Hongloumeng/de/Chapter 36
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Kapitel 36
绣鸳鸯梦兆绛芸轩
识分定情悟梨香院
Als die Herzoginmutter aus den Räumen von Dame Wang zurückkehrte, war sie natürlich froh, daß es Bau-yü von Tag zu Tag besser ging. Aber da sie befürchtete, Djia Dschëng könnte Bau-yü in Zukunft wieder zu sich rufen, ließ sie Djia Dschëngs ersten Leibdiener zu sich rufen und befahl: „Wenn künftig ein Gast empfangen wird und dein Herr will Bau-yü rufen lassen, brauchst du das nicht zu übermitteln. Du erwiderst einfach, ich hätte gesagt, zum einen habe Bau-yü so schwere Schläge bekommen, daß er sich mehrere Monate gründlich erholen muß, ehe er wieder gehen kann, und zum andern stehe sein Horoskop ungünstig. Solange deswegen den Sternen geopfert werde, dürfe er keinem Fremden begegnen, erst nach dem achten Monat dürfe er wieder zum Innentor hinaus.“ Der Diener bestätigte den Befehl und ging wieder fort, die Herzoginmutter aber ließ Amme Li und Hsi-jën holen, damit sie Bau-yü von der Anordnung in Kenntnis setzten, so daß er beruhigt war. Bau-yü mochte sich ohnehin nicht mit Beamten und mit Männern im allgemeinen unterhalten, in Zeremonialgewändern gratulieren oder kondolieren zu gehen war ihm zutiefst verhaßt. Als er jetzt von der Anordnung der Herzoginmutter erfuhr, war er höchst zufrieden und brach nicht nur den Verkehr mit Freunden und Verwandten ab, selbst mit den Morgen- und Abendgrüßen innerhalb der Familie verfuhr er ganz nach Belieben. Tag für Tag blieb er im Garten, streifte umher oder schlief und ging nur jeden Morgen zur Herzoginmutter und zu Dame Wang. Anschließend kam er wieder zurück und war jederzeit gern bereit, den Sklavenmädchen seine Dienste anzubieten. So führte er ein ganz und gar müßiges Leben, und wenn etwa Bau-tschai ihm zuzureden versuchte, wurde er böse und sagte: „Wie kann nur ein gutes, sauberes Mädchen so auf Ruhm und Ehre aussein und sich unter die Staatsbetrüger und Postenjäger drängen? Ohne jeden Grund haben die Alten Unheil angerichtet, indem sie Lehren und Maximen aufstellten, die dazu dienen sollen, in zukünftigen Zeiten törichte Männer zu leiten. Nie hätte ich gedacht, daß ich das Pech haben würde, in einer Zeit zu leben, da auch die Bewohnerinnen edler Gemächer diese Unsitte annehmen! Das ist wahrhaftig ein Verstoß gegen die Gnade von Himmel und Erde, durch die an schönen Stätten Schönes entsteht.“ So erstreckte sich sein Ärger bis auf die Alten, und er verbrannte schließlich alle Bücher mit Ausnahme der Vier Klassiker. Als die anderen diese Verrücktheiten sahen, sprachen sie kein ernsthaftes Wort mehr mit ihm. Einzig Dai-yü hatte Bau-yü von klein auf niemals geraten, nach einer Position zu streben oder sich einen Namen zu machen, und deshalb verehrte er sie zutiefst. Doch genug jetzt der müßigen Worte! Seitdem Djin-tschuan tot war, mußte Hsi-fëng erleben, wie ihr einige Sklavenfamilien von Zeit zu Zeit Geschenke machten und immer wieder zu ihr kamen, um ihr den Gruß zu entbieten und Schmeicheleien zu sagen. Da sie das stutzig machte und sie keine Erklärung dafür fand, fragte sie eines Abends, als sie wieder einmal Geschenke erhalten hatte und nun mit Ping-örl allein war: „Eigentlich habe ich doch mit diesen Leuten nicht viel zu schaffen, warum hängen sie sich plötzlich so an mich?“ „Kommt Ihr wirklich nicht darauf, junge gnädige Frau?“ fragte Ping-örl mit abfälligem Lächeln. „Ich vermute, jeder von ihnen hat eine Tochter, die zu den Mägden der gnädigen Frau gehört. Die gnädige Frau hat vier bevorzugte Mägde, die je ein Liang Silber pro Monat erhalten, die übrigen bekommen nur ein paar hundert Bronzemünzen. Nachdem Djin-tschuan tot ist, trachten jetzt bestimmt alle nach dieser schönen Stellung!“ „Richtig! Richtig!“ sagte Hsi-fëng. „Jetzt wird mir alles klar! Diese Leute sind aber auch zu unbescheiden! Geld bekommen sie genug, mit schweren Aufträgen werden sie auch nicht behelligt. Da müßte es ihnen doch genügen, wenn ihre Tochter als Magd eingesetzt ist. Aber nein, sie wollen auch das noch! Aber sollen sie nur! Wie anders würden sie sonst ihr Geld für mich ausgeben?! Sie selbst haben es so gewollt, also nehme ich, was ich bekommen kann. Was ich machen muß, weiß ich auch ohnedem.