Hongloumeng/de/Chapter 77
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Kapitel 77
俏丫鬟抱屈夭風流 / 美優伶斬情歸水月
Die huebsche Dienerin stirbt vor der Zeit unter ungerechtfertigtem Vorwurf; Die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zum Wasser und Mond zurueck
Zu Unrecht gedemütigt, stirbt ein schönes Sklavenmädchen in der Blüte seiner Jahre;alle Bindungen lösend, tritt eine liebliche Schauspielerin als Nonne ins Kloster ein.
Als das Mittelherbstfest vorüber war, stellte Dame Wang fest, daß Hsi-fëngs Krankheit bereits im Abklingen war. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, aber sie konnte doch schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch kam nach wie vor jeden Tag der Arzt, um ihr die Pulse zu fühlen, und sie mußte weiterhin Medikamente einnehmen. Zur Anfertigung der Arzneikugeln, die der Arzt ihr verschrieb, wurden zwei Liang besten Ginsengs gebraucht, aber als Dame Wang befahl, ihn zu holen, fanden sich nach langem Suchen in einem Kästchen nur ein paar Wurzeln, die nicht stärker waren als Haarpfeile. Damit war Dame Wang nicht zufrieden, und so befahl sie weiterzusuchen. Aber alles, was sich noch fand, war ein Paket mit Fasern und Krümeln. Aufgeregt sagte Dame Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, und ausgerechnet wenn man welchen braucht, ist keiner zu finden. Immer wieder habe ich euch befohlen, ihr solltet aufräumen und allen Ginseng an eine Stelle tun. Aber ihr könnt ja nicht hören und laßt alles liegen, wo es euch eben aus der Hand fällt. Ihr wißt einfach nicht, was der Ginseng wert ist. Wieviel Silber das kostet, ihn erst kaufen zu müssen, wenn man ihn braucht, und dann taugt er nicht einmal was!“ „Wir werden wohl bis auf diesen keinen mehr haben“, erwiderte ihr Tsai-yün. „Als letztens die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr alles weggegeben.“ „Das kann nicht sein“, beharrte Dame Wang. „Such noch einmal sorgfältig nach!“ Wohl oder übel mußte Tsai-yün also noch einmal suchen, und diesmal kam sie mit mehreren Päckchen Arzneipflanzen wieder und sagte: „Wir wissen nicht, was das ist. Seht es Euch bitte selber an, gnädige Frau! Etwas anderes ist nicht da.“ Als Dame Wang die Päckchen aufmachte, konnte sie sich ebensowenig besinnen, was für Kräuter das waren, aber es war keine einzige Ginsengwurzel darunter. Also schickte sie jemand zu Hsi-fëng, um zu fragen, ob sie welche habe, aber Hsi-fëng antwortete: „Ich habe nur ein bißchen Ginsengpaste und ein paar Fasern und Enden. Die paar Wurzeln, die ich noch da habe, sind nicht von der besten Sorte, und ich brauche sie, um die täglichen Heiltränke davon zu kochen.“ Notgedrungen mußte sich Dame Wang nun an Dame Hsing wenden, aber diese ließ ihr erwidern: „Ich hatte nur deshalb bei euch darum gebeten, weil ich selbst keinen mehr besaß. Jetzt ist er längst alle.“ Also blieb Dame Wang nichts anderes übrig, als sich persönlich an die Herzoginmutter zu wenden. Diese gab Yüan-yang den Befehl, sie solle bringen, was von noch übrig war, und das erwies sich als ein großes Paket von Wurzeln, alle so stark wie ein Finger. Davon ließ die Herzoginmutter zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben. Als Dame Wang zurückkam, übergab sie den Ginseng Dschou Juees Frau und befahl ihr, die Sklavenjungen sollten ihn zu dem Arzt in die Wohnung tragen und zugleich auch jene Päckchen mitnehmen, deren Inhalt sie nicht festzustellen vermochte, damit er alles bestimmte und die Namen auf den Päckchen vermerkte. Nach einiger Zeit kam Dschou Juees Frau dann wieder und berichtete: „Diese Päckchen hier sind wieder ordentlich verpackt, und auf jedem ist die Bezeichnung vermerkt. Der Ginseng war wirklich von der besten Sorte, und heute bekommt man so etwas auch für dreißig Liang Silber pro Liang nicht zu kaufen, aber er ist schon zu alt. Mit Ginseng ist es nicht so wie mit anderen Sachen. Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren wird er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber es ist nur noch Moder, der seine Kraft verloren hat. Der Arzt läßt Euch bitten, ihn zurückzunehmen und ihm frischen dafür zu schicken, egal ob es dicke oder dünne Wurzeln sind.“ Schweigend senkte Dame Wang den Kopf und sagte erst nach langer Pause: „Da bleibt uns nichts weiter übrig, als zwei Liang kaufen zu gehen.“ Und da ihr der Sinn nicht danach stand, sich die anderen Arzneipflanzen anzusehen, befahl sie: „Räumt das alles weg!“ Dann wandte sie sich wieder an Dschou Juees Frau und beauftragte sie: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng ausfindig machen und zwei Liang davon kaufen! Wenn die alte gnädige Frau einmal danach fragen sollte, sagt ihr, wir hätten ihren Ginseng genommen, und macht keine Worte darum!“ Dschou Juees Frau wollte schon losgehen, da sagte Bau-tschai, die ebenfalls anwesend war, mit lächelnder Miene: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Wenn wirklich einmal eine gute Wurzel auftaucht, dann schneiden sie sie unbedingt in zwei oder drei Stücken und fügen wertlose Enden oder ausgekochte Stücken dazwischen und verkaufen das als gute Wurzeln, ohne daß man sehen kann, ob er etwas taugt. Wir haben in unserm Laden oft mit Ginsenghändlern zu tun, darum will ich mit meiner Mutter sprechen, damit sie meinen Bruder beauftragt, einen unserer Gehilfen hinzuschicken. Er soll mit ihnen reden und sie beauftragen, zwei Liang guten, echten Ginseng für uns zu kaufen. Besser, ein paar Liang Silber mehr ausgeben, aber dafür habt Ihr dann auch wirklich etwas Ordentliches!“ „Du bist wahrlich verständig!“ lobte Dame Wang und lächelte dabei. „Es ist also das beste, ich bemühe dich deswegen.“ Daraufhin ging Bau-tschai fort, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Es ist schon jemand geschickt worden, und bis zum Abend wird er Bescheid bringen. Wenn die Arznei morgen in aller Frühe zubereitet wird, ist es noch nicht zu spät.“ Dame Wang freute sich natürlich, dann sagte sie: „Wahrhaftig, ‚die Haarölhändlerin macht sich das Haar mit Wasser naß.‘ Wieviel guten Ginseng hatten wir ursprünglich im Haus, und wieviel haben wir davon andern gegeben! Aber jetzt, wo wir selber welchen brauchen, müssen wir andere um Hilfe bitten.“ Und sie stieß einen langen Seufzer aus. Lächelnd entgegenete Bau-tschai: „Ginseng kostet zwar einiges Geld, aber es ist nun einmal nichts anderes als ein Heilmittel. Darum ist es ganz richtig, ihn wegzugeben und andern damit zu helfen. Schließlich gehören wir doch nicht zu den Leuten, die nichts gesehen haben von der Welt und die solche Dinge eifersüchtig versteckt halten, wenn sie sie bekommen.