Hongloumeng/de/Chapter 75
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Kapitel 75
開夜宴異兆發悲音 / 賞中秋新詞得佳讖
Beim naechtlichen Festmahl kuenden seltsame Vorzeichen truebe Klaenge an; Beim Mittherbstfest werden neue Verse zu glueckverheissenden Prophezeiungen
“ Nachdem er das geschrieben hatte, fügte er die Namen einiger Arzneimittel hinzu, aber das waren nur Ginseng, Engelwurz, Tragant und dergleichen. Ein Weilchen später, als der Arzt wieder fort war, gingen die alten Ammen mit dem Rezept zu Dame Wang, um ihr Bericht zu erstatten, und nun litt sie natürlich noch unter einem weiteren Kummer. Die Angelegenheit mit Sï-tji blieb daher vorläufig unerledigt. Zufällig kam eben Frau You herüber, um Hsi-fëng einen Besuch zu machen, und nachdem sie eine Zeitlang bei ihr gesessen hatte, ging sie in den Garten, um auch Li Wan zu besuchen. Anschließend wollte sie noch zu den Mädchen gehen, aber da erschien plötzlich eine Botin von Hsi-tschun, um Frau You zu ihrer Herrin hinüberzubitten. Als Frau You dort angekommen war, berichtete Hsi-tschun ihr den Vorfall vom vergangenen Abend in allen Einzelheiten und ließ ihr dann die Sachen aus Ju-huas Truhe vorlegen. „Das sind tatsächlich Geschenke, die dein Bruder ihrem Bruder gemacht hat“, bestätigte Frau You, setzte dann aber hinzu: „Sie hätte sie bloß nicht heimlich hier hereinschaffen dürfen. Auf diese Weise ist das Monopolsalz zu Schmuggelsalz geworden0.“ Anschließend beschimpfte sie Ju-hua, das Fett müsse ihr das Herz verkleistert und sie dumm gemacht haben. Hsi-tschun dagegen erwiderte: „Erst erzieht ihr die Mägde nicht streng genug, und dann beschimpft ihr sie. Von allen Kusinen bin ich die einzige, die so eine unverschämte Magd hat, daß ich keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen kann. Gestern habe ich Kusine Hsi-fëng gedrängt, sie auf der Stelle mitzunehmen, aber damit war Hsi-fëng nicht einverstanden, und da Ju-hua von drüben aus eurem Anwesen stammt, mußte ich mir sagen, Hsi-fëng habe recht. Heute wollte ich sie gerade zu euch hinüberbringen lassen, darum kommst du eben richtig, Schwägerin. Also nimm sie nur rasch mit! Ob ihr sie verprügeln, totschlagen oder verkaufen werdet, ist mir einerlei.“ Als Ju-hua das hörte, kniete sie noch einmal nieder und flehte unter Tränen: „Ich will das nie wieder tun, Fräulein, und ich bitte Euch nur um das eine: Denkt daran, was uns von klein auf miteinander verbunden hat, und laßt mich um alles in der Welt bei Euch leben und sterben!“ Auch Frau You und Hsi-tschuns alte Ammen setzten sich für Ju-hua ein und sagten: „Sie hat dieses eine Mal eine Dummheit gemacht und wird es kein zweites Mal wagen. Von Kindesbeinen an hat sie dir gedient, darum ist es nur recht und billig, wenn du sie bei dir behältst.“ Aber Hsi-tschun besaß trotz ihrer Jugend die Charaktereigenschaft, unbeugsam rechtschaffen und stolz zu sein. Was man ihr auch sagen mochte, für sie galt nur, daß sie ihr Ansehen einbüßen würde, also biß sie die Zähne zusammen und lehnte es entschieden ab, Ju-hua bei sich zu behalten. Sie ging sogar noch weiter, indem sie erklärte: „Nicht nur, daß ich Ju-hua nicht mehr will, ich bin jetzt auch groß und kann nicht gut noch länger zu euch hinüberkommen. Zumal ich in letzter Zeit immer wieder gerüchteweise davon höre, daß heimlich irgendwelche haarsträubenden Dinge von euch erzählt werden. Wenn ich euch noch weiter besucher, werde ich selbst ins Gerede kommen.“ „Wer erzählt da von uns?“ fragte Frau You. „Und was gibt es von uns zu erzählen? Wer bist du, und wer sind wir? Wenn du hörst, wie jemand über uns herzieht, müßtest du ihn zur Rechenschaft ziehen, das wäre richtig!“ Aber mit kühlem Lächeln gab Hsi-tschun zur Antwort: „Das hast du aber fein gesagt! Für mich als Mädchen ist Zurückhaltung das einzige, was in Frage kommt. Was würde aus mir werden, wenn ich anfangen wollte zu rechten? Und noch etwas: Ich habe keine Angst davor, daß du wütend wirst. Glücklicherweise habe ich meinen eigenen Verstand, warum also sollte ich andere fragen? Die Alten sagen zu Recht ‚Wenn es um Gut und Böse, Leben und Sterben geht, können auch Vater und Sohn einander nicht helfen.‘ Um wieviel mehr gilt das für mich und dich! Für mich heißt es nur, mich selbst zu bewahren, und das ist mir genug, mit euch will ich nichts zu tun haben. Ihr dürft mich also nicht mit hineinziehen, wenn euch in Zukunft etwas zustößt!“ Frau You war ärgerlich und belustigt zugleich, und zum anwesenden Gesinde gewandt, sagte sie: „Kein Wunder, wenn jedermann sagt, das vierte gnädige Fräulein sei jung und dumm! Ich hatte das bloß nicht glauben wollen. Habt ihr gehört, was sie eben gesagt hat, ohne Grund und Ursache, ohne Verständnis für Gut und Böse und ohne Gefühl für Maß und Norm? Es war zwar nur das Geschwätz eines Kindes, aber es konnte einem heiß und kalt dabei werden.“ „Das Fräulein ist noch jung“, sagten die alten Ammen lächelnd, „da müßt Ihr schon etwas einstecken, junge gnädige Frau!