Hongloumeng/de/Chapter 34

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Kapitel 34

情中情因情感妹妹

错里错以错劝哥哥

Als Hsi-jën also sah, daß die Herzoginmutter, Dame Wang und alle anderen gegangen waren, ging sie hinein, setzte sich zu Bau-yü und fragte unter Tränen: „Wofür hast du solche Schläge bekommen?“ „Wofür schon!“ sagte Bau-yü seufzend. „Frag nicht danach! Die ganze untere Körperhälfte tut mir weh. Schau mal nach, was da alles zerschlagen ist!“ Vorsichtig schob Hsi-jën ihre Hand unter sein Gewand, um ihm die Hosen herabzustreifen. Kaum hatte sie ein wenig daran gezogen, biß Bau-yü die Zähne zusammen und stöhnte: „Oh, oh!“ Sofort hielt Hsi-jën inne. So ging es drei, vier Mal, ehe die Hosen endlich herunter waren. Jetzt sah Hsi-jën, daß Bau-yüs Oberschenkel braun und blau waren und daß überall vierfingerbreite Striemen dick darauf hervortraten. Hsi-jën biß die Zähne zusammen, dann sagte sie: „Du meine Güte, wie kann man nur so grausam sein! Aber wenn du auf mich gehört hättest, wäre es nie so weit gekommen. Ein Glück noch, daß die Sehnen und die Knochen heil geblieben sind, sonst wärst du zum Krüppel geworden. Was hätten wir dann gemacht!“ Bei diesen Worten hörten die beiden, wie die anderen Sklavenmädchen sagten: „Fräulein Bau-tschai kommt!“ Weil Hsi-jën einsah, daß sie es nicht mehr schaffen würde, Bau-yü die Hosen wieder anzuziehen, griff sie nach einer Steppdecke aus Seidengaze und deckte ihn damit zu. Da trat Bau-tschai auch schon zur Tür herein, auf der flachen Hand trug sie eine Arzneikugel. „Das mußt du am Abend in Wein zerreiben und dann auf die Wunden streichen“, erklärte sie Hsi-jën. „Das Gift des Blutergusses wird dadurch aufgelöst, und die Wunden heilen.“ Mit diesen Worten reichte sie Hsi-jën die Kugel, dann fragte sie: „Geht es schon besser?“ Bau-yü bestätigte, es gehe ihm besser, und bat Bau-tschai, Platz zu nehmen. Als Bau-tschai sah, daß Bau-yü die Augen wieder geöffnet hatte und auch wieder sprach, wurde ihr bedeutend leichter ums Herz. Sie nickte und sagte seufzend: „Hättest du nur rechtzeitig auf unsereins gehört, dann wäre es nicht dazu gekommen! Nicht nur der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau blutet das Herz, auch uns ist es bei diesem Anblick nicht anders ergangen...“ Kaum hatte sie das gesagt, hielt sie erschrocken inne und bereute es, so vorschnell mit ihren Worten gewesen zu sein. Unwillkürlich wurde sie rot und senkte den Kopf. Als aber Bau-yü hörte, wie herzlich und teilnahmsvoll ihre Worte waren und welchen tieferen Sinn sie enthielten, und dann plötzlich sah, wie sie den Satz abbrach, rot wurde und den Kopf sinken ließ und nur noch verlegen an ihrem Gürtel nestelte, wobei sie von einer unbeschreiblich anmutigen Schüchternheit war, wurde ihm unversehens so wohl ums Herz, daß seine Schmerzen gleich bis über den neunten Himmel hinaus verflogen, und er sagte sich: „Ich habe nur ein paar Schläge bekommen, aber jede von ihnen läßt so viel Mitleid und Sorge erkennen, daß es ebenso erfreulich wie erstaunlich, ebenso bemitleidenswert wie bewundernswert ist. Wer weiß, wie traurig sie erst sind, wenn mir einmal ein Unglück widerfährt und ich eines gewaltsamen Todes sterben muß! Aber wenn sie sich so verhalten und darüber traurig sind, daß ich sterbe, lohnt es sich nicht einmal zu seufzen, wenn ich mein Leben hingeben muß. Wollte ich unter solchen Umständen im dunklen Totenreich nicht froh und zufrieden sein, wäre ich wirklich ein dummer Teufel!“ Während er sich diesen Gedanken hingab, drangen ihm Bau-tschais Worte in die Ohren, mit denen sie sich jetzt bei Hsi-jën erkundigte: „Wie ist es eigentlich zu dem plötzlichen Wutausbruch gekommen, der ihm die Prügel eingebracht hat?“ Daraufhin berichtete Hsi-jën, was sie von Bee-ming erfahren hatte, und jetzt erst erfuhr Bau-yü auch, was Djia Huan hinter seinem Rücken über ihn erzählt hatte. Als aber auch Hsüä Pans Name fiel, fürchtete er, Bau-tschai könnte ärgerlich werden, darum unterbrach er Hsi-jën rasch mit den Worten: „So hat sich mein Vetter Hsüä nie verhalten, ihr müßt nicht solche wilden Vermutungen anstellen!“ Als Bau-tschai das hörte, war ihr klar, daß er Hsi-jën nur deshalb Einhalt gebot, weil er fürchtete, sie könnte es übelnehmen, und so dachte sie still bei sich: „Eben erst hast du solche Prügel bekommen, daß du vor Schmerzen nicht aus noch ein weißt, und trotzdem bist du feinfühlig genug, um zu fürchten, ich könnte beleidigt sein. Daran sieht man, daß du dir doch Gedanken um uns machst. Aber warum kannst du dir nicht auch über die großen Dinge Gedanken machen, die über den Rahmen der Familie hinausgehen? Dann wäre dein Vater froh über dich, und du brauchtest nicht solches Leid zu erdulden. Du hast Hsi-jën das Wort abgeschnitten, weil du Angst hattest, ich könnte ärgerlich werden, aber ich kenne doch meinen Bruder, der stets hemmungslos seinen Wünschen folgt und keine Rücksichtnahme kennt. Hatte es damals schon Tjin Dschungs wegen so einen Tumult gegeben, mußte es diesmal natürlich noch schlimmer kommen!