Hongloumeng/de/Chapter 35
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Kapitel 35
白玉钏亲尝莲叶羹
黄金莺巧结梅花络
Bau-tschai hatte deutlich gehört, wie Dai-yü sie beschämt hatte, aber weil sie an ihre Mutter und ihren Bruder dachte, ging sie weiter, ohne sich auch nur umzusehen. Dai-yü blieb im Schatten der Bäume stehen und blickte von fern zum Hof der Freude am Roten hinüber. Sie sah, wie Li Wan, Ying-tschun, Tan-tschun, Hsi-tschun und manch andere dort hineingingen und wieder herauskamen, nur Hsi-fëng erschien nicht. „Warum kommt sie Bau-yü nicht besuchen?“ überlegte Dai-yü. „Auch wenn sie durch irgendetwas aufgehalten wurde, kommt sie doch ganz bestimmt und läßt ihr Mundwerk spielen, um sich bei der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau einzuschmeicheln. Wenn sie um diese Zeit noch nicht da ist, hat das bestimmt seinen Grund!“ Während sie so herumrätselte, blickte sie wieder einmal auf und sah eine weitere buntgekleidete Gruppe dem Hof der Freude am Roten zustreben. Bei genauerem Hinsehen erkannte sie die Herzoginmutter, die sich auf Hsi-fëngs Arm stützte, dahinter Dame Hsing und Dame Wang und dann Nebenfrau Dschou sowie Sklavenfrauen und -mädchen. Sie alle traten in den Hof, und unwillkürlich ließ Dai-yü bei diesem Anblick den Kopf sinken und dachte daran, wie gut es war, wenn man Vater und Mutter hatte. Und schon perlten ihr wieder Tränen über das Gesicht. Wenig später sah sie auch Bau-tschai mit Tante Hsüä dort hineingehen. Dann aber trat plötzlich Dsï-djüan von hinten zu ihr heran und sprach sie an: „Geht Eure Medizin einnehmen, Fräulein! Das abgekochte Wasser wird schon wieder kalt.“ „Warum mahnst du mich immerzu?“ fragte Dai-yü. „Was geht es dich an, ob ich meine Medizin nehme oder nicht?“ „Kaum ist es etwas besser mit Eurem Husten, wollt Ihr keine Medizin mehr nehmen“, sagte Dsï-djüan. „Wir haben zwar schon den fünften Monat, und es ist heiß, aber trotzdem müßt Ihr vorsichtig sein. Seit dem frühen Morgen steht Ihr nun schon hier im Feuchten. Ihr solltet nach Hause gehen und Euch ein wenig ausruhen!“ Erst bei diesen Worten kam Dai-yü zum Bewußtsein, daß ihr die Beine weh taten, und nach einigem Zögern ging sie, auf Dsï-djüan gestützt, zur Herberge am Hsiau-hsiang-Fluß zurück. Kaum daß sie in den Hof trat und dort auf dem Boden die wirren Schatten der Bambusstauden sowie die mal helleren und mal dunkleren Moosflecken sah, mußte sie unwillkürlich an das „Westzimmer“ denken, wo es hieß: „Betritt wohl jemand den einsamen Ort? Kalt liegt der Tau auf dem Moos der Terrassen.“ Und seufzend sagte sie still bei sich: „Ach, Ying-ying, du hattest wahrlich ein trauriges Geschick, aber du hattest doch wenigstens deine verwitwete Mutter und deinen kleinen Bruder. Ich, Lin Dai-yü, aber habe in meinem Unglück weder Mutter noch Bruder. ,Schönes Mädchen – hartes Los‘, sagten die Alten. Dabei bin ich nicht einmal schön, warum also ist mir ein härteres Los beschieden als Tsuee Ying-ying?“ In diese Gedanken vertieft, ging sie weiter hinein, als ihr plötzlich im Wandelgang der Papagei entgengeflattert kam und ihr so einen Schreck einjagte, daß sie zurückprallte. „Bist du lebensmüde?“ schimpfte sie. „Du machst mir ja den Kopf staubig!“ Der Papagei flog auf seine Stange zurück und rief: „Hsüä-yän, heb schnell den Türvorhang auf, das Fräulein ist da!“ Dai-yü blieb stehen, griff nach der Stange und fragte: „Hat man dir Futter und Wasser gegeben?“ Der Papagei seufzte schwer, und dann sagte er ganz in Dai-yüs klagender Art: „Weil Blüten ich begrabe, nennt man mich törichtes Kind, doch wer wird mich begraben, wenn ich gestorben bin?
Geht die Frühlingszeit zu Ende und die Blüten fall‘n vom Baum, Ist für rote Mädchenwangen auch die Schicksalsstunde nah. Unversehens sind verflossen Frühlingstage, Mädchenglück, Blüten welken, und ich sterbe, aber keiner weiß davon.“ Dai-yü und Dsï-djüan lachten hellauf, als sie das hörten, dann sagte Dsï-djüan: „Es sind die Verse, die ihr immer sprecht, Fräulein. Wie er sich die nur gemerkt hat?“ Da befahl ihr Dai-yü, sie solle die Stange mit dem Papagei abnehmen und an den Haken draußen vor dem kreisrunden Mondfenster hängen. Dann ging sie in ihr Zimmer, setzte sich innen an das Mondfenster und nahm ihre Medizin ein. Von draußen fielen Bambusschatten auf die Fenstergaze und tauchten den Raum in ein grünliches Dämmerlicht, das auf Tisch und Matten den Eindruck von Kühle erweckte. Aus Langeweile neckte Dai-yü durch die Fenstergaze hindurch den Papagei und sprach ihm ihre Lieblingsverse vor. Aber davon muß hier nicht die Rede sein. Als Bau-tschai am Morgen zu ihrer Mutter kam, war diese gerade beim Kämmen. „Warum bist du schon so früh auf den Beinen und kommst hierher gelaufen?“ fragte sie.
