Hongloumeng/de/Chapter 73
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Kapitel 73
痴丫頭誤拾繡春囊 / 懦小姐不問累金鳳
Ein einfaeltiges Dienstmaedchen findet versehentlich ein besticktes Fruehlingsacessoire; Die schuechterne junge Dame fragt nicht nach dem goldenen Phönix
Eine törichte Magd findet eine obszöne Stickerei,ein schüchternes Fräulein verzichtet auf einen goldenen Haarpfeil.
Während also Nebenfrau Dschau und Djia Dschëng miteinander sprachen, hörten sie plötzlich draußen etwas krachen. Da sie nicht wußten, was das war, erkundigten sie sich sogleich danach, und es stellte sich heraus, daß im Vorraum ein hochgeschobener Fensterflügel nicht richtig befestigt gewesen und deshalb heruntergestürzt war. Daraufhin bedachte Nebenfrau Dschau die Sklavenmädchen mit ein paar Schimpfworten und führte selbst die Aufsicht, als sie den Fensterflügel wieder festmachten. Dann brachte sie Djia Dschëng zu Bett, und mehr soll davon nicht die Rede sein. Im Hof der Freude am Roten hatte sich Bau-yü eben schlafen gelegt, und auch seine Sklavenmädchen wollten sich schon zur Ruhe begeben, als plötzlich jemand ans Hoftor klopfte. Die alten Sklavenfrauen gingen aufmachen und stellten fest, daß es ein kleines Sklavenmädchen aus den Räumen von Nebenfrau Dschau mit Namen Hsiau-tjüä war. Sie fragten, was sie wolle, aber Hsiau-tjüä antwortete ihnen nicht und ging, ohne sich aufhalten zu lassen, zu Bau-yü ins Innenzimmer, wo sie ihn bereits im Bett fand, während Tjing-wën und die anderen noch bei ihm saßen und mit ihm plauderten. Als man sie hereinkommen sah, hieß es: „Was ist denn? Wozu kommst du jetzt noch hierher gelaufen?“ Da sagte Hsiau-tjüä lächelnd zu Bau-yü: „Ich komme, um dir eine Nachricht zu bringen. Eben war meine Herrin beim gnädigen Herrn und hat ihm erzählt, ... Paß also auf, wenn der gnädige Herr dich morgen befragt!“ Und schon machte sie wieder kehrt, um zu gehen. Hsi-jën forderte sie auf, noch zu bleiben und Tee zu trinken, doch Hsiau-tjüä hatte Angst, die Gartentore könnten inzwischen geschlossen werden, und ging –, ohne zu verweilen, fort. Bau-yü aber war, als er Hsiau-tjüäs Worte hörte, nicht anders zumute als dem Großen Heiligen Sun Wu-kung, wenn die Beschwörungsformel erklang[1], die den Golddrahtreifen in seiner Mütze zusammenzog. Sofort spürte er ein Unwohlsein in allen vier Gliedmaßen und sämtlichen fünf Eingeweiden. Er überlegte hin und her, sah aber keinen anderen Ausweg, als sich mit den Büchern vertraut zu machen, um für die Prüfung am nächsten Tag gerüstet zu sein. Wenn er nur dabei die richtigen Antworten gab, würde er selbst in dem Falle noch halbwegs durchkommen, daß auch andere Dinge gegen ihn vorlagen, sagte er sich. Als er diesen Gedanken zu Ende geführt hatte, hüllte er sich rasch in seine Kleider, stand auf und verlangte, er wolle seine Bücher lesen. Zugleich aber sagte er sich bedauernd: „Ich glaubte, in diesen Tagen würde er noch nicht damit kommen, und habe wieder die Bücher Bücher sein lassen. Hätte ich das eher gewußt, dann hätte ich mich doch wenigstens jeden Tag ein bißchen vorbereiten können!“ Dann überlegte er, was er eigentlich aus dem Stegreif hersagen konnte, aber es waren nicht mehr als Das Große Lernen, Das Rechte Maß und die beiden Teile der Gespräche, die er mit den Kommentaren zusammen auswendig wußte. Im ersten Teil des Mëng-dsï[2] klafften in seinem Gedächtnis zahlreiche Lücken, so daß er, wenn man ihm zusammenhanglos einen Satz nannte, auf keinen Fall aus dem Kopf fortfahren konnte, und vom zweiten Teil hatte er sogar das allermeiste vergessen. Von den Fünf Kanonischen Büchern hatte er, weil er in der letzten Zeit Gedichte schrieb, öfter einmal im Buch der Lieder gelesen, und wenn er es auch nicht im Detail zu erläutern verstand, war er doch wenigstens in der Lage, sich aus der Affäre zu ziehen. An die übrigen Kanonischen Bücher hatte er zwar keine Erinnerung, aber glücklicherweise hatte Djia Dschëng ihm nie befohlen, sie zu lesen, so daß seine Unkenntnis auf diesem Gebiet auch nicht ins Gewicht fallen konnte. Von der alten Prosa hatte er schon seinerzeit nicht viel gelesen – Dsuos Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹, die Strategeme der Kämpfenden Staaten[3], Gung-yangs Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹, Gu-liangs Kommentar zu den ›Frühlings- und Herbstannalen‹[4] sowie Schriften aus der Han- und der Tang-Zeit, insgesamt waren es nicht mehr als einige Dutzend Texte gewesen, und in den letzten Jahren hatte er keinen einzigen Satz daraus aufgefrischt. In Mußestunden hatte er wohl in den Büchern geblättert, aber das war nicht mehr als ein flüchtiges Interesse gewesen, und genausoschnell wie er die Texte gelesen hatte, hatte er sie auch wieder vergessen.Wirkliche Mühe hatte er sich nicht damit gegeben, wie hätte er sie sich also einprägen können?! Darum würde er sich auf diesem Gebiet nicht einmal herausreden können. Noch schlimmer war es mit den modernen achtgliedrigen Aufsätzen[5] bestellt, die ihm von jeher zutiefst verhaßt waren, weil sie nicht die Werke von heiligen und tüchtigen Männern waren, die das Verborgene und Tiefgründige in den Schriften der Heiligen und Tüchtigen zu erklären vermocht hätten, sondern nur Mittel zum Zweck, die ihren Verfassern dazu dienen sollten, Ruhm zu erlangen und Posten zu ergattern. Zwar hatte Djia Dschëng damals vor seiner Abreise über hundert solcher Texte ausgewählt und und sie ihm zu lesen befohlen, doch Bau-yü hatte nur hier und da ein oder zwei Bruchstücke davon gelesen, die zufällig sein Interesse erweckten, weil sie scharfsinnig, ausschweifend, vergnüglich oder traurig waren. Aber das waren nur zeitweilige Launen gewesen, nie hatte er sich in einen ganzen Aufsatz vertieft und sich sorgfältig damit beschäftigt. Außerdem hatte er noch eine andere