“ „Du hast ganz recht“, bestätigte Dame Wang und nickte dazu. Als Bau-tschai sich verabschiedet hatte und niemand weiter im Zimmer war, rief Dame Wang nach Dschou Juees Frau und fragte sie, ob neulich bei der Durchsuchung des Gartens etwas herausgekommen sei. Dschou Juees Frau, die sich bereits mit Hsi-fëng und den anderen abgesprochen hatte, verheimlichte ihr nicht die geringste Kleinigkeit und gab einen klaren Bericht. Nachdem Dame Wang alles gehört hatte, war sie erschrocken und zornig zugleich, außerdem war sie jedoch auch betreten, denn schließlich war Sï-tji aus Ying-tschuns Gesinde und gehörte damit zum anderen Wohngehöft. So sah sie keine andere Möglichkeit, als jemand zu Dame Hsing zu schicken, um ihr die Sache zu melden. Aber Dschou Juees Frau wandte ein: „Schon neulich hat die gnädige Frau von drüben der Frau von Wang Schan-bau vorgeworfen, sie sei übereifrig gewesen, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Seitdem ist sie unter dem Vorwand von Krankheit zu Hause geblieben und wagt es nicht, sich zu zeigen. Zumal Sï-tji ihre Enkelin ist, und sie sich mit dieser Sache ins eigene Fleisch geschnitten hat. Darum tut sie jetzt notgedrungen so, als ob sie nichts davon wüßte, so daß mit der Zeit Gras darüber wächst. Wenn wir jetzt hinübergehen und die Sache melden, wird sie wohl wieder mißtrauisch werden, und es würde so aussehen, als ob nun wir übereifrig wären. Darum wäre es das beste, wenn man Sï-tji direkt zur gnädigen Frau hinüberbringt und sie ihr zusammen mit den Beweisstücken vorführt. Dann bekommt sie eine Tracht Prügel und wird mit jemand verheiratet, und es wird eine neue Magd bestimmt. Wäre das nicht viel unkomplizierter? Wenn wir es einfach nur melden gehen, wird die gnädige Frau von drüben tausend Einwände machen und wird sagen: ‚Wenn das so ist, hätte Eure gnädige Frau die Sache regeln müssen. Was wollt ihr also noch von mir?‘ Würde damit nicht alles nur verzögert werden? Und wenn sich das Mädchen eine Gelegenheit zunutze macht, um sich umzubringen, wäre das auch nicht gut. Sie wird nun schon ein paar Tage bewacht, und jeder Mensch wird einmal nachlässig. Wenn es wirklich dazu käme, würde ein weiterer Skandal daraus entstehen.“ Dame Wang dachte eine Zeitlang darüber nach, dann sagte sie: „Das ist richtig. Bringen wir also die Sache schnell zum Abschluß und nehmen uns dann die Verführerinnen im eigenen Haushalt vor!“ Als Dschou Juees Frau das hörte, holte sie die anderen Sklavenfrauen zusammen und ging mit ihnen zu Ying-tschun, um ihr zu berichten: „Die gnädigen Frauen haben gesagt, Sï-tji sei jetzt groß, und da ihre Mutter immer wieder darum bat, hat die gnädige Frau jetzt gestattet, daß ihre Mutter sie verheiratet. Sie soll jetzt gehen, und dann wird eine andere gute Magd ausgewählt, um Euch zu bedienen, Fräulein.“ Und damit befahl sie Sï-tji, sie solle ihre Sachen packen und ihnen folgen. Ying-tschun waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten, und sie schien sich nicht von Sï-tji trennen zu wollen. Aber da sie gehört hatte, was die anderen Sklavenmädchen in den vergangenen Nächten leise über den wahren Grund gesagt hatten, konnte sie trotz der Gefühle, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatten und die ihr die Trennung schwer machten, nichts unternehmen, weil es um die Sittlichkeit ging. Sï-tji hatte Ying-tschun so sehr gebeten und wirklich gehofft, sie würde ihre Begnadigung erwirken, aber Ying-tschun war nicht redegewandt und ließ sich leicht beeinflussen, anstatt ihre eigene Meinung zu vertreten. Als Sï-tji sah, was geschah, und erkennen mußte, daß man ihr nicht verzieh, sagte sie unter Tränen: „Wie hartherzig Ihr seid, Fräulein! In den letzten Tagen habt Ihr mich an der Nase herumgeführt, jetzt aber wißt Ihr wohl keinen einzigen Satz mehr zu sagen?“ „Erwartest du vielleicht noch, daß das Fräulein dich behält?“ fragte Dschou Juees Frau. „Selbst wenn sie dich behielte, könntest du doch hier im Garten niemand mehr in die Augen sehen. Also tu, was wir dir im Guten sagen, pack schnell deine Sachen und komm ohne große Umstände mit! Das ist für alle Seiten ehrenvoller.“ Weinend setzte Ying-tschun hinzu: „Ich weiß, daß du irgend etwas Schlimmes getan haben mußt. Wenn ich mich jetzt zu sehr für dich einsetze, damit du bleiben darfst, ist es doch auch mit mir aus. Schau dir Ju-hua an! Sie war auch jahrelang hier. Wieso ist sie denn gegangen, kaum daß man es ihr gesagt hat? Und es geht ja natürlich auch nicht nur um euch beide. Ich glaube, alle im Garten, die groß geworden sind, werden gehen müssen. Und da wir uns eines Tages doch trennen müssen, scheint es mir besser, du gehst freiwillig.“ „Ihr seid ein verständiger Mensch, Fräulein“, lobte Dschou Juees Frau. „Und du sei ganz ruhig, bald werden noch andere fortgeschickt.“ Nun hatte Sï-tji keine andere Wahl mehr. Unter Tränen machte sie vor Ying-tschun ihren Stirnaufschlag, und als sie sich von ihren Mitschwestern verabschiedet hatte, flüsterte sie Ying-tschun noch zu: „Erkundigt Euch bitte, ob ich bestraft werden soll, und legt ein gutes Wort für mich ein, um unseren Beziehungen als Herrin und Dienerin gerecht zu werden!“ „Sei unbesorgt!“ antwortete Ying-tschun, ebenfalls mit Tränen in den Augen. Nun führte Dschou Juees Frau Sï-tji zum Hoftor hinaus, dann befahl sie, zwei von den Sklavenfrauen sollten Sï-tjis Sachen tragen. Aber kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam ihnen Hsiu-djü hinterhergeeilt, die sich mit einer Hand die Tränen abwischte, während sie mit der anderen Sï-tji einen seidenen Beutel reichte. Dabei sagte sie: „Das schickt dir das Fräulein. Nachdem ihr so lange als Herrin und Dienerin zusammengewesen seid und euch nun trennen müßt, soll dies ein Andenken für dich sein.“ Sï-tji nahm den Beutel entgegen, und unwillkürlich flossen ihre Tränen noch reichlicher, während sie jetzt mit Hsiu-djü zusammen weinte. Aber ungeduldig mahnte Dschou Juees Frau zur Eile, und die beiden mußten sich trennen. „Drückt doch bitte ein Auge zu, Tante, und macht ein Weilchen halt, damit ich mich von den Schwestern verabschieden kann, mit denen ich befreundet war und mit denen ich mich all die Jahre hindurch so gut verstanden habe!“ bat Sï-tji weinend. Aber Dschou Juees Frau und die übrigen Sklavenfrauen hatten andere Sorgen und wollten sich deshalb nicht die Zeit dafür nehmen. Außerdem war es ihnen zutiefst verhaßt, wie sich Sï-tji und die anderen Sklavenmädchen stets aufgespielt hatten. Darum ließen sie sich jetzt auf nichts ein, und Dschou Juees Frau sagte mit kühlem Lächeln: „Ich rate dir, geh und trödel nicht herum! Wir haben schließlich auch noch ernsthafte Dinge zu besorgen. Stammt hier vielleicht jemand mit dir aus einem Mutterleib? Wozu willst du dich also von ihnen verabschieden? Sie würden dich nicht einmal ansehen, wenn du lachen würdest. Du willst nur herumbummeln, um Zeit zu gewinnen. Glaubst du etwa, damit würde sich die Sache erledigen? Hör, was ich dir sage, und geh jetzt schnell!“ Das sagte sie, ohne auch nur stehenzubleiben, und führte Sï-tji zum hinteren Seitentor hinaus. So blieb Sï-tji nichts weiter übrig, als ihr zu folgen, zumal sie es auch nicht wagte, noch etwas einzuwenden. Durch Zufall kam eben Bau-yü durch das Tor herein, und als er sah, daß Sï-tji hinausgeführt wurde und daß man ihr ihre Sachen hinterhertrug, erriet er, daß sie wegging, um nicht mehr wiederzukommen. Bau-yü hatte gehört, was sich neulich in der Nacht ereignet hatte, und er hatte auch bemerkt, daß sich Tjing-wëns Zustand seit jener Nacht verschlimmerte, ohne daß sie ihm auf seine Nachfragen eine Erklärung gab. Dann hatte er festgestellt, daß Ju-hua verschwunden war, und jetzt sah er, daß auch Sï-tji fortging, und unwillkürlich wurde ihm zumute, als ob ihm die Seele aus dem Leib fahren wollte. Rasch stellte er sich den Frauen in den Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“ Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“ „Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“ „Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“ Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“ Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast. Tjing-wën ist auch krank, und du gehst jetzt fort. Was soll werden, wenn ihr alle geht?