Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 79"

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(German-only page for Hongloumeng chapter 79)
 
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=== Xue Wenqi bereut, eine Xanthippe geheiratet zu haben; Jia Yingchun heiratet versehentlich einen Zhongshan-Wolf ===
 
=== Xue Wenqi bereut, eine Xanthippe geheiratet zu haben; Jia Yingchun heiratet versehentlich einen Zhongshan-Wolf ===
  
echten Weg gefunden haben.
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'''Hsüä Pan nimmt eine brüllende Löwin zur Frau,Ying-tschun bekommt einen herzlosen Wolf zum Mann.'''
Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Wenn sie sich deshalb abwenden vom Meer der Kümmernisse, das Haus verlassen und sich für eine zukünftige Existenz kultivieren, so ist das ein hohes Anliegen, und Ihr, gnädige Frau, solltet dieser guten Absicht keine Schranken setzen.“
 
Dame Wang war stets auf gute Taten bedacht, und als sie nach dem Bericht der Pflegemütter den Mädchen nicht ihren Willen lassen wollte, geschah das, weil sie sich sagte, Fang-guan und die anderen seien schließlich Kinder und hätten diese Absicht nur geäußert, weil es einmal nicht nach ihrem Kopf gehen sollte, es sei aber zu befürchten, daß sie die klösterliche Reinheit auf die Dauer nicht ertragen und sich dann Sünden zuschulden kommen lassen würden.
 
Die Worte der beiden Mädchenräuberinnen klangen jedoch sehr einleuchtend, und außerdem hatte Dame Wang in den letzten Tagen vielerlei häusliche Sorgen. Darüberhinaus hatte Dame Hsing ihre Leute geschickt, um zu bestellen, sie wollten am nächsten Tag Ying-tschun für einige Zeit nach Hause holen, damit ihre künftigen Schwiegereltern sie kennenlernten, und eine Heiratsvermittlerin  war  erschienen,  um eine Verlobung  für Tan-tschun
 