Befürchtung: Wenn er dieses auffrischte, würde er womöglich nach jenem gefragt, und wenn er jenes wiederholte, würde er vielleicht über dieses geprüft, und sowieso würde er sich in einer einzigen Nacht nichts mehr vollständig einprägen können – ein Gedanke, der seine Aufregung nur noch weiter verstärkte. Und während er selbst nicht einmal das Allerwichtigste mehr schaffen konnte, brachte er auch alle seine Sklavenmädchen um ihren Schlaf. Überflüssig zu sagen, daß Hsi-jën, Schë-yüä, Tjing-wën und die übrigen älteren Mädchen an seiner Seite blieben, um die Kerze zu schneuzen und Tee einzugießen, die kleineren aber konnten kaum noch aus den Augen sehen und schwankten vor Müdigkeit, bis Tjing-wën sie schalt: „Was seid ihr bloß für Spitzbeine? Eine wie die andere schlaft ihr nur immer bei Tag und Nacht, und wenn ihr dann einmal etwas später ins Bett kommt, tut ihr gleich so, als ob euch wer weiß was wäre. Wenn ich das noch einmal sehe, hole ich eine Nadel und pieke euch wach!“ Mitten in diesem Satz machte es plötzlich im Außenraum bums!, und als sie rasch nachsehen gingen, zeigte sich, daß eines der kleineren Sklavenmädchen im Sitzen eingenickt und dabei mit dem Kopf gegen die Wand geprallt war. Als sie erschrocken aus dem Traum hochfuhr, hörte sie, was Tjing-wën eben sagte, und glaubte nicht anders, als daß diese sie geschlagen hätte, darum flehte sie weinend: „Liebe ältere Schwester, ich will es nie wieder tun!“ Alle begannen zu lachen, und Bau-yü redete Tjing-wën zu: „Vergib ihr und laß sie schlafen gehen! Wir hätten sie längst alle ins Bett schicken sollen, und auch ihr solltet euch abwechselnd schlafen legen!“ Doch prompt erwiderte Hsi-jën: „Du kümmer dich nur um deine Angelegenheiten, kleiner Ahnherr, und konzentriere dich heute nacht voll und ganz auf deine Bücher! Wenn du diese Klippe umschifft hast, kannst du dich auch wieder anderen Dingen widmen, ohne daß du fürchten mußt, dadurch etwas zu verderben.“ Bau-yü sagte sich, daß sie vollkommen recht habe, und las wohl oder übel weiter. Aber schon nach wenigen Sätzen brachte ihm Schë-yüä frischen Tee, damit er sich die Zunge befeuchten konnte, und als er ihr die Schale abnahm und daraus trank, bemerkte er, daß sie nur eine halblange Jacke trug und den Rock abgelegt hatte. Darum sagte er: „Es ist schon späte Nacht, und es ist kühl, du müßtest dir wirklich etwas Ordentliches anziehen!“ Aber lächelnd wies Schë-yüä auf seine Bücher und verlangte: „Uns mußt du vorläufig vergessen! Das ist es, worauf du ein bißchen deinen Sinn richten solltest!“ Das hatte sie kaum gesagt, als Venturina durch die Hintertür hereingestürzt kam und dabei aus voller Kehle schrie: „Hilfe, es ist jemand über die Mauer bei uns eingestiegen!“ Sofort fragten die anderen, wo das gewesen sei, machten alles wach und begaben sich auf die Suche. Tjing-wën aber, die gesehen hatte, wie sauer Bau-yü das Lernen wurde und wie er seinen Geist die ganze Nacht über strapazierte, ohne daß er die Gewähr gehabt hätte, für die morgige Prüfung gerüstet zu sein, hatte schon die ganze Zeit über nach einem Mittel gesucht, mit dessen Hilfe er dieser Not entrinnen könnte. Als jetzt dieser Aufruhr entstand, kam ihr sofort eine Idee, und sie riet Bau-yü: „Mach dir die Gelegenheit zunutze und stell dich krank! Sag einfach, du hättest vor Schreck einen Schock bekommen!“ Diese Worte waren ganz nach Bau-yüs Sinn, und er ließ die Nachtwachen holen, die alles mit Laternen absuchen mußten, freilich ohne die geringste Spur zu entdecken, weshalb sie dann sagten: „Dem Mädchen hat es vielleicht vom Schlaf vor den Augen geflimmert, und als der Wind die Zweige bewegte, hat sie gedacht, es sei ein Mensch.“ „Redet nicht solchen Unsinn!“ protestierte Tjing-wën. „Ihr habt nicht ordentlich gesucht, und aus Angst, daß man euch Vorwürfe machen könnte, wollt ihr die Sache nicht wahrhaben. Dabei hat das ja nicht nur eine einzige gesehen. Wir waren mit Bau-yü draußen, weil er ein Geschäft zu verrichten hatte, und haben es alle mit eigenen Augen gesehen. Bau-yü hat sich so erschrocken, daß er ganz blaß im Gesicht war, und jetzt glüht sein Körper förmlich. Ich muß sofort noch in die Haupthalle hinübergehen, um Medizinkugeln zur Beruhigung der Seele für ihn zu holen. Und wenn die gnädige Frau mich fragt, muß ich ihr eine klare Antwort geben. Soll ich sie vielleicht mit dem abspeisen, was ihr da eben gesagt habt?“ Damit erschreckte sie die Nachtwächterinnen so sehr, daß sie nicht zu mucksen wagten und notgedrungen alles noch einmal absuchten. Tatsächlich verließen Tjing-wën und Venturina dann den Garten, um die Medizin zu holen, und taten das absichtlich so geräuschvoll, daß jedermann hören mußte, Bau-yü habe vor Schreck einen Schock erlitten. Als Dame Wang von dem Vorfall erfuhr, schickte sie sofort jemanden, der nach Bau-yü sehen und ihm die Medizin eigeben mußte, und außerdem ließ sie allen Nachtwächterinnen befehlen, eine sorgfältige Fahndung vorzunehmen. Zugleich sollten die Sklavenjungen kontrolliert werden, die am Innentor in der Nähe der Gartenmauer Nachtdienst hatten. So wurde im Licht von Laternen und Fackeln die ganze Nacht hindurch im Garten gelärmt, und in der fünften Nachtwache schließlich wurden die Verwalter und Verwalterinnen geholt und erhielten den Befehl, eine genaue Nachforschung anzustellen und dabei alle Männer und Frauen, die im inneren wie im äußeren Bereich des Anwesens Nachtdienst hatten, unter Schlägen zu verhören. Als die Herzoginmutter erfuhr, Bau-yü habe sich erschrocken, wollte sie die genauen Umstände wissen, und so konnte man nicht wagen, ihr die Angelegenheit noch länger zu verheimlichen, und gab einen detaillierten Bericht. „Ich hatte es nicht anders erwartet!“ sagte die Herzoginmutter. „Daß die Nachtwachen heutzutage alle nicht mehr achtgeben, ist noch das wenigste. Wer weiß, ob sie nicht auch Diebe sind!