“ Ungeduldig fuhr Dschou Juees Frau inzwischen Sï-tji an: „Du bist jetzt kein Beinahe-Fräulein mehr, und wenn du nicht hören willst, kann ich dich auch schlagen. Bilde dir nur nicht ein, du könntest dich noch genauso aufführen wie früher, als dein Fräulein die Hand über dich gehalten hat. Sieh zu, daß du endlich weiterkommst, anstatt hier noch lange zu schwatzen. Was ist das überhaupt für ein Benehmen, sich so an den jungen Herrn zu klammern?“ Und ohne sich auf weitere Erörterungen einzulassen, zogen die Sklavenfrauen Sï-tji mit sich fort. Bau-yü hatte Angst, die Frauen könnten ihn anschwärzen gehen, darum starrte er ihnen nur böse nach, und erst als sie schon weit fort waren, streckte er die Hand nach ihnen aus und sagte empört: „Merkwürdig, merkwürdig! Wie kommt es nur, daß die Frauen, kaum daß sie verheiratet sind und mit Männergeruch in Berührung kommen, so gemein werden, daß man eher sie umbringen möchte als die Männer?“ Als die alten Sklavenfrauen, die das Gartentor zu hüten hatten, diese Worte vernahmen, mußten sie unwillkürlich lachen und fragten ihn: „Demnach sind wohl alle Mädchen gut, und alle Frauen sind schlecht?“ „Genau so ist es“, bestätigte Bau-yü und nickte dazu. Lächelnd baten die Sklavenfrauen: „Dann erklärt uns doch bitte noch einen Satz, den wir in unserer Dummheit nicht verstehen...“ Aber noch ehe sie weitersprechen konnten, kamen einige andere alte Sklavenfrauen und warnten sie dringend: „Seid vorsichtig! Ruft alle zusammen und bleibt auf euren Posten! Die gnädige Frau kommt persönlich in den Garten, um das Personal zu inspizieren. Wahrscheinlich wird sie auch hierher kommen. Außerdem hat sie befohlen, daß der Vetter der Magd Tjing-wën aus dem Hof der Freude am Roten und die Frau des Vetters sofort geholt werden und hier warten, um Tjing-wën mitzunehmen.“ Dann setzten sie lächelnd hinzu: „Buddha Amitabha! Endlich hat der Himmel die Augen geöffnet und schafft uns diese bösartige Hexe vom Hals. Jetzt werden wir alle ein bißchen friedlicher leben!“ Kaum hatte Bau-yü gehört, Dame Wang sei im Garten, um das Personal zu inspizieren, befürchtete er sogleich, jetzt werde auch Tjing-wën nicht mehr zu halten sein, und wie im Flug stürzte er davon. Deshalb hatte er die letzte Äußerung der Zufriedenheit schon nicht mehr wahrgenommen. Als Bau-yü in den Hof der Freude am Roten trat, fand er dort einen ganzen Trupp Leute vor. Dame Wang saß mit zorniger Miene im Zimmer und schenkte ihm keine Beachtung, als sie ihn sah. Tjing-wën hatte schon vier, fünf Tage lang nicht einmal Wasser und Reis zu sich genommen. Sie war krank und schwach. Als sie jetzt vom Ofenbett gezerrt wurde, war ihr Haar zerzaust, und ihr Gesicht war schmutzig, zwei Frauen mußten sie stützen. Auf Befehl von Dame Wang durfte sie nur behalten, was sie auf dem Leib trug. All ihre guten Kleider sollten dableiben, damit bessere Mädchen sie tragen könnten. Dann gab Dame Wang den Befehl, alle Sklavenmädchen des Gehöfts zusammenzurufen, um sich eine nach der andern anzusehen. Nachdem Dame Wang neulich wütend geworden war und Wang Schan-baus Frau die Gelegenheit genutzt hatte, um Tjing-wën zu Fall zu bringen, hatten sich noch andere gefunden, die sich mit den Mädchen im Garten nicht verstanden und deshalb ebenfalls die Gunst der Stunde nutzten, um ein paar Worte anzubringen. Dame Wang hatte sich alles gut gemerkt, und nur weil sie durch die Feiertage beschäftigt gewesen war, hatte sie sich einige Tage geduldet. Jetzt aber war sie extra gekommen, um alle Mädchen persönlich in Augenschein zu nehmen. Dabei war die Sache mit Tjing-wën nur das eine, denn man hatte sie darauf aufmerksam gemacht, daß Bau-yü schon groß sei und um die Geheimnisse der Erwachsenen wisse, doch statt sich zu vervollkommnen, werde er durch die Mägde in seinen Räumen verdorben. Dies war schlimmer als die Anwesenheit von Tjing-wën, und deshalb sah sich Dame Wang jedes einzelne Sklavenmädchen von Hsi-jën bis hinunter zu den allergeringsten, die für grobe Arbeiten eingesetzt waren, mit eigenen Augen an. Anschließend fragte sie: „Wer hat an einem Tag mit Bau-yü Geburtstag?“ Das betreffende Mädchen wagte nicht, sich zu melden, aber eine alte Amme zeigte mit dem Finger auf sie und sagte: „Hier, diese Huee-hsiang, die auch Sï-örl genannt wird, hat am selben Tag Geburtstag wie er.“ Dame Wang sah sich das Mädchen aufmerksam an, und wenn es auch nicht halb so gut aussah wie Tjing-wën, war es doch in einem bestimmten Maße frisch und lieblich. Ihrem Benehmen war anzumerken, daß sie klug war, und auch ihre Aufmachung unterschied sich von der der übrigen. Mit kühlem Lächeln sagte Dame Wang: „Noch so ein schamloses Ding! Sie hat insgeheim behauptet, wenn zwei am selben Tag Geburtstag hätten, würden sie Mann und Frau. – Das hast du doch gesagt? Du hast wohl geglaubt, weil ich weit weg wohne, wüßte ich von nichts? Aber wie du siehst, bin ich körperlich zwar nicht oft hier, mein Herz und meine Ohren aber sind es sehr wohl. Glaubt ihr, ich würde meinen einzigen Sohn in aller Seelenruhe von euch verführen und verderben lassen?“ Als Sï-örl hörte, wie Dame Wang die Worte wiederholte, die sie ehedem heimlich zu Bau-yü gesagt hatte, wurde sie unwillkürlich rot, ließ den Kopf hängen und begann zu weinen. Dame Wang befahl sofort, man solle ihre Angehörigen kommen lassen, um sie abzuholen und mit jemandem zu verheiraten. Dann fragte sie: „Wer ist Yä-lü Hsiung-nu?“ Die alten Ammen zeigten auf Fang-guan, und Dame Wang erklärte: „Ein Schauspielermädchen ist natürlich ein Fuchsdämon[1]! Als ihr letztens freigelassen werden solltet, wolltet ihr nicht fort. Aber dann hättet ihr euch bescheiden in euer Los fügen müssen. Du aber spukst hier herum und stiftest Bau-yü zu allem möglichen Unfug an.“ „Wie würde ich das wagen!“ verteidigte sich Fang-guan lächelnd. „Du widersprichst mir noch?“ fragte Dame Wang und lächelte dabei ebenfalls. „Dann frage ich dich, wer hat im vorvorigen Jahr, während wir an den Kaisergräbern waren, Bau-yü dazu angestiftet, diese Wu-örl von den Lius zu sich zu nehmen? Glücklicherweise war es dem Mädchen vom Schicksal beschieden, jung zu sterben. Wenn sie hier hereingekommen wäre und du dich mit ihr zusammengetan hättest, dann hättet ihr den ganzen Garten auf den Kopf gestellt. Von anderen ganz zu schweigen, du hast ja selbst deine eigene Pflegemutter an die Wand gedrückt.“ Dann befahl sie: „Ruft ihre Pflegemutter, damit sie sie abholt! Sie darf ihr selbst einen Bräutigam von außerhalb suchen. Und gebt ihr all ihre Sachen mit!“ Als nächstes ordnete sie an, von den Schauspielermädchen, die man damals den einzelnen Mädchen zugeteilt hatte, dürfe keine einzige im Garten bleiben. Sie sollten alle von ihrer jeweiligen Pflegemutter abgeholt und nach deren Ermessen verheiratet werden. Kaum war dieser Befehl übermittelt, als sich die Pflegemütter der Schauspielermädchen sogleich außerordentlich dankbar und zufrieden zeigten. Alle gemeinsam erschienen sie vor Dame Wang, um sich kniefällig zu bedanken und die Mädchen fortzuführen. Dann durchsuchte Dame Wang alle Sachen in Bau-yüs Räumen, und alles, was ihr befremdlich vorkam, ließ sie einstecken oder zusammenrollen und in ihre eigenen Räume tragen. „Jetzt herrscht Sauberkeit“, sagte sie anschließend, „und wir erspraren uns das Gerede von Außenstehenden.