Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 71"

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=== Wer auf Risse aus ist, erzeugt absichtlich Risse; Das Mandarinenenten-Maedchen begegnet unbeabsichtigt einem Mandarinenenten-Paar ===
 
=== Wer auf Risse aus ist, erzeugt absichtlich Risse; Das Mandarinenenten-Maedchen begegnet unbeabsichtigt einem Mandarinenenten-Paar ===
  
ich Hsi-fëng. „Wenn umgekehrt ich bei euch drüben beleidigt werde, wirst du mir ja den Schuldigen ebenfalls ausliefern, um mir Genugtuung zu geben. Diese Form darf schließlich nicht verletzt werden, egal um was für einen guten Sklaven es sich handelt. Wer weiß, wer da wieder hinübergelaufen ist, um seinen Diensteifer zu beweisen, und jetzt wird eine Staatsaffäre daraus gemacht.“
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'''Mißgunst äußert sich bei passender Gelegenheit,Yüan-yang stößt auf ein verliebtes Paar.'''
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Nachdem Djia Dschëng wieder in der Hauptstadt war und alle seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, wurde ihm ein Monat Urlaub gewährt, damit er sich zu Hause erholen konnte. Und da er schon allmählich auf den Lebensabend zuschritt, da seine Pflichten schwer waren und sein Körper gebrechlich wurde, und da er schließlich nach mehrjähriger Abwesenheit, die ihn von seinen nächsten Angehörigen getrennt hatte, jetzt froh in den Schoß der Familie zurückgekehrt war, fühlte er sich unendlich glücklich. So vernachlässigte er nun mehr denn je alle ernsten Geschäfte, ob groß oder klein, und gab sich nur der Lektüre hin. Und wenn er der Bücher überdrüssig war, spielte er mit seinen Hausgästen Schach und trank Wein dabei, oder aber er plauderte wohl auch am hellen Tag in den inneren Gemächern mit seiner Mutter und seiner Frau über die Freuden, die einem Heim und Familie gewähren.
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Da am dritten Tag des achten Monats dieses Jahres der achtzigste Geburtstag der Herzoginmutter<ref>Im 40. Kapitel des Buches (S. 677) sagt die Herzoginmutter, die 75jährige Oma Liu sei ‚etliche Jahre älter‘ als sie selbst. Wie es scheint, können seitdem nicht fast zehn Jahre vergangen sein.</ref> war und alle Verwandten und Freunde kommen würden, so daß der Platz für die Festtafeln nicht ausreichen konnte, beriet sich Djia Dschëng rechtzeitig mit Djia Schë, Djia Dschën und Djia Liän, wobei sie übereinkamen, daß vom achtundzwanzigsten Tag des siebenten Monats bis zum fünften Tag des achten Monats im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen zugleich gefeiert werden sollte. Ins Ning-guo-Anwesen sollten die männlichen, ins Jung-guo-Anwesen die weiblichen Gäste gebeten werden. Im Garten des Großen Anblicks wurden der Brokatbestückte Turm und die Halle des Vortrefflichen Schattens hergerichtet, damit sie den Gästen zum zeitweiligen Aufenthalt dienen konnten.
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Für den achtundzwanzigsten wurden kaiserliche Schwäger und Schwiegersöhne, Prinzen und Herzöge, Töchter des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen, prinzliche Nebenfrauen sowie Mütter und Hauptfrauen hoher Beamter geladen, für den neunundzwanzigsten die Vorsitzenden des Thronsekretariats, die Leiter der Ministerien und des kaiserlichen Haushalts, die Gouverneure und Militärgouverneure der einzelnen Provinzen sowie die Hauptfrauen aller dieser Beamten, für den dreißigsten dann weitere Beamte mit ihren Hauptfrauen sowie enge und ferne Verwandte und Freunde mit ihren Frauen.
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Am ersten gab Djia Schë sein Fest im Familienkreis, am zweiten Djia Dschëng, am dritten Djia Dschën gemeinsam mit Djia Liän. Am vierten wurde ein Familienfest auf Kosten sämtlicher Sippenangehörigen – groß und klein, vornehm und gering – gegeben, am fünften schließlich ein Fest, das von Lai Da, Lin Dschï-hsiau und den übrigen Verwaltern beider Anwesen gemeinsam finanziert wurde.
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Von der ersten Dekade des siebenten Monats an wurden in steter Folge Geschenke gebracht. Vom Ritenministerium wurden auf allerhöchsten Befehl als Geschenke des Kaisers ein Glückwunschzepter aus Gold und Jade, vier Längen bunter Brokat, vier Ringe aus Gold und Jade sowie fünfhundert Liang Silber aus der kaiserlichen Schatzkammer überbracht. Außerdem schickte Yüan-tschun durch die Eunuchen eine Goldstatuette des Gottes der Langlebigkeit, einen Krückstock aus Adlerholz, eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen, eine Dose „Weihrauch des Glücks und der Langlebigkeit“, ein Paar Goldbarren, vier Paar Silberbarren, zwölf Stücken bunten Brokat und vier jadene Becher.
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Auch unter den Familien der Prinzen kaiserlichen Geblüts und der Schwiegersöhne des Kaisers sowie aller höheren und niederen Zivil- und Militärbeamten, mit denen die Djias Umgang hatten, war keine, die nicht ebenfalls ihre Gaben schickte. Diese können hier nicht alle aufgezählt werden.
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In der Haupthalle war ein großer Tisch bereitgestellt worden, der mit rotem Filz bedeckt war und auf dem alle feineren Geschenke aufgebaut wurden, damit die Herzoginmutter sie in Augenschein nehmen konnte. An den ersten beiden Tagen kam sie auch wirklich freudig herüber und sah sich alles an, aber dann hatte sie es satt, wollte nichts mehr sehen und sagte nur: „Sagt Hsi-fëng, sie soll es in Verwahrung nehmen! Ich sehe es mir ein andermal an, wenn ich Langeweile habe.“
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Am achtumndzwanzigsten Tag des siebenten Monats glänzten beide Anwesen im Schmuck der Laternen und Seidenrosetten. An den Setzschirmen prangten Phönixbilder, auf den Sitzkissen strahlten Lotosmuster. Die Musik von Flöten und Trommeln drang hinaus in die Straßen und Gassen.
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Zu Gast ins Ning-guo-Anwesen kamen an diesem Tag nur die Prinzen Bee-djing und Nan-an, der kaiserliche Schwiegersohn Yung-tschang, der Prinz Lë-schan sowie die Träger der Erbtitel einiger Herzogs- und Fürstenhäuser, mit denen die Djias seit Generationen befreundet waren, und ins Jung-guo-Anwesen eine verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an, eine Nebenfrau des Prinzen Bee-djing sowie die Hauptfrauen der befreundeten Herzöge und Fürsten.
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Im vollen Festschmuck, wie er ihrem jeweiligen Rang entsprach, gingen ihnen die Herzoginmutter und alle anderen zum Empfang entgegen. Nachdem sie einander begrüßt hatten, wurden die Gäste zunächst in die Halle des Vortrefflichen Schattens im Garten des Großen Anblicks gebeten. Erst nachdem sie hier Tee getrunken hatten und austreten waren, verließen sie wieder den Garten und begaben sich in die Halle der Üppigen Glückwünsche hinüber, um ihre Gratulationen vorzutragen und dann zu Tisch zu gehen. Hierbei gab es ein langes Sichzieren, ehe endlich alle Platz genommen hatten.
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An den beiden Ehrentischen saßen die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an und die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing, an den übrigen Tischen der Rangfolge nach abwärts die Frauen der Herzöge und Fürsten. Am ersten Tisch linkerhand saßen als „begleitende Ehrengäste“ die Frau des Fürsten Djin-hsiang und die des Grafen Lin-tschang, und erst am ersten Tisch rechterhand war der Platz der Herzoginmutter. Hinter ihr standen, angeführt von den Damen Hsing und Wang, Frau You und Hsi-fëng mit den anderen jungen Frauen der Familie in keilförmiger Formation, um aufzuwarten.
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Außerhalb der Bambusvorhänge waren unter der Aufsicht der Frauen von Lin Dschï-hsiau und Lai Da Sklavenfrauen angetreten, um die Speisen und den Wein hereinzureichen. Hinter den Setzschirmen aber waren unter dem Kommando von Dschou Juees Frau Sklavenmädchen postiert, um etwaige Aufträge entgegenzunehmen. Das Gefolge der Gäste war von weiteren Sklavenfrauen fortgeführt worden, um anderswo bewirtet zu werden.
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Alsbald erschienen auf der Bühne die Schauspieler, um zuerst ihre Glückwünsche auszusprechen. Vor der Bühne traten zwölf Sklavenjungen in gleichartiger Aufmachung an, die noch zu klein waren, um ihr Haar wachsen zu lassen. Einen Augenblick später erschien am Fuße der Treppe ein weiterer kleiner Sklavenjunge mit dem Repertoirzettel und reichte ihn einer Sklavenfrau, deren Aufgabe es war, Meldungen weiterzuleiten. Erst aus ihren Händen empfing ihn Lin Dschï-hsiaus Frau, legte ihn auf ein kleines Tablett und trat damit durch die Tür, um ihn an die Nebenfrau Pee-fëng zu übergeben, die zu Frau Yous Bedienung gehörte.
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Aus Pee-fëngs Händen nahm Frau You das Tablett entgegen und trug den Zettel darauf zu den Ehrentischen, wo sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an erst ein Weilchen höflich zierte, ehe sie einen glückverheißenden Titel auswählte. Nachdem sich auch die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing eine Zeitlang geziert hatte, suchte sie ebenfalls eine Szene aus. Anschließend machten auch alle anderen Gäste dieselben Umstände und sagten, man solle nur nach Belieben einige gute Szenen bestimmen, um sie spielen zu lassen.
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Als nach kurzer Zeit schon die vierte Speise aufgetragen und die Suppe gereicht worden war, verteilte das Gefolge der Gäste die Belohnungen für die Schauspieler. Nachdem alle austreten waren, gingen sie in den Garten zurück, wo feiner Tee serviert wurde. Nun erkundigte sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an nach Bau-yü, und die Herzoginmutter gab lächelnd die Auskunft: „Heute wird in mehreren Tempeln das Sutra zum Erhalt der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens verlesen, und er nimmt daran teil.“
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Nach den jungen Mädchen gefragt, sagte die Herzoginmutter, wiederum lächelnd: „Die einen sind krank, die anderen schwächlich, außerdem sind sie scheu gegenüber Fremden. Darum habe ich ihnen gesagt, sie sollen meine Räume beaufsichtigen. Und da genug Schaupielertruppen im Hause sind, habe ich eine davon hinübergeschickt, damit sie bei mir in der Halle vor unsern Mädchen und ihren Kusinen aus den Familien ihrer Tanten etwas vorführt.“
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„Wenn das so ist“, sagte die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an, „laßt sie doch durch jemand herüberbitten!“
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Also wandte die Herzoginmutter den Kopf nach Hsi-fëng und befahl ihr, sie solle Hsiang-yün, Bau-tschai, Bau-tjin und Dai-yü herüberholen. „Außer diesen bringst du nur das dritte Fräulein zu ihrer Begleitung mit!“ setzte sie noch hinzu.
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Hsi-fëng ging in die Räume der Herzoginmutter hinüber, wo die Mädchen eben Naschwerk knabberten und dabei dem Theaterspiel zusahen. Auch Bau-yü war gerade von seinem Tempelbesuch zurückgekommen.
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Als Hsi-fëng ihre Bestellung ausgerichtet hatte, folgten ihr Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Tan-tschun und Hsiang-yün in den Garten, wo sie die Besucherinnen begrüßten und sich nach ihrem Befinden erkundigten.
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Einige Besucherinnen waren mit den Mädchen bereits bekannt, manche sahen sie zum ersten Mal, aber alle lobten sie ohne Ende. Am vertrautesten war die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an mit Hsiang-yün, darum warf sie ihr lächelnd vor: „Da bist du hier im Hause, aber anstatt herüberzukommen, wenn du hörst, ich sei zu Besuch, wartest du, bis ich dich holen lasse! Morgen werde ich mit deinem Onkel deswegen abrechnen!“
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Nun faßte sie mit der einen Hand Tan-tschun, mit der anderen Bau-tschai, erkundigte sich nach ihrem Alter und lobte sie gleich noch einmal in einem fort. Dann ließ sie die beiden wieder los, faßte statt dessen Dai-yü und Bau-tjin bei den Händen, musterte sie sorgfältig und spendete auch ihnen höchstes Lob. „Ihr seid alle so lieb“, sagte sie lächelnd, „daß ich nicht weiß, wen von euch ich am meisten loben soll!“
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Schon hatte jemand fünf Satz Geschenke zurechtgemacht, die von der verwitweten Nebenfrau des Prinzen Nan-an in Reserve gehalten worden waren, und jedes der Mädchen bekam einen goldenen und einen jadenen Fingerring sowie eine Armkette aus Duftholzperlen. „Lacht bitte nicht über das wertlose Zeug!“ bat die verwitwete Nebenfrau. „Nehmt es und schenkt es euren Mägden!“
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Sofort fielen die fünf Mädchen auf die Knie und bedankten sich. Auch von der Nebenfrau des Prinzen Bee-djing bekamen sie fünferlei Geschenke. Was die übrigen gaben, braucht nicht im einzelnen erläutert zu werden.
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Nach dem Teetrinken spazierten alle ein wenig durch den Garten, und dann bat die Herzoginmutter sie an die Tafel zurück. Aber die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an entschuldigte sich, sie fühle sich nicht recht wohl. „Nicht zu kommen wäre nicht recht gewesen“, sagte sie, „aber jetzt müßt Ihr schon gestatten, daß ich mich verabschiede.“
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Die Herzoginmutter konnte sie nicht gut nötigen und begleitete sie deshalb nach einigem höflichen Hinundher bis zum Gartentor, wo diese in ihre Sänfte stieg und sich forttragen ließ. Die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing blieb noch ein Weilchen, dann nahm auch sie Abschied. Von den anderen blieben manche bis zum Schluß, manche auch nicht.
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Da die Herzoginmutter von den Anstrengungen des Tages erschöpft war, empfing sie die Besucherinnen des nächsten Tages nicht persönlich, und an ihrer Statt mußten sich die Damen Hsing und Wang mit ihnen abgeben. Als die jungen Männer aus den befreundeten Familien erschienen, um der Herzoginmutter ihre Geburtstagsgrüße zu entbieten, wurden sie in die Halle geführt, um sich dort zu verbeugen, und erwidert wurden diese Verbeugungen durch Djia Schë, Djia Dschëng und Djia Dschën, die die Besucher anschließend ins Ning-guo-Anwesen zu Tisch führten. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein.
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Frau You ging an all diesen Tagen nicht in das andere Anwesen hinüber. Am Tage betreute sie die Besucherinnen, und bei Nacht schlief sie im Garten des Großen Anblicks in den Räumen von Li Wan. Eines Abends sagte die Herzoginmutter, nachdem Frau You ihr beim Abendessen aufgewartet hatte: „Ihr seid alle müde, und auch ich bin müde, darum seht zu, daß ihr etwas zu essen bekommt, und dann legt euch schlafen. Morgen müssen wir wieder früh aufstehen, um den Trubel über uns ergehen zu lassen.“
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Frau You sagte: „Jawohl!“ und zog sich zurück. Dann begab sie sich in die Räume von Hsi-fëng, um zu essen. Hsi-fëng selbst war gerade im zweistöckigen Speichergebäude, um die Leute zu beaufsichtigen, die einen neuen Setzschirm wegstellten, den die Herzoginmutter geschenkt bekommen hatte, und so befand sich in ihren Räumen nur Ping-örl, damit beschäftigt, Hsi-fëngs Kleider zusammenzulegen. Also fragte Frau You: „Hat eure junge Herrin schon gegessen?“
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„Würden wir Euch nicht hergebeten haben, junge gnädige Frau, wenn wir gegessen hätten?“ fragte Ping-örl lächelnd zurück.
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„Wenn das so ist, werde ich zusehen, daß ich anderswo etwas zu essen finde“, sagte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich halte es vor Hunger nicht mehr aus.“ Und damit wandte sie sich zum Gehen.
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„Bleibt doch bitte, junge gnädige Frau!“ forderte Ping-örl sie rasch mit lächelndem Gesicht auf. „Hier ist Gebäck. Damit könnt Ihr Euch ein wenig stärken, und nachher kommt Ihr zum Essen wieder!“
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„So beschäftigt, wie ihr hier seid, gehe ich lieber in den Garten und falle den Mädchen zur Last“, sagte Frau You und ging nun wirklich hinaus. Da Ping-örl sie nicht zu halten vermochte, mußte sie ihr wohl oder übel ihren Willen lassen.
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Frau You ging dann geradewegs zum Garten, wobei sie feststellen mußte, daß sowohl das Haupttor als auch die Nebentore des Gartens noch nicht geschlossen waren. Auch brannten noch überall die bunten Laternen. Darum wandte sie den Kopf und befahl einem ihrer kleinen Sklavenmädchen, die diensthabenden Frauen zu rufen. Das Mädchen ging in die Wachstube, aber hier war nicht die Spur eines Menschen, nicht einmal sein Schatten. Also kehrte sie zu Frau You zurück, um ihr dies zu melden. Darauf befahl ihr Frau You, eine von den Verwalterinnen zu holen.
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Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus zu der Plattform außerhalb des Innentors, wo die Verwalterinnen ihren Versammlungs- und Beratungsplatz hatten, aber auch hier fand sie nur zwei alte Sklavenfrauen vor, die damit beschäftigt waren, Gemüse und Obst in Portionen zu teilen. Diese fragte sie nun: „Welche von den Verwalterinnen ist hier? Die junge gnädige Frau aus dem Ostanwesen hat ihr auf der Stelle etwas zu sagen.“
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Die beiden Alten waren ganz in ihr Geschäft vertieft, und außerdem hörten sie, es handle sich um die junge gnädige Frau aus dem anderen Anwesen. Darum nahmen sie die Sache nicht weiter ernst und antworteten: „Die Verwalterfrauen sind eben nach Hause gegangen.“
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„Dann geht ihr zu einer von ihnen nach Hause und holt sie!“ verlangte das Mädchen.
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„Wir haben hier nur aufzupassen und niemand zu holen“, erwiderten die Alten. „Wenn ihr wollt, daß sie geholt wird, müßt ihr jemand beauftragen, der dazu da ist, Bestellungen auszurichten.“
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„Also, ... also, das ist ja Aufruhr!“ empörte sich das Mädchen. „Wieso wollt ihr sie nicht holen? So könnt ihr mit jemand umgehen, der hier neu ist, aber nicht mit mir! Wer holt sie denn sonst, wenn nicht ihr?! Wenn ihr hört, es gibt etwas zu verdienen oder eine der Verwalterfrauen soll ein Geschenk bekommen, dann reißt ihr euch darum, sie zu holen, und würdet am liebsten noch mit dem Schwanz wedeln, jetzt aber wißt ihr nicht, wer wer ist. Würdet ihr genauso antworten, wenn ihr für die Gattin des jungen Herrn Liän jemand holen solltet?“
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Die beiden Frauen hatten zuvor Wein getrunken, außerdem hatte das Sklavenmädchen mit seinen Worten an einen wunden Punkt gerührt, und die Scham darüber brachte die beiden in Zorn. Deshalb erwiderten sie: „Daß du dich nicht schämst, solchen Unsinn zu schwatzen! Schließlich ist es unsere Sache, ob wir jemand holen oder nicht, und dich geht das gar nichts an.
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Außerdem brauchst du uns hier nicht madig zu machen. Denk einmal daran, wie sich deine Eltern vor euren eigenen Verwaltern noch viel mehr lieb Kind zu machen verstehen als wir! Oder hältst du uns vielleicht für blind? Jeder soll nur hübsch vor der eigenen Tür kehren! Wenn du das Zeug dazu hast, kannst du eure Leute drüben ausschmieren, aber bei uns bist du an der falschen Adresse!“
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Das Sklavenmädchen war blaß geworden vor Zorn. „Gut, gut, das will ich mir merken!“ sagte sie. Und damit machte sie kehrt und ging zum Gartentor zurück, um Frau You von der Sache zu unterrichten.
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Aber Frau You war inzwischen längst in den Garten hineingegangen, wo sie Hsi-jën, Bau-tjin und Hsiang-yün traf, die mit zwei Nonnen aus dem Ksitigarbha-Kloster<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 235 (Ksitigarbha).</ref> plauderten und sich von ihnen Geschichten erzählen ließen. Als Frau You sagte, sie sei hungrig, gingen sie mit ihr in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën einen Imbiß – sowohl mehrere Fleischspeisen als auch fleischlose Gerichte – auftun ließ, den sie für Frau You in den Vorraum herausbrachte. Die beiden Nonnen tranken mit Bau-tjin und Hsiang-yün zusammen Tee und erzählten weiter ihre Geschichten. Da trat das kleine Sklavenmädchen von Frau You herein, das sich unverzüglich auf die Suche nach ihr gemacht hatte, und berichtete wutentbrannt in aller Ausführlichkeit, was sie soeben von den beiden alten Sklavenfrauen hatte anhören müssen.
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„Wer waren die beiden?“ erkundigte sich Frau You sofort mit verächtlichem Lächeln.
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„Nicht doch!“ mischten sich da die beiden Nonnen ein, und im Verein mit ihnen auch Bau-tjin und Hsiang-yün, die befürchteten, Frau You könnte sich aufregen. „Bestimmt hat sie sich verhört!“
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Dann stießen die beiden Nonnen das kleine Sklavenmädchen an und sagten lächelnd: „Du bist aber hitzig, Kind! Du hättest es doch nicht melden müssen, was die beiden dummen alten Weiber gesagt haben. Tagelang hat deine Herrin ihren kostbaren Leib strapazieren müssen, jetzt hat sie noch keinen Schluck getrunken und keinen Happen gegessen, und es war uns erst zur Hälfte gelungen, sie mit unseren Scherzen wieder aufzuheitern, da kommst du und erzählst solche Sachen!“