“ Nachdem sie diese Gedanken zu Ende geführt hatte, sagte sie lächelnd: „Ihr müßt nicht diesem grollen und jenem böse sein! Mir scheint, der gnädige Herr ist nur deswegen so wütend geworden, weil Vetter Bau-yü sich gewöhnlich nicht korrekt verhält und mit solcherlei Menschen Umgang pflegt. Wohl möglich, daß mein Bruder unvorsichtige Äußerungen getan und Vetter Bau-yü dadurch verraten hat, aber er wird nicht mit Absicht jemanden aufgehetzt haben. Zum einen stimmte ja der Sachverhalt, und zum anderen achtet er nie darauf, in solchen Kleinigkeiten auf der Hut zu sein. – Hsi-jën, du kennst von klein auf nur so einen umsichtigen Menschen wie Vetter Bau-yü, meinen Bruder aber, der sich vor nichts in der Welt fürchtet und sein Herz auf der Zunge trägt, hast du ja nie gesehen!“ Schon als Bau-yü sie unterbrach, nachdem ihr Hsüä Pans Name entschlüpft war, hatte Hsi-jën gemerkt, daß ihre Worte unüberlegt gewesen waren und daß Bau-yü fürchtete, Bau-tschai könnte sich darüber ärgern. Um so mehr fühlte sie sich nun durch Bau-tschais Bemerkungen beschämt, und deshalb antwortete sie mit keiner Silbe. Bau-yü dagegen empfand Bau-tschais Worte als großzügig und gerecht und sah seine Zweifel dadurch zerstreut, deshalb war ihm jetzt wohler zumute als vorher. Eben wollte er etwas sagen, aber da stand Bau-tschai schon auf und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich komme morgen wieder nach dir sehen. Ruh dich nur schön aus! Eben habe ich Hsi-jën ein Heilmittel gebracht. Wenn sie am Abend deine Wunden damit bestreicht, wird dir besser.“ Damit ging sie zur Tür hinaus. Hsi-jën eilte ihr nach, um sie bis ans Hoftor zu begleiten, und sagte dabei: „Ihr habt Euch viel Mühe gemacht, Fräulein! Wenn der junge Herr erst wieder gesund ist, wird er sich persönlich bei Euch bedanken kommen!“ Bau-tschai wandte den Kopf und bemerkte lächelnd: „Was gibt es da schon zu danken! Rede ihm nur gut zu, damit er sich ganz in Ruhe erholt und sich keine dummen Gedanken mehr macht, dann ist alles in Ordnung. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dürfen nicht in Unruhe versetzt werden. Denn wenn der gnädige Herr davon erführe, würde er wohl nicht sofort etwas unternehmen, aber wenn sich später herausstellte, daß es wirklich so war, müßte Bau-yü letzten Endes doch dafür leiden.“ Mit diesen Worten ging sie davon. Durch Bau-tschais Verhalten tief bewegt, machte Hsi-jën kehrt und trat wieder ins Haus. Als sie ins Zimmer kam, fand sie Bau-yü stumm und in sich gekehrt und konnte nicht ausmachen, ob er schlief oder wachte. Also zog sie sich wieder zurück, um sich zu kämmen und zu waschen. Bau-yü lag still auf dem Bett und wußte sich vor Schmerz nicht zu lassen. Das Gesäß tat ihm weh, als würde es mit Nadeln gestochen oder mit Messern geschnitten, es brannte wie Feuer.u-tschai wandte den Kopf und bemerkte lächelnd: „Was gibt es da schon zu danken! Rede ihm nur gut zu, damit er sich ganz in Ruhe erholt und sich keine dummen Gedanken mehr macht, dann ist alles in Ordnung. Die alte gnädige Frau und die gnädige Frau dürfen nicht in Unruhe versetzt werden. Denn wenn der gnädige Herr davon erführe, würde er wohl nicht sofort etwas unternehmen, aber wenn sich später herausstellte, daß es wirklich so war, müßte Bau-yü letzten Endes doch dafür leiden.“ Mit diesen Worten ging sie davon. Durch Bau-tschais Verhalten tief bewegt, machte Hsi-jën kehrt und trat wieder ins Haus. Als sie ins Zimmer kam, fand sie Bau-yü stumm und in sich gekehrt und konnte nicht ausmachen, ob er schlief oder wachte. Also zog sie sich wieder zurück, um sich zu kämmen und zu waschen. Bau-yü lag still auf dem Bett und wußte sich vor Schmerz nicht zu lassen. Das Gesäß tat ihm weh, als würde es mit Nadeln gestochen oder mit Messern geschnitten, es brannte wie Feuer. Sobald er sich nur ein wenig streckte oder drehte, konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken. Inzwischen ging es schon auf den Abend zu, und als Bau-yü sah, daß Hsi-jën fortgegangen war und ein paar andere Sklavenmädchen zu seiner Bedienung dagelassen hatte, sagte er, weil er keine Aufträge für sie hatte: „Geht euch nur kämmen und waschen! Kommt wieder, wenn ich euch rufe!