“ Wieder lächelte Hsi-tschun geringschätzig und parierte: „Ich bin zwar jung, aber aus meinen Worten spricht nicht die Jugend. Ihr könnt nicht lesen, kennt kaum ein paar Schriftzeichen, also seid ihr die Dummköpfe. Jetzt seht ihr jemand, der Verstand besitzt, aber da sagt ihr, ich sei jung und dumm.“ „Ja, du gehörst zu den Besten in der Palastprüfung0, bist das größte Talent aller Zeiten“, höhnte Frau You. „Wir aber sind dumm und haben keinen Verstand. Bist du nun zufrieden?“ „Als ob es unter den Besten in der Palastprüfung keine Dummköpfe gäbe!“ erwiderte Hsi-tschun. „Man weiß doch, daß es auch unter ihnen welche gibt, denen die Erleuchtung fehlt.“ „Fein sagst du das!“ fuhr wieder Frau You lächelnd fort. „Eben warst du noch das große Prüfungstalent, jetzt bist du ein weiser Mönch und sprichst von Erleuchtung.“ „Wenn ich nicht erleuchtet wäre, würde ich auch nicht auf Ju-hua verzichten“, erklärte Hsi-tschun. „Das zeigt nur, daß du hartherzig und kaltschnäuzig bist, bösartig und starrsinnig“, behauptete Frau You. „‚Wer nicht hart zu sein versteht, kann auch nicht für sich einstehen.‘ Das ist ebenfalls ein Wort von den Alten“, gab Hsi-tschun zurück. „Warum soll ich mich, rein und sauber, wie ich bin, von euch in den Schmutz ziehen lassen?“ Da Frau You wirklich Dreck am Stecken hatte, fürchtete sie natürlich jede Erwähnung davon. Schon als von den Gerüchten die Rede gewesen war, hatten Scham und Wut ihr Herz bedrängt, weil sie das aber nicht gut an Hsi-tschun auslassen konnte, hatte sie es mehr oder weniger hinnehmen müssen. Als sie aber den letzten Satz hörte, konnte sie sich nicht länger beherrschen und fragte: „Was heißt, wir ziehen dich in den Schmutz? Deine Magd hat etwas angestellt, und du greifst mich an. Lange genug habe ich mir das gefallen lassen, aber du bist immer selbstgerechter geworden und sagst mir jetzt solche Sachen! Wenn du so ein überaus edles Fräulein bist, werden wir uns in Zukunft von dir fernhalten, damit der gute Ruf des Fräuleins nicht leidet. Und Ju-hua werde ich sofort mitnehmen lassen.“ Mit diesen Worten erhob sie sich zornig von ihrem Platz, um zu gehen. „Wenn du wirklich nicht mehr kommst, bleiben mir Zank und Streit erspart, und alle haben ihre Ruhe“, rief Hsi-tschun ihr noch hinterher, aber Frau You ging geradewegs hinaus, ohne etwas darauf zu erwidern. Wer wissen will, wie es weiterging... 75. Klagelaute während eines nächtlichen Festmahls werden als seltsames Omen gedeutet, neue Verse zum Mittelherbstfest werden als gutes Vorzeichen verstanden.
Frau You ging also im Zorn von Hsi-tschun fort und wollte sich nun zu Dame Wang begeben, als ihr die alten Ammen aus ihrem Gefolge leise meldeten: „Ihr geht besser nicht ins Hauptgebäude, junge gnädige Frau! Eben sind ein paar Leute von den Dschëns eingetroffen, und sie haben auch einige Sachen dabei. Es scheint sich um dringliche und geheime Dinge zu drehen, darum wäre es sicher nicht angebracht, wenn Ihr dorthin gehen würdet, junge gnädige Frau.“ „Gestern hörte ich, wie der Herr sagte, er habe im Hofanzeiger gelesen, die Dschëns hätten sich eines Verbrechens schuldig gemacht, deshalb sei ihr Familienbesitz durchsucht und beschlagnahmt worden, und sie sollten zur Aburteilung in die Hauptstadt gebracht werden“, sagte Frau You. „Wie kann da jemand von ihnen gekommen sein?“ „Eben!“ erwiderten die alten Ammen darauf, „die Frauen, die vorhin gekommen sind, machten einen ganz verstörten Eindruck und waren fahrig und aufgeregt. Bestimmt geht es darum, daß etwas verheimlicht werden soll.“ Daraufhin ging Frau You nicht weiter und suchte statt dessen noch einmal Li Wan auf, bei der eben ein Hofarzt gewesen war, um ihr die Pulse zu fühlen. Da sie sich seit den letzten Tagen wieder etwas besser fühlte, saß sie, in Decken gehüllt und auf Kissen gestützt, auf ihrem Bett und wünschte sich, daß ein paar Besucherinnen kämen, mit denen sie plaudern könnte. Nun kam wirklich Frau You herein, aber anstatt freundlich und herzlich zu sein wie sonst, saß sie nur geistesabwesend da. „Du bist heute schon so lange hier bei uns, hast du denn bei den andern etwas gegessen?“ erkundigte sich Li Wan. „Wahrscheinlich hast du Hunger.“ Und sie gab Su-yün den Befehl nachzusehen, ob etwas Frisches als Imbiß da war, das sie bringen konnte. Doch Frau You fiel ihr ins Wort und sagte: „Nicht doch, nicht doch! Woher willst du etwas Frisches im Hause haben, da du die ganze Zeit krank warst?! Außerdem habe ich gar keinen Hunger.“ „Gestern habe ich von Lans Tante gutes Mehl zum Einrühren0 bekommen“, sagte Li Wan, die nicht lockerließ. „Ich werde dir eine Schale davon zurechtmachen lassen!“ Und sie befahl ihren Sklavenmädchen, die Speise zuzubereiten. Frau You aber saß wieder gedankenverloren da und sagte kein Wort. Nun schlugen ihr die Sklavenmädchen und -frauen, die sie mitgebracht hatte, vor: „Ihr habt Euch heute mittag noch nicht das Gesicht gewaschen, junge gnädige Frau. Wollt Ihr nicht die Gelegenheit nutzen und Euch frisch machen?“ Frau You nickte dazu, und sofort erhielt Su-yün den Befehl, Li Wans Schminkkästchen holen zu gehen. Als sie damit wiederkam, brachte sie ihr eigenes Rouge mit und sagte lächelnd: „So etwas hat unsere Herrin nicht, das hier ist von mir. Wenn Ihr es nicht für schmutzig haltet, könnt Ihr davon nehmen, junge gnädige Frau.