  
Aus: Jinyuyuan 1889a.
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Bau-yü hatte also kaum sein Opfer für Tjing-wën beendet, als zwischen den Blumenstauden eine menschliche Stimme ertönte, die ihn vor Schreck zusammenfahren ließ. Doch als die Gestalt hervorkam und er sie genauer betrachtete, erkannte er Dai-yü, die über das ganze Gesicht lächelte und zu ihm sagte: „Was für ein schöner, neuartiger Opfertext! Er verdient, mit der Inschrift für Tsau Ë<ref>Berühmtes Muster einer Gedenkinschrift, verfaßt im 3. Jh. von Han-dan Tschun für Tsau Ë, eine ‚vorbildliche‘ Tochter, die sich als Vierzehnjährige ertränkte, als sie den Leichnam ihres ertrunkenen Vaters nicht fand.</ref> zusammen überliefert zu werden.“
vorzuschlagen. Angesichts dieser Probleme hatte Dame Wang natürlich für derartige Kleinigkeiten keinen Sinn. Darum entgegnete sie den Nonnen mit lächelnder Miene: „Wenn ihr so meint, wie wäre es dann, wenn ihr sie als eure Novizinnen mitnähmt?“
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Unwillkürlich wurde Bau-yü rot bei ihren Worten und erklärte: „Ich hatte bedacht, daß die üblichen Opfertexte zu abgeleiert sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war natürlich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, daß du mir zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, kannst du es ändern.“
Kaum hatten die beiden Nonnen das gehört, riefen sie den Namen Buddhas an und sagten: „Bestens, bestens! Dadurch leistet Ihr im Verborgenen keine geringe Wohltat.“ Und schon bedankten sie sich kniefällig bei ihr.
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„Wo hast du deinen Text?“ fragte Dai-yü. „Ich muß ihn mir sorgfältig durchlesen, denn von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel mehr verstanden als den Doppelsatz ‚Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ Der Sinn dieses Parallelsatzes ist wohl gut, aber die ‚Bettvorhänge aus roter Seide‘ sind ziemlich abgedroschen. Dabei gibt es doch ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit. Warum hast du das nicht genommen?“
„So geht sie fragen, ob es wirklich ihr Ernst ist!“ wies Dame Wang die drei Pflegemütter an. „Dann sollen sie herkommen, um in meiner Gegenwart ihren Äbtissinnen den Respekt zu erweisen.“
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„Wovon sprichst du?“ erkundigte Bau-yü sich sofort.
Die drei Frauen gingen fort und kamen tatsächlich mit den drei Mädchen zurück. Dame Wang fragte sie immer wieder, aber die drei hatten ihren Entschluß gefaßt und vollzogen vor den beiden Nonnen ihren Stirnaufschlag. Auch vor Dame Wang fielen sie nieder, um sich zu verabschieden, und als Dame Wang sah, daß sie fest entschlossen waren und sich nicht umstimmen ließen, empfand sie Schmerz und Mitleid für sie und ließ rasch durch ihre Leute ein paar Sachen holen, die sie den Mädchen schenkte. Auch die beiden Nonnen bekamen Geschenke.
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„Ist nicht bei uns das Gitterwerk an den Fenstern mit rosiger Seidengaze beklebt?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Warum sagst du nicht ‚Tiefbewegt sitzt der Herrensohn am rosigen Gazefenster‘?“
So ging Fang-guan mit der Nonne Dschï-tung aus dem Wassermondkloster, Juee-guan und Ou-guan dagegen hielten sich an die Nonne Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster.  
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Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und sagte lächelnd: „Das ist bestens, das ist nur zu treffend! Und du bist darauf gekommen! Da sieht man, daß es immer und überall von den schönsten gebrauchsfertigen Bildern wimmelt, nur den Narren und Dummköpfen fallen sie nicht ein. Allerdings ist noch folgendes: Durch diese Änderung wird es zwar neuartig und schön, aber dieses Bild kannst wohl du in Anspruch nehmen, aber nicht ich. Dessen bin ich nicht würdig!“ Und er wiederholte dieses „Nicht würdig!“ gleich noch zehn oder zwanzig Mal.
Im nächsten Kapitel wird weitererzählt.
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„I woher denn?“ erwiderte Dai-yü lächelnd. „Mein Fenster kann auch dein Fenster sein. Wozu willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten fremde Leutewohlgenährte Pferde und feine Pelze<ref>Anspielung auf die ‚Gespräche‘ des Konfuzius, V, 26.</ref> miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch verdorben wurden. Um wieviel mehr muß das also für uns gelten!“
78. Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,
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„Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht?!“ sagte Bau-yü, ebenfalls lächelnd. „Selbst Gold und Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren geht auf gar keinen Fall. Deshalb ändere ich einfach auch den ‚Herrensohn‘ und das ‚Mädchen‘, so daß daraus deine Totenklage für sie wird. Zumal du immer sehr gut zu ihr warst.
ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus.
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Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als daß ich auf den neuen Ausdruck mit der ‚rosigen Gaze‘ verzichte. Darum ist es das beste, es so zu ändern: ‚Tiefbewegt sitzt das Fräulein am rosigen Gazefenster, jetzt erst begreift sie, welch ein hartes Geschick der Magd zuteil wurde, die unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin vollauf zufrieden damit.“
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„Aber sie war schließlich nicht meine Magd“, wandte Dai-yü lächelnd ein, „außerdem sind ‚Fräulein‘ und ‚Magd‘ auch keine verfeinerten Ausdrücke. Warte also, bis meine Dsï-djüan stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.“
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„Mußt du auch sie noch beschreien?“ fragte Bau-yü rasch.
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„Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich“, verteidigte Dai-yü sich lächelnd.
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„Ich hab‘s!“ verkündete Bau-yü. „Das allerbeste wird sein, wir ändern es so: ‚Tiefbewegt sitze ich am rosigen Gazefenster, jetzt erst weiß ich, welch ein hartes Geschick dir zuteil wurde, die du unter dem Hügel aus gelber Erde ruhst.‘“
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Als Dai-yü das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, doch obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Statt dessen nickte sie mit lächelndem Gesicht und sagte: „So ist es gut. Aber weiter mußt du jetzt nicht daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hatte die gnädige Frau jemand geschickt, um dir zu bestellen, du solltest gleich morgen früh zu deiner Tante hinübergehen. Die Verlobung deiner Kusine Ying-tschun ist jetzt beschlossene Sache, und morgen kommt wohl jemand aus dem Hause des Bräutigams, um seinen Gruß zu entbieten und seinen Dank zu übermitteln. Darum sollt ihr alle hinübergehen.“
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„Warum diese Eile?“ sagte Bau-yü und schlug die Hände zusammen. „Ich fühle mich auch gar nicht wohl. Wer weiß, ob ich morgen überhaupt imstande sein werde hinüberzugehen.“
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„Fängst du wieder so an!“ sagte Dai-yü. „Ich rate dir, zügele dein Temperament. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr...“
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Ehe sie ausreden konnte, mußte sie plötzlich husten, und rasch sagte Bau-yü: „Hier ist es kühl, und wir müssen hier herumstehen. Gehen wir lieber schnell nach Hause!
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„Ich gehe schlafen, wir sehen uns morgen“, erwiderte Dai-yü und ging davon.
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Auch Bau-yü machte lustlos kehrt, und plötzlich fiel ihm ein, daß Dai-yü niemanden zur Begleitung hatte. Also befahl er rasch seinem kleinen Sklavenmädchen, sie solle ihr nachgehen und sie nach Hause bringen. Er selbst begab sich in den Hof der Freude am Roten, wo tatsächlich eine alte Amme auf ihn wartete, die von Dame Wang geschickt war, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Djia Schë hinübergehen, ganz wie es ihm Dai-yü eben gesagt hatte.
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Ying-tschun war nämlich von Djia Schë mit einem gewissen Sun verlobt worden. Diese Suns waren in der Präfektur Da-tung<ref>Alte Verwaltungseinheit im Norden der Provinz Schan-hsi, Verwaltungssitz war die heutige Stadt Da-tung.</ref> zu Hause, und einer ihrer Vorfahren, der als Militärbeamter den Ruhm der Familie begründet hatte, war ein Schüler der Djias gewesen, so daß die beiden Familien seit Generationen als miteinander befreundet galten. Zur Zeit lebte nur ein einziger Angehöriger der Familie Sun in der Hauptstadt, dem der Posten eines Kommandeurs der hauptstädtischen Polizeitruppe erblich zugefallen war. Er hieß Sun Schau-dsu, hatte ein kriegerisches Aussehen und eine kräftige Statur, war wohlgeübt im Schießen und Reiten und anpassungsfähig im Umgang mit Menschen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von Hause aus vermögend und wartete beim Kriegsministerium auf eine Vakanz für eine Beförderung.
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Da er noch keine Frau hatte und Djia Schë ihn als Nachkommen einer altbefreundeten Familie, der in bezug auf Charaktereigenschaften und Besitzverhältnisse als geeigneter Bewerber gelten konnte ansah, hatte er ihn wohlwollend akzeptiert. Auch der Herzoginmutter hatte er darüber berichtet, und wenn sie innerlich auch nicht sehr zufrieden war, sagte sie sich doch, ihr Einspruch würde kaum Gehör finden, außerdem sei jede Ehe vom Himmel vorherbestimmt, und schließlich sei es Ying-tschuns Vater, der die Entscheidung zu treffen hatte, so daß sie sich nicht unnötig einmischen mußte. Deshalb hatte sie nur knapp gesagt: „Gut, ich weiß Bescheid.“ Dann war sie nicht mehr darauf zurückgekommen.
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Djia Dschëng war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst verhaßt, denn jener Vorfahr der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Djias gestellt, weil er darauf aus gewesen war, von deren Macht zu profitieren, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen. Außerdem waren es durchaus nicht die Nachkommen einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte er zweimal Einwände dagegen versucht, aber als Djia Schë nicht auf ihn hören wollte, hatte er den Dingen ihren Lauf lassen müssen.
