Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 80"

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=== Die schoene Xiangling wird vom habgierigen Ehemann geschlagen; Der Daoist Wang erzaehlt ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht ===
 
=== Die schoene Xiangling wird vom habgierigen Ehemann geschlagen; Der Daoist Wang erzaehlt ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht ===
  
: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“0
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'''Die schöne Hsiang-ling wird von ihrem gierigen Mann geschlagen,der Dauistenpriester Wang faselt von einem Heilmittel gegen die Eifersucht.'''
Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i0 oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“
 
Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“
 
Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte:
 
„Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“
 
Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“
 
Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“
 
„Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter:
 
„Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf.
 
Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack,
 
nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“
 
Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“
 
„Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“
 
Und Bau-yü fuhr fort:
 
„Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild,
 
nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“
 
„Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“
 
Wieder fuhr Bau-yü fort:
 
„Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund,
 
mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“
 
Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“
 
„Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd.
 
„Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng.
 
Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile:
 
„Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“
 
„Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“
 
Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“
 
„So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd.
 
„Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“
 
„Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an.
 
„Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“
 
Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile:
 
„Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“
 
Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“
 
Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“
 
„Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“
 
„Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“
 
Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren:
 
„Endet spät am Abend das ermüdende Spiel,
 
ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“
 
„Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“
 
Daraufhin sprach Bau-yü:
 
„Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt,
 
wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“
 
„Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“
 
Bau-yü aber fuhr fort:
 
„Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren,
 
stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht.
 
Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder,
 
die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb.
 
Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß,
 
als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert.
 
Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab,
 
als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“
 
„Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“
 
Und wieder fuhr Bau-yü fort:
 
„Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten,
 
schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb.
 
Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen,
 
Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“
 
„Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“
 
Indessen sprach Bau-yü weiter:
 
„Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte?
 
Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt.
 
Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite,
 
um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht.
 
Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder,
 
als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar.
 
Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen,
 
doch das Leben zu wagen, ist jede bereit.
 
Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht,
 
welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin.
 
Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort,
 
ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub.
 
Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt,
 
in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein.
 
Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung,
 
die Minister stehn ratlos und senken den Kopf.
 
Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches,
 
wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies?
 
Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen,
 
mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“
 
Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück.
 
Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg.
 
Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“
 
Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘0 Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine.
 
Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt.
 
Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt.
 
Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘0, manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“
 
Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide0 kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte.
 
Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab:
 
„In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers0 für die Zierde des Herbstes zuständig ist.
 
Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend.
 
Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen.
 
Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I0, durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun0.
 
Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku0 verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen0 ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet.
 
Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen0, vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus0. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel0, mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben?
 
In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums0, ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt.
 
Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel0 trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen0?
 
Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden.
 
Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan0, stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung0.
 
Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus.
 
Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan0, jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji0 wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist.
 
Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige.
 
Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen:
 
Warum ist der Himmel so blau, so blau?
 
Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament?
 
Warum ist die Erde so weit, so weit?
 
Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt?
 
Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm,
 
ist es das Glänzen von Sternen?
 
Federbüsche wehn deinem Zug voran,
 
geleiten dich gar Kometen?
 
Steuert der Mondlenker die Karosse?
 
Fährt der Donnergott nebenher?
 