“ Hsi-jën und Schë-yüä wurden ermahnt: „Nehmt euch in acht! Wenn auch nur das Geringste passiert, kenne ich kein Erbarmen mehr! Ich habe schon nachschlagen lassen[2], dieses Jahr ist für einen Umzug nicht geeignet, darum soll er einstweilen noch hierbleiben, aber nächstes Jahr zieht ihr wieder mit ihm aus, damit ich Ruhe finde.“ Nach diesen Worten führte Dame Wang ihr ganzes Gefolge hinaus, ohne auch nur Tee getrunken zu haben, und setzte ihre Inspektion an anderer Stelle fort. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Bau-yü hatte ursprünglich angenommen, Dame Wang sei nur zu einer einfachen Kontrolle gekommen und es läge nichts weiter vor. Nun aber war sie förmlich mit Donner und Blitz erschienen. Alle ihre Vorwürfe hatten Dinge betroffen, die wirklich gesagt worden waren, und kein Wort davon war unwahr. Darum ließ sich wahrscheinlich an ihren Entschlüssen nichts mehr ändern. Bau-yü wäre vor lauter Wut zwar am liebsten gestorben, aber solange Dame Wang voller Zorn war, wagte er kein überflüssiges Wort zu sagen und keinen überflüssigen Schritt zu tun. Statt dessen begleitete er sie bis zum Duftgetränkten Pavillon. Hier befahl ihm Dame Wang: „Geh zurück und lies brav in deinen Büchern! Paß auf, wenn du morgen gefragt wirst! Dein Vater hat sich vorhin schon einmal geärgert.“ Erst nach dieser Aufforderung machte Bau-yü kehrt. Den ganzen Weg überlegte er: „Wer kann da so geschwätzig gewesen sein? Zumal doch niemand etwas davon weiß, was bei mir vorgeht. Warum konnte sie das alles so genau sagen?“ Mit diesem Gedanken trat er ins Haus und erblickte Hsi-jën, die ihren Tränen freien Lauf ließ. Wie sollte sich Bau-yü jetzt nicht betrüben, da ihm der wichtigste Mensch genommen wurde! Also warf er sich aufs Bett und heulte ebenfalls. Hsi-jën wußte, daß ihm nichts so nahe ging wie die Trennung von Tjing-wën, darum stieß sie ihn an und redete ihm zu: „Weinen hat keinen Zweck. Steh auf und laß dir sagen, Tjing-wën ging es schon besser. Jetzt kann sie sich noch zu Hause ein paar Tage in Ruhe erholen. Wenn du wirklich nicht von ihr lassen kannst, dann warte, bis der Zorn der gnädigen Frau verraucht ist, und bitte dann bei der alten gnädigen Frau. Dann kann es nicht schwer sein, daß sie mit der Zeit wieder zurückkommen darf. Es ist nur ein Zufall, daß die gnädige Frau auf die Verleumdungen der Leute gehört und im Zorn so entschieden hat.“ „Ich weiß nicht, was für ein himmelschreiendes Verbrechen Tjing-wën begangen haben soll“, sagte Bau-yü schluchzend. „Die gnädige Frau verübelt ihr nur, daß sie so gut ausieht und dadurch unvermeidlich ein wenig leichtfertig ist“, erläuterte Hsi-jën. „Sie weiß nur zu gut, daß kein Friede herrschen kann, wo so eine Schönheit lebt, und deshalb verabscheut sie sie. Solche plumpen, groben Dinger wie wir aber sind ihr recht.“ „Das mag sein“, sagte Bau-yü, „aber woher weiß sie selbst unsere heimlichen Scherzworte? Die kann kein Fremder verraten haben. Das ist merkwürdig.“ „Du selbst kennst doch keine Tabus“, entgegnete Hsi-jën. „Wenn du dich einmal freust, ist es dir ganz egal, ob jemand dabei ist oder nicht. Wenn ich dir Zeichen machte und dich zu warnen versuchte, wußten die Leute schon alles, ehe du auch nur etwas gemerkt hast.“ „Aber wie kommt es, daß die gnädige Frau, wenn sie über die Fehler von allen Bescheid weiß, weder dich noch Schë-yüä oder Tjiu-wën angesprochen hat?“ fragte Bau-yü verwundert. Betroffen senkte Hsi-jën den Kopf, als sie das hörte, und wußte lange nichts zu erwidern, bis sie endlich mit lächelnder Miene sagte: „Ja, eben! Wenn man bedenkt, daß auch wir in unseren unbedachten Scherzen gegen die guten Sitten verstoßen, warum hat sie uns dann vergessen? Wahrscheinlich hat sie noch andere Sorgen, und erst wenn sie damit fertig ist, wird sie sich uns vornehmen. Wer weiß?“ „Du bist das gerühmte Muster an Güte und Tüchtigkeit, und die beiden hast du geformt und erzogen. Was sollte es bei euch für Verstöße zu bestrafen geben?“ sagte Bau-yü lächelnd. „Fang-guan ist noch klein und ein bißchen zu keck, so hat sie sich unvermeidlich aufs hohe Roß gesetzt und Leute unter Druck gesetzt, deren Haß sie sich dadurch zuzog. Bei Sï-örl trage ich die Schuld. Als ich mich einmal mit dir gezankt hatte, befahl ich sie hinterher zu mir, um sie einige feinere Arbeiten verrichten zu lassen, und so hat sie sich eine höhere Stellung angemaßt. Nur dadurch ist es zu diesem Ende gekommen. Aber Tjing-wën ist genau wie du in jungen Jahren aus den Räumen der alten gnädigen Frau hierher gekommen. Und wenn sie auch besser gewachsen ist als andere, so ist doch das kein besonderer Hinderungsgrund. Und mag sie ihrem Charakter nach auch offenherzig sein und eine scharfe Zunge haben, so hat sie doch euch nichts getan. Ich denke mir, sie ist wirklich zu gut gewachsen, und das hat ihre Sache verdorben.“ Bei diesen Worten brach er wieder in Tränen aus. Hsi-jën bedachte sorgfältig, was er gesagt hatte, und es schien ihr, als ob er an ihr zweifelte. Darum konnte sie ihm nicht gut länger zureden und sagte statt dessen seufzend: „Der Himmel allein weiß es. Du wirst jetzt doch nicht herausfinden, wer daran schuld ist, und sinnlos herumzuheulen hat keinen Zweck. Das beste wird sein, du beruhigst dich und wartest ab, bis die alte gnädige Frau einmal in guter Stimmung ist. Dann erklärst du ihr alles und verlangst Tjing-wën zurück.“ „Du mußt mich nicht mit haltlosen Bemerkungen zu trösten versuchen“, entgegnete Bau-yü, „wie soll ich abwarten, bis die gnädige Frau sich beruhigt hat, und dann auf eine günstige Gelegenheit lauern, um Tjing-wën zurückzuverlangen? Wartet ihre Krankheit vielleicht? Seitdem sie als Kind hierher kam, ist sie verwöhnt worden und hat keinen einzigen Tag lang Kränkungen hinnehmen müssen. Selbst ich, der ich ihren Charakter kenne, habe sie oft genug verletzt. Daß sie jetzt weggeschickt wurde, ist dasselbe, als würde ein Orchideentopf, der eben die ersten zarten Blätter bekommt, in den Schweinekoben gestellt. Zumal sie schwer krank ist und obendrein noch voller Verdruß. Sie hat auch keine leiblichen Eltern mehr, sondern nur einen ständig betrunkenen Vetter. Wie lange wird sie es dort aushalten können, so wenig, wie sie an so etwas gewöhnt ist? Wer weiß, ob ich sie überhaupt noch einmal wiedersehe!“ Lachend erwiderte Hsi-jën darauf: „Also wirklich, du bist wie der Bezirksvorsteher, der die ganze Stadt in Brand stecken kann[3], während die Bevölkerung nicht einmal eine Lampe anzünden darf. Wenn wir einmal aus Versehen einen störenden Satz sagen, dann heißt es, das sei unheilbringendes Gerede. Jetzt aber dichtest du ihr ohne weiteres etwas an, als ob es so sein müßte. Auch wenn sie zarter sein mag als andere, wird es doch so schlimm nicht kommen.“ „Ich dichte ihr nicht einfach etwas an, schon im Frühjahr hat es ein Vorzeichen gegeben“, verteidigte sich Bau-yü. Sofort wollte Hsi-jën wissen, was das gewesen sei, und Bau-yü erklärte ihr: „Der blühende Zierapfelbaum unten an der Treppe ist ohne jeden Grund zur Hälfte verdorrt, und da wußte ich, daß etwas passieren wird. Nun hat es sich an ihr bewahrheitet.“ Wieder lachte Hsi-jën, ehe sie ihm endlich vorhielt: „Eigentlich wollte ich es ja nicht sagen, aber nun kann ich es nicht mehr für mich behalten. Du benimmst dich wirklich wie ein altes Weib. Wie kann ein studierter Mann so etwas sagen! Kümmern sich Pflanzen und Bäume vielleicht um die Menschen? Wenn du nicht weibisch bist, bist du wirklich zum Trottel geworden.“ „Was wißt ihr schon davon!