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Hsi-jën faßte das kleine Sklavenmädchen schnell bei der Hand, um es hinauszuführen, und redete ihm lächelnd zu: „Ruh dich draußen erst mal ein bißchen aus, Schwesterchen! Ich werde gleich jemand nach den Verwalterinnen schicken!“
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„Laß nicht nach den Verwalterinnen schicken, sondern nach diesen beiden Alten!“ verlangte Frau You. „Und dann laß Hsi-fëng von drüben holen!“
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Lächelnd erklärte Hsi-jën: „Ich  werde sie herbitten!“
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„Nein!“ sagte Frau You. „Du gehst mir nicht!“
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Sofort erhoben sich nun die beiden Nonnen von ihren Plätzen und sagten lächelnd: „Ihr wart doch sonst immer großmütig, junge gnädige Frau. Und meint Ihr nicht, daß es Gerede geben würde, wenn Ihr ausgerechnet zum Geburtstag der alten Ahne wütend werdet?“ Auch Bau-tjin und Hsiang-yün redeten mit lächelndem Gesicht begütigend auf Frau You ein.
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„Wenn nicht der Geburtstag der alten gnädigen Frau wäre, würde ich auf keinen Fall nachgeben“, erklärte Frau You. „Aber so mag es hingehen.“
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Inzwischen hatte Hsi-jën schon ein Sklavenmädchen zum Gartentor geschickt, um jemanden von dort zu holen, und dieses Mädchen stieß auf niemand anders als auf Dschou Juees Frau. Also erzählte sie ihr den ganzen Vorfall, und wenn Dschou Juees Frau auch nichts damit zu tun hatte, so genoß sie doch als langjährige Sklavin, die von Dame Wang mit in die Ehe gebracht worden war, einiges Ansehen und hatte es verstanden, sich durch geschickte Schmeicheleien bei der gesamten Herrschaft beliebt zu machen.
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Als sie sich angehört hatte, was vorgefallen war, lief sie spornstreichs zum Hof der Freude am Roten, trat hier mit schnellem Schritt ins Haus und versicherte dabei lautstark: „Es ist unerhört, wie man Euch so erzürnen konnte, junge gnädige Frau! Bei uns sind jetzt Sitten eingerissen, die einfach nicht zu ertragen sind. Und wie zum Tort mußte ich nicht dabeisein. Wäre ich dabeigewesen, dann hätte ich den beiden auf der Stelle ein paar Ohrfeigen verpaßt, und in ein paar Tagen hätte ich mit ihnen abgerechnet.“
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Lächelnd blickte Frau You sie an und sagte: „Gut, daß du da bist, Schwester Dschou! Entscheide du, ob das richtig ist: Um diese Zeit stehen die Tore noch weit offen, und die Laternen brennen noch hell. Alles mögliche Volk kann hier ein- und ausgehen. Was, wenn etwas passiert? Deshalb wollte ich den Diensthabenden sagen, sie sollten die Lampen ausblasen und die Tore zumachen. Dann aber stellte sich heraus, daß keine Menschenseele zur Stelle war.“
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„Ist das die Möglichkeit?“ empörte sich Dschou Juees Frau. „Neulich erst hat unsere zweite junge Herrin angeordnet, in diesen Tagen, wo so viel Trubel herrscht und so ein gemischtes Volk im Anwesen ist, sollten die Tore geschlossen und die Lampen gelöscht werden, sobald es Abend wird, und niemand, der nicht in den Garten gehört, sollte mehr eingelassen werden. Und nun war einfach niemand da! Wenn die Feiern erst zu Ende sind, werden wohl einige Leute Schläge bekommen müssen!“
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Nun erzählte Frau You noch, was ihr das Sklavenmädchen berichtet hatte, und Dschou Juees Frau sagte: „Regt Euch nicht auf, junge gnädige Frau! Wenn das Fest vorüber ist, werde ich den Verwalterinnen sagen, sie sollen die beiden tüchtig durchklopfen lassen. Und dann sollen sie sich auch erkundigen, wer denen beigebracht hat zu sagen, jeder solle hübsch vor der eigenen Tür kehren. Die Lampen zu löschen und das Haupttor wie die Nebentore zu schließen habe ich schon angeordnet.“
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Während es noch aufgeregt hin- und herging, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Frau You zum Essen zu bitten. Diese aber fertigte die Sklavin ab: „Ich habe keinen Hunger, eben erst habe ich etwas Gebäck gegessen! Deine Herrin soll bitte allein essen!“
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Dschou Juees Frau, die einige Zeit später auf bequeme Weise fortgehen konnte, erstattete Hsi-fëng über den Vorfall Bericht und setzte dann noch hinzu: „Die beiden Alten gehören zu den Verwalterinnen. Sooft wir mit ihnen sprechen, führen sie sich auf wie bissige Hunde. Wenn Ihr sie nicht verwarnt und belehrt, ist das für die Ehre der älteren jungen Herrin unerträglich.“
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„Dann schreib die beiden namentlich auf, und wenn die Feiern vorüber sind, soll man sie gefesselt in das andere Anwesen hinüberbringen, wo meine Schwägerin ihnen nach eigenem Ermessen eine Belehrung erteilen soll. Ob sie ihnen ein paar Schläge gibt oder Gnade walten läßt und ihnen verzeiht, liegt ganz bei ihr“, entschied Hsi-fëng. „Was ist da schon groß dabei?“
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Dschou Juees Frau hatte begierig auf jedes Wort gelauscht, denn sie war auf diese Frauen schon lange böse. Als sie Hsi-fëngs Gehöft wieder verlassen hatte, gab sie einem Sklavenjungen den Auftrag, Lin Dschï-hsiaus Frau über Hsi-fëngs Anordnung zu unterrichten und ihr zu sagen, sie solle unverzüglich die ältere junge Herrin aufsuchen. Außerdem gab sie sofort jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen zu binden und unter Bewachung im Pferdestall einzusperren.
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Lin Dschï-hsiaus Frau wußte natürlich nicht, was es jetzt, da schon die Lampen brannten, noch zu erledigen gab, aber sie stieg rasch in den Wagen und kam angefahren. Zuerst wollte sie zu Hsi-fëng. Aber als sie vom Innentor aus Bescheid geben ließ, erschien ein Sklavenmädchen, um ihr zu sagen: „Meine Herrin hat sich gerade schlafen gelegt. Die ältere junge Herrin ist im Garten, geht nur zu ihr!“
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Also begab sich Lin Dschï-hsiaus Frau in den Garten zum Reisduftdorf. Als die Sklavenmädchen sie drinnen anmeldeten, tat es Frau You leid, daß man sie herbemüht hatte, deshalb rief sie sie schnell herein und sagte ihr mit lächelnder Miene: „Ich hatte nur nach dir gefragt, weil ich jemand von den Leuten suchte und niemand zu finden war. Wer hat dich jetzt rufen lassen, wenn du schon fort warst? Den Weg hast du umsonst gemacht, denn es war weiter nichts Wichtiges, und die Sache hat sich schon erledigt.“
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Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lin Dschï-hsiaus Frau: „Die zweite junge Herrin hat jemand geschickt, um mich holen zu lassen, und wie es hieß, wolltet Ihr mir etwas sagen.“
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„Nicht doch!“ erklärte Frau You lächelnd, „ich wußte nicht, daß du schon fort warst, und hatte vergeblich nach dir gefragt. Irgend jemand muß das unnötigerweise Schwägerin Hsi-fëng erzählt haben, wahrscheinlich war es Schwester Dschou. Fahr nur wieder nach Hause und ruh dich aus! Es war nichts Besonderes.“
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Li Wan wollte noch erklären, was sich zugetragen hatte, doch Frau You hinderte sie daran. Angesichts dieser Umstände hatte Lin Dschï-hsiaus Frau keine andere Wahl, als den Garten wieder zu verlassen. Dabei führte ihr der Zufall Nebenfrau Dschau in den Weg, die lächelnd zu ihr sagte: „Ei, ei, Schwägerin! Was machst du denn noch hier, anstatt zu Hause zu sitzen und dich auszuruhen?“
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Lächelnd erklärte ihr Lin Dschï-hsiaus Frau den Grund, sagte ihr, so und so sei es gewesen, und es sei dies eine merkwürdige Geschichte.
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Nun hatte Nebenfrau Dschau größte Freude daran, solcherlei Dinge genau auszuforschen, und stand stets auf gutem Fuß mit den Frauen von der Verwaltung, um sich mit ihnen auszutauschen, damit sie um so besser ihre Ränke spinnen konnte. Über den Vorfall von vorhin hatte sie schon zu acht, neun Zehnteln Bescheid gewußt, und als sie jetzt die Erklärung hörte, die Lin Dschï-hsiaus Frau ihr gab, erzählte sie dieser, so und so habe sich die Sache zugetragen.
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„Das war es also!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd. „Aber das ist doch kaum einen Furz wert! Wenn die junge Herrin gnädig ist, wird sie nichts weiter sagen, und selbst wenn sie engherzig sein sollte, gibt es ein paar Schläge dafür, mehr nicht.“
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„Schwerwiegend ist die Sache wahrhaftig nicht, meine Schwägerin“, sagte Nebenfrau Dschau darauf. „Aber man sieht doch daran, daß die ein bißchen gar zu hemmungslos sind. Da lassen sie dich extra herholen, um sich offen über dich lustig zu machen und dich an der Nase herumzuführen. Aber fahr jetzt nur nach Hause und ruh dich aus! Morgen ist wieder viel zu tun. Deshalb will ich dich auch nicht noch zum Tee einladen.“
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Damit war das Gespräch beendet, und Lin Dschï-hsiaus Frau wollte schon hinausgehen, als am Nebentor die Töchter der beiden Sklavenfrauen von vorhin auf sie zu traten und weinend baten, sie möge ein gutes Wort für ihre Mütter einlegen.
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„Ihr seid ganz schön dumm“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd zu ihnen, „wer hat denn eure Mütter geheißen, erst zu trinken und dann solchen Unsinn zu reden, daß ein Skandal daraus wurde? Und ich habe nicht einmal davon gewußt. Die zweite junge Herrin hat Leute geschickt, um sie zu binden, und selbst mir hat man Vorwürfe gemacht. Wie käme ich also dazu, für sie zu bitten?“
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Aber die beiden Sklavenmädchen waren nicht älter als sieben oder acht Jahre<ref>Wie die beiden alten Sklavinnen, von denen eine schon weit über siebzig sein soll, zu so kleinen Kindern kommen, ist nicht recht verständlich</ref> und kannten sich deshalb nicht aus. Darum bettelten sie schluchzend weiter und trieben Lin Dschï-hsiaus Frau damit so in die Enge, daß sie schließlich sagte: „Ihr dummen Dinger! Den richtigen Weg laßt ihr außer acht, statt dessen belästigt ihr mich. Du da, deine ältere Schwester ist doch jetzt dem Sohn von Tante Fee, der alten Magd der gnädigen Frau von drüben, zur Frau gegeben worden. Geh also hinüber und erzähl die Sache deiner Schwester, damit ihre Schwiegermutter mit der gnädigen Frau spricht, dann ist alles erledigt!“
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Nun wußte die eine, was sie zu tun hatte, aber die andere flehte weiter, bis Lin Dschï-hsiaus Frau ausspuckte und schimpfte: „Dummes Gör! Wenn sie hinübergeht und mit ihrer Schwester spricht, ist doch alles gut. Wieso sollte man nur ihre Mutter laufen lassen, deine Mutter dagegen unbedingt schlagen?“ Mit diesen Worten stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon.
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Das kleine Mädchen ging dann wirklich zu seiner Schwester, und diese sprach mit der alten Fee. Die alte Fee war von Dame Hsing als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden und hatte früher auch einiges gegolten. Aber weil Dame Hsing in der letzten Zeit bei der Herzoginmutter nicht mehr hoch im Kurs stand, hatte auch ihr gesamtes Gefolge an Macht eingebüßt, und jeder, der hier bei Djia Dschëng über ein bißchen Ansehen verfügte, belauerte die Leute aus Djia Schës Haushalt argwöhnisch wie ein Tiger.
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Die alte Fee machte gern von den Vorrechten Gebrauch, die ihr auf Grund ihres Alters zustanden, nutzte die Machtstellung von Dame Hsing für sich aus, und wenn sie Wein getrunken hatte, pflegte sie wüst zu zanken, um sich Luft zu machen. Als sie jetzt bei so einem großartigen Anlaß wie dem Geburtstag der Herzoginmutter tatenlos zusehen mußte, wie andere bei der Erledigung von Sonderaufträgen ihren Witz und ihr Talent einzusetzen verstanden und ein großes Gewese darum machten, war sie schon längst verärgert, hatte andeutungsweise geschimpft und gescholten und mit haltlosen Behauptungen für Unruhe gesorgt. Doch in Djia Dschëngs Haushalt nahm niemand sie für voll.
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Die Nachricht, daß die Schwiegermutter ihres Sohnes auf Befehl von Dschou Juees Frau in Fesseln gelegt worden sei, goß nun erst recht Öl ins Feuer, und mutig geworden durch den Wein, den sie genossen hatte, wies die alte Fee mit der Hand in Richtung der Trennmauer zwischen den beiden Gehöften und schimpfte dabei, was das Zeug hielt.
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Dann ging sie zu Dame Hsing und sagte, die Schwiegermutter ihres Sohnes habe durchaus nichts verbrochen. „Nur ein müßiges kleines Wortgefecht mit einer Magd der jungen gnädigen Frau aus dem andern Anwesen hat sie gehabt“, beteuerte sie, „doch auf Betreiben von Dschou Juees Frau hat unsere eigene junge Herrin sie gefesselt in den Pferdestall sperren lassen, und nach dem Fest soll sie sogar geschlagen werden. Dabei ist sie eine Frau von weit über siebzig Jahren. Ich bitte Euch, gnädige Frau, sprecht mit der zweiten jungen Herrin, damit sie ihr dies eine Mal noch verzeiht!“
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Schon nach der Schlappe, sie in der Sache mit Yüan-yang hatte einstecken müssen, mußte Dame Hsing erleben, wie sie von der Herzoginmutter immer kühler behandelt wurde, während Hsi-fëng ein höheres Ansehen genoß als sie. Und als jetzt die verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an dagewesen war und die Mädchen hatte sehen wollen, hatte die Herzoginmutter zwar Tan-tschun rufen lassen, aber Ying-tschun hatte sie behandelt, als wenn es sie gar nicht gäbe. Deshalb war Dame Hsing schon längst verärgert und mißmutig, ohne daß sie das auch nur hätte zeigen dürfen.
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Außerdem war Dame Hsing von kleinen Leuten umgeben, die ihre Mißgunst und ihren Groll nicht zu äußern wagten und deshalb nur im Verborgenen Gerüchte in Umlauf setzten, Reibereien verursachten und bemüht waren, ihre Herrin aufzustacheln. Anfangs hatten sie sich nur über die Sklaven aus dem anderen Haushalt beklagt, dann waren sie allmählich auch über Hsi-fëng hergezogen. „Sie schmeichelt sich nur bei der alten gnädigen Frau ein, um Macht zu gewinnen und für ihr eigenes Glück zu sorgen“, sagten sie. „Der junge Herr Liän aber wird von ihr gegängelt, und die zweite gnädige Frau wird von ihr aufgehetzt, damit sie Euch als der eigentlichen gnädigen Frau den schuldigen Respekt verweigert.“
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Zu guter Letzt hatten sie sich sogar an Dame Wang selbst herangewagt und behauptet: „Daß die alte gnädige Frau Euch nicht mag, liegt nur daran, daß sie von der zweiten gnädigen Frau und von der Frau des zweiten jungen Herrn gegen Euch scharfgemacht wird.“
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Mochte Dame Hsing auch ein Herz aus Eisen und eine Galle aus Bronze haben, aber sie war und blieb doch eine Frau, und so waren ihre Gedanken unvermeidlich auch nicht ganz von Mißgunst frei. Darum war Hsi-fëng ihr in jüngster Zeit zutiefst verhaßt, und als sie jetzt von dem neuesten Vorfall erfuhr, fragte sie nicht viel danach, wer im Recht war und wer im Unrecht.
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Als Dame Hsing am nächsten Morgen in aller Frühe hinüberging, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, war bereits die ganze Sippe versammelt und hatte Platz genommen, um die Theatervorführung zu sehen. Die Herzoginmutter war in bester Laune, und weil heute niemand von der entfernteren Verwandtschaft anwesend war, sondern nur die Kinder und Kindeskinder aus der eigenen Sippe, erschien sie in bequemer Kleidung und alltäglichem Schmuck, um in der Halle die Geburtstagsgrüße zu empfangen.
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Mitten im Raum stand eine einzige Ruhebank, komplett mit Kissen, Polstern und Fußbank versehen. Darauf machte es sich die Herzoginmutter bequem. Rings um die Ruhebank standen gleichartige niedrige Schemel, auf denen die Mädchen Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun sie umgaben. Djia Biäns Mutter hatte auch ihre Tochter Hsi-luan mitgebracht, ebenso Djia Tjiungs Mutter ihre Tochter Sï-djiä, und weitere Großnichten der Herzoginmutter aus anderen Zweigen der Sippe waren ebenfalls da, insgesamt an die zwanzig Mädchen verschiedenen Alters.
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Aber die Herzoginmutter fand nur an Hsi-luan und Sï-djiä Gefallen, die hübsch gewachsen waren und sich in Redeweise und Betragen von der Menge abhoben, weshalb sie den beiden befahl, näher zu kommen und sich bei ihr vor der Ruhebank zu setzen. Bau-yü aber saß mit auf der Ruhebank zu Füßen der Herzoginmutter und klopfte ihr die Beine.
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Am Ehrentisch war Tante Hsüä plaziert, zu beiden Seiten aber saß die gesamte weibliche Verwandtschaft in der Reihenfolge der Familienzweige und Generationen. Außerhalb der Bambusvorhänge saßen im Säulengang beiderseits vor der Halle die männlichen Sippenangehörigen, ebenfalls nach der Rangfolge geordnet.
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Zuerst entboten die weiblichen Gäste gruppenweise den zeremoniellen Gruß, dann erst die männlichen. Die Herzoginmutter lehnte derweilen lässig auf ihrer Ruhebank, und ehe sie durch jemand sagen ließ: „Ihr könnt auf die Zeremonie verzichten!“, hatten schon alle den Gruß vollzogen. Anschließend waren unter Lai Das Führung die Männer vom Gesinde an der Reihe, und sie knieten vom Zeremonialtor bis vor die Halle. Nachdem sie alle ihre Stirnaufschläge gemacht hatten, folgten die Sklavenfrauen, dann die Sklavenmädchen aus den einzelnen Wohngebäuden. Das Ganze dauerte genausolange, wie man braucht, um zwei, drei Portionen Reis zu essen.
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Als nächstes wurden zahlreiche Käfige mit Vögeln gebracht, denen dann im Hof die Freiheit gegeben wurde. Und als Djia Schë mit seinen Helfern zusammen das Opfergeld für den Himmel, für die Erde und für den Stern der Langlebigkeit<ref>Der Gott des langen Lebens in der chinesischen Mythologie (vgl. o., Anm. zu S. 655) ist ein personifizierter Stern.</ref> verbrannt hatte, begannen das Theaterspiel und das Weintrinken.
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In ihre Räume zog sich die Herzoginmutter nicht vor Ende des Hauptteils der Vorführung zurück, um sich auszuruhen, wobei sie die anderen aufforderte, es sich bequem zu machen. Außerdem beauftragte sie Hsi-fëng, sie solle Hsi-luan und Sï-djiä für ein paar Tage dabehalten, ehe sie wieder nach Hause zurückkehrten. Also ging Hsi-fëng hinaus, um mit den Müttern der beiden zu sprechen, und da diese stets nur Wohltaten von ihr empfangen hatten, bedurfte es kaum eines Wortes. Auch die beiden Mädchen waren gern damit einverstanden, sich im Garten zu vergnügen, und so gingen sie zur Nacht nicht mit fort.
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Als die Gesellschaft am Abend auseinanderging, trat Dame Hsing vor aller Augen mit lächelnder Miene an Hsi-fëng heran und sagte: „Wie ich gehört habe, hast du dich gestern Abend geärgert und hast die Frau des Verwalters Dschou losgeschickt, um zwei alte Frauen in Fesseln legen zu lassen, weil sie irgend etwas verbrochen haben.
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Eigentlich dürfte ich natürlich nicht für sie bitten, aber ich sage mir, heute hat die alte gnädige Frau ihren Ehrentag, und an einem solchen Tag pflegt jeder, selbst wenn er sonst böse ist, Geld und Reis zu verteilen, um den Armen und Alten zu helfen, bei uns dagegen fängt man an, die Leute zu quälen. Nicht um meinetwillen, aber um der alten gnädigen Frau willen laß die beiden laufen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon.
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Als Hsi-fëng diese Worte anhören mußte, noch dazu in Gegenwart so vieler Zeugen, wußte sie im ersten Moment vor Scham und Zorn nicht, was sie tun sollte. Blau angelaufen vor unterdrückter Wut, wandte sie den Kopf nach Lai Das Frau und sagte mit lächelnder Miene: „Was heißt denn das? Weil sich gestern welche von unsern Leuten gegen meine Schwägerin aus dem andern Anwesen vergangen haben und ich Angst hatte, sie könnte das übelnehmen, habe ich es einfach ihr überlassen, die beiden auf freien Fuß zu setzen, denn sie hatten sich ja nicht gegen mich vergangen. Wer hat denn da wieder einmal so einen flinken Zuträger gehabt?“
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Jetzt wollte Dame Wang wissen, worum es ging, und lächelnd berichtete Hsi-fëng über den Vorfall vom vergangenen Tag.
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„Davon habe ja nicht einmal ich etwas gewußt“, erklärte Frau You staunend und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich zu weit gegangen.“
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„Da es um deine Ehre ging, wollte ich, daß du ihnen eine Belehrung erteilst. Das ist nicht mehr, als die Etikette verlangt“, verteidigte sich Hsi-fëng. „Wenn umgekehrt ich bei euch drüben beleidigt werde, wirst du mir ja den Schuldigen ebenfalls ausliefern, um mir Genugtuung zu geben. Diese Form darf schließlich nicht verletzt werden, egal um was für einen guten Sklaven es sich handelt. Wer weiß, wer da wieder hinübergelaufen ist, um seinen Diensteifer zu beweisen, und jetzt wird eine Staatsaffäre daraus gemacht.“
 