“ Daraufhin gingen die Mädchen alle hinaus, und Bau-yü blieb in Stille und Finsternis zurück. Da sah er, wie Djiang Yü-han hereintrat und klagte, die Leute aus der Residenz des Prinzen Dschung-schun hätten sich seiner bemächtigt. Anschließend sah er, wie auch Djin-tschuan hereinkam und weinend davon sprach, wie sie sich seinetwegen in den Brunnen gestürzt hatte. Das alles nahm Bau-yü im Halbschlaf wahr, ohne groß darauf zu achten. Dann aber spürte er plötzlich, wie ihn jemand berührte, und zugleich drangen undeutlich Klagelaute an sein Ohr. Als er aus seinen Träumen schreckte und die Augen aufschlug, erblickte er niemand anders als Dai-yü. Er fürchtete wohl, auch sie könnte nur ein Traumbild sein, darum richtete er sich rasch auf und sah sie gespannt an. Dabei entdeckte er, daß ihre Augen pfirsichgroß angeschwollen waren und ihr ganzes Gesicht von Tränen glänzte. Wer also konnte es anders sein als Dai-yü! Er hätte sie gern noch länger so angesehen, aber der Schmerz in der unteren Körperhälfte war so unerträglich, daß er es nicht mehr aushielt und sich mit einem „Au weh!“ fallen ließ. Dann fragte er stöhnend: „Warum nur kommst du wieder hierher gelaufen? Die Sonne ist wohl untergegangen, aber aus dem Erdboden ist die Hitze noch nicht geschwunden. Wenn du den Weg hin und zurück machst, kannst du dir erneut einen Hitzschlag holen. Ich habe zwar Prügel bekommen, aber Schmerzen habe ich nicht. Ich tue bloß so als ob, um die anderen anzuführen, damit sie es herumerzählen und der gnädige Herr davon erfährt. Es ist wirklich nur vorgetäuscht, und du darfst es nicht ernst nehmen!“ Dai-yü heulte nicht laut, sie schien vielmehr an einem stummen Schluchzen ersticken zu müssen, und das war weit schlimmer. Als sie hörte, was Bau-yü sagte, drängte es sie, ihm tausenderlei zu erwidern, aber sie bekam keinen halben Satz über die Lippen und stieß erst nach langer Zeit stockend und schluchzend hervor: „Du mußt dich von nun an in allem ändern!“ Bau-yü antwortete ihr mit einem langen Seufzer. Dann sagte er: „Sei unbesorgt und rede nicht so etwas! Auch wenn ich um der beiden willen hätte sterben müssen, hätte ich es gern getan!“ Noch ehe er ausgesprochen hatte, sagte jemand im Hof: „Die Frau des zweiten jungen Herrn kommt.“ Kaum daß Dai-yü hörte, Hsi-fëng komme, stand sie hastig auf und erklärte: „Ich gehe über den Hinterhof und besuche dich ein andermal wieder.“ Aber rasch hielt Bau-yü sie fest und sagte: „Merkwürdig! Warum hast du auf einmal Angst vor ihr?“ Dai-yü stampfte vor Erregung mit dem Fuß auf und sagte leise: „Sieh dir doch meine Augen an! Soll sie sich wieder einmal über mich lustig machen?“ Sofort ließ Bau-yü sie los, und sie eilte Hals über Kopf um sein Bett herum in den hinteren Hof hinaus. Im selben Moment kam Hsi-fëng schon zur Vordertür herein und erkundigte sich: „Geht es dir besser? Möchtest du etwas essen? Ich schicke jemand zu mir hinüber und lasse es dir holen!“ Anschließend kam Tante Hsüä und bald darauf eine Botin der Herzoginmutter. Als es Zeit wurde, die Lampen anzuzünden, trank Bau-yü nur ein paar Schlucke Suppe, dann schlief er benommen ein. Danach aber kamen auch noch die Frauen von Dschou Juee, Wu Hsin-dëng und Dschëng Hau-schï, die alle schon älter waren und sich regelmäßig als Besucherinnen einzufinden pflegten. Auch sie hatten inzwischen erfahren, daß Bau-yü Schläge bekommen hatte. Hsi-jën ging ihnen rasch entgegen und empfing sie lächelnd mit den Worten: „Ihr kommt einen Augenblick zu spät, Tanten! Eben ist der junge Herr eingeschlafen.“ Dann führte sie die Frauen in das andere Zimmer, lud sie ein, Platz zu nehmen, und bot ihnen Tee an. Die Frauen blieben ein Weilchen still sitzen, dann baten sie Hsi-jën: „Sag dem jungen Herrn, wenn er wach wird, daß wir hier gewesen sind,!“ Hsi-jën versprach es und begleitete die Frauen hinaus. Eben wollte sie wieder ins Haus gehen, da kam eine alte Sklavin, die von Dame Wang geschickt worden war, um zu melden: „Die gnädige Frau verlangt nach jemand aus dem Gefolge des jungen Herrn!“ Hsi-jën dachte kurz nach, dann wandte sie sich nach Tjing-wën, Schë-yüä, Tan-yün und Tjiu-wën um und sagte mit leiser Stimme: „Die gnädige Frau ruft. Bleibt ihr schön im Zimmer! Ich gehe zu ihr und bin bald wieder da.“ Nach diesen Worten verließ sie mit der alten Sklavin zusammen den Garten und begab sich zu den Haupträumen hinüber. Dame Wang saß eben auf dem Sommerbett und schwenkte einen Bananenblattfächer. Als sie Hsi-jën hereinkommen sah, sagte sie: „Du hättest doch irgend jemand anders schicken können. Jetzt hast du ihn allein gelassen, wer soll sich da um ihn kümmern?“ Rasch erwiderte Hsi-jën mit lächelnder Miene: „Eben hat der junge Herr ganz ruhig geschlafen. Und an den vier oder fünf Mägden, die dort geblieben sind, ist mittlerweile nichts mehr auszusetzen. Sie verstehen, den jungen Herrn zu bedienen. Ihr braucht Euch nicht zu beunruhigen, gnädige Frau. Ich hatte gedacht, Ihr könntet etwas befehlen wollen, und wenn ich eine von den anderen schickte, würde sie es vielleicht nicht richtig begreifen, so daß es zu Verzögerungen oder Irrtümern gekommen wäre.“ „Es ist weiter nichts“, sagte Dame Wang, „ich wollte nur wissen, wie es ihm inzwischen geht.