Hongloumeng/de/Chapter 80

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Kapitel 80

美香菱屈受貪夫棒 / 王道士胡謅妒婦方

Die schoene Xiangling wird vom habgierigen Ehemann geschlagen; Der Daoist Wang erzaehlt ein unsinniges Rezept gegen Eifersucht

„Für dieses Thema scheint mir der Neue Stil nicht geeignet, es muß ein Lied oder eine Ballade im Alten Stil und von entsprechender Länge sein, damit es etwas Rechtes wird.“0

Als die Hausgäste das hörten, standen sie auf und nickten, klatschten in die Hände und sagten: „Haben wir nicht gesagt, er packt es anders an?! Bei jedem Thema muß man zuerst überlegen, ob sich der Stil dafür eignet oder nicht. Das ist das Geheimnis erfahrener Meister. Es ist genau wie beim Schneidern – man muß maßnehmen, bevor man die Schere ansetzt. Das Thema lautet ‚General Lieblich‘, außerdem liegt schon eine Einleitung vor, also kommt als Form nur eine lange Ballade in Betracht, vielleicht in der Art des ‚Liedes von der ewigen Reue‘ von Bai Djü-i0 oder auch in der Art eines Lobliedes auf das Altertum, halb Schilderung und halb Festgesang, fließend und anmutig. Nur so kann man den Reiz des Themas voll ausschöpfen.“ Djia Dschëng stimmte ihnen zu und griff selber zu Schreibpinsel und Papier. Dann forderte er Bau-yü auf: „Wenn es so ist, dann sprich es mir vor, und ich schreibe es auf. Aber wehe, wenn es nichts taugt! Dann werde ich dich eigenhändig durchprügeln. Wer hat dir gestattet, dich im voraus so schamlos zu brüsten?“ Notgedrungen mußte Bau-yü die erste Zeile rezitieren und sagte: „Prinz Hëng liebt die Waffen, liebt die Frauen zugleich, ...“ Djia Dschëng schrieb es auf und las es noch einmal durch, dann schüttelte er den Kopf und sagte: „Zu grob!“ Alle seine Gäste aber redeten ihm zu: „Das ist nicht grob, so verlangt es der Alte Stil. Wartet ab, wie er weitermacht!“ „Also lassen wir es einstweilen stehen!“ entschied Djia Dschëng, und Bau-yü sprach weiter: „Drum läßt er seine Schönen sich üben im Kampf. Nicht Lieder und Tänze treffen seinen Geschmack, nur der Anblick von Schlachtreihn begeistert sein Herz.“ Djia Dschëng schrieb es auf, und seine Gäste kommentierten: „Besonders die dritte Zeile ist von klassischer Schlichtheit und ganz ausgezeichnet. Alle vier Zeilen sind direkte Schilderung und werden der Form bestens gerecht.“ „Schluß mit dem unverdienten Lob!“ verlangte Djia Dschëng. „Wollen wir sehen, wie er endlich zum eigentlichen Thema kommt!“ Und Bau-yü fuhr fort: „Kein Staub von Gefechten stört das reizende Bild, nein, rote Laternen spenden festliches Licht.“ „Ausgezeichnet!“ riefen die Hausgäste nach diesen beiden Zeilen dazwischen. „‚Kein Staub‘, aber ‚festliche rote Laternen‘, durch diese Ausdrücke fühlt man sich in die Atmosphäre hineinversetzt.“ Wieder fuhr Bau-yü fort: „Die Kommandos erschallen aus duftendem Mund, mit letzter Kraft schwingen zarte Arme den Speer.“ Jetzt klatschten die Hausgäste in die Hände und sagten lachend: „Das Bild wird immer lebendiger. Der junge Herr muß wohl selbst dabeigewesen sein, daß er die Zartheit sehen und den duftenden Atem verspüren konnte. Wie könnte er sonst alles so deutlich nachempfinden?!“ „Wenn Frauen Waffenübungen machen, werden sie es bei allem Mut doch den Männern nicht gleichtun, und ihre zarte Schwäche kann man sich vorstellen, auch ohne dabeigewesen zu sein“, erklärte Bau-yü lächelnd. „Willst du nicht endlich weitermachen, anstatt wieder einmal groß daherzureden?“ fragte Djia Dschëng. Also dachte Bau-yü kurz nach und sprach dann die nächste Zeile: „Buntseidene Gürtel, reich mit Blüten geschmückt, ...“ „Großartig, dieser Wechsel des Reims, nur so kommt Bewegung hinein!“ lobten die Hausgäste. „Und die Zeile an sich gibt auch ein schönes Bild.“ Djia Dschëng dagegen las noch einmal durch, was er geschrieben hatte, und wandte ein: „Die Zeile taugt nichts. Wir hatten schon den ‚duftenden Mund‘ und die ‚zarten Arme‘, wozu also das noch? Anstatt daß er Kraft hineinlegt, häuft er diese Bilder an, nur um die Zeilen zu füllen.“ „So ein langes Gedicht braucht schon ein paar Ausschmückungen, sonst wird es zu eintönig“, verteidigte Bau-yü sich lächelnd. „Wenn du dich in solchen Ausschmückungen verlierst, wie willst du dann auf das Hauptthema kommen?“ hielt Djia Dschëng ihm vor. „Noch ein paar solcher Zeilen, und es ist zuviel des Guten.“ „Dann will ich gleich in den nächsten Zeilenpaaren darauf übergehen. Ich glaube, das ist möglich“, kündigte Bau-yü an. „Hast du so große Fertigkeiten?“ fragte Djia Dschëng und lächelte geringschätzig dabei. „Eben hast du so weit ausgeholt, und nun traust du dir zu, es auf einen Schlag abzurunden und das Thema zu wechseln? Hast du dir da nicht etwas zuviel vorgenommen?“ Bau-yü dachte mit gesenktem Kopf nach und sprach dann die folgende Zeile: „Tragen nun den Stahldolch statt des Perlenzierats.“ Anschließend erkundigte er sich rasch: „Geht diese Zeile so?“ Die Hausgäste klopften auf die Tische und machten beifällige Bemerkungen, und Djia Dschëng sagte lächelnd: „Lassen wir es einstweilen so stehen! Fahr fort!