Hongloumeng/de/Chapter 80
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Kapitel 80
美香菱屈受貪夫棒 / 王道士胡謅妒婦方
Die schoene Xiangling wird vom habgierigen Ehemann geschlagen; Der Daoist Wang erzaehlt ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht
Die schöne Hsiang-ling wird von ihrem gierigen Mann geschlagen,der Dauistenpriester Wang faselt von einem Heilmittel gegen die Eifersucht.
Als Djin-guee das hörte, verdrehte sie den Hals, verzog den Mund und schnaubte ein paarmal durch die Nase, dann schlug sie die Hände zusammen und sagte mit abfälligem Lächeln: „Wer hätte jemals den Duft von Wassernußblüten gerochen?! Wenn die Wassernuß duften soll, was willst du dann erst von Blüten sagen, die wirklich duften? Dieser Name ist der Gipfel der Sinnlosigkeit.“ „Nicht nur die Blüten der Wassernuß, auch die Blätter und die Samenkapseln der Lotosblume haben einen frischen Duft, wenn er auch mit dem Duft anderer Blumen nicht vergleichbar ist“, widersprach Hsiang-ling. „Wenn man an einem stillen Tag oder in einer ruhigen Nacht, früh am Morgen oder spät am Abend genau darauf achtgibt, dann merkt man, daß dieser Duft lieblicher ist als jeder Blütenduft. Selbst die Wassernüsse, die Früchte der Seerose[1] sowie die Blätter und die Wurzeln von Schilf haben, wenn der Tau fällt, einen herzerfrischenden Geruch.“ „Orchideen und Duftblüten riechen also deiner Meinung nach nicht gut?“ fragte Djin-guee. Hsiang-ling hatte sich so in Hitze geredet, daß sie das Namenstabu völlig vergaß und ohne Zögern antwortete: „Der Geruch von Orchideen und Duftblüten ist mit dem von anderen Blumen nicht zu vergleichen...“ Sie hatte den Satz noch nicht beendet, als Djin-guees Sklavenmädchen Bau-tschan schon mit dem Finger auf sie wies und sagte: „Zu sterben verdienst du! Wie kannst du einfach den Namen der jungen Herrin aussprechen?“ Hsiang-ling wurde sich schlagartig ihrer Verfehlung bewußt und entschuldigte sich mit beschämtem Lächeln: „Das ist mir nur so herausgerutscht. Rechnet es mir bitte nicht an, junge Herrin!“ „Das macht doch nichts!“ sagte Djin-guee lächelnd, „du bist wirklich überängstlich. Aber die Silbe hsiang in deinem Namen erscheint mir wahrhaftig unangebracht, und ich möchte sie durch eine andere ersetzen, wenn du nichts dagegen hast.“ „Aber was sagt Ihr da, junge Herrin?“ erwiderte Hsiang-ling sofort und lächelte. „Ich gehöre Euch mit Haut und Haaren, warum fragt Ihr also, ob ich einverstanden bin, nur weil Ihr meinen Namen ändern wollt? Nennt mich so, wie es Euch paßt, Ihr könnt jede Silbe benutzen, die Ihr für richtig haltet.“ „Du bist zwar einverstanden“, nahm wieder Djin-guee das Wort, „aber ich fürchte, das gnädige Fräulein könnte argwöhnisch sein und sagen: ‚Ist ein Name, den du dir ausdenkst, besser als einer, den ich mir ausgedacht habe? Kaum bist du ein paar Tage im Haus, stellst du dich gegen meine Entscheidungen.‘ “ Lächelnd erklärte ihr Hsiang-ling daraufhin: „Ihr wißt das nicht, junge Herrin, aber als man mich damals kaufte, diente ich zuerst der gnädigen Frau, und deshalb hat das gnädige Fräulein mir einen Namen gegeben. Seitdem ich dann dem jungen Herrn diente, hatte ich mit dem gnädigen Fräulein nichts mehr zu tun. Seitdem jetzt Ihr im Hause seid, habe ich erst recht nichts mehr mit ihr zu schaffen. Außerdem ist das gnädige Fräulein so ein verständiger Mensch, daß sie wegen so etwas bestimmt nicht böse wird.“ „Wenn es so ist, werde ich die Silbe hsiang – ‚duftend‘ – durch die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – ersetzen“, sagte Djin-guee. „Da die Wassernuß im Herbst blüht und Früchte trägt, hat der Name so wohl etwas mehr Berechtigung.“ „Es soll sein, wie Ihr sagt, junge Herrin“, stimmte Hsiang-ling zu, und damit galt jetzt Tjiu-ling als ihr Name. Bau-tschai schenkte der Sache keine Beachtung. Hsüä Pan war so veranlagt, daß er „auf Schu schaute, kaum daß er Lung erobert hatte“[2], und als er nach der Hochzeit mit Djin-guee sah, daß auch ihr Sklavenmädchen Bau-tschan einigen Liebreiz hatte und sich erfreulich leichtfertig benahm, versäumte er nie, sie zu necken, wenn er sich von ihr Tee oder Wasser reichen ließ. Bau-tschan verstand auch sehr gut, wie er das meinte, doch aus Furcht vor Djin-guee wollte sie nichts übereilen und wartete auf ein Zeichen von ihr. Djin-guee ihrerseits merkte genau, was da vorging, und sagte sich: „Ich will Hsiang-ling aus dem Weg räumen und finde keine Handhabe. Wenn er sich jetzt in Bau-tschan verguckt hat und ich sie ihm lasse, wird er sich dadurch Hsiang-ling entfremden. Das kann ich mir zunutze machen, um sie auszuschalten. Bau-tschan aber gehört mir, mit ihr kann ich leicht fertig werden.“ Nachdem sie sich diesen Plan zurechtgelegt hatte, wartete sie auf eine Gelegenheit, um ihn ins Werk zu setzen. Eines Abends dann, als Hsüä Pan leicht berauscht war, ließ er sich wieder einmal von Bau-tschan Tee eingießen, und als sie ihm die Schale reichen wollte, griff er statt dessen nach ihrer Hand. Bau-tschan wollte ihm zum Schein ausweichen und zog die Hand zurück. Klirr! machte es, die Teeschale lag zerbrochen am Boden, und alles war mit Tee bespritzt. Hsüä Pan, dem die Sache jetzt peinlich war, behauptete, Bau-tschan habe die Schale nicht richtig gehalten. Bau-tschan aber verteidigte sich: „Ihr habt sie mir nicht richtig abgenommen!