“ sagte Bau-yü und seufzte. „Nicht nur Pflanzen und Bäume, alle Dinge auf der Welt haben Gefühl und Verstand wie die Menschen. Und wenn sie einen verständnisvollen Freund gefunden haben, sind sie außerordentlich feinfühlig. Wenn ich dir große Beispiele nennen soll, so sind da der Wacholderbaum vor dem Konfuziustempel[4], die Schafgarbe an Konfuzius‘ Grab[5], der Lebensbaum vor dem Tempel für Dschu-gë Liang[6] und die Kiefern an Yüä Fees Grab[7]. All das sind berühmte Gewächse, die dem aufrechten Geist dieser Männer folgen und in Jahrtausenden nicht vergehen. Wenn die Welt in Unordnung ist, dann verkümmern sie, und wenn die Welt in Ordnung ist, dann gedeihen sie wieder. Im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende sind sie mehrmals verdorrt und wieder zum Leben erwacht. Sind das etwa keine Vorzeichen? Wenn ich dir kleine Beispiele anführen soll, so sind da die Päonien vor dem Adlerholzpavillon der Yang Tai-dschën[8] und der Baum des Gedenkens an ihrem Aufrechten Turm[9] zu nennen sowie das Gras auf dem Grabhügel der Wang Dschau-djün[10]. Sind das nicht ebenfalls feinfühlige Gewächse? Genauso wollte auch der Zierapfelbaum anzeigen, daß seine Herrin sterben wird, und darum ist zuerst er zur Hälfte gestorben.“ Als Hsi-jën diese närrische Rede hörte, war ihr zum Lachen wie auch zum Seufzen zumute, und lächelnd sagte sie: „Du bringst mich wirklich immer mehr in Zorn mit deinem Gerede. Wer ist denn Tjing-wën, daß du dir solche Gedanken machst und sie mit so großen Menschen vergleichst? Und außerdem, wie gut sie auch sein mag, kann sie mir doch den Rang nicht streitig machen. Wenn also von dem Zierapfelbaum die Rede ist, deutet er wohl zuerst auf mich, ehe sie an die Reihe kommt. Wahrscheinlich werde also ich sterben müssen!“ Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und redete auf sie ein: „Warum mußt du so etwas sagen? Noch ist das Schicksal der einen nicht klar, da fängst du auf diese Weise an. Schluß jetzt, wir reden nicht mehr davon! Sonst könnte es geschehen, daß zu den dreien, die ich schon verloren habe, noch eine vierte hinzukommt.“ Hsi-jën hörte dies mit heimlicher Freude und sagte sich: „Wie hättest du die Sache auch anders zum Abschluß bringen wollen?“ „In Zukunft wollen wir nicht mehr davon reden und einfach so tun, als ob die drei tot wären, und das ist alles“, schlug Bau-yü vor. „Schließlich hat es ja auch schon Tote gegeben, ohne daß es mir viel ausgemacht hätte. Das ist genau dasselbe. Jetzt aber wollen wir von der Gegenwart sprechen! Denn ihre Sachen sind noch hier, und man darf zwar Höherstehende betrügen, aber nicht die Tieferstehenden. Darum mußt du heimlich jemand hinschicken, der ihr die Sachen bringt. Und wenn wir vielleicht noch erspartes Geld haben, solltest du ihr davon ein paar Münzschnüre[11] schicken, damit sie sich auskurieren kann. Schließlich habt ihr eine Zeitlang wie Schwestern gelebt.“ „Du hältst uns wirklich für gar zu kleinlich und herzlos“, sagte Hsi-jën daraufhin lächelnd. „Als ob es erst deiner Aufforderung bedurft hätte! Vorhin schon habe ich alle ihre Kleider und was sie sonst noch besaß, zusammenpacken und beiseite legen lassen. Es gibt nur bei Tage zu viele neugierige Augen, so daß Unannehmlichkeiten daraus entstehen könnten, darum wollen wir bis zum Abend warten und dann heimlich Mutter Sung zu ihr schicken. Ich habe auch ein paar Münzschnüre gespart, die soll sie ebenfalls haben.“ Bau-yüs Dank nahm kein Ende, bis Hsi-jën endlich lächelnd bemerkte: „Schließlich bin ich doch seit langem ein gerühmtes Muster an Tüchtigkeit, muß ich mir da nicht wenigstens diesen Ruhm erwerben?“ Als Bau-yü diese Worte hörte, die er selbst eben gesagt hatte, lächelte er rasch und redete ein Weilchen begütigend auf Hsi-jën ein. Am Abend wurde Mutter Sung dann wirklich heimlich losgeschickt. Nachdem Bau-yü durch entsprechende Aufträge alle beschäftigt wußte, hatte er die Möglichkeit, allein durch das rückwärtige Seitentor hinauszugehen und dort eine von den alten Sklavenfrauen zu bitten, sie möge ihn zu Tjing-wën führen. Zuerst wollte sich die Alte auf keinen Fall darauf einlassen und sagte, sie habe Angst, daß es jemand erfahren könnte. „Wenn es der gnädigen Frau gemeldet wird, habe ich nichts mehr zum Leben“, erklärte sie. So mußte Bau-yü erst flehentlich bitten und einiges Geld versprechen, ehe die Alte ihn endlich hinführte. Tjing-wën war seinerzeit von den Lais für Geld gekauft worden. Damals war sie erst zehn Jahre alt und ließ ihr Haar noch nicht wachsen. Weil sie oft von Mutter Lai mit ins Haus gebracht wurde und ebenso hübsch wie aufgeweckt war, fand die Herzoginmutter großes Gefallen an ihr. Daraufhin machte Mutter Lai sie der Herzoginmutter zum Geschenk, und so war sie schließlich in Bau-yüs Räume gekommen. Als Tjing-wën ins Haus kam, erinnerte sie sich weder an ihre Heimat noch an ihre Eltern und wußte nur, daß sie einen Vetter hatte, der zwar ein guter Koch war, aber stellungslos herumlungerte. So bat Tjing-wën die Lais, sie sollten auch ihren Vetter kaufen, damit er eine Stellung bekam. Gerührt davon, daß Tjing-wën ihre alten verwandtschaftlichen Beziehungen nicht vergaß, obwohl sie inzwischen bei der Herzoginmutter diente, außerordentlich aufgeweckt war und eine spitze Zunge sowie ein temperamentvolles Wesen besaß, kauften die Lais auch Tjing-wëns Vetter und sorgten dafür, daß er ein Mädchen aus dem Hause zur Frau bekam. Aber kaum daß der Vetter durch die Heirat in gesicherten Verhältnissen lebte, vergaß er auch schon, wie er jahrelang als Herumtreiber hatte leben müssen, und begann, hemmungslos zu trinken, ohne sich um seine Frau zu kümmern. Diese jedoch war eine gefühlvolle Schönheit, und als sie sah, daß ihr Mann sie nicht beachtete, empfand sie unvermeidlich den Kummer des Jadebaums zwischen gemeinem Schilf und die Qualen einer vernachlässigten jungen Frau. Doch dann stellte sie fest, daß ihr Mann sehr großzügig war und nicht im mindesten eifersüchtig, und nun ließ sie ihren Trieben und Gefühlen freien Lauf. Im ganzen Anwesen war sie auf der Suche nach Helden und Talenten, und schließlich hatte die Hälfte aller Männer, Herren so gut wie Sklaven, bei ihr die Prüfung abgelegt. Wenn die Frage gestellt wird, wie die beiden hießen – es waren jener Trottel Duo und seine Frau Dëng, mit der Djia Liän, wie in einem früheren Kapitel erzählt wurde[12], zu tun gehabt hatte. Sie waren die einzigen Verwandten, die Tjing-wën noch besaß, und so hielt sie sich nach ihrem Hinauswurf im Hause der beiden auf. Der Trottel Duo war ausgegangen, und Frau Dëng besuchte nach dem Essen eine Nachbarin, so daß Tjing-wën allein im äußeren Zimmer lag. Nachdem Bau-yü der alten Sklavin befohlen hatte, im Hof Wache zu halten, hob er den Strohvorhang auf und trat ins Haus. Auf den ersten Blick entdeckte er Tjing-wën, die auf dem Ofenbett aus gestampfter Erde schlief, das nur mit einer Schilfmatte bedeckt war. Zum Glück hatte sie noch ihr Bettzeug aus den alten Tagen. Hilflos trat Bau-yü näher, streckte weinend die Hand nach ihr aus und berührte sie sacht, wobei er leise ihren Namen rief. Tjing-wën, die sich verkühlt hatte und von ihrem Vetter und seiner Frau beschimpft worden war, hatte sich eine weitere Krankheit zugezogen und den ganzen Tag gehustet, ehe sie endlich eingenickt war. Als sie hörte, wie jemand sie rief, schlug sie mit Mühe ihre Sternenaugen auf, und als sie Bau-yü erkannte, war sie erschrocken und erfreut, betrübt und schmerzlich berührt zugleich.Mit aller Kraft umklammerte sie seine Hand, und erst nach langem Weinen und Schluchzen brachte sie den halben Satz hervor: „Ich glaubte schon, ich würde dich nicht mehr wiedersehen, ...