Hongloumeng/de/Chapter 78

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Kapitel 78

老學士閑徵姽嫿詞 / 痴公子杜撰芙蓉誄

Der alte Gelehrte laesst zum Vergnuegen ein Gedicht auf eine schoene Kriegerin verfassen; Der verliebte junge Herr erfindet eine Totenklage auf die Hibiskusgottheit

Ein alter Gelehrter läßt in müßiger Laune Gedichte über eine liebliche Schöne schreiben,ein törichtes Herrensöhnchen denkt sich eine Totenklage für das Hibiskusmädchen aus.

Nachdem die beiden Nonnen Fang-guan und die anderen Mädchen weggeführt hatten, begab sich Dame Wang zur Herzoginmutter, um ihr den Morgengruß zu entbieten, und da sie sah, daß die Herzoginmutter in guter Stimmung war, berichtete sie ihr beiläufig: „Diese Tjing-wën in Bau-yüs Räumen ist ein großes Mädchen geworden. Außerdem ist sie das ganze Jahr über krank. Und wie ich oft gesehen habe, ist sie weitaus ungezogener als alle andern und obendrein faul. Jetzt hat sie wieder mehr als zehn Tage krank gelegen, und als der Arzt geholt wurde, um sie zu untersuchen, sagte er, sie leide an Auszehrung, wie das bei jungen Mädchen häufig der Fall ist. Deshalb habe ich sie schleunigst nach Hause geschickt. Wenn sie wieder gesund wird, braucht sie aber nicht wieder hergerufen zu werden. Man sollte ihrer Familie gestatten, ihr einen Mann zu geben, und damit Schluß. Außerdem habe ich mir auch erlaubt, diese Schauspielermädchen fortzuschicken. Zum einen wissen sie durch die Operntexte, die sie gelernt haben, ihre Worte nicht zu wägen und reden allen möglichen Unfug daher, der nicht das Richtige für die Ohren unserer Mädchen ist, zum andern gehört es sich auch so, sie unentgeltlich freizulassen, nachdem sie eine Zeitlang für uns gesungen haben. Zumal wir zu viele Mägde im Hause haben. Und wenn es einmal nicht genug sein sollten, können wir dann ein paar neue aussuchen.“ Die Herzoginmutter nickte beifällig und sagte dabei: „Das war ganz richtig von dir, ich hatte auch schon daran gedacht. Aber Tjing-wën hielt ich immer für ein gutes Mädchen. Wie kommt es nur, daß jetzt so etwas aus ihr geworden ist? In meinen Augen reichten die meisten andern Mädchen an sie nicht heran, ob es nun um Aussehen, Gewandtheit, Redefertigkeit oder Nadelarbeiten ging. In Zukunft hätte man sie Bau-yü wohl ganz und gar zuteilen können. Wer konnte schon ahnen, daß sie sich so verändert!“ „Eure Wahl war schon richtig, alte gnädige Frau“, erklärte Dame Wang lächelnd, „wahrscheinlich war dem Mädchen einfach kein Glück beschieden, und sie hat deshalb diese Krankheit bekommen. Auch der Volksmund sagt ja ‚Ehe ein Mädchen erwachsen ist, macht es achtzehn Verwandlungen durch.‘ Und wer begabt ist, wird unvermeidlich ein wenig kapriziös. Ihr habt doch das alles schon gesehen in Eurem Leben, alte gnädige Frau. Vor drei Jahren hatte ich mit ihr das gleiche im Sinn wie Ihr. Ich hatte sie für ihn vorgesehen und hatte seitdem ein Auge auf sie. Nüchtern betrachtet, übertraf sie die andern in jeder Beziehung, nur war sie nicht eben sehr gesetzt. In bezug auf Gesetztheit und Würde ist Hsi-jën die Erste von allen. Es heißt zwar ‚die Gattin sittsam, die Nebenfrau schön‘, aber es ist schon besser, wenn auch eine Nebenfrau einen folgsamen Charakter und ein gesetztes Wesen erkennen läßt. Dem Aussehen nach reicht Hsi-jën zwar nicht ganz an Tjing-wën heran, aber als Nebenfrau wäre sie bestens geeignet. Zumal ihre Handlungsweise großzügig ist und ihr Sinn redlich. In all den Jahren hat sie kein einziges Mal Bau-yüs Launen nachgegeben. Wenn er gar zu großen Unfug anstellte, hat sie jedesmal nach Kräften auf ihn eingeredet. Nachdem ich sie so zwei Jahre lang beobachtet und nicht den geringsten Fehler festgestellt hatte, veranlaßte ich stillschweigend, daß sie nicht mehr das Monatsgeld einer Magd bekommt. Vielmehr lasse ich ihr zwei Liang Silber von meinem eigenen Monatsgeld zahlen. Nur damit sie Bescheid weiß und sich um so aufmerksamer bemüht, sich in alles hineinzufinden. Offen habe ich nichts davon gesagt, zum einen weil Bau-yü noch zu jung ist und sein Vater der Meinung sein könnte, es lenke ihn von seinen Büchern ab, zum andern weil Bau-yü glauben würde, wenn sie schon seine Nebenfrau ist, habe sie ihm nichts mehr zu sagen, und sich deswegen noch zügelloser aufführen würde. So kommt es, daß ich Euch erst heute davon berichte, alte gnädige Frau.“ „So ist das also!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Na, um so besser! Hsi-jën ist von klein auf so still gewesen, daß ich schon glaubte, sie sei auf den Mund gefallen. Aber wenn du sie so genau kennst, kann sie wohl keine schwerwiegenden Fehler haben. Auch deine Überlegung, Bau-yü nichts davon zu sagen, ist gut. Es soll auch niemand etwas davon erwähnen, es reicht, wenn alle Bescheid wissen. Ich kenne Bau-yü gut genug, um zu wissen, daß er nicht auf die Ratschläge von Frau und Nebenfrau hören wird. Ich werde aus ihm nicht klug und habe auch nie ein Kind von dieser Art gesehen. Alle andern Unarten müssen sein, aber daß es ihn so zu den Mädchen zieht, ist schwer zu verstehen. Ich mache mir Sorgen deswegen und habe ihn immer wieder nüchtern beobachtet. Zuerst glaubte ich nicht anders, als daß er mit den Mädchen herumtollt, weil er erwachsen wird und von den Dingen zwischen Mann und Frau Bescheid weiß, so daß er den Mädchen deshalb gern nahe ist. Aber bei näherer Betrachtung erkennt man, daß es ihm gar nicht darum geht. Wird die Sache dadurch nicht noch merkwürdiger? Ich denke mir, er sollte bestimmt selbst als Mädchen zur Welt kommen und ist nur aus Versehen als Junge geboren worden.“ Alle lachten darüber, und nun berichtete Dame Wang noch, wie Djia Dschëng heute Bau-yü gelobt und ihn dann mit den anderen zusammen zu einem Besuch mitgenommen hatte. Als die Herzoginmutter das hörte, wurde ihre Stimmung noch fröhlicher als zuvor. Bald darauf erschien, fertig zurechtgemacht, Ying-tschun, um sich zu verabschieden, bevor sie sich zu ihren Eltern hinüberbegab. Auch Hsi-fëng erschien zum Morgengruß, wartete der Herzoginmutter beim Frühstück auf und plauderte dann eine Zeitlang mit ihr. Nachdem die Herzoginmutter sich zur Mittagsruhe zurückgezogen hatte, erkundigte sich Dame Wang bei Hsi-fëng, ob ihre Arzneikugeln schon zubereitet worden seien. „Nein“, erwiderte Hsi-fëng, „noch nehme ich flüssige Medizin. Aber seid nur unbesorgt, gnädige Frau, es geht mir schon viel besser.