„Aber deine Schwiegermutter hat recht“, sagte Dame Wang. „Und schließlich ist auch die Frau deines Vetters Dschën keine Fremde, so daß diese leeren Förmlichkeiten nicht nötig sind. Das Wichtigste ist, daß die alte gnädige Frau Geburtstag hat, darum müssen die beiden freigelassen werden.“ Und schon wandte sie den Kopf und erteilte jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen in Freiheit zu setzen.
 
„Aber deine Schwiegermutter hat recht“, sagte Dame Wang. „Und schließlich ist auch die Frau deines Vetters Dschën keine Fremde, so daß diese leeren Förmlichkeiten nicht nötig sind. Das Wichtigste ist, daß die alte gnädige Frau Geburtstag hat, darum müssen die beiden freigelassen werden.“ Und schon wandte sie den Kopf und erteilte jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen in Freiheit zu setzen.
 
Ohne daß Hsi-fëng es wollte, wurden ihre Empörung und ihre Beschämung immer größer, je länger sie über die Sache nachdachte, doch unversehens verwandelte sich ihr Ärger in Kummer, und schon begannen ihr die Tränen herunterzulaufen. Niedergeschlagen ging sie in ihre Räume zurück, um sich dort auszuweinen, ohne daß jemand sie dabei sah. Aber ausgerechnet jetzt mußte die Herzoginmutter Hu-po zu ihr schicken, um auszurichten, sie wolle sie sofort sprechen.
 
Ohne daß Hsi-fëng es wollte, wurden ihre Empörung und ihre Beschämung immer größer, je länger sie über die Sache nachdachte, doch unversehens verwandelte sich ihr Ärger in Kummer, und schon begannen ihr die Tränen herunterzulaufen. Niedergeschlagen ging sie in ihre Räume zurück, um sich dort auszuweinen, ohne daß jemand sie dabei sah. Aber ausgerechnet jetzt mußte die Herzoginmutter Hu-po zu ihr schicken, um auszurichten, sie wolle sie sofort sprechen.
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Rasch wischte sich Hsi-fëng die Tränen ab, wusch sich das Gesicht, versah es erneut mit Rouge und Puder, und dann erst ging sie mit Hu-po zusammen hinüber.
 
Rasch wischte sich Hsi-fëng die Tränen ab, wusch sich das Gesicht, versah es erneut mit Rouge und Puder, und dann erst ging sie mit Hu-po zusammen hinüber.
 
„Wie viele Setzschirme waren unter den Geschenken, die ich bekommen habe?“ fragte die Herzoginmutter.
 
„Wie viele Setzschirme waren unter den Geschenken, die ich bekommen habe?“ fragte die Herzoginmutter.
„Insgesamt waren es sechzehn“, gab Hsi-fëng Auskunft, „zwölf große und vier kleine, um sie auf das Ofenbett zu stellen. Erste Qualität war aber nur ein großer aus zwölf Teilen, der von der Familie Dschën aus dem Süden kam. Auf der einen Seite zeigt er auf dunkelrotem Grund ein Seidenwebbild zum Thema ‚Das ganze Bett voller Rangabzeichen‘0, auf der anderen Seite ist mit Goldlack das Schriftzeichen schou – ‚Langlebigkeit‘ – in hundert verschiedenen Formen aufgemalt. Ganz annehmbar war ansonsten nur ein gläserner Wandschirm, den die Wus, die Familie des Admirals der Guang-dung-See, geschickt haben.“
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„Insgesamt waren es sechzehn“, gab Hsi-fëng Auskunft, „zwölf große und vier kleine, um sie auf das Ofenbett zu stellen. Erste Qualität war aber nur ein großer aus zwölf Teilen, der von der Familie Dschën aus dem Süden kam. Auf der einen Seite zeigt er auf dunkelrotem Grund ein Seidenwebbild zum Thema ‚Das ganze Bett voller Rangabzeichen‘<ref>Vgl. die Erwähnung dieses Theaterstücks im 29. Kapitel des Buches und die Anmerkung dazu 509.</ref>, auf der anderen Seite ist mit Goldlack das Schriftzeichen schou – ‚Langlebigkeit‘ – in hundert verschiedenen Formen aufgemalt. Ganz annehmbar war ansonsten nur ein gläserner Wandschirm, den die Wus, die Familie des Admirals der Guang-dung-See, geschickt haben.“
 
„Dann heb mir diese beiden auf und stell sie gut weg, ich werde sie weiterverschenken!“ befahl die Herzoginmutter, und Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“.
 
„Dann heb mir diese beiden auf und stell sie gut weg, ich werde sie weiterverschenken!“ befahl die Herzoginmutter, und Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“.
 
Da trat plötzlich Yüan-yang heran und starrte Hsi-fëng unverwandt ins Gesicht, bis die Herzoginmutter fragte: „Warum schaust du sie so an? Kennst du sie nicht mehr?“
 
Da trat plötzlich Yüan-yang heran und starrte Hsi-fëng unverwandt ins Gesicht, bis die Herzoginmutter fragte: „Warum schaust du sie so an? Kennst du sie nicht mehr?“
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„Wer würde sich trauen, mich zu ärgern?“ fragte Hsi-fëng zurück. „Und selbst wenn ich mich geärgert hätte, würde ich an so einem Tag nicht wagen zu weinen.“
 
„Wer würde sich trauen, mich zu ärgern?“ fragte Hsi-fëng zurück. „Und selbst wenn ich mich geärgert hätte, würde ich an so einem Tag nicht wagen zu weinen.“
 
„Eben!“ sagte die Herzoginmutter, „ich will gerade zu Abend essen. Du wirst mir dabei Gesellschaft leisten und ißt dann mit Dschëns Frau zusammen, was übrigbleibt. Ihr beide sollt gemeinsam mit den beiden Äbtissinnen hier ‚Buddha-Bohnen‘ für mich auslesen, damit auch ihr euch ein langes Leben sichern könnt. Neulich haben es die Mädchen zusammen mit Bau-yü gemacht, und heute seid ihr an der Reihe, damit es nicht heißt, ich bevorzugte jemand.“
 
„Eben!“ sagte die Herzoginmutter, „ich will gerade zu Abend essen. Du wirst mir dabei Gesellschaft leisten und ißt dann mit Dschëns Frau zusammen, was übrigbleibt. Ihr beide sollt gemeinsam mit den beiden Äbtissinnen hier ‚Buddha-Bohnen‘ für mich auslesen, damit auch ihr euch ein langes Leben sichern könnt. Neulich haben es die Mädchen zusammen mit Bau-yü gemacht, und heute seid ihr an der Reihe, damit es nicht heißt, ich bevorzugte jemand.“
Während sie das sagte, wurde der Tisch als erstes mit Fastenspeisen gedeckt, die von den beiden Nonnen verzehrt wurden, und dann erst wurden Fleischgerichte aufgetragen. Nachdem die Herzoginmutter sich satt gegessen hatte, wurden die Reste in den Vorraum hinausgetragen. Hier saßen Frau You und Hsi-fëng schon beim Essen, als die Herzoginmutter befahl, man solle auch noch Hsi-luan und Sï-djiä rufen.
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Während sie das sagte, wurde der Tisch als Erstes mit Fastenspeisen gedeckt, die von den beiden Nonnen verzehrt wurden, und dann erst wurden Fleischgerichte aufgetragen. Nachdem die Herzoginmutter sich satt gegessen hatte, wurden die Reste in den Vorraum hinausgetragen. Hier saßen Frau You und Hsi-fëng schon beim Essen, als die Herzoginmutter befahl, man solle auch noch Hsi-luan und Sï-djiä rufen.
 
Erst als die vier mit dem Essen fertig waren und sich die Hände gewaschen hatten und nachdem Weihrauch angezündet worden war, wurde ein Schëng Bohnen hereingebracht. Dann sprachen die Nonnen ein Gebet, und anschließend wurden die Bohnen einzeln verlesen und in einen Korb getan, und bei jeder einzelnen Bohne wurde der Name Buddhas angerufen. Am nächsten Tag würde daraus Brei gekocht werden, um an einer Straßenkreuzung an die Passanten verteilt zu werden.
 
Erst als die vier mit dem Essen fertig waren und sich die Hände gewaschen hatten und nachdem Weihrauch angezündet worden war, wurde ein Schëng Bohnen hereingebracht. Dann sprachen die Nonnen ein Gebet, und anschließend wurden die Bohnen einzeln verlesen und in einen Korb getan, und bei jeder einzelnen Bohne wurde der Name Buddhas angerufen. Am nächsten Tag würde daraus Brei gekocht werden, um an einer Straßenkreuzung an die Passanten verteilt zu werden.
 
Zum Schluß hörte sich die Herzoginmutter, die sich bequem auf ihrem Ruhesitz ausgestreckt hatte, noch ein paar buddhistische Erbauungsgeschichten von Ursache und Vergeltung an, die ihr die beiden Nonnen erzählten.
 
Zum Schluß hörte sich die Herzoginmutter, die sich bequem auf ihrem Ruhesitz ausgestreckt hatte, noch ein paar buddhistische Erbauungsgeschichten von Ursache und Vergeltung an, die ihr die beiden Nonnen erzählten.
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„Nicht jeder macht sich solche unnötigen Sorgen wie du“, warf Bau-yü ein. „Immer wieder habe ich dir gesagt, hör nicht auf das profane Geschwätz und denk auch nicht an diese profanen Dinge, sondern schätze den Reichtum und genieße den Glanz. Das ist das einzig Wahre. Du hast es noch besser als unsereiner, der dieses ungetrübte Glück nicht genießen darf und sich statt dessen dem schmutzigen Getriebe der Welt stellen muß.“
 
„Nicht jeder macht sich solche unnötigen Sorgen wie du“, warf Bau-yü ein. „Immer wieder habe ich dir gesagt, hör nicht auf das profane Geschwätz und denk auch nicht an diese profanen Dinge, sondern schätze den Reichtum und genieße den Glanz. Das ist das einzig Wahre. Du hast es noch besser als unsereiner, der dieses ungetrübte Glück nicht genießen darf und sich statt dessen dem schmutzigen Getriebe der Welt stellen muß.“
 
„Es ist aber auch nicht jeder ist wie du und macht sich überhaupt keine Gedanken“, hielt ihm Frau You entgegen. „Du tollst nur mit deinen Schwestern und Kusinen herum. Wenn du Hunger hast, ißt du, und wenn du müde bist, schläfst du. Auch in ein paar Jahren wird es mit dir noch genau dasselbe sein. Die Zukunft ist dir doch ganz einerlei.“
 
„Es ist aber auch nicht jeder ist wie du und macht sich überhaupt keine Gedanken“, hielt ihm Frau You entgegen. „Du tollst nur mit deinen Schwestern und Kusinen herum. Wenn du Hunger hast, ißt du, und wenn du müde bist, schläfst du. Auch in ein paar Jahren wird es mit dir noch genau dasselbe sein. Die Zukunft ist dir doch ganz einerlei.“
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
 
„Ein Tag, den ich mit meinen Schwestern und Kusinen verbringen kann, ist immerhin ein Tag, und wenn ich tot bin, ist es vorbei“, gab Bau-yü lächelnd zurück. „Was heißt also Zukunft?“
 
„Ein Tag, den ich mit meinen Schwestern und Kusinen verbringen kann, ist immerhin ein Tag, und wenn ich tot bin, ist es vorbei“, gab Bau-yü lächelnd zurück. „Was heißt also Zukunft?“
 
„So ein Unsinn wieder einmal!“ sagte Li Wan, der die anderen lächelnd beipflichteten. „Nehmen wir einmal an, du machst wirklich keine Karriere und bleibst bis an dein Lebensende hier in der Familie, werden aber vielleicht auch die Mädchen niemals das Haus verlassen?“
 
„So ein Unsinn wieder einmal!“ sagte Li Wan, der die anderen lächelnd beipflichteten. „Nehmen wir einmal an, du machst wirklich keine Karriere und bleibst bis an dein Lebensende hier in der Familie, werden aber vielleicht auch die Mädchen niemals das Haus verlassen?“
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Yüan-yang, die sich nicht schnell genug aus Sï-tjis Umklammerung losmachen konnte, rief sofort: „Ich bin noch hier drüben! Wartet einen Augenblick, ich komme gleich!“
 
Yüan-yang, die sich nicht schnell genug aus Sï-tjis Umklammerung losmachen konnte, rief sofort: „Ich bin noch hier drüben! Wartet einen Augenblick, ich komme gleich!“
 
Nach diesen Worten mußte Sï-tji wohl oder übel loslassen, damit Yüan-yang gehen konnte.
 