Aus: Chengjiaben 1791. „Ich wollte sehen, wie es dir geht, Mutter“, sagte Bau-tschai. „Ist er gestern, nachdem ich fort war, noch einmal herübergekommen und hat weitergetobt?“ Bei diesen Worten setzte sie sich neben die Mutter, und ohne daß sie es wollte, begann sie zu weinen. Als Tante Hsüä sie weinen sah, konnte auch sie die Tränen nicht zurückhalten. Gleichzeitig aber redete sie ihr zu: „Du mußt dich deswegen nicht kränken, mein Kind! Warte, wenn ich ihm den Kopf zurechtsetze! Auf wen könnte ich hoffen, wenn dir etwas zustoßen sollte!“ Hsüä Pan, der von drüben alles mit angehört hatte, kam jetzt schnell hereingelaufen, verneigte sich wieder und wieder vor Bau-tschai und bat: „Verzeih mir dies eine Mal, liebste Schwester! Ich hatte gestern getrunken, und als ich abends zurückkam, bin ich unterwegs auch noch einem Spuk begegnet. Als ich hier ankam, war ich noch nicht wieder nüchtern und habe allen möglichen Unfug geredet. Ich weiß selber nicht mehr, was ich alles gesagt habe. Kein Wunder, daß du böse auf mich geworden bist!“ Bau-tschai hatte die Hände vors Gesicht geschlagen und weinte, bei diesen Worten aber fühlte sie sich versucht zu lachen. Sie blickte auf, spuckte auf den Boden und sagte dann: „Spar dir deine Verstellungskünste! Ich weiß, wie sehr du Mutter und mich in Wahrheit verachtest. Du trachtest mit allen Mitteln danach, daß wir von dir fortgehen. Erst dann wird dir wohl ums Herz sein.“ „Wie kommst du nur darauf, Schwester?“ fragte Hsüä Pan sogleich und lächelte dabei. „Du läßt mir ja keinen Platz, wohin ich noch die Füße setzen könnte! Du warst doch sonst nicht so mißtrauisch und hast nie so böse Dinge gesagt.“ Rasch nahm jetzt Tante Hsüä das Wort und sagte: „Die bösen Dinge, die deine Schwester sagt, hörst du, aber was du gestern abend gesagt hast, mußte wohl sein, ja? Du bist wirklich nicht bei Sinnen!“ „Du mußt dich nicht aufregen, Mutter! Und du mußt nicht bekümmert sein, Schwester!“ erwiderte Hsüä Pan. „Von heute an werde ich nicht mehr mit denen trinken und nicht mehr bummeln gehen. Wie gefällt euch das?“ „Das ist vernünftig!“ lobte Bau-tschai und lächelte ihn an. Tante Hsüä aber sagte: „Eher legt ein Drache ein Ei, als daß du dich dazu durchringst!“ „Wenn ich mich noch einmal mit ihnen herumtreibe, kann die Schwester mich anspucken und mich ein Vieh nennen, einverstanden?“ bot Hsüä Pan an. „Warum sollt ihr Tag für Tag bloß immer Ärger mit mir haben! Wenn sich Mutter über mich aufregen muß, ist das noch zu verzeihen, aber wenn ich meiner Schwester Kummer bereite, bin ich ja wirklich kein Mensch mehr. Da Vater tot ist, wäre ich wahrhaftig schlimmer als ein Tier, wenn ich – anstatt Mutter mehr kindliche Ehrerbietung zu bezeigen und meiner Schwester mehr Liebe zu erweisen – nur dafür sorgte, daß Mutter sich aufregt und meine Schwester bekümmert ist!“ Während er das sagte, liefen ihm unwillkürlich die Tränen herab, und auch Tante Hsüä, die erst nicht geweint hatte, wurde durch seine Worte traurig gestimmt. Da zwang sich Bau-tschai zu einem Lächeln und sagte: „Genug krakeelt, du bringst Mutter schon wieder zum Weinen!“ Rasch hörte Hsüä Pan zu weinen auf und sagte lächelnd: „Ich werde doch Mutter nicht zum Weinen bringen! Aber Schluß jetzt damit, ich rufe Hsiang-ling, sie soll dir Tee eingießen!“ „Ich mag keinen Tee trinken“, sagte Bau-tschai. „Wenn Mutter sich die Hände gewaschen hat, wollen wir hinübergehen!“ „Mir scheint, dein Halsreifen müßte einmal zum Aufpolieren gegeben werden“, sagte Hsüä Pan. „Wozu?“ fragte Bau-tschai. „Er glänzt doch noch ganz frisch.“ „Aber ein paar neue Kleider brauchst du“, fuhr Hsüä Pan fort. „Sag mir nur, welche Farben und Muster du magst!“ „Warum soll ich mir schon wieder neue Kleider machen lassen, obwohl ich die vorigen noch nicht einmal alle angehabt habe?“ sträubte sich Bau-tschai. Inzwischen hatte Tante Hsüä sich umgezogen und kam Bau-tschai holen. Daraufhin ging Hsüä Pan fort, Tante Hsüä aber begab sich mit Bau-tschai zusammen in den Garten, um dort Bau-yü zu besuchen. Als sie in den Hof der Freude am Roten kamen, erkannten sie an der Vielzahl der Sklavenmädchen und -frauen, die innerhalb und außerhalb des Anbaus herumstanden und sich auch im Wandelgang aufhielten, daß die Herzoginmutter und die übrigen Frauen hier sein mußten. Sie gingen ins Haus, und nachdem sie alle begrüßt hatten, traten sie zu Bau-yü ans Bett. „Geht es dir schon ein bißchen besser?“ erkundigte sich Tante Hsüä. Bau-yü versuchte, sich zu verneigen, bestätigte, er fühle sich schon besser, und setzte hinzu: „Nichts als Unruhe bereite ich Euch. Es tut mir leid!“ Tante Hsüä war ihm rasch behilflich, sich wieder hinzulegen, anschließend fragte sie: „Möchtest du irgend etwas haben? Dann sag es mir nur!“ Lächelnd erwiderte Bau-yü: „Wenn mir etwas einfällt, werde ich Euch in jedem Fall darum bitten.“ „Möchtest du vielleicht etwas essen?“ fragte nun auch Dame Wang. „Ich könnte es dir bringen lassen.“ „Appetit habe ich nicht“, sagte Bau-yü lächelnd, „aber solche Suppe mit kleinen Lotosblättchen und kleinen Lotoskapseln, wie wir sie einmal hatten, wäre schön.“ „Hört euch das an!“ kommentierte Hsi-fëng lächelnd, die daneben stand. „Kostspielig sind seine Wünsche nicht, aber anspruchsvoll ist es doch, ausgerechnet danach zu verlangen!