“ Dame Hsing und Frau You, die herübergekommen waren, um der Herzoginmutter ihren Gruß zu entbieten, sowie Hsi-fëng, Li Wan und die Mädchen des Hauses, die zur Gesellschaft der Herzoginmutter anwesend waren, wußten nichts darauf zu erwidern. Nur Tan-tschun trat vor und sagte: „In den wenigen Tagen, seitdem Kusine Hsi-fëng sich nicht wohl fühlt, ist das Gartenpersonal um ein vielfaches respektloser geworden. Früher haben sich höchstens einmal drei, vier Frauen für ein Stündchen oder so zusammengetan, vielleicht auch wenn sie Nachtwache hatten, und haben zum Vergnügen ein bißchen gewürfelt oder Karten gespielt, nur um den Schlaf zu vertreiben. Jetzt aber sind sie allmählich außer Rand und Band geraten und haben richtige Spielhöllen eingerichtet, von denen jede ihre Leiterin hat und wo um größere Einsätze gespielt wird, um dreißig oder fünfzig Münzschnüre oder gar um dreihundert. Vor einem halben Monat ist es dort sogar zu einem Streit gekommen, der mit einer Schlägerei endete.“ „Warum hast du uns das nicht schon eher gemeldet, wenn du es gewußt hast?“ fragte die Herzoginmutter. „Weil ich mir sagte, die gnädige Frau habe viel zu tun und fühle sich auch tagelang nicht wohl“, erwiderte Tan-tschun. „So habe ich nur die ältere Schwägerin und die verantwortlichen Frauen darauf aufmerksam gemacht, und seit sie all unsere Leute ein paarmal verwarnt haben, ist es jetzt etwas besser geworden.“ „Ein Mädchen wie du weiß freilich nicht, wie schlimm so etwas ist“, beeilte sich die Herzoginmutter zu erklären. „Dir scheint, es sei das gewöhnlichste Ding von der Welt, wenn Glücksspiele gespielt werden, und du siehst nur, daß das Anlaß zu Streitigkeiten geben kann. Dabei weiß man doch, daß es beim nächtlichen Glücksspiel nicht ausbleibt, daß auch Wein getrunken wird. Und wenn Wein getrunken wird, ist die notwendige Folge, daß Tore und Türen nach Belieben geöffnet und verschlossen werden. Da wird noch einkaufen gegangen, da wird noch dieser und jener gesucht, und weil es spät in der Nacht ist, wo nur wenig Leute draußen sind, werden leicht Diebe und Einbrecher angelockt, und es kann alles mögliche daraus entstehen. Zumal es unter den Mägden und Frauen, die mit euch zusammen im Garten wohnen, tüchtige so gut wie törichte gibt. Da sind Diebstahl und Raub noch Kleinigkeiten. Es könnte noch etwas ganz anderes passieren, und wenn auch nur das geringste davon hängenbleibt, ist damit nicht zu scherzen. Wie könnte man also leichtfertig darüber hinweggehen?!“ Nachdem Tan-tschun das angehört hatte, kehrte sie schweigend auf ihren Platz zurück. Hsi-fëng ging es noch nicht viel besser, und so war ihr Geist auch nicht so frisch wie sonst, aber als sie diese Ansprache der Herzoginmutter gehört hatte, klagte sie eilig: „Daß ich auch ausgerechnet wieder krank werden mußte!“ Dann wandte sie den Kopf und befahl jemandem, schleunigst Lin Dschï-hsiaus Frau und die drei anderen Hauptverwalterinnen zu holen, und als sie da waren, kanzelte sie sie in Gegenwart der Herzoginmutter tüchtig ab. Anschließend befahl die Herzoginmutter, man solle die Leiterinnen der Spielhöllen ausfindig machen. Wer eine von ihnen zur Anzeige brächte, sollte belohnt werden, und wer sich der heimlichen Mitwisserschaft schuldig gemacht hatte, sollte bestraft werden. Da Lin Dschï-hsiaus Frau und die anderen sahen, wie zornig die Herzoginmutter war, wagten sie nicht, ihre Pflicht zugunsten privater Neigungen zu vernachlässigen. Sie gingen rasch in den Garten hinüber, ließen das ganze Gesinde zusammenrufen und überprüften eine nach der anderen. Wie nicht anders zu erwarten, wurden zuerst einmal Ausflüchte gemacht, aber schließlich kam alles ans Tageslicht. Es wurden drei Hauptspielleiterinnen und acht Helferinnen sowie über zwanzig Teilnehmerinnen an Glücksspielen ermittelt, die nun allesamt zur Herzoginmutter geführt wurden, wo sie im Hof vor der Halle hörbar mit der Stirn auf den Boden schlugen und um Gnade baten. Die Herzoginmutter fragte zunächst, wer die Hauptspielleiterinnen waren und wieviel Geld sie eingenommen hatten. Dabei erwies sich, daß die erste eine angeheiratete Verwandte von Lin Dschï-hsiaus Tante mütterlicherseits war, die zweite eine jüngere Schwester von Frau Liu aus der Gartenküche und die dritte Ying-tschuns alte Amme. Dies waren die Hauptschuldigen, die anderen können hier nicht alle aufgezählt werden. Als erstes befahl die Herzoginmutter, die Würfel und die Spielkarten zu verbrennen, das Geld aber einzuziehen und an das übrige Gesinde zu verteilen. Dann sollten die drei Hauptschuldigen je vierzig Schläge mit dem großen Bambusprügel erhalten und für immer aus dem Dienst gejagt werden. Die Mitschuldigen sollten je zwanzig Schläge mit dem großen Prügel erhalten, drei Monate lang kein Monatsgeld bekommen und fortan in der Abortreinigergruppe Dienst tun. Anschließend mußte sich Lin Dschï-hsiaus Frau eine Standpauke anhören, obwohl es sie schon genug beschämt hatte, sehen zu müssen, wie es ihrer Verwandten erging und wie diese all ihr Ansehen einbüßte. Auch Ying-tschun war durch den Anblick des Vorgangs bedrückt, und Dai-yü, Bau-tschai und Tan-tschun, die ihr als Artgenossen nachfühlen konnten, was sie empfinden mußte, wenn ihre Amme so behandelt wurde, erhoben sich von ihren Plätzen, traten lächelnd vor die Herzoginmutter und baten sie um Milde. „Dieses Muttchen hat ursprünglich nicht gespielt und hat sich wohl nur aus einer vorübergehenden Laune an der Sache beteiligt“, sagten sie, „verzeiht ihr dies eine Mal noch um des Ansehens von Kusine Ying-tschun willen!