Difference between revisions of "Hongloumeng/de/Chapter 76"

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=== In der Halle des erhabenen Gruen lauschen sie der Floete und empfinden Wehmut; Im Pavillon des eingesunkenen Kristalls dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit ===
 
=== In der Halle des erhabenen Gruen lauschen sie der Floete und empfinden Wehmut; Im Pavillon des eingesunkenen Kristalls dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit ===
  
nd sagte: „Der Herr läßt Euch fragen, ob Ihr heute ausgehen wollt, junge gnädige Frau. Er sagt, da wir Trauer haben, könnten wir morgen am fünfzehnten nicht feiern. Heute abend jedoch wäre es günstig, da könnten wir alle zusammen wenigstens so tun als ob, ein wenig Melone und Mondkekse essen und einen Schluck Wein dazu trinken.“
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'''An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung wird durch Flötenklänge Traurigkeit erweckt,bei der Herberge Kristallklare Vertiefung wird in Verszeilen die Einsamkeit beklagt.'''
„Ich will nicht ausgehen“, erwiderte Frau You. „Aber drüben liegt die ältere Schwägerin krank, und nun hat sich auch die Frau von Schwager Liän hinlegen müssen. Wenn ich nicht hinübergehe, ist dort überhaupt niemand mehr. Außerdem hat er doch gar keine Zeit, was redet er also?“
 
„Der Herr hat erklärt, für heute habe er allen Gästen abgesagt, und sie würden erst am sechzehnten wieder kommen. Er wolle unbedingt Euch zum Wein einladen“, berichtete Pee-fëng.
 
„Na gut“, sagte Frau You lächelnd, „aber ich kann keine Gegeneinladung aussprechen.“
 
Lachend ging Pee-fëng hinaus, und als sie bald darauf wiederkam, verkündete sie lächelnd: „Der Herr hat gesagt, auch zum Abendessen möchte er Euch bitten, darum solltet Ihr auf jeden Fall rechtzeitig wieder hier sein. Ich aber soll Euch begleiten.“
 
„Und was wird mit dem Frühstück?“ fragte Frau You. „Er soll sich nur beeilen, damit ich gehen kann.“
 
„Der Herr hat gesagt, das Frühstück wolle er draußen einnehmen, und Ihr solltet ohne ihn essen, junge gnädige Frau“, berichtete Pee-fëng weiter.
 
„Wen hat er denn heute draußen?“ erkundigte sich Frau You.
 
„Ich habe nur gehört, es seien zwei Neuankömmlinge aus Nan-djing da“, gab Pee-fëng zur Antwort. „Ich weiß aber nicht, wer sie sind.“
 
Während dieses Gesprächs war auch Djia Jungs Frau erschienen, die sich gekämmt und gewaschen hatte und nun ihren Gruß entbot. Bald darauf wurde der Tisch gedeckt, Frau You nahm oben auf dem Ehrensitz Platz, und Djia Jungs Frau leistete ihr auf dem unteren Sitz Gesellschaft. Nachdem Schwiegermutter und Schwiegertochter gemeinsam gegessen hatten, ging Frau You sich umziehen, und dann fuhr sie ins Jung-guo-Anwesen hinüber und kam erst am Abend zurück.
 
Tatsächlich hatte Djia Dschën ein Schwein und einen Hammel zubereiten lassen. Die übrigen Speisen und Früchte können hier nicht alle aufgezählt werden. In der Halle des Üppigen Grüns im Garten der Gesammelten Düfte prangten Pfauenbilder auf den Setzschirmen, und Lotosmuster strahlten von den Sitzkissen. Dorthin führte er Frau und Nebenfrauen. Erst kamen die Speisen, dann der Wein auf den Tisch, und alle erfreuten sich in gelöster Stimmung am Anblick des Mondes und waren vergnügt. Um die erste Nachtwache herum war die Luft rein, und der Mond schien klar, Himmel und Erde waren anzusehen wie Silber.
 
Djia Dschën hatte Lust auf ein Trinkspiel, darum rief Frau You auch Pee-fëng und die anderen drei mit an die Haupttafel, wo sie sich in einer Reihe auf die unteren Plätze setzen mußten, und dann spielten sie Faustraten und Fingerknobeln0 und tranken ein Weilchen. Als Djia Dschën schon ein wenig berauscht war, geriet er noch mehr in Stimmung und befahl, eine Flöte aus Schwarzbambus zu holen, auf der Pee-fëng spielen mußte, während Wën-hua ein Lied dazu sang. Ihre Stimme war so rein und zart, daß jedermanns Seele gleichsam berauscht wurde und davonzufliegen drohte.
 
Nachdem das Lied zu Ende war, wurden wieder Trinkspiele gespielt, und als es auf die dritte Nachtwache zuging, war Djia Dschën zu acht Zehnteln betrunken. Eben hatten sich alle etwas übergezogen und Tee getrunken, und es kamen andere Becher und frischer Wein auf den Tisch, da hörten sie plötzlich, wie jenseits der Mauer jemand langanhaltend seufzte.
 
Alle hatten es deutlich gehört, und jedermann wurde von Furcht befallen. Djia Dschën schrie sofort wütend hinüber: „Wer ist da?“ Doch obwohl er die Frage mehrmals wiederholte, erfolgte keine Antwort.
 
„Es wird bestimmt jemand vom Gesinde gewesen sein, das außerhalb der Mauer wohnt“, sagte Frau You.
 
„Unsinn!“ erwiderte Djia Dschën. „Hinter der Mauer sind nirgends Gesindehäuser. Nahebei liegt nur unser Ahnentempel. Wie sollte jemand dorthin gekommen sein?“
 
Kaum daß er ausgesprochen hatte, fegte ein Windstoß über die Mauer, und es hörte sich an, als ob im Ahnentempel die Türen in den hölzernen Trennwänden klapperten. Außerdem war der Wind so eisig, daß alle noch stärker fröstelten als vorhin. Auch war das Mondlicht jetzt trübe und fahl anstatt hell und klar wie zuvor, und jeder spürte, wie sich ihm die Haare sträubten.
 
Djia Dschën war wieder halbwegs nüchtern geworden, und obwohl er sich mehr in der Gewalt hatte als die übrigen, wurde sein Herz doch von Zweifeln und Furcht bestürmt, und die Laune war ihm gründlich verdorben. Dennoch zwang er sich, noch ein Weilchen auszuhalten, ehe er wieder ins Haus ging und sich schlafen legte.
 
Am nächsten Morgen stand Djia Dschën in aller Frühe auf, um zum fünfzehnten die Söhne des Hauses in den Ahnentempel zu führen und dort das Opfer zu vollziehen, wie es zu Neumond und Vollmond der Brauch ist. Dabei sah er sich im Ahnentempel sorgfältig um, aber dort waren keine verdächtigen Spuren zu finden. Deshalb sagte sich Djia Dschën, er müsse in der Trunkenheit einer Sinnestäuschung zum Opfer gefallen sein, und erwähnte nichts von dem Vorfall. Als die Zeremonie beendet war, machte er die Türen zu und überzeugte sich davon, daß sie fest verschlossen wurden.
 
Erst nach dem Abendessen begab sich Djia Dschën mit Frau You ins Jung-guo-Anwesen hinüber. Dort fand er Djia Schë und Djia Dschëng im Zimmer der Herzoginmutter, wo sie im Sitzen mit ihr plauderten und scherzten. Djia Liän, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan standen in dienstfertiger Haltung daneben. Als Djia Dschën eingetreten war, entbot er jedem seinen Gruß, und nach zwei, drei Sätzen befahl ihm die Herzoginmutter, Platz zu nehmen. Respektvoll vornüber gebeugt, setzte er sich auf einen kleinen Hocker in der Nähe der Tür, und nun fragte die Herzoginmutter: „Wie macht sich dein Vetter Bau-yü in den letzten Tagen beim Bogenschießen?“
 
Sofort stand Djia Dschën wieder auf und gab lächelnd die Auskunft: „Er hat große Fortschritte gemacht. Nicht nur sein Stil hat sich verbessert, auch die Bogenstärke hat er schon um eine Stufe zu steigern vermocht.“
 
„Damit ist es dann aber genug!“ warnte die Herzoginmutter. „Er soll sich nicht überanstrengen und muß auch vorsichtig sein, daß er sich nicht verletzt.“
 
„Sehr wohl, sehr wohl!“ antwortete Djia Dschën rasch mehrmals hintereinander, und die Herzoginmutter fuhr fort: „Die Mondkekse, die du mir gestern hast bringen lassen, waren gut. Auch die Wassermelonen sehen gut aus, aber wenn man sie aufschneidet, ist nicht viel los damit.“
 
„Die Mondkekse hat ein neuer Koch zubereitet, der sich speziell auf Gebäck versteht“, erklärte ihr Djia Dschën. „Erst nachdem ich sie gekostet hatte und für gut befand, wagte ich, sie Euch zu verehren. Die Melonen waren alle Jahre gut, aber diesmal taugen sie aus irgendeinem Grunde nichts.“
 
„Wahrscheinlich, weil es in diesem Jahr zuviel geregnet hat“, warf Djia Dschëng ein.
 
Nun forderte die Herzoginmutter alle lächelnd auf: „Gehen wir jetzt den Weihrauch opfern! Der Mond ist schon aufgegangen.“ Mit diesen Worten stützte sie sich auf Bau-yüs Schulter und schritt allen voran zum Garten hinüber.
 
Hier stand inzwischen das Haupttor weit offen, und große Hornlaternen hingen daran. Auf der Mondterrasse vor der Halle des Vortefflichen Schattens glühte ein dickes Weihrauchbündel, und Windlichter brannten. Wassermelonen, Mondkekse und allerlei Früchte standen aufgeschichtet bereit. In der Halle warteten schon lange die weiblichen Festgäste, allen voran Dame Hsing. Mondlicht und Lampenschein, Kleiderpracht und Weihrauchschwaden vereinigten sich zu einem üppigen Bild, das nicht zu beschreiben ist.
 
Auf dem Boden lagen ein Gebetsteppich und brokatbezogene Kissen. Nachdem sich die Herzoginmutter die Hände gewaschen, den Weihrauch entzündet und ihre Stirnaufschläge vollzogen hatte, berührten auch alle anderen mit der Stirn den Boden. Dann sagte die Herzoginmutter: „Den Anblick des Mondes können wir am besten vom Berg aus genießen.“ Und sie befahl, sie in die Halle auf dem Bergrücken zu gehen.
 
Kaum hatte das Gesinde den Befehl vernommen, eilten alle davon, um dort die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Inzwischen trank die Herzoginmutter in der Halle des Vortrefflichen Schattens Tee, ruhte sich ein wenig aus und plauderte etwas. Erst als bald darauf gemeldet wurde: „Es ist alles bereit!“, machte sich die Herzoginmutter, von beiden Seiten gestützt, daran, den Berg zu besteigen.
 
„Das Moos auf den Steinen wird glitschig sein!“ warnte Dame Wang und empfahl: „Laßt Euch besser in einem Bambustragstuhl hinauftragen!“
 
Aber die Herzoginmutter erwiderte: „Hier wird jeden Tag gefegt, außerdem ist der Weg weder steil noch schmal. Warum soll ich mir nicht ein bißchen die Knochen und Sehnen lockern?“
 
Also gingen Djia Schë und Djia Dschëng mit den anderen Männern als Führer voraus. Gefolgt wurden sie von zwei alten Sklavinnen mit Handlaternen aus Widderhorn. Yüan-yang, Hu-po und Frau You hielten sich dicht bei der Herzoginmutter und stützten sie. Dame Hsing und die übrigen Frauen gingen hinterdrein.
 
So stiegen sie im Zickzack bergauf, und nach wenig mehr als hundert Schritten waren sie auf der höchsten Erhebung des Berges angelangt, wo eine geräumige Halle stand, die auf Grund ihrer Lage auf dem Gipfel den Namen Bergvilla Jadegrüne Erhebung trug. Die Terrasse vor der Halle war durch einen großen Setzschirm in zwei Teile geteilt, und auf jeder Seite standen Tisch und Stühle. Sowohl die Tische als auch die Stühle waren kreisrund zu Ehren des Vollmonds.
 
Auf dem Mittelplatz am Ehrentisch ließ sich die Herzoginmutter nieder, ihr zur Linken nahmen Djia Schë, Djia Dschën, Djia Liän und Djia Jung Platz und ihr zur Rechten Djia Dschëng, Bau-yü, Djia Huan und Djia Lan. Aber so war der Kreis nur zur Hälfte geschlossen, so daß an der unteren Seite eine große Lücke klaffte.
 
Lächelnd sagte die Herzoginmutter: „Alltags hat man nicht den Eindruck, daß wir nicht viele sind, aber wie es heute aussieht, sind wir doch nur sehr wenig – kaum daß wir noch zählen! Wenn ich daran denke, wie wir früher gelebt haben! Da waren wir an diesem Abend dreißig oder vierzig Männer und Frauen. Und was für einen Trubel haben wir damals gehabt! Die paar Leute, die wir heute noch hätten rufen können, haben selber Vater und Mutter und feiern bei sich zu Hause, so daß sie nicht gut abkommen können. Darum wollen wir jetzt den Mädchen befehlen, sich dort hinzusetzen.“Und sie ordnete an, daß jemand Ying-tschun, Tan-tschun und Hsi-tschun von Dame Hsings Tischrunde hinter dem Setzschirm herüberbat.
 
Djia Liän, Bau-yü und die anderen jüngeren Familienmitglieder standen vom Tisch auf und überließen ihre Stühle den drei Mädchen, ehe sie sich der Rangfolge gemäß auf den unteren Plätzen wieder einordneten. Dann befahl die Herzoginmutter, einen Duftblütenzweig zu bringen und ihn von Hand zu Hand gehen zu lassen, während eine Sklavin hinter dem Wandschirm die Trommel schlug. Wer den Zweig in der Hand hielt, wenn der Trommelschlag aussetzte, sollte einen Becher Wein trinken und zur Strafe etwas Komisches erzählen.
 
Bei der Herzoginmutter fing das Spiel an, als nächster bekam Djia Schë den Zweig, und so wechselte er von einem zum anderen. Für knapp zwei Runden reichten die Trommelschläge, dann hörten sie auf, gerade als Djia Dschëng den Zweig in der Hand hielt, und notgedrungen mußte er trinken. Die Mädchen und Jungen stießen einander heimlich an und kniffen sich gegenseitig verstohlen. Jeder wartete lächelnd, was Djia Dschëng zum besten geben würde, und als dieser sah, wie die Herzoginmutter sich freute, mußte er wohl oder übel auf den Spaß eingehen. Eben wollte er anfangen zu erzählen, da warnte ihn die Herzoginmutter lächelnd: „Wenn du uns nicht zum Lachen bringst, wirst du noch einmal bestraft!“
 
„Ich kenne nur eine einzige komische Geschichte“, sagte Djia Dschëng, ebenfalls lächelnd. „Wenn Ihr darüber nicht lacht, muß ich meine Strafe empfangen.“ Und schmunzelnd erzählte er: „Es war einmal ein Mann, der hatte schreckliche Angst vor seiner Frau...“
 
Kaum hatte er den Satz ausgesprochen, da lachten schon alle los, aber nur weil sie es noch nie erlebt hatten, daß Djia Dschëng etwas Lustiges gesagt hätte.
 
„Das ist bestimmt etwas Gutes!“ sagte die Herzoginmutter lächelnd, und Djia Dschëng erwiderte, gleichfalls lächelnd: „Wenn es etwas Gutes ist, müßt Ihr einen Becher zusätzlich trinken, alte gnädige Frau!“
 
„Das versteht sich!“ versprach die Herzoginmutter und lächelte wieder.
 
