Hongloumeng/de/Chapter 75
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Kapitel 75
開夜宴異兆發悲音 / 賞中秋新詞得佳讖
Beim naechtlichen Festmahl kuenden seltsame Vorzeichen truebe Klaenge an; Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glueckverheissenden Prophezeiungen
Klagelaute während eines nächtlichen Festmahls werden als seltsames Omen gedeutet,neue Verse zum Mittelherbstfest werden als gutes Vorzeichen verstanden.
Frau You ging also im Zorn von Hsi-tschun fort und wollte sich nun zu Dame Wang begeben, als ihr die alten Ammen aus ihrem Gefolge leise meldeten: „Ihr geht besser nicht ins Hauptgebäude, junge gnädige Frau! Eben sind ein paar Leute von den Dschëns eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen dabei. Es scheint sich um dringliche und geheime Dinge zu drehen, darum wäre es sicher nicht angebracht, wenn Ihr dorthin gehen würdet, junge gnädige Frau.“ „Gestern hörte ich, wie der Herr sagte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Dschëns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, deshalb sei ihr Familienbesitz durchsucht und beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt gebracht werden“, sagte Frau You. „Wie kann da jemand von ihnen gekommen sein?“ „Eben!“ erwiderten die alten Ammen darauf, „die Frauen, die vorhin gekommen sind, machten einen ganz verstörten Eindruck und waren fahrig und aufgeregt. Bestimmt geht es darum, daß etwas verheimlicht werden soll.“ Daraufhin ging Frau You nicht weiter und suchte statt dessen noch einmal Li Wan auf, bei der eben ein Hofarzt gewesen war, um ihr die Pulse zu fühlen. Da sie sich seit den letzten Tagen wieder etwas besser fühlte, saß sie, in Decken gehüllt und auf Kissen gestützt, auf ihrem Bett und wünschte sich, daß ein paar Besucherinnen kämen, mit denen sie plaudern könnte. Nun kam wirklich Frau You herein, aber anstatt freundlich und herzlich zu sein wie sonst, saß sie nur geistesabwesend da. „Du bist heute schon so lange hier bei uns, hast du denn bei den andern etwas gegessen?“ erkundigte sich Li Wan. „Wahrscheinlich hast du Hunger.“ Und sie gab Su-yün den Befehl nachzusehen, ob etwas Frisches als Imbiß da war, das sie bringen konnte. Doch Frau You fiel ihr ins Wort und sagte: „Nicht doch, nicht doch! Woher willst du etwas Frisches im Hause haben, da du die ganze Zeit krank warst?! Außerdem habe ich gar keinen Hunger.“ „Gestern habe ich von Lans Tante gutes Mehl zum Einrühren[1] bekommen“, sagte Li Wan, die nicht lockerließ. „Ich werde dir eine Schale davon zurechtmachen lassen!“ Und sie befahl ihren Sklavenmädchen, die Speise zuzubereiten. Frau You aber saß wieder gedankenverloren da und sagte kein Wort. Nun schlugen ihr die Sklavenmädchen und -frauen, die sie mitgebracht hatte, vor: „Ihr habt Euch heute Mittag noch nicht das Gesicht gewaschen, junge gnädige Frau. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?“ Frau You nickte dazu, und sofort erhielt Su-yün den Befehl, Li Wans Schminkkästchen holen zu gehen. Als sie damit wiederkam, brachte sie ihr eigenes Rouge mit und sagte lächelnd: „So etwas hat unsere Herrin nicht, das hier ist von mir. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, könnt Ihr davon nehmen, junge gnädige Frau.“ „Ich habe zwar so etwas nicht“, sagte Li Wan vorwurfsvoll, „aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen müssen, um von ihnen welches zu holen. Wie kannst du einfach deines bringen? Ein Glück nur, daß sie es ist, eine andere wäre bestimmt böse geworden.“ „Aber das macht doch nichts!“ erwiderte Frau You lächelnd. „Wessen Rouge hätte ich noch nicht benutzt, seitdem ich hier herüberkomme?! Warum sollte ich plötzlich ihres für schmutzig halten?“ Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Ofenbetts, und Yin-diä trat heran, um ihr rasch die Armreifen und Fingerringe abzustreifen und ein großes Handtuch über ihren Schoß zu breiten, damit die Kleider geschützt waren. Dann trat das kleine Sklavenmädchen Tschau-dou-örl mit einer großen Schüssel warmem Wasser vor Frau You und hielt sie ihr hin, indem es sich einfach vornüber beugte. „Wie benimmst du dich denn?“ fragte Li Wan, und auch Yin-diä sagte lächelnd: „Keine einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen, jede versteht nur, was man ihr ausdrücklich sagt. Nur weil uns die junge Herrin etwas großzügiger behandelt und es zu Hause nicht so genau nimmt, bist du selbstzufrieden geworden und verhältst dich auch außerhalb des Hauses und vor der Verwandtschaft so, wie es dir am bequemsten erscheint.“ „Laß sie doch!“ forderte Frau You sie auf. „Es geht ja lediglich darum, daß ich mich waschen will.“ Aber rasch kniete Tschau-dou-örl nieder, und nun bemerkte Frau You lächelnd: „Unser Gesinde – hoch und niedrig – weiß von Etikette und Ansehen nur äußerlich und zum Schein zu reden. Aber was sie anstellen, ist toll genug.“ Daraus schlußfolgerte Li Wan, daß Frau You von den Ereignissen der letzten Nacht bereits wußte, und deshalb sagte sie lächelnd: „Das redest du doch nicht einfach so daher. Wer hat denn etwas Tolles angestellt?“ „Das fragst du mich?“ gab ihr Frau You zurück. „Du tust ja, als ob du nicht krank, sondern schon tot wärst!“ Das hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Fräulein Bau-tschai ist gekommen.“ Sofort gaben sie Befehl, man solle sie schnell hereinbitten, da trat Bau-tschai auch schon ins Zimmer. Schnell wischte sich Frau You das Gesicht ab und stand auf, um sie zum Platznehmen aufzufordern. Dann fragte sie: „Warum kommst du plötzlich allein? Wo sind deine Kusinen?“ „Ja, eben, ich habe sie auch nicht gesehen“, erwiderte Bau-tschai. „Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen können einer Erkältung wegen nicht vom Ofenbett aufstehen. Auf die übrigen aber ist kein Verlaß, darum muß ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Das wollte ich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau melden, aber dann habe ich mir gesagt, da es nichts so Ernstes ist, brauchte ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen, zumal ich ja wiederkomme, sobald sie gesund ist, und so wollte ich der Schwägerin Bescheid sagen.“ Als Li Wan das hörte, sah sie nur Frau You an und lächelte, während Frau You den Blick erwiderte, ebenfalls lächelnd. Nachdem Frau You sich dann fertig gewaschen hatte, aßen sie alle zusammen von dem Mehlbrei, und Li Wan sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand beauftragen, der Frau Tante meinen Gruß zu entbieten und sie zu fragen, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich ebenfalls krank bin, kann ich das ja nicht selber machen. Geh nur zu ihr, Schwägerin, ich werde natürlich veranlassen, daß hier jemand auf deine Räume aufpaßt. Aber in ein, zwei Tagen mußt du auf jeden Fall wieder hier sein, damit man mir keine Vorwürfe macht.“ „Was sollte man dir für Vorwürfe machen?