Hongloumeng/de/Chapter 77

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Kapitel 77

俏丫鬟抱屈夭風流 / 美優伶斬情歸水月

Die huebsche Dienerin stirbt vor der Zeit unter ungerechtfertigtem Vorwurf; Die schoene Schauspielerin schneidet alle Gefuehle ab und kehrt zum Wasser und Mond zurueck

t, daß eine hell ist und die andere dunkel, eine hoch und die andere niedrig, daß eine ein Berg ist und die andere ein Gewässer, und schließlich auch, daß sie extra angelegt sind, um sich hier am Mond zu erfreuen. Wer die Höhe der Berge mag und den Mond lieber klein sehen möchte, der kommt hierher. Und wer gern den hellen Mond auf den klaren Wellen sieht, der geht dorthin. Selten verwendet worden sind die beiden Schriftzeichen nur deshalb, weil ihre volkstümliche Aussprache wa und gu ist, wodurch sie als vulgär gelten. Das Schriftzeichen au hat nur Lu You0 gebraucht, als er sagte: ,In des alten Reibsteins leichter Vertiefung sammelt sich Tusche genug.‘ Selbst das hat man ihm noch als vulgär angekreidet. Ist das nicht zum Lachen?“ „Nicht nur Lu You hat eins von den Schriftzeichen gebraucht“, erwiderte Dai-yü. „Sie kommen bei den Alten überaus häufig vor, so in Djiang Yäns0 ‚Ode vom dunklen Moos‘, in Dung-fang Schuos0 ‚Buch von den Geistern und Wundern‘ und sogar in der Geschichte, wie Dschang Sëng-you0 das Kloster des Einen Fahrzeugs ausmalte, die in den ‚Aufzeichnungen über Malereien‘0 steht. Man kann die Beispiele gar nicht alle anführen. Aber die Menschen von heute wissen das nicht und behandeln diese Schriftzeichen als vulgär. Um dir die Wahrheit zu sagen, die beiden Namen habe ich mir ausgedacht. Als damals Bau-yü eine Talentprobe ablegen mußte, hat er für einige Stätten die Namen gebildet. Zum Teil sind sie beibehalten, zum Teil geändert worden, und einen weiteren Teil hatte er noch nicht benannt. Für diese namenlosen Orte haben nachher wir andern alle zusammen Namen erdacht, den Ursprung dieser Namen angemerkt und die Lage der Gebäude beschrieben. Dann wurde das Ganze zu unserer kaiserlichen Kusine in den Palast getragen, damit sie es begutachten konnte, und sie hat es zurückgeschickt und dem Onkel vorlegen lassen. Zur allgemeinen Verwunderung hat sich der Onkel darüber gefreut und gesagt: ‚Hätte ich das nur eher gewußt! Dann hätte ich seinerzeit alle Namen von den Mädchen bilden lassen. Hätte das nicht auch seinen Reiz gehabt?‘ So sind alle Namen, die ich vorschlug, ohne jede Änderung angenommen worden. Aber jetzt wollen wir wirklich zur Herberge Kristallklare Vertiefung gehen, um von dortaus zu schauen!“ Mit diesen Worten stiegen sie beide bergab. Unten brauchten sie nur noch um einen Vorsprung zu biegen, um an den Rand des Teiches zu gelangen. Dort verzweigte sich das Bambusgeländer, und es bestand eine direkte Verbindung mit dem Weg, der zum Kiosk des Lotoswurzelduftes führte. Weil das kleine Gebäude, das hier stand, um von den Besuchern der Bergvilla Jadegrüne Erhebung zwischendurch aufgesucht zu werden, von dem Berg umschlossen wurde und tiefer dicht neben dem Wasser gelegen war, war seine Namenstafel mit den Worten „Wasserherberge Kristallklare Vertiefung“ beschriftet. Da es hier nur wenige, enge Räume gab, hielten darin nicht mehr als zwei alte Sklavinnen Nachtwache. Heute war ihnen, als sie sich erkundigten, gesagt worden, das Personal der Bergvilla Jadegrüne Erhebung habe sich dienstbereit zu halten, aber sie hätten damit nichts zu tun. Darum hatten sie Mondkekse und Früchte, Wein und Speisen in Empfang genommen, die sie als Anerkennung für ihren mühevollen Dienst bekamen, und hatten sich daran satt gegessen und vollgetrunken. Inzwischen hatten sie längst die Lampe gelöscht und schliefen. Als Dai-yü und Hsiang-yün sahen, daß alles dunkel war, sagte Hsiang-yün lächelnd: „Gut, daß sie schon schlafen! Wie wäre es, wenn wir uns in die offene Halle mit dem gewölbten Dach setzten, um den Mond dicht am Wasser genießen zu können?“ Und sie nahmen auf zwei runden Hockern aus geflecktem Bambus Platz. Am Himmel stand kreisrund der helle Mond, und auf dem Teich schwamm ebenfalls ein kreisrunder Mond. Einer oben, einer unten, wetteiferten sie miteinander im Glanz, und die beiden Mädchen kamen sich vor wie im Kristallpalast des Drachenkönigs0 oder wie in der Wohnung der Wassermenschen0. Als ein leichter Windhauch vorüberstrich, bedeckte sich die helle Wasserfläche mit einem grünlichen Wellengekräusel, und in die Seelen der Betrachter zogen Reinheit und Frische ein. „Jetzt wäre es schön, im Boot zu sitzen und Wein zu trinken“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Wenn ich bei uns zu Hause wäre, würde ich mir sofort ein Boot nehmen!“ „Wie recht hatten doch die Alten, als sie sagten ‚Wenn man in allen Dingen Vollkommenheit verlangt, worüber kann man sich dann noch freuen?‘“ erwiderte Dai-yü, ebenfalls lächelnd. „Meiner Meinung nach ist es auch so schon genug. Warum sollten wir unbedingt im Boot sitzen?“ „Es ist nur normal, daß der Mensch ‚auf Schu schaut, kaum daß er Lung erobert hat‘0“, sagte nun wieder Hsiang-yün lächelnd. „Da sieht man, daß die alten Leute ganz recht haben. Sie sagen nämlich, die Armen glauben immer, die Reichen könnten in jeder Hinsicht tun und treiben, was ihnen gefällt, und wenn man ihnen sagt, das stimmt nicht, wollen sie es nicht glauben. Erst wenn sie es selbst einmal miterlebt haben, sehen sie es ein. Wir beide zum Beispiel dürfen mit in den Gefilden des Reichtums und der Vornehmheit leben, obwohl wir keine Eltern mehr haben, und trotzdem gibt es vieles, was nicht unsern Wünschen entspricht.