“ „Ich habe dem jungen Herrn ein Heilmittel auf die Wunden gestrichen, das Fräulein Bau-tschai gebracht hat, und davon ist ihm ein wenig besser geworden“, berichtete Hsi-jën. „Erst hat er vor Schmerzen nicht still liegen können, aber jetzt ist er fest eingeschlafen. Daran sieht man, daß es ihm besser geht.“ „Hat er etwas gegessen?“ erkundigte sich Dame Wang weiter. „Er hat ein paar Schlucke von der Suppe getrunken, die ihm die alte gnädige Frau geschickt hat, und klagte, er habe schrecklichen Durst und wolle einen Aufguß von getrockneten grünen Aprikosen trinken“, gab Hsi-jën Auskunft. „Aber ich habe mir gesagt, grüne Aprikosen wirken zusammen­ziehend, und nachdem er eben erst Schläge bekommen hat, ohne dabei schreien zu dürfen, hat sich natürlich infolge der Aufregung das hitzig-vergiftete Blut im Herzen gestaut. Wenn er jetzt diesen Aufguß trinken und dadurch das Blut im Herzen aufwühlen würde, könnte das eine ernste Erkrankung zur Folge haben, und was dann! Darum habe ich ihm so lange zugeredet, bis er schließlich darauf verzichtet hat, und habe ihm statt dessen gezuckertes Rosenmus in Wasser aufgelöst und zu trinken gegeben. Davon hat er ein halbes Schälchen getrunken, aber dann hat er gesagt, mehr wolle er nicht, weil es nicht süß sei und kein Aroma habe.“ „O weh!“ sagte Dame Wang. „Warum bist du nicht eher gekommen, um mir das zu sagen? Neulich habe ich ein paar Flaschen Nektar bekommen und wollte ihm schon davon abgeben, doch dann hatte ich Angst, er würde ihn nur sinnlos vergeuden, darum habe ich es bleibenlassen. Aber wenn ihm die Rosenpaste nicht schmeckt, dann nimm nur ein paar Flaschen von dem Nektar mit! Man braucht davon nur einen Teelöffel voll in ein Schälchen Wasser zu rühren, und es wird außerordentlich wohlschmeckend.“ Sie rief Tsai-yün und befahl: „Bring mir die Flaschen mit dem Nektar, die wir neulich bekommen haben!“ „Zwei Flaschen sind genug!“ sagte Hsi-jën. „Wenn es zuviel ist, wird es nur unnütz verschwendet. Und falls es nicht reichen sollte, kann ich genausogut noch einmal kommen und mehr davon holen.“ Tsai-yün ging hinaus und kam nach einiger Zeit wirklich mit zwei Flaschen wieder, die sie Hsi-jën gab. Es waren kleine Flaschen aus Glas, nicht größer als drei Tsun und mit silbernen Schraubkappen verschlossen. Auf dem blaßgelben Etikett der einen stand ‚Reiner Duftblütennektar‘, auf dem der anderen ‚Reiner Rosennektar‘. „Das muß wohl ziemlich kostbar sein“, sagte Hsi-jën und lächelte. „Wieviel kann in so einer kleinen Flasche schon drin sein!“ „Es war für den kaiserlichen Gebrauch bestimmt“, erklärte Dame Wang. „Siehst du nicht die gelben Etiketten? Geh nur sparsam damit um und vergeude nichts!“ Hsi-jën sagte: „Jawohl!“ und wollte eben gehen, als Dame Wang ihr befahl: „Warte mal! Mir ist etwas eingefallen, was ich dich fragen will.“ Sofort machte Hsi-jën wieder kehrt, und weil Dame Wang sah, daß sonst niemand im Zimmer war, sagte sie: „Mir ist da zu Ohren gekommen, Bau-yü sei deshalb geschlagen worden, weil Huan dem gnädigen Herrn etwas erzählt haben soll. Weißt du davon? Falls ja, dann sag es mir! Ich werde auch niemand verraten, daß ich es von dir habe.“ „Davon habe ich nichts gehört“, erwiderte Hsi-jën. „Der junge Herr hat jemand einen Schauspieler weggenommen, und die Leute haben vom gnädigen Herrn verlangt, sie wollten ihn wiederhaben. Deshalb hat er die Schläge bekommen.“ Dame Wang schüttelte den Kopf, als sie jetzt sagte: „Deshalb war es auch, aber es gab noch einen anderen Grund.“ „Von einem anderen Grund weiß ich nichts“, beteuerte Hsi-jën. „Aber ich will mich erdreisten, Euch ein paar offene Worte zu sagen, gnädige Frau. Von Rechts wegen...“ Kaum hatte sie das gesagt, verstummte sie wieder. „Sprich nur!“ forderte Dame Wang sie auf. „Ihr dürft mir nicht böse sein, gnädige Frau, dann sage ich es“, bat Hsi-jën lächelnd. „Warum sollte ich dir böse sein!“ beschwichtigte Dame Wang sie. „Sprich nur!“ „Von Rechts wegen hatte es der junge Herr wirklich verdient, daß ihm der gnädige Herr ein paarmal eine Lektion erteilt“, sagte Hsi-jën. „Wer weiß, was er sonst in Zukunft noch angestellt hätte, wenn sich der gnädige Herr nicht darum gekümmert hätte.“ Als Dame Wang das hörte, legte sie die Handflächen zusammen und rief: „Buddha Amitabha!“ Dann fuhr sie, an Hsi-jën gewandt, fort: „Wie schön, daß du Verständnis dafür hast, mein Kind! Ich denke ganz genauso darüber. Weiß ich vielleicht nicht, wie man einen Sohn zu behandeln hat? Wie habe ich denn den jungen Herrn Dschu behandelt, als er noch lebte! Meinst du, das wüßte ich heute nicht mehr? Die Sache hat ihren Grund. Ich meine, weil ich bald fünfzig bin und nur noch ihn allein habe. Außerdem ist er so zart gebaut, und der Liebling der alten gnädigen Frau ist er auch. Hält man ihn zu streng, dann stößt ihm womöglich etwas zu. Das würde die alte gnädige Frau fürchterlich aufbringen, und darunter hätten dann hoch und niedrig zu leiden. Wäre das vielleicht nicht schlimm? Darum ist er durch Nachsicht verdorben worden. Wie oft habe ich ihm hinter vorgehaltener Hand gut zugeredet, wie oft habe ich geschimpft und geweint, wenn ich wütend war! Dann hat er sich wohl gebessert, aber hinterher hat es ihn nicht mehr gekümmert. Das trieb er so lange, bis es jetzt etwas gesetzt hat. Aber auf wen soll ich mich in Zukunft stützen, wenn er nicht wieder wird?