“ Aber die Herzoginmutter erwiderte ihnen: „Ihr habt keine Ahnung. Gerade diese alten Ammen genießen größere Ehren als das übrige Gesinde, weil sie sich darauf berufen können, daß sie den Söhnen und Töchtern des Hauses die Brust gegeben haben, darum ist es auch um so verabscheuungswürdiger, wenn gerade sie sich etwas zuschulden kommen lassen. Und sie verstehen es natürlich, die Herrschaften dazu zu bringen, daß sie Unzulänglichkeiten bemänteln und einseitig in ihrem Urteil sind. Ich habe das alles schon erlebt. Ich hoffte sogar, an einer von ihnen ein Exempel statuieren zu können, und nun ist tatsächlich eine dabei. Kümmert euch nicht darum, ich weiß, was ich tue!“ Als Bau-tschai und die anderen das hörten, mußten sie wohl oder übel auf weiteren Einspruch verzichten. Bald darauf zog sich die Herzoginmutter zurück, um ihren Mittagsschlaf zu halten, und alle gingen auseinander. Weil sie aber wußten, daß die Herzoginmutter böse war, wagten sie nicht, ihre Wohnräume aufzusuchen, sondern blieben noch in der Nähe. Frau You begab sich ins Wohngehöft von Hsi-fëng, um sich ein Weilchen mit ihr zu unterhalten, aber Hsi-fëng fühlte sich nicht wohl, und so blieb Frau You nichts anderes übrig, als in den Garten zu gehen und dort mit den Mädchen zu plaudern. Dame Hsing saß zunächst eine Zeitlang bei Dame Wang, dann ging sie ebenfalls in den Garten, um dort Zerstreuung zu suchen. Als sie eben am Gartentor war, erblickte sie eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen der Herzoginmutter, das von allen Blödchen genannt wurde und das ihr jetzt lachend entgegenkam. Blödchen hielt einen bunten Gegenstand in der Hand, auf den sie beim Gehen fortwährend den Blick gesenkt hielt, wodurch sie beinahe mit Dame Hsing zusammengeprallt wäre. Erst als sie im letzten Moment aufsah, blieb sie stehen. „Du närrisches Ding!“ sagte Dame Hsing, „was hast du da für eine seltene Kostbarkeit, daß du dich so freust? Laß mich mal sehen!“ Dieses Blödchen war ein Sklavenmädchen von vielleicht vierzehn, fünfzehn Jahren, das erst vor kurzem ausgewählt worden war, um im Gehöft der Herzoginmutter Wasser zu holen, den Hof zu fegen und andere grobe Arbeiten zu verrichten. Sie hatte einen plumpen Körperbau und eine breite Gesichtsform, und da ihre Füße nicht geschnürt waren, vermochte sie grobe Arbeiten flott und mühelos auszuführen. Ihrem Wesen nach war sie töricht, und sie besaß auch nicht das mindeste Wissen; was sie sagte und tat, war oft unvereinbar mit Anstand und Sitte. Die Herzoginmutter, die ihre Freude an ihr hatte, weil sie flink und munter war, und der auch ihre Aussprüche gefielen, über die sie immer wieder lachen konnte, hatte ihr den Namen Dummchen gegeben. Und immer, wenn sie Langeweile hatte, ließ sie sie holen, um sie ein bißchen zum Narren zu halten, wobei es keinerlei Tabus gab, und deshalb nannte sie sie auch ‚mein närrisches Ding‘. Wenn Blödchen wirklich einmal gegen die Umgangsformen verstieß, wurde sie als Liebling der Herzoginmutter von niemandem getadelt. Und so konnte sie es sich auch erlauben, in den Garten zu gehen, um dort zu spielen, wenn die Herzoginmutter sie nicht rufen ließ. Auch heute war Blödchen im Garten gewesen und hatte Grillen gefangen, als sie plötzlich hinter einem Felsvorsprung einen buntbestickten Riechbeutel fand, der so prächtig und sorgfältig gearbeitet war, daß man wirklich seine Freude daran haben konnte. Er war jedoch keineswegs mit Vögeln und Blumen oder mit einem ähnlichen Motiv bestickt, vielmehr zeigte die eine Seite ein splitternacktes Paar in innigster Verstrickung und die andere Seite einige Schriftzeichen. Blödchen, die nicht verstand, daß es sich um eine erotische Darstellung handelte, überlegte still bei sich: „Das müssen wohl zwei böse Geister sein, die miteinander kämpfen. Oder aber es sind Mann und Frau, die sich gegenseitig verhauen.“ Nachdem sie so herumgerätselt hatte, ohne eine Lösung zu finden, hatte sie die Stickerei der Herzoginmutter zeigen wollen und war deshalb, völlig in den Anblick versunken, lachend dahergegangen, bis sie plötzlich vor Dame Hsing stand. Als sie deren Frage hörte, sagte sie lächelnd: „Ihr habt recht, gnädige Frau, das ist wirklich etwas Kostbares. Schaut es Euch an!“ Und mit diesen Worten reichte sie ihr den Riechbeutel hin. Kaum hatte Dame Hsing die Stickerei erblickt, preßte sie den Beutel in der Hand zusammen, so fest sie nur konnte, und fragte hastig: „Woher hast du das?“ „Ich habe es beim Grillenfangen auf einem Felsvorsprung gefunden“, gab Blödchen Auskunft. „Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen!“ schärfte Dame Hsing ihr ein. „Das ist ein ganz böses Ding, dafür würde man selbst dich zu Tode prügeln. Aber weil du nun einmal ein Blödchen bist, wollen wir nicht mehr davon sprechen!“ Als Blödchen das hörte, wurde sie vor Entsetzen aschfahl im Gesicht und versprach: „Ich will es nie wieder tun!“ Schon kniete sie nieder und schlug mit der Stirn auf den Boden. Dann ging sie wie betäubt davon. Dame Hsing wandte den Kopf, aber es waren nur Mädchen in ihrer Begleitung, und denen konnte sie so etwas nicht gut in Verwahrung geben. Darum schob sie sich den Riechbeutel in den Ärmel und grübelte höchst verwundert darüber nach, woher er wohl stammen mochte. Davon ließ sie sich jedoch äußerlich nichts anmerken, als sie jetzt in Ying-tschuns Räume trat. Ying-tschun, die sich durch die Verfehlungen ihrer Amme gleichfalls betroffen fühlte, war eben nicht sehr wohl zumute, da wurde plötzlich gemeldet, ihre Mutter sei da, und sie mußte sie in ihr Innenzimmer bitten. Nachdem der Tee aufgetragen war, sagte Dame Hsing: „Du bist alt genug. Warum hast du deiner Amme nichts gesagt, als sie solche Dinge trieb? Alle andern stehen jetzt makellos da, nur jemand von unseren Leuten mußte so etwas machen. Wie ginge das an?“ Mit gesenktem Kopf nestelte Ying-tschun an ihrem Gürtel, ehe sie endlich erwiderte: „Ich habe ihr ein paarmal etwas gesagt, doch da sie nicht auf mich hören wollte, konnte ich auch nichts machen. Zumal sie ja meine Amme ist, die wohl mir Vorhaltungen machen kann, ich aber nicht ihr.