“ Da sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln: „Schluß jetzt mit den Ausflüchten! Ihr müßt einen nicht für dumm verkaufen!“ Hsüä Pan senkte nur den Kopf und lächelte stumm, Bau-tschan aber wurde rot und ging aus dem Zimmer. Als es bald darauf Zeit zum Schlafengehen war, verlangte Djin-guee von Hsüä Pan, er solle woanders schlafen. „Ich will nicht, daß du dich vor Verlangen verzehrst“, sagte sie zur Begründung. Als Hsüä Pan darauf nur lächelte, fuhr Djin-guee fort: „Wenn du etwas möchtest, dann sag es mir und versuch es nicht heimlich. Das führt zu nichts.“ Mutig vom genossenen Wein, kniete Hsüä Pan auf dem Bett nieder, griff nach Djin-guees Hand und bat lächelnd: „Liebe ältere Schwester! Wenn du mir Bau-tschan schenkst, tue ich für dich, was du willst. Wenn du das Gehirn von jemand verlangst, bringe ich es dir!“ „Rede doch nicht so unverständig!“ hielt Djin-guee ihm vor und lächelte dabei ebenfalls. „Wenn du eine magst und sagst mir das, dann machen wir sie zu deiner Nebenfrau, damit es auch vor den Leuten seine Ordnung hat. Was habe ich denn dagegen?!“ Hsüä Pans Dankbarkeit für diese Zusage kannte keine Grenze, und in der Nacht erfüllte er alle Pflichten eines Ehemannes, um sich bei Djin-guee einzuschmeicheln. Am folgenden Tag ging Hsüä Pan nicht aus. Statt dessen vertrödelte er zu Hause seine Zeit und zerstreute dabei seine letzten Bedenken. Am Nachmittag ging dann Djin-guee absichtlich hinaus, damit es die beiden bequem hatten, und Hsüä Pan begann, sich an Bau-tschan heranzumachen. Bau-tschan durchschaute zu acht, neun Zehnteln, was hier gespielt wurde, deshalb verhielt sie sich halb abweisend, halb nachgiebig, und es war augenscheinlich, daß die beiden sich bald einig sein würden. Dabei ahnten sie freilich nicht, daß Djin-guee absichtlich wartete, bis zu vermuten war, daß sie fest genug miteinander verstrickt waren, um dann ihr Sklavenmädchen Hsiau-schë zu sich zu rufen. Diese Hsiau-schë hatte von klein auf bei Djin-guee gedient, und Hsiau-schë – „Kleine Verlassene“ – wurde sie deshalb von allen genannt, weil sie schon als Kleinkind beide Eltern verloren hatte und auch sonst niemanden besaß, der sich um sie hätte kümmern können. Sie wurde stets nur für grobe Arbeiten eingesetzt, jetzt aber befahl Djin-guee mit Vorbedacht gerade sie zu sich, um ihr aufzutragen: „Geh und sag Tjiu-ling, sie solle mein Taschentuch aus meinem Zimmer holen! Aber du mußt ihr nicht sagen, daß ich es befohlen habe!“ Sofort begab sich Hsiau-schë zu Hsiang-ling und sagte: „Fräulein Tjiu-ling! Die junge Herrin hat ihr Taschentuch im Zimmer liegengelassen. Wäre es nicht gut, es ihr zu bringen?“ Hsiang-ling war in der letzten Zeit von Djin-guee immer wieder schlecht behandelt worden, ohne zu wissen warum, und bemühte sich auf jede Weise, ihr Wohlwollen zurückzugewinnen. Deshalb ging sie, kaum daß sie diese Aufforderung gehört hatte, um das Taschentuch zu holen, und platzte so unvermutet ins Zimmer, als Bau-tschan eben an der Grenze zwischen Abwehr und Nachgeben war. Der Anblick ließ Hsiang-ling bis über beide Ohren erröten, und sie machte sofort kehrt, um das Weite zu suchen. Hsüä Pan war der Meinung gewesen, er könne ganz offen handeln, und hatte deshalb außer vor Djin-guee vor niemandem Angst. So hatte er nicht einmal die Tür geschlossen. Als Hsiang-ling jetzt hereinstürzte, war ihm das wohl ein wenig peinlich, aber er schenkte der Störung keine große Beachtung. Nicht so Bau-tschan, die sich immer gebrüstet hatte und sich stets vor allen hervortun wollte. Als sie plötzlich Hsiang-ling erblickte, wäre sie vor Scham am liebsten im Boden versunken. Rasch stieß sie Hsüä Pan beiseite und lief hinaus, wobei sie lauthals schimpfte und schrie, er habe ihr Gewalt antun wollen. Als Hsüä Pan, den es so viel Mühe gekostet hatte, Bau-tschan zu umgarnen, sehen mußte, wie Hsiang-ling ihm alles kaputt machte, als er sich schon am Ziel seiner Wünsche glaubte, schlug seine Hochstimmung in Wut um, und die entlud sich gegen Hsiang-ling. Er stürzte hinaus, spuckte sie an, ohne sich auf Erörterungen einzulassen, und schimpfte: „Verfluchte Hure! Mußtest du deinen Kadaver ausgerechnet jetzt hier sehen lassen?