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Das ist doch eine ganz normale Sache, du läßt ja nicht gegen Bestechung einen Verbrecher laufen. Meiner Meinung nach brauchst du auch niemand als Verstärkung in meine Räume zu schicken. Besser wäre es, Hsiang-yün hierher zu bitten, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?“ „Wo steckt sie überhaupt jetzt?“ wollte Frau You wissen. „Ich habe sie eben nach Tan-tschun auf die Suche geschickt und sie gebeten, sie herzuholen, damit ich auch ihr klar Bescheid geben kann“, gab Bau-tschai Auskunft. Als sie das eben sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Fräulein Hsiang-yün und das dritte gnädige Fräulein sind da.“ Nachdem man die beiden hatte Platz nehmen lassen, erklärte Bau-tschai, daß sie den Garten verlassen wollte, und Tan-tschun sagte: „Gut! Du kommst ja wieder, wenn die Frau Tante gesund ist, und wenn du nicht wiederkommst, ist es auch nicht so schlimm.“ „Das klingt aber seltsam!“ bemerkte Frau You mit lächelnder Miene. „Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?“ „Genau!“ gab Tan-tschun kühl lächelnd zurück, „ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, ist es besser, ich werfe sie hinaus. Verwandte sind gut und schön, aber es gibt auch keinen Grund, weshalb man immer und ewig mit ihnen zusammen leben sollte. Wir sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne, einer würde den andern am liebsten auffressen.“ „Warum habe ich nur heute so ein Pech?“ fragte Frau You rasch und lächelte wieder. „Jede von euch treffe ich in zorniger Stimmung an.“ „Wer verlangt denn von dir, daß du so dicht an den heißen Herd gehst?“ fragte Tan-tschun ihrerseits. Dann erkundigte sie sich: „Wer hat dich wieder einmal gekränkt?“ Und anschließend überlegte sie laut: „Das vierte Fräulein würde es nicht fertigbringen, mit dir zu zanken. Wer also war es?“ Aber Frau You gab ihr nur eine unbestimmte Antwort. Da Tan-tschun wußte, daß sie Angst vor Unannehmlichkeiten hatte und deshalb nicht zuviel sagen wollte, setzte sie ihr lächelnd zu: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst dich also nicht ständig vor diesem zu fürchten und vor jenem zu ängstigen. Um es geradeheraus zu sagen, gestern hat Wang Schan-baus Alte eine Ohrfeige von mir bekommen, und ich nehme die Strafe dafür auf mich. Hinter meinem Rücken wird man ein bißchen über mich reden, aber man kann mich ja schließlich deswegen nicht durchprügeln lassen.“ Als Bau-tschai fragte, warum sie die Alte geschlagen habe, berichtete Tan-tschun ihr in allen Einzelheiten, wie es am Vortag bei der Haussuchung zuging und wie sie mit Wang Schan-baus Frau aneinandergeraten war. Und als Frau You hörte, daß Tan-tschun ohnehin von der Sache erzählte, verschwieg sie auch nicht länger, was sich eben bei Hsi-tschun abgespielt hatte. „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter“, kommentierte Tan-tschun. „Da zeigt sich ihr übersteigerter Stolz. Wir werden sie auch nicht mehr ummodeln.“ Dann setzte sie noch hinzu: „Als heute Morgen alles ruhig blieb und ich erfuhr, daß der Taugenichts Hsi-fëng wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um auszukundschaften, was mit Wang Schan-baus Frau ist. Und als sie wiederkam, hat sie berichtet, Wang Schan-baus Frau habe eine Tracht Prügel bekommen und die ältere gnädige Frau sei mit ihr böse, weil sie so übereifrig gewesen ist.“ „Das ist ihr recht geschehen!“ meinten Frau You und Li Wan, aber Tan-tschun sagte mit kühlem Lächeln: „Wer verstünde sich nicht darauf, den Leuten Sand in die Augen zu streuen?! Warten wir ab, wie es weitergeht!“ Darauf wußten Frau You und Li Wan nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, daß drüben gegessen wurde, und so kehrten Hsiang-yün und Bau-tschai in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Inzwischen verabschiedete sich Frau You von Li Wan und ging zur Herzoginmutter hinüber. Diese lehnte schräg auf ihrer Ruhebank und ließ sich von Dame Wang erzählen, was sich die Dschëns hatten zuschulden kommen lassen, wie ihr Besitz durchsucht und beschlagnahmt worden war und wie sie selbst in die Hauptstadt gebracht wurden, um ihre Strafe zu empfangen. Diesen Bericht hörte sie mit Unbehagen, und als sie jetzt sah, wie Frau You und die Mädchen eintraten, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wißt ihr, ob es eurer Kusine Hsi-fëng und eurer Schwägerin heute besser geht?“ Sofort antworteten Frau You und die anderen: „Es geht heute beiden schon etwas besser.“ Die Herzoginmutter nickte, dann sagte sie seufzend: „Wir wollen uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern, sondern darüber beratschlagen, wie wir uns am fünfzehnten achten am Vollmond erfreuen wollen!“ „Es ist schon alles vorbereitet“, berichtete Dame Wang lächelnd. „Ich weiß bloß noch nicht, welchen Platz Ihr dafür ausersehen habt, alte gnädige Frau. Der Garten ist kahl, und der Nachtwind ist kalt.“ „Was sollte uns hindern, uns wärmer anzuziehen?“ fragte die Herzoginmutter. „Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen, wie könnten wir also nicht dorthin gehen?“ Während sie das sagte, brachten die Sklavenfrauen und -mädchen schon den Eßtisch herein, und Dame Wang und Frau You beeilten sich, die Eßstäbchen aufzulegen und den Reis aufzutragen. Als die Herzoginmutter sah, daß außer ihren eigenen Zuspeisen, die man schon auf den Tisch gestellt hatte, noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, konnte sie sich denken, daß ihr diese nach der alten Regel zum Zeichen kindlicher Ehrerbietung aus den einzelnen Häusern überbracht worden waren. Darum sagte sie: „Was ist das alles? Ich habe doch letztens schon ein paarmal befohlen, daß damit Schluß sein soll, und ihr könnt immer noch nicht hören. Die heutigen Zeiten sind mit denen des einstigen Überflusses nicht zu vergleichen.“ Sofort berichtete Yüan-yang: „Ich habe es mehrmals angeordnet, aber niemand wollte darauf hören. Darum mußte ich ihnen ihren Willen lassen.“ Und lächelnd erklärte Dame Wang: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, darum konnte ich nichts anderes schicken. Da Ihr Mehlklüter mit Bohnenkäse nicht gern mögt, habe ich nur ein Gericht für Euch ausgewählt, Schleimkrautpüree mit Pfeffer und Öl.“ „Das kommt gerade recht, darauf habe ich Appetit“, sagte die Herzoginmutter lächelnd, und schon stellte Yüan-yang den Teller vor sie hin. Bau-tjin lehnte immer wieder höflich ab, ehe sie sich endlich hinsetzte, dann befahl die Herzoginmutter auch Tan-tschun, sie solle mitessen. Tan-tschun zierte sich genauso, ehe sie schließlich gegenüber von Bau-tjin Platz nahm. Rasch ging Dai-schu eine Eßschale für sie holen. Nun wies Yüan-yang auf die übrigen Zuspeisen und sagte: „Bei diesen beiden Gerichten vermag ich nicht zu erkennen, was es ist. Der ältere gnädige Herr hat sie geschickt. In dieser Schüssel hier sind Bambussprossen mit Hühnermark, das hat Euch der gnädige Herr aus dem anderen Anwesen geschickt.“ Mit diesen Worten setzte sie die Schüssel auf den Tisch. Die Herzoginmutter kostete zwei Häppchen davon, dann befahl sie: „Laßt das zurücktragen und bestellen, ich hätte davon gegessen. In Zukunft sollen sie mir nicht mehr Tag für Tag etwas schicken. Wenn ich etwas haben will, werde ich danach verlangen.