“ Unwillkürlich liefen ihr bei diesen Worten die Tränen herab. Als Hsi-jën sah, wie Dame Wang litt, überkam unversehens auch sie der Kummer, und sie weinte mit ihr im Verein. Dann sagte sie: „Der junge Herr ist Euer Sohn, gnädige Frau. Natürlich grämt Ihr Euch da um ihn. Auch wir vom Gesinde leben in Sicherheit, wenn wir ihm dienen können, darin liegt unser Glück. Wenn es aber so mit ihm käme, wäre es auch mit unserer Sicherheit aus. An welchem Tag und zu welcher Stunde hätte ich dem jungen Herrn nicht gut zugeredet! Aber auch das hat ihn nicht zur Besinnung gebracht. Dann mußten sich auch noch solche Leute an ihn hängen – kein Wunder, daß er sich so benimmt. Deshalb war es ihm nie recht, was wir ihm geraten haben. Da Ihr heute auf diese Dinge zu sprechen kommt, fällt mir noch etwas ein, worüber ich Euch längst berichten wollte, um Eure Meinung darüber einzuholen, gnädige Frau. Nur habe ich Angst, Ihr könntet auf falsche Gedanken kommen. Dann hätte ich es nicht nur umsonst gesagt, ich wüßte nicht einmal, wo ich mich begraben lassen sollte!“ Dame Wang hatte herausgehört, daß diese Worte nicht ohne Grund gesagt waren, darum erwiderte sie sogleich: „Sag nur, was du sagen wolltest, mein Kind! In der letzten Zeit wirst du von jedermann gelobt, egal, ob du anwesend bist oder nicht, und ich dachte zuerst, dabei ginge es nur darum, daß du dir wegen Bau-yü viel Mühe gibst oder zu allen nett und freundlich bist. Darum habe ich dich nicht anders behandelt als die alten Nebenfrauen. Wie konnte ich ahnen, daß du jetzt solche vernünftigen Gedanken äußern würdest, die ganz und gar meinen eigenen Überlegungen entsprechen! Also sag mir nur, was du auf dem Herzen hast! Hauptsache, es erfährt niemand anders davon!“ „Es ist nichts weiter, gnädige Frau“, sagte Hsi-jën. „Ich dachte nur daran, Euch um eine Weisung zu bitten, mit der man erreichen kann, daß der junge Herr aus dem Garten auszieht.“ Dame Wang erschrak, faßte Hsi-jën bei den Händen und fragte: „Bau-yü hat doch nicht etwa mit jemand etwas angestellt?“ „Nicht doch, gnädige Frau!“ erwiderte Hsi-jën rasch. „Davon kann gar nicht die Rede sein. Mir scheint nur, der junge Herr ist jetzt groß, und auch die jungen Fräulein sind groß. Fräulein Lin und Fräulein Hsüä sind wohl seine Kusinen, aber es ist doch nicht egal, daß sie junge Mädchen sind, und er ist ein junger Mann. Da können sie nicht gut bei Tag und bei Nacht zusammen sein. Unwillkürlich macht man sich seine Gedanken darüber. Und wenn jemand Fremdes es sieht, macht es auch keinen guten Eindruck. Nicht umsonst sagt das Sprichwort ‚Auch wo nichts ist, denkt man immer, da wäre etwas.‘ Die meisten Unannehmlichkeiten entstehen dadurch, daß etwas ohne jede Absicht geschieht, aber von mißtrauischen Leuten, die es sehen, für Absicht gehalten und falsch ausgelegt wird. Darum kann es nicht gut sein, keine Vorsorge zu treffen. Ihr kennt die übliche Art des jungen Herrn, gnädige Frau, und wißt, daß er zu gern mit uns Mädchen zusammen herumtollt. Wenn man da nicht vorbeugt, wird es schon beim geringsten Verdacht einer Verfehlung unvermeidlich Gerede geben. Der Pöbel kennt keine Tabus. Wer ihm gefällt, ist in seinem Munde besser als Buddha, und wer ihm mißfällt, wird schlimmer geschmäht als ein Stück Vieh. Niemand wird es beachten, wenn man in Zukunft gut vom jungen Herrn spricht, aber wenn auch nur einer ihn tadelt, ist das für uns der sichere Tod, keine schwerere Schuld könnte uns treffen. Doch das wäre nur eine Kleinigkeit. Der Ruf und die Würde des jungen Herrn wären fürs ganze Leben zerstört. Außerdem könntet auch Ihr dem gnädigen Herrn nicht mehr ins Gesicht sehen. Ein anderes Sprichwort sagt ‚Der Edle trifft Vorsorge, bevor etwas geschieht.‘ Darum wäre es richtig, jetzt Maßnahmen zu ergreifen. Ihr seid stark beschäftigt, gnädige Frau, und konntet wahrhaftig noch nicht daran denken. Hätten auch wir nicht daran gedacht, so wäre das nicht das Schlimmste, aber da wir einmal daran gedacht haben, wäre es ein schweres Vergehen, Euch nicht darauf aufmerksam zu machen. Das ist es, worüber ich in der letzten Zeit Tag und Nacht gegrübelt habe. Jemand anders konnte ich es schlecht sagen, darum wußte allein meine Lampe davon.