“ „Das gilt aber nicht nur für uns“, wandte Dai-yü, immer noch lächelnd, ein. „Selbst die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sowie Bau-yü und Tan-tschun können in großen wie in kleinen Dingen nicht einfach ihren Wünschen folgen, ob diese nun berechtigt sind oder nicht. Für sie gilt gleichermaßen dasselbe Prinzip, erst recht also für uns, die wir als Gäste hier aufgenommen wurden.“ Als Hsiang-yün das hörte, bekam sie Angst, Dai-yü könnte gleich noch einmal in Trübsal verfallen, darum sagte sie rasch: „Schluß mit dem müßigen Geplauder, wir wollen gemeinsam dichten!“ Gerade als sie das sagte, hörten sie auf einmal die Klänge der Flöte, und Dai-yü bemerkte lächelnd: „Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau sind heute in guter Laune. Es war ein glücklicher Einfall, jetzt die Flöte blasen zu lassen. Dadurch wird auch unsere Stimmung noch erhöht. Wir mögen beide gern fünfsilbige Verse, also wollen wir ein langes fünfsilbiges Regelgedicht machen!“ „Und welchen Reim legen wir fest?“ fragte Hsiang-yün. „Wir zählen von hier bis dort die Geländerstäbe ab“, sagte Dai-yü lächelnd. „Ihre Anzahl nehmen wir als die Nummer der Reimgruppe. Wenn es zum Beispiel sechzehn Stäbe sind, ergibt das die erste Reimgruppe der zweiten Abteilung0, also hsiän. Wäre das nicht etwas Neuartiges?“ „Das ist wirklich einmal etwas anderes!“ bestätigte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd. Daraufhin standen sie beide auf und zählten die Geländerstäbe von einem bis zum anderen Ende, und es waren ganze dreizehn Stück. „Wieder einmal die Reimgruppe dreizehn – yüan“, sagte Hsiang-yün. „Sie umfaßt nur wenige Schriftzeichen, und so werden wir für ein langes Gedicht wohl zu Notbehelfen greifen müssen, die sich nicht reimen. Du mußt die erste Zeile vorgeben!“ „Erproben wir also, wer von uns beiden die Stärkere ist!“ erwiderte Dai-yü. „Nur fehlen uns Papier und Pinsel zum Schreiben.“ „Das macht nichts“, gab Hsiang-yün zurück, „wir können es morgen aufschreiben. So weit wird unser Gedächtnis wohl noch reichen!“ „Ich fange mit einem plumpen Allerweltsausdruck an“, erklärte Dai-yü und sprach: „In der Mondnacht am fünfzehnten achten...“ Hsiang-yün überlegte und setzte fort: „Schlendern wir wie zum Laternenfest. Hoch am Himmel die Sternbilder glänzen, ...“ Lächelnd schloß Dai-yü an: „Weithin auf Erden tönt frohe Musik. Überall fliegen heute die Becher, ...“ „Die Zeile ist gut, ‚Überall fliegen die Becher‘“, lobte Hsiang-yün. „Dem muß ich etwas Gleichwertiges an die Seite stellen!“ Und nach einigem Nachdenken sprach sie lächelnd: „Jedermanns Fenster stehn heute weit auf. Frischer Wind macht uns schaudern und frösteln, ...“ „Deine Ergänzung ist sogar noch besser als meine Vorgabe“, sagte Dai-yü, „aber die nächste Zeile ist ein Allgemeinplatz. Dabei müßte eine Steigerung kommen.“ „Ein langes Gedicht mit begrenzter Reimzahl muß man schon ein bißchen auspolstern“, widersprach Hsiang-yün. „Die beseren Sachen lasse ich mir für später.“ „Ich bin gespannt, ob du das wirklich tust. Wenn nicht, bist du blamiert“, sagte Dai-yü. Dann fuhr sie fort: „Doch es entschädigt der Anblick der Nacht. Hohn erntet ein Greis, voll Gier nach Gebäck, ...“ „Die Zeile taugt nichts“, protestierte Hsiang-yün, „die hast du dir einfach ausgedacht, um mich mit einer profanen Sache in Schwierigkeiten zu bringen.“ „Ich sage ja, du kennst nicht genug Bücher!“ entgegnete Dai-yü lächelnd. „Die Gier nach Gebäck ist ein klassischer Ausdruck. Lies erst die Annalen der Tang-Dynastie, ehe du mit mir streitest!“ „Noch bin ich nicht geschlagen“, sagte Hsiang-yün fröhlich. „Ich habe schon eine Parallele dazu.“ Und sie sprach: „Lachend die Mädchen Melonen zerteiln. Balsamisch weht Luft vom Jadestrauch her, ...“ „Also, die Sache mit den Melonen ist eindeutig eine Fälschung von dir“, machte Dai-yü lächelnd jetzt ihrerseits geltend. „Morgen werden wir das klären, so daß sich jeder davon überzeugen kann!“ schlug Hsiang-yün lächelnd vor. „Jetzt wollen wir deswegen keine Zeit vergeuden!“ „Schon gut“, stimmte ihr Dai-yü, ebenfalls lächelnd, zu. „Aber deine nächste Zeile war auch nichts Rechtes. Wozu müssen wir wieder auf ‚Jadestrauch‘, und ‚Goldblume‘ kommen, um die Lücken zu füllen?“ Dann setzte sie fort: „Üppig in Blüten stehn Goldlilien da. Wachskerzen leuchten dem festlichen Mahl, ...“ „Mit den Goldlilien hattest du es leicht und brauchtest dir nicht viel Mühe zu geben. Der Ausdruck bot sich von selbst an“, krittelte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem wäre auch diese Huldigung nicht nötig gewesen. Und deine zweite Zeile ist auch nur ein Lückenfüller.“ „Wäre ich vielleicht auf Goldlilien gekommen, wenn du nicht Jadestrauch gesagt hättest?“ verteidigte sich Dai-yü. „Schließlich muß ja die Schönheit der Szene ein bißchen breiter ausgemalt werden. Das war nichts anderes als ein Lob dessen, was wirklich da ist.“ Notgedrungen mußte Hsiang-yün fortfahren und sprach: „Trinkspiele mehren den nächtlichen Spaß. Ein Leiter befiehlt, was jeglicher tut, ...