“ „Wenn diese Zeile so geht, werde ich jetzt in einem Zug weitermachen“, schlug Bau-yü vor, „aber wenn sie nicht geht, dann streicht sie nur aus, und ich überlege mir etwas Neues mit anderen Wörtern.“ „Genug geschwatzt!“ fuhr Djia Dschëng ihn an. „Wenn es nicht gut ist, wirst du eben ein anderes Gedicht machen. Willst du vielleicht sagen, es sei dir zu schwer, selbst wenn du zehn oder gar hundert machen mußt?“ Was sollte Bau-yü anders tun, als nachzudenken und dann fortzufahren: „Endet spät am Abend das ermüdende Spiel, ziehn sich Bahnen von Schweiß durch den Puder, das Rouge.“ „Noch so eine Absatz!“ sagte Djia Dschëng. „Und wie soll es danach weitergehen?“ Daraufhin sprach Bau-yü: „Übers Jahr wurde Schan-dung von Räubern berannt, wild wie Tiger und Wölfe, in zahlloser Schar.“ „Das Wort ‚berannt‘ ist hier gut gewählt!“ lobten die Hausgäste. „Man sieht, daß er doch etwas kann. Und auch der Themenwechsel ist alles andere als hölzern.“ Bau-yü aber fuhr fort: „Der Prinz führt die Truppen, dem Übel zu wehren, stellt sich einmal und zweimal erfolglos zur Schlacht. Der Blutgeruch zieht durch die reifenden Felder, die Sonne bescheint, was von den Lagern noch blieb. Still stehn die Berge, leise murmelt der Fluß, als Prinz Hëng im Gefecht jäh sein Leben verliert. Kalt trommelt der Regen auf die Leichen herab, als Schildwach von Geistern wie Nebel umwoben.“ „Bestens! Bestens!“ sagten die Hausgäste. „Komposition, Beschreibung und Wortschmuck, alles in höchster Vollendung. Wie aber kommt nun die Sprache wieder auf die Vierte Lin? Da braucht es noch einmal eine Wendung durch so ein hervorragendes Zeilenpaar.“ Und wieder fuhr Bau-yü fort: „Schon denkt nur noch jeder, sich selber zu retten, schon droht der Stadt Tjing-dschou nur noch Schmach und Verderb. Da regt sich Empörung im Hause des Prinzen, Pflicht und Treue vergaß nicht die schönste der Fraun.“ „Sehr geschickt, dieser allmähliche Übergang!“ lobten die Hausgäste, Djia Dschëng aber tadelte: „Viel zu wortreich! So kann der Rest leicht langatmig werden.“ Indessen sprach Bau-yü weiter: „Wer ist sie, die vormals Prinz Hëng so sehr schätzte? Die Vierte Lin ist‘s, General Lieblich genannt. Die Schönen des Harems ruft auf sie zum Streite, um mit ihr zu ziehen in die blutige Schlacht. Manch bittere Träne zum Sattel fällt nieder, als nächtens dann auszieht die gepanzerte Schar. Niemand vermag es, einen Sieg zu versprechen, doch das Leben zu wagen, ist jede bereit. Unbesiegbar erweist sich das Räubergezücht, welken Blumen gleich sinken die Schönen dahin. Ihre Seelen umschweben den heimischen Ort, ihre Leiber zerstampfen die Pferde im Staub. Im Nu bis zur Hauptstadt wird die Kunde bekannt, in die Herzen der Jugend zieht Traurigkeit ein. Den Kaiser empört der Verlust seiner Festung, die Minister stehn ratlos und senken den Kopf. Was gelten jetzt sie noch, die Großen des Reiches, wenn zart eine Frau sich als die Kühnste erwies? Der Vierten Lin denk ich mit endlosem Seufzen, mein Schmerz tönt stets weiter, wenn auch endet mein Lied.“ Als er zu Ende gesprochen hatte, spendeten ihm die Hausgäste unaufhörlich Lob und lasen das Gedicht noch einmal von Anfang an. Djia Dschëng aber sagte nur lächelnd: „Er hat da ein paar Zeilen dahergesagt, doch wirklich echt sind sie nicht.“ Dann befahl er: „Geht jetzt!“ Und wie begnadigte Verbrecher gingen die drei hinaus, und jeder kehrte in seine Räume zurück. Von den anderen ist nichts weiter zu berichten. Sie legten sich am Abend schlafen, und das war alles. Bau-yü aber war das Herz von Kummer erfüllt, als er in den Garten zurückkam. Hier erblickte er plötzlich die Hibiskusblüten am Teich, und er mußte daran denken, wie das kleine Sklavenmädchen erzählt hatte, Tjing-wën sei zur Göttin des Hibiskus geworden. Unwillkürlich gab der Gedanke ihm Trost, und er seufzte eine Zeitlang beim Anblick der Blumen. Dann fiel ihm auf einmal ein, daß er kein Opfer an Tjing-wëns Sarg gebracht hatte. Sollte er nicht vielleicht hier dem Hibiskus ein Opfer bringen? Damit wäre der Anstandspflicht Genüge getan, und das noch eleganter als durch ein profanes Opfer am Sarg. Schon wollte er sich vor den Blumen verneigen, als er plötzlich wieder innehielt und sich sagte: „Schön und gut, aber ich darf auch nicht zu nachlässig dabei sein. Ich muß mich ordentlich dafür anziehen und Opfergaben vorbereiten, um meine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen.“ Dann überlegte er weiter: „Es geht auf keinen Fall an, daß ich einfach die herkömmliche Form des Opfers nachmache. Ich muß mir etwas Ungewöhnliches ausdenken und neuartige Formen finden, romantisch und originell, die nichts mit den üblichen Sitten zu tun haben. Nur so kann ich uns beiden gerecht werden. Zumal es schon bei den Alten heißt ,Selbst Wasser aus einem Tümpel oder einer Wagenspur und Nichtigkeiten wie Gräser und Wasserpflanzen können als Opfergaben für einen Herrscher oder die Götter dienen.