“ Als Dame Wang das hörte, war sie wie vom Blitz getroffen, wie vom Donner gerührt, weil Hsi-jën mit ihren Worten ganz genau darauf eingegangen war, was sich mit Djin-tschuan ereignet hatte, und tief im Innern gewann sie Hsi-jën noch unendlich viel lieber als zuvor. Lächelnd sagte sie: „Wie weitsichtig du bist, mein Kind, daß du alles so gründlich bedacht hast! Ich hatte natürlich auch schon daran gedacht, aber dann war immer etwas zu erledigen, so daß ich es wieder vergessen habe. Deine Worte haben es mir wieder zum Bewußtsein gebracht. Hab Dank dafür, daß du so auf Ruf und Ansehen von mir und meinem Sohn bedacht bist! Ich habe wirklich nicht geahnt, was für ein gutes Mädchen du bist. Aber genug, geh jetzt! Ich weiß, was ich zu tun habe. Doch noch eins! Nachdem du mir das heute gesagt hast, überlasse ich den jungen Herrn deiner Obhut. Gib acht auf ihn! Wenn du ihn wohl bewahrst, bewahrst du damit auch mich, und das werde ich dir nicht vergessen.“ Hsi-jën versprach es ihr, ohne zu zögern, und ging dann. Als sie in den Hof der Freude am Roten zurückkam, wurde Bau-yü eben wach, und sie berichtete ihm von dem Nektar, den sie mitgebracht hatte. Bau-yüs Freude darüber kannte keine Grenze. Sofort befahl er, davon zurechtzumachen, damit er kosten konnte, und fand das Getränk in der Tat außerordentlich erfrischend. Weil sich Bau-yü Gedanken um Dai-yü machte, hätte er gar zu gern jemand zu ihr geschickt, nur vor Hsi-jën mußte er dabei auf der Hut sein. Darum ersann er eine List und schickte zuerst Hsi-jën zu Bau-tschai, damit sie ein Buch für ihn holte. Als sie gegangen war, ließ er Tjing-wën kommen und befahl ihr: „Geh zu Fräulein Lin und sieh nach, was sie macht! Wenn sie nach mir fragt, darfst du nur sagen, es gehe mir gut.“ „Wie kann ich denn ohne jeden Grund zu ihr gehen?“ sträubte sich Tjing-wën. „Zum mindesten müßte ich etwas auszurichten haben.“ „Aber es ist nichts auszurichten“, erwiderte Bau-yü. „Dann müßte ich etwas hinbringen oder von ihr holen“, beharrte Tjing-wën. „Sonst ist es mir peinlich.“ Bau-yü dachte nach, dann streckte er den Arm aus und ergriff zwei Taschentücher. Er gab sie Tjing-wën und sagte lächelnd: „Also gut! Sag ihr, ich hätte dich geschickt, um ihr das hier zu bringen!“ „Aber das ist ja dann noch eigenartiger!“ protestierte Tjing-wën. „Was soll sie denn mit zwei gebrauchten Taschentüchern? Sie wird sich wieder einmal aufregen und sagen, du machtest dich über sie lustig.“ „Keine Sorge!“ sagte Bau-yü. „Sie wird es schon verstehen.“ Nun blieb Tjing-wën keine andere Wahl, als die Taschentücher zu nehmen. Als sie damit zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß kam, hängte Tschun-hsiän dort eben Taschentücher zum Trocknen über das Geländer, und als sie Tjing-wën hereinkommen sah, winkte sie mit der Hand ab und sagte: „Sie hat sich schlafen gelegt.“ Tjing-wën trat ins Haus und fand dort alles stockfinster, keine einzige Lampe brannte. Dai-yü lag schon im Bett und fragte: „Wer ist da?“ „Tjing-wën“, antwortete Tjing-wën rasch. „Was ist?“ fragte Dai-yü. „Der junge Herr hat mich geschickt, um Euch Taschentücher zu bringen“, sagte Tjing-wën. „Warum schickt er mir Taschentücher?“ wunderte sich Dai-yü, und so fragte sie: „Von wem hat er sie? Bestimmt sind sie etwas Besonderes. Sag ihm, er solle sie aufheben und jemand anderem schenken, ich könne so etwas jetzt nicht brauchen!“ „Aber es sind keine neuen“, erwiderte Tjing-wën. „Es sind ganz gewöhnliche alte Taschentücher.“ Nun wunderte sich Dai-yü erst recht, aber dann dachte sie eine Zeitlang scharf und gründlich darüber nach, und plötzlich wurde ihr alles klar. „Leg sie hin, dann kannst du wieder gehen!“ befahl sie rasch. Also mußte Tjing-wën die Taschentücher hinlegen. Dann machte sie kehrt und ging zurück, wobei sie den ganzen Weg lang darüber nachgrübelte, was das bedeuten sollte, und doch zu keinem Ergebnis kam. Dai-yü aber war, als sie die Bedeutung der Taschentücher erkannt hatte, unwillkürlich bis ins Innerste erschüttert. „Daß Bau-yü in seinem Kummer meinen Kummer begreift, macht mich froh“, sagte sie sich, „aber ich weiß nicht, was mir die Zukunft bringt, und das macht mich traurig. Daß er mir plötzlich zwei alte Taschentücher schickt, wäre, wenn er mich nicht von ganzem Herzen verstanden hätte, zum Lachen. Wenn man aber bedenkt, daß er sie mir heimlich durch jemand bringen läßt, ist das zum Fürchten. Da ich immer zum Weinen aufgelegt bin, was ihm sicher nicht gefallen kann, ist es zugleich aber auch zum Schämen.“ So überlegte sie hin und her und schien bald vor innerer Hitze zu kochen. Ganz benommen befahl sie, die Lampe zu bringen, und ohne daß ihr irgendwelche Zweifel oder Tabus in den Sinn gekommen wären, ging sie zum Tisch, rieb Tusche an und tränkte den Pinsel damit. Dann schrieb sie auf die Taschentücher: ‚Ich weine mir sinnlos die Augen aus, wem gelten all meine Tränen? Nun schickst du Tücher als Geschenk, wie sollte ich da nicht trauern?