“ „Ich habe zwar so etwas nicht“, sagte Li Wan vorwurfsvoll, „aber du hättest zu den gnädigen Fräulein gehen müssen, um von ihnen welches zu holen. Wie kannst du einfach deines bringen? Ein Glück nur, daß sie es ist, eine andere wäre bestimmt böse geworden.“ „Aber das macht doch nichts!“ erwiderte Frau You lächelnd. „Wessen Rouge hätte ich noch nicht benutzt, seitdem ich hier herüberkomme?! Warum sollte ich plötzlich ihres für schmutzig halten?“ Während sie das sagte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen an den Rand des Ofenbetts, und Yin-diä trat heran, um ihr rasch die Armreifen und Fingerringe abzustreifen und ein großes Handtuch über ihren Schoß zu breiten, damit die Kleider geschützt waren. Dann trat das kleine Sklavenmädchen Tschau-dou-örl mit einer großen Schüssel warmem Wasser vor Frau You und hielt sie ihr hin, indem es sich einfach vornüber beugte. „Wie benimmst du dich denn?“ fragte Li Wan, und auch Yin-diä sagte lächelnd: „Keine einzige von euch weiß sich den Umständen anzupassen, jede versteht nur, was man ihr ausdrücklich sagt. Nur weil uns die junge Herrin etwas großzügiger behandelt und es zu Hause nicht so genau nimmt, bist du selbstzufrieden geworden und verhältst dich auch außerhalb des Hauses und vor der Verwandtschaft so, wie es dir am bequemsten erscheint.“ „Laß sie doch!“ forderte Frau You sie auf. „Es geht ja lediglich darum, daß ich mich waschen will.“ Aber rasch kniete Tschau-dou-örl nieder, und nun bemerkte Frau You lächelnd: „Unser Gesinde – hoch und niedrig – weiß von Etikette und Ansehen nur äußerlich und zum Schein zu reden. Aber was sie anstellen, ist toll genug.“ Daraus schlußfolgerte Li Wan, daß Frau You von den Ereignissen der letzten Nacht bereits wußte, und deshalb sagte sie lächelnd: „Das redest du doch nicht einfach so daher. Wer hat denn etwas Tolles angestellt?“ „Das fragst du mich?“ gab ihr Frau You zurück. „Du tust ja, als ob du nicht krank, sondern schon tot wärst!“ Das hatte sie kaum gesagt, als jemand meldete: „Fräulein Bau-tschai ist gekommen.“ Sofort gaben sie Befehl, man solle sie schnell hereinbitten, da trat Bau-tschai auch schon ins Zimmer. Schnell wischte sich Frau You das Gesicht ab und stand auf, um sie zum Platznehmen aufzufordern. Dann fragte sie: „Warum kommst du plötzlich allein? Wo sind deine Kusinen?“ „Ja, eben, ich habe sie auch nicht gesehen“, erwiderte Bau-tschai. „Meine Mutter fühlt sich heute nicht wohl, und unsere beiden Frauen können einer Erkältung wegen nicht vom Ofenbett aufstehen. Auf die übrigen aber ist kein Verlaß, darum muß ich zu ihr hinübergehen und ihr über Nacht Gesellschaft leisten. Das wollte ich der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau melden, aber dann habe ich mir gesagt, da es nichts so Ernstes ist, brauchte ich es ihnen gegenüber nicht zu erwähnen, zumal ich ja wiederkomme, sobald sie gesund ist, und so wollte ich der Schwägerin Bescheid sagen.“ Als Li Wan das hörte, sah sie nur Frau You an und lächelte, während Frau You den Blick erwiderte, ebenfalls lächelnd. Nachdem Frau You sich dann fertig gewaschen hatte, aßen sie alle zusammen von dem Mehlbrei, und Li Wan sagte lächelnd: „Wenn das so ist, will ich jemand beauftragen, der Frau Tante meinen Gruß zu entbieten und sie zu fragen, an welcher Krankheit sie leidet. Da ich ebenfalls krank bin, kann ich das ja nicht selber machen. Geh nur zu ihr, Schwägerin, ich werde natürlich veranlassen, daß hier jemand auf deine Räume aufpaßt. Aber in ein, zwei Tagen mußt du auf jeden Fall wieder hier sein, damit man mir keine Vorwürfe macht.“ „Was sollte man dir für Vorwürfe machen?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Das ist doch eine ganz normale Sache, du läßt ja nicht gegen Bestechung einen Verbrecher laufen. Meiner Meinung nach brauchst du auch niemand als Verstärkung in meine Räume zu schicken. Besser wäre es, Hsiang-yün hierher zu bitten, damit sie ein paar Tage bei dir wohnt. Wäre das nicht einfacher?“ „Wo steckt sie überhaupt jetzt?“ wollte Frau You wissen. „Ich habe sie eben nach Tan-tschun auf die Suche geschickt und sie gebeten, sie herzuholen, damit ich auch ihr klar Bescheid geben kann“, gab Bau-tschai Auskunft. Als sie das eben sagte, wurde tatsächlich gemeldet: „Fräulein Hsiang-yün und das dritte gnädige Fräulein sind da.“ Nachdem man die beiden hatte Platz nehmen lassen, erklärte Bau-tschai, daß sie den Garten verlassen wollte, und Tan-tschun sagte: „Gut! Du kommst ja wieder, wenn die Frau Tante gesund ist, und wenn du nicht wiederkommst, ist es auch nicht so schlimm.“ „Das klingt aber seltsam!“ bemerkte Frau You mit lächelnder Miene. „Fängst du an, die Verwandtschaft hinauszuwerfen?“ „Genau!“ gab Tan-tschun kühl lächelnd zurück, „ehe jemand den Befehl bekommt, sie hinauszuwerfen, ist es besser, ich werfe sie hinaus. Verwandte sind gut und schön, aber es gibt auch keinen Grund, weshalb man immer und ewig mit ihnen zusammen leben sollte. Wir sind eine Familie, sind ein Fleisch und Blut, und doch benehmen sich alle wie Kampfhähne, einer würde den andern am liebsten auffressen.