  
So eilig rattern die Räder im Flug,
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Als Djin-guee das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog den Mund und schnaubte ein paarmal durch die Nase, dann schlug sie die Hände zusammen und sagte mit abfälligem Lächeln: „Wer hätte jemals den Duft von Wassernußblüten gerochen?! Wenn die Wassernuß duften soll, was willst du dann erst von Blüten sagen, die wirklich duften? Dieser Name ist der Gipfel der Sinnlosigkeit.“
sind‘s Phönixe, die dich ziehen?
+
„Nicht nur die Blüten der Wassernuß, auch die Blätter und die Samenkapseln der Lotosblume haben einen frischen Duft, wenn er auch mit dem Duft anderer Blumen nicht vergleichbar ist“, widersprach Hsiang-ling. „Wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, früh am Morgen oder spät am Abend genau darauf achtgibt, dann merkt man, daß dieser Duft lieblicher ist als jeder Blütenduft. Selbst die Wassernüsse, die Früchte der Seerose<ref>Gemeint sind die Fruchtstände der Pflanze Euryale ferox aus der Familie der Seerosengewächse.</ref> sowie die Blätter und die Wurzeln von Schilf haben, wenn der Tau fällt, einen herzerfrischenden Geruch.“
Deutlich verspür ich balsamischen Duft,
+
„Orchideen und Duftblüten riechen also deiner Meinung nach nicht gut?“ fragte Djin-guee.
bist du mit Kräutern gegürtet?
+
Hsiang-ling hatte sich so in Hitze geredet, daß sie das Namenstabu völlig vergaß und ohne Zögern antwortete: „Der Geruch von Orchideen und Duftblüten ist mit dem von anderen Blumen nicht zu vergleichen...“
Es glitzert dort auf deinem Rock so stark,
+
Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Djin-guees Sklavenmädchen Bau-tschan schon mit dem Finger auf sie wies und sagte: „Zu sterben verdienst du! Wie kannst du einfach den Namen der jungen Herrin aussprechen?
trägst du aus Mond ein Geschmeide?
+
Hsiang-ling wurde sich schlagartig ihrer Verfehlung bewußt und entschuldigte sich mit beschämtem Lächeln: „Das ist mir nur so herausgerutscht. Rechnet es mir bitte nicht an, junge Herrin!“
Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt,
+
„Das macht doch nichts!“ sagte Djin-guee lächelnd, „du bist wirklich überängstlich. Aber die Silbe hsiang in deinem Namen erscheint mir wahrhaftig unangebracht, und ich möchte sie durch eine andere ersetzen, wenn du nichts dagegen hast.“
brennt Blumenöl in der Lampe?
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„Aber was sagt Ihr da, junge Herrin?“ erwiderte Hsiang-ling sofort und lächelte. „Ich gehöre Euch mit Haut und Haaren, warum fragt Ihr also, ob ich einverstanden bin, nur weil Ihr meinen Namen ändern wollt? Nennt mich so, wie es Euch paßt, Ihr könnt jede Silbe benutzen, die Ihr für richtig haltet.“
Aus Kürbis geformt das Opfergefäß,
+
„Du bist zwar einverstanden“, nahm wieder Djin-guee das Wort, „aber ich fürchte, das gnädige Fräulein könnte argwöhnisch sein und sagen: ‚Ist ein Name, den du dir ausdenkst, besser als einer, den ich mir ausgedacht habe? Kaum bist du ein paar Tage im Haus, stellst du dich gegen meine Entscheidungen.‘ “
ist Duftblütenwein darinnen?
+
Lächelnd erklärte ihr Hsiang-ling daraufhin: „Ihr wißt das nicht, junge Herrin, aber als man mich damals kaufte, diente ich zuerst der gnädigen Frau, und deshalb hat das gnädige Fräulein mir einen Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn diente, hatte ich mit dem gnädigen Fräulein nichts mehr zu tun. Seitdem jetzt Ihr im Hause seid, habe ich erst recht nichts mehr mit ihr zu schaffen. Außerdem ist das gnädige Fräulein so ein verständiger Mensch, daß sie wegen so etwas bestimmt nicht böse wird.“
Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus,
+
„Wenn es so ist, werde ich die Silbe hsiang – ‚duftend‘ – durch die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – ersetzen“, sagte Djin-guee. „Da die Wassernuß im Herbst blüht und Früchte trägt, hat der Name so wohl etwas mehr Berechtigung.“
ob ich wohl etwas erblicke?
+
„Es soll sein, wie Ihr sagt, junge Herrin“, stimmte Hsiang-ling zu, und damit galt jetzt Tjiu-ling als ihr Name.
Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr,
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Bau-tschai schenkte der Sache keine Beachtung.
läßt sich dort etwas vernehmen?
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Hsüä Pan war so veranlagt, daß er „auf Schu schaute, kaum daß er Lung erobert hatte“<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 835.</ref>, und als er nach der Hochzeit mit Djin-guee sah, daß auch ihr Sklavenmädchen Bau-tschan einigen Liebreiz hatte und sich erfreulich leichtfertig benahm, versäumte er nie, sie zu necken, wenn er sich von ihr Tee oder Wasser reichen ließ. Bau-tschan verstand auch sehr gut, wie er das meinte, doch aus Furcht vor Djin-guee wollte sie nichts übereilen und wartete auf ein Zeichen von ihr.
Sehn wir uns wieder im endlosen Raum?
+
Djin-guee ihrerseits merkte genau, was da vorging, und sagte sich: „Ich will Hsiang-ling aus dem Weg räumen und finde keine Handhabe. Wenn er sich jetzt in Bau-tschan verguckt hat und ich sie ihm lasse, wird er sich dadurch Hsiang-ling entfremden. Das kann ich mir zunutze machen, um sie auszuschalten. Bau-tschan aber gehört mir, mit ihr kann ich leicht fertig werden.“ Nachdem sie sich diesen Plan zurechtgelegt hatte, wartete sie auf eine Gelegenheit, um ihn ins Werk zu setzen.
Läßt du mich im Staub hier zurück?
+
Eines Abends dann, als Hsüä Pan leicht berauscht war, ließ er sich wieder einmal von Bau-tschan Tee eingießen, und als sie ihm die Schale reichen wollte, griff er statt dessen nach ihrer Hand. Bau-tschan wollte ihm zum Schein ausweichen und zog die Hand zurück. Klirr! machte es, die Teeschale lag zerbrochen am Boden, und alles war mit Tee bespritzt.
Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an,
+
Hsüä Pan, dem die Sache jetzt peinlich war, behauptete, Bau-tschan habe die Schale nicht richtig gehalten. Bau-tschan aber verteidigte sich: „Ihr habt sie mir nicht richtig abgenommen!“
nimmst du mich mit auf dem Wege?
+
Da sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln: „Schluß jetzt mit den Ausflüchten! Ihr müßt einen nicht für dumm verkaufen!“
Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir,
+
Hsüä Pan senkte nur den Kopf und lächelte stumm, Bau-tschan aber wurde rot und ging aus dem Zimmer. Als es bald darauf Zeit zum Schlafengehen war, verlangte Djin-guee von Hsüä Pan, er solle woanders schlafen. „Ich will nicht, daß du dich vor Verlangen verzehrst“, sagte sie zur Begründung. Als Hsüä Pan darauf nur lächelte, fuhr Djin-guee fort: „Wenn du etwas möchtest, dann sag es mir und versuch es nicht heimlich. Das führt zu nichts.“
doch hat es Sinn, nur zu jammern?
+
Mutig vom genossenen Wein, kniete Hsüä Pan auf dem Bett nieder, griff nach Djin-guees Hand und bat lächelnd: „Liebe ältere Schwester! Wenn du mir Bau-tschan schenkst, tue ich für dich, was du willst. Wenn du das Gehirn von jemand verlangst, bringe ich es dir!“
Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft,
+
„Rede doch nicht so unverständig!“ hielt Djin-guee ihm vor und lächelte dabei ebenfalls. „Wenn du eine magst und sagst mir das, dann machen wir sie zu deiner Nebenfrau, damit es auch vor den Leuten seine Ordnung hat. Was habe ich denn dagegen?!“
ist das so der Lauf der Dinge?
+
Hsüä Pans Dankbarkeit für diese Zusage kannte keine Grenze, und in der Nacht erfüllte er alle Pflichten eines Ehemannes, um sich bei Djin-guee einzuschmeicheln.
Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft,
+
Am folgenden Tag ging Hsüä Pan nicht aus. Statt dessen vertrödelte er zu Hause seine Zeit und zerstreute dabei seine letzten Bedenken. Am Nachmittag ging dann Djin-guee absichtlich hinaus, damit es die beiden bequem hatten, und Hsüä Pan begann, sich an Bau-tschan heranzumachen. Bau-tschan durchschaute zu acht, neun Zehnteln, was hier gespielt wurde, deshalb verhielt sie sich halb abweisend, halb nachgiebig, und es war augenscheinlich, daß die beiden sich bald einig sein würden.
warum dann verwandelt fliehen?
+
Dabei ahnten sie freilich nicht, daß Djin-guee absichtlich wartete, bis zu vermuten war, daß sie fest genug miteinander verstrickt waren, um dann ihr Sklavenmädchen Hsiau-schë zu sich zu rufen. Diese Hsiau-schë hatte von klein auf bei Djin-guee gedient, und Hsiau-schë – „Kleine Verlassene“ – wurde sie deshalb von allen genannt, weil sie schon als Kleinkind beide Eltern verloren hatte und auch sonst niemanden besaß, der sich um sie hätte kümmern können. Sie wurde stets nur für grobe Arbeiten eingesetzt, jetzt aber befahl Djin-guee mit Vorbedacht gerade sie zu sich, um ihr aufzutragen: „Geh und sag Tjiu-ling, sie solle mein Taschentuch aus meinem Zimmer holen! Aber du mußt ihr nicht sagen, daß ich es befohlen habe!“
Ich trage weiter die Fesseln der Welt,
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Sofort begab sich Hsiau-schë zu Hsiang-ling und sagte: „Fräulein Tjiu-ling! Die junge Herrin hat ihr Taschentuch im Zimmer liegengelassen. Wäre es nicht gut, es ihr zu bringen?
kommst du mich hier noch besuchen?
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Hsiang-ling war in der letzten Zeit von Djin-guee immer wieder schlecht behandelt worden, ohne zu wissen warum, und bemühte sich auf jede Weise, ihr Wohlwollen zurückzugewinnen. Deshalb ging sie, kaum daß sie diese Aufforderung gehört hatte, um das Taschentuch zu holen, und platzte so unvermutet ins Zimmer, als Bau-tschan eben an der Grenze zwischen Abwehr und Nachgeben war. Der Anblick ließ Hsiang-ling bis über beide Ohren erröten, und sie machte sofort kehrt, um das Weite zu suchen.
Kommst du? Bleibst du?
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Hsüä Pan war der Meinung gewesen, er könne ganz offen handeln, und hatte deshalb außer vor Djin-guee vor niemandem Angst. So hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als Hsiang-ling jetzt hereinstürzte, war ihm das wohl ein wenig peinlich, aber er schenkte der Störung keine große Beachtung. Nicht so Bau-tschan, die sich immer gebrüstet hatte und sich stets vor allen hervortun wollte. Als sie plötzlich Hsiang-ling erblickte, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rasch stieß sie Hsüä Pan beiseite und lief hinaus, wobei sie lauthals schimpfte und schrie, er habe ihr Gewalt antun wollen.
Ich bitte dich, komm!
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Als Hsüä Pan, den es so viel Mühe gekostet hatte, Bau-tschan zu umgarnen, sehen mußte, wie Hsiang-ling ihm alles kaputt machte, als er sich schon am Ziel seiner Wünsche glaubte, schlug seine Hochstimmung in Wut um, und die entlud sich gegen Hsiang-ling. Er stürzte hinaus, spuckte sie an, ohne sich auf Erörterungen einzulassen, und schimpfte: „Verfluchte Hure! Mußtest du deinen Kadaver ausgerechnet jetzt hier sehen lassen?“
Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen0, die Fee vom Luo-Fluß0 empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü0 bläst die Mundorgel, Han-huang0 schlägt den Holztiger0, um die Göttin des Berges Sung0 herbeizurufen und die Alte vom Berge Li0 aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf0, und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie0. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben.
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Hsiang-ling, die sich denken konnte, daß hier nichts Gutes auf sie wartete, brachte sich schleunigst in Sicherheit. Nun suchte Hsüä Pan nach Bau-tschan, aber sie war spurlos verschwunden, und so schimpfte er wütend auf Hsiang-ling.
In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom.
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Als sich Hsüä Pan dann nach dem Abendessen, als er schon tüchtig berauscht war, waschen wollte und das Wasser ein wenig zu heiß fand, so daß er sich den Fuß darin vebrühte, behauptete er, Hsiang-ling habe ihm absichtlich etwas antun wollen, und nackt, wie er war, stürzte er zu ihr und versetzte ihr ein paar Fußtritte.
Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen.
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Hsiang-ling hatte noch niemals Hsüä Pans Zorn auf diese Weise zu spüren bekommen. Dennoch wagte sie nichts zu sagen, klagte nur still für sich und hielt sich abseits.
Ach weh!
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Währenddessen hatte Djin-guee mit Bau-tschan abgesprochen, diese solle heute nacht mit Hsüä Pan in Hsiang-lings Zimmer schlafen und sich ihm hingeben, während Hsiang-ling bei Djin-guee schlafen sollte. Als Hsiang-ling anfangs nicht wollte, fragte Djin-guee, ob sie vielleicht meine, daß es bei ihr zu schmutzig sei oder ob sie sich eine ruhige Nacht verschaffen und ihr deshalb nicht aufwarten wolle. Dann aber schimpfte sie: „Dein Trottel von Herr verliebt sich in jede, die er zu sehen bekommt. Meine Magd nimmt er mir weg, aber dich schickt er auch nicht zu mir. Was soll das heißen? Will er mich umkommen lassen?“
Komm und empfange das Opfer!“
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Als Hsüä Pan das hörte, bekam er Angst, aus der Sache mit Bau-tschan könnte wieder nichts werden, darum kam er schnell herüber und schimpfte Hsiang-ling aus: „Du weißt wohl gar keine Gunst zu schätzen? Wenn du jetzt nicht gehst, setzt es Schläge!“
Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!