Djia Dschëng aber fuhr fort: „Dieser feige Mann hatte noch nie gewagt, auch nur einen einzigen unerlaubten Schritt zu tun. Und ausgerechnet am fünfzehnten achten, als er ausging, um etwas einzukaufen, traf er zufällig ein paar Freunde, die ihn mit Gewalt in das Haus des einen von ihnen zum Weintrinken mitschleppten. Ohne daß der Mann es wollte, betrank er sich und schlief dadurch bei seinem Freund ein. Erst am nächsten Tag kam er wieder zu sich, aber nun kam die Reue zu spät, und es blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Hause zu gehen und seine Schuld auf sich zu nehmen.
 
Seine Frau wusch sich eben die Füße und sagte: ‚Wenn das so ist, mußt du mir die Füße lecken, dann verzeihe ich dir!‘ Da hatte der Mann keine andere Wahl, als ihr die Füße zu lecken, doch unwillkürlich wurde ihm dabei so schlecht, daß er sich übergeben mußte. Darüber wurde seine Frau zornig. Sie drohte, ihn zu schlagen, und sagte: ‚Was ist das für ein Benehmen?‘ Vor lauter Angst kniete der Mann nieder und entschuldigte sich: ‚Es ist ja nicht, weil deine Füße stinken. Gestern abend habe ich zuviel Reiswein getrunken und außerdem ein paar gefüllte Mondkuchen essen müssen, nur darum ist mir heute ein wenig übel.‘“
 
Die Herzoginmutter und auch alle anderen brachen in Gelächter aus, und rasch goß Djia Dschëng einen Becher Wein ein, den er der Herzoginmutter reichte. Die Herzoginmutter aber sagte lächelnd: „Wenn das so ist, wollen wir schnell Branntwein holen lassen, damit es euch nicht genauso ergeht!“ Und wieder begannen alle zu lachen.
 
Anschließend wurde erneut die Trommel geschlagen, und der Zweig machte, von Djia Dschëng ausgehend, die Runde. Ausgerechnet als er bei Bau-yü angelangt war, setzte diesmal der Trommelschlag aus.
 
Bau-yü war in Djia Dschëngs Anwesenheit ohnehin respektvoll und unruhig zugleich, und als er jetzt den Zweig in der Hand hielt, sagte er sich: ‚Wenn ich die andern nicht zum Lachen bringe, wird es wieder einmal heißen, ich hätte kein Redetalent und brächte nicht einmal einen Witz zustande, von anderen Dingen ganz zu schweigen. Aber wenn ich es gut mache, wird es im Gegenteil heißen, auf etwas Ordentliches verstünde ich mich nicht, nur auf glattzüngiges Geschwätz. Dann wäre die Verfehlung noch größer. Das beste ist, ich erzähle gar nichts.‘ Also stand er auf und entschuldigte sich: „Ich kann nichts Komisches erzählen und bitte, mir etwas anderes aufzugeben.“
 
„Dann gebe ich dir die Silbe tjiu – ‚Herbst‘ – vor, und du schreibst ein Gedicht, das auf den heutigen Abend paßt!“ befahl Djia Dschëng. „Wenn es gut ist, werde ich dich belohnen, aber wenn es nichts taugt, dann nimm dich morgen in acht!“
 
„Aber es ist doch so ein schönes Trinkspiel“, wandte die Herzoginmutter ein. „Warum soll er ein Gedicht schreiben?“
 
„Er kann das“, versicherte Djia Dschëng.
 
„Also gut!“ lenkte die Herzoginmutter ein und befahl, Papier und Schreibpinsel zu bringen.
 
„Du sollst aber nicht so abgegriffene Wörter wie ‚Eis‘, ‚Jade‘, ‚Kristall‘ und ‚Silber‘, ‚bunt‘, ‚strahlend‘, ‚hell‘ oder ‚rein‘ gebrauchen, sondern etwas Eigenes leisten und unter Beweis stellen, was für Gedanken du dir in den letzten Jahren gemacht hast“, ordnete Djia Dschëng zusätzlich an.
 
Das war genau das, was Bau-yü sich gewünscht hatte. Sofort fielen ihm vier Zeilen ein, und er schrieb sie nieder und reichte den Bogen Djia Dschëng, der nun las0:
 
 
 
 
 
Als er gelesen hatte, nickte er schweigend. Daraus schloß die Herzoginmutter, daß es so schlecht nicht sein konnte, und fragte: „Nun, wie ist es?“
 
Um der Herzoginmutter einen Gefallen zu tun, sagte Djia Dschëng: „Er hat sich Mühe gegeben. Aber weil er zu faul zum Lernen ist, ist die Wortwahl nicht edel.“
 
„Laß gut sein!“ verlangte die Herzoginmutter. „Wie alt ist er schon?! Muß er denn unbedingt ein großartiges Talent sein? Du mußt ihn belohnen dafür, dann wird er in Zukunft auch fleißiger sein!“
 
„Ganz recht!“ erwiderte Djia Dschëng und wandte den Kopf, um einer der alten Ammen zu befehlen: „Geh hinüber und laß dir von den Jungen in meinem Bibliothekszimmer zwei von den Fächern geben, die ich von Hai-nan mitgebracht habe. Die soll er bekommen.“
 
Sofort verbeugte sich Bau-yü zum Dank und kehrte dann auf seinen Platz zurück, damit das Trinkspiel weitergehen konnte. Djia Lan aber, der gesehen hatte, wie Bau-yü belohnt wurde, verließ jetzt die Tafel, um auch ein Gedicht zu schreiben und es anschließend Djia Dschëng vorzulegen. Und Djia Dschëng las:
 
 
 
 
 
Nach der Lektüre vermochte er seine Freude nicht zu unterdrücken, und als er beide Gedichte der Herzoginmutter erklärte, war auch sie darüber hocherfreut und befahl Djia Dschëng sogleich, er solle nun auch Djia Lan belohnen.
 
Dann kehrten alle auf ihre Plätze zurück und setzten das Trinkspiel wieder fort. Diesmal blieb der Blütenzweig in Djia Schës Hand, und notgedrungen trank er Wein und begann zu erzählen: „Es war einmal in einer Familie ein sehr pflichttreuer Sohn. Als seine Mutter krank wurde und er nirgends einen Arzt finden konnte, holte er eine Alte, die sich auf Akupunktur verstand. Die Alte, die von der Pulsdiagnostik keine Ahnung hatte, sagte, es sei Feuer des Herzens und wenn sie die Mutter jetzt mit ihren Nadeln behandelte, würde sie bald wieder gesund sein.
 
Da wurde der Sohn der Kranken unruhig und fragte: ‚Wie könnt Ihr sie mit Nadeln behandeln? Ein Stich ins Herz, und sie ist tot!‘ ‚Ich werde ihr nicht ins Herz stechen, sondern nur in die Rippen‘, erwiderte die Alte. ‚Aber wie soll sie davon gesund werden, die Rippen sind doch vom Herzen weit entfernt?‘ wunderte sich der Sohn der Kranken. ‚Das macht nichts‘, versicherte die Alte. ‚Alle Leute auf dieser Welt, die Kinder haben, sind so einseitig in ihren Gefühlen, daß ihnen das Herz ganz auf der Seite sitzt.‘“
 
 
 
Aus: Jinyuyuan 1889a.
 
Alle lachten los, und die Herzoginmutter kam nicht umhin, einen halben Becher Wein zu trinken, ehe sie nach längerem Schweigen sagte: „Da könnte diese Alte auch mich behandeln.“
 
Als Djia Schë das hörte, merkte er, daß seine Erzählung unbedacht gewesen war und daß die Herzoginmutter sich getroffen fühlte. Darum stand er rasch auf, griff lächelnd nach ihrem Weinbecher, um ihr nachzuschenken, und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema. Da konnte auch die Herzoginmutter nicht gut auf die Sache eingehen und ließ das Trinkspiel weitergehen.
 
Diesmal behielt ausgerechnet Djia Huan den Blütenzweig in der Hand. Djia Huan  hatte in der letzten Zeit  auch  seine kleinen Erfolge  beim  Lernen ge­habt, aber genau wie Bau-yü stand ihm der Sinn nicht nach dem eigentlichen Lehrstoff. Er las vielmehr gern Gedichte, aber seine besondere Vorliebe galt dem Seltsamen und Geheimnisvollen, Unsterblichen und Geistern. Schon als er sah, wie Bau-yü für sein Gedicht belohnt wurde, hatte es ihn gejuckt, ebenfalls etwas zu schreiben. Nur wagte er es in Djia Dschëngs Anwesenheit nicht, sich in den Vordegrund zu drängen. Aber als er jetzt glücklich den Zweig in der Hand hielt, verlangte er nach dem Schreibzeug und warf im Nu einen Vierzeiler aufs Papier, den er Djia Dschëng reichte.
 
Als Djia Dschëng die Verse las, fand er sie zwar ungewöhnlich, aber er glaubte, zwischen den Zeilen eine Abneigung gegen das Lernen herauslesen zu können. Darum sagte er verstimmt: „Da sieht man, daß die beiden Brüder sind! An Wortwahl und Stimmung ist zu erkennen, daß sie sich auf Irrwegen befinden und sich in Zukunft ‚nicht an Lot und Winkelmaß halten‘ werden. Sie sind wirklich ein minderwertiges Pack.
 
Wie recht hatten doch die Alten, als sie von zwei Brüdern erklärten, ‚Schwer zu sagen, wer von beiden.‘ Damit könntet auch ihr beide gemeint sein. Nur müßte es dann heißen, schwer zu sagen, wer von beiden schlechter zu erziehen ist. Der Ältere hält sich für einen zweiten Wën Ting-yün0, und der Jüngere bildet sich ein, in ihm sei Tsau Tang0 wiederauferstanden.“
 
Djia Schë und die anderen lachten darüber, dann ließ sich Djia Schë das Gedicht geben, las es durch und lobte es unaufhörlich, um dann zu erklären: „Meiner Meinung nach ist etwas dran an diesem Gedicht! Ich finde, eine Familie wie die unsere kann man nicht mit diesen Hungerleidern vergleichen, die im Licht des Mondes und beim Schein von Glühwürmchen studieren müssen0 und erst frei atmen können, nachdem sie ‚im Krötenpalast einen Kassiazweig gebrochen‘0 haben.
 
Natürlich müssen auch unsere Kinder die Schriften studieren, aber wenn sie nur ein bißchen verständiger sind als andere Leute, ist ihnen ein Beamtenposten sicher, sobald sie einmal soweit sind, ein Amt ausüben zu können. Warum sollten sie also unnötig Zeit verschwenden und womöglich noch zu Bücherwürmern werden? Ich mag sein Gedicht, denn es spricht der Geist unseres adligen Hauses daraus.“
 
Dann wandte er sich um und ließ durch jemanden aus seinen Räumen vielerlei Kleinigkeiten holen, die er Djia Huan zum Geschenk machte. Schließlich tätschelte er ihm noch den Kopf und sagte dabei: „Mach nur so weiter, das ist der Stil unserer Familie! So wird dir unser Erbtitel gewiß nicht entgehen.“
 
„Wie könnte man nach diesem Geschwafel von ihm auf die Zukunft schließen?!“ wandte Djia Dschëng sofort dagegen ein.
 
Nach diesen Worten wurde wieder Wein eingegossen, und das Trinkspiel wurde noch eine Weile fortgesetzt. Dann sagte die Herzoginmutter: „Geht ihr jetzt! Draußen warten natürlich noch eure jungen Freunde, die ihr nicht vernachlässigen dürft. Zumal schon längst die zweite Nachtwache begonnen hat. Also geht nur auseinander, während ich mich noch ein Weilchen mit den Mädchen zusammen vergnüge, damit ich nachher besser schlafen kann.“
 
Djia Schë und die anderen machten also Schluß mit dem Spiel, dann leerten alle zusammen noch einmal die Becher, und anschließend gingen sie mit Söhnen und Neffen davon.
 
Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.
 
76. An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung wird durch Flötenklänge Traurigkeit erweckt,
 
bei der Herberge Kristallklare Vertiefung wird in Verszeilen die Einsamkeit beklagt.
 
  
 
Djia Schë und Djia Dschëng gingen also mit Djia Dschën und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort, und mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein.
 
Djia Schë und Djia Dschëng gingen also mit Djia Dschën und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort, und mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein.
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„Eben darum bin ich ja so froh, daß ich aus einem großen Becher trinken will“, erwiderte die Herzoginmutter, auch ihrerseits lächelnd. „Ihr solltet es genauso machen!“
 
„Eben darum bin ich ja so froh, daß ich aus einem großen Becher trinken will“, erwiderte die Herzoginmutter, auch ihrerseits lächelnd. „Ihr solltet es genauso machen!“
 
Also ließen sich auch Dame Hsing und die anderen größere Becher reichen, aber da die Nacht bereits vorgeschritten und die Leiber müde waren, konnten sie schon nichts mehr vertragen und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Doch weil die Herzoginmutter noch in Stimmung war, mußten sie wohl oder übel mithalten.
 
Also ließen sich auch Dame Hsing und die anderen größere Becher reichen, aber da die Nacht bereits vorgeschritten und die Leiber müde waren, konnten sie schon nichts mehr vertragen und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Doch weil die Herzoginmutter noch in Stimmung war, mußten sie wohl oder übel mithalten.
Nun ließ die Herzoginmutter auch noch Filzmatten über die Treppenstufen breiten und befahl, Mondkekse, Melonen und Obst dorthinunter zu bringen, und dann mußten sich die Sklavenfrauen und -mädchen ringsherum setzen, um ebenfalls den Anblick des Mondes zu genießen. Da die Herzoginmutter sah, daß der Mond jetzt mitten am Himmel stand und noch bezaubernder und lieblicher anzusehen war als zuvor, sagte sie: „Zu so schönem Mondschein muß man unbedingt Flötenmusik hören!“ Und sie ließ die Mädchen vom Zehnerorchester0 holen. Aber dann sagte sie: „Wenn es zuviel Instrumente sind, geht der Zauber verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin, damit sie von ferne die Querflöte bläst.“
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Nun ließ die Herzoginmutter auch noch Filzmatten über die Treppenstufen breiten und befahl, Mondkekse, Melonen und Obst dorthinunter zu bringen, und dann mußten sich die Sklavenfrauen und -mädchen ringsherum setzen, um ebenfalls den Anblick des Mondes zu genießen. Da die Herzoginmutter sah, daß der Mond jetzt mitten am Himmel stand und noch bezaubernder und lieblicher anzusehen war als zuvor, sagte sie: „Zu so schönem Mondschein muß man unbedingt Flötenmusik hören!“ Und sie ließ die Mädchen vom Zehnerorchester<ref>Ein Orchester aus zehn Musikern, die zehn verschiedene Instrumente spielten, wie es zu Tsau Hsüä-tjins Lebzeiten gebräuchlich war.</ref> holen. Aber dann sagte sie: „Wenn es zuviel Instrumente sind, geht der Zauber verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin, damit sie von ferne die Querflöte bläst.“
 
Als sie das gesagt hatte und die Flötenspielerin eben losging, erschien eine Sklavin aus Dame Hsings Gefolge und machte ihrer Herrin eine kurze Meldung.
 
Als sie das gesagt hatte und die Flötenspielerin eben losging, erschien eine Sklavin aus Dame Hsings Gefolge und machte ihrer Herrin eine kurze Meldung.
 