“ „Die zweite Zeile ist gut“, lobte Dai-yü lächelnd. „Nur ist es nicht so einfach, daran anzuknüpfen.“ Und sie überlegte eine Zeitlang, ehe sie sprach: „Dreimal genannt, wird das Rätselwort klar. Rot ist beim Würfeln die Farbe des Siegs0, ...“ „Dieses ‚dreimal genannt‘ hat etwas für sich, dadurch wird etwas Profanes gleichsam veredelt“, sagte Hsiang-yün lächelnd. „Aber dann hast du in der nächsten Zeile die Würfel hineingebracht.“ Und sie fuhr fort: „Ein Zweig macht die Runde zum Trommelschlag. Lichter und Schatten durchflattern den Hof, ...“ „Angeknüpft hast du es gut“, bestätigte Dai-yü lächelnd, „doch die zweite Zeile ist einfach so dahingesagt. Wieder müssen der Mond und der Wind herhalten.“ „Aber schließlich habe ich den Mond nicht direkt erwähnt“, widersprach Hsiang-yün. „Und ein bißchen angedeutet muß er schon werden, damit wir nicht vom Thema abkommen.“ „Dann mag es einstweilen so bleiben, und morgen entscheiden wir endgültig darüber“, bestimmte Dai-yü und fuhr dann fort: „Himmel und Erde erstrahlen im Glanz. Hausherrn und Gästen wird Strafe zuteil, ...“ „Warum fängst du wieder von denen an?“ fragte Hsiang-yün. „Sprich lieber von uns!“ Und sie setzte fort: „Gewinnen kann nur das beste Gedicht. Beim Grübeln man stützt sich aufs Fensterbrett, ...“ „Da sind wir ja schon bei uns!“ sagte Dai-yü und schloß an: „Tief in Gedanken man lehnt sich ans Tor. Der Wein ist verbraucht, die Stimmung noch froh, ...“ „Das wurde Zeit!“ quittierte Hsiang-yün und sprach weiter: „Auf die Stunde hat niemand geachtet. Langsam verstummen Gelächter und Scherz, ...“ „Jetzt wird es mit jedem Schritt immer schwieriger“, kommentierte Dai-yü und setzte dann fort: „Schneeiger Mondschein bleibt einzig zurück. Die Hibiskusblüten netzt schon der Tau, ...“ Lächelnd sagte Hsiang-yün: „Was soll ich dem nur entgegensetzen? Laß mich überlegen!“ Sie stand auf und legte die Hände auf den Rücken, aber nach einigem Nachdenken erklärte sie lächelnd: „Genug! Glücklicherweise ist mir etwas eingefallen. Beinahe hätte ich aufgeben müssen.“ Und sie sprach: „Den Albizzienbaum verhüllt der Dunst. Herbstliches Wasser quillt aus den Felsen, ...“ Unwillkürlich war auch Dai-yü aufgestanden und hatte vor Begeisterung aufgeschrien. „Du raffiniertes Biest!“ sagte sie dann, „du hast dir die besseren Sachen wirklich aufgespart, daß du erst jetzt mit dem Albizzienbaum kommst. Ein Glück, daß er dir eingefallen ist!“ „Ganz zufällig bin ich gestern auf das Wort gestoßen, als ich in den ‚Ausgewählten Schriften aus allen Zeiten‘ las“, berichtete Hsiang-yün. „Ich wußte nicht, was für ein Baum das ist, und wollte deswegen nachschlagen. Aber Kusine Bau-tschai hat gesagt, das brauchte ich nicht zu tun, die Albizzie0 sei der Baum, der heute im Volksmund ‚Tags auf, nachts zu‘ genannt wird. Ich wollte es nicht glauben und habe doch nachgeschlagen, und es stimmte tatsächlich. Wie es aussieht, weiß Kusine Bau-tschai sehr viel.“ „Die Albizzie paßt natürlich bestens hierher“, sagte Dai-yü lächelnd, „aber die Zeile mit dem ‚herbstlichen Wasser‘ war noch ein viel besserer Einfall. Angesichts dieser Zeile möchte ich alle andern durchstreichen. Ich muß mir große Mühe geben, um ein passendes Gegenstück zu finden, aber so gut wie diese Zeile kann nichts anderes sein.“ Also dachte sie nach und sprach dann: „Fallende Blätter sich lagern am Hang. Stolz blinken droben prächtige Sterne, ...“ „Diese Parallele ist doch nicht schlecht“, meinte Hsiang-yün, „aber die zweite Zeile fällt deutlich dagegen ab. Ein Glück, daß es nicht nur um das Bild geht, sondern auch um ein Gefühl, das darin liegt, und die Sterne dadurch nicht einfach als Lückenfüller dienen.“ Dann schloß sie an: „Die Kröte verschluckt den silbernen Mond.0 Der weiße Hase stampft Feenmedizin0, ...“ Dai-yü nickte nur stumm und sprach endlich nach längerer Pause: „Zum Kalten Palast die Schöne entflieht0. Am Himmel grüßt Hirte die Weberin0, ...“ Nach dem Mond blickend, nickte auch Hsiang-yün, ehe sie fortfuhr: „Zur Milchstraße fahren wir mit dem Floß0. Neumond und Vollmond stets lösen sich ab, ...“ „Wieder einmal muß dieses Bild herhalten!“ bemerkte Dai-yü, ehe sie anschloß: „Fehlt sein Licht, bleibt nur die Seele zurück. Fast schon entleert, die Wasseruhr tropft, ...“ Schon wollte Hsiang-yün fortsetzen, als Dai-yü sie auf einen schwarzen Schatten im Teich aufmerksam machte und dann sagte: „Schau mal! Sieht das nicht aus, als ob sich da im Dunkeln jemand bewegt? Ist das vielleicht ein Totengeist?“ „Jetzt fängst du auch noch an, Gespenster zu sehen!“ erwiderte Hsiang-yün mit lächelnder Miene. „Ich habe davor keine Angst. Warte, der bekommt etwas ab!“ Und sie bückte sich, hob einen flachen kleinen Stein auf und warf ihn ins Wasser. Platsch! machte es, und eine ringförmige Welle zerriß das Spiegelbild des Mondes, das sich dann wieder zusammenfügte, um von der nächsten Welle erneut zerrissen zu werden. Im Schatten aber flatterte mit schwerem Flügelschlag ein weißer Kranich auf und flog in Richtung des Lotoswurzelkiosks davon. „Er war das also!“ sagte Dai-yü lächelnd. „An ihn hatte ich gar nicht gedacht, und vor Schreck bin ich richtig zusammengezuckt.“ „Er kam gerade richtig, er hat mir geholfen“, sagte Hsiang-yün, ebenfalls lächelnd, und sprach: „Dicht am Verlöschen der Lampenschein glimmt. Ein Kranich entflieht durchs frostige Schilf, ...