“ Hsiang-ling, die sich denken konnte, daß hier nichts Gutes auf sie wartete, brachte sich schleunigst in Sicherheit. Nun suchte Hsüä Pan nach Bau-tschan, aber sie war spurlos verschwunden, und so schimpfte er wütend auf Hsiang-ling. Als sich Hsüä Pan dann nach dem Abendessen, als er schon tüchtig berauscht war, waschen wollte und das Wasser ein wenig zu heiß fand, so daß er sich den Fuß darin vebrühte, behauptete er, Hsiang-ling habe ihm absichtlich etwas antun wollen, und nackt, wie er war, stürzte er zu ihr und versetzte ihr ein paar Fußtritte. Hsiang-ling hatte noch niemals Hsüä Pans Zorn auf diese Weise zu spüren bekommen. Dennoch wagte sie nichts zu sagen, klagte nur still für sich und hielt sich abseits. Währenddessen hatte Djin-guee mit Bau-tschan abgesprochen, diese solle heute nacht mit Hsüä Pan in Hsiang-lings Zimmer schlafen und sich ihm hingeben, während Hsiang-ling bei Djin-guee schlafen sollte. Als Hsiang-ling anfangs nicht wollte, fragte Djin-guee, ob sie vielleicht meine, daß es bei ihr zu schmutzig sei oder ob sie sich eine ruhige Nacht verschaffen und ihr deshalb nicht aufwarten wolle. Dann aber schimpfte sie: „Dein Trottel von Herr verliebt sich in jede, die er zu sehen bekommt. Meine Magd nimmt er mir weg, aber dich schickt er auch nicht zu mir. Was soll das heißen? Will er mich umkommen lassen?“ Als Hsüä Pan das hörte, bekam er Angst, aus der Sache mit Bau-tschan könnte wieder nichts werden, darum kam er schnell herüber und schimpfte Hsiang-ling aus: „Du weißt wohl gar keine Gunst zu schätzen? Wenn du jetzt nicht gehst, setzt es Schläge!“ So konnte Hsiang-ling nicht umhin, ihr Bettzeug zu holen. Auf Befehl von Djin-guee sollte sie sich ihr Lager auf dem Fußboden bereiten. Wieder bleib Hsiang-ling nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Und kaum hatte sie sich hingelegt, verlangte Djin-guee nach Tee, eine Weile später ließ sie sich die Beine klopfen. So hatte sie in dieser Nacht nicht weniger als sieben oder acht Aufträge für Hsiang-ling und ließ sie keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Hsüä Pan indes schien mit Bau-tschan ein wahres Juwel gewonnen zu haben und hatte für nichts anderes mehr Augen als für sie. Insgeheim schimpfte Djin-guee deshalb ärgerlich: „Vergnüg dich nur ein paar Tage, aber mach mir keine Vorwürfe, wenn ich nach und nach meine Mittelchen anwende!“ Und sie verbarg ihren Zorn und suchte zuerst nach Wegen, um mit Hsiang-ling fertig zu werden. Einen halben Monat später stellte sie sich wieder einmal krank und behauptete, das Herz tue ihr unerträglich weh und sie könne kein einziges Glied rühren. Ein Arzt wurde gerufen, doch seine Behandlung blieb ohne Erfolg, und alle sagten, der Ärger mit Hsiang-ling müsse das Leiden bewirkt haben. Aber zwei Tage später fiel plötzlich eine Papierfigur aus Djin-guees Kopfkissen, auf der die acht Schriftzeichen für Jahr, Monat, Tag und Stunde ihrer Geburt[3] geschrieben standen und in der fünf Nadeln steckten – je eine in der Herzgegend und in den Gelenken der vier Gliedmaßen. Sofort erhob sich ein Tumult im Hause, jeder sah es als Sensation an, und als Erstes wurde Tante Hsüä davon Meldung gemacht. Tante Hsüä wußte vor Aufregung weder aus noch ein, und Hsüä Pan gebärdete sich natürlich erst recht wie toll und wollte sofort das ganze Gesinde auf der Folter verhören. Aber Djin-guee fragte ihn lächelnd: „Warum sollen Unschuldige leiden, wenn es doch wahrscheinlich die Hexenkünste von Bau-tschan sind?“ „Bau-tschan hatte in den letzten Tagen kaum Gelegenheit, sich in deinem Zimmer aufzuhalten“, erwiderte Hsüä Pan. „Warum verdächtigst du einen guten Menschen?“ „Und wer soll es sonst gewesen sein?“ fragte Djin-guee mit verächtlicher Miene. „Ich selbst vielleicht? Zwar sind auch noch andere da, aber wer von ihnen würde sich in mein Zimmer wagen?“ „Hsiang-ling war jetzt Tag für Tag mit dir zusammen und weiß bestimmt, wer es war“, sagte Hsüä Pan. „Ich werde zuerst sie mit Schlägen befragen, dann bekommen wir es heraus!“ „Wen du auch fragst, wer würde das zugeben?!“ sagte Djin-guee mit kühlem Lächeln. „Meiner Meinung nach sollten wir einfach so tun, als wüßten wir von nichts, und die Hände davon lassen. Was macht es denn schon, wenn mich jemand umbringt? Dir kann es ja nur recht sein, du nimmst dir dann eine bessere Frau. Wenn du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß ich euch allen dreien nur im Wege bin.“ Bei diesen Worten brach sie in bittere Tränen aus. Hsüä Pan aber geriet durch diese Vorwürfe nur noch mehr in Wut. Er griff sich den Holzbalken, der dazu diente, das Tor zu verriegeln, stürzte damit los, bis er Hsiang-ling gefunden hatte, und ohne sich auf Erörterungen einzulassen, begann er, auf ihren Kopf und ihr Gesicht einzuschlagen. Dabei behauptete er, sie sei es gewesen, die den Anschlag in Szene gesetzt hatte. Als Hsiang-ling laut ihre Unschuld beteuerte, kam Tante Hsüä gelaufen und herrschte ihren Sohn an: „Wie kannst du sie schlagen, ohne die Sache vorher geklärt zu haben?! Das Mädchen hat dir jahrelang gedient und war in allen Dingen stets umsichtig und aufopferungsvoll. Wie würde sie es wagen, jetzt so eine schändliche Tat zu begehen?! Verschaff dir wenigstens Klarheit, ehe du anfängst, grob zu werden!