“ Mit diesem Vorsatz im Herzen, zögerte sie die Angelegenheit hinaus, und erst als ihr die Leute genug gebracht hatten, unterrichtete sie bei Gelegenheit Dame Wang davon. Eines Mittags, als eben Tante Hsüä mit ihrer Tochter sowie Dai-yü bei Dame Wang aßen, brachte Hsi-fëng den Fall zur Sprache und meldete Dame Wang: „Seitdem Yü-tschuans Schwester tot ist, fehlt Euch eine Magd, gnädige Frau. Habt Ihr vielleicht schon ein Mädchen ausgesucht, das dafür geeignet ist? Dann befehlt nur, damit ich ihr nächstes Mal das Monatsgeld richtig auszahlen kann!“ Dame Wang dachte nach und sagte dann: „Was soll diese Regel, nach der es unbedingt vier oder fünf sein müssen? Es reicht doch, wenn es genug sind, um mich zu bedienen. Verzichten wir also darauf!“
Hsi-jën Aus: Gai Qi 1879. „Eigentlich habt Ihr recht, gnädige Frau“, erwiderte Hsi-fëng lächelnd. „Aber es ist die alte Regel, und auch die anderen haben zwei Mägde in ihren Räumen. Wenn Ihr Euch nicht daran haltet, spart Ihr wohl ein Liang Silber, aber das ist nicht viel.“ Dame Wang ließ sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen, dann entschied sie: „Also gut! Laß dir die Monatsgelder auszahlen wie bisher, aber eine neue Magd brauche ich nicht. Dieses eine Liang Silber gibst du ihrer Schwester Yü-tschuan. Die Tote hat mir so lange gedient und hat kein gutes Ende gehabt. Da ist es nicht zuviel, wenn ihre Schwester, die noch bei mir ist, das doppelte Geld bekommt.“ Hsi-fëng sagte: „Jawohl!“ Dann wandte sie sich um, suchte Yü-tschuan und sagte zu ihr: „Ich gratuliere!“ Yü-tschuan kam herüber und bedankte sich mit einem Stirnaufschlag bei Dame Wang. Anschließend sagte Dame Wang zu Hsi-fëng: „Eben wollte ich dich noch fragen, wieviel Monatsgeld die Nebenfrauen Dschau und Dschou jetzt bekommen.“ „Auch dafür gibt es eine feststehende Regel“, sagte Hsi-fëng. „Jede von ihnen bekommt zwei Liang. Nebenfrau Dschau bekommt noch zwei Liang für Huan, das macht zusammen vier. Außerdem bekommt sie vier Schnüre Münzen.“ „Sie bekommen doch die volle Summe?“ vergewisserte sich Dame Wang. Verwundert über die seltsame Frage, antwortete Hsi-fëng, ohne zu zögern: „Wie denn sonst!“ „Mir schien neulich, ich hätte gehört, wie sich jemand beklagte, es habe eine Schnur Münzen gefehlt“, begründete Dame Wang ihre Frage. „Woran lag das?“ Prompt gab ihr Hsi-fëng lächelnd die Auskunft: „Das Monatsgeld für die Mägde der Nebenfrauen betrug ursprünglich eine Schnur Münzen pro Person. Aber im vorigen Jahr hat man draußen entschieden, das Geld um die Hälfte zu kürzen, so daß sie nur noch fünfhundert Bronzemünzen bekommen. Jede von ihnen hat zwei Mägde, deshalb macht es zusammen eine Münzschnur weniger. Deswegen darf mir keiner böse sein. Ich gönne es ihnen ja, aber wenn die Gelder nun einmal gekürzt worden sind, kann ich doch nicht aus der eigenen Tasche etwas zuschießen. Ich bin nur die Mittlerin. Was ich bekomme, gebe ich weiter, aber entscheiden kann ich nichts. Zwei, drei Mal habe ich gebeten, man solle doch diese beiden Monatsgelder wieder in der alten Höhe zahlen, aber man hat mir geantwortet: ‚Mehr gibt es nicht!‘ Also konnte ich schlecht darauf bestehen. Ich zahle ihnen das Geld Monat für Monat aus und nicht einmal am falschen Tag. Früher, als sie es draußen bekamen, gab es jedesmal Streit. Wann wäre es damals einmal reibungslos abgelaufen?“ Nach diesen Worten ließ Dame Wang die Sache auf sich beruhen, und erst nach einer längeren Pause fragte sie: „Wieviel Mägde gibt es in den Räumen der alten gnädigen Frau, die je ein Liang Silber bekommen?“ „Eigentlich acht“, sagte Hsi-fëng, „aber jetzt sind es nur sieben, denn die achte ist Hsi-jën.“ „Richtig!“ sagte Dame Wang. „Bau-yü hat keine Magd mit einem Liang im Monat, Hsi-jën ist aus den Räumen der alten gnädigen Frau.“ „Ursprünglich gehört Hsi-jën wirklich in die Räume der alten gnädigen Frau“, bestätigte Hsi-fëng lächelnd. „Bau-yü hat sie nur zu seiner Bedienung bekommen. Das eine Liang Silber für sie kommt aus den Monatsgeldern für die Mägde der alten gnädigen Frau. Wollte man jetzt sagen, sie gehört zu Bau-yüs Bedienung und deshalb wird ihr Monatsgeld gekürzt, ginge das auf keinen Fall an. Bekäme aber die alte gnädige Frau statt ihrer eine andere Magd, könnte man Hsi-jëns Monatsgeld kürzen. Sonst aber müßte auch Huan so eine Magd bekommen, wenn es gerecht zugehen soll. Daß die sieben älteren Mägde wie Tjing-wën und Schë-yüä eine Münzschnur pro Monat und die acht kleineren wie Djia-huee fünfhundert Bronzemünzen pro Monat bekommen, hat die alte gnädige Frau so befohlen. Darüber kann sich keiner aufregen.