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So konnte Hsiang-ling nicht umhin, ihr Bettzeug zu holen. Auf Befehl von Djin-guee sollte sie sich ihr Lager auf dem Fußboden bereiten. Wieder bleib Hsiang-ling nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und kaum hatte sie sich hingelegt, verlangte Djin-guee nach Tee, eine Weile später ließ sie sich die Beine klopfen. So hatte sie in dieser Nacht nicht weniger als sieben oder acht Aufträge für Hsiang-ling und ließ sie keinen Augenblick zur Ruhe kommen.
Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“
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Hsüä Pan indes schien mit Bau-tschan ein wahres Juwel gewonnen zu haben und hatte für nichts anderes mehr Augen als für sie. Insgeheim schimpfte Djin-guee deshalb ärgerlich: „Vergnüg dich nur ein paar Tage, aber mach mir keine Vorwürfe, wenn ich nach und nach meine Mittelchen anwende!“ Und sie verbarg ihren Zorn und suchte zuerst nach Wegen, um mit Hsiang-ling fertig zu werden.
Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden.
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Einen halben Monat später stellte sie sich wieder einmal krank und behauptete, das Herz tue ihr unerträglich weh und sie könne kein einziges Glied rühren. Ein Arzt wurde gerufen, doch seine Behandlung blieb ohne Erfolg, und alle sagten, der Ärger mit Hsiang-ling müsse das Leiden bewirkt haben. Aber zwei Tage später fiel plötzlich eine Papierfigur aus Djin-guees Kopfkissen, auf der die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde ihrer Geburt<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 437.</ref> geschrieben standen und in der fünf Nadeln steckten – je eine in der Herzgegend und in den Gelenken der vier Gliedmaßen.
79. Hsüä Pan nimmt eine brüllende Löwin zur Frau,
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Sofort erhob sich ein Tumult im Hause, jeder sah es als Sensation an, und als Erstes wurde Tante Hsüä davon Meldung gemacht. Tante Hsüä wußte vor Aufregung weder aus noch ein, und Hsüä Pan gebärdete sich natürlich erst recht wie toll und wollte sofort das ganze Gesinde auf der Folter verhören. Aber Djin-guee fragte ihn lächelnd: „Warum sollen Unschuldige leiden, wenn es doch wahrscheinlich die Hexenkünste von Bau-tschan sind?“
Ying-tschun bekommt einen herzlosen Wolf zum Mann.
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„Bau-tschan hatte in den letzten Tagen kaum Gelegenheit, sich in deinem Zimmer aufzuhalten“, erwiderte Hsüä Pan. „Warum verdächtigst du einen guten Menschen?
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„Und wer soll es sonst gewesen sein?“ fragte Djin-guee mit verächtlicher Miene. „Ich selbst vielleicht? Zwar sind auch noch andere da, aber wer von ihnen würde sich in mein Zimmer wagen?“
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„Hsiang-ling war jetzt Tag für Tag mit dir zusammen und weiß bestimmt, wer es war“, sagte Hsüä Pan. „Ich werde zuerst sie mit Schlägen befragen, dann bekommen wir es heraus!“
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„Wen du auch fragst, wer würde das zugeben?!“ sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln. „Meiner Meinung nach sollten wir einfach so tun, als wüßten wir von nichts, und die Hände davon lassen. Was macht es denn schon, wenn mich jemand umbringt? Dir kann es ja nur recht sein, du nimmst dir dann eine bessere Frau. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß ich euch allen dreien nur im Wege bin.“ Bei diesen Worten brach sie in bittere Tränen aus.
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Hsüä Pan aber geriet durch diese Vorwürfe nur noch mehr in Wut. Er griff sich den Holzbalken, der dazu diente, das Tor zu verriegeln, stürzte damit los, bis er Hsiang-ling gefunden hatte, und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, begann er, auf ihren Kopf und ihr Gesicht einzuschlagen. Dabei behauptete er, sie sei es gewesen, die den Anschlag in Szene gesetzt hatte.
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Als Hsiang-ling laut ihre Unschuld beteuerte, kam Tante Hsüä gelaufen und herrschte ihren Sohn an: „Wie kannst du sie schlagen, ohne die Sache vorher geklärt zu haben?! Das Mädchen hat dir jahrelang gedient und war in allen Dingen stets umsichtig und aufopferungsvoll. Wie würde sie es wagen, jetzt so eine schändliche Tat zu begehen?! Verschaff dir wenigstens Klarheit, ehe du anfängst, grob zu werden!“
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Als Djin-guee hörte, was ihre Schwiegermutter sagte, befürchtete sie, Hsüä Pan könne sich davon beeinflussen lassen, darum heulte sie noch lauter und klagte: „Einen halben Monat lang hast du dir einfach meine Bau-tschan genommen und sie nicht mehr zu mir gelassen. Nur Tjiu-ling hast du mir für die Nacht geschickt. Als ich Bau-tschan verhören wollte, hast du sie mit aller Gewalt in Schutz genommen, jetzt wieder schlägst du vor lauter Wut auf Tjiu-ling ein. Bring mich doch um und such dir eine hübsche Frau aus vornehmer, reicher Familie, und damit ist die Sache erledigt. Wozu erst noch diese faulen Tricks?
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Hsüä Pan kam bei diesen Worten erst recht in Rage, Tante Hsüä aber merkte, wie Djin-guee mit jedem Satz darauf abzielte, sich Hsüä Pan gefügig zu machen, und das auf die boshafteste und widerlichste Weise. Nur hatte ihr Sohn leider gar kein Rückgrat und war es schon gewöhnt, sich am Gängelband führen zu lassen. Jetzt hatte er auch noch das Sklavenmädchen verführt, so daß seine Frau ihm vorwerfen konnte, er habe sie ihr weggenommen, während sie selbst sich als sanfte, nachgiebige Gattin hinstellen konnte. Wer da versucht hatte, Djin-guee zu behexen, konnte Tante Hsüä natürlich nicht wissen, und so traf hier wirklich zu, was der Volksmund sagt: „Selbst der ehrlichste Richter vermag in Familienangelegenheiten kein Urteil zu fällen“, wenn man hier auch besser sagen konnte: „Die Schwiegereltern können kein Urteil darüber fällen, was hinter den Bettvorhängen eines jungen Paares vorgeht.“
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So konnte Tante Hsüä weiter nichts tun, als wütend auf ihren Sohn zu schimpfen: „Du stumpfer Lümmel, du Strafe für meine Sünden! Ein geiler Hund benimmt sich noch anständiger als du. Wie kannst du dich einfach an eine Magd heranmachen, die von deiner Frau mit in die Ehe gebracht wurde, so daß sie dir vorwerfen kann, du hättest sie ihr mit Gewalt weggenommen? Wie willst du den Leuten jetzt ins Gesicht sehen? Und ohne zu klären, wer die Hexerei ins Werk gesetzt hat, fängst du einfach an zu prügeln.
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Ich weiß, du bist ein ehrloser Wicht, der über dem Neuen das Alte vergißt, und schön hast du mir da vergolten, was ich seinerzeit für dich tat! Auch wenn sie wirklich nichts taugt, hast du sie noch lange nicht zu schlagen. Eher will ich einen Mädchenhändler rufen und sie verkaufen, dann wirst du wohl Ruhe geben.“ Und schon befahl sie Hsiang-ling: „Pack deine Sachen und komm mit!
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Im nächsten Augenblick gab sie jemandem noch den Auftrag: „Geh und bring mir einen Mädchenhändler! Wir werden sie für ein paar Liang Silber verkaufen, damit wir diesen Pfahl im Fleische, diesen Dorn im Auge loswerden und wieder friedliche Tage verleben können!“
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Hsüä Pan hatte, als er merkte, wie zornig seine Mutter war, längst den Kopf gesenkt, Djin-guee aber rief weinend durchs Fenster hinaus: „Verkauft nur, wen Ihr wollt, aber sprecht nicht von der einen, um eine andere mit hineinzuziehen! Bin ich vielleicht so eifersüchtig, daß ich keine andere dulden will? Und was heißt hier ‚Pfahl im Fleische, Dorn im Auge‘? Für wen soll sie denn das sein? Wenn ich jede andere aus dem Wege haben wollte, hätte ich bestimmt nicht geduldet, daß er sich einfach meine Magd nimmt.“
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Diese Worte ließen Tante Hsüä vor Wut erzittern, und sie erwiderte: „In welcher Familie ist denn das der Brauch, daß die Schwiegermutter etwas sagt und die Schwiegertochter ihr durchs Fenster hindurch frech kommt? Du willst die Tochter einer altangesehenen Familie sein und schreist hier herum, ohne zu überlegen, was du überhaupt sagst!“
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Vor Erregung stampfte jetzt Hsüä Pan mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Schluß jetzt, Schluß! Man wird uns auslachen, wenn man uns so hört!“
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Aber Djin-guee dachte nicht daran aufzuhören. Sie wurde nur noch hysterischer und schrie: „Ich habe keine Angst, daß man mich auslacht! Dein Biest von Nebenfrau versucht, mich umzubringen, und ich soll Angst haben, daß man über mich lacht! Das beste wird sein, sie zu behalten und mich zu verkaufen.
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Wer wüßte nicht, daß ihr Hsüäs das Geld habt, um immer und überall jeden unter Druck zu setzen, und daß ihr mächtige Verwandte habt, die jedem euren Willen aufzwingen können?! Worauf wartest du also noch, anstatt zu handeln? Und wenn ich dir nicht gut genug bin, warum mußtet ihr uns dann erst das Haus einrennen wie die Verrückten? Jetzt hast du mich bekommen, das Gold und Silber aus meiner Mitgift hast du auch eingesteckt, und meine Magd, die ein bißchen nach etwas aussieht, hast du dir auch noch geschnappt. Ist es da nicht Zeit, mich hinauszuwerfen?“
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So schrie sie unter Tränen, während sie sich zugleich hin und her wälzte und sich Schläge versetzte. Hsüä Pan wußte vor Aufregung nicht, ob er sie ausschimpfen oder ihr gut zureden, ob er sie schlagen oder anflehen sollte. Er lief nur seufzend hinaus und wieder hinein und beklagte sich über sein widriges Geschick. Tante Hsüä hatte sich inzwischen von Bau-tschai überreden lassen, sich in ihre Räume zurückzuziehen, verlangte aber nach wie vor, Hsiang-ling solle verkauft werden.
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Lächelnd hielt Bau-tschai ihr vor: „Unsere Familie hat stets nur Leute gekauft, aber keine verkauft. Die Wut hat Euch denVerstand getrübt, Mutter. Wenn jemand davon hört, werden wir zum Gespött der Menge. Wenn mein Bruder und meine Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann gebt sie mir zu meiner Bedienung, mir fehlt gerade jemand.“
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„Wenn wir sie behalten, gibt es nur neuen Ärger, darum ist es das beste, wir schicken sie weg, dann herrscht Ruhe“, wandte Tante Hsüä ein.
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„Wenn sie bei mir bleibt, ist es doch ganz dasselbe“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Auf keinen Fall lasse ich sie nach vorn gehen, und wenn sie voneinander getrennt sind, wird es genauso sein, als ob wir sie verkauft hätten.
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Inzwischen war auch Hsiang-ling längst zu Tante Hsüä gelaufen gekommen und bat unter Tränen, man solle sie nicht fortschicken, sie wolle von Herzen gern dem jungen Fräulein dienen. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als nachzugeben.
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Von nun an diente Hsiang-ling tatsächlich in Bau-tschais Gefolge und schlug sich den Weg in die vorderen Gemächer gründlich aus dem Sinn. Dennoch klagte sie natürlich dem Mond ihren Kummer und seufzte im Lampenschein. Sie war schon immer schwächlich, und obwohl sie mehrere Jahre lang mit Hsüä Pan zusammengelebt hatte, war sie doch auf Grund einer gestörten Regel niemals schwanger geworden. Als jetzt noch Wut und Ärger hinzukamen, war sie diesen Qualen innerlich wie äußerlich nicht gewachsen und zog sich eine Auszehrung mit völligem Ausbleiben der Regel zu. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, dabei fieberte sie und mochte weder essen noch trinken. Ärzte wurden gerufen, um sie zu untersuchen, aber die Medikamente, die sie ihr verschrieben, bewirkten nichts.
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Inzwischen hatte Djin-guee noch ein paarmal einen Krawall verursacht und Tante Hsüä wie auch Bau-tschai damit so in Zorn gebracht, daß sie im Verborgenen weinten und ihr Schicksal beklagten. Hsüä Pan hatte zwar, ermutigt vom Wein, noch mehrmals versucht, Djin-guee mit Härte entgegenzutreten, aber wenn er nach einem Stock griff, um sie zu schlagen, bot sie ihm ihren Leib dar, und forderte ihn auf, er solle nur zuschlagen, und wenn er ein Messer packte, um sie zu erstechen, streckte sie ihm den Hals entgegen. Dann brachte Hsüä Pan es nicht fertig, ihr wirklich etwas zu tun, wütete nur eine Weile und gab sich dann geschlagen. In dem Maße, wie dies durch mehrfache Wiederholung zur Selbstverständlichkeit wurde, wuchs Djin-guees Hochmut, während Hsüä Pan mehr und mehr zum Waschlappen wurde.
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Hsiang-ling war wohl noch da, aber es war so, als gäbe es sie gar nicht. Und wenn Djin-guee deshalb auch nicht ganz unbesorgt sein konnte, kümmerte sie sich doch einstweilen nicht um sie, weil sie ihr ja nicht mehr unter die Augen kam. Statt dessen ging sie allmählich dazu über, sich Bau-tschan vorzunehmen. Aber Bau-tschan war ein anderer Charakter als Hsiang-ling, sie war ganz wie trockenes Reisig, das im Nu aufflammt. Und da sie mit Hsüä Pan ein Herz und eine Seele war, schien Djin-guee für sie nicht mehr zu existieren. Als sie jetzt sah, daß Djin-guee sie zu drangsalieren suchte, war sie nicht gewillt, auch nur im mindesten nachzugeben.