“ „Warum habe ich nur heute so ein Pech?“ fragte Frau You rasch und lächelte wieder. „Jede von euch treffe ich in zorniger Stimmung an.“ „Wer verlangt denn von dir, daß du so dicht an den heißen Herd gehst?“ fragte Tan-tschun ihrerseits. Dann erkundigte sie sich: „Wer hat dich wieder einmal gekränkt?“ Und anschließend überlegte sie laut: „Das vierte Fräulein würde es nicht fertigbringen, mit dir zu zanken. Wer also war es?“ Aber Frau You gab ihr nur eine unbestimmte Antwort. Da Tan-tschun wußte, daß sie Angst vor Unannehmlichkeiten hatte und deshalb nicht zuviel sagen wollte, setzte sie ihr lächelnd zu: „Spiel nicht die Unschuldige! Außer am Kaiserhof wird niemandem zur Strafe der Kopf abgeschlagen, du brauchst dich also nicht ständig vor diesem zu fürchten und vor jenem zu ängstigen. Um es geradeheraus zu sagen, gestern hat Wang Schan-baus Alte eine Ohrfeige von mir bekommen, und ich nehme die Strafe dafür auf mich. Hinter meinem Rücken wird man ein bißchen über mich reden, aber man kann mich ja schließlich deswegen nicht durchprügeln lassen.“ Als Bau-tschai fragte, warum sie die Alte geschlagen habe, berichtete Tan-tschun ihr in allen Einzelheiten, wie es am Vortag bei der Haussuchung zuging und wie sie mit Wang Schan-baus Frau aneinandergeraten war. Und als Frau You hörte, daß Tan-tschun ohnehin von der Sache erzählte, verschwieg sie auch nicht länger, was sich eben bei Hsi-tschun abgespielt hatte. „Das liegt an ihrem verschrobenen Charakter“, kommentierte Tan-tschun. „Da zeigt sich ihr übersteigerter Stolz. Wir werden sie auch nicht mehr ummodeln.“ Dann setzte sie noch hinzu: „Als heute morgen alles ruhig blieb und ich erfuhr, daß der Taugenichts Hsi-fëng wieder krank liegt, habe ich meine alte Amme losgeschickt, um auszukundschaften, was mit Wang Schan-baus Frau ist. Und als sie wiederkam, hat sie berichtet, Wang Schan-baus Frau habe eine Tracht Prügel bekommen und die ältere gnädige Frau sei mit ihr böse, weil sie so übereifrig gewesen ist.“ „Das ist ihr recht geschehen!“ meinten Frau You und Li Wan, aber Tan-tschun sagte mit kühlem Lächeln: „Wer verstünde sich nicht darauf, den Leuten Sand in die Augen zu streuen?! Warten wir ab, wie es weitergeht!“ Darauf wußten Frau You und Li Wan nichts zu erwidern. Kurze Zeit später schien es soweit zu sein, daß drüben gegessen wurde, und so kehrten Hsiang-yün und Bau-tschai in ihre Räume zurück, um ein paar Kleider einzupacken. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Inzwischen verabschiedete sich Frau You von Li Wan und ging zur Herzoginmutter hinüber. Diese lehnte schräg auf ihrer Ruhebank und ließ sich von Dame Wang erzählen, was sich die Dschëns hatten zuschulden kommen lassen, wie ihr Besitz durchsucht und beschlagnahmt worden war und wie sie selbst in die Hauptstadt gebracht wurden, um ihre Strafe zu empfangen. Diesen Bericht hörte sie mit Unbehagen, und als sie jetzt sah, wie Frau You und die Mädchen eintraten, fragte sie: „Woher kommt ihr? Wißt ihr, ob es eurer Kusine Hsi-fëng und eurer Schwägerin heute besser geht?“ Sofort antworteten Frau You und die anderen: „Es geht heute beiden schon etwas besser.“ Die Herzoginmutter nickte, dann sagte sie seufzend: „Wir wollen uns nicht um anderer Leute Angelegenheiten bekümmern, sondern darüber beratschlagen, wie wir uns am fünfzehnten achten am Vollmond erfreuen wollen!“ „Es ist schon alles vorbereitet“, berichtete Dame Wang lächelnd. „Ich weiß bloß noch nicht, welchen Platz Ihr dafür ausersehen habt, alte gnädige Frau. Der Garten ist kahl, und der Nachtwind ist kalt.“ „Was sollte uns hindern, uns wärmer anzuziehen?“ fragte die Herzoginmutter. „Der Garten ist gerade der rechte Ort, um den Mond zu genießen, wie könnten wir also nicht dorthin gehen?“ Während sie das sagte, brachten die Sklavenfrauen und -mädchen schon den Eßtisch herein, und Dame Wang und Frau You beeilten sich, die Eßstäbchen aufzulegen und den Reis aufzutragen. Als die Herzoginmutter sah, daß außer ihren eigenen Zuspeisen, die man schon auf den Tisch gestellt hatte, noch zwei große Speiseschachteln hereingetragen wurden, konnte sie sich denken, daß ihr diese nach der alten Regel zum Zeichen kindlicher Ehrerbietung aus den einzelnen Häusern überbracht worden waren. Darum sagte sie: „Was ist das alles? Ich habe doch letztens schon ein paarmal befohlen, daß damit Schluß sein soll, und ihr könnt immer noch nicht hören. Die heutigen Zeiten sind mit denen des einstigen Überflusses nicht zu vergleichen.“ Sofort berichtete Yüan-yang: „Ich habe es mehrmals angeordnet, aber niemand wollte darauf hören. Darum mußte ich ihnen ihren Willen lassen.“ Und lächelnd erklärte Dame Wang: „Es ist ja alles nur Hausmannskost. Ich esse heute vegetarische Fastenspeisen, darum konnte ich nichts anderes schicken. Da Ihr Mehlklüter mit Bohnenkäse nicht gern mögt, habe ich nur ein Gericht für Euch ausgewählt, Schleimkrautpüree mit Pfeffer und Öl.