“ Lächelnd warf Tante Hsüä ein: „Hört euch nur an, wie ihr das von den Lippen geht! Das rasselt, als ob ein Wagen mit Nüssen umgekippt wäre. Und wie glatt ihre Rechnung aufgeht, und wie vernünftig alles ist!“ „Habe ich denn etwas Falsches gesagt?“ erkundigte sich Hsi-fëng lächelnd. „I wo!“ sagte Tante Hsüä und lächelte ebenfalls. „Aber könntest du nicht viel Kraft sparen, wenn du etwas langsamer sprächest?“ Schon wollte Hsi-fëng darüber lachen, aber dann besann sie sich und wartete weiter auf eine Weisung von Dame Wang. Dame Wang dachte lange nach, ehe sie endlich befahl: „Such in der nächsten Zeit eine ordentliche Magd aus, die bei der alten gnädigen Frau Hsi-jëns Platz einnehmen kann! Und statt eines gekürzten Monatsgeldes gibst du Hsi-jën zwei Liang Silber und eine Schnur Münzen von den zwanzig Liang Silber, die ich jeden Monat bekomme. In Zukunft soll Hsi-jën dasselbe haben wie Nebenfrau Dschau und Nebenfrau Dschou, nur daß es von meinem Monatsgeld genommen wird und nicht vom Haushaltsgeld!“ Hsi-fëng bestätigte das eine wie das andere, dann stieß sie lächelnd Tante Hsüä an und fragte: „Habt Ihr gehört, Frau Tante, wie alles eintrifft, was ich immer vorausgesagt habe?“ „Das war schon längst fällig“, sagte Tante Hsüä. „Über Hsi-jëns Äußeres brauche ich nichts zu sagen, aber so ein edles Betragen und so eine Freundlichkeit im Umgang bei gleichzeitiger innerer Festigkeit sind selten zu finden.“ „Ihr wißt ja nicht, was für ein gutes Kind Hsi-jën ist“, sagte Dame Wang unter Tränen. „Zehnmal besser als mein Bau-yü ist sie. Wenn er Glück haben soll, wäre es genug, daß sie ihm ihr Leben lang diente.“ „Wäre es dann nicht das beste, Ihr laßt sie ihr Gesicht zurechtmachen und gebt sie ihm regelrecht als Beischläferin?“ fragte Hsi-fëng. „Nein“, sagte Dame Wang. „Erstens sind die beiden noch jung, zweitens erlaubt es der gnädige Herr nicht, und drittens hört Bau-yü in seiner Ungezogenheit noch auf ihre Ermahnungen, solange sie als seine Magd gilt. Wenn sie aber erst seine Beischläferin ist, wird sie kaum noch wagen, ihm Vorhaltungen zu machen. Darum bleibt es besser, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter!“ Als Hsi-fëng merkte, daß Dame Wang diesen Worten keine weiteren mehr folgen ließ, wandte sie sich um und ging hinaus. Unter dem Dachvorsprung des Hauses erblickte sie mehrere verantwortliche Sklavenfrauen, die dort auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. „Was habt Ihr heute zu melden gehabt, junge gnädige Frau, daß Ihr jetzt erst kommt?“ fragten sie lächelnd, als sie Hsi-fëng heraustreten sahen. „Man kommt ja um vor Hitze!“ Hsi-fëng schob sich die Ärmel hoch und stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Nebentors. „Hier in der Zugluft ist es schön frisch“, bemerkte sie lächelnd. „Ich will mich ein wenig abkühlen, bevor ich gehe!“ Dann fuhr sie fort: „Was ich so lange zu melden hatte, fragt ihr? Die gnädige Frau hat die letzten zweihundert Jahre Revue passieren lassen und mich darüber ausgefragt.gen zu machen. Darum bleibt es besser, wie es ist, und in zwei, drei Jahren sehen wir weiter!“ Als Hsi-fëng merkte, daß Dame Wang diesen Worten keine weiteren mehr folgen ließ, wandte sie sich um und ging hinaus. Unter dem Dachvorsprung des Hauses erblickte sie mehrere verantwortliche Sklavenfrauen, die dort auf sie warteten, um ihr Bericht zu erstatten. „Was habt Ihr heute zu melden gehabt, junge gnädige Frau, daß Ihr jetzt erst kommt?“ fragten sie lächelnd, als sie Hsi-fëng heraustreten sahen. „Man kommt ja um vor Hitze!“ Hsi-fëng schob sich die Ärmel hoch und stellte sich auf Zehenspitzen auf die Schwelle des Nebentors. „Hier in der Zugluft ist es schön frisch“, bemerkte sie lächelnd. „Ich will mich ein wenig abkühlen, bevor ich gehe!