“ Die Sklavenfrauen sagten jawohl und trugen die Speisen fort. Mehr soll davon nicht die Rede sein. Dann sagte die Herzoginmutter: „Wenn nüchterne Reissuppe da ist, möchte ich davon haben!“ Sofort brachte ihr Frau You eine Schale voll und erläuterte, die Suppe sei aus rotem Reis zubereitet. Die Herzoginmutter nahm ihr die Schale ab, aß sie zur Hälfte aus und gab dann die Weisung: „Bringt Hsi-fëng diese Suppe!“ Dann wies sie mit der Hand auf die entsprechenden Gefäße und fuhr fort: „Diese Schüssel mit Bambussprossen und diesen Teller mit getrocknetem Pökelfleisch vom Larvenroller sollen Dai-yü und Bau-yü essen! Den Teller dort mit dem Fleisch soll der kleine Lan bekommen!“ Anschließend forderte sie Frau You auf: „Ich bin fertig mit essen, iß du jetzt!“ Frau You sagte: „Jawohl!“ und wartete der Herzoginmutter beim Mundspülen und Händewaschen auf. Als das erledigt war, stand die Herzoginmutter auf und unterhielt sich mit Dame Wang, während sie zur Verdauung auf und ab ging. Inzwischen sagte Frau You, daß sie sich nun setzen wolle, Tan-tschun und Bau-tschai aber standen auf und entschuldigten sich lächelnd bei Frau You, daß sie ihr nicht Gesellschaft leisten konnten. „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch, das bin ich nicht gewöhnt!“ klagte Frau You lächelnd. Aber schon sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd: „Yüan-yang! Hu-po! Packt die Gelegenheit beim Schopf und eßt auch etwas! Zugleich leistet ihr meinem Gast Gesellschaft!“ „Ja, gut!“ stimmte Frau You freudig zu. „Das hatte ich auch vorschlagen wollen.“ „Es macht Spaß, wenn man recht viele Leute essen sieht“, erklärte die Herzoginmutter. Dann wies sie auf Yin-diä und setzte hinzu: „Du bist auch ein braves Mädchen, iß du auch mit deiner Herrin zusammen! Auf die Etikette kannst du achten, wenn ihr wieder gegangen seid.“ „Komm schnell und zier dich nicht erst zum Schein!“ verlangte Frau You. Dann legte die Herzoginmutter die Hände auf den Rücken und schaute den Essenden mit vergnügtem Gesicht zu. Als sie sah, daß eine der Sklavinnen, die das Auftragen zu besorgen hatte, eine Schale mit Reis brachte, wie ihn das Gesinde bekam, und daß auch Frau You nichtklebenden weißen Reis aß, fragte sie: „Ja, bist du denn von Sinnen, deiner Herrin von diesem Reis zu bringen?“ „Euer Reis ist alle, alte gnädige Frau“, erwiderte die Sklavin. „Dadurch, daß heute ein gnädiges Fräulein mehr zu Tisch war, hat er nicht ganz gereicht.“ „Wir müssen heute in allen Dingen die Mütze nach der Kopfweite schneidern“, warf Yüan-yang ein. „Überfluß können wir uns nicht leisten.“ Und Dame Wang berichtete rasch: „In den letzten beiden Jahren konnte der Reis von unseren Feldern infolge von Dürren und Überschwemmungen nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders schwierig ist es mit den feineren Sorten. Deshalb wird nur soviel ausgeteilt, wie gegessen wird, weil wir Angst haben, eines Tages könnte er alle sein und gekaufter Reis würde nicht schmecken.“ „Da kann man ja wirklich sagen ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Reissuppe kochen‘“ bemerkte die Herzoginmutter lächelnd, und alle begannen zu lachen. „Dann holt doch noch den Reis, der für das dritte gnädige Fräulein bestimmt war!“ verlangte Yüan-yang. „Das bleibt sich doch gleich. Warum seid ihr nur so denkfaul?“ „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts mehr geholt zu werden“, erklärte Frau You mit lächelnder Miene. „Davon, daß es Euch gereicht hat, werde ich aber nicht satt“, entgegnete Yüan-yang, und rasch gingen die Sklavinnen hinaus, um den anderen Reis zu holen. Bald darauf ging Dame Wang fort, um ihrerseits zu essen, während Frau You der Herzoginmutter noch Gesellschaft leistete und mit ihr plauderte und scherzte. Als die erste Nachtwache angebrochen war, sagte die Herzoginmutter: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!“ Jetzt erst verabschiedete sich Frau You und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yin-diä setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Sklavenfrauen den Wagenvorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleineren Sklavenmädchen geradewegs zum Haupttor des Ning-guo-Anwesens hinüber und warteten dort. Da die Tore beider Anwesen keine Pfeilschußweite voneinander entfernt waren, brauchte man beim gewöhnlichen Alltagsverkehr nicht ganz so penibel zu sein, zumal wenn es schon dunkel war und die Zahl der ein- und ausfahrenden Familienmitglieder besonders groß. Darum gingen die alten Sklavenfrauen und die kleineren Sklavenmädchen die paar Schritte einfach zu Fuß, während die Männer von beiden Toren rasch nach Osten und Westen bis zu den nächsten Straßenkreuzungen vorgingen und dort die Passanten zurückhielten. Frau You gebrauchte auch kein Zugtier für ihren Wagen. Statt dessen mußten sieben oder acht Sklavenjungen an den Wagenringen und den Radnaben anpacken und den Wagen auf diese Weise sachte bis drüben zur Torauffahrt ziehen. Dann zogen sie sich nach draußen bis hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Sklavenfrauen den Wagenvorhang hochschlugen. Als erste stieg Yin-diä ab, um dann Frau You beim Aussteigen behilflich zu sein. Da alles durch sieben oder acht große und kleine Laternen hell beleuchtet war, konnte Frau You erkennen, daß vier oder fünf größere Wagen neben den Steinlöwen standen. Daraus schloß sie, daß wieder Besucher zum Glücksspiel da waren, und sagte, an Yin-diä und die übrigen Sklavinnen gewandt: „Schaut nur! Wenn schon so viele mit dem Wagen da sind, wie viele mögen dann noch zu Pferde gekommen sein! Nur sind die Pferde natürlich im Stall angebunden, und wir sehen sie nicht. Ich möchte wohl wissen, wieviel Geld diese jungen Leute von ihren Eltern bekommen, daß sie sich auf diese Weise vergnügen können!“ Bei diesen Worten waren sie schon an der Haupthalle angelangt, und hier trat ihnen Djia Jungs Frau mit den übrigen Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses zur Begrüßung entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Lächelnd sagte Frau You: „Schon immer hatte ich mir das heimlich ansehen wollen, doch es hatte sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben. Aber heute trifft es sich günstig, und wir wollen einfach vor ihren Fenstern vorbeigehen!“ Die Sklavenfrauen sagten jawohl und leuchteten mit ihren Laternen, um Frau You den Weg zu weisen. Außerdem ging eine vor, um den aufwartenden Sklavenjungen unauffällig Bescheid zu sagen, damit sie sich nicht erschreckten. Als Frau You und ihre Begleiterinnen dann leise vor die Fenster traten, hörten sie von drinnen begeisterte Rufe, die sich mit Gelächter mischten, und zwischendurch ertönten auch Flüche und Schimpfwörter. Die Sache war die, daß Djia Dschën, weil er sich noch in Trauer befand, weder Vergnügungstouren unternehmen noch Theatervorführungen veranstalten konnte, um sich zu zerstreuen. Und da er vor Langeweile zu vergehen drohte, dachte er sich ein Mittel aus, mit dem er sich Abwechslung verschaffen konnte. Unter dem Vorwand, Schießübungen abzuhalten, lud er am Tage die jungen Leute aus angesehenen Beamtenfamilien sowie reiche und vornehme Verwandte und Freunde ein, miteinander ihre Kräfte zu messen. Dazu sagte er: „Nur einfach so herumzuschießen bringt keinen Nutzen. Nicht nur, daß man so keine Fortschritte machen kann, man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen.“ Deshalb wurde in der Schießbahn unterhalb des Turms des Himmelsduftes eine Zielscheibe aufgestellt und vereinbart, daß jeden Tag nach der Frühmahlzeit danach geschossen werden sollte. Und weil Djia Dschën nicht seinen eigenen Namen dafür hergeben mochte, erteilte er Djia Jung den Befehl, als Veranstalter aufzutreten. Die Teilnehmer waren die Söhne altangesehener Familien, die allesamt auf großem Fuße lebten, und überdies waren sie noch im Jünglingsalter, eine rechte Rotte von jungen Stutzern, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und deren besonderes Interesse den Freudenmädchen galt. Gemeinsam beschlossen sie, daß sie reihum für das Abendessen sorgen wollten, denn sie meinten, es ginge nicht an, daß Djia Jung allein dafür aufkam. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet sowie Gänse und Enten geköpft, und beinahe wie beim Wettstreit von Lin-tung[2] wollte jeder damit prahlen, was für Kanonen der Kochkunst seine Familie in ihren Diensten hatte. Es dauerte keinen halben Monat, bis Djia Schë und Djia Dschëng von der Sache erfuhren, aber da sie nicht wußten, wie es dabei in Wirklichkeit zuging, sagten sie noch, es sei recht so, und wer es auf zivilem Gebiet zu nichts gebracht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben, besonders in einer Familie, die von den militärischen Verdiensten ihrer Ahnen zehrte. Darum wurde auch in beiden Gehöften befohlen, Djia Huan, Djia Dsung, Bau-yü und Djia Lan sollten jeden Tag nach dem Essen ebenfalls ins andere Anwesen hinübergehen und sich unter Djia Dschëns Anleitung im Schießen üben, ehe sie wieder in ihre Räume zurückkehren durften. Aber Djia Dschën stand der Sinn nicht nach Schießübungen. Nachdem noch ein paar Tage vergangen waren, gab er vor, einen Ausgleich für die Arme zu brauchen, und so wurden an den Abenden Glücksspiele gespielt. Zuerst ging es nur darum, die Trinkrunden auszuknobeln, später aber wurde allmählich um Geld gespielt. Und nachdem jetzt drei oder vier Monate ins Land gegangen waren, gewann das Spielen immer mehr die Oberhand über das Schießen. Da wurden hemmungslos Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt und die Nächte durchgemacht. Auch das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte nichts sehnlicher, als daß es so bliebe, darum war es schon zu einer festen Regel geworden. Außenstehende ahnten jedoch nicht das geringste davon. Auch Dame Hsings jüngerer Bruder Hsing Dë-tjüan war neuerdings mit von der Partie, denn so etwas bereitete ihm unbändiges Vergnügen an dererlei. Hsüä Pan war natürlich ebenfalls mit Freuden dabei, war er doch stets der erste, wenn es darum ging, anderen Leuten sein Geld in den Rachen zu werfen. Hsing Dë-tjüan war zwar der leibliche Bruder von Dame Hsing, aber nach Wesen und Verhalten war er ihr in keiner Weise ähnlich. Seine Vergnügungen bestanden nur darin, Wein zu trinken, um Geld zu spielen und die Nächte mit Freudenmädchen zu verbringen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen hegte er keine Hintergedanken. Wer gern Wein trank, den mochte er, und wer nicht trank, von dem hielt er sich fern. Diese Regel galt für hoch und niedrig, Herren und Knechte, und einen Unterschied zwischen Edlen und Gemeinen gab es für ihn nicht. Deshalb nannten ihn alle den ‚blöden Onkel‘. Hsüä Pan aber war schon längst als der ‚dumme Herr‘ bekannt. Heute hatten die zwei sich zusammengetan, da sie beide gern ‚Hetzjagd‘ spielten, weil das so ein lebhaftes Spiel war. Sie hatten sich zwei Partner gesucht und würfelten im Außenraum auf dem Ofenbett. Von den anderen spielten mehrere an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers ‚Häscher‘, während die Kultivierteren im Innenraum mit Dominosteinen ‚Himmel und neun‘ spielten. Die Sklavenjungen, die hier aufwarteten, waren alles Kinder von unter fünfzehn Jahren, erwachsene Sklaven hatten keinen Zutritt. Nur deshalb konnte Frau You ungehindert vor die Fenster gelangen, um heimlich hineinzuschauen. Unter den Anwesenden sah sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die den Gästen den Wein kredenzten und die so zurechtgemacht waren, daß sie aussahen wie mit Puder bestäubt oder aus Jade geschliffen. Hsüä Pan hatte wieder einmal eine Partie verloren, was ihn ärgerlich machte, aber glücklicherweise zeigte sich nach der nächsten Partie, daß er nicht nur den Verlust wieder wettgemacht, sondern auch noch etwas dazugewonnen hatte, und so kam er wieder in Stimmung. „Hören wir erst einmal auf und machen weiter, wenn wir gegessen haben!“ schlug Djia Dschën seinen Mitspielern vor. Dann erkundigte er sich, wie es bei den anderen Spielrunden aussah. Die Himmel-und-neun-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten auf das Essen, aber die Würfelspieler, die ‚Häscher‘ spielten, waren noch nicht so weit und mochten noch nicht essen. Und da sie sich nicht drängeln ließen, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Djia Dschën den Gästen Gesellschaft leistete, während er zugleich Djia Jung befahl, er solle warten und dann der anderen Runde Gesellschaft leisten. Aufgeräumt, wie Hsüä Pan war, umhalste er einen der beiden Lustknaben und trank seinen Wein. Zugleich befahl er, auch dem ‚blöden Onkel‘ Wein zu reichen. Aber der ‚blöde Onkel‘ war ärgerlich, weil er verloren hatte, und nach zwei Bechern Wein war er schon so angetrunken, daß er den Lustknaben vorwarf, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. „Ihr Rammlerbande!“ schimpfte er. „Ihr seht nur immer zu, wo ihr bleibt! Dabei sind wir doch Tag für Tag beisammen, und ihr habt von jedem eure Vorteile. Nur weil ich heute ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen. Als ob ihr in Zukunft nicht wieder mit euren Bitten zu mir kommen würdet!“ Da die anderen sahen, daß der Wein aus ihm sprach, sagten sie rasch: „Ihr habt vollkommen recht! Sie haben wirklich schlechte Manieren.“ Und sie befahlen: „Reicht dem Onkel schnell Wein und entschuldigt euch bei ihm!“ Die beiden Lustknaben waren derlei Szenen zur Genüge gewöhnt, darum knieten sie schnell mit dem Weingeschirr in den Händen nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so! Unser Meister hat uns beigebracht, wir sollten lieb und ehrerbietig zu jedem sein, solange er Geld und Macht hat, egal ob uns jemand nah oder fern steht, ob wir ihn mögen oder nicht. Doch selbst dann, wenn es ein lebender Buddha oder ein Heiliger wäre, dürften wir uns um keinen kümmern, der nicht Geld und Macht hat. Bedenkt auch, wie jung wir noch sind und welches unser Beruf ist, und laßt es uns gütigst durchgehen, werter Herr Onkel!