“ Da Dame Wang sah, daß Hsi-fëng wieder ganz die alte war, zweifelte sie nicht an ihren Worten und berichtete ihr, wie sie Tjing-wën hinausgeworfen hatte. Dann fragte sie: „Wie kommt es, daß Bau-tschai aus eigenem Antrieb wieder zu Hause schläft und ihr nichts davon wißt? Neulich nämlich habe ich, da ich einmal dabei war, überall kontrolliert und zu meiner Überraschung gefunden, daß Lans neue Amme[1] von verführerischer Schönheit war, was mir gründlich mißfiel. Darum sagte ich deiner Schwägerin, es sei besser, sie ihres Weges zu schicken, zumal der kleine Lan schon groß genug ist, um ohne Amme auszukommen. Dann fragte ich deine Schwägerin, ob sie etwa nichts davon wisse, daß Bau-tschai außerhalb schläft, und darauf erwiderte sie, Bau-tschai habe es ihr gesagt, und es sei nur für zwei, drei Tage gewesen, bis ihre Mutter wieder gesund sei, dann habe sie in den Garten zurückkehren wollen. Dabei hat ihre Mutter gar nichts Ernstliches, nur Husten und Hüftschmerzen wie in jedem Jahr. Bestimmt wird Bau-tschai einen anderen Grund haben, außerhalb zu schlafen. Ob etwa jemand sie gekränkt hat? Sie nimmt sich doch alles so zu Herzen. Es wäre wirklich besser, wenn es unter Verwandten, die zusammen wohnen, ohne Kränkungen abgehen könnte.“ „Wer sollte sie für nichts und wieder nicht gekränkt haben?“ fragte Hsi-fëng lächelnd. „Zumal sie den ganzen Tag im Garten ist, wo sie mit niemand anders zusammenkommt als mit ihren Kusinen.“ „Ob vielleicht Bau-yü unbedacht etwas gesagt hat?“ überlegte Dame Wang in anderer Richtung. „Dumm, wie er ist, kennt er kein Tabu, und wenn er in der Stimmung dazu ist, läßt er seinem Mund freien Lauf.“ „Jetzt macht Ihr Euch übertriebene Sorgen, gnädige Frau“, wandte Hsi-fëng ein und lächelte wieder. „Wenn er in der Öffentlichkeit etwas Ernsthaftes zu erledigen hat und über ernsthafte Dinge sprechen muß, benimmt er sich wohl wie ein Narr, aber drinnen vor seinen Schwestern und Kusinen und vor den großen und kleinen Mägden ist er außerordentlich nachgiebig und hat im Gegenteil Angst, jemanden zu kränken. Seinetwegen kann bestimmt niemand böse sein. Ich denke mir, Kusine Bau-tschai wird den Garten deshalb verlassen haben, weil neulich der Besitz aller Mägde durchsucht worden ist. Sie sagt sich natürlich, daß die Durchsuchung nur stattgefunden hat, weil wir jemand im Garten mißtrauen. Und da sie als Verwandte mit Mägden und alten Ammen im Garten wohnt, bei denen wir nicht gut eine Durchsuchung anstellen können, wird sie befürchten, wir könnten einen Verdacht gegen sie hegen, und hat empfindlich darauf reagiert, indem sie sich zurückzog. Sie mußte ja etwas tun, um dem Verdacht zu entgehen.“ Diese Worte erschienen Dame Wang sehr vernünftig, und nachdem sie einige Zeit mit gesenktem Kopf nachgedacht hatte, ließ sie Bau-tschai zu sich bitten und erläuterte ihr die Sache von neulich, um ihre Zweifel zu zerstreuen. Dann befahl sie ihr, in den Garten zurückzukehren und hier zu wohnen wie bisher. Daraufhin setzte Bau-tschai ein Lächeln auf und erwiderte: „Den Garten zu verlassen war schon lange mein Plan, aber da Ihr mit so vielen wichtigen Dingen beschäftigt wart, konnte ich schlecht deswegen zu Euch kommen. Der Zufall wollte es, daß es meiner Mutter neulich wieder einmal nicht gut ging und daß auch die beiden Frauen bei ihr, auf die Verlaß ist, krank waren. Darum bin ich einfach zu ihr hinübergezogen. Es trifft sich gut, daß Ihr es jetzt erfahren habt, da kann ich Euch die Gründe darlegen und mich ab heute verabschieden, um auch meine Sachen hinüberschaffen zu lassen.“ „Du bist wirklich starrsinnig!“ bemerkten Dame Wang und Hsi-fëng. „Das einzig Richtige ist, daß du in den Garten zurückkehrst. Entfremde dich doch nicht so einer Nichtigkeit wegen deiner Verwandtschaft!“ „Ich verstehe überhaupt nicht, worum es geht“, erklärte Bau-tschai und lächelte wieder. „Ausgezogen bin ich nicht, weil etwas vorgefallen wäre, sondern weil der Gesundheitszustand meiner Mutter viel schlechter ist als früher und weil sie abends und nachts niemand anders hat, auf den sie sich verlassen kann, als mich allein. Zum anderen will mein Bruder in allernächster Zeit heiraten, und es sind noch so viele Nadelarbeiten zu machen, und soviel Hausrat ist noch zu besorgen. Ihr, Frau Tante, und auch du, Kusine Hsi-fëng, seid doch über unsere Familienangelegenheiten im Bilde und wißt, daß ich euch nichts vormache. Zum dritten steht, seitdem ich im Garten wohne, das kleine Seitentor im Südosten ständig offen. Ich sollte es benutzen können, dazu war das eigentlich gedacht. Es ist aber nicht zu verhindern, daß auch andere dort ein- und ausgehen, um sich den Weg abzukürzen. Eine Kontrolle darüber gibt es jedoch nicht. Wenn daraus etwas entstünde, wäre das unerfreulich für beide Seiten. Außerdem war ich ja nicht aus irgendeinem schwerwiegenden Grund in den Garten gezogen, um hier zu wohnen. Vor ein paar Jahren waren wir alle noch klein und hatten zu Hause keine Aufgaben. Anstatt draußen allein herumzuhocken, war es besser für mich, hier mit den Kusinen zusammen zu sein und Nadelarbeiten zu machen oder zu scherzen. Jetzt aber sind wir alle groß, und jede hat ihre Pflichten. Außerdem sind Euch, Frau Tante, in diesem Jahr immer wieder Unannehmlichkeiten begegnet. Denn der Garten ist zu groß und nicht mit einem Blick zu überschauen. Das spielt alles eine Rolle. Ein paar Leute weniger, und Ihr habt weniger Sorgen. Deshalb bestehe ich jetzt nicht nur auf meinem Auszug, ich rate Euch auch zu reduzieren, was zu reduzieren ist, ehe alle darüber an Anstand verlieren. Wie ich meine, könnte auch an den Kosten für den Garten gespart werden, und die Zeiten sind ja nicht mehr dieselben, die sie einmal waren. Ihr wißt gut genug über unsere Verhältnisse Bescheid, Frau Tante. War es seinerzeit vielleicht auch schon so still um uns wie jetzt?“ Nachdem Hsi-fëng diese Worte vernommen hatte, sagte sie lächelnd zu Dame Wang: „Sie hat vollkommen recht, wir sollten sie nicht drängen.“ „Ich kann dir nichts darauf erwidern“, sagte Dame Wang zu Bau-tschai und nickte. „Also mach, wie du meinst!“ Während sie das eben sagte, kam Bau-yü mit den anderen beiden zurück und berichtete, sein Vater sei noch dort geblieben, habe sie aber schon nach Hause geschickt, bevor es dunkel werde. „Hast du dich auch nicht wieder einmal lächerlich gemacht?“ erkundigte Dame Wang sich rasch. „Ich habe mich nicht nur nicht lächerlich gemacht, ich habe sogar eine Menge Geschenke eingeheimst“, antwortete Bau-yü lächelnd. Im nächsten Augenblick brachten die alten Sklavenfrauen die Gaben, die sie am Innentor aus den Händen der Sklavenjungen entgegengenommen hatten, und Dame Wang erblickte drei Fächer, drei Fächeranhänger, sechs Kästchen mit Schreibpinseln und Tusche, drei Gebetsketten aus Duftholzperlen und drei jadene Gürtelringe. Bau-yü erklärte: „Das ist von Herrn Mee, dem Mitglied der Kaiserlichen Akademie, das vom stellvertretenden Minister Yang und das von Unterstaatssekretär Li. Davon bekommt jeder von uns seinen Anteil.“ Dann zog er ein aus Sandelholz geschnitztes Amulett in Form eines Buddhafigürchens aus dem Busen und sagte: „Das hier hat der Herzog Tjing-guo mir ganz allein geschenkt.“ Nachdem Dame Wang sich noch erkundigt hatte, wer alles dabei gewesen sei und was für Gedichte verfaßt worden seien, befahl sie, man solle Bau-yüs Anteil an den Geschenken nehmen, und ging dann mit Bau-yü, Djia Lan und Djia Huan zur Herzoginmutter. Als diese die Geschenke sah, kannte ihre Freude keine Grenze, und natürlich stellte auch sie etliche Fragen. Bau-yü indessen hatte nichts anderes im Kopf als den Gedanken an Tjing-wën, darum sagte er, als alle Fragen beantworten waren, er sei vom Reiten so durchgeschüttelt, daß ihm die Knochen weh täten. Daraufhin befahl ihm die Herzoginmutter: „Geh schnell in deine Räume, zieh dich um und verschaff dir ein wenig Auflockerung, dann wird es wieder gut. Aber du darfst dich nicht schlafen legen.