“ „Unsinn!“ sagte Dame Hsing, „wenn du dich nicht richtig verhältst, muß sie dir natürlich die Meinung sagen, aber jetzt hat sie gegen die geltenden Regeln verstoßen, also hättest du das gnädige Fräulein herauskehren müssen. Und wenn sie sich erdreistet hätte, dir nicht zu gehorchen, hättest du mir davon Meldung machen müssen. Statt dessen hast du gezögert, bis jetzt alle Welt davon weiß, und wie stehen wir nun da! Und außerdem, wenn sie eine Spielhölle betrieben hat, wird sie wohl, fürchte ich, mit glatten Worten und geschickten Reden versucht haben, einiges an Schmuck und Kleidern von dir zu borgen, um sich ein Startkapital zu verschaffen. So willensschwach und gutmütig, wie du bist, hast du ihr bestimmt ein wenig unter die Arme gegriffen. Sollte sie dir wirklich etwas abgeschwatzt haben – ich habe kein Geld, um es für dich auszulösen. Ich bin gespannt, was du zu den kommenden Feiertagen machst!“ Als Ying-tschun, anstatt zu antworten, nur wieder den Kopf gesenkt hielt und mit ihrem Gürtel spielte, fuhr Dame Hsing mit kühlem Lächeln fort: „Dein feiner älterer Bruder Liän lebt mit deiner Schwägerin Hsi-fëng herrlich und in Freuden, alles halten sie unter ihrer Fuchtel, überall haben sie ihre Finger im Spiel, aber an die einzige Schwester, die er hat, verschwenden sie keinen Gedanken. Wenn er nur mein leiblicher Sohn wäre! Dann wüßte ich, was ich ihm zu sagen hätte. So aber muß ich ihn tun und treiben lassen, was er mag, zumal ich auch dich nicht geboren habe. Aber wenn du auch nicht dieselbe Mutter hast wie er, so habt ihr doch einen gemeinsamen Vater, und deshalb müßte es schon ein wenig wechselseitige Aufmerksamkeit geben, damit man sich nicht zum Gespött der Leute macht. Die Dinge dieser Welt sind, wie mir scheint, schwer gegeneinander abzuwägen. Du bist die Tochter einer Nebenfrau des älteren gnädigen Herrn, und Tan-tschun ist die Tochter einer Nebenfrau des zweiten gnädigen Herrn, also seid ihr eurer Herkunft nach gleich. Nun ist deine Mutter schon tot, aber als sie noch lebte, war sie nach meinem Urteil zehnmal so gut wie Nebenfrau Dschau. Also müßtest auch du von Rechts wegen besser sein als deine Kusine Tan-tschun. In Wirklichkeit aber bist du auch nicht halb so gut wie sie. Das ist wahrhaftig eine Merkwürdigkeit, die niemand ahnen konnte. Nur gut, daß ich mein Leben lang keinen Sohn und keine Tochter hatte und meine Tage in Ruhe verbringen konnte, ohne die Leute zu Spott und Gerede herauszufordern!“ „Unser Fräulein ist bieder und tugendhaft, nicht glattzüngig und redegewandt wie das dritte gnädige Fräulein, das alle seine Kusinen in den Schatten stellen möchte“, warfen Ying-tschuns Sklavenfrauen ein, die dienstfertig dabeistanden. „Sie weiß ganz genau, wie unser Fräulein ist, aber sie zeigt kein bißchen Wohlwollen für sie.“ „Was kann man schon von andern erwarten, wenn selbst ihr Bruder und seine Frau so zu ihr sind?“ fragte Dame Hsing. Das hatte sie kaum gesagt, als gemeldet wurde: „Die Frau des jungen Herrn Liän ist da.“ Als Dame Hsing das hörte, lachte sie nur zweimal kühl auf, dann befahl sie der Sklavin, wieder hinauszugehen, und trug ihr auf: „Ich lasse sie bitten, sie möge gehen und sich ausruhen. Ich brauche ihre Aufwartung hier nicht.“ Anschließend kam ein Sklavenmädchen, das für Dame Hsing Kundschafterdienste versah, und meldete: „Die alte gnädige Frau ist aufgewacht.“ Jetzt endlich stand Dame Hsing wieder auf, um sich in den vorderen Teil des Anwesens zu begeben. Ying-tschun gab ihr das Geleit bis vor das Hoftor, ehe sie wieder hineinging. „Was wird denn nun?“ fragte jetzt Hsiu-djü. „Schon neulich hatte ich Euch gemeldet, der Phönixhaarpfeil aus Goldfiligran mit den Perlen daran sei verschwunden, aber Ihr wolltet nichts davon wissen. Als ich sagte, bestimmt habe Eure Amme ihn verpfändet, um das Silber, das sie dafür bekommen hat, in ihre Spielhölle zu tragen, da wolltet Ihr es nicht wahrhaben und sagtet, Sï-tji habe den Haarpfeil weggelegt. So habe ich mich dann bei Sï-tji erkundigt, und wenn sie auch krank liegt, ist sie doch bei klarem Bewußtsein. Ich habe sie also gefragt, und sie hat geantwortet, sie habe den Haarpfeil nicht weggelegt, er liege vielmehr noch in dem Kästchen in Eurem Büchergestell, weil Sï-tji annahm, Ihr würdet ihn am fünfzehnten achten[6] tragen wollen. Ihr hättet also Eure Amme danach fragen müssen, aber das war Euch natürlich genierlich, weil Ihr Angst hattet, sie könnte böse werden. Im Augenblick ist wohl noch nichts zu befürchten, aber was wird, wenn demnächst alle ihren Phönixhaarpfeil tragen und nur Ihr eine Ausnahme macht?“ „Warum hätte ich fragen sollen?“ gab Ying-tschun ihr zurück. „Selbtverständlich hat sie sich den Haarpfeil genommen, weil sie momentan eine kleine Unterstützung brauchte. Ich glaubte, genauso heimlich, wie sie ihn genommen und fortgeschafft hat, werde sie ihn nach kurzer Zeit auch wieder zurücklegen, und damit würde alles in Ordnung sein. Ich konnte ja nicht ahnen, daß sie es vergessen würde. Nachdem es zum Skandal gekommen ist, würde es auch nichts mehr nützen, sie zu fragen.“ „Was heißt vergessen?“ nahm wieder Hsiu-djü das Wort. „Nur weil sie sich über Euren Charakter im klaren ist, hat sie das getan. Aber ich habe eine Idee. Ich werde zur zweiten jungen gnädigen Frau gehen, um ihr die Sache zu melden. Entweder sie schickt jemand zu Eurer Amme, um den Haarpfeil von ihr zurückzufordern, oder sie vereinfacht die Sache, indem sie ihr die paar Münzschnüre[7] gibt, die sie braucht, um ihn auszulösen. Wie findet Ihr das?“ „Hör auf damit!“ protestierte Ying-tschun sofort, „hör auf und steck lieber zurück! Eher will ich auf den Haarpfeil verzichten, als noch mehr Verwicklungen heraufzubeschwören.