Nach diesen Worten mußte Sï-tji wohl oder übel loslassen, damit Yüan-yang gehen konnte.
72. Hsi-fëng verläßt sich auf ihre kräftige Konstitution und schweigt schamhaft ihre Krankheit tot,
 
Lai Wangs Frau nutzt die Machtposition ihrer Herrin aus und setzt gewaltsam eine Verlobung durch.
 
 
Als Yüan-yang den Garten durch das Nebentor verließ, war ihr Gesicht noch immer gerötet, und das Herz pochte ihr bis zum Halse. Denn was ihr da begegnet war, hätte sie nie für möglich gehalten. Sie sagte sich, dies sei etwas Außergewöhnliches, und wenn sie davon erzählte, wären durch die Verknüpfung von Unzucht und Einbruch Menschenleben gefährdet, und es wäre auch nicht auszuschließen, daß Unbeteiligte mit hineingezogen würden. Aber da es schließlich nicht sie selbst betraf, verschloß sie alles in ihrem Herzen und verriet keinem Menschen davon. Als sie in die Räume der Herzoginmutter zurückkam, berichtete sie, ihr Auftrag sei erledigt, und alle legten sich schlafen.
 
Von nun an ging Yüan-yang des Abends nicht mehr oft in den Garten, denn sie fürchtete, dort noch mehr solcher Überraschungen zu erleben, und an anderen Stellen ebenfalls, darum ging sie auch sonst kaum noch ohne weiteres irgendwohin.
 
Mit Sï-tji und ihrem Vetter verhielt es sich so, daß sie sich schon als Kinder, als sie zusammen aufwuchsen und gemeinsam spielten, ihr Wort darauf gegeben hatten, einander zu heiraten oder unverheiratet zu bleiben. Inzwischen waren sie beide zu anmutiger Schönheit herangewachsen. Sooft Sï-tji nach Hause kam, hatten sie beredte Blicke miteinander getauscht, die alten Gefühle waren unvergessen. Das einzige, was sie trennte, war der Mangel an Gelegenheit. Und da sie Angst hatten, ihre Eltern würden nicht einwilligen, hatten sie Mittel gefunden, um die alten Wächterinnen im Garten von beiden Seiten zu bestechen, damit sie das Tor für sie offenhielten und darauf sahen, daß die Luft rein blieb.
 
Unter Ausnutzung des allgemeinen Trubels, der zur Zeit herrschte, hatten sie sich jetzt zum ersten Mal getroffen. Dabei waren sie zwar noch kein Paar geworden, aber sie hatten einander geschworen, ihre Liebe solle ewig währen, ewig wie das Meer und die Berge. Zur Bekräftigung hatten sie Geschenke getauscht, und die wechselseitigen Zärtlichkeiten waren grenzenlos gewesen.
 
Nachdem sie von Yüan-yang überrascht worden waren, hatte sich der Bursche schnell einen Weg zwischen Blumen und Weiden gesucht und war durchs Nebentor verschwunden. Sï-tji fand zwar die ganze Nacht hindurch keinen Schlaf, aber Reue empfand sie nicht. Als sie am nächsten Tag Yüan-yang begegnete, wurde sie unwillkürlich abwechselnd rot und blaß und fühlte sich peinlichst berührt. Von ihrem unsagbaren Geheimnis gequält, konnte sie weder essen noch trinken und war unruhig, wohin sie ging und wo sie stand. Erst als sich nach mehreren Tagen immer noch nichts ereignet hatte, wurde sie ein wenig ruhiger.
 
Doch dann kam am Abend plötzlich eine von den alten Sklavenfrauen zu ihr, um ihr verstohlen zu sagen: „Dein Vetter ist ausgerückt. Schon seit drei, vier Tagen ist er nicht mehr nach Hause gekommen. Heute hat man Leute ausgeschickt, die überall nach ihm suchen.“
 
Als Sï-tji das hörte, hätte der Ärger sie beinahe umgeworfen, und sie sagte sich: „Wenn es wirklich herauskäme, müßten wir gemeinsam sterben. Aber er hat sich einfach aus dem Staube gemacht. Da sieht man, daß seine Gefühle nichts Ernstes waren.“ Und so kam zur Furcht auch noch der Verdruß. Schon am nächsten Tag fühlte sich Sï-tji so beklommen ums Herz, daß sie sich auch mit größter Anstrengung nicht auf den Beinen zu halten vermochte. Sie stürzte förmlich ins Bett, um zu schlafen, und unversehens wurde eine ernsthafte Erkrankung daraus.
 
Als Yüan-yang erfuhr, drüben sei ohne jeden Grund ein Sklavenjunge weggelaufen und im Garten sei Sï-tji so schwer erkrankt, daß man sie ausquartieren wolle, sagte sie sich, der Grund dafür müsse in beiden Fällen die Furcht vor Entdeckung sein. „Solche Angst haben sie also, ich könnte etwas verraten, daß ihnen der Schreck dermaßen in die Glieder gefahren ist!“ dachte sie, und von Mitleid bewegt, suchte sie Sï-tji unter dem Vorwand eines Krankenbesuchs auf.
 
Nachdem sie alle anderen aus dem Zimmer geschickt hatte, stand sie auf, um Sï-tji zu versichern: „Wenn ich es irgendwem sage, will ich zur Strafe auf der Stelle tot umfallen!“ Dann setzte sie hinzu: „Sei nur ganz ruhig und kurier dich aus, verdirb dir nicht grundlos dein bißchen Leben!“
 
Mit raschem Griff faßte Sï-tji nach ihrer Hand und sagte weinend: „Meine ältere Schwester! Von klein auf haben wir so dicht nebeneinander gelebt, daß unser beider Schläfenhaar sich berührt hat. Du hast mich nicht als Fremde behandelt, und auch ich habe nie gewagt, mich dir gegenüber respektlos zu verhalten. Wenn du jetzt von meinem Fehltritt wirklich niemand etwas sagst, bist du wie eine leibliche Mutter für mich. Jeder Tag, den ich noch leben darf, ist ein Geschenk von dir.
 
Sobald ich wieder gesund bin, werde ich ein Täfelchen mit deinem Namen aufstellen und dann jeden Tag Weihrauch davor abbrennen und mich davor verbeugen, damit dir Glück und ein langes Leben beschieden sind. Und wenn ich sterbe, will ich als Esel oder als Hund wiedergeboren werden, damit ich dir vergelten kann, was du jetzt für mich tust.
 
Wie das Sprichwort sagt, ‚Mag auch dein Festzelt tausend Li lang sein, es gibt kein Vergnügen, das nicht zu Ende geht.‘ So werden auch wir in ein paar Jahren alle von hier fortgehen. Aber das Sprichwort sagt auch ‚Wenn sogar treibende Wasserpflanzen einander wiederbegegnen, warum sollen sich dann zwei Menschen nicht wiedersehen?‘ Wie soll ich dir also für deine Güte danken, wenn wir uns vielleicht in Zukunft einmal wiedertreffen?“
 
Das hatte sie schluchzend vorgebracht und Yüan-yang das Herz damit so schwer gemacht, daß sie jetzt ebenfalls zu weinen begann und kopfnickend zu Sï-tji sagte: „Du hast vollkommen recht. Außerdem gehöre ich nicht zu den Verwalterinnen, warum also sollte ich dein Ansehen zerstören, bloß um meinen Diensteifer unter Beweis zu stellen?! Zumal ich in so einer Sache nicht gut von mir aus den Mund auftun kann, um jemand davon zu erzählen. Sei also wirklich unbesorgt! Und wenn du wieder gesund bist, mußt du dich in dein Los fügen und darfst keine Dummheiten mehr machen!“
 
Auf ihrem Kissen liegend, nickte Sï-tji eifrig dazu, und Yüan-yang sprach noch ein Weilchen begütigend auf sie ein, ehe sie endlich wieder fortging.
 
Da Yüan-yang wußte, daß Djia Liän nicht zu Hause war, und da Hsi-fëng in der jüngsten Zeit ein schwungloses Benehmen an den Tag gelegt hatte, wie man es gar nicht von ihr gewöhnt war, wollte sie jetzt die Gelegenheit nutzen, um auch ihr einen Besuch zu machen. Also begab sie sich zu Hsi-fëngs Wohngehöft, und als die Leute am Innentor sie sahen, standen sie auf, um sie hineinzugeleiten. Als sie in den Vorraum trat, kam Ping-örl gerade aus den inneren Gemächern, und kaum hatte sie Yüan-yang erblickt, trat sie sofort auf sie zu und sagte leise und mit lächelnder Miene: „Sie hat eben einen Happen gegessen und hält jetzt Mittagsschlaf. Komm, setz dich ein Weilchen hier drüben herein!“
 
Also mußte Yüan-yang notgedrungen mit Ping-örl in das östliche Seitenzimmer gehen. Ein kleineres Sklavenmädchen brachte Tee, dann fragte Yüan-yang leise: „Was ist deiner jungen Herrin in den letzten Tagen? Sie wirkte richtig träge auf mich.“
 
So gefragt, antwortete Ping-örl, da weiter niemand im Zimmer war, nach einem Seufzer: „Diese Trägheit ist nichts Neues an ihr, die hat sie schon vor mehr als einem Monat gehabt. Durch die Aufregung der jüngsten Zeit und durch den unnötigen Ärger, den sie hatte, ist diese Trägheit jetzt erneut aufgetreten. In den letzten beiden Tagen sind noch ein paar andere Beschwerden dazugekommen, bis es schließlich zuviel für sie war und sie die Sache nicht länger verheimlichen konnte.“
 
„Aber warum holt ihr denn nicht schnell einen Arzt, der sie wieder gesund macht?“ fragte Yüan-yang sofort.
 
„Du weißt noch immer nicht, wie sie ist, meine Schwester“, sagte Ping-örl darauf. „Von wegen Arztbesuch und Medizinschlucken! Als ich es nicht mehr mit ansehen konnte und nur einmal gefragt habe, wie sie sich fühle, ist sie schon böse geworden und hat mir vorgeworfen, ich wolle ihr eine Krankheit anhexen. Und ungeachtet ihres Zustands muß sie jeden Tag dies überprüfen und jenes kontrollieren, anstatt ein bißchen einsichtig zu sein und sich zu schonen.“
 
„Aber trotzdem muß doch ein Arzt geholt werden, der feststellt, was ihr fehlt, damit sich alle abregen können“, beharrte Yüan-yang.
 
„So geringfügig, glaube ich, ist ihre Krankheit gar nicht, meine Schwester“, deutete Ping-örl an.
 
„Ja, was hat sie denn?“ fragte Yüan-yang sofort.
 
Also rückte Ping-örl noch ein Stück näher zu ihr heran und sagte ihr direkt ins Ohr: „Seitdem sie im vergangenen Monat ihre Regel hatte, blutet und blutet sie ununterbrochen. Ist das eine ernsthafte Erkrankung oder nicht?“
 
„O weh!“ entgegnete Yüan-yang sogleich. „Nach dem, was du sagst, wird sie doch nicht etwa einen Blutsturz bekommen?“
 
Hastig spuckte Ping-örl aus, dann sagte sie leise und mit lächelnder Miene: „Wie kann ein Mädchen wie du so etwas sagen?! Und beschrei es bloß nicht!“
 
Unwillkürlich wurde Yüan-yang rot, ehe sie genauso leise und ebenfalls lächelnd erwiderte: „Ich weiß ja eigentlich auch nicht richtig, was das ist, ein Blutsturz. Aber hast du vergessen, daß damals meine ältere Schwester daran gestorben ist? Ich wußte erst gar nicht, was sie hatte, aber zufällig hörte ich dann, wie meine Mutter mit der Schwiegermutter meiner Schwester darüber sprach, und wunderte mich noch, was das wohl sei. Später habe ich dann noch gehört, wie meine Mutter den Hergang genau geschildert hat, da ist es mir dann zu ein, zwei Zehnteln klar geworden.“
 
„Richtig!“ sagte Ping-örl lächelnd, „ich hatte ganz vergessen, daß du es ja wissen mußt.“
 
Während die beiden noch miteinander sprachen, kam ein kleines Sklavenmädchen herein und sagte zu Ping-örl: „Eben war diese Tante Dschu wieder da. Wir haben ihr gesagt, daß die junge Herrin ihren Mittagsschlaf hält, da ist sie zur gnädigen Frau gegangen.“
 
Ping-örl nickte nur, Yüan-yang aber erkundigte sich: „Was ist das für eine Tante Dschu?“
 
„Schwägerin Dschu, die Heiratsvermittlerin“, gab Ping-örl Auskunft. „Irgendein Herr Sun will sich mit unserer Familie verschwägern, darum schickt sie uns in der letzten Zeit jeden Tag ihre Karte und tötet uns regelrecht den Nerv.“
 
Kaum hatte sie das gesagt, kam das kleine Sklavenmädchen wieder hereingelaufen und meldete: „Der junge Herr ist gekommen.“
 
Im nächsten Augenblick stand Djia Liän schon in der Tür des Vorraums und rief nach Ping-örl. Ehe sie ihm antworten und entgegengehen konnte, trat Djia Liän bereits ins Zimmer. Als er von der Tür aus sah, daß Yüan-yang auf dem Ofenbett saß, blieb er stehen und sagte lächelnd: „Schwester Yüan-yang! Hat dein edler Fuß heute einmal mein schäbiges Heim betreten?“
 
Yüan-yang blieb ruhig sitzen, während sie lächelnd erwiderte: „Ich kam, um Euch und der jungen Herrin meine Aufwartung zu machen, aber Ihr wart nicht zu Hause, und die junge Herrin schläft.“
 
„So aufopferungsvoll, wie du das ganze Jahr über die alte gnädige Frau bedienst, hätte zuerst ich dir einen Besuch machen müssen, ehe ich wagen dürfte, dich hierher zu uns zu bemühen“, versicherte Djia Liän, „aber es trifft sich gut, denn ich wollte sowieso zu dir. Nur weil mir dieses Übergewand zu warm ist, hatte ich mir zuerst ein dünner gefüttertes anziehen wollen, ehe ich zu dir hinübergehe. Nun aber meint es der Himmel gut mit mir und hat mir den Weg erspart, indem du schon hier im Zimmer sitzt.“ Während er das sagte, hatte er sich auf einem Stuhl niedergelassen.
 
„Was gibt es denn zu besprechen?“ erkundigte sich Yüan-yang.
 
Djia Liän lachte erst einmal, ehe er schließlich sagte: „Da ist etwas, was ich einfach vergessen habe. Aber ich glaube, du wirst es noch wissen. Als die alte gnädige Frau letztes Jahr ihren Geburtstag beging, hat ihr ein auswärtiger Mönch eine Buddhahand-Zitrone0 aus gelbem Wachsstein verehrt, die ihr so gut gefiel, daß sie sie gleich dabehielt, um sie bei sich aufzustellen. Als sie jetzt wieder Geburtstag hatte, sah ich, daß diese Position im Raritätenverzeichnis noch offen ist, weiß aber nicht, wo das Stück abgeblieben ist.
 
Die Verantwortlichen in der Raritätenkammer haben mich auch schon ein paarmal darauf aufmerksam gemacht und verlangt, daß ich mich danach erkundige, damit sie es entsprechend vermerken können. Deshalb wollte ich dich fragen, ob das Stück noch bei der alten gnädigen Frau steht oder ob sie es jemand anders gegeben hat.“
 
„Bei der alte gnädigen Frau stand es nur ein paar Tage, dann hatte sie es über und gab es Eurer Frau, und Ihr fragt jetzt mich danach“, erwiderte Yüan-yang. „Ich erinnere mich sogar noch an den Tag, an dem das war. Ich selbst habe die Frau von Alt Wang damit hinübergeschickt. Wenn Ihr es vergessen habt, solltet Ihr vielleicht Eure Frau oder Schwester Ping-örl fragen.“
 
Ping-örl, die eben etwas anderes zum Anziehen für Djia Liän holte, kam herüber, als sie das hörte, und bestätigte: „Wir haben das bekommen, es liegt jetzt oben im Speichergebäude. Die junge Herrin hatte auch jemand geschickt, um in der Raritätenkammer Bescheid zu sagen, daß es unseren Räumen zugeteilt worden ist, aber die müssen das wohl verschlafen haben und haben es nicht notiert, daß sie jetzt wegen so einer Kleinigkeit solches Gewese machen.“
 
„Aber warum weiß ich nichts davon, wenn sie es bekommen hat?“ fragte Djia Liän lächelnd. „Ihr müßt es wohl vor mir versteckt haben.“
 
„Die junge Herrin hat Euch davon berichtet, und Ihr wolltet es sogar noch an jemand verschenken, es hat ziemliche Mühe gekostet, Euch davon abzubringen“, stellte Ping-örl richtig. „Jetzt, nachdem Ihr alles vergessen habt, behauptet Ihr plötzlich, wir hätten es vor Euch versteckt. Was ist das schon für ein kostbares Einzelstück?! Wir haben noch ganz andere Sachen nicht vor Euch versteckt, obwohl sie zehnmal besser waren, und plötzlich sollen wir Gefallen an so einem wertlosen Ding gefunden haben?!“
 
Djia Liän dachte ein Weilchen lächelnd und mit gesenktem Kopf darüber nach, dann schlug er die Hände ineinander und sagte: „Ich habe wirklich nicht mehr alle beisammen. Alles vergesse ich, alles entfällt mir, und jedermann bringe ich damit in Zorn. Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder.“
 
„Wer sollte Euch zürnen?“ fragte Yüan-yang mit lächelnder Miene. „Sorgen habt Ihr genug, geredet wird manches, und wenn Ihr dann noch ein paar Becher Wein trinkt, könnt Ihr natürlich nicht mehr alles klar unterscheiden.“ Mit diesen Worten erhob sie sich, um zu gehen.
 