“ Kaum hatte Bau-yü das gehört, ging er auch schon hinaus. Draußen warteten Schë-yüä und Tjiu-wën mit zwei weiteren Sklavenmädchen. Als sie ihn kommen sahen, nahm ihm Tjiu-wën die Kästchen mit den Schreibpinseln und der Tusche ab, dann folgten sie ihm in den Garten. „Heiß ist es!“ beklagte sich Bau-yü in einem fort, nahm im Gehen seine Kopfbedeckung ab, löste seinen Gürtel, zog das Übergewand aus und gab alles Schë-yüä zum Tragen. Jetzt hatte er nur noch ein dünn gefüttertes Gewand aus dunkelgrüner Seide an, unter dem blutrote Hosen hervorlugten. Tjiu-wën erkannte, daß es die roten Hosen waren, die Tjing-wën genäht hatte, und so bemerkte sie seufzend: „Diese Hosen sollten wir beiseite legen, denn hier kann man wirklich sagen: ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort.‘“ Und Schë-yüä bestätigte lächelnd: „Ja, das ist Tjing-wëns Arbeit.“ Dann seufzte sie ebenfalls und sagte nun auch: „Wirklich, ‚das Werk hat seinen Schöpfer überdauert.‘“ Jetzt griff Tjiu-wën nach Schë-yüäs Hand und sagte lächelnd: „Mit dem grünen Gewand und den dunkelblauen Stiefeln zusammen bringen diese Hosen das blauschwarze Haar und das schneeweiße Gesicht besonders gut zu Geltung.“ Bau-yü, der vor ihnen ging, tat so, als ob er es nicht gehört habe, machte noch ein paar Schritte, blieb dann stehen und sagte: „Ich möchte noch ein Stück laufen. Geht das wohl?“ „Wovor hast du Angst am hellichten Tag?“ fragte Schë-yüä. „Glaubst du vielleicht, du könntest verloren gehen?“ Dann befahl sie den beiden kleineren Sklavenmädchen, sie sollten Bau-yü begleiten, und setzte hinzu: „Wir tragen die Sachen weg und kommen dann nach.“ „Ich kann auch ein wenig später gehen, Schwesterchen“, bot Bau-yü an. „Wir sind ja gleich wieder da“, sagte Schë-yüä. „Was macht denn das für einen Eindruck, wenn wir beide dich mit vollen Händen begleiten – als ob wir dir deine Ranginsignien nachtrügen, die eine trägt die Vier Schätze der Studierstube[2], die andere Hut, Gewand, Gürtel und Schuhe.“ Das war es, was Bau-yü hören wollte, und so ließ er die beiden gehen. Dann führte er die beiden kleineren Sklavenmädchen hinter einen künstlichen Felsen und fragte dort ohne Umschweife: „Hat Schwester Hsi-jën jemand zu Schwester Tjing-wën geschickt, als ich fort war?“ „Sie hat Mutter Sung geschickt, um nach ihr zu sehen“, antwortete eines der Mädchen. „Und was hat Mutter Sung gesagt, als sie zurückkam?“ wollte Bau-yü wissen. „Sie hat gesagt, Schwester Tjing-wën habe die ganze Nacht über geschrien“ berichtete das Mädchen. „Heute früh habe sie mit geschlossenen Augen ruhig dagelegen, sei nicht mehr bei Bewußtsein gewesen, habe keinen Ton mehr hervorgebracht und nur noch mit Mühe Luft bekommen.“ „Nach wem hat sie die ganze Nacht geschrien?“ fragte Bau-yü begierig. „Nach ihrer Mutter“, gab das Mädchen Auskunft. „Und nach wem noch?“ ließ Bau-yü nicht locker und wischte sich die Tränen ab. „Davon weiß ich nichts, daß sie noch nach jemand anders gerufen haben soll“, erklärte das Mädchen. „Du bist dumm“, urteilte Bau-yü, „wahrscheinlich hast du nicht richtig zugehört.“ Das andere Sklavenmädchen kannte sich besser aus, darum trat es nach Bau-yüs letzten Worten näher und sagte: „Sie ist wirklich dumm. Ich aber habe nicht nur genau zugehört, ich bin sogar selbst heimlich bei Schwester Tjing-wën gewesen.“ „Warum das?“ fragte Bau-yü sofort. „Weil ich bedacht habe, daß Schwester Tjing-wën anders war als die übrigen, sie war immer so gut zu uns“, berichtete das Mädchen. „Nachdem sie jetzt so ungerecht behandelt worden ist und hinaus mußte, konnte unsereins nichts anderes für sie tun, als sie zu besuchen, um ihr ihre Liebe zu uns zu vergelten. Hätte das jemand bemerkt und der gnädigen Frau gemeldet, hätte es eine Tracht Prügel gesetzt, aber das mußte man in Kauf nehmen. So habe ich mich heimlich zu ihr geschlichen, auch auf die Gefahr hin, Schläge zu bekommen. Und siehe da, sie ist ihr Leben lang klug gewesen, und daran hat sich auch nichts geändert, als es ans Sterben ging. Sie hielt die Augen nur geschlossen, um Kräfte zu sammeln, weil sie sich sagte, daß die profanen Leute, die um sie waren, doch nicht zu reden verständen. Als ich kam, schlug sie die Augen auf, nahm mich bei der Hand und fragte: ‚Wohin ist Bau-yü gegangen?‘ Ich gab ihr wahrheitsgemäß Auskunft, da hat sie geseufzt und gesagt: ‚Wir können uns nicht mehr wiedersehen.‘ ‚Warum wartest du nicht, bis er zurück ist und zu dir kommt, Schwester?‘ fragte ich sie. ‚Wäre dann euer beider Wunsch nicht erfüllt?‘ Daraufhin hat sie mit lächelndem Gesicht gesagt: ‚Ihr wißt es noch nicht, ich sterbe gar nicht. Im Himmel fehlt eine Blumengöttin, und der Jadekaiser[3] hat befohlen, ich solle den Posten übernehmen. Heute nachmittag um halb drei muß ich mein Amt antreten. Bau-yü aber kommt erst um dreiviertel drei nach Hause zurück. Einer einzigen Viertelstunde wegen können wir uns nicht mehr wiedersehen. Wenn jemand stirbt auf der Welt und der Höllenkönig läßt ihn holen, werden kleine Teufel geschickt, die seine Seele gefangennehmen. Wenn aber der Sterbende noch ein Stündchen dableiben soll, braucht man nur etwas Opfergeld zu verbrennen oder ein wenig Brei zu vergießen, dann stürzen sich die Teufel darauf, und der Sterbende erhält einen Aufschub. Ich aber werde von Götterboten in den Himmel gebeten, wie dürfte ich mich da verspäten?!‘ Als ich das hörte, wollte ich es nicht recht glauben, aber als ich wieder im Zimmer war und genau nach der Uhr sah, ergab sich, daß sie wirklich um halb drei aufgehört hatte zu atmen, und um dreiviertel erschien jemand, um uns zu holen, weil du zurückgekommen warst. Da zeigte sich, daß alles übereinstimmte.“ „Du kannst nicht lesen und kennst die Bücher nicht, deshalb weißt du nichts davon, aber es gibt das wirklich“, erklärte Bau-yü eifrig. „Nicht nur, daß jede Blumenart ihre Göttin hat, es gibt auch noch eine Göttin für alle Blumen. Jetzt weiß ich nicht, ob sie die Göttin aller Blumen geworden ist oder nur für eine einzige Art verantwortlich ist.“ Im ersten Moment wußte das Sklavenmädchen nichts darauf zu erwidern, aber da eben der achte Monat war und im Garten am Teich der Hibiskus in voller Blüte stand, inspirierte der Anblick sie, rasch zu behaupten: „Ich habe Schwester Tjing-wën gebeten, mir zu sagen, für welche Blume sie zuständig sein werde, damit wir ihr Opfer bringen könnten, da hat sie gesagt: ‚Die Geheimnisse des Himmels dürfen nicht enthüllt werden, aber weil du so ergeben und aufrichtig bist, will ich es dir verraten, doch du darfst es nur Bau-yü allein weitersagen. Wenn jemand anders als er das Geheimnis erfährt, wird dich ein fünffacher Donner erschlagen.