Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 75"
(DE4 (Woesler 4. Aufl.): Kapitel 75 mit Navigation und Fussnoten) |
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| − | + | = Kapitel 75 = | |
| + | == 開夜宴異兆發悲音 / 賞中秋新詞得佳讖 == | ||
| + | === Beim naechtlichen Festmahl ertoenen unheilvolle Klaenge; Bei der Mondfest-Feier werden prophetische Verse gedichtet === | ||
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Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?" | Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?" | ||
Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun." | Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun." | ||
| − | Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán | + | Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán <ref>李纨</ref> zurück. Der Leibarzt war gerade fortgegangen, nachdem er den Puls gefühlt hatte. Lǐ Wán fühlte sich in den letzten Tagen schon wieder etwas besser; in eine Decke gehüllt und auf Kissen gestützt, saß sie auf ihrem Bett und wünschte sich, dass ein oder zwei Besucherinnen kämen, mit denen sie ein wenig plaudern könnte. Als sie nun Frau Yóu hereinkommen sah, war diese nicht wie sonst freundlich und herzlich, sondern saß nur geistesabwesend da. |
| − | Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún | + | Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún <ref>素云</ref>, nach einem frischen Imbiss zu sehen und etwas zu bringen. |
Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig." | Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig." | ||
Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?" | Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?" | ||
Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem." | Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem." | ||
Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden." | Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden." | ||
| − | Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié | + | Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié <ref>银蝶</ref> trat eilig heran und streifte ihr die Armreifen und Fingerringe ab, breitete dann ein großes Handtuch über ihren Schoß und schützte so die Kleider sorgfältig. Das kleine Dienstmädchen Chǎodòu'er <ref>炒豆儿</ref> brachte eine große Schüssel warmes Wasser, trat vor Frau Yóu und hielt sie ihr hin, wobei sie sich lediglich vornüber beugte. |
Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint." | Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint." | ||
Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!" | Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!" | ||
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Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!" | Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!" | ||
| − | Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange<ref> | + | Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange <ref>宝钗</ref> ist da!" Man rief eilig: „Schnell, bittet sie herein!" — da war Schatzspange <ref>宝钗</ref> auch schon ins Zimmer getreten. Frau Yóu wischte sich rasch das Gesicht ab, stand auf und bot ihr einen Sitz an, dann fragte sie: „Wie kommt es, dass du plötzlich ganz allein hereinkommst? Wo sind denn die anderen Kusinen?" |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange <ref>宝钗</ref> antwortete: „Ich habe sie auch nicht gesehen. Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen liegen wegen einer Erkältung im Bett und können nicht aufstehen. Auf die übrigen ist kein Verlass, darum muss ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Ich wollte es der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und der gnädigen Frau melden, aber dann dachte ich, da es nichts so Ernstes ist, brauche ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen — wenn sie wieder gesund ist, komme ich ohnehin zurück. Deshalb wollte ich nur der Schwägerin Bescheid sagen." |
Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht." | Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht." | ||
| − | Schatzspange | + | Schatzspange <ref>宝钗</ref> sagte lächelnd: „Was sollte man dir vorwerfen? Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache — du lässt ja nicht gegen Bestechung einen Räuber laufen! Meiner Meinung nach brauchst du auch nicht extra jemand Neues hinüber zu schicken. Bitte lieber die Wolke <ref>湘云</ref> hierher, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?" |
| − | Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ | + | Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ <ref>史大妹妹</ref> eigentlich jetzt?" |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange <ref>宝钗</ref> antwortete: „Ich habe sie eben zu eurer Tànchūn <ref>探春</ref> geschickt, damit sie zusammen hierher kommen. Dann kann ich auch ihr gleich Bescheid geben." |
| − | Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss | + | Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss <ref>湘云</ref> und das dritte gnädige Fräulein sind da!" Nachdem man ihnen Platz angeboten hatte, berichtete Schatzspange <ref>宝钗</ref> von ihrem Vorhaben, den Garten zu verlassen. Tànchūn <ref>探春</ref> sagte: „Das ist vollkommen in Ordnung. Nicht nur dass du wiederkommst, wenn Frau Tante gesund ist — selbst wenn du dann nicht wiederkämest, wäre das auch nicht schlimm." |
Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?" | Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?" | ||
| − | Tànchūn | + | Tànchūn <ref>探春</ref> entgegnete mit kühlem Lächeln: „Gewiss! Ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, werfe lieber ich sie hinaus. Verwandte hin und her — es gibt keinen Grund, warum man unbedingt auf ewig zusammenleben müsste. Wir hier sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne — einer würde den anderen am liebsten auffressen!" |
Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an." | Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an." | ||
| − | Tànchūn | + | Tànchūn <ref>探春</ref> erwiderte: „Wer hat dich denn geheißen, so nah an den heißen Herd zu gehen?" Dann fragte sie: „Wer hat dich denn wieder gekränkt?" Und nach kurzem Nachdenken: „Das vierte Fräulein <ref>惜春</ref> würde sich nicht dazu herablassen, mit dir zu zanken. Wer also war es?" |
| − | Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn | + | Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn <ref>探春</ref> wusste, dass sie aus Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht zuviel sagen wollte, und drang lächelnd in sie: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst also nicht dauernd Angst zu haben. Um es geradeheraus zu sagen: Gestern habe ich Wang Shànbǎos <ref>王善保</ref> Alte geschlagen, und die Strafe dafür nehme ich auf mich. Im schlimmsten Fall wird hinter meinem Rücken über mich geredet — aber mich deshalb durchprügeln kann man doch wohl nicht!" |
| − | Schatzspange | + | Schatzspange <ref>宝钗</ref> fragte sofort, warum sie die Alte geschlagen habe, und Tànchūn <ref>探春</ref> berichtete in allen Einzelheiten, wie man in der Nacht zuvor die Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und wie sie mit Wang Shànbǎos Frau aneinandergeraten war. Als Frau Yóu sah, dass Tànchūn <ref>探春</ref> ohnehin alles erzählt hatte, verschwieg auch sie nicht länger, was sich eben bei Xīchūn <ref>惜春</ref> zugetragen hatte. |
| − | Tànchūn | + | Tànchūn <ref>探春</ref> kommentierte: „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter. Sie übertreibt ihren Stolz bis zum Äußersten. Keiner von uns ist stolzer als sie." Dann fuhr sie fort: „Heute Morgen war alles still, und als ich hörte, dass Phönixglanz <ref>凤姐</ref> wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um herauszufinden, was mit Wang Shànbǎos Frau ist. Sie kam zurück und berichtete, Wang Shànbǎos Frau habe eine Tracht Prügel bekommen, und die ältere gnädige Frau <ref>邢夫人</ref> sei böse auf sie, weil sie sich so wichtiggemacht habe." |
Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht." | Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht." | ||
| − | Tànchūn | + | Tànchūn <ref>探春</ref> aber sagte mit kühlem Lächeln: „Wer versteht es nicht, Sand in die Augen zu streuen? Wartet nur ab, wie die Sache weitergeht!" Darauf wussten Frau Yóu und Lǐ Wán nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, dass drüben das Essen aufgetragen wurde; Xiāngyún <ref>湘云</ref> und Schatzspange <ref>宝钗</ref> kehrten in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. |
| − | Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter | + | Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter <ref>贾母</ref> hinüber. Diese lehnte auf ihrer Ruhebank, und Frau Wáng <ref>王夫人</ref> berichtete ihr, wie die Familie Zhēn <ref>甄</ref> sich schuldig gemacht hatte, wie ihr Besitz beschlagnahmt worden war und sie zur Aburteilung nach der Hauptstadt gebracht werden sollten. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> hörte das mit Unbehagen. Als sie nun die Kusinen eintreten sah, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wisst ihr, ob es eurer Schwägerin Phönixglanz <ref>凤姐</ref> und der anderen Schwägerin heute besser geht?" |
Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser." | Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser." | ||
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> nickte und sagte seufzend: „Kümmern wir uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Lasst uns lieber beraten, wie wir am fünfzehnten des achten Monats den Mond bewundern wollen — das ist das Wichtigste!" |
| − | Frau Wáng | + | Frau Wáng <ref>王夫人</ref> sagte lächelnd: „Es ist schon alles vorbereitet. Ich weiß nur nicht, welchen Ort die alte gnädige Frau dafür ausersehen hat. Nur dass es im Garten kahl ist und der Nachtwind kalt weht." |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erwiderte lächelnd: „Was macht es schon, wenn man ein paar Kleider mehr anzieht? Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen — wie könnten wir denn dort nicht hingehen?" |
| − | Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng | + | Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng <ref>王夫人</ref> sowie Frau Yóu beeilten sich, die Essstäbchen aufzulegen und die Speisen aufzutragen. Als die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sah, dass neben ihren eigenen Gerichten noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, wusste sie, dass dies nach alter Sitte die Ehrengaben aus den einzelnen Häusern waren. Sie fragte: „Was ist das alles? Ich habe doch schon ein paarmal angeordnet, dass damit Schluss sein soll — und ihr wollt immer noch nicht hören! Die heutigen Zeiten sind nicht mehr mit denen des einstigen Überflusses zu vergleichen." |
| − | Mandarinenente<ref> | + | Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> sagte sogleich: „Ich habe es mehrmals weitergegeben, aber niemand wollte darauf hören. Da musste ich es wohl geschehen lassen." |
| − | Frau Wáng | + | Frau Wáng <ref>王夫人</ref> erklärte lächelnd: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Heute esse ich Fastenspeisen und konnte nichts anderes schicken. Da die alte gnädige Frau Mehlklöße und Bohnenkäse nicht besonders mag, habe ich nur ein Gericht ausgewählt — Schleimkrautpüree mit Pfefferöl." |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Das kommt gerade recht, darauf hatte ich gerade Appetit!" Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> stellte sogleich den Teller vor sie hin. |
| − | Bǎoqín | + | Bǎoqín <ref>宝琴</ref> lehnte erst höflich ab, ehe sie sich setzte, dann befahl die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> auch Tànchūn <ref>探春</ref>, zum Essen zu kommen. Tànchūn <ref>探春</ref> zierte sich ebenso, ehe sie sich schließlich gegenüber von Bǎoqín <ref>宝琴</ref> niederließ. Dàishū <ref>待书</ref> ging eilig, um eine Essschale zu holen. |
| − | Mandarinenente | + | Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> wies auf die anderen Gerichte: „Bei diesen beiden Gerichten kann ich nicht erkennen, was es ist — der ältere gnädige Herr <ref>贾赦</ref> hat sie geschickt. Dieses hier ist Bambussprossen mit Hühnermark, vom gnädigen Herrn <ref>贾政</ref> aus dem anderen Gebäude." Und sie stellte die Schüssel auf den Tisch. |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> kostete zwei Häppchen davon und befahl dann: „Lasst die beiden anderen zurücktragen und bestellt, ich hätte davon gegessen. In Zukunft braucht ihr mir nicht täglich etwas zu schicken. Wenn ich etwas haben möchte, werde ich danach verlangen." Die Frauen sagten „Jawohl" und trugen die Speisen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein. |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fragte: „Gibt es dünne Reissuppe? Davon möchte ich ein wenig." Frau Yóu reichte ihr sofort eine Schale und erklärte, es sei rote Reissuppe. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> nahm sie entgegen, aß die Hälfte und gab dann die Anweisung: „Bringt diese Suppe der kleinen Phönixglanz <ref>凤哥儿</ref>!" Dann zeigte sie auf die entsprechenden Schüsseln: „Diese Bambussprossen und diesen Teller mit dem gepökelten Larvenroller sollen Kajaljade <ref>黛玉</ref> und Schatzjade <ref>宝玉</ref> bekommen, und jene Schüssel mit dem Fleisch soll der kleine Lán <ref>贾兰</ref> essen!" Dann wandte sie sich an Frau Yóu: „Ich bin fertig, nun iss du." |
| − | Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter | + | Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte. Dann stand die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> auf und unterhielt sich im Gehen mit Frau Wáng <ref>王夫人</ref>, um die Verdauung anzuregen. Frau Yóu bat um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Tànchūn <ref>探春</ref> und Bǎoqín <ref>宝琴</ref> standen ebenfalls auf und sagten lächelnd: „Entschuldigt, dass wir nicht bleiben können." |
Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!" | Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!" | ||
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref>! Bernstein <ref>琥珀</ref>! Packt die Gelegenheit beim Schopf und esst auch etwas, zugleich leistet ihr dem Gast Gesellschaft." |
Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen." | Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen." | ||
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Es macht mir Freude, wenn ich recht vielen Leuten beim Essen zusehen kann." Dann zeigte sie auf Yíndié <ref>银蝶</ref>: „Das Mädchen ist auch brav — iss du auch mit deiner Herrin zusammen! Wenn ihr hier fort seid, könnt ihr wieder auf die Etikette achten." |
Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!" | Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!" | ||