“ Die Herzoginmutter aber befahl ein um das andere Mal, man solle ihm die Suppe machen. „Nicht so aufgeregt, alte Ahne!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß mich erst besinnen, wer die Formen dafür in Verwahrung hat.“ Dann wandte sie sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Verantwortlichen für die Küche danach!“ Die Sklavin ging fort, und als sie nach langer Zeit endlich wiederkam, berichtete sie: „Der Verantwortliche für die Küche sagt, alle vier Satz Formen habe er wieder abgeliefert.“ „Ich weiß, wer sie hat“, sagte Hsi-fëng nach einigem Nachdenken, „sicher sind sie in der Teeküche.“ Und wieder schickte sie jemanden los, um den Verantwortlichen für die Teeküche danach zu fragen, aber auch dort waren sie nicht.i-fëng lächelnd, die daneben stand. „Kostspielig sind seine Wünsche nicht, aber anspruchsvoll ist es doch, ausgerechnet danach zu verlangen!“ Die Herzoginmutter aber befahl ein um das andere Mal, man solle ihm die Suppe machen. „Nicht so aufgeregt, alte Ahne!“ bat Hsi-fëng lächelnd. „Ich muß mich erst besinnen, wer die Formen dafür in Verwahrung hat.“ Dann wandte sie sich an eine Sklavin und befahl: „Geh und frag den Verantwortlichen für die Küche danach!“ Die Sklavin ging fort, und als sie nach langer Zeit endlich wiederkam, berichtete sie: „Der Verantwortliche für die Küche sagt, alle vier Satz Formen habe er wieder abgeliefert.“ „Ich weiß, wer sie hat“, sagte Hsi-fëng nach einigem Nachdenken, „sicher sind sie in der Teeküche.“ Und wieder schickte sie jemanden los, um den Verantwortlichen für die Teeküche danach zu fragen, aber auch dort waren sie nicht. Schließlich fanden sich die Formen beim Verantwortlichen für das Gold- und Silbergeschirr, und als erstes nahm sie nun Tante Hsüä in die Hand, um sie sich anzusehen. Es war ein Kästchen mit vier silbernen Formen darin, von denen jede über ein Tschï lang und ein Tsun breit war. Bohnengroße Vertiefungen in Gestalt von Chrysanthemen- und Aprikosenblüten, Lotoskapseln und Wassernüssen waren darin eingearbeitet. Insgesamt waren es dreißig oder vierzig unterschiedliche Figuren, und alle sahen sie fein und zierlich aus. Darum bemerkte Tante Hsüä jetzt lächelnd zur Herzoginmutter und zu Dame Wang: „Bei Euch ist aber auch alles bis ins letzte durchdacht. So viele Muster nur für eine Schüssel Suppe! Ohne Erklärung hätte ich nicht einmal erkannt, wozu das dient.“ Ohne abzuwarten, ob jemand anders etwas darauf erwidern wollte, erklärte Hsi-fëng schon lächelnd: „Woher solltet Ihr das auch wissen, Frau Tante! Das hatten sie sich im vorigen Jahr ausgedacht, um für die kaiserliche Nebenfrau das Mahl zu bereiten. Woraus der Teig gemacht war, den sie damit gepreßt haben, weiß ich nicht. Es sollte an den Geschmack von frischen Lotosblättern erinnern, aber die Hauptsache ist und bleibt eine gute Brühe, das Aussehen allein macht nicht viel Sinn. Und wer würde schon ständig so etwas essen! Als die Formen damals gebracht wurden, haben wir einmal solche Suppe gemacht. Wer weiß, warum ihm das jetzt wieder eingefallen ist!“ Damit nahm sie ihr die Formen ab und übergab sie einer Sklavin. Dann ordnete sie an: „Sie sollen in der Küche sofort ein paar Hühner nehmen und was sonst noch dazugehört und gute zehn Schalen Suppe kochen!“ „Wozu das?“ fragte Dame Wang. „Ich habe schon meine Gründe“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Normalerweise wird diese Suppe selten gekocht. Darum wäre es – nachdem Schwager Bau-yü einmal danach verlangt hat – nicht schön, wenn sie nur für ihn allein gekocht würde, für die alte gnädige Frau, die gnädige Frau Tante und Euch, gnädige Frau, aber nicht. Darum will ich die Gelegenheit nutzen und mehr davon kochen lassen, damit es für alle reicht. So fällt auch für mich etwas ab!“ „Dich werde ich lehren, Äffchen!“ drohte die Herzoginmutter im Spaß. „Mit öffentlichen Geldern spielst du dich als Wohltäterin auf!“ Alles lachte darüber, und auch Hsi-fëng lächelte, als sie erwiderte: „Keine Bange! So eine kleine Bewirtung kann auch ich mir leisten!“ Dann wandte sie sich erneut an die Sklavin und befahl: „Sag in der Küche, sie sollen ordentlich etwas daranmachen, und das Silber sollen sie auf meine Rechnung setzen!“ Die Sklavin sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus, da bemerkte Bau-tschai mit lächelnder Miene: „In den Jahren, die ich jetzt hier bin, habe ich stets darauf achtgegeben und mußte feststellen, daß Kusine Hsi-fëng bei allem Witz an die alte gnädige Frau nicht heranreicht.“ „Was habe ich schon noch für Witz, alt wie ich bin“, entgegnete die Herzoginmutter. „Als ich so alt war wie sie, hätte ich mich mit ihr messen können. Aber wenn sie auch an uns nicht heranreicht, ist sie doch immer noch gut, weit besser als deine Tante. Die Ärmste redet nicht viel und kommt einem vor wie ein Holzklotz. Dadurch konnte sie ihre guten Seiten vor den Schwiegereltern nicht recht zur Geltung bringen. Hsi-fëng dagegen hat eine flinke Zunge, da ist es kein Wunder, daß die Leute sie mögen.