‘ Und dann hat sie mir anvertraut, daß sie speziell für den Hibiskus zuständig sein wird.“ Nicht nur daß diese Nachricht Bau-yü nicht erstaunte, vielmehr verwandelte sie seinen Kummer in Freude. Er wies mit der Hand nach den Hibiskusstauden und sagte strahlend: „Diese Blume ist es wert, in der Obhut eines solchen Menschen zu stehen! Ich hatte mir schon gedacht, daß eine Aufgabe sie erwartet. Jetzt ist sie dem Meer des Kummers entronnen, aber wir können uns nie wiedersehen, und so werde ich unvermeidlich um sie trauern und mich nach ihr sehnen.“ Dann überlegte er: „Auch wenn ich sie vor ihrem Tod nicht mehr wiedergesehen habe, kann ich doch hingehen und mich vor ihrem Sarg verneigen, um meiner Pflicht nach den fünf, sechs Jahren unserer Freundschaft Genüge zu tun.“ Nachdem er sich das überlegt hatte, ging er in seine Räume und zog sich um. Dann verließ er unter dem Vorwand, Dai-yü einen Besuch machen zu wollen, ohne jede Begleitung den Garten und begab sich dorthin, wo er Tjing-wën zuletzt gesehen hatte, weil er annahm, dort werde sie aufgebahrt sein. In Wirklichkeit aber hatten ihr Vetter und seine Frau, kaum daß Tjing-wën ihren letzten Atem ausgehaucht hatte, drinnen davon Meldung gemacht, um nur ja so schnell wie möglich die paar Liang Silber zu bekommen, die es für gewöhnlich als Zuschuß für eine Beerdigung gab. Als Dame Wang die Nachricht erhielt, befahl sie, man solle den beiden ein Einäscherungsgeld von zehn Liang Silber zahlen. „Der Leichnam soll sofort vor die Stadt geschafft und verbrannt werden“, lautete ihre Anordnung. „Ein Mädchen, das an der Auszehrung gestorben ist, darf auf keinen Fall im Hause behalten werden.“ Auf Dame Wangs Befehl hin hatten Tjing-wëns Vetter und seine Frau das Geld empfangen und dann Leute angeheuert, die die Tote einsargen und nach dem Verbrennungsplatz außerhalb der Stadt schaffen mußten. Tjing-wëns Kleidung und Schmuck, die vielleicht drei- oder vierhundert Liang Silber wert sein mochten, hatten sie zur späteren Verwendung beiseite gelegt. Dann hatten sie die Haustür abgeschlossen und waren zu zweit dem Sarg gefolgt. Bau-yüs Besuch erwies sich somit als ein Schlag ins Wasser, und nachdem er eine Zeitlang herumgestanden hatte, blieb ihm keine andere Wahl, als in den Garten zurückzukehren. In seinen Räumen kam es ihm jedoch so öde vor, daß er sich nun wirklich auf den Weg machte, um Dai-yü zu besuchen. Dai-yü aber war gerade nicht da, und als er fragte, wohin sie gegangen sei, antworteten ihre Sklavenmädchen: „Sie ist zu Fräulein Bau-tschai gegangen.“ Bau-yü ging also weiter zum Haselwurzpark. Hier fand er alles still und verlassen, und die Zimmer waren ausgeräumt, was ihm unwillkürlich einen tüchtigen Schreck einjagte. Dann erblickte er plötzlich eine alte Sklavin, die auf ihn zukam, und fragte rasch, was hier los sei. „Fräulein Bau-tschai ist ausgezogen“, antwortete die Alte. „Das Haus ist uns zur Aufsicht übergeben worden, aber es ist noch nicht ganz geräumt. Wir helfen noch ein paar Sachen hinüberbringen, dann ist hier Schluß. Und Ihr geht jetzt bitte, Herr, damit wir ausfegen können. Eure Besuche hier könnt Ihr Euch in Zukunft sparen.“ Bau-yü stand lange Zeit völlig verwirrt da und schaute auf die duftenden Rankenpflanzen und die exotischen Klettergewächse im Hof, die noch immer so frisch und grün waren, aber plötzlich erschien es ihm hier öde und kalt im Vergleich zu früher, und das vermehrte seinen Schmerz. Schweigend trat er hinaus, und dort fiel ihm auf, daß auf dem baumbestandenen Deich vor dem Tor, wo früher der Strom der Sklavenmädchen, die hier spazierengingen, nie abgerissen war, lange Zeit kein Mensch vorüberkam. Er beugte sich vor und schaute auf das Wasser unten am Deich, aber es floß genauso schwellend und munter dahin wie ehedem, so daß er sich fragte: „Wie kann es nur so etwas Gefühlloses geben auf der Welt?“ So trauerte er ein Weilchen vor sich hin, dann fiel ihm mit einem Mal wieder ein, daß Sï-tji, Ju-hua, Fang-guan und zwei weitere Mädchen den Garten verlassen hatten und daß Tjing-wën gestorben war. So hatte Bau-tschai nun mit ihrem ganzen Anhang ihr Gartenhaus geräumt. Ying-tschun war zwar noch nicht fort, aber sie kam schon tagelang nicht mehr in den Garten, und ständig erschienen Heiratsvermittlerinnen, um auf eine baldige Hochzeit zu drängen. Über kurz oder lang würden wohl alle den Garten verlassen, und es half gar nichts, wenn er sich daraüber aufregte. Darum war es wohl das beste, wenn er zu Dai-yü ging und ihr für den Rest des Tages Gesellschaft leistete, um dann in seine eigenen Räume zurückzukehren und sich dort mit Hsi-jën abzugeben. Mit diesen beiden würde er wohl bis ans Ende seiner Tage zusammenbleiben. Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, ging er noch einmal zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, aber Dai-yü war noch immer nicht da. Jetzt dachte er daran, daß es wahrscheinlich richtig sein würde, hinauszugehen und Tjing-wën das letzte Geleit zu geben. Aber dann sagte er sich, diesem Schmerz sei er nicht gewachsen und er täte besser daran hierzubleiben. So ging er schließlich niedergeschlagen und mit hängendem Kopf nach Hause. Während er sich noch fragte, was er mit sich anfangen sollte, erschien plötzlich eines der Sklavenmädchen der Dame Wang, um ihm zu bestellen: „Der gnädige Herr ist zurück und verlangt nach dir. Er hat wieder ein gutes Thema parat. Beeil dich, beeil dich!“ Notgedrungen mußte Bau-yü ihr folgen, aber als er zu Dame Wang kam, war sein Vater schon fort, und Dame Wang erteilte den Befehl, jemand solle Bau-yü zur Bibliothek begleiten. Währenddessen berichtete Djia Dschëng im Kreis seiner Hausgäste von seinem Herbstausflug und sagte dabei: „Kurz bevor wir auseinandergingen, kam das Gespräch plötzlich auf ein Thema, das für alle Zeiten ein Gegenstand der Bewunderung bleiben wird. Es geht dabei ebenso um Schönheit und Eleganz wie um Treue und Edelsinn. Überhaupt ist es ein ausgezeichnetes Thema, auf das wir zusammen Trauergedichte schreiben sollten.“ Als seine Gäste das hörten, baten sie sogleich um Aufklärung, was für eine wunderbare Geschichte damit gemeint sei, und Djia Dschëng erzählte: „Es war einmal ein Prinz, der den Titel Prinz Hëng[4] trug und dem das Gebiet Tjing-dschou[5] anvertraut war. Dieser Prinz Hëng war ein großer Freund weiblicher Schönheit, außerdem fand er in seiner Freizeit Gefallen an Waffenübungen. Darum wählte er eine große Zahl schöner Mädchen aus und ließ sie tagtäglich exerzieren. Wann immer er Zeit dazu hatte, hielt er mehrtägige Gelage ab und ließ seine Schönen dabei Kampf- und Eroberungsspiele vorführen. Eine seiner Nebenfrauen hieß mit Familiennamen Lin, und weil sie das vierte Kind ihrer Eltern war, wurde sie von allen nur die Vierte Lin genannt. Sie war die Schönste von allen, aber noch mehr übertraf sie die andern durch die Geschicklichkeit, mit der sie die Waffen handhabte. Prinz Hëng war so begeistert von ihr, daß er ihr den Oberbefehl über all seine Nebenfrauen übertrug und sie General Lieblich nannte...