“ Dann fuhr sie fort: „Was ich so lange zu melden hatte, fragt ihr? Die gnädige Frau hat die letzten zweihundert Jahre Revue passieren lassen und mich darüber ausgefragt. Hätte ich ihr vielleicht nicht antworten sollen?“ Und schließlich sagte sie mit verächtlichem Lächeln: „In Zukunft werde ich härter durchgreifen! Und wenn sich jemand bei der gnädigen Frau beschwert, kann mich das auch nicht schrecken. Die sollen sich bloß nichts einbilden, diese blöden, gemeinen Dinger, denen die Zunge verfaulen möge und die kein gutes Ende finden sollen! Eines Tages werden sie allesamt etwas erleben! Da hat man ihren Mägden das Geld gekürzt, sie aber beklagen sich über unsereins, anstatt zu bedenken, daß sie nur Sklavinnen sind und trotz-
Aus: Dongguange 1811. dem zwei, drei Mägde haben dürfen!“ Und schimpfend ging sie fort, um die neue Magd auszusuchen und der Herzoginmutter darüber Meldung zu machen. Aber davon soll hier nicht weiter die Rede sein. Nachdem Dame Wang und die anderen ihre Melone gegessen hatten, plauderten sie noch ein Weilchen miteinander, ehe alle auseinandergingen. Bau-tschai und Dai-yü kehrten in den Garten zurück, und Bau-tschai forderte Dai-yü auf, mit ihr zum Kiosk des Lotoswurzelduftes zu gehen. Dai-yü aber erwiderte, sie wolle gleich ein Bad nehmen, und trennte sich von ihr. So ging Bau-tschai allein weiter und trat in den Hof der Freude am Roten, wo ihr Weg sie eben vorbeiführte, um mit Bau-yü zu plaudern und dadurch ihre mittägliche Müdigkeit zu vertreiben. Doch als sie in den Hof trat, war es dort totenstill, und selbst die beiden Mandschurenkraniche standen dösend unter den Bananenstauden. Also ging Bau-tschai durch den Wandelgang ins Haus, wo auf den Betten im Vorzimmer die Sklavenmädchen kreuz und quer durcheinanderlagen und schliefen. Sie bog um die Zierwand und trat in Bau-yüs Zimmer, und Bau-yü lag ebenfalls auf dem Bett und schlief. Hsi-jën saß an seiner Seite und war mit einer Nadelarbeit beschäftigt. Neben ihr lag ein Fliegenwedel mit einem Griff aus Rhinozeroshorn. Bau-tschai trat dicht an Hsi-jën heran und sagte lächelnd und mit leiser Stimme: „Du bist aber auch zu umsichtig! Hier im Zimmer gibt es doch wirklich keine Fliegen und Mücken. Was willst du also mit dem Fliegenwedel?“ Erschrocken fuhr Hsi-jën auf. Als sie sah, daß es Bau-tschai war, legte sie ihre Arbeit beiseite, stand auf und erwiderte ebenfalls leise und mit lächelnder Miene: „Ihr seid es, Fräulein! Ihr seid so unverhofft gekommen, daß ich vor Schreck richtig zusammengefahren bin. Fliegen und Mücken gibt es hier nicht, aber kleine Tierchen, die durch die Gazemaschen schlüpfen und die man gar nicht sieht. Wenn sie einen im Schlaf beißen, ist das so, als würde man von einer Ameise gekniffen.“ „Kein Wunder!“ sagte Bau-tschai, „dicht hinter dem Haus ist Wasser, und alles steht voll duftender Blumen. Auch hier im Haus duftet es. Diese Tierchen leben in den Blüten, und wo es duftet, dorthin streben sie.“ Während sie das sagte, sah sie sich die Nadelarbeit an, die Hsi-jën in der Hand gehabt hatte, und stellte fest, daß es ein Leibtuch aus dünner weißer Seide war, das mit Rot abgefüttert und mit Mandarinenten zwischen Lotosblumen bestickt war. Die Blüten waren rosa, die Blätter grün, und die Mandarinenten leuchteten in allen Farben. „Ach, ist das eine prächtige Arbeit!“ lobte Bau-tschai. „Für wen ist es denn, daß du dir so viel Mühe machst?“ Hsi-jën wies mit dem Kinn nach dem Bett. „Trägt er so etwas noch, groß, wie er ist?“ fragte Bau-tschai lächelnd. „Eben nicht“, erwiderte Hsi-jën lächelnd, „darum mache ich es extrafein, damit er, wenn er es sieht, gar nicht anders kann, als es doch zu tragen. So heiß, wie es jetzt ist, gibt er im Schlaf nicht acht. Aber wenn ich ihn dazu bekomme, das zu tragen, kann nichts passieren, auch wenn er sich nachts nicht ordentlich zudeckt. Ihr meint, dieses hier hätte Mühe gekostet, aber Ihr habt das noch nicht gesehen, das er jetzt trägt.“ „Was für eine Geduld du hast!“ sagte Bau-tschai. „Heute habe ich so lange damit gesessen, daß mir der Nacken weh tut“, klagte Hsi-jën. Dann bat sie lächelnd: „Setzt Ihr Euch ein Weilchen hierher, Fräulein! Ich will draußen ein Stück gehen, dann komme ich wieder.