“ Dann mußte sie unaufhörlich husten. Auch Bau-yü konnte nichts anderes tun als schluchzen. Schließlich sagte Tjing-wën: „Buddha Amitabha! Gut, daß du gekommen bist! Gib mir eine halbe Schale von dem Tee! Ich habe solchen Durst und rief schon die ganze Zeit, ohne daß jemand kam.“ Rasch wischte sich Bau-yü die Tränen ab und fragte: „Wo ist der Tee?“ „Dort auf dem Ofensims“, erwiderte Tjing-wën. Als Bau-yü sich umsah, erblickte er einen schwarzen irdenen Tiegel, der mit einer Teekanne keinerlei Ähnlichkeit hatte. Vom Tisch nahm er eine Schale, die so groß und so plump war, daß sie nicht wie eine Teeschale aussah, und noch bevor er sie in der Hand hielt, stieg ihm daraus ein ranziger Geruch in die Nase. Also spülte er sie erst ein paarmal mit Wasser aus, ehe er nach dem Tiegel griff und eine halbe Schale daraus eingoß. Das Getränk sah rötlich aus und gar nicht wie Tee. „Gib schnell her und laß mich einen Schluck trinken!“ drängte ihn Tjing-wën, die sich auf ihr Kissen stützte. „Das ist schon Tee. Du kannst ihn natürlich nicht mit unserem vergleichen.“ Als Bau-yü das hörte, kostete er zunächst selbst einen Schluck, aber es schmeckte durchaus nicht aromatisch und frisch, sondern nur bitter und herb mit einer winzigen Andeutung von Teegeschmack. Jetzt erst reichte er Tjing-wën die Schale, und als ob es süßer Tau wäre, den sie bekommen hatte, stürzte sie die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Still bei sich dachte Bau-yü: „Mit dem guten Tee, den es bei uns gibt, war sie oftmals unzufrieden, und heute trinkt sie das hier. Da sieht man, daß die Alten recht hatten, wenn sie sagten ,Der Satte ist der Speisen überdrüssig, der Hungrige ißt sich an Abfällen satt.‘ Ebenso heißt es ja ,Wer satt ist vom Reis, sehnt sich nach nüchterner Reissuppe.‘ “ Unter Tränen fragte er sie: „Wolltest du mir etwas sagen? Dann tu es jetzt, solange wir allein sind!“ „Was soll ich schon sagen?“ erklärte Tjing-wën schluchzend. „Für mich zählen jetzt jeder Tag und jede Stunde. Ich weiß gut genug, daß ich spätestens in drei oder fünf Tagen heimgehen werde. Aber eines bereitet mir noch im Tode Verdruß. Ich bin zwar ein wenig hübscher als andere, aber ich hatte durchaus keine heimlichen Absichten auf dich und habe in keiner Weise versucht, dich zu verführen. Warum also hat man sich darauf versteift, ich sei eine Füchsin? Damit kann ich mich nicht abfinden. Jetzt stehe ich unter diesem falschen Verdacht, doch obwohl ich meinem Ende entgegensehe, habe ich nichts zu bereuen. Hätte ich früher gewußt, wie alles kommt, dann hätte ich mich anders verhalten. So aber habe ich in meinem törichten Sinn geglaubt, wir würden zusammenbleiben. Nun ist dieses grundlose Gerücht aufgekommen, und ich muß Unrecht leiden, ohne mich irgendwo beklagen zu können.“ Nach diesen Worten brach sie erneut in Tränen aus. Bau-yü griff nach ihrem Handgelenk und fühlte, daß es dürr wie trockenes Reisig geworden war. Dennoch trug sie noch vier silberne Ringe am Arm, und so sagte er weinend: „Leg sie doch ab, bis du wieder gesund bist!“ Und er streifte ihr die Armringe ab und schob sie unter das Kopfkissen. Dann sagte er: „Schade um deine Fingernägel! Mit wieviel Mühe hast du sie zwei Tsun lang wachsen lassen, und nun wirst du sie verderben, ehe du wieder gesund bist.“ Tjing-wën wischte sich die Tränen ab, griff nach einer Schere und schnitt die beiden langen Fingernägel an ihrer linken Hand, die den Röhrenblättern von Lauch glichen, bis zur Wurzel ab. Dann zog sie sich unter der Bettdecke ihre alte rote Seidenjacke aus, die sie auf der bloßen Haut trug, und reichte sie Bau-yü zusammen mit den Fingernägeln, wobei sie sagte: „Heb das auf! Wenn du es später ansiehst, wird es sein, als ob du mich selber siehst. Und zieh schnell deine Unterjacke aus und laß sie mich anziehen. Wenn ich dann einsam im Sarg liege, wird es mir vorkommen, als ob ich noch immer im Hof der Freude am Roten wäre. Eigentlich dürfte das nicht sein, aber da ich nun einmal zu Unrecht verdächtigt werde, bleibt mir gar nichts anderes übrig.“ Rasch zog Bau-yü sich um und steckte die Fingernägel zu sich. Weinend forderte Tjing-wën ihn auf: „Wenn du zurück bist und die anderen das sehen, sollst du nicht lügen, sondern wahrheitsgemäß sagen, daß es von mir ist. Gerade weil man mich zu Unrecht verdächtigt hat. Und mehr ist es ja nicht.“ Kaum hatte sie das gesagt, als die Frau ihres Vetters lachend durch den aufgehobenen Vorhang hereinkam und sagte: „Bestens! Ich habe alles gehört, was ihr gesagt habt!“ Dann wandte sie sich an Bau-yü und fragte: „Was willst du als Herr hier in den Räumen des Gesindes? Du hast wohl bemerkt, daß ich jung und hübsch bin, und willst mich verführen?“ Erschrocken bat Bau-yü mit lächelnder Miene: „Nicht so laut, gute Schwester! Sie hat mir so lange gedient, darum bin ich heimlich gekommen, um nach ihr zu sehen.“ Nun zog Frau Dëng ihn mit sich in den Innenraum und sagte dabei lächelnd: „Wenn du willst, daß ich leise bin, ist das nicht schwer. Du brauchst mir nur einen Gefallen zu tun.“ Mit diesen Worten setzte sie sich auf den Rand des Ofenbetts und preßte Bau-yü fest an ihre Brust. So etwas hatte Bau-yü noch nie erlebt. Sein Herz begann stürmisch zu hämmern, und vor Erregung lief er rot an. Beschämt und erschrocken bat er: „Nicht doch, gute Schwester!“ „Pah!“ sagte Frau Dëng und kniff ihre Weinäuglein zusammen, „ich habe immer nur gehört, du seist ein geübter Kämpe an den Stätten der Liebe, warum genierst du dich da plötzlich?“ „Laß mich los!“ forderte Bau-yü sie auf, immer noch rot im Gesicht. „Wir können ja über alles reden. Aber was soll die Alte dort draußen denken, wenn sie uns hört?“ „Ich bin schon lange hier“, verriet Frau Dëng lächelnd. „Die Alte habe ich weggeschickt, damit sie am Gartentor wartet. Ich war schon lange neugierig auf dich, und jetzt bist du hier. Nachdem ich so viel von dir gehört habe, kann ich dich endlich einmal sehen, und nun bist du ganz umsonst so hübsch gewachsen, bist wie ein Feuerwerkskörper ohne Füllung, der alles nur vortäuscht. Du genierst dich ja mehr als ich. Da sieht man, daß man nicht glauben darf, was die Leute reden. Als man das Mädchen hinauswarf, glaubte ich fest, ihr hättet ein heimliches Verhältnis gehabt. Aber als ich vorhin kam, habe ich eine Weile am Fenster gelauscht, und im Haus wart nur ihr. Wenn ihr etwas miteinander gehabt hättet, würdet ihr natürlich darüber gesprochen haben, aber ihr habt euch nicht einmal gegenseitig in Verwirrung gebracht. Da sieht man, wie viele Fälle von unrechter Kränkung es gibt auf der Welt! Jetzt bereue ich, euch für nichts und wieder nichts verdächtigt zu haben. Und deshalb kannst du ganz ruhig sein. Komm nur wieder, ich werde dich nicht mehr belästigen.“ Jetzt erst war Bau-yü wieder beruhigt. Er stand auf und brachte seine Kleider in Ordnung, dann bat er: „Sorg nur ein paar Tage gut für sie, Schwester! Ich werde jetzt gehen.