“ „Das kommt gerade recht, darauf habe ich Appetit“, sagte die Herzoginmutter lächelnd, und schon stellte Yüan-yang den Teller vor sie hin. Bau-tjin lehnte immer wieder höflich ab, ehe sie sich endlich hinsetzte, dann befahl die Herzoginmutter auch Tan-tschun, sie solle mitessen. Tan-tschun zierte sich genauso, ehe sie schließlich gegenüber von Bau-tjin Platz nahm. Rasch ging Dai-schu eine Eßschale für sie holen. Nun wies Yüan-yang auf die übrigen Zuspeisen und sagte: „Bei diesen beiden Gerichten vermag ich nicht zu erkennen, was es ist. Der ältere gnädige Herr hat sie geschickt. In dieser Schüssel hier sind Bambussprossen mit Hühnermark, das hat Euch der gnädige Herr aus dem anderen Anwesen geschickt.“ Mit diesen Worten setzte sie die Schüssel auf den Tisch. Die Herzoginmutter kostete zwei Häppchen davon, dann befahl sie: „Laßt das zurücktragen und bestellen, ich hätte davon gegessen. In Zukunft sollen sie mir nicht mehr Tag für Tag etwas schicken. Wenn ich etwas haben will, werde ich danach verlangen.“ Die Sklavenfrauen sagten jawohl und trugen die Speisen fort. Mehr soll davon nicht die Rede sein. Dann sagte die Herzoginmutter: „Wenn nüchterne Reissuppe da ist, möchte ich davon haben!“ Sofort brachte ihr Frau You eine Schale voll und erläuterte, die Suppe sei aus rotem Reis zubereitet. Die Herzoginmutter nahm ihr die Schale ab, aß sie zur Hälfte aus und gab dann die Weisung: „Bringt Hsi-fëng diese Suppe!“ Dann wies sie mit der Hand auf die entsprechenden Gefäße und fuhr fort: „Diese Schüssel mit Bambussprossen und diesen Teller mit getrocknetem Pökelfleisch vom Larvenroller sollen Dai-yü und Bau-yü essen! Den Teller dort mit dem Fleisch soll der kleine Lan bekommen!“ Anschließend forderte sie Frau You auf: „Ich bin fertig mit essen, iß du jetzt!“ Frau You sagte: „Jawohl!“ und wartete der Herzoginmutter beim Mundspülen und Händewaschen auf. Als das erledigt war, stand die Herzoginmutter auf und unterhielt sich mit Dame Wang, während sie zur Verdauung auf und ab ging. Inzwischen sagte Frau You, daß sie sich nun setzen wolle, Tan-tschun und Bau-tschai aber standen auf und entschuldigten sich lächelnd bei Frau You, daß sie ihr nicht Gesellschaft leisten konnten. „Jetzt bin ich ganz allein an dem großen Tisch, das bin ich nicht gewöhnt!“ klagte Frau You lächelnd. Aber schon sagte die Herzoginmutter, ebenfalls lächelnd: „Yüan-yang! Hu-po! Packt die Gelegenheit beim Schopf und eßt auch etwas! Zugleich leistet ihr meinem Gast Gesellschaft!“ „Ja, gut!“ stimmte Frau You freudig zu. „Das hatte ich auch vorschlagen wollen.“ „Es macht Spaß, wenn man recht viele Leute essen sieht“, erklärte die Herzoginmutter. Dann wies sie auf Yin-diä und setzte hinzu: „Du bist auch ein braves Mädchen, iß du auch mit deiner Herrin zusammen! Auf die Etikette kannst du achten, wenn ihr wieder gegangen seid.“ „Komm schnell und zier dich nicht erst zum Schein!“ verlangte Frau You. Dann legte die Herzoginmutter die Hände auf den Rücken und schaute den Essenden mit vergnügtem Gesicht zu. Als sie sah, daß eine der Sklavinnen, die das Auftragen zu besorgen hatte, eine Schale mit Reis brachte, wie ihn das Gesinde bekam, und daß auch Frau You nichtklebenden weißen Reis aß, fragte sie: „Ja, bist du denn von Sinnen, deiner Herrin von diesem Reis zu bringen?“ „Euer Reis ist alle, alte gnädige Frau“, erwiderte die Sklavin. „Dadurch, daß heute ein gnädiges Fräulein mehr zu Tisch war, hat er nicht ganz gereicht.“ „Wir müssen heute in allen Dingen die Mütze nach der Kopfweite schneidern“, warf Yüan-yang ein. „Überfluß können wir uns nicht leisten.“ Und Dame Wang berichtete rasch: „In den letzten beiden Jahren konnte der Reis von unseren Feldern infolge von Dürren und Überschwemmungen nicht in voller Menge abgeliefert werden. Besonders schwierig ist es mit den feineren Sorten. Deshalb wird nur soviel ausgeteilt, wie gegessen wird, weil wir Angst haben, eines Tages könnte er alle sein und gekaufter Reis würde nicht schmecken.“ „Da kann man ja wirklich sagen ‚Ohne Reis kann die geschickteste Hausfrau keine Reissuppe kochen‘“ bemerkte die Herzoginmutter lächelnd, und alle begannen zu lachen. „Dann holt doch noch den Reis, der für das dritte gnädige Fräulein bestimmt war!“ verlangte Yüan-yang. „Das bleibt sich doch gleich. Warum seid ihr nur so denkfaul?“ „Mir hat es gereicht, für mich braucht nichts mehr geholt zu werden“, erklärte Frau You mit lächelnder Miene. „Davon, daß es Euch gereicht hat, werde ich aber nicht satt“, entgegnete Yüan-yang, und rasch gingen die Sklavinnen hinaus, um den anderen Reis zu holen. Bald darauf ging Dame Wang fort, um ihrerseits zu essen, während Frau You der Herzoginmutter noch Gesellschaft leistete und mit ihr plauderte und scherzte. Als die erste Nachtwache angebrochen war, sagte die Herzoginmutter: „Es ist dunkel geworden. Fahr jetzt nach Hause!