“ Wieder schrie Dai-yü vor Begeisterung auf, als sie die Verszeile gehört hatte, und stampfte diesmal sogar mit dem Fuß auf. Dann sagte sie: „Herrlich! Der Kranich hat dir wirklich geholfen. Dabei ist diese Zeile auch wieder ganz anders als die mit dem ‚herbstlichen Wasser‘. Aber was soll ich nur darauf erwidern, so natürlich und bildhaft, so vorgefügt und doch so neuartig, wie das ist? Ich werde wohl doch aufgeben müssen.“ „Wenn wir beide sorgfältig nachdenken, finden wir bestimmt etwas“, bot Hsiang-yün ihr lächelnd an. „Sonst aber können wir auch morgen weiterdichten.“ Ohne sie zu beachten, starrte Dai-yü in den Himmel. Dann lachte sie nach einer langen Pause plötzlich auf und sagte: „Du brauchst dich nicht großzutun. Ich habe es, hör zu!“ Und sie sprach: „Aufs Dichtergrab scheint der eiskalte Mond.“ „Ausgezeichnet!“ lobte Hsiang-yün und klatschte dabei in die Hände. „Das war das einzige, was du darauf erwidern konntest.“ Dann aber fuhr sie seufzend fort: „Unser Gedicht ist zwar dadurch neuartig und ungewöhnlich geworden, aber auch wieder ein bißchen zu traurig. Krank, wie du bist, solltest du solche ausgefallenen und abwegigen Sachen nicht sagen.“ „Aber wie hätte ich dich anders schlagen können!“ widersprach Dai-yü. „Mir fehlt bloß noch die nächste Zeile. Meine ganze Kraft habe ich auf die eine wenden müssen.“ Das hatte sie kaum gesagt, als hinter dem Geländer eine Gestalt um den Felsen gebogen kam und lachend sagte: „Ein schönes Gedicht, aber wirklich zu melancholisch! Ihr dürft es nicht weiterdichten, denn wenn ihr so fortfahrt, kommen diese beiden Zeilen nicht mehr zur Geltung, und man hat nur den Eindruck, das Gedicht sei willkürlich in die Länge gezogen worden.“ Auf so etwas nicht gefaßt, waren die beiden im ersten Augenblick vor Schreck zusammengefahren, doch als sie aufmerksam hinschauten, erkannten sie, daß es niemand anders war als Miau-yü. Und so fragten sie verwundert: „Wie kommst du denn hierher?“ „Ich hatte erfahren, daß alle zusammen den Mond bewundern, und als ich das schöne Flötenspiel hörte, bin ich herübergekommen, um mich hier ebenfalls am klaren Wasser und am hellen Mond zu erfreuen. Als ich dabei durch Zufall hier in die Nähe kam, habe ich plötzlich gehört, wie ihr gemeinsam gedichtet habt, und fand das so rein und erhaben, daß ich wie gebannt zugehört habe. In dem Stück, das ich hören konnte, waren ein paar gute Zeilen enthalten, aber sie waren zu traurig und pessimistisch. Und schließlich ist ja so etwas vom Schicksal des Menschen nicht zu trennen. Darum bin ich vorgetreten, um euch zu unterbrechen. Die alte gnädige Frau und die andern sind inzwischen längst auseinandergegangen, und alles im Garten schläft wohl schon fest. Ihr werdet bestimmt von euren Mägden sonstwo gesucht. Und habt ihr gar keine Angst vor der Kälte? Kommt schnell mit zu mir eine Tasse Tee trinken, und dann wird es wohl schon bald hell werden.“ „Wer hätte gedacht, daß es schon so spät ist!“ sagte Dai-yü und lächelte. Zu dritt gingen sie ins Kloster Gefangenes Grün, und hier sahen sie, daß die Flamme vor der Buddhanische noch bläulich brannte, und auch der Weihrauch im Kessel glimmte noch. Die alten Ammen schliefen schon längst,

Aus: Jinyuyuan 1889b. und nur die kleineren Sklavenmädchen saßen noch auf den runden Binsenmatten und dämmerten mit baumelnden Köpfen vor sich hin. Miau-yü befahl ihnen aufzustehen, und kaum hatten sie den Tee gebrüht, klopfte es ans Tor. Als die Sklavenmädchen rasch aufmachen gingen, stellte sich heraus, daß Dsï-djüan und Tsuee-lü mit einigen alten Ammen da waren, weil sie noch immer auf der Suche nach ihren beiden Fräulein waren. Als sie hereinkamen und die beiden beim Teetrinken fanden, erklärten sie lächelnd: „Da konnten wir freilich lange suchen! Den ganzen Garten sind wir abgelaufen, und sogar bei der gnädigen Frau Tante sind wir gewesen. Erst als wir zu dem kleinen Pavillon am Fuße des Berges kamen und die Nachtwächterfrauen dort zufällig wach fanden, sagte man uns, eben hätten noch zwei Personen draußen in der offenen Halle miteinander gesprochen, dann sei jemand dazugekommen und es sei die Rede davon gewesen, zum Kloster hinüberzugehen. Da wußten wir endlich, wohin wir uns wenden mußten.“ Rasch befahl Miau-yü ihren kleinen Sklavenmädchen, sie sollten die Ankömmlinge in ein anderes Zimmer führen, wo sie sich ausruhen und Tee trinken konnten. Sie selbst aber holte Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein hervor, ließ sich von den beiden das Gedicht vorsprechen und schrieb es nieder. Dai-yü, die sah, daß Miau-yü einen äußerst vergnügten Eindruck machte, sagte lächelnd: „Noch nie habe ich dich in so froher Stimmung gesehen. Ich will mich nicht erdreisten, in plumper Manier um eine Belehrung zu bitten, aber hat es einen Sinn, an diesem Gedicht noch zu feilen? Wenn es nicht zu ertragen ist, dann wollen wir es verbrennen, aber wenn man noch etwas daraus machen kann, möchte ich um Korrektur bitten.“ „Auch ich will nicht wagen, leichtfertig Lob oder Tadel zu äußern“, entgegnete Miau-yü. „Ihr habt erst zweiundzwanzig Reime verbraucht, aber wie mir scheint, habt ihr die besten Zeilen, die ihr leisten konntet, bereits geschaffen. Wenn ihr noch weitermachen würdet, wäre zu befürchten, daß ihr zu einer Steigerung nicht mehr fähig seid. Darum würde ich gern das Begonnene fortführen, wenn ich nicht Angst hätte, es zu verderben.