Sofort stand auch Djia Liän auf und bat: „Setz dich wieder hin, Schwester! Ich habe noch ein anderes Anliegen an dich.“ Dann fuhr er plötzlich die kleinen Sklavenmädchen an: „Warum habt ihr keinen ordentlichen Tee gebrüht? Holt schnell ein sauberes Deckelschälchen und brüht von dem neuen Tee auf, der gestern gebracht worden ist!“
 
Danach wandte er sich wieder Yüan-yang zu und erklärte ihr: „Durch den Geburtstag der alten gnädigen Frau haben wir die paar tausend Liang Silber, die im Hause waren, alle verbraucht. Den Mietzins für unsere Häuser und die Steuergelder für unsere Ländereien können wir erst im neunten Monat kassieren, aber so lange kommen wir nicht mehr aus. In den nächsten Tagen haben wir Geschenke in das Anwesen des Prinzen Nan-an zu schicken, dann müssen wir zum neunten neunten0 Geschenke für die kaiserliche Nebenfrau vorbereiten, und schließlich ist noch an Freudenfeste und Trauerfeiern in mehreren Familien zu denken. So brauchen wir mindestens noch zwei- oder dreitausend Liang Silber, die wir im Augenblick nirgendwo auftreiben können.
 
Nun sagt das Sprichwort ‚Besser, als bei andern zu suchen, ist es, bei sich selber zu suchen.‘ Darum bleibt nicht viel anderes übrig, als daß du das Vergehen auf dich nimmst, von den Gold- und Silbersachen, die die alte gnädige Frau nicht so leicht kontrollieren kann, eine Truhe voll heimlich herauszuschaffen, damit wir sie vorläufig für tausend Liang Silber oder so verpfänden können, mit denen wir die Lücke schließen können. In weniger als einem halben Jahr werden wir wieder Silber haben, dann löse ich die Sachen aus und gebe sie dir zurück. Auf keinen Fall wirst du dadurch in die Patsche geraten.“
 
„Ihr seid wirklich einfallsreich“, sagte Yüan-yang lächelnd. „Wie konntet Ihr bloß auf diesen Gedanken verfallen?!“
 
„Ich meine es wirklich ehrlich!“ beteuerte Djia Liän und lächelte ebenfalls. „Es gibt natürlich außer dir auch noch andere, die Zugang zu Wertsachen haben, für die man seine tausend Liang bekommen würde, aber die sind weder so verständnisvoll noch so mutig wie du. Wenn ich sie deswegen ansprechen wollte, würde ich ihnen nur einen Schreck einjagen. Darum sage ich mir, es ist besser, einmal die goldene Glocke anzuschlagen als dreitausendmal eine geplatzte Trommel.“
 
Kaum hatte er das gesagt, als plötzlich ein kleineres Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter hereinkam, das dringend nach Yüan-yang suchte, und sagte: „Die alte gnädige Frau wartet schon eine Ewigkeit auf Euch, Schwester. Nirgends wart Ihr zu finden, und jetzt sitzt Ihr hier!“
 
Als Yüan-yang das gehört hatte, machte sie sich sofort auf den Weg zur Herzoginmutter.
 
Als Djia Liän sah, daß sie fort war, mußte er sich wohl oder übel um Hsi-fëng kümmern gehen. Wider Erwarten war sie schon wach gewesen, doch als sie gehört hatte, daß sich Djia Liän etwas zum Verpfänden von Yüan-yang borgen wollte, hatte sie sich nicht gut bemerkbar machen können, deshalb war sie einfach auf ihrer Ruhebank liegengeblieben. Als sie hörte, wie Yüan-yang wegging, und Djia Liän jetzt zu ihr hereintrat, fragte sie: „Hat sie eingewilligt?“
 
„Das nicht“, berichtete Djia Liän lächelnd, „aber einigen Erfolg habe ich schon gehabt. Du mußt am Abend noch einmal mit ihr sprechen, dann ist die Sache perfekt.“
 
„Ich will nichts damit zu tun haben“, erklärte Hsi-fëng lächelnd, „was ist, wenn sie wirklich zustimmt? Jetzt machst du schöne Worte, aber wenn du das Geld erst hast, sind die schönen Worte vergessen. Wer möchte dann mit dir rechten? Und wenn die alte gnädige Frau etwa doch von der Sache erfährt, ist es mit dem Ansehen, das ich mir in all den Jahren bei ihr erworben habe, aus und vorbei.“
 
„Du meine Wohltäterin!“ schmeichelte Djia Liän ihr lächelnd, „was möchtest du zum Dank haben, wenn du die Sache für mich zum Abschluß bringst?“
 
Ebenfalls lächelnd, forderte Hsi-fëng ihn auf: „Sag du, was du mir geben würdest!“
 
„Du kannst haben, was du willst“, versicherte Djia Liän, immer noch lächelnd.
 
Da mischte auch Ping-örl sich lächelnd ein und sagte: „Laßt Euch kein einfaches Dankgeschenk geben, junge gnädige Frau! Gestern erst habt Ihr erwähnt, daß Euch für einen bestimmten Zweck ein-, zweihundert Liang Silber fehlen. Da ist es doch das beste, Ihr sorgt dafür, daß er die Wertsachen geborgt bekommt, und nehmt ein-, zweihundert Liang von dem Silber. Wäre dann nicht für beide Seiten alles aufs beste geregelt?“
 
„Gut, daß du mich daran erinnerst. So werden wir es machen!“ entschied Hsi-fëng lächelnd.
 
„Ihr seid wirklich zu hart“, wandte Djia Liän, nach wie vor lächelnd, ein. „Ihr wärt doch nicht in Verlegenheit um ein Pfand, das tausend Liang Silber wert ist, nicht einmal um drei- oder fünftausend Liang bares Silber. Seid doch zufrieden, daß ich nicht von euch borgen will! Statt dessen verlangt ihr Prozente, nur weil ich euch bemühen will, einen einzigen Satz zu sagen. Das ist doch wahrhaftig die Höhe!“
 
Jetzt richtete Hsi-fëng sich auf, ehe sie ihm erwiderte: „Wenn ich dreitausend oder fünftausend Liang besitze, habe ich sie schließlich nicht dir weggenommen. Drinnen und draußen schwatzt hoch und niedrig hinter meinem Rücken schon genug über mich. Das fehlte gerade noch, daß auch du damit anfängst. Da sieht man, daß man sich wahrhaftig keine Feinde unter Fremden macht, wenn man nicht in der eigenen Familie welche hat!
 
Woher haben denn wir Wangs all unser Geld? Von euch Djias vielleicht? Ihr seid mir gerade die richtigen Schï Tschungs und Dëng Tungs0. Allein was man bei uns aus den Fußbodenritzen fegen könnte, würde doch ausreichen, damit ihr euer Leben lang ein Auskommen hättet. Das kann ich sagen, ohne daß ich Angst haben muß, mich einer Übertreibung zu schämen. Hier ist der Beweis: Schau dir nur an, was von der gnädigen Frau als Mitgift ins Haus gebracht wurde und von mir genauso. Welches Stück davon müßte den Vergleich mit euren Sachen scheuen?“
 
„Kaum daß man einen kleinen Scherz macht, regst du dich auf“, sagte Djia Liän lächelnd. „Was soll sein! Was macht es schon, wenn du ein-, zweihundert Liang Silber brauchst? Wenn ich auch mehr nicht habe, aber die habe ich noch. Ich werde sie holen, du gibst sie aus, und dann sehen wir weiter!“
 
„Ich brauche sie ja nicht für meine Beerdigung, damit man sie mir als Totenamulett in den Mund steckt und unter den Rücken legt. Wozu also die Eile?“ gab Hsi-fëng zurück.
 
„Warum mußt du dich so ereifern? Du bringst nur wieder das Feuer der Leber zum Lodern“, beschwichtigte sie Djia Liän.
 
„Nicht ich rege mich auf, du durchbohrst einem mit deinen Worten das Herz“, sagte Hsi-fëng und lächelte wieder. „Ich hatte daran gedacht, daß sich übermorgen der Todestag der zweiten Schwester You zum erstenmal jährt, und da wir befreundet waren, wollte ich, wenn ich schon sonst nichts tun kann, zu ihrem Grab gehen und Opfergeld für sie verbrennen, um zu zeigen, daß ich sie als meine Schwester betrachte. Wenn sie uns auch keinen Sohn und keine Tochter hinterlassen hat, so müssen doch die Überlebenden dafür geradestehen, was die Verstorbenen verschuldet haben.“
 
Damit hatte sie Djia Liän zum Schweigen gebracht, und er dachte mit gesenktem Koppf eine Zeitlang nach, ehe er schließlich sagte: „Es ist lieb von dir, daß du so an alles denkst. Ich hatte das ganz vergessen. Da du das Silber erst übermorgen brauchst, kannst du, wenn ich morgen diese Summe bekomme, so viel davon haben, wie du willst.“
 
Bei den letzten Worten war Lai Wangs Frau eingetreten, und Hsi-fëng fragte sie: „Hat es geklappt?“
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889b.
 
„Nein, es hat nichts genützt“, erwiderte jene. „Ich glaube, Ihr müßt das in die Hand nehmen, junge gnädige Frau, damit etwas daraus wird.“
 
„Worum geht es denn wieder?“ wollte Djia Liän wissen.
 
„Ach, es ist nichts Besonderes“, erklärte ihm Hsi-fëng, „Lai Wang hat einen Sohn, der jetzt siebzehn ist und noch keine Braut hat. Er wollte gern um Tsai-hsia aus den Räumen der gnädigen Frau für ihn freien, aber da man nicht wissen konnte, wie die gnädige Frau darüber denkt, hatte er noch nicht mit Tsai-hsias Eltern darüber gesprochen.
 
Nun hatte die gnädige Frau neulich geäußert, angesichts dessen, daß Tsai-hsia schon groß ist und viel von Krankheit und anderem Unheil befallen wird, wolle sie großzügig sein und sie freigeben, damit ihre Eltern nach eigenem Ermessen einen Bräutigam für sie suchen können. Deshalb hat sich Lai Wangs Frau an mich gewandt. Mir schien, die beiden Familien seien einander ebenbürtig und deshalb müsse die Sache auf Anhieb gelingen, aber nun kommt sie und sagt mir, ihre Bemühungen hätten nichts genützt.“
 
„Was für ein schwerwiegendes Problem ist das schon?“ meinte Djia Liän. „Es gibt doch bessere als Tsai-hsia!“
 
„Das sagt Ihr so, Herr“, erwiderte Lai Wangs Frau mit lächelnder Miene, „aber wenn nicht einmal ihre Familie uns achtet, werden andere es noch viel weniger tun. Es hat uns viel Mühe gekostet, bis wir endlich diese Braut für ihn gefunden haben, deshalb möchte ich Euch bitten, junger gnädiger Herr und junge gnädige Frau, daß Ihr uns die Gnade erweist und die Sache zum Abschluß bringt.
 
Nur weil Ihr, junge gnädige Frau, sagtet, Tsai-hsias Eltern würden ganz gewiß zustimmen, habe ich jemand bemüht, einen Versuch zu wagen, doch wider Erwarten hat sich meine Botin für nichts und wieder nichts eine Anfuhr geholt. Gegen das Mädchen selbst ist ja nichts zu sagen. Als ich ihr in meiner Art beiläufig auf den Zahn fühlte, machte sie keinerlei Einwendungen. Nur ihre Eltern, diese beiden alten Stücke, haben Höheres mit ihr im Sinn.“
 
Durch diese Worte fühlten sich Hsi-fëng und Djia Liän an ihrer Ehre gepackt, doch weil Djia Liän mit dabei war, sagte Hsi-fëng kein Wort und wartete nur ab, wie er sich dazu stellen würde. Djia Liän aber hatte ganz andere Sorgen, um sich solche Kleinigkeit zu Herzen zu nehmen, und wollte sich am liebsten aus der Sache heraushalten.
 
  
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 71

嫌隙人有心生嫌隙 / 鴛鴦女無意遇鴛鴦

Wer auf Risse aus ist, erzeugt absichtlich Risse; Das Mandarinenenten-Maedchen begegnet unbeabsichtigt einem Mandarinenenten-Paar

Mißgunst äußert sich bei passender Gelegenheit,Yüan-yang stößt auf ein verliebtes Paar.