“ „Wie wunderbar und wie ausgefallen!“ erklärten die Hausgäste. „Mit dem Generalstitel zusammen kommt das Wort ‚lieblich‘ ganz besonders zur Wirkung. Das ist wirklich ein einzigartiger Ausdruck. Dieser Prinz Hëng war gewiß der größte Romantiker aller Zeiten.“ „Das ist schon richtig“, sagte Djia Dschëng lächelnd, „aber es kommt noch seltsamer und auch beklagenswerter.“ „Was hat sich denn Seltsames zugetragen?“ erkundigten sich seine Gäste. Und Djia Dschëng fuhr fort: „Unerwartet rotteten sich dann versprengte Räuberbanden vom Schlage der Gelben Turbane und der Roten Augenbrauen[6] zusammen, um die Gegend von Schan-dung zu plündern. Prinz Hëng war der Meinung, wegen so einer Meute brauche man nicht viel Aufhebens zu machen, und setzte nur leichte Reiterei ein, um die Räuber zu vernichten. Wider Erwarten zeigte sich jedoch, daß diese Räuber sehr gewitzt waren. Nach zwei Schlachten waren sie noch immer nicht besiegt, und Prinz Hëng wurde von ihnen erschlagen. Daraufhin sagten die Zivil- und Militärbeamten von Tjing-dschou: ‚Wenn der Prinz sie nicht bezwingen konnte, um wieviel weniger werden dann wir dazu in der Lage sein!‘ Und sie schickten sich an, die Stadt auszuliefern. Als aber die Vierte Lin[7] die Schreckensnachricht erfuhr, rief sie ihre Kriegerinnen zusammen und sagte: ‚Die Gnade, die wir stets vom Prinzen erfahren haben, ist so hoch wie der Himmel und so stark wie die Erde. Wir werden auch nicht den zehntausendsten Teil davon je vergelten können. Jetzt, wo der Prinz sein Leben dem Vaterland zum Opfer gebracht hat, bin ich entschlossen, mein Leben dem Prinzen zum Opfer zu bringen. Wer von euch gewillt ist, es mir gleichzutun, der folge mir. Wer dazu nicht bereit ist, der gehe seines Weges.‘ Als die Kriegerinnen das hörten, erklärten sie einmütig, sie wollten mit ihr ziehen. Daraufhin verließ die Vierte Lin noch in derselben Nacht mit ihnen die Stadt und drang geradewegs in das Lager der Räuber ein, die darauf nicht gefaßt waren und mehrere ihrer Anführer verloren. Dann aber bemerkten sie, daß sie nur einer Handvoll Frauen gegenüberstanden, die nicht viel ausrichten konnten, griffen zu den Waffen und lieferten ihnen ein heftiges Gefecht, in dem von der Vierten Lin und ihren Gefährtinnen keine einzige am Leben blieb, so daß der Treueschwur der Vierten Lin erfüllt war. Als das in der Hauptstadt bekannt wurde, waren Kaiser und Beamtenschaft gleichermaßen erschüttert und verwundert. Vom Hof wurden dann natürlich Leute entsandt, und als diese Regierungstruppen eintrafen, wurden die Räuberhorden restlos aufgerieben, aber das ist nicht weiter der Rede wert. Doch was sagen Sie jetzt zu der Standhaftigkeit der Vierten Lin, meine Herren? Ist sie nicht bewunderungswürdig?“ „Bewunderungswürdig und höchst erstaunlich, in der Tat!“ pflichteten seine Gäste ihm bei. „Das ist wirklich ein hervorragendes Thema, um Verse des Gedenkens zu schreiben.“ Und schon hatte einer der Männer Schreibpinsel und Tuschereibstein geholt und schrieb nach Djia Dschëngs Erzählung eine kurze Einleitung nieder, wobei er nur wenige Wörter leicht veränderte. Djia Dschëng sah das Geschriebene durch, dann sagte er: „Es kann so bleiben. Auch dort hat man schon eine Einleitung geschrieben. Gestern wurde ein kaiserlicher Sondererlaß empfangen, in dem befohlen wird, alle Personen festzustellen, die Lob und Auszeichnung verdienen, bisher aber übergangen worden sind. Auch wenn es sich um Mönche, Nonnen, Bettler oder Frauen handelt – wenn jemand eine rühmenswerte Tat vollbracht hat, soll sein Lebenslauf sogleich ans Ministerium der Riten eingesandt werden, damit dieses den Kaiser um eine Auszeichnung bitten kann. So ist auch jene Einleitung schon ans Ritenministerium geschickt worden. Nachdem Sie von der Sache erfahren haben, meine Herren, sollte jeder von Ihnen ein Gedicht über General Lieblich verfassen, um ihrer Treue ein Denkmal zu setzen.“ „Das müssen wir tun!“ stimmten ihm alle zu, „aber am bewunderungswürdigsten ist es, daß unsere herrschende Dynastie solche lange nicht geübten Riten wiederbelebt und so große Gnade walten läßt. Darin wird sie wahrhaftig von keiner der früheren Dynastien erreicht, und hier kann man wirklich sagen ‚Vom heiligen Herrscherhaus wird nichts versäumt.‘ Diese Formulierung hat jemand unter der Tang-Dynastie vorweggenommen, und unter unserer Dynastie erfüllt sie sich. Heute erst sind das nicht mehr nur leere Worte.“ „Genau so ist es“, bestätigte Djia Dschëng kopfnickend. Bei diesen Worten erschienen Djia Huan und Djia Lan und mußten sich auf Djia Dschëngs Geheiß das Thema durchlesen. Die beiden verstanden sich wohl auch darauf, Gedichte zu schreiben, und der Wortschatz, den sie im Kopf hatten, war nicht viel geringer als der von Bau-yü, aber erstens gingen sie einen ganz anderen Weg als Bau-yü, indem sie ihn scheinbar weit übertrafen, wenn es um Prüfungsaufsätze ging, während sie auf dem Gebiet der übrigen Literatur bei weitem nicht an ihn heranreichten. Und zweitens war der Geist der beiden stumpf im Vergleich zu Bau-yüs wachem und feinsinnigem Verstand, und ihre Gedichte schrieben sie nach denselben Prinzipien wie die achtgliedrigen Prüfungsaufsätze, wodurch sie unvermeidlich pedantisch und mittelmäßig ausfallen mußten. Bau-yü war durchaus kein Buchgelehrter, aber er verfügte über eine natürliche Klugheit und las gern alle möglichen Bücher, deshalb war er der Meinung, daß es auch bei den Klassikern frei erfundene und fehlerhafte Stellen gab, so daß man sich nicht zu eng an sie halten konnte. Wenn man stets ängstlich darauf bedacht war, sich an bewährte Vorbilder zu halten, konnte man zwar auch etwas zusammenpappen, aber das würde dann ohne jeden Reiz sein. Mit diesen Ansichten im Kopf wagte er sich an jedes beliebige Thema, so wie es zungenfertige Redner tun, die aus dem Nichts heraus einzig mit Hilfe ihrer Beredsamkeit lange Vorträge halten. Wenn es auch keiner Prüfung standhält, was sie sagen, so fühlen sich doch alle durch sie belehrt, und Männer ernster Worte sind nicht in der Lage, gegen solche Schönredner aufzukommen. Djia Dschëng war in der Letzten Zeit gealtert, und sein Streben nach Ruhm und Gewinn hatte stark nachgelassen, auch war er seiner ursprünglichen Natur nach ein Freund von Gedichten, Wein und ausgelassenen Reden. Seinen Söhnen und Neffen gegenüber kam er natürlich nicht umhin, sie auf den rechten Weg zu führen, aber neuerdings war er zu der Ansicht gekommen, daß Bau-yü sich zwar nicht den klassischen Büchern widmete, jedoch ein großes Verständnis für die Dichtkunst hatte und so bei sorgfältiger Betrachtung den Ahnen keine allzu große Schande machte. Genau genommen, waren auch die Ahnen nicht anders gewesen. Einige von ihnen hatten es zwar auf dem Gebiet der Prüfungsaufsätze zu großer Perfektion gebracht, aber aufsehenerregende Verdienste hatte sich keiner damit erworben.