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Zuerst zankte sie zurück, wie es ihr gerade in den Sinn kam, und wenn Djin-guee dann richtig in Fahrt geriet und fluchte und schlug, wagte sie zwar nicht, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber sie benahm sich völlig hysterisch und machte Anstalten, sich umzubringen – am Tage mit Messer oder Schere, bei Nacht mit Strick oder Schnur. Hsüä Pan, der es nicht beiden zugleich recht machen konnte, stand dann unschlüssig zwischen ihnen, und wenn sie es gar zu wild trieben, lief er davon und suchte draußen im Anbau Zuflucht.
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Wenn Djin-guee einmal nicht ihre Launen hatte und gelegentlich in guter Stimmung war, sammelte sie die Sklavinnen um sich und spielte mit ihnen Karten oder Würfel, um sich die Zeit zu vertreiben. Außerdem hatte sie seit jeher größte Freude daran, Knochen abzunagen, und so ließ sie Tag für Tag Hühner und Enten schlachten, gab das Fleisch anderen und knabberte scharf gebratene Knochen zum Wein. Wenn sie es über hatte oder sich ärgerte, begann sie wüst zu schimpfen und sagte: „Wenn sich Nutten und Hurenböcke vergnügen können, warum soll ich dann nicht vergnügt sein dürfen?!“
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Von Tante Hsüä und Bau-tschai wurde Djin-guee jetzt völlig ignoriert, Hsüä Pan aber bereute nur Tag und Nacht, daß er so einen Zankteufel zur Frau genommen hatte, und wußte sich nicht zu helfen. Unter den Bewohnern des Ning-guo- und des Jung-guo-Anwesens gab es dann niemanden, hoch oder niedrig, der nicht davon gewußt und nicht darüber geseufzt hätte.
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Inzwischen waren die einhundert Tage um, während derer Bau-yü das Haus nicht verlassen durfte, und er ging wieder aus. Auch Djin-guee ging er sich ansehen und stellte dann verwundert fest: „In Aussehen oder Verhalten hat sie nichts Seltsames an sich. Sie gleicht nicht weniger einer frischen Blume oder einer zarten Weide als meine Schwestern und Kusinen, wie kommt sie also zu so einem Charakter? Das ist wirklich mehr als erstaunlich!“
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Eines Tages, als er zu Dame Wang ging, um ihr seinen Gruß zu entbieten, traf er dort eine von Ying-tschuns alten Ammen an, die auf Besuch gekommen war und nun berichtete, Sun Schau-dsu sei ein ganz und gar unwürdiger Mensch. „Das Fräulein weint in einem fort im Verborgenen und sehnt sich nur danach, ein paar Tage nach Hause geholt zu werden, um einmal auszuspannen“, sagte sie.
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„Ich wollte sie dieser Tage schon holen lassen“, erwiderte Dame Wang darauf. „Doch weil ich allerlei Unannehmlichkeiten hatte, vergaß ich es wieder. Als Bau-yü neulich dort war, hat er dasselbe erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, da werde ich sie holen lassen.
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Als sie das eben sagte, erschien eine Botin der Herzoginmutter, die Bau-yü suchte, um ihm zu bestellen: „Morgen in aller Frühe wirst du in den Tempel des Himmelgleichen<ref>Mit dem Himmelgleichen wird hier nicht der Affenkönig Sun Wu-kung bezeichnet (vgl. o., Anm. zu S. 325 und S. 963), vielmehr dürfte der Gott des Tai-schan, des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä) gemeint sein, der im Jahre 725 vom Tang-Kaiser Hsün-dsung (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang) als ‚Prinz Himmelgleich‘ (Tiän-tji wang) belehnt worden war. Da der Tai-schan der wichtigste der Fünf heiligen Berge war, gab es in vielen großen Städten Chinas dauistische Tempel des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä miau), um seinen Kult pflegen zu können, ohne zu jedem Opfer nach Schan-dung reisen zu müssen. Einige dieser Tempel sind noch heute erhalten, so auch der in Peking, der in Wirklichkeit im Osten außerhalb der Altstadt liegt. Er stammt aus der Yüan-Zeit und war bekannt für die grausigen Figurengruppen, mit denen die ‚72 Instanzen der Hölle‘ (vgl. o., Anm. zu S. 507) dargestellt wurden.</ref> fahren, um deinen Dank für die erhörten Gebete zu bekunden.“
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Bau-yü, der nach Spaziergängen und Ausflügen förmlich lechzte, freute sich so über die Nachricht, daß er die ganze Nacht kein Auge zutat und nur darauf lauerte, daß es endlich hell würde.
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Nachdem er sich am frühen Morgen gewaschen und angekleidet hatte, stieg er in Begleitung einiger alter Ammen in den Wagen und fuhr zum westlichen Stadttor hinaus zum Tempel des Himmelgleichen, um dort zum Zeichen der Dankbarkeit Weihrauch abzubrennen. Im Tempel war schon am Tag zuvor alles dafür hergerichtet worden. Bau-yü, der von Natur aus ein furchtsames Gemüt hatte, wagte sich an die grausigen Statuen der Götter und Dämonen nicht nahe heran.
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Der Tempel war schon unter der vorigen Dynastie errichtet worden und war von gewaltigen Ausmaßen, doch nach so vielen Jahren war er auch außerordentlich verwahrlost. Die Lehmskulpturen, die darin standen, waren überaus grauenerregend, und so brannte Bau-yü rasch das Opfergeld und die übrigen Gaben aus Papier ab, um sich dann in den Wohnhof der Mönche zurückzuziehen und dort auszuruhen. Nachdem er gegessen hatte, begleiteten ihn die alten Ammen und mit ihnen auch Li Guee und die übrigen auf einem Streifzug durch das Tempelgelände. Doch da Bau-yü sich müde fühlte, kehrte er wieder in die Gästezelle zurück. Die alten Ammen, die befürchteten, er könnte einschlafen, ließen Alt Wang, den Tempelvorsteher, bitten, er möge Bau-yü Gesellschaft leisten und ihn unterhalten.
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Die Spezialität dieses alten Dauistenpriesters war früher einmal die, im ganzen Land als Medikamentenhändler umherzuziehen, die Leute mit seinen Wundermitteln zu behandeln und dafür ein schönes Stück Geld einzustreichen. Auch jetzt hing vor dem Tempel ein Aushängeschild, hier seien alle Arten von Arzneikugeln, Pulvern, Salben und Pillen vorrätig. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen, wo Alt Wang seit langem ein- und ausging, hatte er den Spitznamen „Ein-Pflaster-Wang“ bekommen, womit gemeint war, seine Salben seien so wirksam, daß er mit einem Pflaster hundert Krankheiten zugleich austreiben konnte.
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Als Ein-Pflaster-Wang jetzt in den Raum trat, lag Bau-yü schräg auf dem Ofenbett, weil er schlafen wollte, während Li Guee auf ihn einredete: „Nicht einschlafen, kleiner Herr!“ und ihn neckte. Als sie sahen, daß Ein-Pflaster-Wang hereinkam, begrüßten ihn alle lächelnd: „Du kommst eben zur rechten Zeit, Meister Wang! Du verstehst dich so gut auf alte Geschichten, also erzähl unserm jungen Herrn eine davon!“
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„Aber ja!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „schlaft nicht ein, kleiner Herr, sonst fangen die Mehlklüter in Euerm Bauch zu spuken an!“
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Alles lachte darüber, und Bau-yü lachte mit, setzte sich auf und ordnete seine Kleider. Nun befahl Ein-Pflaster-Wang seinen Novizen, sie sollten schnell einen kräftigen Tee brühen, aber Ming-yän erklärte: „Deinen Tee kann unser junger Herr nicht trinken. Schon der Salbengeruch stört ihn, wenn er hier nur sitzt.“
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„Vergebung!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „aber meine Salben kommen nie in diesen Raum. Und weil ich wußte, der kleine Herr werde heute kommen, habe ich wieder und wieder mit Duftholz geräuchert.“
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„Ach, richtig!“ sagte da Bau-yü, „immer wieder höre ich, wie gut deine Pflaster sind. Gegen welche Krankheiten helfen sie eigentlich?“
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„Mit meinen Pflastern ist es eine lange Geschichte, kleiner Herr, und die Einzelheiten sind mit ein paar Worten nicht erklärt“, begann Ein-Pflaster-Wang, um dann fortzufahren: „Es sind einhundertundzwanzig verschiedene Arzneistoffe darin, die sich zueinander verhalten wie Herrscher und Untertan, und auch jeder Gast bekommt seinen Platz. Warmes und Kaltes findet zugleich Verwendung, Teures und Billiges je nach seiner Eigenart.  
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Innerlich bringen sie die Grundelemente in Harmonie und füllen die Lebensenergie auf, sie machen Appetit, stärken die Körperfunktionen und die Abwehrkräfte, beruhigen Geist und Gemüt, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Nahrung und Schleim auf. Äußerlich aber bringen sie die Blutbahnen in Ordnung und lockern die Muskeln auf, sie lassen abgestorbenes Fleisch verschwinden und bringen neues zum Wachsen, sie vertreiben Erkältungen und machen Gifte unschädlich. Sie wirken mit wie Geisterkraft. Wer einmal davon Gebrauch gemacht hat, der weiß Bescheid.“
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„Ich glaube nicht, daß man nur mit einem einzigen Pflaster alle diese Krankheiten heilen kann“, sagte Bau-yü zweifelnd, „aber ich würde gern wissen, ob sich damit auch ein bestimmtes Leiden kurieren läßt.“
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„Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“
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„Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“
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Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“
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„Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“
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Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn.
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Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“
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Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“
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Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“
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„Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“
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„Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü.
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„Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“
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„Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd.
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Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“
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„Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü.
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„Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“
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„Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü.
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„Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“
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Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze.
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Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“
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Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück.
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Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele  und  Trinkgelage.  Unter den  Sklavenfrauen und -mädchen  des
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Hauses ist kaum noch eine,  mit der er es nicht getrieben hätte.  Nachdem  ich  zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 373.</ref>. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen.
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Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“
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Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.
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„Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“
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Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle.
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„Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“
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„Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.“
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Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten.
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In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging.
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Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen.
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Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen.
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Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
  