“ Als Djin-guee hörte, was ihre Schwiegermutter sagte, befürchtete sie, Hsüä Pan könne sich davon beeinflussen lassen, darum heulte sie noch lauter und klagte: „Einen halben Monat lang hast du dir einfach meine Bau-tschan genommen und sie nicht mehr zu mir gelassen. Nur Tjiu-ling hast du mir für die Nacht geschickt. Als ich Bau-tschan verhören wollte, hast du sie mit aller Gewalt in Schutz genommen, jetzt wieder schlägst du vor lauter Wut auf Tjiu-ling ein. Bring mich doch um und such dir eine hübsche Frau aus vornehmer, reicher Familie, und damit ist die Sache erledigt. Wozu erst noch diese faulen Tricks?“ Hsüä Pan kam bei diesen Worten erst recht in Rage, Tante Hsüä aber merkte, wie Djin-guee mit jedem Satz darauf abzielte, sich Hsüä Pan gefügig zu machen, und das auf die boshafteste und widerlichste Weise. Nur hatte ihr Sohn leider gar kein Rückgrat und war es schon gewöhnt, sich am Gängelband führen zu lassen. Jetzt hatte er auch noch das Sklavenmädchen verführt, so daß seine Frau ihm vorwerfen konnte, er habe sie ihr weggenommen, während sie selbst sich als sanfte, nachgiebige Gattin hinstellen konnte. Wer da versucht hatte, Djin-guee zu behexen, konnte Tante Hsüä natürlich nicht wissen, und so traf hier wirklich zu, was der Volksmund sagt: „Selbst der ehrlichste Richter vermag in Familienangelegenheiten kein Urteil zu fällen“, wenn man hier auch besser sagen konnte: „Die Schwiegereltern können kein Urteil darüber fällen, was hinter den Bettvorhängen eines jungen Paares vorgeht.“ So konnte Tante Hsüä weiter nichts tun, als wütend auf ihren Sohn zu schimpfen: „Du stumpfer Lümmel, du Strafe für meine Sünden! Ein geiler Hund benimmt sich noch anständiger als du. Wie kannst du dich einfach an eine Magd heranmachen, die von deiner Frau mit in die Ehe gebracht wurde, so daß sie dir vorwerfen kann, du hättest sie ihr mit Gewalt weggenommen? Wie willst du den Leuten jetzt ins Gesicht sehen? Und ohne zu klären, wer die Hexerei ins Werk gesetzt hat, fängst du einfach an zu prügeln. Ich weiß, du bist ein ehrloser Wicht, der über dem Neuen das Alte vergißt, und schön hast du mir da vergolten, was ich seinerzeit für dich tat! Auch wenn sie wirklich nichts taugt, hast du sie noch lange nicht zu schlagen. Eher will ich einen Mädchenhändler rufen und sie verkaufen, dann wirst du wohl Ruhe geben.“ Und schon befahl sie Hsiang-ling: „Pack deine Sachen und komm mit!“ Im nächsten Augenblick gab sie jemandem noch den Auftrag: „Geh und bring mir einen Mädchenhändler! Wir werden sie für ein paar Liang Silber verkaufen, damit wir diesen Pfahl im Fleische, diesen Dorn im Auge loswerden und wieder friedliche Tage verleben können!“ Hsüä Pan hatte, als er merkte, wie zornig seine Mutter war, längst den Kopf gesenkt, Djin-guee aber rief weinend durchs Fenster hinaus: „Verkauft nur, wen Ihr wollt, aber sprecht nicht von der einen, um eine andere mit hineinzuziehen! Bin ich vielleicht so eifersüchtig, daß ich keine andere dulden will? Und was heißt hier ‚Pfahl im Fleische, Dorn im Auge‘? Für wen soll sie denn das sein? Wenn ich jede andere aus dem Wege haben wollte, hätte ich bestimmt nicht geduldet, daß er sich einfach meine Magd nimmt.“ Diese Worte ließen Tante Hsüä vor Wut erzittern, und sie erwiderte: „In welcher Familie ist denn das der Brauch, daß die Schwiegermutter etwas sagt und die Schwiegertochter ihr durchs Fenster hindurch frech kommt? Du willst die Tochter einer altangesehenen Familie sein und schreist hier herum, ohne zu überlegen, was du überhaupt sagst!“ Vor Erregung stampfte jetzt Hsüä Pan mit dem Fuß auf den Boden und sagte: „Schluß jetzt, Schluß! Man wird uns auslachen, wenn man uns so hört!“ Aber Djin-guee dachte nicht daran aufzuhören. Sie wurde nur noch hysterischer und schrie: „Ich habe keine Angst, daß man mich auslacht! Dein Biest von Nebenfrau versucht, mich umzubringen, und ich soll Angst haben, daß man über mich lacht! Das beste wird sein, sie zu behalten und mich zu verkaufen. Wer wüßte nicht, daß ihr Hsüäs das Geld habt, um immer und überall jeden unter Druck zu setzen, und daß ihr mächtige Verwandte habt, die jedem euren Willen aufzwingen können?! Worauf wartest du also noch, anstatt zu handeln? Und wenn ich dir nicht gut genug bin, warum mußtet ihr uns dann erst das Haus einrennen wie die Verrückten? Jetzt hast du mich bekommen, das Gold und Silber aus meiner Mitgift hast du auch eingesteckt, und meine Magd, die ein bißchen nach etwas aussieht, hast du dir auch noch geschnappt. Ist es da nicht Zeit, mich hinauszuwerfen?“ So schrie sie unter Tränen, während sie sich zugleich hin und her wälzte und sich Schläge versetzte. Hsüä Pan wußte vor Aufregung nicht, ob er sie ausschimpfen oder ihr gut zureden, ob er sie schlagen oder anflehen sollte. Er lief nur seufzend hinaus und wieder hinein und beklagte sich über sein widriges Geschick. Tante Hsüä hatte sich inzwischen von Bau-tschai überreden lassen, sich in ihre Räume zurückzuziehen, verlangte aber nach wie vor, Hsiang-ling solle verkauft werden. Lächelnd hielt Bau-tschai ihr vor: „Unsere Familie hat stets nur Leute gekauft, aber keine verkauft. Die Wut hat Euch denVerstand getrübt, Mutter. Wenn jemand davon hört, werden wir zum Gespött der Menge. Wenn mein Bruder und meine Schwägerin sie nicht mehr wollen, dann gebt sie mir zu meiner Bedienung, mir fehlt gerade jemand.