“ Dai-yü, die Miau-yü noch nie beim Dichten erlebt hatte, sagte angesichts dieser Begeisterung sofort: „Wenn du das tatsächlich tun wolltest, könnten unsere Verse, obwohl sie an sich nichts taugen, vielleicht zum Träger von etwas Gutem werden.“ „Das Gedicht muß aber jetzt am Schluß wieder zu seiner ursprünglichen Form zurückgeführt werden“, erklärte Miau-yü. „Wenn wir auf echtes Gefühl und wahre Sachverhalte verzichten, um statt dessen nach Merkwürdigkeiten zu streben, gehen wir zum einen von der Form ab, die uns als Mädchen zukommt, und zum anderen verfehlen wir auch das Thema.“ Dai-yü und Hsiang-yün gaben ihr vollkommen recht, also griff Miau-yü zum Schreibpinsel, und im Nu hatte sie das Gedicht vollendet und hielt es den beiden mit den Worten hin: „Ihr dürft mich aber nicht auslachen! So müßte es meiner Meinung nach sein, damit eine Wendung hineinkommt, durch die die traurigen Zeilen im ersten Teil nicht allzu störend wirken.“ Die beiden nahmen das Blatt entgegen und lasen, was Miau-yü als Fortsetzung geschrieben hatte: „Weihrauch verbrennt im goldenen Kessel, Kerzenwachs rinnt auf das Jadegeschirr. Flötenklang rührt die Witwe zu Tränen, die kalten Decken erwärmt ihr die Magd. Öd hängt der Vorhang mit Phönixmustern, sinnlos der Setzschirm zeigt bunten Dekor. Der reichliche Tau macht glitschig das Moos; dick bereift, schreckt der Bambus die Finger. Noch einmal den Schritt um den Teich gelenkt, noch einmal die steilen Höhen erklommen! Die Felsen bizarr wie ein Geisterspuk, Baum und Büsche gleich Tigern und Wölfen. Auf Inschriftensteinen glänzt Morgenlicht, auf hölzernen Blenden schimmert der Tau.

Von tausend Bäumen schallt Vogelsang, tief aus der Schlucht klingt der Affen Geschrei. Vertraut mit dem Pfad, geht man nicht irre; wer die Quelle kennt, weiß, wo Wasser entspringt. Die Frühglocke läutet im Klosterhof, der Hahnenschrei tönt aus dem Reisduftdorf. Was soll der Kummer, wenn frisch die Stimmung? Warum noch jammern, wenn nichts uns bedrückt? Sich selbst nur zeigt man seine Gefühle, Kein Fremder erfährt, wonach steht mein Sinn. Schluß mit dem Geschwätz, wie müde wir sind, wir plaudern von Versen bei frischem Tee!“ Darunter stand noch: „Fünfunddreißig Reimpaare, gemeinschaftlich verfaßt aus Anlaß des Mittelherbstfestes im Garten des Großen Anblicks.“ Dai-yü und Hsiang-yün fanden kein Ende mit ihrem Lob und versicherten: „Wie man sieht, sind wir immer völlig umsonst in die Ferne geschweift, anstatt in der Nähe zu suchen. Da haben wir so eine göttliche Dichterin zur Hand und geben uns immer mit fruchtlosen Debatten zufrieden!“ „Morgen wollen wir dem Gedicht noch den letzten Schliff geben!“ sagte Miau-yü lächelnd. „Aber jetzt muß es wirklich bald hell werden, darum sollten wir endlich schlafen gehen!“ Also erhoben sich Dai-yü und Hsiang-yün, um sich zu verabschieden, und machten sich mit ihren Sklavenmädchen zusammen auf den Weg. Miau-yü begleitete sie bis ans Tor und blickte ihnen nach, bis sie in der Ferne verschwanden, ehe sie das Tor zumachte und ins Haus zurückging. Aber damit genug von ihr. Inzwischen wandte sich Tsuee-lü mit den Worten an Hsiang-yün: „Wir werden bei der älteren jungen Herrin erwartet, weil wir dort übernachten sollten. Wohin gehen wir also?“ „Lauf im Vorbeigehen hinein und sag Bescheid, sie könnten sich schlafen legen!“ befahl Hsiang-yün. „Wenn wir jetzt dorthin gingen, würden wir unvermeidlich der Kranken Unruhe bereiten, darum ist es besser, wenn wir für den Rest der Nacht Fräulein Lin zur Last fallen.“ Also begaben sie sich in die Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß, wo die Hälfte des Personals schon im Schlaf lag. Die beiden Kusinen gingen in den Innenraum und legten sich erst zu Bett, nachdem sie Schmuck und Kleider abgelegt und sich gewaschen und auch den Mund gespült hatten. Dann ließ Dsï-djüan die rohseidenen Bettvorhänge herab, stellte die Lampe um, ging hinaus und schloß die Tür. Aber Hsiang-yün litt an der Eigenheit, wählerisch in bezug auf ihr Nachtlager zu sein. So lag sie zwar auf dem Kissen, konnte jedoch nicht einschlafen. Dai-yü aber krankte auf Grund ihrer Blutarmut ständig an Schlaflosigkeit, und da sie heute auch noch die Zeit verpaßt hatte, zu der sie üblicherweise ins Bett ging, fand sie natürlich ebenfalls keinen Schlaf. Beide wälzten sich hin und her, bis Dai-yü schließlich fragte: „Warum schläfst du noch nicht?“ „Mein Fehler ist es, daß ich mein gewohntes Bett brauche“, erwiderte Hsiang-yün lächelnd. „Außerdem ist die richtige Zeit zum Einschlafen längst vorüber, also liege ich notgedrungen nur einfach da. Aber warum schläfst du noch nicht?“ „Mir geht es durchaus nicht nur heute so, daß ich keinen Schlaf finde“, antwortete Dai-yü seufzend. „Das ganze Jahr über kann ich vielleicht nur zehn Nächte ausreichend schlafen.“ „Daran ist deine Krankheit schuld...“, sagte Hsiang-yün. Wer wissen will, was weiter geschah, ... 77. Zu Unrecht gedemütigt, stirbt ein schönes Sklavenmädchen in der Blüte seiner Jahre; alle Bindungen lösend, tritt eine liebliche Schauspielerin als Nonne ins Kloster ein.