‘0 Nicht der Wert der Gaben ist es, was zählt, sondern die Aufrichtigkeit der Gesinnung. Das ist das eine. Zum anderen muß auch die Totenklage ihre eigene Form und ihre eigenen Mittel haben und kann nicht einfach den hergebrachten Schablonen folgen, indem lediglich ein paar fehlende Worte eingesetzt werden, um einen Text zu erhalten, der nur dem bloßen Anschein gerecht wird. Es müssen Tränen und Blut darin stecken, jedes Wort muß ein Seufzer, jeder Satz ein Schluchzer sein. Lieber ein unvollkommener Text und ein Zuviel an Trauer als ein kunstvoller Text, der keine Trauer zum Ausdruck bringt. Zumal es auch bei den Alten vielfach äußerlich unscheinbare Texte gibt, und das mithin nicht meine eigene Erfindung ist. Sowieso sind die Menschen heutzutage nur auf Ruhm und Verdienst versessen, die Verehrung des Altertums aber ist wie weggeblasen, weil sie fürchten, sie sei unzeitgemäß und könnte ihrem Ruhm und Verdienst hinderlich sein. Ich aber lege keinen Wert auf Ruhm und Verdienst und will das, was ich schreibe, niemandem zu lesen geben, damit er mich lobt. Warum also soll ich nicht weit zurückgreifen auf solche Vorbilder der Dichter aus Tschu wie das ‚Wort von der Größe‘, das ‚Zurückrufen der Seele‘, das ‚Li-sau‘, die ‚Neun Erörterungen‘, den ‚Verdorrten Baum‘, die ‚Bedrängenden Fragen‘, das ‚Herbstwasser‘ und die ‚Lebensbeschreibung des Herrn Groß‘0, manchmal eine Gedichtzeile einschieben oder einen kurzen Zweizeiler, Anspielungen auf tatsächliche Begebenheiten ebenso wie bildhafte Vergleiche, ganz nach Belieben schreiben, was mir eben in den Sinn kommt – Lustiges, wenn ich fröhlich bin, und Trauriges, wenn ich betrübt bin, so lange, bis alles gesagt ist, was ich sagen will? Weshalb sollte ich mich sklavisch an die geltenden Konventionen halten?“ Bau-yü war kein belesener Gelehrter. Wie sollte er jetzt, mit diesem abwegigen Vorsatz im Herzen, ein gutes Gedicht oder einen ordentlichen Prosatext zustande bringen? Er schrieb aufs Geratewohl los, ohne jemanden ins Vertrauen zu ziehen, und indem er die größten Unsinnigkeiten aneinanderreihte, brachte er einen langen Text mit einer Einleitung und einem nachfolgenden Gesang zusammen, den er „Totenklage für das Hibiskusmädchen“ überschrieb und in sorgfältiger Normalschrift auf ein Tuch aus durchscheinender Wassermannseide0 kalligraphierte, das Tjing-wën stets geliebt hatte. Außerdem beschaffte er vier Lieblingsdinge von Tjing-wën und ließ sie im nächtlichen Mondschein durch das kleine Sklavenmädchen zu den blühenden Hibiskusstauden tragen. Nachdem er die zeremoniellen Verbeugungen gemacht hatte, legte er das Tuch mit der Totenklage über einen Blütenzweig und las weinend davon ab: „In diesem unveränderlich friedvollen Jahr, in diesem Monat, da die Wohlgerüche von Hibiskus und Duftblüte miteinander wetteifern, an diesem Tag, da man sich nicht zu lassen weiß, erlaubt sich der törichte Bau-yü aus dem Hof der Freude am Roten, mit vier unbedeutenden Gaben – Knospen der verschiedenen Blumen, schimmernder Wassermannseide, Wasser vom Duftgetränkten Quell und Ahorntautee – die Aufrichtigkeit zu bekräftigen, mit der er sein Opfer bringt für das Hibiskusmädchen, das im Palast des Weißen Kaisers0 für die Zierde des Herbstes zuständig ist. Meines Wissens sind, seitdem das Mädchen in unser irdisches Jammertal kam, ganze sechzehn Jahre vergangen. Heimat und Name ihrer Vorfahren sind schon lange vergessen und nicht mehr feststellbar. Ich, Bau-yü, konnte nur wenig mehr als fünf Jahre und acht Monate beim Schlafengehen und bei der Toilette, in Mußestunden und bei Festlichkeiten ihre Gesellschaft genießen und Liebkosungen mit ihr tauschen. Als sie noch unter den Lebenden weilte, war ihr Wesen edler als Gold und Jade, ihr Charakter reiner als Eis und Schnee, ihre Seele klarer als Sonne und Sterne, ihr Aussehen reizender als Blumen und Mond. Alle ihre Mitschwestern bewunderten ihre Kultiviertheit, alle alten Frauen priesen ihre Tugend. Und wer hätte gedacht, daß der Falke ins Netz geraten würde, weil gewöhnliche Tauben ihm die Höhe seines Fluges neideten, daß die Orchidee ausgejätet würde, weil gemeine Kletten auf ihren Duft eifersüchtig waren?! Die furchtsame Blume verträgt keinen Sturm, und die zartbesaitete Weide ist keinem Unwetter gewachsen. Nachdem sie einmal von giftigem Gewürm verleumdet worden war, wurde ihr Körper von unheilbarer Krankheit befallen. So verloren ihre Kirschenlippen das Rot und stöhnten nur noch, ihr Aprikosenantlitz büßte seine Schönheit ein und wurde hager und bleich. Verleumdungen und Spott drangen durch Schirme und Vorhänge, Dornengestrüpp überwucherte Fenster und Türen. Ging sie denn zugrunde, weil sie Fehler verschuldet hatte? Nein, sie endete, weil sie Erniedrigungen ausgesetzt war. Unendlicher Groll hatte sie bekümmert, und ständige Ungerechtigkeit mußte sie leiden. Durch ihr makelloses Betragen stieß sie auf Mißgunst, und ihr Kummer war groß wie der des Djia I0, durch ihre Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit brachte sie sich in Gefahr und hatte grausamer zu leiden als Gun0. Allein mußte sie alle Bitternis tragen, und wer beklagt jetzt ihr vorzeitiges Ende? Wo sind die duftigen Spuren zu finden, wenn erst die Geisterwolken verflogen sind? Woher soll die Droge gegen den Tod kommen, wenn doch der Weg zur Insel Djü-ku0 verloren ist? Wie kann man die Medizin zur Wiederbelebung verschaffen, nachdem das Geisterfloß