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Bau-yü hatte diesen Sun Schau-dsu zwar noch nie von Angesicht gesehen, mußte aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann hörte er, der Hochzeitstermin stehe schon kurz bevor, noch in diesem Jahr werde Ying-tschun das Haus verlassen, und erlebte mit, wie Dame Hsing der Herzoginmutter meldete, sie nehme Ying-tschun aus dem Garten des Großen Anblicks fort. Das verdarb ihm vollends die Stimmung, und jeden Tag brütete er stumpf vor sich hin und wußte nichts mit sich anzufangen. Als er dann noch erfuhr, Ying-tschun werde vier Sklavenmädchen mitnehmen, stampfte er mit dem Fuß auf und erklärte seufzend: „Wieder fünf reine Menschen weniger auf der Welt!“
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Tag für Tag streifte er dann Ausschau haltend in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse umher und sah, wie öde und leer es dort hinter Fenstern und Vorhängen geworden war. Nur ein paar diensthabende alte Frauen hielten sich noch dort auf. Auch sah er die Knöterichblüten und die Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich, und es schien ihm, sie welkten vor Kummer um die Verschwundene vor sich hin, so wenig glichen sie dem gewohnten Bild wettstreitender Schönheit. Überwältigt von diesem schmerzlich öden Anblick, vermochte Bau-yü seine Gefühle nicht zu bezwingen und summte ein Lied vor sich hin, das sich wie von selbst formte:
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„Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,
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treibt ungerührt alle Blüten davon.
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Keine der Blumen erträgt so viel Leid,
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tief beugt sie nieder der eisige Reif.
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Klang es nicht früher hier munter vom Schach?
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Heut sind die Bretter von Schwalben beschmutzt.
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Schon seit je wollen Freunde nicht scheiden,
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ich leide doppelt, weil eng wir verwandt.“
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Kaum war er damit fertig, hörte er, wie hinter ihm jemand mit lachender Stimme sagte: „Was trauerst du hier wieder einmal vor dich hin?“
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Als er sich rasch umsah, um festzustellen, wer das war, erblickte er Hsiang-ling. Da wandte er sich zu ihr um und erkundigte sich lächelnd: „Wie kommst du denn jetzt hierher, meine Schwester? Du warst schon lange nicht mehr im Garten.“
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Hsiang-ling klatschte in die Hände und sagte fröhlich: „Natürlich komme ich her. Aber seitdem dein Vetter wieder zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau jemand geschickt, der deine Kusine Hsi-fëng suchen sollte, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen.  
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Als ich das hörte, bat ich, daß man mich nach ihr schickt. Ihre Magd, die ich traf, hat mir gesagt, sie sei im Reisduftdorf. Eben bin ich auf dem Wege dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir bitte, wie geht es Schwester Hsi-jën in letzter Zeit? Und wie konnte Schwester Tjing-wën so plötzlich sterben? An welcher Krankheit hat sie gelitten? Fräulein Ying-tschun ist auch so schnell weggezogen. Schau nur, wie leer es jetzt hier aussieht!“
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Ohne zu zögern, gab Bau-yü ihr auf alles eine Antwort und lud sie ein, ihn in den Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken.
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Aber Hsiang-ling erwiderte: „Ich kann jetzt nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.“
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„Was ist das für ein Auftrag, daß er so eilig ist?“ erkundigte sich Bau-yü.
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„Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es eilig und wichtig zugleich“, sagte Hsiang-ling.
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„Ja, richtig!“ erinnerte sich Bau-yü, „aus welcher Familie kommt denn nun seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, Familie Dschang sei besser, dann wieder sollte es Familie Li sein, und anschließend war Familie Wang im Gespräch. Ich weiß gar nicht, was für Sünden die Töchter dieser Familien auf sich geladen haben, daß man so ohne weiteres über sie hergezogen ist!“
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„Jetzt ist es bereits entschieden, und so braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden“, verriet Hsiang-ling.
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„Und um welche Familie handelt es sich?“ wollte Bau-yü sofort wissen.
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„Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, ist er nebenher auch bei Verwandten zu Besuch gewesen“, berichtete Hsiang-ling. „Diese Familie ist mit unserer schon lange verschwägert. Ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen, und ebenso wie wir zählen sie mit zu den reichsten Häusern. Neulich war davon die Rede, sie seien auch bei euch in beiden Anwesen gut bekannt. In ganz Tschang-an<ref>Da nicht ausdrücklich gesagt ist, daß die Familie Hsia in Tschang-an wohnt, kann mit Tschang-an entweder wie im 38. Kap. die Hauptstadt gemeint sein (vgl. o., Anm. zu S. 669) oder das fiktive Tschang-an aus dem 15. Kap. (vgl. o., Anm. zu S. 255), das Hsüä Pan dann auf seiner Reise besucht haben müßte.</ref> nennt sie jedermann nur die Duftblüten-Hsias.“
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„Warum denn Duftblüten-Hsias?“ fragte Bau-yü lachend.
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„Sie heißen Hsia und sind, wie gesagt, ganz außerordentlich reich“, gab Hsiang-ling Auskunft. „Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen, besitzen sie mehrere zehn Tjing reine Duftblütenplantagen, und ihnen gehören auch alle Duftblütenhandlungen<ref>Die Duftblütensträucher (Osmanthus fragrans) dienten nicht nur als Zierpflanzen, ihre Blüten fanden in vielerlei Weise zum Parfümieren Verwendung (so für das im 28. und im 62. Kap. erwähnte Haaröl, für grünen Tee, für eine Weinsorte und für Naschwerk wie das im 37. Kap. genannte Kastanienkonfekt mit Duftblütenzucker).</ref> in Tschang-an und Umgebung. Selbst die Topfpflanzen im Kaiserpalast sind Tributgeschenke von ihnen, und so sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Ihr alter Herr ist schon tot, nur die alte Dame lebt noch mit einer leiblichen Tochter, einen Sohn aber hat sie nicht, und es ist schon bedauerlich, daß mit ihr die Familie aussterben wird.“
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„Was kümmert das uns, ob sie aussterben oder nicht?“ warf Bau-yü rasch ein. „Taugt denn das Mädchen etwas? Und wie kommt es, daß euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?“
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„Zum einen ist es eine Fügung des Himmels, zum anderen ist in den Augen eines Verliebten jedes Mädchen schön wie die Hsi-schï<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï); die von Hsiang-ling gebrauchte Redewendung ist sprichwörtlich.</ref>, erklärte Hsiang-ling. „Da die Familien schon lange miteinander verschwägert sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, und so gab es keinen Grund für Verdächtigungen. Dann sind sie zwar einige Jahre nicht mehr zusammengekommen, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und Frau Hsia, die – wie gesagt – keinen eigenen Sohn hat, sah, wie sich dein Vetter herausgemacht hat, war ihr zum Lachen und zum Weinen zugleich, und sie hat sich mehr über ihn gefreut als über einen leiblichen Sohn.
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Sie hat dann dafür gesorgt, daß die beiden sich wiedersahen, und da zeigte sich, daß das Mädchen inzwischen aufgeblüht ist wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hat sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter gleich Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, aber sie hätten ihn wohl auch noch länger dabehalten, wenn er nicht energisch darauf gedrungen hätte, nach Hause zurückzukehren.
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Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau in den Ohren gelegen, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und auch die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie sich einverstanden erklärt. Nachdem sie sich mit deiner Mutter und deiner Kusine Hsi-fëng beraten hatte, schickte sie ihre Boten zu den Hsias, und dort hat man ohne Umschweife ja gesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp angesetzt, so daß wir jetzt alle Hände voll zu tun haben. Aber auch ich kann es kaum erwarten, daß sie ins Haus kommt, denn so haben wir wieder eine Dichterin mehr.“
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„Du sagst das so“, bemerkte Bau-yü mit einem kühlen Lächeln. „Ich aber sorge mich bei dieser Nachricht in erster Linie um dich und mache mir Gedanken, was aus dir wird.“
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Unwillkürlich wurde Hsiang-ling rot und fragte mit förmlicher Miene: „Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich so an. Was soll denn das heißen? Kein Wunder, daß alle sagen, mit dir dürfe man sich nicht zu eng einlassen!“ Bei diesen Worten machte sie kehrt und ging davon.
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Hsiang-lings Verhalten machte Bau-yü betroffen, und er hatte das Gefühl, als habe er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da und überlegte hin und her, wobei ihm unvermerkt die Tränen kamen. Dann ging er niedergeschlagen zum Hof der Freude am Roten zurück, aber die ganze Nacht hindurch fand er keine Ruhe. Im Traum rief er mal nach Tjing-wën, dann wieder schreckte er hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich heiß an. Das war die Folge von Beschämung, Schrecken und Leid, die er durch die Ereignisse der letzten Zeit – die Durchsuchung des Gartens, die Vertreibung von Sï-tji, den Abschied von Ying-tschun und den Tod von Tjing-wën – erfahren hatte. Hinzu kam noch eine Erkältung, und so war schließlich eine Krankheit daraus geworden, die ihn an sein Bett fesselte.
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Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag herüber, um selber nach ihm zu sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb.
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Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen.
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Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte. Aber was er sich auch ausdenken mochte, die Herzoginmutter und Dame Wang blieben hart, und so hatte er sich zu fügen. Also heftete er sich an die Fersen der Sklavenmädchen und trieb mit ihnen jeden Unfug, der ihm in den Sinn kam.