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> stellte sich mit den Händen auf dem Rücken daneben und schaute vergnügt zu. Als sie sah, dass eine der Aufwärterinnen eine Schale mit dem gewöhnlichen Gesindereis brachte und Frau Yóu auch nur weißen Nicht-Klebreis aß, fragte sie: „Bist du denn von Sinnen? Wie kannst du deiner Herrin diesen Reis bringen?" |
Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht." | Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht." | ||
| − | Mandarinenente | + | Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> bemerkte: „Heutzutage müssen wir in allen Dingen die Mütze genau nach der Kopfgröße schneidern — auch nicht der kleinste Rest bleibt übrig." |
| − | Frau Wáng | + | Frau Wáng <ref>王夫人</ref> berichtete sogleich: „In den letzten beiden Jahren sind die Ernten wegen der Dürren und Überschwemmungen ungewiss gewesen, und der Reis von unseren Feldern konnte nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders bei den feinen Reissorten ist es schwierig. Deshalb wird nur genau so viel ausgegeben, wie gebraucht wird — aus Angst, er könnte einmal ausgehen und zugekaufter Reis nicht munden." |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Da kann man ja wirklich sagen: ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Suppe kochen!'" Alle lachten auf. |
| − | Mandarinenente | + | Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> schlug vor: „Dann holt doch einfach den Reis, der für das dritte Fräulein <ref>探春</ref> bestimmt war — das bleibt sich doch gleich! Was seid ihr nur so begriffsstutzig?" |
Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden." | Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden." | ||
| − | Mandarinenente | + | Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref> entgegnete: „Euch hat es vielleicht gereicht, aber ich muss auch noch satt werden!" Die Aufwärterinnen eilten hinaus, um den anderen Reis zu holen. |
| − | Bald darauf ging auch Frau Wáng | + | Bald darauf ging auch Frau Wáng <ref>王夫人</ref>, um ihrerseits zu essen, während Frau Yóu bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> blieb und ihr mit Plaudereien und Scherzen Gesellschaft leistete. |
| − | Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter | + | Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!" Erst jetzt verabschiedete sich Frau Yóu und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yíndié <ref>银蝶</ref> setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Frauen den Vorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleinen Dienstmädchen geradewegs zum Haupttor des Nínguó-Anwesens <ref>宁国府</ref> hinüber und warteten dort. Da die Tore der beiden Anwesen nicht einmal eine Pfeilschussweite voneinander entfernt lagen, brauchte man beim täglichen Hin und Her nicht so penibel zu sein — besonders wenn es schon dunkel war und umso mehr Familienmitglieder ein- und ausgingen. Darum gingen die alten Ammen mit den kleinen Mädchen die paar Schritte einfach zu Fuß hinüber. Von beiden Toren eilten die Männer nach Osten und Westen bis zu den Straßenecken vor und hielten dort die Passanten an. |
| − | Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié | + | Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié <ref>银蝶</ref> stieg als erste ab und half dann Frau Yóu beim Aussteigen. Sieben oder acht Laternen erleuchteten alles bis ins Kleinste. |
| − | Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié | + | Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié <ref>银蝶</ref> und die anderen gewandt, sagte sie: „Seht nur! So viele sind mit dem Wagen da — wie viele mögen dann erst zu Pferde gekommen sein? Die Pferde stehen natürlich angebunden im Stall, so dass wir sie nicht sehen können. Ich möchte wohl wissen, wie viel Geld ihre Eltern erarbeitet haben, damit sie sich auf diese Weise vergnügen können!" |
| − | Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Kaufmann Jungs | + | Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Kaufmann Jungs <ref>贾蓉</ref> Ehefrau kam ihnen mit den Dienerinnen und Mägden des Hauses entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. |
Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!" | Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!" | ||
Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen. | Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen. | ||
| − | Es verhielt sich folgendermaßen: Kaufmann Juwel | + | Es verhielt sich folgendermaßen: Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> befand sich noch in der Trauerzeit und konnte darum weder Vergnügungstouren unternehmen noch sich an Theatervorführungen oder Musik erfreuen. Vor Langeweile hatte er sich ein Mittel zur Zerstreuung ersonnen: Unter dem Vorwand, Bogenschießen zu üben, lud er tagsüber junge Männer aus angesehenen Beamtenfamilien sowie wohlhabende Freunde und Verwandte ein, um miteinander ihre Kräfte zu messen. „Bloß so drauflos zu schießen", sagte er, „bringt gar nichts. Nicht nur, dass man keine Fortschritte macht — man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen." |
| − | So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Kaufmann Juwel | + | So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> seinen eigenen Namen nicht hergeben wollte, bestimmte er seinen Sohn Kaufmann Jung <ref>贾蓉</ref> zum Veranstalter. Die Teilnehmer waren allesamt Söhne aus erbadeligen Häusern, durchweg wohlhabend und im Jünglingsalter — eine rechte Schar von Stutzern und Taugenichtsen, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und in Freudenhäusern verkehrten. |
| − | Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Kaufmann Jung | + | Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Kaufmann Jung <ref>贾蓉</ref> die Kosten trug. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet, Gänse und Enten geköpft — beinahe wie bei einem Wettstreit wollte jeder prahlen, welche Köche der Kochkunst er in seinen Diensten hatte. |
| − | Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè | + | Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>. Weil sie aber nicht wussten, was in Wirklichkeit dahintersteckte, sagten sie sogar, es sei ganz recht so: Wer auf zivilem Gebiet nichts erreicht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben — zumal die Familie ihren Rang den kriegerischen Verdiensten der Vorfahren verdanke. Daraufhin wurde auch in beiden Häusern angeordnet, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref>, Jiǎ Cóng <ref>贾琮</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> sollten jeden Tag nach dem Essen hinübergehen und sich unter Kaufmann Juwels <ref>贾珍</ref> Anleitung im Bogenschießen üben, ehe sie zurückkehren durften. |
| − | Doch Kaufmann Juwels | + | Doch Kaufmann Juwels <ref>贾珍</ref> Sinn stand nicht nach Schießübungen. Nach ein, zwei weiteren Tagen gab er vor, sich die Arme ausruhen und die Kräfte schonen zu müssen. An den Abenden wurden zunächst harmlose Knobelspiele um Trinkrunden gespielt — bald aber ging es um Geld. Inzwischen waren drei bis vier Monate vergangen, und das Glücksspiel hatte längst die Oberhand über das Schießen gewonnen. Hemmungslos wurden Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt — ganze Nächte hindurch. Das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es so bliebe; so wurde es zu einem festen Brauch. Außenstehende ahnten nicht das Geringste. |
| − | In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán | + | In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán <ref>邢德全</ref>, der leibliche Bruder der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref>, mit von der Partie, denn er war ebenso leidenschaftlich wie die anderen. Auch Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> war natürlich dabei — war er doch von jeher der Erste, wenn es darum ging, sein Geld anderen in den Rachen zu werfen. |
| − | Obwohl Xíng Déquán | + | Obwohl Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> der leibliche Bruder der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> war, unterschied er sich in Wesen und Verhalten grundlegend von ihr. Er kannte nur Wein, Glücksspiel und Freudenmädchen als Vergnügen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen war er ohne Falsch. Wer gern trank, den mochte er; wer nicht trank, von dem hielt er sich fern — ganz gleich, ob es um Herren oder Diener ging, er machte keinen Unterschied. Darum nannten ihn alle den „Blöden Onkel". Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> wiederum war schon längst als der „Dumme Herr" bekannt. |
Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen. | Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen. | ||
| − | Xuē Pán | + | Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> hatte eben wieder eine Runde verloren und war schlechter Laune. Glücklicherweise ergab die zweite Runde, alles zusammengerechnet, sogar einen kleinen Gewinn, und seine Stimmung hob sich sogleich. |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> sagte: „Hören wir erst einmal auf und essen — danach geht es weiter!" Er erkundigte sich, wie es bei den anderen Spielrunden stand. Die „Himmel und Neun"-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten aufs Essen. Die „Fanchóu"-Spieler aber waren noch nicht fertig und wollten nicht aufhören. Da man sie nicht drängen konnte, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> den Gästen Gesellschaft leistete, während Kaufmann Jung <ref>贾蓉</ref> die andere Runde bedienen sollte. |
| − | In bester Laune umhalste Xuē Pán | + | In bester Laune umhalste Xuē Pán <ref>薛蟠</ref> einen der Lustknaben und trank Wein. Zugleich ließ er dem „Blöden Onkel" ebenfalls einschenken. Aber der hatte als Verlierer keine gute Laune; nach zwei Schalen war er schon leicht betrunken und schimpfte die beiden Lustknaben, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. |
„Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!" | „Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!" | ||
Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!" | Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!" | ||
Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder. | Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder. | ||
| − | Obwohl Xíng Déquán | + | Obwohl Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> innerlich schon weich geworden war, stellte er sich immer noch zornig und beachtete die beiden nicht. Die anderen redeten ihm zu: „Die Jungen meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit stets zarte Wesen umsorgt und Mitgefühl für Duftende und Jadegleiche gezeigt — warum seid Ihr heute so anders? Wenn Ihr den Wein nicht trinkt, wie sollen die beiden wieder aufstehen?" |
| − | Xíng Déquán | + | Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> hielt nicht länger stand und sagte: „Wäret Ihr nicht, meine Herren, würde ich sie weiter keines Blickes würdigen!" Damit nahm er den Becher, leerte ihn in einem Zug und ließ sich gleich nachschenken. Nun rief ihm der Wein vergangene Kränkungen ins Gedächtnis; er schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte seufzend zu Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref>: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld über alles geht. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien gibt es, die ihr eigen Fleisch und Blut vergessen, sobald es um ‚Geld und Macht' geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante drüben geärgert habe?" |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> sagte: „Nein, davon habe ich nichts gehört." |
| − | Xíng Déquán | + | Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> seufzte: „Es ging um dieses verfluchte Geld. Schlimm, schlimm!" |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> wusste sehr wohl, dass sich Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> nicht mit der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> verstand und von ihr verabscheut wurde; bei jeder Gelegenheit machte er seinem Unmut Luft. Darum redete er ihm zu: „Onkel, Ihr seid aber auch ein wenig zu verschwenderisch. Wenn Ihr immerzu Geld ausgebt, wie viel ist dann noch da?" |
| − | Xíng Déquán | + | Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> erwiderte: „Mein werter Neffe, du weißt nicht, wie es bei uns im Hause Xíng wirklich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen der Welt. Von meinen drei Schwestern hat nur deine Tante, die älteste, jung geheiratet und das gesamte Familienvermögen an sich gerissen und mitgenommen. Meine zweitälteste Schwester hat zwar inzwischen auch geheiratet, aber in eine äußerst ärmliche Familie. Die drittälteste ist noch unverheiratet und lebt zu Hause. Unser gesamter Besitz wird hier von Wang Shànbǎos <ref>王善保</ref> Frau verwaltet, die meine Schwester als Mitgift-Dienerin mitgebracht hat. Wenn ich Geld verlange, will ich keines haben, das euch Kaufmanns <ref>贾</ref> gehört — der Besitz unserer Familie Xíng würde für meine Bedürfnisse vollauf genügen! Aber ich bekomme nichts davon in die Hand, und so leide ich Unrecht, ohne eine Stelle zu haben, wo ich mich darüber beschweren könnte." |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> merkte, dass dies weinseliges Geschwätz war, und fürchtete, die anderen Gäste könnten es hören und es als unschicklich empfinden. Darum lenkte er ihn rasch mit ein paar beschwichtigenden Worten ab. |
| − | Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié | + | Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié <ref>银蝶</ref> lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der Frau aus dem Nordgehöft, der sich über seine Schwester beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den anderen erst recht keinen Vorwurf machen." |
Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!" | Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!" | ||
| − | Xíng Déquán | + | Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> erzählte daraufhin noch einmal, wie die beiden Lustknaben nur die Gewinner umschmeichelt und die Verlierer links liegen gelassen hatten. |
Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?" | Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?" | ||
| − | Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán | + | Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán <ref>邢德全</ref> prustete seinen Reis auf den Boden. |
Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett. | Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett. | ||
| − | Erst in der vierten Nachtwache löste Kaufmann Juwel | + | Erst in der vierten Nachtwache löste Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> die Runde auf und begab sich zu Pèifèng <ref>佩凤</ref> ins Zimmer. |
| − | Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Kaufmann Juwel | + | Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> beauftragte Pèifèng <ref>佩凤</ref>: „Bitte die junge Herrin, die Verteilung zu beaufsichtigen — ich habe noch anderes zu tun." |
| − | Pèifèng | + | Pèifèng <ref>佩凤</ref> sagte „Jawohl" und ging es Frau Yóu melden, die nun die Aufteilung vornahm und alles durch ihre Leute austragen ließ. Bald darauf kam Pèifèng <ref>佩凤</ref> erneut und sagte: „Der Herr lässt Euch fragen, junge gnädige Frau, ob Ihr heute ausgehen wollt. Er sagt, da wir Trauer tragen, könnten wir morgen am Fünfzehnten nicht feiern. Heute Abend jedoch wäre es günstig — wir könnten alle zusammen wenigstens den Anlass ehren und ein wenig Melone, Mondkuchen und Wein genießen." |
| − | Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz | + | Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz <ref>凤姐</ref> hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem habe ich keine Zeit — was redet er von ‚den Anlass ehren'?" |
| − | Pèifèng | + | Pèifèng <ref>佩凤</ref> sagte: „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt; sie kommen erst am Sechzehnten wieder. Auf jeden Fall wolle er Euch zum Wein einladen." |
Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen." | Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen." | ||
| − | Lachend ging Pèifèng | + | Lachend ging Pèifèng <ref>佩凤</ref> hinaus, kam aber bald wieder und verkündete lächelnd: „Der Herr sagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten. Kommt bitte unbedingt rechtzeitig zurück — ich soll Euch begleiten." |
Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann." | Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann." | ||
| − | Pèifèng | + | Pèifèng <ref>佩凤</ref> berichtete: „Der Herr sagt, er frühstückt draußen. Die junge gnädige Frau möge allein essen." |
Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?" | Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?" | ||
| − | Pèifèng | + | Pèifèng <ref>佩凤</ref> antwortete: „Ich habe nur gehört, dass zwei Neuankömmlinge aus Nánjīng <ref>南京</ref> da seien — wer sie sind, weiß ich nicht." |
| − | Während dieses Gesprächs erschien auch Kaufmann Jungs | + | Während dieses Gesprächs erschien auch Kaufmann Jungs <ref>贾蓉</ref> Frau, die sich bereits gewaschen und angekleidet hatte, um ihren Gruß zu entbieten. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt. Frau Yóu nahm den oberen Platz ein, Kaufmann Jungs <ref>贾蓉</ref> Frau saß ihr gegenüber als Tischgesellschaft. Schwiegermutter und Schwiegertochter aßen gemeinsam, dann kleidete sich Frau Yóu um und fuhr ins Rónguó-Anwesen <ref>荣国府</ref> hinüber. Erst am Abend kehrte sie zurück. |
| − | Tatsächlich hatte Kaufmann Juwel | + | Tatsächlich hatte Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> ein ganzes Schwein kochen und einen ganzen Hammel braten lassen. Die übrigen Tafelgerichte und Früchte waren nicht zu zählen. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenmuster auf den Stellschirmen, und Lotos-Polster lagen ausgebreitet. Dorthin führte er seine Frau und seine Nebenfrauen. Erst wurde gegessen, dann Wein getrunken, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein und der Mond hell — oben und unten schien alles wie Silber. |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> wollte Trinkspiele veranstalten, und so rief Frau Yóu auch Pèifèng <ref>佩凤</ref> und die anderen drei hinzu, die sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mussten. Sie spielten Fingerraten und Faustwette und tranken ein Weilchen. Als Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> schon einige Becher intus hatte, geriet er immer mehr in Stimmung. Er ließ eine Flöte aus Schwarzbambus holen und befahl Pèifèng <ref>佩凤</ref>, darauf zu spielen, während Wénhuā <ref>文花</ref> ein Lied sang. Ihre Stimme war so rein und zart, dass jedermanns Seele davon berauscht wurde und schier davonzufliegen drohte. Nach dem Gesang wurden erneut Trinkspiele gespielt. Gegen die dritte Nachtwache war Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> bereits zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, frische Becher und neuen Wein erhalten — als man plötzlich von jenseits der Mauer ein langes, tiefes Seufzen hörte. Alle hatten es deutlich vernommen und wurden von jäher Furcht ergriffen. |
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> schrie sofort mit strenger Stimme hinüber: „Wer ist da?!" Obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, kam keine Antwort. |
Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt." | Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt." | ||
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> erwiderte: „Unsinn! Rings um diese Mauer gibt es keine Dienstbotenquartiere — und gleich nebenan liegt unser Ahnentempel. Wie sollte dort jemand sein?" |
Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare. | Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare. | ||
| − | Kaufmann Juwel | + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> war zwar halb wieder nüchtern geworden und beherrschte sich besser als die anderen, doch auch er war innerlich zutiefst beunruhigt, und die ganze Stimmung war ihm verdorben. Widerstrebend hielt er noch ein Weilchen aus, dann ging er in seine Gemächer und legte sich schlafen. |
| − | Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Kaufmann Juwel | + | Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> sagte sich, die Trunkenheit habe ihm einen Streich gespielt, und erwähnte den Vorfall nicht weiter. Nach dem Opfer ließ er die Türen wieder fest verschließen und verriegeln. |
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| + | Erst nach dem Abendessen fuhren Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> und Frau Yóu ins Rónguó-Anwesen <ref>荣国府</ref> hinüber. Dort saßen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> bereits bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, plauderten und scherzten mit ihr. Kaufmann Kette <ref>贾琏</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref>, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> eintrat, begrüßte er jeden der Reihe nach. Nach zwei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür. | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fragte lächelnd: „Wie macht sich dein Vetter Schatzjade <ref>宝玉</ref> in den letzten Tagen beim Bogenschießen?" | ||
| + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> stand sogleich auf und gab lächelnd Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, er hat auch schon um eine Bogenstärke zugelegt." | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte: „Damit ist es aber genug — er soll sich nicht überanstrengen und vorsichtig sein, dass er sich nicht verletzt." | ||
| + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> antwortete rasch mehrmals „Jawohl, jawohl." | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> fuhr fort: „Die Mondkuchen, die du gestern geschickt hast, waren gut. Die Wassermelonen sahen auch gut aus, aber als man sie aufschnitt, waren sie nicht besonders." | ||
| + | Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref> erklärte lächelnd: „Die Mondkuchen hat ein neuer Koch zubereitet, der sich auf Gebäck spezialisiert hat. Ich habe sie erst selber gekostet, und weil sie tatsächlich gut waren, wagte ich es, sie Euch zu verehren. Die Wassermelonen waren in früheren Jahren immer gut — warum sie dieses Jahr nichts taugen, weiß ich auch nicht." | ||
| + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> warf ein: „Wahrscheinlich wegen der vielen Regenfälle dieses Jahr." | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Der Mond ist schon aufgegangen — gehen wir jetzt den Weihrauch opfern!" Und sie stützte sich auf Schatzjades <ref>宝玉</ref> Schulter, und alle gingen zusammen in den Garten hinüber. | ||
| − | + | Dort stand das Haupttor des Gartens bereits weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortrefflichen Schattens <ref>嘉荫堂</ref> brannten hohe Räucherkegel und Windlichter; Melonen, Mondkuchen und allerlei Früchte standen als Opfergaben bereit. Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> und alle anderen weiblichen Gäste warteten schon seit geraumer Weile im Innern. Mondlicht und Lampenschein, der Duft der Kleider und Weihrauchwolken vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt. | |
| − | + | Auf dem Boden lagen Gebetsteppiche und Brokatpolster. Nachdem die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Verbeugungen vollzogen hatte, verneigten sich auch alle anderen. Dann sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Den Mond bewundert man am besten vom Berg aus." Und sie befahl, zur großen Halle auf dem Bergrücken hinaufzugehen. | |
| − | + | Kaum hatten die Diener das gehört, eilten sie davon, um dort alles herzurichten. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> trank derweil in der Halle des Vortrefflichen Schattens <ref>嘉荫堂</ref> Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte. Als bald darauf gemeldet wurde: „Alles ist bereit!", machte sich die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, von beiden Seiten gestützt, an den Aufstieg. | |
| − | Die Herzoginmutter | + | Frau Wáng <ref>王夫人</ref> warnte: „Auf den Steinen könnte es moosig und glatt sein — es wäre besser, sich im Bambustragstuhl hinauftragen zu lassen." |
| − | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, und der Weg ist breit und eben — warum sollte ich mir nicht ein wenig die Knochen lockern?" | |
| − | Die Herzoginmutter | + | So gingen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> voraus als Führer, gefolgt von zwei alten Dienerinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Mandarinenente <ref>鸳鸯</ref>, Bernstein <ref>琥珀</ref> und Frau Yóu hielten sich dicht an der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und stützten sie. Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> und die anderen folgten im Zug. So stiegen sie in Windungen den Hang hinauf — nach kaum hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine weitläufige, offene Halle stand. Da sie auf dem Gipfel lag, trug sie den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung <ref>凸碧山庄</ref>. Auf der Terrasse vor der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, und ein großer Stellschirm teilte den Bereich in zwei Hälften. Sämtliche Tische und Stühle waren rund — als Sinnbild für die Vereinigung des Vollmonds. |
| − | + | In der Mitte am Ehrenplatz nahm die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> Platz. Zu ihrer Linken saßen Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref>, Kaufmann Juwel <ref>贾珍</ref>, Kaufmann Kette <ref>贾琏</ref> und Kaufmann Jung <ref>贾蓉</ref>; zu ihrer Rechten Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref>, Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> und Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref>. So war der Kreis nur zur Hälfte besetzt — die untere Hälfte blieb leer. | |
| − | Jiǎ Zhèng | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> bemerkte lächelnd: „Im Alltag hat man gar nicht den Eindruck, dass wir so wenig sind. Aber wenn man uns heute anschaut — wir sind wirklich nur eine Handvoll, kaum der Rede wert. Damals, in früheren Zeiten, waren an einem solchen Abend dreißig oder vierzig Leute zusammen — welch ein Trubel! Heute so wenige, das ist zu traurig. Die paar Leute, die wir noch einladen könnten, haben ihre eigenen Eltern und feiern zu Hause — man kann sie nicht herkommen lassen. Ruft also die Mädchen herüber, damit sie dort drüben Platz nehmen." |
| − | + | Auf ihre Anweisung hin wurden Yíngchūn <ref>迎春</ref>, Tànchūn <ref>探春</ref> und Xīchūn <ref>惜春</ref> von der Tafel der Frau Xíng <ref>邢夫人</ref> hinter dem Stellschirm herübergebeten. Kaufmann Kette <ref>贾琏</ref>, Schatzjade <ref>宝玉</ref> und die anderen jüngeren Verwandten standen auf und überließen den drei Schwestern ihre Plätze; dann ordneten sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Sitzen ein. | |
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> befahl, einen Duftblütenzweig abzubrechen, und wies eine Dienerin an, hinter dem Stellschirm die Trommel zu schlagen und den Zweig von Hand zu Hand gehen zu lassen. Bei wem der Zweig in der Hand war, wenn die Trommel verstummte, der sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe einen Witz erzählen. So begann das Spiel bei der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>, ging dann zu Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und weiter der Reihe nach. Nach knapp zwei Runden Trommelschlag hielt der Zweig genau in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Hand inne, und er musste notgedrungen trinken. Die Schwestern und Brüder stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig — alle warteten lächelnd darauf, was für einen Witz er erzählen würde. Als Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sah, wie vergnügt die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> war, musste er wohl oder übel der Heiterkeit Genüge tun. Gerade wollte er anfangen, da warnte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> noch lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!" | ||
| + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte lächelnd: „Ich kenne nur einen einzigen Witz. Wenn er nicht zum Lachen ist, muss ich die Strafe eben annehmen." Und schmunzelnd begann er: „In einer Familie gab es einen Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau." | ||
| + | Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle — aber nur, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> einen Witz erzählte. | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte lächelnd: „Das wird bestimmt etwas Gutes!" | ||
| + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> erwiderte lächelnd: „Wenn es gut ist, muss die alte gnädige Frau einen Becher zusätzlich trinken." | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> lachte: „Das versteht sich!" | ||
| + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> fuhr fort: „Dieser Mann, der seine Frau fürchtete, hatte noch nie gewagt, einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Doch ausgerechnet am fünfzehnten des achten Monats ging er auf die Straße, um etwas einzukaufen, und traf dabei ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt zu einem von ihnen nach Hause schleppten, um Wein zu trinken. Unglücklicherweise betrank er sich dort und schlief bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag wachte er auf, bereute es bitterlich — aber was blieb ihm anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld einzugestehen? Seine Frau wusch sich gerade die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, dann leck mir die Füße sauber — dann verzeihe ich dir!' Der Mann musste ihr wohl oder übel die Füße lecken, aber unweigerlich wurde ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Da wurde seine Frau wütend, drohte ihn zu schlagen und rief: ‚Was ist das für ein Benehmen!' Vor Angst kniete der Mann sofort nieder und flehte: ‚Es ist ja nicht, weil die Füße der Herrin schmutzig sind! Nur habe ich gestern Abend zu viel gelben Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen gegessen, deshalb ist mir heute ein wenig übel.'" | ||
| + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> und alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> schenkte sogleich einen Becher ein und reichte ihn der Herzoginmutter <ref>贾母</ref>. Diese sagte lächelnd: „Wenn das so ist, lasst schnell Branntwein holen, damit es euch nicht auch so ergeht!" Und wieder lachten alle. | ||
| − | + | Darauf wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte von Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> aus die Runde. Ausgerechnet als er bei Schatzjade <ref>宝玉</ref> anlangte, verstummte die Trommel. Schatzjade <ref>宝玉</ref> war in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Anwesenheit ohnehin befangen und unruhig, und nun hielt er auch noch den Blütenzweig in der Hand. Er überlegte: ‚Wenn mein Witz nicht zum Lachen ist, heißt es wieder, ich hätte kein Redetalent — nicht einmal einen Witz kann er erzählen, geschweige denn etwas anderes. Mache ich es aber gut, heißt es, auf etwas Ordentliches verstehe er sich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz — das wäre ein noch größerer Fehler. Besser, ich erzähle gar nichts.' Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann keine Witze erzählen — darf ich bitte um eine andere Aufgabe bitten?" | |
| − | + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Gut — dann gebe ich dir das Wort ‚Herbst' vor, und du schreibst aus dem Stegreif ein Gedicht, das zum heutigen Abend passt. Wenn es gut ist, wirst du belohnt; wenn nicht, nimm dich morgen in Acht!" | |
| − | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> warf sogleich ein: „Wir haben doch ein so schönes Trinkspiel — warum muss er jetzt ein Gedicht schreiben?" | |
| − | + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Er kann das." | |
| − | Die Herzoginmutter | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> lenkte ein: „Nun gut, dann schreib." Und sie ließ Papier und Pinsel bringen. |
| − | + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> legte fest: „Du darfst aber nicht solche abgegriffenen Wörter wie ‚Eis', ‚Jade', ‚Kristall', ‚Silber', ‚bunt', ‚strahlend', ‚hell' oder ‚rein' verwenden, sondern musst etwas Eigenes leisten und zeigen, was dich in den letzten Jahren bewegt hat." | |
| − | + | Das traf genau Schatzjades <ref>宝玉</ref> Empfinden. Sogleich fielen ihm vier Zeilen ein, er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>. Dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript eine Lücke.) Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las es durch und nickte schweigend. Als die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> das sah, wusste sie, dass es nicht allzu schlecht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?" | |
| − | + | Um der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> eine Freude zu machen, sagte Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>: „Er hat sich Mühe gegeben. Nur weil er nicht fleißig genug liest, ist die Wortwahl nicht edel." | |
| − | + | Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sagte: „Lass gut sein! Wie alt ist er denn? Muss er unbedingt ein großes Genie sein? Man sollte ihn belohnen — dann wird er in Zukunft noch eifriger." | |
| − | + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sagte: „Ganz recht." Und er wandte sich um und befahl einer alten Amme: „Geh hinüber und lass dir von den Dienerknaben in meinem Arbeitszimmer zwei von den Fächern geben, die ich aus Hǎinán <ref>海南</ref> mitgebracht habe — die soll er bekommen." | |
| − | Jiǎ Zhèng | + | Schatzjade <ref>宝玉</ref> verbeugte sich zum Dank und kehrte auf seinen Platz zurück, um am Trinkspiel weiter teilzunehmen. Da nun hatte Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> gesehen, wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> belohnt worden war, und trat seinerseits vor den Tisch, um ebenfalls ein Gedicht zu verfassen. Er reichte es Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref>, und dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript ebenfalls eine Lücke.) Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las es und konnte seine Freude nicht verbergen. Als er beide Gedichte der Herzoginmutter <ref>贾母</ref> erklärte, war auch sie hocherfreut und befahl Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> sogleich, Jiǎ Lán <ref>贾兰</ref> ebenfalls zu belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel fort. |
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| − | Die Herzoginmutter | ||
| − | Jiǎ Zhèng | ||
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| − | + | Diesmal hielt der Blütenzweig in Jiǎ Shès <ref>贾赦</ref> Hand inne. Notgedrungen trank er Wein und begann seinen Witz: „In einer Familie gab es einen überaus pflichtbewussten Sohn. Eines Tages wurde seine Mutter krank, und obwohl er überall Ärzte suchte, fand er keinen. Schließlich holte er eine alte Frau, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, erklärte, es sei ‚Feuer des Herzens', und wenn man die Mutter jetzt mit Nadeln behandle, werde sie bald wieder gesund. Da erschrak der Sohn und fragte: ‚Das Herz stirbt, wenn es Eisen berührt — wie wollt Ihr denn mit Nadeln dorthin stechen?' Die Alte antwortete: ‚Ich steche nicht ins Herz, nur in die Rippen.' Der Sohn fragte: ‚Aber die Rippen sind doch weit vom Herzen entfernt — wie soll das helfen?' Die Alte erwiderte: ‚Das macht nichts. Ihr wisst wohl nicht, wie viele Eltern auf dieser Welt ein Herz haben, das ganz auf die eine Seite geneigt ist!'" | |
| − | + | Alle lachten los. Auch die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> musste einen halben Becher Wein trinken. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln." | |
| − | + | Als Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> das hörte, merkte er, dass seine Worte unbedacht gewesen waren und die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> sich getroffen fühlte. Sofort stand er auf, ergriff lächelnd ihren Weinbecher, um nachzuschenken, und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Die Herzoginmutter <ref>贾母</ref> konnte die Sache nicht gut weiterverfolgen und ließ das Trinkspiel fortsetzen. | |
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| − | Die | ||
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| − | + | Zu aller Überraschung hielt der Blütenzweig nun in Jiǎ Huáns <ref>贾环</ref> Hand an. Jiǎ Huán <ref>贾环</ref> hatte in letzter Zeit gewisse Fortschritte im Lernen gemacht, war aber ebenso wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> nicht sonderlich auf den eigentlichen Lehrstoff erpicht. Er las vielmehr gern Gedichte, wobei ihm besonders das Seltsame und Unheimliche, Unsterbliche und Geisterhafte behagten. Als er sah, wie Schatzjade <ref>宝玉</ref> für sein Gedicht belohnt wurde, juckte es ihn in den Fingern — doch in Jiǎ Zhèngs <ref>贾政</ref> Gegenwart wagte er nicht, sich vorzudrängen. Nun aber hielt er glücklicherweise den Blütenzweig in der Hand, bat also um Papier und Pinsel und warf im Nu einen Vierzeiler nieder, den er Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> reichte. | |
| − | + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> las die Verse und fand sie zwar ungewöhnlich, erkannte aber zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen. Missmutig sagte er: „Da sieht man, dass die beiden Brüder sind! In Wortwahl und Ausdruck neigen sie beide auf Abwege; in Zukunft werden sie sich wohl nicht an Lot und Richtschnur halten — ein heilloses Pack! Die Alten sprachen von den ‚Zwei Vorzüglichen', und tatsächlich könnte man auch euch beide so nennen — nur müsste das Wort ‚vorzüglich' dann im Sinne von ‚vorzüglich schwer zu erziehen' verstanden werden. Der Ältere hält sich ganz offen für einen zweiten Wēn Tíngyún, und nun bildet sich der Jüngere ein, Cáo Táng sei in ihm wiederauferstanden." | |
| − | Als Jiǎ Shè | + | Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und die anderen lachten. Dann ließ sich Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> das Gedicht geben, las es durch und lobte es in den höchsten Tönen: „Meiner Meinung nach hat dieses Gedicht echtes Rückgrat! Eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen armseligen Gelehrten vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen, nur damit sie eines Tages ‚im Krötenpalast einen Lorbeerzweig brechen' und endlich frei atmen können. Natürlich müssen unsere Kinder die Bücher studieren, aber wenn sie nur ein wenig aufgeweckter sind als andere, ist ihnen ein Amt sicher, sobald die Zeit dafür reif ist. Warum also unnötig Zeit verschwenden und aus ihnen Bücherwürmer machen? Darum gefällt mir sein Gedicht — es atmet den Geist unseres fürstlichen Hauses." Dann ließ er durch jemanden aus seinen Räumen allerlei Spielsachen und Kostbarkeiten holen und schenkte sie Jiǎ Huán <ref>贾环</ref>. Dabei tätschelte er ihm den Kopf und sagte lächelnd: „Mach nur so weiter — das ist der Stil unserer Familie! Unser Erbtitel wird dir ganz bestimmt nicht entgehen." |
| + | Jiǎ Zhèng <ref>贾政</ref> hörte das und warnte sofort: „Das war doch nur leichtfertiges Gerede — da kann man doch noch lange nicht auf die Zukunft schließen." | ||
| + | Darauf wurde wieder Wein eingeschenkt und das Trinkspiel noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter <ref>贾母</ref>: „Geht jetzt. Draußen warten bestimmt noch eure jungen Freunde — auch sie dürft ihr nicht vernachlässigen. Zudem ist die zweite Nachtwache schon weit vorgerückt. Macht Schluss und lasst mich noch ein Weilchen mit den Mädchen genießen, dann will ich mich zur Ruhe legen." | ||
| + | Als Jiǎ Shè <ref>贾赦</ref> und die anderen das hörten, beendeten sie das Spiel, alle leerten noch einmal gemeinsam ihre Becher, und dann gingen die Herren mit Söhnen und Neffen davon. Wer Näheres wissen will, der lese das nächste Kapitel. | ||
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Revision as of 12:59, 15 April 2026
Kapitel: 1 · 11 · 21 · 31 · 41 · 51 · 61 · 71 · 72 · 73 · 74 · 75 · 76 · 77 · 78 · 79 · 80 · 81 · 91 · 101 · 111 · ← Inhalt
Kapitel 75
開夜宴異兆發悲音 / 賞中秋新詞得佳讖
Beim naechtlichen Festmahl ertoenen unheilvolle Klaenge; Bei der Mondfest-Feier werden prophetische Verse gedichtet
Frau Yóu sagte: „Gestern habe ich gehört, wie der Herr erzählte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Zhēns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, ihr gesamter Familienbesitz sei beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt überführt werden. Wie kann da jemand von ihnen hierher gekommen sein?" Die alte Amme erwiderte: „Eben das ist es ja! Die Frauen, die eben gekommen sind, sahen ganz verstört aus und waren äußerst aufgeregt und fahrig. Es hat bestimmt etwas mit einer geheimen Angelegenheit zu tun."
Daraufhin ging Frau Yóu nicht weiter, sondern kehrte zu Lǐ Wán [1] zurück. Der Leibarzt war gerade fortgegangen, nachdem er den Puls gefühlt hatte. Lǐ Wán fühlte sich in den letzten Tagen schon wieder etwas besser; in eine Decke gehüllt und auf Kissen gestützt, saß sie auf ihrem Bett und wünschte sich, dass ein oder zwei Besucherinnen kämen, mit denen sie ein wenig plaudern könnte. Als sie nun Frau Yóu hereinkommen sah, war diese nicht wie sonst freundlich und herzlich, sondern saß nur geistesabwesend da. Lǐ Wán fragte: „Du bist schon so lange hier drüben — hast du denn irgendwo etwas gegessen? Du bist bestimmt hungrig." Und sie befahl Sùyún [2], nach einem frischen Imbiss zu sehen und etwas zu bringen. Frau Yóu fiel ihr sogleich ins Wort: „Nicht nötig, nicht nötig! Du bist die ganze Zeit krank gewesen, woher solltest du etwas Frisches haben? Außerdem bin ich gar nicht hungrig." Lǐ Wán sagte: „Gestern hat man mir aus dem Haus seiner Tante gutes Teemehl geschickt. Lass dir doch eine Schale davon anrühren!" Und sie befahl den Mägden, den Tee zuzubereiten. Frau Yóu aber saß gedankenverloren da und sagte kein Wort. Die Zofen und Frauen aus ihrem Gefolge schlugen vor: „Die junge Herrin hat sich heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?" Frau Yóu nickte dazu. Sogleich befahl Lǐ Wán der Zofe Sùyún, ihren Schminktisch zu holen. Sùyún brachte ihn herbei und legte zugleich ihr eigenes Rouge dazu, wobei sie lächelnd sagte: „Unsere Herrin hat so etwas leider nicht. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, junge gnädige Frau, bedient Euch ruhig von meinem." Lǐ Wán verwies sie: „Ich habe zwar selbst keines, aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen und von ihnen welches holen sollen. Wie kannst du einfach dein eigenes herausbringen? Ein Glück, dass sie es ist — eine andere wäre bestimmt böse geworden." Frau Yóu lachte und sagte: „Was macht das schon? Seitdem ich hierher komme, habe ich immer von allen etwas benutzt. Warum sollte ich plötzlich das ihre für schmutzig halten?" Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Kang-Ofenbetts. Yíndié [3] trat eilig heran und streifte ihr die Armreifen und Fingerringe ab, breitete dann ein großes Handtuch über ihren Schoß und schützte so die Kleider sorgfältig. Das kleine Dienstmädchen Chǎodòu'er [4] brachte eine große Schüssel warmes Wasser, trat vor Frau Yóu und hielt sie ihr hin, wobei sie sich lediglich vornüber beugte. Lǐ Wán tadelte: „Was sind das für Manieren!" Auch Yíndié sagte lächelnd: „Keine Einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen — man sagt euch eine Sache, und ihr versteht nur die eine Sache! Nur weil die Herrin zu Hause großzügig mit uns umgeht und es nicht so genau nimmt, fühlst du dich wohl dabei und benimmst dich auch außer Haus und in Gegenwart der Verwandtschaft, wie es dir am bequemsten erscheint." Frau Yóu sagte: „Lass sie doch! Es geht ja nur darum, dass ich mich waschen will." Chǎodòu'er kniete sich eilig nieder. Frau Yóu bemerkte lächelnd: „Unser Gesinde — hoch und niedrig — versteht sich nur auf äußerliche Etikette und zur Schau gestellten Anstand. Was sie aber in Wirklichkeit anstellen, das hat es in sich!" Lǐ Wán hörte das und merkte sofort, dass Frau Yóu von den Ereignissen der vergangenen Nacht wusste. Darum fragte sie lächelnd: „Du redest nicht ohne Grund so. Wer hat denn etwas angestellt, das es in sich hat?" Frau Yóu erwiderte: „Das fragst du mich?! Du tust ja so, als seist du nicht nur krank, sondern schon gestorben!"