“ Mit diesen Worten hielten sie ihm den Wein hin und knieten dann erneut nieder. Hsing Dë-tjüan war zwar schon weich geworden, aber er stellte sich immer noch böse und beachtete die beiden nicht. Darum redeten ihm die anderen zu: „Diese Kinder meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit immer Liebe und Mitgefühl für die Duftigen und Jadegleichen empfunden. Warum seid Ihr da heute so anders? Wie sollen die beiden wieder aufstehen, wenn Ihr den Wein nicht trinkt?“ „Wenn Ihr nicht wärt, meine Herren, würde ich sie auch weiterhin nicht beachten!“ erklärte Hsing Dë-tjüan, der nicht länger widerstehen konnte. Und erst mit diesen Worten nahm er den Weinbecher entgegen, leerte ihn in einem Zuge und ließ sich gleich noch einmal einschenken. Dann rief ihm der Wein etwas ins Gedächtnis zurück, und er geriet in eine trunkene Redseligkeit. Zuerst schlug er mit der Hand auf den Tisch, danach sagte er seufzend, an Djia Dschën gewandt: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld so lieb ist wie das eigene Leben. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien vergessen ihr eigen Fleisch und Blut, wenn es um Geld und Macht geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante von drüben habe ärgern müssen?“ „Nein“, sagte Djia Dschën, „davon habe ich nichts gehört.“ „Es ging um das verfluchte Geld“, fuhr Hsing Dë-tjüan fort. „Ist das schlimm, nein, ist das schlimm!“ Djia Dschën wußte sehr gut, daß sich Hsing Dë-tjüan mit Dame Hsing nicht verstand und daß sie ihn verabscheute und ihm immer wieder Vorwürfe machte. Darum redete er ihm zu: „Ihr seid aber auch ein bißchen zu verschwenderisch, Onkel. Wieviel habt Ihr auf diese Weise schon ausgegeben, wenn Ihr Euch so leicht davon trennt?“ „Mein werter Neffe“, erwiderte Hsing Dë-tjüan, „du weißt ja nicht, wie es bei uns Hsings eigentlich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen dieser Welt. Von meinen drei Schwestern ist deine Tante die älteste. Sie hat als Erste geheiratet und das ganze Familienvermögen einfach hierher mitgenommen. Jetzt hat auch meine zweitälteste Schwester geheiratet, aber in eine sehr arme Familie. Meine drittälteste Schwester ist noch nicht aus dem Haus. Unser ganzer Besitz wird hier von Wang Schan-baus Frau verwaltet, die von meiner Schwester mit in die Ehe gebracht wurde, und wenn ich Geld verlange, will ich keins haben, das euch Djias gehört. Der Familienbesitz von uns Hsings wäre für meine Bedürfnisse vollauf genug. Aber ich bekomme davon nichts in die Hand, und so muß ich Unrecht leiden, ohne daß es eine Stelle gibt, wo ich mich darüber beschweren könnte.“ Djia Dschën merkte, daß es weinseliges Geschwätz war, was Hsing Dë-tjüan von sich gab, und daß es keinen guten Eindruck machte, wenn die anderen Gäste das hörten, darum lenkte er ihn schnell mit ein paar begütigenden Worten davon ab. Draußen jedoch hatte Frau You alles deutlich verstanden, und so flüsterte sie Yin-diä jetzt lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der gnädigen Herrin aus dem Nordgehöft, der sich über sie beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den andern erst recht keinen Vorwurf machen.“ Dann lauschte sie weiter, und nun hatten auch die anderen Schluß gemacht, die ‚Häscher‘ gespielt hatten, und verlangten nach Wein. Doch einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben das nicht genau hören können. Sagt es uns, damit wir unsern Schiedsspruch fällen!“ Also erzählte ihnen Hsing Dë-tjüan, wie die beiden Lustknaben nur um die Gewinner scharwenzelten und die Verlierer unbeachtet ließen. „Das kann einen wirklich ärgern“, bestätigte der junge Geck. „Kein Wunder, daß der Herr Onkel wütend geworden ist. – Ich möchte euch fragen, ihr beiden: Wenn der Herr Onkel verloren hat, dann hat er doch nur ein bißchen Geld verspielt, aber nicht seinen Schwanz, warum also wollt ihr nichts mehr wissen von ihm?“ Alle brachen in lautes Gelächter aus, und selbst Hsing Dë-tjüan prustete seinen Reis auf die Erde. Draußen aber spuckte Frau You leise aus und schimpfte: „Hör dir das an! Kaum haben diese jungen Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, müssen sie solche unflätigen Reden führen. Wer weiß, was sie noch alles von sich geben, wenn sie die gelbe Brühe weiter so in sich hineinschütten!“ Mit diesen Worten suchte sie ihre Räume auf, wo sie Schmuck und Kleider ablegte und ins Bett ging. Die Gäste aber verabschiedeten sich erst in der vierten Nachtwache, und Djia Dschën begab sich hinein zu Pee-fëng. Als er am nächsten Morgen aufgestanden war, kam jemand, um zu melden, die Wassermelonen und die Mondkekse seien bereitgelegt und müßten nur noch aufgeteilt und ausgetragen werden. Daraufhin wandte sich Djia Dschën mit dem Auftrag an Pee-fëng: „Bitte die junge Herrin darum, daß sie das Austragen beaufsichtigt, ich habe anderes zu tun.“ Pee-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging es Frau You melden, der nun nichts weiter übrig blieb, als alles einzuteilen und durch ihre Sklavinnen austragen zu lassen. Bald darauf kam Pee-fëng noch einmal und sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“ „Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“ „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen. Er wolle unbedingt Euch zum Wein einladen“, berichtete Pee-fëng. „Na gut“, sagte Frau You lächelnd, „aber ich kann keine Gegeneinladung aussprechen.“ Lachend ging Pee-fëng hinaus, und als sie bald darauf wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Der Herr hat gesagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten, darum solltet Ihr auf jeden Fall rechtzeitig wieder hier sein. Ich aber soll Euch begleiten.“ „Und was wird mit dem Frühstück?“ fragte Frau You. „Er soll sich nur beeilen, damit ich gehen kann.“ „Der Herr hat gesagt, das Frühstück wolle er draußen einnehmen, und Ihr solltet ohne ihn essen, junge gnädige Frau“, berichtete Pee-fëng weiter. „Wen hat er denn heute draußen?“ erkundigte sich Frau You. „Ich habe nur gehört, es seien zwei Neuankömmlinge aus Nan-djing da“, gab Pee-fëng zur Antwort. „Ich weiß aber nicht, wer sie sind.“ Während dieses Gesprächs war auch Djia Jungs Frau erschienen, die sich gekämmt und gewaschen hatte und nun ihren Gruß entbot. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt, Frau You nahm oben auf dem Ehrensitz Platz, und Djia Jungs Frau leistete ihr auf dem unteren Sitz Gesellschaft. Nachdem Schwiegermutter und Schwiegertochter gemeinsam gegessen hatten, ging Frau You sich umziehen, und dann fuhr sie ins Jung-guo-Anwesen hinüber und kam erst am Abend zurück. Tatsächlich hatte Djia Dschën ein Schwein und einen Hammel zubereiten lassen. Die übrigen Speisen und Früchte können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenbilder auf den Setzschirmen, und Lotosmuster strahlten von den Sitzkissen. Dorthin führte er Frau und Nebenfrauen. Erst kamen die Speisen, dann der Wein auf den Tisch, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes und waren vergnügt. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein, und der Mond schien klar, Himmel und Erde waren anzusehen wie Silber. Djia Dschën hatte Lust auf ein Trinkspiel, darum rief Frau You auch Pee-fëng und die anderen drei mit an die Haupttafel, wo sie sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mußten, und dann spielten sie Faustraten und Fingerknobeln[3] und tranken ein Weilchen. Als Djia Dschën schon ein wenig berauscht war, geriet er noch mehr in Stimmung und befahl, eine Flöte aus Schwarzbambus zu holen, auf der Pee-fëng spielen mußte, während Wën-hua ein Lied dazu sang. Ihre Stimme war so rein und zart, daß jedermanns Seele gleichsam berauscht wurde und davonzufliegen drohte. Nachdem das Lied zu Ende war, wurden wieder Trinkspiele gespielt, und als es auf die dritte Nachtwache zuging, war Djia Dschën zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, und es kamen andere Becher und frischer Wein auf den Tisch, da hörten sie plötzlich, wie jenseits der Mauer jemand langanhaltend seufzte. Alle hatten es deutlich gehört, und jedermann wurde von Furcht befallen. Djia Dschën schrie sofort wütend hinüber: „Wer ist da?“ Doch obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, erfolgte keine Antwort. „Es wird bestimmt jemand vom Gesinde gewesen sein, das außerhalb der Mauer wohnt“, sagte Frau You. „Unsinn!“ erwiderte Djia Dschën. „Hinter der Mauer sind nirgends Gesindehäuser. Nahebei liegt nur unser Ahnentempel. Wie sollte jemand dorthin gekommen sein?“ Kaum daß er ausgesprochen hatte, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es hörte sich an, als ob im Ahnentempel die Türen in den hölzernen Trennwänden klapperten. Außerdem war der Wind so eisig, daß alle noch stärker fröstelten als vorhin. Auch war das Mondlicht jetzt trübe und fahl anstatt hell und klar wie zuvor, und jeder spürte, wie sich ihm die Haare sträubten. Djia Dschën war wieder halbwegs nüchtern geworden, und obwohl er sich mehr in der Gewalt hatte als die übrigen, wurde sein Herz doch von Zweifeln und Furcht bestürmt, und die Laune war ihm gründlich verdorben. Dennoch zwang er sich, noch ein Weilchen auszuhalten, ehe er wieder ins Haus ging und sich schlafen legte. Am nächsten Morgen stand Djia Dschën in aller Frühe auf, um zum fünfzehnten die Söhne des Hauses in den Ahnentempel zu führen und dort das Opfer zu vollziehen, wie es zu Neumond und Vollmond der Brauch ist. Dabei sah er sich im Ahnentempel sorgfältig um, aber dort waren keine verdächtigen Spuren zu finden. Deshalb sagte sich Djia Dschën, er müsse in der Trunkenheit einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen sein, und erwähnte nichts von dem Vorfall. Als die Zeremonie beendet war, machte er die Türen zu und überzeugte sich davon, daß sie fest verschlossen wurden. Erst nach dem Abendessen begab sich Djia Dschën mit Frau You ins Jung-guo-Anwesen hinüber. Dort fand er Djia Schë und Djia Dschëng im Zimmer der Herzoginmutter, wo sie im Sitzen mit ihr plauderten und scherzten. Djia Liän, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Djia Dschën eingetreten war, entbot er jedem seinen Gruß, und nach zwei, drei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür, und nun fragte die Herzoginmutter: „Wie macht sich dein Vetter Bau-yü in den letzten Tagen beim Bogenschießen?“ Sofort stand Djia Dschën wieder auf und gab lächelnd die Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, auch die Bogenstärke hat er schon um eine Stufe zu steigern vermocht.“ „Damit ist es dann aber genug!“ warnte die Herzoginmutter. „Er soll sich nicht überanstrengen und muß auch vorsichtig sein, daß er sich nicht verletzt.“ „Sehr wohl, sehr wohl!“ antwortete Djia Dschën rasch mehrmals hintereinander, und die Herzoginmutter fuhr fort: „Die Mondkekse, die du mir gestern hast bringen lassen, waren gut. Auch die Wassermelonen sehen gut aus, aber wenn man sie aufschneidet, ist nicht viel los damit.“ „Die Mondkekse hat ein neuer Koch zubereitet, der sich speziell auf Gebäck versteht“, erklärte ihr Djia Dschën. „Erst nachdem ich sie gekostet hatte und für gut befand, wagte ich, sie Euch zu verehren. Die Melonen waren alle Jahre gut, aber diesmal taugen sie aus irgendeinem Grunde nichts.“ „Wahrscheinlich, weil es in diesem Jahr zuviel geregnet hat“, warf Djia Dschëng ein. Nun forderte die Herzoginmutter alle lächelnd auf: „Gehen wir jetzt den Weihrauch opfern! Der Mond ist schon aufgegangen.“ Mit diesen Worten stützte sie sich auf Bau-yüs Schulter und schritt allen voran zum Garten hinüber. Hier stand inzwischen das Haupttor weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortefflichen Schattens glühte ein dickes Weihrauchbündel, und Windlichter brannten. Wassermelonen, Mondkekse und allerlei Früchte standen aufgeschichtet bereit. In der Halle warteten schon lange die weiblichen Festgäste, allen voran Dame Hsing. Mondlicht und Lampenschein, Kleiderpracht und Weihrauchschwaden vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das nicht zu beschreiben ist. Auf dem Boden lagen ein Gebetsteppich und brokatbezogene Kissen. Nachdem sich die Herzoginmutter die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Stirnaufschläge vollzogen hatte, berührten auch alle anderen mit der Stirn den Boden. Dann sagte die Herzoginmutter: „Den Anblick des Mondes können wir am besten vom Berg aus genießen.“ Und sie befahl, sie in die Halle auf dem Bergrücken zu gehen. Kaum hatte das Gesinde den Befehl vernommen, eilten alle davon, um dort die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Inzwischen trank die Herzoginmutter in der Halle des Vortrefflichen Schattens Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte etwas. Erst als bald darauf gemeldet wurde: „Es ist alles bereit!“, machte sich die Herzoginmutter, von beiden Seiten gestützt, daran, den Berg zu besteigen. „Das Moos auf den Steinen wird glitschig sein!“ warnte Dame Wang und empfahl: „Laßt Euch besser in einem Bambustragstuhl hinauftragen!“ Aber die Herzoginmutter erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, außerdem ist der Weg weder steil noch schmal. Warum soll ich mir nicht ein bißchen die Knochen und Sehnen lockern?“ Also gingen Djia Schë und Djia Dschëng mit den anderen Männern als Führer voraus. Gefolgt wurden sie von zwei alten Sklavinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Yüan-yang, Hu-po und Frau You hielten sich dicht bei der Herzoginmutter und stützten sie. Dame Hsing und die übrigen Frauen gingen hinterdrein. So stiegen sie im Zickzack bergauf, und nach wenig mehr als hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine geräumige Halle stand, die auf Grund ihrer Lage auf dem Gipfel den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung trug. Die Terrasse vor der Halle war durch einen großen Setzschirm in zwei Teile geteilt, und auf jeder Seite standen Tisch und Stühle. Sowohl die Tische als auch die Stühle waren kreisrund zu Ehren des Vollmonds. Auf dem Mittelplatz am Ehrentisch ließ sich die Herzoginmutter nieder, ihr zur Linken nahmen Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän und Djia Jung Platz und ihr zur Rechten Djia Dschëng, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan. Aber so war der Kreis nur zur Hälfte geschlossen, so daß an der unteren Seite eine große Lücke klaffte. Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alltags hat man nicht den Eindruck, daß wir nicht viele sind, aber wie es heute aussieht, sind wir doch nur sehr wenig – kaum daß wir noch zählen! Wenn ich daran denke, wie wir früher gelebt haben! Da waren wir an diesem Abend dreißig oder vierzig Männer und Frauen. Und was für einen Trubel haben wir damals gehabt! Die paar Leute, die wir heute noch hätten rufen können, haben selber Vater und Mutter und feiern bei sich zu Hause, so daß sie nicht gut abkommen können. Darum wollen wir jetzt den Mädchen befehlen, sich dort hinzusetzen.“Und sie ordnete an, daß jemand Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun von Dame Hsings Tischrunde hinter dem Setzschirm herüberbat. Djia Liän, Bau-yü und die anderen jüngeren Familienmitglieder standen vom Tisch auf und überließen ihre Stühle den drei Mädchen, ehe sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Plätzen wieder einordneten. Dann befahl die Herzoginmutter, einen Duftblütenzweig zu bringen und ihn von Hand zu Hand gehen zu lassen, während eine Sklavin hinter dem Wandschirm die Trommel schlug. Wer den Zweig in der Hand hielt, wenn der Trommelschlag aussetzte, sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe etwas Komisches erzählen. Bei der Herzoginmutter fing das Spiel an, als Nächster bekam Djia Schë den Zweig, und so wechselte er von einem zum anderen. Für knapp zwei Runden reichten die Trommelschläge, dann hörten sie auf, gerade als Djia Dschëng den Zweig in der Hand hielt, und notgedrungen mußte er trinken. Die Mädchen und Jungen stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig verstohlen. Jeder wartete lächelnd, was Djia Dschëng zum besten geben würde, und als dieser sah, wie die Herzoginmutter sich freute, mußte er wohl oder übel auf den Spaß eingehen. Eben wollte er anfangen zu erzählen, da warnte ihn die Herzoginmutter lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!“ „Ich kenne nur eine einzige komische Geschichte“, sagte Djia Dschëng, ebenfalls lächelnd. „Wenn Ihr darüber nicht lacht, muß ich meine Strafe empfangen.“ Und schmunzelnd erzählte er: „Es war einmal ein Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau...“ Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle los, aber nur weil sie es noch nie erlebt hatten, daß Djia Dschëng etwas Lustiges gesagt hätte. „Das ist bestimmt etwas Gutes!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd, und Djia Dschëng erwiderte, gleichfalls lächelnd: „Wenn es etwas Gutes ist, müßt Ihr einen Becher zusätzlich trinken, alte gnädige Frau!“ „Das versteht sich!“ versprach die Herzoginmutter und lächelte wieder. Djia Dschëng aber fuhr fort: „Dieser feige Mann hatte noch nie gewagt, auch nur einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Und ausgerechnet am fünfzehnten achten, als er ausging, um etwas einzukaufen, traf er zufällig ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt in das Haus des einen von ihnen zum Weintrinken mitschleppten. Ohne daß der Mann es wollte, betrank er sich und schlief dadurch bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag kam er wieder zu sich, aber nun kam die Reue zu spät, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld auf sich zu nehmen. Seine Frau wusch sich eben die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, mußt du mir die Füße lecken, dann verzeihe ich dir!‘ Da hatte der Mann keine andere Wahl, als ihr die Füße zu lecken, doch unwillkürlich wurde ihm dabei so schlecht, daß er sich übergeben mußte. Darüber wurde seine Frau zornig. Sie drohte, ihn zu schlagen, und sagte: ‚Was ist das für ein Benehmen?‘ Vor lauter Angst kniete der Mann nieder und entschuldigte sich: ‚Es ist ja nicht, weil deine Füße stinken. Gestern Abend habe ich zuviel Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen essen müssen, nur darum ist mir heute ein wenig übel.‘“ Die Herzoginmutter und auch alle anderen brachen in Gelächter aus, und rasch goß Djia Dschëng einen Becher Wein ein, den er der Herzoginmutter reichte. Die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Wenn das so ist, wollen wir schnell Branntwein holen lassen, damit es euch nicht genauso ergeht!“ Und wieder begannen alle zu lachen. Anschließend wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte, von Djia Dschëng ausgehend, die Runde. Ausgerechnet als er bei Bau-yü angelangt war, setzte diesmal der Trommelschlag aus. Bau-yü war in Djia Dschëngs Anwesenheit ohnehin respektvoll und unruhig zugleich, und als er jetzt den Zweig in der Hand hielt, sagte er sich: ‚Wenn ich die andern nicht zum Lachen bringe, wird es wieder einmal heißen, ich hätte kein Redetalent und brächte nicht einmal einen Witz zustande, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Aber wenn ich es gut mache, wird es im Gegenteil heißen, auf etwas Ordentliches verstünde ich mich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz. Dann wäre die Verfehlung noch größer. Das beste ist, ich erzähle gar nichts.‘ Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann nichts Komisches erzählen und bitte, mir etwas anderes aufzugeben.“ „Dann gebe ich dir die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – vor, und du schreibst ein Gedicht, das auf den heutigen Abend paßt!“ befahl Djia Dschëng. „Wenn es gut ist, werde ich dich belohnen, aber wenn es nichts taugt, dann nimm dich morgen in acht!“ „Aber es ist doch so ein schönes Trinkspiel“, wandte die Herzoginmutter ein. „Warum soll er ein Gedicht schreiben?“ „Er kann das“, versicherte Djia Dschëng. „Also gut!“ lenkte die Herzoginmutter ein und befahl, Papier und Schreibpinsel zu bringen. „Du sollst aber nicht so abgegriffene Wörter wie ‚Eis‘, ‚Jade‘, ‚Kristall‘ und ‚Silber‘, ‚bunt‘, ‚strahlend‘, ‚hell‘ oder ‚rein‘ gebrauchen, sondern etwas Eigenes leisten und unter Beweis stellen, was für Gedanken du dir in den letzten Jahren gemacht hast“, ordnete Djia Dschëng zusätzlich an. Das war genau das, was Bau-yü sich gewünscht hatte. Sofort fielen ihm vier Zeilen ein, und er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Djia Dschëng, der nun las[4]: Als er gelesen hatte, nickte er schweigend. Daraus schloß die Herzoginmutter, daß es so schlecht nicht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?“ Um der Herzoginmutter einen Gefallen zu tun, sagte Djia Dschëng: „Er hat sich Mühe gegeben. Aber weil er zu faul zum Lernen ist, ist die Wortwahl nicht edel.“ „Laß gut sein!“ verlangte die Herzoginmutter. „Wie alt ist er schon?! Muß er denn unbedingt ein großartiges Talent sein? Du mußt ihn belohnen dafür, dann wird er in Zukunft auch fleißiger sein!