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Dann hörte er eines Tages, Hsüä Pan habe zu einer Weintafel mit Theatervorführung eingeladen und dort sei es hoch hergegangen, seine junge Frau sei schon im Hause und solle sehr schön sein, einiges Verständnis für Literatur habe sie auch. Da bedauerte er natürlich zutiefst, daß er nicht hinübergehen konnte, um einen Blick auf sie zu werfen.
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Einige Zeit später erfuhr er, Ying-tschun habe geheiratet und das Haus verlassen, und er dachte daran, wie vertraut er mit all seinen Kusinen zusammen gelebt hatte und daß es, selbst wenn sie sich einmal wiederträfen, nie wieder so eine Herzlichkeit zwischen ihnen geben würde. Daß er sie jetzt nicht noch ein letztes Mal sehen konnte, war wirklich das Äußerste an Qual und Verdruß.
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Was blieb ihm weiter übrig, als sich zusammenzunehmen und auszuhalten und derweilen mit den Sklavenmädchen herumzutollen, um sich die Zeit zu vertreiben? Das Gute daran war nur, daß er der Not enthoben war, Djia Dschëngs Mahnung anzuhören, er solle sich mit den Büchern beschäftigen. Der Hof der Freude am Roten wurde in den einhundert Tagen nicht in Schutt und Asche gelegt, aber sonst galt für Bau-yü und seine Sklavenmädchen weder himmlisches noch menschliches Recht, und was sie anstellten, waren die unmöglichsten Dinge der Welt. Aber das muß jetzt nicht in allen Einzelheiten erzählt werden.
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Seit dem Tag, an dem Hsiang-ling Bau-yü gescholten hatte, war sie still bei sich überzeugt, Bau-yü sei absichtlich so taktlos gewesen. „Kein Wunder, daß unser Fräulein Bau-tschai sich nicht näher mit ihm einzulassen wagt“, urteilte sie. „Da sieht man, daß ich mich nicht so gut darauf verstehe, Abstand zu wahren, wie Fräulein Bau-tschai. Kein Wunder auch, daß sich Fräulein Lin immer wieder mit ihm zankt, bis sie vor Ärger weinen muß. Natürlich wird er sich auch ihr gegenüber so rüde benehmen. Das beste wird sein, wenn ich ihn in Zukunft meide!“
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So kam sie dann selbst in den Garten des Großen Anblicks nicht mehr oft. Jeden Tag war sie eifrig mit Vorbereitungen für Hsüä Pans Hochzeit beschäftigt, denn sie glaubte nicht anders, als daß sie in seiner Frau eine Beschützerin finden werde, die ihr auch einen Teil ihrer Pflichten abnahm, so daß sie etwas ruhiger leben konnte. Zum anderen hatte sie gehört, die Braut sei ebenso schön wie begabt, und so mußte sie ja wohl auch kultiviert und friedfertig sein. Aus diesen Gründen sehnte sie den Tag der Hochzeit noch zehnmal dringlicher herbei als Hsüä Pan selbst. Und als es endlich soweit war, diente sie der jungen Frau außerordentlich zuvorkommend und aufmerksam.
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Dieses Fräulein Hsia nun war eben erst siebzehn Jahre alt. Sie war recht hübsch und wirklich einigermaßen bewandert in der Literatur, in bezug auf Willensstärke und Umsicht aber trat sie ganz in die Fußstapfen von Hsi-fëng. Nur in einer Hinsicht hatte sie Pech gehabt. Da sie schon als kleines Kind den Vater verloren hatte und keine Geschwister besaß, so daß sie das einzige Kind ihrer verwitweten Mutter war, war sie von dieser wie ein rechtes Kleinod verwöhnt und verhätschelt worden.
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Alles, was der Tochter in den Sinn gekommen war, hatte die Mutter folgsam getan. Dadurch war die Tochter völlig verzogen und hatte einen Charakter bekommen nicht anders als der Räuber Dschï<ref>In verschiedenen alten Texten erwähnte Gestalt, die gegen Ende der Frühlings- und Herbstperiode der Dschou-Zeit (5. Jh. v. u. Z.) gelebt haben soll. Im Buch ‚Dschuang-dsï‘ (vgl. o., Anm. zu S. 1146) heißt es, der Räuber Dschï habe im ganzen Reich gewütet und die Lehnsfürsten bedrängt und geschädigt.</ref>. Sich selbst hielt sie für edel wie ein Bodhisattwa, alle anderen aber waren für sie der letzte Dreck. Und obwohl sie äußerlich reizend aussah wie eine Blume oder eine Weide, verbarg sich doch in ihrem Innern das Wesen von Gewitter und Sturm.
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Zu Hause hatte sie ihre Launen an den Sklavenmädchen ausgelassen; wenn es glimpflich abging, mit Schelte, sonst aber mit Schlägen. Jetzt, da sie verheiratet war und einen eigenen Haushalt leiten sollte, glaubte sie, die mädchenhafte Sanftmut ablegen und statt dessen hausfrauliche Strenge hervorkehren zu müssen, um alles unter ihre Fuchtel zu bekommen, zumal Hsüä Pan von Natur aus starrsinnig und in seinem Benehmen dünkelhaft war. Wenn sie jetzt nicht das Essen weichkochte, solange der Herd noch heiß war, würde sie ihren Kopf nie durchsetzen können, sagte sie sich.
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Und als sie im Hause eine Nebenfrau vorfand, die genauso schön wie begabt war, bestärkte sie das nur in dem Vorsatz, es dem Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie gleichzutun<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1407.</ref>, der „keinen fremden Schnarcher neben dem eigenen Bett dulden“ wollte und deshalb die Südliche Tang-Dynastie vernichtete.
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Wegen der vielen Duftblütenpflanzungen, die ihre Familie besaß, hatte Fräulein Hsia den Kindheitsnamen Djin-guee – „Goldene Duftblüte“ – bekommen, und deshalb hatte bei ihr zu Hause niemand diese beiden Silben erwähnen dürfen. Wer es unbedacht doch einmal tat, wurde von ihr grausam geschlagen oder strengstens bestraft. Weil sie aber bedachte, daß man ohne Erwähnung der Duftblüten nicht auskommen konnte, hatte sie sich für diese einen anderen Namen ausgedacht und nannte sie in Anlehnung an die Überlieferung von der Göttin Tschang-ë im Mondpalast<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 1414 (Zum Kalten Palast...). Die Verbindung zwischen der Duftblüte (guee-hua) und dem Mond bildet das Schriftzeichen guee, mit dem auch der Kassiabaum bezeichnet wird. Der Mythe nach wächst so ein Baum auf dem Mond (vgl. o., Anm. zu S. 170: ‚Im Krötenpalast...‘).</ref> „Tschang-ë-Blüten“, womit sie zugleich Ansprüche in bezug auf die eigene Person geltend machte.
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Hsüä Pan gehörte zu jenen Menschen, die gern über dem Neuen das Alte vergessen, außerdem verstand er es zwar, einen robusten Eindruck zu erwecken, in Wirklichkeit aber hatte er kein Mark in den Knochen. Nachdem er jetzt so eine Frau gefunden hatte und auf der ersten Woge der Begeisterung schwamm, machte er natürlich in allen Dingen Zugeständnisse. Das blieb Hsia Djin-guee nicht verborgen, und so versuchte sie, die Zügel nach und nach straffer zu ziehen. Im ersten Monat war beider Auftreten noch gleich, aber im zweiten war schon zu bemerken, wie Hsüä Pan allmählich ins Hintertreffen geriet.  
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Einmal, als er getrunken hatte, beriet er sich mit Djin-guee über irgendetwas, was er unternehmen wollte. Sie aber stimmte ihm nicht zu und blieb hartnäckig bei ihrer Meinung. Unfähig, sich zu beherrschen, warf Hsüä Pan ihr ein paar böse Worte an den Kopf und tat dann, was er für richtig hielt. Djin-guee aber heulte vor Zorn wie eine Betrunkene, aß und trank nichts mehr und stellte sich krank. Ein Arzt wurde gerufen und konstatierte: „Hier laufen Lebensenergie und Blutstrom einander zuwider. Sie muß etwas einnehmen, um die Brust zu weiten und die Energie in die richtigen Bahnen zu lenken.“
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Wütend hielt Tante Hsüä ihrem Sohn vor: „Du bist jetzt verheiratet, wirst bald einen Sohn im Arm halten und benimmst dich immer noch wie ein dummer Junge. Da hat diese Frau mit viel Mühe ein einziges Phönixküken großgezogen, eine Tochter so zart wie eine Blüte, und nur weil sie dich für ei-
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nen anständigen Menschen hielt, hat sie sie dir zu Frau gegeben. Du aber, anstatt dich zu bessern und mit deinem Los zufrieden zu sein, friedlich und verträglich mit ihr zu leben, läßt dich mit gelber Brühe vollaufen und quälst sie dann. Jetzt können wir auch noch Geld für Medizin ausgeben und uns für nichts und wieder nichts Sorgen machen!“
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Diese Ansprache löste bei Hsüä Pan unendliche Reue aus, und er ging hin, um Djin-guee zu besänftigen. Djin-guee aber triumphierte erst recht, als sie sah, wie ihr Mann von der Schwiegermutter gescholten wurde, spielte sich in jeder Hinsicht auf und zeigte Hsüä Pan die kalte Schulter. Nun wußte sich Hsüä Pan nicht mehr zu helfen und machte sich bittere Vorwürfe. Mit viel Mühe gelang es ihm nach mehr als zehn Tagen, Djin-guees Herz wieder zu erweichen. Von nun an ging er behutsamer mit ihr um, und in seinem Auftreten war er natürlich noch ein gutes Stück folgsamer als bisher.
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Als Djin-guee bemerkte, daß ihr Mann sich allmählich geschlagen gab und daß ihre Schwiegermutter eine gutmütige Frau war, begann sie langsam, die Zähne zu zeigen. Zuerst zwang sie nur Hsüä Pan ihren Willen auf, später dehnte sie durch geschickte Schmeichelei ihre Macht auch auf Tante Hsüä aus, und mit Bau-tschai wollte sie genauso verfahren.
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Aber Bau-tschai hatte Djin-guees frechen Plan längst durchschaut. Sie hatte immer das passende Gegenmittel parat und sagte ihr durch die Blume stets das Richtige, um sie in Schach zu halten. Als Djin-guee einsehen mußte, daß sie ihr so nicht beikommen konnte, war sie bemüht, sie bei einem Fehler zu ertappen, den sie sich zunutze machen konnte. Aber Bau-tschai gab sich keine Blöße, und so mußte Djin-guee sie, wenn auch widerwillig, in Ruhe lassen.
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Eines Tages, als Djin-guee nichts weiter zu tun hatte und sich deshalb mit Hsiang-ling unterhielt, erkundigte sie sich nach Hsiang-lings Heimatort und Elternhaus. Als Hsiang-ling erwiderte, sie könne sich nicht mehr daran erinnern, wurde Djin-guee ungehalten und behauptete, sie wolle es absichtlich vor ihr verheimlichen. Dann fragte sie, wer ihr den Namen Hsiang-ling – „Duftende Wassernuß“ – gegeben habe, und Hsiang-ling antwortete: „Das war unser gnädiges Fräulein.“
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„Alle behaupten, das gnädige Fräulein sei so gebildet, aber dieser Name gibt keinen Sinn“, sagte Djin-guee mit verächtlichem Lächeln.
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„O weh!“ erwiderte Hsiang-ling ihr daraufhin lächelnd. „Ihr könnt das freilich nicht wissen, junge gnädige Frau, aber selbst der gnädige Herr Onkel lobt unser gnädiges Fräulein immer wieder für seine Bildung.“
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Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
  
Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß.
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== Anmerkungen ==
Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“
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<references/>
Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“
 
„Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau.
 
Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet.
 
Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“
 
„So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen.
 
Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“
 
Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor.
 
Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien.
 
„Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“
 
Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme0 von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen.
 
Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“
 
„Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“
 
„Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“
 
„Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein.
 
Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“
 
Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher.
 
Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“
 
„Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“
 
„Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache.
 
Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten.
 
Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten.
 
Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“
 
Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“
 
„Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“
 
Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde.
 
„Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch.
 
„Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe.
 
Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“
 
Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen.
 
Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“
 
Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten.
 
Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“
 
Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“
 
Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“
 
„Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“
 
„Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an.
 
„Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube0, die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“
 
Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“
 
„Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen.
 
„Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen.
 
„Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“
 
„Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig.
 
„Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft.
 
„Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab.
 
„Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen.
 
„Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“
 
Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“
 
„Warum das?“ fragte Bau-yü sofort.
 
„Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen.
 
Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘
 
Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser0 hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘
 
Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“
 
„Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“
 
Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“
 
Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“
 
Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab.
 
Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“
 
Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt.
 
Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“
 
Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei.
 
„Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“
 
Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“
 
So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben.
 
Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“
 
Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten.
 
Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“
 
Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng0 trug und dem das Gebiet Tjing-dschou0 anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen.
 
Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“
 
„Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“
 
„Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“
 
„Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste.
 
Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen0 zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen.
 
Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern.
 
Als aber die Vierte Lin0 die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘
 
Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war.
 
Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“
 
„Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte.
 
Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“
 
„Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“
 
„Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend.
 
Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten.
 
Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein.
 
Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen.
 
Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.
 
Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen.
 
Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken.
 
Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler:
 
„General Lieblich, die Vierte Frau Lin,
 
  war schön wie Jade und mutig zugleich.
 
  Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab,
 
  duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“
 
Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“
 
Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte:
 
„Sorglos verlief ihr Leben bislang,
 
  jetzt hat es nur noch den einen Zweck.
 
  Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach,
 
  zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou.
 
  Zu rächen gilt es des Prinzen Tod,
 
  wiewohl die Räuber in Übermacht.
 
  Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,
 
  die für ewig Einmaliges tat?“
 
„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“
 
„Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng.
 
„Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine0 aus den beiden.“
 
„Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei.
 
„Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste.
 
Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“0
 
Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i0 oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“
 
Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier.
 
 
 
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Kapitel 79

薛文起悔娶河東獅 / 賈迎春誤嫁中山狼

Xue Wenqi bereut, eine Xanthippe geheiratet zu haben; Jia Yingchun heiratet versehentlich einen Zhongshan-Wolf

Hsüä Pan nimmt eine brüllende Löwin zur Frau,Ying-tschun bekommt einen herzlosen Wolf zum Mann.

Bau-yü hatte also kaum sein Opfer für Tjing-wën beendet, als zwischen den Blumenstauden eine menschliche Stimme ertönte, die ihn vor Schreck zusammenfahren ließ. Doch als die Gestalt hervorkam und er sie genauer betrachtete, erkannte er Dai-yü, die über das ganze Gesicht lächelte und zu ihm sagte: „Was für ein schöner, neuartiger Opfertext! Er verdient, mit der Inschrift für Tsau Ë[1] zusammen überliefert zu werden.“ Unwillkürlich wurde Bau-yü rot bei ihren Worten und erklärte: „Ich hatte bedacht, daß die üblichen Opfertexte zu abgeleiert sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war natürlich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, daß du mir zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, kannst du es ändern.“ „Wo hast du deinen Text?“ fragte Dai-yü. „Ich muß ihn mir sorgfältig durchlesen, denn von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel mehr verstanden als den Doppelsatz ‚Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ Der Sinn dieses Parallelsatzes ist wohl gut, aber die ‚Bettvorhänge aus roter Seide‘ sind ziemlich abgedroschen. Dabei gibt es doch ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit. Warum hast du das nicht genommen?“ „Wovon sprichst du?“ erkundigte Bau-yü sich sofort. „Ist nicht bei uns das Gitterwerk an den Fenstern mit rosiger Seidengaze beklebt?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Warum sagst du nicht ‚Tiefbewegt sitzt der Herrensohn am rosigen Gazefenster‘?“ Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und sagte lächelnd: „Das ist bestens, das ist nur zu treffend! Und du bist darauf gekommen! Da sieht man, daß es immer und überall von den schönsten gebrauchsfertigen Bildern wimmelt, nur den Narren und Dummköpfen fallen sie nicht ein. Allerdings ist noch folgendes: Durch diese Änderung wird es zwar neuartig und schön, aber dieses Bild kannst wohl du in Anspruch nehmen, aber nicht ich. Dessen bin ich nicht würdig!“ Und er wiederholte dieses „Nicht würdig!“ gleich noch zehn oder zwanzig Mal.

„I woher denn?“ erwiderte Dai-yü lächelnd. „Mein Fenster kann auch dein Fenster sein. Wozu willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten fremde Leutewohlgenährte Pferde und feine Pelze[2] miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch verdorben wurden. Um wieviel mehr muß das also für uns gelten!“

„Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht?!“ sagte Bau-yü, ebenfalls lächelnd. „Selbst Gold und Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren geht auf gar keinen Fall. Deshalb ändere ich einfach auch den ‚Herrensohn‘ und das ‚Mädchen‘, so daß daraus deine Totenklage für sie wird. Zumal du immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als daß ich auf den neuen Ausdruck mit der ‚rosigen Gaze‘ verzichte. Darum ist es das beste, es so zu ändern: ‚Tiefbewegt sitzt das Fräulein am rosigen Gazefenster, jetzt erst begreift sie, welch ein hartes Geschick der Magd zuteil wurde, die unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin vollauf zufrieden damit.“ „Aber sie war schließlich nicht meine Magd“, wandte Dai-yü lächelnd ein, „außerdem sind ‚Fräulein‘ und ‚Magd‘ auch keine verfeinerten Ausdrücke. Warte also, bis meine Dsï-djüan stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.“ „Mußt du auch sie noch beschreien?“ fragte Bau-yü rasch. „Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich“, verteidigte Dai-yü sich lächelnd. „Ich hab‘s!“ verkündete Bau-yü. „Das allerbeste wird sein, wir ändern es so: ‚Tiefbewegt sitze ich am rosigen Gazefenster, jetzt erst weiß ich, welch ein hartes Geschick dir zuteil wurde, die du unter dem Hügel aus gelber Erde ruhst.‘“ Als Dai-yü das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, doch obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Statt dessen nickte sie mit lächelndem Gesicht und sagte: „So ist es gut. Aber weiter mußt du jetzt nicht daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hatte die gnädige Frau jemand geschickt, um dir zu bestellen, du solltest gleich morgen früh zu deiner Tante hinübergehen. Die Verlobung deiner Kusine Ying-tschun ist jetzt beschlossene Sache, und morgen kommt wohl jemand aus dem Hause des Bräutigams, um seinen Gruß zu entbieten und seinen Dank zu übermitteln. Darum sollt ihr alle hinübergehen.“ „Warum diese Eile?“ sagte Bau-yü und schlug die Hände zusammen. „Ich fühle mich auch gar nicht wohl. Wer weiß, ob ich morgen überhaupt imstande sein werde hinüberzugehen.“ „Fängst du wieder so an!“ sagte Dai-yü. „Ich rate dir, zügele dein Temperament. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr...“ Ehe sie ausreden konnte, mußte sie plötzlich husten, und rasch sagte Bau-yü: „Hier ist es kühl, und wir müssen hier herumstehen. Gehen wir lieber schnell nach Hause!“ „Ich gehe schlafen, wir sehen uns morgen“, erwiderte Dai-yü und ging davon. Auch Bau-yü machte lustlos kehrt, und plötzlich fiel ihm ein, daß Dai-yü niemanden zur Begleitung hatte. Also befahl er rasch seinem kleinen Sklavenmädchen, sie solle ihr nachgehen und sie nach Hause bringen. Er selbst begab sich in den Hof der Freude am Roten, wo tatsächlich eine alte Amme auf ihn wartete, die von Dame Wang geschickt war, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Djia Schë hinübergehen, ganz wie es ihm Dai-yü eben gesagt hatte. Ying-tschun war nämlich von Djia Schë mit einem gewissen Sun verlobt worden. Diese Suns waren in der Präfektur Da-tung[3] zu Hause, und einer ihrer Vorfahren, der als Militärbeamter den Ruhm der Familie begründet hatte, war ein Schüler der Djias gewesen, so daß die beiden Familien seit Generationen als miteinander befreundet galten. Zur Zeit lebte nur ein einziger Angehöriger der Familie Sun in der Hauptstadt, dem der Posten eines Kommandeurs der hauptstädtischen Polizeitruppe erblich zugefallen war. Er hieß Sun Schau-dsu, hatte ein kriegerisches Aussehen und eine kräftige Statur, war wohlgeübt im Schießen und Reiten und anpassungsfähig im Umgang mit Menschen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von Hause aus vermögend und wartete beim Kriegsministerium auf eine Vakanz für eine Beförderung. Da er noch keine Frau hatte und Djia Schë ihn als Nachkommen einer altbefreundeten Familie, der in bezug auf Charaktereigenschaften und Besitzverhältnisse als geeigneter Bewerber gelten konnte ansah, hatte er ihn wohlwollend akzeptiert. Auch der Herzoginmutter hatte er darüber berichtet, und wenn sie innerlich auch nicht sehr zufrieden war, sagte sie sich doch, ihr Einspruch würde kaum Gehör finden, außerdem sei jede Ehe vom Himmel vorherbestimmt, und schließlich sei es Ying-tschuns Vater, der die Entscheidung zu treffen hatte, so daß sie sich nicht unnötig einmischen mußte. Deshalb hatte sie nur knapp gesagt: „Gut, ich weiß Bescheid.“ Dann war sie nicht mehr darauf zurückgekommen. Djia Dschëng war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst verhaßt, denn jener Vorfahr der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Djias gestellt, weil er darauf aus gewesen war, von deren Macht zu profitieren, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen. Außerdem waren es durchaus nicht die Nachkommen einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte er zweimal Einwände dagegen versucht, aber als Djia Schë nicht auf ihn hören wollte, hatte er den Dingen ihren Lauf lassen müssen. Bau-yü hatte diesen Sun Schau-dsu zwar noch nie von Angesicht gesehen, mußte aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann hörte er, der Hochzeitstermin stehe schon kurz bevor, noch in diesem Jahr werde Ying-tschun das Haus verlassen, und erlebte mit, wie Dame Hsing der Herzoginmutter meldete, sie nehme Ying-tschun aus dem Garten des Großen Anblicks fort. Das verdarb ihm vollends die Stimmung, und jeden Tag brütete er stumpf vor sich hin und wußte nichts mit sich anzufangen. Als er dann noch erfuhr, Ying-tschun werde vier Sklavenmädchen mitnehmen, stampfte er mit dem Fuß auf und erklärte seufzend: „Wieder fünf reine Menschen weniger auf der Welt!“ Tag für Tag streifte er dann Ausschau haltend in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse umher und sah, wie öde und leer es dort hinter Fenstern und Vorhängen geworden war. Nur ein paar diensthabende alte Frauen hielten sich noch dort auf. Auch sah er die Knöterichblüten und die Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich, und es schien ihm, sie welkten vor Kummer um die Verschwundene vor sich hin, so wenig glichen sie dem gewohnten Bild wettstreitender Schönheit. Überwältigt von diesem schmerzlich öden Anblick, vermochte Bau-yü seine Gefühle nicht zu bezwingen und summte ein Lied vor sich hin, das sich wie von selbst formte: „Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich,

treibt ungerührt alle Blüten davon.
Keine der Blumen erträgt so viel Leid,
tief beugt sie nieder der eisige Reif.
Klang es nicht früher hier munter vom Schach?
Heut sind die Bretter von Schwalben beschmutzt.
Schon seit je wollen Freunde nicht scheiden,
ich leide doppelt, weil eng wir verwandt.“