“ Mit diesen Worten verließ sie den Raum. Ohne den Blick von der Stickerei zu lassen, setzte sich Bau-tschai auf Hsi-jëns Platz. So lieblich erschien sie ihr, daß sie unwillkürlich zur Nadel griff, um daran weiterzuarbeiten. Inzwischen war Dai-yü auf Hsiang-yün gestoßen und hatte sie aufgefordert, mit ihr zu Hsi-jën zu gehen, um ihr zu gratulieren. Als sie in den Hof kamen und alles still fanden, wandte sich Hsiang-yün zuerst zum Seitengebäude, um dort nach Hsi-jën zu suchen, Dai-yü aber trat ans Fenster und schaute durch die Gazebespannung hinein. Da erblickte sie Bau-yü, der in seinem rosa Gazegewand in lässiger Haltung auf dem Bett lag und schlief. An seiner Seite saß Bau-tschai mit einer Nadelarbeit, und neben ihr lag ein Fliegenwedel. Bei diesem Anblick zog sich Dai-yü rasch zurück und legte die Hand auf den Mund, um nicht laut herauszulachen. Dann winkte sie Hsiang-yün zu sich. Als Hsiang-yün sie so sah, glaubte sie nicht anders, als daß es dort etwas Interessantes zu sehen gebe. Deshalb kam sie rasch herüber und schaute hinein. Schon wollte sie loslachen, aber dann dachte sie daran, wie gut Bau-tschai immer zu ihr war, und so hielt sie sich schnell den Mund zu. Da sie wußte, wie unnachgiebig Dai-yü stets war, und deshalb die Befürchtung hatte, daß sie sich über Bau-tschai lustig machen würde, zog sie sie rasch beiseite und sagte: „Gehen wir! Eben ist mir wieder eingefallen, wo Hsi-jën ist. Sie hatte gesagt, sie wolle mittags am Teich Wäsche waschen. Bestimmt ist sie dort. Gehen wir sie suchen!“ Dai-yü hatte sie zwar durchschaut und lachte ein paarmal kühl, aber es blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Im Zimmer hatte Bau-tschai gerade zwei, drei Blütenblätter gestickt, als sie plötzlich hörte, wie Bau-yü im Traum aufschrie: „Wie könnt Ihr glauben, was der Buddhist und der Dauist sagen? Was heißt Verbindung von Gold und Jade? Für mich gilt nur die Verbindung von Holz und Stein!“ Unwillkürlich erstarrte Bau-tschai bei diesen Worten, aber da kam Hsi-jën wieder herein und fragte lächelnd: „Ist er noch nicht wach?“ Bau-tschai schüttelte den Kopf, und Hsi-jën fuhr fort: „Eben bin ich Fräulein Lin und Fräulein Schï begegnet, waren sie nicht hier drin?“ „Gesehen habe ich sie nicht“, erwiderte Bau-tschai und erkundigte sich mit einem Lächeln: „Haben sie dir nichts gesagt?“ „Nur einen ihrer üblichen Scherze haben sie sich mit mir erlaubt“, gab Hsi-jën lächelnd zur Antwort. „Was sollten sie schon Ernsthaftes sagen!“ „Es war kein Scherz“, versicherte Bau-tschai, „ich hatte es dir vorhin auch sagen wollen, aber du hattest es ja so eilig wegzukommen.“ Noch ehe sie ausgesprochen hatte, erschien eine Botin von Hsi-fëng, um Hsi-jën zu ihr zu holen. „Das ist wegen derselben Sache“, sagte Bau-tschai lächelnd. Hsi-jën mußte zwei von den anderen Sklavenmädchen wecken, dann verließ sie mit Bau-tschai zusammen den Hof der Freude am Roten. Allein ging sie zu Hsi-fëng hinüber, und diese verkündete ihr wirklich, was Dame Wang entschieden hatte. Dann forderte sie sie auf, sich bei Dame Wang mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und sagte ihr zugleich, bei der Herzoginmutter könne sie darauf verzichten. Verlegen ging Hsi-jën zu Dame Wang und kehrte dann in den Garten zurück. Bau-yü war bereits wach und wollte wissen, warum sie fort gewesen war. Aber Hsi-jën gab ihm nur eine ausweichende Antwort und offenbarte ihm erst in der Stille der Nacht, worum es gegangen war. Bau-yüs Freude kannte keine Grenze, und lächelnd sagte er: „Nun will ich einmal sehen, ob du nach Hause zurückkehrst oder nicht! Nachdem du damals dort zu Besuch warst, sagtest du, dein Bruder wolle dich freikaufen, hier sei auf die Dauer kein Platz für dich und noch mehr so herzlose und treulose Dinge, mit denen du mir Angst machen wolltest. Aber jetzt möchte ich sehen, wer es wagt, dich hier wegzuholen!“ Aber mit einem kühlem Lächeln erwiderte Hsi-jën: „Red nicht so daher! Von nun an gehöre ich zur gnädigen Frau, und wenn ich fort will, brauche ich es dir nicht einmal zu sagen. Ich melde es nur der gnädigen Frau, und dann gehe ich!“ „Angenommen, ich betrage mich schlecht und du meldest es der gnädigen Frau und gehst fort, so daß alle erfahren, du gehst meinetwegen, dann ist doch das unangenehm für dich“, wandte Bau-yü lächelnd ein.