auf dem Meer verschollen0 ist? Schwarz wie Rauch sind die Augenbrauen, als hätte ich sie gestern erst nachgezogen. Kalt sind die jadeberingten Finger, wen soll ich bitten, sie ihr zu wärmen? Noch steht ein Rest ihrer Arznei im Kessel, noch sind die Spuren ihrer Tränen auf dem Gewand nicht getrocknet. Der Spiegel ist zerbrochen, der Phönix hat seinen Partner verloren, und ich scheue mich, Schë-yüäs Spiegelkästchen noch einmal zu öffnen. Der Kamm hat sich bereits verwandelt und ist als Drache davongeflogen0, vor Kummer breche ich auch Tan-yüns Kamm die Zähne aus0. Der goldverzierte Haarpfeil fiel ins Gras, der federgeschmückte Kopfputz liegt im Staub. Fortgeflogen sind die Elstern, und überflüssig geworden ist die Nadel0, mit der man am Abend des siebenten siebten um Geschicklichkeit betet. Zerrissen ist das Band zwischen dem Mandarinentenpaar, wer sollte den bunten Gürtel weiterweben? In diesen goldenen Tagen des Herbstes, da der Weiße Kaiser die Zeit regiert, träume ich einsam auf meinem Kissen, und niemand ist mit mir im Raum. Die Treppe liegt im Schatten des Wu-tung-Baums0, ihr liebliches Abbild aber ist mit der duftigen Seele zusammen vergangen. Die blütenbestickten Vorhänge umschwebt noch ein Rest des Dufts, ihr zarter Atem und ihre leisen Worte sind verstummt. Überall ragt welkes Gras bis zum Himmel, und es ist nicht nur Schilf; ringsum erklingen Trauertöne, doch es sind nur die Grillen. Feucht vom Abendtau ist das Moos auf den Stufen, durch die Portieren dringt nicht mehr der Waschklöppelschlag; naß vom Herbstregen ist die mit Kletten bewachsene Mauer, kaum hörbar tönt traurige Flötenmusik aus dem Nachbargehöft. Noch ist ihr duftiger Name nicht verklungen, der Papagei unter dem Vordach ruft ihn noch; als ihre schöne Gestalt sich anschickte zu vergehen, verdorrte zunächst der Zierapfelbaum vor der Tür. Hinter dem Setzschirm, wo wir Verstecken spielten, ertönt nicht mehr der leise Schritt ihrer Füße; im Hof, wo wir das Pflanzenspiel0 trieben, warten die duftenden Blumen vergebens. Hingeworfen liegt das Stickzeug, wer schneidet jetzt die Papiermuster zu? Zerknittert sind die Seidengewänder, wer bügelt sie jetzt mit duftendem Eisen0? Gestern mußte ich auf Befehl meines strengen Vaters weit von hier einen blühenden Garten besuchen, heute wollte ich gegen den Willen meiner gütigen Mutter an den einsamen Sarg eilen. Da erfuhr ich, man habe sie eingeäschert, und beschämt muß ich den Schwur brechen, wir wollten uns zusammen begraben lassen, um gemeinsam zu Staub zu werden. Nun weht der Westwind um das uralte Kloster, und die Irrlichter lassen nicht davon ab. Die Abendsonne steht hinter verödeten Gräbern, weiße Knochen liegen dazwischen verstreut. Es rauschen Trompetenbaum und Ulme, es rascheln Berufskraut und Beifuß. Im Nebel des Blachfelds schreien die Affen, im Dunst auf den Feldrainen heulen die Geister. Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht. Blutige Tränen vergießt er im Westwind wie einst der Prinz von Ju-nan0, stumm klagt er dem kalten Mond seinen Schmerz wie vormals Schï Tschung0. Ach weh! Die bösen Geister sind es, die Unheil stiften, die Götter kennen keinen Neid. Könnte ich den verleumderischen Sklaven den Mund zerquetschen, wäre das noch nicht genug an Strafe; würde ich den üblen Weibern das Herz aus der Brust schneiden, wäre mein Zorn noch nicht gestillt. Des Mädchens schicksalsbestimmte Bindung an diese Welt des Staubes war nur gering, aber damit gibt sich mein Sinn nicht zufrieden. Deshalb habe ich ernsthafte Überlegungen angestellt und unermüdlich Nachfrage gehalten. Da erst erfuhr ich, der Himmelskaiser habe sie ausgezeichnet, indem er ihr im Blumenpalast eine Anstellung gab. Zu Lebzeiten war sie einer Orchidee gleich, im Tod untersteht ihr der Hibiskus. Die Worte der kleinen Magd klangen erst unwahrscheinlich, aber wie ich bedacht habe, sind sie doch wohlbegründet. Warum? Im Altertum verstand es Yä Fa-schan0, jemandes Seele zu entführen, um eine Grabinschrift schreiben zu lassen, und Li Tschang-dji0 wurde in den Himmel berufen, um dort einen Bericht zu verfassen. Die Umstände sind zwar verschieden, aber das Prinzip ist dasselbe. Auf diese Weise werden die Aufgaben abgewogen, um die Verantwortungen je nach Talent zu verteilen. Denn wäre es nicht ein Mißbrauch, wenn jemand seinem Amt nicht gewachsen wäre? So glaube ich jetzt, daß der Himmelskaiser bei der Verteilung der Machtbefugnisse höchst harmonisch und ausgewogen verfährt und sicher auch ihrer Begabung gerecht geworden ist. Weil ich hoffe, daß ihre unvergängliche Seele vielleicht hierher herabsteigt, spreche ich diese unbedachten, profanen Worte, auch wenn ich damit ihr Ohr beleidige. Jetzt will ich singen, um sie herbeizurufen: Warum ist der Himmel so blau, so blau? Fliegst du auf einem jadenen Drachen zum Firmament? Warum ist die Erde so weit, so weit? Fährst du in einem Elfenbeinwagen zur Unterwelt? Es funkelt so zahlreich auf deinem Schirm, ist es das Glänzen von Sternen? Federbüsche wehn deinem Zug voran, geleiten dich gar Kometen? Steuert der Mondlenker die Karosse? Fährt der Donnergott nebenher?