„Was hat sie gesagt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter, und die Sklavin wiederholte: „Der ältere gnädige Herr ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht.“
 
„Was hat sie gesagt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter, und die Sklavin wiederholte: „Der ältere gnädige Herr ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht.“
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Bau-yü hatte in der letzten Zeit, weil Tjing-wën so schwer krank war, für nichts mehr Interesse, und als Dame Wang ihm wieder und wieder gesagt hatte, er solle schlafen gehen, war er wirklich gegangen. Genausowenig stand Tan-tschun der Sinn nach Vergnügungen, weil sie sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten hatte ärgern müssen. Zwar waren noch Ying-tschun und Hsi-tschun da, aber mit ihnen hatte Dai-yü sich niemals sehr gut verstanden.
 
Bau-yü hatte in der letzten Zeit, weil Tjing-wën so schwer krank war, für nichts mehr Interesse, und als Dame Wang ihm wieder und wieder gesagt hatte, er solle schlafen gehen, war er wirklich gegangen. Genausowenig stand Tan-tschun der Sinn nach Vergnügungen, weil sie sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten hatte ärgern müssen. Zwar waren noch Ying-tschun und Hsi-tschun da, aber mit ihnen hatte Dai-yü sich niemals sehr gut verstanden.
 
So war Hsiang-yün die einzige, die ihr gut zuredete, und sie sagte nun: „Du bist doch ein verständiger Mensch, warum mußt du dich so quälen? Mir geht es auch nicht anders als dir, und dennoch bin ich nicht so kopfhängerisch wie du. Außerdem bist du viel krank, denkst aber nicht daran, dich zu schonen. Es ist schon ärgerlich, daß Kusine Bau-tschai und Kusine Bau-tjin erst nur so überflossen vor Freundlichkeit und seit langem davon sprachen, wie wir in diesem Jahr zum Mittelherbstfest alle zusammen den Vollmond bewundern und unsern Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam ein Gedicht zu verfassen, und jetzt, wo es soweit ist, lassen sie uns allein und genießen die Mondnacht anderswo.  
 
So war Hsiang-yün die einzige, die ihr gut zuredete, und sie sagte nun: „Du bist doch ein verständiger Mensch, warum mußt du dich so quälen? Mir geht es auch nicht anders als dir, und dennoch bin ich nicht so kopfhängerisch wie du. Außerdem bist du viel krank, denkst aber nicht daran, dich zu schonen. Es ist schon ärgerlich, daß Kusine Bau-tschai und Kusine Bau-tjin erst nur so überflossen vor Freundlichkeit und seit langem davon sprachen, wie wir in diesem Jahr zum Mittelherbstfest alle zusammen den Vollmond bewundern und unsern Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam ein Gedicht zu verfassen, und jetzt, wo es soweit ist, lassen sie uns allein und genießen die Mondnacht anderswo.  
So ist unser Bund nicht zusammengetreten, und das Gedicht haben wir nicht geschrieben, statt dessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen gemacht, was ihnen beliebte. Da siehst du, wie recht der Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie0 hatte, als er sagte: ‚Wie kann man neben dem eigenen Bett einen fremden Schnarcher dulden?‘ Und wenn die andern heute nichts dichten, sollten wir beide zusammen ein Gedicht verfassen, mit dem wir sie morgen beschämen können!“
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So ist unser Bund nicht zusammengetreten, und das Gedicht haben wir nicht geschrieben, statt dessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen gemacht, was ihnen beliebte. Da siehst du, wie recht der Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie<ref>Der Begründer des Herrscherhauses Sung, regierte von 960 bis 976. Der Ausspruch findet sich in der offiziellen Geschichte der Dynastie.</ref> hatte, als er sagte: ‚Wie kann man neben dem eigenen Bett einen fremden Schnarcher dulden?‘ Und wenn die andern heute nichts dichten, sollten wir beide zusammen ein Gedicht verfassen, mit dem wir sie morgen beschämen können!“
 
Als Dai-yü sah, welche Mühe Hsiang-yün sich gab, um sie aufzuheitern, wollte sie diesen Enthusiasmus nicht enttäuschen, und so entgegnete sie lächelnd: „Aber wie soll man hier in Dichterlaune kommen, wenn alles durcheinanderschreit?“
 
Als Dai-yü sah, welche Mühe Hsiang-yün sich gab, um sie aufzuheitern, wollte sie diesen Enthusiasmus nicht enttäuschen, und so entgegnete sie lächelnd: „Aber wie soll man hier in Dichterlaune kommen, wenn alles durcheinanderschreit?“
 
„Hier auf dem Berg kann man den Mond zwar auch genießen, aber doch lange nicht so gut wie am Wasser“, sagte Hsiang-yün. „Du weißt doch, daß wir uns hier oberhalb des Teiches befinden. Dicht am Wasser steht in einer Einbuchtung des Berges die Herberge Kristallklare Vertiefung. An diesem Namen ist abzulesen, wieviel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens aufgewendet wurde. Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung, und die Senke am Wasser zu seinen Füßen heißt Kristallklare Vertiefung. Die beiden Wörter tu – ,Erhebung‘ – und au – ,Vertiefung‘ – haben von jeher in der Literatur nur ganz selten Verwendung gefunden. Deshalb wirken sie hier in den Namen für zwei Gebäude um so neuartiger und nicht etwa klischeehaft.
 
„Hier auf dem Berg kann man den Mond zwar auch genießen, aber doch lange nicht so gut wie am Wasser“, sagte Hsiang-yün. „Du weißt doch, daß wir uns hier oberhalb des Teiches befinden. Dicht am Wasser steht in einer Einbuchtung des Berges die Herberge Kristallklare Vertiefung. An diesem Namen ist abzulesen, wieviel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens aufgewendet wurde. Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung, und die Senke am Wasser zu seinen Füßen heißt Kristallklare Vertiefung. Die beiden Wörter tu – ,Erhebung‘ – und au – ,Vertiefung‘ – haben von jeher in der Literatur nur ganz selten Verwendung gefunden. Deshalb wirken sie hier in den Namen für zwei Gebäude um so neuartiger und nicht etwa klischeehaft.
 
Man erkennt sofort, daß von den beiden Stätten eine oben und die andere unten liegt, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
 
Man erkennt sofort, daß von den beiden Stätten eine oben und die andere unten liegt, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin.
Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You0 gebraucht, als er sagte:
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Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 839.</ref> gebraucht, als er sagte:
 