“ „Wenn wir sie behalten, gibt es nur neuen Ärger, darum ist es das beste, wir schicken sie weg, dann herrscht Ruhe“, wandte Tante Hsüä ein. „Wenn sie bei mir bleibt, ist es doch ganz dasselbe“, sagte Bau-tschai lächelnd. „Auf keinen Fall lasse ich sie nach vorn gehen, und wenn sie voneinander getrennt sind, wird es genauso sein, als ob wir sie verkauft hätten.“ Inzwischen war auch Hsiang-ling längst zu Tante Hsüä gelaufen gekommen und bat unter Tränen, man solle sie nicht fortschicken, sie wolle von Herzen gern dem jungen Fräulein dienen. So blieb Tante Hsüä keine andere Wahl, als nachzugeben. Von nun an diente Hsiang-ling tatsächlich in Bau-tschais Gefolge und schlug sich den Weg in die vorderen Gemächer gründlich aus dem Sinn. Dennoch klagte sie natürlich dem Mond ihren Kummer und seufzte im Lampenschein. Sie war schon immer schwächlich, und obwohl sie mehrere Jahre lang mit Hsüä Pan zusammengelebt hatte, war sie doch auf Grund einer gestörten Regel niemals schwanger geworden. Als jetzt noch Wut und Ärger hinzukamen, war sie diesen Qualen innerlich wie äußerlich nicht gewachsen und zog sich eine Auszehrung mit völligem Ausbleiben der Regel zu. Von Tag zu Tag magerte sie mehr ab, dabei fieberte sie und mochte weder essen noch trinken. Ärzte wurden gerufen, um sie zu untersuchen, aber die Medikamente, die sie ihr verschrieben, bewirkten nichts. Inzwischen hatte Djin-guee noch ein paarmal einen Krawall verursacht und Tante Hsüä wie auch Bau-tschai damit so in Zorn gebracht, daß sie im Verborgenen weinten und ihr Schicksal beklagten. Hsüä Pan hatte zwar, ermutigt vom Wein, noch mehrmals versucht, Djin-guee mit Härte entgegenzutreten, aber wenn er nach einem Stock griff, um sie zu schlagen, bot sie ihm ihren Leib dar, und forderte ihn auf, er solle nur zuschlagen, und wenn er ein Messer packte, um sie zu erstechen, streckte sie ihm den Hals entgegen. Dann brachte Hsüä Pan es nicht fertig, ihr wirklich etwas zu tun, wütete nur eine Weile und gab sich dann geschlagen. In dem Maße, wie dies durch mehrfache Wiederholung zur Selbstverständlichkeit wurde, wuchs Djin-guees Hochmut, während Hsüä Pan mehr und mehr zum Waschlappen wurde. Hsiang-ling war wohl noch da, aber es war so, als gäbe es sie gar nicht. Und wenn Djin-guee deshalb auch nicht ganz unbesorgt sein konnte, kümmerte sie sich doch einstweilen nicht um sie, weil sie ihr ja nicht mehr unter die Augen kam. Statt dessen ging sie allmählich dazu über, sich Bau-tschan vorzunehmen. Aber Bau-tschan war ein anderer Charakter als Hsiang-ling, sie war ganz wie trockenes Reisig, das im Nu aufflammt. Und da sie mit Hsüä Pan ein Herz und eine Seele war, schien Djin-guee für sie nicht mehr zu existieren. Als sie jetzt sah, daß Djin-guee sie zu drangsalieren suchte, war sie nicht gewillt, auch nur im mindesten nachzugeben. Zuerst zankte sie zurück, wie es ihr gerade in den Sinn kam, und wenn Djin-guee dann richtig in Fahrt geriet und fluchte und schlug, wagte sie zwar nicht, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen, aber sie benahm sich völlig hysterisch und machte Anstalten, sich umzubringen – am Tage mit Messer oder Schere, bei Nacht mit Strick oder Schnur. Hsüä Pan, der es nicht beiden zugleich recht machen konnte, stand dann unschlüssig zwischen ihnen, und wenn sie es gar zu wild trieben, lief er davon und suchte draußen im Anbau Zuflucht. Wenn Djin-guee einmal nicht ihre Launen hatte und gelegentlich in guter Stimmung war, sammelte sie die Sklavinnen um sich und spielte mit ihnen Karten oder Würfel, um sich die Zeit zu vertreiben. Außerdem hatte sie seit jeher größte Freude daran, Knochen abzunagen, und so ließ sie Tag für Tag Hühner und Enten schlachten, gab das Fleisch anderen und knabberte scharf gebratene Knochen zum Wein. Wenn sie es über hatte oder sich ärgerte, begann sie wüst zu schimpfen und sagte: „Wenn sich Nutten und Hurenböcke vergnügen können, warum soll ich dann nicht vergnügt sein dürfen?!“ Von Tante Hsüä und Bau-tschai wurde Djin-guee jetzt völlig ignoriert, Hsüä Pan aber bereute nur Tag und Nacht, daß er so einen Zankteufel zur Frau genommen hatte, und wußte sich nicht zu helfen. Unter den Bewohnern des Ning-guo- und des Jung-guo-Anwesens gab es dann niemanden, hoch oder niedrig, der nicht davon gewußt und nicht darüber geseufzt hätte. Inzwischen waren die einhundert Tage um, während derer Bau-yü das Haus nicht verlassen durfte, und er ging wieder aus. Auch Djin-guee ging er sich ansehen und stellte dann verwundert fest: „In Aussehen oder Verhalten hat sie nichts Seltsames an sich. Sie gleicht nicht weniger einer frischen Blume oder einer zarten Weide als meine Schwestern und Kusinen, wie kommt sie also zu so einem Charakter? Das ist wirklich mehr als erstaunlich!