Kaum hatte sie ausgesprochen, wurde gemeldet: „Das Fräulein Schatzspange [5] ist da!" Man rief eilig: „Schnell, bittet sie herein!" — da war Schatzspange [6] auch schon ins Zimmer getreten. Frau Yóu wischte sich rasch das Gesicht ab, stand auf und bot ihr einen Sitz an, dann fragte sie: „Wie kommt es, dass du plötzlich ganz allein hereinkommst? Wo sind denn die anderen Kusinen?" Schatzspange [7] antwortete: „Ich habe sie auch nicht gesehen. Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen liegen wegen einer Erkältung im Bett und können nicht aufstehen. Auf die übrigen ist kein Verlass, darum muss ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Ich wollte es der Herzoginmutter [8] und der gnädigen Frau melden, aber dann dachte ich, da es nichts so Ernstes ist, brauche ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen — wenn sie wieder gesund ist, komme ich ohnehin zurück. Deshalb wollte ich nur der Schwägerin Bescheid sagen." Als Lǐ Wán das hörte, sah sie Frau Yóu nur an und lächelte, und Frau Yóu erwiderte den Blick ebenfalls lächelnd. Bald hatte Frau Yóu sich fertig gewaschen, und alle aßen zusammen von dem Teemehl-Brei. Lǐ Wán sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand schicken, der Frau Tante meine Grüße entbietet und sie fragt, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich selbst krank bin, kann ich ja nicht persönlich kommen. Geh nur zu ihr, gute Schwester, ich werde schon jemanden beauftragen, auf deine Räume aufzupassen. Aber in ein, zwei Tagen musst du unbedingt wieder hier sein, damit man mir keinen Vorwurf macht." Schatzspange [9] sagte lächelnd: „Was sollte man dir vorwerfen? Das ist doch eine ganz gewöhnliche Sache — du lässt ja nicht gegen Bestechung einen Räuber laufen! Meiner Meinung nach brauchst du auch nicht extra jemand Neues hinüber zu schicken. Bitte lieber die Wolke [10] hierher, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?" Frau Yóu fragte: „Wo steckt denn die Kusine Shǐ [11] eigentlich jetzt?" Schatzspange [12] antwortete: „Ich habe sie eben zu eurer Tànchūn [13] geschickt, damit sie zusammen hierher kommen. Dann kann ich auch ihr gleich Bescheid geben."
Gerade als sie das sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Das Fräulein Wolke vom Xiāng-Fluss [14] und das dritte gnädige Fräulein sind da!" Nachdem man ihnen Platz angeboten hatte, berichtete Schatzspange [15] von ihrem Vorhaben, den Garten zu verlassen. Tànchūn [16] sagte: „Das ist vollkommen in Ordnung. Nicht nur dass du wiederkommst, wenn Frau Tante gesund ist — selbst wenn du dann nicht wiederkämest, wäre das auch nicht schlimm." Frau Yóu lachte: „Was für eine seltsame Rede! Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?" Tànchūn [17] entgegnete mit kühlem Lächeln: „Gewiss! Ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, werfe lieber ich sie hinaus. Verwandte hin und her — es gibt keinen Grund, warum man unbedingt auf ewig zusammenleben müsste. Wir hier sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne — einer würde den anderen am liebsten auffressen!" Frau Yóu sagte rasch und lächelnd: „Warum habe ich nur heute so ein Pech? Wohin ich auch komme, treffe ich euch Schwestern in zorniger Stimmung an." Tànchūn [18] erwiderte: „Wer hat dich denn geheißen, so nah an den heißen Herd zu gehen?" Dann fragte sie: „Wer hat dich denn wieder gekränkt?" Und nach kurzem Nachdenken: „Das vierte Fräulein [19] würde sich nicht dazu herablassen, mit dir zu zanken. Wer also war es?" Frau Yóu gab nur eine unbestimmte Antwort. Tànchūn [20] wusste, dass sie aus Furcht vor Unannehmlichkeiten nicht zuviel sagen wollte, und drang lächelnd in sie: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst also nicht dauernd Angst zu haben. Um es geradeheraus zu sagen: Gestern habe ich Wang Shànbǎos [21] Alte geschlagen, und die Strafe dafür nehme ich auf mich. Im schlimmsten Fall wird hinter meinem Rücken über mich geredet — aber mich deshalb durchprügeln kann man doch wohl nicht!" Schatzspange [22] fragte sofort, warum sie die Alte geschlagen habe, und Tànchūn [23] berichtete in allen Einzelheiten, wie man in der Nacht zuvor die Hausdurchsuchung durchgeführt hatte und wie sie mit Wang Shànbǎos Frau aneinandergeraten war. Als Frau Yóu sah, dass Tànchūn [24] ohnehin alles erzählt hatte, verschwieg auch sie nicht länger, was sich eben bei Xīchūn [25] zugetragen hatte. Tànchūn [26] kommentierte: „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter. Sie übertreibt ihren Stolz bis zum Äußersten. Keiner von uns ist stolzer als sie." Dann fuhr sie fort: „Heute Morgen war alles still, und als ich hörte, dass Phönixglanz [27] wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um herauszufinden, was mit Wang Shànbǎos Frau ist. Sie kam zurück und berichtete, Wang Shànbǎos Frau habe eine Tracht Prügel bekommen, und die ältere gnädige Frau [28] sei böse auf sie, weil sie sich so wichtiggemacht habe." Frau Yóu und Lǐ Wán sagten: „Das geschieht ihr recht." Tànchūn [29] aber sagte mit kühlem Lächeln: „Wer versteht es nicht, Sand in die Augen zu streuen? Wartet nur ab, wie die Sache weitergeht!" Darauf wussten Frau Yóu und Lǐ Wán nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, dass drüben das Essen aufgetragen wurde; Xiāngyún [30] und Schatzspange [31] kehrten in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Frau Yóu verabschiedete sich von Lǐ Wán und ging zur Herzoginmutter [32] hinüber. Diese lehnte auf ihrer Ruhebank, und Frau Wáng [33] berichtete ihr, wie die Familie Zhēn [34] sich schuldig gemacht hatte, wie ihr Besitz beschlagnahmt worden war und sie zur Aburteilung nach der Hauptstadt gebracht werden sollten. Die Herzoginmutter [35] hörte das mit Unbehagen. Als sie nun die Kusinen eintreten sah, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wisst ihr, ob es eurer Schwägerin Phönixglanz [36] und der anderen Schwägerin heute besser geht?" Frau Yóu und die anderen antworteten sogleich: „Heute geht es beiden schon etwas besser." Die Herzoginmutter [37] nickte und sagte seufzend: „Kümmern wir uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Lasst uns lieber beraten, wie wir am fünfzehnten des achten Monats den Mond bewundern wollen — das ist das Wichtigste!" Frau Wáng [38] sagte lächelnd: „Es ist schon alles vorbereitet. Ich weiß nur nicht, welchen Ort die alte gnädige Frau dafür ausersehen hat. Nur dass es im Garten kahl ist und der Nachtwind kalt weht." Die Herzoginmutter [39] erwiderte lächelnd: „Was macht es schon, wenn man ein paar Kleider mehr anzieht? Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen — wie könnten wir denn dort nicht hingehen?" Während sie noch sprachen, brachten die Dienerinnen und Zofen schon den Esstisch herein, und Frau Wáng [40] sowie Frau Yóu beeilten sich, die Essstäbchen aufzulegen und die Speisen aufzutragen. Als die Herzoginmutter [41] sah, dass neben ihren eigenen Gerichten noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, wusste sie, dass dies nach alter Sitte die Ehrengaben aus den einzelnen Häusern waren. Sie fragte: „Was ist das alles? Ich habe doch schon ein paarmal angeordnet, dass damit Schluss sein soll — und ihr wollt immer noch nicht hören! Die heutigen Zeiten sind nicht mehr mit denen des einstigen Überflusses zu vergleichen." Mandarinenente [42] sagte sogleich: „Ich habe es mehrmals weitergegeben, aber niemand wollte darauf hören. Da musste ich es wohl geschehen lassen." Frau Wáng [43] erklärte lächelnd: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Heute esse ich Fastenspeisen und konnte nichts anderes schicken. Da die alte gnädige Frau Mehlklöße und Bohnenkäse nicht besonders mag, habe ich nur ein Gericht ausgewählt — Schleimkrautpüree mit Pfefferöl." Die Herzoginmutter [44] sagte lächelnd: „Das kommt gerade recht, darauf hatte ich gerade Appetit!" Mandarinenente [45] stellte sogleich den Teller vor sie hin. Bǎoqín [46] lehnte erst höflich ab, ehe sie sich setzte, dann befahl die Herzoginmutter [47] auch Tànchūn [48], zum Essen zu kommen. Tànchūn [49] zierte sich ebenso, ehe sie sich schließlich gegenüber von Bǎoqín [50] niederließ. Dàishū [51] ging eilig, um eine Essschale zu holen. Mandarinenente [52] wies auf die anderen Gerichte: „Bei diesen beiden Gerichten kann ich nicht erkennen, was es ist — der ältere gnädige Herr [53] hat sie geschickt. Dieses hier ist Bambussprossen mit Hühnermark, vom gnädigen Herrn [54] aus dem anderen Gebäude." Und sie stellte die Schüssel auf den Tisch. Die Herzoginmutter [55] kostete zwei Häppchen davon und befahl dann: „Lasst die beiden anderen zurücktragen und bestellt, ich hätte davon gegessen. In Zukunft braucht ihr mir nicht täglich etwas zu schicken. Wenn ich etwas haben möchte, werde ich danach verlangen." Die Frauen sagten „Jawohl" und trugen die Speisen fort. Doch davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
Die Herzoginmutter [56] fragte: „Gibt es dünne Reissuppe? Davon möchte ich ein wenig." Frau Yóu reichte ihr sofort eine Schale und erklärte, es sei rote Reissuppe. Die Herzoginmutter [57] nahm sie entgegen, aß die Hälfte und gab dann die Anweisung: „Bringt diese Suppe der kleinen Phönixglanz [58]!" Dann zeigte sie auf die entsprechenden Schüsseln: „Diese Bambussprossen und diesen Teller mit dem gepökelten Larvenroller sollen Kajaljade [59] und Schatzjade [60] bekommen, und jene Schüssel mit dem Fleisch soll der kleine Lán [61] essen!" Dann wandte sie sich an Frau Yóu: „Ich bin fertig, nun iss du." Frau Yóu sagte „Jawohl" und wartete, bis die Herzoginmutter [62] sich den Mund gespült und die Hände gewaschen hatte. Dann stand die Herzoginmutter [63] auf und unterhielt sich im Gehen mit Frau Wáng [64], um die Verdauung anzuregen. Frau Yóu bat um Erlaubnis, sich setzen zu dürfen. Tànchūn [65] und Bǎoqín [66] standen ebenfalls auf und sagten lächelnd: „Entschuldigt, dass wir nicht bleiben können." Frau Yóu sagte lächelnd: „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch — das bin ich nicht gewohnt!" Die Herzoginmutter [67] sagte lächelnd: „Mandarinenente [68]! Bernstein [69]! Packt die Gelegenheit beim Schopf und esst auch etwas, zugleich leistet ihr dem Gast Gesellschaft." Frau Yóu rief erfreut: „Gut, gut, gut! Das wollte ich gerade vorschlagen." Die Herzoginmutter [70] sagte lächelnd: „Es macht mir Freude, wenn ich recht vielen Leuten beim Essen zusehen kann." Dann zeigte sie auf Yíndié [71]: „Das Mädchen ist auch brav — iss du auch mit deiner Herrin zusammen! Wenn ihr hier fort seid, könnt ihr wieder auf die Etikette achten." Frau Yóu rief: „Komm schnell her und ziere dich nicht!" Die Herzoginmutter [72] stellte sich mit den Händen auf dem Rücken daneben und schaute vergnügt zu. Als sie sah, dass eine der Aufwärterinnen eine Schale mit dem gewöhnlichen Gesindereis brachte und Frau Yóu auch nur weißen Nicht-Klebreis aß, fragte sie: „Bist du denn von Sinnen? Wie kannst du deiner Herrin diesen Reis bringen?" Die Frau erklärte: „Der Reis der alten gnädigen Frau ist aufgegessen. Dadurch, dass heute ein gnädiges Fräulein mehr am Tisch war, hat er nicht ganz gereicht." Mandarinenente [73] bemerkte: „Heutzutage müssen wir in allen Dingen die Mütze genau nach der Kopfgröße schneidern — auch nicht der kleinste Rest bleibt übrig." Frau Wáng [74] berichtete sogleich: „In den letzten beiden Jahren sind die Ernten wegen der Dürren und Überschwemmungen ungewiss gewesen, und der Reis von unseren Feldern konnte nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders bei den feinen Reissorten ist es schwierig. Deshalb wird nur genau so viel ausgegeben, wie gebraucht wird — aus Angst, er könnte einmal ausgehen und zugekaufter Reis nicht munden." Die Herzoginmutter [75] sagte lächelnd: „Da kann man ja wirklich sagen: ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Suppe kochen!'" Alle lachten auf. Mandarinenente [76] schlug vor: „Dann holt doch einfach den Reis, der für das dritte Fräulein [77] bestimmt war — das bleibt sich doch gleich! Was seid ihr nur so begriffsstutzig?" Frau Yóu sagte lächelnd: „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts geholt zu werden." Mandarinenente [78] entgegnete: „Euch hat es vielleicht gereicht, aber ich muss auch noch satt werden!" Die Aufwärterinnen eilten hinaus, um den anderen Reis zu holen. Bald darauf ging auch Frau Wáng [79], um ihrerseits zu essen, während Frau Yóu bei der Herzoginmutter [80] blieb und ihr mit Plaudereien und Scherzen Gesellschaft leistete.