“ „Warum seid Ihr bloß so weich?“ fragte Hsiu-djü. „Wenn Ihr immer zurückstecken wollt, wird man eines Tages noch Euch selbst mit Hilfe von irgendeiner List hier wegschleppen. Es ist doch das beste, ich gehe zu ihr!“ Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen. Ying-tschun aber schwieg und mußte ihr ihren Willen lassen. Dabei ahnten sie freilich nicht, daß die Schwiegertochter von Ying-tschuns Amme, die Frau von Wang Dschu-örl, gekommen war, um Ying-tschun zu bitten, ein gutes Wort für ihre Schwiegermutter einzulegen. Als sie hörte, daß von dem goldenen Phönixhaarpfeil gesprochen wurde, war sie natürlich draußen geblieben. Im übrigen wurde Ying-tschun auf Grund ihrer Schüchternheit von der Familie Wang genausowenig ernst genommen wie von allen anderen. Als Wang Dschu-örls Frau jetzt hörte, daß Hsiu-djü fest entschlossen war, Hsi-fëng von dem Vorfall Meldung zu machen, so daß sie befürchten mußte, es sei nicht darum herumzukommen, ging sie doch hinein, zumal sie ja auch Ying-tschun ihre Bitte vortragen wollte. Lächelnd wandte sie sich dann an Hsiu-djü und sagte: „Bleibt hier, Fräulein, und verursacht keinen neuen Skandal! Den goldenen Haarpfeil des gnädigen Fräuleins hat sich meine alte Schwiegermutter in ihrer Dummheit vorübergehend ausgeliehen, weil sie einiges Geld beim Spiel verloren hatte und nichts mehr besaß, um es zurückzugewinnen. Eigentlich hatte sie ihn sofort wieder auslösen wollen, aber weil es ihr nicht gelang, ihr Kapital zurückzugewinnen, hat sich die Sache verzögert. Nun aber mußte gerade jetzt irgendwer alles ausplaudern, und die ganze Geschichte ist aufgeflogen. Dennoch würden wir natürlich nie wagen, etwas zu verbummeln, was der Herrschaft gehört, und werden den Haarpfeil über kurz oder lang wieder auslösen. Jetzt aber möchte ich das gnädige Fräulein daran erinnern, wie sie von klein auf von meiner Schwiegermutter die Brust bekommen hat, und möchte sie bitten, zur alten gnädigen Frau zu gehen und sich dafür einzusetzen, daß meine Schwiegermutter begnadigt wird.“ „Diese Wahnidee schlag dir nur schnell aus dem Kopf, gute Schwägerin!“ nahm als Erste Ying-tschun das Wort. „Wenn du darauf warten willst, daß ich mich für sie verwende, wirst du auch nächstes Jahr noch vergeblich warten. Eben haben es meine Kusinen Hsüä und Lin schon gemeinsam versucht, und die alte gnädige Frau ist nicht darauf eingegangen. Was also könnte ich allein ausrichten? Ich schäme mich gerade schon genug, soll ich mir obendrein noch eine Abfuhr holen?“ „Den Haarpfeil auszulösen ist eine Sache, und für deine Schwiegermutter um Gnade zu bitten eine andere. Das beides darfst du nicht durcheinanderbringen“, sagte jetzt Hsiu-djü. „Hast du vielleicht vor, den Haarpfeil nicht auszulösen, wenn sich das gnädige Fräulein nicht für deine Schwiegermutter einsetzt? Also bring uns zuerst den Haarpfeil, und dann reden wir weiter!“ Ying-tschuns unverhüllte Weigerung und Hsiu-djüs scharfe Zurechtweisung waren mehr, als Wang Dschu-örls Frau ertragen konnte. Auf Ying-tschuns übliche Gutherzigkeit bauend, hielt sie sich an Hsiu-djü, der sie nun entgegnete: „Pocht nur nicht so auf Eure Machtstellung, Fräulein! Geht einmal die ganze Familie durch und seht Euch an, welche von den alten Ammen dank der jungen Herrschaft, auf die sie sich stützen kann, nicht reichliche Vorteile hätte. Nur uns wird alles peinlich genau vorgerechnet, und die einzigen, die heimlich alles wegtragen dürfen, seid Ihr. Seitdem dieses Fräulein Hsing im Hause ist, wird auf Befehl der gnädigen Frau ein Liang Silber pro Monat eingespart, um es der gnädigen Frau Tante zu geben. Die Unterhaltskosten für Fräulein Hsing sind dazugekommen, das Monatsgeld jedoch ist um ein Liang gekürzt worden, aber wer ginge hin, um mehr zu verlangen? Immer, wenn es an etwas mangelt, haben eben wir dafür aufzukommen, anstatt daß alle ein bißchen genügsamer sind. Alles in allem haben wir bis zum heutigen Tag wenigstens dreißig Liang Silber geopfert. Sollten wir das ganze Geld vielleicht für nichts und wieder nichts ausgegeben haben...“ Ohne zu warten, bis sie zu Ende gesprochen hatte, spuckte Hsiu-djü aus und fuhr sie an: „Wofür mußtest du dreißig Liang Silber opfern? Das mußt du mir vorrechnen! Und was hätte das gnädige Fräulein von euch verlangt?“ Zugleich aber gebot ihnen Ying-tschun Einhalt, kaum daß sie gehört hatte, wie Wang Dschu-örls Frau auch Dame Hsing mit ins Spiel brachte. „Schluß jetzt, Schluß!“ forderte sie, „wenn du nicht einmal meinen goldenen Phönixhaarpfeil herbeischaffen kannst, brauchst du hier auch nicht herumzuschreien und vom hundersten ins tausendste zu kommen. Ich will den Haarpfeil gar nicht mehr haben. Wenn die gnädigen Frauen wirklich danach fragen sollten, sage ich einfach, ich hätte ihn verloren, dann seid ihr in keiner Weise betroffen. Und jetzt solltest du nach Hause gehen und dich ausruhen, das wäre das beste!“ Zugleich befahl sie Hsiu-djü, sie solle ihr Tee eingießen. Aber zornig und erregt sagte Hsiu-djü: „Ihr habt zwar nichts zu befürchten, aber wie stehen wir da, wenn es heißt, wir ließen Eure Sachen verlorengehen! Und hat sie nicht eben behauptet, Ihr hättet Geld von ihnen verbraucht, und wollte sich nun an Euch schadlos halten? Und was passiert, wenn die gnädige Frau fragt, wofür Ihr dieses Geld verbraucht habt? Wird es nicht heißen, wir hätten unsern Vorteil daraus gezogen? Nicht auszudenken wäre das!