“ Lächelnd fragte Bau-yü: „Ihr mögt also niemand, der keine flinke Zunge hat?“ „Wer keine flinke Zunge hat, besitzt andere Vorzüge, für die man ihn gern hat“, antwortete die Herzoginmutter. „Genauso wie jemand mit flinker Zunge auch Schwächen hat, durch die er gegen den, der nicht reden kann, zurücksteht.“ „Eben!“ sagte Bau-yü lächelnd, „mir scheint, meine ältere Schwägerin sagt nicht viel, und dennoch behandelt Ihr sie nicht anders als Schwägerin Hsi-fëng. Wenn Ihr nur gern haben würdet, wer flink mit der Zunge ist, dürftet Ihr von den Mädchen nur Schwägerin Hsi-fëng und Kusine Dai-yü gern haben.“ „Wenn von den Mädchen die Rede ist, kann von unseren vieren keine einzige Bau-tschai auch nur das Wasser reichen“, erwiderte die Herzoginmutter. „Das sage ich nicht, um ihrer Mutter zu schmeicheln, das ist tausend und zehntausend Mal wahr.“ „Oh, das ist voreingenommen von Euch“, wandte Tante Hsüä sofort lächelnd ein. Dame Wang aber lächelte ebenfalls, als sie sagte: „Die alte gnädige Frau hat mir unter vier Augen schon oft gesagt, Bau-tschai sei ein gutes Mädchen. Das ist nicht gelogen.“ Bau-yü hatte die Herzoginmutter nur deshalb auf dieses Thema gebracht, damit sie Dai-yü lobte, doch wider Erwarten hatte sie nicht Dai-yü, sondern Bau-tschai gelobt. Darum blickte er jetzt lächelnd zu Bau-tschai hinüber, aber diese hatte sich längst abgewandt und unterhielt sich mit Hsi-jën. Plötzlich kam jemand vom Gesinde und bat zum Essen. Die Herzoginmutter erhob sich und sagte Bau-yü, er solle sich schön ausruhen. Anschließend erteilte sie seinen Sklavenmädchen noch einige Anweisungen, ehe sie endlich hinausging, wobei sie sich nur auf Hsi-fëng stützte und Tante Hsüä höflich den Vortritt ließ. Die anderen folgten ihnen. „Ist die Suppe fertig?“ erkundigte sich die Herzoginmutter. Dann fragte sie Tante Hsüä: „Habt Ihr auf irgend etwas Appetit? Sagt es mir nur! Ich weiß, wie ich Hsi-fëng dazu bringe, es zubereiten zu lassen, und dann teilen wir es uns!“ Lächelnd erwiderte Tante Hsüä: „Müßt Ihr sie immer aufziehen? Sie verehrt Euch doch etwas von allen Speisen. Aber Ihr eßt ja nicht viel.“ „Sagt das nicht, Tante!“ mischte sich Hsi-fëng lächelnd ein. „Unsere alte Ahne mag nur kein Menschenfleisch, weil es ihr zu sauer ist, sonst hätte sie mich schon längst gefressen!“ Kaum hatte sie das gesagt, platzten die Herzoginmutter und alle anderen laut heraus. Auch Bau-yü drinnen im Zimmer konnte nicht an sich halten und lachte mit. Lächelnd sagte Hsi-jën zu ihm: „Also wirklich! Vor der Zunge der jungen gnädigen Frau kann man sich zu Tode fürchten!“ Bau-yü streckte die Hand nach Hsi-jën aus und sagte lächelnd: „Du hast so lange gestanden, bestimmt bist du müde!“ Und er zog sie heran, damit sie sich neben ihn setzte. Lächelnd erinnerte ihn Hsi-jën: „Jetzt hast du es wieder vergessen! Sprich schnell mit Fräulein Bau-tschai, solange sie noch im Hof ist, und bitte sie, Ying-örl zu uns zu schicken, damit sie für uns Netze knüpft!“ „Gut, daß du mich daran erinnerst“, sagte Bau-yü. Damit hob er den Kopf und sprach zum Fenster hinaus: „Kusine Bau-tschai! Schick doch nach dem Essen Ying-örl herüber! Ich möchte sie bitten, ein paar Netze zu knüpfen. Sie hat doch Zeit, ja?“ Bau-tschai wandte den Kopf und antwortete: „Warum sollte sie keine Zeit haben? Ich werde es ihr gleich sagen!“ Die Herzoginmutter und ihr Gefolge hatten nicht richtig verstanden, worum es ging, darum blieben sie stehen und erkundigten sich bei Bau-tschai danach. Bau-tschai erklärte es ihnen, und nun war es allen klar. Daraufhin sagte die Herzoginmutter: „Schick sie nur her, mein gutes Kind, damit sie für Bau-yü die Netze knüpft! Und sollte euch dadurch jemand zu eurer Bedienung fehlen, so gibt es bei mir Mägde genug, die nichts zu tun haben. Such dir von ihnen aus, welche du willst, damit sie bei euch bedient!“ Aber lächelnd erwiderten Tante Hsüä und Bau-tschai: „Soll sie nur hergehen und knüpfen! Was brauchen wir sie zur Bedienung! Sie hat den ganzen Tag nichts zu tun und wird schon frech vor lauter Müßiggang.“ Während des Gesprächs waren sie weitergegangen und trafen nun auf Hsiang-yün, Ping-örl und Hsiang-ling, die vor einem Felsen Balsaminen pflückten. Sobald sie die Ankömmlinge erblickten, kamen sie ihnen zur Begrüßung entgegen. Als sie dann den Garten verließen, hatte Dame Wang die Befürchtung, daß die Herzoginmutter müde sei, darum bot sie ihr an, sich in ihren Hauptraum zu setzen. Wirklich taten der Herzoginmutter die Beine weh, darum erklärte sie kopfnickend ihr Einverständnis. Sofort beauftragte Dame Wang ihre Sklavenmädchen, sie sollten vorauseilen und einen Sitz herrichten lassen. Weil sich Nebenfrau Dschau krankheitshalber entschuldigt hatte, waren nur Nebenfrau Dschou sowie die Sklavinnen da, die sich jetzt beeilten, den Türvorhang aufzuheben, Rückenpolster aufzubauen und Sitzkissen zurechtzurücken. Auf Hsi-fëngs Arm gestützt, trat die Herzoginmutter ein und nahm mit Tante Hsüä zusammen die Ehrenplätze von Gast und Gastgeber ein, während Bau-tschai und Hsiang-yün die einfachen Plätze bekamen. Dame Wang brachte selbst den Tee für die Herzoginmutter, während Li Wan den für Tante Hsüä brachte. „Sollen die jungen Frauen uns bedienen!