„Was heißt unangenehm?“ gab Hsi-jën lächelnd zurück. „Soll ich vielleicht auch bei einem Dieb oder Räuber bleiben? Außerdem ist da noch der Tod. Selbst wenn ein Mensch hundert Jahre alt wird, sterben muß er doch. Wenn ich meinen letzten Atem ausgehaucht habe und höre und sehe nichts mehr, ist es ja auch aus und vorbei!“
Als Bau-yü das hörte, hielt er ihr rasch den Mund zu und sagte: „Schluß, Schluß! Hör auf! Du sollst nicht davon sprechen!“ Hsi-jën wußte nur zu gut, was für einen verschrobenen Charakter Bau-yü hatte. Schmeicheleien und glückverheißende Worte mochte er nicht, weil sie ihm hohl und nichtig erschienen, aufrichtige Wahrheiten aber stimmten ihn traurig. Es tat ihr leid, ihn verletzt zu haben, und so lenkte sie ihn mit anderen Themen ab, von denen sie wußte, daß er gern davon hörte. Zuerst sprach sie von Frühlingswind und Herbstmond, dann von Puder und Schminke und schließlich davon, welch gute Geschöpfe die Mädchen seien. Als sie aber darauf zu sprechen kam, daß auch Mädchen sterben müssen, legte sie rasch die Hand auf den Mund. Bau-yü aber, den ihre Worte in beste Laune versetzt hatten, sagte, als sie so plötzlich schwieg: „Welcher Mensch müßte nicht sterben? Es kommt nur darauf an, daß er einen guten Tod hat. Jene törichten Männer kennen nur zwei Todesarten, die für Beamte ruhmvoll und tugendhaft sind – ein Zivilbeamter stirbt, um seinen Herrscher zu bessern, ein Militärbeamter stirbt in der Schlacht. Aber wäre es nicht besser, sie stürben nicht? Nur einem schlechten Herrscher muß man Vorhaltungen machen. Und wenn man das tut, nur um sich einen Namen als aufrechter Staatsdiener zu machen, und dafür mit dem Leben bezahlt, was wird dann aus dem Herrscher? Nur im Krieg kann man Schlachten schlagen. Und wenn man dabei fällt, nur um sich einen Namen als tapferer Krieger zu machen, was wird dann aus dem Land? Darum ist das nicht der rechte Tod.“ „Treue Minister und tapfere Generäle sterben nur, wenn es nicht anders geht“, warf Hsi-jën ein . „Die Tapferkeit der Generäle ist nur Rauflust“, fuhr Bau-yü fort. „Wenn sie nur spärliche Kenntnisse von der Kriegführung haben und ihr Leben verlieren, weil sie unfähig sind, heißt das wohl auch, ‚es geht nicht anders‘? Die Zivilbeamten sind sogar noch schlimmer. Sie prägen sich ein paar Sätze aus den Büchern ein, und wenn sie am Herrscher einen winzigen Fehler entdecken, schwatzen sie wild drauflos und geben unsinnige Ratschläge, nur um sich einen Namen als standhafte Männer zu machen. Wenn sie dann durch so eine Aufwallung von Dummheit ihr Leben einbüßen, heißt das wohl auch, ‚es geht nicht anders‘? Außerdem muß man wissen, daß der Herrscher sein Mandat vom Himmel erhält. Wenn er nicht heilig und gütig wäre, würden ihm Himmel und Erde so ein schwerwiegendes und kompliziertes Amt auf keinen Fall übertragen. Daran sieht man, daß es den Männern, die auf diese Weise sterben, nur um den Ruhm geht und nicht um die Pflicht. Hätte ich aber das Glück und müßte in eurer Gegenwart sterben, dann wollte ich sterben! Wenn ihr mich dann beweintet und aus euren Tränen würde ein großer Strom, der meinen Leichnam davontrüge in eine entlegene Gegend, wohin nicht einmal die Vögel gelangen. Dort löste ich mich im Wind auf und brauchte nicht als Mensch wiedergeboren zu werden, dann wäre ich glücklich gestorben.“ Als Hsi-jën plötzlich diese unsinnigen Reden hörte, gab sie rasch vor, müde zu sein, und beachtete Bau-yü nicht mehr. Da machte er endlich die Augen zu und schlief ein. Am nächsten Morgen hatte er das Thema vergessen. Des ewigen Herumschweifens überdrüssig fiel Bau-yü das Drama vom ‚Päonienpavillon‘ ein, und er las es zweimal hintereinander durch, aber das stellte ihn nicht zufrieden. Weil er gehört hatte, unter den zwölf Mädchen im Birnendufthof verstünde sich die Darstellerin weiblicher Heldenrollen Ling-guan bestens darauf, die Melodien aus dem ‚Päonienpavillon‘ zu singen, ging er durchs Seitentor hinüber, um sie zu suchen. Im Hof stieß er auf Bau-guan und Yü-guan, die ihm lächelnd einen Platz anboten. „Wo ist Ling-guan?“ erkundigte sich Bau-yü. „In ihrem Zimmer“, antworteten die beiden. Sofort ging Bau-yü hinein und fand Ling-guan allein auf einem Kissen liegend, doch bei seinem Eintritt rührte sie sich nicht von der Stelle. Bau-yü war von klein auf daran gewöhnt, mit Mädchen zusammen zu sein, und er glaubte, Ling-guan müsse so sein wie alle anderen auch. Darum trat er zu ihr, setzte sich neben sie und bat sie lächelnd, aufzustehen und ihm die Szene ‚Aufschrecken aus dem Traum‘ vorzusingen. Doch wider Erwarten erhob sich Ling-guan, als sie sah, daß Bau-yü sich hinsetzte, und rückte von ihm ab. Dann sagte sie förmlich: „Ich bin heiser. Selbst als uns seinerzeit die kaiserliche Nebenfrau rufen ließ, habe ich nicht gesungen.“ Nachdem sie sich ordentlich hingesetzt hatte, so daß Bau-yü sie genauer betrachten konnte, erkannte er in ihr das Mädchen wieder, das seinerzeit am Rosenspalier das Schriftzeichen tjiang – ‚Rose‘ – auf die Erde geschrieben hatte.