Wie es aussah, war es der Sippe der Djias nicht anders beschieden. Zumal auch Djia Dschëngs Mutter eine zärtliche Schwäche für Bau-yü hatte, wollte er ihn nicht gewaltsam drängen, sich mit Prüfungsvorbereitungen zu beschäftigen. In diesem Sinne hatte er ihn in der jüngsten Zeit behandelt, und er hätte es gern gesehen, wenn sich Djia Huan und Djia Lan mit Ausnahme der Prüfungsaufsätze an Bau-yü ein Beispiel genommen hätten. Darum ließ er, wenn er sie Gedichte schreiben lassen wollte, stets alle drei rufen, um sie zum Wetteifern anzuregen.

Djia Huan und Djia Lan hatten in letzter Zeit schon mehrmals in Gesellschaft Gedichte verfaßt, und das hatte ihnen Mut gegeben. Als sie jetzt das Thema sahen, begannen sie nachzugrübeln, und Djia Lan wurde als Erster fertig. Aus Angst, letzter zu werden, war auch Djia Huan schon fertig geworden, und während sie beide ihre Gedichte schon aufschrieben, war Bau-yü noch ganz in Gedanken. Djia Lans Gedicht war der folgende Vierzeiler: „General Lieblich, die Vierte Frau Lin,