“ Eines Tages, als er zu Dame Wang ging, um ihr seinen Gruß zu entbieten, traf er dort eine von Ying-tschuns alten Ammen an, die auf Besuch gekommen war und nun berichtete, Sun Schau-dsu sei ein ganz und gar unwürdiger Mensch. „Das Fräulein weint in einem fort im Verborgenen und sehnt sich nur danach, ein paar Tage nach Hause geholt zu werden, um einmal auszuspannen“, sagte sie. „Ich wollte sie dieser Tage schon holen lassen“, erwiderte Dame Wang darauf. „Doch weil ich allerlei Unannehmlichkeiten hatte, vergaß ich es wieder. Als Bau-yü neulich dort war, hat er dasselbe erzählt. Morgen ist ein günstiger Tag, da werde ich sie holen lassen.“ Als sie das eben sagte, erschien eine Botin der Herzoginmutter, die Bau-yü suchte, um ihm zu bestellen: „Morgen in aller Frühe wirst du in den Tempel des Himmelgleichen[4] fahren, um deinen Dank für die erhörten Gebete zu bekunden.“ Bau-yü, der nach Spaziergängen und Ausflügen förmlich lechzte, freute sich so über die Nachricht, daß er die ganze Nacht kein Auge zutat und nur darauf lauerte, daß es endlich hell würde. Nachdem er sich am frühen Morgen gewaschen und angekleidet hatte, stieg er in Begleitung einiger alter Ammen in den Wagen und fuhr zum westlichen Stadttor hinaus zum Tempel des Himmelgleichen, um dort zum Zeichen der Dankbarkeit Weihrauch abzubrennen. Im Tempel war schon am Tag zuvor alles dafür hergerichtet worden. Bau-yü, der von Natur aus ein furchtsames Gemüt hatte, wagte sich an die grausigen Statuen der Götter und Dämonen nicht nahe heran. Der Tempel war schon unter der vorigen Dynastie errichtet worden und war von gewaltigen Ausmaßen, doch nach so vielen Jahren war er auch außerordentlich verwahrlost. Die Lehmskulpturen, die darin standen, waren überaus grauenerregend, und so brannte Bau-yü rasch das Opfergeld und die übrigen Gaben aus Papier ab, um sich dann in den Wohnhof der Mönche zurückzuziehen und dort auszuruhen. Nachdem er gegessen hatte, begleiteten ihn die alten Ammen und mit ihnen auch Li Guee und die übrigen auf einem Streifzug durch das Tempelgelände. Doch da Bau-yü sich müde fühlte, kehrte er wieder in die Gästezelle zurück. Die alten Ammen, die befürchteten, er könnte einschlafen, ließen Alt Wang, den Tempelvorsteher, bitten, er möge Bau-yü Gesellschaft leisten und ihn unterhalten. Die Spezialität dieses alten Dauistenpriesters war früher einmal die, im ganzen Land als Medikamentenhändler umherzuziehen, die Leute mit seinen Wundermitteln zu behandeln und dafür ein schönes Stück Geld einzustreichen. Auch jetzt hing vor dem Tempel ein Aushängeschild, hier seien alle Arten von Arzneikugeln, Pulvern, Salben und Pillen vorrätig. Im Ning-guo- und im Jung-guo-Anwesen, wo Alt Wang seit langem ein- und ausging, hatte er den Spitznamen „Ein-Pflaster-Wang“ bekommen, womit gemeint war, seine Salben seien so wirksam, daß er mit einem Pflaster hundert Krankheiten zugleich austreiben konnte. Als Ein-Pflaster-Wang jetzt in den Raum trat, lag Bau-yü schräg auf dem Ofenbett, weil er schlafen wollte, während Li Guee auf ihn einredete: „Nicht einschlafen, kleiner Herr!“ und ihn neckte. Als sie sahen, daß Ein-Pflaster-Wang hereinkam, begrüßten ihn alle lächelnd: „Du kommst eben zur rechten Zeit, Meister Wang! Du verstehst dich so gut auf alte Geschichten, also erzähl unserm jungen Herrn eine davon!“ „Aber ja!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „schlaft nicht ein, kleiner Herr, sonst fangen die Mehlklüter in Euerm Bauch zu spuken an!“ Alles lachte darüber, und Bau-yü lachte mit, setzte sich auf und ordnete seine Kleider. Nun befahl Ein-Pflaster-Wang seinen Novizen, sie sollten schnell einen kräftigen Tee brühen, aber Ming-yän erklärte: „Deinen Tee kann unser junger Herr nicht trinken. Schon der Salbengeruch stört ihn, wenn er hier nur sitzt.“ „Vergebung!“ sagte Ein-Pflaster-Wang lächelnd, „aber meine Salben kommen nie in diesen Raum. Und weil ich wußte, der kleine Herr werde heute kommen, habe ich wieder und wieder mit Duftholz geräuchert.“ „Ach, richtig!“ sagte da Bau-yü, „immer wieder höre ich, wie gut deine Pflaster sind. Gegen welche Krankheiten helfen sie eigentlich?“ „Mit meinen Pflastern ist es eine lange Geschichte, kleiner Herr, und die Einzelheiten sind mit ein paar Worten nicht erklärt“, begann Ein-Pflaster-Wang, um dann fortzufahren: „Es sind einhundertundzwanzig verschiedene Arzneistoffe darin, die sich zueinander verhalten wie Herrscher und Untertan, und auch jeder Gast bekommt seinen Platz. Warmes und Kaltes findet zugleich Verwendung, Teures und Billiges je nach seiner Eigenart. Innerlich bringen sie die Grundelemente in Harmonie und füllen die Lebensenergie auf, sie machen Appetit, stärken die Körperfunktionen und die Abwehrkräfte, beruhigen Geist und Gemüt, vertreiben Kälte und Hitze, lösen Nahrung und Schleim auf. Äußerlich aber bringen sie die Blutbahnen in Ordnung und lockern die Muskeln auf, sie lassen abgestorbenes Fleisch verschwinden und bringen neues zum Wachsen, sie vertreiben Erkältungen und machen Gifte unschädlich. Sie wirken mit wie Geisterkraft. Wer einmal davon Gebrauch gemacht hat, der weiß Bescheid.