Als das Mittelherbstfest vorüber war, stellte Dame Wang fest, daß Hsi-fëngs Krankheit bereits im Abklingen war. Zwar war sie noch nicht völlig genesen, aber sie konnte doch schon wieder aufstehen und ausgehen. Dennoch kam nach wie vor jeden Tag der Arzt, um ihr die Pulse zu fühlen, und sie mußte weiterhin Medikamente einnehmen. Zur Anfertigung der Arzneikugeln, die der Arzt ihr verschrieb, wurden zwei Liang besten Ginsengs gebraucht, aber als Dame Wang befahl, ihn zu holen, fanden sich nach langem Suchen in einem Kästchen nur ein paar Wurzeln, die nicht stärker waren als Haarpfeile. Damit war Dame Wang nicht zufrieden, und so befahl sie weiterzusuchen. Aber alles, was sich noch fand, war ein Paket mit Fasern und Krümeln. Aufgeregt sagte Dame Wang: „Wenn man keinen braucht, ist welcher da, und ausgerechnet wenn man welchen braucht, ist keiner zu finden. Immer wieder habe ich euch befohlen, ihr solltet aufräumen und allen Ginseng an eine Stelle tun. Aber ihr könnt ja nicht hören und laßt alles liegen, wo es euch eben aus der Hand fällt. Ihr wißt einfach nicht, was der Ginseng wert ist. Wieviel Silber das kostet, ihn erst kaufen zu müssen, wenn man ihn braucht, und dann taugt er nicht einmal was!“ „Wir werden wohl bis auf diesen keinen mehr haben“, erwiderte ihr Tsai-yün. „Als letztens die gnädige Frau von drüben welchen brauchte, habt Ihr alles weggegeben.“ „Das kann nicht sein“, beharrte Dame Wang. „Such noch einmal sorgfältig nach!“ Wohl oder übel mußte Tsai-yün also noch einmal suchen, und diesmal kam sie mit mehreren Päckchen Arzneipflanzen wieder und sagte: „Wir wissen nicht, was das ist. Seht es Euch bitte selber an, gnädige Frau! Etwas anderes ist nicht da.“ Als Dame Wang die Päckchen aufmachte, konnte sie sich ebensowenig besinnen, was für Kräuter das waren, aber es war keine einzige Ginsengwurzel darunter. Also schickte sie jemand zu Hsi-fëng, um zu fragen, ob sie welche habe, aber Hsi-fëng antwortete: „Ich habe nur ein bißchen Ginsengpaste und ein paar Fasern und Enden. Die paar Wurzeln, die ich noch da habe, sind nicht von der besten Sorte, und ich brauche sie, um die täglichen Heiltränke davon zu kochen.“ Notgedrungen mußte sich Dame Wang nun an Dame Hsing wenden, aber diese ließ ihr erwidern: „Ich hatte nur deshalb bei euch darum gebeten, weil ich selbst keinen mehr besaß. Jetzt ist er längst alle.“ Also blieb Dame Wang nichts anderes übrig, als sich persönlich an die Herzoginmutter zu wenden. Diese gab Yüan-yang den Befehl, sie solle bringen, was von noch übrig war, und das erwies sich als ein großes Paket von Wurzeln, alle so stark wie ein Finger. Davon ließ die Herzoginmutter zwei Liang abwiegen und Dame Wang geben. Als Dame Wang zurückkam, übergab sie den Ginseng Dschou Juees Frau und befahl ihr, die Sklavenjungen sollten ihn zu dem Arzt in die Wohnung tragen und zugleich auch jene Päckchen mitnehmen, deren Inhalt sie nicht festzustellen vermochte, damit er alles bestimmte und die Namen auf den Päckchen vermerkte. Nach einiger Zeit kam Dschou Juees Frau dann wieder und berichtete: „Diese Päckchen hier sind wieder ordentlich verpackt, und auf jedem ist die Bezeichnung vermerkt. Der Ginseng war wirklich von der besten Sorte, und heute bekommt man so etwas auch für dreißig Liang Silber pro Liang nicht zu kaufen, aber er ist schon zu alt. Mit Ginseng ist es nicht so wie mit anderen Sachen. Wie gut er auch sein mag, nach hundert Jahren wird er von selbst zu Staub. Dieser hier ist zwar noch nicht zu Staub geworden, aber es ist nur noch Moder, der seine Kraft verloren hat. Der Arzt läßt Euch bitten, ihn zurückzunehmen und ihm frischen dafür zu schicken, egal ob es dicke oder dünne Wurzeln sind.“ Schweigend senkte Dame Wang den Kopf und sagte erst nach langer Pause: „Da bleibt uns nichts weiter übrig, als zwei Liang kaufen zu gehen.“ Und da ihr der Sinn nicht danach stand, sich die anderen Arzneipflanzen anzusehen, befahl sie: „Räumt das alles weg!“ Dann wandte sie sich wieder an Dschou Juees Frau und beauftragte sie: „Geh und sag den Leuten draußen, sie sollen guten Ginseng ausfindig machen und zwei Liang davon kaufen! Wenn die alte gnädige Frau einmal danach fragen sollte, sagt ihr, wir hätten ihren Ginseng genommen, und macht keine Worte darum!“ Dschou Juees Frau wollte schon losgehen, da sagte Bau-tschai, die ebenfalls anwesend war, mit lächelnder Miene: „Wartet, Tante! Der Ginseng, den man heutzutage draußen zu kaufen bekommt, taugt nichts. Wenn wirklich einmal eine gute Wurzel auftaucht, dann schneiden sie sie unbedingt in zwei oder drei Stücken und fügen wertlose Enden oder ausgekochte Stücken dazwischen und verkaufen das als gute Wurzeln, ohne daß man sehen kann, ob er etwas taugt. Wir haben in unserm Laden oft mit Ginsenghändlern zu tun, darum will ich mit meiner Mutter sprechen, damit sie meinen Bruder beauftragt, einen unserer Gehilfen hinzuschicken. Er soll mit ihnen reden und sie beauftragen, zwei Liang guten, echten Ginseng für uns zu kaufen. Besser, ein paar Liang Silber mehr ausgeben, aber dafür habt Ihr dann auch wirklich etwas Ordentliches!