So eilig rattern die Räder im Flug, sind‘s Phönixe, die dich ziehen? Deutlich verspür ich balsamischen Duft, bist du mit Kräutern gegürtet? Es glitzert dort auf deinem Rock so stark, trägst du aus Mond ein Geschmeide? Dein Altar ist mit Blattwerk ausgelegt, brennt Blumenöl in der Lampe? Aus Kürbis geformt das Opfergefäß, ist Duftblütenwein darinnen? Aufmerksam späh ich im Wolkendunst aus, ob ich wohl etwas erblicke? Vorgebeugt lausch ich mit forschendem Ohr, läßt sich dort etwas vernehmen? Sehn wir uns wieder im endlosen Raum? Läßt du mich im Staub hier zurück? Ich schlösse mich gern dem Wolkengott an, nimmst du mich mit auf dem Wege? Mein Herz verzehrt sich vor Sehnsucht nach dir, doch hat es Sinn, nur zu jammern? Du schläfst nun auf ewig in deiner Gruft, ist das so der Lauf der Dinge? Wenn es so ruhig im Grabe sich schläft, warum dann verwandelt fliehen? Ich trage weiter die Fesseln der Welt, kommst du mich hier noch besuchen? Kommst du? Bleibst du? Ich bitte dich, komm! Wenn du dich aber in der Formlosigkeit aufhältst und in der Stille wohnst, werde ich dich nicht sehen können, auch wenn du hierher kommst. Flechten dienen dir als Vorhänge, Kalmus bildet für dich Spalier. Aus den Weidenblattaugen vertreibst du die Schläfrigkeit, aus den Lotoskapselherzen verbannst du die Bitterkeit. Die Mondgöttin erwartet dich am Kassiafelsen0, die Fee vom Luo-Fluß0 empfängt dich am Orchideengestade. Nung-yü0 bläst die Mundorgel, Han-huang0 schlägt den Holztiger0, um die Göttin des Berges Sung0 herbeizurufen und die Alte vom Berge Li0 aufzuschrecken. Die Schildkröte taucht wieder mit der Schrifttafel aus dem Luo-Fluß auf0, und alle Tiere tanzen von neuem zur hsiän-tschï-Melodie0. In den Roten Fluß tauchend, singen die Drachen, im Perlenwald sich sammelnd, tanzen die Phönixe. Auf Ergriffenheit und Aufrichtigkeit kommt es an, nicht auf die Opfergaben. In der Stadt der Morgenröte brichst du auf, und zum Dunklen Garten kehrst du zurück. Eben noch wirkt alles so deutlich und greifbar nah, dann wieder legt sich Nebel dazwischen. Wolken teilen sich und fließen zusammen, der Himmel verschwimmt im Regendunst. Verzieht sich der Schleier, stehen hoch am Himmel die Sterne, und hell scheint der Mond auf Berge und Strom. Warum schlägt mein Herz so unruhig, als wäre ich aus dem Traum geschreckt? Ich seufze enttäuscht und schluchze verzagt. Alle menschlichen Stimmen sind schon verstummt, nur der Bambushain raschelt, verschreckte Vögel fliegen davon, und die Fische plätschern im Wasser. All meinen Kummer enthält dies Gebet, und ich vollziehe die Riten in der Hoffnung auf ein günstiges Zeichen. Ach weh! Komm und empfange das Opfer!“ Nachdem er zu Ende gelesen hatte, verbrannte er die Seide und goß den Tee aus. Dann blieb er unschlüssig stehen, und erst als das kleine Sklavenmädchen ihn mehrmals gemahnt hatte, wandte er sich endlich um. Da hörten sie, wie hinter den Felsen jemand mit lachender Stimme sagte: „So warte doch!“ Unwillkürlich fuhren sie beide zusammen, und als das kleine Sklavenmädchen sich umsah und eine Gestalt erblickte, die zwischen den Hibiskusstauden hervortrat, rief es laut: „Hilfe, ein Geist! Tjing-wën zeigt sich wirklich.“ Erschrocken blickte auch Bau-yü sich um. Doch davon soll im nächsten Kapitel erzählt werden. 79. Hsüä Pan nimmt eine brüllende Löwin zur Frau, Ying-tschun bekommt einen herzlosen Wolf zum Mann.

Bau-yü hatte also kaum sein Opfer für Tjing-wën beendet, als zwischen den Blumenstauden eine menschliche Stimme ertönte, die ihn vor Schreck zusammenfahren ließ. Doch als die Gestalt hervorkam und er sie genauer betrachtete, erkannte er Dai-yü, die über das ganze Gesicht lächelte und zu ihm sagte: „Was für ein schöner, neuartiger Opfertext! Er verdient, mit der Inschrift für Tsau Ë0 zusammen überliefert zu werden.“ Unwillkürlich wurde Bau-yü rot bei ihren Worten und erklärte: „Ich hatte bedacht, daß die üblichen Opfertexte zu abgeleiert sind, und habe deshalb eine neue Form gewählt. Das war natürlich nur eine Spielerei für den Augenblick, und ich konnte nicht ahnen, daß du mir zuhören würdest. Wenn etwas daran absolut nicht geht, kannst du es ändern.“ „Wo hast du deinen Text?“ fragte Dai-yü. „Ich muß ihn mir sorgfältig durchlesen, denn von dem ganzen langen Sermon habe ich nicht viel mehr verstanden als den Doppelsatz ‚Tiefbewegt liegt der Herrensohn hinter den Bettvorhängen aus roter Seide, jetzt erst begreift er, welch ein hartes Geschick dem Mädchen zuteil wurde, das unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ Der Sinn dieses Parallelsatzes ist wohl gut, aber die ‚Bettvorhänge aus roter Seide‘ sind ziemlich abgedroschen. Dabei gibt es doch ein gebrauchsfertiges Bild aus der Wirklichkeit. Warum hast du das nicht genommen?“ „Wovon sprichst du?“ erkundigte Bau-yü sich sofort. „Ist nicht bei uns das Gitterwerk an den Fenstern mit rosiger Seidengaze beklebt?“ fragte Dai-yü lächelnd. „Warum sagst du nicht ‚Tiefbewegt sitzt der Herrensohn am rosigen Gazefenster‘?“ Unwillkürlich stampfte Bau-yü mit dem Fuß auf und sagte lächelnd: „Das ist bestens, das ist nur zu treffend! Und du bist darauf gekommen! Da sieht man, daß es immer und überall von den schönsten gebrauchsfertigen Bildern wimmelt, nur den Narren und Dummköpfen fallen sie nicht ein. Allerdings ist noch folgendes: Durch diese Änderung wird es zwar neuartig und schön, aber dieses Bild kannst wohl du in Anspruch nehmen, aber nicht ich. Dessen bin ich nicht würdig!“ Und er wiederholte dieses „Nicht würdig!“ gleich noch zehn oder zwanzig Mal.