Bau-yü hatte also kaum sein Opfer für Tjing-wën beendet, als zwischen den Blumenstauden eine menschliche Stimme ertönte, die ihn vor Schreck zusammenfahren ließ. Doch als die Gestalt hervorkam und er sie genauer betrachtete, erkannte er Dai-yü, die über das ganze Gesicht lächelte und zu ihm sagte: „Was für ein schöner, neuartiger Opfertext! Er verdient, mit der Inschrift für Tsau Ë0 zusammen überliefert zu werden.“
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== Anmerkungen ==
Unwillkürlich wurde Bau-yü rot bei ihren Worten und erklärte: „Ich hatte bedacht, daß die üblichen Opfertexte zu abgeleiert sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war natürlich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, daß du mir zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, kannst du es ändern.“
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<references/>
„Wo hast du deinen Text?“ fragte Dai-yü. „Ich muß ihn mir sorgfältig durchlesen, denn von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel mehr verstanden als den Doppelsatz ‚Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ Der Sinn dieses Parallelsatzes ist wohl gut, aber die ‚Bettvorhänge aus roter Seide‘ sind ziemlich abgedroschen. Dabei gibt es doch ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit. Warum hast du das nicht genommen?“
 
„Wovon sprichst du?“ erkundigte Bau-yü sich sofort.
 
„Ist nicht bei uns das Gitterwerk an den Fenstern mit rosiger Seidengaze beklebt?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Warum sagst du nicht ‚Tiefbewegt sitzt der Herrensohn am rosigen Gazefenster‘?“
 
Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und sagte lächelnd: „Das ist bestens, das ist nur zu treffend! Und du bist darauf gekommen! Da sieht man, daß es immer und überall von den schönsten gebrauchsfertigen Bildern wimmelt, nur den Narren und Dummköpfen fallen sie nicht ein. Allerdings ist noch folgendes: Durch diese Änderung wird es zwar neuartig und schön, aber dieses Bild kannst wohl du in Anspruch nehmen, aber nicht ich. Dessen bin ich nicht würdig!“ Und er wiederholte dieses „Nicht würdig!“ gleich noch zehn oder zwanzig Mal.
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
„I woher denn?“ erwiderte Dai-yü lächelnd. „Mein Fenster kann auch dein Fenster sein. Wozu willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten fremde Leutewohlgenährte Pferde und feine Pelze0 miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch verdorben wurden. Um wieviel mehr muß das also für uns gelten!“
 
„Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht?!“ sagte Bau-yü, ebenfalls lächelnd. „Selbst Gold und Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren geht auf gar keinen Fall. Deshalb ändere ich einfach auch den ‚Herrensohn‘ und das ‚Mädchen‘, so daß daraus deine Totenklage für sie wird. Zumal du immer sehr gut zu ihr warst.
 
Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als daß ich auf den neuen Ausdruck mit der ‚rosigen Gaze‘ verzichte. Darum ist es das beste, es so zu ändern: ‚Tiefbewegt sitzt das Fräulein am rosigen Gazefenster, jetzt erst begreift sie, welch ein hartes Geschick der Magd zuteil wurde, die unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin vollauf zufrieden damit.“
 
„Aber sie war schließlich nicht meine Magd“, wandte Dai-yü lächelnd ein, „außerdem sind ‚Fräulein‘ und ‚Magd‘ auch keine verfeinerten Ausdrücke. Warte also, bis meine Dsï-djüan stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.“
 
„Mußt du auch sie noch beschreien?“ fragte Bau-yü rasch.
 
„Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich“, verteidigte Dai-yü sich lächelnd.
 
„Ich hab‘s!“ verkündete Bau-yü. „Das allerbeste wird sein, wir ändern es so: ‚Tiefbewegt sitze ich am rosigen Gazefenster, jetzt erst weiß ich, welch ein hartes Geschick dir zuteil wurde, die du unter dem Hügel aus gelber Erde ruhst.‘“
 
Als Dai-yü das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, doch obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Statt dessen nickte sie mit lächelndem Gesicht und sagte: „So ist es gut. Aber weiter mußt du jetzt nicht daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hatte die gnädige Frau jemand geschickt, um dir zu bestellen, du solltest gleich morgen früh zu deiner Tante hinübergehen. Die Verlobung deiner Kusine Ying-tschun ist jetzt beschlossene Sache, und morgen kommt wohl jemand aus dem Hause des Bräutigams, um seinen Gruß zu entbieten und seinen Dank zu übermitteln. Darum sollt ihr alle hinübergehen.“
 
„Warum diese Eile?“ sagte Bau-yü und schlug die Hände zusammen. „Ich fühle mich auch gar nicht wohl. Wer weiß, ob ich morgen überhaupt imstande sein werde hinüberzugehen.“
 
„Fängst du wieder so an!“ sagte Dai-yü. „Ich rate dir, zügele dein Temperament. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr...“
 
Ehe sie ausreden konnte, mußte sie plötzlich husten, und rasch sagte Bau-yü: „Hier ist es kühl, und wir müssen hier herumstehen. Gehen wir lieber schnell nach Hause!“
 
„Ich gehe schlafen, wir sehen uns morgen“, erwiderte Dai-yü und ging davon.
 
Auch Bau-yü machte lustlos kehrt, und plötzlich fiel ihm ein, daß Dai-yü niemanden zur Begleitung hatte. Also befahl er rasch seinem kleinen Sklavenmädchen, sie solle ihr nachgehen und sie nach Hause bringen. Er selbst begab sich in den Hof der Freude am Roten, wo tatsächlich eine alte Amme auf ihn wartete, die von Dame Wang geschickt war, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Djia Schë hinübergehen, ganz wie es ihm Dai-yü eben gesagt hatte.
 