Als die erste Nachtwache anbrach, sagte die Herzoginmutter [81]: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!" Erst jetzt verabschiedete sich Frau Yóu und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yíndié [82] setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Frauen den Vorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleinen Dienstmädchen geradewegs zum Haupttor des Nínguó-Anwesens [83] hinüber und warteten dort. Da die Tore der beiden Anwesen nicht einmal eine Pfeilschussweite voneinander entfernt lagen, brauchte man beim täglichen Hin und Her nicht so penibel zu sein — besonders wenn es schon dunkel war und umso mehr Familienmitglieder ein- und ausgingen. Darum gingen die alten Ammen mit den kleinen Mädchen die paar Schritte einfach zu Fuß hinüber. Von beiden Toren eilten die Männer nach Osten und Westen bis zu den Straßenecken vor und hielten dort die Passanten an.
Frau Yóus Wagen wurde ohne Zugtiere bewegt — sieben oder acht Dienerknaben packten an den Wagenringen und Radnaben an und zogen ihn sachte zur Torauffahrt des Nínguó-Anwesens hinüber. Dann zogen sie sich hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Frauen den Wagenvorhang hochschlugen. Yíndié [84] stieg als erste ab und half dann Frau Yóu beim Aussteigen. Sieben oder acht Laternen erleuchteten alles bis ins Kleinste.
Frau Yóu bemerkte, dass neben den Steinlöwen vier oder fünf große Wagen standen, und schloss daraus, dass wieder Besucher zum Glücksspiel gekommen waren. An Yíndié [85] und die anderen gewandt, sagte sie: „Seht nur! So viele sind mit dem Wagen da — wie viele mögen dann erst zu Pferde gekommen sein? Die Pferde stehen natürlich angebunden im Stall, so dass wir sie nicht sehen können. Ich möchte wohl wissen, wie viel Geld ihre Eltern erarbeitet haben, damit sie sich auf diese Weise vergnügen können!" Während sie das sagte, waren sie schon an der großen Halle angelangt. Kaufmann Jungs [86] Ehefrau kam ihnen mit den Dienerinnen und Mägden des Hauses entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Frau Yóu sagte lächelnd: „Schon lange wollte ich einmal heimlich nach ihnen sehen, aber es hat sich nie eine Gelegenheit ergeben. Heute trifft es sich günstig — wir gehen einfach vor ihren Fenstern vorbei!" Die Frauen sagten „Jawohl" und leuchteten mit ihren Laternen voran. Eine von ihnen ging voraus, um den aufwartenden Dienerknaben unauffällig zu bedeuten, sie sollten sich nicht erschrecken. So schlich sich Frau Yóu mit ihrem Gefolge leise unter die Fenster, und sie hörten von drinnen begeisterte Rufe und Gelächter — doch mischten sich auch Flüche und Schimpfwörter dazwischen.
Es verhielt sich folgendermaßen: Kaufmann Juwel [87] befand sich noch in der Trauerzeit und konnte darum weder Vergnügungstouren unternehmen noch sich an Theatervorführungen oder Musik erfreuen. Vor Langeweile hatte er sich ein Mittel zur Zerstreuung ersonnen: Unter dem Vorwand, Bogenschießen zu üben, lud er tagsüber junge Männer aus angesehenen Beamtenfamilien sowie wohlhabende Freunde und Verwandte ein, um miteinander ihre Kräfte zu messen. „Bloß so drauflos zu schießen", sagte er, „bringt gar nichts. Nicht nur, dass man keine Fortschritte macht — man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen." So wurde unterhalb des Turms des Himmelsduftes auf der Schießbahn eine Zielscheibe aufgestellt, und man verabredete sich, jeden Tag nach dem Frühstück zum Schießen zu kommen. Da Kaufmann Juwel [88] seinen eigenen Namen nicht hergeben wollte, bestimmte er seinen Sohn Kaufmann Jung [89] zum Veranstalter. Die Teilnehmer waren allesamt Söhne aus erbadeligen Häusern, durchweg wohlhabend und im Jünglingsalter — eine rechte Schar von Stutzern und Taugenichtsen, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und in Freudenhäusern verkehrten. Gemeinsam beschlossen sie, abwechselnd für das Abendessen zu sorgen, damit nicht allein Kaufmann Jung [90] die Kosten trug. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet, Gänse und Enten geköpft — beinahe wie bei einem Wettstreit wollte jeder prahlen, welche Köche der Kochkunst er in seinen Diensten hatte. Keine zwei Wochen vergingen, da erfuhren es Jiǎ Shè [91] und Jiǎ Zhèng [92]. Weil sie aber nicht wussten, was in Wirklichkeit dahintersteckte, sagten sie sogar, es sei ganz recht so: Wer auf zivilem Gebiet nichts erreicht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben — zumal die Familie ihren Rang den kriegerischen Verdiensten der Vorfahren verdanke. Daraufhin wurde auch in beiden Häusern angeordnet, Jiǎ Huán [93], Jiǎ Cóng [94], Schatzjade [95] und Jiǎ Lán [96] sollten jeden Tag nach dem Essen hinübergehen und sich unter Kaufmann Juwels [97] Anleitung im Bogenschießen üben, ehe sie zurückkehren durften.
Doch Kaufmann Juwels [98] Sinn stand nicht nach Schießübungen. Nach ein, zwei weiteren Tagen gab er vor, sich die Arme ausruhen und die Kräfte schonen zu müssen. An den Abenden wurden zunächst harmlose Knobelspiele um Trinkrunden gespielt — bald aber ging es um Geld. Inzwischen waren drei bis vier Monate vergangen, und das Glücksspiel hatte längst die Oberhand über das Schießen gewonnen. Hemmungslos wurden Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt — ganze Nächte hindurch. Das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es so bliebe; so wurde es zu einem festen Brauch. Außenstehende ahnten nicht das Geringste.
In jüngster Zeit war auch Xíng Déquán [99], der leibliche Bruder der Frau Xíng [100], mit von der Partie, denn er war ebenso leidenschaftlich wie die anderen. Auch Xuē Pán [101] war natürlich dabei — war er doch von jeher der Erste, wenn es darum ging, sein Geld anderen in den Rachen zu werfen. Obwohl Xíng Déquán [102] der leibliche Bruder der Frau Xíng [103] war, unterschied er sich in Wesen und Verhalten grundlegend von ihr. Er kannte nur Wein, Glücksspiel und Freudenmädchen als Vergnügen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen war er ohne Falsch. Wer gern trank, den mochte er; wer nicht trank, von dem hielt er sich fern — ganz gleich, ob es um Herren oder Diener ging, er machte keinen Unterschied. Darum nannten ihn alle den „Blöden Onkel". Xuē Pán [104] wiederum war schon längst als der „Dumme Herr" bekannt. Die beiden hatten sich heute zusammengefunden, denn beide liebten das lebhafte Würfelspiel „Wer zuerst kommt". Sie hatten sich noch zwei Partner dazugeholt und spielten draußen auf dem Kang-Ofenbett. Einige andere spielten am großen Tisch in der Mitte des Raumes „Fanchóu", während im Innenraum eine kultiviertere Runde mit Dominosteinen „Himmel und Neun" spielte. Die aufwartenden Diener waren allesamt Knaben unter fünfzehn Jahren; erwachsene Männer hatten hier keinen Zutritt. Darum konnte Frau Yóu ungehindert ans Fenster herantreten und von draußen hineinspähen. Unter den Anwesenden bemerkte sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die zum Einschenken abgestellt waren und so herausgeputzt, als seien sie aus Puder und Jade geschliffen.
Xuē Pán [105] hatte eben wieder eine Runde verloren und war schlechter Laune. Glücklicherweise ergab die zweite Runde, alles zusammengerechnet, sogar einen kleinen Gewinn, und seine Stimmung hob sich sogleich. Kaufmann Juwel [106] sagte: „Hören wir erst einmal auf und essen — danach geht es weiter!" Er erkundigte sich, wie es bei den anderen Spielrunden stand. Die „Himmel und Neun"-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten aufs Essen. Die „Fanchóu"-Spieler aber waren noch nicht fertig und wollten nicht aufhören. Da man sie nicht drängen konnte, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Kaufmann Juwel [107] den Gästen Gesellschaft leistete, während Kaufmann Jung [108] die andere Runde bedienen sollte. In bester Laune umhalste Xuē Pán [109] einen der Lustknaben und trank Wein. Zugleich ließ er dem „Blöden Onkel" ebenfalls einschenken. Aber der hatte als Verlierer keine gute Laune; nach zwei Schalen war er schon leicht betrunken und schimpfte die beiden Lustknaben, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. „Ihr Rammlerbande!" fluchte er. „Immer nur dahin, wo der Wind bläst! Tag für Tag sind wir beisammen, von jedem habt ihr eure Vorteile — nur weil ich gerade ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen! Als ob ihr uns in Zukunft nicht wieder um Gefälligkeiten bitten würdet!" Die anderen sahen, dass der Wein aus ihm sprach, und sagten beschwichtigend: „Ganz recht, ganz recht! Die beiden haben wirklich schlechte Manieren." Und sie befahlen: „Schnell, schenkt dem Onkel Wein ein und entschuldigt euch!" Die beiden Lustknaben waren an derlei Szenen bestens gewöhnt; sofort knieten sie mit dem Weingeschirr nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so: Unser Meister hat uns beigebracht, ohne Ansehen von Nähe oder Ferne, ohne Unterschied von Freundschaft oder Gleichgültigkeit — solange jemand Geld und Macht hat, sollen wir ihm liebevoll dienen. Und selbst wenn es ein lebender Buddha oder ein Unsterblicher wäre — hat er einmal kein Geld und keine Macht mehr, dürfen wir uns nicht um ihn kümmern. Bedenkt auch, wie jung wir sind und was unser Stand ist — wir bitten den Herrn Onkel, es uns gütigst nachzusehen!" Damit hielten sie den Wein empor und knieten erneut nieder. Obwohl Xíng Déquán [110] innerlich schon weich geworden war, stellte er sich immer noch zornig und beachtete die beiden nicht. Die anderen redeten ihm zu: „Die Jungen meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit stets zarte Wesen umsorgt und Mitgefühl für Duftende und Jadegleiche gezeigt — warum seid Ihr heute so anders? Wenn Ihr den Wein nicht trinkt, wie sollen die beiden wieder aufstehen?" Xíng Déquán [111] hielt nicht länger stand und sagte: „Wäret Ihr nicht, meine Herren, würde ich sie weiter keines Blickes würdigen!" Damit nahm er den Becher, leerte ihn in einem Zug und ließ sich gleich nachschenken. Nun rief ihm der Wein vergangene Kränkungen ins Gedächtnis; er schlug mit der Hand auf den Tisch und sagte seufzend zu Kaufmann Juwel [112]: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld über alles geht. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien gibt es, die ihr eigen Fleisch und Blut vergessen, sobald es um ‚Geld und Macht' geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante drüben geärgert habe?" Kaufmann Juwel [113] sagte: „Nein, davon habe ich nichts gehört." Xíng Déquán [114] seufzte: „Es ging um dieses verfluchte Geld. Schlimm, schlimm!" Kaufmann Juwel [115] wusste sehr wohl, dass sich Xíng Déquán [116] nicht mit der Frau Xíng [117] verstand und von ihr verabscheut wurde; bei jeder Gelegenheit machte er seinem Unmut Luft. Darum redete er ihm zu: „Onkel, Ihr seid aber auch ein wenig zu verschwenderisch. Wenn Ihr immerzu Geld ausgebt, wie viel ist dann noch da?" Xíng Déquán [118] erwiderte: „Mein werter Neffe, du weißt nicht, wie es bei uns im Hause Xíng wirklich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen der Welt. Von meinen drei Schwestern hat nur deine Tante, die älteste, jung geheiratet und das gesamte Familienvermögen an sich gerissen und mitgenommen. Meine zweitälteste Schwester hat zwar inzwischen auch geheiratet, aber in eine äußerst ärmliche Familie. Die drittälteste ist noch unverheiratet und lebt zu Hause. Unser gesamter Besitz wird hier von Wang Shànbǎos [119] Frau verwaltet, die meine Schwester als Mitgift-Dienerin mitgebracht hat. Wenn ich Geld verlange, will ich keines haben, das euch Kaufmanns [120] gehört — der Besitz unserer Familie Xíng würde für meine Bedürfnisse vollauf genügen! Aber ich bekomme nichts davon in die Hand, und so leide ich Unrecht, ohne eine Stelle zu haben, wo ich mich darüber beschweren könnte." Kaufmann Juwel [121] merkte, dass dies weinseliges Geschwätz war, und fürchtete, die anderen Gäste könnten es hören und es als unschicklich empfinden. Darum lenkte er ihn rasch mit ein paar beschwichtigenden Worten ab.