Nachdem Djia Dschëng wieder in der Hauptstadt war und alle seine Amtsgeschäfte erledigt hatte, wurde ihm ein Monat Urlaub gewährt, damit er sich zu Hause erholen konnte. Und da er schon allmählich auf den Lebensabend zuschritt, da seine Pflichten schwer waren und sein Körper gebrechlich wurde, und da er schließlich nach mehrjähriger Abwesenheit, die ihn von seinen nächsten Angehörigen getrennt hatte, jetzt froh in den Schoß der Familie zurückgekehrt war, fühlte er sich unendlich glücklich. So vernachlässigte er nun mehr denn je alle ernsten Geschäfte, ob groß oder klein, und gab sich nur der Lektüre hin. Und wenn er der Bücher überdrüssig war, spielte er mit seinen Hausgästen Schach und trank Wein dabei, oder aber er plauderte wohl auch am hellen Tag in den inneren Gemächern mit seiner Mutter und seiner Frau über die Freuden, die einem Heim und Familie gewähren. Da am dritten Tag des achten Monats dieses Jahres der achtzigste Geburtstag der Herzoginmutter[1] war und alle Verwandten und Freunde kommen würden, so daß der Platz für die Festtafeln nicht ausreichen konnte, beriet sich Djia Dschëng rechtzeitig mit Djia Schë, Djia Dschën und Djia Liän, wobei sie übereinkamen, daß vom achtundzwanzigsten Tag des siebenten Monats bis zum fünften Tag des achten Monats im Jung-guo- und im Ning-guo-Anwesen zugleich gefeiert werden sollte. Ins Ning-guo-Anwesen sollten die männlichen, ins Jung-guo-Anwesen die weiblichen Gäste gebeten werden. Im Garten des Großen Anblicks wurden der Brokatbestückte Turm und die Halle des Vortrefflichen Schattens hergerichtet, damit sie den Gästen zum zeitweiligen Aufenthalt dienen konnten. Für den achtundzwanzigsten wurden kaiserliche Schwäger und Schwiegersöhne, Prinzen und Herzöge, Töchter des Kaisers und der kaiserlichen Prinzen, prinzliche Nebenfrauen sowie Mütter und Hauptfrauen hoher Beamter geladen, für den neunundzwanzigsten die Vorsitzenden des Thronsekretariats, die Leiter der Ministerien und des kaiserlichen Haushalts, die Gouverneure und Militärgouverneure der einzelnen Provinzen sowie die Hauptfrauen aller dieser Beamten, für den dreißigsten dann weitere Beamte mit ihren Hauptfrauen sowie enge und ferne Verwandte und Freunde mit ihren Frauen. Am ersten gab Djia Schë sein Fest im Familienkreis, am zweiten Djia Dschëng, am dritten Djia Dschën gemeinsam mit Djia Liän. Am vierten wurde ein Familienfest auf Kosten sämtlicher Sippenangehörigen – groß und klein, vornehm und gering – gegeben, am fünften schließlich ein Fest, das von Lai Da, Lin Dschï-hsiau und den übrigen Verwaltern beider Anwesen gemeinsam finanziert wurde. Von der ersten Dekade des siebenten Monats an wurden in steter Folge Geschenke gebracht. Vom Ritenministerium wurden auf allerhöchsten Befehl als Geschenke des Kaisers ein Glückwunschzepter aus Gold und Jade, vier Längen bunter Brokat, vier Ringe aus Gold und Jade sowie fünfhundert Liang Silber aus der kaiserlichen Schatzkammer überbracht. Außerdem schickte Yüan-tschun durch die Eunuchen eine Goldstatuette des Gottes der Langlebigkeit, einen Krückstock aus Adlerholz, eine Gebetsschnur aus Duftholzperlen, eine Dose „Weihrauch des Glücks und der Langlebigkeit“, ein Paar Goldbarren, vier Paar Silberbarren, zwölf Stücken bunten Brokat und vier jadene Becher. Auch unter den Familien der Prinzen kaiserlichen Geblüts und der Schwiegersöhne des Kaisers sowie aller höheren und niederen Zivil- und Militärbeamten, mit denen die Djias Umgang hatten, war keine, die nicht ebenfalls ihre Gaben schickte. Diese können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Haupthalle war ein großer Tisch bereitgestellt worden, der mit rotem Filz bedeckt war und auf dem alle feineren Geschenke aufgebaut wurden, damit die Herzoginmutter sie in Augenschein nehmen konnte. An den ersten beiden Tagen kam sie auch wirklich freudig herüber und sah sich alles an, aber dann hatte sie es satt, wollte nichts mehr sehen und sagte nur: „Sagt Hsi-fëng, sie soll es in Verwahrung nehmen! Ich sehe es mir ein andermal an, wenn ich Langeweile habe.“ Am achtumndzwanzigsten Tag des siebenten Monats glänzten beide Anwesen im Schmuck der Laternen und Seidenrosetten. An den Setzschirmen prangten Phönixbilder, auf den Sitzkissen strahlten Lotosmuster. Die Musik von Flöten und Trommeln drang hinaus in die Straßen und Gassen. Zu Gast ins Ning-guo-Anwesen kamen an diesem Tag nur die Prinzen Bee-djing und Nan-an, der kaiserliche Schwiegersohn Yung-tschang, der Prinz Lë-schan sowie die Träger der Erbtitel einiger Herzogs- und Fürstenhäuser, mit denen die Djias seit Generationen befreundet waren, und ins Jung-guo-Anwesen eine verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an, eine Nebenfrau des Prinzen Bee-djing sowie die Hauptfrauen der befreundeten Herzöge und Fürsten. Im vollen Festschmuck, wie er ihrem jeweiligen Rang entsprach, gingen ihnen die Herzoginmutter und alle anderen zum Empfang entgegen. Nachdem sie einander begrüßt hatten, wurden die Gäste zunächst in die Halle des Vortrefflichen Schattens im Garten des Großen Anblicks gebeten. Erst nachdem sie hier Tee getrunken hatten und austreten waren, verließen sie wieder den Garten und begaben sich in die Halle der Üppigen Glückwünsche hinüber, um ihre Gratulationen vorzutragen und dann zu Tisch zu gehen. Hierbei gab es ein langes Sichzieren, ehe endlich alle Platz genommen hatten. An den beiden Ehrentischen saßen die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an und die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing, an den übrigen Tischen der Rangfolge nach abwärts die Frauen der Herzöge und Fürsten. Am ersten Tisch linkerhand saßen als „begleitende Ehrengäste“ die Frau des Fürsten Djin-hsiang und die des Grafen Lin-tschang, und erst am ersten Tisch rechterhand war der Platz der Herzoginmutter. Hinter ihr standen, angeführt von den Damen Hsing und Wang, Frau You und Hsi-fëng mit den anderen jungen Frauen der Familie in keilförmiger Formation, um aufzuwarten. Außerhalb der Bambusvorhänge waren unter der Aufsicht der Frauen von Lin Dschï-hsiau und Lai Da Sklavenfrauen angetreten, um die Speisen und den Wein hereinzureichen. Hinter den Setzschirmen aber waren unter dem Kommando von Dschou Juees Frau Sklavenmädchen postiert, um etwaige Aufträge entgegenzunehmen. Das Gefolge der Gäste war von weiteren Sklavenfrauen fortgeführt worden, um anderswo bewirtet zu werden. Alsbald erschienen auf der Bühne die Schauspieler, um zuerst ihre Glückwünsche auszusprechen. Vor der Bühne traten zwölf Sklavenjungen in gleichartiger Aufmachung an, die noch zu klein waren, um ihr Haar wachsen zu lassen. Einen Augenblick später erschien am Fuße der Treppe ein weiterer kleiner Sklavenjunge mit dem Repertoirzettel und reichte ihn einer Sklavenfrau, deren Aufgabe es war, Meldungen weiterzuleiten. Erst aus ihren Händen empfing ihn Lin Dschï-hsiaus Frau, legte ihn auf ein kleines Tablett und trat damit durch die Tür, um ihn an die Nebenfrau Pee-fëng zu übergeben, die zu Frau Yous Bedienung gehörte. Aus Pee-fëngs Händen nahm Frau You das Tablett entgegen und trug den Zettel darauf zu den Ehrentischen, wo sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an erst ein Weilchen höflich zierte, ehe sie einen glückverheißenden Titel auswählte. Nachdem sich auch die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing eine Zeitlang geziert hatte, suchte sie ebenfalls eine Szene aus. Anschließend machten auch alle anderen Gäste dieselben Umstände und sagten, man solle nur nach Belieben einige gute Szenen bestimmen, um sie spielen zu lassen. Als nach kurzer Zeit schon die vierte Speise aufgetragen und die Suppe gereicht worden war, verteilte das Gefolge der Gäste die Belohnungen für die Schauspieler. Nachdem alle austreten waren, gingen sie in den Garten zurück, wo feiner Tee serviert wurde. Nun erkundigte sich die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an nach Bau-yü, und die Herzoginmutter gab lächelnd die Auskunft: „Heute wird in mehreren Tempeln das Sutra zum Erhalt der Gesundheit und zur Verlängerung des Lebens verlesen, und er nimmt daran teil.“ Nach den jungen Mädchen gefragt, sagte die Herzoginmutter, wiederum lächelnd: „Die einen sind krank, die anderen schwächlich, außerdem sind sie scheu gegenüber Fremden. Darum habe ich ihnen gesagt, sie sollen meine Räume beaufsichtigen. Und da genug Schaupielertruppen im Hause sind, habe ich eine davon hinübergeschickt, damit sie bei mir in der Halle vor unsern Mädchen und ihren Kusinen aus den Familien ihrer Tanten etwas vorführt.“ „Wenn das so ist“, sagte die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an, „laßt sie doch durch jemand herüberbitten!“ Also wandte die Herzoginmutter den Kopf nach Hsi-fëng und befahl ihr, sie solle Hsiang-yün, Bau-tschai, Bau-tjin und Dai-yü herüberholen. „Außer diesen bringst du nur das dritte Fräulein zu ihrer Begleitung mit!“ setzte sie noch hinzu. Hsi-fëng ging in die Räume der Herzoginmutter hinüber, wo die Mädchen eben Naschwerk knabberten und dabei dem Theaterspiel zusahen. Auch Bau-yü war gerade von seinem Tempelbesuch zurückgekommen. Als Hsi-fëng ihre Bestellung ausgerichtet hatte, folgten ihr Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Tan-tschun und Hsiang-yün in den Garten, wo sie die Besucherinnen begrüßten und sich nach ihrem Befinden erkundigten. Einige Besucherinnen waren mit den Mädchen bereits bekannt, manche sahen sie zum ersten Mal, aber alle lobten sie ohne Ende. Am vertrautesten war die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an mit Hsiang-yün, darum warf sie ihr lächelnd vor: „Da bist du hier im Hause, aber anstatt herüberzukommen, wenn du hörst, ich sei zu Besuch, wartest du, bis ich dich holen lasse! Morgen werde ich mit deinem Onkel deswegen abrechnen!“ Nun faßte sie mit der einen Hand Tan-tschun, mit der anderen Bau-tschai, erkundigte sich nach ihrem Alter und lobte sie gleich noch einmal in einem fort. Dann ließ sie die beiden wieder los, faßte statt dessen Dai-yü und Bau-tjin bei den Händen, musterte sie sorgfältig und spendete auch ihnen höchstes Lob. „Ihr seid alle so lieb“, sagte sie lächelnd, „daß ich nicht weiß, wen von euch ich am meisten loben soll!“ Schon hatte jemand fünf Satz Geschenke zurechtgemacht, die von der verwitweten Nebenfrau des Prinzen Nan-an in Reserve gehalten worden waren, und jedes der Mädchen bekam einen goldenen und einen jadenen Fingerring sowie eine Armkette aus Duftholzperlen. „Lacht bitte nicht über das wertlose Zeug!“ bat die verwitwete Nebenfrau. „Nehmt es und schenkt es euren Mägden!“ Sofort fielen die fünf Mädchen auf die Knie und bedankten sich. Auch von der Nebenfrau des Prinzen Bee-djing bekamen sie fünferlei Geschenke. Was die übrigen gaben, braucht nicht im einzelnen erläutert zu werden. Nach dem Teetrinken spazierten alle ein wenig durch den Garten, und dann bat die Herzoginmutter sie an die Tafel zurück. Aber die verwitwete Nebenfrau des Prinzen Nan-an entschuldigte sich, sie fühle sich nicht recht wohl. „Nicht zu kommen wäre nicht recht gewesen“, sagte sie, „aber jetzt müßt Ihr schon gestatten, daß ich mich verabschiede.“ Die Herzoginmutter konnte sie nicht gut nötigen und begleitete sie deshalb nach einigem höflichen Hinundher bis zum Gartentor, wo diese in ihre Sänfte stieg und sich forttragen ließ. Die Nebenfrau des Prinzen Bee-djing blieb noch ein Weilchen, dann nahm auch sie Abschied. Von den anderen blieben manche bis zum Schluß, manche auch nicht. Da die Herzoginmutter von den Anstrengungen des Tages erschöpft war, empfing sie die Besucherinnen des nächsten Tages nicht persönlich, und an ihrer Statt mußten sich die Damen Hsing und Wang mit ihnen abgeben. Als die jungen Männer aus den befreundeten Familien erschienen, um der Herzoginmutter ihre Geburtstagsgrüße zu entbieten, wurden sie in die Halle geführt, um sich dort zu verbeugen, und erwidert wurden diese Verbeugungen durch Djia Schë, Djia Dschëng und Djia Dschën, die die Besucher anschließend ins Ning-guo-Anwesen zu Tisch führten. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Frau You ging an all diesen Tagen nicht in das andere Anwesen hinüber. Am Tage betreute sie die Besucherinnen, und bei Nacht schlief sie im Garten des Großen Anblicks in den Räumen von Li Wan. Eines Abends sagte die Herzoginmutter, nachdem Frau You ihr beim Abendessen aufgewartet hatte: „Ihr seid alle müde, und auch ich bin müde, darum seht zu, daß ihr etwas zu essen bekommt, und dann legt euch schlafen. Morgen müssen wir wieder früh aufstehen, um den Trubel über uns ergehen zu lassen.“ Frau You sagte: „Jawohl!“ und zog sich zurück. Dann begab sie sich in die Räume von Hsi-fëng, um zu essen. Hsi-fëng selbst war gerade im zweistöckigen Speichergebäude, um die Leute zu beaufsichtigen, die einen neuen Setzschirm wegstellten, den die Herzoginmutter geschenkt bekommen hatte, und so befand sich in ihren Räumen nur Ping-örl, damit beschäftigt, Hsi-fëngs Kleider zusammenzulegen. Also fragte Frau You: „Hat eure junge Herrin schon gegessen?“ „Würden wir Euch nicht hergebeten haben, junge gnädige Frau, wenn wir gegessen hätten?“ fragte Ping-örl lächelnd zurück. „Wenn das so ist, werde ich zusehen, daß ich anderswo etwas zu essen finde“, sagte Frau You, ebenfalls lächelnd. „Ich halte es vor Hunger nicht mehr aus.“ Und damit wandte sie sich zum Gehen. „Bleibt doch bitte, junge gnädige Frau!“ forderte Ping-örl sie rasch mit lächelndem Gesicht auf. „Hier ist Gebäck. Damit könnt Ihr Euch ein wenig stärken, und nachher kommt Ihr zum Essen wieder!“ „So beschäftigt, wie ihr hier seid, gehe ich lieber in den Garten und falle den Mädchen zur Last“, sagte Frau You und ging nun wirklich hinaus. Da Ping-örl sie nicht zu halten vermochte, mußte sie ihr wohl oder übel ihren Willen lassen. Frau You ging dann geradewegs zum Garten, wobei sie feststellen mußte, daß sowohl das Haupttor als auch die Nebentore des Gartens noch nicht geschlossen waren. Auch brannten noch überall die bunten Laternen. Darum wandte sie den Kopf und befahl einem ihrer kleinen Sklavenmädchen, die diensthabenden Frauen zu rufen. Das Mädchen ging in die Wachstube, aber hier war nicht die Spur eines Menschen, nicht einmal sein Schatten. Also kehrte sie zu Frau You zurück, um ihr dies zu melden. Darauf befahl ihr Frau You, eine von den Verwalterinnen zu holen. Das Mädchen sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus zu der Plattform außerhalb des Innentors, wo die Verwalterinnen ihren Versammlungs- und Beratungsplatz hatten, aber auch hier fand sie nur zwei alte Sklavenfrauen vor, die damit beschäftigt waren, Gemüse und Obst in Portionen zu teilen. Diese fragte sie nun: „Welche von den Verwalterinnen ist hier? Die junge gnädige Frau aus dem Ostanwesen hat ihr auf der Stelle etwas zu sagen.“ Die beiden Alten waren ganz in ihr Geschäft vertieft, und außerdem hörten sie, es handle sich um die junge gnädige Frau aus dem anderen Anwesen. Darum nahmen sie die Sache nicht weiter ernst und antworteten: „Die Verwalterfrauen sind eben nach Hause gegangen.“ „Dann geht ihr zu einer von ihnen nach Hause und holt sie!“ verlangte das Mädchen. „Wir haben hier nur aufzupassen und niemand zu holen“, erwiderten die Alten. „Wenn ihr wollt, daß sie geholt wird, müßt ihr jemand beauftragen, der dazu da ist, Bestellungen auszurichten.“ „Also, ... also, das ist ja Aufruhr!“ empörte sich das Mädchen. „Wieso wollt ihr sie nicht holen? So könnt ihr mit jemand umgehen, der hier neu ist, aber nicht mit mir! Wer holt sie denn sonst, wenn nicht ihr?! Wenn ihr hört, es gibt etwas zu verdienen oder eine der Verwalterfrauen soll ein Geschenk bekommen, dann reißt ihr euch darum, sie zu holen, und würdet am liebsten noch mit dem Schwanz wedeln, jetzt aber wißt ihr nicht, wer wer ist. Würdet ihr genauso antworten, wenn ihr für die Gattin des jungen Herrn Liän jemand holen solltet?“ Die beiden Frauen hatten zuvor Wein getrunken, außerdem hatte das Sklavenmädchen mit seinen Worten an einen wunden Punkt gerührt, und die Scham darüber brachte die beiden in Zorn. Deshalb erwiderten sie: „Daß du dich nicht schämst, solchen Unsinn zu schwatzen! Schließlich ist es unsere Sache, ob wir jemand holen oder nicht, und dich geht das gar nichts an. Außerdem brauchst du uns hier nicht madig zu machen. Denk einmal daran, wie sich deine Eltern vor euren eigenen Verwaltern noch viel mehr lieb Kind zu machen verstehen als wir! Oder hältst du uns vielleicht für blind? Jeder soll nur hübsch vor der eigenen Tür kehren! Wenn du das Zeug dazu hast, kannst du eure Leute drüben ausschmieren, aber bei uns bist du an der falschen Adresse!“ Das Sklavenmädchen war blaß geworden vor Zorn. „Gut, gut, das will ich mir merken!“ sagte sie. Und damit machte sie kehrt und ging zum Gartentor zurück, um Frau You von der Sache zu unterrichten. Aber Frau You war inzwischen längst in den Garten hineingegangen, wo sie Hsi-jën, Bau-tjin und Hsiang-yün traf, die mit zwei Nonnen aus dem Ksitigarbha-Kloster[2] plauderten und sich von ihnen Geschichten erzählen ließen. Als Frau You sagte, sie sei hungrig, gingen sie mit ihr in den Hof der Freude am Roten, wo Hsi-jën einen Imbiß – sowohl mehrere Fleischspeisen als auch fleischlose Gerichte – auftun ließ, den sie für Frau You in den Vorraum herausbrachte. Die beiden Nonnen tranken mit Bau-tjin und Hsiang-yün zusammen Tee und erzählten weiter ihre Geschichten. Da trat das kleine Sklavenmädchen von Frau You herein, das sich unverzüglich auf die Suche nach ihr gemacht hatte, und berichtete wutentbrannt in aller Ausführlichkeit, was sie soeben von den beiden alten Sklavenfrauen hatte anhören müssen. „Wer waren die beiden?“ erkundigte sich Frau You sofort mit verächtlichem Lächeln. „Nicht doch!“ mischten sich da die beiden Nonnen ein, und im Verein mit ihnen auch Bau-tjin und Hsiang-yün, die befürchteten, Frau You könnte sich aufregen. „Bestimmt hat sie sich verhört!