“ Bei diesen Worten brach sie in Tränen aus. Auch Sï-tji hatte es nicht länger mit anhören können und schleppte sich jetzt herüber, um gemeinsam mit Hsiu-djü ihre Vorwürfe gegen Wang Dschu-örls Frau zu richten. Als Ying-tschun merkte, daß sie durch ihr Zureden nicht zum Schweigen zu bringen waren, griff sie sich einen Band von „Des Allerhöchsten Obersten Schrift über die Vergeltung“[8] und begann, darin zu lesen. Während die drei Streitenden nicht voneinander lassen wollten, erschienen Bau-tschai, Dai-yü, Bau-tjin und Tan-tschun in Ying-tschuns Gehöft, weil sie sich gesagt hatten, Ying-tschun werde heute in gedrückter Stimmung sein, und sie nun trösten wollten. Schon als sie in den Hof traten, hörten sie einen Wortwechsel, an dem zwei oder drei Personen beteiligt zu sein schienen. Also schaute Tan-tschun durch das Gazefenster ins Zimmer und erblickte dort Ying-tschun, die auf ihrem Bett lag und in einem Buch las, als ob sie die Auseinandersetzung gar nicht bemerkte – ein Anblick, der auch Tan-tschun zum Lachen brachte. Inzwischen hoben die kleineren Sklavenmädchen den Türvorhang auf und meldeten: „Die gnädigen Fräulein sind gekommen.“ Jetzt erst legte Ying-tschun ihr Buch beiseite und stand vom Bett auf. Als aber Wang Dschu-örls Frau sah, daß Gäste kamen und daß auch Tan-tschun darunter war, hörte sie ganz von selbst auf zu streiten und glaubte, eine günstige Gelegenheit zum Rückzug gefunden zu haben. Doch kaum daß Tan-tschun sich hingesetzt hatte, fragte sie schon: „Wer hatte hier eben gesprochen? Es hörte sich nach einem Streit an.“ „Nicht doch!“ sagte Ying-tschun lächelnd. „Das war nur viel Lärm um nichts. Es lohnt nicht, danach zu fragen.“ „Ich habe aber gehört, daß von einem goldenen Phönixhaarpfeil die Rede war“, beharrte Tan-tschun, ebenfalls lächelnd, „außerdem hat jemand gesagt: ‚Wenn kein Geld da ist, laßt Ihr Euch welches von uns Sklaven geben.‘ Wer also läßt sich hier Geld von den Sklaven geben? Etwa du, Kusine? Bekommst du nicht dein Monatsgeld genau wie wir, mit dem du dein Auskommen hast?“ „Ihr habt völlig recht, gnädiges Fräulein!“ sagten Sï-tji und Hsiu-djü darauf. „Alle gnädigen Fräulein erhalten das gleiche, und überall werden diese Gelder von den Ammen in einer Weise ausgegeben, daß selbst wir nicht wissen, wie wir das abrechnen sollen. Nur den Mund brauchen sie aufzumachen, wenn sie etwas haben wollen. Aber sie dort hat behauptet, unser gnädiges Fräulein habe zuviel verbraucht und sie habe wer weiß wieviel zuschießen müssen. Dabei hat unser gnädiges Fräulein nie etwas von ihnen verlangt.“ „Wenn meine Kusine nichts von ihnen verlangt hat, sind vielleicht wir es gewesen“, sagte Tan-tschun lächelnd. „Ruft sie noch einmal herein, ich möchte sie danach fragen!“ „Das ist ja lächerlich, was du da sagst“, versuchte Ying-tschun, wiederum lächelnd, einen Einspruch. „Ihr seid doch gar nicht betroffen, warum willst du jetzt sie mit hineinziehen?“ „Das stimmt nicht“, erwiderte Tan-tschun. „Ich bin nichts anderes als du auch. Und was dich angeht, geht mich genauso an. Wenn sie gegen dich etwas sagt, sagt sie es damit auch gegen mich. Wenn meine Leute drüben über mich grollen und du es hörst, ist es genauso, als wenn sie über dich grollen würden. Wir sind die Herrschaft, und wir kümmern uns natürlich nicht um solche Nichtigkeiten wie Geld und Besitz, deshalb kann es schon vorkommen, daß wir einfach verlangen, was uns gerade in den Sinn kommt. Ich verstehe bloß nicht, was der goldene Phönixhaarpfeil damit zu tun haben soll.“ Nun hatte Wang Dschu-örls Frau größte Angst, Hsiu-djü und die anderen könnten sie vor Tan-tschun anklagen, deshalb kam sie jetzt schnell herein und versuchte, die Sache zu bemänteln. Aber Tan-tschun verstand sehr gut, was die Frau im Sinn hatte, und so sagte sie lächelnd: „Da sieht man, wie dumm ihr seid! Hat sich deine Schwiegermutter heute nicht schon einer Verfehlung wegen verantworten müssen? Alles wäre schon erledigt gewesen, wenn du jetzt die zweite junge Herrin gebeten hättest, mit einem Teil des beschlagnahmten Geldes, das noch nicht unter die Leute verteilt ist, den Schmuck auszulösen. Das beste wäre freilich gewesen, die Sache wäre erst gar nicht ruchbar geworden, alle hätten den Mund gehalten, und jedermanns Ansehen wäre gewahrt geblieben. Aber nachdem sie ihr Ansehen nun einmal verloren hat, kann sie auch für zehn Vergehen nicht mehr als einmal bestraft werden. Niemand kann verlangen, daß einem Verbrecher zwei Köpfe abgeschlagen werden. Wenn du auf mich hörst, sprichst du also mit der zweiten jungen Herrin. Was soll es nutzen, wenn du hier mit großem Stimmaufwand eine kleine Sache verfichtst?“ Damit hatte Tan-tschun den Nagel auf den Kopf getroffen, und Wang Dschu-örls Frau konnte keinen Einwand mehr erheben, doch den Mut, sich Hsi-fëng zu stellen, hatte sie auch nicht. Inzwischen sagte Tan-tschun noch: „Wenn ich nichts davon gewußt hätte, hätte es mich kalt gelassen, aber nachdem ich es erfahren hatte, mußte ich euren Streit auch schlichten.“ Und ohne daß jemand anders es merkte, gab sie Dai-schu mit den Augen ein Zeichen, woraufhin Dai-schu das Zimmer verließ. Während sie dann noch immer in ihr Gespräch vertieft waren, kam plötzlich Ping-örl zur Tür herein. Lachend klatschte Bau-tjin in die Hände und sagte: „Kusine Tan-tschun beherrscht wohl die Kunst, böse Geister zu vertreiben und göttlichen Beistand herbeizuzaubern?“ „Nein“, sagte Dai-yü, „sie ist keine dauistische Schwarzkünstlerin, sondern eine raffinierte Strategin. Dazu sagt man ‚Bei der Verteidigung wie eine Jungfrau[9], und auf der Flucht wie ein Hase.‘ Die Kriegslist besteht darin, über den Gegner herzufallen, wenn er nicht in Bereitschaft ist.“ Beide lachten sie, aber Bau-tschai zwinkerte ihnen zu, um ihnen zu verstehen zu geben, sie sollten damit aufhören. Dann gab sie dem Gespräch eine andere Richtung. Als Tan-tschun sah, daß Ping-örl gekommen war, fragte sie: „Geht es deiner Herrin noch nicht besser? Diese Krankheit muß ihr wahrhaftig den Verstand getrübt haben, daß sie sich um nichts mehr kümmert und wir uns beleidigen lassen müssen.“ „Womit hat man Euch beleidigt? Wer hat es gewagt, Euch zu erzürnen? Gebt mir nur schnell Eure Befehle!