,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“
 
,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“
„Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü.
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„Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü. „Sie kommen bei den Alten überaus häufig vor, so in Djiang Yäns<ref>444 – 505, Beamter und Literat.</ref> ‚Ode vom dunklen Moos‘, in Dung-fang Schuos<ref>154 – 93 v. u. Z., Beamter und Literat. Das ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ (Schën-i djing ) ist eine spätere Fälschung, die ihm nur zugeschrieben wurde.</ref> ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ und sogar in der Geschichte, wie Dschang Sëng-you<ref>Berühmter Maler des 6. Jahrhunderts.</ref> das Kloster des Einen Fahrzeugs ausmalte, die in den ‚Aufzeichnungen über Malereien‘<ref>Abkürzung für den Titel von Dschang Yän-yüans Buch ‚Aufzeichnungen über berühmte Malereien aller Zeiten‘ (Li-dai ming-hua dji). Dschang Yän-yüan lebte im 9. Jahrhundert.</ref> steht. Man kann die Beispiele gar nicht alle anführen. Aber die Menschen von heute wissen das nicht und behandeln diese Schriftzeichen als vulgär.
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Um dir die Wahrheit zu sagen, die beiden Namen habe ich mir ausgedacht. Als damals Bau-yü eine Talentprobe ablegen mußte, hat er für einige Stätten die Namen gebildet. Zum Teil sind sie beibehalten, zum Teil geändert worden, und einen weiteren Teil hatte er noch nicht benannt. Für diese namenlosen Orte haben nachher wir andern alle zusammen Namen erdacht, den Ursprung dieser Namen angemerkt und die Lage der Gebäude beschrieben.
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Dann wurde das Ganze zu unserer kaiserlichen Kusine in den Palast getragen, damit sie es begutachten konnte, und sie hat es zurückgeschickt und dem Onkel vorlegen lassen. Zur allgemeinen Verwunderung hat sich der Onkel darüber gefreut und gesagt: ‚Hätte ich das nur eher gewußt! Dann hätte ich seinerzeit alle Namen von den Mädchen bilden lassen. Hätte das nicht auch seinen Reiz gehabt?‘ So sind alle Namen, die ich vorschlug, ohne jede Änderung angenommen worden.
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Aber jetzt wollen wir wirklich zur Herberge Kristallklare Vertiefung gehen, um von dortaus zu schauen!“
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Mit diesen Worten stiegen sie beide bergab. Unten brauchten sie nur noch um einen Vorsprung zu biegen, um an den Rand des Teiches zu gelangen. Dort verzweigte sich das Bambusgeländer, und es bestand eine direkte Verbindung mit dem Weg, der zum Kiosk des Lotoswurzelduftes führte. Weil das kleine Gebäude, das hier stand, um von den Besuchern der Bergvilla Jadegrüne Erhebung zwischendurch aufgesucht zu werden, von dem Berg umschlossen wurde und tiefer dicht neben dem Wasser gelegen war, war seine Namenstafel mit den Worten „Wasserherberge Kristallklare Vertiefung“ beschriftet.
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Da es hier nur wenige, enge Räume gab, hielten darin nicht mehr als zwei alte Sklavinnen Nachtwache. Heute war ihnen, als sie sich erkundigten, gesagt worden, das Personal der Bergvilla Jadegrüne Erhebung habe sich dienstbereit zu halten, aber sie hätten damit nichts zu tun. Darum hatten sie Mondkekse und Früchte, Wein und Speisen in Empfang genommen, die sie als Anerkennung für ihren mühevollen Dienst bekamen, und hatten sich daran satt gegessen und vollgetrunken. Inzwischen hatten sie längst die Lampe gelöscht und schliefen.
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Als Dai-yü und Hsiang-yün sahen, daß alles dunkel war, sagte Hsiang-yün lächelnd: „Gut, daß sie schon schlafen! Wie wäre es, wenn wir uns in die offene Halle mit dem gewölbten Dach setzten, um den Mond dicht am Wasser genießen zu können?“ Und sie nahmen auf zwei runden Hockern aus geflecktem Bambus Platz.
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Am Himmel stand kreisrund der helle Mond, und auf dem Teich schwamm ebenfalls ein kreisrunder Mond. Einer oben, einer unten, wetteiferten sie miteinander im Glanz, und die beiden Mädchen kamen sich vor wie im Kristallpalast des Drachenkönigs<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 75 (Drachenkönig).</ref> oder wie in der Wohnung der Wassermenschen<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 557.</ref>. Als ein leichter Windhauch vorüberstrich, bedeckte sich die helle Wasserfläche mit einem grünlichen Wellengekräusel, und in die Seelen der Betrachter zogen Reinheit und Frische ein.
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„Jetzt wäre es schön, im Boot zu sitzen und Wein zu trinken“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Wenn ich bei uns zu Hause wäre, würde ich mir sofort ein Boot nehmen!“
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„Wie recht hatten doch die Alten, als sie sagten ‚Wenn man in allen Dingen Vollkommenheit verlangt, worüber kann man sich dann noch freuen?‘“ erwiderte Dai-yü, ebenfalls lächelnd. „Meiner Meinung nach ist es auch so schon genug. Warum sollten wir unbedingt im Boot sitzen?“
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„Es ist nur normal, daß der Mensch ‚auf Schu schaut, kaum daß er Lung erobert hat‘<ref>Vgl. o., Anm. zu  S. 835.</ref>“, sagte nun wieder Hsiang-yün lächelnd. „Da sieht man, daß die alten Leute ganz recht haben. Sie sagen nämlich, die Armen glauben immer, die Reichen könnten in jeder Hinsicht tun und treiben, was ihnen gefällt, und wenn man ihnen sagt, das stimmt nicht, wollen sie es nicht glauben. Erst wenn sie es selbst einmal miterlebt haben, sehen sie es ein. Wir beide zum Beispiel dürfen mit in den Gefilden des Reichtums und der Vornehmheit leben, obwohl wir keine Eltern mehr haben, und trotzdem gibt es vieles, was nicht unsern Wünschen entspricht.“
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„Das gilt aber nicht nur für uns“, wandte Dai-yü, immer noch lächelnd, ein. „Selbst die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sowie Bau-yü und Tan-tschun können in großen wie in kleinen Dingen nicht einfach ihren Wünschen folgen, ob diese nun berechtigt sind oder nicht. Für sie gilt gleichermaßen dasselbe Prinzip, erst recht also für uns, die wir als Gäste hier aufgenommen wurden.“
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Als Hsiang-yün das hörte, bekam sie Angst, Dai-yü könnte gleich noch einmal in Trübsal verfallen, darum sagte sie rasch: „Schluß mit dem müßigen Geplauder, wir wollen gemeinsam dichten!“
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Gerade als sie das sagte, hörten sie auf einmal die Klänge der Flöte, und Dai-yü bemerkte lächelnd: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind heute in guter Laune. Es war ein glücklicher Einfall, jetzt die Flöte blasen zu lassen. Dadurch wird auch unsere Stimmung noch erhöht. Wir mögen beide gern fünfsilbige Verse, also wollen wir ein langes fünfsilbiges Regelgedicht machen!“
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„Und welchen Reim legen wir fest?“ fragte Hsiang-yün.
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„Wir zählen von hier bis dort die Geländerstäbe ab“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ihre Anzahl nehmen wir als die Nummer der Reimgruppe. Wenn es zum Beispiel sechzehn Stäbe sind, ergibt das die erste Reimgruppe der zweiten Abteilung<ref>Die erste Abteilung (‚oberer flacher Ton‘) hat nur 15 Reimgruppen, daher ist 16 die erste Gruppe der zweiten Abteilung (‚unterer flacher Ton‘).</ref>, also hsiän. Wäre das nicht etwas Neuartiges?“
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„Das ist wirklich einmal etwas anderes!“ bestätigte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd.
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Daraufhin standen sie beide auf und zählten die Geländerstäbe von einem bis zum anderen Ende, und es waren ganze dreizehn Stück.
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„Wieder einmal die Reimgruppe dreizehn – yüan“, sagte Hsiang-yün. „Sie umfaßt nur wenige Schriftzeichen, und so werden wir für ein langes Gedicht wohl zu Notbehelfen greifen müssen, die sich nicht reimen. Du mußt die erste Zeile vorgeben!“
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„Erproben wir also, wer von uns beiden die Stärkere ist!“ erwiderte Dai-yü. „Nur fehlen uns Papier und Pinsel zum Schreiben.“
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„Das macht nichts“, gab Hsiang-yün zurück, „wir können es morgen aufschreiben. So weit wird unser Gedächtnis wohl noch reichen!“
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„Ich fange mit einem plumpen Allerweltsausdruck an“, erklärte Dai-yü und sprach:
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„In der Mondnacht am fünfzehnten achten...“
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Hsiang-yün überlegte und setzte fort:
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„Schlendern wir wie zum Laternenfest.
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Hoch am Himmel die Sternbilder glänzen, ...“
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Lächelnd schloß Dai-yü an:
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„Weithin auf Erden tönt frohe Musik.
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Überall fliegen heute die Becher, ...“
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„Die Zeile ist gut, ‚Überall fliegen die Becher‘“, lobte Hsiang-yün. „Dem muß ich etwas Gleichwertiges an die Seite stellen!“ Und nach einigem Nachdenken sprach sie lächelnd:
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„Jedermanns Fenster stehn heute weit auf.
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Frischer Wind macht uns schaudern und frösteln, ...“
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„Deine Ergänzung ist sogar noch besser als meine Vorgabe“, sagte Dai-yü, „aber die nächste Zeile ist ein Allgemeinplatz. Dabei müßte eine Steigerung kommen.“
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„Ein langes Gedicht mit begrenzter Reimzahl muß man schon ein bißchen auspolstern“, widersprach Hsiang-yün. „Die beseren Sachen lasse ich mir für später.“
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„Ich bin gespannt, ob du das wirklich tust. Wenn nicht, bist du blamiert“, sagte Dai-yü. Dann fuhr sie fort:
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„Doch es entschädigt der Anblick der Nacht.
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Hohn erntet ein Greis, voll Gier nach Gebäck, ...“
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„Die Zeile taugt nichts“, protestierte Hsiang-yün, „die hast du dir einfach ausgedacht, um mich mit einer profanen Sache in Schwierigkeiten zu bringen.“
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„Ich sage ja, du kennst nicht genug Bücher!“ entgegnete Dai-yü lächelnd. „Die Gier nach Gebäck ist ein klassischer Ausdruck. Lies erst die Annalen der Tang-Dynastie, ehe du mit mir streitest!“
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„Noch bin ich nicht geschlagen“, sagte Hsiang-yün fröhlich. „Ich habe schon eine Parallele dazu.“ Und sie sprach:
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„Lachend die Mädchen Melonen zerteiln.
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Balsamisch weht Luft vom Jadestrauch her, ...“
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„Also, die Sache mit den Melonen ist eindeutig eine Fälschung von dir“, machte Dai-yü lächelnd jetzt ihrerseits geltend.
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„Morgen werden wir das klären, so daß sich jeder davon überzeugen kann!“ schlug Hsiang-yün lächelnd vor. „Jetzt wollen wir deswegen keine Zeit vergeuden!“
 +
„Schon gut“, stimmte ihr Dai-yü, ebenfalls lächelnd, zu. „Aber deine nächste Zeile war auch nichts Rechtes. Wozu müssen wir wieder auf ‚Jadestrauch‘, und ‚Goldblume‘ kommen, um die Lücken zu füllen?“ Dann setzte sie fort:
 +
„Üppig in Blüten stehn Goldlilien da.
 +
Wachskerzen leuchten dem festlichen Mahl, ...“
 +
„Mit den Goldlilien hattest du es leicht und brauchtest dir nicht viel Mühe zu geben. Der Ausdruck bot sich von selbst an“, krittelte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem wäre auch diese Huldigung nicht nötig gewesen. Und deine zweite Zeile ist auch nur ein Lückenfüller.“
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„Wäre ich vielleicht auf Goldlilien gekommen, wenn du nicht Jadestrauch gesagt hättest?“ verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich muß ja die Schönheit der Szene ein bißchen breiter ausgemalt werden. Das war nichts anderes als ein Lob dessen, was wirklich da ist.“
 +
Notgedrungen mußte Hsiang-yün fortfahren und sprach:
 +
„Trinkspiele mehren den nächtlichen Spaß.
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Ein Leiter befiehlt, was jeglicher tut, ...“
 +
„Die zweite Zeile ist gut“, lobte Dai-yü lächelnd. „Nur ist es nicht so einfach, daran anzuknüpfen.“ Und sie überlegte eine Zeitlang, ehe sie sprach:
 +
„Dreimal genannt, wird das Rätselwort klar.
 +
Rot ist beim Würfeln die Farbe des Siegs<ref>Bei chinesischen Würfeln sind die Eins und die Vier durch rote Punkte gekennzeichnet, die übrigen Augen durch schwarze. Bei manchen Spielen entscheidet nicht die geworfene Augenzahl, sondern die Farbe über Sieg und Niederlage.</ref>, ...“
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„Dieses ‚dreimal genannt‘ hat etwas für sich, dadurch wird etwas Profanes gleichsam veredelt“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Aber dann hast du in der nächsten Zeile die Würfel hineingebracht.“ Und sie fuhr fort:
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„Ein Zweig macht die Runde zum Trommelschlag.
 +
Lichter und Schatten durchflattern den Hof, ...“
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„Angeknüpft hast du es gut“, bestätigte Dai-yü lächelnd, „doch die zweite Zeile ist einfach so dahingesagt. Wieder müssen der Mond und der Wind herhalten.“
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„Aber schließlich habe ich den Mond nicht direkt erwähnt“, widersprach Hsiang-yün. „Und ein bißchen angedeutet muß er schon werden, damit wir nicht vom Thema abkommen.“
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„Dann mag es einstweilen so bleiben, und morgen entscheiden wir endgültig darüber“, bestimmte Dai-yü und fuhr dann fort:
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„Himmel und Erde erstrahlen im Glanz.
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Hausherrn und Gästen wird Strafe zuteil, ...“
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„Warum fängst du wieder von denen an?“ fragte Hsiang-yün. „Sprich lieber von uns!“ Und sie setzte fort:
 +
„Gewinnen kann nur das beste Gedicht.
 +
Beim Grübeln man stützt sich aufs Fensterbrett, ...“
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„Da sind wir ja schon bei uns!“ sagte Dai-yü und schloß an:
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„Tief in Gedanken man lehnt sich ans Tor.
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Der Wein ist verbraucht, die Stimmung noch froh, ...“
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„Das wurde Zeit!“ quittierte Hsiang-yün und sprach weiter:
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„Auf die Stunde hat niemand geachtet.
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Langsam verstummen Gelächter und Scherz, ...“
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„Jetzt wird es mit jedem Schritt immer schwieriger“, kommentierte Dai-yü und setzte dann fort:
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„Schneeiger Mondschein bleibt einzig zurück.
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Die Hibiskusblüten netzt schon der Tau, ...“
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Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Was soll ich dem nur entgegensetzen? Laß mich überlegen!“ Sie stand auf und legte die Hände auf den Rücken, aber nach einigem Nachdenken erklärte sie lächelnd: „Genug! Glücklicherweise ist mir etwas eingefallen. Beinahe hätte ich aufgeben müssen.“ Und sie sprach:
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„Den Albizzienbaum verhüllt der Dunst.
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Herbstliches Wasser quillt aus den Felsen, ...“
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Unwillkürlich war auch Dai-yü aufgestanden und hatte vor Begeisterung aufgeschrien. „Du raffiniertes Biest!“ sagte sie dann, „du hast dir die besseren Sachen wirklich aufgespart, daß du erst jetzt mit dem Albizzienbaum kommst. Ein Glück, daß er dir eingefallen ist!“