“ Mit diesen Worten trat er in den Außenraum hinaus und sagte Tjing-wën Bescheid. Beide wollten sie nicht voneinander lassen, und dennoch mußten sie sich trennen. Da Tjing-wën wußte, wie schwer Bau-yü dies fiel, zog sie sich schließlich die Bettdecke über den Kopf und beachtete ihn nicht mehr, bis er endlich ging. Ursprünglich hatte Bau-yü vorgehabt, auch noch Fang-guan und Sï-örl zu besuchen, aber nun wurde es dunkel, und er war schon so lange fort, daß er Angst hatte, man könnte ihn suchen, und dann würde neues Unheil daraus entstehen. Darum war es besser, wenn er jetzt in den Garten zurückkehrte und für den nächsten Tag neue Pläne machte. Als er an das rückwärtige Seitentor kam, trugen die Sklavenjungen gerade das Bettzeug aus, und drinnen kontrollierten die alten Ammen, ob alle da waren. Wäre er auch nur einen Moment später gekommen, wäre das Tor schon geschlossen gewesen. So kam er in den Garten zurück, und glücklicherweise hatte niemand etwas bemerkt. Wieder in seinen Räumen, sagte Bau-yü nur zu Hsi-jën, er sei bei Tante Hsüä gewesen, und damit war die Sache abgetan. Als bald darauf sein Bett gemacht wurde, fragte Hsi-jën notgedrungen, wie sie heute nacht schlafen wollten, aber Bau-yü erwiderte nur: „Das ist mir einerlei.“ In den letzten ein, zwei Jahren, seitdem Dame Wang ihr Beachtung schenkte, hatte Hsi-jën großen Wert auf ihre Würde gelegt. Wenn sie mit Bau-yü allein war, auch des Nachts, hielt sie sich fern von ihm und war zurückhaltender als in ihren Kinderjahren. Wenn sie auch keine großen Pflichten hatte, war es doch mühsam genug, alle Nadelarbeiten zu machen und für Bau-yü wie für die kleineren Sklavenmädchen das Geld und die Kleider zu verwalten. Ihr altes Leiden des Blutspuckens war zwar geheilt, aber wenn sie sich anstrengte oder erkältete, war immer noch Blut im Auswurf, und deshalb hatte sie in der letzten Zeit auch nicht in einem Zimmer mit Bau-yü geschlafen. Bau-yü, der nachts häufig wach wurde, war dann immer sehr ängstlich und rief nach jemandem. Da Tjing-wën einen leichten Schlaf hatte und sich auch sehr leise bewegte, war ihr die Aufgabe zugefallen, nachts für ihn Tee einzugießen und andere Aufträge zu erfüllen, und deshalb hatte nur sie vor seinem Bett geschlafen. Jetzt, wo Tjing-wën fort war, mußte Hsi-jën wohl oder übel fragen, denn sie bedachte, daß dieser Nachtdienst noch wichtiger war als der Dienst am Tage. Als Bau-yü antwortete, ihm sei es einerlei, blieb Hsi-jën nichts weiter übrig, als sich an die Regel der früheren Jahre zu halten, und so holte sie ihr Bettzeug und richtete sich damit vor Bau-yüs Lager ein. Bau-yü brütete den ganzen Abend stumm vor sich hin, und als er endlich auf Hsi-jëns Mahnung hin schlafen gegangen war und auch sie sich niedergelegt hatte, hörte sie, wie er auf seinem Kissen seufzte und stöhnte und sich von einer Seite auf die andere wälzte. Erst als die dritte Nachtwache schon vorbei war, wurde er allmählich ruhiger, und schließlich schnarchte er leise. Nun erst war Hsi-jën beruhigt und döste selber ein. Es dauerte aber nicht länger als man braucht, um eine halbe Schale Tee zu trinken, da rief Bau-yü: „Tjing-wën!“ Sofort schlug Hsi-jën die Augen auf, meldete sich und fragte, was er wolle. Als Bau-yü nach Tee verlangte, stand Hsi-jën rasch auf, spülte sich in der Schüssel die Hände und goß aus der Warmhaltekanne eine halbe Schale voll Tee ein, die sie ihm reichte. Lächelnd sagte Bau-yü: „Ich bin so daran gewöhnt, nach ihr zu rufen, daß ich vergessen habe, daß du es bist.“ Ebenfalls lächelnd, erwiderte Hsi-jën: „Als sie noch neu hier war, hast du im Schlaf auch immer nach mir gerufen. Erst nach einem halben Jahr hattest du dich umgewöhnt. Ich konnte es mir denken, daß der Name Tjing-wën bleiben würde, auch wenn Tjing-wën nicht mehr da ist.“ Damit legten sich beide wieder schlafen, und erneut wälzte sich Bau-yü eine ganze Nachtwache lang hin und her und schlief erst in der fünften Wache endlich ein. Da sah er, wie Tjing-wën von draußen hereinkam. Sie war anzusehen wie immer, und als sie im Zimmer stand, sagte sie lächelnd zu Bau-yü: „Lebt alle wohl, ich komme nicht mehr wieder!“ Mit diesen Worten machte sie kehrt und ging hinaus. Als Bau-yü sie anrief, machte er wieder Hsi-jën wach. Zuerst dachte sie noch, er habe auch diesmal aus Gewohnheit Tjing-wëns Namen gerufen, aber dann sah sie, daß Bau-yü weinte, und hörte ihn sagen: „Tjing-wën ist gestorben.“ „Was sagst du da?“ hielt sie ihm vor. „Du weißt, daß das Unsinn ist. Was, wenn dich jemand hört?“ Bau-yü wollte natürlich nicht auf sie hören und hoffte sehnlichst, daß es bald hell würde, damit er jemanden losschicken konnte, um sich Gewißheit zu verschaffen. Doch als es dann Tag geworden war, kam auch schon eines der kleineren Sklavenmädchen aus den Räumen von Dame Wang und verlangte, daß man ihr auf der Stelle das vordere Seitentor öffnete, damit sie im Auftrag von Dame Wang das Folgende bestellen konnte: „Bau-yü muß sofort geweckt werden, damit er sich schnell wäscht und anzieht und dann drüben erscheint. Jemand hat den gnädigen Herrn eingeladen, den schönen Herbst zu genießen und die Duftblüten zu bewundern, und weil ihm das Gedicht gefiel, das Bau-yü neulich verfaßt hat, will er ihn mitnehmen. So lautet der Auftrag der gnädigen Frau, und kein Wort darf daran fehlen. Also lauft schnell hin und sagt Bescheid, daß er sofort kommen soll. Der gnädige Herr wartet in den Haupträumen und will noch mit ihm zusammen eingerührtes Mehl essen. Der junge Herr Huan ist schon da. Beeilt euch, beeilt euch! Und schickt noch jemand zu dem kleinen Herrn Lan, um auch ihm dasselbe zu bestellen!“ Jeder Satz, den sie sagte, wurde drinnen von den alten Sklavenfrauen bestätigt. Dabei knöpften sie sich die Kleider zu und öffneten zugleich das Tor. Zwei oder drei von ihnen machten sich in beiden Richtungen auf den Weg und zogen sich im Gehen fertig an. Als Hsi-jën hörte, daß ans Hoftor geklopft wurde, konnte sie sich denken, daß es um etwas Wichtiges ging, und während sie rasch jemand hinausschickte, um Nachfrage zu halten, stand sie auch schon auf. Nachdem sie dann die Botschaft vernommen hatte, schickte sie schnell jemand nach Waschwasser und trieb zugleich Bau-yü an, er solle aufstehen und sich waschen. Sie selbst aber ging seine Kleider holen. Da sie bedachte, daß er mit Djia Dschëng zusammen ausgehen würde, wollte sie ihn nichts allzu Auffälliges oder Neues anziehen lassen und brachte ihm deshalb nur unscheinbare Kleider. Bau-yü blieb nun keine andere Wahl, als schleunigst hinüberzugehen, und tatsächlich fand er Djia Dschëng dort beim Imbiß und in bester Stimmung. Rasch entbot Bau-yü seinen Morgengruß, dann begrüßten Djia Huan und Djia Lan auch Bau-yü. Djia Dschëng befahl Bau-yü, Platz zu nehmen und von dem Brei zu essen, dann sagte er, zu Djia Huan und Djia Lan gewandt: „Beim Studium der Bücher steht Bau-yü hinter euch zurück, doch in der Fähigkeit, Parallelsätze zu bilden und Gedichte zu erwidern, reicht ihr nicht an ihn heran. Bei unserm heutigen Besuch wird man euch bestimmt drängen, Verse zu machen, dabei soll Bau-yü euch helfen.“ Dame Wang, die so ein Urteil über ihn noch nie gehört hatte, war jetzt wirklich außerordentlich froh. Als Djia Dschëng bald darauf mit den Knaben fort war und Dame Wang sich eben zur Herzoginmutter begeben wollte, erschienen die Pflegemütter von Fang-guan und zwei anderen Schauspielermädchen und meldeten ihr: „Seitdem Fang-guan neulich die Gnade erfahren hat, von Euch freigelassen zu werden, ist sie geradezu verrückt. Sie trinkt keinen Tee, sie ißt keinen Reis, und sie hat Ou-guan und Juee-guan dazu angestiftet, daß sie alle drei auf Gedeih und Verderb darauf bestehen wollen, sich die Haare abzuschneiden und Nonnen zu werden.