“ „Du bist wahrlich verständig!“ lobte Dame Wang und lächelte dabei. „Es ist also das beste, ich bemühe dich deswegen.“ Daraufhin ging Bau-tschai fort, und als sie nach geraumer Zeit wiederkam, sagte sie: „Es ist schon jemand geschickt worden, und bis zum Abend wird er Bescheid bringen. Wenn die Arznei morgen in aller Frühe zubereitet wird, ist es noch nicht zu spät.“ Dame Wang freute sich natürlich, dann sagte sie: „Wahrhaftig, ‚die Haarölhändlerin macht sich das Haar mit Wasser naß.‘ Wieviel guten Ginseng hatten wir ursprünglich im Haus, und wieviel haben wir davon andern gegeben! Aber jetzt, wo wir selber welchen brauchen, müssen wir andere um Hilfe bitten.“ Und sie stieß einen langen Seufzer aus. Lächelnd entgegenete Bau-tschai: „Ginseng kostet zwar einiges Geld, aber es ist nun einmal nichts anderes als ein Heilmittel. Darum ist es ganz richtig, ihn wegzugeben und andern damit zu helfen. Schließlich gehören wir doch nicht zu den Leuten, die nichts gesehen haben von der Welt und die solche Dinge eifersüchtig versteckt halten, wenn sie sie bekommen.“ „Du hast ganz recht“, bestätigte Dame Wang und nickte dazu. Als Bau-tschai sich verabschiedet hatte und niemand weiter im Zimmer war, rief Dame Wang nach Dschou Juees Frau und fragte sie, ob neulich bei der Durchsuchung des Gartens etwas herausgekommen sei. Dschou Juees Frau, die sich bereits mit Hsi-fëng und den anderen abgesprochen hatte, verheimlichte ihr nicht die geringste Kleinigkeit und gab einen klaren Bericht. Nachdem Dame Wang alles gehört hatte, war sie erschrocken und zornig zugleich, außerdem war sie jedoch auch betreten, denn schließlich war Sï-tji aus Ying-tschuns Gesinde und gehörte damit zum anderen Wohngehöft. So sah sie keine andere Möglichkeit, als jemand zu Dame Hsing zu schicken, um ihr die Sache zu melden. Aber Dschou Juees Frau wandte ein: „Schon neulich hat die gnädige Frau von drüben der Frau von Wang Schan-bau vorgeworfen, sie sei übereifrig gewesen, und hat ihr ein paar Ohrfeigen gegeben. Seitdem ist sie unter dem Vorwand von Krankheit zu Hause geblieben und wagt es nicht, sich zu zeigen. Zumal Sï-tji ihre Enkelin ist, und sie sich mit dieser Sache ins eigene Fleisch geschnitten hat. Darum tut sie jetzt notgedrungen so, als ob sie nichts davon wüßte, so daß mit der Zeit Gras darüber wächst. Wenn wir jetzt hinübergehen und die Sache melden, wird sie wohl wieder mißtrauisch werden, und es würde so aussehen, als ob nun wir übereifrig wären. Darum wäre es das beste, wenn man Sï-tji direkt zur gnädigen Frau hinüberbringt und sie ihr zusammen mit den Beweisstücken vorführt. Dann bekommt sie eine Tracht Prügel und wird mit jemand verheiratet, und es wird eine neue Magd bestimmt. Wäre das nicht viel unkomplizierter? Wenn wir es einfach nur melden gehen, wird die gnädige Frau von drüben tausend Einwände machen und wird sagen: ‚Wenn das so ist, hätte Eure gnädige Frau die Sache regeln müssen. Was wollt ihr also noch von mir?‘ Würde damit nicht alles nur verzögert werden? Und wenn sich das Mädchen eine Gelegenheit zunutze macht, um sich umzubringen, wäre das auch nicht gut. Sie wird nun schon ein paar Tage bewacht, und jeder Mensch wird einmal nachlässig. Wenn es wirklich dazu käme, würde ein weiterer Skandal daraus entstehen.“ Dame Wang dachte eine Zeitlang darüber nach, dann sagte sie: „Das ist richtig. Bringen wir also die Sache schnell zum Abschluß und nehmen uns dann die Verführerinnen im eigenen Haushalt vor!“ Als Dschou Juees Frau das hörte, holte sie die anderen Sklavenfrauen zusammen und ging mit ihnen zu Ying-tschun, um ihr zu berichten: „Die gnädigen Frauen haben gesagt, Sï-tji sei jetzt groß, und da ihre Mutter immer wieder darum bat, hat die gnädige Frau jetzt gestattet, daß ihre Mutter sie verheiratet. Sie soll jetzt gehen, und dann wird eine andere gute Magd ausgewählt, um Euch zu bedienen, Fräulein.“ Und damit befahl sie Sï-tji, sie solle ihre Sachen packen und ihnen folgen. Ying-tschun waren bei diesen Worten die Tränen in die Augen getreten, und sie schien sich nicht von Sï-tji trennen zu wollen. Aber da sie gehört hatte, was die anderen Sklavenmädchen in den vergangenen Nächten leise über den wahren Grund gesagt hatten, konnte sie trotz der Gefühle, die sich im Laufe der Jahre entwickelt hatten und die ihr die Trennung schwer machten, nichts unternehmen, weil es um die Sittlichkeit ging. Sï-tji hatte Ying-tschun so sehr gebeten und wirklich gehofft, sie würde ihre Begnadigung erwirken, aber Ying-tschun war nicht redegewandt und ließ sich leicht beeinflussen, anstatt ihre eigene Meinung zu vertreten. Als Sï-tji sah, was geschah, und erkennen mußte, daß man ihr nicht verzieh, sagte sie unter Tränen: „Wie hartherzig Ihr seid, Fräulein! In den letzten Tagen habt Ihr mich an der Nase herumgeführt, jetzt aber wißt Ihr wohl keinen einzigen Satz mehr zu sagen?