“ „Ich glaube nicht, daß man nur mit einem einzigen Pflaster alle diese Krankheiten heilen kann“, sagte Bau-yü zweifelnd, „aber ich würde gern wissen, ob sich damit auch ein bestimmtes Leiden kurieren läßt.“ „Bei hundert Krankheiten und tausend Plagen zeigen meine Pflaster sofortige Wirkung“, versicherte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es nicht hilft, könnt Ihr mir den Bart ausreißen, mir in mein altes Gesicht schlagen und meinen Tempel einreißen. Genügt Euch das? Also nennt mir nur die Ursache Eurer Krankheit!“ „Die mußt du raten“, erwiderte Bau-yü lächelnd. „Wenn du sie errätst, hilft auch dein Pflaster.“ Ein-Pflaster-Wang dachte ein Weilchen nach, dann sagte er lächelnd: „Das ist schwer zu raten. Da wird wohl mein Pflaster nicht viel helfen.“ „Geht mal hinaus!“ forderte Bau-yü inzwischen Li Guee und das übrige Gefolge auf. „Mit so vielen Leuten im Raum kann man ja vor Gestank kaum atmen.“ Als Li Guee und die anderen das hörten, gingen sie hinaus, und jeder verzog sich an den Ort, der ihm behagte. Nur Ming-yän blieb zurück und entzündete ein Stäbchen „Traumsüße“-Weihrauch. Bau-yü befahl ihm, sich damit neben ihn zu setzen, und lehnte sich an ihn. Jetzt kam Ein-Pflaster-Wang ein Gedanke. Kichernd trat er näher und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hab‘s! Wahrscheinlich widmet sich der kleine Herr inzwischen schon den Schlafzimmerkünsten und möchte ein Stärkungsmittel haben. Stimmt‘s?“ Kaum hatte er das gesagt, fuhr Ming-yän ihn an: „Dafür verdienst du den Tod! Aufs Maul sollte man dir schlagen!“ Bau-yü, der gar nicht verstanden hatte, worum es ging, fragte: „Was hat er gesagt?“ „Unsinn hat er geschwatzt“, erwiderte Ming-yän kurz angebunden. Ein-Pflaster-Wang aber traute sich vor Schreck nicht, noch weiter zu fragen, und bat: „Sagt es nur klar heraus, kleiner Herr!“ „Was ich dich fragen möchte, ist, ob es ein Pflaster gibt, mit dem man eine Frau von der Eifersucht heilen kann“, sagte Bau-yü. „Also nein!“ rief Ein-Pflaster-Wang lächelnd und schlug dabei die Hände zusammen, „dagegen habe ich keine Salbe, und ich habe auch nie gehört, daß es eine gibt, die dagegen hilft.“ „Dann sind deine Salben aber nicht viel wert“, urteilte Bau-yü lächelnd. Doch rasch fuhr Ein-Pflaster-Wang fort: „Eine Salbe gegen die Eifersucht ist mir noch nicht untergekommen, aber einen Heiltrank gibt es, der vielleicht dagegen hilft. Nur wirkt er etwas langsam, der Erfolg stellt sich nicht im Handumdrehen ein.“ „Was für ein Trank ist das? Und wie muß man ihn einnehmen?“ erkundigte sich Bau-yü. „Er heißt ‚Heiltrank gegen die Eifersucht‘“, gab Ein-Pflaster-Wang Auskunft. „Man kocht eine feste Birne mit zwei Tjiän Kandiszucker und einem Tjiän getrockneter Mandarinenschale in drei Schalen Wasser, bis sie weich ist. Wenn man jeden Morgen so eine Birne ißt, verliert sich die Eifersucht auf die Dauer.“ „Das wäre nicht teuer, aber ich fürchte, es wird nicht unbedingt helfen“, äußerte Bau-yü. „Wenn eine Portion nicht hilft, nimmt man zehn, und solange die Wirkung nicht eintritt, nimmt man das Mittel weiter“, erläuterte Ein-Pflaster-Wang. „Wenn es in diesem Jahr noch nicht hilft, dann nimmt man es im nächsten weiter. Auf jeden Fall kräftigen alle drei Bestandteile die Lunge, regen den Appetit an und schaden nicht. Das Mittel ist süß und wohlschmeckend und ist auch gut gegen Husten. Wenn man es hundert Jahre genommen hat, stirbt man eines Tages, und wer tot ist, ist nicht mehr eifersüchtig. Spätestens dann setzt also die Wirkung ein.“ Kaum hatte er das gesagt, brachen Bau-yü und Ming-yän in Gelächter aus und schalten ihn eine glattzüngige Ochsenfratze. Aber lächelnd entschuldigte sich Ein-Pflaster-Wang: „Es war doch nur ein harmloser Scherz, um dem kleinen Herrn nach dem Essen die Müdigkeit zu vertreiben. Und ist es nicht Geld wert, Euch zum Lachen gebracht zu haben? Um Euch die Wahrheit zu sagen, selbst meine Pflaster sind fauler Zauber. Wenn ich ein wirkliches Medikament kennen würde, hätte ich es schon längst genommen und wäre zum Unsterblichen geworden. Oder meint Ihr, ich würde dann noch hier herumkrebsen?“ Als er das eben sagte, war die glückverheißende Stunde gekommen, und er bat Bau-yü hinaus, um das Opfer zu vollziehen und dann die Opferspeisen zu verteilen. Erst als dies alles erledigt war, kehrte Bau-yü nach Hause in die Stadt zurück. Um diese Zeit war Ying-tschun schon eine gute Weile im Hause, und die Sklavinnen der Familie Sun, die sie begleitet hatten, waren mit Abendessen bewirtet und wieder heimgeschickt worden. Jetzt erst klagte Ying-tschun bei Dame Wang im Zimmer schluchzend ihr Leid und berichtete: „Sun Schau-dsu hat nichts anderes im Kopf als Weibergeschichten, Glücksspiele und Trinkgelage. Unter den Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses ist kaum noch eine, mit der er es nicht getrieben hätte. Nachdem ich zwei oder drei Mal versucht hatte, ihm etwas ins Gewissen zu reden, schimpfte er, ich müsse in Essig eingelegt worden sein[5]. Außerdem behauptete er, mein Vater habe fünftausend Liang