“ sagte die Herzoginmutter zu Dame Wang. „Setz du dich dorthin, damit wir uns unterhalten können!“ Jetzt erst nahm Dame Wang auf einem Hocker Platz. Dann unterwies sie Hsi-fëng: „Der Reis für die alte gnädige Frau soll zusammen mit ein paar Zuspeisen hierher gebracht werden!“ Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ und ging hinaus, wo sie befahl, in den Räumen der Herzoginmutter Bescheid zu geben. Die Sklavinnen der Herzoginmutter gingen den Befehl übermitteln, und rasch kamen die Sklavenmädchen herüber. Inzwischen ordnete Dame Wang an: „Bittet die jungen Fräulein her!“ Es verging jedoch einige Zeit, ehe sie kamen, und dann erschienen nur Tan-tschun und Hsi-tschun. Ying-tschun fühlte sich nicht wohl und mochte deshalb nichts essen. Von Dai-yü aber war man es ohnehin gewöhnt, daß sie von zehn Mahlzeiten nur fünf zu sich nehmen konnte, und so kümmerte sich niemand um sie. Bald darauf wurden die Speisen gebracht, und das Gesinde stellte die Tische auf. Hsi-fëng kam mit einem Packen elfenbeinerner Eßstäbchen herein, der in ein Tuch gewickelt war, und sagte lächelnd: „Ihr müßt Euch nicht gegenseitig auf den Ehrenplatz nötigen, alte Ahne und gnädige Frau Tante! Laßt besser mich bestimmen!“ Lächelnd sagte die Herzoginmutter zu Tante Hsüä: „Wollen wir es so machen?“ Und ebenfalls lächelnd erklärte Tante Hsüä sich einverstanden. Daraufhin legte Hsi-fëng vier Paar Eßstäbchen auf, zwei Paar in der Mitte für die Herzoginmutter und Tante Hsüä, und zwei Paar an den Seiten für Bau-tschai und Hsiang-yün. Dame Wang und Li Wan standen dabei und beaufsichtigten das Servieren. Hsi-fëng ließ sauberes Geschirr bringen und wählte die Zuspeisen für Bau-yü aus. Kurze Zeit später kam die Lotosblättersuppe. Nachdem die Herzoginmutter sie sich angesehen hatte, wandte Dame Wang sich um, und ihr Blick fiel auf Yü-tschuan, die eben dort stand, und so gab sie ihr den Befehl, Bau-yü das Essen zu bringen. „Allein kann sie das nicht tragen“, wandte Hsi-fëng ein. Aber da kamen eben Ying-örl und Hsi-örl herein, und Bau-tschai, die sich denken konnte, daß die beiden schon gegessen hatten, sagte zu Ying-örl: „Dich hat der junge Herr sowieso rufen lassen, damit du ihm Netze knüpfst, also geh du mit hinüber!“ Ying-örl sagte: „Jawohl!“ und ging mit Yü-tschuan hinaus. Dort fragte sie: „Wie wollen wir das tragen? Der Weg ist so weit und das Essen so heiß!“ „Keine Sorge!“ erwiderte Yü-tschuan. „Ich weiß, wie wir es machen.“ Und sie befahl einer alten Sklavin, die Suppe und die übrigen Gerichte in eine Speiseschachtel zu stellen und ihnen damit zu folgen, sie aber gingen mit leeren Händen. Erst als sie im Hof der Freude am Roten waren, nahm Yü-tschuan der Alten die Schachtel ab und trat gemeinsam mit Ying-örl zu Bau-yü ins Zimmer. Hier scherzten und lachten Hsi-jën, Schë-yüä und Tjiu-wën eben mit Bau-yü. Als sie die beiden Mädchen hereinkommen sahen, standen sie rasch auf und sagten lächelnd: „Wie gut es sich trifft, daß ihr zusammen kommt!“ Gleichzeitig nahmen sie ihnen die Schachtel mit dem Essen ab. Yü-tschuan nahm auf einem Hocker Platz, Ying-örl aber wagte sich nicht zu setzen. Auch als Hsi-jën rasch eine Fußbank für sie brachte, blieb sie stehen. Beim Eintritt von Ying-örl hatte Bau-yü sich sehr gefreut, aber als er dann plötzlich auch Yü-tschuan erblickte, mußte er an ihre Schwester Djin-tschuan denken und fühlte sich ebenso traurig wie beschämt. Daher ließ er von Ying-örl ab und sprach mit Yü-tschuan. Als Hsi-jën bemerkte, daß Ying-örl von Bau-yü vernachlässigt wurde, hatte sie Angst, das könnte Ying-örl peinlich sein, und weil sich Ying-örl auch nicht setzen wollte, nahm sie sie schließlich bei der Hand und ging mit ihr ins Nebenzimmer, um mit ihr Tee zu trinken und zu plaudern. Hier aber hatte Schë-yüä Schälchen und Eßstäbchen aufgelegt und wollte Bau-yü beim Essen bedienen. Bau-yü aß jedoch nicht und fragte statt dessen Yü-tschuan: „Wie geht es deiner Mutter? Gut?“ Yü-tschuan aber machte ein bitterböses Gesicht, und ohne Bau-yü richtig anzusehen, sagte sie nach einer langen Pause nur: „Ja.“ Bau-yü war enttäuscht. Ein Weilchen später versuchte er es noch einmal, indem er sich lächelnd erkundigte: „Wer hat dich hergeschickt?“ „Niemand anders als die junge gnädige Frau und die gnädige Frau“, gab Yü-tschuan zur Antwort. An dem todernsten Gesicht, das sie immer noch machte, erkannte Bau-yü, daß sie Djin-tschuans wegen so zu ihm war, und er wollte versuchen, sie durch Aufrichtigkeit und Güte umzustimmen. In Gegenwart all der anderen war das aber schlecht möglich, darum schickte er zuerst die anderen unter allerhand Vorwänden fort und richtete dann mit lächelnder Miene die verschiedensten Fragen an Yü-tschuan. Anfangs blieb Yü-tschuan auch weiter ernst, aber als sie sah, daß Bau-yü nicht böse wurde, sondern trotz ihrer abweisenden Haltung gütig und herzlich zu ihr war, schämte sie sich und machte ein freundlicheres Gesicht. Lächelnd bat jetzt Bau-yü: „Gib mir von der Suppe, liebe Schwester! Ich möchte sie kosten.