Draußen aber hatte Frau Yóu alles deutlich verstanden. Sie flüsterte Yíndié [122] lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der Frau aus dem Nordgehöft, der sich über seine Schwester beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den anderen erst recht keinen Vorwurf machen." Als sie weiterlauschen wollte, hatten gerade auch die „Fanchóu"-Spieler aufgehört und verlangten nach Wein. Einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben es nicht genau hören können — sagt es uns, damit wir urteilen können!" Xíng Déquán [123] erzählte daraufhin noch einmal, wie die beiden Lustknaben nur die Gewinner umschmeichelt und die Verlierer links liegen gelassen hatten. Einer der jungen Gecken sagte: „Da hat der Herr Onkel freilich recht, böse zu sein — das ist wirklich zum Ärgern! Aber ich muss euch beide fragen: Der Herr Onkel hat doch nur ein wenig Geld verspielt — seinen Schwanz hat er doch nicht verloren. Warum wollt ihr dann also nichts mehr von ihm wissen?" Alle brachen in schallendes Gelächter aus, und selbst Xíng Déquán [124] prustete seinen Reis auf den Boden. Frau Yóu spuckte draußen leise aus und schimpfte: „Hört euch das an! Kaum haben diese schandbaren Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, fangen sie an, solche Zoten zu reißen. Wenn sie sich noch mehr von der gelben Brühe hinter die Binde gießen, wer weiß, was sie dann noch alles von sich geben!" Mit diesen Worten ging sie hinein, legte Schmuck und Kleider ab und ging zu Bett. Erst in der vierten Nachtwache löste Kaufmann Juwel [125] die Runde auf und begab sich zu Pèifèng [126] ins Zimmer.
Am nächsten Morgen stand er auf und erhielt sogleich die Meldung, dass die Wassermelonen und Mondkuchen bereitlägen und nur noch verteilt und ausgetragen werden müssten. Kaufmann Juwel [127] beauftragte Pèifèng [128]: „Bitte die junge Herrin, die Verteilung zu beaufsichtigen — ich habe noch anderes zu tun." Pèifèng [129] sagte „Jawohl" und ging es Frau Yóu melden, die nun die Aufteilung vornahm und alles durch ihre Leute austragen ließ. Bald darauf kam Pèifèng [130] erneut und sagte: „Der Herr lässt Euch fragen, junge gnädige Frau, ob Ihr heute ausgehen wollt. Er sagt, da wir Trauer tragen, könnten wir morgen am Fünfzehnten nicht feiern. Heute Abend jedoch wäre es günstig — wir könnten alle zusammen wenigstens den Anlass ehren und ein wenig Melone, Mondkuchen und Wein genießen." Frau Yóu erwiderte: „Ich will gar nicht ausgehen. Drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch Phönixglanz [131] hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem habe ich keine Zeit — was redet er von ‚den Anlass ehren'?" Pèifèng [132] sagte: „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt; sie kommen erst am Sechzehnten wieder. Auf jeden Fall wolle er Euch zum Wein einladen." Frau Yóu sagte lächelnd: „Er lädt mich ein — und ich kann keine Gegeneinladung aussprechen." Lachend ging Pèifèng [133] hinaus, kam aber bald wieder und verkündete lächelnd: „Der Herr sagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten. Kommt bitte unbedingt rechtzeitig zurück — ich soll Euch begleiten." Frau Yóu sagte: „Nun gut — was gibt es dann zum Frühstück? Schnell, damit ich danach aufbrechen kann." Pèifèng [134] berichtete: „Der Herr sagt, er frühstückt draußen. Die junge gnädige Frau möge allein essen." Frau Yóu fragte: „Wen hat er heute draußen?" Pèifèng [135] antwortete: „Ich habe nur gehört, dass zwei Neuankömmlinge aus Nánjīng [136] da seien — wer sie sind, weiß ich nicht." Während dieses Gesprächs erschien auch Kaufmann Jungs [137] Frau, die sich bereits gewaschen und angekleidet hatte, um ihren Gruß zu entbieten. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt. Frau Yóu nahm den oberen Platz ein, Kaufmann Jungs [138] Frau saß ihr gegenüber als Tischgesellschaft. Schwiegermutter und Schwiegertochter aßen gemeinsam, dann kleidete sich Frau Yóu um und fuhr ins Rónguó-Anwesen [139] hinüber. Erst am Abend kehrte sie zurück.
Tatsächlich hatte Kaufmann Juwel [140] ein ganzes Schwein kochen und einen ganzen Hammel braten lassen. Die übrigen Tafelgerichte und Früchte waren nicht zu zählen. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenmuster auf den Stellschirmen, und Lotos-Polster lagen ausgebreitet. Dorthin führte er seine Frau und seine Nebenfrauen. Erst wurde gegessen, dann Wein getrunken, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein und der Mond hell — oben und unten schien alles wie Silber. Kaufmann Juwel [141] wollte Trinkspiele veranstalten, und so rief Frau Yóu auch Pèifèng [142] und die anderen drei hinzu, die sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mussten. Sie spielten Fingerraten und Faustwette und tranken ein Weilchen. Als Kaufmann Juwel [143] schon einige Becher intus hatte, geriet er immer mehr in Stimmung. Er ließ eine Flöte aus Schwarzbambus holen und befahl Pèifèng [144], darauf zu spielen, während Wénhuā [145] ein Lied sang. Ihre Stimme war so rein und zart, dass jedermanns Seele davon berauscht wurde und schier davonzufliegen drohte. Nach dem Gesang wurden erneut Trinkspiele gespielt. Gegen die dritte Nachtwache war Kaufmann Juwel [146] bereits zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, frische Becher und neuen Wein erhalten — als man plötzlich von jenseits der Mauer ein langes, tiefes Seufzen hörte. Alle hatten es deutlich vernommen und wurden von jäher Furcht ergriffen. Kaufmann Juwel [147] schrie sofort mit strenger Stimme hinüber: „Wer ist da?!" Obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, kam keine Antwort. Frau Yóu sagte: „Es wird wohl jemand vom Gesinde sein, das außerhalb der Mauer wohnt." Kaufmann Juwel [148] erwiderte: „Unsinn! Rings um diese Mauer gibt es keine Dienstbotenquartiere — und gleich nebenan liegt unser Ahnentempel. Wie sollte dort jemand sein?" Kaum hatte er ausgesprochen, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es klang, als öffneten und schlössen sich die Türen der hölzernen Trennwände im Ahnentempel. Ein eisiger Hauch kam auf, der noch schneidender war als zuvor; das Mondlicht wurde trübe und fahl, ganz anders als vordem. Allen sträubten sich die Haare. Kaufmann Juwel [149] war zwar halb wieder nüchtern geworden und beherrschte sich besser als die anderen, doch auch er war innerlich zutiefst beunruhigt, und die ganze Stimmung war ihm verdorben. Widerstrebend hielt er noch ein Weilchen aus, dann ging er in seine Gemächer und legte sich schlafen. Am nächsten Morgen stand er in aller Frühe auf — es war der fünfzehnte Tag des Monats. Er führte die jungen Männer der Familie in den Ahnentempel, um das bei Neumond und Vollmond übliche Opfer darzubringen. Dabei durchsuchte er den Tempel sorgfältig, doch alles war wie gewohnt — keine Spur von etwas Ungewöhnlichem. Kaufmann Juwel [150] sagte sich, die Trunkenheit habe ihm einen Streich gespielt, und erwähnte den Vorfall nicht weiter. Nach dem Opfer ließ er die Türen wieder fest verschließen und verriegeln.
Erst nach dem Abendessen fuhren Kaufmann Juwel [151] und Frau Yóu ins Rónguó-Anwesen [152] hinüber. Dort saßen Jiǎ Shè [153] und Jiǎ Zhèng [154] bereits bei der Herzoginmutter [155], plauderten und scherzten mit ihr. Kaufmann Kette [156], Schatzjade [157], Jiǎ Huán [158] und Jiǎ Lán [159] standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Kaufmann Juwel [160] eintrat, begrüßte er jeden der Reihe nach. Nach zwei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter [161], Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür. Die Herzoginmutter [162] fragte lächelnd: „Wie macht sich dein Vetter Schatzjade [163] in den letzten Tagen beim Bogenschießen?" Kaufmann Juwel [164] stand sogleich auf und gab lächelnd Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, er hat auch schon um eine Bogenstärke zugelegt." Die Herzoginmutter [165] sagte: „Damit ist es aber genug — er soll sich nicht überanstrengen und vorsichtig sein, dass er sich nicht verletzt." Kaufmann Juwel [166] antwortete rasch mehrmals „Jawohl, jawohl." Die Herzoginmutter [167] fuhr fort: „Die Mondkuchen, die du gestern geschickt hast, waren gut. Die Wassermelonen sahen auch gut aus, aber als man sie aufschnitt, waren sie nicht besonders." Kaufmann Juwel [168] erklärte lächelnd: „Die Mondkuchen hat ein neuer Koch zubereitet, der sich auf Gebäck spezialisiert hat. Ich habe sie erst selber gekostet, und weil sie tatsächlich gut waren, wagte ich es, sie Euch zu verehren. Die Wassermelonen waren in früheren Jahren immer gut — warum sie dieses Jahr nichts taugen, weiß ich auch nicht." Jiǎ Zhèng [169] warf ein: „Wahrscheinlich wegen der vielen Regenfälle dieses Jahr." Die Herzoginmutter [170] sagte lächelnd: „Der Mond ist schon aufgegangen — gehen wir jetzt den Weihrauch opfern!" Und sie stützte sich auf Schatzjades [171] Schulter, und alle gingen zusammen in den Garten hinüber.