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„Ganz zufällig bin ich gestern auf das Wort gestoßen, als ich in den ‚Ausgewählten Schriften aus allen Zeiten‘ las“, berichtete Hsiang-yün. „Ich wußte nicht, was für ein Baum das ist, und wollte deswegen nachschlagen. Aber Kusine Bau-tschai hat gesagt, das brauchte ich nicht zu tun, die Albizzie<ref>Die Albizzie (Albizzia julibrissin) schließt zur Nacht ihre paarig gefiederten Blätter.</ref> sei der Baum, der heute im Volksmund ‚Tags auf, nachts zu‘ genannt wird. Ich wollte es nicht glauben und habe doch nachgeschlagen, und es stimmte tatsächlich. Wie es aussieht, weiß Kusine Bau-tschai sehr viel.“
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„Die Albizzie paßt natürlich bestens hierher“, sagte Dai-yü lächelnd, „aber die Zeile mit dem ‚herbstlichen Wasser‘ war noch ein viel besserer Einfall. Angesichts dieser Zeile möchte ich alle andern durchstreichen. Ich muß mir große Mühe geben, um ein passendes Gegenstück zu finden, aber so gut wie diese Zeile kann nichts anderes sein.“ Also dachte sie nach und sprach dann:
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„Fallende Blätter sich lagern am Hang.
 +
Stolz blinken droben prächtige Sterne, ...“
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„Diese Parallele ist doch nicht schlecht“, meinte Hsiang-yün, „aber die zweite Zeile fällt deutlich dagegen ab. Ein Glück, daß es nicht nur um das Bild geht, sondern auch um ein Gefühl, das darin liegt, und die Sterne dadurch nicht einfach als Lückenfüller dienen.“ Dann schloß sie an:
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„Die Kröte verschluckt den silbernen Mond.<ref>Der chinesischen Mythologie zufolge ist der Mond von einer Kröte bewohnt, die ihn von Zeit zu Zeit verschluckt (wodurch Mondfinsternis eintritt).</ref>
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Der weiße Hase stampft Feenmedizin<ref>Einer anderen Mythe nach lebt auf dem Mond ein weißer Hase, der in einem Mörser Medizin zubereitet.</ref>, ...“
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Dai-yü nickte nur stumm und sprach endlich nach längerer Pause:
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„Zum Kalten Palast die Schöne entflieht<ref>Eine weitere Mythe erzählt, daß auf dem Mond ein Palast steht, der von unsterblichen Feen bewohnt ist und den Namen ‚Palast der Breiten Kälte‘ trägt. Hier kombiniert mit der Mythe von Tschang-ë, der Frau des Helden I, die ihm die Medizin der Unsterblichkeit stiehlt und in den Mondpalast entflieht.</ref>.
 +
Am Himmel grüßt Hirte die Weberin<ref>Vgl. o., Anm. zu S. 705 (Am siebenten siebenten...).</ref>, ...“
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Nach dem Mond blickend, nickte auch Hsiang-yün, ehe sie fortfuhr:
 +
„Zur Milchstraße fahren wir mit dem Floß<ref>Nach einer Darstellung im Buch ‚Bo-wu dschï‘ des Dschang Hua gelangte ein Küstenbewohner mit einem Floß vom Meer auf die Milchstraße, wo er den Hirten und die Weberin besuchte.</ref>.
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Neumond und Vollmond stets lösen sich ab, ...“
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„Wieder einmal muß dieses Bild herhalten!“ bemerkte Dai-yü, ehe sie anschloß:
 +
„Fehlt sein Licht, bleibt nur die Seele zurück.
 +
Fast schon entleert, die Wasseruhr tropft, ...“
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Schon wollte Hsiang-yün fortsetzen, als Dai-yü sie auf einen schwarzen Schatten im Teich aufmerksam machte und dann sagte: „Schau mal! Sieht das nicht aus, als ob sich da im Dunkeln jemand bewegt? Ist das vielleicht ein Totengeist?“
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„Jetzt fängst du auch noch an, Gespenster zu sehen!“ erwiderte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Ich habe davor keine Angst. Warte, der bekommt etwas ab!“ Und sie bückte sich, hob einen flachen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser.
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Platsch! machte es, und eine ringförmige Welle zerriß das Spiegelbild des Mondes, das sich dann wieder zusammenfügte, um von der nächsten Welle erneut zerrissen zu werden. Im Schatten aber flatterte mit schwerem Flügelschlag ein weißer Kranich auf und flog in Richtung des Lotoswurzelkiosks davon.
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„Er war das also!“ sagte Dai-yü lächelnd. „An ihn hatte ich gar nicht gedacht, und vor Schreck bin ich richtig zusammengezuckt.“
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„Er kam gerade richtig, er hat mir geholfen“, sagte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd, und sprach:
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„Dicht am Verlöschen der Lampenschein glimmt.
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Ein Kranich entflieht durchs frostige Schilf, ...“
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Wieder schrie Dai-yü vor Begeisterung auf, als sie die Verszeile gehört hatte, und stampfte diesmal sogar mit dem Fuß auf. Dann sagte sie: „Herrlich! Der Kranich hat dir wirklich geholfen. Dabei ist diese Zeile auch wieder ganz anders als die mit dem ‚herbstlichen Wasser‘. Aber was soll ich nur darauf erwidern, so natürlich und bildhaft, so vorgefügt und doch so neuartig, wie das ist? Ich werde wohl doch aufgeben müssen.“
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„Wenn wir beide sorgfältig nachdenken, finden wir bestimmt etwas“, bot Hsiang-yün ihr lächelnd an. „Sonst aber können wir auch morgen weiterdichten.“
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Ohne sie zu beachten, starrte Dai-yü in den Himmel. Dann lachte sie nach einer langen Pause plötzlich auf und sagte: „Du brauchst dich nicht großzutun. Ich habe es, hör zu!“ Und sie sprach:
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„Aufs Dichtergrab scheint der eiskalte Mond.“
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„Ausgezeichnet!“ lobte Hsiang-yün und klatschte dabei in die Hände. „Das war das einzige, was du darauf erwidern konntest.“ Dann aber fuhr sie seufzend fort: „Unser Gedicht ist zwar dadurch neuartig und ungewöhnlich geworden, aber auch wieder ein bißchen zu traurig. Krank, wie du bist, solltest du solche ausgefallenen und abwegigen Sachen nicht sagen.“
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„Aber wie hätte ich dich anders schlagen können!“ widersprach Dai-yü. „Mir fehlt bloß noch die nächste Zeile. Meine ganze Kraft habe ich auf die eine wenden müssen.“
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Das hatte sie kaum gesagt, als hinter dem Geländer eine Gestalt um den Felsen gebogen kam und lachend sagte: „Ein schönes Gedicht, aber wirklich zu melancholisch! Ihr dürft es nicht weiterdichten, denn wenn ihr so fortfahrt, kommen diese beiden Zeilen nicht mehr zur Geltung, und man hat nur den Eindruck, das Gedicht sei willkürlich in die Länge gezogen worden.“
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Auf so etwas nicht gefaßt, waren die beiden im ersten Augenblick vor Schreck zusammengefahren, doch als sie aufmerksam hinschauten, erkannten sie, daß es niemand anders war als Miau-yü. Und so fragten sie verwundert: „Wie kommst du denn hierher?“
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„Ich hatte erfahren, daß alle zusammen den Mond bewundern, und als ich das schöne Flötenspiel hörte, bin ich herübergekommen, um mich hier ebenfalls am klaren Wasser und am hellen Mond zu erfreuen. Als ich dabei durch Zufall hier in die Nähe kam, habe ich plötzlich gehört, wie ihr gemeinsam gedichtet habt, und fand das so rein und erhaben, daß ich wie gebannt zugehört habe. In dem Stück, das ich hören konnte, waren ein paar gute Zeilen enthalten, aber sie waren zu traurig und pessimistisch. Und schließlich ist ja so etwas vom Schicksal des Menschen nicht zu trennen.
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Darum bin ich vorgetreten, um euch zu unterbrechen. Die alte gnädige Frau und die andern sind inzwischen längst auseinandergegangen, und alles im Garten schläft wohl schon fest. Ihr werdet bestimmt von euren Mägden sonstwo gesucht. Und habt ihr gar keine Angst vor der Kälte? Kommt schnell mit zu mir eine Tasse Tee trinken, und dann wird es wohl schon bald hell werden.“
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„Wer hätte gedacht, daß es schon so spät ist!“ sagte Dai-yü und lächelte.
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Zu dritt gingen sie ins Kloster Gefangenes Grün, und hier sahen sie, daß die Flamme vor der Buddhanische noch bläulich brannte, und auch der Weihrauch im Kessel glimmte noch. Die alten Ammen schliefen schon längst,
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und nur die kleineren Sklavenmädchen saßen noch auf den runden Binsenmatten und dämmerten mit baumelnden Köpfen vor sich hin.
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Miau-yü befahl ihnen aufzustehen, und kaum hatten sie den Tee gebrüht, klopfte es ans Tor. Als die Sklavenmädchen rasch aufmachen gingen, stellte sich heraus, daß Dsï-djüan und Tsuee-lü mit einigen alten Ammen da waren, weil sie noch immer auf der Suche nach ihren beiden Fräulein waren.
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Als sie hereinkamen und die beiden beim Teetrinken fanden, erklärten sie lächelnd:  „Da konnten wir freilich lange suchen!  Den ganzen Garten sind wir abgelaufen, und sogar bei der gnädigen Frau Tante sind wir gewesen. Erst als wir zu dem kleinen Pavillon am Fuße des Berges kamen und die Nachtwächterfrauen dort zufällig wach fanden, sagte man uns, eben hätten noch zwei Personen draußen in der offenen Halle miteinander gesprochen, dann sei jemand dazugekommen und es sei die Rede davon gewesen, zum Kloster hinüberzugehen. Da wußten wir endlich, wohin wir uns wenden mußten.“
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Rasch befahl Miau-yü ihren kleinen Sklavenmädchen, sie sollten die Ankömmlinge in ein anderes Zimmer führen, wo sie sich ausruhen und Tee trinken konnten. Sie selbst aber holte Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein hervor, ließ sich von den beiden das Gedicht vorsprechen und schrieb es nieder.
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Dai-yü, die sah, daß Miau-yü einen äußerst vergnügten Eindruck machte, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich in so froher Stimmung gesehen. Ich will mich nicht erdreisten, in plumper Manier um eine Belehrung zu bitten, aber hat es einen Sinn, an diesem Gedicht noch zu feilen? Wenn es nicht zu ertragen ist, dann wollen wir es verbrennen, aber wenn man noch etwas daraus machen kann, möchte ich um Korrektur bitten.“
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„Auch ich will nicht wagen, leichtfertig Lob oder Tadel zu äußern“, entgegnete Miau-yü. „Ihr habt erst zweiundzwanzig Reime verbraucht, aber wie mir scheint, habt ihr die besten Zeilen, die ihr leisten konntet, bereits geschaffen. Wenn ihr noch weitermachen würdet, wäre zu befürchten, daß ihr zu einer Steigerung nicht mehr fähig seid. Darum würde ich gern das Begonnene fortführen, wenn ich nicht Angst hätte, es zu verderben.“
 +
Dai-yü, die Miau-yü noch nie beim Dichten erlebt hatte, sagte angesichts dieser Begeisterung sofort: „Wenn du das tatsächlich tun wolltest, könnten unsere Verse, obwohl sie an sich nichts taugen, vielleicht zum Träger von etwas Gutem werden.“
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„Das Gedicht muß aber jetzt am Schluß wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgeführt werden“, erklärte Miau-yü. „Wenn wir auf echtes Gefühl und wahre Sachverhalte verzichten, um statt dessen nach Merkwürdigkeiten zu streben, gehen wir zum einen von der Form ab, die uns als Mädchen zukommt, und zum anderen verfehlen wir auch das Thema.“
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Dai-yü und Hsiang-yün gaben ihr vollkommen recht, also griff Miau-yü zum Schreibpinsel, und im Nu hatte sie das Gedicht vollendet und hielt es den beiden mit den Worten hin: „Ihr dürft mich aber nicht auslachen! So müßte es meiner Meinung nach sein, damit eine Wendung hineinkommt, durch die die traurigen Zeilen im ersten Teil nicht allzu störend wirken.“
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Die beiden nahmen das Blatt entgegen und lasen, was Miau-yü als Fortsetzung geschrieben hatte:
 +
„Weihrauch verbrennt im goldenen Kessel,
 +
  Kerzenwachs rinnt auf das Jadegeschirr.
 +
  Flötenklang rührt die Witwe zu Tränen,
 +
  die kalten Decken erwärmt ihr die Magd.
 +
  Öd hängt der Vorhang mit Phönixmustern,
 +
  sinnlos der Setzschirm zeigt bunten Dekor.
 +
  Der reichliche Tau macht glitschig das Moos;
 +
  dick bereift, schreckt der Bambus die Finger.
 +
  Noch einmal den Schritt um den Teich gelenkt,
 +
  noch einmal die steilen Höhen erklommen!
 +
  Die Felsen bizarr wie ein Geisterspuk,
 +
  Baum und Büsche gleich Tigern und Wölfen.
 +
  Auf Inschriftensteinen glänzt Morgenlicht,
 +
  auf hölzernen Blenden schimmert der Tau.
 +
  Von tausend Bäumen schallt Vogelsang,
 +
  tief aus der Schlucht klingt der Affen Geschrei.
 +
  Vertraut mit dem Pfad, geht man nicht irre;
 +
  wer die Quelle kennt, weiß, wo Wasser entspringt.
 +
  Die Frühglocke läutet im Klosterhof,
 +
  der Hahnenschrei tönt aus dem Reisduftdorf.
 +
  Was soll der Kummer, wenn frisch die Stimmung?
 +
  Warum noch jammern, wenn nichts uns bedrückt?
 +
  Sich selbst nur zeigt man seine Gefühle,
 +
  Kein Fremder erfährt, wonach steht mein Sinn.
 +
  Schluß mit dem Geschwätz, wie müde wir sind,
 +
  wir plaudern von Versen bei frischem Tee!“
 +
Darunter stand noch: „Fünfunddreißig Reimpaare, gemeinschaftlich verfaßt aus Anlaß des Mittelherbstfestes im Garten des Großen Anblicks.“
 +
Dai-yü und Hsiang-yün fanden kein Ende mit ihrem Lob und versicherten: „Wie man sieht, sind wir immer völlig umsonst in die Ferne geschweift, anstatt in der Nähe zu suchen. Da haben wir so eine göttliche Dichterin zur Hand und geben uns immer mit fruchtlosen Debatten zufrieden!“
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„Morgen wollen wir dem Gedicht noch den letzten Schliff geben!“ sagte Miau-yü lächelnd. „Aber jetzt muß es wirklich bald hell werden, darum sollten wir endlich schlafen gehen!“
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Also erhoben sich Dai-yü und Hsiang-yün, um sich zu verabschieden, und machten sich mit ihren Sklavenmädchen zusammen auf den Weg. Miau-yü begleitete sie bis ans Tor und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwanden, ehe sie das Tor zumachte und ins Haus zurückging. Aber damit genug von ihr.
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Inzwischen wandte sich Tsuee-lü mit den Worten an Hsiang-yün: „Wir werden bei der älteren jungen Herrin erwartet, weil wir dort übernachten sollten. Wohin gehen wir also?“
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„Lauf im Vorbeigehen hinein und sag Bescheid, sie könnten sich schlafen legen!“ befahl Hsiang-yün. „Wenn wir jetzt dorthin gingen, würden wir unvermeidlich der Kranken Unruhe bereiten, darum ist es besser, wenn wir für den Rest der Nacht Fräulein Lin zur Last fallen.“
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Also begaben sie sich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo die Hälfte des Personals schon im Schlaf lag. Die beiden Kusinen gingen in den Innenraum und legten sich erst zu Bett, nachdem sie Schmuck und Kleider abgelegt und sich gewaschen und auch den Mund gespült hatten. Dann ließ Dsï-djüan die rohseidenen Bettvorhänge herab, stellte die Lampe um, ging hinaus und schloß die Tür.
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Aber Hsiang-yün litt an der Eigenheit, wählerisch in bezug auf ihr Nachtlager zu sein. So lag sie zwar auf dem Kissen, konnte jedoch nicht einschlafen. Dai-yü aber krankte auf Grund ihrer Blutarmut ständig an Schlaflosigkeit, und da sie heute auch noch die Zeit verpaßt hatte, zu der sie üblicherweise ins Bett ging, fand sie natürlich ebenfalls keinen Schlaf. Beide wälzten sich hin und her, bis Dai-yü schließlich fragte: „Warum schläfst du noch nicht?“
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„Mein Fehler ist es, daß ich mein gewohntes Bett brauche“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem ist die richtige Zeit zum Einschlafen längst vorüber, also liege ich notgedrungen nur einfach da. Aber warum schläfst du noch nicht?“
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„Mir geht es durchaus nicht nur heute so, daß ich keinen Schlaf finde“, antwortete Dai-yü seufzend. „Das ganze Jahr über kann ich vielleicht nur zehn Nächte ausreichend schlafen.“
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„Daran ist deine Krankheit schuld...“, sagte Hsiang-yün.
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Wer wissen will, was weiter geschah, ...
  