“ sagte Ping-örl darauf. Wang Dschu-örls Frau war nun erst recht verunsichert, darum drängte sie Ping-örl: „Nehmt Platz, Fräulein, und laßt es mich bitte erklären!“ „Ja, gibt es denn das, daß du dich hier einfach einmischst, wenn die Fräulein sich unterhalten?“ fragte Ping-örl mit strenger Miene. „Wenn du nur Anstand besäßest, würdest du draußen stehen und warten, daß man dich ruft. Hier hast du überhaupt nichts zu suchen. Wo hätte man jemals erlebt, daß die Frauen vom Außendienst unaufgefordert in die Zimmer der gnädigen Fräulein kommen?“ „Bei uns hier gibt es keinen Anstand“, warf Hsiu-djü ein. „Hier kommt jede herein, wie es ihr gefällt.“ „Daran seid nur ihr schuld“, hielt Ping-örl ihr vor. „Euer Fräulein ist zu gutherzig. Darum müßt ihr solche Eindringlinge mit Gewalt hinauswerfen und sie dann der gnädigen Frau melden.“ Nach Ping-örls Rüge verließ Wang Dschu-örls Frau endlich mit schamrotem Kopf das Zimmer, und nun sagte Tan-tschun: „Das will ich dir sagen, wenn jemand anders mich kränkt, lasse ich mir das noch gefallen, diese Frau von Wang Dschu-örl aber hat mit ihrer Schwiegermutter zusammen, nur weil die hier einmal Amme war und weil meine Kusine so gutmütig ist, heimlich ein Schmuckstück in die Pfandleihe getragen, um mit dem Erlös Glücksspiele zu spielen, und jetzt wollte sie meine Kusine auch noch mit Hilfe gefälschter Rechnungen dazu zwingen, für ihre Schwiegermutter Fürsprache einzulegen, und hat im Schlafzimmer mit den beiden Mädchen hier gezankt wie ein Rohrspatz. Meine Kusine war nicht imstande, sie zur Ruhe zu bringen, und weil ich das nicht länger mit ansehen konnte, habe ich dich hierher gebeten, um dich folgendes zu fragen: Ist die Frau eventuell nicht von dieser Welt, daß sie nicht weiß, was sich gehört, oder steckt vielleicht jemand von den Herrschaften dahinter, der mit ihrer Hilfe zuerst Kusine Ying-tschun und dann mich und Kusine Hsi-tschun unterkriegen will?“ „Wie könnt Ihr nur so etwas sagen, gnädiges Fräulein!“ beteuerte Ping-örl sofort und lächelte dazu. „Wie sollte meine junge Herrin solchem Vorwurf gewachsen sein?“ Aber mit kühlem Lächeln gab Tan-tschun zurück: „Der Volksmund sagt richtig ‚Ein jedes Wesen leidet mit seiner Art.‘ Und es heißt ja auch ‚Wenn die Zähne fehlen, fallen die Lippen ein‘. Darum hat mich die Sache natürlich ein bißchen beunruhigt.“ „Andererseits ist es nichts so Schwerwiegendes, daß es sich nicht regeln ließe“, gab Ping-örl zu bedenken. „Aber schließlich ist sie die Amme des gnädigen Fräuleins, und so würde ich gern hören, wie das gnädige Fräulein darüber denkt.“ Ying-tschun hatte derweilen mit Bau-tschai Geschichten aus der „Schrift über die Vergeltung“ gelesen und dabei überhaupt nicht wahrgenommen, was Tan-tschun gesagt hatte. Als sie jetzt plötzlich von Ping-örl angesprochen wurde, erwiderte sie lächelnd: „Wenn du mich fragst, ich weiß auch nicht, was da zu tun ist. Für die Verfehlungen, derer sie sich schuldig gemacht haben, müssen sie selber einstehen, ich kann mich nicht zu ihren Gunsten verwenden. Vorhaltungen werde ich ihnen auch nicht machen, und damit ist der Fall für mich erledigt. Die Sachen, die sie mir heimlich weggenommen haben, werde ich annehmen, falls sie sie zurückbringen; und wenn sie sie nicht zurückbringen, verzichte ich darauf. Wenn mich die gnädigen Frauen danach fragen, und es gelingt mir, den wahren Sachverhalt zu verschweigen, dann haben sie Glück gehabt. Wenn nicht, kann ich nichts daran ändern und muß alles frank und frei erzählen, denn es gibt keinen Grund, warum ich zu ihren Gunsten die gnädigen Frauen betrügen sollte. Ihr werdet vielleicht sagen, ich sei zu weichherzig und unentschlossen, und wenn ihr eine Möglichkeit seht, es allen Seiten recht zu machen, dann wollen wir danach verfahren. Ich sehe keine solche Möglichkeit.“ Allen, die es hörten, war zum Lachen zumute, und Dai-yü bemerkte fröhlich: „Dazu kann man wirklich sagen ‚Ein Gespräch über Ursache und Wirkung führen, während schon Tiger und Wölfe die Palasttreppe belagern.‘ Wie wollte wohl Kusine Ying-tschun, wenn sie ein Mann wäre, mit so einem volkreichen Hauswesen fertig werden?“ „Eben!“ parierte Ying-tschun lächelnd. „Wie viele Männer sind dazu nicht imstande, und ich soll es können!“ Das hatte sie kaum ausgesprochen, als wieder jemand zur Tür hereinkam. Wer wissen will, wer das war, muß das nächste Kapitel lesen.
Anmerkungen
- ↑ Um den ungebärdigen Affenkönig Sun Wu-kung (vgl. o., Anm. zu S. 325), der den Titel ‚Himmelgleicher Großer Heiliger‘ führt, gefügig zu machen, wird er von der Göttin Guan-yin verurteilt, eine Mütze zu tragen, in der sich ein Golddraht um seinen Kopf zusammenzieht, sobald sein Meister Hsüan-dsang die entsprechende Beschwörungsformel hersagt.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 38.
- ↑ Von Liu Hsiang (vgl. o., Anm. zu S. 87) kompiliertes Werk, das die Reden und Vorschläge von Gelehrten enthält, die in der ‚Zeit der Kämpfenden Staaten‘ (480 – 221 v. u. Z.) von einem Fürstenhof zum anderen zogen und die Herrscher für ihre Ideen zu gewinnen suchten.
- ↑ Zu den klassischen Schriften des Konfuzianismus gerechnete Werke, in denen die angeblich von Konfuzius (Kung-dsï) selbst redigierten ‚Frühlings- und Herbstannalen‘ erklärt werden. Die Verfasserschaft wurde Dsuo Tjiu-ming, Gung-yang Gau bzw. Gu-liang Tschï zugeschrieben.
- ↑ Der achtgliedrige Aufsatz (ba-gu) war die vorgeschriebene Form für die bei den staatlichen Prüfungen abzufassenden Arbeiten.
- ↑ Zum Mittelherbstfest, vgl. o., Anm. zu S. 16.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 299.
- ↑ Im alten China weitverbreitete dauistische Schrift, die anhand zahlreicher Beispiele zu moralischem Wohlverhalten ermahnte.
- ↑ Der Ausspruch geht auf das Buch des Militärtheoretikers Sun-dsï zurück.