Aus: Jinyuyuan 1889b.

„I woher denn?“ erwiderte Dai-yü lächelnd. „Mein Fenster kann auch dein Fenster sein. Wozu willst du das so streng auseinanderhalten? Im Altertum teilten fremde Leutewohlgenährte Pferde und feine Pelze0 miteinander, ohne es zu bedauern, wenn sie dadurch verdorben wurden. Um wieviel mehr muß das also für uns gelten!“

„Was zählen schon Pferde und Pelze, wenn es um den Umgang mit Freunden geht?!“ sagte Bau-yü, ebenfalls lächelnd. „Selbst Gold und Jade fallen da nicht ins Gewicht. Aber so respektlos mit einem Mädchenzimmer zu verfahren geht auf gar keinen Fall. Deshalb ändere ich einfach auch den ‚Herrensohn‘ und das ‚Mädchen‘, so daß daraus deine Totenklage für sie wird. Zumal du immer sehr gut zu ihr warst. Lieber gebe ich den ganzen langen Text weg, als daß ich auf den neuen Ausdruck mit der ‚rosigen Gaze‘ verzichte. Darum ist es das beste, es so zu ändern: ‚Tiefbewegt sitzt das Fräulein am rosigen Gazefenster, jetzt erst begreift sie, welch ein hartes Geschick der Magd zuteil wurde, die unter dem Hügel aus gelber Erde ruht.‘ So hat es zwar nichts mehr mit mir zu tun, aber ich bin vollauf zufrieden damit.“ „Aber sie war schließlich nicht meine Magd“, wandte Dai-yü lächelnd ein, „außerdem sind ‚Fräulein‘ und ‚Magd‘ auch keine verfeinerten Ausdrücke. Warte also, bis meine Dsï-djüan stirbt, dann ist es immer noch früh genug, den Satz so zu verwenden.“ „Mußt du auch sie noch beschreien?“ fragte Bau-yü rasch. „Du hast mit dem Beschreien angefangen, nicht ich“, verteidigte Dai-yü sich lächelnd. „Ich hab‘s!“ verkündete Bau-yü. „Das allerbeste wird sein, wir ändern es so: ‚Tiefbewegt sitze ich am rosigen Gazefenster, jetzt erst weiß ich, welch ein hartes Geschick dir zuteil wurde, die du unter dem Hügel aus gelber Erde ruhst.‘“ Als Dai-yü das hörte, wurde sie bleich vor plötzlichem Kummer, doch obwohl tausend Ängste und Zweifel ihr Herz befielen, wollte sie sich das nicht anmerken lassen. Statt dessen nickte sie mit lächelndem Gesicht und sagte: „So ist es gut. Aber weiter mußt du jetzt nicht daran herumändern. Beschäftige dich lieber mit etwas Ordentlichem. Eben hatte die gnädige Frau jemand geschickt, um dir zu bestellen, du solltest gleich morgen früh zu deiner Tante hinübergehen. Die Verlobung deiner Kusine Ying-tschun ist jetzt beschlossene Sache, und morgen kommt wohl jemand aus dem Hause des Bräutigams, um seinen Gruß zu entbieten und seinen Dank zu übermitteln. Darum sollt ihr alle hinübergehen.“ „Warum diese Eile?“ sagte Bau-yü und schlug die Hände zusammen. „Ich fühle mich auch gar nicht wohl. Wer weiß, ob ich morgen überhaupt imstande sein werde hinüberzugehen.“ „Fängst du wieder so an!“ sagte Dai-yü. „Ich rate dir, zügele dein Temperament. Du bist schließlich kein kleines Kind mehr...“ Ehe sie ausreden konnte, mußte sie plötzlich husten, und rasch sagte Bau-yü: „Hier ist es kühl, und wir müssen hier herumstehen. Gehen wir lieber schnell nach Hause!“ „Ich gehe schlafen, wir sehen uns morgen“, erwiderte Dai-yü und ging davon. Auch Bau-yü machte lustlos kehrt, und plötzlich fiel ihm ein, daß Dai-yü niemanden zur Begleitung hatte. Also befahl er rasch seinem kleinen Sklavenmädchen, sie solle ihr nachgehen und sie nach Hause bringen. Er selbst begab sich in den Hof der Freude am Roten, wo tatsächlich eine alte Amme auf ihn wartete, die von Dame Wang geschickt war, um ihm zu bestellen, er solle morgen in aller Frühe zu Djia Schë hinübergehen, ganz wie es ihm Dai-yü eben gesagt hatte. Ying-tschun war nämlich von Djia Schë mit einem gewissen Sun verlobt worden. Diese Suns waren in der Präfektur Da-tung0 zu Hause, und einer ihrer Vorfahren, der als Militärbeamter den Ruhm der Familie begründet hatte, war ein Schüler der Djias gewesen, so daß die beiden Familien seit Generationen als miteinander befreundet galten. Zur Zeit lebte nur ein einziger Angehöriger der Familie Sun in der Hauptstadt, dem der Posten eines Kommandeurs der hauptstädtischen Polizeitruppe erblich zugefallen war. Er hieß Sun Schau-dsu, hatte ein kriegerisches Aussehen und eine kräftige Statur, war wohlgeübt im Schießen und Reiten und anpassungsfähig im Umgang mit Menschen. Er war noch keine dreißig Jahre alt, von Hause aus vermögend und wartete beim Kriegsministerium auf eine Vakanz für eine Beförderung. Da er noch keine Frau hatte und Djia Schë ihn als Nachkommen einer altbefreundeten Familie, der in bezug auf Charaktereigenschaften und Besitzverhältnisse als geeigneter Bewerber gelten konnte ansah, hatte er ihn wohlwollend akzeptiert. Auch der Herzoginmutter hatte er darüber berichtet, und wenn sie innerlich auch nicht sehr zufrieden war, sagte sie sich doch, ihr Einspruch würde kaum Gehör finden, außerdem sei jede Ehe vom Himmel vorherbestimmt, und schließlich sei es Ying-tschuns Vater, der die Entscheidung zu treffen hatte, so daß sie sich nicht unnötig einmischen mußte. Deshalb hatte sie nur knapp gesagt: „Gut, ich weiß Bescheid.