 war schön wie Jade und mutig zugleich.
 Seitdem für Prinz Hëng sie ihr Leben gab,
 duftet die Erde von Tjing-dschou nach ihr.“

Als Djia Dschëngs Gäste diese Zeilen gelesen hatten, lobten sie: „Um als Dreizehnjähriger so ein Gedicht zu schreiben, muß man schon aus einer hochgebildeten Familie stammen. Das ist wirklich nicht gelogen.“ Lächelnd erwiderte Djia Dschëng: „Es ist die Ausdrucksweise eines Kindes. Aber trotzdem, er hat sich Mühe gegeben.“ Dann las er, was Djia Huan geschrieben hatte: „Sorglos verlief ihr Leben bislang,

 jetzt hat es nur noch den einen Zweck.
 Weinend tritt sie aus dem Prunkgemach,
 zürnend verläßt sie die Stadt Tjing-dschou.
 Zu rächen gilt es des Prinzen Tod,
 wiewohl die Räuber in Übermacht.
 Wer singt den Nachruf am Grabe ihr,
 die für ewig Einmaliges tat?“

„Das ist noch besser!“ sagten alle. „Schließlich ist er ja auch ein paar Jahre älter, doch auch sein Ansatz ist ein anderer.“ „Es ist zwar nicht ganz verkehrt, aber doch nichts Echtes“, urteilte Djia Dschëng. „Laßt es gut sein!“ sagten seine Gäste. „Der dritte junge Herr ist nur wenig älter als sein Neffe. Wenn er schon als Junge so etwas zuwege bringt, werden vielleicht bei einigem Fleiß in ein paar Jahren noch Juan der Große und Juan der Kleine[8] aus den beiden.“ „Zuviel des Lobes!“ wehrte Djia Dschëng ab. „Der Fehler der beiden ist, daß sie nicht lernen wollen.“ Dann fragte er, wie weit Bau-yü mit seinem Gedicht sei. „Der zweite junge Herr ziseliert seine Verse sorgfältig, bestimmt wird es wieder etwas Elegantes und Ergreifendes, anders als die beiden Gedichte eben“, sagten seine Gäste. Bau-yü aber erklärte lächelnd: „Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“[9] Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i[10] oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“ Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“ Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte: „Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“ Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“ Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“ „Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter: „Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf.

Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack,
nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“

Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“ „Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“ Und Bau-yü fuhr fort: „Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild,

nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“

„Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“ Wieder fuhr Bau-yü fort: „Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund,

mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“

Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“ „Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng. Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile: „Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“ „Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“ Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“ „So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd. „Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“ „Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an. „Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“ Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile: „Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“ Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“ Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“ „Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“ „Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“ Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren: „Endet spät am Abend das ermüdende Spiel,

ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“

„Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“ Daraufhin sprach Bau-yü: „Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt,

wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“

„Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“ Bau-yü aber fuhr fort: „Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren,

stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht.
Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder,
die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb.
Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß,
als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert.
Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab,
als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“

„Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“ Und wieder fuhr Bau-yü fort: „Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten,

schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb.
Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen,
Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“

„Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“ Indessen sprach Bau-yü weiter: „Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte?

Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt.
Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite,
um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht.
Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder,
als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar.
Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen,
doch das Leben zu wagen, ist jede bereit.
Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht,
welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin.
Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort,
ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub.
Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt,
in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein.
Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung,
die Minister stehn ratlos und senken den Kopf.
Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches,
wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies?
Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen,
mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“

Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück. Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg. Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“ Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘[11] Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine. Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt. Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt. Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘[12], manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“ Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide[13] kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte. Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab: „In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers[14] für die Zierde des Herbstes zuständig ist. Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend. Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen. Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I[15], durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun[16]. Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku[17] verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen[18] ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet. Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen[19], vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus[20]. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel[21], mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben? In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums[22], ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt. Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel[23] trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen[24]? Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden. Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan[25], stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung[26]. Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus. Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan[27], jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji[28] wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist. Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige. Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen: Warum ist der Himmel so blau, so blau? Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament? Warum ist die Erde so weit, so weit? Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt? Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm, ist es das Glänzen von Sternen? Federbüsche wehn deinem Zug voran, geleiten dich gar Kometen? Steuert der Mondlenker die Karosse? Fährt der Donnergott nebenher? So eilig rattern die Räder im Flug, sind‘s Phönixe, die dich ziehen? Deutlich verspür ich balsamischen Duft, bist du mit Kräutern gegürtet? Es glitzert dort auf deinem Rock so stark, trägst du aus Mond ein Geschmeide? Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt, brennt Blumenöl in der Lampe? Aus Kürbis geformt das Opfergefäß, ist Duftblütenwein darinnen? Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus, ob ich wohl etwas erblicke? Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr, läßt sich dort etwas vernehmen? Sehn wir uns wieder im endlosen Raum? Läßt du mich im Staub hier zurück? Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an, nimmst du mich mit auf dem Wege? Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir, doch hat es Sinn, nur zu jammern? Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft, ist das so der Lauf der Dinge? Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft, warum dann verwandelt fliehen? Ich trage weiter die Fesseln der Welt, kommst du mich hier noch besuchen? Kommst du? Bleibst du? Ich bitte dich, komm! Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen[29], die Fee vom Luo-Fluß[30] empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü[31] bläst die Mundorgel, Han-huang[32] schlägt den Holztiger[33], um die Göttin des Berges Sung[34] herbeizurufen und die Alte vom Berge Li[35] aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf[36], und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie[37]. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben. In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom. Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen. Ach weh! Komm und empfange das Opfer!“ Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!“ Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“ Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden.