“ Dann stießen die beiden Nonnen das kleine Sklavenmädchen an und sagten lächelnd: „Du bist aber hitzig, Kind! Du hättest es doch nicht melden müssen, was die beiden dummen alten Weiber gesagt haben. Tagelang hat deine Herrin ihren kostbaren Leib strapazieren müssen, jetzt hat sie noch keinen Schluck getrunken und keinen Happen gegessen, und es war uns erst zur Hälfte gelungen, sie mit unseren Scherzen wieder aufzuheitern, da kommst du und erzählst solche Sachen!“ Hsi-jën faßte das kleine Sklavenmädchen schnell bei der Hand, um es hinauszuführen, und redete ihm lächelnd zu: „Ruh dich draußen erst mal ein bißchen aus, Schwesterchen! Ich werde gleich jemand nach den Verwalterinnen schicken!“ „Laß nicht nach den Verwalterinnen schicken, sondern nach diesen beiden Alten!“ verlangte Frau You. „Und dann laß Hsi-fëng von drüben holen!“ Lächelnd erklärte Hsi-jën: „Ich werde sie herbitten!“ „Nein!“ sagte Frau You. „Du gehst mir nicht!“ Sofort erhoben sich nun die beiden Nonnen von ihren Plätzen und sagten lächelnd: „Ihr wart doch sonst immer großmütig, junge gnädige Frau. Und meint Ihr nicht, daß es Gerede geben würde, wenn Ihr ausgerechnet zum Geburtstag der alten Ahne wütend werdet?“ Auch Bau-tjin und Hsiang-yün redeten mit lächelndem Gesicht begütigend auf Frau You ein. „Wenn nicht der Geburtstag der alten gnädigen Frau wäre, würde ich auf keinen Fall nachgeben“, erklärte Frau You. „Aber so mag es hingehen.“ Inzwischen hatte Hsi-jën schon ein Sklavenmädchen zum Gartentor geschickt, um jemanden von dort zu holen, und dieses Mädchen stieß auf niemand anders als auf Dschou Juees Frau. Also erzählte sie ihr den ganzen Vorfall, und wenn Dschou Juees Frau auch nichts damit zu tun hatte, so genoß sie doch als langjährige Sklavin, die von Dame Wang mit in die Ehe gebracht worden war, einiges Ansehen und hatte es verstanden, sich durch geschickte Schmeicheleien bei der gesamten Herrschaft beliebt zu machen. Als sie sich angehört hatte, was vorgefallen war, lief sie spornstreichs zum Hof der Freude am Roten, trat hier mit schnellem Schritt ins Haus und versicherte dabei lautstark: „Es ist unerhört, wie man Euch so erzürnen konnte, junge gnädige Frau! Bei uns sind jetzt Sitten eingerissen, die einfach nicht zu ertragen sind. Und wie zum Tort mußte ich nicht dabeisein. Wäre ich dabeigewesen, dann hätte ich den beiden auf der Stelle ein paar Ohrfeigen verpaßt, und in ein paar Tagen hätte ich mit ihnen abgerechnet.“ Lächelnd blickte Frau You sie an und sagte: „Gut, daß du da bist, Schwester Dschou! Entscheide du, ob das richtig ist: Um diese Zeit stehen die Tore noch weit offen, und die Laternen brennen noch hell. Alles mögliche Volk kann hier ein- und ausgehen. Was, wenn etwas passiert? Deshalb wollte ich den Diensthabenden sagen, sie sollten die Lampen ausblasen und die Tore zumachen. Dann aber stellte sich heraus, daß keine Menschenseele zur Stelle war.“ „Ist das die Möglichkeit?“ empörte sich Dschou Juees Frau. „Neulich erst hat unsere zweite junge Herrin angeordnet, in diesen Tagen, wo so viel Trubel herrscht und so ein gemischtes Volk im Anwesen ist, sollten die Tore geschlossen und die Lampen gelöscht werden, sobald es Abend wird, und niemand, der nicht in den Garten gehört, sollte mehr eingelassen werden. Und nun war einfach niemand da! Wenn die Feiern erst zu Ende sind, werden wohl einige Leute Schläge bekommen müssen!“ Nun erzählte Frau You noch, was ihr das Sklavenmädchen berichtet hatte, und Dschou Juees Frau sagte: „Regt Euch nicht auf, junge gnädige Frau! Wenn das Fest vorüber ist, werde ich den Verwalterinnen sagen, sie sollen die beiden tüchtig durchklopfen lassen. Und dann sollen sie sich auch erkundigen, wer denen beigebracht hat zu sagen, jeder solle hübsch vor der eigenen Tür kehren. Die Lampen zu löschen und das Haupttor wie die Nebentore zu schließen habe ich schon angeordnet.“ Während es noch aufgeregt hin- und herging, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Frau You zum Essen zu bitten. Diese aber fertigte die Sklavin ab: „Ich habe keinen Hunger, eben erst habe ich etwas Gebäck gegessen! Deine Herrin soll bitte allein essen!“ Dschou Juees Frau, die einige Zeit später auf bequeme Weise fortgehen konnte, erstattete Hsi-fëng über den Vorfall Bericht und setzte dann noch hinzu: „Die beiden Alten gehören zu den Verwalterinnen. Sooft wir mit ihnen sprechen, führen sie sich auf wie bissige Hunde. Wenn Ihr sie nicht verwarnt und belehrt, ist das für die Ehre der älteren jungen Herrin unerträglich.“ „Dann schreib die beiden namentlich auf, und wenn die Feiern vorüber sind, soll man sie gefesselt in das andere Anwesen hinüberbringen, wo meine Schwägerin ihnen nach eigenem Ermessen eine Belehrung erteilen soll. Ob sie ihnen ein paar Schläge gibt oder Gnade walten läßt und ihnen verzeiht, liegt ganz bei ihr“, entschied Hsi-fëng. „Was ist da schon groß dabei?“ Dschou Juees Frau hatte begierig auf jedes Wort gelauscht, denn sie war auf diese Frauen schon lange böse. Als sie Hsi-fëngs Gehöft wieder verlassen hatte, gab sie einem Sklavenjungen den Auftrag, Lin Dschï-hsiaus Frau über Hsi-fëngs Anordnung zu unterrichten und ihr zu sagen, sie solle unverzüglich die ältere junge Herrin aufsuchen. Außerdem gab sie sofort jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen zu binden und unter Bewachung im Pferdestall einzusperren. Lin Dschï-hsiaus Frau wußte natürlich nicht, was es jetzt, da schon die Lampen brannten, noch zu erledigen gab, aber sie stieg rasch in den Wagen und kam angefahren. Zuerst wollte sie zu Hsi-fëng. Aber als sie vom Innentor aus Bescheid geben ließ, erschien ein Sklavenmädchen, um ihr zu sagen: „Meine Herrin hat sich gerade schlafen gelegt. Die ältere junge Herrin ist im Garten, geht nur zu ihr!“ Also begab sich Lin Dschï-hsiaus Frau in den Garten zum Reisduftdorf. Als die Sklavenmädchen sie drinnen anmeldeten, tat es Frau You leid, daß man sie herbemüht hatte, deshalb rief sie sie schnell herein und sagte ihr mit lächelnder Miene: „Ich hatte nur nach dir gefragt, weil ich jemand von den Leuten suchte und niemand zu finden war. Wer hat dich jetzt rufen lassen, wenn du schon fort warst? Den Weg hast du umsonst gemacht, denn es war weiter nichts Wichtiges, und die Sache hat sich schon erledigt.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Lin Dschï-hsiaus Frau: „Die zweite junge Herrin hat jemand geschickt, um mich holen zu lassen, und wie es hieß, wolltet Ihr mir etwas sagen.“ „Nicht doch!“ erklärte Frau You lächelnd, „ich wußte nicht, daß du schon fort warst, und hatte vergeblich nach dir gefragt. Irgend jemand muß das unnötigerweise Schwägerin Hsi-fëng erzählt haben, wahrscheinlich war es Schwester Dschou. Fahr nur wieder nach Hause und ruh dich aus! Es war nichts Besonderes.“ Li Wan wollte noch erklären, was sich zugetragen hatte, doch Frau You hinderte sie daran. Angesichts dieser Umstände hatte Lin Dschï-hsiaus Frau keine andere Wahl, als den Garten wieder zu verlassen. Dabei führte ihr der Zufall Nebenfrau Dschau in den Weg, die lächelnd zu ihr sagte: „Ei, ei, Schwägerin! Was machst du denn noch hier, anstatt zu Hause zu sitzen und dich auszuruhen?“ Lächelnd erklärte ihr Lin Dschï-hsiaus Frau den Grund, sagte ihr, so und so sei es gewesen, und es sei dies eine merkwürdige Geschichte. Nun hatte Nebenfrau Dschau größte Freude daran, solcherlei Dinge genau auszuforschen, und stand stets auf gutem Fuß mit den Frauen von der Verwaltung, um sich mit ihnen auszutauschen, damit sie um so besser ihre Ränke spinnen konnte. Über den Vorfall von vorhin hatte sie schon zu acht, neun Zehnteln Bescheid gewußt, und als sie jetzt die Erklärung hörte, die Lin Dschï-hsiaus Frau ihr gab, erzählte sie dieser, so und so habe sich die Sache zugetragen. „Das war es also!“ sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd. „Aber das ist doch kaum einen Furz wert! Wenn die junge Herrin gnädig ist, wird sie nichts weiter sagen, und selbst wenn sie engherzig sein sollte, gibt es ein paar Schläge dafür, mehr nicht.“ „Schwerwiegend ist die Sache wahrhaftig nicht, meine Schwägerin“, sagte Nebenfrau Dschau darauf. „Aber man sieht doch daran, daß die ein bißchen gar zu hemmungslos sind. Da lassen sie dich extra herholen, um sich offen über dich lustig zu machen und dich an der Nase herumzuführen. Aber fahr jetzt nur nach Hause und ruh dich aus! Morgen ist wieder viel zu tun. Deshalb will ich dich auch nicht noch zum Tee einladen.“ Damit war das Gespräch beendet, und Lin Dschï-hsiaus Frau wollte schon hinausgehen, als am Nebentor die Töchter der beiden Sklavenfrauen von vorhin auf sie zu traten und weinend baten, sie möge ein gutes Wort für ihre Mütter einlegen. „Ihr seid ganz schön dumm“, sagte Lin Dschï-hsiaus Frau darauf lächelnd zu ihnen, „wer hat denn eure Mütter geheißen, erst zu trinken und dann solchen Unsinn zu reden, daß ein Skandal daraus wurde? Und ich habe nicht einmal davon gewußt. Die zweite junge Herrin hat Leute geschickt, um sie zu binden, und selbst mir hat man Vorwürfe gemacht. Wie käme ich also dazu, für sie zu bitten?“ Aber die beiden Sklavenmädchen waren nicht älter als sieben oder acht Jahre[3] und kannten sich deshalb nicht aus. Darum bettelten sie schluchzend weiter und trieben Lin Dschï-hsiaus Frau damit so in die Enge, daß sie schließlich sagte: „Ihr dummen Dinger! Den richtigen Weg laßt ihr außer acht, statt dessen belästigt ihr mich. Du da, deine ältere Schwester ist doch jetzt dem Sohn von Tante Fee, der alten Magd der gnädigen Frau von drüben, zur Frau gegeben worden. Geh also hinüber und erzähl die Sache deiner Schwester, damit ihre Schwiegermutter mit der gnädigen Frau spricht, dann ist alles erledigt!“ Nun wußte die eine, was sie zu tun hatte, aber die andere flehte weiter, bis Lin Dschï-hsiaus Frau ausspuckte und schimpfte: „Dummes Gör! Wenn sie hinübergeht und mit ihrer Schwester spricht, ist doch alles gut. Wieso sollte man nur ihre Mutter laufen lassen, deine Mutter dagegen unbedingt schlagen?“ Mit diesen Worten stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon. Das kleine Mädchen ging dann wirklich zu seiner Schwester, und diese sprach mit der alten Fee. Die alte Fee war von Dame Hsing als Sklavenmädchen mit in die Ehe gebracht worden und hatte früher auch einiges gegolten. Aber weil Dame Hsing in der letzten Zeit bei der Herzoginmutter nicht mehr hoch im Kurs stand, hatte auch ihr gesamtes Gefolge an Macht eingebüßt, und jeder, der hier bei Djia Dschëng über ein bißchen Ansehen verfügte, belauerte die Leute aus Djia Schës Haushalt argwöhnisch wie ein Tiger. Die alte Fee machte gern von den Vorrechten Gebrauch, die ihr auf Grund ihres Alters zustanden, nutzte die Machtstellung von Dame Hsing für sich aus, und wenn sie Wein getrunken hatte, pflegte sie wüst zu zanken, um sich Luft zu machen. Als sie jetzt bei so einem großartigen Anlaß wie dem Geburtstag der Herzoginmutter tatenlos zusehen mußte, wie andere bei der Erledigung von Sonderaufträgen ihren Witz und ihr Talent einzusetzen verstanden und ein großes Gewese darum machten, war sie schon längst verärgert, hatte andeutungsweise geschimpft und gescholten und mit haltlosen Behauptungen für Unruhe gesorgt. Doch in Djia Dschëngs Haushalt nahm niemand sie für voll. Die Nachricht, daß die Schwiegermutter ihres Sohnes auf Befehl von Dschou Juees Frau in Fesseln gelegt worden sei, goß nun erst recht Öl ins Feuer, und mutig geworden durch den Wein, den sie genossen hatte, wies die alte Fee mit der Hand in Richtung der Trennmauer zwischen den beiden Gehöften und schimpfte dabei, was das Zeug hielt. Dann ging sie zu Dame Hsing und sagte, die Schwiegermutter ihres Sohnes habe durchaus nichts verbrochen. „Nur ein müßiges kleines Wortgefecht mit einer Magd der jungen gnädigen Frau aus dem andern Anwesen hat sie gehabt“, beteuerte sie, „doch auf Betreiben von Dschou Juees Frau hat unsere eigene junge Herrin sie gefesselt in den Pferdestall sperren lassen, und nach dem Fest soll sie sogar geschlagen werden. Dabei ist sie eine Frau von weit über siebzig Jahren. Ich bitte Euch, gnädige Frau, sprecht mit der zweiten jungen Herrin, damit sie ihr dies eine Mal noch verzeiht!“ Schon nach der Schlappe, sie in der Sache mit Yüan-yang hatte einstecken müssen, mußte Dame Hsing erleben, wie sie von der Herzoginmutter immer kühler behandelt wurde, während Hsi-fëng ein höheres Ansehen genoß als sie. Und als jetzt die verwitwete Nebenfrau des vorigen Prinzen Nan-an dagewesen war und die Mädchen hatte sehen wollen, hatte die Herzoginmutter zwar Tan-tschun rufen lassen, aber Ying-tschun hatte sie behandelt, als wenn es sie gar nicht gäbe. Deshalb war Dame Hsing schon längst verärgert und mißmutig, ohne daß sie das auch nur hätte zeigen dürfen. Außerdem war Dame Hsing von kleinen Leuten umgeben, die ihre Mißgunst und ihren Groll nicht zu äußern wagten und deshalb nur im Verborgenen Gerüchte in Umlauf setzten, Reibereien verursachten und bemüht waren, ihre Herrin aufzustacheln. Anfangs hatten sie sich nur über die Sklaven aus dem anderen Haushalt beklagt, dann waren sie allmählich auch über Hsi-fëng hergezogen. „Sie schmeichelt sich nur bei der alten gnädigen Frau ein, um Macht zu gewinnen und für ihr eigenes Glück zu sorgen“, sagten sie. „Der junge Herr Liän aber wird von ihr gegängelt, und die zweite gnädige Frau wird von ihr aufgehetzt, damit sie Euch als der eigentlichen gnädigen Frau den schuldigen Respekt verweigert.“ Zu guter Letzt hatten sie sich sogar an Dame Wang selbst herangewagt und behauptet: „Daß die alte gnädige Frau Euch nicht mag, liegt nur daran, daß sie von der zweiten gnädigen Frau und von der Frau des zweiten jungen Herrn gegen Euch scharfgemacht wird.“ Mochte Dame Hsing auch ein Herz aus Eisen und eine Galle aus Bronze haben, aber sie war und blieb doch eine Frau, und so waren ihre Gedanken unvermeidlich auch nicht ganz von Mißgunst frei. Darum war Hsi-fëng ihr in jüngster Zeit zutiefst verhaßt, und als sie jetzt von dem neuesten Vorfall erfuhr, fragte sie nicht viel danach, wer im Recht war und wer im Unrecht. Als Dame Hsing am nächsten Morgen in aller Frühe hinüberging, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, war bereits die ganze Sippe versammelt und hatte Platz genommen, um die Theatervorführung zu sehen. Die Herzoginmutter war in bester Laune, und weil heute niemand von der entfernteren Verwandtschaft anwesend war, sondern nur die Kinder und Kindeskinder aus der eigenen Sippe, erschien sie in bequemer Kleidung und alltäglichem Schmuck, um in der Halle die Geburtstagsgrüße zu empfangen. Mitten im Raum stand eine einzige Ruhebank, komplett mit Kissen, Polstern und Fußbank versehen. Darauf machte es sich die Herzoginmutter bequem. Rings um die Ruhebank standen gleichartige niedrige Schemel, auf denen die Mädchen Bau-tschai, Bau-tjin, Dai-yü, Hsiang-yün, Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun sie umgaben. Djia Biäns Mutter hatte auch ihre Tochter Hsi-luan mitgebracht, ebenso Djia Tjiungs Mutter ihre Tochter Sï-djiä, und weitere Großnichten der Herzoginmutter aus anderen Zweigen der Sippe waren ebenfalls da, insgesamt an die zwanzig Mädchen verschiedenen Alters. Aber die Herzoginmutter fand nur an Hsi-luan und Sï-djiä Gefallen, die hübsch gewachsen waren und sich in Redeweise und Betragen von der Menge abhoben, weshalb sie den beiden befahl, näher zu kommen und sich bei ihr vor der Ruhebank zu setzen. Bau-yü aber saß mit auf der Ruhebank zu Füßen der Herzoginmutter und klopfte ihr die Beine. Am Ehrentisch war Tante Hsüä plaziert, zu beiden Seiten aber saß die gesamte weibliche Verwandtschaft in der Reihenfolge der Familienzweige und Generationen. Außerhalb der Bambusvorhänge saßen im Säulengang beiderseits vor der Halle die männlichen Sippenangehörigen, ebenfalls nach der Rangfolge geordnet. Zuerst entboten die weiblichen Gäste gruppenweise den zeremoniellen Gruß, dann erst die männlichen. Die Herzoginmutter lehnte derweilen lässig auf ihrer Ruhebank, und ehe sie durch jemand sagen ließ: „Ihr könnt auf die Zeremonie verzichten!“, hatten schon alle den Gruß vollzogen. Anschließend waren unter Lai Das Führung die Männer vom Gesinde an der Reihe, und sie knieten vom Zeremonialtor bis vor die Halle. Nachdem sie alle ihre Stirnaufschläge gemacht hatten, folgten die Sklavenfrauen, dann die Sklavenmädchen aus den einzelnen Wohngebäuden. Das Ganze dauerte genausolange, wie man braucht, um zwei, drei Portionen Reis zu essen. Als nächstes wurden zahlreiche Käfige mit Vögeln gebracht, denen dann im Hof die Freiheit gegeben wurde. Und als Djia Schë mit seinen Helfern zusammen das Opfergeld für den Himmel, für die Erde und für den Stern der Langlebigkeit[4] verbrannt hatte, begannen das Theaterspiel und das Weintrinken. In ihre Räume zog sich die Herzoginmutter nicht vor Ende des Hauptteils der Vorführung zurück, um sich auszuruhen, wobei sie die anderen aufforderte, es sich bequem zu machen. Außerdem beauftragte sie Hsi-fëng, sie solle Hsi-luan und Sï-djiä für ein paar Tage dabehalten, ehe sie wieder nach Hause zurückkehrten. Also ging Hsi-fëng hinaus, um mit den Müttern der beiden zu sprechen, und da diese stets nur Wohltaten von ihr empfangen hatten, bedurfte es kaum eines Wortes. Auch die beiden Mädchen waren gern damit einverstanden, sich im Garten zu vergnügen, und so gingen sie zur Nacht nicht mit fort. Als die Gesellschaft am Abend auseinanderging, trat Dame Hsing vor aller Augen mit lächelnder Miene an Hsi-fëng heran und sagte: „Wie ich gehört habe, hast du dich gestern Abend geärgert und hast die Frau des Verwalters Dschou losgeschickt, um zwei alte Frauen in Fesseln legen zu lassen, weil sie irgend etwas verbrochen haben. Eigentlich dürfte ich natürlich nicht für sie bitten, aber ich sage mir, heute hat die alte gnädige Frau ihren Ehrentag, und an einem solchen Tag pflegt jeder, selbst wenn er sonst böse ist, Geld und Reis zu verteilen, um den Armen und Alten zu helfen, bei uns dagegen fängt man an, die Leute zu quälen. Nicht um meinetwillen, aber um der alten gnädigen Frau willen laß die beiden laufen!