“ Jetzt erst verabschiedete sich Frau You und ging hinaus. Am Haupttor stieg sie in ihren Wagen, und Yin-diä setzte sich auf den Wagenrand. Nachdem die Sklavenfrauen den Wagenvorhang heruntergelassen hatten, gingen sie mit den kleineren Sklavenmädchen geradewegs zum Haupttor des Ning-guo-Anwesens hinüber und warteten dort. Da die Tore beider Anwesen keine Pfeilschußweite voneinander entfernt waren, brauchte man beim gewöhnlichen Alltagsverkehr nicht ganz so penibel zu sein, zumal wenn es schon dunkel war und die Zahl der ein- und ausfahrenden Familienmitglieder besonders groß. Darum gingen die alten Sklavenfrauen und die kleineren Sklavenmädchen die paar Schritte einfach zu Fuß, während die Männer von beiden Toren rasch nach Osten und Westen bis zu den nächsten Straßenkreuzungen vorgingen und dort die Passanten zurückhielten. Frau You gebrauchte auch kein Zugtier für ihren Wagen. Statt dessen mußten sieben oder acht Sklavenjungen an den Wagenringen und den Radnaben anpacken und den Wagen auf diese Weise sachte bis drüben zur Torauffahrt ziehen. Dann zogen sie sich nach draußen bis hinter die steinernen Löwenfiguren zurück, während die alten Sklavenfrauen den Wagenvorhang hochschlugen. Als erste stieg Yin-diä ab, um dann Frau You beim Aussteigen behilflich zu sein. Da alles durch sieben oder acht große und kleine Laternen hell beleuchtet war, konnte Frau You erkennen, daß vier oder fünf größere Wagen neben den Steinlöwen standen. Daraus schloß sie, daß wieder Besucher zum Glücksspiel da waren, und sagte, an Yin-diä und die übrigen Sklavinnen gewandt: „Schaut nur! Wenn schon so viele mit dem Wagen da sind, wie viele mögen dann noch zu Pferde gekommen sein! Nur sind die Pferde natürlich im Stall angebunden, und wir sehen sie nicht. Ich möchte wohl wissen, wieviel Geld diese jungen Leute von ihren Eltern bekommen, daß sie sich auf diese Weise vergnügen können!“ Bei diesen Worten waren sie schon an der Haupthalle angelangt, und hier trat ihnen Djia Jungs Frau mit den übrigen Sklavenfrauen und -mädchen des Hauses zur Begrüßung entgegen, jede mit einer brennenden Kerze in der Hand. Lächelnd sagte Frau You: „Schon immer hatte ich mir das heimlich ansehen wollen, doch es hatte sich nie eine Gelegenheit dazu ergeben. Aber heute trifft es sich günstig, und wir wollen einfach vor ihren Fenstern vorbeigehen!“ Die Sklavenfrauen sagten jawohl und leuchteten mit ihren Laternen, um Frau You den Weg zu weisen. Außerdem ging eine vor, um den aufwartenden Sklavenjungen unauffällig Bescheid zu sagen, damit sie sich nicht erschreckten. Als Frau You und ihre Begleiterinnen dann leise vor die Fenster traten, hörten sie von drinnen begeisterte Rufe, die sich mit Gelächter mischten, und zwischendurch ertönten auch Flüche und Schimpfwörter. Die Sache war die, daß Djia Dschën, weil er sich noch in Trauer befand, weder Vergnügungstouren unternehmen noch Theatervorführungen veranstalten konnte, um sich zu zerstreuen. Und da er vor Langeweile zu vergehen drohte, dachte er sich ein Mittel aus, mit dem er sich Abwechslung verschaffen konnte. Unter dem Vorwand, Schießübungen abzuhalten, lud er am Tage die jungen Leute aus angesehenen Beamtenfamilien sowie reiche und vornehme Verwandte und Freunde ein, miteinander ihre Kräfte zu messen. Dazu sagte er: „Nur einfach so herumzuschießen bringt keinen Nutzen. Nicht nur, daß man so keine Fortschritte machen kann, man verdirbt sich auch noch den Stil. Wir müssen Strafen festlegen und Preise aussetzen, damit jeder einen Anreiz hat, sich anzustrengen.“ Deshalb wurde in der Schießbahn unterhalb des Turms des Himmelsduftes eine Zielscheibe aufgestellt und vereinbart, daß jeden Tag nach der Frühmahlzeit danach geschossen werden sollte. Und weil Djia Dschën nicht seinen eigenen Namen dafür hergeben mochte, erteilte er Djia Jung den Befehl, als Veranstalter aufzutreten. Die Teilnehmer waren die Söhne altangesehener Familien, die allesamt auf großem Fuße lebten, und überdies waren sie noch im Jünglingsalter, eine rechte Rotte von jungen Stutzern, die sich mit Hahnenkämpfen und Hetzjagden abgaben und deren besonderes Interesse den Freudenmädchen galt. Gemeinsam beschlossen sie, daß sie reihum für das Abendessen sorgen wollten, denn sie meinten, es ginge nicht an, daß Djia Jung allein dafür aufkam. So wurden Tag für Tag Schweine und Hammel geschlachtet sowie Gänse und Enten geköpft, und beinahe wie beim Wettstreit von Lin-tung0 wollte jeder damit prahlen, was für Kanonen der Kochkunst seine Familie in ihren Diensten hatte. Es dauerte keinen halben Monat, bis Djia Schë und Djia Dschëng von der Sache erfuhren, aber da sie nicht wußten, wie es dabei in Wirklichkeit zuging, sagten sie noch, es sei recht so, und wer es auf zivilem Gebiet zu nichts gebracht habe, müsse sich in militärischen Dingen üben, besonders in einer Familie, die von den militärischen Verdiensten ihrer Ahnen zehrte. Darum wurde auch in beiden Gehöften befohlen, Djia Huan, Djia Dsung, Bau-yü und Djia Lan sollten jeden Tag nach dem Essen ebenfalls ins andere Anwesen hinübergehen und sich unter Djia Dschëns Anleitung im Schießen üben, ehe sie wieder in ihre Räume zurückkehren durften. Aber Djia Dschën stand der Sinn nicht nach Schießübungen. Nachdem noch ein paar Tage vergangen waren, gab er vor, einen Ausgleich für die Arme zu brauchen, und so wurden an