Djia Tjiang. Aus: Gai Qi 1879. Noch nie war Bau-yü von jemandem so brüskiert worden wie jetzt von ihr, darum wurde er schamrot im Gesicht und verließ den Raum. Bau-guan und die anderen verstanden nicht, was er hatte, und fragten ihn danach. Als Bau-yü es ihnen erklärt hatte und mit ihnen hinausging, sagte Bau-guan: „Wartet einen Moment, bis der junge Herr Tjiang kommt! Wenn er ihr sagt, sie soll singen, macht sie es bestimmt.“ Erstaunt fragte Bau-yü: „Wohin ist denn mein Vetter Tjiang gegangen?“ „Eben erst ist er weggegangen“, sagte Bau-guan, „bestimmt wollte Ling-guan etwas haben, und er versucht jetzt, es zu bekommen.“ Das erstaunte Bau-yü erst recht. Nachdem er ein Weilchen gewartet hatte, erschien Djia Tjiang mit einem Vogelkäfig, in dem eine winzige Bühne angebracht war, auf der ein Vogel saß. Freudestrahlend hielt er Ausschau nach Ling-guan. Als er Bau-yü erblickte, blieb er notgedrungen stehen. „Was ist das für ein Vogel?“ fragte Bau-yü. „Läuft er mit einem Fähnchen im Schnabel auf der Bühne hin und her?“ Lächelnd erwiderte Djia Tjiang: „Es ist ein ‚Goldböhnchen mit Jadeschopf‘.“ „Wieviel hast du dafür bezahlt?“ wollte Bau-yü weiter wissen. „Ein Liang acht Tjiän Silber“, gab Djia Tjiang Auskunft. Dann bat er Bau-yü, er solle Platz nehmen, er selbst aber trat zu Ling-guan ins Zimmer. Bau-yü hatte inzwischen keine Lust mehr, sich etwas vorsingen zu lassen, ihn interessierte nur noch, wie Djia Tjiang zu Ling-guan stand. Er beobachtete, wie Djia Tjiang vor sie hintrat und lächelnd zu ihr sagte: „Steh auf und sieh dir an, was ich für dich habe!“ „Was denn?“ fragte Ling-guan und erhob sich. „Ich habe dir einen Vogel gekauft, mit dem du dich amüsieren kannst“, sagte Djia Tjiang. „Dann brauchst du nicht jeden Tag so unfroh und lustlos zu sein. Komm, ich zeige dir, was er kann!“ Und er lockte den Vogel mit ein paar Körnern, so daß er auf der Bühne hin- und hertrippelte und sein Fähnchen im Schnabel balancierte. Alle anderen Mädchen hatten ihre helle Freude daran und sagten: „Das macht Spaß!“ Nur Ling-guan lachte ein paarmal verächtlich und legte sich wieder hin. „Gefällt er dir?“ fragte Djia Tjiang, immer noch lächelnd. „Ist es nicht genug, daß eure Familie uns in diesem Kerker gefangenhält und uns diese Mätzchen lernen läßt?“ fragte Ling-guan. „Mußt du jetzt auch noch einen Vogel anbringen, der genau dasselbe macht? Das hast du nur getan, um dich über uns lustig zu machen. Und dann fragst du noch, ob es mir gefällt!“ Djia Tjiang geriet sichtlich in Verwirrung. Unter Schwüren und Beteuerungen sagte er: „Was hat mir nur heute das Hirn verkleistert? Mehr als ein Liang Silber habe ich für den Vogel ausgegeben, um dir eine Freude zu bereiten. An so etwas habe ich nie gedacht. Aber Schluß! Ich lasse ihn frei, um deinem Kummer ein Ende zu machen!“ Mit diesen Worten ließ er den Vogel tatsächlich fliegen und zerschmetterte mit einem Fußtritt den Käfig. „Ein Vogel ist zwar etwas anderes als ein Mensch“, sagte Ling-guan, die nicht lockerließ, „aber er hat doch auch eine Mutter im Nest. Wie konntest du es nur übers Herz bringen, ihn anzuschaffen, damit er hier Kunststückchen macht! Heute habe ich zweimal Blut gehustet, und auf Anordnung der gnädigen Frau soll noch einmal der Arzt kommen, um mich zu untersuchen. Aber anstatt dich genau bei ihm zu erkundigen, wie es um mich steht, bringst du einen Vogel an, um dich über mich lustig zu machen. Ach, daß ich krank sein muß und niemanden habe, der sich um mich kümmert und für mich sorgt!“ Bei diesen Worten begann sie zu weinen. „Als ich gestern abend mit dem Arzt sprach, sagte er, es habe nichts zu bedeuten“, sagte Djia Tjiang rasch. „Er sagte, du solltest ein paarmal von der Medizin nehmen, und dann wollten wir weitersehen. Wer konnte ahnen, daß du heute wieder Blut spucken würdest! Sofort gehe ich ihn holen!“ Und wirklich wollte er losgehen. Aber Ling-guan hieß ihn stehenbleiben und drohte: „Wenn du bei dieser Sonnenglut im Zorn losstürzt, um ihn zu holen, werde ich ihn nicht empfangen.