“ „Erwartest du vielleicht noch, daß das Fräulein dich behält?“ fragte Dschou Juees Frau. „Selbst wenn sie dich behielte, könntest du doch hier im Garten niemand mehr in die Augen sehen. Also tu, was wir dir im Guten sagen, pack schnell deine Sachen und komm ohne große Umstände mit! Das ist für alle Seiten ehrenvoller.“ Weinend setzte Ying-tschun hinzu: „Ich weiß, daß du irgend etwas Schlimmes getan haben mußt. Wenn ich mich jetzt zu sehr für dich einsetze, damit du bleiben darfst, ist es doch auch mit mir aus. Schau dir Ju-hua an! Sie war auch jahrelang hier. Wieso ist sie denn gegangen, kaum daß man es ihr gesagt hat? Und es geht ja natürlich auch nicht nur um euch beide. Ich glaube, alle im Garten, die groß geworden sind, werden gehen müssen. Und da wir uns eines Tages doch trennen müssen, scheint es mir besser, du gehst freiwillig.“ „Ihr seid ein verständiger Mensch, Fräulein“, lobte Dschou Juees Frau. „Und du sei ganz ruhig, bald werden noch andere fortgeschickt.“ Nun hatte Sï-tji keine andere Wahl mehr. Unter Tränen machte sie vor Ying-tschun ihren Stirnaufschlag, und als sie sich von ihren Mitschwestern verabschiedet hatte, flüsterte sie Ying-tschun noch zu: „Erkundigt Euch bitte, ob ich bestraft werden soll, und legt ein gutes Wort für mich ein, um unseren Beziehungen als Herrin und Dienerin gerecht zu werden!“ „Sei unbesorgt!“ antwortete Ying-tschun, ebenfalls mit Tränen in den Augen. Nun führte Dschou Juees Frau Sï-tji zum Hoftor hinaus, dann befahl sie, zwei von den Sklavenfrauen sollten Sï-tjis Sachen tragen. Aber kaum waren sie ein paar Schritte gegangen, kam ihnen Hsiu-djü hinterhergeeilt, die sich mit einer Hand die Tränen abwischte, während sie mit der anderen Sï-tji einen seidenen Beutel reichte. Dabei sagte sie: „Das schickt dir das Fräulein. Nachdem ihr so lange als Herrin und Dienerin zusammengewesen seid und euch nun trennen müßt, soll dies ein Andenken für dich sein.“ Sï-tji nahm den Beutel entgegen, und unwillkürlich flossen ihre Tränen noch reichlicher, während sie jetzt mit Hsiu-djü zusammen weinte. Aber ungeduldig mahnte Dschou Juees Frau zur Eile, und die beiden mußten sich trennen. „Drückt doch bitte ein Auge zu, Tante, und macht ein Weilchen halt, damit ich mich von den Schwestern verabschieden kann, mit denen ich befreundet war und mit denen ich mich all die Jahre hindurch so gut verstanden habe!“ bat Sï-tji weinend. Aber Dschou Juees Frau und die übrigen Sklavenfrauen hatten andere Sorgen und wollten sich deshalb nicht die Zeit dafür nehmen. Außerdem war es ihnen zutiefst verhaßt, wie sich Sï-tji und die anderen Sklavenmädchen stets aufgespielt hatten. Darum ließen sie sich jetzt auf nichts ein, und Dschou Juees Frau sagte mit kühlem Lächeln: „Ich rate dir, geh und trödel nicht herum! Wir haben schließlich auch noch ernsthafte Dinge zu besorgen. Stammt hier vielleicht jemand mit dir aus einem Mutterleib? Wozu willst du dich also von ihnen verabschieden? Sie würden dich nicht einmal ansehen, wenn du lachen würdest. Du willst nur herumbummeln, um Zeit zu gewinnen. Glaubst du etwa, damit würde sich die Sache erledigen? Hör, was ich dir sage, und geh jetzt schnell!“ Das sagte sie, ohne auch nur stehenzubleiben, und führte Sï-tji zum hinteren Seitentor hinaus. So blieb Sï-tji nichts weiter übrig, als ihr zu folgen, zumal sie es auch nicht wagte, noch etwas einzuwenden. Durch Zufall kam eben Bau-yü durch das Tor herein, und als er sah, daß Sï-tji hinausgeführt wurde und daß man ihr ihre Sachen hinterhertrug, erriet er, daß sie wegging, um nicht mehr wiederzukommen. Bau-yü hatte gehört, was sich neulich in der Nacht ereignet hatte, und er hatte auch bemerkt, daß sich Tjing-wëns Zustand seit jener Nacht verschlimmerte, ohne daß sie ihm auf seine Nachfragen eine Erklärung gab. Dann hatte er festgestellt, daß Ju-hua verschwunden war, und jetzt sah er, daß auch Sï-tji fortging, und unwillkürlich wurde ihm zumute, als ob ihm die Seele aus dem Leib fahren wollte. Rasch stellte er sich den Frauen in den Weg und fragte: „Wohin bringt ihr sie?“ Dschou Juees Frau und die anderen Sklavinnen wußten sehr gut, wie sich Bau-yü stets benahm, und befürchteten, er würde durch sein Geschwätz die Sache verderben, darum erwiderten sie ihm lächelnd: „Mit dir hat das nichts zu tun. Geh an deine Bücher!“ „Liebe Schwestern, so wartet doch!“ bat Bau-yü lächelnd. „Ich habe euch etwas zu sagen.“ „Die gnädige Frau hat uns verboten, auch nur einen Augenblick zu zögern“, beharrte Dschou Juees Frau. „Was also gäbe es da noch zu sagen?! Wir haben nur auszuführen, was die gnädige Frau uns befiehlt, und um andere Dinge können wir uns nicht groß bekümmern.“ Sï-tji, die sich an Bau-yü klammerte, kaum daß sie ihn erblickt hatte, bat ihn jetzt: „Sie können da nichts machen. Geh doch du zur gnädigen Frau und bitte für mich!“ Unwillkürlich wurde auch Bau-yü von Kummer ergriffen, und mit Tränen in den Augen sagte er: „Ich weiß nicht, was du Schlimmes angestellt hast.