Ying-tschun war nämlich von Djia Schë mit einem gewissen Sun verlobt worden. Diese Suns waren in der Präfektur Da-tung0 zu Hause, und einer ihrer Vorfahren, der als Militärbeamter den Ruhm der Familie begründet hatte, war ein Schüler der Djias gewesen, so daß die beiden Familien seit Generationen als miteinander befreundet galten. Zur Zeit lebte nur ein einziger Angehöriger der Familie Sun in der Hauptstadt, dem der Posten eines Kommandeurs der hauptstädtischen Polizeitruppe erblich zugefallen war. Er hieß Sun Schau-dsu, hatte ein kriegerisches Aussehen und eine kräftige Statur, war wohlgeübt im Schießen und Reiten und anpassungsfähig im Umgang mit Menschen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von Hause aus vermögend und wartete beim Kriegsministerium auf eine Vakanz für eine Beförderung.
 
Da er noch keine Frau hatte und Djia Schë ihn als Nachkommen einer altbefreundeten Familie, der in bezug auf Charaktereigenschaften und Besitzverhältnisse als geeigneter Bewerber gelten konnte ansah, hatte er ihn wohlwollend akzeptiert. Auch der Herzoginmutter hatte er darüber berichtet, und wenn sie innerlich auch nicht sehr zufrieden war, sagte sie sich doch, ihr Einspruch würde kaum Gehör finden, außerdem sei jede Ehe vom Himmel vorherbestimmt, und schließlich sei es Ying-tschuns Vater, der die Entscheidung zu treffen hatte, so daß sie sich nicht unnötig einmischen mußte. Deshalb hatte sie nur knapp gesagt: „Gut, ich weiß Bescheid.“ Dann war sie nicht mehr darauf zurückgekommen.
 
Djia Dschëng war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst verhaßt, denn jener Vorfahr der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Djias gestellt, weil er darauf aus gewesen war, von deren Macht zu profitieren, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen. Außerdem waren es durchaus nicht die Nachkommen einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte er zweimal Einwände dagegen versucht, aber als Djia Schë nicht auf ihn hören wollte, hatte er den Dingen ihren Lauf lassen müssen.
 
Bau-yü hatte diesen Sun Schau-dsu zwar noch nie von Angesicht gesehen, mußte aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann hörte er, der Hochzeitstermin stehe schon kurz bevor, noch in diesem Jahr werde Ying-tschun das Haus verlassen, und erlebte mit, wie Dame Hsing der Herzoginmutter meldete, sie nehme Ying-tschun aus dem Garten des Großen Anblicks fort. Das verdarb ihm vollends die Stimmung, und jeden Tag brütete er stumpf vor sich hin und wußte nichts mit sich anzufangen. Als er dann noch erfuhr, Ying-tschun werde vier Sklavenmädchen mitnehmen, stampfte er mit dem Fuß auf und erklärte seufzend: „Wieder fünf reine Menschen weniger auf der Welt!“
 
Tag für Tag streifte er dann Ausschau haltend in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse umher und sah, wie öde und leer es dort hinter Fenstern und Vorhängen geworden war. Nur ein paar diensthabende alte Frauen hielten sich noch dort auf. Auch sah er die Knöterichblüten und die Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich, und es schien ihm, sie welkten vor Kummer um die Verschwundene vor sich hin, so wenig glichen sie dem gewohnten Bild wettstreitender Schönheit. Überwältigt von diesem schmerzlich öden Anblick, vermochte Bau-yü seine Gefühle nicht zu bezwingen und summte ein Lied vor sich hin, das sich wie von selbst formte:
 
„Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,
 
treibt ungerührt alle Blüten davon.
 
Keine der Blumen erträgt so viel Leid,
 
tief beugt sie nieder der eisige Reif.
 
Klang es nicht früher hier munter vom Schach?
 
Heut sind die Bretter von Schwalben beschmutzt.
 
Schon seit je wollen Freunde nicht scheiden,
 
ich leide doppelt, weil eng wir verwandt.“
 
Kaum war er damit fertig, hörte er, wie hinter ihm jemand mit lachender Stimme sagte: „Was trauerst du hier wieder einmal vor dich hin?“
 
Als er sich rasch umsah, um festzustellen, wer das war, erblickte er Hsiang-ling. Da wandte er sich zu ihr um und erkundigte sich lächelnd: „Wie kommst du denn jetzt hierher, meine Schwester? Du warst schon lange nicht mehr im Garten.“
 
Hsiang-ling klatschte in die Hände und sagte fröhlich: „Natürlich komme ich her. Aber seitdem dein Vetter wieder zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau jemand geschickt, der deine Kusine Hsi-fëng suchen sollte, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen.
 
Als ich das hörte, bat ich, daß man mich nach ihr schickt. Ihre Magd, die ich traf, hat mir gesagt, sie sei im Reisduftdorf. Eben bin ich auf dem Wege dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir bitte, wie geht es Schwester Hsi-jën in letzter Zeit? Und wie konnte Schwester Tjing-wën so plötzlich sterben? An welcher Krankheit hat sie gelitten? Fräulein Ying-tschun ist auch so schnell weggezogen. Schau nur, wie leer es jetzt hier aussieht!“
 
Ohne zu zögern, gab Bau-yü ihr auf alles eine Antwort und lud sie ein, ihn in den Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.
 
Aber Hsiang-ling erwiderte: „Ich kann jetzt nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.“
 
„Was ist das für ein Auftrag, daß er so eilig ist?“ erkundigte sich Bau-yü.
 
„Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es eilig und wichtig zugleich“, sagte Hsiang-ling.
 
„Ja, richtig!“ erinnerte sich Bau-yü, „aus welcher Familie kommt denn nun seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, Familie Dschang sei besser, dann wieder sollte es Familie Li sein, und anschließend war Familie Wang im Gespräch. Ich weiß gar nicht, was für Sünden die Töchter dieser Familien auf sich geladen haben, daß man so ohne weiteres über sie hergezogen ist!“
 
„Jetzt ist es bereits entschieden, und so braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden“, verriet Hsiang-ling.
 
„Und um welche Familie handelt es sich?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
 
„Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, ist er nebenher auch bei Verwandten zu Besuch gewesen“, berichtete Hsiang-ling. „Diese Familie ist mit unserer schon lange verschwägert. Ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen, und ebenso wie wir zählen sie mit zu den reichsten Häusern. Neulich war davon die Rede, sie seien auch bei euch in beiden Anwesen gut bekannt. In ganz Tschang-an0 nennt sie jedermann nur die Duftblüten-Hsias.“
 
„Warum denn Duftblüten-Hsias?“ fragte Bau-yü lachend.
 
„Sie heißen Hsia und sind, wie gesagt, ganz außerordentlich reich“, gab Hsiang-ling Auskunft. „Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen, besitzen sie mehrere zehn Tjing reine Duftblütenplantagen, und ihnen gehören auch alle Duftblütenhandlungen0 in Tschang-an und Umgebung. Selbst die Topfpflanzen im Kaiserpalast sind Tributgeschenke von ihnen, und so sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Ihr alter Herr ist schon tot, nur die alte Dame lebt noch mit einer leiblichen Tochter, einen Sohn aber hat sie nicht, und es ist schon bedauerlich, daß mit ihr die Familie aussterben wird.“
 
„Was kümmert das uns, ob sie aussterben oder nicht?“ warf Bau-yü rasch ein. „Taugt denn das Mädchen etwas? Und wie kommt es, daß euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?“
 
„Zum einen ist es eine Fügung des Himmels, zum anderen ist in den Augen eines Verliebten jedes Mädchen schön wie die Hsi-schï0“, erklärte Hsiang-ling. „Da die Familien schon lange miteinander verschwägert sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, und so gab es keinen Grund für Verdächtigungen. Dann sind sie zwar einige Jahre nicht mehr zusammengekommen, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und Frau Hsia, die – wie gesagt – keinen eigenen Sohn hat, sah, wie sich dein Vetter herausgemacht hat, war ihr zum Lachen und zum Weinen zugleich, und sie hat sich mehr über ihn gefreut als über einen leiblichen Sohn.
 
Sie hat dann dafür gesorgt, daß die beiden sich wiedersahen, und da zeigte sich, daß das Mädchen inzwischen aufgeblüht ist wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hat sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter gleich Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, aber sie hätten ihn wohl auch noch länger dabehalten, wenn er nicht energisch darauf gedrungen hätte, nach Hause zurückzukehren.
 
Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau in den Ohren gelegen, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und auch die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie sich einverstanden erklärt. Nachdem sie sich mit deiner Mutter und deiner Kusine Hsi-fëng beraten hatte, schickte sie ihre Boten zu den Hsias, und dort hat man ohne Umschweife ja gesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp angesetzt, so daß wir jetzt alle Hände voll zu tun haben. Aber auch ich kann es kaum erwarten, daß sie ins Haus kommt, denn so haben wir wieder eine Dichterin mehr.“
 
„Du sagst das so“, bemerkte Bau-yü mit einem kühlen Lächeln. „Ich aber sorge mich bei dieser Nachricht in erster Linie um dich und mache mir Gedanken, was aus dir wird.“
 
Unwillkürlich wurde Hsiang-ling rot und fragte mit förmlicher Miene: „Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich so an. Was soll denn das heißen? Kein Wunder, daß alle sagen, mit dir dürfe man sich nicht zu eng einlassen!“ Bei diesen Worten machte sie kehrt und ging davon.
 
Hsiang-lings Verhalten machte Bau-yü betroffen, und er hatte das Gefühl, als habe er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da und überlegte hin und her, wobei ihm unvermerkt die Tränen kamen. Dann ging er niedergeschlagen zum Hof der Freude am Roten zurück, aber die ganze Nacht hindurch fand er keine Ruhe. Im Traum rief er mal nach Tjing-wën, dann wieder schreckte er hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich heiß an. Das war die Folge von Beschämung, Schrecken und Leid, die er durch die Ereignisse der letzten Zeit – die Durchsuchung des Gartens, die Vertreibung von Sï-tji, den Abschied von Ying-tschun und den Tod von Tjing-wën – erfahren hatte. Hinzu kam noch eine Erkältung, und so war schließlich eine Krankheit daraus geworden, die ihn an sein Bett fesselte.
 
Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag herüber, um selber nach ihm zu sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb.
 
Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen.
 
Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte.
 
 
 
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 72 · 73 · 74 · 75 · 76 · 77 · 78 · 79 · 80 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt

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Kapitel 80

美香菱屈受貪夫棒 / 王道士胡謅妒婦方

Die schoene Xiangling wird vom habgierigen Ehemann geschlagen; Der Daoist Wang erzaehlt ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht

Die schöne Hsiang-ling wird von ihrem gierigen Mann geschlagen,der Dauistenpriester Wang faselt von einem Heilmittel gegen die Eifersucht.