“ Nachdem sie das gesagt hatte, stieg sie in ihren Wagen und fuhr davon. Als Hsi-fëng diese Worte anhören mußte, noch dazu in Gegenwart so vieler Zeugen, wußte sie im ersten Moment vor Scham und Zorn nicht, was sie tun sollte. Blau angelaufen vor unterdrückter Wut, wandte sie den Kopf nach Lai Das Frau und sagte mit lächelnder Miene: „Was heißt denn das? Weil sich gestern welche von unsern Leuten gegen meine Schwägerin aus dem andern Anwesen vergangen haben und ich Angst hatte, sie könnte das übelnehmen, habe ich es einfach ihr überlassen, die beiden auf freien Fuß zu setzen, denn sie hatten sich ja nicht gegen mich vergangen. Wer hat denn da wieder einmal so einen flinken Zuträger gehabt?“ Jetzt wollte Dame Wang wissen, worum es ging, und lächelnd berichtete Hsi-fëng über den Vorfall vom vergangenen Tag. „Davon habe ja nicht einmal ich etwas gewußt“, erklärte Frau You staunend und lächelte ebenfalls. „Du bist wirklich zu weit gegangen.“ „Da es um deine Ehre ging, wollte ich, daß du ihnen eine Belehrung erteilst. Das ist nicht mehr, als die Etikette verlangt“, verteidigte sich Hsi-fëng. „Wenn umgekehrt ich bei euch drüben beleidigt werde, wirst du mir ja den Schuldigen ebenfalls ausliefern, um mir Genugtuung zu geben. Diese Form darf schließlich nicht verletzt werden, egal um was für einen guten Sklaven es sich handelt. Wer weiß, wer da wieder hinübergelaufen ist, um seinen Diensteifer zu beweisen, und jetzt wird eine Staatsaffäre daraus gemacht.“ „Aber deine Schwiegermutter hat recht“, sagte Dame Wang. „Und schließlich ist auch die Frau deines Vetters Dschën keine Fremde, so daß diese leeren Förmlichkeiten nicht nötig sind. Das Wichtigste ist, daß die alte gnädige Frau Geburtstag hat, darum müssen die beiden freigelassen werden.“ Und schon wandte sie den Kopf und erteilte jemandem den Befehl, die beiden alten Sklavenfrauen in Freiheit zu setzen. Ohne daß Hsi-fëng es wollte, wurden ihre Empörung und ihre Beschämung immer größer, je länger sie über die Sache nachdachte, doch unversehens verwandelte sich ihr Ärger in Kummer, und schon begannen ihr die Tränen herunterzulaufen. Niedergeschlagen ging sie in ihre Räume zurück, um sich dort auszuweinen, ohne daß jemand sie dabei sah. Aber ausgerechnet jetzt mußte die Herzoginmutter Hu-po zu ihr schicken, um auszurichten, sie wolle sie sofort sprechen. Als Hu-po sah, daß Hsi-fëng weinte, sagte sie verwundert: „Nanu, was ist Euch denn? Eben war doch noch alles gut. Ihr werdet drüben dringend erwartet.“ Rasch wischte sich Hsi-fëng die Tränen ab, wusch sich das Gesicht, versah es erneut mit Rouge und Puder, und dann erst ging sie mit Hu-po zusammen hinüber. „Wie viele Setzschirme waren unter den Geschenken, die ich bekommen habe?“ fragte die Herzoginmutter. „Insgesamt waren es sechzehn“, gab Hsi-fëng Auskunft, „zwölf große und vier kleine, um sie auf das Ofenbett zu stellen. Erste Qualität war aber nur ein großer aus zwölf Teilen, der von der Familie Dschën aus dem Süden kam. Auf der einen Seite zeigt er auf dunkelrotem Grund ein Seidenwebbild zum Thema ‚Das ganze Bett voller Rangabzeichen‘[5], auf der anderen Seite ist mit Goldlack das Schriftzeichen schou – ‚Langlebigkeit‘ – in hundert verschiedenen Formen aufgemalt. Ganz annehmbar war ansonsten nur ein gläserner Wandschirm, den die Wus, die Familie des Admirals der Guang-dung-See, geschickt haben.“ „Dann heb mir diese beiden auf und stell sie gut weg, ich werde sie weiterverschenken!“ befahl die Herzoginmutter, und Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“. Da trat plötzlich Yüan-yang heran und starrte Hsi-fëng unverwandt ins Gesicht, bis die Herzoginmutter fragte: „Warum schaust du sie so an? Kennst du sie nicht mehr?“ Lächelnd erwiderte Yüan-yang: „Ich wundere mich nur, daß ihre Augen geschwollen sind, darum habe ich sie angesehen.“ Als die Herzoginmutter das hörte, ließ sie Hsi-fëng näher treten und schaute sie mit zusammengekniffenen Augen nun ebenfalls an. „Die Augen haben gejuckt, deshalb habe ich sie gerieben, und davon sind sie ein bißchen geschwollen“, sagte Hsi-fëng und lächelte dabei. „Habt Ihr Euch auch nicht wieder einmal über jemand ärgern müssen?“ fragte Yüan-yang. „Wer würde sich trauen, mich zu ärgern?“ fragte Hsi-fëng zurück. „Und selbst wenn ich mich geärgert hätte, würde ich an so einem Tag nicht wagen zu weinen.“ „Eben!“ sagte die Herzoginmutter, „ich will gerade zu Abend essen. Du wirst mir dabei Gesellschaft leisten und ißt dann mit Dschëns Frau zusammen, was übrigbleibt. Ihr beide sollt gemeinsam mit den beiden Äbtissinnen hier ‚Buddha-Bohnen‘ für mich auslesen, damit auch ihr euch ein langes Leben sichern könnt. Neulich haben es die Mädchen zusammen mit Bau-yü gemacht, und heute seid ihr an der Reihe, damit es nicht heißt, ich bevorzugte jemand.“ Während sie das sagte, wurde der Tisch als Erstes mit Fastenspeisen gedeckt, die von den beiden Nonnen verzehrt wurden, und dann erst wurden Fleischgerichte aufgetragen. Nachdem die Herzoginmutter sich satt gegessen hatte, wurden die Reste in den Vorraum hinausgetragen. Hier saßen Frau You und Hsi-fëng schon beim Essen, als die Herzoginmutter befahl, man solle auch noch Hsi-luan und Sï-djiä rufen. Erst als die vier mit dem Essen fertig waren und sich die Hände gewaschen hatten und nachdem Weihrauch angezündet worden war, wurde ein Schëng Bohnen hereingebracht. Dann sprachen die Nonnen ein Gebet, und anschließend wurden die Bohnen einzeln verlesen und in einen Korb getan, und bei jeder einzelnen Bohne wurde der Name Buddhas angerufen. Am nächsten Tag würde daraus Brei gekocht werden, um an einer Straßenkreuzung an die Passanten verteilt zu werden. Zum Schluß hörte sich die Herzoginmutter, die sich bequem auf ihrem Ruhesitz ausgestreckt hatte, noch ein paar buddhistische Erbauungsgeschichten von Ursache und Vergeltung an, die ihr die beiden Nonnen erzählten. Von Hu-po wußte Yüan-yang inzwischen längst, daß Hsi-fëng geweint hatte, und von Ping-örl hatte sie sich auch noch den Grund dafür sagen lassen. Nachdem am Abend alle Besucher fort waren, berichtete sie: „Die zweite junge gnädige Frau hat doch geweint. Sie ist vor allen Leuten von der Frau des älteren gnädigen Herrn gekränkt worden.“ Als die Herzoginmutter nach den näheren Umständen fragte, erzählte ihr Yüan-yang den ganzen Hergang, und daraufhin sagte die Herzoginmutter: „Daran zeigt sich, daß Hsi-fëng weiß, was sich gehört. Kann man denn, nur weil ich Geburtstag habe, zulassen, daß die Sklaven ungestraft sämtliche Herrschaften unserer Sippe beleidigen? Nur weil die Frau des älteren gnädigen Herrn immer gleich aufbraust, aber nicht durchzugreifen wagt, wollte sie heute einmal ein Exempel statuieren und hat Hsi-fëng absichtlich vor allen Leuten gekränkt...“ Während sie das eben sagte, kam Bau-tjin zur Tür herein, und so mußte sie das Thema fallenlassen. Statt dessen fragte sie: „Wo warst du?“ „Wir haben alle zusammen im Garten bei Kusine Lin geplaudert“, gab Bau-tjin Auskunft. Da fiel der Herzoginmutter plötzlich etwas ein, und sofort rief sie eine von den alten Sklavenfrauen herein, um ihr aufzutragen: „Geh in den Garten und schärfe dort allen das Folgende ein: Die beiden Mädchen, die ich zu Besuch hierbehalten habe, sind zwar arm, aber sie sind nichts anderes als die Mädchen des Hauses, darum soll sich jedermann aufmerksam um sie kümmern. Ich weiß, daß bei uns Männer und Frauen ein Herz haben, das nur für die Reichen schlägt, und zwei Augen, mit denen sie nur die Vornehmen sehen. Darum würden sie die beiden wohl kaum für voll nehmen. Aber wenn es irgendwer wagt, sie geringzuschätzen, und ich erfahre davon, lasse ich ihm das nicht durchgehen.“ Als die Alte jawohl gesagt hatte und eben gehen wollte, erbot sich Yüan-yang: „Ich werde gehen, um das auszurichten. Wer würde auf sie schon hören?!“ Und mit diesen Worten begab sie sich geradewegs in den Garten. Zuerst ging sie ins Reisduftdorf, aber Li Wan und Frau You waren beide nicht da. Auf Yüan-yangs Frage erklärten die Sklavenmädchen, sie seien beim dritten gnädigen Fräulein. Da machte Yüan-yang wieder kehrt und ging in die Halle des Grüns am Morgen. Tatsächlich fand sie hier alle Bewohnerinnen des Gartens bei einem fröhlichen Plausch. Als man sie kommen sah, hieß es: „Was machst du denn noch hier?“ Und sie bekam einen Platz angeboten. „Darf ich nicht ebenfalls hier spazierengehen?“ fragte Yüan-yang lächelnd, aber dann überbrachte sie, was die Herzoginmutter gesagt hatte. Rasch hatte sich Li Wan erhoben, um die Botschaft stehend anzuhören, und nun ließ sie aus jedem Gartenhaus eines der verantwortlichen Sklavenmädchen holen, damit diese es allen anderen zur Kenntnis brachten. Doch nun genug davon. Etwas später sagte dann Frau You mit lächelndem Gesicht: „Die alte gnädige Frau denkt auch wirklich an alles! Wir sind jung und kräftig, aber selbst vereint würden zehn von uns an sie nicht heranreichen.“ Das unterstrich auch Li Wan mit den Worten: „Nur Schwägerin Hsi-fëng mit ihrer Teufelsschläue kann beinahe mit ihr Schritt halten, aber wir bringen das nicht fertig.“ „Hört auf und laßt sie aus dem Spiel!“ sagte Yüan-yang. „Sie ist auch nur ein armes Ding. Zwar hat sie sich in all den Jahren vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau kein einziges Mal etwas zuschulden kommen lassen, aber wie viele Leute hat sie insgeheim beleidigt. Alles in allem ist es nicht leicht, sich als Mensch zu benehmen. Wenn man zu anständig ist und nicht anpassungsfähig, dann werfen einem die Schwiegereltern vor, man sei simpel, und die Leute haben keinen Respekt vor einem. Paßt man sich aber an, dann macht man es den einen recht und den andern unrecht. Bei uns im Haus ist es noch besser gekommen. Diese frischgebackenen ‚Herrinnen‘, die doch nur gemeine Sklavinnen waren, haben alles, was ihr Herz begehrt, und wissen schon selbst nicht mehr, was sie wollen. Bei der geringsten Unzufriedenheit wetzen sie dann heimlich die Zunge und stiften Unheil. Nur weil ich Angst habe, es könnte die alte gnädige Frau aufregen, wage ich nicht, ihr auch nur das geringste davon zu erzählen. Wenn ich bloß den Mund auftun würde, hätte hier kein Mensch mehr friedliche Tage. Ich dürfte das nicht vor Euch sagen, drittes gnädige Fräulein, aber wenn die alte gnädige Frau Bau-yü bevorzugt, und es wird heimlich deswegen gegrollt, läßt man das noch angehen, es heißt eben, sie habe nun einmal eine Schwäche für ihn. Aber wenn die alte gnädige Frau Euch bevorzugt, muß ich auch hören, das sei nicht recht. Ist das nicht lachhaft?“ „Dumme Menschen gibt es viele, wie könnte man sie alle ernst nehmen?“ erwiderte Tan-tschun lächelnd. „Das eine sage ich euch, einfache Leute mit einer kleinen Familie haben es besser. Sie leben zwar etwas ärmlicher, aber doch höchst vergnüglich, und so geht es jedermann gut. Leute wie wir leben in großer Familie, und Außenstehende denken, uns Fräulein, die wir tausend oder zehntausend Liang Silber mitbekommen, müsse es wer weiß wie gut gehen. Wie können sie ahnen, daß es bei uns unsagbaren Kummer gibt und daß es hier schlimmer zugeht als bei ihnen selber!“ „Nicht jeder macht sich solche unnötigen Sorgen wie du“, warf Bau-yü ein. „Immer wieder habe ich dir gesagt, hör nicht auf das profane Geschwätz und denk auch nicht an diese profanen Dinge, sondern schätze den Reichtum und genieße den Glanz. Das ist das einzig Wahre. Du hast es noch besser als unsereiner, der dieses ungetrübte Glück nicht genießen darf und sich statt dessen dem schmutzigen Getriebe der Welt stellen muß.“ „Es ist aber auch nicht jeder ist wie du und macht sich überhaupt keine Gedanken“, hielt ihm Frau You entgegen. „Du tollst nur mit deinen Schwestern und Kusinen herum. Wenn du Hunger hast, ißt du, und wenn du müde bist, schläfst du. Auch in ein paar Jahren wird es mit dir noch genau dasselbe sein. Die Zukunft ist dir doch ganz einerlei.“ „Ein Tag, den ich mit meinen Schwestern und Kusinen verbringen kann, ist immerhin ein Tag, und wenn ich tot bin, ist es vorbei“, gab Bau-yü lächelnd zurück. „Was heißt also Zukunft?“ „So ein Unsinn wieder einmal!“ sagte Li Wan, der die anderen lächelnd beipflichteten. „Nehmen wir einmal an, du machst wirklich keine Karriere und bleibst bis an dein Lebensende hier in der Familie, werden aber vielleicht auch die Mädchen niemals das Haus verlassen?“ Und Frau You setzte lächelnd hinzu: „Kein Wunder, wenn die Leute von ihm sagen ‚Außen hui, innen pfui.‘ Er ist wirklich dumm und töricht.“ „Des Menschen Schicksal ist ungewiß“, entgegnete ihnen Bau-yü lächelnd, „vielleicht sterbe ich heute oder morgen, dieses oder nächstes Jahr, aber dann habe ich doch mein Leben nach meinen Wünschen gelebt...“ „Er redet wieder einmal irre, wir dürfen nicht länger mit ihm streiten!“ fielen ihm die anderen ins Wort. „Etwas anderes als Torheiten und Verrücktheiten bekommen wir sowieso nicht von ihm zu hören.“ Hsi-luan aber sagte: „Vetter Bau-yü, so mußt du nicht reden! Wenn meine Kusinen wirklich alle verheiratet sind, wird es der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau bestimmt auch langweilig werden. Dann komme ich und leiste dir Gesellschaft!“ „Fängst du jetzt auch an, Unsinn zu schwatzen?“ fragten Li Wan und Frau You sie lächelnd, „wirst du etwa nicht heiraten? Wen willst du einlullen mit deinen Worten?“ Daraufhin ließ Hsi-luan den Kopf sinken, und da schon die Nachtwache geschlagen wurde, ging jeder in seine Räume, um sich schlafen zu legen. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als auch Yüan-yang jetzt nach Hause ging und zum Ausgang des Gartens kam, fand sie dort eines der Nebentore nur angelehnt und den Türbalken noch nicht vorgelegt. Um diese Zeit war im Garten niemand mehr unterwegs, lediglich aus der Wachstube leuchtete abgeblendeter Lampenschein, und der Himmel war von der schmalen Mondsichel nur schwach beleuchtet. So wurde Yüan-yang, die keine Begleiterin bei sich hatte und auch keine Laterne trug, von den Nachtwachen nicht bemerkt, zumal ihr Schritt leicht war. Weil sie nun eben ein kleines Bedürfnis hatte, verließ sie den gepflasterten Weg und ging über den Rasen auf einen mächtigen Kassiabaum hinter den künstlichen Felsen zu, der einen breiten Schatten warf. Aber kaum war Yüan-yang um den Felsvorsprung gebogen, hörte sie plötzlich das Rascheln von Kleidern, was ihr keinen geringen Schreck einjagte. Bei näherem Hinsehen bemerkte sie zwei Gestalten, die sich jetzt, als sie sich entdeckt sahen, zwischen den Bäumen und Sträuchern verstecken wollten. Aber Yüan-yang hatte gute Augen und erkannte im Licht des Mondes an dem roten Rock, den losen Haarknoten und der großen, kräftigen Figur, daß eine der beiden Gestalten Sï-tji sein mußte, die in Ying-tschuns Räumen diente. Sie nahm nun an, Sï-tji habe mit einem weiteren Mädchen zusammen genau wie sie hier ein kleines Geschäft verrichten wollen und sich nun, als sie sie gesehen hatte, absichtlich versteckt, um ihr aus Schabernack einen Schreck einzujagen. Darum rief sie lachend: „Sï-tji, wenn du nicht sofort vorkommst, sondern mich erschreckst, dann schreie ich um Hilfe und lasse dich als Einbrecher festnehmen! So ein großes Mädchen und muß noch Tag und Nacht kindische Spiele treiben, ohne je genug zu bekommen!“ Yüan-yangs Worte waren nur als ein Scherz gedacht, und sie wollte lediglich erreichen, daß Sï-tji aus ihrem Versteck kam. Aber Sï-tji war ängstlich wie alle Missetäter und glaubte nicht anders, als daß Yüan-yang alles durchschaut hätte. Da sie befürchtete, wenn Yüan-yang riefe, würden alle davon erfahren, was die Sache nur noch schlimmer machen konnte, und weil andererseits Yüan-yang im Unterschied zu anderen Leuten stets freundlich und gütig zu ihr gewesen war, stürzte sie jetzt hinter dem Baum hervor, faßte Yüan-yang bei den Händen, ließ sich auf die Knie fallen und bat: „Bloß nicht rufen, meine gute ältere Schwester!“ Yüan-yang, die keinen Grund für so ein Benehmen sah, half Sï-tji sofort wieder auf die Beine und fragte lächelnd: „Was soll denn das heißen?“ Da wurde Sï-tji rot und begann auch noch zu weinen. Jetzt erinnerte sich Yüan-yang wieder, daß der zweite Schatten mehr wie der eines jungen Burschen ausgesehen hatte, und so konnte sie sich die Sache schon zu acht oder neun Zehnteln zusammenreimen. Doch bei diesem Gedanken wurde sie selber rot bis über die Ohren, und zugleich bekam sie auch Angst. Aber dann nahm sie sich zusammen und fragte hastig und leise: „Wer ist er?“ Wieder kniete Sï-tji vor ihr nieder und sagte: „Er ist mein Vetter, der Sohn einer Tante väterlicherseits.“ Yüan-yang spuckte aus und schimpfte: „Sterben solltest du dafür!“ Indessen wandte Sï-tji den Kopf und rief mit gedämpfter Stimme: „Du brauchst dich nicht mehr zu verstecken, die Schwester hier hat dich schon gesehen! Komm schnell heraus und mach einen Stirnaufschlag vor ihr!“ Notgedrungen kam der Sklavenjunge hinter einem Baum hervorgekrochen und begann, so eifrig mit dem Kopf auf den Boden zu schlagen, als ob er im Mörser Knoblauch zu stampfen hätte. Eilig wandte Yüan-yang sich ab, aber Sï-tji klammerte sich an ihr fest und flehte unter Tränen: „Unser Schicksal liegt in deinen Händen, große Schwester! Ich bitte dich nur um das eine: Schenk uns das Leben!“ „Du kannst unbesorgt sein!“ versprach Yüan-yang. „Ich erzähle auf keinen Fall jemand davon, dann wird es schon in Ordnung gehen.“ Das hatte sie kaum gesagt, als vom Tor her die Stimme einer Wächterin zu hören war: „Das Fräulein Djin muß schon hinausgegangen sein. Schließen wir also ab!“ Yüan-yang, die sich nicht schnell genug aus Sï-tjis Umklammerung losmachen konnte, rief sofort: „Ich bin noch hier drüben! Wartet einen Augenblick, ich komme gleich!“ Nach diesen Worten mußte Sï-tji wohl oder übel loslassen, damit Yüan-yang gehen konnte.

Anmerkungen

  1. Im 40. Kapitel des Buches (S. 677) sagt die Herzoginmutter, die 75jährige Oma Liu sei ‚etliche Jahre älter‘ als sie selbst. Wie es scheint, können seitdem nicht fast zehn Jahre vergangen sein.
  2. Vgl. o., Anm. zu S. 235 (Ksitigarbha).
  3. Wie die beiden alten Sklavinnen, von denen eine schon weit über siebzig sein soll, zu so kleinen Kindern kommen, ist nicht recht verständlich
  4. Der Gott des langen Lebens in der chinesischen Mythologie (vgl. o., Anm. zu S. 655) ist ein personifizierter Stern.
  5. Vgl. die Erwähnung dieses Theaterstücks im 29. Kapitel des Buches und die Anmerkung dazu 509.