Verstohlen rollen die Tränenperlen, mein Tag kennt nicht Freude noch Sinn. Ich wische sie nicht vom Kleid, nicht vom Kissen, wohin sie tropfen, dort bleibt ein Fleck.

Auf keine Schnur zu reihen sind Tränenperlen, die Tränenspur vom Hsiang-djiang, sie ist verblaßt. Dicht steht der Bambus vor meiner Tür, machen ihn wohl meine Tränen fleckig?“ Sie wollte noch mehr schreiben, aber da spürte sie, daß ihr Körper heiß wie Feuer war, und auch ihr Gesicht schien zu glühen. Darum trat sie vor den Spiegelständer und nahm die seidene Spiegelhülle ab. Als sie sich spiegelte, sah sie wohl, daß ihre Wangen röter waren als Pfirsichblüten, doch daß dies der Anfang einer Krankheit war, erkannte sie nicht. Erst einige Zeit später legte sie sich schlafen. Dabei hielt sie die Taschentücher immer noch in der Hand und grübelte weiter nach. Aber davon soll hier nicht mehr die Rede sein. Als Hsi-jën zu Bau-tschai kam, hatte diese den Garten verlassen, um zu ihrer Mutter zu gehen. Also mußte Hsi-jën mit leeren Händen zurückkehren. Bau-tschai aber kam erst in der zweiten Nachtwache wieder. Da Bau-tschai mit Hsüä Pans Charakter vertraut war, hatte sie schon selbst vermutet, er könne jemanden aufgehetzt haben, Bau-yü anzuschwärzen. Als dann Hsi-jën davon sprach, bestärkte sie das in ihrer Annahme. Nun hatte ja Hsi-jën die Sache von Bee-ming gehört, dieser aber hatte willkürlich ausgesponnen, was er nur zur Hälfte als Tatsache kannte, und nahm lediglich an, es sei bestimmt Hsüä Pan gewesen, der geschwatzt hatte. Obwohl Hsüä Pan allgemein im entsprechenden Ruf stand, war er doch diesmal unschuldig. Weil sich aber inzwischen alle darauf versteift hatten, er sei es gewesen, mußte es schwer für ihn werden, sich zu rechtfertigen. Heute hatte Hsüä Pan irgendwo beim Wein gesessen, und als er jetzt nach Hause kam und der Mutter seinen Gruß entbot, fand er Bau-tschai bei ihr. Nach einigen belanglosen Sätzen fragte er: „Wie es heißt, hat Vetter Bau-yü etwas abbekommen. Wie kam denn das?“ Tante Hsüä, die sich eben erst deswegen geärgert hatte, preßte zwischen den Zähnen hervor: „Schamloser Bengel du! Alles war nur deine Schuld, und da hast du noch die Stirn, danach zu fragen?“

Aus: Jinyuyuan 1889b. Verdutzt fragte Hsüä Pan: „Wieso meine Schuld?“ „Dumm stellen willst du dich auch noch?“ sagte Tante Hsüä. „Jeder weiß, daß du es erzählt hast, du aber streitest es ab?“ „Wenn jeder sagt, ich hätte jemand ermordet, wirst du es auch glauben, ja?“ fragte darauf Hsüä Pan. „Auch deine Schwester weiß, daß du es warst, der es erzählt hat“, entgegnete Tante Hsüä. „Würde etwa auch sie dich verleumden?“ Rasch legte sich Bau-tschai ins Mittel. „Mutter! Bruder! Schreit doch nicht so, wir wollen die Sache in Ruhe klären!“ mahnte sie. Dann wandte sie sich zu Hsüä Pan und fuhr fort: „Egal, ob du es warst, der es erzählt hat, oder nicht, die Sache ist nun einmal passiert, und wir müssen keine Untersuchung anstellen, die alles nur noch schlimmer machen würde. Aber das eine rate ich dir: Stell in Zukunft draußen keinen Unfug mehr an und kümmere dich nicht um anderer Leute Angelegenheiten. Tag für Tag treibt ihr euch zusammen herum, und du bist unvorsichtig genug. Solange nichts passiert, ist ja alles gut. Aber wenn etwas passiert, wird jeder vermuten, du seist es gewesen, auch wenn du es gar nicht warst. Von anderen ganz zu schweigen, werde ich die erste sein, die es glaubt.“ Nun war Hsüä Pan ein Mensch, der stets geradlinig dachte und ohne Umschweife sprach. Ein Versteckspiel wie dieses hatte er nie gemocht. Als Bau-tschai ihm jetzt riet, er solle sich nicht mehr herumtreiben, und seine Mutter sagte, seinen Worten seien die Schläge zuzuschreiben, die Bau-yü erhalten hatte, konnte er vor Aufregung nicht mehr still stehen und rechtfertigte sich unter Schwüren und Beteuerungen. Dann wieder schimpfte er: „Wer hat mir das angehängt? Ich gebe keine Ruhe, ehe ich diesem Sträflingspack die Zähne eingeschlagen habe! Es ist doch ganz klar, da will sich nur jemand lieb Kind machen, nachdem Bau-yü Prügel bezogen hat, und ich muß jetzt dafür herhalten. Ist Bau-yü vielleicht ein Himmelskönig, daß die gesamte Familie tagelang in Aufruhr sein muß, wenn er mal von seinem Vater Schläge bekommt? Als er sich damals schlecht aufführte und der Onkel ihm dafür Schläge verpaßte, hat die alte gnädige Frau, die davon erfuhr, behauptet, Vetter Dschën trage die Schuld daran. Also ließ sie ihn rufen und hat ihn fürchterlich ausgeschimpft. Heute nun werde sogar ich mit hineingezogen. Aber nachdem es einmal so weit gekommen ist, werde ich einfach hingehen und Bau-yü totschlagen. Dann zahle ich zwar mit dem Leben dafür, aber alle haben ihre Ruhe!