Kaum war er damit fertig, hörte er, wie hinter ihm jemand mit lachender Stimme sagte: „Was trauerst du hier wieder einmal vor dich hin?“ Als er sich rasch umsah, um festzustellen, wer das war, erblickte er Hsiang-ling. Da wandte er sich zu ihr um und erkundigte sich lächelnd: „Wie kommst du denn jetzt hierher, meine Schwester? Du warst schon lange nicht mehr im Garten.“ Hsiang-ling klatschte in die Hände und sagte fröhlich: „Natürlich komme ich her. Aber seitdem dein Vetter wieder zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau jemand geschickt, der deine Kusine Hsi-fëng suchen sollte, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich, daß man mich nach ihr schickt. Ihre Magd, die ich traf, hat mir gesagt, sie sei im Reisduftdorf. Eben bin ich auf dem Wege dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir bitte, wie geht es Schwester Hsi-jën in letzter Zeit? Und wie konnte Schwester Tjing-wën so plötzlich sterben? An welcher Krankheit hat sie gelitten? Fräulein Ying-tschun ist auch so schnell weggezogen. Schau nur, wie leer es jetzt hier aussieht!“ Ohne zu zögern, gab Bau-yü ihr auf alles eine Antwort und lud sie ein, ihn in den Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken. Aber Hsiang-ling erwiderte: „Ich kann jetzt nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.“ „Was ist das für ein Auftrag, daß er so eilig ist?“ erkundigte sich Bau-yü. „Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es eilig und wichtig zugleich“, sagte Hsiang-ling. „Ja, richtig!“ erinnerte sich Bau-yü, „aus welcher Familie kommt denn nun seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, Familie Dschang sei besser, dann wieder sollte es Familie Li sein, und anschließend war Familie Wang im Gespräch. Ich weiß gar nicht, was für Sünden die Töchter dieser Familien auf sich geladen haben, daß man so ohne weiteres über sie hergezogen ist!“ „Jetzt ist es bereits entschieden, und so braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden“, verriet Hsiang-ling. „Und um welche Familie handelt es sich?“ wollte Bau-yü sofort wissen. „Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, ist er nebenher auch bei Verwandten zu Besuch gewesen“, berichtete Hsiang-ling. „Diese Familie ist mit unserer schon lange verschwägert. Ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen, und ebenso wie wir zählen sie mit zu den reichsten Häusern. Neulich war davon die Rede, sie seien auch bei euch in beiden Anwesen gut bekannt. In ganz Tschang-an[4] nennt sie jedermann nur die Duftblüten-Hsias.“ „Warum denn Duftblüten-Hsias?“ fragte Bau-yü lachend. „Sie heißen Hsia und sind, wie gesagt, ganz außerordentlich reich“, gab Hsiang-ling Auskunft. „Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen, besitzen sie mehrere zehn Tjing reine Duftblütenplantagen, und ihnen gehören auch alle Duftblütenhandlungen[5] in Tschang-an und Umgebung. Selbst die Topfpflanzen im Kaiserpalast sind Tributgeschenke von ihnen, und so sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Ihr alter Herr ist schon tot, nur die alte Dame lebt noch mit einer leiblichen Tochter, einen Sohn aber hat sie nicht, und es ist schon bedauerlich, daß mit ihr die Familie aussterben wird.“ „Was kümmert das uns, ob sie aussterben oder nicht?“ warf Bau-yü rasch ein. „Taugt denn das Mädchen etwas? Und wie kommt es, daß euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?“ „Zum einen ist es eine Fügung des Himmels, zum anderen ist in den Augen eines Verliebten jedes Mädchen schön wie die Hsi-schï[6]“, erklärte Hsiang-ling. „Da die Familien schon lange miteinander verschwägert sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, und so gab es keinen Grund für Verdächtigungen. Dann sind sie zwar einige Jahre nicht mehr zusammengekommen, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und Frau Hsia, die – wie gesagt – keinen eigenen Sohn hat, sah, wie sich dein Vetter herausgemacht hat, war ihr zum Lachen und zum Weinen zugleich, und sie hat sich mehr über ihn gefreut als über einen leiblichen Sohn. Sie hat dann dafür gesorgt, daß die beiden sich wiedersahen, und da zeigte sich, daß das Mädchen inzwischen aufgeblüht ist wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hat sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter gleich Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, aber sie hätten ihn wohl auch noch länger dabehalten, wenn er nicht energisch darauf gedrungen hätte, nach Hause zurückzukehren. Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau in den Ohren gelegen, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und auch die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie sich einverstanden erklärt. Nachdem sie sich mit deiner Mutter und deiner Kusine Hsi-fëng beraten hatte, schickte sie ihre Boten zu den Hsias, und dort hat man ohne Umschweife ja gesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp angesetzt, so daß wir jetzt alle Hände voll zu tun haben. Aber auch ich kann es kaum erwarten, daß sie ins Haus kommt, denn so haben wir wieder eine Dichterin mehr.“ „Du sagst das so“, bemerkte Bau-yü mit einem kühlen Lächeln. „Ich aber sorge mich bei dieser Nachricht in erster Linie um dich und mache mir Gedanken, was aus dir wird.“ Unwillkürlich wurde Hsiang-ling rot und fragte mit förmlicher Miene: „Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich so an. Was soll denn das heißen? Kein Wunder, daß alle sagen, mit dir dürfe man sich nicht zu eng einlassen!“ Bei diesen Worten machte sie kehrt und ging davon. Hsiang-lings Verhalten machte Bau-yü betroffen, und er hatte das Gefühl, als habe er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da und überlegte hin und her, wobei ihm unvermerkt die Tränen kamen. Dann ging er niedergeschlagen zum Hof der Freude am Roten zurück, aber die ganze Nacht hindurch fand er keine Ruhe. Im Traum rief er mal nach Tjing-wën, dann wieder schreckte er hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich heiß an. Das war die Folge von Beschämung, Schrecken und Leid, die er durch die Ereignisse der letzten Zeit – die Durchsuchung des Gartens, die Vertreibung von Sï-tji, den Abschied von Ying-tschun und den Tod von Tjing-wën – erfahren hatte. Hinzu kam noch eine Erkältung, und so war schließlich eine Krankheit daraus geworden, die ihn an sein Bett fesselte. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag herüber, um selber nach ihm zu sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb. Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen. Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte. Aber was er sich auch ausdenken mochte, die Herzoginmutter und Dame Wang blieben hart, und so hatte er sich zu fügen. Also heftete er sich an die Fersen der Sklavenmädchen und trieb mit ihnen jeden Unfug, der ihm in den Sinn kam. Dann hörte er eines Tages, Hsüä Pan habe zu einer Weintafel mit Theatervorführung eingeladen und dort sei es hoch hergegangen, seine junge Frau sei schon im Hause und solle sehr schön sein, einiges Verständnis für Literatur habe sie auch. Da bedauerte er natürlich zutiefst, daß er nicht hinübergehen konnte, um einen Blick auf sie zu werfen. Einige Zeit später erfuhr er, Ying-tschun habe geheiratet und das Haus verlassen, und er dachte daran, wie vertraut er mit all seinen Kusinen zusammen gelebt hatte und daß es, selbst wenn sie sich einmal wiederträfen, nie wieder so eine Herzlichkeit zwischen ihnen geben würde. Daß er sie jetzt nicht noch ein letztes Mal sehen konnte, war wirklich das Äußerste an Qual und Verdruß. Was blieb ihm weiter übrig, als sich zusammenzunehmen und auszuhalten und derweilen mit den Sklavenmädchen herumzutollen, um sich die Zeit zu vertreiben? Das Gute daran war nur, daß er der Not enthoben war, Djia Dschëngs Mahnung anzuhören, er solle sich mit den Büchern beschäftigen. Der Hof der Freude am Roten wurde in den einhundert Tagen nicht in Schutt und Asche gelegt, aber sonst galt für Bau-yü und seine Sklavenmädchen weder himmlisches noch menschliches Recht, und was sie anstellten, waren die unmöglichsten Dinge der Welt. Aber das muß jetzt nicht in allen Einzelheiten erzählt werden. Seit dem Tag, an dem Hsiang-ling Bau-yü gescholten hatte, war sie still bei sich überzeugt, Bau-yü sei absichtlich so taktlos gewesen. „Kein Wunder, daß unser Fräulein Bau-tschai sich nicht näher mit ihm einzulassen wagt“, urteilte sie. „Da sieht man, daß ich mich nicht so gut darauf verstehe, Abstand zu wahren, wie Fräulein Bau-tschai. Kein Wunder auch, daß sich Fräulein Lin immer wieder mit ihm zankt, bis sie vor Ärger weinen muß. Natürlich wird er sich auch ihr gegenüber so rüde benehmen. Das beste wird sein, wenn ich ihn in Zukunft meide!“ So kam sie dann selbst in den Garten des Großen Anblicks nicht mehr oft. Jeden Tag war sie eifrig mit Vorbereitungen für Hsüä Pans Hochzeit beschäftigt, denn sie glaubte nicht anders, als daß sie in seiner Frau eine Beschützerin finden werde, die ihr auch einen Teil ihrer Pflichten abnahm, so daß sie etwas ruhiger leben konnte. Zum anderen hatte sie gehört, die Braut sei ebenso schön wie begabt, und so mußte sie ja wohl auch kultiviert und friedfertig sein. Aus diesen Gründen sehnte sie den Tag der Hochzeit noch zehnmal dringlicher herbei als Hsüä Pan selbst. Und als es endlich soweit war, diente sie der jungen Frau außerordentlich zuvorkommend und aufmerksam. Dieses Fräulein Hsia nun war eben erst siebzehn Jahre alt. Sie war recht hübsch und wirklich einigermaßen bewandert in der Literatur, in bezug auf Willensstärke und Umsicht aber trat sie ganz in die Fußstapfen von Hsi-fëng. Nur in einer Hinsicht hatte sie Pech gehabt. Da sie schon als kleines Kind den Vater verloren hatte und keine Geschwister besaß, so daß sie das einzige Kind ihrer verwitweten Mutter war, war sie von dieser wie ein rechtes Kleinod verwöhnt und verhätschelt worden. Alles, was der Tochter in den Sinn gekommen war, hatte die Mutter folgsam getan. Dadurch war die Tochter völlig verzogen und hatte einen Charakter bekommen nicht anders als der Räuber Dschï[7]. Sich selbst hielt sie für edel wie ein Bodhisattwa, alle anderen aber waren für sie der letzte Dreck. Und obwohl sie äußerlich reizend aussah wie eine Blume oder eine Weide, verbarg sich doch in ihrem Innern das Wesen von Gewitter und Sturm. Zu Hause hatte sie ihre Launen an den Sklavenmädchen ausgelassen; wenn es glimpflich abging, mit Schelte, sonst aber mit Schlägen. Jetzt, da sie verheiratet war und einen eigenen Haushalt leiten sollte, glaubte sie, die mädchenhafte Sanftmut ablegen und statt dessen hausfrauliche Strenge hervorkehren zu müssen, um alles unter ihre Fuchtel zu bekommen, zumal Hsüä Pan von Natur aus starrsinnig und in seinem Benehmen dünkelhaft war. Wenn sie jetzt nicht das Essen weichkochte, solange der Herd noch heiß war, würde sie ihren Kopf nie durchsetzen können, sagte sie sich. Und als sie im Hause eine Nebenfrau vorfand, die genauso schön wie begabt war, bestärkte sie das nur in dem Vorsatz, es dem Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie gleichzutun[8], der „keinen fremden Schnarcher neben dem eigenen Bett dulden“ wollte und deshalb die Südliche Tang-Dynastie vernichtete. Wegen der vielen Duftblütenpflanzungen, die ihre Familie besaß, hatte Fräulein Hsia den Kindheitsnamen Djin-guee – „Goldene Duftblüte“ – bekommen, und deshalb hatte bei ihr zu Hause niemand diese beiden Silben erwähnen dürfen. Wer es unbedacht doch einmal tat, wurde von ihr grausam geschlagen oder strengstens bestraft. Weil sie aber bedachte, daß man ohne Erwähnung der Duftblüten nicht auskommen konnte, hatte sie sich für diese einen anderen Namen ausgedacht und nannte sie in Anlehnung an die Überlieferung von der Göttin Tschang-ë im Mondpalast[9] „Tschang-ë-Blüten“, womit sie zugleich Ansprüche in bezug auf die eigene Person geltend machte. Hsüä Pan gehörte zu jenen Menschen, die gern über dem Neuen das Alte vergessen, außerdem verstand er es zwar, einen robusten Eindruck zu erwecken, in Wirklichkeit aber hatte er kein Mark in den Knochen. Nachdem er jetzt so eine Frau gefunden hatte und auf der ersten Woge der Begeisterung schwamm, machte er natürlich in allen Dingen Zugeständnisse. Das blieb Hsia Djin-guee nicht verborgen, und so versuchte sie, die Zügel nach und nach straffer zu ziehen. Im ersten Monat war beider Auftreten noch gleich, aber im zweiten war schon zu bemerken, wie Hsüä Pan allmählich ins Hintertreffen geriet. Einmal, als er getrunken hatte, beriet er sich mit Djin-guee über irgendetwas, was er unternehmen wollte. Sie aber stimmte ihm nicht zu und blieb hartnäckig bei ihrer Meinung. Unfähig, sich zu beherrschen, warf Hsüä Pan ihr ein paar böse Worte an den Kopf und tat dann, was er für richtig hielt. Djin-guee aber heulte vor Zorn wie eine Betrunkene, aß und trank nichts mehr und stellte sich krank. Ein Arzt wurde gerufen und konstatierte: „Hier laufen Lebensenergie und Blutstrom einander zuwider. Sie muß etwas einnehmen, um die Brust zu weiten und die Energie in die richtigen Bahnen zu lenken.“ Wütend hielt Tante Hsüä ihrem Sohn vor: „Du bist jetzt verheiratet, wirst bald einen Sohn im Arm halten und benimmst dich immer noch wie ein dummer Junge. Da hat diese Frau mit viel Mühe ein einziges Phönixküken großgezogen, eine Tochter so zart wie eine Blüte, und nur weil sie dich für ei- nen anständigen Menschen hielt, hat sie sie dir zu Frau gegeben. Du aber, anstatt dich zu bessern und mit deinem Los zufrieden zu sein, friedlich und verträglich mit ihr zu leben, läßt dich mit gelber Brühe vollaufen und quälst sie dann. Jetzt können wir auch noch Geld für Medizin ausgeben und uns für nichts und wieder nichts Sorgen machen!“ Diese Ansprache löste bei Hsüä Pan unendliche Reue aus, und er ging hin, um Djin-guee zu besänftigen. Djin-guee aber triumphierte erst recht, als sie sah, wie ihr Mann von der Schwiegermutter gescholten wurde, spielte sich in jeder Hinsicht auf und zeigte Hsüä Pan die kalte Schulter. Nun wußte sich Hsüä Pan nicht mehr zu helfen und machte sich bittere Vorwürfe. Mit viel Mühe gelang es ihm nach mehr als zehn Tagen, Djin-guees Herz wieder zu erweichen. Von nun an ging er behutsamer mit ihr um, und in seinem Auftreten war er natürlich noch ein gutes Stück folgsamer als bisher. Als Djin-guee bemerkte, daß ihr Mann sich allmählich geschlagen gab und daß ihre Schwiegermutter eine gutmütige Frau war, begann sie langsam, die Zähne zu zeigen. Zuerst zwang sie nur Hsüä Pan ihren Willen auf, später dehnte sie durch geschickte Schmeichelei ihre Macht auch auf Tante Hsüä aus, und mit Bau-tschai wollte sie genauso verfahren. Aber Bau-tschai hatte Djin-guees frechen Plan längst durchschaut. Sie hatte immer das passende Gegenmittel parat und sagte ihr durch die Blume stets das Richtige, um sie in Schach zu halten. Als Djin-guee einsehen mußte, daß sie ihr so nicht beikommen konnte, war sie bemüht, sie bei einem Fehler zu ertappen, den sie sich zunutze machen konnte. Aber Bau-tschai gab sich keine Blöße, und so mußte Djin-guee sie, wenn auch widerwillig, in Ruhe lassen. Eines Tages, als Djin-guee nichts weiter zu tun hatte und sich deshalb mit Hsiang-ling unterhielt, erkundigte sie sich nach Hsiang-lings Heimatort und Elternhaus. Als Hsiang-ling erwiderte, sie könne sich nicht mehr daran erinnern, wurde Djin-guee ungehalten und behauptete, sie wolle es absichtlich vor ihr verheimlichen. Dann fragte sie, wer ihr den Namen Hsiang-ling – „Duftende Wassernuß“ – gegeben habe, und Hsiang-ling antwortete: „Das war unser gnädiges Fräulein.“ „Alle behaupten, das gnädige Fräulein sei so gebildet, aber dieser Name gibt keinen Sinn“, sagte Djin-guee mit verächtlichem Lächeln. „O weh!“ erwiderte Hsiang-ling ihr daraufhin lächelnd. „Ihr könnt das freilich nicht wissen, junge gnädige Frau, aber selbst der gnädige Herr Onkel lobt unser gnädiges Fräulein immer wieder für seine Bildung.“ Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.