Als Djin-guee das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog den Mund und schnaubte ein paarmal durch die Nase, dann schlug sie die Hände zusammen und sagte mit abfälligem Lächeln: „Wer hätte jemals den Duft von Wassernußblüten gerochen?! Wenn die Wassernuß duften soll, was willst du dann erst von Blüten sagen, die wirklich duften? Dieser Name ist der Gipfel der Sinnlosigkeit.“ „Nicht nur die Blüten der Wassernuß, auch die Blätter und die Samenkapseln der Lotosblume haben einen frischen Duft, wenn er auch mit dem Duft anderer Blumen nicht vergleichbar ist“, widersprach Hsiang-ling. „Wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, früh am Morgen oder spät am Abend genau darauf achtgibt, dann merkt man, daß dieser Duft lieblicher ist als jeder Blütenduft. Selbst die Wassernüsse, die Früchte der Seerose[1] sowie die Blätter und die Wurzeln von Schilf haben, wenn der Tau fällt, einen herzerfrischenden Geruch.“ „Orchideen und Duftblüten riechen also deiner Meinung nach nicht gut?“ fragte Djin-guee. Hsiang-ling hatte sich so in Hitze geredet, daß sie das Namenstabu völlig vergaß und ohne Zögern antwortete: „Der Geruch von Orchideen und Duftblüten ist mit dem von anderen Blumen nicht zu vergleichen...“ Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Djin-guees Sklavenmädchen Bau-tschan schon mit dem Finger auf sie wies und sagte: „Zu sterben verdienst du! Wie kannst du einfach den Namen der jungen Herrin aussprechen?“ Hsiang-ling wurde sich schlagartig ihrer Verfehlung bewußt und entschuldigte sich mit beschämtem Lächeln: „Das ist mir nur so herausgerutscht. Rechnet es mir bitte nicht an, junge Herrin!“ „Das macht doch nichts!“ sagte Djin-guee lächelnd, „du bist wirklich überängstlich. Aber die Silbe hsiang in deinem Namen erscheint mir wahrhaftig unangebracht, und ich möchte sie durch eine andere ersetzen, wenn du nichts dagegen hast.“ „Aber was sagt Ihr da, junge Herrin?“ erwiderte Hsiang-ling sofort und lächelte. „Ich gehöre Euch mit Haut und Haaren, warum fragt Ihr also, ob ich einverstanden bin, nur weil Ihr meinen Namen ändern wollt? Nennt mich so, wie es Euch paßt, Ihr könnt jede Silbe benutzen, die Ihr für richtig haltet.“ „Du bist zwar einverstanden“, nahm wieder Djin-guee das Wort, „aber ich fürchte, das gnädige Fräulein könnte argwöhnisch sein und sagen: ‚Ist ein Name, den du dir ausdenkst, besser als einer, den ich mir ausgedacht habe? Kaum bist du ein paar Tage im Haus, stellst du dich gegen meine Entscheidungen.‘ “ Lächelnd erklärte ihr Hsiang-ling daraufhin: „Ihr wißt das nicht, junge Herrin, aber als man mich damals kaufte, diente ich zuerst der gnädigen Frau, und deshalb hat das gnädige Fräulein mir einen Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn diente, hatte ich mit dem gnädigen Fräulein nichts mehr zu tun. Seitdem jetzt Ihr im Hause seid, habe ich erst recht nichts mehr mit ihr zu schaffen. Außerdem ist das gnädige Fräulein so ein verständiger Mensch, daß sie wegen so etwas bestimmt nicht böse wird.“ „Wenn es so ist, werde ich die Silbe hsiang – ‚duftend‘ – durch die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – ersetzen“, sagte Djin-guee. „Da die Wassernuß im Herbst blüht und Früchte trägt, hat der Name so wohl etwas mehr Berechtigung.“ „Es soll sein, wie Ihr sagt, junge Herrin“, stimmte Hsiang-ling zu, und damit galt jetzt Tjiu-ling als ihr Name. Bau-tschai schenkte der Sache keine Beachtung. Hsüä Pan war so veranlagt, daß er „auf Schu schaute, kaum daß er Lung erobert hatte“[2], und als er nach der Hochzeit mit Djin-guee sah, daß auch ihr Sklavenmädchen Bau-tschan einigen Liebreiz hatte und sich erfreulich leichtfertig benahm, versäumte er nie, sie zu necken, wenn er sich von ihr Tee oder Wasser reichen ließ. Bau-tschan verstand auch sehr gut, wie er das meinte, doch aus Furcht vor Djin-guee wollte sie nichts übereilen und wartete auf ein Zeichen von ihr. Djin-guee ihrerseits merkte genau, was da vorging, und sagte sich: „Ich will Hsiang-ling aus dem Weg räumen und finde keine Handhabe. Wenn er sich jetzt in Bau-tschan verguckt hat und ich sie ihm lasse, wird er sich dadurch Hsiang-ling entfremden. Das kann ich mir zunutze machen, um sie auszuschalten. Bau-tschan aber gehört mir, mit ihr kann ich leicht fertig werden.“ Nachdem sie sich diesen Plan zurechtgelegt hatte, wartete sie auf eine Gelegenheit, um ihn ins Werk zu setzen. Eines Abends dann, als Hsüä Pan leicht berauscht war, ließ er sich wieder einmal von Bau-tschan Tee eingießen, und als sie ihm die Schale reichen wollte, griff er statt dessen nach ihrer Hand. Bau-tschan wollte ihm zum Schein ausweichen und zog die Hand zurück. Klirr! machte es, die Teeschale lag zerbrochen am Boden, und alles war mit Tee bespritzt. Hsüä Pan, dem die Sache jetzt peinlich war, behauptete, Bau-tschan habe die Schale nicht richtig gehalten. Bau-tschan aber verteidigte sich: „Ihr habt sie mir nicht richtig abgenommen!“ Da sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln: „Schluß jetzt mit den Ausflüchten! Ihr müßt einen nicht für dumm verkaufen!“ Hsüä Pan senkte nur den Kopf und lächelte stumm, Bau-tschan aber wurde rot und ging aus dem Zimmer. Als es bald darauf Zeit zum Schlafengehen war, verlangte Djin-guee von Hsüä Pan, er solle woanders schlafen. „Ich will nicht, daß du dich vor Verlangen verzehrst“, sagte sie zur Begründung. Als Hsüä Pan darauf nur lächelte, fuhr Djin-guee fort: „Wenn du etwas möchtest, dann sag es mir und versuch es nicht heimlich. Das führt zu nichts.“ Mutig vom genossenen Wein, kniete Hsüä Pan auf dem Bett nieder, griff nach Djin-guees Hand und bat lächelnd: „Liebe ältere Schwester! Wenn du mir Bau-tschan schenkst, tue ich für dich, was du willst. Wenn du das Gehirn von jemand verlangst, bringe ich es dir!“ „Rede doch nicht so unverständig!“ hielt Djin-guee ihm vor und lächelte dabei ebenfalls. „Wenn du eine magst und sagst mir das, dann machen wir sie zu deiner Nebenfrau, damit es auch vor den Leuten seine Ordnung hat. Was habe ich denn dagegen?!“ Hsüä Pans Dankbarkeit für diese Zusage kannte keine Grenze, und in der Nacht erfüllte er alle Pflichten eines Ehemannes, um sich bei Djin-guee einzuschmeicheln. Am folgenden Tag ging Hsüä Pan nicht aus. Statt dessen vertrödelte er zu Hause seine Zeit und zerstreute dabei seine letzten Bedenken. Am Nachmittag ging dann Djin-guee absichtlich hinaus, damit es die beiden bequem hatten, und Hsüä Pan begann, sich an Bau-tschan heranzumachen. Bau-tschan durchschaute zu acht, neun Zehnteln, was hier gespielt wurde, deshalb verhielt sie sich halb abweisend, halb nachgiebig, und es war augenscheinlich, daß die beiden sich bald einig sein würden. Dabei ahnten sie freilich nicht, daß Djin-guee absichtlich wartete, bis zu vermuten war, daß sie fest genug miteinander verstrickt waren, um dann ihr Sklavenmädchen Hsiau-schë zu sich zu rufen. Diese Hsiau-schë hatte von klein auf bei Djin-guee gedient, und Hsiau-schë – „Kleine Verlassene“ – wurde sie deshalb von allen genannt, weil sie schon als Kleinkind beide Eltern verloren hatte und auch sonst niemanden besaß, der sich um sie hätte kümmern können. Sie wurde stets nur für grobe Arbeiten eingesetzt, jetzt aber befahl Djin-guee mit Vorbedacht gerade sie zu sich, um ihr aufzutragen: „Geh und sag Tjiu-ling, sie solle mein Taschentuch aus meinem Zimmer holen! Aber du mußt ihr nicht sagen, daß ich es befohlen habe!“ Sofort begab sich Hsiau-schë zu Hsiang-ling und sagte: „Fräulein Tjiu-ling! Die junge Herrin hat ihr Taschentuch im Zimmer liegengelassen. Wäre es nicht gut, es ihr zu bringen?“ Hsiang-ling war in der letzten Zeit von Djin-guee immer wieder schlecht behandelt worden, ohne zu wissen warum, und bemühte sich auf jede Weise, ihr Wohlwollen zurückzugewinnen. Deshalb ging sie, kaum daß sie diese Aufforderung gehört hatte, um das Taschentuch zu holen, und platzte so unvermutet ins Zimmer, als Bau-tschan eben an der Grenze zwischen Abwehr und Nachgeben war. Der Anblick ließ Hsiang-ling bis über beide Ohren erröten, und sie machte sofort kehrt, um das Weite zu suchen. Hsüä Pan war der Meinung gewesen, er könne ganz offen handeln, und hatte deshalb außer vor Djin-guee vor niemandem Angst. So hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als Hsiang-ling jetzt hereinstürzte, war ihm das wohl ein wenig peinlich, aber er schenkte der Störung keine große Beachtung. Nicht so Bau-tschan, die sich immer gebrüstet hatte und sich stets vor allen hervortun wollte. Als sie plötzlich Hsiang-ling erblickte, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rasch stieß sie Hsüä Pan beiseite und lief hinaus, wobei sie lauthals schimpfte und schrie, er habe ihr Gewalt antun wollen. Als Hsüä Pan, den es so viel Mühe gekostet hatte, Bau-tschan zu umgarnen, sehen mußte, wie Hsiang-ling ihm alles kaputt machte, als er sich schon am Ziel seiner Wünsche glaubte, schlug seine Hochstimmung in Wut um, und die entlud sich gegen Hsiang-ling. Er stürzte hinaus, spuckte sie an, ohne sich auf Erörterungen einzulassen, und schimpfte: „Verfluchte Hure! Mußtest du deinen Kadaver ausgerechnet jetzt hier sehen lassen?“ Hsiang-ling, die sich denken konnte, daß hier nichts Gutes auf sie wartete, brachte sich schleunigst in Sicherheit. Nun suchte Hsüä Pan nach Bau-tschan, aber sie war spurlos verschwunden, und so schimpfte er wütend auf Hsiang-ling. Als sich Hsüä Pan dann nach dem Abendessen, als er schon tüchtig berauscht war, waschen wollte und das Wasser ein wenig zu heiß fand, so daß er sich den Fuß darin vebrühte, behauptete er, Hsiang-ling habe ihm absichtlich etwas antun wollen, und nackt, wie er war, stürzte er zu ihr und versetzte ihr ein paar Fußtritte. Hsiang-ling hatte noch niemals Hsüä Pans Zorn auf diese Weise zu spüren bekommen. Dennoch wagte sie nichts zu sagen, klagte nur still für sich und hielt sich abseits. Währenddessen hatte Djin-guee mit Bau-tschan abgesprochen, diese solle heute nacht mit Hsüä Pan in Hsiang-lings Zimmer schlafen und sich ihm hingeben, während Hsiang-ling bei Djin-guee schlafen sollte. Als Hsiang-ling anfangs nicht wollte, fragte Djin-guee, ob sie vielleicht meine, daß es bei ihr zu schmutzig sei oder ob sie sich eine ruhige Nacht verschaffen und ihr deshalb nicht aufwarten wolle. Dann aber schimpfte sie: „Dein Trottel von Herr verliebt sich in jede, die er zu sehen bekommt. Meine Magd nimmt er mir weg, aber dich schickt er auch nicht zu mir. Was soll das heißen? Will er mich umkommen lassen?“ Als Hsüä Pan das hörte, bekam er Angst, aus der Sache mit Bau-tschan könnte wieder nichts werden, darum kam er schnell herüber und schimpfte Hsiang-ling aus: „Du weißt wohl gar keine Gunst zu schätzen? Wenn du jetzt nicht gehst, setzt es Schläge!“ So konnte Hsiang-ling nicht umhin, ihr Bettzeug zu holen. Auf Befehl von Djin-guee sollte sie sich ihr Lager auf dem Fußboden bereiten. Wieder bleib Hsiang-ling nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und kaum hatte sie sich hingelegt, verlangte Djin-guee nach Tee, eine Weile später ließ sie sich die Beine klopfen. So hatte sie in dieser Nacht nicht weniger als sieben oder acht Aufträge für Hsiang-ling und ließ sie keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Hsüä Pan indes schien mit Bau-tschan ein wahres Juwel gewonnen zu haben und hatte für nichts anderes mehr Augen als für sie. Insgeheim schimpfte Djin-guee deshalb ärgerlich: „Vergnüg dich nur ein paar Tage, aber mach mir keine Vorwürfe, wenn ich nach und nach meine Mittelchen anwende!“ Und sie verbarg ihren Zorn und suchte zuerst nach Wegen, um mit Hsiang-ling fertig zu werden. Einen halben Monat später stellte sie sich wieder einmal krank und behauptete, das Herz tue ihr unerträglich weh und sie könne kein einziges Glied rühren. Ein Arzt wurde gerufen, doch seine Behandlung blieb ohne Erfolg, und alle sagten, der Ärger mit Hsiang-ling müsse das Leiden bewirkt haben. Aber zwei Tage später fiel plötzlich eine Papierfigur aus Djin-guees Kopfkissen, auf der die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde ihrer Geburt[3] geschrieben standen und in der fünf Nadeln steckten – je eine in der Herzgegend und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. Sofort erhob sich ein Tumult im Hause, jeder sah es als Sensation an, und als Erstes wurde Tante Hsüä davon Meldung gemacht. Tante Hsüä wußte vor Aufregung weder aus noch ein, und Hsüä Pan gebärdete sich natürlich erst recht wie toll und wollte sofort das ganze Gesinde auf der Folter verhören. Aber Djin-guee fragte ihn lächelnd: „Warum sollen Unschuldige leiden, wenn es doch wahrscheinlich die Hexenkünste von Bau-tschan sind?“ „Bau-tschan hatte in den letzten Tagen kaum Gelegenheit, sich in deinem Zimmer aufzuhalten“, erwiderte Hsüä Pan. „Warum verdächtigst du einen guten Menschen?“ „Und wer soll es sonst gewesen sein?“ fragte Djin-guee mit verächtlicher Miene. „Ich selbst vielleicht? Zwar sind auch noch andere da, aber wer von ihnen würde sich in mein Zimmer wagen?“ „Hsiang-ling war jetzt Tag für Tag mit dir zusammen und weiß bestimmt, wer es war“, sagte Hsüä Pan. „Ich werde zuerst sie mit Schlägen befragen, dann bekommen wir es heraus!“ „Wen du auch fragst, wer würde das zugeben?!“ sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln. „Meiner Meinung nach sollten wir einfach so tun, als wüßten wir von nichts, und die Hände davon lassen. Was macht es denn schon, wenn mich jemand umbringt? Dir kann es ja nur recht sein, du nimmst dir dann eine bessere Frau. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß ich euch allen dreien nur im Wege bin.“ Bei diesen Worten brach sie in bittere Tränen aus. Hsüä Pan aber geriet durch diese Vorwürfe nur noch mehr in Wut. Er griff sich den Holzbalken, der dazu diente, das Tor zu verriegeln, stürzte damit los, bis er Hsiang-ling gefunden hatte, und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, begann er, auf ihren Kopf und ihr Gesicht einzuschlagen. Dabei behauptete er, sie sei es gewesen, die den Anschlag in Szene gesetzt hatte. Als Hsiang-ling laut ihre Unschuld beteuerte, kam Tante Hsüä gelaufen und herrschte ihren Sohn an: „Wie kannst du sie schlagen, ohne die Sache vorher geklärt zu haben?! Das Mädchen hat dir jahrelang gedient und war in allen Dingen stets umsichtig und aufopferungsvoll. Wie würde sie es wagen, jetzt so eine schändliche Tat zu begehen?! Verschaff dir wenigstens Klarheit, ehe du anfängst, grob zu werden!“ Als Djin-guee hörte, was ihre Schwiegermutter sagte, befürchtete sie, Hsüä Pan könne sich davon beeinflussen lassen, darum heulte sie noch lauter und klagte: „Einen halben Monat lang hast du dir einfach meine Bau-tschan genommen und sie nicht mehr zu mir gelassen. Nur Tjiu-ling hast du mir für die Nacht geschickt. Als ich Bau-tschan verhören wollte, hast du sie mit aller Gewalt in Schutz genommen, jetzt wieder schlägst du vor lauter Wut auf Tjiu-ling ein. Bring mich doch um und such dir eine hübsche Frau aus vornehmer, reicher Familie, und damit ist die Sache erledigt. Wozu erst noch diese faulen Tricks?“ Hsüä Pan kam bei diesen Worten erst recht in Rage, Tante Hsüä aber merkte, wie Djin-guee mit jedem Satz darauf abzielte, sich Hsüä Pan gefügig zu machen, und das auf die boshafteste und widerlichste Weise. Nur hatte ihr Sohn leider gar kein Rückgrat und war es schon gewöhnt, sich am Gängelband führen zu lassen. Jetzt hatte er auch noch das Sklavenmädchen verführt, so daß seine Frau ihm vorwerfen konnte, er habe sie ihr weggenommen, während sie selbst sich als sanfte, nachgiebige Gattin hinstellen konnte. Wer da versucht hatte, Djin-guee zu behexen, konnte Tante Hsüä natürlich nicht wissen, und so traf hier wirklich zu, was der Volksmund sagt: „Selbst der ehrlichste Richter vermag in Familienangelegenheiten kein Urteil zu fällen“, wenn man hier auch besser sagen konnte: „Die Schwiegereltern können kein Urteil darüber fällen, was hinter den Bettvorhängen eines jungen Paares vorgeht.“ So konnte Tante Hsüä weiter nichts tun, als wütend auf ihren Sohn zu schimpfen: „Du stumpfer Lümmel, du Strafe für meine Sünden! Ein geiler Hund benimmt sich noch anständiger als du. Wie kannst du dich einfach an eine Magd heranmachen, die von deiner Frau mit in die Ehe gebracht wurde, so daß sie dir vorwerfen kann, du hättest sie ihr mit Gewalt weggenommen? Wie willst du den Leuten jetzt ins Gesicht sehen? Und ohne zu klären, wer die Hexerei ins Werk gesetzt hat, fängst du einfach an zu prügeln. Ich weiß, du bist ein ehrloser Wicht, der über dem Neuen das Alte vergißt, und schön hast du mir da vergolten, was ich seinerzeit für dich tat! Auch wenn sie wirklich nichts taugt, hast du sie noch lange nicht zu schlagen. Eher will ich einen Mädchenhändler rufen und sie verkaufen, dann wirst du wohl Ruhe geben.