“ Aber Yü-tschuan erwiderte: „Ich habe mich nie darauf verstanden, jemand zu füttern. Du mußt warten, bis die andern zurück sind!“ „Du sollst mich ja nicht füttern“, sagte Bau-yü lächelnd. „Du sollst mir die Suppe nur geben, weil ich nicht laufen kann. Desto eher kannst du wieder hinübergehen und melden, dein Auftrag sei erfüllt, so daß du selbst etwas essen kannst. Ich halte dich schon lange genug auf, bestimmt hast du schrecklichen Hunger! Wenn du aber zu faul bist, mich zu bedienen, muß ich mir eben den Schmerz verbeißen und die Suppe selber holen!“ Bei diesen Worten versuchte er, aus dem Bett aufzustehen, konnte aber ein „Au weh!“ nicht unterdrücken. Diesen Anblick vermochte Yü-tschuan nicht zu ertragen. „Leg dich hin!“ sagte sie und erhob sich von ihrem Sitz. „So rächen sich die Sünden aus einer früheren Existenz! Wie soll ich das mitansehen?“ Und mit spöttischem Lächeln reichte sie ihm die Suppe. „Wenn du wütend bist, bleib besser noch hier, Schwester!“ riet Bau-yü ihr lächelnd. „Vor der alten gnädigen Frau und der gnädigen Frau mußt du freundlicher sein. Wenn du weiter so bist wie eben, wirst du gescholten.“ „Iß, iß!“ sagte Yü-tschuan. „Spar dir deine honigsüßen Reden, ich falle nicht darauf herein!“ Und noch einmal mahnte sie ihn zu essen, bis Bau-yü endlich zwei Schlucke von der Suppe kostete. „Es schmeckt nicht“, behauptete er, „mehr mag ich nicht!“ „Buddha Amitabha!“ sagte Yü-tschuan, „wenn das nicht schmeckt, was soll dann schmecken?“ „Aber es schmeckt nach gar nichts“, klagte Bau-yü. „Wenn du es nicht glaubst, dann koste selbst!“ Ärgerlich kostete Yü-tschuan von der Suppe, da sagte Bau-yü lächelnd: „Jetzt schmeckt es!“ Yü-tschuan begriff, daß es ihm nur darum gegangen war, daß auch sie von der Suppe aß, darum sagte sie: „Du hast gesagt, es schmeckt nicht, also bekommst du nichts mehr, auch wenn du jetzt sagst, es schmeckt.“ Und obwohl Bau-yü lächelnd bat, er wolle noch mehr von der Suppe essen, gab Yü-tschuan ihm nichts. Gleichzeitig rief sie, es solle jemand kommen, um ihm beim Essen Gesellschaft zu leisten. Eben traten seine Sklavenmädchen ins Zimmer, da wurde gemeldet, zwei alte Ammen aus dem Hause des zweiten Herrn Fu wollten Bau-yü sehen, um ihm ihren Gruß zu entbieten. Bau-yü verstand, daß die Ammen aus dem Hause des Präfekturassistenten Fu Schï kamen, eines Schülers von Djia Dschëng, der schon seit Jahren dank des Ansehens und der Macht der Djias erfolgreich Karriere machte. Djia Dschëng wußte ihn richtig einzuschätzen und behandelte ihn daher anders als seine übrigen Schüler, Fu Schï seinerseits schickte häufig jemanden von seinen Leuten, um den Kontakt zu pflegen. Nun haßte Bau-yü im allgemeinen dumme Männer genauso wie törichte Frauen. Warum also ließ er heute die beiden alten Sklavinnen zu sich herein? Dafür hatte er einen Grund. Denn er hatte erfahren, Fu Schï besitze eine jüngere Schwester namens Fu Tjiu-fang, die ebenfalls ein köstlicher Jade in wertvollem Gehäuse sei. Wie es hieß, war sie ebenso talentiert wie schön. Und wenn er sie auch nie zu Gesicht bekommen hatte, verehrte er sie doch aus der Ferne und fürchtete, sie zu beleidigen, wenn er die Sklavenfrauen aus ihrem Hause nicht eintreten ließ. Deshalb befahl er rasch, sie sollten hereinkommen. Dieser Fu Schï war allerdings ein Emporkömmling, und weil seine Schwester von einiger Schönheit war und obendrein klüger als andere Leute, hegte er die Hoffnung, sich mit ihrer Hilfe mit einer mächtigen und vornehmen Familie zu verschwägern. Deshalb wollte er sie nicht leichtfertig mit dem ersten besten verloben, und so war sie mit dreiundzwanzig Jahren noch immer niemandem versprochen. Das war aber auch kein Wunder, denn die mächtigen und vornehmen Familien verachteten Fu Schï, weil er ein armer Schlucker war und ein seichter Charakter außerdem. Aus diesem Grunde mochte keiner um seine Schwester anhalten, und so hatte Fu Schï bei seinem vertrauten Umgang mit der Familie Djia seine eigenen Pläne und Absichten. Die beiden Sklavinnen, die Fu Schï heute geschickt hatte, waren ausgerechnet die unwissendsten Geschöpfe, die man sich denken kann. Als sie hörten, Bau-yü wolle sie empfangen, traten sie ein, wußten aber nach der Begrüßung kaum zwei Sätze zu sagen. Yü-tschuan, die in Gegenwart der fremden Frauen nicht wagte, Bau-yü weiter zu necken, stand mit der Suppenschüssel in beiden Händen da und hörte zu. Bau-yü aber aß unbekümmert weiter, während er mit den Frauen sprach, und stieß, als er dabei den Arm ausstreckte, weil er noch Suppe wollte, den Blick aber genau wie Yü-tschuan auf die Besucherinnen gerichtet hielt, so unvorsichtig gegen die Schüssel, daß ihm die Suppe über die Hand schwappte. Yü-tschuan hatte sich zwar nicht die Hände dabei verbrüht, dennoch fuhr sie vor Schreck zusammen und sagte lächelnd: „Was machst du denn!