“ „Ganz recht!“ erwiderte Djia Dschëng und wandte den Kopf, um einer der alten Ammen zu befehlen: „Geh hinüber und laß dir von den Jungen in meinem Bibliothekszimmer zwei von den Fächern geben, die ich von Hai-nan mitgebracht habe. Die soll er bekommen.“ Sofort verbeugte sich Bau-yü zum Dank und kehrte dann auf seinen Platz zurück, damit das Trinkspiel weitergehen konnte. Djia Lan aber, der gesehen hatte, wie Bau-yü belohnt wurde, verließ jetzt die Tafel, um auch ein Gedicht zu schreiben und es anschließend Djia Dschëng vorzulegen. Und Djia Dschëng las: Nach der Lektüre vermochte er seine Freude nicht zu unterdrücken, und als er beide Gedichte der Herzoginmutter erklärte, war auch sie darüber hocherfreut und befahl Djia Dschëng sogleich, er solle nun auch Djia Lan belohnen. Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel wieder fort. Diesmal blieb der Blütenzweig in Djia Schës Hand, und notgedrungen trank er Wein und begann zu erzählen: „Es war einmal in einer Familie ein sehr pflichttreuer Sohn. Als seine Mutter krank wurde und er nirgends einen Arzt finden konnte, holte er eine Alte, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, sagte, es sei Feuer des Herzens und wenn sie die Mutter jetzt mit ihren Nadeln behandelte, würde sie bald wieder gesund sein. Da wurde der Sohn der Kranken unruhig und fragte: ‚Wie könnt Ihr sie mit Nadeln behandeln? Ein Stich ins Herz, und sie ist tot!‘ ‚Ich werde ihr nicht ins Herz stechen, sondern nur in die Rippen‘, erwiderte die Alte. ‚Aber wie soll sie davon gesund werden, die Rippen sind doch vom Herzen weit entfernt?‘ wunderte sich der Sohn der Kranken. ‚Das macht nichts‘, versicherte die Alte. ‚Alle Leute auf dieser Welt, die Kinder haben, sind so einseitig in ihren Gefühlen, daß ihnen das Herz ganz auf der Seite sitzt.‘“ Alle lachten los, und die Herzoginmutter kam nicht umhin, einen halben Becher Wein zu trinken, ehe sie nach längerem Schweigen sagte: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln.“ Als Djia Schë das hörte, merkte er, daß seine Erzählung unbedacht gewesen war und daß die Herzoginmutter sich getroffen fühlte. Darum stand er rasch auf, griff lächelnd nach ihrem Weinbecher, um ihr nachzuschenken, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Da konnte auch die Herzoginmutter nicht gut auf die Sache eingehen und ließ das Trinkspiel weitergehen. Diesmal behielt ausgerechnet Djia Huan den Blütenzweig in der Hand. Djia Huan hatte in der letzten Zeit auch seine kleinen Erfolge beim Lernen gehabt, aber genau wie Bau-yü stand ihm der Sinn nicht nach dem eigentlichen Lehrstoff. Er las vielmehr gern Gedichte, aber seine besondere Vorliebe galt dem Seltsamen und Geheimnisvollen, Unsterblichen und Geistern. Schon als er sah, wie Bau-yü für sein Gedicht belohnt wurde, hatte es ihn gejuckt, ebenfalls etwas zu schreiben. Nur wagte er es in Djia Dschëngs Anwesenheit nicht, sich in den Vordegrund zu drängen. Aber als er jetzt glücklich den Zweig in der Hand hielt, verlangte er nach dem Schreibzeug und warf im Nu einen Vierzeiler aufs Papier, den er Djia Dschëng reichte. Als Djia Dschëng die Verse las, fand er sie zwar ungewöhnlich, aber er glaubte, zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen herauslesen zu können. Darum sagte er verstimmt: „Da sieht man, daß die beiden Brüder sind! An Wortwahl und Stimmung ist zu erkennen, daß sie sich auf Irrwegen befinden und sich in Zukunft ‚nicht an Lot und Winkelmaß halten‘ werden. Sie sind wirklich ein minderwertiges Pack. Wie recht hatten doch die Alten, als sie von zwei Brüdern erklärten, ‚Schwer zu sagen, wer von beiden.‘ Damit könntet auch ihr beide gemeint sein. Nur müßte es dann heißen, schwer zu sagen, wer von beiden schlechter zu erziehen ist. Der Ältere hält sich für einen zweiten Wën Ting-yün[5], und der Jüngere bildet sich ein, in ihm sei Tsau Tang[6] wiederauferstanden.“ Djia Schë und die anderen lachten darüber, dann ließ sich Djia Schë das Gedicht geben, las es durch und lobte es unaufhörlich, um dann zu erklären: „Meiner Meinung nach ist etwas dran an diesem Gedicht! Ich finde, eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen Hungerleidern vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen[7] und erst frei atmen können, nachdem sie ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig gebrochen‘[8] haben. Natürlich müssen auch unsere Kinder die Schriften studieren, aber wenn sie nur ein bißchen verständiger sind als andere Leute, ist ihnen ein Beamtenposten sicher, sobald sie einmal soweit sind, ein Amt ausüben zu können. Warum sollten sie also unnötig Zeit verschwenden und womöglich noch zu Bücherwürmern werden? Ich mag sein Gedicht, denn es spricht der Geist unseres adligen Hauses daraus.“ Dann wandte er sich um und ließ durch jemanden aus seinen Räumen vielerlei Kleinigkeiten holen, die er Djia Huan zum Geschenk machte. Schließlich tätschelte er ihm noch den Kopf und sagte dabei: „Mach nur so weiter, das ist der Stil unserer Familie! So wird dir unser Erbtitel gewiß nicht entgehen.“ „Wie könnte man nach diesem Geschwafel von ihm auf die Zukunft schließen?!“ wandte Djia Dschëng sofort dagegen ein. Nach diesen Worten wurde wieder Wein eingegossen, und das Trinkspiel wurde noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter: „Geht ihr jetzt! Draußen warten natürlich noch eure jungen Freunde, die ihr nicht vernachlässigen dürft. Zumal schon längst die zweite Nachtwache begonnen hat. Also geht nur auseinander, während ich mich noch ein Weilchen mit den Mädchen zusammen vergnüge, damit ich nachher besser schlafen kann.“ Djia Schë und die anderen machten also Schluß mit dem Spiel, dann leerten alle zusammen noch einmal die Becher, und anschließend gingen sie mit Söhnen und Neffen davon. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
Anmerkungen
- ↑ In Fett erhitztes Weizenmehl wurde mit kochendem Wasser unter Zugabe von Zucker oder Gewürzen zu einem Brei eingerührt, der als Zwischenmahlzeit diente.
- ↑ In verschiedenen alten Theaterstücken wird erzählt, wie in der Frühlings- und Herbstperiode der Dschou-Zeit Herzog Mu von Tjin die Lehnsfürsten von siebzehn Staaten nach Lin-tung einlud, wo sie dann mit Hilfe ihrer magischen Reichskleinodien die Kräfte miteinander maßen.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 400 und S. 1110.
- ↑ Die Gedichte von Bau-yü und Djia Lan zum Mittelherbstfest fehlen im Original, Tsau Hsüä-tjin hat sie nie geschrieben.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 41 (Wën Fee-tjing).
- ↑ Tang-zeitlicher Dichter (9. Jh.), Dauist, verfaßte zahlreiche Gedichte über Unsterbliche
- ↑ Ein alter Text berichtet, Sun Kang habe aus Armut im Schein des vom Schnee reflektierten Mondlichts gelesen, und von Tschë Yin heißt es, er habe aus dem gleichen Grund Dutzende Glühwürmchen in einen Gazebeutel getan, um bei ihrem Licht nachts zu lesen. Beide Männer dienten unter der Djin-Dynastie als hohe Beamte.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 170.