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Revision as of 13:46, 12 April 2026

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Kapitel 76

凸碧堂品笛感淒清 / 凹晶館聯詩悲寂寞

In der Halle des erhabenen Gruen lauschen sie der Floete und empfinden Wehmut; Im Pavillon des eingesunkenen Kristalls dichten sie Verse und beklagen die Einsamkeit

An der Bergvilla Jadegrüne Erhebung wird durch Flötenklänge Traurigkeit erweckt,bei der Herberge Kristallklare Vertiefung wird in Verszeilen die Einsamkeit beklagt.

Djia Schë und Djia Dschëng gingen also mit Djia Dschën und den übrigen männlichen Familienangehörigen fort, und mehr soll von ihnen hier nicht die Rede sein. Derweil befahl die Herzoginmutter, der Setzschirm solle weggeräumt werden und beide Festrunden sollten sich zu einer zusammenschließen. Außerdem wischten die Sklavenfrauen die Tische ab, füllten die Obstschalen auf, tauschten die Becher aus, wuschen die Eßstäbchen ab und richteten alles wieder frisch her. Die Herzoginmutter und ihre Gäste zogen sich etwas über, wuschen sich die Hände, spülten sich den Mund und tranken Tee, ehe sie sich wieder rund um die Tische setzten. Als die Herzoginmutter sah, daß Bau-tschai und Bau-tjin nicht mit dabei waren, weil sie, wie sie sich sagte, den Herbstvollmond in der eigenen Familie feiern wollten, während Li Wan und Hsi-fëng durch Krankheit verhindert waren, so daß nicht weniger als vier Personen fehlten, kam ihr die Festrunde sehr vereinsamt vor, und lächelnd bemerkte sie: „In den vergangenen Jahren, als der Herr nicht da war und wir einfach die Frau Tante mit eingeladen haben, um alle gemeinsam den Mond zu bewundern, waren wir stets höchst vergnügt. Nur wenn uns dann plötzlich der Herr einfiel und wir daran denken mußten, daß Mutter und Sohn, Gatte und Gattin, Vater und Kinder nicht zusammen sein konnten, war uns die Stimmung verdorben. Heute nun ist der Herr wieder da, und wir müßten alle miteinander fröhlich sein, aber nun ist es wieder nicht angebracht, die Frau Tante mit ihrer Tochter einzuladen, damit wir gemeinsam scherzen und lachen. Außerdem hat sie in diesem Jahr zwei Gäste im Haus, die sie nicht einfach verlassen kann, um hierher zu uns zu kommen. Und zu allem Überfluß ist auch noch Hsi-fëng krank geworden, die mit ihren Scherzen zehn andere aufwiegen würde. Da sieht man, daß nichts auf der Welt vollkommen ist!“ Nach diesen Worten seufzte sie einmal lang auf, dann befahl sie, man solle ihr einen großen Becher reichen und mit heißem Wein füllen. Lächelnd sagte inzwischen Dame Wang: „Heute seid Ihr wieder mit Eurem Sohn vereint, und dadurch ist es doch schöner als in den vergangenen Jahren. Da waren wir wohl mehr, aber das ist schließlich nicht dasselbe, als wenn die engste Verwandtschaft wieder vollzählig beisammen ist.“ „Eben darum bin ich ja so froh, daß ich aus einem großen Becher trinken will“, erwiderte die Herzoginmutter, auch ihrerseits lächelnd. „Ihr solltet es genauso machen!“ Also ließen sich auch Dame Hsing und die anderen größere Becher reichen, aber da die Nacht bereits vorgeschritten und die Leiber müde waren, konnten sie schon nichts mehr vertragen und waren unvermeidlich schläfrig geworden. Doch weil die Herzoginmutter noch in Stimmung war, mußten sie wohl oder übel mithalten. Nun ließ die Herzoginmutter auch noch Filzmatten über die Treppenstufen breiten und befahl, Mondkekse, Melonen und Obst dorthinunter zu bringen, und dann mußten sich die Sklavenfrauen und -mädchen ringsherum setzen, um ebenfalls den Anblick des Mondes zu genießen. Da die Herzoginmutter sah, daß der Mond jetzt mitten am Himmel stand und noch bezaubernder und lieblicher anzusehen war als zuvor, sagte sie: „Zu so schönem Mondschein muß man unbedingt Flötenmusik hören!“ Und sie ließ die Mädchen vom Zehnerorchester[1] holen. Aber dann sagte sie: „Wenn es zuviel Instrumente sind, geht der Zauber verloren. Wir brauchen nur die Flötenspielerin, damit sie von ferne die Querflöte bläst.“ Als sie das gesagt hatte und die Flötenspielerin eben losging, erschien eine Sklavin aus Dame Hsings Gefolge und machte ihrer Herrin eine kurze Meldung. „Was hat sie gesagt?“ erkundigte sich die Herzoginmutter, und die Sklavin wiederholte: „Der ältere gnädige Herr ist beim Hinausgehen über einen Stein gestolpert und hat sich den Fuß verstaucht.“ Sofort befahl die Herzoginmutter zwei alten Sklavenfrauen, sie sollten schnell nach dem Kranken sehen, und auch Dame Hsing forderte sie auf, rasch nach Hause zu fahren. Also verabschiedete sich Dame Hsing, stand vom Tisch auf und ging. „Auch Dschëns Frau kann bequemerweise nach Hause fahren, ich lege mich ohnehin bald schlafen“, sagte die Herzoginmutter. „Heute fahre ich nicht nach Hause“, wehrte Frau You lächelnd ab. „Diese Nacht will ich mit Euch durchzechen, alte Ahne!“ „Das geht nicht, das geht nicht“, widersprach die Herzoginmutter eifrig und lächelte dabei. „Ein junges Ehepaar wie ihr muß in dieser Nacht zusammensein. Wie könntest du das um meinetwegen versäumen?!“ Frau You wurde rot, dann erwiderte sie lächelnd: „Es ist nicht zum Aushalten, was Ihr da sagt, alte Ahne! Wir sind zwar noch jung, aber wir sind schon mehr als zehn Jahre miteinander verheiratet und gehen bereits auf die vierzig zu. Außerdem ist unsere Trauerzeit noch nicht vorüber, so daß es zwar angehen mag, wenn ich mich mit Euch zusammen die Nacht durch vergnüge, aber doch nicht, wenn ich mich mit meinem Mann zusammentue.“ „Du hast ganz recht“, sagte die Herzoginmutter lächelnd. „Ich hatte vollkommen vergessen, daß eure Trauerzeit noch nicht um ist. Bedauerlicherweise ist ja dein Schwiegervater vor mehr als zwei Jahren gestorben, daran hatte ich nicht gedacht. Zur Strafe muß ich gleich einen großen Becher Wein trinken. Wenn das so ist, mußt du sie wirklich nicht hinausbegleiten und kannst mir weiter Gesellschaft leisten. Aber sag Jungs Frau, sie solle sie hinausbringen und bei der Gelegenheit gleich nach Hause fahren!“ Frau You kam dieser Aufforderung nach, und Djia Jungs Frau sagte: „Jawohl!“ und begleitete Dame Hsing bis zum Tor, wo sie in ihren Wagen stieg und nach Hause fuhr. Aber damit einstweilen genug von ihnen. Inzwischen führte die Herzoginmutter alle zu den Duftblütensträuchern, an denen sie sich ein Weilchen erfreuten. Dann kehrten sie an die Tafel zurück und ließen sich frisch gewärmten Wein reichen. Anschließend plauderten sie noch miteinander, als plötzlich und unvermutet drüben von den Duftblütensträuchern her die Querflöte erklang – mal traurig und schluchzend, mal schwellend und stolz. Mit dem hellen Mond und der reinen Luft, dem klaren Himmel und der stillen Erde zusammen machte diese Musik mit einem Mal alle Herzen von ihren Kümmernissen frei und ließ alle zehntausend Sorgen vergehen. Jeder saß andächtig und regungslos auf seinem Platz und genoß es in Schweigen. Erst als die Musik nach einer Zeit, wie man sie braucht, um zwei Schalen Tee zu trinken, wieder aufhörte, spendeten alle nicht enden wollendes Lob. Daraufhin wurde wieder frisch gewärmter Wein eingegossen, und die Herzoginmutter fragte lächelnd: „Klang das nicht wahrhaftig gut?“ „Es war in der Tat ein Genuß“, bestätigten die anderen, wobei sie ebenfalls lächelten. „Das hätten wir nicht gedacht. Wir brauchten wirklich Eure Anleitung, alte gnädige Frau, damit uns einmal ein bißchen das Herz aufging.“ „Dabei war es noch nicht einmal allzu gut“, sagte die Herzoginmutter. „Noch besser klingt es, wenn wir ein Stück aussuchen, das möglichst langsam ist.“ Damit befahl sie, der Flötenspielerin einen von den mit Melonenkernen bestreuten und mit Zirbelnüssen gefüllten Mondkeksen aus dem Kaiserpalast hinzutragen, wie sie selber sie aß, sowie einen großen Becher heißen Wein. Dazu ließ sie ihr bestellen, sie solle in Ruhe essen und trinken und dann noch eine leise Melodie blasen. Als die Sklavinnen jawohl gesagt hatten und eben gegangen waren, kamen die beiden Alten wieder, die von der Herzoginmutter zu Djia Schë geschickt worden waren, und sagten: „Am rechten Fußrücken hat der gnädige Herr eine weiße Schwellung. Durch die Medizin, die er bekommen hat, tut es schon nicht mehr so weh. Und es ist auch nicht weiter von Belang.“ Die Herzoginmutter nickte und bemerkte dann seufzend: „Ich bin wirklich unvernünftig! Er hat nicht mehr und nicht weniger behauptet, als daß ich einseitig in meinen Gefühlen sei, ich aber mache mir solche Sorgen um ihn!“ Und sie erzählte für Dame Wang, Frau You und die anderen den Schwank nach, den Djia Schë vorhin zum besten gegeben hatte. Lächelnd redete Dame Wang auf sie ein: „Das hat er doch nur aus Unachtsamkeit erzählt, als schon alle Wein getrunken hatten und scherzten. So etwas kommt vor. Wie würde er sich erdreisten, dabei Euch im Auge zu haben?! Das müßt Ihr Euch richtig klar machen, alte gnädige Frau!“ Indessen brachte Yüan-yang eine weiche Kapuze und einen großen Umhang und sagte: „Es ist schon tiefe Nacht, und wahrscheinlich wird bald Tau fallen. Außerdem bläst Euch der Wind um den Kopf. Darum müßt Ihr das hier umnehmen. Und wenn Ihr noch ein Weilchen gesessen habt, solltet Ihr schlafen gehen.“ „Kaum daß ich mich einmal freue, mußt du kommen, um mich zu mahnen“, schmollte die Herzoginmutter. „Bin ich vielleicht betrunken? Jetzt bleibe ich gerade hier, bis es hell wird!“ Und sie befahl, man solle ihr frischen Wein eingießen. Aber gleichzeitig zog sie sich auch die Kapuze über den Kopf und hüllte sich in den Umhang. Alle tranken zur Gesellschaft mit und trugen einige Scherze vor, dann hörten sie, wie im Schatten der Duftblütensträucher wieder die Querflöte erklang, klagend und zart, wirklich noch einsamer als zuvor. Jeder saß auf seinem Platz, ohne sich zu rühren. Die Nacht war still, der Mond schien klar, und dazu schluchzte leise die Flöte, da war es kein Wunder, daß die alte Herzoginmutter, zumal sie Wein getrunken hatte, Rührung empfand und zu weinen begann. Weil sich aber jeder verlassen und einsam vorkam, dauerte es geraume Zeit, bis sie merkten, daß die Herzoginmutter sich grämte. Da wandten sie sich rasch zu ihr um und sprachen auf sie ein, um ihre trübe Stimmung zu zerstreuen. Außerdem verlangten sie nach warmem Wein und ließen der Flötenspielerin sagen, daß sie aufhören solle. „Ich weiß auch einen Schwank, den ich Euch zur Aufheiterung erzählen will, alte gnädige Frau“, kündigte Frau You an. „Um so besser“, sagte die Herzoginmutter und zwang sich ein Lächeln ab, „erzähl ihn nur schnell!“ „Es war einmal eine Familie, die hatte vier Söhne“, begann Frau You. „Der älteste hatte nur ein Auge, der zweitälteste nur ein Ohr und der drittälteste nur ein Nasenloch. Der jüngste war zwar nicht mißgestaltet, aber er war stumm...“ Als sie eben so weit gekommen war, bemerkte sie, daß der Herzoginmutter die Augen zufielen, und es sah so aus, als ob sie einschlafen wollte. Darum hielt Frau You rasch inne, um sie gemeinsam mit Dame Wang leise anzusprechen, damit sie wieder zu sich kam. „Ich bin nicht müde“, versicherte die Herzoginmutter lächelnd, als sie die Augen öffnete. „Ich hatte die Augen einfach nur zugemacht, um sie ein wenig auszuruhen. Erzähl nur weiter, ich höre zu!“ Aber Dame Wang und die anderen redeten lächelnd auf sie ein: „Die vierte Nachtwache ist schon angebrochen, der Wind weht stark, und der Tau fällt reichlich. Geht bitte zur Ruhe, alte gnädige Frau! Morgen am sechzehnten ist der Mond noch genauso schön.“ „Wie könnte schon die vierte Nachtwache angebrochen sein?“ sage die Herzoginmutter ungläubig. „Es ist wirklich schon so spät“, bekräftigte Dame Wang, immer noch lächelnd. „Die Mädchen konnten es nicht länger aushalten und sind schlafen gegangen.“ Nun sah sich die Herzoginmutter aufmerksam um, und tatsächlich, bis auf Tan-tschun waren die Mädchen alle schon fort. „Macht nichts!“ sagte die Herzoginmutter, „ihr seid das Durchhalten nicht gewöhnt, zumal die einen schwächlich sind und die anderen krank. Nur die arme Tan-tschun harrt noch immer aus. – Geh du auch, wir bleiben nicht mehr länger!“ Mit diesen Worten stand sie auf, trank noch einen Schluck frischen Tee und nahm dann in dem bereitstehenden Bambustragstuhl Platz, wobei sie sich in ihren Umhang wickelte. Dann hoben zwei alte Sklavenfrauen den Tragstuhl auf, und die Herzoginmutter wurde, von allen anderen umringt und gefolgt, zum Garten hinausgetragen. Damit einstweilen genug von ihr. Inzwischen räumten die verbliebenen Sklavenfrauen Teller und Schüsseln, Becher und Schalen zusammen und bemerkten dabei, daß ein Teeschälchen aus feinstem Porzellan fehlte. Nachdem sie überall erfolglos danach gesucht hatten, wandte sich die Verantwortliche für das Geschirr an die übrigen mit den Worten: „Bestimmt ist es jemandem aus der Hand gefallen und zerbrochen! Aber wohin habt ihr die Scherben getan? Sagt es mir, damit ich sie aufsammeln und vorweisen kann. Sonst heißt es wieder, ich hätte das Schälchen unterschlagen.“ „Uns ist nichts entzweigegangen“, verteidigten sich die anderen Sklavenfrauen. „Vielleicht hat es jemand aus dem Gefolge der gnädigen Fräulein zerschlagen. Das kann man nicht wissen. Versuch dich noch einmal genau zu erinnern oder geh sie fragen!“ Das brachte die Verantwortliche auf die richtige Spur, und lächelnd sagte sie: „Tatsächlich, jetzt entsinne ich mich, daß Tsuee-lü das Schälchen genommen hat. Ich werde sie fragen gehen!“ Mit diesen Worten machte sie sich auf die Suche nach ihr, und als sie unten auf dem eingefriedeten Weg war, kamen ihr dort Dsï-djüan und Tsuee-lü entgegen. „Die alte gnädige Frau ist schon fort, weißt du nicht, wo unsere Fräulein geblieben sind?“ erkundigte sich Tsuee-lü. „Ich habe dich gesucht, um zu erfahren, wo das Teeschälchen geblieben ist, und du fragst mich, wo eure Fräulein sind“, entgegnete die Sklavin. „Ich hatte dem Fräulein Tee eingegossen, dann drehte ich mich um. Und als ich wieder hinsah, war das Fräulein mitsamt der Teeschale verschwunden“, berichtete Tsuee-lü lächelnd. „Eben erst hat die gnädige Frau gesagt, die Fräulein seien alle schlafen gegangen“, erwiderte die Sklavin, „aber du hast dich irgendwo vergnügt, darum weißt du nichts davon.“ Daraufhin sagte Tsuee-lü, an Dsï-djüan gewandt: „Es ist völlig ausgeschlossen, daß sie sich einfach schlafen gelegt haben. Wahrscheinlich waren sie irgendwo spazieren. Und wer weiß, ob sie nicht, als die alte gnädige Frau aufbrach, rasch nach vorne geeilt sind und sie begleitet haben! – Wenn das Fräulein sich einfindet, findet sich natürlich auch dein Teeschälchen wieder an. Frag also morgen früh noch einmal danach! Wozu die Ungeduld?“ – „Da ich jetzt weiß, wo es abgeblieben ist, ist Ungeduld nicht mehr vonnöten“, bestätigte die Sklavin. „Morgen werde ich mir das Schälchen von dir geben lassen.“ Nach diesen Worten kehrte sie zur Bergvilla Jadegrüne Erhebung zurück, um weiter das Geschirr einzusammeln. Dsï-djüan und Tsuee-lü aber machten sich auf den Weg zu den Räumen der Herzoginmutter. Mehr soll einstweilen von ihnen nicht die Rede sein. Wirklich waren Dai-yü und Hsiang-yün keineswegs schlafen gegangen. Nur weil so viele Angehörige des Hauses Djia gemeinsam den Vollmond bewunderten und die Herzoginmutter dennoch klagte, es seien zu wenig und es ginge nicht so lebhaft zu wie früher, und weil sie auch noch die beiden Kusinen Hsüä erwähnt hatte, die sich zu Hause mit ihren Verwandten am Anblick des Mondes erfreuten, hatte Dai-yü unversehens der Kummer gepackt, so daß sie fortgegangen war, bis zu einem Geländer, wo sie mit gesenktem Kopf stand und weinte. Bau-yü hatte in der letzten Zeit, weil Tjing-wën so schwer krank war, für nichts mehr Interesse, und als Dame Wang ihm wieder und wieder gesagt hatte, er solle schlafen gehen, war er wirklich gegangen. Genausowenig stand Tan-tschun der Sinn nach Vergnügungen, weil sie sich in den letzten Tagen wegen der Haushaltsangelegenheiten hatte ärgern müssen. Zwar waren noch Ying-tschun und Hsi-tschun da, aber mit ihnen hatte Dai-yü sich niemals sehr gut verstanden. So war Hsiang-yün die einzige, die ihr gut zuredete, und sie sagte nun: „Du bist doch ein verständiger Mensch, warum mußt du dich so quälen? Mir geht es auch nicht anders als dir, und dennoch bin ich nicht so kopfhängerisch wie du. Außerdem bist du viel krank, denkst aber nicht daran, dich zu schonen. Es ist schon ärgerlich, daß Kusine Bau-tschai und Kusine Bau-tjin erst nur so überflossen vor Freundlichkeit und seit langem davon sprachen, wie wir in diesem Jahr zum Mittelherbstfest alle zusammen den Vollmond bewundern und unsern Dichterbund einberufen wollten, um gemeinsam ein Gedicht zu verfassen, und jetzt, wo es soweit ist, lassen sie uns allein und genießen die Mondnacht anderswo. So ist unser Bund nicht zusammengetreten, und das Gedicht haben wir nicht geschrieben, statt dessen haben Väter und Söhne, Onkel und Neffen gemacht, was ihnen beliebte. Da siehst du, wie recht der Kaiser Tai-dsu der Sung-Dynastie[2] hatte, als er sagte: ‚Wie kann man neben dem eigenen Bett einen fremden Schnarcher dulden?‘ Und wenn die andern heute nichts dichten, sollten wir beide zusammen ein Gedicht verfassen, mit dem wir sie morgen beschämen können!“ Als Dai-yü sah, welche Mühe Hsiang-yün sich gab, um sie aufzuheitern, wollte sie diesen Enthusiasmus nicht enttäuschen, und so entgegnete sie lächelnd: „Aber wie soll man hier in Dichterlaune kommen, wenn alles durcheinanderschreit?“ „Hier auf dem Berg kann man den Mond zwar auch genießen, aber doch lange nicht so gut wie am Wasser“, sagte Hsiang-yün. „Du weißt doch, daß wir uns hier oberhalb des Teiches befinden. Dicht am Wasser steht in einer Einbuchtung des Berges die Herberge Kristallklare Vertiefung. An diesem Namen ist abzulesen, wieviel Gelehrsamkeit damals bei der Anlage des Gartens aufgewendet wurde. Der Gipfel des Berges heißt Jadegrüne Erhebung, und die Senke am Wasser zu seinen Füßen heißt Kristallklare Vertiefung. Die beiden Wörter tu – ,Erhebung‘ – und au – ,Vertiefung‘ – haben von jeher in der Literatur nur ganz selten Verwendung gefunden. Deshalb wirken sie hier in den Namen für zwei Gebäude um so neuartiger und nicht etwa klischeehaft. Man erkennt sofort, daß von den beiden Stätten eine oben und die andere unten liegt, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You[3] gebraucht, als er sagte: ,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“ „Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü. „Sie kommen bei den Alten überaus häufig vor, so in Djiang Yäns[4] ‚Ode vom dunklen Moos‘, in Dung-fang Schuos[5] ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ und sogar in der Geschichte, wie Dschang Sëng-you[6] das Kloster des Einen Fahrzeugs ausmalte, die in den ‚Aufzeichnungen über Malereien‘[7] steht. Man kann die Beispiele gar nicht alle anführen. Aber die Menschen von heute wissen das nicht und behandeln diese Schriftzeichen als vulgär. Um dir die Wahrheit zu sagen, die beiden Namen habe ich mir ausgedacht. Als damals Bau-yü eine Talentprobe ablegen mußte, hat er für einige Stätten die Namen gebildet. Zum Teil sind sie beibehalten, zum Teil geändert worden, und einen weiteren Teil hatte er noch nicht benannt. Für diese namenlosen Orte haben nachher wir andern alle zusammen Namen erdacht, den Ursprung dieser Namen angemerkt und die Lage der Gebäude beschrieben. Dann wurde das Ganze zu unserer kaiserlichen Kusine in den Palast getragen, damit sie es begutachten konnte, und sie hat es zurückgeschickt und dem Onkel vorlegen lassen. Zur allgemeinen Verwunderung hat sich der Onkel darüber gefreut und gesagt: ‚Hätte ich das nur eher gewußt! Dann hätte ich seinerzeit alle Namen von den Mädchen bilden lassen. Hätte das nicht auch seinen Reiz gehabt?‘ So sind alle Namen, die ich vorschlug, ohne jede Änderung angenommen worden. Aber jetzt wollen wir wirklich zur Herberge Kristallklare Vertiefung gehen, um von dortaus zu schauen!“ Mit diesen Worten stiegen sie beide bergab. Unten brauchten sie nur noch um einen Vorsprung zu biegen, um an den Rand des Teiches zu gelangen. Dort verzweigte sich das Bambusgeländer, und es bestand eine direkte Verbindung mit dem Weg, der zum Kiosk des Lotoswurzelduftes führte. Weil das kleine Gebäude, das hier stand, um von den Besuchern der Bergvilla Jadegrüne Erhebung zwischendurch aufgesucht zu werden, von dem Berg umschlossen wurde und tiefer dicht neben dem Wasser gelegen war, war seine Namenstafel mit den Worten „Wasserherberge Kristallklare Vertiefung“ beschriftet. Da es hier nur wenige, enge Räume gab, hielten darin nicht mehr als zwei alte Sklavinnen Nachtwache. Heute war ihnen, als sie sich erkundigten, gesagt worden, das Personal der Bergvilla Jadegrüne Erhebung habe sich dienstbereit zu halten, aber sie hätten damit nichts zu tun. Darum hatten sie Mondkekse und Früchte, Wein und Speisen in Empfang genommen, die sie als Anerkennung für ihren mühevollen Dienst bekamen, und hatten sich daran satt gegessen und vollgetrunken. Inzwischen hatten sie längst die Lampe gelöscht und schliefen. Als Dai-yü und Hsiang-yün sahen, daß alles dunkel war, sagte Hsiang-yün lächelnd: „Gut, daß sie schon schlafen! Wie wäre es, wenn wir uns in die offene Halle mit dem gewölbten Dach setzten, um den Mond dicht am Wasser genießen zu können?“ Und sie nahmen auf zwei runden Hockern aus geflecktem Bambus Platz. Am Himmel stand kreisrund der helle Mond, und auf dem Teich schwamm ebenfalls ein kreisrunder Mond. Einer oben, einer unten, wetteiferten sie miteinander im Glanz, und die beiden Mädchen kamen sich vor wie im Kristallpalast des Drachenkönigs[8] oder wie in der Wohnung der Wassermenschen[9]. Als ein leichter Windhauch vorüberstrich, bedeckte sich die helle Wasserfläche mit einem grünlichen Wellengekräusel, und in die Seelen der Betrachter zogen Reinheit und Frische ein. „Jetzt wäre es schön, im Boot zu sitzen und Wein zu trinken“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Wenn ich bei uns zu Hause wäre, würde ich mir sofort ein Boot nehmen!“ „Wie recht hatten doch die Alten, als sie sagten ‚Wenn man in allen Dingen Vollkommenheit verlangt, worüber kann man sich dann noch freuen?‘“ erwiderte Dai-yü, ebenfalls lächelnd. „Meiner Meinung nach ist es auch so schon genug. Warum sollten wir unbedingt im Boot sitzen?“ „Es ist nur normal, daß der Mensch ‚auf Schu schaut, kaum daß er Lung erobert hat‘[10]“, sagte nun wieder Hsiang-yün lächelnd. „Da sieht man, daß die alten Leute ganz recht haben. Sie sagen nämlich, die Armen glauben immer, die Reichen könnten in jeder Hinsicht tun und treiben, was ihnen gefällt, und wenn man ihnen sagt, das stimmt nicht, wollen sie es nicht glauben. Erst wenn sie es selbst einmal miterlebt haben, sehen sie es ein. Wir beide zum Beispiel dürfen mit in den Gefilden des Reichtums und der Vornehmheit leben, obwohl wir keine Eltern mehr haben, und trotzdem gibt es vieles, was nicht unsern Wünschen entspricht.“ „Das gilt aber nicht nur für uns“, wandte Dai-yü, immer noch lächelnd, ein. „Selbst die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sowie Bau-yü und Tan-tschun können in großen wie in kleinen Dingen nicht einfach ihren Wünschen folgen, ob diese nun berechtigt sind oder nicht. Für sie gilt gleichermaßen dasselbe Prinzip, erst recht also für uns, die wir als Gäste hier aufgenommen wurden.“ Als Hsiang-yün das hörte, bekam sie Angst, Dai-yü könnte gleich noch einmal in Trübsal verfallen, darum sagte sie rasch: „Schluß mit dem müßigen Geplauder, wir wollen gemeinsam dichten!“ Gerade als sie das sagte, hörten sie auf einmal die Klänge der Flöte, und Dai-yü bemerkte lächelnd: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind heute in guter Laune. Es war ein glücklicher Einfall, jetzt die Flöte blasen zu lassen. Dadurch wird auch unsere Stimmung noch erhöht. Wir mögen beide gern fünfsilbige Verse, also wollen wir ein langes fünfsilbiges Regelgedicht machen!“ „Und welchen Reim legen wir fest?“ fragte Hsiang-yün. „Wir zählen von hier bis dort die Geländerstäbe ab“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ihre Anzahl nehmen wir als die Nummer der Reimgruppe. Wenn es zum Beispiel sechzehn Stäbe sind, ergibt das die erste Reimgruppe der zweiten Abteilung[11], also hsiän. Wäre das nicht etwas Neuartiges?“ „Das ist wirklich einmal etwas anderes!“ bestätigte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd. Daraufhin standen sie beide auf und zählten die Geländerstäbe von einem bis zum anderen Ende, und es waren ganze dreizehn Stück. „Wieder einmal die Reimgruppe dreizehn – yüan“, sagte Hsiang-yün. „Sie umfaßt nur wenige Schriftzeichen, und so werden wir für ein langes Gedicht wohl zu Notbehelfen greifen müssen, die sich nicht reimen. Du mußt die erste Zeile vorgeben!“ „Erproben wir also, wer von uns beiden die Stärkere ist!“ erwiderte Dai-yü. „Nur fehlen uns Papier und Pinsel zum Schreiben.“ „Das macht nichts“, gab Hsiang-yün zurück, „wir können es morgen aufschreiben. So weit wird unser Gedächtnis wohl noch reichen!“ „Ich fange mit einem plumpen Allerweltsausdruck an“, erklärte Dai-yü und sprach: „In der Mondnacht am fünfzehnten achten...“ Hsiang-yün überlegte und setzte fort: „Schlendern wir wie zum Laternenfest.