Anmerkungen

  1. Wie sich unten (S. 1461) zeigt, soll Djia Lan bereits 13 Jahre alt sein. Allerdings galt Muttermilch im alten China als hervorragendes Stärkungsmittel (vgl. o., S. 1084) und wurde auch von Erwachsenen nicht verschmäht.
  2. Gebräuchliche Bezeichnung für Schreibpinsel, Tusche, Tuschereibstein und Papier.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 235.
  4. Damit könnte Dschu You-huee gemeint sein, ein Sohn des Ming-Kaisers Hsiän-dsung (regierte von 1464 bis 1487) und Bruder des Ming-Kaisers Hsiau-dsung (regierte von 1487 bis 1505), der 1499 zum Prinzen Hëng ernannt wurde und in Tjing-dschou residierte.
  5. Historische Landschaft in der jetzigen Provinz Schan-dung. In der Ming-Zeit war Tjing-dschou auch der Name einer Präfektur im heutigen I-du.
  6. ‚Gelbe Turbane‘ und ‚Rote Augenbrauen‘ hießen nach ihren Erkennungszeichen die Aufständischen unter Dschang Djiau bzw. Fan Tschung, die um 184 u. Z. respektive um 25 u. Z. aktiv waren. Anfang des 16. Jh., als Prinz Hëng lebte, fiel ein Heer aufständischer Bauern in Schan-dung ein.
  7. In verschiedenen literarischen Quellen , u. a. in der bekannten Sammlung ‚Merkwürdigkeiten, aufgezeichnet in der Studierstube ›Für den Augenblick‹‘ (Liau-dschai dschï-i) des Pu Sung-ling (1630 – 1715), wird in unterschiedlicher Weise über eine ‚Vierte Lin‘ berichtet, die im Palast des Prinzen Hëng gelebt haben soll.
  8. Gängige Bezeichnungen für Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji) und seinen Neffen Juan Hsiän, die beide zum Dichterkreis der ‚Sieben Meister vom Bambushain‘ (Dschu-lin tji-hsiän) gehörten.
  9. Neuer und Alter Stil in der chinesischen Dichtkunst unterscheiden sich vor allem dadurch, daß für den Neuen Stil, der in der Tang-Zeit aufkam, strengere formale Regeln (Silbenzahl, Tonmuster u. a. m.) gelten.
  10. Bai Djü-i (772 – 846), der produktivste Dichter der Tang-Zeit behandelt in diesem langen Gedicht das Schicksal von Yang Tai-dschën, der Lieblingsnebenfrau des Tang-Kaisers Ming-huang (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang).
  11. Frei zitiert nach ‚Dsuos Kommentar zu den Frühlings- und Herbstannalen‘, vgl. o., Anm. zu S. 1332.
  12. Von den angeführten Gedichten gilt das ‚Li-sau‘ als Werk von Tjü Yüan, der von 340 bis 278 v. u. Z. gelebt haben soll, das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘ und die ‚Neun Erörterungen‘ werden Sung Yü zugeschrieben, der Tjü Yüans Schüler gewesen sein soll. Beide stammten sie aus dem Staat Tschu und begründeten eine eigene Stilrichtung. Den ‚Verdorrten Baum‘ schrieb Yü Hsin (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü), ‚Herbstwasser‘ heißt ein Kapitel im Buch Dschuang-dsï (vgl. o., Anm. zu S. 1146), die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘ schließlich ist ein Werk von Juan Dji (vgl. o., Anm. zu S. 40: Juan Dji). Nicht geklärt ist, was der Verfasser mit den ‚Bedrängenden Fragen‘ meinte.
  13. Vgl. o., Anm. zu S. 557.
  14. Unter den Fünf Kaisern der chinesischen Mythologie regiert der Weiße Kaiser den Westen, als Jahreszeit ist ihm der Herbst zugeordnet.
  15. Djia I (201 – 169 v. u. Z.) war schon mit wenig mehr als zwanzig Jahren als Beamter an den Hof des Han-Kaisers Wën-di gerufen worden, wo er großen Einfluß erlangte. Auf Betreiben von Neidern wurde er vom Kaiserhof entfernt und schließlich zum Erzieher des Prinzen Huai von Liang gemacht. Nachdem dieser beim Reiten einen tödlichen Unfall erlitten hatte, machte Djia I sich so heftige Vorwürfe, daß er nach reichlich einem Jahr vor Kummer starb.
  16. Gun ist eine mythische Gestalt. Als er neun Jahre lang erfolglos versucht hatte, die Sintflut zu beseitigen, wurde er zur Strafe hingerichtet. Erst seinem Sohn Yü gelang es, die Aufgabe zu bewältigen.
  17. Auf der Insel Djü-ku im ‚Westmeeer‘ wachsen der Mythe nach Bäume, aus deren Holz sich ein Mittel zubereiten läßt, dessen bloßer Duft Tote wieder zum Leben erweckt.
  18. Außer auf der Insel Djü-ku sollte es auch auf drei (bzw. fünf) mythischen Inseln im Bo-hai-Meer, die von Unsterblichen bewohnt sind (die bekannteste davon ist oben auf S. 295 erwähnt – Pëng-lai), ein Wiederbelebungsmittel geben. Diese Inseln seien jedoch mit einem normalen Schiff nicht erreichbar, hieß es.
  19. Die Ausdrücke vom Spiegel und vom Phönix stehen nach alten literarischen Werken oft bildlich für zwei liebende Partner, die vom Schicksal getrennt werden. Der Kamm, der sich in einen Drachen verwandelt und davonfliegt, ist eine Abwandlung aus einem Weberschiffchen, von dem dies ebenfalls in der alten Literatur erzählt wird. Zugleich können diese Bilder als Anspielung auf die zuvor (S. 1452) gebrauchte Redewendung ‚Der Mensch ist tot, doch seine Dinge leben fort‘ angesehen werden.
  20. Oben im 20. Kapitel wird erzählt, wie Bau-yü Schë-yüä das Haar kämmt und wie Tjing-wën ihre Eifersucht äußert, als sie dazukommt. Hier soll vielleicht gesagt werden, daß er auch Tjing-wën bei der Toilette zur Hand ging und dazu Schë-yüäs und Tan-yüns Utensilien benutzte.
  21. Der volkstümlichen Überlieferung nach bilden Elstern (bzw. baut eine göttliche Elster) in der Nacht des 7. Tages des 7. Monats nach dem altjinesischen Kalender eine Brücke über die Milchstraße, damit der Hirte und die Himmlische Weberin zueinander können (vgl. o., Anm. zu S. 705). ‚(Zur Himmlischen Weberin) Um Geschicklichkeit beten‘ war die Bezeichnung für die rituellen Bräuche, die am Abend dieses Tages von den Frauen praktiziert wurden. In unterschiedlicher Form spielten dabei auch Nadeln eine Rolle.
  22. Vgl. o., Anm. zu S. 629.
  23. Vgl. o., Anm. zu S. 400.
  24. Gemeint ist ein mit duftender Holzkohle gefülltes Bügel‚eisen‘ (das im alten China die Form einer oben offenen Stielpfanne hatte und aus Bronze war).
  25. Der Prinz von Ju-nan, der während der Zeit der Nord- und Süddynastien im Staate Sung lebte (5. Jh.), ist bekannt für seine große Liebe zu seiner Nebenfrau Bi-yü (‚Grünjade‘), der er ein berühmt gewordenes Gedicht widmete.
  26. Vgl. o., Anm. zu S. 316 (Der Wein von Djin-gu) und S. 1167 (Lü-dschu).
  27. Dauistischer Priester, der im 7./8. Jh. lebte. Der Sage nach erbat er eine Grabinschrift für seinen Großvater bei dem berühmten Literaten und Kalligraphen Li Yung (678 – 747). Nachdem der Text verfaßt war, bat er Li darum, ihn auch selbst zu kalligraphieren, und als Li diese Bitte abschlug, entführte der zauberkundige Priester Lis Seele, während sein Körper im Schlaf lag, und ließ die Inschrift von ihr kalligraphieren.
  28. Beiname des Tang-zeitlichen Dichters Li Hë (790 – 816). In seiner von Li Schang-yin (vgl. o., Anm. zu S. 700) verfaßten Lebensbeschreibung heißt es, kurz vor Li Hës Tod sei auf einem roten Drachen ein rotgekleideter Mann vom Himmel geritten gekommen, der ihm einen Erlaß des Himmelskaisers brachte, in dem er an dessen Hof gerufen wurde, um die Erbauung eines Weißen Jadeturms zu beschreiben.
  29. Vgl. o., Anm. zu S. 1414 (Zum Kalten Palast...). Der Kassiafelsen dürfte von dem Kassiabaum abgeleitet sein, der einer chinesischen Mythe nach auf dem Mond wächst (vgl. o., Anm. zu S. 170).
  30. Vgl. Bau-yüs Aussage über diese Fee (S. 753).
  31. Der Überlieferung nach eine Tochter des Herzogs Mu von Tjin (regierte von 659 bis 621 v. u. Z.), die einen Musiker liebte und heiraten durfte, unter dessen Anleitung sie so gut auf einem Bambusblasinstrument zu spielen lernte, daß sie Phönixe damit herbeilocken konnte.
  32. Der Überlieferung nach eine unsterbliche Fee, die erst zum Gefolge der ‚Königinmutter des Westens‘ gehörte, später zu dem der Mondgöttin (vgl. o., Anm. zu S. 1414: Zum Kalten Palast...).
  33. Altertümliches Schlaginstrument aus Holz in Form eines kauernden Tigers, das früher in der Ritualmusik Verwendung fand.
  34. Als Frau des Gottes des Berges Sung gedachte Gottheit. Sung, der heilige Berg des Zentrums (Dschung-yüä), war einer der Fünf heiligen Berge, die im alten China kultische Verehrung genossen.
  35. Unsterbliche Fee der chinesischen Mythe.
  36. Der Überlieferung nach tauchte, als Yü erfolgreich die Sintflut ableitete (vgl. o., Anm. zu S. 38: Yü und S. 1468: sie... hatte grausamer zu leiden als Gun), aus dem Luo-Fluß eine Geisterschildkröte auf und präsentierte ihm eine Schrifttafel.
  37. Vgl. o., Anm. zu S. 712.