“ Dann war sie nicht mehr darauf zurückgekommen. Djia Dschëng war die Familie Sun trotz der alten Beziehungen zutiefst verhaßt, denn jener Vorfahr der Suns hatte sich seinerzeit nur deshalb unter den Schutz der Djias gestellt, weil er darauf aus gewesen war, von deren Macht zu profitieren, um ein sonst unlösbares Problem zu bereinigen. Außerdem waren es durchaus nicht die Nachkommen einer berühmten Literatenfamilie. Deshalb hatte er zweimal Einwände dagegen versucht, aber als Djia Schë nicht auf ihn hören wollte, hatte er den Dingen ihren Lauf lassen müssen. Bau-yü hatte diesen Sun Schau-dsu zwar noch nie von Angesicht gesehen, mußte aber notgedrungen am nächsten Tag hinübergehen, um der Pflicht Genüge zu tun. Dann hörte er, der Hochzeitstermin stehe schon kurz bevor, noch in diesem Jahr werde Ying-tschun das Haus verlassen, und erlebte mit, wie Dame Hsing der Herzoginmutter meldete, sie nehme Ying-tschun aus dem Garten des Großen Anblicks fort. Das verdarb ihm vollends die Stimmung, und jeden Tag brütete er stumpf vor sich hin und wußte nichts mit sich anzufangen. Als er dann noch erfuhr, Ying-tschun werde vier Sklavenmädchen mitnehmen, stampfte er mit dem Fuß auf und erklärte seufzend: „Wieder fünf reine Menschen weniger auf der Welt!“ Tag für Tag streifte er dann Ausschau haltend in der Gegend der Insel der Violetten Wassernüsse umher und sah, wie öde und leer es dort hinter Fenstern und Vorhängen geworden war. Nur ein paar diensthabende alte Frauen hielten sich noch dort auf. Auch sah er die Knöterichblüten und die Schilfblätter am Ufer, die grünen Seekannen und die duftenden Wassernüsse im Teich, und es schien ihm, sie welkten vor Kummer um die Verschwundene vor sich hin, so wenig glichen sie dem gewohnten Bild wettstreitender Schönheit. Überwältigt von diesem schmerzlich öden Anblick, vermochte Bau-yü seine Gefühle nicht zu bezwingen und summte ein Lied vor sich hin, das sich wie von selbst formte: „Kalt weht der Herbstwind am nächtlichen Teich, treibt ungerührt alle Blüten davon. Keine der Blumen erträgt so viel Leid, tief beugt sie nieder der eisige Reif. Klang es nicht früher hier munter vom Schach? Heut sind die Bretter von Schwalben beschmutzt. Schon seit je wollen Freunde nicht scheiden, ich leide doppelt, weil eng wir verwandt.“ Kaum war er damit fertig, hörte er, wie hinter ihm jemand mit lachender Stimme sagte: „Was trauerst du hier wieder einmal vor dich hin?“ Als er sich rasch umsah, um festzustellen, wer das war, erblickte er Hsiang-ling. Da wandte er sich zu ihr um und erkundigte sich lächelnd: „Wie kommst du denn jetzt hierher, meine Schwester? Du warst schon lange nicht mehr im Garten.“ Hsiang-ling klatschte in die Hände und sagte fröhlich: „Natürlich komme ich her. Aber seitdem dein Vetter wieder zurück ist, bin ich nicht mehr so frei und ungebunden wie zuvor. Eben hatte unsere gnädige Frau jemand geschickt, der deine Kusine Hsi-fëng suchen sollte, aber sie war nicht zu finden, und es hieß, sie sei in den Garten gegangen. Als ich das hörte, bat ich, daß man mich nach ihr schickt. Ihre Magd, die ich traf, hat mir gesagt, sie sei im Reisduftdorf. Eben bin ich auf dem Wege dorthin, da treffe ich dich hier. Aber sag mir bitte, wie geht es Schwester Hsi-jën in letzter Zeit? Und wie konnte Schwester Tjing-wën so plötzlich sterben? An welcher Krankheit hat sie gelitten? Fräulein Ying-tschun ist auch so schnell weggezogen. Schau nur, wie leer es jetzt hier aussieht!“ Ohne zu zögern, gab Bau-yü ihr auf alles eine Antwort und lud sie ein, ihn in den Hof der Freude am Roten zu begleiten, um mit ihm Tee zu trinken. Aber Hsiang-ling erwiderte: „Ich kann jetzt nicht. Warte, bis ich die zweite junge Herrin gefunden und meinen Auftrag erledigt habe, dann komme ich.“ „Was ist das für ein Auftrag, daß er so eilig ist?“ erkundigte sich Bau-yü. „Es geht um die Heirat deines Vetters, darum ist es eilig und wichtig zugleich“, sagte Hsiang-ling. „Ja, richtig!“ erinnerte sich Bau-yü, „aus welcher Familie kommt denn nun seine Braut? Ich habe nur gehört, wie es ein halbes Jahr lang deswegen hin und her ging. Mal hieß es, Familie Dschang sei besser, dann wieder sollte es Familie Li sein, und anschließend war Familie Wang im Gespräch. Ich weiß gar nicht, was für Sünden die Töchter dieser Familien auf sich geladen haben, daß man so ohne weiteres über sie hergezogen ist!“ „Jetzt ist es bereits entschieden, und so braucht keine weitere Familie mehr durchgehechelt zu werden“, verriet Hsiang-ling. „Und um welche Familie handelt es sich?“ wollte Bau-yü sofort wissen. „Als dein Vetter letztens auf Geschäftsreise war, ist er nebenher auch bei Verwandten zu Besuch gewesen“, berichtete Hsiang-ling. „Diese Familie ist mit unserer schon lange verschwägert. Ebenso wie wir sind sie beim Finanzministerium als Fernhändler eingetragen, und ebenso wie wir zählen sie mit zu den reichsten Häusern. Neulich war davon die Rede, sie seien auch bei euch in beiden Anwesen gut bekannt. In ganz Tschang-an0 nennt sie jedermann nur die Duftblüten-Hsias.“ „Warum denn Duftblüten-Hsias?