“ So hatte Djia Tjiang keine andere Wahl, als zu bleiben. Der Anblick dieser Szene hatte Bau-yü verblüfft. Jetzt erst wurde ihm klar, welcher tiefe Sinn darin lag, als Ling-guan das Schriftzeichen tjiang schrieb. Es hielt ihn nicht mehr an diesem Platz, darum machte er kehrt und ging hinaus. Djia Tjiang, der nur Augen für Ling-guan hatte, dachte nicht einmal daran, ihn zu begleiten, und so gingen die anderen Mädchen mit ihm bis ans Tor. Tief in Gedanken versunken, kehrte Bau-yü zum Hof der Freude am Roten zurück, wo eben Dai-yü und Hsi-jën zusammen saßen und sich unterhielten. Kaum daß Bau-yü eingetreten war, seufzte er schwer und sagte zu Hsi-jën: „Gestern abend hatte ich Unrecht! Kein Wunder, daß mein Vater mir vorwirft, ich hätte einen engen Blick! Gestern abend habe ich gesagt, euer aller Tränen würden mich davontragen. Aber das stimmt nicht. Ich kann nicht euer aller Tränen bekommen, jeder bekommt seinen Teil.“ Hsi-jën hatte ihr Gespräch vom Vorabend für Spaß gehalten und längst nicht mehr daran gedacht. Als Bau-yü jetzt wieder damit anfing, sagte sie lächelnd: „Also, du bist wirklich ein bißchen verrückt!“ Bau-yü erwiderte ihr kein Wort. Von nun an war er zutiefst davon überzeugt, daß in Leben und Liebe jedem sein Teil beschieden war, und es quälte ihn nur immer wieder, daß er nicht wußte, wer seinen Tod beweinen würde. Aber das waren seine geheimsten Gedanken, und wir wollen nicht willkürlich Vermutungen darüber anstellen. Als Dai-yü ihn so sah, erkannte sie, daß ihm etwas begegnet sein mußte, aber weil sie nicht gut danach fragen konnte, sagte sie statt dessen: „Eben war bei der Tante davon die Rede, daß morgen der Geburtstag von Tante Hsüä ist, und man hat mich gebeten, bei dir vorbeizugehen und zu fragen, ob du hingehst. Du sollst jemand hinüberschicken, um Bescheid zu sagen.“ „Letztens war ich nicht einmal auf der Geburtstagsfeier für den alten gnädigen Herrn“, sagte Bau-yü. „Wenn ich jetzt ginge, würde ich womöglich dort jemand treffen. Also gehe ich auch zu ihr nicht! Außerdem ist es mir zu heiß, um mich in vollen Staat zu werfen. Nein, ich gehe nicht! Die Tante wird mir deswegen sicher nicht böse sein.“ „Was soll das heißen?“ warf Hsi-jën rasch ein. „Du kannst sie doch nicht mit dem alten gnädigen Herrn vergleichen. Zum einen wohnt sie ganz in der Nähe, zum andern ist sie eine enge Verwandte. Wenn du nicht hingehst, wird sie sich Sorgen machen. Und wenn du Angst vor der Hitze hast, dann stehst du eben früh am Morgen auf, gehst hinüber, vollziehst deinen Stirnaufschlag und trinkst eine Schale Tee. Wird das nicht einen besseren Eindruck machen?“ Noch ehe Bau-yü etwas darauf erwidern konnte, bemerkte Dai-yü lächelnd: „Schon weil man dir die Mücken verscheucht hat, mußt du gehen!“ Bau-yü verstand nicht, was sie damit meinte, und fragte: „Wer hat mir die Mücken verscheucht?“ Da erzählte Hsi-jën, wie Bau-tschai am Vortag, als Bau-yü geschlafen hatte und niemand weiter da war, um ihm Gesellschaft zu leisten, bei ihm gesessen hatte. „Nicht doch!“ sagte Bau-yü sogleich. „Warum mußte ich sie beleidigen, indem ich geschlafen habe!“ Und er versprach, am nächsten Tag zur Geburtstagsfeier zu gehen. Als er das eben sagte, kam plötzlich Hsiang-yün ganz korrekt gekleidet herein, um sich zu verabschieden, und sagte, man habe nach ihr geschickt, um sie nach Hause zu holen. Bau-yü und Dai-yü standen rasch auf und baten Hsiang-yün, sie solle Platz nehmen, aber Hsiang-yün mochte sich nicht setzen, und so begleiteten die beiden sie hinaus. Hsiang-yün hatte Tränen in den Augen, wagte aber vor den Botinnen ihres Hauses nicht, das ganze Ausmaß ihres Kummers zu zeigen. Bald darauf kam auch Bau-tschai, und nun fiel Hsiang-yün der Abschied erst recht schwer. Bau-tschai war es, die begriff, daß es Hsiang-yün Ärger einbringen würde, wenn ihre Tante über das Gesinde davon erfuhr, und so drängte sie Hsiang-yün zu gehen. Alle zusammen brachten sie bis zum Innentor, und Bau-yü wäre auch noch weiter mitgegangen, wenn Hsiang-yün ihn nicht daran gehindert hätte. Einen Augenblick später wandte sie sich noch einmal um, rief Bau-yü zu sich und trug ihm mit leiser Stimme auf: „Wenn die alte gnädige Frau nicht an mich denken sollte, mußt du sie immer wieder daran erinnern, daß sie jemand schicken soll, der mich abholt!“ Bau-yü versprach es ein ums andere Mal und sah zu, wie sie in den Wagen stieg. Dann erst gingen alle wieder hinein. Wer wissen will, wie es weiterging, muß das nächste Kapitel lesen.