“ Und schon befahl sie Hsiang-ling: „Pack deine Sachen und komm mit!“ Im nächsten Augenblick gab sie jemandem noch den Auftrag: „Geh und bring mir einen Mädchenhändler! Wir werden sie für ein paar Liang Silber verkaufen, damit wir diesen Pfahl im Fleische, diesen Dorn im Auge loswerden und wieder friedliche Tage verleben können!“ Hsüä Pan hatte, als er merkte, wie zornig seine Mutter war, längst den Kopf gesenkt, Djin-guee aber rief weinend durchs Fenster hinaus: „Verkauft nur, wen Ihr wollt, aber sprecht nicht von der einen, um eine andere mit hineinzuziehen! Bin ich vielleicht so eifersüchtig, daß ich keine andere dulden will? Und was heißt hier ‚Pfahl im Fleische, Dorn im Auge‘? Für wen soll sie denn das sein? Wenn ich jede andere aus dem Wege haben wollte, hätte ich bestimmt nicht geduldet, daß er sich einfach meine Magd nimmt.“ Diese Worte ließen Tante Hsüä vor Wut erzittern, und sie erwiderte: „In welcher Familie ist denn das der Brauch, daß die Schwiegermutter etwas sagt und die Schwiegertochter ihr durchs Fenster hindurch frech kommt? Du willst die Tochter einer altangesehenen Familie sein und schreist hier herum, ohne zu überlegen, was du überhaupt sagst!“ Vor Erregung stampfte jetzt Hsüä Pan mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Schluß jetzt, Schluß! Man wird uns auslachen, wenn man uns so hört!“ Aber Djin-guee dachte nicht daran aufzuhören. Sie wurde nur noch hysterischer und schrie: „Ich habe keine Angst, daß man mich auslacht! Dein Biest von Nebenfrau versucht, mich umzubringen, und ich soll Angst haben, daß man über mich lacht! Das beste wird sein, sie zu behalten und mich zu verkaufen. Wer wüßte nicht, daß ihr Hsüäs das Geld habt, um immer und überall jeden unter Druck zu setzen, und daß ihr mächtige Verwandte habt, die jedem euren Willen aufzwingen können?! Worauf wartest du also noch, anstatt zu handeln? Und wenn ich dir nicht gut genug bin, warum mußtet ihr uns dann erst das Haus einrennen wie die Verrückten? Jetzt hast du mich bekommen, das Gold und Silber aus meiner Mitgift hast du auch eingesteckt, und meine Magd, die ein bißchen nach etwas aussieht, hast du dir auch noch geschnappt. Ist es da nicht Zeit, mich hinauszuwerfen?“ So schrie sie unter Tränen, während sie sich zugleich hin und her wälzte und sich Schläge versetzte. Hsüä Pan wußte vor Aufregung nicht, ob er sie ausschimpfen oder ihr gut zureden, ob er sie schlagen oder anflehen sollte. Er lief nur seufzend hinaus und wieder hinein und beklagte sich über sein widriges Geschick. Tante Hsüä hatte sich inzwischen von Bau-tschai überreden lassen, sich in ihre Räume zurückzuziehen, verlangte aber nach wie vor, Hsiang-ling solle verkauft werden. Lächelnd hielt Bau-tschai ihr vor: „Unsere Familie hat stets nur Leute gekauft, aber keine verkauft. Die Wut hat Euch denVerstand getrübt, Mutter. Wenn jemand davon hört, werden wir zum Gespött der Menge. Wenn mein Bruder und meine Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann gebt sie mir zu meiner Bedienung, mir fehlt gerade jemand.“ „Wenn wir sie behalten, gibt es nur neuen Ärger, darum ist es das beste, wir schicken sie weg, dann herrscht Ruhe“, wandte Tante Hsüä ein. „Wenn sie bei mir bleibt, ist es doch ganz dasselbe“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Auf keinen Fall lasse ich sie nach vorn gehen, und wenn sie voneinander getrennt sind, wird es genauso sein, als ob wir sie verkauft hätten.“ Inzwischen war auch Hsiang-ling längst zu Tante Hsüä gelaufen gekommen und bat unter Tränen, man solle sie nicht fortschicken, sie wolle von Herzen gern dem jungen Fräulein dienen. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als nachzugeben. Von nun an diente Hsiang-ling tatsächlich in Bau-tschais Gefolge und schlug sich den Weg in die vorderen Gemächer gründlich aus dem Sinn. Dennoch klagte sie natürlich dem Mond ihren Kummer und seufzte im Lampenschein. Sie war schon immer schwächlich, und obwohl sie mehrere Jahre lang mit Hsüä Pan zusammengelebt hatte, war sie doch auf Grund einer gestörten Regel niemals schwanger geworden. Als jetzt noch Wut und Ärger hinzukamen, war sie diesen Qualen innerlich wie äußerlich nicht gewachsen und zog sich eine Auszehrung mit völligem Ausbleiben der Regel zu. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, dabei fieberte sie und mochte weder essen noch trinken. Ärzte wurden gerufen, um sie zu untersuchen, aber die Medikamente, die sie ihr verschrieben, bewirkten nichts. Inzwischen hatte Djin-guee noch ein paarmal einen Krawall verursacht und Tante Hsüä wie auch Bau-tschai damit so in Zorn gebracht, daß sie im Verborgenen weinten und ihr Schicksal beklagten. Hsüä Pan hatte zwar, ermutigt vom Wein, noch mehrmals versucht, Djin-guee mit Härte entgegenzutreten, aber wenn er nach einem Stock griff, um sie zu schlagen, bot sie ihm ihren Leib dar, und forderte ihn auf, er solle nur zuschlagen, und wenn er ein Messer packte, um sie zu erstechen, streckte sie ihm den Hals entgegen. Dann brachte Hsüä Pan es nicht fertig, ihr wirklich etwas zu tun, wütete nur eine Weile und gab sich dann geschlagen. In dem Maße, wie dies durch mehrfache Wiederholung zur Selbstverständlichkeit wurde, wuchs Djin-guees Hochmut, während Hsüä Pan mehr und mehr zum Waschlappen wurde. Hsiang-ling war wohl noch da, aber es war so, als gäbe es sie gar nicht. Und wenn Djin-guee deshalb auch nicht ganz unbesorgt sein konnte, kümmerte sie sich doch einstweilen nicht um sie, weil sie ihr ja nicht mehr unter die Augen kam. Statt dessen ging sie allmählich dazu über, sich Bau-tschan vorzunehmen. Aber Bau-tschan war ein anderer Charakter als Hsiang-ling, sie war ganz wie trockenes Reisig, das im Nu aufflammt. Und da sie mit Hsüä Pan ein Herz und eine Seele war, schien Djin-guee für sie nicht mehr zu existieren. Als sie jetzt sah, daß Djin-guee sie zu drangsalieren suchte, war sie nicht gewillt, auch nur im mindesten nachzugeben. Zuerst zankte sie zurück, wie es ihr gerade in den Sinn kam, und wenn Djin-guee dann richtig in Fahrt geriet und fluchte und schlug, wagte sie zwar nicht, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber sie benahm sich völlig hysterisch und machte Anstalten, sich umzubringen – am Tage mit Messer oder Schere, bei Nacht mit Strick oder Schnur. Hsüä Pan, der es nicht beiden zugleich recht machen konnte, stand dann unschlüssig zwischen ihnen, und wenn sie es gar zu wild trieben, lief er davon und suchte draußen im Anbau Zuflucht. Wenn Djin-guee einmal nicht ihre Launen hatte und gelegentlich in guter Stimmung war, sammelte sie die Sklavinnen um sich und spielte mit ihnen Karten oder Würfel, um sich die Zeit zu vertreiben. Außerdem hatte sie seit jeher größte Freude daran, Knochen abzunagen, und so ließ sie Tag für Tag Hühner und Enten schlachten, gab das Fleisch anderen und knabberte scharf gebratene Knochen zum Wein. Wenn sie es über hatte oder sich ärgerte, begann sie wüst zu schimpfen und sagte: „Wenn sich Nutten und Hurenböcke vergnügen können, warum soll ich dann nicht vergnügt sein dürfen?!“ Von Tante Hsüä und Bau-tschai wurde Djin-guee jetzt völlig ignoriert, Hsüä Pan aber bereute nur Tag und Nacht, daß er so einen Zankteufel zur Frau genommen hatte, und wußte sich nicht zu helfen. Unter den Bewohnern des Ning-guo- und des Jung-guo-Anwesens gab es dann niemanden, hoch oder niedrig, der nicht davon gewußt und nicht darüber geseufzt hätte. Inzwischen waren die einhundert Tage um, während derer Bau-yü das Haus nicht verlassen durfte, und er ging wieder aus. Auch Djin-guee ging er sich ansehen und stellte dann verwundert fest: „In Aussehen oder Verhalten hat sie nichts Seltsames an sich. Sie gleicht nicht weniger einer frischen Blume oder einer zarten Weide als meine Schwestern und Kusinen, wie kommt sie also zu so einem Charakter? Das ist wirklich mehr als erstaunlich!“ Eines Tages, als er zu Dame Wang ging, um ihr seinen Gruß zu entbieten, traf er dort eine von Ying-tschuns alten Ammen an, die auf Besuch gekommen war und nun berichtete, Sun Schau-dsu sei ein ganz und gar unwürdiger Mensch. „Das Fräulein weint in einem fort im Verborgenen und sehnt sich nur danach, ein paar Tage nach Hause geholt zu werden, um einmal auszuspannen“, sagte sie. „Ich wollte sie dieser Tage schon holen lassen“, erwiderte Dame Wang darauf. „Doch weil ich allerlei Unannehmlichkeiten hatte, vergaß ich es wieder. Als Bau-yü neulich dort war, hat er dasselbe erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, da werde ich sie holen lassen.“ Als sie das eben sagte, erschien eine Botin der Herzoginmutter, die Bau-yü suchte, um ihm zu bestellen: „Morgen in aller Frühe wirst du in den Tempel des Himmelgleichen[4] fahren, um deinen Dank für die erhörten Gebete zu bekunden.“ Bau-yü, der nach Spaziergängen und Ausflügen förmlich lechzte, freute sich so über die Nachricht, daß er die ganze Nacht kein Auge zutat und nur darauf lauerte, daß es endlich hell würde. Nachdem er sich am frühen Morgen gewaschen und angekleidet hatte, stieg er in Begleitung einiger alter Ammen in den Wagen und fuhr zum westlichen Stadttor hinaus zum Tempel des Himmelgleichen, um dort zum Zeichen der Dankbarkeit Weihrauch abzubrennen. Im Tempel war schon am Tag zuvor alles dafür hergerichtet worden. Bau-yü, der von Natur aus ein furchtsames Gemüt hatte, wagte sich an die grausigen Statuen der Götter und Dämonen nicht nahe heran. Der Tempel war schon unter der vorigen Dynastie errichtet worden und war von gewaltigen Ausmaßen, doch nach so vielen Jahren war er auch außerordentlich verwahrlost. Die Lehmskulpturen, die darin standen, waren überaus grauenerregend, und so brannte Bau-yü rasch das Opfergeld und die übrigen Gaben aus Papier ab, um sich dann in den Wohnhof der Mönche zurückzuziehen und dort auszuruhen. Nachdem er gegessen hatte, begleiteten ihn die alten Ammen und mit ihnen auch Li Guee und die übrigen auf einem Streifzug durch das Tempelgelände. Doch da Bau-yü sich müde fühlte, kehrte er wieder in die Gästezelle zurück. Die alten Ammen, die befürchteten, er könnte einschlafen, ließen Alt Wang, den Tempelvorsteher, bitten, er möge Bau-yü Gesellschaft leisten und ihn unterhalten. Die Spezialität dieses alten Dauistenpriesters war früher einmal die, im ganzen Land als Medikamentenhändler umherzuziehen, die Leute mit seinen Wundermitteln zu behandeln und dafür ein schönes Stück Geld einzustreichen. Auch jetzt hing vor dem Tempel ein Aushängeschild, hier seien alle Arten von Arzneikugeln, Pulvern, Salben und Pillen vorrätig. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen, wo Alt Wang seit langem ein- und ausging, hatte er den Spitznamen „Ein-Pflaster-Wang“ bekommen, womit gemeint war, seine Salben seien so wirksam, daß er mit einem Pflaster hundert Krankheiten zugleich austreiben konnte. Als Ein-Pflaster-Wang jetzt in den Raum trat, lag Bau-yü schräg auf dem Ofenbett, weil er schlafen wollte, während Li Guee auf ihn einredete: „Nicht einschlafen, kleiner Herr!“ und ihn neckte. Als sie sahen, daß Ein-Pflaster-Wang hereinkam, begrüßten ihn alle lächelnd: „Du kommst eben zur rechten Zeit, Meister Wang! Du verstehst dich so gut auf alte Geschichten, also erzähl unserm jungen Herrn eine davon!“ „Aber ja!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „schlaft nicht ein, kleiner Herr, sonst fangen die Mehlklüter in Euerm Bauch zu spuken an!“ Alles lachte darüber, und Bau-yü lachte mit, setzte sich auf und ordnete seine Kleider. Nun befahl Ein-Pflaster-Wang seinen Novizen, sie sollten schnell einen kräftigen Tee brühen, aber Ming-yän erklärte: „Deinen Tee kann unser junger Herr nicht trinken. Schon der Salbengeruch stört ihn, wenn er hier nur sitzt.“ „Vergebung!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „aber meine Salben kommen nie in diesen Raum. Und weil ich wußte, der kleine Herr werde heute kommen, habe ich wieder und wieder mit Duftholz geräuchert.“ „Ach, richtig!“ sagte da Bau-yü, „immer wieder höre ich, wie gut deine Pflaster sind. Gegen welche Krankheiten helfen sie eigentlich?“ „Mit meinen Pflastern ist es eine lange Geschichte, kleiner Herr, und die Einzelheiten sind mit ein paar Worten nicht erklärt“, begann Ein-Pflaster-Wang, um dann fortzufahren: „Es sind einhundertundzwanzig verschiedene Arzneistoffe darin, die sich zueinander verhalten wie Herrscher und Untertan, und auch jeder Gast bekommt seinen Platz. Warmes und Kaltes findet zugleich Verwendung, Teures und Billiges je nach seiner Eigenart. Innerlich bringen sie die Grundelemente in Harmonie und füllen die Lebensenergie auf, sie machen Appetit, stärken die Körperfunktionen und die Abwehrkräfte, beruhigen Geist und Gemüt, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Nahrung und Schleim auf. Äußerlich aber bringen sie die Blutbahnen in Ordnung und lockern die Muskeln auf, sie lassen abgestorbenes Fleisch verschwinden und bringen neues zum Wachsen, sie vertreiben Erkältungen und machen Gifte unschädlich. Sie wirken mit wie Geisterkraft. Wer einmal davon Gebrauch gemacht hat, der weiß Bescheid.“ „Ich glaube nicht, daß man nur mit einem einzigen Pflaster alle diese Krankheiten heilen kann“, sagte Bau-yü zweifelnd, „aber ich würde gern wissen, ob sich damit auch ein bestimmtes Leiden kurieren läßt.“ „Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“ „Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“ Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“ „Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“ Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn. Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“ Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“ Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“ „Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“ „Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü. „Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“ „Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd. Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“ „Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü. „Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“ „Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü. „Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“ Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze. Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“ Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück. Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele und Trinkgelage. Unter den Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses ist kaum noch eine, mit der er es nicht getrieben hätte. Nachdem ich zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein[5]. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen. Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“ Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.“ „Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“ Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle. „Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“ „Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.“ Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten. In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging. Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen. Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Gemeint sind die Fruchtstände der Pflanze Euryale ferox aus der Familie der Seerosengewächse.
  2. Vgl. o., Anm. zu S. 835.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 437.
  4. Mit dem Himmelgleichen wird hier nicht der Affenkönig Sun Wu-kung bezeichnet (vgl. o., Anm. zu S. 325 und S. 963), vielmehr dürfte der Gott des Tai-schan, des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä) gemeint sein, der im Jahre 725 vom Tang-Kaiser Hsün-dsung (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang) als ‚Prinz Himmelgleich‘ (Tiän-tji wang) belehnt worden war. Da der Tai-schan der wichtigste der Fünf heiligen Berge war, gab es in vielen großen Städten Chinas dauistische Tempel des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä miau), um seinen Kult pflegen zu können, ohne zu jedem Opfer nach Schan-dung reisen zu müssen. Einige dieser Tempel sind noch heute erhalten, so auch der in Peking, der in Wirklichkeit im Osten außerhalb der Altstadt liegt. Er stammt aus der Yüan-Zeit und war bekannt für die grausigen Figurengruppen, mit denen die ‚72 Instanzen der Hölle‘ (vgl. o., Anm. zu S. 507) dargestellt wurden.
  5. Vgl. o., Anm. zu S. 373.