“ fragte Bau-yü lachend. „Sie heißen Hsia und sind, wie gesagt, ganz außerordentlich reich“, gab Hsiang-ling Auskunft. „Von ihrem sonstigen Ackerland ganz zu schweigen, besitzen sie mehrere zehn Tjing reine Duftblütenplantagen, und ihnen gehören auch alle Duftblütenhandlungen0 in Tschang-an und Umgebung. Selbst die Topfpflanzen im Kaiserpalast sind Tributgeschenke von ihnen, und so sind sie zu diesem Beinamen gekommen. Ihr alter Herr ist schon tot, nur die alte Dame lebt noch mit einer leiblichen Tochter, einen Sohn aber hat sie nicht, und es ist schon bedauerlich, daß mit ihr die Familie aussterben wird.“ „Was kümmert das uns, ob sie aussterben oder nicht?“ warf Bau-yü rasch ein. „Taugt denn das Mädchen etwas? Und wie kommt es, daß euer junger Herr Gefallen an ihr gefunden hat?“ „Zum einen ist es eine Fügung des Himmels, zum anderen ist in den Augen eines Verliebten jedes Mädchen schön wie die Hsi-schï0“, erklärte Hsiang-ling. „Da die Familien schon lange miteinander verschwägert sind, hatten die beiden als Kinder zusammen gespielt. Dem Verwandtschaftsgrad nach sind sie Vetter und Kusine, und so gab es keinen Grund für Verdächtigungen. Dann sind sie zwar einige Jahre nicht mehr zusammengekommen, aber als dein Vetter neulich zu Besuch kam und Frau Hsia, die – wie gesagt – keinen eigenen Sohn hat, sah, wie sich dein Vetter herausgemacht hat, war ihr zum Lachen und zum Weinen zugleich, und sie hat sich mehr über ihn gefreut als über einen leiblichen Sohn. Sie hat dann dafür gesorgt, daß die beiden sich wiedersahen, und da zeigte sich, daß das Mädchen inzwischen aufgeblüht ist wie eine Blume. Auch Lesen und Schreiben hat sie zu Hause gelernt, und so war dein Vetter gleich Feuer und Flamme für sie. Mit dem Geschäftsführer und einer ganzen Schar von Gehilfen aus der Pfandleihe hat er sich dort für drei oder vier Tage eingenistet, aber sie hätten ihn wohl auch noch länger dabehalten, wenn er nicht energisch darauf gedrungen hätte, nach Hause zurückzukehren. Kaum war er hier zur Tür herein, hat er unserer gnädigen Frau in den Ohren gelegen, sie solle für ihn um das Mädchen anhalten. Und da unsere gnädige Frau das Mädchen aus eigener Anschauung kannte und auch die beiden Familien einander ebenbürtig sind, hat sie sich einverstanden erklärt. Nachdem sie sich mit deiner Mutter und deiner Kusine Hsi-fëng beraten hatte, schickte sie ihre Boten zu den Hsias, und dort hat man ohne Umschweife ja gesagt. Nur ist der Termin für die Hochzeit sehr knapp angesetzt, so daß wir jetzt alle Hände voll zu tun haben. Aber auch ich kann es kaum erwarten, daß sie ins Haus kommt, denn so haben wir wieder eine Dichterin mehr.“ „Du sagst das so“, bemerkte Bau-yü mit einem kühlen Lächeln. „Ich aber sorge mich bei dieser Nachricht in erster Linie um dich und mache mir Gedanken, was aus dir wird.“ Unwillkürlich wurde Hsiang-ling rot und fragte mit förmlicher Miene: „Wie kannst du so etwas sagen? Wir haben einander stets mit Achtung behandelt, und jetzt fängst du plötzlich so an. Was soll denn das heißen? Kein Wunder, daß alle sagen, mit dir dürfe man sich nicht zu eng einlassen!“ Bei diesen Worten machte sie kehrt und ging davon. Hsiang-lings Verhalten machte Bau-yü betroffen, und er hatte das Gefühl, als habe er etwas verloren. Lange stand er unschlüssig da und überlegte hin und her, wobei ihm unvermerkt die Tränen kamen. Dann ging er niedergeschlagen zum Hof der Freude am Roten zurück, aber die ganze Nacht hindurch fand er keine Ruhe. Im Traum rief er mal nach Tjing-wën, dann wieder schreckte er hoch, und so ging es in einem fort. Am nächsten Tag hatte er keinen Appetit, und sein Körper fühlte sich heiß an. Das war die Folge von Beschämung, Schrecken und Leid, die er durch die Ereignisse der letzten Zeit – die Durchsuchung des Gartens, die Vertreibung von Sï-tji, den Abschied von Ying-tschun und den Tod von Tjing-wën – erfahren hatte. Hinzu kam noch eine Erkältung, und so war schließlich eine Krankheit daraus geworden, die ihn an sein Bett fesselte. Als die Herzoginmutter davon erfuhr, kam sie Tag für Tag herüber, um selber nach ihm zu sehen. Dame Wang aber machte sich Vorwürfe und fragte sich, ob sie nicht Tjing-wëns wegen zu hart mit ihm ins Gericht gegangen war. Doch das spielte sich nur in ihrem Innern ab, nach außen verriet sie sich mit keiner Miene. Und so ordnete sie nur an, die alten Ammen sollten gut für Bau-yü sorgen und nach ihm sehen. Zweimal am Tag mußten sie einen Arzt zu ihm hineinführen, der ihm die Pulse fühlte und Medikamente verschrieb. Erst nach Ablauf eines Monats stellte sich allmählich eine Besserung ein, und jetzt ordnete die Herzoginmutter an, Bau-yü solle sich schonen und dürfe erst nach einhundert Tagen wieder Fleischspeisen zu sich nehmen und das Haus verlassen. In all diesen einhundert Tagen durfte er nicht einmal vor das Hoftor gehen und konnte sich nur innerhalb seiner Räume vergnügen. Als vierzig oder fünfzig Tage vergangen waren, hatte er diese Einschränkungen so satt, daß es wie Feuer in ihm loderte.