Hoch am Himmel die Sternbilder glänzen, ...“

Lächelnd schloß Dai-yü an: „Weithin auf Erden tönt frohe Musik.

Überall fliegen heute die Becher, ...“

„Die Zeile ist gut, ‚Überall fliegen die Becher‘“, lobte Hsiang-yün. „Dem muß ich etwas Gleichwertiges an die Seite stellen!“ Und nach einigem Nachdenken sprach sie lächelnd: „Jedermanns Fenster stehn heute weit auf.

Frischer Wind macht uns schaudern und frösteln, ...“

„Deine Ergänzung ist sogar noch besser als meine Vorgabe“, sagte Dai-yü, „aber die nächste Zeile ist ein Allgemeinplatz. Dabei müßte eine Steigerung kommen.“ „Ein langes Gedicht mit begrenzter Reimzahl muß man schon ein bißchen auspolstern“, widersprach Hsiang-yün. „Die beseren Sachen lasse ich mir für später.“ „Ich bin gespannt, ob du das wirklich tust. Wenn nicht, bist du blamiert“, sagte Dai-yü. Dann fuhr sie fort: „Doch es entschädigt der Anblick der Nacht.

Hohn erntet ein Greis, voll Gier nach Gebäck, ...“

„Die Zeile taugt nichts“, protestierte Hsiang-yün, „die hast du dir einfach ausgedacht, um mich mit einer profanen Sache in Schwierigkeiten zu bringen.“ „Ich sage ja, du kennst nicht genug Bücher!“ entgegnete Dai-yü lächelnd. „Die Gier nach Gebäck ist ein klassischer Ausdruck. Lies erst die Annalen der Tang-Dynastie, ehe du mit mir streitest!“ „Noch bin ich nicht geschlagen“, sagte Hsiang-yün fröhlich. „Ich habe schon eine Parallele dazu.“ Und sie sprach: „Lachend die Mädchen Melonen zerteiln.

Balsamisch weht Luft vom Jadestrauch her, ...“

„Also, die Sache mit den Melonen ist eindeutig eine Fälschung von dir“, machte Dai-yü lächelnd jetzt ihrerseits geltend. „Morgen werden wir das klären, so daß sich jeder davon überzeugen kann!“ schlug Hsiang-yün lächelnd vor. „Jetzt wollen wir deswegen keine Zeit vergeuden!“ „Schon gut“, stimmte ihr Dai-yü, ebenfalls lächelnd, zu. „Aber deine nächste Zeile war auch nichts Rechtes. Wozu müssen wir wieder auf ‚Jadestrauch‘, und ‚Goldblume‘ kommen, um die Lücken zu füllen?“ Dann setzte sie fort: „Üppig in Blüten stehn Goldlilien da.

Wachskerzen leuchten dem festlichen Mahl, ...“

„Mit den Goldlilien hattest du es leicht und brauchtest dir nicht viel Mühe zu geben. Der Ausdruck bot sich von selbst an“, krittelte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem wäre auch diese Huldigung nicht nötig gewesen. Und deine zweite Zeile ist auch nur ein Lückenfüller.“ „Wäre ich vielleicht auf Goldlilien gekommen, wenn du nicht Jadestrauch gesagt hättest?“ verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich muß ja die Schönheit der Szene ein bißchen breiter ausgemalt werden. Das war nichts anderes als ein Lob dessen, was wirklich da ist.“ Notgedrungen mußte Hsiang-yün fortfahren und sprach: „Trinkspiele mehren den nächtlichen Spaß.

Ein Leiter befiehlt, was jeglicher tut, ...“

„Die zweite Zeile ist gut“, lobte Dai-yü lächelnd. „Nur ist es nicht so einfach, daran anzuknüpfen.“ Und sie überlegte eine Zeitlang, ehe sie sprach: „Dreimal genannt, wird das Rätselwort klar.

Rot ist beim Würfeln die Farbe des Siegs[12], ...“

„Dieses ‚dreimal genannt‘ hat etwas für sich, dadurch wird etwas Profanes gleichsam veredelt“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Aber dann hast du in der nächsten Zeile die Würfel hineingebracht.“ Und sie fuhr fort: „Ein Zweig macht die Runde zum Trommelschlag.

Lichter und Schatten durchflattern den Hof, ...“

„Angeknüpft hast du es gut“, bestätigte Dai-yü lächelnd, „doch die zweite Zeile ist einfach so dahingesagt. Wieder müssen der Mond und der Wind herhalten.“ „Aber schließlich habe ich den Mond nicht direkt erwähnt“, widersprach Hsiang-yün. „Und ein bißchen angedeutet muß er schon werden, damit wir nicht vom Thema abkommen.“ „Dann mag es einstweilen so bleiben, und morgen entscheiden wir endgültig darüber“, bestimmte Dai-yü und fuhr dann fort: „Himmel und Erde erstrahlen im Glanz.

Hausherrn und Gästen wird Strafe zuteil, ...“

„Warum fängst du wieder von denen an?“ fragte Hsiang-yün. „Sprich lieber von uns!“ Und sie setzte fort: „Gewinnen kann nur das beste Gedicht.

Beim Grübeln man stützt sich aufs Fensterbrett, ...“

„Da sind wir ja schon bei uns!“ sagte Dai-yü und schloß an: „Tief in Gedanken man lehnt sich ans Tor.

Der Wein ist verbraucht, die Stimmung noch froh, ...“

„Das wurde Zeit!“ quittierte Hsiang-yün und sprach weiter: „Auf die Stunde hat niemand geachtet.

Langsam verstummen Gelächter und Scherz, ...“

„Jetzt wird es mit jedem Schritt immer schwieriger“, kommentierte Dai-yü und setzte dann fort: „Schneeiger Mondschein bleibt einzig zurück.

Die Hibiskusblüten netzt schon der Tau, ...“

Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Was soll ich dem nur entgegensetzen? Laß mich überlegen!“ Sie stand auf und legte die Hände auf den Rücken, aber nach einigem Nachdenken erklärte sie lächelnd: „Genug! Glücklicherweise ist mir etwas eingefallen. Beinahe hätte ich aufgeben müssen.“ Und sie sprach: „Den Albizzienbaum verhüllt der Dunst.

Herbstliches Wasser quillt aus den Felsen, ...“

Unwillkürlich war auch Dai-yü aufgestanden und hatte vor Begeisterung aufgeschrien. „Du raffiniertes Biest!“ sagte sie dann, „du hast dir die besseren Sachen wirklich aufgespart, daß du erst jetzt mit dem Albizzienbaum kommst. Ein Glück, daß er dir eingefallen ist!“ „Ganz zufällig bin ich gestern auf das Wort gestoßen, als ich in den ‚Ausgewählten Schriften aus allen Zeiten‘ las“, berichtete Hsiang-yün. „Ich wußte nicht, was für ein Baum das ist, und wollte deswegen nachschlagen. Aber Kusine Bau-tschai hat gesagt, das brauchte ich nicht zu tun, die Albizzie[13] sei der Baum, der heute im Volksmund ‚Tags auf, nachts zu‘ genannt wird. Ich wollte es nicht glauben und habe doch nachgeschlagen, und es stimmte tatsächlich. Wie es aussieht, weiß Kusine Bau-tschai sehr viel.“ „Die Albizzie paßt natürlich bestens hierher“, sagte Dai-yü lächelnd, „aber die Zeile mit dem ‚herbstlichen Wasser‘ war noch ein viel besserer Einfall. Angesichts dieser Zeile möchte ich alle andern durchstreichen. Ich muß mir große Mühe geben, um ein passendes Gegenstück zu finden, aber so gut wie diese Zeile kann nichts anderes sein.“ Also dachte sie nach und sprach dann: „Fallende Blätter sich lagern am Hang.

Stolz blinken droben prächtige Sterne, ...“

„Diese Parallele ist doch nicht schlecht“, meinte Hsiang-yün, „aber die zweite Zeile fällt deutlich dagegen ab. Ein Glück, daß es nicht nur um das Bild geht, sondern auch um ein Gefühl, das darin liegt, und die Sterne dadurch nicht einfach als Lückenfüller dienen.“ Dann schloß sie an: „Die Kröte verschluckt den silbernen Mond.[14]

Der weiße Hase stampft Feenmedizin[15], ...“

Dai-yü nickte nur stumm und sprach endlich nach längerer Pause: „Zum Kalten Palast die Schöne entflieht[16].

Am Himmel grüßt Hirte die Weberin[17], ...“

Nach dem Mond blickend, nickte auch Hsiang-yün, ehe sie fortfuhr: „Zur Milchstraße fahren wir mit dem Floß[18].

Neumond und Vollmond stets lösen sich ab, ...“

„Wieder einmal muß dieses Bild herhalten!“ bemerkte Dai-yü, ehe sie anschloß: „Fehlt sein Licht, bleibt nur die Seele zurück.