Wir glaubten, das sei nur kindliches Gerede, weil sie die Verhältnisse draußen nicht gewöhnt sind – das gibt es ja –, und dachten, nach ein paar Tagen würde alles wieder gut sein. Doch wider Erwarten toben sie nur immer mehr, und auch durch Schläge und Schelte sind sie nicht zur Räson zu bringen. Wir wissen uns wirklich keinen Rat mehr, und deshalb sind wir gekommen, um Euch zu bitten, daß Ihr sie entweder ihrem Wunsch gemäß Nonnen werden laßt oder ihnen eine Belehrung verabfolgt und sie dann jemand anders als Ziehtochter gebt, denn für uns ist dieses Glück nicht bestimmt.“
„Unsinn!“ sagte Dame Wang. „Vielleicht richten wir uns noch nach ihnen! Ins Kloster kann man nicht leichtfertig gehen. Jede von ihnen bekommt eine Tracht Prügel, und dann wollen wir sehen, ob sie immer noch verrückt spielen!“ Da man zum fünfzehnten Tag des achten Monats gerade in allen Klöstern Opfergaben dargebracht hatte, waren der üblichen Regel nach aus den verschiedenen Klöstern Nonnen gekommen, um Opfergebäck zu bringen, und Dame Wang hatte die Nonnen Dschï-tung aus dem Wassermondkloster und Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster für ein paar Tage dabehalten. Als die Nonnen jetzt diese Neuigkeiten hörten, brannten sie gleich darauf, die Mädchen in die Hand zu bekommen, um sie für sich arbeiten zu lassen, und so sagten sie zu Dame Wang: „Euer Anwesen ist das von gütigen Menschen, und daß Ihr, gnädige Frau, so fromm seid, vergelten Euch die kleinen Mädchen nun in dieser Weise. Es heißt zwar, man könne nicht leichtfertig ins Kloster gehen, aber man muß auch wissen, daß nach Buddhas Gesetz alle gleichviel gelten. Unser Buddha ist entschlossen, sämtliche Lebewesen zu erlösen, auch wenn es Hühner und Hunde sind, doch leider kommen die Verirrten nicht zur Erkenntnis. Wer wirklich die Wurzel des Guten in sich trägt und zur Erkenntnis erwachen kann, der vermag dem Kreislauf der Wiedergeburten zu entrinnen. Deshalb finden sich in den Sutras nicht wenige Fälle, daß Tiger und Wölfe, Schlangen und Würmer den rechten Weg gefunden haben. Diese Mädchen hier haben keinen Vater und keine Mutter mehr und sind von ihrer Heimat weit entfernt. Nachdem sie in Reichtum und Vornehmheit gelebt haben, bedenken sie jetzt, wie hart ihr Geschick von klein auf gewesen ist, so daß sie sich einem leichtfertigen Gewerbe ergaben, und wissen auch, wie ihr zukünftiges Leben aussehen würde. Wenn sie sich deshalb abwenden vom Meer der Kümmernisse, das Haus verlassen und sich für eine zukünftige Existenz kultivieren, so ist das ein hohes Anliegen, und Ihr, gnädige Frau, solltet dieser guten Absicht keine Schranken setzen.“ Dame Wang war stets auf gute Taten bedacht, und als sie nach dem Bericht der Pflegemütter den Mädchen nicht ihren Willen lassen wollte, geschah das, weil sie sich sagte, Fang-guan und die anderen seien schließlich Kinder und hätten diese Absicht nur geäußert, weil es einmal nicht nach ihrem Kopf gehen sollte, es sei aber zu befürchten, daß sie die klösterliche Reinheit auf die Dauer nicht ertragen und sich dann Sünden zuschulden kommen lassen würden. Die Worte der beiden Mädchenräuberinnen klangen jedoch sehr einleuchtend, und außerdem hatte Dame Wang in den letzten Tagen vielerlei häusliche Sorgen. Darüberhinaus hatte Dame Hsing ihre Leute geschickt, um zu bestellen, sie wollten am nächsten Tag Ying-tschun für einige Zeit nach Hause holen, damit ihre künftigen Schwiegereltern sie kennenlernten, und eine Heiratsvermittlerin war erschienen, um eine Verlobung für Tan-tschun vorzuschlagen. Angesichts dieser Probleme hatte Dame Wang natürlich für derartige Kleinigkeiten keinen Sinn. Darum entgegnete sie den Nonnen mit lächelnder Miene: „Wenn ihr so meint, wie wäre es dann, wenn ihr sie als eure Novizinnen mitnähmt?“ Kaum hatten die beiden Nonnen das gehört, riefen sie den Namen Buddhas an und sagten: „Bestens, bestens! Dadurch leistet Ihr im Verborgenen keine geringe Wohltat.“ Und schon bedankten sie sich kniefällig bei ihr. „So geht sie fragen, ob es wirklich ihr Ernst ist!“ wies Dame Wang die drei Pflegemütter an. „Dann sollen sie herkommen, um in meiner Gegenwart ihren Äbtissinnen den Respekt zu erweisen.“ Die drei Frauen gingen fort und kamen tatsächlich mit den drei Mädchen zurück. Dame Wang fragte sie immer wieder, aber die drei hatten ihren Entschluß gefaßt und vollzogen vor den beiden Nonnen ihren Stirnaufschlag. Auch vor Dame Wang fielen sie nieder, um sich zu verabschieden, und als Dame Wang sah, daß sie fest entschlossen waren und sich nicht umstimmen ließen, empfand sie Schmerz und Mitleid für sie und ließ rasch durch ihre Leute ein paar Sachen holen, die sie den Mädchen schenkte. Auch die beiden Nonnen bekamen Geschenke. So ging Fang-guan mit der Nonne Dschï-tung aus dem Wassermondkloster, Juee-guan und Ou-guan dagegen hielten sich an die Nonne Yüan-hsin aus dem Ksitigarbha-Kloster. Im nächsten Kapitel wird weitererzählt.
Anmerkungen
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 1160.
- ↑ Im alten China war im offiziellen Kalender und in verschiedenen schriftlichen Ratgebern verzeichnet, welche Tage wofür Glück oder Unglück verhießen. Vgl. o., 1. Kapitel (S. 19), wo es um einen Glückstag für den Antritt einer Reise geht.
- ↑ Der Ausdruck ist bildlich zu verstehen. Der Überlieferung nach verbot ein Bezirksvorsteher namens Tiän Dëng aus Gründen des Namenstabus (vgl. o., Anm. zu S. 43, sowie u. im Text des 79. Kapitels die Handhabung des Namenstabus durch Hsia Djin-guee) den Gebrauch des Wortes ‚Lampe‘, ‚Laterne‘ (dëng), weil es ein Homophon seines Rufnamens war, und gestattete als Ersatz nur das Wort ‚Feuer‘. Als dann zum Laternenfest (vgl. o., Anm. zu S. 13) die Häuser mit Laternen geschmückt werden sollten, ließ er anschlagen, in der Stadt sei drei Tage lang ‚Feuer zu entfachen‘, was auch verstanden werden kann als ‚die Stadt ist drei Tage lang in Brand zu stecken.‘
- ↑ Der Wacholderbaum innerhalb des ‚Tors des Großen Vollendeten‘ (Da-tschëng mën) im Konfuziustempel in Tjü-fu, Provinz Schan-dung, der der Überlieferung nach von Konfuzius selbst gepflanzt wurde, ist angeblich im Laufe der Geschichte mehrmals verdorrt, um später wieder auszuschlagen. Der heutige, mehr als 10 Meter hohe Baum, soll aus einem frischen Trieb gewachsen sein, der sich 1732 entwickelte.
- ↑ Schafgarbenstengel dienten im alten China zu Orakelzwecken. Als besonders wirksam hierfür galten die Pflanzen, die am Grab von Konfuzius bei Tjü-fu wuchsen.
- ↑ Dschu-gë Liang (181 – 234) war der Ratgeber von Liu Bee, einem der Thronprätendenten in der Zeit der Drei Reiche. Er gilt als Muster eines scharfsinnigen Strategen. Sein Gedächtnistempel steht in Tschëng-du, der Hauptstadt der Provinz Sï-tschuan.
- ↑ Yüä Fee (1103 – 1141) war ein General des Sung-Kaisers Gau-dsung und trat für entschiedenen Widerstand gegen die von Norden eindringenden DschurDschën ein. Von Landesverrätern mit Tjin Huee (vgl. o., Anm. zu S. 39: Tjin Huee) an der Spitze verleumdet, wurde er inhaftiert und hingerichtet. Von den Kiefern an seinem Grab in Hang-dschou, Prov. Dschë-djiang, heißt es, alle ihre Äste hätten nach Süden gezeigt, weil die Sung-Dynastie nur noch über Südchina herrschte.
- ↑ Davon, daß der Tang-Kaiser Ming-huang (vgl. o., Anm. zu S. 40: Tang-Kaiser Ming-huang) mit seiner Lieblingsnebenfrau Yang zusammen am Adlerholzpavillon die Päonien bewunderte, ist in der ‚Inoffiziellen Lebensbeschreibung der Yang Tai-dschën‘ (Yang Tai-dschën wai-dschuan), Buch 1, von Yüä Schï (930 – 1007) die Rede. Oben (im 23. Kap.) wird erwähnt, Bau-yü habe das Buch gelesen.
- ↑ In Buch 2 von Yüä Schïs ‚Inoffizieller Lebensbeschreibung...‘ wird erzählt, in einem Palast in Lin-tung, in dem Kaiser Ming-huang den Winter zu verbringen pflegte, habe es ein Gebäude mit Namen Aufrechter Turm (Duan-dschëng lou) gegeben, in dem die Nebenfrau Yang sich frisierte und wusch. Weiter heißt es dort, nachdem der Kaiser Ma-wee verlassen hatte (vgl. o., Anm. zu S. 888: ‚Erinnerungen an Ma-wee‘), habe er neben einem Kloster einen Glanzmispelbaum (Photinia serrulata) gesehen, dessen Anblick im Freude bereitete und dem er den Namen Aufrechter Baum (Duan-dschëng schu) verliehen habe, ‚wohl weil es etwas gab, dessen er gedachte.‘ Diese Episode kommt schon in den ‚Vermischten Aufzeichnungen über Ming-huang‘ (Ming-huang dsa-lu) des Dschëng Tschu-huee vor, der in der ersten Hälfte des 9. Jh. lebte. In einem Gedicht seines Zeitgenossen Wën Ting-yün (vgl. o., Anm. zu S. 41: Wën Fee-tjing) wird dieser ‚Aufrechte Baum‘ auch ‚Baum des Gedenkens‘ genannt.
- ↑ Über Wang Dschau-djün vgl. o., Anm. zu S. 92 (Wang Tjiang) und zu S. 1167 (Haremsdame Ming), über den Grabhügel o., Anm. zu S. 887 (‚Erinnerungen an den Düsteren Hügel‘). Der Name Düsterer Hügel kann auch als Grüner Hügel verstanden werden, und eine Sage behauptet, allein auf diesem Grabhügel wachse grünes Gras, während es sonst in der Gegend nur weißes (graues?) Gras gebe.
- ↑ Vgl. o., Anm. zu S. 299.
- ↑ Siehe oben, 21. Kapitel.