“ Erschrocken traten die anderen Sklavenmädchen näher und nahmen ihr die Schüssel ab. Bau-yü, der sich die Hand verbrüht hatte, merkte gar nichts davon. Vielmehr fragte er Yü-tschuan: „Wo hast du dich verbrannt? Tut es weh?“ Yü-tschuan lachte auf, und mit ihr auch die anderen, dann sagte sie: „Das fragst du mich? Du hast dich doch verbrüht!“ Das bemerkte Bau-yü erst jetzt. Alle traten zu ihm ans Bett, um Ordnung zu schaffen. Bau-yü, der jetzt nichts mehr essen wollte, wusch sich die Hände und trank dann Tee. Dabei unterhielt er sich wieder mit den beiden alten Sklavenfrauen, die sich aber schon nach wenigen Sätzen verabschiedeten und fortgingen. Tjing-wën begleitete sie bis an die Brücke, dann kam sie wieder zurück. Als die beiden Sklavenfrauen allein waren, begannen sie ein Gespräch. „Kein Wunder“, sagte die eine lächelnd, „wenn die Leute sagen, dieser Bau-yü sei zwar äußerlich eine gute Erscheinung, aber eigentlich sei er dumm – ein Herr, der nur zum Ansehen tauge. Er ist tatsächlich ein wenig töricht, verbrüht sich die Hand und fragt jemand anders, ob es weh tut! Wenn das kein Tölpel ist!“ „Als ich das vorige Mal hier war“, sagte die andere ebenfalls lächelnd, „haben mir viele Leute geklagt, er sei wirklich und wahrhaftig ein wenig närrisch. Er ließ sich naßregnen wie ein Huhn und sagte dabei zu jemand anders, es regne und er solle sich rasch unterstellen gehen. Ist das nicht lächerlich? Wenn niemand dabei ist, weint oder lacht er vor sich hin. Sieht er eine Schwalbe in der Luft, dann spricht er mit der Schwalbe, und sieht er einen Fisch im Wasser, dann spricht er mit dem Fisch. Wenn er den Mond und die Sterne anschaut, seufzt und klagt er, oder er murmelt etwas in seinen zukünftigen Bart. Er hat überhaupt keinen Willen, jede dumme Magd kann mit ihm machen, was ihr gefällt. Und mal tut es ihm um jedes Fädchen leid, mal aber verdirbt er Sachen, die tausende oder zehnntausende wert sind.“ Unter solchen Reden verließen sie den Garten, verabschiedeten sich vom Gesinde und gingen nach Hause. Aber davon soll hier nicht die Rede sein. Als Hsi-jën bemerkte, daß die Besucherinnen fort waren, führte sie Ying-örl wieder zu Bau-yü hinüber und fragte ihn: „Was für Netze soll sie dir knüpfen?“ Bau-yü sah Ying-örl strahlend an und sagte: „Dich hatte ich über dem Gespräch ganz vergessen. Dabei hatte ich dich extra zum Netzeknüpfen hierher gebeten.“ „Wofür sollen die Netze sein?“ erkundigte sich Ying-örl. „Egal, wofür“, sagte Bau-yü lächelnd, „mach mir von jeder Sorte ein paar!“ Da klatschte Ying-örl in die Hände und erklärte lächelnd: „Hat man so etwas schon gehört! Auf diese Weise werde ich auch in zehn Jahren nicht fertig!“ „Aber du hast doch weiter nichts zu tun, liebste Schwester“, sagte Bau-yü lächelnd. „Also mach sie mir nur!“ „Sie kann doch aber nicht alles auf einmal machen“, griff Hsi-jën ein. „Wir wollen auswählen, was am wichtigsten ist, und davon macht sie dir zwei Stück.“ „Was für ein Netz ist denn wichtig?“ fragte Ying-örl. „Doch wohl nur eins für einen Fächer, einen Riechbeutel, eine Leibbinde oder dergleichen.“ „Eins für eine Leibbinde wäre nicht schlecht“, sagte Bau-yü. „Welche Farbe hat sie?“ erkundigte sich Ying-örl. „Dunkelrot“, gab Bau-yü zur Antwort. „Für eine dunkelrote müßte es ein schwarzes Netz sein, damit es gut aussieht“, erläuterte Ying-örl. „Auch ein azuritblaues würde gut zur Geltung kommen.“ „Und was würde zu einer mattgrünen passen?“ fragte Bau-yü. „Ein zartes Rosa“, erwiderte Ying-örl. „Das wird zauberhaft aussehen“, sagte Bau-yü. „Aber dann möchte ich noch eins, das vornehm hell und zugleich zauberhaft ist.“ „Da würde ich ein gelbliches Grün wie von jungem Lauch oder von jungen Weidenblättern am schönsten finden“, schlug Ying-örl ihm vor. „Also gut“, sagte Bau-yü, „dann möchte ich eins in Zartrosa und eins in Lauchgrün.“ „Und was für Muster?“ fragte Ying-örl. „Wie viele Muster gibt es denn?“ fragte Bau-yü zurück. „Es gibt Stäbchen, Trapeze, Rhomben, verbundene Quadrate, verschlungene Ringe, Aprikosenblüten, Weidenblätter, ...“, zählte Ying-örl auf. „Und was war das für ein Muster, das du neulich für das dritte Fraülein geknüpft hast?“ wollte Bau-yü wissen. „Das waren Aprikosenblütenbüschel“, gab Ying-örl Auskunft. „Das wird das richtige Muster sein!“ entschied Bau-yü und befahl Hsi-jën, sie solle das Garn holen. Eben als sie es brachte, sagte eine Sklavin vor dem Fenster: „Das Essen für die Mädchen ist da.“ „Geht essen!“ sagte Bau-yü, „aber beeilt euch und kommt wieder!“ „Wie können wir weggehen, wenn Besuch hier ist!“ sträubte sich Hsi-jën. „Was soll denn das heißen?“ fragte Ying-örl, während sie das Garn ordnete. „Geht nur rasch essen und kommt dann wieder her!“ Jetzt erst war Hsi-jën bereit zu gehen, ließ aber zwei von den kleineren Sklavenmädchen zur Bedienung da. Bau-yü schaute Ying-örl beim Knüpfen zu und plauderte dabei mit ihr. „Wie alt bist du?