den Abenden Glücksspiele gespielt. Zuerst ging es nur darum, die Trinkrunden auszuknobeln, später aber wurde allmählich um Geld gespielt. Und nachdem jetzt drei oder vier Monate ins Land gegangen waren, gewann das Spielen immer mehr die Oberhand über das Schießen. Da wurden hemmungslos Karten geklopft, Würfel geworfen und Banken aufgelegt und die Nächte durchgemacht. Auch das Gesinde hatte seine kleinen Vorteile davon und wünschte nichts sehnlicher, als daß es so bliebe, darum war es schon zu einer festen Regel geworden. Außenstehende ahnten jedoch nicht das geringste davon. Auch Dame Hsings jüngerer Bruder Hsing Dë-tjüan war neuerdings mit von der Partie, denn so etwas bereitete ihm unbändiges Vergnügen an dererlei. Hsüä Pan war natürlich ebenfalls mit Freuden dabei, war er doch stets der erste, wenn es darum ging, anderen Leuten sein Geld in den Rachen zu werfen. Hsing Dë-tjüan war zwar der leibliche Bruder von Dame Hsing, aber nach Wesen und Verhalten war er ihr in keiner Weise ähnlich. Seine Vergnügungen bestanden nur darin, Wein zu trinken, um Geld zu spielen und die Nächte mit Freudenmädchen zu verbringen. Das Geld gab er mit vollen Händen aus, und im Umgang mit Menschen hegte er keine Hintergedanken. Wer gern Wein trank, den mochte er, und wer nicht trank, von dem hielt er sich fern. Diese Regel galt für hoch und niedrig, Herren und Knechte, und einen Unterschied zwischen Edlen und Gemeinen gab es für ihn nicht. Deshalb nannten ihn alle den ‚blöden Onkel‘. Hsüä Pan aber war schon längst als der ‚dumme Herr‘ bekannt. Heute hatten die zwei sich zusammengetan, da sie beide gern ‚Hetzjagd‘ spielten, weil das so ein lebhaftes Spiel war. Sie hatten sich zwei Partner gesucht und würfelten im Außenraum auf dem Ofenbett. Von den anderen spielten mehrere an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers ‚Häscher‘, während die Kultivierteren im Innenraum mit Dominosteinen ‚Himmel und neun‘ spielten. Die Sklavenjungen, die hier aufwarteten, waren alles Kinder von unter fünfzehn Jahren, erwachsene Sklaven hatten keinen Zutritt. Nur deshalb konnte Frau You ungehindert vor die Fenster gelangen, um heimlich hineinzuschauen. Unter den Anwesenden sah sie auch zwei sechzehn- oder siebzehnjährige Lustknaben, die den Gästen den Wein kredenzten und die so zurechtgemacht waren, daß sie aussahen wie mit Puder bestäubt oder aus Jade geschliffen. Hsüä Pan hatte wieder einmal eine Partie verloren, was ihn ärgerlich machte, aber glücklicherweise zeigte sich nach der nächsten Partie, daß er nicht nur den Verlust wieder wettgemacht, sondern auch noch etwas dazugewonnen hatte, und so kam er wieder in Stimmung. „Hören wir erst einmal auf und machen weiter, wenn wir gegessen haben!“ schlug Djia Dschën seinen Mitspielern vor. Dann erkundigte er sich, wie es bei den anderen Spielrunden aussah. Die Himmel-und-neun-Spieler im Innenraum hatten abgerechnet und warteten auf das Essen, aber die Würfelspieler, die ‚Häscher‘ spielten, waren noch nicht so weit und mochten noch nicht essen. Und da sie sich nicht drängeln ließen, wurde zunächst nur ein großer Tisch gedeckt, an dem Djia Dschën den Gästen Gesellschaft leistete, während er zugleich Djia Jung befahl, er solle warten und dann der anderen Runde Gesellschaft leisten. Aufgeräumt, wie Hsüä Pan war, umhalste er einen der beiden Lustknaben und trank seinen Wein. Zugleich befahl er, auch dem ‚blöden Onkel‘ Wein zu reichen. Aber der ‚blöde Onkel‘ war ärgerlich, weil er verloren hatte, und nach zwei Bechern Wein war er schon so angetrunken, daß er den Lustknaben vorwarf, sie liefen nur den Gewinnern nach und kümmerten sich nicht um die Verlierer. „Ihr Rammlerbande!“ schimpfte er. „Ihr seht nur immer zu, wo ihr bleibt! Dabei sind wir doch Tag für Tag beisammen, und ihr habt von jedem eure Vorteile. Nur weil ich heute ein paar Liang Silber verloren habe, fangt ihr an, Rangunterschiede zu machen. Als ob ihr in Zukunft nicht wieder mit euren Bitten zu mir kommen würdet!“ Da die anderen sahen, daß der Wein aus ihm sprach, sagten sie rasch: „Ihr habt vollkommen recht! Sie haben wirklich schlechte Manieren.“ Und sie befahlen: „Reicht dem Onkel schnell Wein und entschuldigt euch bei ihm!“ Die beiden Lustknaben waren derlei Szenen zur Genüge gewöhnt, darum knieten sie schnell mit dem Weingeschirr in den Händen nieder und sagten: „Bei unsereins ist das nun einmal so! Unser Meister hat uns beigebracht, wir sollten lieb und ehrerbietig zu jedem sein, solange er Geld und Macht hat, egal ob uns jemand nah oder fern steht, ob wir ihn mögen oder nicht. Doch selbst dann, wenn es ein lebender Buddha oder ein Heiliger wäre, dürften wir uns um keinen kümmern, der nicht Geld und Macht hat. Bedenkt auch, wie jung wir noch sind und welches unser Beruf ist, und laßt es uns gütigst durchgehen, werter Herr Onkel!“ Mit diesen Worten hielten sie ihm den Wein hin und knieten dann erneut nieder. Hsing Dë-tjüan war zwar schon weich geworden, aber er stellte sich immer noch böse und beachtete die beiden nicht. Darum redeten ihm die anderen zu: „Diese Kinder meinen es ehrlich. Und Ihr habt doch in langer Gewohnheit immer Liebe und Mitgefühl für die Duftigen und Jadegleichen empfunden. Warum seid Ihr da heute so anders? Wie sollen die beiden wieder aufstehen, wenn Ihr den Wein nicht trinkt?