Anmerkungen

  1. Berühmtes Muster einer Gedenkinschrift, verfaßt im 3. Jh. von Han-dan Tschun für Tsau Ë, eine ‚vorbildliche‘ Tochter, die sich als Vierzehnjährige ertränkte, als sie den Leichnam ihres ertrunkenen Vaters nicht fand.
  2. Anspielung auf die ‚Gespräche‘ des Konfuzius, V, 26.
  3. Alte Verwaltungseinheit im Norden der Provinz Schan-hsi, Verwaltungssitz war die heutige Stadt Da-tung.
  4. Da nicht ausdrücklich gesagt ist, daß die Familie Hsia in Tschang-an wohnt, kann mit Tschang-an entweder wie im 38. Kap. die Hauptstadt gemeint sein (vgl. o., Anm. zu S. 669) oder das fiktive Tschang-an aus dem 15. Kap. (vgl. o., Anm. zu S. 255), das Hsüä Pan dann auf seiner Reise besucht haben müßte.
  5. Die Duftblütensträucher (Osmanthus fragrans) dienten nicht nur als Zierpflanzen, ihre Blüten fanden in vielerlei Weise zum Parfümieren Verwendung (so für das im 28. und im 62. Kap. erwähnte Haaröl, für grünen Tee, für eine Weinsorte und für Naschwerk wie das im 37. Kap. genannte Kastanienkonfekt mit Duftblütenzucker).
  6. Vgl. o., Anm. zu S. 6 (Hsi-dsï); die von Hsiang-ling gebrauchte Redewendung ist sprichwörtlich.
  7. In verschiedenen alten Texten erwähnte Gestalt, die gegen Ende der Frühlings- und Herbstperiode der Dschou-Zeit (5. Jh. v. u. Z.) gelebt haben soll. Im Buch ‚Dschuang-dsï‘ (vgl. o., Anm. zu S. 1146) heißt es, der Räuber Dschï habe im ganzen Reich gewütet und die Lehnsfürsten bedrängt und geschädigt.
  8. Vgl. o., Anm. zu S. 1407.
  9. Vgl. o., Anm. zu S. 1414 (Zum Kalten Palast...). Die Verbindung zwischen der Duftblüte (guee-hua) und dem Mond bildet das Schriftzeichen guee, mit dem auch der Kassiabaum bezeichnet wird. Der Mythe nach wächst so ein Baum auf dem Mond (vgl. o., Anm. zu S. 170: ‚Im Krötenpalast...‘).