“ fragte er. „Sechzehn“, sagte Ying-örl, ohne die Arbeit zu unterbrechen. „Und wie heißt du mit Familiennamen?“ wollte er nun wissen. „Ich heiße Huang – ‚gelb‘“, antwortete Ying-örl. „Da hast du den richtigen Namen“, scherzte Bau-yü, „du bist wirklich eine Huang Ying-örl, ein gelbes Amselchen.“ „Eigentlich habe ich einen richtigen zweisilbigen Rufnamen, ich heiße Djin-ying – ‚Goldamsel‘“, verriet Ying-örl. „Aber das war dem Fräulein zu umständlich, darum hat sie einfach Ying-örl daraus gemacht, und das hat sich eingebürgert.“ „Meine Kusine Bau-tschai hat dich sehr gern“, fuhr Bau-yü fort. „Wenn sie einmal heiratet, wird sie dich bestimmt in ihren Haushalt mitnehmen.“ Ying-örl verzog den Mund zu einem Lächeln, sagte aber nichts. „Ich habe mich schon oft mit Hsi-jën darüber unterhalten, wer wohl der Glückliche sein wird, der euch beide, Herrin und Sklavin, einmal bekommt“, sagte Bau-yü lächelnd. „Dabei weißt du nicht einmal, daß unser Fräulein Eigenschaften hat wie sonst keine auf der Welt“, erwiderte Ying-örl. „Ihr Aussehen kommt erst an zweiter Stelle.“ Unter dem Eindruck von Ying-örls naiver Schönheit schwatzte Bau-yü wie ein Tor und tat seinen Gefühlen nicht den mindesten Zwang an. Darum fragte er auch, als jetzt von Bau-tschai die Rede war: „Was für Eigenschaften sind das? Erzähl es mir ganz genau, liebe Schwester!“ „Ich werde es dir erzählen“, versprach Ying-örl lächelnd. „Aber du darfst ihr nichts davon sagen!“ „Das versteht sich von selbst!“ erklärte Bau-yü lächelnd. Kaum hatte er das gesagt, waren von draußen die Worte zu hören: „Warum ist es denn hier so still?“ Und als sie sich beide umsahen, war es niemand anders als Bau-tschai, die hereintrat. Rasch bot ihr Bau-yü einen Platz an, sie aber erkundigte sich bei Ying-örl: „Was knüpfst du?“ Und dabei musterte sie die halbfertige Arbeit, die Ying-örl in den Händen hielt. „Das ist doch nichts!“ befand Bau-tschai. „Mach besser ein Netz für seinen Jadestein!“ Gleich klatschte Bau-yü in die Hände und sagte: „Du hast vollkommen recht, Kusinchen! Warum habe ich daran nicht gedacht? Aber welche Farbe würde dazu passen?“ „Auf keinen Fall sollte es bunt sein“, empfahl Bau-tschai. „Dunkelrot würde sich beißen, Gelb würde sich nicht richtig abheben, und Schwarz wäre wieder zu dunkel. Jetzt hab ich‘s! Wir nehmen einen Goldfaden und knüpfen schwarzes Perlgarn dazwischen. So muß es gut aussehen!“ Als Bau-yü das hörte, kannte seine Freude keine Grenze. Immer wieder fragte er nach Hsi-jën, die ihm den Goldfaden holen sollte. Da kam sie auch schon zur Tür herein, zwei Eßschälchen in den Händen. „Seltsame Dinge passieren heute!“ sagte sie zu Bau-yü. „Eben schickt mir die gnädige Frau zwei Schälchen mit Zuspeisen.“ „Bestimmt war zuviel davon da, und sie hat es für euch alle geschickt“, mutmaßte Bau-yü und lächelte dabei. „Aber nein“, erwiderte Hsi-jën. „Es war ausdrücklich für mich bestimmt, und sie hat noch bestellen lassen, ich brauchte deswegen nicht hinüberzukommen, um mich mit einem Kniefall dafür zu bedanken. Das ist doch wirklich seltsam!“ „Wenn es für dich bestimmt ist, dann iß es auf! Was gibt es da herumzurätseln!“ riet Bau-tschai ihr mit lächelnder Miene. „Aber so etwas war noch nie da“, sagte Hsi-jën lächelnd. „Es ist mir direkt peinlich.“ Wieder verzog Bau-tschai den Mund zu einem Lächeln und sagte: „Wenn dir das peinlich ist, wirst du bald noch mehr erleben, was dir peinlich ist!“ Hsi-jën begriff, das mehr hinter diesen Worten stecken mußte, und da sie wußte, daß Bau-tschai keine leichtfertigen Reden führte, um sich über andere lustig zu machen, dachte sie jetzt auch daran, was Dame Wang am Vortag zu ihr gesagt hatte, und bemerkte nichts mehr dazu. Sie zeigte nur Bau-yü die beiden Schälchen mit dem Essen und versprach: „Sobald ich dann saubere Hände habe, bringe ich den Faden!“ Damit ging sie hinaus, und nachdem sie gegessen und sich die Finger gewaschen hatte, kam sie wieder und brachte Ying-örl den Goldfaden für das Netz. Bau-tschai war inzwischen durch eine Botin zu Hsüä Pan gerufen worden, und Bau-yü sah wieder Ying-örl beim Knüpfen zu. Da erschienen auf einmal zwei Sklavenmädchen von Dame Hsing und brachten Bau-yü zweierlei Sorten Obst zum Essen. Außerdem sollten sie ihn fragen, ob er wieder laufen könne. „Falls ja“, sagten sie, „möchtet Ihr morgen hinüberkommen, um Euch dort ein wenig zu zerstreuen! Die gnädige Frau macht sich Gedanken um Euch.“ Rasch erwiderte Bau-yü: „Wenn ich wieder laufen kann, komme ich ohne Frage, um der gnädigen Frau meinen Gruß zu entbieten. Es tut schon nicht mehr ganz so weh. Die gnädige Frau kann unbesorgt sein.“ Dann bat er die beiden, Platz zu nehmen, Tjiu-wën aber gab er den Auftrag: „Nimm die Hälfte von den Früchten und bring sie zu Fräulein Lin!“ Tjiu-wën sagte: „Jawohl!“ und wollte eben losgehen, da war von draußen Dai-yüs Stimme zu hören. Sofort befahl Bau-yü: „Bittet sie schnell herein!“ Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.