“ „Wenn Ihr nicht wärt, meine Herren, würde ich sie auch weiterhin nicht beachten!“ erklärte Hsing Dë-tjüan, der nicht länger widerstehen konnte. Und erst mit diesen Worten nahm er den Weinbecher entgegen, leerte ihn in einem Zuge und ließ sich gleich noch einmal einschenken. Dann rief ihm der Wein etwas ins Gedächtnis zurück, und er geriet in eine trunkene Redseligkeit. Zuerst schlug er mit der Hand auf den Tisch, danach sagte er seufzend, an Djia Dschën gewandt: „Man kann den beiden wirklich nicht böse sein, wenn ihnen das Geld so lieb ist wie das eigene Leben. Wie viele Leute aus angesehenen Beamtenfamilien vergessen ihr eigen Fleisch und Blut, wenn es um Geld und Macht geht! Hast du davon gehört, mein werter Neffe, wie ich mich gestern über deine Tante von drüben habe ärgern müssen?“ „Nein“, sagte Djia Dschën, „davon habe ich nichts gehört.“ „Es ging um das verfluchte Geld“, fuhr Hsing Dë-tjüan fort. „Ist das schlimm, nein, ist das schlimm!“ Djia Dschën wußte sehr gut, daß sich Hsing Dë-tjüan mit Dame Hsing nicht verstand und daß sie ihn verabscheute und ihm immer wieder Vorwürfe machte. Darum redete er ihm zu: „Ihr seid aber auch ein bißchen zu verschwenderisch, Onkel. Wieviel habt Ihr auf diese Weise schon ausgegeben, wenn Ihr Euch so leicht davon trennt?“ „Mein werter Neffe“, erwiderte Hsing Dë-tjüan, „du weißt ja nicht, wie es bei uns Hsings eigentlich aussieht. Als meine Mutter starb, war ich noch klein und hatte keine Ahnung von den Dingen dieser Welt. Von meinen drei Schwestern ist deine Tante die älteste. Sie hat als erste geheiratet und das ganze Familienvermögen einfach hierher mitgenommen. Jetzt hat auch meine zweitälteste Schwester geheiratet, aber in eine sehr arme Familie. Meine drittälteste Schwester ist noch nicht aus dem Haus. Unser ganzer Besitz wird hier von Wang Schan-baus Frau verwaltet, die von meiner Schwester mit in die Ehe gebracht wurde, und wenn ich Geld verlange, will ich keins haben, das euch Djias gehört. Der Familienbesitz von uns Hsings wäre für meine Bedürfnisse vollauf genug. Aber ich bekomme davon nichts in die Hand, und so muß ich Unrecht leiden, ohne daß es eine Stelle gibt, wo ich mich darüber beschweren könnte.“ Djia Dschën merkte, daß es weinseliges Geschwätz war, was Hsing Dë-tjüan von sich gab, und daß es keinen guten Eindruck machte, wenn die anderen Gäste das hörten, darum lenkte er ihn schnell mit ein paar begütigenden Worten davon ab. Draußen jedoch hatte Frau You alles deutlich verstanden, und so flüsterte sie Yin-diä jetzt lächelnd zu: „Hast du das gehört? Das ist der Bruder der gnädigen Herrin aus dem Nordgehöft, der sich über sie beklagt. Wenn der eigene Bruder so über sie herzieht, kann man den andern erst recht keinen Vorwurf machen.“ Dann lauschte sie weiter, und nun hatten auch die anderen Schluß gemacht, die ‚Häscher‘ gespielt hatten, und verlangten nach Wein. Doch einer von ihnen fragte: „Wer hat da eben den Onkel gekränkt? Wir haben das nicht genau hören können. Sagt es uns, damit wir unsern Schiedsspruch fällen!“ Also erzählte ihnen Hsing Dë-tjüan, wie die beiden Lustknaben nur um die Gewinner scharwenzelten und die Verlierer unbeachtet ließen. „Das kann einen wirklich ärgern“, bestätigte der junge Geck. „Kein Wunder, daß der Herr Onkel wütend geworden ist. – Ich möchte euch fragen, ihr beiden: Wenn der Herr Onkel verloren hat, dann hat er doch nur ein bißchen Geld verspielt, aber nicht seinen Schwanz, warum also wollt ihr nichts mehr wissen von ihm?“ Alle brachen in lautes Gelächter aus, und selbst Hsing Dë-tjüan prustete seinen Reis auf die Erde. Draußen aber spuckte Frau You leise aus und schimpfte: „Hör dir das an! Kaum haben diese jungen Galgenschwengel die Würfel aus der Hand gelegt, müssen sie solche unflätigen Reden führen. Wer weiß, was sie noch alles von sich geben, wenn sie die gelbe Brühe weiter so in sich hineinschütten!“ Mit diesen Worten suchte sie ihre Räume auf, wo sie Schmuck und Kleider ablegte und ins Bett ging. Die Gäste aber verabschiedeten sich erst in der vierten Nachtwache, und Djia Dschën begab sich hinein zu Pee-fëng. Als er am nächsten Morgen aufgestanden war, kam jemand, um zu melden, die Wassermelonen und die Mondkekse seien bereitgelegt und müßten nur noch aufgeteilt und ausgetragen werden. Daraufhin wandte sich Djia Dschën mit dem Auftrag an Pee-fëng: „Bitte die junge Herrin darum, daß sie das Austragen beaufsichtigt, ich habe anderes zu tun.“ Pee-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging es Frau You melden, der nun nichts weiter übrig blieb, als alles einzuteilen und durch ihre Sklavinnen austragen zu lassen. Bald darauf kam Pee-fëng noch einmal und sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“ „Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“ „Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen.