu wagen, ist jede bereit.
Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht,
welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin.
Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort,
ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub.
Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt,
in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein.
Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung,
die Minister stehn ratlos und senken den Kopf.
Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches,
wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies?
Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen,
mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“

Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück. Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg. Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“ Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘[11] Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine. Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt. Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt. Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘[12], manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“ Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide[13] kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte. Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab: „In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers[14] für die Zierde des Herbstes zuständig ist. Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend. Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen. Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I[15], durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun[16]. Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku[17] verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen[18] ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet. Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen[19], vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus[20]. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel[21], mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben? In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums[22], ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt. Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel[23] trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen[24]? Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden. Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan[25], stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung[26]. Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus. Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan[27], jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji[28] wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist. Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige. Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen: Warum ist der Himmel so blau, so blau? Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament? Warum ist die Erde so weit, so weit? Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt? Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm, ist es das Glänzen von Sternen? Federbüsche wehn deinem Zug voran, geleiten dich gar Kometen? Steuert der Mondlenker die Karosse? Fährt der Donnergott nebenher? So eilig rattern die Räder im Flug, sind‘s Phönixe, die dich ziehen? Deutlich verspür ich balsamischen Duft, bist du mit Kräutern gegürtet? Es glitzert dort auf deinem Rock so stark, trägst du aus Mond ein Geschmeide? Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt, brennt Blumenöl in der Lampe? Aus Kürbis geformt das Opfergefäß, ist Duftblütenwein darinnen? Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus, ob ich wohl etwas erblicke? Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr, läßt sich dort etwas vernehmen? Sehn wir uns wieder im endlosen Raum? Läßt du mich im Staub hier zurück? Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an, nimmst du mich mit auf dem Wege? Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir, doch hat es Sinn, nur zu jammern? Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft, ist das so der Lauf der Dinge? Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft, warum dann verwandelt fliehen? Ich trage weiter die Fesseln der Welt, kommst du mich hier noch besuchen? Kommst du? Bleibst du? Ich bitte dich, komm! Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen[29], die Fee vom Luo-Fluß[30] empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü[31] bläst die Mundorgel, Han-huang[32] schlägt den Holztiger[33], um die Göttin des Berges Sung[34] herbeizurufen und die Alte vom Berge Li[35] aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf[36], und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie[37]. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben. In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom. Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen. Ach weh! Komm und empfange das Opfer!“ Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!“ Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“ Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden.

Anmerkungen

  1. Wie sich unten (S. 1461) zeigt, soll Djia Lan bereits 13 Jahre alt sein. Allerdings galt Muttermilch im alten China als hervorragendes Stärkungsmittel (vgl. o., S. 1084) und wurde auch von Erwachsenen nicht verschmäht.
  2. Gebräuchliche Bezeichnung für Schreibpinsel, Tusche, Tuschereibstein und Papier.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 235.
  4. Damit könnte Dschu You-huee gemeint sein, ein Sohn des Ming-Kaisers Hsiän-dsung (regierte von 1464 bis 1487) und Bruder des Ming-Kaisers Hsiau-dsung (regierte von 1487 bis 1505), der 1499 zum Prinzen Hëng ernannt wurde und in Tjing-dschou residierte.
  5. Historische Landschaft in der jetzigen Provinz Schan-dung. In der Ming-Zeit war Tjing-dschou auch der Name einer Präfektur im heutigen I-du.
  6. ‚Gelbe Turbane‘ und ‚Rote Augenbrauen‘ hießen nach ihren Erkennungszeichen die Aufständischen unter Dschang Djiau bzw. Fan Tschung, die um 184 u. Z. respektive um 25 u. Z. aktiv waren. Anfang des 16. Jh., als Prinz Hëng lebte, fiel ein Heer aufständischer Bauern in Schan-dung ein.
  7. In verschiedenen literarischen Quellen , u. a. in der bekannten Sammlung ‚Merkwürdigkeiten, aufgezeichnet in der Studierstube ›Für den Augenblick‹‘ (Liau-dschai dschï-i) des Pu Sung-ling (1630 – 1715), wird in unterschiedlicher Weise über eine ‚Vierte Lin‘ berichtet, die im Palast des Prinzen Hëng gelebt haben soll.
  8. Gängige Bezeichnungen für Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji) und seinen Neffen Juan Hsiän, die beide zum Dichterkreis der ‚Sieben Meister vom Bambushain‘ (Dschu-lin tji-hsiän) gehörten.
  9. Neuer und Alter Stil in der chinesischen Dichtkunst unterscheiden sich vor allem dadurch, daß für den Neuen Stil, der in der Tang-Zeit aufkam, strengere formale Regeln (Silbenzahl, Tonmuster u. a. m.) gelten.
  10. Bai Djü-i (772 – 846), der produktivste Dichter der Tang-Zeit behandelt in diesem langen Gedicht das Schicksal von Yang Tai-dschën, der Lieblingsnebenfrau des Tang-Kaisers Ming-huang (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang).
  11. Frei zitiert nach ‚Dsuos Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen‘, vgl. o., Anm. zu S. 1332.
  12. Von den angeführten Gedichten gilt das ‚Li-sau‘ als Werk von Tjü Yüan, der von 340 bis 278 v. u. Z. gelebt haben soll, das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘ und die ‚Neun Erörterungen‘ werden Sung Yü zugeschrieben, der Tjü Yüans Schüler gewesen sein soll. Beide stammten sie aus dem Staat Tschu und begründeten eine eigene Stilrichtung. Den ‚Verdorrten Baum‘ schrieb Yü Hsin (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü), ‚Herbstwasser‘ heißt ein Kapitel im Buch Dschuang-dsï (vgl. o., Anm. zu S. 1146), die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘ schließlich ist ein Werk von Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji). Nicht geklärt ist, was der Verfasser mit den ‚Bedrängenden Fragen‘ meinte.
  13. Vgl. o., Anm. zu S. 557.
  14. Unter den Fünf Kaisern der chinesischen Mythologie regiert der Weiße Kaiser den Westen, als Jahreszeit ist ihm der Herbst zugeordnet.
  15. Djia I (201 – 169 v. u. Z.) war schon mit wenig mehr als zwanzig Jahren als Beamter an den Hof des Han-Kaisers Wën-di gerufen worden, wo er großen Einfluß erlangte. Auf Betreiben von Neidern wurde er vom Kaiserhof entfernt und schließlich zum Erzieher des Prinzen Huai von Liang gemacht. Nachdem dieser beim Reiten einen tödlichen Unfall erlitten hatte, machte Djia I sich so heftige Vorwürfe, daß er nach reichlich einem Jahr vor Kummer starb.
  16. Gun ist eine mythische Gestalt. Als er neun Jahre lang erfolglos versucht hatte, die Sintflut zu beseitigen, wurde er zur Strafe hingerichtet. Erst seinem Sohn Yü gelang es, die Aufgabe zu bewältigen.
  17. Auf der Insel Djü-ku im ‚Westmeeer‘ wachsen der Mythe nach Bäume, aus deren Holz sich ein Mittel zubereiten läßt, dessen bloßer Duft Tote wieder zum Leben erweckt.
  18. Außer auf der Insel Djü-ku sollte es auch auf drei (bzw. fünf) mythischen Inseln im Bo-hai-Meer, die von Unsterblichen bewohnt sind (die bekannteste davon ist oben auf S. 295 erwähnt – Pëng-lai), ein Wiederbelebungsmittel geben. Diese Inseln seien jedoch mit einem normalen Schiff nicht erreichbar, hieß es.
  19. Die Ausdrücke vom Spiegel und vom Phönix stehen nach alten literarischen Werken oft bildlich für zwei liebende Partner, die vom Schicksal getrennt werden. Der Kamm, der sich in einen Drachen verwandelt und davonfliegt, ist eine Abwandlung aus einem Weberschiffchen, von dem dies ebenfalls in der alten Literatur erzählt wird. Zugleich können diese Bilder als Anspielung auf die zuvor (S. 1452) gebrauchte Redewendung ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort‘ angesehen werden.
  20. Oben im 20. Kapitel wird erzählt, wie Bau-yü Schë-yüä das Haar kämmt und wie Tjing-wën ihre Eifersucht äußert, als sie dazukommt. Hier soll vielleicht gesagt werden, daß er auch Tjing-wën bei der Toilette zur Hand ging und dazu Schë-yüäs und Tan-yüns Utensilien benutzte.
  21. Der volkstümlichen Überlieferung nach bilden Elstern (bzw. baut eine göttliche Elster) in der Nacht des 7. Tages des 7. Monats nach dem altjinesischen Kalender eine Brücke über die Milchstraße, damit der Hirte und die Himmlische Weberin zueinander können (vgl. o., Anm. zu S. 705). ‚(Zur Himmlischen Weberin) Um Geschicklichkeit beten‘ war die Bezeichnung für die rituellen Bräuche, die am Abend dieses Tages von den Frauen praktiziert wurden. In unterschiedlicher Form spielten dabei auch Nadeln eine Rolle.
  22. Vgl. o., Anm. zu S. 629.
  23. Vgl. o., Anm. zu S. 400.
  24. Gemeint ist ein mit duftender Holzkohle gefülltes Bügel‚eisen‘ (das im alten China die Form einer oben offenen Stielpfanne hatte und aus Bronze war).
  25. Der Prinz von Ju-nan, der während der Zeit der Nord- und Süddynastien im Staate Sung lebte (5. Jh.), ist bekannt für seine große Liebe zu seiner Nebenfrau Bi-yü (‚Grünjade‘), der er ein berühmt gewordenes Gedicht widmete.
  26. Vgl. o., Anm. zu S. 316 (Der Wein von Djin-gu) und S. 1167 (Lü-dschu).
  27. Dauistischer Priester, der im 7./8. Jh. lebte. Der Sage nach erbat er eine Grabinschrift für seinen Großvater bei dem berühmten Literaten und Kalligraphen Li Yung (678 – 747). Nachdem der Text verfaßt war, bat er Li darum, ihn auch selbst zu kalligraphieren, und als Li diese Bitte abschlug, entführte der zauberkundige Priester Lis Seele, während sein Körper im Schlaf lag, und ließ die Inschrift von ihr kalligraphieren.
  28. Beiname des Tang-zeitlichen Dichters Li Hë (790 – 816). In seiner von Li Schang-yin (vgl. o., Anm. zu S. 700) verfaßten Lebensbeschreibung heißt es, kurz vor Li Hës Tod sei auf einem roten Drachen ein rotgekleideter Mann vom Himmel geritten gekommen, der ihm einen Erlaß des Himmelskaisers brachte, in dem er an dessen Hof gerufen wurde, um die Erbauung eines Weißen Jadeturms zu beschreiben.
  29. Vgl. o., Anm. zu S. 1414 (Zum Kalten Palast...). Der Kassiafelsen dürfte von dem Kassiabaum abgeleitet sein, der einer chinesischen Mythe nach auf dem Mond wächst (vgl. o., Anm. zu S. 170).
  30. Vgl. Bau-yüs Aussage über diese Fee (S. 753).
  31. Der Überlieferung nach eine Tochter des Herzogs Mu von Tjin (regierte von 659 bis 621 v. u. Z.), die einen Musiker liebte und heiraten durfte, unter dessen Anleitung sie so gut auf einem Bambusblasinstrument zu spielen lernte, daß sie Phönixe damit herbeilocken konnte.
  32. Der Überlieferung nach eine unsterbliche Fee, die erst zum Gefolge der ‚Königinmutter des Westens‘ gehörte, später zu dem der Mondgöttin (vgl. o., Anm. zu S. 1414: Zum Kalten Palast...).
  33. Altertümliches Schlaginstrument aus Holz in Form eines kauernden Tigers, das früher in der Ritualmusik Verwendung fand.
  34. Als Frau des Gottes des Berges Sung gedachte Gottheit. Sung, der heilige Berg des Zentrums (Dschung-yüä), war einer der Fünf heiligen Berge, die im alten China kultische Verehrung genossen.
  35. Unsterbliche Fee der chinesischen Mythe.
  36. Der Überlieferung nach tauchte, als Yü erfolgreich die Sintflut ableitete (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü und S. 1468: sie... hatte grausamer zu leiden als Gun), aus dem Luo-Fluß eine Geisterschildkröte auf und präsentierte ihm eine Schrifttafel.
  37. Vgl. o., Anm. zu S. 712.