Silber von ihm in Verwahrung bekommen, die er nicht ausgeben sollte, und jetzt habe er sie schon ein paarmal zurückverlangt, aber nicht bekommen. Mit dem Finger hat er mir ins Gesicht gezeigt und gesagt: ‚Meine Gattin willst du sein? Dein Vater hat meine fünftausend Liang Silber veruntreut und dich dafür in Zahlung gegeben. Wenn du dich nicht zu benehmen weißt, kannst du eine Tracht Prügel haben und in der Gesindestube schlafen. Seinerzeit, als dein Großvater noch lebte, stachen ihm der Reichtum und die Vornehmheit unserer Familie dermaßen in die Augen, daß er sich eilig an uns herangemacht hat. Obwohl ich eigentlich zur selben Generation wie dein Vater gehöre, war ich nun gezwungen, den Abstand einer ganzen Generation zu verschenken. Auch deshalb hätte ich mich auf die Hochzeit mit dir nicht einlassen sollen, damit mir niemand nachsagen kann, ich strebte nach Vorteil und Macht.‘“ Während sie das erzählte, weinte sie herzzerreißend, und auch Dame Wang und allen Kusinen liefen die Tränen aus den Augen. Was aber konnte Dame Wang anderes tun, als auf sie einzureden: „Was kann man da noch machen, nachdem du einmal an diesen unverständigen Menschen geraten bist? Dein Onkel hat damals deinem Vater geraten, sich nicht auf diese Hochzeit einzulassen. Er aber wollte nicht hören und war ganz Feuer und Flamme dafür, und so ist es dazu gekommen. Es ist dein Schicksal, mein Kind.“ „Ich kann nicht glauben, daß mir so ein schlechtes Schicksal beschieden ist“, bezweifelte Ying-tschun weinend, „schon als kleines Kind habe ich meine Mutter verloren, dann hatte ich das Glück, hier bei Euch, Tante, ein paar unbeschwerte Jahre verleben zu dürfen, und das soll jetzt das Ergebnis sein?“ Dame Wang redete erst weiter begütigend auf Ying-tschun ein und fragte dann, wo sie am liebsten logieren wolle. „Seitdem ich meine Kusinen verlassen mußte, habe ich mich in Schlaf und Traum nach ihnen gesehnt“, erwiderte Ying-tschun. „Außerdem habe ich Sehnsucht nach meinen alten Zimmern im Garten. Wenn ich dort noch einmal drei oder fünf Tage wohnen darf, will ich zufrieden sterben. Wer weiß, ob ich noch ein weiteres Mal Gelegenheit haben werde, dort zu wohnen!“ „Hör auf, so zu reden!“ ermahnte Dame Wang sie sogleich. „Ein kleiner Streit zwischen jungen Eheleuten kommt überall einmal vor. Wie kannst du gleich von Tod und Sterben sprechen?!“ Dann gab sie den Auftrag, rasch die Zimmer auf der Insel der Violetten Wassernüsse herzurichten, und befahl den Mädchen, sie sollten ihrer Kusine Gesellschaft leisten und ihr Mut zusprechen. Bau-yü schärfte sie dann noch ein: „Kein Wort von alledem vor der alten gnädigen Frau! Wenn sie davon erfährt, hat sie es nur von dir.“ Gehorsam versprach Bau-yü, den Mund zu halten. In dieser Nacht schlief Ying-tschun wieder in ihrem alten Heim, und ihre Kusinen begegneten ihr mit größter Herzlichkeit. Erst drei Tage später begab sich Ying-tschun zu Dame Hsing hinüber. Zuvor aber nahm sie Abschied von der Herzoginmutter und Dame Wang. Als sie den Kusinen auf Wiedersehen sagen mußte, war sie vor Kummer und Schmerz nicht von ihnen loszubringen. Wieder mußten Dame Wang und Tante Hsüä auf sie einreden, ehe sie endlich nachgab und hinüberging. Bei Dame Hsing blieb sie noch zwei Tage, bis Sun Schau-dsu seine Leute schickte, um sie wieder abzuholen. Ying-tschun hatte zwar nicht die geringste Lust, zu ihm zurückzukehren, aber aus Furcht vor seinen Boshaftigkeiten mußte sie sich schließlich bezwingen und Abschied nehmen. Dame Hsing aber war nicht sehr aufmerksam. Sie fragte weder, wie sich die Gatten verstanden, noch erkundigte sie sich, wie Ying-tschun mit der Hausarbeit zu Rande kam. Alles, was sie tat, war, obenhin ihrer Pflicht nachzukommen. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
Anmerkungen
- ↑ Gemeint sind die Fruchtstände der Pflanze Euryale ferox aus der Familie der Seerosengewächse.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 835.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 437.
- ↑ Mit dem Himmelgleichen wird hier nicht der Affenkönig Sun Wu-kung bezeichnet (vgl. o., Anm. zu S. 325 und S. 963), vielmehr dürfte der Gott des Tai-schan, des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä) gemeint sein, der im Jahre 725 vom Tang-Kaiser Hsün-dsung (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang) als ‚Prinz Himmelgleich‘ (Tiän-tji wang) belehnt worden war. Da der Tai-schan der wichtigste der Fünf heiligen Berge war, gab es in vielen großen Städten Chinas dauistische Tempel des östlichen heiligen Berges (Dung-yüä miau), um seinen Kult pflegen zu können, ohne zu jedem Opfer nach Schan-dung reisen zu müssen. Einige dieser Tempel sind noch heute erhalten, so auch der in Peking, der in Wirklichkeit im Osten außerhalb der Altstadt liegt. Er stammt aus der Yüan-Zeit und war bekannt für die grausigen Figurengruppen, mit denen die ‚72 Instanzen der Hölle‘ (vgl. o., Anm. zu S. 507) dargestellt wurden.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 373.