“ Während er so tobte, hatte er den Balken gepackt, mit dem die Tür zugesperrt wurde, und wollte hinausstürzen. Aufgeregt hielt Tante Hsüä ihn zurück und schalt: „Wen wirst du erschlagen, du Strafe meiner Sünden? Besser, du erschlägst zuerst mich!“ Hsüä Pans Augen waren vor Wut groß wie Messingschellen, und er schrie: „Was soll das? Gehen darf ich nicht, aber grundlos verleumden lassen soll ich mich! Solange Bau-yü am Leben ist, wird man mich für jeden Streit verantwortlich machen. Da ist es besser, alle sind tot, und es herrscht Ruhe!“ Jetzt trat auch Bau-tschai rasch näher und redete ihm zu: „Hab doch ein wenig Geduld! Siehst du nicht, wie Mutter sich aufregt? Aber anstatt sie zu beruhigen, krakeelst du erst recht. Ob nun Mutter dir etwas rät oder jemand anders, es geschieht doch zu deinem Besten. Was aber passiert? Du regst dich auf.“ „Fängst du schon wieder an?“ fragte Hsüä Pan. „An allem waren nur deine Worte schuld.“ „Ja, wenn ich etwas sage, wirst du böse“, entgegnete Bau-tschai. „Warum wirst du nicht über deine eigene Unvorsichtigkeit böse?“ „Und du bist nur über meine Unvorsichtigkeit böse, anstatt auf Bau-yü böse zu sein, wenn er sich außerhalb des Hauses Unannehmlichkeiten einhandelt“, sagte Hsüä Pan. „Ich will gar nicht zu weit ausholen, nur die Sache mit diesem Tji-guan will ich als Beispiel anführen. Ich hatte Tji-guan schon mehr als zehn Mal gesehen, ohne ein vertrauliches Wort mit ihm zu wechseln, Bau-yü aber hat ihm gleich beim ersten Mal seine Leibbinde geschenkt, als er noch nicht einmal seinen Namen kannte. Das war dann wohl auch meine Schuld?“ „Da haben wir‘s!“ riefen Tante Hsüä und Bau-tschai aufgeregt aus. „Deswegen hat doch Bau-yü die Prügel bekommen. Nun zeigt sich, daß doch du es warst, der davon erzählt hat.“ „Also, ich könnte platzen vor Wut!“ versicherte Hsüä Pan. „Ich ärgere mich nicht einmal, weil ihr behauptet, ich hätte das erzählt, ich ärgere mich, weil ihr euch Bau-yüs wegen dermaßen aufregt.“ „Wir regen uns auf?“ fragte Bau-tschai. „Du warst es, der vor lauter Aufregung handgreiflich werden wollte, und jetzt behauptest du, wir regten uns auf.“ Als Hsüä Pan feststellen mußte, daß alles, was Bau-tschai vorbrachte, Hand und Fuß hatte und nicht zu widerlegen war, so daß er schlechter mit ihr fertig wurde als mit der Mutter, hatte er nur noch den einen Wunsch, sie zum Schweigen zu bringen, damit ihm niemand mehr dazwischenredete. Und ohne in der Hitze seiner Wut daran zu denken, seine Worte zu wägen, sagte er: „Du brauchst mir gar nicht zu zürnen, mein liebes Schwesterchen! Ich weiß ja schon längst, wie es um dich bestellt ist. Die Mutter hat mir davon erzählt, daß nur jemand mit einem Jade der richtige Mann für dich mit deinem Gold ist. Und da du weißt, daß Bau-yü diese Klamotte hat, mußt du ihn natürlich in Schutz nehmen...“ Noch ehe er ausgesprochen hatte, war Bau-tschai vor Zorn wie betäubt. Sie zog Tante Hsüä am Ärmel und sagte unter Tränen: „Hört Ihr, was er sagt, Mutter?“ Als Hsüä Pan seine Schwester weinen sah, wurde ihm klar, daß er zu weit gegangen war. Wütend ging er in sein Zimmer und legte sich schlafen. Davon soll aber hier nicht die Rede sein. Zitternd vor Wut, versuchte Tante Hsüä dennoch, Bau-tschai zu trösten: „Du weißt ja, dieser Taugenichts redet ohne Sinn und Verstand. Morgen sage ich ihm, daß er sich bei dir entschuldigen soll.“ Bau-tschai kochte vor Zorn über die erlittene Kränkung und hätte sich am liebsten dafür gerächt, aber weil sie fürchtete, der Mutter dadurch Unruhe zu bereiten, verabschiedete sie sich mit Tränen in den Augen und kehrte allein in ihre Räume zurück, wo sie die ganze Nacht hindurch weinte. Als sie am nächsten Tag früh am Morgen aufstand, hatte sie keine Lust, sich zu kämmen und zu waschen, darum machte sie sich nur oberflächlich zurecht. Dann ging sie zu ihrer Mutter, um ihr ihren Gruß zu entbieten. Unterwegs stieß sie zufällig auf Dai-yü, die im Schatten blühender Bäume stand und sich erkundigte, wohin sie gehe. „Nach Hause“, antwortete Bau-tschai und ging weiter. Dai-yü, der aufgefallen war, daß Bau-tschai niedergeschlagen und verheult aussah, wie es sonst gar nicht ihre Art war, rief ihr lächelnd hinterher: „Gib acht auf deine Gesundheit, Kusine! Auch wenn du zwei große Kübel Tränen weinst, kannst du doch seine Wunden damit nicht heilen.“ Wer wissen will, was Bau-tschai darauf erwiderte, muß das nächste Kapitel lesen.