Dort stand das Haupttor des Gartens bereits weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortrefflichen Schattens [172] brannten hohe Räucherkegel und Windlichter; Melonen, Mondkuchen und allerlei Früchte standen als Opfergaben bereit. Frau Xíng [173] und alle anderen weiblichen Gäste warteten schon seit geraumer Weile im Innern. Mondlicht und Lampenschein, der Duft der Kleider und Weihrauchwolken vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt. Auf dem Boden lagen Gebetsteppiche und Brokatpolster. Nachdem die Herzoginmutter [174] sich die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Verbeugungen vollzogen hatte, verneigten sich auch alle anderen. Dann sagte die Herzoginmutter [175]: „Den Mond bewundert man am besten vom Berg aus." Und sie befahl, zur großen Halle auf dem Bergrücken hinaufzugehen. Kaum hatten die Diener das gehört, eilten sie davon, um dort alles herzurichten. Die Herzoginmutter [176] trank derweil in der Halle des Vortrefflichen Schattens [177] Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte. Als bald darauf gemeldet wurde: „Alles ist bereit!", machte sich die Herzoginmutter [178], von beiden Seiten gestützt, an den Aufstieg. Frau Wáng [179] warnte: „Auf den Steinen könnte es moosig und glatt sein — es wäre besser, sich im Bambustragstuhl hinauftragen zu lassen." Die Herzoginmutter [180] erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, und der Weg ist breit und eben — warum sollte ich mir nicht ein wenig die Knochen lockern?" So gingen Jiǎ Shè [181] und Jiǎ Zhèng [182] voraus als Führer, gefolgt von zwei alten Dienerinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Mandarinenente [183], Bernstein [184] und Frau Yóu hielten sich dicht an der Herzoginmutter [185] und stützten sie. Frau Xíng [186] und die anderen folgten im Zug. So stiegen sie in Windungen den Hang hinauf — nach kaum hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine weitläufige, offene Halle stand. Da sie auf dem Gipfel lag, trug sie den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung [187]. Auf der Terrasse vor der Halle waren Tische und Stühle aufgestellt, und ein großer Stellschirm teilte den Bereich in zwei Hälften. Sämtliche Tische und Stühle waren rund — als Sinnbild für die Vereinigung des Vollmonds. In der Mitte am Ehrenplatz nahm die Herzoginmutter [188] Platz. Zu ihrer Linken saßen Jiǎ Shè [189], Kaufmann Juwel [190], Kaufmann Kette [191] und Kaufmann Jung [192]; zu ihrer Rechten Jiǎ Zhèng [193], Schatzjade [194], Jiǎ Huán [195] und Jiǎ Lán [196]. So war der Kreis nur zur Hälfte besetzt — die untere Hälfte blieb leer. Die Herzoginmutter [197] bemerkte lächelnd: „Im Alltag hat man gar nicht den Eindruck, dass wir so wenig sind. Aber wenn man uns heute anschaut — wir sind wirklich nur eine Handvoll, kaum der Rede wert. Damals, in früheren Zeiten, waren an einem solchen Abend dreißig oder vierzig Leute zusammen — welch ein Trubel! Heute so wenige, das ist zu traurig. Die paar Leute, die wir noch einladen könnten, haben ihre eigenen Eltern und feiern zu Hause — man kann sie nicht herkommen lassen. Ruft also die Mädchen herüber, damit sie dort drüben Platz nehmen." Auf ihre Anweisung hin wurden Yíngchūn [198], Tànchūn [199] und Xīchūn [200] von der Tafel der Frau Xíng [201] hinter dem Stellschirm herübergebeten. Kaufmann Kette [202], Schatzjade [203] und die anderen jüngeren Verwandten standen auf und überließen den drei Schwestern ihre Plätze; dann ordneten sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Sitzen ein. Die Herzoginmutter [204] befahl, einen Duftblütenzweig abzubrechen, und wies eine Dienerin an, hinter dem Stellschirm die Trommel zu schlagen und den Zweig von Hand zu Hand gehen zu lassen. Bei wem der Zweig in der Hand war, wenn die Trommel verstummte, der sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe einen Witz erzählen. So begann das Spiel bei der Herzoginmutter [205], ging dann zu Jiǎ Shè [206] und weiter der Reihe nach. Nach knapp zwei Runden Trommelschlag hielt der Zweig genau in Jiǎ Zhèngs [207] Hand inne, und er musste notgedrungen trinken. Die Schwestern und Brüder stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig — alle warteten lächelnd darauf, was für einen Witz er erzählen würde. Als Jiǎ Zhèng [208] sah, wie vergnügt die Herzoginmutter [209] war, musste er wohl oder übel der Heiterkeit Genüge tun. Gerade wollte er anfangen, da warnte die Herzoginmutter [210] noch lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!" Jiǎ Zhèng [211] sagte lächelnd: „Ich kenne nur einen einzigen Witz. Wenn er nicht zum Lachen ist, muss ich die Strafe eben annehmen." Und schmunzelnd begann er: „In einer Familie gab es einen Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau." Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle — aber nur, weil sie es noch nie erlebt hatten, dass Jiǎ Zhèng [212] einen Witz erzählte. Die Herzoginmutter [213] sagte lächelnd: „Das wird bestimmt etwas Gutes!" Jiǎ Zhèng [214] erwiderte lächelnd: „Wenn es gut ist, muss die alte gnädige Frau einen Becher zusätzlich trinken." Die Herzoginmutter [215] lachte: „Das versteht sich!" Jiǎ Zhèng [216] fuhr fort: „Dieser Mann, der seine Frau fürchtete, hatte noch nie gewagt, einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Doch ausgerechnet am fünfzehnten des achten Monats ging er auf die Straße, um etwas einzukaufen, und traf dabei ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt zu einem von ihnen nach Hause schleppten, um Wein zu trinken. Unglücklicherweise betrank er sich dort und schlief bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag wachte er auf, bereute es bitterlich — aber was blieb ihm anderes übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld einzugestehen? Seine Frau wusch sich gerade die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, dann leck mir die Füße sauber — dann verzeihe ich dir!' Der Mann musste ihr wohl oder übel die Füße lecken, aber unweigerlich wurde ihm so übel, dass er sich übergeben musste. Da wurde seine Frau wütend, drohte ihn zu schlagen und rief: ‚Was ist das für ein Benehmen!' Vor Angst kniete der Mann sofort nieder und flehte: ‚Es ist ja nicht, weil die Füße der Herrin schmutzig sind! Nur habe ich gestern Abend zu viel gelben Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen gegessen, deshalb ist mir heute ein wenig übel.'" Die Herzoginmutter [217] und alle Anwesenden brachen in schallendes Gelächter aus. Jiǎ Zhèng [218] schenkte sogleich einen Becher ein und reichte ihn der Herzoginmutter [219]. Diese sagte lächelnd: „Wenn das so ist, lasst schnell Branntwein holen, damit es euch nicht auch so ergeht!" Und wieder lachten alle.
Darauf wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte von Jiǎ Zhèng [220] aus die Runde. Ausgerechnet als er bei Schatzjade [221] anlangte, verstummte die Trommel. Schatzjade [222] war in Jiǎ Zhèngs [223] Anwesenheit ohnehin befangen und unruhig, und nun hielt er auch noch den Blütenzweig in der Hand. Er überlegte: ‚Wenn mein Witz nicht zum Lachen ist, heißt es wieder, ich hätte kein Redetalent — nicht einmal einen Witz kann er erzählen, geschweige denn etwas anderes. Mache ich es aber gut, heißt es, auf etwas Ordentliches verstehe er sich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz — das wäre ein noch größerer Fehler. Besser, ich erzähle gar nichts.' Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann keine Witze erzählen — darf ich bitte um eine andere Aufgabe bitten?" Jiǎ Zhèng [224] sagte: „Gut — dann gebe ich dir das Wort ‚Herbst' vor, und du schreibst aus dem Stegreif ein Gedicht, das zum heutigen Abend passt. Wenn es gut ist, wirst du belohnt; wenn nicht, nimm dich morgen in Acht!" Die Herzoginmutter [225] warf sogleich ein: „Wir haben doch ein so schönes Trinkspiel — warum muss er jetzt ein Gedicht schreiben?" Jiǎ Zhèng [226] sagte: „Er kann das." Die Herzoginmutter [227] lenkte ein: „Nun gut, dann schreib." Und sie ließ Papier und Pinsel bringen. Jiǎ Zhèng [228] legte fest: „Du darfst aber nicht solche abgegriffenen Wörter wie ‚Eis', ‚Jade', ‚Kristall', ‚Silber', ‚bunt', ‚strahlend', ‚hell' oder ‚rein' verwenden, sondern musst etwas Eigenes leisten und zeigen, was dich in den letzten Jahren bewegt hat." Das traf genau Schatzjades [229] Empfinden. Sogleich fielen ihm vier Zeilen ein, er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Jiǎ Zhèng [230]. Dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [231] las es durch und nickte schweigend. Als die Herzoginmutter [232] das sah, wusste sie, dass es nicht allzu schlecht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?" Um der Herzoginmutter [233] eine Freude zu machen, sagte Jiǎ Zhèng [234]: „Er hat sich Mühe gegeben. Nur weil er nicht fleißig genug liest, ist die Wortwahl nicht edel." Die Herzoginmutter [235] sagte: „Lass gut sein! Wie alt ist er denn? Muss er unbedingt ein großes Genie sein? Man sollte ihn belohnen — dann wird er in Zukunft noch eifriger." Jiǎ Zhèng [236] sagte: „Ganz recht." Und er wandte sich um und befahl einer alten Amme: „Geh hinüber und lass dir von den Dienerknaben in meinem Arbeitszimmer zwei von den Fächern geben, die ich aus Hǎinán [237] mitgebracht habe — die soll er bekommen." Schatzjade [238] verbeugte sich zum Dank und kehrte auf seinen Platz zurück, um am Trinkspiel weiter teilzunehmen. Da nun hatte Jiǎ Lán [239] gesehen, wie Schatzjade [240] belohnt worden war, und trat seinerseits vor den Tisch, um ebenfalls ein Gedicht zu verfassen. Er reichte es Jiǎ Zhèng [241], und dieser las: ... (Anmerkung: An dieser Stelle hat das Manuskript ebenfalls eine Lücke.) Jiǎ Zhèng [242] las es und konnte seine Freude nicht verbergen. Als er beide Gedichte der Herzoginmutter [243] erklärte, war auch sie hocherfreut und befahl Jiǎ Zhèng [244] sogleich, Jiǎ Lán [245] ebenfalls zu belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel fort.
Diesmal hielt der Blütenzweig in Jiǎ Shès [246] Hand inne. Notgedrungen trank er Wein und begann seinen Witz: „In einer Familie gab es einen überaus pflichtbewussten Sohn. Eines Tages wurde seine Mutter krank, und obwohl er überall Ärzte suchte, fand er keinen. Schließlich holte er eine alte Frau, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, erklärte, es sei ‚Feuer des Herzens', und wenn man die Mutter jetzt mit Nadeln behandle, werde sie bald wieder gesund. Da erschrak der Sohn und fragte: ‚Das Herz stirbt, wenn es Eisen berührt — wie wollt Ihr denn mit Nadeln dorthin stechen?' Die Alte antwortete: ‚Ich steche nicht ins Herz, nur in die Rippen.' Der Sohn fragte: ‚Aber die Rippen sind doch weit vom Herzen entfernt — wie soll das helfen?' Die Alte erwiderte: ‚Das macht nichts. Ihr wisst wohl nicht, wie viele Eltern auf dieser Welt ein Herz haben, das ganz auf die eine Seite geneigt ist!'" Alle lachten los. Auch die Herzoginmutter [247] musste einen halben Becher Wein trinken. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln." Als Jiǎ Shè [248] das hörte, merkte er, dass seine Worte unbedacht gewesen waren und die Herzoginmutter [249] sich getroffen fühlte. Sofort stand er auf, ergriff lächelnd ihren Weinbecher, um nachzuschenken, und lenkte das Gespräch rasch auf ein anderes Thema. Die Herzoginmutter [250] konnte die Sache nicht gut weiterverfolgen und ließ das Trinkspiel fortsetzen.
Zu aller Überraschung hielt der Blütenzweig nun in Jiǎ Huáns [251] Hand an. Jiǎ Huán [252] hatte in letzter Zeit gewisse Fortschritte im Lernen gemacht, war aber ebenso wie Schatzjade [253] nicht sonderlich auf den eigentlichen Lehrstoff erpicht. Er las vielmehr gern Gedichte, wobei ihm besonders das Seltsame und Unheimliche, Unsterbliche und Geisterhafte behagten. Als er sah, wie Schatzjade [254] für sein Gedicht belohnt wurde, juckte es ihn in den Fingern — doch in Jiǎ Zhèngs [255] Gegenwart wagte er nicht, sich vorzudrängen. Nun aber hielt er glücklicherweise den Blütenzweig in der Hand, bat also um Papier und Pinsel und warf im Nu einen Vierzeiler nieder, den er Jiǎ Zhèng [256] reichte. Jiǎ Zhèng [257] las die Verse und fand sie zwar ungewöhnlich, erkannte aber zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen. Missmutig sagte er: „Da sieht man, dass die beiden Brüder sind! In Wortwahl und Ausdruck neigen sie beide auf Abwege; in Zukunft werden sie sich wohl nicht an Lot und Richtschnur halten — ein heilloses Pack! Die Alten sprachen von den ‚Zwei Vorzüglichen', und tatsächlich könnte man auch euch beide so nennen — nur müsste das Wort ‚vorzüglich' dann im Sinne von ‚vorzüglich schwer zu erziehen' verstanden werden. Der Ältere hält sich ganz offen für einen zweiten Wēn Tíngyún, und nun bildet sich der Jüngere ein, Cáo Táng sei in ihm wiederauferstanden." Jiǎ Shè [258] und die anderen lachten. Dann ließ sich Jiǎ Shè [259] das Gedicht geben, las es durch und lobte es in den höchsten Tönen: „Meiner Meinung nach hat dieses Gedicht echtes Rückgrat! Eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen armseligen Gelehrten vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen, nur damit sie eines Tages ‚im Krötenpalast einen Lorbeerzweig brechen' und endlich frei atmen können. Natürlich müssen unsere Kinder die Bücher studieren, aber wenn sie nur ein wenig aufgeweckter sind als andere, ist ihnen ein Amt sicher, sobald die Zeit dafür reif ist. Warum also unnötig Zeit verschwenden und aus ihnen Bücherwürmer machen? Darum gefällt mir sein Gedicht — es atmet den Geist unseres fürstlichen Hauses." Dann ließ er durch jemanden aus seinen Räumen allerlei Spielsachen und Kostbarkeiten holen und schenkte sie Jiǎ Huán [260]. Dabei tätschelte er ihm den Kopf und sagte lächelnd: „Mach nur so weiter — das ist der Stil unserer Familie! Unser Erbtitel wird dir ganz bestimmt nicht entgehen." Jiǎ Zhèng [261] hörte das und warnte sofort: „Das war doch nur leichtfertiges Gerede — da kann man doch noch lange nicht auf die Zukunft schließen." Darauf wurde wieder Wein eingeschenkt und das Trinkspiel noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter [262]: „Geht jetzt. Draußen warten bestimmt noch eure jungen Freunde — auch sie dürft ihr nicht vernachlässigen. Zudem ist die zweite Nachtwache schon weit vorgerückt. Macht Schluss und lasst mich noch ein Weilchen mit den Mädchen genießen, dann will ich mich zur Ruhe legen." Als Jiǎ Shè [263] und die anderen das hörten, beendeten sie das Spiel, alle leerten noch einmal gemeinsam ihre Becher, und dann gingen die Herren mit Söhnen und Neffen davon. Wer Näheres wissen will, der lese das nächste Kapitel.
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