Fast schon entleert, die Wasseruhr tropft, ...“

Schon wollte Hsiang-yün fortsetzen, als Dai-yü sie auf einen schwarzen Schatten im Teich aufmerksam machte und dann sagte: „Schau mal! Sieht das nicht aus, als ob sich da im Dunkeln jemand bewegt? Ist das vielleicht ein Totengeist?“ „Jetzt fängst du auch noch an, Gespenster zu sehen!“ erwiderte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Ich habe davor keine Angst. Warte, der bekommt etwas ab!“ Und sie bückte sich, hob einen flachen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser. Platsch! machte es, und eine ringförmige Welle zerriß das Spiegelbild des Mondes, das sich dann wieder zusammenfügte, um von der nächsten Welle erneut zerrissen zu werden. Im Schatten aber flatterte mit schwerem Flügelschlag ein weißer Kranich auf und flog in Richtung des Lotoswurzelkiosks davon. „Er war das also!“ sagte Dai-yü lächelnd. „An ihn hatte ich gar nicht gedacht, und vor Schreck bin ich richtig zusammengezuckt.“ „Er kam gerade richtig, er hat mir geholfen“, sagte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd, und sprach: „Dicht am Verlöschen der Lampenschein glimmt.

Ein Kranich entflieht durchs frostige Schilf, ...“

Wieder schrie Dai-yü vor Begeisterung auf, als sie die Verszeile gehört hatte, und stampfte diesmal sogar mit dem Fuß auf. Dann sagte sie: „Herrlich! Der Kranich hat dir wirklich geholfen. Dabei ist diese Zeile auch wieder ganz anders als die mit dem ‚herbstlichen Wasser‘. Aber was soll ich nur darauf erwidern, so natürlich und bildhaft, so vorgefügt und doch so neuartig, wie das ist? Ich werde wohl doch aufgeben müssen.“ „Wenn wir beide sorgfältig nachdenken, finden wir bestimmt etwas“, bot Hsiang-yün ihr lächelnd an. „Sonst aber können wir auch morgen weiterdichten.“ Ohne sie zu beachten, starrte Dai-yü in den Himmel. Dann lachte sie nach einer langen Pause plötzlich auf und sagte: „Du brauchst dich nicht großzutun. Ich habe es, hör zu!“ Und sie sprach: „Aufs Dichtergrab scheint der eiskalte Mond.“ „Ausgezeichnet!“ lobte Hsiang-yün und klatschte dabei in die Hände. „Das war das einzige, was du darauf erwidern konntest.“ Dann aber fuhr sie seufzend fort: „Unser Gedicht ist zwar dadurch neuartig und ungewöhnlich geworden, aber auch wieder ein bißchen zu traurig. Krank, wie du bist, solltest du solche ausgefallenen und abwegigen Sachen nicht sagen.“ „Aber wie hätte ich dich anders schlagen können!“ widersprach Dai-yü. „Mir fehlt bloß noch die nächste Zeile. Meine ganze Kraft habe ich auf die eine wenden müssen.“ Das hatte sie kaum gesagt, als hinter dem Geländer eine Gestalt um den Felsen gebogen kam und lachend sagte: „Ein schönes Gedicht, aber wirklich zu melancholisch! Ihr dürft es nicht weiterdichten, denn wenn ihr so fortfahrt, kommen diese beiden Zeilen nicht mehr zur Geltung, und man hat nur den Eindruck, das Gedicht sei willkürlich in die Länge gezogen worden.“ Auf so etwas nicht gefaßt, waren die beiden im ersten Augenblick vor Schreck zusammengefahren, doch als sie aufmerksam hinschauten, erkannten sie, daß es niemand anders war als Miau-yü. Und so fragten sie verwundert: „Wie kommst du denn hierher?“ „Ich hatte erfahren, daß alle zusammen den Mond bewundern, und als ich das schöne Flötenspiel hörte, bin ich herübergekommen, um mich hier ebenfalls am klaren Wasser und am hellen Mond zu erfreuen. Als ich dabei durch Zufall hier in die Nähe kam, habe ich plötzlich gehört, wie ihr gemeinsam gedichtet habt, und fand das so rein und erhaben, daß ich wie gebannt zugehört habe. In dem Stück, das ich hören konnte, waren ein paar gute Zeilen enthalten, aber sie waren zu traurig und pessimistisch. Und schließlich ist ja so etwas vom Schicksal des Menschen nicht zu trennen. Darum bin ich vorgetreten, um euch zu unterbrechen. Die alte gnädige Frau und die andern sind inzwischen längst auseinandergegangen, und alles im Garten schläft wohl schon fest. Ihr werdet bestimmt von euren Mägden sonstwo gesucht. Und habt ihr gar keine Angst vor der Kälte? Kommt schnell mit zu mir eine Tasse Tee trinken, und dann wird es wohl schon bald hell werden.“ „Wer hätte gedacht, daß es schon so spät ist!“ sagte Dai-yü und lächelte. Zu dritt gingen sie ins Kloster Gefangenes Grün, und hier sahen sie, daß die Flamme vor der Buddhanische noch bläulich brannte, und auch der Weihrauch im Kessel glimmte noch. Die alten Ammen schliefen schon längst, und nur die kleineren Sklavenmädchen saßen noch auf den runden Binsenmatten und dämmerten mit baumelnden Köpfen vor sich hin. Miau-yü befahl ihnen aufzustehen, und kaum hatten sie den Tee gebrüht, klopfte es ans Tor. Als die Sklavenmädchen rasch aufmachen gingen, stellte sich heraus, daß Dsï-djüan und Tsuee-lü mit einigen alten Ammen da waren, weil sie noch immer auf der Suche nach ihren beiden Fräulein waren. Als sie hereinkamen und die beiden beim Teetrinken fanden, erklärten sie lächelnd: „Da konnten wir freilich lange suchen! Den ganzen Garten sind wir abgelaufen, und sogar bei der gnädigen Frau Tante sind wir gewesen. Erst als wir zu dem kleinen Pavillon am Fuße des Berges kamen und die Nachtwächterfrauen dort zufällig wach fanden, sagte man uns, eben hätten noch zwei Personen draußen in der offenen Halle miteinander gesprochen, dann sei jemand dazugekommen und es sei die Rede davon gewesen, zum Kloster hinüberzugehen. Da wußten wir endlich, wohin wir uns wenden mußten.“ Rasch befahl Miau-yü ihren kleinen Sklavenmädchen, sie sollten die Ankömmlinge in ein anderes Zimmer führen, wo sie sich ausruhen und Tee trinken konnten. Sie selbst aber holte Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein hervor, ließ sich von den beiden das Gedicht vorsprechen und schrieb es nieder. Dai-yü, die sah, daß Miau-yü einen äußerst vergnügten Eindruck machte, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich in so froher Stimmung gesehen. Ich will mich nicht erdreisten, in plumper Manier um eine Belehrung zu bitten, aber hat es einen Sinn, an diesem Gedicht noch zu feilen? Wenn es nicht zu ertragen ist, dann wollen wir es verbrennen, aber wenn man noch etwas daraus machen kann, möchte ich um Korrektur bitten.“ „Auch ich will nicht wagen, leichtfertig Lob oder Tadel zu äußern“, entgegnete Miau-yü. „Ihr habt erst zweiundzwanzig Reime verbraucht, aber wie mir scheint, habt ihr die besten Zeilen, die ihr leisten konntet, bereits geschaffen. Wenn ihr noch weitermachen würdet, wäre zu befürchten, daß ihr zu einer Steigerung nicht mehr fähig seid. Darum würde ich gern das Begonnene fortführen, wenn ich nicht Angst hätte, es zu verderben.“ Dai-yü, die Miau-yü noch nie beim Dichten erlebt hatte, sagte angesichts dieser Begeisterung sofort: „Wenn du das tatsächlich tun wolltest, könnten unsere Verse, obwohl sie an sich nichts taugen, vielleicht zum Träger von etwas Gutem werden.“ „Das Gedicht muß aber jetzt am Schluß wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgeführt werden“, erklärte Miau-yü. „Wenn wir auf echtes Gefühl und wahre Sachverhalte verzichten, um statt dessen nach Merkwürdigkeiten zu streben, gehen wir zum einen von der Form ab, die uns als Mädchen zukommt, und zum anderen verfehlen wir auch das Thema.“ Dai-yü und Hsiang-yün gaben ihr vollkommen recht, also griff Miau-yü zum Schreibpinsel, und im Nu hatte sie das Gedicht vollendet und hielt es den beiden mit den Worten hin: „Ihr dürft mich aber nicht auslachen! So müßte es meiner Meinung nach sein, damit eine Wendung hineinkommt, durch die die traurigen Zeilen im ersten Teil nicht allzu störend wirken.“ Die beiden nahmen das Blatt entgegen und lasen, was Miau-yü als Fortsetzung geschrieben hatte: „Weihrauch verbrennt im goldenen Kessel,

 Kerzenwachs rinnt auf das Jadegeschirr.
 Flötenklang rührt die Witwe zu Tränen,
 die kalten Decken erwärmt ihr die Magd.
 Öd hängt der Vorhang mit Phönixmustern,
 sinnlos der Setzschirm zeigt bunten Dekor.
 Der reichliche Tau macht glitschig das Moos;
 dick bereift, schreckt der Bambus die Finger.
 Noch einmal den Schritt um den Teich gelenkt,
 noch einmal die steilen Höhen erklommen!
 Die Felsen bizarr wie ein Geisterspuk,
 Baum und Büsche gleich Tigern und Wölfen.
 Auf Inschriftensteinen glänzt Morgenlicht,
 auf hölzernen Blenden schimmert der Tau.
 Von tausend Bäumen schallt Vogelsang,
 tief aus der Schlucht klingt der Affen Geschrei.
 Vertraut mit dem Pfad, geht man nicht irre;
 wer die Quelle kennt, weiß, wo Wasser entspringt.
 Die Frühglocke läutet im Klosterhof,
 der Hahnenschrei tönt aus dem Reisduftdorf.
 Was soll der Kummer, wenn frisch die Stimmung?
 Warum noch jammern, wenn nichts uns bedrückt?
 Sich selbst nur zeigt man seine Gefühle,
 Kein Fremder erfährt, wonach steht mein Sinn.
 Schluß mit dem Geschwätz, wie müde wir sind,
 wir plaudern von Versen bei frischem Tee!“

Darunter stand noch: „Fünfunddreißig Reimpaare, gemeinschaftlich verfaßt aus Anlaß des Mittelherbstfestes im Garten des Großen Anblicks.“ Dai-yü und Hsiang-yün fanden kein Ende mit ihrem Lob und versicherten: „Wie man sieht, sind wir immer völlig umsonst in die Ferne geschweift, anstatt in der Nähe zu suchen. Da haben wir so eine göttliche Dichterin zur Hand und geben uns immer mit fruchtlosen Debatten zufrieden!“ „Morgen wollen wir dem Gedicht noch den letzten Schliff geben!“ sagte Miau-yü lächelnd. „Aber jetzt muß es wirklich bald hell werden, darum sollten wir endlich schlafen gehen!“ Also erhoben sich Dai-yü und Hsiang-yün, um sich zu verabschieden, und machten sich mit ihren Sklavenmädchen zusammen auf den Weg. Miau-yü begleitete sie bis ans Tor und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwanden, ehe sie das Tor zumachte und ins Haus zurückging. Aber damit genug von ihr. Inzwischen wandte sich Tsuee-lü mit den Worten an Hsiang-yün: „Wir werden bei der älteren jungen Herrin erwartet, weil wir dort übernachten sollten. Wohin gehen wir also?“ „Lauf im Vorbeigehen hinein und sag Bescheid, sie könnten sich schlafen legen!“ befahl Hsiang-yün. „Wenn wir jetzt dorthin gingen, würden wir unvermeidlich der Kranken Unruhe bereiten, darum ist es besser, wenn wir für den Rest der Nacht Fräulein Lin zur Last fallen.“ Also begaben sie sich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo die Hälfte des Personals schon im Schlaf lag. Die beiden Kusinen gingen in den Innenraum und legten sich erst zu Bett, nachdem sie Schmuck und Kleider abgelegt und sich gewaschen und auch den Mund gespült hatten. Dann ließ Dsï-djüan die rohseidenen Bettvorhänge herab, stellte die Lampe um, ging hinaus und schloß die Tür. Aber Hsiang-yün litt an der Eigenheit, wählerisch in bezug auf ihr Nachtlager zu sein. So lag sie zwar auf dem Kissen, konnte jedoch nicht einschlafen. Dai-yü aber krankte auf Grund ihrer Blutarmut ständig an Schlaflosigkeit, und da sie heute auch noch die Zeit verpaßt hatte, zu der sie üblicherweise ins Bett ging, fand sie natürlich ebenfalls keinen Schlaf. Beide wälzten sich hin und her, bis Dai-yü schließlich fragte: „Warum schläfst du noch nicht?“ „Mein Fehler ist es, daß ich mein gewohntes Bett brauche“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem ist die richtige Zeit zum Einschlafen längst vorüber, also liege ich notgedrungen nur einfach da. Aber warum schläfst du noch nicht?“ „Mir geht es durchaus nicht nur heute so, daß ich keinen Schlaf finde“, antwortete Dai-yü seufzend. „Das ganze Jahr über kann ich vielleicht nur zehn Nächte ausreichend schlafen.“ „Daran ist deine Krankheit schuld...“, sagte Hsiang-yün. Wer wissen will, was weiter geschah, ...

Anmerkungen

  1. Ein Orchester aus zehn Musikern, die zehn verschiedene Instrumente spielten, wie es zu Tsau Hsüä-tjins Lebzeiten gebräuchlich war.
  2. Der Begründer des Herrscherhauses Sung, regierte von 960 bis 976. Der Ausspruch findet sich in der offiziellen Geschichte der Dynastie.
  3. Vgl. o., Anm. zu S. 839.
  4. 444 – 505, Beamter und Literat.
  5. 154 – 93 v. u. Z., Beamter und Literat. Das ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ (Schën-i djing ) ist eine spätere Fälschung, die ihm nur zugeschrieben wurde.
  6. Berühmter Maler des 6. Jahrhunderts.
  7. Abkürzung für den Titel von Dschang Yän-yüans Buch ‚Aufzeichnungen über berühmte Malereien aller Zeiten‘ (Li-dai ming-hua dji). Dschang Yän-yüan lebte im 9. Jahrhundert.
  8. Vgl. o., Anm. zu S. 75 (Drachenkönig).
  9. Vgl. o., Anm. zu S. 557.
  10. Vgl. o., Anm. zu S. 835.
  11. Die erste Abteilung (‚oberer flacher Ton‘) hat nur 15 Reimgruppen, daher ist 16 die erste Gruppe der zweiten Abteilung (‚unterer flacher Ton‘).
  12. Bei chinesischen Würfeln sind die Eins und die Vier durch rote Punkte gekennzeichnet, die übrigen Augen durch schwarze. Bei manchen Spielen entscheidet nicht die geworfene Augenzahl, sondern die Farbe über Sieg und Niederlage.
  13. Die Albizzie (Albizzia julibrissin) schließt zur Nacht ihre paarig gefiederten Blätter.
  14. Der chinesischen Mythologie zufolge ist der Mond von einer Kröte bewohnt, die ihn von Zeit zu Zeit verschluckt (wodurch Mondfinsternis eintritt).
  15. Einer anderen Mythe nach lebt auf dem Mond ein weißer Hase, der in einem Mörser Medizin zubereitet.
  16. Eine weitere Mythe erzählt, daß auf dem Mond ein Palast steht, der von unsterblichen Feen bewohnt ist und den Namen ‚Palast der Breiten Kälte‘ trägt. Hier kombiniert mit der Mythe von Tschang-ë, der Frau des Helden I, die ihm die Medizin der Unsterblichkeit stiehlt und in den Mondpalast entflieht.
  17. Vgl. o., Anm. zu S. 705 (Am siebenten siebenten...).
  18. Nach einer Darstellung im Buch ‚Bo-wu dschï‘ des Dschang Hua gelangte ein Küstenbewohner mit einem Floß vom Meer auf die Milchstraße, wo er den Hirten und die Weberin besuchte.